 Absicht seines würklichen
Gegenstands in der Natur, kaum so viel ist als ein Schatten gegen den Körper der
ihn zu werfen scheint. Es ist wahr, es gibt abgezogene Begriffe, die für gewisse
entusiastische Seelen entzückend sind; aber warum sind sie es? In der Tat bloß
darum, weil ihre Einbildungskraft sie auf eine schlaue Art zu verkörpern weiß.
Untersuche alle angenehmen Ideen von dieser Art, so unkörperlich und geistig sie
scheinen mögen, und du wirst finden, dass das Vergnügen, so sie deiner Seele
machen, von den sinnlichen Vorstellungen entsteht, womit sie begleitet sind.
Bemühe dich so sehr als du willst, dir Götter ohne Gestalt, ohne Glanz, ohne
etwas das die Sinnen rührt, vorzustellen; es wird dir unmöglich sein. Der
Jupiter des Homer und Phidias, die Idee eines Hercules oder Teseus, wie unsre
Einbildungskraft sich diese Helden vorzustellen pflegt, die Ideen eines
überirdischen Glanzes, einer mehr als menschlichen Schönheit, eines ambrosischen
Geruchs, werden sich unvermerkt an die Stelle derjenigen setzen, die du dich
vergeblich zu machen bestrebtest; und du wirst noch immer an dem irdischen Boden
kleben, wenn du schon in den empyreischen Gegenden zu schweben glaubst. Sind die
Vergnügen des Herzens weniger sinnlich? Sie sind die Allersinnlichsten. Ein
gewisser Grad derselben verbreitet eine wollüstige Wärme durch unser ganzes
Wesen, belebt den Umlauf des Blutes, ermuntert das Spiel der Fibern, und setzt
unsre ganze Maschine in einen Zustand von Behaglichkeit, der sich der Seele um
so mehr mitteilet, als ihre eigne natürliche Verrichtungen auf eine angenehme
Art dadurch erleichtert werden. Die Bewunderung, die Liebe, das Verlangen, die
Hoffnung, das Mitleiden, jeder zärtliche Affect bringt diese Wirkung in einigem
Grad hervor, und ist desto angenehmer, je mehr er sich derjenigen Wollust
nähert, die unsre Alten würdig gefunden haben, in der Gestalt der
personificierten Schönheit, aus deren Genuss sie entspringt, unter die Götter
gesetzt zu werden. Derjenige, den sein Freund niemals in Entzückungen gesetzt
hat, die den Entzückungen der Liebe ähnlich sind, ist nicht berechtiget von den
Vergnügen der Freundschaft zu reden. Was ist das Mitleiden, welches uns zur
Guttätigkeit treibt? Wer anders ist desselben fähig als diese empfindlichen
Seelen, deren Auge durch den Anblick, deren Ohr durch den ächzenden Ton des
Schmerzens und Elends gequälet wird, und die in dem Augenblick, da sie die Not
eines Unglücklichen erleichtern, beinahe dasselbige Vergnügen fühlen, welches
sie in eben diesem Augenblick an seiner Stelle gefühlt hätten? Wenn das
Mitleiden nicht ein wollüstiges Gefühl ist, warum rührt uns nichts so sehr als
die leidende Schönheit? Warum lockt die klagende Phädra in der Nachahmung
zärtliche Tränen aus unsern Augen, da die winselnde Hässlichkeit in der Natur
nichts als Ekel erweckt?
