 als alle Helden
des Plutarchs zusammengenommen. Und ist die unedle Eigennützigkeit oder der
feige Kleinmut, womit wir (zumal bei jenen Völkern, wo der Tod aus sittlichen
Ursachen mehr als natürlich ist, gefürchtet wird) den grössesten Teil der
bürgerlichen Gesellschaft angesteckt sehen, vielleicht weniger interessiert,
eine sich selbst ganz vergessende Großmut und eine Tapferkeit, die von nichts
erzittert, zu vergöttern? Je vollkommener andre sind, desto weniger haben wir
nötig es zu sein; und je höher sie ihre Tugend treiben, desto weniger haben wir
bei unsern Lastern zu besorgen.
    Der Himmel verhüte, dass unsre Absicht jemals sei, in schönen Seelen diese
liebenswürdige Schwärmerei für die Tugend abzuschrecken, welche ihnen so
natürlich und öfters die Quelle der lobenswürdigsten Handlungen ist. Alles was
wir mit diesen Bemerkungen abzielen, ist allein, dass die romanhaften Helden, von
denen die Rede ist, noch weniger in dem Bezirke der Natur zu suchen seien als
die geflügelten Löwen und die Fische mit Mädchenleibern; dass es moralische
Grotesken seien, welche eine müßige Einbildungskraft ausbrütet, und ein
verdorbner moralischer Sinn, nach Art gewisser Indianer, destomehr vergöttert,
je weiter ihre verhältniswürdige Missgestalt von der menschlichen Natur sich
entfernet, welche doch, mit allen ihren Mängeln, das beste, liebenswürdigste und
vollkommenste Wesen ist das wir wirklich kennen - - und dass also der Held unsrer
Geschichte, durch die Veränderungen und Schwachheiten, denen wir ihn unterworfen
sehen, zwar allerdings, wir gestehen es, weniger ein Held, aber destomehr ein
Mensch, und also desto geschickter sei, uns durch seine Erfahrungen, und selbst
durch seine Fehler zu belehren.
    Wir können indes nicht bergen, dass wir aus verschiedenen Gründen in
Versuchung geraten sind, der historischen Wahrheit dieses einzige mal Gewalt
anzutun, und unsern Agaton, wenn es auch durch irgend einen Deum ex Machina
hätte geschehen müssen, so unversehrt aus der Gefahr, worin er sich wirklich
befindet, herauszuwickeln, als es für die Ehre des Platonismus, die er bisher so
schön behauptet hat, allerdings zu wünschen gewesen wäre. Allein da wir in
Erwägung zogen, dass diese einzige poetische Freiheit uns nötigen würde, in der
Folge seiner Begebenheiten so viele andre Veränderungen vorzunehmen, dass die
Geschichte Agatons wirklich die Natur einer Geschichte verloren hätte, und zur
Legende irgend eines moralischen Don Esplandians geworden wäre: So haben wir uns
aufgemuntert, über alle die ekeln Bedenklichkeiten hinauszugehen, die uns
anfänglich stutzen gemacht hatten, und uns zu überreden, dass der Nutzen, den
unsre verständigen Leser sogar von den Schwachheiten unsers Helden in der Folge
zu ziehen Gelegenheit bekommen könnten, ungleich größer sein dürfte, als der
zweideutige Vorteil, den die Tugend dadurch erhalten hätte, wenn wir, durch eine
unwahrscheinlichere Dichtung als man im ganzen Orlando unsers Freunds
