 Auge einnehmen, auf diejenigen, welche die Hoheit der Seele
ausmachen. Er sah, dass ich wusste, wie schön ich war; um desto mehr lehrte er
mich den wahren Wert eines Menschen kennen und an solchen Eigenschaften einen
Geschmack finden, die mehr durch einen geheimen Beifall der Vernunft und des
Gewissens als durch eine allgemeine Bewunderung belohnt werden. Man glaube ja
nicht, dass er eine hohe und tiefsinnige Philosophie mit mir durchging. O nein,
er brachte mir die Religion auf eine vernünftige Art bei und überführte mich von
den großen Vorteilen der Tugend, welche sie uns in jedem Stande, im Glücke und
Unglücke, im Tode und nach diesem Leben bringt. Er hatte die Geschicklichkeit,
mir alle diese Wahrheiten nicht sowohl in das Gedächtnis als in den Verstand zu
prägen. Und diesen Begriffen, die er mir beibrachte, habe ich's bei reifern
Jahren zu verdanken gehabt, dass ich die Tugend nie als eine beschwerliche Bürde,
sondern als die angenehmste Gefährtin betrachtet habe, die uns die Reise durch
die Welt erleichtern hilft. Ich glaube auch gewiss, dass die Religion, wenn sie
uns vernünftig und gründlich beigebracht wird, unsern Verstand ebenso
vortrefflich aufklären kann, als sie unser Herz verbessert. Und viele Leute
würden mehr Verstand zu den ordentlichen Geschäften des Berufs und zu einer
guten Lebensart haben, wenn er durch den Unterricht der Religion wäre geschärft
worden! Ich durfte meinem Vetter nichts auf sein Wort glauben, ja er befahl mir
in Dingen, die noch über meinen Verstand waren, so lange zu zweifeln, bis ich
mehr Einsicht bekommen würde. Mit einem Worte, mein Vetter lehrte mich nicht die
Weisheit, mit der wir in Gesellschaften prahlen, oder, wenn es hoch kommt,
unsere Ehrbegierde einige Zeit stillen, sondern die von dem Verstande in das
Herz dringt und uns gesittet, liebreich, großmütig, gelassen und im stillen
ruhig macht. Ich würde nichts anders tun als beweisen, dass mein Vetter seine
guten Absichten sehr schlecht bei mir erreicht hätte, wenn ich mir alle diese
schönen Eigenschaften beilegen und sie als meinen Charakter den Lesern
aufdringen wollte. Es wird am besten sein, wenn ich mich weder lobe noch tadle
und es auf die Gerechtigkeit der Leser ankommen lasse, was sie sich aus meiner
Geschichte für einen Begriff von meiner Gemütsart machen wollen. Ich fürchte,
wenn ich meine Tugenden und Schwachheiten noch so aufrichtig bestimmte, dass ich
doch dem Verdachte der Eigenliebe oder dem Vorwurfe einer stolzen Demut nicht
würde entgehen können.
    Ich war sechzehn Jahre alt, da ich an den schwedischen Grafen von G.
verheiratet wurde. Mit dieser Heirat ging es folgendermaßen zu. Der Graf hatte
in dem Livländischen Güter, und zwar lagen sie nahe an meines Vetters
Rittersitze. Das Jahr
