 unsrer Seele einen
künftigen Gott, in der Zerstörung unsers Körpers die Wiedereinsetzung in unsre
ursprüngliche Vollkommenheit, und in dem nachtvollen Abgrund der Zukunft helle
Aussichten in grenzenlose Wonne zeigt? Ein solches System ist zu schön an sich
selbst, zu schmeichelhaft für unsern Stolz, unsern innersten Wünschen und
wesentlichsten Trieben zu angemessen, als dass wir es in einem Alter, wo alles
Große und Rührende so viel Macht über uns hat, nicht beim ersten Anblick wahr
finden sollten. Vermutungen und Wünsche werden hier zu desto stärkeren Beweisen,
da wir in dem bloßen Anschauen der Natur zuviel Majestät, zuviel
Geheimnisreiches und Göttliches zu sehen glauben, um besorgen zu können, dass wir
jemals zu groß von ihr denken möchten. Und, soll ich dirs gestehen, schöne
Danae? Selbst izt, da mich glückliche Erfahrungen das Schwärmende und
Unzuverlässige dieser Art von Philosophie gelehrt haben, fühle ich mit einer
innerlichen Gewalt, die sich gegen jeden Zweifel empört, dass diese
Übereinstimmung mit unsern edelsten Neigungen, welche ihr das Wort redet, der
rechte Stempel der Wahrheit ist, und dass selbst in diesen Träumen, welche dem
materialischen Menschen so ausschweifend scheinen, für unsern Geist mehr
Würklichkeit, mehr Unterhaltung und Aufmunterung, eine reichere Quelle von
ruhiger Freude und ein festerer Grund der Selbstzufriedenheit liegt, als in
allem was die Sinne uns angenehmes und Gutes anzubieten haben. Doch ich erinnere
mich, dass es die Geschichte meiner Seele, und nicht die Rechtfertigung meiner
Denkensart ist, wozu ich mich anheischig gemacht habe. Es sei also genug, wenn
ich sage, dass die Lehrsätze des Orpheus und des Pythagoras, von den Göttern, von
der Natur, von unsrer Seele, von der Tugend, und von dem was das höchste Gut des
Menschen ist, sich meines Gemüts so gänzlich bemeisterten, dass alle meine
Begriffe nach diesem Urbilde gemodelt, alle meine Reizungen davon beseelt, und
mein ganzes Betragen, so wie alle meine Entwürfe für die Zukunft, mit dem Plan
eines nach diesen Grundsätzen abgemessenen Lebens, dessen Beurteilung mich
unaufhörlich in mir selbst beschäftigte, übereinstimmig waren.
 
                                Zweites Kapitel
               En animam & mentem cum qua Di nocte loquantur!
Der Priester, der sich zu meinem Mentor aufgeworfen hatte, schien über den
außerordentlichen Geschmack, den ich an seinen erhabenen Unterweisungen fand,
sehr vergnügt zu sein, und ermangelte nicht, meinen Enthusiasmus bis auf einen
Grad zu erhöhen, welcher mich, seiner Meinung nach, alles zu glauben und alles
zu leiden fähig machen müsste. Ich war zu jung und zu unschuldig, um das kleinste
Misstrauen in seine Bemühungen zu setzen, bei welchen die Aufrichtigkeit meines
eignen Herzens die edelsten Absichten voraussetzte. Er hatte die Vorsicht
gebraucht, es so einzuleiten, dass ich endlich aus eigener Bewegung auf die Frage
geraten musste,
