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    Hieraus erhellet, dass der wahre Adel nicht in einer edlen Geburt bestehet;
sondern in einem edlen Leben. Er ist eine Frucht der Tugend, und schreibet sich
aus dem Geschlecht der wahren Ehre. Der ist der beste Edelmann, den Treu und
Mut und Witz zum Ritter schlagen; Alles ubrige, womit der gebohrne Adel sich
brüstet, ist Wind und Wahn und Einbildung: Er schändet die Vortrefflichkeit
seiner Ahnen durch seine Niederträchtigkeit und durch seine Laster.
    Die Beschäftigungen des Adels müssen nichts niederträchtiges, nichts
unreines und nichts pöbelhaftes haben: Die Gewohnheit hat deswegen alle
Mechanische Hantierung dem Adel für unanständig erkläret, und ihm dagegen die
Wissenschaften, den Hof, den Krieg, die Magistrats-Würden, nebst der
Land-Oeconomie zu seiner Beschäftigung angewiesen.
    Die Handlung ins Große hat, nach dem Zeugnis der klügsten Völcker, nichts,
das dem Adel zuwider ist. In den ältesten Zeiten sind dergleichen Handels-Leute,
wenn sie große Reichtümer besaßen, für edel gehalten worden. Es ist auch der
Natur gemässer, dass Leute, die durch ihre große Handelschaften, so vielen
Menschen Nahrung geben, und sich dem Adel gleichförmig aufführen, auch dessen
Vorzüge genießen: doch gönnt ihnen das Herkommen und der Gebrauch in der Welt
nur den untersten Grad des Adels: und erlaubet ihnen nicht sich höher
aufzuschwingen, als bis sie die Handlung niederlegen, und eine von den
Lebens-Arten, davon oben Meldung geschehen ist, ergreiffen.
    Wer Geld und Güter hat, und sich damit weiß auf eine anständige und beliebte
Art heraus zu setzen, der kann den Adel viel besser führen, als ein armer
Juncker, den die Bauern Ihr Genaden heißen, und ihm das Brod borgen müssen.
    Ehedessen galt der Adel viel; nicht, weil er edel geboren war, sondern weil
die Geburt ihn veranlasste sich durch Tugend und Tapfferkeit von dem gemeinen
Mann zu unterscheiden: Er ehrte die Wissenschaften, und die Wissenschaften
ehrten ihn; Er sprach und urteilte anders, als der Pöbel: Er begieng nichts
niederträchtiges: Er lebte nicht wie unsere heutige Dorf-Junckern im Luder und
im Müßiggang: Er bekleidete die ersten Stellen bei Hof: Er half die Städte und
Länder regieren: Er machte sich eine Ehre aus der Gottesfurcht: Seine Andacht
riss ihn zu den Füßen des Altars, und seine Tapfferkeit machte seine Feinde
beben: Der Fürst brauchte keine Soldaten: Wer ein Ritter sein wollte, der setzte
sich mit seinen reissigen Knechten auf, und eilte damit seinem Landes-Herren und
seinem Vatterlande zu Hilfe. So war der Adel, so war die Ritterschaft der alten
Zeiten.
    Wenn man den heutigen Adel beschreiben wollte, so würde es vielleicht ein
Gespötte heißen, man müsste ihn lächerlich abmahlen, und die Wahrheit
