 verworrenen aber desto lebhaftern Begriffe, welche
wir durch Fabeln und Wunder-Geschichten, und in etwas zunehmendem Alter durch
die Musik und die abbildenden Künste von den übernatürlichen Gegenständen
bekommen, allein mit den unverfälschten Eindrücken der Natur und den Grundsätzen
der Vernunft überschrieben; so ist sehr zu vermuten, dass der Aberglaube noch
größere Mühe haben würde, die Vernunft als, in dem Falle, worin die meisten sich
befinden, die Vernunft Mühe hat, den Aberglauben von der einmal eingenommenen
Herrschaft zu verdrängen. Der größte Vorteil, den dieser über jene hat, hanget
davon ab, dass er ihr zuvorkömmt. Aber wie leicht wird es ihm alsdenn sich einer
noch unmündigen Seele zu bemeistern, wenn alle diese zauberische Künste, welche
die Natur im Nachahmen selbst zu übertreffen scheinen, ihre Kräfte vereinigen,
die entzückten Sinnen zu überraschen? Wie natürlich muss es demjenigen werden die
Gottheit des Apollo zu glauben, ja endlich sich zu bereden, dass er ihre
Gegenwart und Einflüsse fühle, der in einem Tempel aufgewachsen ist, dessen
erster Anblick das Werk und die Wohnung eines Gottes ankündet? Demjenigen, der
gewohnt ist den Apollo eines Phidias vor sich zu sehen, und das mehr als
menschliche, welches die Kenner so sehr bewundern, der Natur des Gegenstands,
nicht dem schöpferischen Geiste des Künstlers zuzuschreiben?
    So viel ich die Natur unsrer Seele kenne, deucht mich, dass sich in einer
jeden, die zu einem gewissen Grade von Entwicklung gelangt, nach und nach ein
gewisses idealisches Schöne bilde, welches (auch ohne dass man sich's bewusst ist)
unsern Geschmack und unsre sittliche Urteile bestimmt, und das Modell abgibt,
wonach unsre Einbildungskraft die besonderen Bilder dessen was wir groß, schön
und vortrefflich nennen, zu entwerfen scheint. Dieses idealische Modell formiert
sich (wie mich izo wenigstens deucht, nachdem neue Erfahrungen mich auf neue
oder erweiterte Betrachtungen geleitet haben) aus der Beschaffenheit und dem
Zusammenhang der Gegenstände, worin wir zu leben anfangen.
    Daher (wie die Erfahrung zu bestätigen scheint) so viele besondere Denk- und
Sinnesarten als man verschiedene Erziehungen und Stände in der menschlichen
Gesellschaft antrifft. Daher der Spartanische Heldenmut, die Attische Urbanität,
und der aufgedunsene Stolz der Asiaten; daher die Verachtung des Geometers für
den Dichter, oder des speculierenden Kaufmanns gegen die Speculationen des
Gelehrten, die ihm unfruchtbar scheinen, weil sie sich in keine Darici
verwandeln wie die seinigen; daher der grobe Materialismus des plumpen
Handwerkers, der raue Ungestüm des Seefahrers, die mechanische
Unempfindlichkeit des Soldaten, und die einfältige Schlauheit des Landvolks;
daher endlich, schöne Danae, die Schwärmerei, welche der weise Hippias deinem
Kallias vorwirft; diese Schwärmerei, die ich vielleicht in einem minder erhabenen
Licht sehe, seitdem ich ihre wahre Quelle entdeckt zu
