Kunde, der Theologie, der
Metaphysik, der Sittenlehre, der Staats- und Kriegs-Kunst, den Altertümern und
den schönen Wissenschaften als irgend einer von den gelehrtesten Helden des
großen Cyrus, und wusste mit so vieler Beredsamkeit über die subtilsten Fragen
aus diesen Wissenschaften zu perorieren, dass die Bedienten des Hauses, der
Vicarius, der Schulmeister, der vorbesagte Barbier und andere Personen von
Distinction, die den freien Zutritt im Hause hatten, sowohl die Wunder-Gaben des
jungen Herrn, als die weise Erziehungs-Kunst der gnädigen Frau nicht genug
bewundern konnten.
    Was dieser letztern an ihrem Neffen am besten gefiel, war die
außerordentliche Begierde, wovon er brannte, den erhabenen Mustern nachzuahmen,
von deren großen Taten und Helden Tugenden er bis zur Bezauberung entzückt war,
und womit er seine Einbildungs-Kraft so vertraut gemacht hatte, dass er sich
endlich beredete, es würde ihm nicht mehr Mühe kosten sie auszuüben, als er
brauchte sich eine Vorstellung davon zu machen. Donna Mencia zweifelte nicht,
dass Don Sylvio mit so edlen Neigungen und einer so heroischen Denkungsart
dereinst eine große Rolle in der Welt spielen und den Helden, welche sie am
meisten bewunderte, an Ruhm und Glück eben so ähnlich werden müsste, als er es
ihnen an Schönheit und persönlichen Annehmlichkeiten war.
 
                                Drittes Kapitel
                          Psychologische Betrachtungen
Man wird sich um so weniger wundern, dass die Einbildungs-Kraft des Don Sylvio
von einer so wunderbaren Erziehung einen seltsamen Schwung bekommen musste, wenn
wir sagen, dass eine ungemeine Empfindlichkeit, und, was unmittelbar damit
verbunden ist, eine starke Disposition zur Zärtlichkeit unter die Gaben gehörte,
womit ihn die Natur bis zum Übermaß beschenke hatte.
    Junge Leute von dieser Art lieben überhaupt alle Vorstellungen, welche
lebhafte Eindrücke auf ihr Herz machen, und Leidenschaften erwecken, die, in
einem leichten Schlummer liegend, bereit sind von dem kleinsten Geräusch
aufzufahren.
    Kommt dann noch hinzu, dass sie fern von der Welt, in einer ländlichen
Einsamkeit und Einfalt, unter den natürlichen Vergnügungen des Landlebens und
frei von den Arbeiten desselben erzogen werden; So erhalten die wunderbaren und
passionierten Vorstellungen eine verdoppelte und desto stärkere Gewalt über ihr
Herz, je geschäftiger die Phantasie in solchen Umständen zu sein pflegt, das
Leere auszufüllen, so die beständige Einförmigkeit der Gegenstände, die sich den
Sinnen darstellen, in der Seele zurücklässt. Unvermerkter Weise verwebt sich die
Einbildung mit dem Gefühl, das Wunderbare mit dem Natürlichen und das Falsche
mit dem Wahren. Die Seele, welche nach einem blinden Instincte Schimären eben so
regelmäßig bearbeitet als Wahrheiten, bauet sich nach und nach aus allem diesem
ein Ganzes, und gewöhnt sich an, es für wahr zu halten, weil sie Licht und
Zusammenhang darin findet, und weil ihre Phantasie mit den
