1858_Gutzkow_031 Topic 3

oft durchschnittene Losung des Momentes, vernahm er von diesem die beruhigenden, fast lachelnd gesprochenen Worte:

Ein Faden, ewig ausgesponnen,

Ist jedes Staubchen Sonnenlicht!

Die Ewigkeit hat nie begonnen

Was nie begonnen, endet nicht!

Ende des Romans.

Karl Gutzkow

Der Zauberer von Rom

Erster Band

Auf seiner Harzesfeste jubelte Heinrich der Lowe, als Friedrich Barbarossa, wie schon einmal vor ihm selbst in Chiavenna, so in Venedig vor Alexander dem Dritten die Kniee beugte und der Stellvertreter Christi die Worte der Schrift uber den gedemuthigten Kaiser sprechen durfte: "U e b e r N a t t e r n u n d Vipern will ich deine Schritte fuhren!"

Jetzt freilich, und in diesem Jahre erst, sah der Verfasser einen erlauchten ritterlichen Prinzen des osterreichischen Kaiserhauses unter demselben Baldachin, der des Patriarchen Haupt bedeckte, in Venedig friedlich dahinschreiten am Tage des Fronleichnam. Die schmetternden Klange der Horner, Posaunen und Ophikleiden der deutschen Regimenter hallten an den Wanden des Marcusplatzes wider. Schlachtengebraunte Generale, den Hut unterm Arm, folgten dem Zuge, den ein weisses, vor wenig Tagen geworfenes Lamm, mit rothen und blauen Bandern geschmuckt, eroffnet hatte. Ein blonder Knabe in weissen, schleifenbesetzten Atlasschuhen, angethan wie einer jener spanischen Infanten, die auf furstlichen Familienbildern Tizian malte, fuhrte das Symbol der Kirche an einem rothen Gangelbande.

Und dennoch ist der Streit der W e l f e n u n d G h i b e l l i n e n noch unbeendet!

Unausgefullt die Kluft der deutschen Einheit und der lateinischen und germanischen Welt uberhaupt!

Diejenigen Cabinete kennen wir, denen wenig damit gedient gewesen, als die "Schlacht von Bronzell" nur eine traurige Caricatur wurde!

Wir haben die Liga, haben die Union! Was verburgt uns, dass nicht das Vaterland eine zweite Schlacht von Muhlberg erlebt, die einst gefahrvollste Stunde unserer Geschichte ... Nur selbstverstandlich wird der Kaiser, der beruhigend den knieenden Fursten zuruft: "Nicht Kopf abe!" kein Spanier sein.

Das alte blut- und thranenreiche d e u t s c h e V e r m a c h t n i ss , die Spaltung in Sud und Nord, kann noch immer die Bresche werden, uber welche hinweg unsere Heiligthumer, Sprache, Bildung, Nationalitat, Volkswohl, im Volkersturm genommen werden, und fruher oder spater ist die Stunde da, wo entschieden wird, ob die Welt den Slawen, Celto-Romanen oder Germanen gehort.

Die nachfolgende Dichtung will, soweit dem Worte eine Wirkung zukommen kann, beitragen helfen die vaterlandische Einheit zu fordern. Sie will warnen, will ermuntern. Sie will die Gefahren aufdecken einer trugerischen Lockung. Sie will den "lieblichen Ton der Pfeife des Vogelstellers" nachweisen selbst in dem Busch, wo Tannenzapfen, nicht Orangen reifen. Sie will einem grossen, sehnsuchtigen, auch von ihr heilig gehaltenen Hang und Drang der christlichen Volker wurdigere Ziele zeigen, als sie sich bisher in der fernen Fata-Morgana spiegelten. Sie will fur jene heraufziehende Entscheidung den germanischen Kampfesmuth schuren, tausendjahrigen Siegerstolz nahren helfen, will den Verrathern unsers eigenen Heerlagers auf ihren geheimsten und nachtlichsten Pfaden folgen. Sie will

Doch spreche die Absicht des Buches aus ihm selbst!

Der Verfasser widmet es seinem Volke und seiner Zeit.

Er stellt diese Widmung mit ruhiger Ergebung in die Aufnahme, die von einer Seite aus nur die feindseligste werden kann. H a u f e s i e S c h i m p f u n d Schmach ein Theil der angestrebten Wirkung wird dann erreicht sein.

Wohlwollenden aber, Uebereinstimmenden, Gerechten den innigsten Gruss zuvor! Der Verfasser kennt aus schoner Erfahrung das Gluck, fur Gemuther zu schreiben, die den Autor gleichsam nur bevollmachtigten das zu sagen, was schon lange ihnen selbst auf dem Herzen brennt. Eine der seligsten Wonnen Uebereinstimmung! Ein nur leise angeschlagener Ton und die Hingebung und Liebe fuhren ihn weiter! Wissen: hier lachelt der Leser wie du: hier feuchtet sich sein Auge wie dir: hier errath er dein Rathsel, noch ehe du zu Ende warst es zu stellen: hier konnte er deiner einfachen Andeutung eine Fulle eigener Erfahrung an die Hand geben: welche Kraft entstromt diesem sichern Bewusstsein! Findet ihr zu viel grelles Licht, i h r seid gewiss, der Schatten wird nachkommen; dunkelt es zu lange, i h r vertraut, dass es bald am Licht nicht fehlen wird! Was ist hier Gutes, was Boses? rufen wol schon im Beginn die, die gewohnt sind nur sich selbst zu horen. I h r ermudet nicht, die Anklage oder Vertheidigung der Charaktere allmahlich erst sich aufsummen zu sehen. N u r schwarze oder weisse Menschen haben wir Engverbundene in unserm Erfahrungsbuche nie finden konnen und ... stelle doch, du gefallenes Titanengeschlecht, Menschheit genannt, dem Weltenrichter einst grosse Aufgaben! Spruche urtiefer Weisheit fallen am Jungsten Tage, nicht Schulcensuren ...

Das erste der neun Bucher ist nur ein Vorspiel, der erste, schwere Jugendtraum eines in solcher Art "gemischten" Charakters. Der Roman selbst, sowol in Form wie Bedeutung nach den Anforderungen an einen Roman des neunzehnten Jahrhunderts, wie ihn der Verfasser in seinen "Rittern vom Geist" zu definiren wagte, beginnt erst mit dem zweiten Buche. Die kleinen Funken, die dort erst zu zunden bestimmt sind und die in den Vorgangen des ersten Bandes, dem jungen Dammerleben einer weiblichen Seele, nur spielend auf- und niederhupfen konnten, wird des Kenners Auge leicht herausfinden. Sei ihre Irrlichtsnatur auch dafur Burge, dass jetzt wie fruher der Verfasser nichts um der nachsten Deutung willen schrieb oder mit grober Absichtlichkeit dem freien Schwebegang der Muse Zwang anthun wollte! Wie sonst wird auch hier das Gesetz des Lebens walten und jede freie Lust am Dasein, jede Regung der naturlichen Empfindung den Keim ihrer hohern Deutung in sich selbst oft vollig unbewusst tragen. Denn in solchem Humor leben wir. All unser Denken und Handeln ahnt die Schatten nicht, die es im Licht der Wahrheit wirft.

D r e s d e n , im Juli 1858.

Erstes Buch

1.

Langen-Nauenheim ist eines jener nordhessischen Dorfer, die mitten im Herzen Deutschlands liegen und denen dennoch nicht so warm gebettet ist, wie es an der Brust einer so grossen Mutter, wie das Vaterland, sein sollte.

Sieht man die verfallenen Hutten mit ihren Strohund Schindeldachern, die dunngesaeten wie frierenden Halme auf den Feldern, das spatreifende Steinobst an den wenigen Baumen oberhalb eines der vielen Bache, die da- und dorther von den rothen Felsen des Gebirges so behend niedereilen, als suchten auch sie, wie andere Murmelquellen, blumengeschmuckte grune Matten, so begreift man nicht, wie noch all der Kummer und das Elend es hergeben, dass in der Landeshauptstadt jeden Mittag Schlag zwolf Uhr eine so prachtige Wachparade mit goldgestickten Uniformen und stolzberittenen Husaren aufziehen kann.

Aber Langen-Nauenheim ist darum auch so gut regiert wie Klein-Bockenheim und Ober-Heddersheim, und hat am Eingang und Ausgang seinen bunten Pfahl mit den Landesfarben und den Namen des Regierungs- und Steueramtsbezirks, zu dem es auf Gottes Erdboden gehort, hat sein Amthaus, seine Spritzenordnung, seinen Feuerversicherungszwang, seinen Buttel, seinen Nachtwachter und seinen sogar landesherrlich salarirten Schulmeister.

Letzterer heisst Gottlieb Schwarz.

Gerade jedoch sein Hauschen ist keines von den schmuckern.

Es lehnt sich fast an die Kirche an, die selbst so grau und geflickt zwischen zwei kleinen Hugeln liegt wie ein grosses Storchennest zwischen den Hornern eines Strohdachgiebels. Es hat sogar Fenster, wo die Scheiben mit alten Schulheften geflickt sind; der Regen corrigirte die Schreibfehler und falschen Grundstriche der bildungsbeflissenen Jugend. Ein Gartchen liegt dicht in der Nahe mit einem Staket von durrem Reisig, zwischen dem im Juni manchmal einige Erbsen bluhen, falls man im April sie zu saen nicht vergessen hat, was auch schon vorgekommen ist.

Vor Jahren ... ja, damals war es noch anders.

Damals war Gottlieb Schwarz selbstverstandlich noch jung, noch mit rosigen Hoffnungen aus einem hochloblichen Landes-Schullehrerseminar hervorgegangen. Wie herrlich hatte sich das ausgenommen, wenn die jungen Volks-Lehramtscandidaten im Seminargarten Rosenstocke veredelten und susse Birnen auf sauere Quitten pfropften! Auch Seidenzucht trieb man, versandte auch wenigstens im Geiste den kostlichsten Honig an die Lebkuchler von Frankfurt am Main und Nurnberg! In der Theorie bewahrte sich alles prachtig und vielleicht auch einige Jahre in der Praxis, wenigstens zu Langen-Nauenheim, am Diemel-, Demel-, Donners- und Dustersbach ... die Geographen haben unter vier Bachen, an denen sie Langen-Nauenheim konnen liegen lassen, die Auswahl ... dann aber ... ja dann folgte vorzugsweise ein Weib, das nicht richtig gewahlt war, folgten Kinder, sieben "lebendige", nachstdem keine Beforderung, keine "Aufbesserung", immer die aschgraue Zukunft und das vielbesprochene Leid eines deutschen Schullehrers, eines Berufes, den plotzlich eines schonen Morgens in Deutschland, dem Vaterlande des Gedankens, der Buchdrucker- und Buchmacherkunst, niemand mehr gewahlt haben wird, weil allerdings bei der Locomotive den Ofen heizen eintraglicher ist.

Gottlieb Schwarz erntete, vollends als Witwer, Brennesseln, wo er einst von oculirten Rosen getraumt hatte ... von jenen saftigen, langlichen, so schon, so schon rothlich angesprenkelten Birnen, die man beim Dessert eines frankfurter Bankiers Tafelbirnen nennt und die selbst die eingeladenen Diplomaten nicht verschmahen in die Tasche zu stecken und sie ihren Kindern vom Diner mit heimzubringen ...

Doch um von Kindern zu reden ...

Gottlieb Schwarz wird soeben von seinen sieben "Lebendigen" eines "los".

Das ist die Lucinde, die Aelteste! Dies mit der damals noch nachschimmernden Romantik des Seminars getaufte Kind Maria Ludovica Lucinda ist eben dreizehn Jahre alt und im Begriff die "Kinderlehre" zu absolviren. Ein nach dem unpoetischen Vergleich eines Fuhrmanns wie eine "langhalsige Flasche" aufgeschossenes Madchen steigt in eine Kutsche zu einer vornehmen alten Dame, die sie nach der Residenz entfuhren will.

Maria Ludovica Lucinda, die mit solchem Staatsnamen Getaufte, die hatte der Vater eigentlich lieber behalten sollen. Sie war in seiner spat geschlossenen Ehe das erste spatgekommene Kind gewesen (als eines den Anfang gemacht, ging das Niederkommen rascher, die Natur hat ihre wunderlichen Gesetze); sie war noch, wie ihr Name zeigte, von leuchtenden Hoffnungen begrusst gewesen, und Ida, Clara, Estrella, Balduin, Hugo, Achilles, Patroklus, was sollte nicht noch alles ihr nachfolgen! Doch blieb der hoffnungsvolle symbolische Aufschwung nur bei der Erstgeborenen, und die Spatern hingen schon alle von den Namen derer ab, die ihnen ein Pathengeschenk ins Tauftuch binden konnten. Lucinde, die Romantische, ein Nachhall verklungener Jugend-Zaubertone, goldenes Morgenroth des Lebens, dass wir dein Bild einst nur noch einmal wiedersehen, im Abendroth! Lucinde verwerthete sich dem Witwer noch am besten von seinem reichen Kindersegen. Die "Lange" hatte Neigung zum Schulmeistern. Sie konnte zwar keinen Eierkuchen backen ohne ihn anzubrennen, aber sie stand dem Vater in seiner schon sogenannten "Schulfuchserei" bei. Sie sprach gerade nicht englisch, nicht franzosisch, aber an einer alten Wandlandkarte, die sich staatsinventariumsmassig im Langen-Nauenheimer Schulhause erhalten hatte aus einer Zeit, wo man noch einige Inseln der Sudsee und das Innere Afrikas nicht entdeckt hatte, konnte sie stundenlang stehen und ihrer Zuhorerschaft Wunder vortragen von den Pyramiden, die sie nach Amerika, von den Porzellanthurmen, die sie nach Afrika versetzte. Alle die Gegenden, wo es noch Baren und Wolfe gab, wurden der Langen-Nauenheimer Jugend von ihr im hintersten Indien gezeigt, womit freilich im Widerspruch stand, dass der Revierforster der zwei Dorfer weiter wohnenden Herrschaft dann und wann noch einen von "da druben heruber", dem Rhongebirge, kommenden Wolf gegen Weihnachten geschossen hatte.

Gottlieb Schwarz war schon lange in der Stimmung, zu allem, was ihm das Leben bescherte, nur zu lacheln. Die wilden Verzweiflungen, wo der Mensch sich in die Haare fahrt und "Gott! Gott! Gott! ist's denn moglich!" oder dergleichen dumme Redensarten ausstosst, hatte er hinter sich. Er lachelte zu dem Abschied seiner Lucinde. Mussten die Kinder einmal "versorgt" werden, so fangt man ja von oben mit der "Latte" an. Die Nachste nach der "Latte", ein Kind, das schon mit irdischerm Namen nach der Frau jenes Revierforsters Luise hiess, verstand sich zwar nicht so gut auf Geographie wie Lucinde, aber sie rechnete besser und ihre Eierkuchen brannten nicht an; Hannchen vollends, die Dritte wieder nichts Mythologisches war erst zehn Jahre alt, hatte aber mehr Sinn fur die Wirthschaft als die beiden Aeltesten zusammengenommen; sie liess sich nie die Muhe verdriessen, nach den geheimen Orten zu suchen, wohin die Huhner ihre Eier legten, sie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geschwister zum Kleiderschonen und Nasenputzen an. Endlich bestand der Rest der Nachkommenschaft des fruh gealterten Mannleins aus Knaben, und von denen konnten sich erst zwei die Hosen zuknopfen.

Das Rathsame, warum erst Lucinde weggegeben werden musste, lag besonders darin, dass sie sehr hubsch und etwas hoch hinaus war. Sie hatte kostspielige Liebhabereien. Schwarz von Namen und von Haar und Augen, pflegte sie sich gerade gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurrothen Stuck Zeug zu putzen, mit Bandern und Lappen, und hatten diese ringsum die Pachterstochter oder die Frau Pfarrerin selbst schon nahe am Wegwerfen gehabt; die flocht sie in das dunkle, schwere und etwas rauhe, ja rossmatratzenmassige, weil ungepflegte Haar. Sie hatte ferner die Liebhaberei, unendlich trage, gerade herausgesagt faul zu sein, sich den Sonnenschein so in den offenen kleinen, rothlippigen Mund scheinen zu lassen, dass dabei die weissen Zahne wie Perlen blitzten. Sie hatte die Liebhaberei, sich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Taubenschlag zu halten. Kurz, der Vater liess die Lucinde ziehen, und sie ging gern: ihre Leidenschaft war die Geographie und ihre Traume spielten "jenseit der Berge".

Das halbe Dorf umsteht den Wagen, mit dem Lucinde in die Residenz fahrt.

Man sieht, was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird ... Zwar nicht die vier Hemden, die sechs Taschentucher, das Dutzend Strumpfe, ihr Sonntagskleid, die ein zugeknopftes Bundel machen; aber den selbstgefertigten Seidenhut, fur dessen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin, fur dessen Besatz Bander und Lappen von allen Honoratioren, die hier im Bereich der vier Bache wohnten, entlehnt worden waren. Ihre Toilettegerathschaften waren in einem wunderlichen Korbe beherbergt, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelachter hervorruft. Es ist ein drahtgeflochtener Bienenhelm, in dem Gottlieb Schwarz, ehe er sich verheirathet hatte, in seinem damals erfreulichern Gartenwesen noch nach dem Leben und Weben in seinen Bienenkorben geschaut und Verwirklichung seminaristischer Ideale getrieben hatte. Manche von den Aeltern, die herumstehen, wissen noch, dass das "Klima" bald ausserlich bald innerlich fur Bienenzucht hier zu Lande zu rauh wurde. Dann hatte Lucinde oft diesen Helm benutzt, um der Schuljugend poetische Schauer und Schrecken einzujagen. Als praktische Erlauterung ihres Geschichtsunterrichts uber das Mittelalter rannte sie mit vermummtem Kopfe den Kindern nach und veranlasste Turnierschauspiele, bei welchen mancher Ente der Fuss verrenkt wurde. In diesen dorfbekannten Helm hat Lucinde alle ihre Geheimnisse verpackt, auch ihre Nah-, Strick- und Stickapparate, die ihr leider in jeder Beziehung zu sehr Geheimnisse geblieben waren. Dann kommt ein Sack mit gedorrten Zwetschen von jener Langen-Nauenheimer Art, die erst sechs Stunden im Wasser quellen muss, bis sie ans Feuer kommen darf, und auch dann noch wie ein Gericht Kieselsteine schmeckt; ferner ein Kober voll Eier, die sehr behutsam im Innern des Wagens untergebracht werden, und zuletzt auf die Hohe des Gefahrts, uber dem Verdeck, ein grosser Waschkorb, den Lucinde sehr feierlich zuruckzuschicken versprechen muss. In ihm gurrt, gluckst und gurgelt es durcheinander. Es ist ihr Taubenschlag. Ohne ihre Tauben mochte Lucinde nicht mit in die Stadt, und die vornehme Dame hatte gerade fur diese die bequemste und passendste Unterkunft versprochen.

Die Abreise Lucindens war gewiss etwas Merkwurdiges und Seltsames. Sie erregte Staunen genug, jedoch nur Staunen. Keine Thrane floss, beim Vater nicht, bei den altern Geschwistern nicht; die jungsten weinten nur, weil sie nicht "mitgenommen" wurden. Die Hauptsorge des Vaters war das baldige Zuruckschicken des Waschkorbes; er schlug den Nacht-Eilwagen, die Fahrpost, die Briefpost, die Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwahlende beste Retourgelegenheit vor. Die Tauben gab er leichter hin; die kosteten ihm ein "Schreckliches" an Erbsen und dem ganzen Hause an Zeit. "Wer sich Tauben halt, ist immer ein verdorbener Millionar", war einer von den Satzen, wie er dergleichen vor dreissig Jahren in sein Tagebuch zu schreiben pflegte.

Die Kutsche fahrt ab; die Leute sehen ihr nach wie der Thurn und Taxis'schen Post. Das Fremde kommt, das Fremde geht ... Gottlieb Schwarz steht vielleicht am langsten. Dann nimmt aber auch er erst nachdenklich noch eine Prise, die er sich "auch noch zu seinem Verderben" angewohnt hat, und geht nun es ist Sonnabend Nachmittag, die seligste Zeit des Schullehrerlebens in die am Ende des Dorfes, vor dem grossen Berge liegende Fuhrmannsausspannung. Da pflegten die Fuhrleute und mehrere Conducteure der Thurn und Taxis'schen Postcurse Vorspann, geistigen und leiblichen, zu nehmen. Es war immer eine muntere Welt dort; auch eine frankfurter Zeitung lag auf, die Lucindens Vater eifrig studirte, um auf den Ausbruch besserer Zeiten gerustet zu sein. Die Zeiten, wo er im "Beiwagen" derselben gesucht hatte, ob nicht endlich seine letzten Einsendungen, die "Ferienphantasieen eines deutschen Dorfschullehrers", seine "Jubel-Vorschlage zur Verbesserung der Volkserziehung", seine "Beobachtungen uber die merkwurdige Entwickelung eines Hagebuttenpfropfreises zur Erzielung veredelter Dornroschen", sein "Aufruf an die deutsche Nation zur Abschaffung des uberflussigen Dehnbuchstabens H", zum Abdruck gekommen waren, die lagen weit schon, weit, weit ... hinter ihm ... Um die Erinnerungen zu stopfen und sich gleichsam uber die Versorgung seines Kindes zu freuen, trinkt er wol heute einen Schoppen mehr von dem etwas schweren Bier, das die Fuhrleute lieben, ehe sie uber den grossen Berg machen ... Wol war es bedenklich, dass Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr verkehrte, als seiner Stellung und besonders dem spaten Heimwanken gut war, wenn Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brucklein von vier Bachen beachtet werden mussten, die da alle so still und kuhl mit dem Leid der Menschen dahinfliessen.

2.

Und nun, da sitzt sie denn, die "lange Latte", die "Aufgespillerte", die "Dreege" (Magere), mit ihren um den kleinen Kopf gewundenen schwarzen Zopfen, ganz das Abbild ihrer Mutter, einer Feldwebeltochter, deren Vater in der Residenz ein silbernes Porteepee hatte tragen durfen und der sich unter dem "dummen Bauernvolk" als civilversorgter Kreissteueramtscontrolschreibereiassistent einen Steuerrath selbst gedunkt hatte. Trotzig und scheu, angstlich und fest, nicht mit Absicht, sondern von Natur so gemischt, hockte das halbreife Madchen in einem verwaschenen ehemals rothlich gewesenen Kattunkleide, das ihr schon lange zu kurz und zu eng geworden war, in der Ecke der Kalesche, die langsam die Anhohen hinaufschleicht, gefuhrt von einem halbwuchsigen Burschen, der die Gaule sie waren gemiethete, wie der Wagen schonen soll.

Die alte Dame, die ihr zuspricht sich nicht zu furchten, sondern der glanzendsten und besten Schicksale gewiss zu sein, ist einem "Nachtmahr" nicht unahnlich. Wenigstens hat sie eine Nase, die in einer bestandigen Neigung scheint auf das vorgestreckte Kinn einen zartlichen Kuss zu drucken. Zwischendurch ist nach den allgemeinen Gesetzen der Natur, insoweit sie sich auf die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken, bei dieser edeln Frau ein Mund anzunehmen; doch suchte man vergebens nach etwas, was wie zwei Lippen ausgesehen hatte. Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden, so presst sie doch die gluckliche Inhaberin derselben so zusammen, dass sie nach oben in der Nase, nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen. Versucht die Dame ferner, was sie oft thut, uber die Oeffnung, die man Mund nennt, ein Lacheln zu zaubern, so sieht man einige Zahne, die wie die einsamen, gekopften Weidenstumpfe an den Bachlein standen, die man hier zu passiren hatte. Die Sprache der Dame ist hochdeutsch, soweit ein gewisses Rocheln und Schnurren unartikulirter Zwischentone es erkennen lasst, sonst sogar was man gewahlt nennt und "nicht frei von Bildung". Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu Gehor, als wenn jeder Satz sich in den innern Gangen der Brust verliert. Wie die herabgelassene Eimerkette eines grossen Ziehbrunnens verrollten die hubschesten Anfange ihrer Reden fur das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich anschielenden Kindes in dunkle und unverstandliche Abgrunde.

Den Namen ihrer Wohlthaterin und ihren Stand kannte Lucinde, die bereits hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter dem ersten Nachbardorfe schon noch kurzer in Jette umgetauft wurde. Sie fuhr mit der verwitweten Frau "Hauptmannin" von Buschbeck. Die Dame behauptete in der Nahe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben, welches "Liegen" sich Lucinde (oder mussen wir nun auch sagen Henriette?) ganz figurlich vorstellte. Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmannin sich uber den Dorfsegen ergotzt haben, der gerade aus dem Schulhause stromte, an den lachenden, frohlichen Kindern, und am meisten hatte ihr "Lieb-Jettchens" Erscheinung gefallen, die die Kinder gerade aus der Thur entliess und jedem, der nicht Ordre parirte, tuchtig sie erzahlte das soeben lebendig und mit manchem wohlwollenden, leider im Husten erstickenden Hi! Hi! wieder, einen "Starnicksel" mit auf den Weg gab. Denn Ordnung muss sein! rochelte die Hauptmannin, als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam, und fugte dann nach und nach hinzu:

Sitz aber gerade, Kind! Schlag nicht die Beine so ubereinander, du langes Ding! Ja, sauge doch nicht an den Nageln, Kerl! Guck mir doch nicht zum Schlag hinaus, wenn ich dir's nicht befohlen habe, du ! Ach was, ach was! Nenne mich meine liebe gnadige Frau! Hm, Hm! Lieb-Jettchen! Zieh mir einmal die Schuhe aus, ich glaube, es ist mir ein Stein hineingekommen! Kind, kratz mir ein bissel den Rucken, ich glaube, ich habe was aufgegriffen unter euch verfluch oder s'ist mein gewohnlicher Rhevmatismus! So, Jette! So! Ha! ha! Ein solcher Name! Lucinde! Wer soll das aussprechen! Solche Schullehrermucken! Halt dich gerade! Sitz nicht so krumm! So! Brav! Wir werden schon einig werden!

Lucinde that mit Ergebung alles, was ihr befohlen wurde.

Die gnadige Frau von Buschbeck hatte bei ihrer letzten Bewunderung des Langen-Nauenheimer Kindersegens dem Vater den Vorschlag gemacht, diese unter allen hervorragende Erscheinung in die grosse Stadt mitzunehmen, sie wie ihr Kind zu behandeln, sie ausbilden, erziehen, in Musik und Sprachen, schonen Kunsten und Wissenschaften unterrichten zu lassen.

Lucinde hatte dem uberraschten und geschmeichelten Vater gelobt, dieser wunderbaren Frau, die auf den Feldern hier Kapitalien "liegen" hatte, unbedingt zu folgen und sich zu fugen, in allem, in jedem, und so ihr Gluck zu machen, "was man in Langen-Nauenheim bekanntlich nicht machen konne", wie er dann selbst hinzusetzte. Lucinde hatte dabei gedacht: "Wie weit Amerika ist (wo manche Langen-Nauenheimer schon versucht hatten ihr Gluck zu machen) weiss ich!" Sie dankte daher auch, nach dem Ausdruck ihres Vaters, "ihrem Schopfer", dass eine solche Frau sich gefunden, die sie so ohne weiteres und geradezu innerhalb funf Stunden aus dem Nest mit sich heraus und in die Welt nahm. Um elf Uhr hatte die fremde Dame den oft bewunderten "Kindersegen" wieder bewundert, um ein Viertel auf zwolf Uhr die Vorschlage gemacht, um vier Uhr kam sie von den Gutern zuruck, auf denen sie Kapitalien "liegen" hatte, die Bedenkzeit, die sie gelassen, war verstrichen, der erste Widerstand Lucindens nicht hartnackig, ausgenommen was ihre Tauben anbelangte. Diese, wie gesagt und wie wir auf dem Verdeck horen konnen, nahm sie mit, und so hatte Lucinde nicht einmal vorher noch dem Pfarrer, bei dem sie in "Kinderlehre" ging, oder der Frau Pfarrerin Abschied gesagt, ja nicht einmal gegessen und getrunken. Das Letztere war vorlaufig das Schlimmste. Sie suchte der gnadigen Frau den Stein aus dem Schuh, sie kratzte ihr den Rucken, sie horte nicht blos auf Jettchen, sondern sogar schon auf Jette, nun aber bekannte sie auch, dass sie nichts gegessen und getrunken hatte. Na, das war ja gerade das, wonach die Frau Hauptmannin schon lange hatte fragen wollen, denn ihrerseits behauptete sie auch, zwar nicht Hunger, aber Durst zu haben, doch im nachsten Orte gabe es ein vortreffliches Wirthshaus, und daselbst ein vortreffliches Bier; und als sie naher kamen, entdeckte sie, dass sie einen andern Ort gemeint hatte ... das Wirthshaus da, das kenne sie, da ware alles schlecht, das Bier, die Milch, und da ihr selbst der Durst inzwischen vergangen war, so schickte sie die Jette blos an den Brunnen. Die hatte nun wieder kein Gefass und trank aus der hohlen Hand. Dass sie auch Hunger hatte, war in der liebevollen und grundlichen Erorterung uber ihren Durst vergessen worden.

Es war schon Abend, als die Kutsche endlich in der Residenz anlangte. Die Laternen brannten schon; nach Ansicht mancher Opponenten der Communalverwaltung duster und sparsam; fur Lucinden war es Feenbeleuchtung. Der arme Tropf sah sich wirklich an den himmelhohen Gebauden, an den Lichtern, an den Carrossen und vielen Menschen "satt", wenn auch die Frau Hauptmannin, als die mude Kalesche so schlaftrunken uber das Strassenpflaster hintaumelte, jetzt ein Nachtessen, das sie sogar ins Franzosische ubersetzte und Souper nannte, in glanzende Aussicht stellte.

Die Passagiere hielten dann in einer der lebhaftesten Strassen an. Lucinde und der junge Wagenlenker luden das Gepack ab, auch die Eier, auch die Zwetschen, auch den Bienenhelm, und vor allem den Taubenschlag. Alles kam durch gemeinschaftliche Anstrengung drei Treppen hinauf. Niemand oben empfing sie. Lucinde musste vor einer verschlossenen Thur die Herrlichkeiten huten, bis die Frau Hauptmannin nachgekommen war. Sie kam mit den heftigsten Verwunschungen uber die Hohe des Trinkgeldes, das der kleine Knirps von Kutscher gefordert hatte. Dazu die drei Treppen; sie brauchte Zeit, bis sie sich sammeln und das Vorlegeschloss ihrer Wohnung prufen konnte. Nachdem dies geschehen, genug geruttelt und gerasselt war, schloss sie auf. Lucinde trat in einen kleinen Gang, zu dessen Rechten die Kuche lag. Hier machte die vornehme Dame Licht und beaufsichtigte den weitern Transport des Mitgebrachten. Beim Verschliessen der Eier im Kuchenschrank beleuchtete sie einen steinhart gewordenen Laib Brot. Ja so! sagte sie. Unser Souper! Da, Jettchen, rasch! Flink! Druben im Laden! Wo ist denn meine Borse! Hole hier!

Lucinde sollte rasch hinunterspringen und gegenuber in einem Laden frisches Brot holen, auch von nebenan Butter und von noch weiter nebenan aus einem Keller Rettiche, die sehr delicat schmeckten, wenn man, sagte Frau von Buschbeck, einen Salat draus machte mit Essig und Oel ...

Wie das alles so wonnig mundete!

Als aber Lucinde schon im Gehen war und noch einmal zuruckkam, weil sie ja das Geld vergessen hatte, sagte die freundliche, liebevolle Dame:

Kindchen, bist doch wol zu mude, auch zu fremd, und wirst es nicht finden!

Und nun schnitt sie schon von dem alten Brote vor und holte aus einem andern Schranke mit kostbarem Porzellan von buntgemaltem meissener Rococo ein allerliebst geformtes Napfchen, freilich nur mit Salz gefullt. Aber "Salz und Brot macht die Wangen roth!" sagte sie, und Lucinde ass Salz und Brot.

Aber da purren und gurren ja noch die Tauben in dem Waschkorbe! Den armen Dingern muss drinnen recht bang geworden sein und verschmachtet sind sie gewiss auch. Morgen sollte der Tischler kommen, hatte es auf der Landstrasse geheissen, und sollte auf dem Dache eine wundervolle Vorrichtung treffen, einen Taubenschlag, der nie einen Marder zulassen wurde. Einstweilen aber wurde jetzt die Hohlung unter dem Feuerherde ausgeraumt und eins nach dem andern von vierzehn der trefflichsten veredelten Feldfluchter in diese unbequeme Wohnung eingelassen. Einen Vorbau machte man aus umgekehrten Schemeln, Besen, ausgebreiteten Scheuerlappen. Die "gnadige Frau" lachte ganz vergnuglich uber die lieben Thierchen, nahm den Sack mit Zwetschen und ging erst jetzt in ihre vordern Zimmer. Auch hier die Prufung der vorgelegten Schlosser. Auch hier ein behutsames Aufschliessen und ebenso sorgfaltiges Wiederanziehen der geoffneten Thur. Lucinde wurde nicht aufgefordert zu folgen.

Da stand sie nun, todmude, in der linken Hand ihr hartes Brot, in der rechten eine Kuchenlampe. Sie durfte nicht naher kommen, weil erst gestern gescheuert worden war, und die Decken lagen noch nicht wieder, die kostbaren, zusammengerollten, uber die Lucinde einigemal im Vorsaal schon gestolpert war. Es verging wol eine Viertelstunde, bis die Frau Hauptmannin zuruckkehrte und Licht gemacht hatte. Wie sie sah, dass Lucinde so im Vorsaal stand und unnutzerweise den leeren Wanden leuchtete, sagte sie:

Donnerwetter, das Oel ist theuer! Du kannst jetzt zur Ruhe gehen!

In der Kuche gab es noch einen gemuthlichen Verschlag in die Mauer hinein. Dort offnete die gnadige Frau und zeigte Lucinden etwas, was wie ein Bett aussah. "Jettchen" allerdings war so mude, dass sie nicht einmal ihre Bewunderung vor diesem Bette, das man wieder unsichtbar machen konnte durch zwei Thurflugel, aussprach. Sie war nur froh, den mitgenommenen Vorrath von Erbsen, den sie vorhin ausgeschuttet hatte, unterm Feuerherde verknuspert zu horen; ein paar ihr sehr liebe Kropftauben gurgelten ihre Atzung ganz horbar hinunter.

Na, und nun kleide dich aus! Gute Nacht! Schlaf nicht zu lange! Traume gut! Sage: Ich wunsche Ihnen wohl zu schlafen, meine liebe gnadige Frau! Na, wird's? Nein, ordentlich! Ich wunsche Ihnen wohl zu schlafen, meine liebe gnadige Frau! So! Das war recht! O, wir verstehen uns schon! Wir passen zusammen! Um funf Uhr aber Reveille! Verstanden? Gute Nacht!

Ahnend, was Reveille sagen wollte, und etwas ungewiss, ob sie wirklich am Ziel der verheissenen Seligkeiten war, ging Lucinde, sich reckend und dehnend, barfuss und im Hemde noch einmal nach vorn und sah durch die Glasthur. Der Vorhang liess ein Ritzchen offen, durch das sie hindurchschielte. Ei, kaut nicht die gnadige Frau gerade ihre Zwetschen frisch aus dem Sack heraus? Es muss doch wol sein, wenn's auch ein Anblick war, als wenn zwei concentrische Muhlrader sich umeinander drehten, nur jedes nach entgegengesetzter Richtung hin ... Und wie die Zwetschen auch schwierig zu schroten waren, so mundeten sie der gnadigen Frau doch vortrefflich, sodass sie schon einen Haufen Steine vor sich hin und zwar sehr sauber auf ein Papier gelegt hatte. Sie hielt offenbar ihr "Souper" und blinzelte dabei so listig mit den Augen ringsum wie eine Katze, die sich auf ihre nachtliche Wanderung nach Mausen freut, und sonderbar auch mit den Steinen liebaugelte sie, als wenn sie der lokkendste Speck waren, an den jemand anderes noch anbeissen sollte. Und endlich gar noch sonderbarer! Wenn die schwarzen Augen der gnadigen Frau einen recht stechenden Glanz bekamen, dann schien sie ganz blind zu werden. Lucinde wusste das schon aus Vorkommnissen der Reise; auch sie beobachtete scharf. Jetzt bewegte sich der Vorhang. Rasch schlich sie zur Kuche zuruck, wo sie sich ihren Bettkasten heraustappte und zusammengekrummt auf einen Strohsack sich niederwarf. Die Lade war zu kurz fur ihren aufgeschossenen Wuchs. Doch entschlummerte sie und hatte sogar die angenehme Ahnung morgen in der Fruhe doch noch Wonnen des Paradieses zu entdecken.

3.

