
    Er ließ sich belehren, dass die in China so gemeine Hungersnot ein überaus
seltenes Übel wäre, das in Venedig die wenigsten Menschen erlebten; dass die
Staatsverfassung seit etlichen Jahrhunderten nicht die geringste Erschütterung
erlitten hätte: und dass überhaupt die herrschenden königlichen Häuser in Europa
auf ihren Tronen ausstürben, und fast niemals einen Umsturz zu fürchten hätten;
da in China so vielmal ein geringer Aufrührer, ein Tschu, das kaiserliche Haus
verdrungen, und den beraubten Thron des Tschengis und des Kublai seinen im
Pöbelstande gebohrnen Söhnen überlassen hatte.
    Je mehr Usong sich überzeugte, dass in den abendländischen Sitten, Gesetzen,
und Grundsätzen ein Keim des allgemeinen Besten, ein Grund zur Ruhe und
Sicherheit, und dennoch ein Trieb war, der die Menschen zu edlen Handlungen
antrieb, je mehr bestrebte er sich, diese Vorzüge genauer zu kennen, die er den
Europäern zugestehn musste.
    Zeno erinnerte den neugierigen Usong, die despotische Herrschaft in den
Morgenländern erniedrige die Gemüter des Volkes. Wenn man den Ruhm aller edelen
Taten dem Fürsten zuschreibt; wenn auch der erhabenste Untertan durch den
Blick des Herrschers in den Staub gestürzet wird; wenn schimpfliche Bestrafungen
willkührlich über das Volk verschwendet werden: da sinkt der Trieb durch eigne
Taten sich zu erheben. Ausgeschlossen von dem Wege zum Ruhme, lernt ein Volk
sich unter das Joch beugen, und da es nichts hoffet, und alles befürchten muss,
so gewöhnt es sich, mit Schmeicheln die Mächtigen zu versöhnen, und setzt an die
Stelle der Ehre, woran es verzweifelt, den Gewinnst, den man ihm gönnet, und die
Wollust, die es erkaufet.
    In den meisten Ländern des Morgens dämpft die Härte der Regierung alle die
Triebe, die das Herz des Volkes erhöhen sollten. In China haben die ersten
Kaiser unter dem Volke die Tugend aufgesucht, um sie dem Throne zu nähern; sie
haben mit Ausschliessung ihrer Söhne, das Zepter dem Würdigsten abgetreten;
lange haben die Kaiser den Rat der Untertanen willig angenommen, ihre Fehler
erkannt, und dem treuen Diener den Ruhm gelassen, dass die bessern Taten des
Fürsten von seinen Warnungen herkämen. Aber auch in China ist die alte Einfalt
der Herrscher durch die Schmeichler verdrungen; Usong gestund es. Die
Belohnungen werden durch den Rat unwürdiger Verschnittenen ausgeteilt, der
obersten Mandarinen Unterdrückungen übersehen, und das Joch auf das Volk
erschweret. Noch gewinnen zuweilen die glänzenden Beispiele tugendhafter Kaiser,
und die siegreiche Beredsamkeit alter Weisen, das Herz eines Fürsten, und
bereden ihn, sein Vergnügen, im Glücke des Landes zu suchen. Aber das Übel ist
geschehen, das Herz des Volkes ist in den Kot getreten, und keiner edlen
Begierden mehr fähig.
    Bei den Abendländern ist die Gleichheit der Bürger viel länger beibehalten
worden, über welche die Könige nur
