
        
                              Albrecht von Haller
                                     Usong
                Eine Morgenländische Geschichte, in vier Büchern
                                       Dem
                                        
                         Durchlauchtigsten Fürsten und
                                        
                                     Herrn
                                        
                             Peter Friedrich Ludwig
                                        
                                    Herzoge
                                        
                             von Holstein Gottorp,
                                        
                              Erben von Norwegen.
 
Der größte Ruhm unsrer Zeiten ist die bessere Auferziehung junger zur Regierung
gebohrner Herren. Man bildet sie nicht mehr zu Jägern, sie sollen über Menschen
herrschen. Man zieht nicht bloß Krieger aus ihnen, auch wenn er nötig ist,
bleibt der Krieg ein Übel, und das Ziel aller Arbeiten weiser Fürsten ist der
Friede. Wenn man die Geschichte zu Rat zieht, und die christlichen Fürsten des
fünfzehnten Jahrhuntes mit den meisten jetztlebenden Fürsten vergleicht, so
freut sich ein redlicher Europäer über den Vorzug unsrer Zeilen. Das Licht
dringt täglich bei den Mächtigsten unter den Menschen durch; sie sind überzeugt,
dass ihre Glückseligkeit mit dem Wohlsein ihrer Untertanen, und dieses mit der
Tugend ihres Fürsten, unzertrennlich verbunden ist. Erlauben Sie also,
Durchlauchtigster Herr, Sie, aus dessen erlauchten Stamme alle die Beherrscher
des Nordentz entsprungen sind, dass ein Bürger einer durch Ihre Gegenwart ehemals
beehrten Republik, Ihrem erhabenen Namen die Wünsche eines Menschenfreundes
zuschreibe; denn was ist Usong anders als das Bild eines Fürsten, wie ihn ein
Menschenfreund wünschet, und wie ihn die Tugenden hoffen lassen, die wir an Euer
Durchlaucht verehret haben.
                                                                  Der Verfasser.
 
                                    Vorrede.
Die Larve ist nicht mehr nötig, mit welcher sich Usong in der ersten Auflage
bedeckt hat. Man weiß überall, und ich begehre es nicht zu verhehlen, dass ich
einige Gedanken über die vornehmsten Regierungsformen in eben so vielen
Geschichten vorzutragen mir vorgenommen gehabt habe. Die Misbräuche der
Despotischen Gewalt, und einige Räte diese fürchterliche Art der Regierung zu
mildern, schien sich die Geschichte eines Morgenländischen Fürsten am besten zu
schicken, da eben die unumschränkte Macht die einzige ist, die diese Gegenden
vom Anfange der Dinge her kennen, so dass sie ein Erbe der ältesten Zeiten, und
nicht eine neuerliche auf den Untergang der Freiheit gegründete Gewalt ist. Die
Wahl des Fürsten war freilich in meiner Willkür, ich wählte auch einen König,
der wirklich große Eigenschaften besaß, und dessen wesentliche Geschichte, eben
diejenige ist, unter welcher ich meine Gedanken vortrage. Er, und seine Art zu
regieren, waren nicht so allgemein bekannt, dass der Wohlstand mich zu sehr hätte
einschränken können, wann ich etwas mehr von ihm und von seinen Anstalten
schreibe, als die ernsthafte Geschichte mir vorsagt. Ich blieb aber dennoch bei
den morgenländischen Sitten, und selbst die Einrichtung des Staates ist entweder
nach China geschildert, oder sie ist wirklich unter den Enkeln Usongs in Persien
wahr gewesen: denn das costume zu verletzen ist eine Freiheit, die man auch dem
Racine verdacht hat, wann er sie nahm. Wann man einer Erdichtung die Würde