Von dem Morgen an, wo Lucinde erwachte und im Auffahren fast lebensgefahrlich an die spitze Nase der Frau von Buschbeck stiess, die sie ein fur allemal bedeutete: So lange durfe sie niemals schlafen! (es schlug eben eine Uhr mit heiserm Tone, nicht unahnlich dem Bellen eines alten asthmatischen Mopses, funf!) von diesem Morgen an blieb Lucinde ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage und drei Stunden bei der Frau "Hauptmannin" von Buschbeck und in den seltsamsten Verhaltnissen.

Schon von der Frau, die funfeinviertel Uhr die Milch brachte, horte Lucinde ein lautes Lachen:

Wieder einmal eine in die Falle gegangen!

Weiter war die Milchfrau nicht gekommen, denn schon schlorrte die Frau Hauptmannin im "Nachtjoppel" und mit einer Haube, deren Spitzen sich in die uns schon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Nase als Drittes im Bunde einzumischen suchten, aus der vordern Stube heraus und verwies Lucinden jeden unnutzen Aufenthalt mit den Leuten, die "ins Haus kamen". "Ins Haus" nannte sie ihre Wohnung, bestehend, wie Lucinde sah, aus der Kuche, einem dunkeln Entree mit Guckloch durch die Thur zur Hausflur, einer Schlaf-, einer Wohn- und Putzstube. Ueberladen aber war die Moblirung der kleinen Etage allerdings. Fur ein zweistockiges Haus wurde sie ausgereicht haben. Was am ersten Abend Lucinde schon beim Beobachten des Zwetschenmahles befremdet hatte, waren eine Menge ausgestopfter grosser Vogel, einige aus Steinen gemeisselte hassliche Kopfe, die Gotzen vorstellten, ein Porzellan-Chinese mit einem grossen Pfauenwedel, auch eine Lanze, die quer an der Wand hing, mit einem Kocher voll Pfeile, die, wie sie spater erfuhr, vergiftet sein sollten. Alle diese Dinge hatte der Herr von Buschbeck aus Indien mitgebracht. Er war Hauptmann in niederlandischen Diensten gewesen, und seine Witwe lebte von einer Pension, die sie, wie sie sagte, aus dem Haag bezog ... die Gelder ausgenommen, die sie auf dem Lande "liegen" hatte.

Diese vergifteten Pfeile beschaftigten Lucinden so sehr, dass sie gleich in der zweiten Nacht von der gnadigen Frau traumte, die ihr im Schlaf erschien und einen dieser Pfeile gerade aufs Herz setzte. Sie schrie im Schlaf auf, und wie sie aus ihrer Bettlade in die Kuche blickte, huschte auch etwas dahin und klappte nach der Entreethur zu. Sie horchte langer, entdeckte aber nichts. Als sie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben sah, der Tischler war noch nicht bestellt worden, weil Lucinde nicht fruher ausgehen sollte, als bis ihre "Garderobe" ganz in Ordnung war; sie hatte daran den ganzen Tag nahen mussen da lag ja eine von ihnen todt! Das Opfer war glucklicherweise keiner ihrer Lieblinge. Frau von Buschbeck bedauerte den Unfall, fand es aber angemessen, dass man die Taube nicht ganz "umkommen" liess. Sie wurde zu Mittag von ihr selbst, wie sie's nannte, au gratin zubereitet. Dass Lucinde von einem ihrer Taubchen selbst nichts essen mochte, that ihr leid, denn sie sagte, sie hatte darauf gerechnet. Lucinde musste sich deshalb mit einer einfachen Milchsuppe begnugen.

Schwerlich wurde Lucinde von der Milchfrau ein ferneres uberraschendes Wort, das wir gleich berichten wollen, vernommen haben, wenn sie nicht die Schlauheit gehabt hatte, schon durch das Guckloch zu beobachten, wann diese kam. Denn kaum hatte im glucklich erspahten Moment, als sie ohne zu klingeln geoffnet bekam, die Milchfrau gesagt: Was? Sie sind noch da? und dies N o c h hochst scharf betont, als auch schon wieder Frau von Buschbeck in Halbneglige, Joppel und Spitzenhaube erschien und eine weitere "Conversation" unterbrach. Lucinde war eine Gefangene. Die gnadige Frau besorgte die inzwischen nothwendig gewordenen Ausgange selbst und schloss ihren Pflegling ein. Glucklicherweise glaubte dieser, solche Vorsicht ware in der Ordnung, da ihr die Stadt als eine Hohle aller Laster und Verbrechen geschildert worden war. Nur dass sie ausschliesslich in der Kuche und auf dem Entree verbleiben musste, wurde ihr zu schwierig. Sie ruttelte wenigstens an dem Eingang zur Wohnthur, aber die vordere Herrlichkeit mit den Erinnerungen an die Wilden fand sie immer verschlossen.

Der Taubenschlag, der auf dem Boden hergerichtet werden sollte, kam nicht. Die Tischler waren viel zu theuer, hiess es, und vor Mardern blieben die Thierchen unterm Kuchenherde gesicherter. Es war ein trauriger Anblick, die armen Luftbewohner in dem engen Raume sich drangen und einer dem andern auf die ohnehin bei Tauben schon so schwerfalligen Fusse treten zu sehen. Lucindens liebste Freude war sonst gewesen, an der Dachluke zu sitzen und die kreisenden Bewegungen ihrer Pflegebefohlenen mit ihren scharfen Augen, die sie bis in die weiteste Ferne verfolgen konnten, zu beobachten. Sie verbrachte eben damit die Zeit, die besser fur die Erlernung des Eierkuchenbackens ware angewendet gewesen. Einzig den paar Kropfern, die sich Lucinde aufgezogen, that die Ruhe wohl. Die hasslichen Thiere sassen wie die Puterhahne und vergruben die Schnabel in ihre Kropfe. Leider aber mussten sie hungern, was diese vornehmen Pralaten am wenigsten vertragen konnen. Es starben aber fast konnte man sagen "glucklicherweise" in nachster Nacht noch zwei von den armen Gefangenen. Es war eine Taube darunter, deren Verlust Lucinden unendlich nahe ging; eine halb braun und weisse Taube von ganz besonderer Zierlichkeit, mit einem Halse, dessen Federn auf die wunderbarste Art in sammtlichen Farben des Regenbogens spielten, ohne dass man eigentlich unterscheiden konnte, wo die grunen und die blauen Schattirungen anfingen; es sind die Farbenspiele der Taubenhalse eben Wunder, die noch kein Chemiker hat erklaren konnen. Lucinde wusste wohl, dass zu ihrer Wirkung das Licht des blauen Himmels gehorte, von dem in die nach einer Brandmauer hinausgehende Kuche leider sehr wenig hereinfiel.

Auf dem Boden, das entdeckte sie dann allmahlich auch, war gar kein Platz, um daselbst einen richtigen Taubenschlag bauen zu konnen. Sie entdeckte das, wenn sie von dorther Holz holen musste. Es war das fur sie immer eine grosse Entdeckungsreise, auf der sie vielerlei Neues sah. Es schmerzte sie daher auch nicht zu sehr, als eines Tages die Alte mit einem ganz besonders charakteristischen Tone sagte:

Sackerlot! Die Tauben fressen einem ja das Hemd vom Leibe weg! Das sind theure Kostganger! Wir wollen sie verkaufen! Was sie einbringen, leg' ich zu deiner Toilette an fur den Winter, Jettchen!

Lucinde hatte aus dem Fenster, wenn sie vorn rein machte und nahte letzteres musste sie jeden freien Augenblick und wenn es in der Kuche zu finster wurde, in der Vorderstube, schon manche wunderschone Frau auf der Strasse gesehen und traumte dann, wenigstens einen neuen Hut tragen zu konnen, wenn auch ohne Federn. Sie gab also ihre Einwilligung zum Verkaufe. Die Alte brachte einen Koch aus einem der vornehmen Gasthauser mit, der sammtliche Tauben an sich nahm. Wie viel sie dafur loste und wie viel fur ihren Winterstaat verbraucht werden konnte, erfuhr Lucinde nicht; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick, als ihr die gnadige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu bleiben und zwei Trachten Kleinholz zu machen.

Dass sie nur eine "Magd" bei der gnadigen Frau war, das horte sie dort oben denn endlich auch. Auf dem Boden trafen sich die Magde aus dem ganzen Hause zusammen, und da erfuhr sie desgleichen, dass Frau von Buschbeck in der ganzen Stadt den Namen hatte, keinen Dienstboten mehr, aber absolut auch keinen mehr, bekommen zu konnen. Sie plage und quale ihre Leute so sehr, dass niemand langer als einige Tage bliebe. Die "Miethweiber" schickten niemand mehr, vor der Polizei bekame sie gegen keine Anklage mehr recht; sie ware verurtheilt gewesen sich selber zu bedienen, wenn sie nicht auf den Einfall gekommen ware

Bei dieser Eroffnung musste Lucinde schon wieder hinunter. Frau von Buschbeck rief sie selbst ab und fuhr die Magd an, die in einem Nebenboden Holz spaltete und wol "ihre Dienstboten verfuhren" wolle? Vor ihren Augen musste Lucinde zwei Trachten Holz aufpacken und in die Kuche tragen. Jetzt war Platz wieder unterm Feuerherd. Die Tauben waren fort. Die gnadige Frau behauptete, schlecht bezahlt worden zu sein; sie gab von dem, was sie von dem Koch empfangen, nur die Halfte an, und Lucinde horte es kaum; sie uberlegte sich nur, was sie gehort: Frau von Buschbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen konnen und holte sich deshalb eine doch wol vom Lande? Ihr Rathsel war gelost.

Ehe sie dabei mechanisch das Holz verpackte, wollte sie doch erst die vielen kleinen Federchen wegnehmen, die von ihren Tauben zuruckgeblieben waren. Sie waren so blau, so weiss, so goldbraunlich, und jede Feder erinnerte sie gerade an die Verschwundene, der sie angehorte ...

Das gibt ein schones Nadelkissen! sagte die Frau Hauptmannin. Es war eine dieser Frau eigene Kunst, dass sie die Phantasie ihrer Pflegebefohlenen immer anzuregen wusste. Erst der Winterstaat, nun das Nadelkissen! Was sind dem Kinderherzen nicht alles Eingange zu den herrlichsten Feenschlossern!

Allmahlich aber kam Lucinden das Vollgefuhl ihres traurigen Looses. Da hatte sie schon in einer Nacht vor dem letzten Braten, den sie gehabt (Taubenbraten), selbst gesehen, dass die gnadige Frau, die an Schlaflosigkeit zu leiden schien, an ihre Bettlade kam, sie uberleuchtete, das Licht auf den Feuerherd stellte und eine der Tauben nahm und ihr mit raschem Griff eigenhandig den Hals umdrehte. Dann legte sie sie wieder ruhig zu den ubrigen und stellte, als ware nichts geschehen, die Zuber vor. Lucinde glaubte zu traumen. Aber es war ganz wirklich so gewesen. Der Augenschein des Morgens bestatigte es. So gingen anfangs die Tauben fort, so gingen die Eier, so die Zwetschen. Auch den Korb schickte sie nicht an den Vater zuruck, woruber Lucinde sie zum ersten mal etwas trotzig zur Rede stellte. Aber die Alte wusste zu zahmen; vorzugsweise durch Hunger. Abends, als auch Lucinde zum ersten mal ihre Krallen gezeigt, brachte die Hauptmannin einen Haufen trockener Zwetschensteine. Lucinde bekam die Anweisung, sie mit einem alten Ziegelsteine, der vom Feuerherd losgegangen war, aufzuschlagen und sich die "kostbare" Mahlzeit der Kerne fur den Abend munden zu lassen. Ein Trunk Wasser dazu wurde die Kerne besser aufquellen lassen ...

Lucinde gehorchte wol, doch in den schwarzen Augen der Schulmeisterstochter brannte mehr als nur Gehorsam. Sie mussten sich nur immer erst orientirt haben, und dann geriethen diese Augen in eine Glut, die von seltsamen Gedanken geschurt werden konnte. List weckt Gegenlist, Tyrannei Widerstand. Und wer weiss, ob Lucinde ein Wesen ist, das sich uberhaupt nach sanfter Rede, Gute des Herzens, Liebe und schonender Obhut sehnt! Schon konnen wir sagen, dass ihr nie die Zahne weh thaten, dass ihr nie ein Schnupfen Fieber machte, nie eine Zurucksetzung Thranen kostete. Sie half sich immer gerade so weit durchs Leben, als sie das Leben verstand, und ihre Waffen waren in fruhester Zeit schon die geballte Faust, dann die spitze Rede, jetzt die Verschlagenheit ... Sie fangt mit der gnadigen Frau, die sie nun "bald weg hat", wie sie den Magden des Hauses, die sie aufhetzten, eingesteht, einen Kampf an, nicht etwa auf Leben und Tod, sondern einen Guerrillakrieg innerhalb der von der gnadigen Frau selbst gezogenen Schranken. Sie hat allmahlich dabei die schone Stadt sich "herausgeluchst", die herrlichen Garten, die grossen denkmalgeschmuckten Platze, die Soldaten, die Offiziere, die schonen Umgebungen und die bezaubernden Fernblicke in sonnenbeschienene Ebenen und nach neuen blauen Hugelrandern hin; sie erwischt aus dem Bucherschranke des, wie sie gehort hatte, noch gar nicht verstorbenen niederlandischen Hauptmanns Bucher; sie dringt darauf, dass sie, noch immer nicht eingesegnet, wenigstens in die Kirche gehen darf; sie schreibt seitenlange Briefe nach Langen-Nauenheim, worin sie freilich das Ausbleiben des Korbes entschuldigen und eine Menge Erfindungen mittheilen muss, weil die gnadige Frau die Briefe erst liest, ehe sie sie abgehen lasst. Und nun macht es ihr gerade Spass, die komischsten Erdichtungen zu schreiben, nur damit die "Alte" sich argert oder in jene Blindheit verfallt, die sie uberkommt, wenn ihre unruhigen und gespenstischen Gedanken ganz nach innen gehen. Lucinde schreibt von Ballen und Gastereien, und die Alte liest es, als horte sie die Geigen rauschen und die Schusseln klappern. Sie lasst den Brief abgehen und ist sogar milder als sonst, weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen Zustande herauskommt.

Um so grasslicher ihr Erwachen! Dann war's doch, als beschuldigte sie Lucinden, der "schwarze Teufel", wie sie sie nannte, wolle sie erwurgen. Dann hatte die menschenfeindliche, geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre javanischen Pfeilspitzen. Wie der Taubenfalk schoss sie hinter Lucinden her, wenn diese nur einmal gelacht hatte; sie krallte mit ihren durren Fingern in sie ein wie jener, wenn er aus Himmelshohen niederschiesst. Die bose Frau hatte keinen Schlaf. Sie furchtete entweder Gespenster oder sich selbst. Sie leuchtete um Mitternacht in die Winkel. Kam sie an die Bettlade Lucindens, so hielt sie das Licht uber die Halbschlummernde und schrie sie an: Das kann schlafen! Das kann die Augen zuthun! Oft musste Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens vorlesen, Reisebeschreibungen, Erzahlungen von den Wilden, zuweilen auch Legenden. Frau von Buschbeck ging jahrlich einmal zur Kirche; sie war katholisch. Wenn aber Lucinde um ihre Einsegnung drangte, nahm sie alle Bucher fort und sagte: Unser Herrgott ist der Satan! Sie war so geizig, dass sie sich eine alte Guitarre, auf der sie in den Abendstunden klimperte, nicht einmal neu mit Saiten beziehen liess. Auf zwei Saiten spielte sie alte sentimentale Lieder und pfiff dazu. Da sie dies ohne Lippen thun musste, so klang es wie leiser klagender Nebelwind auf der Heide. Der Anblick dieser grotesken Scene war Lucinden nicht vergonnt, denn Frau von Buschbeck schloss sich ein, wie sie fast immer that, besonders nach jedem Ersten im Monat, wo der Postbote eine ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte. Da mochte sie zahlen, was ihr Geiz aufhaufte. Oft lauschte Lucinde und hatte die listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubenthur gedruckt. Sie unterliess aber auch das, als eines Tages auf der entgegengesetzten Flache der Scheibe das volle Antlitz der plotzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmannin sie angrinste. Sie war von dem Anblick so entsetzt, als hatte ihr eine Fledermaus auf der Nase gesessen. Sie bebte so, dass sie nicht einmal entfliehen konnte, sondern ruhig geschehen liess, dass die Thur sich offnete und sie zur Strafe ihre gewohnliche korperliche Zuchtigung erhielt.

Dabei liefen Tag und Nacht zusammen. Hatte Lucinde bis drei Uhr nach Mitternacht vorgelesen, so meinte die Hauptmannin, bis vier ware nur noch eine Stunde und man konnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen, worunter sie Nahen und Stricken verstand. Die Hemden und Strumpfe, die Lucinde lieferte, gingen und kamen: sie behauptete, fur eine Anstalt, die gut zahle; sie spare alles fur Lucindens Zukunft. Oft wurde sie, wenn gar zu bose Stunden kamen, so tuckisch, dass Lucinde manche Arbeit dreimal thun musste, nur damit ihre Peinigerin uber dies und jenes ihren Willen hatte.

Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlass.

Er erklarte rundweg, Frau von Buschbeck sollte auf dem Amte erscheinen und sich wiederum rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten, wie schon ofters.

Eine Menge Menschen aus dem Hause und der Nachbarschaft drangte nach. Beinahe ware ein Act der Volksjustiz ausgefuhrt worden, denn man fand wirklich Lucinden an Handen und Fussen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Kuche, in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Gerath aufbewahrte. Dort lag sie schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Wasser und Brot, weil sie, wie sie beschuldigt wurde, aus "Bosheit" zwei chinesische Tassen zerschlagen hatte mit der Drohung, alles Zerbrechliche auf der Servante zu zertrummern, wenn sie noch ferner jedes kleine Misgeschick, das sie beim Abstauben oder Putzen betrafe, mit "kunftigem Abzug von ihren Ersparnissen" bussen musse ... Im Hause hatte man das Jettchen der Frau Hauptmannin zwei Tage lang nicht bemerkt, Anzeige gemacht, und so kam es zum Durchbruch.

Lucinde machte auf dem Amte dem Polizeirichter, Stadtamtmann genannt, einen wunderlichen Eindruck.

Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art fast vollkommen entwickelt. List und Verschlagenheit waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens, der ihr aber schon stand, wenn ihre dunkelbeschatteten Augen gluhten, ihre Lippen trotzig sich aufwarfen und dabei ein standiges scheues und ironisches Lacheln um den kleinen zierlichen Mund spielte. Das schwarze Haar war in Flechten geordnet, die voll und schwer um die Stirn gingen. Selbst die Hande, die doch soviel schaffen und "schanzen" mussten, waren nicht eben rauh. Sie sagte, da die in einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung derselben berief, dass sie es bei ihrem Vater "nicht nothig gehabt hatte". Nur ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse. Sie senkte den Kopf ... so aber, wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt.

Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie .... Erst jetzt erfuhr sie ein schreckliches Ungluck aus Langen-Nauenheim.

Drei ihrer Geschwister, und das liebe Hannchen darunter, waren schon seit Jahresfrist todt! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber, das in der Gegend wuthete, hinweggerafft ... Die Alte hatte den Brief des Vaters aufgefangen und den Inhalt verschwiegen, weil sie die Wirkung des Kummers auf den Fleiss und die Arbeit furchtete!

Wie Lucinde diese Nachricht horte, sturzten ihr seltsamerweise keine Thranen aus den Augen ... Nur schrecklich erblasste sie ... Der Stadtamtmann liess das wankende Madchen sich auf einen Stuhl setzen; man konnte eine Ohnmacht befurchten ... Der Blick, den Lucinde bei dieser Nachricht auf die bose Frau warf, war furchtbar ... Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment weiss aus, und die bose Zunge der stadtberuchtigten Frau, die der Verzweiflung nahe war, kein Madchen bekommen zu konnen, und in diesem Fluche fast mit wirklichem Schmerz eine angezettelte Verschworung sah, war gegen sie vollig verstummt.

Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer Ersparnisse gesichert, dann die Frau Hauptmannin, die er indessen sonderbarerweise immer nur Fraulein von Gulpen nannte, aufs entschiedenste ermahnt hatte, die Langmuth der "uberhaupt gegen sie so duldsamen" stadtischen Behorden nicht zu erschopfen, wurde Lucinde von ihm befragt, ob sie nicht zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zuruck wolle?

Sie sass starr und antwortete nicht.

Dann erwahnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssunden, die sich "Fraulein von Gulpen" gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen, auch die unterbliebene und doch von ihr versprochene anstandige Confirmation. Gleichsam aber, als wenn sich Lucinde furchtete, nun in Langen-Nauenheim noch erst confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Madchen gesetzt zu werden, antwortete sie auf die wiederholte Frage, ob sie mit der immerhin betrachtlichen Summe von nahezu funfzig Thalern, die ihr zuerkannt wurde, nach Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen Geschwistern zuruckkehren wolle, mit einem ernsten, bedachtsamen und fast kalten Kopfschutteln: Nein!

Das ist's ja! brach die zitternde Tyrannin aus. Das Leben auf der Strasse, die Promenaden, die Offiziere, das Schlendern, das Gaffen ...

Ruhe, Fraulein! unterbrach der Stadtamtmann.

Frau von Buschbeck oder Fraulein von Gulpen musste sich entfernen, nachdem sie mit zitternden Handen einen Revers zur Zahlung von funfzig Thalern und Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte. Sie ging mit krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern, doch nicht ohne eine Art von Wurde und Vornehmheit. Man hatte ihr da, wo man ihre Lebensverhaltnisse naher zu kennen schien, zwar den Titel einer Frau geraubt, den einer Adeligen aber lassen mussen.

Draussen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen. Sie war die Bekannte, Stadtkundige, die Frau: bei der niemand dienen wollte!

Sie sturzte in ihren Fiaker, doppelt schwer aufseufzend; denn ihr Geiz sagte ihr wieder: Himmel, du hast den Fiaker vorher zu bezahlen vergessen! Nun rechnet dir der auch noch die halbe Stunde an, die er vor dem Stadthause hat warten mussen!

4.

Der Stadtamtmann war in der Lage, gerade ein Madchen zu bedurfen.

Er bot Lucinden an, zu seiner Frau zu ziehen. Fur die Confirmation versprach er unverzuglich Sorge zu tragen.

Sie nickte einfach: Ja! sass bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtssaales eine halbe Stunde allein, setzte im Geiste einen Brief auf, den sie an ihren Vater schreiben wollte, und folgte dann dem Stadtamtmann, als er sein Vormittagsgeschaft hinter sich hatte, in einiger Entfernung in seine Wohnung.

Die Polizeidiener ersparten ihr die Gefahr, noch einmal zur gnadigen Frau, wie sie lachend titulirt wurde, zuruckzukehren, und versprachen ihr alles Ihrige abzuholen und nachzubringen.

Lucinde schaute und horte hinein wie in eine fremde Welt. Dass sie einer schrecklichen, abscheuerregenden, wie es hiess und auch spater im Wochenblatt unter der Rubrik Polizeibericht zu lesen war, "zuchthauswurdigen" Behandlung entronnen war, ... das fuhlte sie eigentlich selbst nicht so lebendig. Sie liess sich's von den Leuten nur sagen und nahm's dann hin, wie die es wollten.

Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die Anordnungen ihres Gatten einzuwenden. Nur schien ihr die Zumuthung, das neue Madchen erst confirmiren lassen zu mussen, umstandlich. Indessen sagte sie zu. "Henriettens" Anblick dieser veranderte Name blieb auch hier that ihr wohl. Die Frau Stadtamtmann war gerade in der Hoffnung und sorgte dafur schonen Formen zu begegnen. Der Anblick des anziehenden, schlanken und gesunden Madchens that ihr wohl.

Es kommt oft vor, junge Confirmandinnen zu sehen, die nur gleich am Altar stehen bleiben sollten, um sich den Ehesegen geben zu lassen. Auch Lucinde war auf besondere Bitte des Amtmanns schon nach vier Wochen ein solcher Spatling unter den lieblichen weissgekleideten Kindern mit ihren Rosascharpen und Myrtenstrausschen. Der Superintendent gestattete die schnelle Beforderung, da er von der Schulmeisterstochter religiose Bildung voraussetzte. Er wusste wol nicht, dass man sich nirgends mit dem lieben Gott weniger Sorge macht als in Pfarr- und Schulhausern. Da steht man mit dem Himmel auf dem Fuss des Empfangens im Neglige. Gebetet hatte Lucinde ausser vor und nach der Schule nur beim Eierkochen. Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafur genugten zwei Vaterunser.

Der Wildling stand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen.

An Wuchs ragte sie hier nicht mehr vor allen hervor; es gab ebenso aufgeschossene Blondinen und Brunetten wie sie, zu denen sich der Herr Superintendent nicht gar zu sehr zu bucken brauchte, wenn er ihnen Sonntags darauf den Kelch reichte; aber Lucinde war schon voll, kraftig in den Schultern, stark in den Huften, und wenn auch im allgemeinen ihr scharfgeformter Kopf selbst noch nichtssagend war, so reizte sie das kindliche Wesen ihrer Umgebungen doch zu einem Umblick in der Kirche, der ihr ganz vorwitzig und weltlich stand. Manchem musste sie auffallen. Sie stand wie ein Heidenkind, zerstreut und ohne Andacht, obgleich ihre schwarzen Bander auf Trauer deuteten. Zugegen war niemand, den sie kannte, ausser einer alten Magd aus dem Hause, das der Stadtamtmann bewohnte. Diese hatte ihr ein vergoldetes Gesangbuch geliehen und sie auf ihrer Kammer geschmuckt, sodass sie hernach zur Frau Stadtamtmann hintreten konnte und deren ganzen Beifall erntete. Diese neue "gnadige Frau" schenkte ihr ein schwarzes Halsband von Sammt mit einer Stahlschnalle, die auf dem brunetten Halse funkelte wie eine Broche von Diamanten. Ja, als sie aus der Kirche zuruckkam, wurde sie sogar mit Chocolade empfangen. Man war gut und freundlich gegen sie.

Es war eine sonderbare Welt, in die das nun fast funfzehnjahrige Madchen hier stundlich einblicken konnte. Die Gensdarmen gingen ab und zu, und der Stadtamtmann, der zwar ein fur allemal im Hause und wenigstens bei Tisch mit den Vorkommnissen seines Berufes verschont sein wollte, konnte es nicht dahin bringen, dass er ohne Behelligung bis zum Dessert kam. Lucinde bediente; auch wenn Gaste geladen waren. Sie besass zwar nicht viel Geschick und machte vieles verkehrt, doch wurde das alles nicht mehr mit der fruher erlebten Strenge gerugt. Zerstreut musste sie schon dies ewige Rapportiren machen von dieser Dieberei und jener Gewaltthat. Ihre Phantasie, die sehr lebhaft war, sah ringsum sie brauchte schon nur an die doppelten Namen der ihr vorerst entschwindenden "Frau Hauptmannin" zu denken die Welt voll Lug und Trug, und da sich's dabei doch so behaglich essen und trinken liess, so erschreckte sie keine Thatsache, selbst kein Diebstahl, kein Mord mehr; sie schuttelte den Kopf daruber, dass die Dinge des Lebens alle so glatt, so hoflich und vergnuglich vorwarts gingen, wahrend tausend Hande daran arbeiteten sie zu verwirren, man sah's nur so nicht auf den Promenaden, wenn sie mit den Kindern des Stadtamtmanns ausging und die Leute stillstanden und die Kinder bewunderten, d.h. sie selbst und ihre auffallende Erscheinung.

Eines Tages erlebte sie aber auch auf der Promenade, dass ein junges Madchen, das halb bauerisch, halb stadtisch, aber schwarz gekleidet war, auf sie zusturzte.

Es war ja ihre nachstalteste Schwester Luise!

Sie trauerte. Um die Geschwister noch?

Um den Vater! Das liebe, freundliche, immer la

chelnde Mannlein war nicht mehr ... Luise weinte so laut, dass es ihr Lucinde verbot, "weil ja die Leute still stunden" ... Sie selbst war wieder nur erblasst wie damals, als sie plotzlich nicht mehr ihre drei Geschwister hatte. Indem kamen noch zwei andere beflorte Kinder von der andern Seite. Es waren August und Gustav, ihre Bruder. Die hatten das Haus des Stadtamtmanns aufgesucht, dort gehort, ihre Schwester ware auf der Promenade mit zwei Kindern; nun hatten sie sich vertheilt, und eins hatte von hier, das andere von dort gesucht. Der Vater war todt ... Und wie schmerzlich hatte er geendet! ... Er war in einen der vier kleinen Bache gefallen, mit denen Langen-Nauenheim gesegnet ist ... Spat von dem Vorspann war er heimgekommen ... Kein Stern blinkte ... es war ein grosser Nebel gewesen, und da hatte er eine von den Brucken verfehlt. Erst Morgens hatten sie ihn gefunden, wie er dalag im kuhlen Grunde, aufgehalten von den Wurzeln eines alten Weidenstamms.

Lucinde schuttelte duster den Kopf. Dann rief sie

mechanisch des Stadtamtmanns Kindern, die sie fuhrte, ein scheltendes Wort; darauf fragte sie, ob die Geschwister schon gegessen hatten. Luise versicherte es und kam auf das schmerzliche Ende des Vaters zuruck. Lucinde fragte, was aus dem Hause, aus dem Garten, aus dem Gerath, den Huhnern, der Ziege, der grossen Wandkarte geworden ware! Sie erfuhr, dass alles das theils dem Staate, theils dem Dorfe, theils dem Wirth zum Vorspann und einer alten Frau gehorte, bei der sie schon lange oft ihre Betten in Versatz gegeben hatten, wenn sie auf ein paar zusammengeruckten Schulbanken hatten schlafen mussen. Luise die wollte nun auch dienen, und die Kinder brachte man vielleicht in einer Fabrik unter. So hatte es der Gemeindevorstand in Langen-Nauenheim gesagt; sie sollten's einmal so versuchen, und "ging' es nicht, so wurde wol anders gesorgt werden". Gustav war acht Jahre. In einer Spinnerei vorm Thore suchte man Kinder schon von acht Jahren an; es hatte das in der Zeitung gestanden, in derselben Zeitung, die der Vater immer auf bessere Zukunft zu studiren pflegte, und in deren Beiblatt einst seine Phantasieen uber den Beruf eines deutschen Volksschullehrers gestanden hatten.

Nec impavidum ferient ruinae ...

Latein konnte Lucinde nicht, aber der Stadtamtmann ubersetzte so etwas einmal bei Tische, und sie glaubte, es hiess: "Was schadt's!"

Es war ein Wahlspruch gewesen, den ein alter Ritter gehabt. Sie nahm ihn schon oft an, und heute nun musste sie schon. Sie nahm die Kinder, die alle zunachst doch noch Hunger und Durst genug hatten, mit sich; der Schwester sagte sie gleich die Miethsfrau, wo die wohnte, und wie sie mit der sprechen musse. Die Frau Stadtamtmann war noch nicht am Ende ihrer Hoffnung, die zwei kleinen Buben vom Lande waren prachtige Jungen, sie gefielen ihr. August und Gustav blieben einen Tag und kamen dann nicht in die Fabrik. Der Stadtamtmann sorgte dafur, dass sie ins Waisenhaus aufgenommen und "gut erzogen" wurden.

Und nun sind kaum drei Jahre von dem LangenNauenheimer Auszug vergangen, und welche Veranderungen haben wir!

Lucinde fand sich in alles. Sie hatte etwas Wuhlendes, Unruhiges und beherrschte jede Situation. Bei Tische wartete sie nicht mehr auf. Der Stadtamtmann fand, dass es kaum noch schicklich war. In die Hohe wuchs sie nicht mehr, dafur that es ihr Geist, und sie regierte eigentlich das Haus, das sie aufgenommen. Selbstverstandlich da, als die Frau Stadtamtmann eines Jungen genesen war, aber auch spater. Durch ihre sichere, herausfordernde Ruhe, ihr spottisches Lacheln, ihren Flunkergeist nur verdarb sie sich zuweilen ihre Autoritat. Lange Ruhe um sie her ertrug sie nicht, und ubermassiges Gluck oder allzu frohe Selbstzufriedenheit verdarb sie gern, indem sie Schicksal spielte. Der Amme gegenuber lobte sie das schone Aussehen anderer Kinder, eine Handlung, fur die man bekanntlich von jeder Amme vergiftet werden kann. Einem Bedienten, der etwas schwach von Begriffen war und seine Bestimmung verfehlt zu haben glaubte, weil er eine leserliche Hand schrieb, gaukelte sie bald diese, bald jene glanzende Aussicht vor. Hager! rief sie, wenn sie die Zeitung gelesen hatte, in Amerika ist ein Vetter Ihres Namens gestorben, man fordert alle Hagers auf sich zu melden! Musste Hager gerade die Schuhe oder Messer putzen, so hatte sie, wenn er frei war, die Zeitung verlegt und jagte den beschrankten Menschen wochenlang mit seinen Vermuthungen, welcher von seinen Anverwandten jener in Amerika verstorbene Hager gewesen sein konnte, im Kreise umher. Von ihrem Koboldgeist blieben dann selbst die bei einem Kaufmann dienende Schwester und ihre Geschwister im Waisenhause nicht verschont. Ihr bei aller aussern Ruhe innerlich unruhiger Sinn wuchs mit dem Besuch des Theaters, das sie durch den Stadtamtmann frei hatte, jedoch nur im dunkeln Hintergrunde einer Loge dritten Ranges, wahrend die Herrschaft im zweiten sass. Immer mit leuchtenden Augen kam sie vom Theater heim. Man glaubte naturlich, dass es die Stumme von Portici gewesen, die sie so ausserordentlich aufgeregt hatte; aber es waren die Zuschauer, die Logen, die glanzenden Toiletten, die furstlichen Herrschaften. Die Tischgesprache berichteten dann nach wie vor von vornehmen Spielern, von zanksuchtigen vornehmen Herrschaften, von allem, was sich nur zur Kenntnissnahme des Polizeirichters einer so ansehnlichen Stadt drangte, und dergleichen Leute sah sie dann wieder frohlich und wohlgemuth und mit Lorgnetten spielend in den elegantesten Logen.

Eines Tages that sie einen tiefen Einblick in das innerste Lebensgetriebe ...

Das glanzendste Waarenmagazin der Stadt war ein sogenannter Bazar, in welchem alle Modeartikel und Bedurfnisse einer eleganten oder auch nur comfortablen hauslichen Einrichtung, soweit sie Stoffe betraf, verkauft wurden. Ein unternehmender Kaufmann im Anfang der mittlern Jahre leitete dies Geschaft, wie man sagte, nicht ganz mit seinem eigenen Gelde. Sein Savoirfaire kam ihm jedoch zu statten, um die ganze hochste, hohe und mittlere Gesellschaft an sich zu ziehen. So gefallig die Formen des Mannes waren, der in seinem schwarzen Frack mit weisser Halsbinde die Honneurs seines mit mindestens einem Dutzend Commis ausgestatteten Geschaftes machte, so entschieden wusste er doch ebenfalls in geeigneten Fallen aufzutreten. Schon oft war in seinem grossen und schwer zu beaufsichtigenden Geschaft gestohlen worden, sogar wahrend des Verkaufs, und oft schon hatte er, wenn entweder der Stadtamtmann bei ihm oder er bei jenem zu Tische war, erklart, er wurde niemand schonen, wenn er einen jener eleganten Diebe beim Handverkauf entdeckte, und sollte es der Vornehmste sein. Schicken Sie nur sofort zu mir, hatte der Polizeirichter erwidert. In solchen Fallen muss man der Schlange gleich auf den Kopf treten!

Und eines Tages schickte der Kaufmann; der Stadtamtmann mochte eiligst, aber selbst kommen, hiess es, er mochte einen seiner Gehilfen, aber vorlaufig nur in der Ferne, bereit halten ...

Der Stadtamtmann war nicht gegenwartig. Und da auch Hager, der Diener, nicht zugegen war, so musste Lucinde die Mantille umwerfen und auf das Amthaus laufen.

Aber auch dort fand sie ihren Herrn nicht.

Da sie ihn auf dem Casino vermuthete, so eilte sie ins Casino und nahm sofort einen der Polizeidiener mit.

Ihr Weg fuhrte sie aber an dem grossen Magazin des Kaufmanns selbst voruber, in dessen obern Raumen dieser auch wohnte. Da ihre Herrschaft in die letztern beschieden war, so glaubte sie sehr vernunftig zu handeln, wenn sie die Stiege hinaufging und dem Kaufmann wenigstens den Polizeidiener anbot, der ja so lange unten, wie zufallig, bei einer glanzenden Carrosse, die am Hause stand, warten konnte ...

