 alle
Liebes-Geschichten geendigt, und so werden sich auch künftig alle endigen,
welche so angefangen haben.
 
                                Sechstes Kapitel
                      Betrachtungen, Schlüsse und Vorsätze
Wer aus den Fehlern, welche von andern vor ihm gemacht worden, oder noch täglich
um ihn her gemacht werden, die Kunst lernte selbst keine zu machen; würde
unstreitig den Namen des Weisesten unter den Menschen mit grösserm Recht
verdienen als Konfucius, Socrates oder König Salomon, welcher letzte, wider den
gewöhnlichen Lauf der Natur, seine grössesten Torheiten in dem Alter beging, wo
die meisten von den ihrigen zurückkommen. Unterdessen bis diese Kunst erfunden
sein wird, deucht uns, man könne denjenigen immer für weise gelten lassen, der
die wenigsten Fehler macht, am bäldesten davon zurückkommt, und sich gewisse
Kautelen für zukünftige Fälle darauszieht, mittelst deren er hoffen kann,
künftig weniger zu fehlen.
    Ob und in wie fern Agaton dieses Prädicat verdiene, mögen unsre Leser zu
seiner Zeit selbst entscheiden; wir unsers Orts haben in keinerlei Absicht
einiges Interesse ihn besser zu machen, als er in der Tat war; wir geben ihn für
das was er ist; wir werden mit der bisher beobachteten historischen Treue
fortfahren, seine Geschichte zu erzählen; und versichern ein für allemal, dass
wir nicht dafür können, wenn er nicht allemal so handelt, wie wir vielleicht
selbst hätten wünschen mögen, dass er gehandelt hätte.
    Er hatte während seiner Fahrt nach Sizilien, welche durch keinen widrigen
Zufall beunruhiget wurde, Zeit genung, Betrachtungen über das, was zu Smyrna mit
ihm vorgegangen war anzustellen. Wie? rufen hier einige Leser, schon wieder
Betrachtungen? Allerdings, meine Herren; und in seiner Situation würde es ihm
nicht zu vergeben gewesen sein, wenn er keine angestellt hätte. Desto schlimmer
für euch, wenn ihr, bei gewissen Gelegenheiten, nicht so gerne mit euch selbst
redet als Agaton; vielleicht würdet ihr sehr wohl tun, ihm diese kleine
Gewohnheit abzulernen.
    Es ist für einen Agaton nicht so leicht, als für einen jeden andern, die
Erinnerung einer begangenen Torheit von sich abzuschütteln. Braucht es mehr als
einen einzigen Fehler, um den Glanz des schönsten Lebens zu verdunkeln? Wie
verdrießlich, wenn wir an einem Meisterstücke der Kunst, an einem Gemälde oder
Gedichte zum Exempel, Fehler finden, welche sich nicht verbessern lassen, ohne
das Ganze zu vernichten? Wie viel verdrießliche, wenn es nur ein einziger Fehler
ist, der dem schönen Ganzen die Ehre der Vollkommenheit raubt? Ein Gefühl von
dieser Art war schmerzhaft genug, um unsern Mann zu vermögen, über die Ursachen
seines Falles schärfer nachzudenken. Wie errötete er izt vor sich selbst, da er
sich der allzutrotzigen Herausforderung erinnerte, wodurch er ehmals den Hippias
gereizt, und gewissermaßen berechtiget hatte
