 zu erwarten, als Verachtung
aller göttlichen und menschlichen Gesetze, Missbrauch der Formalitäten der
Gerechtigkeit, Gewaltsamkeiten, schlimme Haushaltung, Erpressungen,
Geringschätzung und Unterdrückung der Tugend, allgemeine Verdorbenheit der
Sitten? - - Und was für eine Staatskunst wird da Platz haben, wo Leidenschaften,
Launen, vorüberfahrende Anstösse von lächerrlichem Ehrgeiz, die kindische Begierde
von sich reden zu machen, die Konvenienz eines Günstlings oder die Intriguen
einer Buhlerin - - die Triebfedern der Staats-Angelegenheiten, der Verbindung
und Trennung mit auswärtigen Mächten, und des öffentlichen Betragens sind? Wo,
ohne die wahren Vorteile des Staats, oder seine Kräfte zu können, ohne Plan,
ohne kluge Abwägung und Verbindung der Mittel - - doch, wir geraten unvermerkt
in den Ton der Declamation, welcher uns bei einem längst erschöpften und doch so
alltäglichen Stoffe nicht zu vergeben wäre. Möchte niemand, der dieses liest,
aus der Erfahrung seines eignen Vaterlands wissen, wie einem Volke mitgespielt
wird, welches das Unglück hat, der Willkür eines Dionysius preis gegeben zu
sein!
    Man wird sich nach allem, was wir eben gesagt haben, den Dionysius als einen
der schlimmsten Tyrannen, womit der Himmel jemals eine mit geheimen Verbrechen
belastete Nation gegeisselt habe, vorstellen; und so schildern ihn auch die
Geschichtschreiber. Allein ein Mensch der aus lauter schlimmen Eigenschaften
zusammengesetzt wäre, ist ein Ungeheuer, das nicht existieren kann. Eben dieser
Dionysius würde Fähigkeit genug gehabt haben, ein guter Fürst zu werden, wenn er
so glücklich gewesen wäre, zu einer Bestimmung gebildet zu werden. Aber es
fehlte soviel, dass er die Erziehung die sich für einen Prinzen schickt, bekommen
hätte, dass ihm nicht einmal diejenige zu teil wurde, die man einem jeden jungen
Menschen von mittelmässigem Stande gibt. Sein Vater, der feigherzigste Tyrann der
jemals war, ließ ihn, von aller guten Gessellschaft abgesondert, unter niedrigen
Sklaven aufwachsen, und der präsumtive Tronfolger hatte kein andres Mittel sich
die Langeweile zu vertreiben, als dass er kleine Wagen, hölzerne Leuchter,
Schemel und Tisch'gen verfertigte. Man würde unrecht haben, wenn man diese
selbstgewählte Beschäftigung für einen Wink der Natur halten wollte; es war
vielmehr der Mangel an Gegenständen und Modellen, welche dem allen Menschen
angeborenen Trieb Witz und Hände zu beschäftigen, der sich in ihm regete, eine
andere Richtung hätten geben können: Er würde vielleicht Verse gemacht haben,
und bessere als sein Vater, (der unter andern Torheiten auch die Wut hatte, ein
Poet sein zu wollen) wenn man ihm einen Homer in seine Klause gegeben hätte. Wie
manche Prinzen hat man gesehen, welche mit der Anlage zu Augusten und Trajanen,
aus Schuld derjenigen, die über ihre Erziehung gesetzt waren, oder durch die
Unfähigkeit eines dummen,