Da das ganze Haus nur allein von dem Kaufmann bewohnt wurde und oft der Verkehr in den obern Raumen mit dem Magazin, das zwei Stockwerke einnahm, der lebhafteste war, so konnte es Lucinden nicht wunder nehmen, den Eingang der Wohnung offen zu finden. Auch stand auf der Treppe ein Bedienter in Livree, der auf seine Herrschaft zu warten schien und nicht unmoglich der unten harrenden Carrosse, die ein Wappenschild schmuckte, angehorte.

Aber noch mehr Thuren standen offen, und augenscheinlich herrschte in der Wohnung die grosste Verwirrung, wie sie wol nach aufregenden Entdeckungen stattzufinden pflegt.

In dem hintern Zimmer glaubte Lucinde einen Wortwechsel zu horen. Niemand war zugegen, ausser einigen Kindern des Kaufmanns, die sorglos umherrannten. Ist der Vater da? fragte Lucinde. In seinem Bureau! hiess es. Die Bedienung schien ausgeschickt zu sein; auch die Mutter war nicht anwesend.

Lucinde kommt naher; die Teppiche dampfen ihren Tritt, und schon ubersieht sie im Geist, was drinnen vor sich geht. Sie zieht die Thuren hinter sich zu und steht unentschlossen, ob sie klopfen soll oder nicht ...

Nein! ruft der Kaufmann. Sie wieder, Frau Baronin! Sie sind es jetzt funfmal gewesen! Ich schwore Ihnen, dass ich keine Rucksicht mehr kenne! Eine Dame Ihres Standes! Schamen Sie sich! Aber ich schone Sie nicht mehr, mogen Sie auf ewig gebrandmarkt sein! Nicht funf Minuten noch, so werden Sie vor dem Richter stehen! Einen Kaufmann systematisch zu bestehlen, wie Sie es jetzt schon seit Jahren thun! Pfui der Schande!

Inzwischen hort man eine weibliche Stimme Beschworungen und Betheuerungen ausrufen, die von Thranen erstickt werden ...

Lassen Sie! Ich habe kein Mitleid mehr! ruft der Kaufmann. Seit Monaten beobachte ich Sie! Seit Monaten bemerk' ich, dass jedesmal nach Ihrem Besuch im Magazin ein Packet Spitzen, eine Lage gestickter Taschentucher oder Seidenzeuge oder Foulards fehlen. Ich habe die Discretion gehabt, den Verdacht meiner Leute von Ihnen abzuwenden! Nur allein ich habe mit Ihnen verkehren wollen, so oft Sie das Magazin betraten! Heute endlich seh' ich die rasche Handbewegung, als Sie eben einen Ihrer maskirten Kaufe abschliessen! Ich folge Ihnen, Sie verlassen den Laden, ich begleite Sie und am Wagen entdeck' ich, was Sie inzwischen unter Ihrem Mantel verbargen! Pfui der Schande! Aber ich kenne keine Schonung mehr!

Lucinde horte, dass der ungeduldige Kaufmann sich naherte, um zu sehen, ob nicht endlich der requirirte Stadtamtmann kam. Jetzt aber auch vernahm sie plotzlich ein heftiges Fallen und die herzzerreissende Klage einer Schluchzenden:

Auf meinen Knieen beschwor' ich Sie, Herr Guthmann! Ich werde alles erstatten! Machen Sie mich nicht unglucklich!

Es wahrte der Auftritt noch eine Weile fort, bis sich die Vorwurfe und Drohungen milderten, das laute Schluchzen der Dame sich legte, zuletzt alles still wurde ... Es wurde sogar so still, so unheimlich still, dass es Lucinden vor Schreck kalt uberrieselte. Sie konnte nicht ganz den Vorgangen mehr folgen und dachte sich irgendeine Gewaltthat. Leise, athemlos, unsicher auftretend zieht sie sich an die Thur, klinkt sie wieder leise auf und schleicht sich durch die Zimmer nach vorn auf den Vorplatz zuruck, wo der galonirte Bediente wartet.

Eine so anziehende Erscheinung wie Lucinde brauchte hier nicht zweimal zu fragen, um den Namen seiner Herrschaft zu erfahren. Der Diener nannte eine der ersten Damen der Stadt.

Nicht lange dann wahrte es, so kam der Kaufmann mit der Herrschaft des Bedienten aus seinem Bureau zuruck. Es war eine schlanke, magere, noch junge Dame, die Lucinde schon oft im Theater gesehen hatte, eine Frau, noch von Jugendreiz und Anmuth uberstrahlt. Sie lachelte verlegen ... Auch der Kaufmann lachelte ... Sie schienen etwas verabredet zu haben, etwas besprochen, was vielleicht nicht ganz erledigt war. Die Dame zogert ... Der Kaufmann beruhigt sie mit einem sussen Bitte! Bitte! ... Dann steigt die Dame die Stufen nieder. Lucinde wird jetzt kurz und barsch befragt, was sie wolle? Der Kaufmann kennt sie doch sonst, sah sie oft, war immer sehr artig gegen sie ... in diesem Augenblicke ist er wie abwesend.

Als Lucinde in stotternder Unsicherheit die Meldung macht, dass der Stadtamtmann nicht zugegen gewesen ware, dass sie aber vom Amte jemand mitgebracht hatte, der unten warte, entschuldigte sich Herr Guthmann mit sich findender Artigkeit wegen "vergeblicher Bemuhung". Mit einem auszurichtenden Grusse an ihre Herrschaft und dem Auftrag, einen stattgehabten "Irrthum" anzudeuten, steigt Lucinde die Treppe nieder. Unten rollt eben die prachtige Carrosse ab. Den mitgebrachten Gensdarmen muss Lucinde gehen heissen.

Diese Scene veranlasste in ihr Aufregungen, die sie kaum beherrschen konnte. So hatte ihr noch nie das Herz geschlagen, so war ihr noch nie das Blut durch die Adern gerollt!

Sie verschloss das Erlebte in sich. Nicht Schonung oder vielleicht eine angeborene Discretion war es, was sie zu dieser Verschwiegenheit bestimmte. Entweder furchtete sie, zu verrathen, dass sie schon trotz ihrer Jugend eine solche Scene verstanden hatte, oder man darf glauben, dass sie einen Genuss darin fand, ein so wunderbares Erlebniss ganz allein fur sich zu besitzen, ganz allein fur sich zu geniessen und uberhaupt Dinge zu kennen, die die Nacht mit Grauen bedeckt.

5.

In jedem Leben ist der Augenblick entscheidend, wo uns die Dinge anfangen objectiv zu werden.

Unsere Kraft fangt von dem Augenblick an, wo wir etwas wissen, was endlich einmal feststeht, endlich einmal fixirt ist wie der Schmetterling unter der Nadel, nicht mehr auffliegen, nicht mehr wieder lebendig werden, uns widerlegen, irren, wieder zu Anfangern machen und in alle Weiten treiben kann.

Die Leute nannten Lucinden allmahlich stolz. Ihr Stolz bestand darin, dass sie sich selber emporhob, es versuchte mit ihrer mangelhaften Bildung ihrer immer reichern Erfahrung gleichzukommen. Sie wusste so vieles mehr und besser als viele andere, und da sie doch an formeller Bildung zuruckstand, auch zu trage und zu unstet war, vielerlei noch zu lernen und nachzuholen ihre Herrschaft wurde ihr dazu, wenn sie's begehrt hatte, die Mittel geboten haben , so trug sie geistig den Kopf mit Bewusstsein ihrer Lucken hoch und erfand sich allerlei Ersatzmittel und Beschonigungen fur das, was ihr fehlte.

In diesen Erfindungen war sie so glucklich, dass man sie bald das poetische "Hessenmadchen" nannte und sie bewunderte. Sie war naiv mit Bewusstsein. Sie konnte den Blick so senken, wie die Andacht selbst. Sie konnte ihn aber auch wieder aufschlagen, wie jene Medusen, die gerade darum so grausam mit ihren Blicken todten, weil sie so anziehend sind, so regelrecht in ihrem Antlitz alle Linien der Anmuth haben. Lucindens Kopf wurde immer mehr ein Gemmenkopf, den ebenso der blumendurchflochtene Aehrenkranz der Ceres wie das Schlangengeringel einer Phorkyde schmucken kann. Der Stadtamtmann, der zu den eigenthumlichen Naturen gehorte, die eine wahre Cerberusbissigkeit im Amte mit einer hauslichen traumerisch weichen und fast lyrischen Art verbinden konnen, erklarte es fur einen "radicalen Unsinn", als auf dem Casino davon die Rede war, sein vielbesprochenes schones Kindermadchen sollte er die Tracht annehmen lassen, in der Van Embden seine beruhmten blumenzupfenden Dorfmadchen gemalt hat. Er hatte sie, wenn's nach ihm gegangen ware, in eine Pension schicken mogen, soviel Respect hatte er vor ihren Gaben. Nur seine Frau theilte den Enthusiasmus nicht. Sie horte seit lange nur auf die vielen Klagen, die uber Lucinden einliefen. Alle jungen Madchen der Bekanntschaft oder Verwandtschaft des Stadtamtmanns waren eine Zeit lang von ihr entzuckt; kaum aber hatten sie einen Vertrauensbund mit ihr geschlossen, so nannte man sie treulos, verratherisch und warnte vor ihr die, die sie empfohlen hatten, und die, die sie noch beschutzten. Die einen hoben sie zwar dann in den Himmel, die andern verwunschten sie aber schon. Sie war oft in dem Grade der Gegenstand der allgemeinen Discussion, dass sich der Stadtamtmann die Ohren zuhielt, seine Gattin aber, "um dem Dinge ein Ende zu machen", ihre Entlassung beantragte.

Nichts ist so verderblich fur die Jugend, als ungestraft boses Beispiel hingehen sehen.

Lucinde sah die vornehme Dame, die eine Diebin war, sehr oft wieder. Sie sah sie auf der Promenade, im offenen Wagen, sie sah sie, von Cavalieren umgeben, im Theater; ja, eines Tages, eine halbe Meile von der Stadt entfernt, sah sie in einem offentlichen Lustgarten des Fursten, nach dem man Partieen zu machen pflegt, die schone Frau in der Begleitung eben desselben Kaufmanns, der sie hatte vernichten konnen. Sie bedauerte damals, das seltsame, die dunkeln Alleen suchende Paar nicht genauer beobachten zu konnen, denn der, der sie selbst begleitete, war gerade ein junger Mann aus dem Geschaftspersonal des Herrn Guthmann und schien gerade seinen Principal hier am meisten vermeiden zu wollen. Kaum hatte der junge Mann die vornehme Dame mit dem in den Formen hochst gewandten Herrn Guthmann durch die grunen Laubgange des Parkes daherkommen sehen, als er auch Lucinden sofort in eine Nebenallee zog und den Tag uber vermied, sich draussen im Freien zu zeigen. Oskar Binder wusste nichts von den Ursachen dieser so auffallend intimen Annaherung, und Lucinde errothete noch, wenn sie daruber nachdachte, wie sie es anstellen sollte, zu verrathen, was sie belauscht hatte, und den Preis zu nennen, um den die Baronin ihre aussere Ehre gerettet hatte ...

Der schone Oskar Binder selbst aber gehorte einer achtbaren Familie an und war, wie man behauptete, der zuverlassigste und anstelligste unter sammtlichen Commis im Bazar Guthmann. Das Vertrauen seines Principals uberliess ihm die Verwaltung der Kasse. Durch sein Aeusseres ebenso empfohlen wie durch Namen und Herkunft, kam er in die Kreise des Stadtamtmanns, und viele der jungen Madchen, Tochter von Rathen und angesehenen Beamten, zeichneten ihn aus. Dennoch warf er sein Auge nur auf die halb schon als Pflegekind im Hause des Stadtamtmanns befindliche "Henriette". Dass sie eine Schwester hatte, die noch diente, hatte schon aufgehort; Lucinde verschaffte ihrer Schwester eine Stelle in einer grossen, von einem Verein unterstutzten Nahanstalt; ihre Geschwister im Waisenhause sollten zum Militar gebildet werden. So den Uebrigen fast schon ebenburtig, erganzte sie, was ihrer Stellung mangelte, durch die Geltendmachung ihrer Personlichkeit. Der junge Buchhalter horte, was allmahlich alle jungen Manner von den andern Madchen uber Lucinden horten, dass sie die Storerin des allgemeinen Friedens, eine gefahrliche, zu jedem Mittel greifende Kokette ware. Da sie aber den Reiz des Eindrucks fur sich hatte und uberdies im Gegentheil kein Wasser zu truben schien, zog sie alle an. Sie hatte eine Art, bei gemeinschaftlichen Spaziergangen allein zu bleiben, irgend nach einer Blume zu suchen, einen Kranz zu winden, die jeden, den sie mochte, in ihre Kreise zog. Wenn sie den Schein des Dienens annahm, so half man ihr; wunschte sie selbst etwas, so vollzog man es. Die noch landliche Betonung ihrer Worte stand ihr besonders naiv; sie war anziehend in ihren Aeusserungen, und wenn sie lachte, so konnte sie, wenn sie gerade nicht zu weit darin ging, alles mit sich fortreissen. Nur zu weit durfte sie nicht gehen. Schuttete sie sich vor Lachen, wie man zu sagen pflegt, so hatte es den Ausdruck boser Schadenfreude, und all die jungen Madchen schienen dann recht zu haben, die zuweilen wunschten ihr geradezu "die Augen auskratzen" zu konnen.

Der junge Buchhalter folgte an jenem Tage, der ein auf die Woche fallender Feiertag war und ihm wie dem sonst sehr fleissigen Principal Urlaub gegeben hatte, lieber Lucinden als den ubrigen Teilnehmern und Teilnehmerinnen einer grossen Partie, die einige Verwandte des Hauses, in dem sich Lucinde befand, veranstaltet hatten.

Ihre Gegnerinnen behaupteten, dass sie die Kunst, sich in einem Parke plotzlich zu verirren, weidlich verstunde; aber die, die fur sie als Naturkind und "Hessenmadchen" schwarmten, nannten sie einen Elfen, ein romantisches Wesen, das die gewohnlichen Gleise des Alltaglichen nicht zu wandeln brauche.

Heute hatte sie es auf Eichkatzchen abgesehen, deren sie mehrere schon aufgehuscht hatte. Die jungen Manner folgten fast zu sturmisch, fast zu auffallend. Lucinde hatte ebenso das Talent, die Manner fur sich allein zu haben, wie das andere, wenn sie wollte, niemand aus der grossen Ringkette des gemeinschaftlichen Vergnugens herausfallen zu lassen; sie sagte dann jedem etwas, was ihn zur Anknupfung eines Gesprachs ermuthigen konnte. Schon war der junge Buchhalter daruber eifersuchtig, und eben, als er seinen Principal entdeckte, hatte er es wirklich durchgesetzt sie zu isoliren. Als er nun doch zu den andern zuruckkehren musste, fragte sie:

Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Guthmann?

Der junge Buchhalter blieb die Antwort schuldig, woruber sie theils aus Neugier, theils aus Laune in Verdruss gerieth. Aber rings gab es nun Augen, die wussten, dass Lucinde zu den Naturen gehorte, die ihr Gefuhl da, wo sie zanken und Vorwurfe machen, mehr offenbaren als da, wo sie schmeicheln und gut scheinen. Jetzt sah man aus ihrem Schmollen, dass Oskar Binder, der schone Buchhalter, der Bevorzugte war. Als Lucinde sechzehn Jahre geworden, sprach man von ihrer Verlobung mit ihm.

Der junge Mann schien eine glanzende Situation zu besitzen. Er uberhaufte Lucinden mit Geschenken, und dennoch versicherte er seinen nachsten Freunden (auf Dinge, die ihm und ihnen sehr heilig waren, in der Form, z.B. "auf Taille" oder "Ich will hier nicht gesund stehen!") dass er von Lucinde noch nie auch nur die Hand gedruckt bekommen hatte. Auch der Stadtamtmann erfuhr diese Versicherungen und rustete sich alles Ernstes auf eine Aussteuer seines geliebten Findlings, auf den er einen Theil der Sympathieen fur Glaube, Liebe und Hoffnung ubertrug, die er sich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung als seine geheimste Lebenspoesie doch zu erhalten suchte. Da aber kam eines Tages seine Gattin und war uber die "teuflische" Natur eines Madchens im Reinen, das die Neigung ihrer Nichte, der Hofraths-Eveline, zu irgendeinem andern jungen Manne, dem Lieutenant Wallbach, durchkreuzen konnte und mit diesem einen ganzen Abend lang in der Schutzengesellschaft in einem Winkel gelacht haben sollte. Die Hofrathin kam, der Hofrath kam, Eveline wurde krank, der Lieutenant fuhlte sich uber die vom Hofrath fur ihn zur Verheirathung zu stellende Caution und durch die Erwahnung derselben in einem Wortwechsel beleidigt und nahm seine Werbung zuruck; kurz, der Stadtamtmann, Evelinens Onkel, musste diesem "Familienungluck" eine Satisfaction bieten: sie bestand in der endlichen Verabschiedung Lucindens.

Lucinde, die sich, wie man bitter genug gesagt hatte, "einen andern Dienst suchen" sollte, machte einige Versuche, den Ernst in Humor zu verwandeln. Sie gelangen nicht. Der Stadtamtmann musste den Schein vermeiden, selbst von ihr bezaubert zu sein. Seine Gattin sagte, "ihr Mass ware voll".

So zog Lucinde zu ihrer Schwester, der Nahterin ...

In dem Behagen ihrer eigenen Interessen that es ihnen allen nichts, ob da ein Leben in seiner Entwikkelung unterbrochen wurde oder nicht.

Acht Tage darauf war aber Lucinde fur die ganze Stadt verschwunden.

6.

Wir finden sie in einer Extrapostchaise wieder, die eines fruhen Morgens in jene zaubervolle, sonnenglanzverklarte Ebene niederfahrt, die man von einer grossen Terrasse der Stadt aus nur mit dem Hochgefuhl der Sehnsucht und des Entzuckens betrachten kann.

Berge ringsum; aber nichts mehr, was bedruckt oder beengt, wie daheim, wo die vier verhangnissvollen Bachlein niedergingen. Ein grosser freundlicher Strom schlangelt sich durch Wiesen und Felder hin, und erst die aussersten Rander desselben sind mit waldigen Hohen umkranzt. Ueber das ganze grosse Panorama hin die bunteste Abwechselung. Hier grune junge Saaten, dort die gelben grossen Tucher der nordischen Oelpflanze; dann ein dunkler Eichenforst, hinter dem wieder die blauen Wogen des Stromes aufblitzten; die Hauser so schmuck mit rothen Ziegeldachern, die Herrschaftssitze mit langen Pappelalleen, die in massiger Verwendung jeder Gegend einen ganz besonders vornehmen Ausdruck geben, und so auf Stunden und auf Meilen hin.

Die Berge da, sagte Lucindens Begleiter, sind die Weserberge! Dahinter geht's nach Bremen und dann nach Amerika!

Es war ein wunderschoner Junimorgen. Die Sonne brannte, und gern hatte Lucinde die Glasfenster des Wagens geoffnet.

Ihr Begleiter wollte erst die nachste Station abwarten. Auch dort noch bat er, die Schwule des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen.

Erst gegen zehn Uhr, als sie wol schon funf Meilen von der von ihnen verlassenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhohe hinaufging, offnete er und liess das Fenster ganz zuruckschlagen.

Viel lieber hatte Lucinde die Aussicht genossen, die sich fruher dargeboten hatte, Fernblicke auf die rothgedachten Meiereien, altersgraue, aus Busch und Baum hervorblickende Thurme alter Edelsitze und Abteien, Muhlenwerke und Fabriken, deren hohe Schornsteine die blaue Luft mit krauselnden Nebelwolken erfullten, wunderliche Kirchthurme, die bald den Minarets der Moscheen glichen, bald aber auch ganz verbuttet aussahen, wie alte Buchsen und Flaschen fur Pferdemedicamente ... Jetzt lag nur zur Rechten ein fast undurchdringlicher Tannenwald, zur Linken ging es eine kleine Anhohe mit niederm Geholz hinauf, an das sich zuletzt eine Buchenwaldung lehnte. Belebt war's ringsum. Fink, Drossel und Pirol liessen ihren frischen Waldruf ertonen. Aus dem Tannendickicht zur Rechten horte man dann und wann ein hallendes Gerausch, das die Nahe von Holzschlagern verrieth. Zur Linken fiel die Sonne so gunstig uber die grunen Baumkronen, dass sich ganz jene lieblich magischen Lichtwirkungen erzeugten, die eben auch nur den Buchenwaldern eigen sind.

Nach Amerika!

Das war weit von diesen summenden Kafern, diesen um die Rosse des Postillons schwarmenden Brummfliegen, weit von diesem selbst, der die Anhohe zu Fuss nebenher ging und mit einem aus dem Vorholz zur Linken gebrochenen Birkenzweige uber das lichtbraune Glanzhaar seiner schweissgebadeten Thiere hinfachelte!

Bei so fernem Reiseziel mochte wohl gerechtfertigt sein, dass der junge Buchhalter denn Oskar Binder ist Lucindens Begleiter schon seit funf Uhr Morgens, wo sie ausgefahren, so ausserordentlich nachdenklich ist und immer nur eine kleine Kassette betrachtet, die er auf dem Schoose halt.

An und fur sich war er fast gekleidet als ging' es zum Balle ...

Als Lucinde vorm Thore, wo sie seiner Weisung zufolge ohne irgendein anderes Gepack, als das sie selbst in der Hand tragen konnte, an zwei einsam am Wege stehenden Pappeln erscheinen sollte, seiner in einem harrenden Wagen ansichtig wurde, erkannte sie ihn kaum. Er blickte hinaus und winkte heftig, dass sie rasch auf den Tritt der Chaise und durch die von ihm gehaltene Thur einsteigen mochte. Er hatte sich von gestern, wo sie kurz und rasch erklart hatte, es ware sicher am besten, wenn sie sich ihm zur Reise nach Amerika anschlosse, bis heute fruh seinen schonen Bart sowol um Mund wie Kinn und Wange abnehmen lassen, und hatte eine ganz curiose Physiognomie bekommen, die fruher aus der Bartwaldung heraus kaum erkennbar gewesen war.

Hatte sie nicht ihr Wort gegeben und ware des "nun doch verpfuschten" Lebens in der Residenz uberdrussig gewesen, so hatte sie umkehren mogen, so wenig gefielen ihr jetzt die Nase, der Mund und die Ohren des jungen Buchhalters, denn auch diese hatten fruher nicht so grell hervorgestanden, als seit heute fruh, wo auch seine schonen langen, zierlich uber den Hemdkragen in einem einzigen Strich herabfallenden dunkelbraunen Haare von der Schere vertilgt worden waren. Die gelben Glacehandschuhe trug er wie immer. Fur den schwarzen trug er einen grunen Reitfrack mit goldenen Knopfen, dazu elegante carrirte Beinkleider, eine hohe Mutze von schottischem Zeuge mit einer Troddel, und einen Plaid, den er sofort, als frostelte ihn in allen Gliedern, uber seinen ganzen Korper ausbreitete, sorgfaltig aber dabei der Knopfe seiner Glacehandschuhe achtend und diese selbst ab und zu ungeduldig niederstreifend wie beim Anprobiren ...

Dafur, dass auch Lucinde sich, nach seinem ausdrucklichen Wunsche, ja Befehl, ganzlich metamorphosirt hatte, schien er im ersten Augenblick kaum ein Auge zu haben, und doch bot sie eine phantastische Erscheinung dar.

Ein kleines kurzes Strohhutchen nahm sie ab, und da fielen ihr die vollen Haare, die sie sonst nur in Flechten getragen, in langen dunkeln Locken uber die Schulter bis in den Nacken herab. Von gestern Abend sieben bis neun Uhr hatte sie von ihrer Schwester, die in diese Reise eingeweiht war, sich ihr Haar so ordnen lassen, hatte die Nacht geschlafen mit funfzig Papilloten um den Kopf, die von Luisen mit einer grossen, uber zwei Talglichtern gluhend gemachten Ofenzange gebrannt worden waren. Alle Liebesbriefe, die beim Ausrangiren der so "leicht wie moglich" herzustellenden Bagage auf dem Boden der kleinen Dachstube ausgebreitet lagen, waren zu diesen Papilloten benutzt worden.

Zu dem reizenden Kopfschmuck gesellte sich fast eine Balltoilette, ein luftiges, bauschiges, weisses Kleid, das schonste, das sie hatte, bestehend aus einem geblumten Musselinstoff. Die vor Eile fast athemlos klopfende Brust bedeckte eine rothe Florecharpe mit langhangenden seidenen Fransen. Dazu zwar hohe Schnurstiefel aus Seidenzeug, keine Schuhe, wohl aber helle Handschuhe und Manschetten von langen weissen Spitzen. Es hatte zu dieser Erscheinung ein mit Seide ausgeschlagener offener Landau, nicht die auf jeder Station gewechselte schmuzige Postchaise gehort.

Aber sowol fur diese Toilette wie fur das dagegen auffallend genug abstechende Bundel, das Lucinden beim Tragen bis zum Thor fast zu schwer geworden war, hatte der junge Mann stundenlang keine Augen. Ueber seine eigene Metamorphose lachelte er mit gezwungener Leichtigkeit, und befahl dann immer nur mit einer seine Begleiterin mehr erschreckenden als ihr imponirenden Barschheit dem Postillon die grosste Eile.

Jetzt erst, um zehn Uhr, als Lucinde doch auch einmal aussteigen und sich etwas dehnen und recken wollte, bemerkte er, wie sie seine Weisung, sich vornehm und anders als gewohnlich zu kleiden, bis zum "Auffallenden" misverstanden hatte; er bat sie, lieber im Wagen zu bleiben. Sie hatte gedacht, er wurde endlich sagen: Nein aber wie schon! Wie entsprechend der gegebenen Anweisung! Und vollends waren jetzt sogar die Locken aufgegangen und hingen ihr, wie einer Genoveva, lang uber den Nacken herab, ein wildromantisches Aussehen gebend ... Aber Oskar Binder zankte sogar.

Die Vogel werden nicht vor mir erschrecken! sagte sie spitzig, als er sich dabei angstlich umsah. Sie liess sich nicht abhalten und stieg aus.

Wie wohl that ihr's, endlich im Walde die beklommene Brust ausdehnen zu konnen!

Oskar Binder gefiel ihr heute nicht. Sie wusste nicht, wie sie so schnell und unuberlegt in diese "Gelegenheit nach Amerika" hatte einwilligen konnen. Sah diese Reise doch einer Erhorung seiner Huldigungen nicht unahnlich, und doch hatte sie Oskar'n bisjetzt keine Zartlichkeit gestattet. Ware er ihr heute fruh funf Uhr bei den beiden Pappeln gleich um den Hals gefallen, dann hatte es mit ihrer Zukunft seine Richtigkeit gehabt, der Augenblick hatte sie uberwunden, sie hatte sich liebkosen lassen und nach Gefuhl erwidert; jetzt aber war der Augenblick verfehlt, und wenn bei den beiden Stationen, die sie hinter sich hatten, jedesmal beim Weiterfahren der junge Mann einen Anflug von Zutraulichkeit bekam und ihre Hand ergreifen wollte, zog sie sie zuruck. In dem zornigen Temperament, das ihrem Blute eigen schien, bei dem schwachen "Talent zur Treue", wie sie es selbst nannte, uberlegte sie schon bei den ersten ahnungsvollen Blicken in die nachste Ferne, ob denn in der That nicht Amerika auch zu weit liegen mochte; denn nach ihrem Princip mochte sie hier in jedem Dorfe gleich halten und in jedem Schlosse gleich die Leute kennen lernen.

Den Bitten des nur mit seiner Kassette beschaftigten Oskar, im Wagen zu bleiben, gab sie kein Gehor. Der Weg ging bergauf, der Postillon schritt auch zu Fuss und sie wollte sogar noch weiter links in den Buchenwald hinein. Das dort noch gehaufte Laub vom vorigen Jahre lockte sie. Das raschelte so gleichformig zu ihren Fussen hin, und sie wollte dabei an Amerika und das grosse Weltmeer denken, das sie mit dem jungen Manne und seiner thorichten Liebe zu ihr zu durchschiffen hatte. Und wie gebieterisch er schon wurde! Er rief einmal uber das andere in englischer Betonung: Mary! Mary! Als wenn auch er ihren Namen Lucinde zu verleugnen hatte! Sie staunte dabei, dass Oskar, wie sie bei den zuruckgelegten Stationen schon bemerkt zu haben glaubte, sich mit den Posthaltern und Wagenmeistern in gebrochenem Deutsch unterhielt. Mehr aus gereiztem Spott als aus guter Laune war es, dass sie von ihrem Laubmeer, das ihr bis an die Knochel ging, zur Landstrasse hinuber antwortete:

Yes, my dear! Yes, my dear!

Die englische Conversation that Oskar'n wohl und schien zu seiner Beruhigung zu dienen. Wahrend der Postillon horchend mit seinem Birkenzweig die Gaule kitzelte, fing jener laut einen englischen Discurs an, der im Walde huben und druben nachschallte.

Lucinde verstand ihn freilich nicht mehr als der Postillon; sie sagte immer nur: Yes, my dear! Yes, my dear! Ihr Augenmerk war auf Eichkatzen gerichtet, deren sie nicht wenige aus dem Laube, unter dem noch manche vorjahrige Buchecker lag, aufschreckte.

Wie sie so hin- und herrannte und die Thierchen die Stamme hinaufschossen, musste sie sonderbarerweise der langst vergessenen und aus der Stadt entschwundenen Frau Hauptmannin von Buschbeck gedenken. Diese stand ihr plotzlich in dem Nachtkamisol mit der grossen Haube uber der Nase und dem aufgebundenen Unterrock vor Augen und vergegenwartigte ihr besonders den Moment, wenn sie auf den Mausefang ging. Fand namlich Frau von Buschbeck auf ihrem Boden der Kartoffeln zu viele zernagt, so hatte die seltene Frau auch das Talent, Mause aus freier Hand zu fangen. Lucinde war ihr oft nachgeschlichen, wie sie auf der Huhnersteige, die zum Dache fuhrte, auf der Lauer lag, listig um sich blickte und mit raschem Griff sich eines ihrer Opfer bemachtigte. Hing dann am Morgen in der Kuche immer ein halb Dutzend Mause an den Schwanzen aufgereiht und hatte die Jagerin gesagt, es ware ein Vorurtheil, so reinliche und leider von den besten Dingen sich nahrende Thierchen nicht zu speisen, in den ersten Wochen, wo Lucinde von Langen-Nauenheim zu ihr gekommen war, hatte sie voll staunender Bewunderung und in ihrer "damaligen Dummheit" nicht widersprochen, sondern sie auf Befehl gegessen, gesotten oder gebraten, wie die Frau Hauptmannin nur gewollt. Warum ihr aber das gerade jetzt so entgegenkam? Hier im Walde? In dieser Einsamkeit? Sie sah die Alte deutlich, sie sah sie zwischen den Baumen hinhuschen und Mause fangen; sie musste sich schutteln; sie kannte sich noch darauf nicht, was es ist, vom Fieber durchschauert zu werden. Sie war vor Aufregung seit gestern Abend mit dem Lockenbrennen und Fruhaufstehen und "nach Amerika Reisen" nicht zur Ruhe gekommen und eine Krankheit drohte.

Der junge Anglo-Amerikaner merkte nicht, wie gespenstisch blass sie sah, als sie mit hangenden Locken uber das raschelnde Buchenlaub zu ihm zuruckkehrte und in den Wagen stieg, der jetzt bergab und schneller fuhr. Nur wieder seine Kassette, sein gedrucktes Reisehandbuch und die Entfernung bis zur nachsten Station hatte er im Kopfe.

Eine wundervolle Gegend! sagte er dann einmal ganz gedankenlos und bemerkte kaum, wie sich Lucinde in die Ecke des Wagens druckte, seinen Plaid um sich zog, den er ihr schon nach der zweiten Station ubergelegt hatte, als es sie dort schon trotz der Schwule des geschlossenen Wagens frostelte.

Ich will schlafen! sagte sie jetzt und zog den Plaid bis uber die Stirn.

Hatte der Entfuhrer eines den wunderlichen Widerspruch von Gescheidt und in vielem noch vollig Beschrankt verbindenden Madchens Gefuhl gehabt fur irgendetwas anderes als die Sorge, fur seine Reise einen grossen Vorsprung zu gewinnen, so hatte er bemerken mussen, wie ihr Antlitz in Wachs sich verwandelt hatte, ihre Lippen bebten, ihre Hande schlaff hingen, das Kleid sich verschob und die Schultern marmorkalt hervorsahen. Es war auch wol ein solches Fieber, wie man es nach geistigen wie leiblichen Geburten hat. Sie begriff allmahlich, wie es doch mit dieser schnellen Reise zusammenhangen mochte. Oskar Binder hatte Ursache zur Eile. Lucinde war, einfach in die Sprache der taglichen Welt ubersetzt, erstens von ihm entfuhrt, und zweitens war sie es von einem Diebe.

Dass sie in ihrem Zustande keine Erquickung, keine Mittagsrast begehrte, kam dem Fluchtling ganz genehm. Er eilte nur und wetterte auf allen Stationen im gelaufigsten Englisch oder gebrochenen Deutsch. Gegen Mittag kaufte er kalte Kuche, sie im Wagen zu verzehren.

Lucinde wollte nur einen Trunk Wasser.

Jetzt bemerkte er erst ihren Zustand ...

Ich bin das Fahren nicht gewohnt, hauchte sie.

Ihre Zunge war trocken. Wenige Tropfen Wassers loschten den Durst nur auf einen Augenblick; und doch schauderte sie, mehr zu trinken. Sie druckte sich wieder in ihre Ecke.

Da sie die Versicherung gab, dass ihr nichts fehle, beruhigte sich der Fluchtling.

Es war zwei Uhr, und man hatte wol schon acht Meilen zuruckgelegt. Die Gegend nahm einen neuen Charakter an. Oskar Binder fing an zu trallern; er pfiff sich einige Arien, die er sonst wol auch mit einer schonen Tenorstimme zu singen verstand. Er bekam die unternehmende Haltung wieder, die ihm sonst gelaufig war, strich sich das Gesicht an den Stellen, wo sonst sein Bart gestanden hatte, und lachte einmal uber das andere laut auf.

Jetzt interessirten ihn kleine Dinge am Wege, ein Dorf, ein bellender Hund, dem er nachahmte und ihn damit nur noch heftiger reizte, die Landestracht. Auch den falschen Englander hielt er nicht mehr so consequent fest und gegen Lucinden wurde er aufmerksamer. Er setzte sich rucklings und lehnte die Halbschlummernde uber den Rucksitz bequemer aus, schlug ihre Fusse in seinen ausgebreiteten Plaid, strich die langen Haare von der kalten feuchten Stirn zuruck, kusste die Hande, deren Handschuhe schon abgezogen waren, und kniete sogar nieder, um von dem Gluck seiner Eroberung, von der Zukunft, von der baldigen Ruhe in einem guten Hotel und den Bequemlichkeiten eines ersten Kajutenplatzes auf einem deutsch-amerikanischen Dampfer zu sprechen.

Lucinde horte allem in traumerischer Abwesenheit zu. Die Kusse, die ihr Begleiter auf ihre Hande druckte, schien sie nicht zu fuhlen. Ruhig liess sie ihn auch ihre Locken streicheln. Zu lange auch verweilte er bei seinen Zartlichkeiten nicht; immer wieder fuhr er auf, das kleinste Gerausch konnte ihn erschrecken. Kehrte er dann von einem Blicke aus dem Wagenschlage zuruck, so griff er erst nach seinem Reisehandbuche und verglich das, was er las, mit dem was er eben draussen gesehen.

Seltsam genug mochte ihm sein, in seinem "Guide" vielleicht zu lesen: Nun offnet sich das grosse Becken, wo einst die Romerwelt mit den Germanen zusammenstiess, Varus seine Schlachten verlor, Arminius das Schwert des Rachers uber die vernichteten Legionen schwang, bis dann um achthundert Jahre spater die Romer wiederkehrten, mit dem Kreuze voran, dem Schwerte Karl's des Grossen hintennach. Hier an diesen Stromen vollzogen sie an den Sachsen die Bluttaufe ...

Von den Wonnen des Geschichtskundigen, der hier zwischen diesen Bergketten und Langenthalern die ersten deutschen Kloster errichtet weiss, die damaligen ersten Pflanzstatten der Bildung, der das Auge dort nach einem sagenreichen Hugel, hier nach einer waldverlorenen Kapelle richtet und sieht, wie zwischen Katholicismus und Protestantismus das Land getheilt wellenartig dem grunen Landmeere, Westfalen genannt, und von dort den grossen geschichtsmassgebenden Stromen und Meeren zu sich windet ... davon hatte nach Bildung und Gefuhl das starre Auge des jungen Verbrechers keine Ahnung.

Um drei Uhr war es wieder eine Waldung, in die die Reisenden einfuhren ...

