 Wilibald, der freien Künste
                                   Magister.
                                                           Kargfeld, den 15 Nov.
Dass der Rabe ein Rabe bleibt, wenn man ihm auch gleich alle schwarze Federn
ausrupfen wollte, und dass ein lasterhafter Mensch, dem das Laster zur andern
Natur geworden ist, ein Bösewicht bleibt, wenn die Tugend auch gleich alle ihre
Reizungen anwendet, ihn zu bessern: solches ist eine betrübte aber unumstösliche
Wahrheit. Ein unedles Metall lässt sich durch die Kunst in ein edlers verwandeln;
aber bei einem bössartigen Gemüt ist alle Kunst verloren. Lassen Sie, hoher
Gönner, zur Erläuterung dieser Wahrheit den Rittmeister Salmonet als ein
Beispiel dienen, und erlauben Sie grossgünstig, dass ich Ihnen das erschreckliche
Bild dieses Mannes mit lebendigen Farben abschildern darf. Sein Charakter ist
Ihnen zwar sattsam bekannt; allein da er gegen Sie niemals seine Bosheit in
ihrem ganzen Umfange hat ausüben können: so schlüsse ich daraus wahrscheinlich,
dass Ihr Begriff von diesem ruchlosen Menschen, wenn ihm dieser letzte Name
anders noch zukommt, und er nicht vielmehr ein Ungeheuer oder Meerwolf genannt
zu werden verdient, einigermaßen unvollständig ist.
    Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, dass er sich unter den königlichen
Truppen in Deutschland befindet. Ein unglückliches Schicksal wollte, dass er mit
seinen ihm untergebenen Leuten auf dem Hochadlichen Rittersitze des Herrn Baron
v.F. zu Schöntal einige Tage sein Quartier bekam. Er legte den Wolfspelz ein
wenig im Anfange bei Seite, und trug Verlangen, die Verehrer Eu. Gnaden, von
welchen er durch den Herrn Major Ohara und die Madame Beauchamp einige Nachricht
erhalten, persönlich kennen zu lernen. Jedermann drang sich zu ihm, um einen
Mann, der zufälliger Weise nichts geringes beigetragen hat, Dero Ruhm in ein
helleres Licht zu setzen, gleich einem ausländischen wilden Tiere in
Augenschein zu nehmen; doch plötzlich riss sich dieser Panter von der Kette,
ersah unter allen Anwesenden mich zum Raube seiner Grausamkeit, sprang nur auf
den Hals und würgete mich wie ein unschuldiges Lamm, das ist, er nötigte mich
unter vielen Drohungen, eine ehrenrührige Schrift wider Eu. Gnaden aufzusetzen,
mit dem Vorsatze, solche der Welt durch den Druck öffentlich vor Augen zu legen,
und dadurch Dero berühmten und heldenmütigen Namen ein Klebesleckgen
anzuhängen. Ich bin versichert, dass Sie mir als Dero eifrigsten Verehrer kaum
werden zutrauen können, dass ich gegen Dero hohe Person die Feder angesetzt haben
sollte; ich entsetze mich gegenwärtig vor mir selber und schlage mich ins
Angesicht, so oft ich daran gedenke. Ich habe die glückliche Gelegenheit, mich
um Sie verdient zu machen, aus den Händen gelassen; ich habe mich durch
Drohungen erschrecken und eintreiben lassen, meinen, und welches ich ohne eitlen
Ruhm sage, Ihren ähnlichen Charakter zu verleugnen, und doch gleichwohl bin ich,
