 Tritt in die Welt; Alles locket und reitzet dich darin zum Bösen. Die
Wohllust wird sich dir auf allen Ecken mit ihren schönen und verführischen
Angesicht zeigen: Die Ruhm-Sucht wird sich bei dir unter dem Schein der wahren
Ehre einschmeicheln: Sie wird den Namen der Tafferkeit, der Grosmut und der
Freigebigkeit entlehnen. Ich aber sage dir: Fliehe die Lüste, meide den
Ehrgeitz, und hüte dich für der Verschwendung, so wirst du finden, dass die
Tugend ihre selbst eigene Belohnung, wie das Laster seine selbst eigene Straffe
mit sich führt.
    Indem mein Vater dieses sagte, schloss er mich mit innigster Zärtlichkeit in
seine Arme. Ich küsste ihm die Hände, die ich mit meinen Tränen benetzte, und
war so bewegt, dass ich nicht reden konnte: Meine Gebehrden aber sprachen für
mich, und versicherten den besten Vater, dass ich ihm dasjenige, was er von mir
verlangte, mehr mit dem Hertzen als mit dem Mund zusagte.
    Er ließ darauf auch meinen Hofmeister ins Zimmer kommen, und befahl mich
seiner Treu und Sorgfalt mit sehr andringenden Worten. Dieser war ein stiller
und gelehrter Mensch. Viel Geist hatte er nicht: Ein anhaltender Fleiß und ein
gutes Gedächtnüs brachten ihn nichts destoweniger sehr weit. Wir gingen kurtz
darauf nach Tolosa, wo damals die berühmteste Leute in allen Wissenschaften
sich befanden.
    Ein so großer Ort und eine solche Menge von allerhand Menschen hatte für
mich etwas neues: Ich war von Natur sehr eitel: Ich wollte immer in
Gesellschaften und in die Schauspiele gehen. Ich bekam eine Neigung mich nett
und kostbar zu kleiden. Ich bildete mir ein, ich gefiel; Diese Einbildung war
mir nicht zu verdencken: Ich kante die Welt noch nicht: Alle Leute, die mit mir
umgiengen, sagten mir tausend Schmeicheleien: Ich wusste nicht, dass man einem
dergleichen Dinge vorsagte, ohne dass man auch solche glaubte.
    Nach drei Jahren kam ich wieder zurück nach Haus, ich tat hernach in
Begleitung meines Hofmeisters auch meine Reisen, und fand bei meiner Wiederkunft
meinen Bruder verheiratet. Dieser war von einem neidischen und eigennützigen
Gemüt: Er betrachtete mich nur wie den Kadet vom Hause, und konnte nicht wohl
leiden, dass ich mir das Ansehen gab, als ob ich mir auch ein Recht darin
anmaste.
    Mein Vater wusste solches: Er war darüber sehr betrübt. Ich behielt dich,
mein liebster Sohn, sprach er einsmahl zu mir, gern noch eine Weile bei mir: ich
werde baufällig, und darf über einige Jahre zu leben nicht mehr hinaus rechnen.
Wie vergnügt wolt ich sterben, wenn du mir köntest die Augen zudrücken. Allein,
ich sehe mit bekümmertem Hertzen, dass dich dein Bruder nicht liebt. Wir können
doch nicht immer
