 noch ein
vollkommener Neuling in der Welt sei, als weder die Denkungsart noch das Betragen
dieses jungen Menschen so beschaffen war, dass ein Kenner auf günstigere Gedanken
hätte gebracht werden sollen. Leute von seiner Art können, in der Tat zehen
Jahre hinter einander in der großen Welt gelebt haben, ohne dass sie dieses
fremde und entlehnte Ansehen verlieren, welches beim ersten Blick verkündiget,
dass sie hier nicht einheimisch sind; geschweige, dass sie fähig wären, sich
jemals zu dieser edelen Freiheit von den Fesseln der gesunden Vernunft, zu dieser
weisen Gleichgültigkeit gegen alles was die schwärmerischen Seelen Empfindung
nennen, und zu dieser verzärtelten Feinheit des Geschmacks zu erheben, wodurch
die Weltleute sich auf eine so vorteilhafte Art unterscheiden. Solche Leute
können wohl Beobachtungen machen; allein da ihnen dieser Instinkt, dieses
sympatetische Gefühl mangelt, mittelst dessen jene einander so schnell und
zuverlässig ausfündig machen; oder deutlicher zu reden, da sie von allem auf
eine andre Art gerührt werden, als jene; und sich, so sehr sie sich auch
anstrengten, niemals an ihre Stelle setzen können: so bleiben sie doch immer in
einem unbekannten Lande, wo ihre Erkenntnis nur bei Mutmaßungen stehen bleibt,
und ihre Erwartung alle Augenblicke durch unbegreifliche Zufälle und unverhoffte
Veränderungen betrogen wird. Mit allen seinen Vorzügen war Agaton doch in eben
dieser Klasse, und es ist also kein Wunder, dass er, ungeachtet der tiefen
Betrachtungen die er über seine Unterredung mit dem Hippias bei sich selbst
anstellte, sehr weit entfernt war, die Gedanken zu erraten, womit dieser Sophist
izt umging, dessen Eitelkeit durch den schlechten Fortgang seines Vorhabens, und
den Eigensinn dieses seltsamen Jünglings weit mehr beleidigt war, als er sich
hatte anmerken lassen. Agaton, wenn er das wirklich wäre, was er zu sein
schien, wäre (dachte der weise Mann nicht ohne Grund) eine lebendige Widerlegung
seines Systems. Wie? sagte er zu sich selbst, (ein Umstand, der ihm selten
begegnete) ich habe mehr als vierzig Jahre in der Welt gelebt, und unter einer
unendlichen Menge von Menschen von allen Ständen und Klassen, nicht einen
einzigen angetroffen, der meine Begriffe von der menschlichen Natur nicht
bestätiget hätte, und dieser junge Mensch sollte mich noch an die Tugend glauben
lehren? Es kann nicht sein; er ist ein Phantast oder ein Heuchler. Was er auch
sein mag, ich will es ausfündig machen. - - Gut! Das ist ein vortrefflicher
Einfall! Ich will ihn auf eine Probe stellen, wo er unterliegen muss, wenn er ein
Schwärmer, und wo er die Maske ablegen wird, wenn er ein Komödiant ist. Er hat
gegen Cyane ausgehalten, dies hat ihn stolz und sicher gemacht. Aber das beweist
noch nichts. Wir wollen
