 Elend zu sehen; so ist diese Empfindung
schon genug, ihm gute Ratschläge an die Hand zu geben.
 
                               Von der Religion.
Die Religion ist eine Erkänntnüs von Gott und göttlichen Dingen. Sie ist der
Grund von aller Glückseligkeit des Menschen; ohne Religion ist kein ehrlicher
Mann, keine Tugend, keine Weissheit, kein wahres Gut; und gleichwohl sollte man
sagen, stifftet die Religion so viel böses: sie stöhret die Eintracht und den
Frieden; sie trennet die Gemüter, sie erreget Hass und Feindschaft, Krieg und
Blutvergießen; sie macht die Menschen verwirrt, sie erhitzt ihre Einbildung mit
den seltsamsten Vorstellungen; sie entfernet endlich Gott von uns, und uns von
Gott. Es gibt also eine gute und auch eine böse Religion. Bei den Verkehrten
ist sie verkehrt, bei den Gerechten aber gerecht.
    Die wahre Religion hat zum Vorwurff die Liebe Gottes, die Reinigkeit unsers
Hertzens, und die Verbesserung unsers Willens: die falsche aber ist ein Werck
unserer eingebildeten Weissheit, und gründet sich auf leere Begriffe und
Meinungen.
    Die Religion ist für alle Menschen: keiner, der Vernunft hat, kann leugnen,
dass ein Gott sei. Keiner, der eine Empfindung hat, kann das Gute hassen, und das
Böse lieben; keiner, der ein Gefühl hat, kann bei sich den heimlichen Richter
schweigen machen, der ihn bestraffet, wenn er böses tut: keiner, der ein
Verlangen hat, glückselig zu sein, kann sich zurück halten, solche bei demjenigen
Wesen zu suchen, welches der Ursprung von ihm und allen Dingen ist.
    Diese Bilder, diese Regungen hat die Natur unserer Seelen eingedruckt: sie
kann sie nicht von sich ablegen, sie sind ihr immer gegenwärtig, sie leben, sie
regen sich in ihr. Wer nicht davon die Spuren bei sich entdecket, der ist ein
Unmensch. Sie sind der Saamen, woraus die weitere Begriffe der göttlichen Dinge
keimen: sie sind der Grund, worauf auch die geschriebene und offenbahrte
Warheiten in der Religion sich beziehen. Wir können keine andere Begriffe
annehmen, als die damit übereinstimmen: wir können nicht zu gleich etwas glauben
und nicht glauben.
    Die Erkenntnis Gottes zieht also ihren Ursprung aus der Natur, wie die
Natur ihren Ursprung zieht aus Gott: diese Erkenntnüs Gottes aus der Natur aber
wird kräfftig vermehret, und in ein helleres Licht gesetzt, wenn wir Gott
lieben, und ihn deswegen näher zu erkennen suchen: Hieraus kommt der Glaube,
welcher darin bestehet, dass wir uns der Regierung Gottes und den Einflüssen
seines Geistes gänzlich überlassen, unser Vertrauen auf ihn setzen, die
Wahrheit des Evangelii für Wahrheit erkennen, Christum zu unserm Heiland
annehmen, und seinen Lehren nachfolgen.
    Dieser Glaube aber ist eine verborgene Wirkung des Geistes: wir können
