 einer
Geschichte geben will, so muss man sie allerdings der Geschichte so ähnlich
machen, dass der Unterscheid nicht zu anstößig in die Augen fällt.
    In dieser jetzigen Auflage ist etwas weniges verändert und vermehrt worden.
Ich hatte bittere Kritiken vor mir liegen, die mir Anlass hätten geben können,
mich zu bessern, wenn sie auf die wirklich fehlhaften Stellen meines kleinen
Werks gefallen wären. Auch den Druckfehlern, die man als Verbrechen mir
angeschrieben hat, werde ich schwerlich entgehen. Nur die Engelländer, die über
den Mangel an Einbildungskraft geklagt haben, verfehlen gänzlich meines Zweckes,
der auf keine Geschöpfe der Einbildung geht. Freunde der Tugend, der Freiheit,
und des Glückes der Menschen, werden vielleicht der Absicht zu lieb die Fehler
verzeihen, die andre begierig samlen.
    Bern den 9. Junii
            1777.
                                                                         Haller.
 
                                  Erstes Buch.
Zweimal hatten sich die Geschlechter der Menschen erneuert, seitdem der
kaiserliche Stamm der Iwen von dem Throne in China war verdrungen worden. Die
Enkel des vergötterten Oguz und des mächtigen Tschengis waren in ihre ehmalige
Mittelmässigkeit zurückgesunken. Sie waren zahlreich, und ein jeder Fürst lebte
mit seiner Horde von der Viehzucht und von der Jagd. Die Reichtümer von China,
die kostbaren Feierkleider, der Palankine Pracht, das Gefolg unzählbarer
Mandarine, der Glanz des Trones war verschwunden, und ein von einem reißenden
Tiere erfochtener Pelz war der Putz der Nachkommen des Besitzers der Welt.
    Einer von ihnen, ein Haupt des ältesten Zweiges des großen Kublai, der kühne
Timurtasch, spannte im Winter seine Zelten an dem westlichen Ufer des Kokonors1
auf. Seine zahlreichen Heerden bedeckten ein breites Gefilde, und seine getreuen
Untertanen lebten unter ihm in Vertraulichkeit und innerlichem Frieden. Im
Sommer zog er sich nach und nach in die Ulanischen Gebirge, wo Schatten und
Weide für seine Pferde und sein Vieh waren. Timurtasch erinnerte sich, dass er
ein Abkömmling der Iwen2 war, die durch ihre Abhängigkeit an die Bonzen
geschwächt, und durch einen Bonzenknecht, den glücklichen Hungwu, vom Throne
gestürzt worden waren: in seinem Herzen wallete ein unversöhnlicher Hass gegen
die Priester, deren Aberglauben die männlichen Tugenden der Tschengiden
erweicht, und deren Eigennutz den Fürsten zu den Wollüsten verleitet hatte.
Timurtasch konnte auch dem Geschlechte des Ming nicht verzeihen, dass die Enkel
eines verächtlichen Pfaffendieners auf dem schönsten Throne der Welt sitzen, und
alle die Vorzüge eines Sohnes des Himmels genießen sollten, die er für sein Erbe
ansah.
    So schwach die Zahl seiner Mongalen war, so übte dennoch Timurtasch begierig
die Rache aus, die er für seine Pflicht hielt. Er bekriegte gegen Westen
unaufhörlich den vergötterten Priester, der sich zu Lassa anbeten lässt: und nach
Osten streifte er in die benachbarten Provinzen von China. Die unversöhnlichen
Kriege, die er
