 noch erhitzte Einbildung zu befriedigen, unruhmlich verschwendet zu
haben? Er trieb die Vorwürfe, welche er bei diesen gelbsüchtigen Vorstellungen
sich selbst machte, so weit als sie der Affect einer allzufeurigen, aber mit
angeborner Liebe zur Tugend durchdrungenen Seele treiben kann. Die Schmerzen
wovon sein Gemüt dadurch zerrissen wurde, waren so heftig, dass er die ganze
Nacht, welche auf diesen traurigen Tag folgte, in einer fiebrischen Hitze
zubrachte, welche, mit dem Zustande, worin sich seine Seele befand,
zusammengenommen, ein sehr fügliches Bild derjenigen Pein hätte abgeben können,
worin, nach dem allgemeinen Glauben aller Völker, die Lasterhaften in einem
andern Leben die Verbrechen des gegenwärtigen büßen.
    Wir haben schon einmal angemerkt, dass das Missvergnügen über uns selbst ein
allzuschmerzhafter Zustand sei, als dass ihn unsre Seele lange ausdauern könnte.
Es ist natürlich, dass die Selbstliebe allen ihren Kräften aufbeut, um sich
Linderung zu verschaffen; und wenn wir betrachten, wie wenig Gutes ein
anhaltendes Gefühl von Scham und Verachtung seiner selbst würken kann, und wie
nachteilig im Gegenteil Gram und Niedergeschlagenheit, natürliche Folgen, der
wiederkehrenden Tugend sein müssen: so haben wir vielleicht Ursache, die
Geschäftigkeit der Eigenliebe, uns bei uns selbst zu entschuldigen, für eine von
den nötigsten Springfedern unsrer Seele, in diesem Stande des Irrtums und der
Leidenschaften, worin sie sich befindet, anzusehen. Die Reue ist zu nichts gut,
als uns einen tiefen Eindruck von der Hässlichkeit eines törichten oder
unsittlichen Verhaltens, dessen wir uns schuldig fühlen, zu geben. Sobald sie
diese Wirkung getan hat, soll sie aufhören; ihre Dauer würde uns nur die Kräfte
benehmen, uns in einen bessern Zustand emporzuarbeiten, und dadurch eben so
schädlich werden als eine allzugrosse Furcht, die zu nichts dient, als uns dem
Übel desto gewisser auszuliefern, welchem wir behutsam entfliehen oder mutig
widerstehen sollten.
    Agaton hatte desto mehr Ursache, diesen wohltätigen Eingebungen der
Eigenliebe Gehör zu geben, da ihm seine allezeit zu warme Einbildungs-Kraft
seine Vergehungen und den Gegenstand derselbigen wirklich in einem weit
hässlichern Lichte gezeigt hatte, als die gelassene und unparteiische Vernunft
getan haben wurde. Die seltsame Abwechselung dieser launischen Zauberin, und wie
wenig ihr der plötzliche Übergang von dem äußersten Grad eines Affects zum
entgegen gesetzten kostet, wird vermutlich einem guten Teil unsrer Leser aus
eigener Erfahrung so wohl bekannt sein, dass sie sich nicht verwundern werden, zu
vernehmen, dass die Begierde sich selbst in seinen eignen Augen zu rechtfertigen,
oder doch wenigstens soviel möglich zu entschuldigen, unsern Helden unvermerkt
dahin gebracht habe, auch der schönen Danae einen Teil der Gerechtigkeit wieder
angedeihen zu lassen, der ihr von den strengesten Verehrern der Tugend nicht
versagt werden kann. Es war schwer, sehr schwer, würde ein Socrates
