 weit getrieben, dass sie darüber teils faul und liederlich, teils
seltsam u. hypochondrisch wurden. Man sah fast nirgend mehr ein gesundes Blut,
einen munteren Geist und ein vergnügtes Herz.
    In den Häussern der Reichen fanden sich kleine Apotecken, magere Körper und
fette Küchen. Kam man auf die Straßen, so begegneten einem allenthalben arme,
elende und gebrechliche Menschen, welche wie die Schatten auf den Gräbern herum
wanderten. Wo sich jemand ein wenig wohl gekleidet sehen lies, da verfolgten ihn
die Bettel-Leute von einer Tür bis wieder zur andern.
    Es waren auch Juden in der Stadt, welche in einer besonderen Straße wohnten,
und sich vom Betrug näherten, weil man ihnen kein ander Handwerck erlaubte. Ihre
Nahrung ging schlecht: sie lebten kümmerlich: sie übertraffen an Unreinigkeit
auch die hesslichste Tiere, und regten sich in ihrem Kot und Unflat, wie das
Ungezieffer in den Morästen; trauriger Anblick von Kreaturen, welche die Natur
wie uns zu Menschen gemacht hat.
    Der Adel verrostete mit dem Glanz seiner Ahnen: er war zu seinem Unglück so
unwissend als hochmütig. Die Armut druckte ihn, wie den gemeinen Burger; sein
Vermögen steckte in Land-Gütern und Häussern. Jene trugen nichts mehr ein, und
diese stunden teils leer, teils gaben nur schlechte Zinnsen. Alpina schien
noch etwas von außen; inwendig aber glich es einem krancken Baum, der seine
letzte Kräffte noch in die schwancke Äste trieb. Es war den Einwohnern von der
Glückseligkeit ihrer Freiheit schier nichts übrig, als die Freiheit zu
verderben.
    Die Stadt-Beamte, die Geistlichen, die Reches-Gelehrten und die Aertzte
waren bei nahe die einzige, welche die gemeine Not noch verschonte: die erste
zogen ihre Besoldungen beständig fort, und die andere näherten sich von dem
allgemeinen Elend. Die Trägheit machte die Menschen kranck, und die lange Weile
haderhaftig. Die Processe gehörten mit zu dem wichtigsten Zeit-Vertreib der
Alpiner: ihr Müßiggang machte sie darinnen zu ihrem Verderben subtil, und ihre
Zancksucht veranlaste täglich neue Entdeckungen in der Römischen
Rechts-Gelahrheit.
    Der Rat war unter sich in verschiedene Banden zerteilt, und die
Burgerschaft wusste selbst nicht recht, was sie wollte. Einer hatte diese, ein
anderer jene Anschläge. Man kam zusammen, man sprach von der allgemeinen Not:
ein patriotischer Eifer wollte durchdringen: ein jeder aber hatte dabei etwas zu
erinnern: der Widerspruch erhitzte die Gemüter: man disputirte, man zanckte und
ging im Tumult wieder aus einander. Diejenige, welche auf den Aemtern saßen,
machten sich unterdessen diese Umstände zu Nutz: sie fischten im trüben: sie
nahmen das Geld ungezehlet, und sparten sich dadurch die Müh solches zu
verrechnen. Man verkauffte die Ehren-Stellen wie das
