 ihr gibt, niemals irgendwo
vorhanden war; wer sieht nicht dass die Lebensart des goldnen Alters der
Dichter, zu derjenigen welche durch die Künste mit allem bereichert und
ausgeziert worden, was der Witz zu erfinden fähig ist, um uns in den Armen einer
ununterbrochnen Wollust, vor dem Überdruss der Sättigung zu bewahren; dass, sage
ich, jene dichtrische Lebensart zu dieser sich eben so verhält, wie die
Lebensart des wildesten Sogdianers zu jener? Wenn es angenehmer ist in einer
bequemen Hütte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch angenehmer in
einem geräumigen Hause zu wohnen, das mit den ausgesuchtesten und wollüstigsten
Bequemlichkeiten versehen, und, wohin man die Augen wendet, mit Bildern des
Vergnügens ausgeziert ist; und wenn eine mit Bändern und Blumen geschmückte
Phyllis reizender ist als eine schmutzige und zottichte Wilde, muss nicht eine
von unsern Schönen, deren natürliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und
schimmernden Putz erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine
Phyllis?
 
                                Drittes Kapitel
                  Die Geisterlehre eines echten Materialisten
Wir haben die Natur gefragt, Kallias, worin die Glückseligkeit bestehe, die sie
uns zugedacht habe, und wir haben ihre Antwort. Ein schmerzenfreies Leben, die
angenehmste Befriedigung unsrer natürlichen Bedürfnisse, und der abwechslende
Genuss aller Arten von Vergnügen, womit die Einbildungskraft, der Witz und die
Künste unsern Sinnen zu schmeicheln fähig sind. - Dieses ist alles was der
Mensch Lodern kann, und wenn es eine erhabnere Art von Glückseligkeit gibt, so
können wir wenigstens gewiss sein, dass sie nicht für uns gehört, da wir nicht
einmal fähig sind, uns eine Vorstellung davon zu machen. Es ist wahr, der
entusiastische Teil unter den Verehrern der Götter schmeichelt sich mit einer
zukünftigen Glückseligkeit, zu welcher die Seele nach der Zerstörung des Körpers
erst gelangen soll. Die Seele, sagen sie, war ehmals eine Freundin und Gespielin
der Götter, sie war unsterblich wie sie, und begleitete (wie Plato homerisiert)
den geflügelten Wagen Jupiters, um mit den übrigen Unsterblichen die
unvergängliche Schönheiten zu beschauen, womit die unermesslichen Räume über den
Sphären erfüllt sind. Ein Krieg, der unter den Bewohnern der unsichtbaren Welt
entstand, verwickelte sie in den Fall der Besiegten; sie ward vom Himmel
gestürzt, und in den Kerker eines tierischen Leibes eingeschlossen, um durch den
Verlust ihrer ehmaligen Wonne, in einem Zustand, der eine Kette von Plagen und
Schmerzen ist, ihre Schuld auszutilgen. Das unendliche Verlangen, der nie
gestillte Durst nach einer Glückseligkeit, die sie in keinem irdischen Gut
findet, ist das einzige, das ihr zu ihrer Qual von ihrem vormaligen Zustand
übrig geblieben ist; und es ist unmöglich, dass sie diese vollkommne Seligkeit,
wodurch sie allein befriediget werden kann, wieder erlange
