 wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich
selbst, unserm Helden nicht vergeben können, dass er ein Vaterland nicht liebte,
welches alles mögliche getan hatte, sich ihm verhasst zu machen: So müssen wir
zwar die Strenge ihrer Sittenlehre bewundern; aber - - doch gestehen, dass wir
Sie noch mehr bewundern würden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt hätten etwas
weniger Parteilichkeit für sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen
andre sich empfohlen sein lassen wollten.
    Überhaupt hat man Ursache zu glauben, dass Agaton gesprochen habe wie er
dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum
sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, während dass er
das Herz des Tyrannen in seinen Händen hatte, bewies, dass er keine Absichten
hegete, welche ihn genötigt hätten, ihm gegen seine Überzeugung zu schmeicheln.
Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem Augenblick, da er den
Fuß in Dionysens Palast setzte, tat; sollte er vielleicht keine gehabt haben?
Was können wir, nach der äußersten Schärfe, mehr fodern, als dass seine Absichten
edel und tugendhaft sein sollen; und so waren sie, wie wir bereits gesehen
haben. Es scheint also nicht, dass man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit
einen Vorwurf zu machen, womit er, in der neuen und schlüpfrigen Situation,
worin er war, alle seine Handlungen einrichten musste, wenn sie Mittel zu seinen
Absichten werden sollten. Wir geben zu, dass eine Art von Zurückhaltung und
Feinheit daraus hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Charakter zu
sein scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch nicht
ausgemacht, ob diese Unveränderlichkeit der Denkungs-Art und Verhaltungs-Regeln,
worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun, eine so große Tugend ist,
als sie sich vielleicht einbilden. Die Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr
gerne, dass wir so wie wir sind, am besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu
schmeicheln. Es ist unmöglich, dass indem alles um uns her sich verändert, wir
allein unveränderlich sein sollten; und wenn es auch nicht unmöglich wäre, so
wär' es unschicklich. Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstände, andre
Bestimmungen und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir
freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben - - und darum zu
loben sind - - denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten Jahre
Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit besitzen, den
die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen ihrer selbst kaum im
sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir es anders. Desto
