 seines
gleichen. Ein Spartaner würde sich nicht besser schicken, die Rolle eines
obersten Sklaven des Artaxerxes zu spielen, als ein Sarmater sich schickte
Polemarchus zu Athen zu sein. Der Weise hingegen ist der allgemeine Mensch, der
Mensch, dem alle Farben, alle Umstände, alle Verfassungen und Stellungen
anstehen, und er ist es eben darum, weil er keine besondere Vorurteile und
Leidenschaften hat, weil er nichts als ein Mensch ist. Er gefällt allenthalben,
weil er, wohin er kommt, sich die Vorurteile und Torheiten gefallen lässt, die er
antrifft. Wie sollte er nicht geliebt werden, er, der immer bereit ist sich für
die Vorteile andrer zu beeifern, ihre Begriffe zu billigen, ihren Leidenschaften
zu schmeicheln? Er weiß, dass die Menschen von nichts überzeugter sind, als von
ihren Irrtümern, und nichts zärtlicher lieben als ihre Fehler; und dass es kein
gewisseres Mittel gibt sich ihren Abscheu zuzuziehen, als wenn man ihnen eine
Wahrheit entdeckt, die sie nicht wissen wollen. Weit entfernt also, ihnen die
Augen wider ihren Willen zu eröffnen, oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, der
ihnen ihre Hässlichkeit vorrückte, bestärkt er den Toren in dem Gedanken, dass
nichts abgeschmackter sei als Verstand haben, den Verschwender in dem Wahn, dass
er großmütig, den Knicker in den Gedanken, dass er ein guter Haushalter, die
Hässlichkeit in der süßen Einbildung, dass sie desto geistreicher, und den Reichen
in der Überredung, dass er ein Staatsmann, ein Gelehrter, ein Held, ein Gönner
der Musen und ein Liebling der Damen sei. Er bewundert das System des
Philosophen, die einbildische Unwissenheit des Hofmanns, und die großen Taten
des Generals; er gestehet dem Tanzmeister ohne Widerrede zu, dass Cimon der
größte Mann in Griechenland gewesen wäre, wenn er die Füße besser zu setzen
gewusst hätte; und dem Maler, dass man mehr Genie braucht, ein Zeuxes als ein
Homer zu sein. Diese Art mit den Menschen umzugehen, ist von unendlich grösserm
Vorteil, als man beim ersten Anblick denken möchte. Sie erwirbt ihm ihre Liebe,
ihr Zutrauen, und eine desto größere Meinung von seinem Verdienste, je größer
diejenige ist, die er von den ihrigen zu haben scheint. Sie ist das gewisseste
Mittel, zu den höchsten Stufen des Glücks empor zu steigen. Meinest du, dass es
allein die größten Talente die vorzüglichsten Verdienste seien, die einen
Archonten, einen Heerführer, einen Satrapen, oder den Günstling eines Fürsten
machen? Sich dich in den Republiken um; du wirst finden, dass dieser sein Ansehen
der lächelnden Mine zu danken hat, womit er die Bürger grüßt; ein andrer der
emphatischen Peripherie seines Wanstes; ein dritter der Schönheit seiner
Gemahlin, und ein vierter
