 steht, das folgende Kapitel zu überschlagen.
 
                                Fünftes Kapitel
                  Natürliche Geschichte der Platonischen Liebe
Die Quelle der Liebe, sagt Zoroaster, oder hätte es doch sagen können, ist das
Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft bezaubert. Der Wunsch
diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste Grad derselben. Je
bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an dieses Bild der
Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu bewundern findet,
desto länger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten Grades der Liebe stehen.
Dasjenige was sie hiebei erfährt, kommt anfangs demjenigen außerordentlichen
Zustande ganz nahe, den man Verzückung nennt; alle andere Sinnen, alle würksamen
Kräfte der Seele scheinen stille zu stehen, und in einen einzigen Blick, worin
man keiner Zeitfolge gewahr wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist
zugewaltsam, als dass er lange dauern könnte; langsamer oder schneller macht er
der Empfindung eines unaussprechlichen Vergnügens Platz, welches die natürliche
Folge jenes ecstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns
versichert haben, keine andre Art von Vergnügen oder Wollust uns einen bessern
Begriff geben kann, als der unreine und düstere Schein einer Pechfackel von der
Klarheit des unkörperlichen Lichts, worin, nach der Meinung der Morgenländischen
Weisen, die Geister als in ihrem Elemente leben. Dieses innerliche Vergnügen
äußert sich bald durch die Veränderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers
Wesens hervorbringt; es wallt mit hüpfender Munterkeit in unsern Adern, es
schimmert aus unsern Augen, es gießt eine lächelnde Heiterkeit über unser
Gesicht, und gibt allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es
stimmt und erhöhet alle Kräfte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und
des Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die
Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein
gewöhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gottheit voll, die aus
ihm redet und würket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend, keine
Heldentat so groß, wozu er in diesem Stande der Begeisterung und unter den Augen
des geliebten Gegenstands nicht fähig wäre. Dieser Zustand dauert noch fort,
wenn er gleich von demselben entfernt wird, und das Bild desselben, das seine
ganze Seele auszufüllen scheint, ist so lebhaft, dass es einige Zeit braucht, bis
er der Abwesenheit des Urbildes gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese
Abwesenheit, so verschwindet jenes Vergnügen mit seinem ganzen bezauberten
Gefolge; man erfährt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen
Wirkungen jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor
kurzem mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich
selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als
