 ob es nicht möglich sei, schon in diesem Leben mit den höheren
Geistern in Gemeinschaft zu kommen? Dieser Gedanke beschäftigte mich lange bei
mir selbst; ich fand möglich, was ich mit der grössesten Lebhaftigkeit wünschte.
Die Geschichte der ersten Zeiten schien meine Hoffnung zu bestätigen. Die Götter
hatten sich den Menschen bald in Träumen, bald in Erscheinungen entdeckt;
verschiedene waren so gar glücklich genug gewesen, Günstlinge der Götter zu
sein. Hier kam mir Ganymed, Endymion und so viele andre zu statten, welche von
Gotteiten geliebt worden waren. Ich gab demjenigen, was die Dichter davon
erzählen, eine Auslegung, welche den erhabenen Begriffen gemäß war, die ich von
den höheren Wesen gefasst hatte; die Schönheit und Reinigkeit der Seele, die
Abgezogenheit von den Gegenständen der Sinne, die Liebe zu den unsterblichen und
ewigen Dingen, schien mir dasjenige zu sein, was diese Personen den Göttern
angenehm, und zu ihrem Umgang geschickt gemacht hatte. Ich entdeckte endlich dem
Teogiton (so hieß der Priester) meine lange geheim gehaltene Gedanken. Er
erklärte sich auf eine Art darüber, welche meine Neubegierde rege machte, ohne
sie zu befriedigen; er ließ mich merken, dass dieses Geheimnisse seien, welche er
Bedenken trage, meiner Jugend anzuvertrauen: Doch sagte er mir, dass die
Möglichkeit der Sache keinem Zweifel unterworfen sei, und bezauberte mich ganz
mit dem Gemälde, so er mir von der Glückseligkeit derjenigen machte, welche von
den Göttern würdig geachtet würden, zu ihrem geheimen Umgang zugelassen zu
werden. Die geheimnisvolle Mine, die er annahm, so bald ich nach den Mitteln
hiezu zu gelangen fragte, bewog mich, den Vorsatz zu fassen, zu warten, bis er
selbst für gut finden würde, sich deutlicher zu entdecken. Er tat es nicht; aber
er machte so viele Gelegenheiten, meine erregte Neugierigkeit zu entflammen, dass
ich mich nicht lange enthalten konnte, neue Fragen zu tun. Endlich führte er
mich einsmals tief im geheiligten Hain des Apollo in eine Grotte, welche ein
uralter Glaube der Bewohner des Landes von den Nymphen bewohnt glaubte, deren
Bilder, aus Cypressenholz geschnitzt, in Blinden von Muschelwerk das Innerste
der Höhle zierten.
    Hier ließ er mich auf eine bemooste Bank niedersitzen, und fing nach einer
viel versprechenden Vorrede an, mir, wie er sagte, das geheime Heiligtum der
göttlichen Philosophie des Hermes und Orpheus aufzuschließen. Unzähliche
religiose Waschungen, und eine Menge von Gebeten, Räucherungen und andre
geheimen Anstalten mussten vorhergehen, einen noch in irdische Glieder
gefesselten Geist zum Anschauen der himmlischen Naturen vorzubereiten. Und auch
alsdenn würde unser sterblicher Teil den Glanz der göttlichen Vollkommenheit
nicht ertragen, sondern (wie die Dichter unter der Geschichte der Semele zu
erkennen gegeben) gänzlich davon verzehrt und vernichtet
