 und die
Verbannung aus Athen schien mir die wohltätige Veranstaltung einer für mich
besorgten Gottheit zu sein, welche mich dadurch meiner wahren Bestimmung habe
wiedergeben wollen. Es ist sehr vermutlich, dass ich durch Anwendung gehöriger
Mittel, durch das Ansehen meiner auswärtigen Freunde, und selbst durch die
Unterstützung der Feinde der Atenienser, welche mir gleich anfangs meines
Processes, heimlich angeboten worden war, vielleicht in kurzem wieder Woge
gefunden haben könnte, meine Gegner in dem Genuss der Früchte ihrer Bosheit zu
stören, und im Triumphe wieder nach Athen zurück zu kehren. Allein solche
Anschläge, und solche Mittel schickten sich nur für einen Ehrgeizigen, welcher
regieren will, um seine Leidenschaften zu befriedigen. Mir fiel es nicht ein,
die Atenienser zwingen zu wollen, dass sie sich von mir gutes tun lassen
sollten. Ich glaubte durch einen Versuch, der mir durch ihre eigene Schuld
misslungen war, meiner Pflicht gegen die bürgerliche Gesellschaft ein Genüge
getan zu haben, und nun vollkommen berechtiget zu sein, die natürliche Freiheit,
welche mir meine Verbannung wieder gab, zum Vorteil meiner eigenen
Glückseligkeit anzuwenden. Ich beschloss also den Vorsatz, welchen ich zu Delphi
schon gefasst hatte, nunmehr ins Werk zu setzen, und die Quellen der
morgenländischen Weisheit, die Magier, und die Gymnosophisten in Indien zu
besuchen, in deren geheiligten Einöden ich die wahren Gotteiten meiner Seele,
die Weisheit und die Tugend, von denen, wie ich glaubte, nur unwesentliche
Phantomen unter den übrigen Menschen herumschwärmten, zu finden hoffte.
    Aber eh ich auf die Zufälle komme, durch welche ich an der Ausführung dieses
Vorhabens gehintert, und in Gestalt eines Sklaven nach Smyrna gebracht wurde;
muss ich mich meiner jungen Freundin wieder erinnern, die wir seit meiner
Versetzung nach Athen aus dem Gesichte verloren haben.
 
                                 Achtes Kapitel
                         Agaton endigt seine Erzählung
Die Veränderung, welche mit mir vorging, da ich aus den Hainen von Delphi auf
den Schauplatz der geschäftigen Welt, in das Getümmel einer volkreichen Stadt,
in die unruhige Bewegungen einer zwischen der Democratie und Aristocratie hin
und her treibenden Republik, und in das moralische Chaos der bürgerlichen
Gesellschaft, worin Leidenschaften mit Leidenschaften, Absichten mit Absichten,
in einem allgemeinen und ewigen Streit gegen einander rennen, und unter dem
unharmonischen Zusammenstoß unförmlicher Missgestalten, nichts beständiges, noch
gewisses ist, nichts das ist, was es scheint, noch die Gestalt behält die es
hat, - diese Veränderung war so groß, dass ich ihre Wirkung, auf mein Gemüt durch
nichts anders zu bezeichnen weiß, als durch die Vergleichung mit der Betäubung,
worin nach meinem Freunde, Plato, unsre Seele eine Zeit lang, von sich selbst
entfremdet, liegen bleibt, nachdem sie aus dem Ozean des reinen ursprünglichen
Lichts, der die überhimmlischen Räume erfüllt,
