 seines Lebens und seiner Gattung auffordert, oder es vor demjenigen
warnet, was seinem Wesen die Zerstörung dräuet. Sollte der Mensch allein von
dieser mütterlichen Vorsorge ausgenommen sein, oder er allein irren können, wenn
er der Stimme folgt, die zu allen Wesen redet? Oder ist nicht vielmehr die
Unachtsamkeit und der Ungehorsam gegen ihre Erinnerungen die einzige wahre
Ursache, warum unter einer unendlichen Menge von lebenden Wesen der Mensch das
einzige Unglückselige ist?
    Die Natur hat allen ihren Werken eine gewisse Einfalt eingedrückt, die ihre
mühsamen Anstalten und eine genaue Regelmäßigkeit unter einem Schein von
Leichtigkeit und ungezwungner Anmut verbirgt. Mit diesem Stempel sind auch die
Gesetze der Glückseligkeit bezeichnet, die sie dem Menschen vorgeschrieben hat.
Sie sind einfältig, leicht auszuüben, und führen gerade und sicher zum Zweck.
Die Kunst glücklich zu leben, würde die gemeinste unter allen Künsten sein, wie
sie die leichteste ist, wenn die Menschen nicht gewohnt wären sich einzubilden,
dass man große Absichten nicht anders, als durch große Anstalten erreichen könne.
Es scheint ihnen zu einfältig, dass alles was ihnen die Natur durch den Mund der
Weisheit zu sagen hat, in diese drei Erinnerungen zusammen fließen soll:
Befriedige deine Bedürfnisse, vergnüge alle deine Sinnen, und erspare dir so
viel du kannst alle schmerzhaften Empfindungen. Und doch wird dich eine kleine
Aufmerksamkeit überführen, dass die vollständigste Glückseligkeit deren die
Sterblichen fähig sind, in die Linie eingeschlossen ist, die von diesen dreien
Formuln bezeichnet wird.
    Es hat Narren gegeben, welche die Frage mühsam untersucht haben, ob das
Vergnügen ein Gut, und der Schmerz ein Übel sei? Es hat noch größere Narren
gegeben, welche wirklich behaupteten, der Schmerz sei kein Übel, und das
Vergnügen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben Toren gefunden,
die albern genug waren, diese Narren für weise zu halten. Das Vergnügen ist kein
Gut, sagen sie, weil es Fälle gibt wo der Schmerz ein größeres Gut ist; und der
Schmerz ist kein Übel, weil er zuweilen besser ist als das Vergnügen. Sind diese
Wortspiele einer Antwort wert? Was würd' ein Zustand sein, der in einem
vollständigen unaufhörlichen Gefühl des höchsten Grades aller möglichen
Schmerzen bestünde? Wenn dieser Zustand das höchste Übel ist, so ist der Schmerz
ein Übel. Doch wir wollen die Schwätzer mit Worten spielen lassen, die ihnen
bedeuten müssen was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine
sein kann, auf eine Art, die keinen Zweifel übrig lässt. Wer ist, der nicht
lieber vernichtet als unaufhörlich gepeiniget werden wollte? Wer sieht nicht
einen schönen Gegenstand lieber, als einen ekelhaften? Wer hört nicht lieber den
Gesang einer Grasmücke, als das Geheul der Nachteule?
