 Erkenntnissgrund des Zustandes der Sitten
und Gelehrsamkeit angenommen, weil dieser nie eine Veränderung erlitten als bis
diese letztere gleichfalls eine Veränderung erlitten haben. Viele neuere
Gelehrte sind der Meinung, dass ein geschornes Kinn allezeit den Wissenschaften
und Sitten vorteilhaft gewesen, dass hingegen der Bart jederzeit ein Zeugnis von
der Barbarei der Menschen abgeleget habe, wie sie denn das Wort Barbarus von
Barba herzuleiten kein Bedenken getragen haben. Da nun die Gelehrten diejenigen
sind, welche in den Zustand der Sitten und der Gelehrsamkeit den größten Einfluss
haben, und man von den Veränderungen in der Mode, denen sie selbst unterworfen
gewesen, auf jene am sichersten schlüssen kann: so hat man die Streitfrage
aufgeworfen: ob die Welt barbarisch gewesen, wenn die Gelehrten Bärte getragen,
und man hat dieses gemeiniglich bejahet. Ich will jetzo mit Erlaubnis dieser
Herren das Gegenteil dartun, und solches verneinen.
    Um der guten Ordnung keinen Eintrag zu tun, wollen wir erstlich einen
kurzen Auszug von den merkwürdigsten Veränderungen, der Bärte der Gelehrten von
Erschaffung der Welt bis auf unsere Zeiten beibringen, und mit solchen den
Zustand der Sitten und Gelehrsamkeit vergleichen. Wir finden so wenig Ursache
uns dieser Unternehmung zu schämen, dass wir keinen schicklichern Gegenstand zu
dieser Einladungsschrift haben antreffen können. Sollte inzwischen der Zoilus
und Momus ihr ungezäumtes Maul darüber rümpfen: so wollen wir ihnen ins Ohr
sagen, dass ein Gelehrter sogar einen Tractat von den Schuhen der Alten
geschrieben hat, welche doch vermutlich dem Barte den Rang nicht werden
streitig machen. Ja was noch mehr! Haben wir nicht einen gelehrten Vorgänger
aufzuweisen, der ein eigenes Buch von dem Barte an das Licht gestellt hat?
    Wir wollen die Untersuchung, ob Adam im Paradiese einen Bart getragen hat,
zu einer eignen Untersuchung verspahren und nur anmerken, dass die alten Väter
alle in Bärten abgemahlet werden. Es war in den alten Zeiten ein großer Schimpf,
wenn ein Mann seines Bartes beraubet wurde oder wenn er gar keinen hatte, und
kommt mir daher sehr glaublich vor, dass die, welchen die Natur diesen Schmuck
versaget, sich künstliche Bärte ansetzen ließ, und sich damit schmückten, wie
wir heut zu Tage mit den Perucken zu tun pflegen. Man hielt dieses Vorrecht der
Männer für dem schönen Geschlecht in solchen Ehren, dass man den Bart mit Salben
bestrich, oder wenn er im Alter grau wurde, solchen färbte. Die alten
Philosophen suchten sich dadurch in besonderes Ansehen zu setzen. Wer den
größten Bart unter ihnen besaß und den schlechtesten Mantel trug, bekam die
meisten Zuhörer, eben so wie zu unsern Zeiten die Hörsäle am meisten angefüllet
sind, wo die größte Perucke auf dem Katheder stolziret. Die alten Römer ließ
den Bart stehen und eben so lange stund auch ihre Freiheit und die guten Sitten,