Diesmal eine von Birken. Geisterhaft standen die blendendweissen schlanken Stamme, die Zweige hingen nieder wie an den Trauerweiden. Kein Herbstlaub war von den durftig geschmuckten Kronen mehr auf dem Boden sichtbar, Moos und Flechtengewachse zogen sich, von blauen Blumen unterbrochen, weithin zwischen den sonnenbeschienenen, feenhaft winkenden Stammen. Hielt der Wagen, so flusterte es von den Espen, die zwischen den Birken standen, wie ein Sauseln der Allnatur, und Wasserchen sickerten da und dort aus dem Moose hervor und benetzten die ihrem Laufe schon folgenden Vergissmeinnicht wie in der Idylle eines Traumes.

Lucinde lag in Betaubung ... Ihr Auge war geschlossen, doch schlief sie nicht. Sie fuhlte wohl, dass die immer gewecktere Laune, immer frohlichere Stimmung ihres Begleiters angefangen hatte nur ihr allein sich zu widmen; sie duldete es, um nur Ruhe zu haben. Sie wusste und fuhlte wol etwas von der Beruhrung ihrer Lippen. Sie war machtlos, geistig und korperlich ohne Willen.

So ging es eine Weile wie im Traume fort ...

Da plotzlich springt sie auf, wie von einer Natter gestochen. Der Muth des jungen Mannes hatte mehr gewagt. Krampfhaft stosst sie ihn zuruck und sieht ihn mit starren, weit aufgerissenen Augen an ...

Aber auch ihm war gerade in demselben Augenblicke mehr geschehen als nur der Widerstand eines ihm zu hulflos geschienenen Opfers.

Die funf Finger jeder Hand streckte er krampfhast vor sich ihn, wie einer, der eine Scene unterbricht mit plotzlicher Anstrengung seines Gehors, und kaum hatte diese Bewegung eine Secunde gedauert, kaum Lucinde ihr eigenes Entsetzen vor dem starren Schreck des Frevlers vergessen, als dieser nach einem Griff auf seine immer zur Hand stehende Kassette den Schlag geoffnet hatte, Halt! donnerte, ohne Mutze aus dem Wagen sprang und fur sie verschwunden war.

Lucinde sank vor dem plotzlich haltenden Wagen in den Sitz zuruck, erhob sich aber wieder, wickelte sich aus dem Plaid heraus und machte Miene, instinctmassig dem Fluchtling zu folgen.

Indem schlug ein Gerausch an ihr Ohr wie von Pferdehufen.

Sie blickte zum Schlag hinaus, den der Postillon voll Erstaunen uber das Benehmen seines Passagiers auch auf seiner Seite, der linken, geoffnet. Man sah zwei Gensdarmen mit klapperndem Seitengewehr in noch ziemlicher Entfernung daherjagen. Lucinde, wie in der Ansteckung des Augenblicks, springt hinunter, die Pferde halten aber nicht recht, scheuen und wollen auf den Fussweg. Dadurch gibt ihr der Instinct des Moments den Gedanken, nicht zur Rechten, wo Binder verschwunden war, zu entfliehen, sondern nach der linken Seite. Ein Fluch der Verwunderung von seiten des Postillons folgt ihr. Sie rennt das niedrige Gestrupp quer hindurch. Haselgestrauche und Brombeerhecken biegt sie zuruck, lauft, wie von Furien verfolgt, in der ganzen athemlosen Hast der fieberhaftesten Erregung, mit Kraften ausgerustet, die sie im Augenblick hernimmt, sie weiss nicht woher, lauft durch Heck' und Moos, durch weiche, versinkende Stellen, Strauche zuruckbiegend und keinem Verstekke, der sich darbietet, vertrauend. Wie von der Luft getragen, fliegt sie dahin, und erst, als sie nicht mehr kann, reicht das Entsetzen uber Gefahren, die sie sicher nicht zu gross sich ausgemalt, nur noch so weit aus, auf die Zweigstamme eines rings von hohen Buschen umgebenen Baumes zu klettern, die Zweige des Umwuchses zuruckzudrangen, die hohern Wipfel an sich zu ziehen, sich fest an sie anzuklammern und mit einem einzigen kuhnen Sprunge auf die Astgabel des Baumes zu springen, wo sie dann leichtere Muhe hat hoher zu klimmen und athem- und kraftlos, mit herabhangenden Handen und niedergebeugten Hauptes zusammenzusinken. So lugt der Luchs mit starren Augen aus grunen Zweigen und harrt des nahenden Jagers.

7.

In dieser Stellung blieb Lucinde wol eine Stunde.

Sie hatte oft schon auf Baumen gesessen, aber so in Angst und Kraftlosigkeit noch nie. Mit den uber einen gewaltigen Ast ausgelegten Armen hing sie mehr, als sie auf einem untern mit den Fussen stand. Der Schweiss, der ihr von der Stirn troff, musste ihr gut thun; sie behielt wenigstens die Besinnung, und diese lieh dem Korper Kraft.

Lang hingen die Haare, das weisse Kleid war zerfetzt, ihr rother Shawl war irgendwo hangen geblieben. Ihr ganzer Sinn spitzte sich nur auf das Gehor zu. Wenn ihr Auge uber etwas funkelte, war es ein Blatt, das rauschte, ein Kafer, der summte.

Sie besann sich sogleich darauf, dass sie ungewiss sein konnte, ob sie mehr vor den Haschern als vor ihrem Begleiter so geflohen war.

Als sie nichts horte, keine Menschentritte, kein Gerausch von Waffen, konnte sie endlich die Miene so verziehen, dass die weissen Zahne eine Weile hervorstanden, wie immer, wenn sie spottisch lachte ... Es war ein Lachen, das allmahlich in ihrem Innern so platzgriff, dass es sich auch ausserlich geltend machte. Sie lachte, wie die Verzweiflung pflegt, wenn sie nicht mehr aus noch ein kann. Sie uberlegte, was nun alles kommen konnte! Wenn sie aus dieser Lage nichts Neues und Unerwartetes erloste, sah sie Demuthigungen entgegen, die grauenhaft waren.

Alles blieb still ...

Sie traute sich die Kraft zu, niederzusteigen ...

Der Gedanke: Wie, wenn sie durch die Nacht so hinwandern konnte, durch die Walder, die Berge, uber die Meere bis Amerika! der stand ihr so lange bei, bis sie wieder auf ebenem Boden war und dann freilich vor Erschopfung bald zusammensank. Sie hatte seit dem gestrigen Tage keine Nahrung genommen. Nun lag sie kraftlos und griff nach den Zweigen der Straucher uber sich und beugte sie zu sich nieder, hoffend auf Erquickung. Nirgends eine Frucht. Erdbeerbusche sah sie etwas weiter, aber die Fruchte waren abgestreift. Dies bewies ihr wenigstens Menschennahe. So lag sie lange; sie legte den Kopf uber die gekreuzten Arme und schmachtete so hin ...

Seit lange hatte sie solche Einsamkeit auch ihres Innern nicht gefuhlt.

Doch mit Thranen konnte ihre Natur sich nicht helfen. Vor acht Tagen da hatte sie "beinahe" geweint, als sie das Haus des edeln Mannes, des Stadtamtmanns, verliess. Sie weinte auch wirklich, als die alte Kochin uber ihr trostend und doch kopfschuttelnd gesagt hatte: Jettchen, Jettchen, Sie werden noch Traurigeres in der Welt erleben, als das ist! Sie hatte schon seit lange nicht mit der Alten gesprochen, weil sie zu stolz geworden war. Aber lange hatte die Ruhrung nicht gedauert. Sie wuhlte schon damals nach einer Genugthuung. Da sich keine fand, da ihr uberall der Weg versperrt war nach der Seite hin, wo allein ihrem Stolze genugt werden konnte, so war sie bereit gewesen, das Netz, das sie uberspann, zu zerreissen und mit Oskar Binder in die weite Welt zu gehen. Wie das so war und werden konnte, hatte sie nicht viel uberlegt. Nun sah sie's und neu genug waren die Folgen ... Jetzt blickte sie in einem Walde einsam hinein in Moos, Farrnkrauter, Strauche mit Bluten und Beeren, die zum Herbste reiften ... Was dieser ihr wol bringen wird!

Die kleinen Kafer und Insekten um sie her konnte sie noch verfolgen, wie sie sprangen und sich kugelten und auf Halme kletterten, die am Gewichte derselben zusammenknickten ...

Es regt sich doch alles, es nahrt sich doch alles! Das zu denken, auch jetzt zu denken, war langst ihre Art, und so elend ihr zu Muthe blieb, aufstehen wurde sie doch, wenn nicht gleich jetzt, doch noch vor Abend; und zuruckdenken mochte sie am wenigsten; aufrichtig beklagen, sich etwas vorwerfen, bereuen, das hatte sie nie vermocht, und wenn sie sonst gestraft worden war, Thranen kannte sie auch da nicht. Ihr Vater weinte wol dann statt ihrer und seufzte: Die Mutter!

Nach einer halbstundigen Ruhe raffte sie sich wieder in die Hohe. Sie ordnete ihr Haar, soweit es ging, erschrak zwar uber den Zustand ihres Kleides, versuchte aber weiter zu kommen.

Sie hielt sich an die Zweige und Stamme. Einen Weg fand sie nicht. Sie war gauz im Dickicht, und doch war ihr's manchmal, als lautete von irgendwoher eine Glocke. Dann war's blos wieder ein Summen im Grase oder im Ohre. Einige hundert Schritte brachte sie so vorwarts; weiter trug sie ihre Kraft nicht mehr ...

Es war an einem wunderschonen Platze, wo sie zusammensank. Der Wald wurde lichter, die Birken ragten wieder, Erlen, auch Weiden kamen. Sie sah sogar in der Ferne Schilf, dicht verwachsen; nun musste doch ein Wasser kommen. Sogar Schwalben schossen daher, die sonst im Walde nicht wohnen. Auch eine Lerche wirbelte ein Abendlied in der Luft. Aus dem Schilfe blickte manche dunkelblaue Blume ihr entgegen. Weisse Nymphaen sah sie auf kleinen Wasserchen. Das Gras um sie herum war von Vergissmeinnicht gezeichnet ...

Immer muder und muder wurde ihr. Rings der grosse schweigende Kranz des Waldes, hier ein kleines Wassereiland, druber der blaue Himmel mit einigen wie durchsichtigen Rosawolkchen in allerhochster Hohe. Sie blickte noch einmal empor, dann fasste sie, wie um sich zu halten, einen Buschel blauer Glockenblumen, und lag dann so, diese in der Hand haltend, ohne Bewusstsein. Eine grune, behend dahinschlangelnde Eidechse, die sie im Sinken unter einem feuchten, moosbewachsenen Steine aufscheuchte, sah sie wol noch, aber furchtete sie nicht mehr.

Als Lucinde erwachte, war es dunkler Abend.

Ihre Ohnmacht war in Schlummer ubergegangen. Sie erwachte an derselben Stelle.

Obgleich sie schwer getraumt hatte und im Traume weit entruckt gewesen war in ferne Lande, so erkannte sie doch sogleich den Ort wieder trotz der Dunkelheit.

Nur Gesellschaft hatte sich eingefunden. Es sass ein Mann neben ihr.

Es war ein ihr vollig Fremder, und doch erfullte er sie nicht im mindesten mit Schrecken.

Seine Geberde war auch zu sprechend fur die Gefahrlosigkeit seiner Nahe und seiner Absicht. Er lag auf den Knieen, faltete die Hande, die er lassig niedergleiten liess, und betrachtete die Erwachende, wie wenn er eine uberirdische Erscheinung angebetet hatte.

Ihr Erwachen schien den Fremden mit grosser Freude zu erfullen.

Er war hoch und stark, ein Mann eher noch in jungen als in mittlern Jahren.

Sein Antlitz, soweit es der schon nachtlich gedunkelte Abend erkennen liess, war voll, gerothet, beides fast im Uebermass.

Die Art und Farbe der Augen liess sich vor dem Schirm einer leichten Sommermutze, die er trug, nicht erkennen.

Auch seine ubrige Tracht war von leichtem, hellem Sommerstoffe, bis zu Gamaschen hinunter, die er trug.

Das Halstuch war mit einem Ring zusammengebunden, dessen weisse Steine wunderbar funkelten. Eine schwere goldene Kette hing uber die offene Brust hinweg uber ein sauber gefalteltes Hemd. Von der grunen Waldeseinsamkeit stachen die weissen Glacehandschuhe ab, die auch dieser Fremde wie Oskar Binder trug und trotz seines Knieens und seiner wie anbetenden Geberde nicht ausgezogen hatte.

Noch ehe Lucinde sich in diesen seltsamen Anblick gefunden, wurde sie von dem fremden Manne angeredet. Es war in einer fremden Sprache, die aber einige deutsche Laute untermischt hatte, und das so richtige und volltonende, wie wenn ihm jene doch nicht recht gelaufig war.

Die sich gleichbleibende Stellung und ehrfurchtsvolle Anrede des Fremden uberraschte Lucinden jetzt so, dass sie sich erhob und einige Worte sprach:

Wer sind Sie? Wo bin ich?

In diesem Augenblicke kamen aber auch schon aus dem Walde einige Leute und brachten einen grossen Tragsessel.

Ein alterer, schwarzgekleideter Mann fuhrte sie und naherte sich mit Anweisung der Stelle, wohin sie ihm mit dem Sessel folgen sollten. Da er Lucinden schon aufgestanden und jetzt wie auf der Flucht fand, rief er ihr entgegen:

Mein junges Kind! Furchten Sie sich nicht! Sie sehen hier nur die Sorge des Herrn Kammerherrn! Wir waren im Begriff, Sie auf diesem Stuhl in meine Wohnung zu bringen!

Lucinde war sich ihrer eigenen Abenteuerlichkeit zu gut bewusst; wie hatte sie von den Mannern, statt Aufklarungen zu geben, welche verlangen konnen!

Sie mussen ermudet sein! Setzen Sie sich! Diese Leute sind stark genug, Sie den Weg, der nicht zu kurz ist, in meine Wohnung zu tragen!

So sprach wiederholt der Neuhinzugekommene, ein hagerer, langer Mann, von gelassenem Wesen. Sie musste nach Tracht und Haltung in ihm einen Dorfgeistlichen vermuthen.

Der als Kammerherr Bezeichnete war aufgestanden und hielt sich immer nur in einiger Entfernung, faltete die Hande und betrachtete Lucinden wie ein Wunder, das sie in dieser Umgebung, in ihrem wilden und doch eleganten Aufzuge allerdings auch war.

Ermudet und schwach bis zum Umsinken, liess sie sich die Dienstleistungen der Leute gefallen, duldete, dass man sie auf den Sessel hob, diesen dann kraftig erfasste und sie so aus dem jetzt schon vom Monde beschienenen und von Leuchtkafern und schwarmenden Phalanen belebten Schilfmoor in den dunkeln Wald zurucktrug.

Die Trager sprachen nichts als was zur Verstandigung des bessern Handhabens des Stuhles gehorte; auch die beiden andern, der Kammerherr und der, den sie fur einen Geistlichen hielt, folgten schweigend.

Lucinde, so dahingetragen den schmalen dustern Waldweg, glaubte noch immer zu traumen, und doch war alles Wirklichkeit. Diese geisterhaften Lichter, die der Mond zwischen die hohen Stamme warf, waren zu naturliche.

Aber das Gefuhl, einer Gefahr entgegenzugehen, konnte hier nicht aufkommen. Die beiden Manner blieben zwar in lebhaftem, wie sie horte, jetzt in vollkommenem Deutsch gefuhrten Gesprach zuruck, aber die gutmuthigen Mienen ihrer Trager liessen auf ehrliche Dorfbewohner schliessen.

Lucinde war so angegriffen, dass sie mit sich geschehen liess, was man thun wollte. Sie lehnte den Kopf an die Ruckenlehne des Sessels und horte nur. Endlich vernahm sie das Schlagen einer Thurmuhr und Hundegebell. Sich ein wenig aufrichtend, sah sie einige Lichter blinken, auf die man in gleichmassiger Bewegung zuschritt.

Der kleine Zug kam in ein stilles, schon in nachtlicher Ruhe sich wiegendes Dorf. Die hintern Begleiter hatten eine Strasse abgeschnitten und waren den Tragern voraus. An der Kirche lag ein stattliches Haus, dem letztere durch ein zur Seite liegendes grosses Hofthor schneller beikommen wollten; doch der Kammerherr sprang heran und rief ein gellendes: Nein! indem er auf den Haupteingang des Hauses selber zeigte. Seine Gestalt und Stimme bot in diesem Augenblicke einen angstlichen Eindruck. Lucinde hatte gewunscht, von ihm minder gerauschvoll geehrt zu werden.

Dass sie sich in einem evangelischen Pfarrhause befand, bemerkte sie bald an der Umgebung, die immer lebhafter und zahlreicher wurde. Eine freundliche Frau beklagte sie, erklarte sie ohne Zweifel fur verirrt, fur krank, und ruhmte den Kammerherrn, der die Ungluckliche entdeckt hatte, die an jener Stelle im Walde unfehlbar die Nacht wurde haben verbleiben und sich vollends verderben mussen.

Man trug Lucinden eine Treppe hinauf, in ein zwar niedriges, aber freundliches und sehr geraumiges Zimmer, neben welchem ein Cabinet mit Bett sich befand. Alles war schon hergerichtet zu ihrem Empfang. Jeder griff zu, jeder bot ihr Hulfleistung; nur der Kammerherr stand unausgesetzt von fern und betrachtete, was er sah, wie eine Marchenerscheinung. Jetzt ubersah Lucinde die ganze lange, starke, breitschulterige Personlichkeit, deren zartes, fast susses Benehmen mit diesem Aeussern in einem fast komischen Contraste stand.

Ihre Erklarung, dass sie sich verirrt hatte, genugte vorlaufig und verhinderte alle weitere Nachforschung. Man war bedacht, sie mit Speise und Trank zu versorgen und ihr die Ruhe eines weichen Lagers zu gonnen. Sie unterwarf sich auch jedem, was man zu ihrer Starkung und Bequemlichkeit ersann. Sie war nur das willenlose Echo jedes gesprochenen Wortes bis auf das: Gute Nacht! das man ihr zuruckliess und das sie ebenso erwiderte. Sie horte noch etwas wie den gezogenen Ton eines Wachterhorns und entschlief.

Die weniger kraftige als zahe Natur Lucindens hatte sich am folgenden Morgen vollstandig wieder erholt. Von einem wohlthatig uber Nacht ausgebrochenen Schweisse merkte sie jetzt kaum noch etwas, als die gewonnene Starkung. Sie richtete sich, wie die Sonne hell in die sehr niedrigen, aber wohnlichen Zimmer schien, hoch auf und lachte schon wieder uber die Situation, in der sie sich befand. Man war schon um sie her beschaftigt gewesen. Sie fand schon Kleider, Wasche, Hulfsmittel ihre Toilette zu machen, erfrischendes kaltes Wasser. Sie konnte annehmen, dass sie mit Oskar Binder in den von ihm so hochgeruhmten Hotels der Seestadt Bremen angekommen und eine Grafin war, als welche er sie uberall behandeln zu wollen versprochen hatte. Bei dem Gedanken, ob der junge Mann nicht schon auf dem Wege ins Zuchthaus war, uberlief sie eine peinliche Furcht. Sie erwog indessen ihren Antheil an seiner Schuld und durfte sich freisprechen bis auf den verlorenen Ruf. Letztere Betrachtung storte sie nicht zu lange: ihrer Natur widersprach es, sich um irgendetwas allzu viel Sorge zu machen.

Die Kleider, die sie vorfand, entsprachen freilich der Vorstellung von einer reisenden Grafin sehr wenig.

Es waren leichte, vielfach gewaschene und von der Sonne ausgebleichte Kleider der Frau Pfarrerin.

Sie zog einen der Rocke an und lachte uber sich selbst, als sie in den Spiegel geblickt, von dem sie erst zwei sich kreuzende Pfauenfedern und eine Anzahl Visitenkarten und geschriebene Einladungen zu Mittagessen und Kaffeegesellschaften in der Umgegend wegnehmen musste.

Wie eine Grossmutter! sagte sie, von diesen Familienbezugen angeregt, zu sich selbst. Sie sann hin und her, wie sie sich helfen konnte, denn vollkommen gegenwartig war ihr die Anwesenheit eines Mannes, den man Kammerherr genannt und der ja vor ihr anbetend auf den Knieen gelegen und sie wahrscheinlich spanisch oder arabisch begrusst hatte. Leise hatte sie auch schon die an den Fenstern dicht herabfallenden gemusterten und roth umsaumten Musselingardinen geluftet und richtig schon ihren Verehrer in dem kleinen Garten vor dem Hause auf- und abwandelnd erblickt.

Lucinde war eitel genug, die glanzende Toilette, in der er erschien, auf ihre Veranlassung zu setzen. Er trug eine hellblaue Uniform mit goldgesticktem Kragen, mehrere Orden auf der Brust und einen dreieckigen Tressenhut auf dem schon wieder sehr rothen Antlitz. In gravitatischer Wurde ging der Kammerherr durch die zierlichen Wege des kleinen Blumengartchens auf und nieder und brach nur dann und wann zu einem Bouquet, das er schon in Handen hielt, noch eine Rose oder aus den Einfassungen der Beete eine Federnelke.

Zunachst ordnete sie ihr verwildertes Haar. Sie legte es wie sonst wieder in Scheitel und Flechten. Um Locken zu machen, fehlte die Feuerzange ihrer Schwester.

Diese Umwandlung dauerte lange. Sie wurde ihr aber angenehm durch eine ganz wunderbare Unterhaltung, die plotzlich durch das Haus ertonte. Eine Musik erfullte die nicht unansehnlichen Raume desselben, und zwar mit einem Wohllaut, der hohern Spharen angehorte. Jedes Glas auf dem Tische, die Fensterscheiben, die Bilder an der Wand, ja, die klappernde Thur eines gusseisernen Ofens, alles schien von dieser Musik mit ergriffen, so machtig brausten die Accorde durcheinander, ob sie gleich nur von einem einzigen Instrumente, etwa von einer riesigen Flotenuhr, zu kommen schienen.

Was ist das? fragte Lucinde die Magd, die sie in seltsam fremder, ihr nicht gelaufiger, plattdeutscher Sprache um das Fruhstuck anging, das sie zu haben wunschte.

Der Herr Pfarrer spielt! hiess es.

Ja, aber was? worauf?

Die Magd lachelte verlegen; ihr guter Wille, Aufklarung zu geben, scheiterte an einem schweren fremdartigen Namen.

Die Tone schwollen indess und losten sich ab mit einer Weihe und Erhabenheit, die der feierlichsten Kirchenmusik gleichkam. Bald waren es Floten, bald Oboen, bald die Tone eines Violoncells. Nur einmal hatte Lucinde ahnliche Eindrucke gehabt, damals, als sie zur Osterzeit gelegentlich die kleine katholische Kirche der Residenz betreten, um zu belauschen, wie sich die Frau Hauptmannin anstellte, im Beichtstuhl zu sitzen. Sie erfuhr spater, dass die geizige Frau, die den Satan ohnehin fur den wahren Herrgott hielt, nur deshalb alle Jahre einmal zur Beichte ging, um ein monatliches ganzliches Fasten zu motiviren, das sie darauf als eine ihrem Hause fur ihre Sunden dictirte Strafe einfuhrte. Lucinde dachte auch bei dieser Musik an jene Zeit der bittersten Entbehrungen.

Da ihr schones Kleid einer grundlichen Ausbesserung bedurfte, wenn es nicht gar ganz verdorben war, so blieb ihr nichts ubrig, als fur ihr Costum sich den Umstanden zu ergeben. Sie bat um eine Haube und erhielt sie. An dem Schnitt ihres Antlitzes, an dem Reiz ihrer Formen war nichts zu entstellen, sie konnte den Eindruck einer eben verheiratheten jungen Frau machen. Sie nahm dann ein leichtes Fruhstuck von Milch und eilte an die Quelle der berauschenden Tone, die das ganze Haus verzauberten.

Man empfing sie unten sehr freundlich und wunschte ihr Gluck zu ihrer schnellen Erholung. Ihre Toilette fand man erfindungsreich und entschuldigte sich, ihr nicht mehr bieten zu konnen. Die Musik hatte denselben Augenblick aufgehort. Auf ihr Befragen, welchem Instrument man verstanden hatte diese wunderbaren Tone zu entlocken, zeigte der Pfarrer auf einen Kasten, in welchem eine Reihe von Glasern, eins ins andere gesteckt, an einem Bande in der Schwebe gehalten lagen. Durch eine mechanische Vorrichtung bewegten sie sich, geriethen durch standiges Drehen in Schwingungen und wurden nun mit den Fingerspitzen je nach ihrer Stimmung beruhrt. Diese Art des Spielens schien anstrengend. Man musste die Glaser durch Friction in Umschwung erhalten. Der Anblick selbst war lange nicht so poetisch wie die Wirkung. Es war eine, jedenfalls verbesserte, jener alten und echten Harmoniken, die Benjamin Franklin erfunden haben soll, und die schon lange aus dem Gebrauch des Virtuosenthums gekommen sind und nur hier und da noch von einem Freunde ernster und weihevoller Musik gespielt werden. Der Pfarrer und die Pfarrerin, beide waren gleich geschickt darin.

Das nachste Gesprach, an welchem in bescheidener Zuruckhaltung einige freundliche Kinder, zwei Madchen und zwei Knaben, theilnahmen, betraf naturlich das gestrige Finden der Verirrten.

Der Pfarrer hatte mit dem Kammerherrn, der immer noch im Garten, harrend und seinen Strauss vervollstandigend, auf- und niederging, kurz vor Sonnenuntergang noch einen Spaziergang gemacht. An dem Riedbruch, wie die bezeichnete Gegend benannt wurde, hatte man Lucinden uberraschend genug und im Schlummer hingestreckt gefunden. Ihr zerrissenes Kleid, die aufgelosten Haare hatten keinen Zweifel gelassen, dass es sich um eine Kranke handelte, und schnell war der Pfarrer zum Dorfe geeilt, wahrend der Kammerherr zur Aufsicht zuruckgeblieben war.

Zwei fast gleichzeitige Fragen, die ihrerseits nach der wunderlichen Art des letztern, und die Frage der Pfarrersleute, wie und woher sie denn in diese misliche Lage gekommen, durchkreuzten sich eben, als man vorm Hause einen furchterlichen Larm horte, Schimpfreden und Drohungen wildester Art.

Ja, was ist wieder? sagte ruhig der Pfarrer und ging hinaus.

Lucinde sah, dass sich der Kammerherr wie ein Tobsuchtiger geberdete und in einige Entfernung hinausschrie:

Schlingel, nichtswurdiger Schurke, Tagedieb! Wo bleibt mein Degen? Wie lange soll ich nach meinem Degen rufen? Bin ich der Kammerherr von Wittekind oder nicht?

Da auch die Pfarrerin auffallenderweise sehr ruhig in den Garten ging, so nahm Lucinde keinen Anstand zu folgen. Sie hatte schon die Thur in der Hand, als ihr auffiel, wie schnell das alteste der Madchen an die Harmonica sprang und einige der Glaser mit dem muhsam ausgebreiteten Spann ihres kleinen Handchens zu reiben sich muhte.

Was ist das alles? fragte sie sich und war um so mehr betroffen, weil der Name Wittekind sie an die monatlichen Geldsendungen der Frau von Buschbeck oder des Frauleins von Gulpen erinnerte. Auf den funf Siegeln hatte sie einmal die Worte: "Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung" gelesen ...

Die Kleine spielte wohlgeordnet einen Choral. Der Kammerherr riss dazwischen sein Blumenbouquet auseinander, rannte uber die Beete, zertrat alles und schlug sogar gegen den Pfarrer, der ihm zuzureden und ihn ins Haus zuruckzufuhren sich bemuhte, mit geballter Faust. Leuten, die draussen am Staket gaffend stehen blieben, winkte der Pfarrer zu gehen.

Meinen Degen! Meinen Degen will ich haben! rief der Ungeberdige unausgesetzt und drohte nach einer Seite hin, wo sich jemand zu befinden schien, der diesen zu bringen von ihm beauftragt war.

Aber den Degen? rief die Pfarrerin, jetzt doch auch erregter ins Haus zuruckkehrend. Wie kann man ihm einen Degen lassen!

Lucinde begriff nun, dass der Kammerherr geisteskrank war. Nie hatte sie Menschen in diesem Zustande gesehen und furchtete sich, trotzdem dass man versicherte, die Musik wurde allmahlich seine Tobsucht mildern. In wunderbaren Tonen spielte auch jetzt die Frau Pfarrerin, eine kleine, zarte, aber geistig durchleuchtete und willensstarke Frau.

Wie Lucinde nun auch auf dem Sprunge war auf die Treppe zu eilen und sich in den obern Stock zu fluchten, traf sie durch die noch geoffnet gebliebene Hausthur der Blick des Tobenden. Kaum war er ihrer ansichtig geworden, als er augenblicklich in seinen Schimpfreden innehielt, die Hande nach ihr ausstreckte und halb die Knie beugte.

Diese Aenderung der Scene war das Werk eines Augenblicks. Die zaubervollen Accorde, die die Pfarrerin dem Instrument entlockte, hoben eine Situation, deren Feierlichkeit von dem Schrecken und Staunen der Naherstehenden unterstutzt wurde; die entfernter Lauschenden freilich lachten.

Lucinde blieb eine Weile unbeweglich.

Dann aber fasste sie sich Muth und ging auf den Kammerherrn zu, ihm einen freundlichen: Guten Morgen! wunschend.

Er erhob sich, sprach nichts und lachelte voll Ehrfurcht.

Dass Sie mich noch wiedererkennen! fuhr Lucinde wie in unbefangenster Laune fort. Ich habe mich seit gestern verandert, nicht wahr?

Sie gehoren jetzt der Erde an! sprach der wie in einem Bann Befindliche feierlich, langsam, mit sonderbar hochliegender, fast weiblicher Stimme.

Nicht wahr, fuhr Lucinde scherzend fort, Sie glaubten gestern, ich ware vom Himmel gefallen?

Und nun suchte sie die zerstreuten Blumen auf, wobei ihr der Kammerherr behulflich sein wollte.

Aber diese steife Uniform! fuhr sie fort. Pfui! Pfui! Wie garstig dieser hohe Kragen! Das mag sich wol bei Hofe schon ausnehmen, aber hier ... Die armen Rosen und Nelken! Nein, kommen Sie, Herr Kammerherr von Wittekind! Ziehen Sie Ihre gestrige leichte Kleidung an, und wir richten den Garten wieder in Ordnung!

Ich wollte Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen! sagte der Kranke und verbeugte sich wie vor einer Furstin.

Nun gut! So denken Sie nur, dass ich auch ganz incognito hier lebe und wir uns eines dem andern nichts vorwerfen wollen!

Der Kammerherr verbeugte sich und ging, ohne weiter nach dem Degen zu fragen, ins Haus, um sich umzukleiden. Er bewohnte die andere Seite des Erdgeschosses.

Alle standen in Verwunderung vor diesem unerwarteten Besanftigungsmittel. Der Pfarrer besonders schien sehr erfreut und sagte leise:

Die Musik war bisjetzt das Einzige, was die zuweilen ausbrechende Tobsucht des geistesschwachen Mannes mildern konnte. Nun kommen Sie und schon Ihr Anblick entwaffnet seine Wuth! Sie sind uns ja wie ein Geschenk von Gott gegeben!

Lucinde erfuhr, dass der Pfarrer von Eibendorf, dem das trauliche Nest von Kindern sich fullte, vom Ertrag seiner Pfarre aber kaum die Scheuer, sich erboten hatte, einen geisteskranken vornehmen, sehr reichen Mann in Obhut zu nehmen. Es war, er gestand es aufrichtig, eine ganz einfache Speculation auf die Besserung seiner eigenen Existenz. Er wollte diese Ersparnisse anlegen fur die kunftige Ausbildung seiner Kinder. Offen sagte er das; aber man sah wohl, sein eigener redlicher Wille und die Herzensgute seiner Frau konnten sich nicht entschliessen, diese Pflege wie das Amt eines Miethlings auszufuhren. Sie unterzogen sich ihrer schweren Aufgabe, die sie in diesem mislichen Umfange, wie sich bald herausstellte, kaum geahnt hatten, mit aufrichtiger Hingebung, wachten Tag und Nacht uber den launischen, oft bosartigen und in der grossen Welt in vielen Dingen grundlich verdorbenen Mann, der schon an die Vierzig geruckt schien und doch kaum dreissig zahlte.

Freiherr Jerome von Wittekind entstammte dem Geschlechte, das sich fur die Nachkommen jenes edeln und tapfern Wittekind hielt, der in diesen Gegenden, tiefer abwarts nach Westen zu, lange Jahre Karl dem Grossen die Spitze geboten. Einem Geschlechte der Hunen schien auch noch immer dieser entartete Enkel anzugehoren. Der Kammerherr war der jungere Sohn des grossen Landbesitzers und eines der ersten Glieder hierlandischer Ritterschaft, des Kronsyndikus von Wittekind; der altere stand in Diensten des nordwarts liegenden grossen Staats. Dieser jungere, von fruh beschrankt und schwachsinnig, hatte sich den Kammerherrnschlussel eines der kleinen Hofe geben lassen, die in der Gegend der Externsteine liegen. Seine Reisen und Aufenthalte in grossen Stadten waren die Veranlassung zu so vielen Thorheiten und Verschwendungen geworden, dass der Vater seinem Wesen Einhalt thun musste. Die Beschrankung, die er erfuhr, reizte seine Wildheit noch mehr, und als der Vater, der selbst ein determinirter Mann war und im Nothfall, wie Lucinde spater kennen lernte, mit geschwungener Hetzpeitsche dreinfahren konnte, ihn vollends einengte und, um den Geisteszustand seines Sohnes nicht zu verrathen, ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauser einschloss, liess die Elasticitat dieser schwachen Geisteskrafte immer mehr nach und ein oft bosartiger Blodsinn war die Folge, die nur noch die gewohnte Art der Haltung und der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der stattlichen Erscheinung des Kammerherrn verdeckte.

Obgleich Katholik, hatte man ihn, um seinen Zustand ganz aus dem Bereich der Controle der ihm ebenburtigen Adelsgeschlechter zu bannen, zu einem protestantischen Geistlichen, zehn bis zwolf Meilen von den grossen Gutern des Vaters entfernt, gegeben. Den Vorwand dafur gab seine Liebe zur Malerei. Er besass ein wirkliches Talent zum Copiren und streifte durch die Gegend meist mit der Zeichenmappe. Sein Diener sagte dann jedem, sein Herr halte sich deshalb beim Pfarrer auf, weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkame. Wald, Berg, Wiese und Grund schmuckten das Thal allerdings mit den reichsten Farben; die Malerei und Musik wurden zu Hulfsmitteln, den Zustand des Kranken zu mildern.

Von dem Augenblick an, wo der Kammerherr in seinen Sommerkleidern zuruckkehrte und mit Lucinden, die sich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen hatte, die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzustellen begann, entspann sich ein Verhaltniss, das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens sechzehntes Lebensjahr fullte.

8.

Lucinde blieb auf der Pfarrei, hier "Pastorat" genannt.

Man fragte sie allerdings nach ihrer Herkunft, ihrem Namen und dem Stande ihrer Aeltern. Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen (dem "Meier" des Dorfes) einen Namen an. Erst war sie Johanna Stegmann, aus dem Thuringischen geburtig. Kam der Pfarrer und drohte lachelnd mit dem Finger und sagte, er hatte nach Vacha, das sie als Wohnort angegeben, geschrieben und die Nachricht bekommen, dass man dort nichts von einer Johanna Stegmann wisse, so nannte sie sich Luise Starkin, aus der Gegend von Fulda uber die Rhon hinaus, wo ihr Vater ein Oberforster des Konigs von Baiern ware. Schuttelte man nach vier Wochen wieder den Kopf, so erwiderte sie:

Will man, dass ich bleibe, so qualt mich doch nicht so!

Man musste namlich wirklich wunschen, dass sie blieb. Sie war dem Frieden des Hauses fast nothwendig geworden. Was zur Besanftigung des Kammerherrn die Harmonica nur annahernd erreicht hatte, das loste Lucinde vollstandig. Der Kammerherr wurde durch sie ein Kind, das an ihrem Leitseile unter Blumen spielte; er zeichnete, malte, sprach leidlich vernunftig und verhiess eine wirkliche Heilung.

Ohne phantastisches Uebermass und manche Wunderlichkeit ging es dabei freilich nicht ab.

Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorstellung wie von einer in der That feenhaften Erscheinung. Er liess sich den Wahn nicht nehmen, dass Lucinde eine Tochter der Waldeskonigin, vielleicht sie selbst ware, und Lucinde that nichts, ihm diesen Glauben zu nehmen. Sie liess sich von ihm ganz so schmucken, wie er sie sehen wollte, wenn er sie malte. Es waren dies diese wunderlichen Malereien der Geisteskranken, die durch ihre technische Vollendung oft uberraschen und doch immer etwas nur mechanisch Wiedergegebenes und Seelenloses darstellen. Es waren in seinen Landschaften immer derselbe Eichbaum, immer derselbe Felsengrund, immer dasselbe Haus, derselbe Kirchthurm, derselbe Bach und dieselbe Muhle wiederzufinden, nur wechselte die Vermischung und die Beleuchtung. Auch seine Portrats druckten, er mochte den Pfarrer oder den Meier im Dorf oder den einzigen Bekannten, der ihn zuweilen besuchte, einen Grafen Hans von Zeesen wahlen, immer denselben Charakter aus, eigentlich ihn selbst. Nur fur Lucinden suchte er Abwechselung, bald in dieser Situation, bald in jener. Er verschwendete Summen Geldes, um sie bald als Griechin, bald als Zigeunerin, bald als Salondame oder Amazone malen zu konnen. Von jenem Residenzstadtchen, wo er sich einst den Kammerherrnschlussel gekauft hatte, waren bestandig Cartons mit kostbaren Stoffen unterwegs. Selbst theuere Schmucksachen wurden angekauft. Und der Kronsyndikus, der Vater, der zuletzt doch auch von diesem Treiben horen musste, widersprach diesmal nicht. Einmal druckte ihn der geheime Vorwurf, das Uebel des Sohnes selbst durch seine Erziehung gemehrt zu haben, dann nahrte er die Hoffnung, ihn wieder in die Gesellschaft zuruckzufuhren. Es wurde sogar eine Adelige genannt, die nach einem Familienstatut mit ihm vermahlt werden sollte, nachdem eine Verbindung mit einem Fraulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren gescheitert war.

Lucinde genoss diese Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenso eines sichern und geschutzten Aufenthalts wie geschmeichelten Selbstgefuhls ... Eibendorf lag dem Winkel zu, wo sich das Eggegebirge mit dem Teutoburger Walde kreuzt; es war umgeben von jenen Waldzugen, die so dichtbelaubt, so frei und urstammig sich sonst nur im Suden Deutschlands wiederfinden. Von mancher aufsteigenden Anhohe aus sah man in das ganze Tiefthal der Weser hinab. Ein entzuckender Anblick! Jeder Hugel bewaldet und umgeben von unabsehbaren Feldern und Wiesen, denen sich in frischen Farben Dorfer, weiterhin ansehnliche Stadte entwinden. Die schroffern und die Seele mit machtigen Ahnungen erfullenden Partieen musste man im Gebirge suchen; diese Ebene hier bot den Charakter der Milde und Lieblichkeit. Nach Osten hin sah man an besonders lichthellen Tagen in dunkler Farbung die Nadelholzcontouren des Harzes. Dabei waren die Volkssitten lebhaft, ja keck und herausfordernd. Es gab Aufzuge und Feste aller Art, sogar ein Schutzenfest fur Frauen. Morgens in erster Herbstfruhe ziehen die Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche Anmuthige, von irgendeinem Hofe aus, in goldenen landublichen Haubchen und Stirnbinden, mit Bandern und Blumenstraussen geschmuckt, mit den Gewehren ihrer Manner in den Handen. Der Kammerherr hatte verlangt, dass Lucinde die Schutzenkonigin spielte, die mit dem Zeichen ihrer Wurde, den Sabel an der Seite, vorausmarschirte. Da sie nicht verheirathet war, so setzte man die ausserste Anstrengung daran, ihn von diesem Verlangen abzubringen. Sie begnugte sich dann auch mit der Rolle des Fahnrichs. Die Fahne aber, die er sie tragen liess, war eine wunderliche Curiositat, die er selber erfunden hatte. Er beschaftigte sich namlich mit der hier landesublichen gelehrten Spielerei, in den Nachrichten der Alten uber den Aufenthalt der Romer in Deutschland Thatsachen und Namen aufzufinden, die mit den Sitten und Namen der Gegenwart noch in irgendeinem Zusammenhange stehen. Der Kammerherr wusste genau, wo Varus von Hermann dem Cherusker geschlagen war, er behauptete, dicht bei Neuhof, dem Schlosse seines Vaters. Er war auch selbst in Rom gewesen und vermeinte, dort in den Alterthumsschatzen des Vatican Dinge gesehen zu haben, die die Romer nur auf der heiligen rothen Erde Westfalens gefunden haben konnten. Dortige alte Trinkgefasse waren nur aus Glashutte gekommen, einem Vorwerk seines Vaters, alte Wurfgeschosse nur aus einem ganz bestimmten Holze, dem Dusternbrook hinter Neuhof, geschnitzt, alte Waffen aus einer uralten Schmiede hervorgegangen, die seit Jahrhunderten die Hufe der Rosse seines Hauses beschlug. Nur in einem wich er von dem Urtheil seines Vaters ab. Er las den Tacitus ziemlich gelaufig und hatte die besondere Ueberzeugung, dass der Tempel der T a n f a n a , wo die alten Deutschen angebetet haben sollten, nicht etwa die grosse D a m p f p f a n n e der Saline Hallenstein seines Vaters war, wie dieser selbst und alle Pastoren der Umgegend glaubten, sondern nur eine Tannenfahne, namlich der alte deutsche, weiland heidnische, dann so grundlich getaufte, bekehrte und christlich gewordene liebe W e i h n a c h t s b a u m , den in der That Lucinde mit bunten Bandern geschmuckt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem Schutzenfeste als Fahnrich tragen musste. Da auch in diesem Weihnachtsbaume, Tanfana, Tannenfahne, dem Palladium der alten Deutschen, goldene Ringe, Ketten, Schaumunzen hingen, die die Siegerinnen im Schiessen gewinnen sollten, so liess man sich diese Verbindung des alten heidnischen Rom mit Deutschland und dem uberwiegend protestantischen Eibendorf (katholische Einwohner waren in einem Nachbardorfe eingepfarrt) gefallen. Es waren Geschenke von dem sogenannten "tollen Kammerherrn".

Auf die Lange musste freilich den Pfarrer die unsichere Herkunft und das langere Verweilen Lucindens beunruhigen. Er hatte dem Kronsyndikus nach Neuhof, dem Stammsitze der Wittekinds jenseit des Gebirges, wiederholt seine Bedenken mitgetheilt. Da aber die Wirkung der Abenteurerin eine so vortheilhafte fur den Kammerherrn war, so befahl der Vater, an diesem Erziehungsplane, den der Zufall an die Hand gegeben, vorlaufig nichts zu andern. Seine Briefe waren kurz und bestimmt, wie die Art des Mannes uberhaupt sein sollte. So duldete man das, was nach und nach anfing auch seine Mislichkeiten nach sich zu ziehen. Denn weder die vom Gewohnlichen abweichende Situation des Geisteskranken, seine einsamen Wanderungen mit der Fremden, seine Ausbruche von Eifersucht, noch Lucindens mehr zum Zerstoren als zum Schaffen geneigte Natur blieben lange unverborgen ... Schon fing sie an, als es zum Winter ging, sich an dieser sich gleichbleibenden Lage nicht zu genugen: selbst der Bann einer solchen Huldigung, wie sie sie hier, allerdings ohne die geringste intimere Belastigung fand, wurde ihr zu enge, der Gang der Tage wurde zu gleichformig, die Welt, in der man hier seine Befriedigung gefunden hatte, brachte selten eine andere Unterhaltung als eine Thorheit des Kammerherrn mehr. Die Menschen, die es da und dort noch zu gewinnen gegeben hatte, hielten sich in scheuer Ferne, selbst Graf Zeesen, der alle zwei Monate einmal von seinen nahe liegenden Gutern kam, um einige Stunden lang die sonderbarsten Gesprache mit dem Kammerherrn zu pflegen. Ware Graf Zeesen nicht ausgesprochen katholisch gewesen und im Pfarrhause dieser Punkt des Kammerherrn wegen mit grosser Zuruckhaltung behandelt worden, die Familie hatte vielleicht auch den Grafen mindestens tiefsinnig genannt.

Dieser noch junge Cavalier war nach den Aeusserungen des Kammerherrn zu Lucinden, die von ihm alle seine Familienbeziehungen erfuhr (nur nie etwas uber die Frau "Hauptmannin" von Buschbeck oder das Fraulein von Gulpen, eine Personlichkeit, die er nicht zu kennen behauptete), sein zweitbester Freund. Der erstbeste hiess Doctor Heinrich Klingsohr. Doch fugte er regelmassig mit einem Kreuze, das er dabei in die Luft malte, hinzu: Klingsohr ist mein bester Freund, aber er hat mich verrathen! Vom Grafen Zeesen, mit dem er studirt hatte und in Rom gewesen war, liess er eine aufrichtige Hingebung gelten, beklagte aber ein ungluckseliges Geschick desselben, das er nie genauer angab. Die Pfarrerin verrieth es eines Tages Lucinden, indem sie erzahlte:

Der Graf hat sich mit einem Freifraulein von Seefelden verlobt, leidet aber daruber an Gewissensscrupeln, seitdem er ein altes Familienstatut in Erfahrung gebracht hat. Vor hundert Jahren hat namlich ein Ahn seines Hauses die Bestimmung gemacht, dass, wenn ein altester Sohn der Nachkommenschaft sich entschliessen sollte, nicht zu heirathen, die von ihm und seiner spater geisteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Guter der Zeesen dazu angewendet werden sollten, ein grosses Landes-Irrenhaus zu begrunden. Hundert Jahre lang haben die Nachkommen vorgezogen zu heirathen. Erst dieser Hans von Zeesen, der viel Frommigkeit besitzt, wurde uber jene nun hundertjahrige Unterlassung eines guten Werkes stutzig, und sonderbarerweise ist seine Braut, die ihn ebenso heiss liebt wie er sie, von gleicher Seelenstimmung. Ich zweifle gar nicht, dass der Graf seinen kranken alten Freund nur deshalb so oft besucht, um sich in dem heroischen Vorsatze des Entsagens zu bestarken.

Lucinde horchte hoch auf. Hier kamen Ideen, die sie an sich vollkommen verstand, in eine Verbindung oder in Conflicte, die sie noch nicht fassen konnte. Doch horte sie aufmerksamer zu, wenn der kleine blasse, schmachtige Mann, der Graf, in schlichter, fast priesterlicher Tracht kam und sich mit dem Kammerherrn unterhielt. Nie hatte sie so viel von Gedanken, Meinungen, ideellen Beziehungen gehort wie in den Gesprachen eines Halbirren mit einem Manne, der so fromm war, dass er selbst unter der protestantischen Pflege seines Freundes zu leiden schien.

Wie eigenthumlich nach dem Wunderbaren und Fremdartigen hier zu Lande fast uberall ausgegangen wird, erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten, unter andern bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters, den dieser nie zuruckbekommen hatte; die Hauptmannin hatte ihn, scheinbar zu Gunsten Lucindens, an einen Trodler verkauft. Sie besuchte namlich aus alter Neigung oft die Dorfschule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weise. Beim Schulmeister fand sie ein geregelteres Hauswesen als bei ihrem Vater, und in der Gartenwirthschaft auch einen Bienenhelm, den gerade ein Knecht aus dem Orte vom Schulmeister borgte, um den Bienen das Leid vom eben verstorbenen Herrn anzusagen. Ueber den sonderbaren hierlandischen Gebrauch, dass man mitten in die Bienenstocke hinein den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden lasst: "Einen schonen Gruss von der Frau und der Herr ware todt!" konnten sich der Kammerherr und der gerade anwesende Graf in Mittheilungen verlieren, die alle Seiten der Geschichte und der Philosophie beruhrten. Lucinde staunte uber den Glauben, der annahm, dass ohne diese Leid-Ansage die Bienenstocke in Jahresfrist ausgehen wurden; aber der Kammerherr und der Graf, beide warfen verklart ihre Blicke empor und sprachen jetzt sogar anerkennend von dem fruher gemeinschaftlichen verratherischen Freunde, Heinrich Klingsohr, der auf die Darstellung des Zusammenhangs der Bienen mit den Staats- und Rechtsbegriffen der Menschheit in Gottingen Doctor geworden war.

Und so dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen aussah, so wurde er doch auf diese Art Lucinden ein Lehrer. Auf Partieen, die er in einem von seinem Diener gefuhrten Einspanner machte, sprach er mit Lucinden, ob sie es nun verstand oder nicht, nur franzosisch, ein andermal nur englisch, ein drittesmal, wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter Marienlieder, die Graf Zeesen zum Druck vorbereitete, kam, nur lateinisch. Sie erwiderte mit dem Wenigen, was sie fruher von Englisch und Franzosisch aufgegriffen hatte, und bewundernswerth war die Geduld, mit der der Kammerherr sich muhte, einer der Erde nicht angehorenden Erscheinung allmahlich die Sprachen derselben beizubringen. Die Sprache, die er an dem Riedbruch damals im Walde beim ersten Finden an sie gerichtet hatte, war ein Gemisch von Lateinisch und Plattdeutsch gewesen.

Diesen Gewinn an Kenntnissen liess sich Lucinde, die unter all dem Duster ihre Heiterkeit nicht verlor, wohl gefallen. Der Gewinn mehrte sich, als die langen Abende kamen und der Pfarrer sich gleichfalls geneigt erklarte, die Civilisation des Wildlings zu unterstutzen. Auch im Klavier, dessen Grundlagen Lucinde schon im Hause des Stadtamtmanns gelegt hatte, vervollkommnete sie sich unter Leitung des musikalischen Mannes, der seine Kinder, ja selbst noch seine an sich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete. Der Herbst und ein langer, schnee- und frostreicher Winter wurde auf diese Art fur Lucinden eine Studienzeit, die bei der Leichtigkeit ihrer Auffassung und der geringen Zerstreuung dieses Aufenthalts reiche Fruchte trug. Der Kammerherr selbst, dem es an wissenschaftlichem Material nicht mangelte und dessen liebstes Thema sich immer an die Erinnerungen von Rom oder Gottingen hielt, docirte ihr oft Geschichte und Philosophie, die er mit der Mathematik und, sonderbar und fur die Schrullen jener Provinz unsers Vaterlandes kennzeichnend genug, auch mit der Kunst des Drechselns verband.

Wie die Adeligen Westfalens in ihrer Erziehung und landlichen Beschaftigung an den Hofballen von Berlin und in Munster nicht zu erkennen sind, so wird man seltsam finden, dass es beruhmte Geschlechter unter ihnen gibt, die neben ihrem angeblichen Berufe, die unerschutterlichen Erben Karl's des Grossen zu sein und in Demuth vor Gott, dem Papst und dem Landesherrn ihre Renten zu verzehren, auch ein Handwerk lernen. Manche, die nicht gut schreiben konnen, aber schon in Potsdam ein Porteepee fuhren und in Verlegenheit kommen zu bekennen, dass sie nicht viel mehr wussten, als was auf ihren dustern, einsamen Kampen der "Hauspape" ihnen zu lernen zugemuthet, verstehen sich vortrefflich auf den Hufbeschlag der Pferde oder arbeiten sich das Sattel- und Riemzeug derselben selbst aus. Das Drechseln aber in grobem und seinem Holze ist eine so weit verbreitete Kunstfertigkeit des westfalischen Adels, dass Lucinde sich nicht hatte zu verwundern brauchen, neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine Kammer anzutreffen, die zu einer vollstandigen Drechslerwerkstatt eingerichtet war. Ihr aus Kirschbaumholz allerhand Buchsen und Ringe zu drehen, war selbstverstandlich seine liebste Aufgabe; aber er drehte auch Balle, Kegel, Pyramiden, konische Ausschnitte und Figuren aller Art, von denen er nicht nur mathematische Auslegungen gab, sondern auch philosophische und religiose. Oft sprach er dabei von einem in der Nahe seiner vaterlichen Guter wohnenden Philosophen, der aus den einfachsten Grundbegriffen unserer mathematischen Anschauungen die tiefsten Wahrheiten der Religion hergeleitet hatte.

Je geheimer diese Gesprache vor dem Pfarrer gefuhrt wurden, desto reizvoller wurden sie fur einen Verstand, der sich aus den verworrenen Begriffen eines Narren manches Kornlein Vernunft entnehmen konnte. Dennoch wunschte Lucinde diese Lage geandert. Das Aufsehen, das sie in der ganzen Gegend mit dem "tollen" Kammerherrn machte, war nicht gering. Auch hatte der Pfarrer erleben mussen, dass ein Brief, den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst von ihr auf die Post gegeben war, zuruckkam, mit der vollstandigen und wahren Adresse seines Schutzlings, ja, dass der Meier von Eibendorf ihm Mittheilungen machte, die jetzt den Zustand, wie man Lucinden im Riedbruch gefunden, vollkommen erklarten.

Eine scheue Besorgniss des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon langst gesteigert, sie wurde zur Abneigung, als man sie bei Ueberreichung des von der Post geoffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wol aufs ausserste uber die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand, weniger aber uber den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz: "Ist vor vier Wochen am Nervenfieber gestorben."

Der Tod ihrer Schwester Luise, einer einzigen, wie sie ofter gesagt hatte, erschutterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens! Dass mit so viel Schonheit, jeweiliger Liebenswurdigkeit, immer mehr sich herausstellendem Geist und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefuhllosigkeit verbunden sein konnte, als sich jetzt erst offenbarte, nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den langern Aufenthalt Lucindens ein, und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach Neuhof die Anzeige gemacht, dass sie o h n e Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei sich behalten k o n n t e n , mit ihr aber langer nicht mehr mochten.

Lucinde ubersah das alles. Ihrem wuhlerischen Umblick entging selten etwas, wahrend sie alles an sich zu verbergen wusste, selbst den Schreck und ihr wirkliches geheimstes Erschuttertsein durch den Tod der Schwester. Trotzig warf sie die Lippen auf und erklarte, sie ginge jeden Augenblick, wenn man's wunschte. Man irrte sich keineswegs, wenn man voraussetzte, dass sie auch vom Kammerherrn sich trennen wollte, wenn nicht eine andere Festsetzung ihres Verhaltnisses zu ihm stattfande. Die Aussicht sogar, die Gattin desselben zu werden, schien ihr keineswegs zu hoch. Sie besass einmal die Formel, die diesen verdunkelten Geist einigermassen zu erhellen vermochte. Sie sagte sich, dass der vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen konnte, sich bei einer doch schon aufzugebenden Personlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel zu stemmen. Darin irrte sie sich aber, wie sie von der hierin entscheidenden Personlichkeit selbst erfuhr. In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus, der Vater des Kammerherrn.

9.

Freiherr von Wittekind-Neuhof, Kronsyndikus des ehemaligen Konigreichs Westfalen, setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und Schrecken. Als der Kammerherr den am Wirthshause haltenden vaterlichen Reisewagen gesehen, der uber und uber bespritzt, langsam durch die morastigen Strassen des Oertchens zog, fuhr er wie ein wildes Thier auf, das seinen Warter am Kafig voruberstreifen hort. Er rannte im Hause hin und her, rollte die Augen, hielt den Mund geoffnet, wie in seinen Wuthanfallen, packte, als wollte er sich mit seinem Theuersten schutzen, seine Farben, seine Pinsel, seine philosophischen Kugeln, Kegel, Dreiecke zusammen, griff nach einem Crucifix, das er sich selbst geschnitzt und nach vielen kunstgeschichtlichen Controversen mit dem Grafen Zeesen und einem eingeholten Gutachten der Verlobten desselben, des Freifrauleins von Seefelden, selbst bemalt hatte, rief den Diener und schien sogar Lucinden vergessen zu haben. Die Kinder im Hause liefen ebenfalls auf und ab. Die Pfarrerin suchte nach Lucinden, die sich versteckt auf ihrem Zimmer hielt, zugeriegelt hatte und keine Antwort gab.

Der Pfarrer griff in die Glaser der Harmonica. Der ganze alte Zustand der Wildheit schien beim Kammerherrn wieder zuruckgekehrt, dieser Zustand, der seit fast einem Jahre, so oft er sich wahrend dessen gezeigt hatte, durch einen einzigen Ruf, durch ein getrallertes Liedchen der von der Treppe herabspringenden Lucinde schon aus der Ferne sich besanftigen liess.

Die angstlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenster: Fraulein! Fraulein! Sie klopften, als keine Antwort kam, an die Thur. Lucinde liess nichts von sich horen. Mit angstlicher Unruhe blieb sie in ihrem Versteck, trat leise mit den Zehen auf und horte mit listig aus Fenster gehaltenem Ohr das Toben des Kammerherrn. Dieser entfaltete seine sonst gewohnte Art, die die eines wilden, auf der Universitat alt gewordenen Burschen war, die Natur eines nie anders als mit einem riesigen Neufundlander das Trottoir der Strasse beherrschenden Pauk-Senioren alten Stils er konnte stundenlang von seinen Suiten und den Paukereien auf der Mensur und dem besten, aber verratherischen Freunde Klingsohr erzahlen ; johlend rief er uber den Garten, schlug die Thuren, ruttelte am Fensterkreuz und redete die Rosse und die Kutsche seines Vaters hohnend und herausfordernd an.

Bald erschien der Kronsyndikus selbst. Es war eine Gestalt von gleichem Wuchse wie der Sohn, hunenhafter Hohe und trotzigfesten Schrittes, so weiss auch schon sein Haar schimmerte.

Er trug einen grunen Jagdrock, hohe Stiefel mit Sporen und liess eine Reitgerte schon in der Ferne bedenklich in der Hand hin- und hertanzeln. Doch lachte er, am Gartenzaun schon vom Pfarrer empfangen, zum Fenster empor und schien besserer Laune als sein Sohn, den er schon draussen, zum Parterrefenster zu, mit folgenden Anreden seiner vaterlichen Huld versicherte:

Pinselheld! Ha! ha! ha! Stubenhocker! Trifft man dich endlich einmal? Farbenkleckser! Scham' er sich! Treibt sich in der Welt herum! Muss ihn 'mal wieder mit Gewalt holen!

So tandelte er mit fingirter Ueberraschung, den Sohn hier zu finden, und als wenn der Kammerherr hier aus freien Stucken lebte. Dieser ging auch auf den Spass ein. Der Vater tandelte mit dem Sohn, wie mit einem Hunde, den man zum Wedeln und Springen reizen will. Und im Hause wurde es nun angstlich stiller; die Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Thieres. Man behauptete, dass der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof trotz seiner Jahre noch im Stande war, den baumstarken, jungern Mann niederzuwerfen und ihn auch schon oft mit beiden Handen eine Viertelstunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge, Mund gegen Mund den Trotz desselben bandigend.

Mit einem kurz zusammengeschleiften, liebkosenden Hui-hu! Hui-hu! Hui-hu! trat der Kronsyndikus ins Haus.

Die Verstandigung im Erdgeschoss, die Begrussungen und Auseinandersetzungen horte Lucinde nicht. Aber das vernahm sie, dass es nicht sanft herging, dass die Kinder, der Pfarrer, die muthige Frau Pfarrerin wie immer thatig sein mussten, die Vermittler und Beruhiger zu machen. Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn, mit dem Lucinde schon lange conspirirte, auf den Zehen zu ihr geschlichen und theilte ihr flusternd mit, dass es sich um die Abreise des Kammerherrn, seine alte doch noch beschlossene Vermahlung mit einem Freifraulein handelte, aber auch von seiner Weigerung und dem unwiderruflichen Entschluss, nur Lucinden zu seiner Gemahlin zu erheben ...

An dem wilden Lachen des Vaters, das dann und wann heraufschallte, merkte man den Eindruck dieser Eroffnungen des Kammerherrn, der immer stiller wurde und zuletzt sogar in das gewohnliche Schlussstadium seiner Wuthanfalle fiel, in ein an diesem starken und machtigen Manne ganz besonders schreckhaftes feiges Verzagen, das sich bis zum Weinen und lauten Wehklagen steigern konnte.

Wie dies stossweise Schluchzen schon vernehmbar wurde, horte man von unten heraufkommen. Fort! rief Lucinde dem Diener zu und stand auf dem Sprunge, die Thur zu schliessen. Der Diener ging und that, als war' er im Begriff gewesen eben auf den Boden zu steigen. Die Pfarrerin aber war's, die kam. Sie klopfte leise an und bat Lucinden mit weicher Stimme herunterzukommen, der Vater wunschte sie zu sehen. Er kann heraufkommen! antwortete sie in beklommener Angst. Ich bitte Sie, Fraulein Schwarz! sagte die Frau und drangte. Nein! Nein! Ich komme nicht! Damit verschloss sie auch noch ihre Thur. Verriegelt hatte sie sie gleich beim ersten Hineinschlupfen. Nach einer Weile, wahrend die Pfarrerin seufzend gegangen war, horte Lucinde den schweren, sporenklirrenden Tritt eines Mannes auf der Stiege. Eines der Kinder zeigte ihm den Weg; und bald horte sie ein Klopfen, das unfehlbar mit keinem menschlichen Finger, sondern mit dem Knopfe der Reitpeitsche erfolgte. Zitternd stand sie und wagte nicht zu offnen. Als das Klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde, offnete sie und musste staunen, den Kronsyndikus ohne Stock oder Reitpeitsche zu sehen; wirklich waren es nur seine Finger gewesen, die geklopft hatten.

Die grosse Gestalt trat ein.

Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne, nur hatten Wuchs und Kopf nichts Gedunsenes wie bei diesem. Wettergebraunt, mit leisen Pockennarben uberlaufen und hier und da mit Warzen besetzt war das Antlitz; rothe Flecken um die stumpfe Nase und die knochigen Wangen verriethen die Liebe zum Wein; die dicken Augenbrauen waren gelbweiss, die Haare noch stark und von gleicher gelbweisser Farbe. Man sah das Bild eines auf seinen Namen, seinen Rang, seine Verbindungen, vielleicht auch auf seine eigenen Meinungen und Entschliessungen sich mit unerschrockener Festigkeit stutzenden Adeligen, das Bild eines Mannes, den Widerspruch erbitterte.

Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm gehort, so bemerkte ihre Klugheit auch sogleich, dass diese Art Menschen dann ungefahrlich, ja sogar zuvorkommend und liebenswurdig werden kann, wenn man allen ihren Gedanken nachgiebig folgt und sie ganz fur etwas ebenso Grosses und Vorzugliches nimmt, als wofur sie gehalten sein will ...

Auf die ersten von ihm statt drohend sogar im Gegentheil schmeichelnd ausgesprochenen Begrussungen des schonen Madchens, auf seine Versuche zur Courtoisie und sogar eine Befangenheit, die von Lucindens Erscheinung geblendet war, gewann sie bald den Muth, seinen Worten Stand zu halten.

Sie war in der gewahlten Tracht, die der Kammerherr, der sie noch nie unzart beruhrt hatte, und sie nur anschauend und bewundernd liebte, an ihr besonders gern hatte. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, hatte in ihr geflochtenes, offenes Haar einige bunte Bandschleifen gesteckt, die ihr weit bis in den Nacken hingen, und benahm sich mit der ihr eigenen und, wie alle, die sie naher kannten, es nannten, ihr siegreich zu Gebote stehenden traumerischen Kindlichkeit, die den Eindruck eines Wesens sogar voll Poesie und Unschuld machte.

Der wilde Freiherr war sogleich gewonnen und ruhmte den Geschmack seines Sohnes mit vielen humoristischen Donnerwettern, Sackerlots und zudringliche a la bonne heures.

Ohne viel Umschweife zu machen, erklarte er, dass der Kammerherr eine Baronesse von Tungel heirathen musse; er wisse sehr wohl, und auch seiner kunftigen Gemahlin wurde es nicht verborgen bleiben, dass der Junge seine tollen Stunden hatte, doch lasse er sich leiten, wie ja dieser Aufenthalt hier in Eibendorf bewiesen hatte. Ferner: Er wisse auch, dass ihm selbst die Kunst abginge, mit einem Menschen, der ganz aus der Art geschlagen, richtig zu verkehren; dass Jerome das Pulver nicht erfunden, sei bekannt; der Titel eines Kammerherrn ware die Gnade eines benachbarten Fursten gewesen, in dessen Gebiete einige seiner Guter lagen; sein alterer Sohn, der Regierungsrath, hatte dafur des Verstandes nur zu viel; die Natur gliche gern aus, und ein Ungluck war' es nicht, wenn der Bund mit den Tungels zur Ausfuhrung kame; Kinder wurde es schwerlich geben; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu thun vermochte, hatte ja Lucinde bewiesen, und er ware ihr von Herzen dankbar dafur. Dass er seinen Dank, wie er gleich aufrichtig hier bekennen wollte, bis zur Adoption einer solchen Schwiegertochter, wie sie ware, steigerte, davon konnte naturlich keine Rede sein. Der grosse Narr weine zwar und wolle nicht von ihr lassen; es wurde sich aber auch das bei ihm geben. Einstweilen mochte er selbst nicht allzu lange in dem Hause hier verweilen: er musse bekennen, weder allzu viel Weihrauchduft noch luthersche Pfarrhausluft ware sein besonderer Geschmack; leider hatte er einen katholischen Pfarrer nicht wahlen konnen, da es ja den "armen Kauzen" an einer Pflegerin und zerstreuenden Kindern fehle. Das Beste ware, sie folgten ihm einmal vorlaufig alle beide, der Kammerherr und Lucinde. Schloss Neuhof ware sehr gross, hatte nicht nur zwei Seitenflugel, sondern im Park auch noch ein paar Pavillons, von denen sie den einen ganz allein beziehen konne und zwar so lange, bis das Arrangement mit den Tungels getroffen ware und sie sich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder sonstwo auf seinen Gutern etabliren konne. Fur ihre Existenz "so oder so" solle schon gesorgt werden; denn die Undankbarkeit ware einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds ...

Und nun schloss er, auch von der Bundigkeit seiner eigenen Darstellung geschmeichelt, mit einem Gelachter, dass die ganze Stube schutterte. Er zog dabei Lucinden an sich, um sie zu kussen, was auch erfolgt ware, wenn ihn in seinem gewaltigen, selbstzufriedenen Lachen und dem Versuch, seinen rauhen Backenbart an der Sammtwange des Madchens zu reiben, nicht ein Husten uberkommen ware, den er auf die verdammte Witterung, das heurige zu spate Eintreffen des Fruhlings und "allerlei sonstigen niedertrachtigen Aerger" schob ...

Lucinde hatte keine Veranlassung, diesen Anordnungen Widerstand zu leisten. Sie selbst sehnte sich aus einem Hause hinweg, in dem sie die fruhere Werthschatzung vermisste. Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Moglichkeit, sich in eine glanzende Lebensstellung zu versetzen, ging ja noch fort. Vorlaufig standen die neuen Verhaltnisse, die der Kronsyndikus in Aussicht stellte, schon so lebhaft vor ihrer Phantasie, dass sie den Gedanken, in einem grossen schonen Park einen eigens fur sie eingerichteten Pavillon zu bewohnen, sich schon ganz mit allen moglichen Farben, ausmalte.

Ihre angstliche Schuchternheit aber legte sie nicht ab. Diese war auch vielleicht nicht ganz gemacht. Noch hatte uberhaupt das Leben die wirren Stoffe, die in ihrem Innern lagen, nicht verarbeitet bis zur klaren Unterscheidung von Gut und Bose. Ihr Instinct sagte ihr jetzt, dass sie sehr anspruchslos und ungefahrlich erscheinen musse, wenn sie die gute Meinung, die der Kronsyndikus von ihr gefasst zu haben schien, behaupten wollte. Dass sie sich mit dem, was er in Aussicht stellte, nicht ganz zufrieden geben wurde, wusste sie schon. Damit sie aber dahin gelangte, mehr zu gewinnen, war es nothwendig, alles mit sich geschehen zu lassen, was der Kronsyndikus vorschlug. Sie erkannte gleich seine Art, als sie ihm wegen dieser weisen Anordnung ganz besonders innig gedankt und ihn damit noch wohlwollender gestimmt hatte. Sein ganzes Leben war, nach der gewohnlichen Vorstellung solcher Charaktere, eine einzige grosse Erfahrung von Undank. Lucinde gefiel ihm immer mehr, und er sagte auch unten, dass in ihren schwarzen Augen etwas lage, was ihn, so alt er ware, selbst noch thoricht machen konnte.

Der unruhige und sturmische Geist des Mannes verlangte die allgemeine Abreise schon vor Ende des Tages.

Der Kammerherr liess alles geschehen, was man anordnete, blieb ihm doch sein Liebstes auf Erden, das Ideal seiner Traume, die ewig gleiche Belebung seiner Bilder, seine Schulerin, seine Heilige.

Wie ein Kind nahm er Abschied von dem Hause des Pfarrers und den nachsten Umgebungen. Noch an den Riedbruch in dem Walde war er, bis an die Knochel versinkend, gegangen und hatte an derselben Stelle, wo er einst Lucinden gefunden, einige schon sprossende Graser und Schneeglockchen gepfluckt. Schon lange verkundete hier ein Wurfel aus Sandstein mit einigen Emblemen des Philosophen jener kleinen Stadt, dessen System er an der Drechselbank und auch aus einigen bei demselben personlich nachgeschriebenen Heften so bewunderte, und auf diesem Wurfel das eingegrabene griechische Wort: "Heureka!" (Ich habe gefunden!) allen Blumen und Vogeln und Schmetterlingen und Kafern sein Gluck diesen wol allein, denn Menschen verirrten sich des sumpfigen Weges nicht.

Der Pfarrer selbst, dem eine bedeutende Einnahmequelle versiegte, sah den oft so unholden Gast mit Ruhrung scheiden. Die Pfarrerin meinte: Man gewohnt sich so bald an das, was tagliche Pflicht geworden, selbst wenn Plage und Qual damit verbunden ist. Den Verlust der Einnahme musste man zu verschmerzen suchen, mischte sich doch auch das angenehme Gefuhl in den Scheideaugenblick, erlost zu sein von einem Alp wie Lucinde. Einen Misbrauch ihrer Schonheit, ein ubles Beispiel, das sie den Kindern im Genuss ihrer Triumphe gegeben, konnte man ihr nicht nachsagen. Da sie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge gehen mochte und an kleinen Verwirrungen, die sie schon genug in den nachsten Beziehungen des Hauses angerichtet hatte, formlich Freude zu empfinden schien, so sah man sie mit erleichtertem Herzen ziehen. Lucinde wusste das und machte von ihrem Gehen keine Umstande. Nur den Kindern im Hause und manchem Fleissigern in der Schule liess sie zuruck von ihrem Ueberfluss an Kleinigkeiten und hunderterlei Bagatellen, die ihr der Kammerherr verehrt hatte.

Die Reise ging uber das Eggegebirge der westfalischen Abdachung zu.

Obgleich der Kronsyndikus mit der Mehrzahl seiner Guter der grossen norddeutschen Monarchie angehorte, schien sein Herz doch mehr an Hannover, an Braunschweig, an Lippe, Buckeburg, Detmold zu hangen, in deren Gebieten er gleichfalls angesessen war. Ja, bis in den hohern Norden hinauf, bis Hamburg, bis Kiel hin besass er einzelne, durch Verschwagerungen und alte Familienbeziehungen ihm zugefallene Guter.

Der Kammerherr schien dabei trotz alledem sein Lieblingssohn. Des altern, des Regierungsraths, wurde nur mit Gereiztheit gedacht, ja, in den Spott, in den er zuweilen uber die Welt, in welcher jener lebte, ausbrach, stimmte der Kammerherr mit ein, sodass man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart gesetztes Lachen sich ausschutten horen konnte.

Die freie, ungebundene, ja zugellose Art des Vaters fiel Lucinden bald genug auf. Der Kammerherr war viel sittsamer. Sein Vater gab ihm das Zeugniss, dass der "alte Schafskopf", wie er ihn nannte, immer nur Hunde und seine sogenannten guten Freunde geliebt, immer nur vor den Damen wie ein Duckmauser gestanden hatte und zu seinem hochlichsten Erstaunen nun doch noch in den Apfel der Erkenntniss beissen wollte ... Wenn er eine solche Vergleichung brauchte, lachte er sich selbst Beifall, und Lucinde wusste schon, wie gern er sah, wenn sie daruber auch den Mund in Lacheln verzog. Sie erntete dafur uber ihren Verstand und ihre Zahne Schmeicheleien so derber Art, wie sie der Kammerherr nie auszusprechen gewagt hatte.

Diese Reise wahrte eine halbe Nacht und einen halben Tag. Man fuhr mit vier Pferden Extrapost. Am Wege sah man dann und wann Crucifixe und Heiligenbilder. Die an historischen Erinnerungen so ahnungsreiche Gegend war jetzt gemischter Confession. Bei der Frage nach Lucindens Herkunft, sonderbarem Vornamen, religiosem Bekenntniss kam es zu einigen Erorterungen uber die Stadt, aus der sie entflohen war. Und nun fragte der Kronsyndikus von Wittekind selbst, ob Lucinde dort nichts von einer gewissen Gulpen oder Buschbeck, wie sie sich nenne, gehort hatte. Und trotzdem, dass sie ja auch dem Kammerherrn schon diese Namen ausgesprochen hatte, antwortete sie: Nein! Sie furchtete weitere Fragen uber ihre Herkunft und die Ursache der Bekanntschaft mit jener unheimlichen Frau.

