
den Sieg zu erhalten; allein die Stärke ihres Gegners ermüdete endlich ihre
Hoffnung, und sie behielt kaum noch so viel Gewalt über sich selbst, den Verdruss
zu verbergen, den sie über diese Demütigung ihrer Eitelkeit empfand. Hippias,
der sich eine zeitlang stillschweigend mit diesem Spiel belustigte, urteilte bei
sich selbst, dass es nicht leicht sein werde, den Verstand eines Menschen zu
fangen, dessen Herz selbst auf der schwächsten Seite, so wohl befestiget schien.
Allein diese Anmerkung bekräftigte ihn nur in seinen Gedanken von der Methode,
die er bei seinem neuen Schüler gebrauchen müsse; und da er selbst von seinem
System besser überzeugt war, als irgend ein Bonze von der Kraft der Amulete, die
er seinen dankbaren Gläubigen austeilt, so zweifelte er nicht, dass Agaton durch
einen freimütigen Vortrag besser zu gewinnen sein würde, als durch die
rednerischen Kunstgriffe, deren er sich bei schwächern Seelen mit gutem Erfolg
zu bedienen pflegte. Sobald also das Frühstück genommen, und die beschämte Cyane
abgetreten war, fing er nach einem kleinen Vorbereitungs-Gespräch, den
merkwürdigen Discurs an, durch dessen vollständige Mitteilung wir desto mehr
Dank zu verdienen hoffen, da wir von Kennern versichert worden, dass der geheime
Verstand desselben den buchstäblichen an Wichtigkeit noch weit übertreffe, und
der wahre und unfehlbare Prozess, den Stein der Weisen zu finden, darin verborgen
liege.
 
                                  Drittes Buch
                                 Erstes Kapitel
                Vorbereitung zu einem sehr interessanten Discurs
Wenn wir auf das Tun und Lassen der Menschen acht geben, mein lieber Kallias, so
scheint zwar, dass alle ihre Sorgen und Bemühungen kein andres Ziel haben als
sich glücklich zu machen; allein die Seltenheit dererjenigen die es wirklich
sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset zugleich, dass die meisten nicht
wissen, durch was für Mittel sie sich glücklich machen sollen, wenn sie es nicht
sind; oder wie sie sich ihres guten Glückes bedienen sollen, um in denjenigen
Zustand zu kommen den man Glückseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im
Schoße des. Ansehens, des Glücks und der Wollust, als solche die in einem
Zustande von Mangel, Dienstbarkeit und Unterdrückung elend sind. Einige haben
sich aus diesem letztem Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, dass sie nur
darum unglückselig seien, weil es ihnen am Besitz der Güter des Glücks fehle.
Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, dass wenn es eine Kunst gibt, die Mittel
zur Glückseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere, zum wenigsten
eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen. Es ist daher allezeit
die Beschäftigung der Verständigsten unter den Menschen gewesen, durch
Verbindung dieser beiden Künste diejenige heraus zu bringen, die man die Kunst
glücklich zu leben nennen kann, und in deren würklichen Ausübung, nach
