 alles
    beseelenden Geistes auf meine Seele; sie erheitert, sie beruhiget, sie
    ermuntert mich; sie zerstreut meinen Unmut, sie belebt meine Hoffnung; sie
    macht, dass ich in einem Zustande nicht unglücklich bin, der mir ohne sie
    unerträglich wäre.
HIPPIAS. Ich bin also glücklicher als du, weil ich alles dieses nicht nötig
    habe. Erfahrung und Nachdenken haben mich von Vorurteilen frei gemacht; ich
    genieße alles was ich wünsche, und wünsche nichts, dessen Genuss nicht in
    meiner Gewalt ist. Ich weiß also wenig von Unmut und Sorgen. Ich hoffe
    wenig, weil ich mit dem Genuss des Gegenwärtigen zu frieden bin. Ich genieße
    mit Mäßigung, damit ich desto länger genießen könne, und wenn ich einen
    Schmerz fühle, so leide ich mit Geduld, weil dieses das beste Mittel ist,
    seine Dauer abzukürzen.
AGATHON. Und worauf gründest du deine Tugend? Womit nährest und belebest du sie?
    Womit überwindest du die Hinternisse, die sie aufhalten; die Versuchungen,
    die von ihr ablocken, das ansteckende der Beispiele, die Unordnung der
    Begierden, und die Trägheit, welche die Seele so oft erfährt, wenn sie sich
    erheben will?
HIPPIAS. O Jüngling, lange genug hab ich deinen Ausschweifungen zugehört. In was
    für ein Gewebe von Hirngespinsten hat dich die Lebhaftigkeit deiner
    Einbildungskraft verwickelt? Deine Seele schwebt in einer beständigen
    Bezauberung, in einer Abwechselung von quälenden und entzückenden Träumen,
    und die wahre Beschaffenheit der Dinge bleibt dir so verborgen, als die
    sichtbare Gestalt der Welt einem Blindgebornen. Ich bedaure dich, Kallias.
    Deine Gestalt, deine Gaben berechtigen dich nach allem zu trachten, was das
    menschliche Leben glückliches hat; deine Denkungsart allein wird dich
    unglücklich machen. Angewöhnt lauter idealische Wesen um dich her zu sehen,
    wirst du die Kunst niemals lernen, von den Menschen Vorteil zu ziehen. Du
    wirst in einer Welt, die dich so wenig kennen wird als du sie, wie ein
    Einwohner des Monds herum irren, und nirgends am rechten Platze sein, als in
    einer Einöde oder im Fasse des Diogenes. Was soll man mit einem Menschen
    anfangen, der Geister sieht? Der von der Tugend fodert, dass sie mit aller
    Welt und mit sich selbst in beständigem Kriege leben soll? Mit einem
    Menschen, der sich in den Mondschein hinsetzt, und Betrachtungen über das
    Glück der entkörperten Geister anstellt? Glaube mir, Kallias, (ich kenne die
    Welt und sehe keine Geister) deine Philosophie mag vielleicht gut genug sein
    eine Gesellschaft müßiger Köpfe statt eines andern Spiels zu belustigen;
    aber es ist eine Torheit sie ausüben zu wollen. Doch du bist jung; die
    Einsamkeit deiner ersten Jugend und die morgenländischen Schwärmereien, die
    etliche griechische Müßiggänger von den Egyptern und Chaldäern nach Hause
    gebracht