Der Kammerherr hatte sich der fruhern Frage Lucindens nicht erinnert, aber er war auch in dem Augenblick gerade beschaftigt, mit einem Perspectiv die Fenster eines Herrensitzes zu fixiren, an dem sie in einiger Entfernung voruberfuhren. Er entdeckte dort seinen zweitbesten Freund, den Grafen Zeesen, der trotzdem, dass es erst April war, schon Fliegen zu jagen schien. Lucinde brauchte das Glas nicht, um zu sehen, dass der Graf alle Fenster im ersten Stock seines "Hofes" offen hatte und mit der Fliegenklatsche die dort demnach ganz unglaublich fruhzeitigen Storenfriede hinausjagte ...

Der Kronsyndikus war offenbar uber seine eigene Frage nach der "Hauptmannin" in Gedanken verloren, sonst hatte er um einige Meilen weiter nicht so unbefangen von einer jungen Dame gesprochen, die sie auf den Wiesenwegen, die einen kleinen Edelhof umgaben, einsam und, wie es schien, tief nachdenklich spazieren gehen sahen. Es war dies Therese von Seefelden, die Verlobte jenes Grafen Zeesen ...

Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenschaften seines Freundes, des Grafen, und hatte eine Parallele zwischen ihm und dem "Verrather", dem Doctor Klingsohr, zu ziehen angefangen, als der Kronsyndikus mit dem Fuss aufstampfend rief:

Schweig! Nenne mir den hundsfottischen Namen nicht!

Man erfuhr jetzt, dass der leidenschaftliche Mann in diesem Augenblick nicht nur von der Zukunft seines Sohnes, sondern von vielen andern Dingen, vorzugsweise aber von seinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr, seinem Generalpachter, auf das heftigste gereizt war.

10.

Immer und immer schon war ein gewisser "Deichgraf" genannt worden, ein Titel, nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte.

Wie sicher sie zwar in allem, was zur Bildung gehorte, jetzt schon Stand hielt und einen uber Geldangelegenheiten vom Vater in franzosischer Sprache begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach, ob sie nicht lieber polnisch sprechen wollten, was sie weniger verstunde als franzosisch, so hutete sie sich doch, auf Gebiete einzugehen, wo sie in keiner Weise heimisch war. Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnissvolle Schweigen aus, das bei Leuten, denen Bildung uberhaupt zugestanden werden muss, immer annehmen lasst, dass sie uber jeden vorliegenden Fall, und betrafe er die Inschrift einer agyptischen Pyramide, vollkommen au fait sind.

Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronsyndikus ausstiess, dass es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtniss hatte. Dieser "Graf" schien nur ein Burgerlicher zu sein. Es war der erste Pachter des Freiherrn von Wittekind. Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund, bald einen Schurken; ja, er erklarte, dass er ihm bei erster Gelegenheit und, wie er sagte, "stanta pe" eine Kugel vor den Kopf brennen wurde. Der Kammerherr wunschte neue Vorkommnisse des Zwistes zu wissen, aber der Vater schien von denselben so ergriffen zu sein, dass er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz uberhorte ...

Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen. Auf den Gutern des Freiherrn, die von der Strasse ostwarts lagen, wurde es wieder von Anhohen unterbrochen, und auf der hochsten Hohe lag Schloss Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrun, Wald und Wiese prangenden Gegend. Diesem Schloss, diesen reichen Fluren nach zu schliessen, musste der Kronsyndikus furstliche Einnahmen beziehen, womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen und Wirthen in Widerspruch stand. Lucinde hatte den Muth, ihn seines Geizes wegen aufzuziehen, wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen kniff mit den Worten, dass er von solchen hubschen Kindern wie sie in seinem Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten hatte horen mussen.

Ehe man auf die bedeutende, aber sanft aufsteigende Anhohe gelangte, von welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloss herniederleuchtete, hatte sich in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus uber die Ernte, die neuen Wegebauten, die Kirchen und Kloster, die man in der Ferne aufragen sah, uber einen oft citirten Landrath von Enkkefuss, den sein Auge da und dort zu erspahen glaubte, dann wieder uber den Reichthum und die hohe gesellschaftliche Stellung der Tungels und uber die Vorzuge der freilich nicht mehr ganz jungen Baronesse Portiuncula, die Jerome heirathen sollte, wieder der Zorn gemischt auf jenen "Deichgrafen". Man sah, aus den heftigen Rugen uber diesen Acker, jene Hecke oder Anpflanzung, uberall die Schopfungen dieses Mannes, der seit einer langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigste befreundet gewesen, jetzt aber, wie sein Sohn mit dem Kammerherrn, in Bruch gekommen war. Der Kammerherr suchte die Neigung seines Vaters zu gewinnen durch bestandiges Schuren dieses Hasses, durch Uebertreibungen und Fluche, die die des Vaters zuweilen noch an Kraft und Umfang ubertrafen. Zwei verwohnte, durch ihren Namen und Besitz sich fur unantastbar haltende Manner scheuten sich nicht, dem Deichgrafen im Geiste bald die Peitsche zu geben, bald sammtliche Hunde ihrer Forster auf ihn zu hetzen.

Lucinde erfuhr jetzt, dass der Generalpachter Klingsohr den altublichen Namen eines Deichgrafen von einer fruhern Anstellung bei den Deichen der hannoverischen Niederelbe fuhrte, dort die Bekanntschaft des zuweilen nach seinen mecklenburgischen und holsteinischen Gutern durchreisenden Freiherrn machte und von diesem bereits vor beinahe dreissig Jahren in diese Gegend als sein Pachter berufen worden war. Lange hatten sie in dieser Lage freundschaftlich verkehrt, sogar die Sohne des Freiherrn und des Deichgrafen waren zusammen aufgewachsen und erzogen worden, der Kammerherr hatte mit Heinrich Klingsohr, dem jetzigen Doctor, in Gottingen studirt und bei alledem war eine Feindschaft ausgebrochen, wo einer denn doch noch, wie der Kronsyndikus sagte, "dran glauben" wurde.

Die Ursache dieser Feindschaft lag in einer neuern Ernennung des Deichgrafen. Der alte Klingsohr, der sich als grosser Pachter im landwirthschaftlichen Verein, ja als Kenner der Volkszustande auf dem Provinziallandtage einen Namen gemacht hatte, war Commissar der Regulirung bauerlicher und grundherrlicher Verhaltnisse geworden. Erst jetzt wurden in dieser Gegend die letzten Reste der Leibeigenschaft aufgehoben. Die Regierung bestimmte Theilungscommissare, denen sie ihr Vertrauen schenkte, um jedes streitige Recht zwischen Bauern und Grundherren, zwischen den Gemeinden und Einzelpersonen zu prufen und schliesslich nach bester Ueberzeugung die Ablosungen zu schatzen. Man konnte nicht bemessen, dass ein Macchiavellismus darin lag, zu einem unter Umstanden so unpopularen, ja gefahrlichen, der Bestechung wie der Anfeindung ausgesetzten Posten einen Oppositionsmann zu wahlen. Im Gegentheil liess sich annehmen, dass gerade in der gesunden, offenen und ehrlichen Politik des Deichgrafen, die der Regierung schon viel zu schaffen gemacht hatte, eine Burgschaft gefunden wurde fur die Gerechtigkeit, mit der er sich seinem schwierigen Amt unterziehen wurde. Er kannte die Gegend seit beinahe dreissig Jahren, hatte die Interessen derselben mannichfach studirt und war unstreitig der geeignetste, der die Unparteilichkeit einer so wichtigen Procedur verburgte. Lucinde gewann diese Einsicht in ihr keineswegs fremde Verhaltnisse vollstandig erst von ihrem Pavillon im Schlosspark zu Neuhof aus. Jetzt war es nach des Kronsyndikus Meinung eine teuflische, hollenmassige und bis an die Throne diesseits und jenseits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen, auf seinem neuen Posten fortwahrend seinem Pachtgeber, langjahrigen alten Freunde, ja Wohlthater, wie er sagte, in fast allen streitigen Fragen Unrecht zu geben, ihm Rechte zu entziehen auf Wald und Flur, die er seit Urgedenken besessen haben wollte, die Summen, die er von seinen fruhern Lehnsassen zu empfangen, gering, die aber, die er selbst an die Gemeinden zu zahlen hatte, hoch anzuschlagen. Durch diese nun schon seit zwei Jahren dauernde Ablosung, die den Deichgrafen zum Wohlthater des ganzen Kreises machte, waren beide in Streitigkeiten gerathen, die leicht auf Thatlichkeiten ubergehen konnten, denn auch der alte Klingsohr war, wie Lucinden aus dem plattdeutschen Examen, das der Kronsyndikus bald mit Postillonen, bald mit Gensdarmen uber "etwa Vorgefallenes" oder Vorkommnisse des Feldbaues anstellte, vernehmlich wurde, eine heftige Natur, zah und eigensinnig in seinen Ueberzeugungen. Der Pacht, der nur noch einige Jahre lief, war ihm vom Freiherrn gekundigt worden ... Und gib Acht, Jerome, schloss der Vater in seinen Anklagen, wir werden erleben, dass er uns noch allen als Zuchtruthe gesetzt wird, denn Enckefuss will und muss versetzt werden! Geschieht das, so kauft sich Klingsohr ein Eigenthum, lasst sich wahlen, und unter den drei Candidaten angesessener Bewohner des Kreises, die wir vorzuschlagen das Recht haben, wird von oben her kein anderer zum Landrath gewahlt werden als der erprobte Herr Theilungscommissar!

Lucinde horte allen diesen Gesprachen mit der Erwartung zu, im Verlauf derselben wurde vielleicht der Name der Schreckgestalt, der Mausefangerin und Giftpfeilbesitzerin genannt werden. Doch war der Umfang an Lebensbezugen und Erinnerungen des Kronsyndikus so ausserordentlich gross, dass er unausgesetzt Neues aufs Tapet brachte und zum Alten, wo es nicht den Deichgrafen betraf, selten zuruckkehrte. Der Kammerherr setzte dabei seinen gewohnten Unterricht Lucindens durch Erklarungen fort. Auseinandersetzen, erlautern, dociren war sein Steckenpferd. Fursten, Grafen, Bischofe und Erzbischofe wurden dabei wie die gewohnlichsten Menschen sogar einfach mit Vornamen genannt. Alles, was Lucinden bisher hoch und unerreichbar geschienen, zeigte sich ihr hier ganz menschlich und von den allgemeinen Leidenschaften aller beherrscht. Fur ihre Bildung und Lebensauffassung musste daraus, wie durch die Erfahrungen im Hause des Stadtamtmanns, sich mancherlei ergeben. Wer den ersten Blendzauber, den die Grossen der Erde verbreiten, auszuhalten oder ihn allmahlich in nachster Nahe erblinden zu sehen Gelegenheit gehabt hat, wird leicht fur alle Lebensverhaltnisse eine Entschlossenheit und Thatkraft bekommen, die vor keinem Ziel des Ehrgeizes mehr zuruckschreckt.

Schon lange, ehe man, langsam die sanft aufsteigenden Anhohen zum Schlosse emporfahrend, an diesem angekommen war, hatte man zur Rechten den zwar noch laublosen, aber schon von Spatzen, Amseln, Goldammern belebten grossen Park neben sich liegen. Die Umwandelung eines Waldes in diese regelrechte und kunstmassige Zierlichkeit, mit zuweilen durchschimmernden Erlenbruckchen, kleinen von Hangeweiden bestandenen Inseln, kunstlichen Felsgrotten, Wasserfallen, stammte schon aus dem vorigen Jahrhundert. Auch die erwahnten Pavillons mit Galerieen und chinesischen Dachern wurden sichtbar. Ein solcher, der auf der andern Seite lag und im untern Geschoss von einem alten Schlossdiener bewohnt wurde, sollte ganz fur Lucinden eingerichtet werden, falls sie nicht vorn bei Vater und Sohn im Schlosse wohnte. Die sittlichen Vorstellungen des Kronsyndikus schienen von sogenannten Vorurtheilen vollig frei zu sein. Selbst wenn sein Sohn zu Lucinden in Verhaltnissen gestanden hatte, in denen dieser nicht stand, wurde er daruber mit Unbefangenheit gescherzt haben.

Schloss Neuhof bot in seinem Hofe und in den Seitenbauten ein grosses Oekonomiewesen. Den einen Theil seiner Besitzungen verwaltete der Freiherr selbst. Da gab es Stalle voll Rinder und Schafe, in der Ferne Ziegelofen, eine Branntweinbrennerei, eine Brauerei, deren Grundstoffe und Ertrage im bestandigen Verkehr um das Schloss herum kamen und gingen und die nachsten Raumlichkeiten desselben so unschon wie moglich erscheinen liessen. Menschen umgaben den Besitzer von allerlei, aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm musste man nur dienen, nur gehorchen; Weisungen von andern anzunehmen war seine Sache nicht. Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um sich leiden mogen als Manner. Gleiches, Ebenburtiges, Hoheres, zu dem er aufblicken musste, duldete seine hohe Meinung von sich selbst nicht. Seine tyrannische Art schlug mit einer Handbewegung um sich und scherzte mit der andern. Ihm kam nichts auch nur, wie er's zu nennen pflegte, "bis an den Nabel". Er hatte immer recht, ob nun eine andere Futterung fur verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens fur die Ziegelei beantragt wurde. Die Magde, die Knechte, die Verwalter der vielen Zweige, in denen gearbeitet und Gewinn angestrebt wurde, alle standen in der Regel in den Fallen, wo's, wie er sagte, "auf Grutze im Kopf" ankam, "wie die Heuochsen" und waren die Dummkopfe selbst. Er nur wusste alles und entschied alles. Und dann, wenn Er den "rechten Zapfen" eingeschlagen hatte, Er "den Nagel auf den Kopf getroffen", Er irgendeinmal "den Karren wieder aus dem D. geschoben" hatte, musste alles den Kopf schutteln und ohne viel Worte gleichsam nur ein: "Aber man muss sagen, unser gnadigster Herr " mit den Augen andeuten. Wer das verstand, traf den Ton, in dem er die Menschen mit sich verkehren haben wollte. Es war dann schon vorgekommen, dass er in solchen Fallen, wo Er allein "dem Ding auf die Beine geholfen", die Borse zog und einen Thaler austheilte, nur damit sich die Ochsen, die Esel, die Rindviecher dafur, dass sie sich ihm gegenuber als solche bewahrt und bekannt hatten, einen guten Tag machten.

Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menschen eingefuhrt als eine durch Familienbekanntschaft Empfohlene, der das Land nutzen und die wiederum auch dem Lande nutzen sollte. Da der Kammerherr nicht aufhorte, seine Liebe mit einer niemand an sie heranlassenden Eifersucht zu schutzen und seine Sorgfalt, Obhut und Zartheit gegen sie die gleiche blieb, so durchkreuzte er die Plane des Vaters, der nicht wenig Lust bezeugte, der Rival seines Sohnes zu werden. Lucinde wohnte im Schlosse selbst nur bis zu dem Tage, wo mit dem machtig hereinbrechenden Fruhling eine Menge benachbarter Adelsfamilien erschienen und sie in den fur sie bestimmten Pavillon des Parks zog. In dieser Zeit der Besuche musste sie sich vom Schlosse sogar ausdrucklich fern halten.

Vom Pavillon aus beobachtete sie die vornehmen Gaste, die kamen und gingen. Liebliche junge Madchen, auch Kinder umschwarmten einige Stunden lang, wahrend der Hof sich mit Livreen fullte, einen Weiher im Park. Besonders anmuthig war eine Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, eine zarte, schlank aufgewachsene und, wie es schien, krankelnde Blondine mit langem goldenen Haar, kaum zwolf Jahre alt und schon zur Reife entwickelt. Ihre treueste Begleiterin war ein kleiner schwarzer Lokkenkopf, den man Armgart von Hulleshoven nannte. Auch fluchtig sah Lucinde jene Portiuncula von Tungel, aus dem Geschlecht der Tungel-Appelhulsen, die in diesen Tagen und bei diesen Berathungen und Bewillkommnungen durchaus die Kammerherrin von Wittekind, die Gattin eines Geistesschwachen, werden sollte. Sie sah sie eines Tages wieder, als sich der Park plotzlich mit Menschen gefullt hatte. Sie war nicht auf diese Ueberraschung gefasst gewesen. Sie hatte sich in traumender und verdriesslicher Langeweile fur sich allein in ihrem Pavillon geschmuckt und musste an den Parkweiher, weil der Kammerherr, wie sie von den alten Leuten, bei denen sie wohnte, erfuhr, ihr im Vogelhause alle ihre Nahapparate versteckt hatte. Dorthin wagte sie sich. Sie hatte sich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten schongeformten Kahn, zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls uberzogenes Ruder gehorte, an das in der Mitte befindliche Haus voll turkischer Enten, Tauben und Schwane, die in drei Stockwerke vertheilt waren, hinrudern wollen, indem gerade die ganze Gesellschaft vom Schlosse kam. Alles eilte voll Staunen naher. Es war die phantastischste Ueberraschung, die man sehen konnte. Der Teich, der goldene Kahn, die schone Schifferin ... Und der Kammerherr selbst konnte, da der Vater nicht sogleich in der Nahe war, dem Drange nicht widerstehen, der Welt seine wahre Liebe genauer zu zeigen. Lucinde erschrak und fluchtete sich in das Vogelhauschen. Es bestatigte dieser Anblick die Sage, dass sich der Kammerherr Jerome auf Schloss Neuhof ein Elfenkind hutete.

Es folgte aber eine heftige Scene mit dem hinzukommenden Kronsyndikus. Die phantastische Schifferin stieg uber den Larmen in die Pagode hoch hinauf und kletterte bis an die obere Spitze, die in einem buntgemalten Taubenschlage endigte. Da flatterte es, als sie dort richtig ihr Nahzeug entdeckte, von allen Oeffnungen heraus, wahrend der Kahn, den sie nicht befestigt hatte, inzwischen ans Ufer schwamm. Nun wollten die Herren der Gefangenen zu Hulfe eilen; aber der Kronsyndikus machte dem Vorfall durch kurze und entschiedene Befehle ein Ende. Er kundigte auch die eben erfolgte Ankunft seines altesten Sohnes an.

Alles musste jetzt den Park verlassen und den Regierungsrath von Wittekind begrussen ...

Lucinde bekam so die Freiheit.

Bis die Bediente den Kahn zuruckgerudert hatten zur Insel, sass sie unter den Tauben, die allmahlich wiederkehrten, und konnte Betrachtungen anstellen uber alles, was zwischen ihrem Taubenschlag auf dem geflickten Schindeldach in Langen-Nauenheim, dem Taubenschlag unter dem Kuchenherd der Frau Hauptmannin und dem hier auf der chinesischen Pagode im Park von Schloss Neuhof fur sie an Erlebnissen in der Mitte lag.

11.

Schon war fur Lucindens Ehrgeiz eine Zurucksetzung, wie sie sie jetzt erlebte, wenig geeignet. Manchmal, wenn sie bei offenem Fenster in ihrem Pavillon sass, war es ihr, als wenn sie sich in der That doch nur eine aufs Land hin vermiethete Nahterin erschien. Sie sass und besserte wirklich nur Wasche aus. Es war allerdings ihre eigene. Sie hatte um ihre Schwester fortgesetzt noch Trauer anlegen wollen und begehrte neue schwarze Kleider; der Kronsyndikus hatte sie ihr abgeschlagen, da der Anblick seinen Augen nicht wohlthate, eine Aeusserung, die sie den alten Leuten wiederholte, bei denen sie wohnte, und die von diesen mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde ... Ueberhaupt fiel ihr der Druck, unter dem hier auf dem Schlosse und in seiner nachsten Umgebung alles lebte, immermehr auf. Ja, sie selbst empfand ihn schon. Als sie wegen der verweigerten Garderobe wollte zu schmollen anfangen, rief der Kronsyndikus ein so starkes und drohendes Halloh! dass sie erbebte und diesen Ruf, dies Zusammenziehen der gelbweissen buschigen Augenbrauen nie wieder heraufbeschworen mochte.

Wahrend auf dem Schlosse eines Tages wieder eine glanzende Gasterei stattfand, trieb es Lucindens Ungeduld und verletzte Eitelkeit ins Freie.

Hinter dem Park gab es erst ein Feld und eine Reihe von Obstbaumen zu durchstreifen, dann offnete sich ein gruner Grund, und tief hinab ging in allmahlicher Abdachung eine enge Bergspalte, die sich erweiterte zum schattenreichsten Waldesgrun, wieder dann enger wurde und sich so in gleicher Abwechselung fortzog bis zur Ebene hin, aus der zunachst die Thurme eines Franciscanerklosters, Himmelpfort genannt, herubersahen, dann die des Stifts Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn.

In diesem Einschnitt zwischen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes. Im Winter musste diese Spalte mit Schnee uberfullt sein. Auch jetzt im Fruhjahr, wo uberall der Boden schon trocken, glanzte hier noch alles feucht. Von den Felswanden tropfte es zwischen Moos und Farrnkrautern hin. Ein Bachlein bildete sich unversehens. Es rieselte unter Haselnussbusch und Schlehdorn uber ein verworren steiniges Bett. Mancher Felsblock schien den Lauf des Bachleins ganz zu versperren, doch plotzlich brach es irgendwo mit stiller, sich gleichbleibender Starke wieder hervor. Dann aber wurde die Spalte weiter, die Baume wurden hoher und hoher, Tannen ragten mit geradlinigem Wuchse, tiefer ab kamen Eichen, die von einer kurzen Strecke des weissesten Sandes, dann Buchen, die von kurzem Grase umgeben waren. Querdurch gingen Fusswege von da und dorther und zuletzt ein schmaler Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine riesige Gruppe uralter Eichenstamme, die man den "Dustern Bruch" oder den Dusternbrook nannte. Von hier aus konnte man bequem wieder die Seitenwande des Grundes emporklimmen und kam dann wieder in der Hochebene an, wo uber grunen Saaten die Lerchen stiegen und die Gegend sich hinzog, so gleichformig, so eben als wenn dieser Grund gar nicht vorhanden war. Und doch fuhrte er allein, wie die grosse Hauptstrasse, die vorm Schlosse vorbeiging, auf das allgemeine Niveau des Landes zuruck. Ueber dem fernen Tiefland lag das Schloss wol gegen tausend Fuss hoch. Funf Regierungen besassen hier Enclaven; nur nach Westen zu gehorte alles ausschliesslich jener Krone, in deren Diensten der alteste Sohn des Freiherrn, der Regierungsrath, stand und sein, wie es schien, einziger nachster Freund, der Landrath, ehemalige Husarenrittmeister von Enckefuss, gewohnlich "der schone Enkkefuss" genannt.

Vor der stechenden Nachmittagssonne boten die Schatten des Dusternbrook heute den erquickendsten Schutz. Es rieselten zwar noch die kaum geschmolzenen Schneereste, die sich in den Felsspalten festgefroren hatten, jeder Schritt war glatt und gefahrvoll; aber Lucinde hielt sich an den schon allmahlich ihr Laub treibenden Buschen und suchte das von wurzigen Krautern duftende niedere Thal zu gewinnen. Belebt war es von allem, was nur in den ersten Fruhlingstagen auf den Baumen mit Gurgeln, Zwitschern, Schnabelwetzen der allernarrischsten Art wieder die Wonne erprobt, sich von dem Nochvorhandensein seiner alten Stimmittel uberzeugen zu konnen.

Lucindens Sinn ging dabei brutend auf irgendeinen zu fassenden Entschluss. So wie sie jetzt da war, den runden Strohhut mit schwarzem Band in der Hand, in die Weite zu gehen und gar nicht zuruckzukehren, war noch das Leichteste, was sich ausfuhren liess gegen eine Lage, in deren Erwartungen und Aussichten sie sich betrogen hatte. Dass ihr Sinn Gedanken der Rache nicht unzuganglich war, wissen wir. Duster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen, manche rasch gebrochene Blute zerriss, ja zerbiss sie, manches junge, kaum ganz entrollte Blatt zerkaute sie, so bitter es schmeckte ... Immermehr gerieth sie in einen Zorn, wo die bei dunkeln Augen eigenthumlich schon vorhandene leichte Entzundlichkeit der obern Wangen sich immermehr steigerte und den heissen Lichtern noch dunklere Schatten gab.

Vom Dusternbrook her storte sie jetzt Gerausch. Bald waren es Axtschlage, bald der gleichmassig klingende Ton einer Sage.

Als sie naher kam, bemerkte sie einen Arbeiter vom Schlosshof. Sie neckte sich zuweilen mit ihm. Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her, ein gelernter Kufer, der auch fur die Brauerei, Brennerei und die Milchwirthschaft des Kronsyndikus mit Fleiss und Geschick grosse Gefasse baute, Bottiche von gewaltigem Umfang, Tonnen in allen Grossen. Rustig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und zog sich seine Hulfsgesellen selbst; er hiess Stephan Lengenich und war landeinwarts einer der eifrigsten Kirchenbesucher. Auf dem Schlosse selbst gab es eine Kapelle, doch wurde in ihr nie die Messe gelesen, obgleich der Kronsyndikus von sieben Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst Patronatsherr war. Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fuss und duldete auch z.B. nie, dass die Franciscaner Schloss Neuhof betraten, eine Massregel, die durch die Auslegung der Polizeigesetze uber das Terminiren der Bettelorden von seinem Freunde, dem Landrath, dem "schonen Enckefuss", nach Kraften unterstutzt wurde.

Ei, Herr Lengenich! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden, nicht starken Stimme; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius umgehauen? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint und Ihnen was anthut!

Stephan Lengenich sah auf und meinte in der That:

Machen Sie keine Scherze, Mamsell Schwarz! Aber es muss ja sein! Die alten Fasser faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite ...

'S ist recht, sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig sichern Art, die den ihr gelaufigen Volkston jetzt schon mit Bewusstsein festhalten konnte, s' ist recht! Man soll nicht neuen Most giessen auf alte Schlauche!

Stephan Lengenich horchte ...

Lucinde zeigte, dass sie eine Schulmeisterstochter war, auch ein Jahr bei einem Pfarrer gelebt hatte, und fuhr weiterschreitend mit kunstlichem Pathos fort:

Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche, denn der Lappen reisset doch wieder vom Kleide und der Riss wird arger. Adjes, Stephan! Betet ihr einmal ein Ave Maria fur eine andere arme Seele als die der Lisabeth, so schliesst auch unsereins ein!

Damit ging sie, ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten, den sie an ein allbekanntes Verhaltniss mit der ersten Beschliesserin des Hofes erinnert hatte.

Lucinde schlug den kurzern Weg jetzt wieder zur Anhohe ein. Es war ein steilerer, aber von Steinen unterstutzter Pfad, der zur obern Anhohe der Schlucht fuhrte.

Sie war auf der Halfte dieses etwas muhseligen Weges, als sie hinter sich laut reden horte.

Sie wandte sich und sah, dass Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen in einem lebhaften Gesprach begriffen war. Widerhallte so schon in dieser Stille an den Bergwanden jedes gesprochene Wort, wie viel mehr noch ein Zank, der allmahlich heftiger gefuhrt wurde.

Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammetkittel, weiten Sommerbeinkleidern und einem grauen, mit einem Zweig geschmuckten Hut konnte von ihr nicht im Gesicht betrachtet werden, da der Sprecher ruckwarts stand. Aber der Stimme nach war es ein junger Mann, nicht, wie sie im ersten Schreck uber den Larm vermuthet hatte, der Deichgraf selbst, der als Theilungscommissar, wie sie wusste, uber den Dusternbrook und die dortige Baumfallberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit war.

Hat es der Freiherr befohlen? Ausdrucklich befohlen? fragte der Hinzugekommene mit heftiger Entrustung.

Guten Morgen! war Stephan Lengenich's Antwort, wahrend er weiter sagte.

Gestern noch stand die Eiche! Das muss erst die Nacht geschehen sein! Sie haben keinen Auftrag dazu gehabt!

Guten Morgen! sagte der Kufer und sagte weiter.

Will man uns mit Gewalt aufs Aeusserste bringen? Antwort! Red' Er!

Herr! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den rothen Strich einer Mutze, die er trug, womit er andeuten wollte, dass man einen noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete. Sich aber beruhigend, fugte er dann weiter arbeitend spottisch hinzu:

Guten Morgen!

Vom Dusternbrook gehort nicht eine Eichel der Herrschaft! Es ist Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch, der nicht fortbestehen kann!

Nicht eine Eichel? Suchen Sie hier Eicheln?

Stephan Lengenich sprach diese Anzuglichkeit auf Thiere, die man mit Eicheln futtert, ganz im boshaften Geiste seiner Herrschaft.

Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief: Kerl! Dann besann er sich wol auf den ungleichen Kampf und sagte sich langsam entfernend:

Nehmt euch vor meinem Vater in Acht! Er legt nachstens den Grenzstein und dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wissen!

Damit schritt er, verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters, langsam weiter.

Bei der Gewissheit, endlich des mehrfach besprochenen fruhern Freundes und Studiengenossen des Kammerherrn, der durch eine Abhandlung uber das sogenannte Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war, ansichtig zu werden, wandte sich Lucinde, ihn doch nun auch deutlicher zu sehen.

Dabei glitt einer der Steine aus, die sonst das Aufsteigen erleichterten.

Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors, wie er gewohnlich im Gesprach auf Neuhof genannt wurde. Auch er wandte sich und bemerkte die Nahe eines jungen, in dieser einsamen Umgebung uberraschend auftauchenden Madchens.

Er zog den breiten Krempenhut und grusste.

Beide schritten weiter, er den Weg, den sie eben zuruckgelegt, den Grund hinauf, sie den parallelen, aber oben auf der Hochebene.

Sie hatte den Eindruck keines schonen Mannes empfangen. Der Doctor mochte wenig uber einige Zwanzig zahlen, hatte aber schon das Ansehen eines Dreissigers. Der Kopf war ausdrucksvoll, aber das kurzlockige, etwas rothliche Haar war an den Schlafen und der Stirn schon ausgegangen. Der Bart war gepflegter, aber noch rother als das Haar. Er hing uber Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten; und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn, ja sogar auf der Nase, Schmarren, deren Ursprung sie gleich hinzubringen wusste. Nach den Erzahlungen des Kammerherrn waren es Duellnarben.

Die Tracht des Doctors war die leichteste; kaum dass um den magern Hals ein dunnes Tuch gelegt war. Die Brust stand fast offen. Handschuhe fehlten ganz.

Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in der Residenz einen Abscheu vor allen Stutzern und geschniegelten Mannern. Viel Aeusserlichkeit war uberhaupt bei den Herren nicht Sitte, die auf Schloss Neuhof kamen; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach. Grafen gingen wie Bauern. Nur der Landrath, der "schone Enckefuss", hielt die Erinnerung an die Zeiten, wo er wirklich schon gewesen sein mochte, durch eine gesuchte Toilette, festgeschnurte Taille, gefarbte Haare, Bart, Augenbrauen, ja, wie man behauptete, gemalte Wangen und Schlafe aufrecht ... er konnte seine Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb, ob er gleich schon einen grossen Sohn hatte, der Beau der Gegend, der Petit-maitre von der Stadt Witoborn an bis auf Schloss Neuhof.

Die studentische Art der Erscheinung des Doctors passte vollkommen in den Rahmen der verworrenen Erzahlungen, die der Kammerherr, wenn er in seinen renommirenden Erinnerungen kramte, von dem akademischen Leben desselben zu geben pflegte.

Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie.

Lucinde konnte sich oben nur am schmalen Rande des Grundes halten, denn zu ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg; die junge Getreidesaat ging bis dicht an den Rand des Abhangs.

Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gesprach uber das Misverhaltniss der Anspruche, die sich bei der Regulirung der bauerlichen und grundherrlichen Verhaltnisse ergeben hatten. Der Doctor fragte, als Lucinde daruber sich ganz unterrichtet zeigte, ob sie denn zu den auf Neuhof oben versammelten Herrschaften gehore?

Nicht zu den Herrschaften! Zu den Dienern! antwortete sie und balancirte auf dem schmalen Pfade hin, wohl wissend, dass sie nicht wie eine Dienerin aussah.

Sie sind doch nicht etwa gar das Elfenkind, das mein alter Freund, der Kammerherr, jenseit der Walder an einem Schilfteich gefunden hat?

Ja freilich! Das bin ich! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging.

So werden Sie, sagte der Doctor, trotz der Tungel'schen Familie, deren Appelhulsener Linie zuruckgekommen ist, Frau von Wittekind werden! Ich gratulire! Einen bessern Mann kann sich eine Frau nicht wunschen! Dann mussen Sie aber zu uns nach Gottingen ziehen! Lernen Sie reiten! Oder konnen Sie's wol gar schon? Um so besser! Wir machen Sie zur Conventsseniorin, falls Ihr Mann nicht aus Rucksicht auf die gottinger Fensterscheiben sofort wieder relegirt wird! Denn er bekannte Ihnen doch wahrscheinlich seine alte Leidenschaft, in Gottingen keine ganzen Fensterscheiben und Laternen sehen zu konnen? "Nacht muss es sein, wo Wittekind's Sterne strahlen!" Die gottinger Laternen, ohnehin nicht die hellsten, kosteten ihm einen Theil seiner glucklicherweise guten Wechsel.

Diese Liebhaberei, erwiderte Lucinde, ist noch immer nicht so schlimm gewesen wie die einiger seiner Ahnen, die keinen Dachdecker auf einem Thurm sehen konnten, ohne nicht das Gelust zu haben, ihn herunterzuschiessen.

Aha! rief der Doctor. Sie sind eingeweiht! In deutsche Staats- und Rechtsgeschichte!

Lucinde verschwieg, dass es der Kammerherr mit Vogeln noch so machte. Man liess ihm deshalb nur eine Windbuchse; in schlimmen Anfallen richtete er auch mit dieser die grausamsten Verheerungen an.

Der Doctor schien aufmerksamer geworden und suchte Lucinden naher zu kommen, was ohnehin durch seinen aufsteigenden Weg von selbst geschah ...

'S ware ganz gut, sagte er, wenn einmal in diese Menschenrasse frisches Blut kame! Ich bin an und fur sich ganz fur diese alten Geschlechter und mag sie leiden, aber sie sollten sich nicht untereinander kreuzen, sondern zur Inoculation des Volks benutzen; das gabe einen Nachwuchs wie der der alten Angelsachsen und Normannen, der jenseit des Kanals noch immer so stattlich ist. Wenn wir Deutsche ein Princip haben, das vernunftig ist, wie die Adelsidee, so reiten wir's leider auch immer gleich zu Tode!

Lucinde erwahnte ganz dreist seine Abhandlung uber die Bienen.

Was? Wie? Wissen Sie davon? rief der Doctor. Nun ja! Im Bienenstaat liegt mehr Weisheit als in Dahlmann's "Politik", zu der er keinen zweiten Theil schreiben kann. Auch die Bienen pflanzen sich mit vernunftiger Aristokratie fort. Ein Ei, aus einer schlechten Arbeitszelle in eine Koniginzelle gebracht, gibt eine Konigin. Wir werden erst die Probleme der Geschichte dann losen, wenn wir ein Mikroskop erfunden haben, gross genug, das Leben und Weben eines durchsichtigen Bienenkorbs zu gleicher Zeit zu beobachten. In China, in Indien ist es mir manchmal als wenn man das Bienenleben schon seit Jahrtausenden besser kennt als bei uns.

Da Lucinde von dem schmalen Rasen immer ausglitt, rief ihr der jetzt ganz Nahegekommene:

Sie gehen schlecht da oben! Ich biege hier die Zweige zuruck, so kommen Sie herunter!

Dann musst' ich wieder wie Sie steigen! sagte sie und blieb.

Bei dem Versuch, den der Doctor machte, ihr zum Niedersteigen das Gestrupp der Busche wegzubiegen, fiel von oben her das Licht auf ihn gunstiger. Der Hut wurde ihm gerade von einem zuruckgehenden Zweige weggenommen; so sah sie einen scharfen, durchgeistigten Kopf. Dass in ihm Leidenschaften zuckten, dass in dem grossen wie luftblauen Auge eine Unbestimmtheit schwamm, so gross und weit, wie eben die Luft und das Meer selbst, konnte sie mit ihren jungen Jahren noch nicht unterscheiden, aber das Gefuhl einer ausserordentlichen Kraft stromte ihr aus diesem an sich harten und unschonen Antlitz, aus diesen unabsehbar weiten, hellen und wie schwimmenden Glaskugelaugen entgegen.

Warum sind Sie aus Gottingen hier? fragte sie. Stehen Sie Ihrem Vater in seiner undankbaren Arbeit bei?

