 Sophisten diesen
Zweck erreichen. Die Grammatici bemühen sich, junge Leute zu Rednern zu bilden;
die Sophisten tun mehr, sie lehren sie Überreder zu werden, wenn mir dieses Wort
erlaubt ist. Hierin allein besteht das Erhabne einer Kunst, die vielleicht noch
niemand in dem Grade besessen hat, wie Alcibiades, der in unsern Zeiten so viel
Aufsehens gemacht hat. Der Weise bedient sich dieser Überredungs-Gabe nur als
eines Werkzeugs zu höheren Absichten. Alcibiades überlässt es einem Antiphon sich
mit Ausfeilung einer künstlichgesetzten Rede zu bemühen; er überredet indessen
seine Landsleute, dass ein so liebenswürdiger Mann wie Alcibades das Recht habe
zu tun, was ihm einfalle; er überredet die Spartaner zu vergessen, dass er ihr
Feind gewesen, und dass er es beider ersten Gelegenheit wieder sein wird; er
überredet die Königin Timea, dass sie ihn bei sich schlafen lasse, und die
Satrapen des großen Königs, dass er ihnen die Atenienser zu eben der Zeit
verraten wolle, da er die Atenienser überredet, dass sie ihm Unrecht tun, ihn
für einen Verräter zu halten. Diese Überredungskraft setzt die Geschicklichkeit
voraus, jede Gestalt anzunehmen, wodurch wir demjenigen gefällig werden können,
auf den wir Absichten haben; die Geschicklichkeit, sich der verborgensten
Zugänge seines Herzens zu versichern, seine Leidenschaften, je nachdem wir es
nötig finden, zu erregen, zu liebkosen, eine durch die andre zu verstärken, oder
zu schwächen, oder gar zu unterdrücken, sie erfodert eine Gefälligkeit, die von
den Sittenlehrern Schmeichelei genennt wird, aber diesen Namen nur alsdann
verdient, wenn sie von den Gnatonen die um die Tafeln der Reichen sumsen,
nachgeäfft wird, -eine Gefälligkeit, die aus einer tiefen Kenntnis der Menschen
entspringt, und das Gegenteil von der lächerlichen Sprödigkeit gewisser
Phantasten ist, die den Menschen übel nehmen, dass sie anders sind, als wie diese
ungebetenen Gesetzgeber es haben wollen; kurz, diejenige Gefälligkeit ohne
welche es vielleicht möglich ist, die Hochachtung, aber niemals die Liebe der
Menschen zu erlangen; weil wir nur diejenigen lieben können, die uns ähnlich
sind, die unsern Geschmack haben oder zu haben scheinen, und so eifrig sind,
unser Vergnügen zu befördern, dass sie hierin die Aspasia von Milet zum Muster
nehmen, welche sich bis ans Ende in der Gunst des Perikles erhielt, indem sie in
demjenigen Alter, worin man die Seele der Damen zu lieben pflegt, sich in die
Grenzen der Platonischen Liebe zurückzog, und die Rolle des. Körpers durch andre
spielen ließ. Ich lese in deinen Augen, Kallias, was du gegen diese Künste
einzuwenden hast, die sich so übel mit den Vorurteilen vertragen, die du gewohnt
bist für Grundsätze zu halten. Es ist wahr, die Kunst zu leben,
