 so hätte mich der Jachzorn
ohn allen Zweifel dahin verleitet, Livicarden auf ihren Zimmer zu erschießen
oder sie aufs wenigste vor aller Welt zu prostituieren. Doch dieser hatte sich
von der gesunden Vernunft und seinem eigenen Interesse regieren lassen, setzte
demnach folgendes Schreiben an sie auf:
                               Tyrannische Dame!
                        Gestrenge Gebieterin der Henker
                               und Meuchelmörder!
Wisst, dass Euer verteufelter Anschlag, mich von zweien verkleideten Furien
(wovon Ihr unfehlbar die dritte seid) mit Strick u. Dolch ums Leben bringen zu
lassen, durch Schickung des Himmels abermals rückgängig worden und nicht nach
Eurem Wunsche abgelaufen ist; denn Merillo lebt noch, ungeachtet ihm der Hals
bereits zugeschnüret und alle Gedanken vergangen waren. Ja, er lebt noch und
vielleicht zu Eurem Unglück, wenigstens Spotte, Hohne und Verachtung bei der
honetten Welt. Wisst ferner, dass, wo Ihr mir nicht heutiges Tages vor Untergang
der Sonnen 6000 spec. Taler zu meiner Rekreation und zur Auferziehung Eures zur
Welt gebrachten uneheligen Kindes, nächst diesen 1000 spec. Taler vor vier
Personen, welche mir mein Leben errettet und um diese Begebenheit Wissenschaft
haben, in mein Quartier anhero sendet, so will ich die in meiner Gewalt habenden
Meuchelmörder morgen mit dem allerfrühesten in die Hände der Justiz liefern und
nebst Eingebung einer ordentlichen Specie facti der curieusen Welt solche
Geheimnisse vor Augen legen, die sich der tausende Mensch von einer solchen
Person, wie Ihr angesehen sein wollt, wohl schwerlich hätte träumen lassen.
Bekomme ich aber das Verlangte ungesäumt, so soll nicht allein alles, was
geschehen, unterdrückt und verschwiegen bleiben, sondern es sollen auch die zwei
gefangenen Mörder an Euch ausgeliefert werden. Nehmet es als eine besondere
Marque meiner ehemaligen Liebe und noch jetzigen Höflichkeit und Gelassenheit
an, dass ich mich den Jachzorn nicht verleiten lasse, anders zu verfahren.
Überleget Eure Affären aufs beste, inzwischen wird seine Avantage auch zu
überlegen bemüht sein
                                                                        Merillo.
Diese Zeilen lieferte ich auf des Merillo Bitten Livicarden in ihre eigenen
Hände, sie erbrach dieselben und wendete sich damit an ein Fenster. Ohngeacht
ich ihr nun nicht ins Gesichte sehen konnte, so bemerkte ich doch, dass sie unter
dem Lesen recht erzitterte und eine gute Weile als eine Statue auf einer Stelle
stehenblieb, endlich besonne sie sich wieder, wendete sich herum, sah so blass
aus als eine Leiche und sagte zu mir: Monsieur! weil ich nicht zweifele, dass Sie
ein vertrauter Freund von dem Herrn Lieutenant Merillo sind, so bitte ihm von
meinetwegen zu melden, dass es zwar einen starken Schein habe, als ob ich an dem
ihm begegneten Zufalle schuld habe, allein es ist nicht an dem, sondern ich bin
unschuldig und will mich schriftlich deutlicher gegen ihn erklären, auch heute
abend, sobald es dämmrig wird, dasjenige