Schon dass Lucinde fragen konnte, schien ihren Begleiter hoch zu erfreuen. Mit den meisten Madchen dieser jungen Jahre kann man ja stundenlang gehen, und sie wissen nichts als ein empfindsames Ja! oder Nein! Sie lacheln halberschrocken zu allem und jedem und nennen auch spaterhin noch die eigentlich eitelste Versunkenheit in sich selbst ihr schweigsames Gemuth.

Der Doctor erzahlte, dass sein Vater aus dem Pachtverhaltniss zu dem Kronsyndikus sich zu losen und ein eigenes Gut zu kaufen beabsichtigte. Zu dem Ende glaubte er des einzigen Sohnes Beistand nothig. Leider, fugte dieser hinzu, bin ich kein so fermer Advocat geworden, wie er hoffte. "Grau, Freund, ist alle Theorie, und grun des Lebens goldener Baum", namlich der, auf dem die vollwichtigen Pistolen wachsen!

Lucinde wusste schon von Eibendorf und Neuhof her, dass man hier zu Lande die Goldstucke Pistolen nennt. Jeder Gegenstand, den der Kammerherr taxirte, wurde nach Pistolen berechnet.

Vielleicht konnten Sie den Streit zwischen dem Kronsyndikus und dem Deichgrafen beilegen? sagte sie.

Unmoglich, mein Fraulein! erwiderte der Doctor. Das sind Gegensatze, die uralt sind. Schon an dem oden Strand der Elbe, wo sich beide kennen lernten, soll mein Vater sich durch das Abzahlen der hannoverischen Sandkorner gegen die holsteinischen als Deichgraf unmoglich gemacht haben. Es gibt solche grosse Charaktere, die gerade zwei Minuten vor halb sieben und zu keiner Secunde anders einen Gegenstand abgemacht sehen wollen. Sie halten die Hand aufs helle, lichte Feuer wie Mucius Scavola, nur um ihren Muth zu beweisen. Versohnung? Mein Vater konnte sehr leicht von Napoleon eine Kugel vor den Kopf bekommen, denn er fing die Befreiungskriege nach seiner Uhr an. Gerade zwei Minuten vor halb sieben! Der Tugendbund hatte gesagt: Zwei Minuten vor halb sieben steht jeder Patriot an der Spritze, und mein Vater hielt sich an die Ordre. Ob nun die Umstande bewiesen, dass die Schlacht bei Dresden ganz unzweifelhaft fur Napoleon gewonnen war, ob es noch ganz im Unklaren blieb, ob die Oesterreicher in die Allianz treten wurden mein Vater nahm die Schlacht bei Leipzig schon fur geschlagen und gewonnen an. Der Deichgraf sammelte Mannschaften, bewaffnete sie und sturmte die Zollhauser der westfalischen Regierung. Zwei Tage lang war Deutschland frei vom Tyrannenjoch; dann aber eine Gewehrsalve von buckeburg-westfalischen Grenadieren, die Napoleon's Arrieregarde bildeten, und die Patrioten waren auseinander gesprengt. Mein Vater hinkte mit verwundetem Fuss in den Teutoburger Wald, wo er jede Stelle kennt, an der einst Arminius bivouakirt hat und sich an dem Meth erquickte, den ihm Thusnelde bereitete. Da irrte er proscribirt umher. Auf hundert Thaler hatte man seinen punktlichen Kopf angeschlagen. Glucklicherweise half ihm aber der Geist des alten Arminius und Mutter Thusnelde. In den Schluchten blieb er unentdeckt und war dann wieder der Erste, der nach der Schlacht bei Leipzig auf die Externsteine zum Aufruf des ganzen westlichen Deutschland eine blutrothe Fahne steckte. Mein Vater machte trotz Weib und Kind den Krieg mit und soll die Lieder von Max Schenkendorf in unserm alten burschenschaftlichen Commersbuch auswendig gewusst und uberall vorgesungen haben, wie auch ich, als ich noch etwas grun zuerst in Erlangen studirte. Spater hat er nicht mehr viel davon wissen mogen und von Versohnung ist bei ihm in principiellen Gegensatzen nie die Rede!

Ueber diese Mittheilungen waren beide Wanderer oben zusammengekommen. Sie gingen unter den bluhenden Obstbaumen hin dem Park zu.

Da Lucinde durch die akademischen Reminiscenzen des Kammerherrn in vielen der von ihrem Begleiter angeregten Verhaltnissen heimisch war, so konnte dieser auf ihren wiederholten Vorschlag, eine Vermittelung zu versuchen, in der Charakteristik seines Vaters fortfahren.

Nein, mein Fraulein! sagte er. Mein Vater ist trotzdem, dass er nicht mehr den Schenkendorf singt und wir jetzt 1832 schreiben, in der Exaltation von 1813 stehen geblieben. Schwarzrothgold kam er aus Frankreich zuruck und musste 1817 wieder etwas anzetteln da druben im Teutoburger Walde bei dem grossen Christoph, den sie jetzt dort auf die Hohe stellen wollen, das germanische Racherschwert in Handen. Fur den deutschen Kaiser und dessen Wiederherstellung sass er drei Jahre in Magdeburg. In dieser Zeit war der fruhere westfalische Kronsyndikus, d.h. Vertreter der Krone des ehemaligen Weinreisenden und spatern Konigs Hieronymus bei der westfalischen Landschaft, d.h. den Standen und Deputirten der ihm unterwerfenen Provinzen, Freiherr von Wittekind-Neuhof, immerhin so zu sagen unser Wohlthater. Das Pachtverhaltniss ging fort, ohne dass der Vater damals die vollstandigen Summen auftreiben konnte. Der rustige Grundherr trieb sie sich eben selber ein. Meine Mutter starb daruber, der Vater kam aus Magdeburg zuruck und warf sich jetzt in die ergrimmteste Provinzialopposition. So hat Demosthenes nicht uber Philipp von Macedonien gedonnert wie mein Vater lieber Gott, noch dazu bei verschlossenen Thuren! uber Brukken und Vicinalstrassen. Harry Heine spricht von einem Mirabeau der Luneburger Heide. Mein Alter war einer von der witoborner. Und wirklich, er allein mit seinen zwei Minuten vor halb sieben war's, der hier Grosses durchsetzte in Ermangelung von Grosserm. Ueberall, wo Sie hier einen Hemmschuh an einen Pfahl gemalt sehen und einen Finger daruber mit dem Avis: Bei einem Thaler Strafe! uberall, wo an einem Kreuzweg ein Pfahl mit vier Armen steht: Hier geht's nach Molln, nach Schoppenstedt, Schilda oder Krahwinkel! bei jeder Verbesserung in Luft, Feuer, Wasser und Erde ringsum kann er mit stolzem Bewusstsein wie ein "Sattelmeier" aus Karl's des Grossen Zeit vorubergehen. Und nun ist er denen, an welchen er sich eigentlich fur Magdeburg rachen wollte, der Regierung selbst, zum Bedurfniss geworden! Der vielbefahigte unruhige Mann, dem sein nachster Beruf schwer genug aufliegt, ubernimmt die Regulirung der grundherrlichen Verhaltnisse und fuhrt diese richtig wieder nach dem Massstabe: Zwei Minuten vor halb sieben! durch. Nichts schont sein Zollstock. Er zerstort den schonsten Ameisenbau, wenn die eine Seite an Hinz, die andere an Kunz gehort. Er steckt den Spaten gerade mitten durch, er trennt die Blute vom Ast, den Schwanz der Kuh vom Kopf, es ist und bleibt der alte Deichgraf, der Mathematik und Wasserbaukunst studirte, bei Stade die Sandkorner zahlte, die sich ins hannoverische Fahrwasser verloren und Holstein gehorten, und der jetzt noch Landrath werden wird, ja, zu alledem vielleicht einen Orden bekommt und zur Anerkennung fur den friedlichen Verlauf aller seiner patriotischen Landsturme und schwarzrothgoldenen Revolutionen eines Tages in Sanssouci zu Mittag speist!

Lucinde wusste nicht, wie sie dazu kam, auf diese im Grunde unkindliche, aber offenbar gleichfalls aus einem Ueberzeugungseifer (nur fur andere, ihr unbekannte Auffassungen) herzuleitende Auslassung fragend zu erwidern:

Sind Sie katholisch?

Der Doctor schwieg erst erstaunt und sagte dann:

"Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus!" Nein, wir sind es nicht, mein Fraulein!

Am Ende des Parks durchkreuzten sich einige Wege und ein steinernes Christusbild hing uber einer Ruhebank.

Lucinde war ermudet. Sie setzte sich.

Der Doctor lehnte sich an einen Baumstamm ihr gegenuber.

Sie nahm den inzwischen wieder aufgesetzten Hut ab. Schon lange trug sie wieder ihr Haar in Flechten. Eine davon war losgegangen. Es machte ihr gar nichts, so vor einem Fremden ihre Toilette zu machen, ja sogar eine Haarnadel im Munde, zwischendurch zu sprechen:

Nein, Sie schuren nur noch den Hass! Das ist aber unrecht! Sie sollten Versohnung stiften!

Heinrich Klingsohr war jetzt verstummt und weidete sich an dem Anblick. Lucinde sah nicht alter aus als sie war. Sechzehn Jahre und eine solche Reife des Urtheils! Fast kindische Bewegungen, die Beine ubereinander geschlagen, im Schoose den Hut, die Nadel im Munde, ein Kamm aus der Kleidestasche zu Hulfe genommen, um losgegangene und verworrene Harchen im Nacken hinten zu einer kleinen Welle zu runden, und, als der Strohhut dabei zur Erde fiel und Klingsohr hinzusprang ihn aufzunehmen, den Hut ruhig auf die Fusse des Steinbildes uber sich gehangt ... Alles das allerdings mit bestimmtem und bewusstem Wohlgefallen an der immermehr ergluhenden Theilnahme der neuen Bekanntschaft und doch ganz wie zufallig und absichtslos. Klingsohr hatte sich jetzt gleichfalls auf die Bank gesetzt, so aber, dass er, bald das Steinbild, bald sie betrachtend, elegisch improvisiren konnte:

Am Fusse des Erlosers

Hangt ihr pariser Hut

Und ihre dunkeln Locken

Netzt heil'ger Wunden Blut ...

Kennen Sie Heine? unterbrach er seine Parodie ... Gewiss! sagte sie. Der Kammerherr kann ihn auswendig! Der Kammerherr! fuhr Klingsohr, jetzt hingerissen von der Schonheit und Lieblichkeit der Erscheinung, auf: Ist es denn moglich! Jerome Er stockte in seiner Rede, ergriff Lucindens Hand, zog sie an sich und sah ihr mit seinen jetzt weit geoffneten grossen Augen ins errothete, von der Wanderung und dem Schreck uber sein Benehmen doppelt ergluhende Antlitz ... Und nun ein ganz kokett strafendes, kindisch madchenhaftes: Aber Herr Doctor! womit sie aufsprang und in rascher Handbewegung den Hut ergreifend weiterging. Klingsohr folgte wie bebend. Er konnte annehmen, dass Lucinde ihm entfloh und die Nahe des Parks benutzte, vor den Gefahren einer Fortsetzung dieser einsamen Begegnung sich zu sichern ...

Wie aber, als wenn nichts geschehen ware, wandte sie sich plotzlich und lenkte auf das fruhere Gesprach zuruck mit den Worten:

Ja! Lassen Sie uns beide Frieden stiften zwischen Neuhof und wohnen Sie auch auf der Buschmuhle?

Klingsohr, uber dies Vergeben und Vergessen selig und von den Kunsten, die eben auch so nur Lucinde kannte, schon umstrickt, wie alle, die ihr bisher begegneten, wiederholte, wie wenn er sich auf nichts besinnen konnte:

Frieden? Was? Buschmuhle?

Ja, half sie nach, zwischen Ihrem Vater und ...

Unmoglich! fuhr er sich besinnend und wild auf. Die Welt muss in Flammen stehen! Krieg! Krieg! Aller Dinge Vater ist der Krieg! singt Pindaros. Und ich respectire sogar diese alte Hunennatur des Kronsyndikus! Dies Geschlecht ist schon seit dem Tage, da Karl der Grosse seine Vorfahren gebunden in die Weser jagte und mit Gewalt taufte, Hadern und Streiten gewohnt und hat eine Natur dafur, auch den alten reichsunmittelbaren und kaiserebenburtigen Dunkel, der immer hoch zu Ross sitzt und sich in seinen Rustkammern sogar noch die Schwerter aufbewahrt, mit denen ihre Ahnen gelegentlich in Regensburg, Gotha oder Soest druben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden! Die haben solche Aufregungen nothig! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den Athem, sind zu kurz, zu dick, zu untersetzt stammig fur solche Fehden ... Kennen Sie meinen Alten?

Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren sehen und erkannte aus des Doctors Schilderung die kleine, corpulente Personlichkeit eines Charakters, der, wie sie sah, vom Sohne selber aufgegeben wurde ...

Aber durfen Sie denn druben uberhaupt sagen, dass Sie mit mir gesprochen? fragte er.

Sein Ton war wieder so zartlich, dass Lucinde sich seiner Annaherung entzog. Und jetzt hatte er zwei Blutenzweige von einem Obstbaum uber sich abgebrochen und legte den einen stumm in ihre Hand, den andern senkte er ohne ein Wort zu sagen in die Erde. Er bezeichnete damit eine Stelle, wo Lucinde seitwarts vom Wege eine Weile gestanden hatte. So redete er fast die Sprache seines Freundes, des Kammerherrn.

An dergleichen demnach gewohnt, widersprach sie gar nicht, sondern liess ihrer neuen Eroberung ruhig lachelnd auch diese Huldigungsform. Der Doctor pflanzte den Zweig und schwieg bewunderungsvoll.

Als die Procedur voruber war, kamen sie an die kleine Pforte des Parkes, zu der Lucinde den Schlussel hatte.

Ringsum war alles still, niemand kam des Weges ...

"Das Schweigen ist der Gott der Glucklichen!" flusterte Klingsohr rings um sich blickend, und dann wieder seufzend rief er:

Jerome! Jerome! Wie ist es nur moglich, Jerome!

Verdriesslich uber die Anspielung auf ihr Verhaltniss zum Kammerherrn erwiderte sie kurz:

Ich verstehe Sie gar nicht! Adieu!

Klingsohr folgte, blieb dann plotzlich stehen und sprach laut:

Die Linde bluhte, die Nachtigall sang,

Sie Sonne lachte mit freundlicher Lust;

Da kusstest du mich und dein Arm mich umschlang,

Da presstest du mich an die schwellende Brust!

Die Blatter fielen, der Rabe schrie hohl,

Die Sonne grusste verdriesslichen Blicks;

Da sagten wir frostig einander: Lebwohl!

Da knixtest du hoflich den hoflichsten Knix!

Lucinde erwiderte lachend: Ein so gelehrter Mann und fremde Citate? Huten Sie sich, mein Fraulein, rief Klingsohr, wenn ich Original werde! Dabei streckte er wild die Arme aus. Es war eine Geberde, wie wenn er den Himmel auf die Erde herabziehen konnte. Sie erschrak und entschlupfte.

Am Gitter, wo sie aufschloss, wendete sie sich noch einmal ...

Ihr Begleiter war nicht mehr weiter gefolgt. Auf sechs oder sieben Schritte blieb er zuruck, wie wenn er seiner Kraft nicht traute weiter zu gehen. Nur leise lispelte er ihr nach:

Engel! Seh' ich Dich wieder?

Dabei hob er die Hande empor, wie anbetend, gerade so wie der Kammerherr einst gethan.

Sie winkte, dass er gehen mochte ...

Aber es war ja ihre Sache, zu gehen ...

Klingsohr rief wieder:

Heilige!

Dann sprach er leise und innig:

Bitt' fur mich! ...

Erlose mich! setzte er dringender und fast feierlich hinzu.

Das die Umzaunung bildende geschnittene Zwergholz des Parkes verbarg sie jetzt. Sie schritt unter den hohen, noch fast durchsichtigen Ulmen, die sich uber sie mit ihren halbbelaubten Zweigen wolbten, hin gleichsam wie in Luften. Auf so ergreifende Worte, wie ihr da eben nachklangen, Erwiderungen zu geben hatte sie noch keine Schatze des Geistes, des Herzens und der Phantasie in sich.

Es war die erste Begegnung ihres Lebens mit einem Manne, die sie vernichtete.

12.

In ihrem Pavillon fand Lucinde den schon angstlich auf sie harrenden Jerome.

Er hatte ihr Wunderdinge zu erzahlen und sie blieb aus!

Nun aber auch besturmte er sie mit seinem Lachen, das er in der Gewohnheit hatte, wenn ihm irgendetwas nach seiner Voraussetzung besonders Kluges gelungen war.

Der Versuch, ihn bei dem grossen Familien- und Nachbarsessen, das um vier Uhr begonnen hatte, und in Gegenwart des Regierungsraths, seines altern Bruders, der Welt als einen zurechnungsfahigen Menschen vorzustellen, war vollstandig gescheitert.

Nach der Mittheilung, die er von dem ubeln Verlauf eines seiner gewohnten Streiche erzahlte, merkte man wohl, dass sein eigener Bruder, der Regierungsrath, ihm die Gelegenheit erleichtert hatte, aus der erzwungenen Rolle zu fallen, die er unter den stechenden Augen und der zusammengezogenen Stirn seines Vaters spielen musste.

Fur Lucinden, die kaum die Besinnung hatte zuzuhoren, war auch noch die Ueberraschung aufgespart, dass, wie es schien, in frohlicher Weinlaune und im Triumph eines eroberten Sieges der Regierungsrath selbst erschien und zum ersten mal sie zu sehen verlangte.

Der von der Tafel angeregte Mann, der mit dem Vater und Bruder wenig Aehnlichkeit hatte, kam in Begleitung des "schonen Enckefuss", der in weinseliger Laune den Arm um den Regierungsrath geschlungen hielt und der Verwilderung seiner kunstlichen Verjungungen nicht mehr zu achten schien.

Beide kamen die schmale Stiege des Pavillons herauf und reizten die Eifersucht des Kammerherrn nicht wenig durch ihre verfanglichen Grusse und Reden.

Ihren Pass, mein Fraulein , lallte der Landrath mit galanten Verbeugungen, die das Mobiliar des kleinen Zimmers in Gefahr brachten. Ihre Legitimation ! Carte du sejour! Ich bin

Der Regierungsrath analysirte schon die Bestandtheile des fehlenden Passes, der fur Lucinden bereits einige male lastig genug zur Sprache gekommen war ...

Augen schwarz, unterbrach er selbst den Landrath und mit staunender Ueberraschung Nase mittel Mund klein Zahne allerliebst .

Der Landrath wollte die Beschaffenheit der Zahne untersuchen und griff nach den Lippen des angstlich sich in eine Ecke druckenden Madchens ...

Der Kammerherr stimmte zwar scheinbar in diese Lucinden dargebrachte Huldigung ein, wehrte aber denn doch die Hand des Rittmeisters jetzt mit einer Entschiedenheit zuruck, die diesen zu dem Ausruf veranlasste:

Sacre bleu! Herr, das ist grob!

Der Regierungsrath kam in diesem Augenblick zur Besinnung. Der Landrath war in jungen Jahren einer der wildesten Offiziere gewesen und hatte namentlich den Stolz des Landes, einen jungen Grafen von Truchsess-Gallenberg, kurz nach der Besitznahme dieser Provinzen durch die jetzt uber sie herrschende Krone im Duell erschossen. Zum Landrath hatten ihn die Umstande, sein bei aller alten Husarenwildheit hochst leutseliges Wesen gemacht; sein Ehrgeiz war aber gerade jetzt um so empfindlicher gereizt, je mehr seine hervorragende Stellung durch seine Neigung zur Galanterie, seine geringen Kenntnisse von administrativen Dingen, seine Schulden und vorzugsweise die zunehmende Abschliessung des Provinzialgeistes in der adeligen Sphare auf Schwierigkeit uber Schwierigkeit stiess ...

Kommen Sie, Rittmeister! sagte der Regierungsrath ablenkend. Mein Bruder ist zu beneiden! Aber er hat sein Gluck verdient! Seine Genie hat sich heute die Krone aufgesetzt! Kein Trauring, Jerome, nein, fur Turck ein goldenes Halsband!

Ha, ha, ha! brach der Landrath beschwichtigt aus und konnte sich vor Lachen kaum fest auf der Treppe erhalten, die man wieder niederstieg. Wahrend er auf Lucinden fortwahrend Kussfinger und schmachtende Blicke warf, wie sie auch nur ihm, dem ewigen Jeune homme und sechzigjahrigen Adonis zu Gebote standen, verhutete der Regierungsrath durch kraftige Haltung der andern Hand des Schwankenden ein Ungluck, wie es beim "schonen Enckefuss" oft schon vorgekommen. Er war fur seine Jahre immer noch so unternehmend, sein Reiten war von solcher Kuhnheit, dass der Effect seiner stundenlangen Toiletten ihm alle Augenblicke einmal durch ein schwarzes Pflaster auf Nase oder Stirn verdorben wurde.

Die Lust und Freude im Kammerherrn war zu gross, um nicht nach Entfernung der beiden Neugierigen ganz zu ihr zuruckzukehren. Er hatte wahrend der Tafel einen Bindfaden aus der Tasche genommen gehabt, diesen heimlich um einige in seiner Nahe befindliche Flaschen geschlungen, dann Turck, einen der Hunde des Vaters, die immer in der Nahe des Mittagessens schnupperten, an sich gelockt, an den Faden ein Stuckchen Fleisch befestigt und dies dann dem Thiere heimlich zugesteckt. Turck wurgte daran, blieb aber noch ruhig auf seinem Platze, in Hoffnung auf mehr. Endlich aber vom Kronsyndikus aufgejagt, riss er alle Flaschen und Glaser um, ubergoss das elegante neue Seidenkleid Portiuncula's von Tungel-Appelhulsen mit Rothwein und machte, dass ihre Mutter, die hineingriff, um das theuere Kleid zu retten, sich mit den Scherben einer zertrummerten Flasche empfindlich in die Hand schnitt. Die Verwirrung war so gross, dass nicht viel gefehlt hatte, der Kronsyndikus ware seinerseits aus der Rolle gefallen und hatte nach dem ihm der Hunde wegen immer nahe liegenden Kantschu gegriffen und den Sohn vor allen Leuten durchgeblaut. Denn dass dieser der Anstifter, war sogleich erkannt ... Die Tafel war zu Ende. Die Tungel-Appelhulsens reisten ab, die Tungel-Aus-dem-Winkel folgten, dann die Hulleshoven, die Ubbelohdes, Graf Munnich, die vornehmsten von allen, die DorsteCamphausens, eines nach dem andern ...

Lucinde, die von ganz andern Gedankenreihen bewegt war, hatte zu alledem noch die lastige Aufgabe, die Furcht des Kammerherrn, der sich nun nicht getraute ins Schloss zuruckzukehren, zu beschwichtigen. Der Vater liess sich nicht sehen, ein Omen, woruber der Schuldbewusste in Angst gerieth. Zuletzt musste sie sich selbst entschliessen, in der schon eingebrochenen Dunkelheit den weiten Weg nach dem Schlosshof ihn zuruckzubegleiten und ihn unter vielen Umstandlichkeiten und gewagten Scherzen ihrerseits mit dem Alten auszusohnen.

Glucklicherweise war aber der Kronsyndikus nicht allzu heftig ergrimmt. Bei solchen Familienconventen gab es immer Zank; ihm kam jede Lebensausserung der ihm doch Gleichgestellten anmassend vor. Da wurden Erinnerungen durchgesprochen, die ihn verstimmten; alte Wunden riss man auf, die kaum nach einer Generation ganz vernarbt waren; wieder sah er, wie alles ihn hasste und furchtete. Dann beschaftigte ihn mit Meldungen aller Art die "Regulirung", die schon zu einem Schreckgespenst fur ihn und das ganze Schloss geworden war, da sie ihn in Sinnen und Bruten bis zur Abwesenheit mehr treiben konnte als die Narrheit seines Sohnes.

Die gute Stunde, von dem Doctor Klingsohr zu sprechen, war noch nicht gekommen, wenn auch der Abend leidlich voruberging und die Aeusserungen des Kronsyndikus: "Ja, Lucinde, mit Portiuncula ist's nun nichts!" ofter wiederholt wurden und ganz harmlos herauskamen.

Klingsohr jedoch erschien wieder und wieder ...

Noch mehr, er machte seine Drohung wahr, sich "auch als Original" zu zeigen.

Welches die geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dem Kammerherrn war, begriff Lucinde nicht: aber seltsam genug, dass auch bei dieser ihr dargebrachten neuen Verehrung ein Bedurfniss zu Grunde zu liegen schien, in ihr mehr zu sehen, als sie sich selbst erscheinen konnte. Auch Klingsohr schmuckte sie phantastisch aus und uberhaufte sie mit dem Reize von Schonheiten, die sie trotz ihrer Eitelkeit als reine Erdichtung erkennen musste. Auch ihm wurde sie zur Erscheinung, die bald dem Reiche der Luft, bald dem Wasser angehorte. Bald war sie Sylphe, bald Undine. Sie sollte wol glauben, dass es ihr eigener Werth war, der sie den Mannern so erscheinen liess.

Es brach die Zeit eines wunderbaren Rausches fur sie an, eines Zustandes, den sie in dieser Art noch nicht gekannt hatte. Sie hatte die uble Wirkung beobachtet, die schon die Nennung des Namens Heinrich Klingsohr im Schlosse hervorbrachte. Der Kammerherr lohte in Eifersucht auf, der Kronsyndikus sprach nur von der "undankbaren Bande" und bestatigte nicht nur alles, was Heinrich ihr von der Vergangenheit uber ihn und den Vater gleich beim ersten Zusammentreffen erzahlt hatte, sondern was sie auch aus dunkeln Andeutungen des verschwiegenen alten Paares, bei dem sie wohnte, von vergangenen und vielbewegt gewesenen Tagen entnehmen konnte.

Ja! ich habe den Schlingel auf meinen Knien geschaukelt! sagte der Kronsyndikus, als vom Doctor die Rede war. Ich habe auch die Frau erhalten, als der Elende in die Walder lief und Aufruhr predigte. Ich habe den Pacht mir durch meinen Eifer selber verdienen mussen. Und dieser Hund will jetzt Herr uber das ganze Land werden? Fritz er meinte den Regierungsrath Fritz nimmt ihn auch noch in Schutz! Alle die Leute hier! Mein eigener Schwager, Graf Joseph! Aber im Dusternbrook, das sag' ich, lass' ich mich nicht um eine Hand breit aus dem alten Nutzen bringen, das schwor' ich, oder ich will in alle Ewigkeit nicht aus dem Lutterberg bei Witoborn herauskommen!

Er meinte damit: aus dem Fegfeuer; denn man glaubt in jener Gegend, dass in diesem Berge fur den westfalischen Adel der Eingang zum Fegfeuer liegt.

Die Begegnung mit Stephan Lengenich war ihm naturlich auch sogleich bekannt geworden. Dieser arbeitete aber taglich frisch unten fort, fallte Stamme nach wie vor und hatte in dem Dusternbrook eine ganze Werkstatt eingerichtet. Planken und Bodeneinsatze lagen ringsum, frisch erst aus dem Walde herausgehauen und gesagt.

Da Lucinden, die einige Gestandnisse gemacht hatte, jede fernere Begegnung mit dem Doctor, der "zu allem nun auch noch seinen gelehrten Senf hinzugabe", verboten wurde, so konnte sie mit ihm nur geheim zusammenkommen. Leider fand sie unter der Aufsicht der Alten, die mit ihr den Pavillon bewohnten und im allgemeinen murrische und strenge Leute waren, Schwierigkeiten. Diese wuchsen so, dass sie ihren Entschluss, von allen diesen Fesseln, mochten sie fur die Zukunft versprechen welches Gluck sie wollten, sich frei zu machen, immermehr reifen liessen.

Ist denn das nicht die eigentliche und wahre Natur des Mannes? sagte sie sich, wenn sie sich im Geiste Klingsohr's Bild entgegenhielt. Sind denn die Manner, die das Leben zu bezwingen verstehen, wirklich solche, wie sie uns in schonen Bildern begegnen?

Klingsohr war nicht schon; er vernachlassigte sich in seiner Kleidung, er hatte etwas Sorgloses, sogar Verwildertes. Sie erfuhr, dass sein Gang durchs Leben unregelmassig gewesen, kometenartig; sie erfuhr, dass er die Hoffnungen des immer ruhrsamen Vaters tauschte und sich der Uebereinstimmung mit demselben und seines Beifalls nicht ruhmen konnte. Aber, was sie sogleich bei der aussern Unahnlichkeit dieser Natur mit der eines Oskar Binder gefuhlt hatte, dass das Auge hier geistige Schonheiten finden wurde und diese dann auch allmahlich das Aeussere heben, traf immermehr zu. Wenn dieser seltsame junge Mann im Mondenschein an der Parkpforte mit ihr auch nur einige Minuten verweilte die Eifersucht des Kammerherrn war jetzt aufgeregt und sein heimtuckischer Sinn gefiel sich in den hinterlistigsten Anschlagen , das Bild, das sie von ihm empfangen, verklarte sich immermehr zu der Vorstellung von dem Muthe, der Thatkraft der Manner uberhaupt und der auch die Frauen hebenden heroischen Bestimmung derselben. Und wie verstand auch Klingsohr sein ganzes Sein mit einem poetischen Nimbus zu umgeben! Mitten in den kurzen Begegnungen, die sich allein moglich machten, brach er in Verse aus und verband dann mit der Wildheit eines Titanen, der noch die ganze Welt zusammenzurutteln gedachte, etwas Naives, Traumerisches, Kindliches wieder. Manches, was die gemessene Zeit zu sagen verbot, sprach er in geschriebenen Blattern aus, die er ihr in die Hand druckte, und schon haufte sich ihr durch Bauerknaben, Bettler und fahrende Musikanten ein geheim besorgter Briefwechsel. Dass sie auf seine Hulfe und Befreiung aus ihrer gegenwartigen peinlichen und unbestimmten Lage rechnete, das stand damals fest, als er ihr das unwurdige und schimpfliche Loos schilderte, welches zuletzt denn doch noch ihrer im Schlosse Neuhof warten wurde; Vater und Sohn, sagte er, wurden zuletzt um ihren Besitz streiten und der Alte wurde siegen. Sie schauderte. Klingsohr versprach, sie mit nach Gottingen zu nehmen, um sich dort, wenn der Vater die Mittel gabe, als Docent zu habilitiren. Sie sollte sein Weib sein.

Es war gegen Ende Juni. Schon lange war die erwunschte Regenzeit angebrochen und dauerte anhaltender, als sie der Landmann nun wieder haben wollte. Die auch durch stromenden Regen nicht zu tilgenden Reize des Landlebens, der Anblick der grunen und gelb gefarbten Fluren und der berauschende Duft der Linden und Tannen blieben sich gleich; besonders von dem Schlosse Neuhof selbst aus; nach vorn bot der volle Anblick in eine Landschaft voll Mannichfaltigkeit und Schonheit malerische Fernsichten, in nachster Nahe dufteten der Park und die nahe liegenden Walder. An dem offenen Fenster, in der linken Ekkspitze des Schlosses, im ersten Stock, sass Lucinde des Tages jetzt fast ununterbrochen und suchte sich in ihrer wunderlichen Lage, die der der "Sklavin in goldenen Fesseln" nicht unahnlich war, zu beschaftigen, so gut es bei ihrem geringen Arbeitstriebe und den aufgewuhlten Stimmungen ihres Innern gehen wollte. Wieder war sie ganz auf die Unterhaltung des Kammerherrn, auf seine Pflege angewiesen, denn der geistig Leidende krankelte auch korperlich. Er gehorte dabei ganz zu den Kindern, die eine Tasse Milch nur von dieser Schwester, einen Teller Suppe nur von jener Magd wollen gereicht erhalten. Er nahm nichts als nur von Lucinden. Sonst trieb er sein altes Wesen. Er zeichnete, malte, portratirte Kopfe, die ersten besten vom Oekonomiehofe oder aus der Brennerei, sogar Hunde und vor allen jetzt Turck, den nun von ihm besonders bevorzugten. Mishandelte er nicht die schonen Kunste, so drechselte er, und wiederum verband er damit die stereometrische Philosophie des Sehers und Zukunftsphilosophen Laurenz Puttmeyer zu Eschede, einem kleinen Stadtchen nordlich von Witoborn, rechtsab vom dem sogenannten grossen nach dem Westen fuhrenden "Hellwege", der auch in der That in manchen Dingen der einzige helle Weg, die Strasse des Lichts, durch eine grosse agyptische Finsterniss genannt werden kann.

Das Eckzimmer gehorte zu einer Suite von Zimmern, die dem Reichthum und den gesellschaftlichen Anspruchen der Wittekinds entsprachen. Das Schloss war geraumig, aber nicht eben luxurios gebaut. Die nuchterne Stimmung des vorigen Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Nutzlichkeitsprincip im Auge. Desto gewahlter war aber theilweise die Ausstattung. Einige dieser Zimmer waren geradezu furstlich, sowol in der Tapezirung wie in der ubrigen Ausschmuckung durch Marmor, Bronze und Glas. Nicht nur die Spiegel, auch die Tische, die auf geschweiften Fussen standen, boten die reichste Vergoldung; die Platten waren von kostlichen Marmorarten und spiegelblank. In den Ecken standen Spieltische mit getafelter und ausgelegter Arbeit von seltenem Geschmack und hohem Werthe. Das Schnitzen in Holz und Elfenbein ist von jeher in diesen Gegenden mit Meisterschaft getrieben worden. Die alten Bilder, wie die gelbsammtenen Ueberzuge der Mobel waren mit Staubvorhangen bedeckt. Diese Zimmer, wol funf bis sechs an der Zahl, jedes in einem andern Geschmack, verzweigten sich nach den Seitenflugeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren, die an den Wanden in ganzer Hohe, von der Erde bis an die Decke, mit Spiegeln bekleidet waren. An den Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazarenischen Geschmack. Einzelne Vasen, die auf Marmorgestellen die Einformigkeit dieser Corridore unterbrachen, zeigten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano's. Dass diese Corridore an den Wanden von rings hinlaufenden Divans, die gleichfalls mit gelbem, blumenartig gepresstem Pluschsammt uberzogen waren, begrenzt wurden, bewies, wie sie einst zu grossen Gesellschaften gedient hatten. Auch fehlten alte Kronleuchter von langhangenden Krystalltropfen und Glasberlocquen nicht. An den Wanden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen, immer zu funf und funf Flammen. Man sah es, dass hier einst ein regierender Minister eines der nahe gelegenen Furstenthumer, dann ein quiescirter osterreichischer Feldzeugmeister gewohnt hatten, dann und wann ein Erzbischof zu langerm Besuch gekommen war, alles Vorvordere, Angehorige und Verwandte des Hauses, zunachst bis auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zuruck. Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr den Luxus. Doch hatte es auch bei ihm einst Zeiten gegeben, wo alles im Lichterglanz schwamm. Es waren nicht die Zeiten gewesen, wo noch die fruhverstorbene Mutter des Regierungsraths und des Kammerherrn lebte, wohl aber unmittelbar darauf, wo es zuweilen hiess, die Damen, die eine Zeit lang hier hausten, waren Cousinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten desselben. Meist aber waren es uber Kassel gekommene Franzosinnen oder Italienerinnen, die eine Zeit lang blieben, mit Freudenfeuern empfangen wurden und plotzlich uber Nacht verschwanden, ohne dass man je wieder von ihnen erfuhr. Gewohnlich horte man kurz vor diesen Abreisen in den eleganten Zimmern oben eine Scene, deren Charakter, um ihn volksthumlich zu bezeichnen, Mord und Todtschlag war. Dann wurde es plotzlich still; aber auch so plotzlich, wie mit Geistern im Bunde. Zuweilen zuckte noch irgendein Laut auf, irgendwo in einem der dustern Pavillons des Parks, in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schlosses; dann war's fur immer still. Verschlossene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz Herabgesturzten. Mit diesen Vorgangen stand, wie Lucinde im Pavillon erfahren hatte, der Name des Frauleins von Gulpen oder der Frau von Buschbeck in Verbindung. Diese Rathselhafte war unverheirathet geblieben, war allerdings die Verlobte eines in Java dienenden Kriegers gewesen, lebte aber von keiner niederlandischen Pension, sondern von einer Rente des Kronsyndikus, bei dem sie vor vielen Jahren mindestens ebenso viel gewesen war wie jetzt die Lisabeth, die von allen mit Respect behandelt wurde, obgleich sie nur eine Bauerin war und vollkommen fur Stephan Lengenich passte. Der Kronsyndikus hatte sich nach den erinnerungsreichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreisen zugewandt, die nur unter ihm standen.

