 allein was
bei diesem Volk durch das Gesetz befohlen wird, wird bei einem andern durch das
Gesetz verboten. Die Frage ist also: Gibt es nicht ein allgemeines Gesetz,
welches bestimmt, was an sich selbst Recht ist? Ich antworte ja, und dieses
allgemeine Gesetz kann kein andres sein, als die Stimme der Natur, die zu einem
jeden spricht: Suche dein Bestes; oder mit andern Worten: Befriedige deine
natürliche Begierden, und genieße so viel Vergnügen als du kannst. Dieses ist
das einzige Gesetz, das die Natur dem Menschen gegeben hat; und so lang er sich
im Stande der Natur befindet, ist das Recht, das er an alles hat, was seine
Begierden verlangen, oder was ihm gut ist, durch nichts anders als das Maß
seiner Stärke eingeschränkt; er darf alles, was er kann, und ist keinem andern
nichts schuldig. Allein der Stand der Gesellschaft, welcher eine Anzahl von
Menschen zu ihrem gemeinschaftlichen Besten vereiniget, setzt zu jenem einzigen
Gesetz der Natur, suche dein eigenes Bestes, die Einschränkung, ohne einem andern
zu schaden. Wie also im Stande der Natur einem jeden Menschen alles recht ist,
was ihm nützlich ist; so erklärt im Stande der Gesellschaft das Gesetz alles für
unrecht und strafwürdig, was der Gesellschaft schädlich ist, und verbindet
hingegen die Vorstellung eines Vorzugs und belohnungswürdigen Verdienstes mit
allen Handlungen, wodurch der Nutzen oder das Vergnügen der Gesellschaft
befördert wird. Die Begriffe von Tugend und Laster gründen sich also eines Teils
auf den Vertrag den eine gewisse Gesellschaft unter sich gemacht hat, und in so
ferne sind sie willkürlich; andern Teils auf dasjenige, was einem jeden Volke
nützlich oder schädlich ist; und daher kommt es, dass ein so großer Widerspruch
unter den Gesetzen verschiedner Nationen herrschet. Das Klima, die Lage, die
Regierungsform, die Religion, das eigne Temperament und der National-Charakter
eines jeden Volks, seine Lebensart, seine Stärke oder Schwäche, seine Armut oder
sein Reichtum, bestimmen seine Begriffe von dem, was ihm gut oder schädlich ist;
daher diese unendliche Verschiedenheit des Rechts oder Unrechts unter den
policiertesten Nationen; daher der Kontrast der Moral der glühenden Zonen mit
der Moral der kalten Länder, der Moral der freien Staaten mit der Moral der
despotischen Reiche; der Moral einer armen Republik, welche nur durch den
kriegerischen Geist gewinnen kann, mit der Moral einer reichen, die ihren
Wohlstand dem Geist der Handelschaft und dem Frieden zu danken hat; daher
endlich die Albernheit der Moralisten, welche sich den Kopf zerbrechen, um zu
bestimmen, was für alle Nationen recht sei, ehe sie die Auflösung der Aufgabe
gefunden haben, wie man machen könne, dass dasselbe für alle Nationen gleich
nützlich sei.
    Die Sophisten
