 immer auf seine Einbildung und
auf seine Leidenschaften würken mochte, sie hätte ausreuten können. Die Tugend
hatte bei ihm keinen anderen Sachwalter nötig als sein eigenes Herz. In eben dem
Augenblick, da eine nur allzugegründete Misantropie ihm die Menschen in einem
verächtlichen Lichte, und vielleicht wie gewisse Spiegel, um ein gutes Teil
hässlicher zeigte, als sie wirklich sind, fühlte er mit der vollkommensten
Gewissheit, dass er, um die Krone des Monarchen von Persien selbst, weder Hippias
noch Philistus sein wollte; und dass er, sobald er sich wieder in die nämliche
Umstände gesetzt sähe, eben so handeln würde, wie er gehandelt hatte, ohne sich
durch irgend eine Folge davon erschrecken zu lassen. Hingegen konnte es nicht
wohl anders sein, als dass diese Betrachtungen, denen er sich seit seinem Fall,
und sonderheitlich während seiner Gefangenschaft, fast gänzlich überließ, den
Überrest des moralischen Enthusiasmus, von dem wir ihn bei seiner Flucht aus
Smyrna erhitzt gesehen haben, vollends verzehren mussten. Der Gedanke für das
Glück der Menschen, für das allgemeine Beste der ganzen Gattung zu arbeiten,
verliert seinen mächtigen Reiz, sobald wir klein von dieser Gattung denken. Die
Größe dieses Vorhabens ist es eigentlich, was den Reiz derselben ausmacht - -
und diese schrumpft natürlicher Weise sehr zusammen, sobald wir uns die Menschen
als eine Herde von Kreaturen vorstellen, deren grössester Teil seine ganze
Glückseligkeit, den letzten Endzweck aller seiner Bemühungen auf seine
körperliche Bedürfnisse einschränkt, und dabei dumm genug ist, durch eine
niederträchtige Unterwürfigkeit unter eine kleine Anzahl der schlimmsten seiner
Gattung, sich fast immer in den Fall zu setzen, auch dieser bloß tierischen
Glückseligkeit nur selten oder auf kurze Zeit, bittweise oder verstohlner Weise
habhaft zu werden. Jedes Tier sucht seine Nahrung - - gräbt sich eine Höhle,
oder baut sich ein Nest - - begattet sich - - schläft - - und stirbt. Was tut
der grösseste Teil der Menschen mehr? Das beträchtlichste Geschäfte, das sie von
den übrigen Tieren voraus haben, ist die Sorge sich bekleiden, welche die
hauptsächlichste Beschäftigung vieler Millionen ausmacht. Und ich sollte, (sagte
Agaton in einer von seinen schlimmsten Launen zu sich selbst) ich sollte meine
Ruhe, meine Vergnügungen, meine Kräfte, mein Dasein der Sorge aufopfern, damit
irgend eine besondere Herde dieser edelen Kreaturen besser esse, schöner wohne,
sich häufiger begatte, sich besser kleide, und weicher schlafe als sie zuvor
taten, oder als andere ihrer Gattung tun? - - Ist das nicht alles was sie
wünschen? Und gebrauchen sie mich dazu? Was sollte mich bewegen, mir diese
Verdienste um sie zu machen? Ist vielleicht nur ein einziger unter ihnen, der
bei allem was er unternimmt, eine edlere Absicht hat, als
