
HIPPIAS lächelt.
AGATHON. Dieses brachte mich hernach auf die Gedanken, wie glücklich der Zustand
    der Geister sei, die den groben tierischen Leib abgelegt haben, und im
    Anschauen des wesentlichen Schönen, des Unvergänglichen, Ewigen und
    Göttlichen, Jahrtausende durchleben, die ihnen nicht länger scheinen als mir
    dieser Augenblick; und in den Betrachtungen, denen ich hierüber nachhing,
    bin ich von dir überraschet worden.
HIPPIAS. Du schliefst doch nicht, Kallias; du hast wie ich sehe, mehr Talente
    als du nötig hast; du kannst auch wachend träumen?
AGATHON. Es gibt vielerlei Arten von Träumen, und bei einigen Menschen scheint
    ihr ganzes Leben Traum zu sein; wenn dieses Träume sind, so sind sie
    wenigstens angenehmer als alles, was ich in dieser Zeit wachend hätte
    erfahren können.
HIPPIAS. Du gedenkest also vielleicht einer von diesen Geistern zu werden, die
    du so glücklich preisest?
AGATHON. Ich hoff' es zu werden, und würde ohne diese Hoffnung mein Dasein für
    kein Gut achten.
HIPPIAS. Besitzest du etwan ein Geheimnis, körperliche Wesen in geistige zu
    erhöhen, einen Zaubertrank von der Art derjenigen, womit die Medeen und
    Circen der Dichter so wunderbare Verwandlungen zuwege bringen?
AGATHON. Ich verstehe dich nicht, Hippias.
HIPPIAS. So will ich deutlicher sein. Wenn ich anders dich verstanden habe, so
    hältst du dich für einen Geist, der in einen tierischen Leib eingekerkert
    ist?
AGATHON. Wofür sollt ich mich sonst halten?
HIPPIAS. Sind die vierfüssigen Tiere, die Vögel, die Fische, die Gewürme, auch
    Geister, die in einen tierischen Leib eingeschlossen sind?
AGATHON. Vielleicht.
HIPPIAS. Und die Pflanzen?
AGATHON. Vielleicht auch diese.
HIPPIAS. Du bauest also deine Hoffnung auf ein Vielleicht. Wenn die Tiere
    vielleicht auch nicht Geister sind, so bist du vielleicht eben so wenig
    einer; denn das ist einmal gewiss, dass du ein Tier bist. Du entstehest wie
    die Tiere, wächsest wie sie, hast ihre Bedürfnisse, ihre Sinnen, ihre
    Leidenschaften, wirst erhalten wie sie, vermehrest dich wie sie, stirbst wie
    sie, und wirst wie sie wieder zu einem bisschen Wasser und Erde, wie du
    vorher gewesen warst. Wenn du einen Vorzug vor ihnen hast, so ist es eine
    schönere Gestalt, ein paar Hände, mit denen du mehr ausrichten kannst als
    ein Tier mit seinen Pfoten, eine Bildung gewisser Gliedmaßen, die dich der
    Rede fähig macht, und ein lebhafterer Witz, der von einer schwächern und
    reizbarem Beschaffenheit deiner Fibern herkommt; und der doch alle Künste,
    womit wir uns so groß zu machen pflegen, den Tieren abgelernt hat.
AGATHON. Wir haben also sehr verschiedene Begriffe von der menschlichen Natur,
    du und
