, sich vorn hin auf einen von den Stühlen zu setzen, welche
noch leer warm: Er weigerte sich nicht lang, sondern begab sich nach dem
angewiesenen Platz.
    Der Graf meinte nicht, dass ihm noch Aufmerksamkeit für den Vortrag des
Fürstens übrig bleiben würde, so sehr hatten ihn die verschiedene Gestalten, die
ihm hier in die Augen fielen, eingenommen. Er sah unter andern die älteste
Prinzessin mit Verwunderung an: er betrachtete sie mit einer Art, die ihr
ungewöhnlich schien; sie errötete darüber und empfand in ihrem Gemüte etwas,
so ihr selbst unbekant war.
    Die Gesänge, davon man dem Grafen ein Buch gereichet hatte, gingen über
diesen Betrachtungen zu Ende. Der Fürst begunte seine Rede: er tat solches mit
einem überaus natürlichen und ungezwungenen Wesen: er las einige Sprüche aus der
zwölften Epistel Pauli an die Römer, und machte darüber unter andern folgende
Anmerkungen.
    Die Menschen, sagte er, hätten insgemein einen sehr ungleichen und falschen
Begriff von dem Wort: Gottesdienst. Gott sei ein vollkommenes und sich selbst
genugsames Wesen, dem wir eigentlich durch nichts einen Dienst erweisen könnten.
Seine Absichten in Ansehung der Menschen, gingen bloß dahin, sie einer
immerwährenden Glückseligkeit teilhaftig zu machen: In diese Absichten müssten
wir eingehen. Gott dienen, hieß also nichts anders, als sich ihm darstellen in
einem reinem Gehorsam, seinen Willen zu tun; und ihn, als das höchste Gut, zu
verehren und zu lieben. Durch diese inwendige Neigung des Herzens hielt sich der
Mensch in einem steten Zusammenhang mit GOTT, und zög durch seinen Geist aus ihm
alles Licht, alle Weisheit und alle Tugend, die zu seiner Glückseligkeit
erfordert würde; nicht anders, als wie das natürliche Leben, durch das
beständige Atmen und Ziehen der Luft, sich fortführte.
    GOTT wirke in der ganzen Natur nach einer unwandelbaren Ordnung, darzu alle
geschaffene Dinge, ein jedes nach seiner Art, ihre Bewegungen einrichten müssten:
so lange die Menschen dieser Ordnung gemäß lebten, so lange blieben sie auch in
der Ubereinstimmung mit dem Göttlichen Willen, und wären glückselig; so bald sie
aber durch ihre Unordnungen und Ausschweiffungen sich von ihm abwendeten; so
verfielen sie auch in die Strafen, damit die Natur diejenigen plagte, welche die
Ordnung ihres Schöpfers verkehrten.
    Der wahre Gottesdienst wär also nichts anders, als die Beobachtung unserer
Pflichten gegen Gott, gegen seine Geschöpfe, und gegen uns selbst: nichts wär
unserer Natur zuträglicher und angenehmer, als in dem Dienst eines solchen Herrn
zu stehen, der uns nur suchte glückselig zu machen.
    So zerstreuet Anfangs die Aufmerksamkeit des Grafens war, so enge zog sie
dieser Vortrag zusammen. Die Art womit der Fürst sich vernehmen ließ, schien
mehr einem vertraulichen Gespräch, als einer voraus
