
gelehrte Welt noch in unsern Tagen, von einigen weisen Mönchen über die erhabene
Kunst, die Gespenster zu prüfen und zu bannen, beschenkt worden ist. Sie teilten
die Träume in mancherlei Gattungen und Arten ein, wiesen ihnen ihre geheime
Bedeutungen an, gaben den Schlüssel dazu, und trugen kein Bedenken, einige Arten
derselben ganz zuversichtlich dem Einfluss derjenigen Geister zuzuschreiben,
womit sie alle Teile der Natur reichlich bevölkert hatten. In der Tat scheinen
sie sich in diesem Stück lediglich nach einem allgemeinen Glauben, der sich von
je her unter allen Völkern und Zeiten erhalten hat, gerichtet, und dasjenige in
die Form einer schlussförmigen Theorie gebracht zu haben, was bei ihren
Grossmüttern ein sehr unsichers Gemische von Tradition, Einbildung und Blödigkeit
des Geistes gewesen sein möchte. Dem sei nun wie ihm wolle, so ist gewiss, dass
wir zuweilen Träume haben, in denen so viel Zusammenhang, so viel Beziehung auf
unsre vergangne und gegenwärtige Umstände, wiewohl allezeit mit einem kleinen
Zusatz von Wunderbarem und Unbegreiflichem, anzutreffen ist; dass wir uns um
jener Merkmale der Wahrheit willen geneigt finden, in diesem letztern etwas
geheimnisvolles und vorbedeutendes zu suchen. Träume von dieser Art den Geistern
außer uns, oder, wie die Pytagoräer taten, einer gewissen prophetischen Kraft
und Divination unsrer Seele beizumessen, welche unter dem tiefen Schlummer der
Sinne bessere Freiheit habe, sich zu entwickeln: So sinnreiche Auflösungen
überlassen wir denjenigen, welche zum Besitz jener von Lucrez so entusiastisch
gepriesenen Glückseligkeit, die Ursachen der Dinge einzusehen, in einem vollern
Masse gelangt sind als wir. Indessen haben wir uns doch zum Gesetz gemacht, den
guten Rat unsrer Amme nicht zu verachten, welche uns, da wir noch das Glück
ihrer einsichtsvollen Erziehung genossen, unter Anführung einer langen Reihe von
Familienbeispielen, ernstlich zu vermahnen pflegte, die Warnungen und
Fingerzeige der Träume ja nicht für gleichgültig anzusehen.
    Agaton hatte diesen Morgen, nachdem er in einer Verwirrung von uneinigen
Gedanken und Gemütsbewegungen endlich eingeschlummert war, einen Traum, den wir
mit einigem Recht zu den kleinen Ursachen zählen können, durch welche große
Begebenheiten hervorgebracht worden sind. Wir wollen ihn erzählen, wie wir ihn
in unsrer Urkunde finden, und dem Leser überlassen, was er davon urteilen will.
Ihn deuchte also, dass er in einer Gesellschaft von Nymphen und Liebesgöttern auf
einer anmutigen Ebne sich erlustige. Danae war unter ihnen. Mit zauberischem
Lächeln reichte sie ihm, wie Ariadne ihrem Bacchus, eine Schale voll Nectars,
welchen er an ihren Blicken hangend mit wollüstigen Zügen hinunterschlürfte. Auf
einmal fing alles um ihn her zu tanzen an; er tanzte mit; ein Nebel von süßen
Düften schien rings um ihn her die wahre Gestalt der Dinge zu verbergen, und
tausend liebliche Gestalten gaukelten vor seiner Stirne, welche
