 die Venetianer waren die allgemeinen Kaufleute aller abendländischen Völker.
    Usong erstaunte in der Tat, als er die hohen Türme von Venedig sich
allmählig aus den Wellen erheben sah. Er hatte in China größere Städte gesehen,
aber der bloße Gedanke, mitten ins Meer eine Hauptstadt, die Beherrscherin
ganzer Königreiche, zu bauen, war für ihn mehr als menschlich. Er fand mehr
Festigkeit in den steinernen Gebäuden, in den Tempeln mehr Pracht, reichere
Zeughäuser, und einen Gottesdienst, der mehr Anstand hatte, als der kindische
Götzendienst der Bonzen, und mehr Andacht zeigte, als die kalte Verehrung der
Voreltern.
    Nichts bestürzte aber den jungen Usong mehr, als die Staatsverfassung. Der
Begriff eines Freistaates war im despotischen China noch nicht entstanden. Man
glaubte viele Götter, aber stellte sich nur einen König als möglich vor. Dass
aber Edle mit gleicher Gewalt neben einander herrschen, und der Größte auch vom
Geringsten abhangen könnte, kam dem Usong wie eine Erscheinung aus dem Reiche
der Geister, und als eine Nachricht aus einer andern Erdkugel vor. Seine
Erstaunung vermehrte sich, da er vernahm, in den Abendländern wären ehmals alle
Völker frei gewesen, und durch ihre eigenen, von ihnen selbst gewählten
Obrigkeiten, beherrschet worden. Er konnte den Grund nicht einsehen, warum eben
in diesen Ländern eine der übrigen Welt unbekannte Art zu herrschen üblich wäre:
und begriff nicht, wie unter vielen gleichmächtigen einmütige Befehle und
Maasregeln verfasst werden konnten. Er sah zwei Völker; ein herrschendes, das das
kleinere war, und ein größeres, das gehorchte, und niemals zum herrschen
gelangte.
    So stark sein Vorurteil wider die Regierung der Edlen war: so fand er doch
in Venedig, dass sie mit dem allgemeinen Wohlsein bestehen konnte: denn das Volk
schien reich zu sein, es wohnte in bequemen Häusern, und seine Arbeit war nicht
übermäßig. Die Künste blühten wie in China, alles was zu der Menschen Nutzen und
Vergnügen dienen konnte, wurde hier verfertigt. Die Edlen schienen bei ihrer
Obermacht bescheiden zu sein, die Gesetze galten auch wider sie, und ihr Vorzug
verhinderte ihre Bestrafung nicht, wann sie schuldig waren. Er sah die
knechtische Unterwerfung nicht mehr, die in China Menschen gegen Menschen
bezeigen; die Geissel war nicht, wie dort, der Zepter der Gesetze.
    Der Fürst der Mongalen fand sehr bald, dass der Kriegsstand besser
eingerichtet war, als in dem gepriesenen Reiche der Ming: es herrschete unter
den Kriegsleuten mehr Ordnung, mehr Geschicklichkeit, mehr Kriegszucht, und er
lernte einen Trieb kennen, der den morgenländischen Kriegsleuten noch fremd war:
die Ehre. Er vernahm, dass die Europäer dm gewissesten Tod der Schande vorzögen,
und das Fliehen bei vielen Völkern für die größte der Missetaten angesehen
würde.
