 umsonst gehabt zu haben Ich verwies ihm seine
Bosheit mit einem Zorne, der mich stark genug machte, mich von ihm loszureißen.
Des folgenden Tags hatte er die Unverschämtheit, die priesterlichen
Verrichtungen mit eben der heuchlerischen Andacht fortzusetzen, womit er mich
und jeden andern bisher hintergangen hatte. Er ließ nicht die geringste
Veränderung in seinem Betragen gegen mich merken, und schien sich des
Vergangenen eben so wenig zu erinnern, als ob er den ganzen Lete ausgetrunken
hätte. Diese Aufführung vermehrte meine Unruhe sehr; ich konnte noch nicht
begreifen, dass es Leute geben könne, welche, mitten in den Ausschweifungen des
Lasters, Ruhe und Heiterkeit, die natürlichen Gefährten der Unschuld,
beizubehalten wissen. Allein in weniger Zeit darauf befreite mich die
Unvorsichtigkeit dieses Betrügers von den Besorgnissen, worin ich seit der
Geschichte in der Grotte geschwebet hatte. Teogiton verschwand aus Delphi, ohne
dass man die eigentliche Ursache davon erfuhr. Aus dem, was man sich in die Ohren
murmelte, erriet ich, dass Apollo endlich überdrüssig geworden sein möchte, seine
Person von einem andern spielen zu lassen. Einer von unsern Knaben, der ein
Verwandter des Ober-Priesters war, hatte (wie man sagte) den Anlass dazu gegeben.
    Diese Begebenheiten führten mich natürlicher Weise auf viele neue
Betrachtungen; aber meine Neigung zum Wunderbaren und meine Lieblings-Ideen
verloren nichts dabei; sie gewannen vielmehr, indem ich sie nun in mich selbst
verschloss, und die Unsterblichen allein zu Zeugen desjenigen machte, was in
meiner Seele vorging. Ich fuhr fort, die Verbesserung derselben nach den
Grundsätzen der Orphischen Philosophie mein vornehmstes Geschäfte sein zu
lassen. Ich fing nun an zu glauben, dass keine andre als eine idealische
Gemeinschaft zwischen den Höhern Wesen und den Menschen möglich sei; dass nichts
als die Reinigkeit und Schönheit unsrer Seele vermögend sei, uns zu einem
Gegenstande des Wohlgefallens jenes Unnennbaren, Allgemeinen, Obersten Geistes
zu machen, von welchem alle übrige, wie die Planeten von der Sonne, ihr Licht -
und die ganze Natur ihre Schönheit und unwandelbare Ordnung erhalten; und dass
endlich in der Übereinstimmung aller unsrer Kräfte, Gedanken und geheimsten
Neigungen mit den großen Absichten und den allgemeinen Gesetzen dieses
Beherrschers der sichtbaren und unsichtbaren Welt, das wahre Geheimnis liege, zu
derjenigen Vereinigung mit demselben zu gelangen, welche ich für die natürliche
Bestimmung und das letzte Ziel aller Wünsche eines unsterblichen Wesens ansah.
Beides, jene geistige Schönheit der Seele und diese erhabene Richtung ihrer
Würksamkeit nach den Absichten des Gesetzgebers der Wesen, glaubte ich am
sichersten durch die Betrachtung der Natur zu erhalten; welche ich mir als einen
Spiegel vorstellte, aus welchem das Wesentliche, Unvergängliche und Göttliche in
unsern Geist zurückstrahle, und ihn nach und nach eben so durchdringe und
erfülle, wie die