Was Lucinde von allen diesen Dingen allmahlich herausbekam, verdankte sie theils Klingsohr'n, theils den alten Stammers, bei denen sie wohnte, vorzugsweise aber, da auch diese von der Vergangenheit bitter beruhrt zu werden schienen, dem selbst schon grauhaarigen Sohne derselben, einem buckeligen Musikanten, der im Lande herumstrich und der vorzuglichste Bote war, dessen sich Klingsohr fur seinen Briefwechsel bediente.

Der Kronsyndikus wohnte im Parterre, wo sein unruhiger Sinn gleich ins Freie konnte, wenn er bei den vielen Rathschlagen und Hulfen, die er leisten musste und die auch Er nur allein leisten konnte, rasch zur Hand sein wollte. Manchmal blieb er des Nachts ganz aus. Seine Guter erstreckten sich weit, und obgleich bei einem Theil derselben die unmittelbaren Beziehungen durch das Pachtverhaltniss des Deichgrafen unterbrochen waren, so liess er doch als eigentlicher Herr sich seine Laune, da und dort hineinzureden, nicht nehmen; bald kehrte er dann hier, bald dort ein, auf eigenem oder fremdem Gebiet.

Eines Tages war er wieder einen weiten Weg ausgeritten. Es handelte sich darum, gegen den Deichgrafen, der, um vielleicht wirklich Landrath zu werden, schon einen kleinen Gutskauf abzuschliessen suchte, zwei maskirte Gegengebote zu veranlassen. Die Regierung unausgesetzt um Beforderung oder Versetzung anzugehen, drangte den "schonen Enckefuss" eine von Jahr zu Jahr sich mehrende Schuldenlast. Nun gab's Hin- und Herritte, Verhandlungen mit der Geistlichkeit, den Advocaten im nahen zum Kreis gehorenden Stadtchen Ludicke, Umtriebe, um, wenn es zum Wahlen eines neuen Landraths kommen sollte, den Wahlmodus durch Zusammenlegung dieser oder jener heterogenen Districte zu paralysiren, und was sonst dergleichen Kunste des Regierens und Politisirens jetzt geworden sind, von der Wahl eines Gemeindeschulzen auf dem Dorfe an bis zum Landstand und Mitglied eines Herrenhauses. Zunachst den Gutskauf des Deichgrafen ruckgangig zu machen, war ein Ziel "des Schweisses der Edeln werth". Der Hass des Kronsyndikus gegen seinen alten Freund kannte keine Grenzen, und die Vorfalle im Dusternbrook, wo der Deichgraf inzwischen mit Gensdarmen einen Grenzstein aufgestellt hatte, den jedoch der Kronsyndikus schon wieder hatte wegnehmen lassen (wofur ihm eine Citation in die Kreishauptstadt geworden), hatten das Feuer immer noch mehr geschurt.

Es war vier Uhr. Der Kammerherr sass und portratirte seinen Hund, seinen Retter von der wie der Tod gefurchteten Ehe. Turck war von den vielen Hunden, die auf dem Schlosse knurrten und bellten, gerade derjenige, den Lucinde nicht leiden mochte. Sie nannte ihn gerade so, wie der Kronsyndikus zuweilen den Deichgrafen nannte, einen "Calfacter", ein Wort, dessen Ursprung ihr der Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand seiner noch haften gebliebenen Schulkenntnisse zu erklaren.

Calefacio, calefeci, calefactum, calefacere, wiederholte er und fing an, indem er malte, mit sich selbst, wie er sagte, zu "certiren" und sich gleichsam von diesem oder jenem seiner alten Mitschuler ubertreffen zu lassen.

Imperfectum zweite Person Singularis! rief er mit befehlender Stimme.

Dann mit lispelnder und schuchterner: Calefixis!

Falsch! donnerte er. Klingsohr, Sie!

Calefaxisti!

Falsch! Pluddemann, Sie!

Calefeceritis!

Falsch! Wer kommt! Der Folgende! Der Folgende! Herr von Wittekind, Sie!

Calefaciebas!

Bravo, Herr von Wittekind! Setzen Sie sich uber Pluddemann, Klingsohr, Katerkamp und Vincke!

Diese Selbstgesprache und Selbstlobeserhebungen war Lucinde schon lange gewohnt. Oft musste sie Zumpt's Grammatik nehmen und ihm uberhoren. Sie lernte selbst dabei. Fruher that sie es sogar ganz gern. Jetzt aber, seit Klingsohr in ihrem Herzen lebte, unterhielt es sie wenig. Da auch Klingsohr zu den Mitschulern gehort haben sollte, die ein wie es schien doch geborener Dummling immer ubertraf, so sprach sie heute ihre Verwunderung daruber aus, erntete jedoch fur die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beschuldigungen gegen den alten Kameraden; er wisse gar nichts, er hatte auf der Universitat nachholen wollen und sich nun erst recht lacherlich gemacht, da die Andern schon ihre Freiheit genossen hatten; dann hatte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geschickt, allen ware er verschuldet gewesen und hatte sich, wenn er nicht bezahlen konnte, nicht anders loskaufen konnen als durch Wetten, zum Beispiel: Zwolf Mass Goslarer Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Gesellschaft zum Justizrath Bauer oder zum Pandektisten Hugo zu gehen und mit den elegantesten Damen dort uber den Begriff des Romantischen oder "Die bezauberte Rose" von Ernst Schulze zu streiten.

Das Bild einer wusten Vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr nicht fremd; aber er klagte sich ja selbst an! Und zu hell leuchteten seine klugen Augen im letzten Mondenschein, zu suss war seine Rede in dem fluchtigen Augenblicke gewesen neulich, wo er zum ersten mal leise ihre Stirn gekusst hatte, zu tief und anregend war alles, was sie schriftlich von ihm durch den verschmitzten Musikanten besass und auf dem Herzen trug, um es in jeder unbelauschten Minute zu durchfliegen. Heute hatte Klingsohr versprochen, Abends gegen sieben Uhr einen solchen Umweg zur Wohnung seines Vaters zu nehmen, dass er, heimkehrend von der Kreisstadt, wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen sollte, am Schloss voruberreiten musste. Einige Blumen, die sie in demselben Augenblick, wo er an ihrem Fenster voruber musste, ihm entweder zuwerfen oder, wenn dies nicht moglich ware, wenigstens an die Lippen drucken wollte, standen schon, frisch aus den Beeten des Vorparks genommen, in einem Glase bereit vor ihr.

Ihre sich kreuzenden Gedanken nicht zu verrathen, unterbrach sie den immer noch fortcertirenden Kammerherrn mit der Frage, wie denn nur sein Vater einen doch immerhin so rustigen, thatigen, energischen und charaktervollen Mann wie seinen Pachter, den Deichgrafen, so oft "Calfacter" nennen konnte?

Pluddemann! Was ist ein Calfactor? fiel der Kammerherr zur Antwort ein.

Mit veranderter Stimme antwortete er:

Calefactor, Warmmacher, ist ein Pedell

Pudel! unterbrach er sich selbst ...

Pudel? Wer sagt das? Klingsohr! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel?

Grosse Untersuchung ... (immer spricht der Kammerherr). Kein Resultat ...

Ein Calefactor ist ein Ofenheizer, ein Mann, der's statt cale, welches bekanntermassen nicht kalt, sondern warm heisst, warm macht, id est im Ofen ...

Katerkamp flustert: Auch an andern Orten ...

Allgemeines Gelachter. Auch der Conrector lacht. Sintemalen vor kurzem erst sieben Quartaner ubergelegt worden sind und ab calefactore warm gemacht bekamen cum Bim-Bam-Bam-Bum-Baculo!

Nun sang der Geistesschwache Studentenlieder ... mit dem Refrain des Crambambuli ...

Wie passt das aber alles auf den Deichgrafen? fragte Lucinde, an dergleichen gewohnt und durch das offene Fenster forschend.

Calfactor, sagte der Kammerherr, am Turck wieder fortmalend, Calfactor ist ein Subject, ein dienendes Instrument, ein Farbenreiber, ein Pinsel, eine Drechselbank, ein Pudel, der apportirt ...

Nein, nein, nein! unterbrach Lucinde. Einen Calfacter nennt man bei uns zu Hause einen Hund, ganz wie Ihren Turck, den man jeden Augenblick daran erinnern muss, wer sein Herr ist, der an jedem Stein stillsteht und schnuppert, was unter ihm stecken mag, der, wenn man ihn freundlich anredet, den Schweif zwischen die Beine klemmt und wie mit bosem Gewissen davonlauft, einen elenden Ueberlaufer, der im Stande ist, nach einem halben Jahre seinen eigenen Herrn nicht mehr zu erkennen und ihn anzufallen ...

Bravissima! rief der Kammerherr. Recht, meine Heilige! So handelte der Deichgraf am Vater! So vergalt er seine Wohlthaten! Heinrich muss mir mindestens noch hundert Pistolen schuldig sein oder er hat sie wenigstens nur mit einer ausgetrunkenen Tonne Goslarer Bier bezahlt, die ich dann auch wieder auf meine Rechnung habe nehmen mussen! Sind das keine Calfacters? Der Alte war sonst ein Demagog und nun will er Landrath werden. Sind das keine Calfacters?

Lucinde erwiderte Partei nehmend:

Die Regierung ist aufgeklarter geworden; sie braucht die Unterstutzung der Vernunftigen gegen die Unvernunftigen. Die Gensdarmen machen es dabei nicht allein, und wie ich gehort habe, Ihr eigener Bruder, der Regierungsrath, soll ja ganz ebenso denken und dem Deichgrafen einen Besuch gemacht haben ...

Was? Wie? Mein Bruder? schrie der Kammerherr und sprang auf.

Ich hore es wenigstens, lenkte Lucinde ein.

Man hatte erwarten sollen, der Kammerherr wurde nach einer Flinte, mindestens nach seiner Windbuchse gesucht haben. Jetzt zeigte sich der schwachwillige Charakter des Kranken in dem blossen Verweilen bei der Thatsache, in der blossen Freude, dies dem Vater anzeigen zu konnen! Lachend rief er:

Schone Zeiten das! Ein Wittekind unter den Gensdarmen! Aber Roma nondum locuta est setzte er feierlich hinzu.

Was heisst das? fragte Lucinde argerlich.

Der Kammerherr wollte wieder Pluddemann und Vincke und seine andern detmolder Schuler diese Phrase ubersetzen lassen, als er vom Hufschlag eines in galopirender Eile dahersprengenden Pferdes unterbrochen wurde. Lucinde sah schnell zu dem nach der Fronte des Schlosses fuhrenden Fenster hinaus, denn von daher kam das Gerausch. So verwegen durfte von den Leuten des Schlosses niemand in dessen Nahe reiten!

Es war aber Klingsohr nicht, sondern der Kronsyndikus selbst.

Wie kam der heute schon so fruh heim? Wie kam er von einer Gegend heim, die keinen andern Zugang bot als den nach dem Dusternbrook? War er wol gar den Grund selber hinaufgeritten?

Das Pferd schaumte, und fast flog dem Reiter die grune Mutze ab, als er mit einem gewaltigen Ruck in das offene Seitenthor des Schlosses schwenkte.

Nach dem ersten Augenblicke des Erstaunens, wie der Kronsyndikus diesen beschwerlichen Weg hatte wahlen konnen, wollte man zur Arbeit und Uebersetzung der Worte: Roma nondum locuta est! ubergehen, als Turck voll Unruhe an die geschlossene Thur sprang, die Schwelle bekratzte und hinaus wollte.

Der Calfacter! murrte Lucinde, wahrend ihm der Kammerherr schmeichelte, um ihn zum Bleiben zu bringen.

Man musste aber offnen; das Thier heulte vor Ungeduld, hinauszukommen.

Bald vernahm man ein Rennen und Laufen im Hause, ein Rufen durcheinander.

Man erfuhr, dass der Kronsyndikus befohlen hatte, einen Wagen anzuspannen.

Darin lag an und fur sich nichts Auffallendes, es kam oft vor. Aber die Eile war nie so dringend wie eben. Lucinde ging in ein Zimmer, das in den Hof fuhrte. Sie sah den Kronsyndikus, bis an den Hals zugeknopft, in seinem grunen Reitrock und in den hohen, schweren Stiefeln im Hofe stehen und mit stummen Geberden zur Eile winken. Sonst pflegte er solche Befehle mit einer Flut nicht eben gewahlter Commandoworter zu unterstutzen; heute ging alles still, mit Winken und nur zuweilen mit einem ungeduldig aufgestossenen Fusse zu. Er wandte, im Hofe stehend, dem Schlosse den Rucken. Den Hirschfanger, ohne den er nie ausritt, selbst in Zeiten, wo es keine Jagd gab, musste er schon abgeschnallt haben, und doch tastete er immer nach demselben hin und schuttelte den Kopf, wie wenn er erstaunte, vergessen zu haben, dass er schon abgelegt war.

Nun wandte er sich und schritt wie taumelnd wieder zum Schlosse zuruck, wo er in seinen Zimmern schon gewesen zu sein schien.

Lucinde erschrak. Das sonst so gerothete Antlitz des Greises war so auffallend bleich, dass die rothen Flecke, die es immer hatte, wie Wunden aussahen. Die Mutze war ihm entweder bei dem Schwenken in den Thorhof wirklich noch entfallen oder auch schon abgelegt worden. Grell stachen die weissen Haare von der Luft ab; sie schienen sich zu baumen; der weisse Backenbart ging grauenhaft auf und nieder, wie wenn die Kinnladen frostelnd aneinanderschlugen. Das weibliche Personal der Bedienung und ganz besonders die Lisabeth, immer voll Umsicht und grosser Ruhrigkeit, war angstlich um ihn her beschaftigt. Wie er wieder auf die wenigen Stufen, die zum Schlosseingang fuhrten, treten wollte, glitt er fast aus; er hatte, da die Hande immer an der obern Klappe seines Frakkes knopften, vergessen sich am Gelander zu halten.

Lucinde eilte jetzt selbst hinunter.

Als sie ankam, hiess es, der Kronsyndikus hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen.

Was ihm ware? fragte sie.

Er ist mit dem Pferde gesturzt!

Ist er den Grund hinaufgeritten?

Man wusste keine Antwort. Manche sagten:

Das doch wol nicht!

Inzwischen donnerte die gewohnte Stimme gleichsam wie mit jetzt erst hervorgelassener, bisher zuruckgehaltener Kraft:

Wird's mit dem Wagen?

Schon zog man die Kalesche heraus. Und wie er ihrer ansichtig wurde, befahl dieselbe Stimme:

Der Kammerherr soll mitfahren! Nach Eggena!

Es war eines seiner Vorwerke, auf dem er gern in der Jagdzeit verweilte.

Damit schlug er die Fenster so heftig zu, dass eine Scheibe zerklirrte.

Alles das konnte allerdings an sich nicht anders als Lucinden sehr erwunscht kommen. Es war uber sechs Uhr; gegen sieben Uhr sollte sie Klingsohr'n erwarten, mit dem sie nun vielleicht sprechen, ihn eine Strecke begleiten konnte, so sehr auch jeder ihrer Schritte von den Spionen des Schlosshofs oder des Parks bewacht wurde ...

Dem Kammerherrn kam der Befehl hochst ungelegen. Da dieser Befehl jedoch von einer der Magde wiederholt wurde die sogenannte Dienerschaft, auch der Diener des Kammerherrn, arbeitete in den verschiedenen Branchen der Wirthschaft und legte nur bei besonderer Veranlassung Livree an , so half kein Widerstand. Am Hufschlag des Rosses hatte der Furchtsame schon vernommen, wie sein Vater in einer Stimmung war, bei welcher ihm Stock oder Peitsche nicht zu entfernt lagen. Er sah angstlich nach dem Wetter. Es hatte sich leidlich mit dem Regen beruhigt, aber duster hingen die grauen Wolken und weit, weit uber der ganzen Gegend hin.

Wahrend der Kammerherr sich nun im Nebenzimmer ankleiden musste und Lucinde ganz schon nur dem Wunsche lebte, dass die Minuten doch lieber langsamer verrinnen mochten, nur damit Vater und Sohn erst auf dem Zweispanner sassen und weiter auf dem Wege nach Eggena voraus waren, horte man plotzlich den allgemein ausgestossenen entsetzlichen Schrei:

Feuer! Feuer! Feuer!

Lucinde sturzte wieder hinunter und fand den ganzen Hof in Verwirrung.

Die Ursache des Rufes musste ihr beim Herabspringen von der steinernen Treppe selbst sogleich begreiflich werden an einem brandigen Geruch, der sich im Hofe verbreitete und verbunden war mit einem leise aus der zerbrochenen Scheibe des Wohnzimmers des Kronsyndikus hervordringenden Rauche ...

Man schlug heftig an die von innen verschlossene Thur des Parterre und wiederholte den Ruf:

Excellenz! Es brennt ja!

Keine Antwort.

Er ist erstickt! hiess es.

Die Beschliesserin war ausser sich und rief nach den Knechten. Ihr erster Ruf galt dem Stephan Lengenich, jenem Kufer, der von ihr begunstigt wurde. Von diesem aber hiess es, er arbeite irgendwo im Walde, vielleicht im Dusternbrook.

Nach einer Weile machte der Kronsyndikus das Fenster auf und sagte mit matter Stimme, sie sollten sich alle alle zum Teufel und an ihre Arbeit scheren. Er hatte ja nur er hatte Papiere verbrannt ... Wo der Kammerherr ware? ... Es ginge nach Eggena! ... Ob der Wagen bereit stunde? ... Wo das Fraulein Schwarz ware?

Lucinde meldete sich, indem sie von den Stufen des Eingangs sich vorbeugte ...

Ein erzwungenes Lacheln begrusste sie von einem Kopfe, den man kaum wiedererkannte.

Vom Verbrennen der Papiere im Ofen musste ihm der Russ ins Gesicht geschlagen sein.

Der Contrast des geschwarzten Antlitzes, der weissen Haare, des Bartes, der Augenbrauen und des Hauptes mit einem vornehmen Staatskleide, das der Aufgeregte plotzlich wie in der Zerstreuung angezogen, mit einem Kleide, auf dem bestandig das goldene, achtspitzige Kreuz des Welfenordens haftete, ware burlesk gewesen, wenn nicht die Situation selbst etwas Schreckhaftes gehabt hatte.

Ich komme noch hinauf, sagte er. Gehen Sie, Liebe! Gehen Sie! Ich bitte!

So artig hatte der Tyrann nie mit ihr gesprochen. Durch seinen Paroxysmus war er wie umgewandelt.

Lucinde hatte nur die siebente Stunde im Kopfe ...

Der Kammerherr, der an Ordrepariren gewohnt war, kam schon mit Regenschirm, Hutschachtel und sogar einem Pelze ...

Lucinde fragte ihn lachend, ob er nach Sibirien reisen wollte?

Sie holte dem Halbweinenden einen Ueberzieher und behielt den Pelz zuruck.

Der Brandgeruch zog sich inzwischen durchs ganze Haus. Es war ein Geruch weit mehr von verbrannten Haaren oder Tuch als von Papier. Dass der Dampf so gross sein konnte, um durch alle Oefen zu dringen, musste aus dem Verschutten von Wasser auf die Flammen entstanden sein.

Zuletzt kam der Kronsyndikus wirklich in den ersten Stock und schloss, wie sie erstaunend bemerkte, alle Staatszimmer auf.

Welches Bedurfniss konnte er haben, eine gestickte Uniform, seinen liebsten Orden zu tragen und seine Staatszimmer zu offnen und hin und her zu durchschreiten?

Alle Laden riss er auf. Er luftete vielleicht nur. So kam er in das Eckzimmer, wo Lucinde schon am Nahtisch stand, so stand, als musste sie ihre Blumen bewachen. Der Greis bot den seltsamsten Anblick. Das Gesicht war jetzt gereinigt. Aber zu seiner Landstandsuniform mit dem hannoverischen Orden der Welfen stand im sonderbarsten Contrast der Hirschfanger, den er wieder umgeschnallt hatte. Die Hande waren mit den weissesten Handschuhen geschmuckt, als wenn er zu Hofe gehen wollte. Voll Unruhe blickte er um sich und stotterte:

Luftet doch! Luftet doch! Wie erstickend! Wie dumpf! Wie rauchen die Oefen! Verbrenne nur ein bischen Papier und es riecht gleich wie der lebendige Satan!

Dabei zuckten ihm seine ohnehin schon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft auf und nieder ...

Der grosse, baumstarke Mann stand wie von einer Ohnmacht bedroht. Und indem er mit den Fingern der linken Hand immer in seinen Bart, bald da, bald dort, wie in einer kreisenden Bewegung griff, sagte er, als wollt' er Gleichgultigkeit zeigen:

Hab' mich wieder 'n mal geargert! Ueber den verd Landrath; nein ja den Rittmeister! Und diese Briefe vom Fritz ... In den Ofen damit! ... Immer Aerger! Immer Aerger! ...

Lucinde, die kaum merkte, dass er die Grunde seines Aergers offenbar fingirte, war ihm, um ihn nur zu beruhigen, so zuthunlich, wie er sonst wunschte. Sie bewunderte die prachtige Uniform, besah das wunderschone Comthurkreuz mit seinen goldenen Kugeln, seinem welfischen Lowen, seinem weissen Ross und seinen Eichenzweigen; sie wusste schon, was die alte deutsche Geschichte zu erzahlen hatte von dem Lowen des machtigen braunschweiger Herzogs Heinrich Welf und dem Kniefall des Hohenstaufen vor dem Lowenherzog und von den Romerzugen und der gespaltenen Einheit des deutschen Vaterlandes ...

Der Alte lachelte jetzt zu all diesem "Kram", wie er's eben nannte, und suchte uber das zu scherzen, was ihm in seinen jeweiligen Wuthanfallen auf die Regierung und den Deichgrafen sonst ein "blutiger Ernst" war. Welfen und Ghibellinen! rief er oft. Ihr Ghibellinen mit euern Kaisern, wir Welfen mit unserm Rom! ... Heute aber hielt er das Nachste fest. Wieder und wieder rief er mit ausserster Ungeduld: Ob nun bald gepackt ware, der Koffer auch, Kleider fur ihn und den Kammerherrn? Dabei sah er nach der Uhr, brummte vom "Landrath heute in Ludicke", "Eggena nach Ludicke drei Stunden" und ahnliche Berechnungen. Dann starrte er in die Gegend hinaus, nahm ein Fernglas, dessen sich sein Sohn zu bedienen pflegte und das auf dem Nahtisch Lucindens lag, und zog es auf und nieder.

Dies that er eine Weile wie gedankenlos, wie mechanisch. In dem mehrfach hervorgestossenen Namen Enckefuss schien eine grosse Beruhigung fur ihn zu liegen.

Plotzlich aber rief er:

Was? Wie? Wer kommt denn da?

Er deutete auf einen leichten Wagen, den man bei einiger Aufmerksamkeit auch mit blossem Auge sehen konnte.

Lucinde blickte erschreckend hinaus.

Es war erst wenig vor halb sieben, ja gerade die Stunde, die der Deichgraf nach dem Urtheil seines Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte, zwei Minuten vor halb sieben. Der Wagen ging bergan, und die Strecke von unten herauf war lang und steil, der Wagen fuhr langsam; gegen sieben konnt' es sein, wenn er endlich auf der Hohe war. Sollte Heinrich, statt zu Ross, im Einspanner kommen? Und durch den kleinen Taschen-Frauenhofer hatte der Kronsyndikus schon erkannt, dass es wirklich der "Doctor" war.

Die Wirkung dieser Entdeckung war bei dem Greise die allerauffallendste.

Lucinde hatte noch deutlicher bemerken konnen, wie der Kronsyndikus krampfhaft sich am Nahtisch hielt und, da dieser leicht war, fast mit ihm umsturzte. Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen, hatte sie sich nur in diesem Augenblicke selbst zum Seitenfenster gewandt.

Was will denn der Doctor? sprach der Kronsyndikus immer tonloser und kurzer athmend ... Der Junge der Junge der was will denn der? Was soll denn der? Wozu kommt denn schon der?

Es schienen ihm Gedanken durch den Kopf zu schiessen ganz anderer Art, als die er gewohnlich uber das "Volk da unten in der Buschmuhle" aussprach.

Der Wagen kam naher. Es war ein Einspanner, den wirklich der junge Klingsohr fuhrte.

Was will er denn? Was hat er denn? fuhr der Alte auf und wandte sich dabei nicht an Lucinden, die ganz nur mit ihrer eigenen Besorgniss beschaftigt war und sich abwandte, um ihr Errothen zu verbergen.

So nur konnte es geschehen, dass sie die zunehmende Unruhe des Greises nicht bemerkte, nicht sein Hinund Wiederrennen, nicht sein Oeffnen des nach der Seitenfronte gehenden Fensters, nicht sein erneutes Blicken durch das Fernrohr, das er zitternd aus- und einzog.

Endlich, als er in das Pfeifen eines Liedes ausgebrochen war und in den geoffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmobeln riss und wieder kam und wieder ging, lachte er plotzlich laut auf, rief Lucinden in die Staatszimmer und sagte mit der ihm eigenen faunischen Miene:

Lucinde! Lucinde! Hore, Kind! Ich sag' dir etwas!

Herr Kronsyndikus! rief diese und eilte naher.

Satan, schwarzer !

Excellenz

Engel! Schlechte Person liebst den Kerl, den Doctor!

Er lachte dabei convulsivisch.

Hast recht! liess er sie kaum zu Worte kommen und umarmte sie. Hast recht! Er kann's einem schon anthun!

Aber Excellenz

Weiss alles, verdammte Hexe! Ihr saht euch in dem gottverfluchten Grunde, saht euch im Park ... hinterm letzten Pavillon ... am Fasanennetz ... im Mondschein ... Glaubst du, der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um funfzehn Silbergroschen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit? ... Aber ... aber hast recht ... sollst recht haben, Kind ... Wie kann man einen Narren lieben? Da ... den ... Und ... einen ... Greis dann noch dazu? Halt ihn fest ... den Doctor mein' ich ... Gleich auf der Stelle! Hier ist der Schlussel zum Keller! Esst, trinkt! Lass deine Kunste los, Zigeunerin! Ich gonne ihn dir ... Sieh, Kind, wie er das Ross zugelt! Dass dich ... Seine Mutter war schon ... Lucinde, hore aber leise sag' ihm was ... hier, da ... auf dem Sopha ... sag' ihm was ... Hol' ihn dir ... halt' ihn dir fest und plausch' ihm ins Ohr ... horst du ... ob er's denn noch nicht weiss ... nie gehort hat ... nie erfahren ... dass ... dass ... Na, was? ... Ha, ha, ha! ... Wer ihm den Riegel aufschob ... als er in die Welt gekommen ... Hm? Verstehst du ... Lucinde, sag's ihm beim funften, sechsten Glas Champagner ... Lisabeth! Lisabeth! Kuche, Keller, alles geoffnet! ... Sag's ihm ... drei Sohne hatte der alte Wittekind, einer ist Candidat zum Premierminister, einer Candidat zum Tollhaus ... und der da? ... "Der Gott, der Eisen wachsen liess" sangen sie damals ha, ha! als sie den Tugendbund schlossen und in den Teutoburger Wald geheime Reisen machten und die Weibsen zuruckliessen ... ha, ha, ha! ... Verstehst du, kleine schwarze unschuldige Schlange?

Ein tolles Lachen, ja, das ihr bekannte Lachen der Selbstzufriedenheit uber seine plotzlichen Lichtblitze der Klugheit und Verschmitztheit, erstickte die Rede des wie wahnsinnigen Greises.

Lucinde stand sprachlos und konnte um so weniger zu Worte kommen, als der Kammerherr, der seither unten gewartet hatte, jetzt zuruckkehrte und eine Aenderung der ihm gegebenen Befehle zu hoffen schien.

Lucinde verstand vollkommen das schreckliche Gestandniss, das der Kronsyndikus gemacht hatte.

Die Dazwischenkunft des Kammerherrn hinderte eine weitere Erorterung. Der Vater zog Lucinden mit sich hinunter. Wie er auf der Treppe sich auf sie stutzte, raunte er ihr immer heimlich und mit emporgestreckten, zitternden Fingern Worte der frivolsten Enthullungen zu ... Auf der Treppe noch, wo er sich am Gelander festhielt, sagte er der Beschliesserin:

Lucinde kriegt die Schlussel! Was die von jetzt an befiehlt, geschieht! Verstanden! Was hab' ich gesagt?

Lisabeth, mit einem uberraschten Blick voll Gift und Zorn, musste wortlich wiederholen, was ihr Herr gesagt hatte; erst wollte sie's nicht und betrachtete Lucinden erstaunend, dann musste sie ihr Verstandenhaben der Verfugung laut wiederholen und feierlich Unterwerfung geloben. Hierauf sah er fast mit Mitleid auf den wartenden Kammerherrn, drehte den Hirschfanger vor sich hin und stieg in die Kalesche. Lucinden flusterte er noch aus dem Schlage ans Ohr:

Sag' es ihm! ... Aber schweigt beide ... so wahr ein Gott im Himmel lebt!

Zur Lisabeth sich wendend, wiederholte er:

Zeig' auch du, was ich dich lernen liess bei Wessel in Hannover! Brate, koche! Haltet ihn fest! Trinkt auf mein Wohl! "Um acht Uhr ist Verlobung oder sieben Schusseln!" 's war ein altes Stuck zu meiner Zeit! Lustig! Ich will die Augen zudrucken ... uber alles ... will Frieden haben mit dem Deichgrafen .., Frieden ... Jesus aber, jetzt fort, Hannes!

Der letzte, fast tonlose Ruf galt dem Kutscher.

Die Pferde zogen schon an, und nach der entgegengesetzten Seite hin, wo Heinrich Klingsohr herkam, rollte der Kronsyndikus aus dem Seitenthor und den Berg hinunter.

Sein Sohn ahnte glucklicherweise Klingsohr's Nahe, die entscheidende Gefahr fur seine Neigung nicht. Nur die aussere hatte er jetzt im Auge den Hemmschuh, den der Kutscher anlegen sollte! Von allen Schrecken war ihm der des Bergabfahrens einer der haarstraubendsten. Turck, der Calfacter, lief nicht, wie er sonst pflegte, dem ankommenden Wagen bellend und wedelnd entgegen, sondern schloss sich der Kalesche an, der er mit eingezogenem Schweife nachlief. Betrubt und zaghaft waren die Mienen, die der Kammerherr Lucinden noch beim Abschied zuwarf. Morgen! sagte er kleinlaut; aber der grosse Kasten fiel ihm auf, den noch der Kronsyndikus wie fur eine langere Reise hatte in der Vache unterm Kutscherbock einschliessen lassen. Nur dass sein Bedienter zuruckblieb, schien ihm einige Hoffnung zu geben.

Zum Besinnen uber die Wahrheit dessen, was der Kronsyndikus ihr zugeraunt hatte, blieb Lucinden keine Zeit ... Heinrich Klingsohr, der naturliche Sohn des machtigen Mannes, grusste schon, da er zu seinem Jubel die davonfahren sah, denen er hier zu begegnen furchten musste.

Bei einer plotzlichen Lebensgefahr, sagt man, schosse wie an einem elektrischen Leiter blitzesschnell die ganze Vergangenheit eines Menschen an seinem letzten Bewusstsein voruber ...

Umgekehrt ubte die Fulle von Vorstellungen, die sich fur Lucinden auf wenig Augenblicke jetzt zusammenzudrangen hatte, die Wirkung, dass sie ihr das Bewusstsein vollig nahm, ja, sie in einen traumahnlichen, bacchantischen, von hochster Freude, von Lust und Schmerz ebenso gehobenen wie wieder vernichteten Zustand versetzte.

Diese rathselhaften Vorgange mit dem Kronsyndikus, diese Feuersgefahr, sein Benehmen am Fenster, der verzweiflungsvolle Humor und die Furcht vor Heinrich Klingsohr, dann sein mit den dunkeln Geruchten uber ihn und eine grosse Anzahl illegitimer Kinder ubereinstimmendes Geheimniss, die plotzliche Versohnungslust, die sich beim Besteigen des Wagens auch noch in dem ausdrucklichen Befehl gezeigt hatte, dass die Lisabeth die Diener in Livree stecken und augenblicklich die ganze Grosse des Wittekind'schen Hauses entfalten sollte ... dann der heranrollende Wagen des wiederum seinerseits mit den unglaublichsten Ueberraschungen Erwarteten, alles das verursachte in seiner schnellen Aufeinanderfolge ihr einen fast physischen Schmerz, wie wenn sie wirklich den Tod des Ertrinkens erleiden sollte.

Und doch rief auch wieder zu gleicher Zeit alles in ihr wie die ersten rauschenden Accorde einer Ballmusik zu Lust und Freude.

13.

Wahrend Lucinde das Staunen der Lisabeth auf die naturliche Voraussetzung einer Versohnung mit dem Deichgrafen verwies, lief sie schon uber den marmorgetafelten Estrich des untern Schlosses an die hohe, schwere Thur, schloss diese mit dem immer von innen steckenden Schlussel auf und trat auf den Perron hinaus, um Klingsohr'n anzurufen.

Dieser hatte auch seinerseits einen Blumenstrauss in der Hand und suchte sie, langsam fahrend, am Fenster. Wie erstaunte er, als sie selbst erschien, ihn anredete und aufforderte auszusteigen!

Sie werden alles erfahren, kommen Sie nur! sagte sie. Der Kronsyndikus ist eben abgereist, der Kammerherr mit ihm, ich bin allein und ausdrucklich beauftragt, Sie zum Bleiben einzuladen!

Da geht ja die Welt unter! sagte der Doctor, sprang vom Wagen und ubergab sein Gefahrt einem schon in Livree, die er eben noch zuzuknopfen im Begriff war, herbeispringenden Gehilfen der Branntweinbrennerei.

Es war auch inzwischen Feierabend. Der Hof war in voller Bewegung. Die Inspectoren und Arbeiter aller der verschiedenen hier zu beaufsichtigenden Branchen begriffen nicht, wie sie den Sohn des Deichgrafen konnten auf Schloss Neuhof einkehren sehen. Aber Lucinde zog den verwunderlichen Gast die grosse steinerne Stiege hinauf in die Staatszimmer, wo man bereits anfangen wollte einen Tisch zu decken, Lucinde sollte nur bestimmen welchen. Sie wahlte einen der glanzendsten mit einer Decke von Lapis Lazuli, achteckig, mit geschweiften, vergoldeten Fussen, dicht vor einem Kanapee, das in der Nahe eines Kamins stand ...

Dazu lauteten von allen Tiefen her die Glocken das Ave Maria ... der trube Regenhimmel liess im Westen vom Sonnenlicht einige rothe und blaue Streifen hindurch ...

Klingsohr kannte aus seiner Knabenzeit alle diese Zimmer ...

Wie konnte es geschehen, dass er seit Jahren und bei der jetzigen Lage der Dinge hier wieder so wie einst aufgenommen, ja, gerade von Lucinden, dem Wettpreis zwischen Vater und Sohn, ohne alles Hinderniss so empfangen wurde!

Er ahnte einen Hinterhalt und sprach sich auch dahin aus, dass er der bosen Tucke des Kronsyndikus alles zutraue. Ich ware der Erste nicht, sagte er, den er wie ein Ritter des Faustrechts behandelt hat! In seinen Kellern sassen schon Manner und Frauen aus aller Herren Landern, und ich wette, dass es da unten aussieht wie in der Blaubartskammer!

Wie es in seinen Kellern aussieht, erwiderte Lucinde, werden Sie bald erfahren! Sie sollen bewirthet werden wie ... wie ein Sohn des Hauses.

Behandelt ihr mich hier, parodirte Klingsohr mit Stellen aus Shakspeare, nach "Verdienst", so bin ich vor Schlagen nicht sicher! Aber bitte, keine Unarten! Das Mittelalter hat einige Schattenseiten, die ich nicht vertheidigen werde!

Lucinde suchte ihm die Furcht zu nehmen und zog ihn in ein Zimmer, wo sie unbelauschter waren. Wie im Traume folgte Klingsohr. Zum ersten male sah er auch seine Liebe in so prachtigem Rahmen. Sie trug ein leichtes dunkelblaues Kleid; seidene Bander von gleicher Farbe senkten sich in den braunen Nacken. Schwarze Florspitzen zierten das Haar und bedeckten ebenfalls, zu halben Handschuhen geformt, die jetzt sehr gepflegten Hande. Auf der Brust hatte sie sich den Rosenstrauss befestigt, den Klingsohr mitgebracht, wahrend sie ihre eigenen Blumen theilte, seinen Rock, seinen Hut damit schmuckte und noch fur den Tisch ubrig behielt, um eine kostbare Vase damit zu fullen.

Sie erzahlte ihm auf sein staunendes Schweigen alle soeben erlebten Vorgange bis auf die letzte Enthullung, die sie sich, weil sie ihr noch schwer zu formuliren war, vorbehielt. Sie kamen uberein, dass der Kronsyndikus in dem Doctor einen Verbundeten gegen den Vater gewinnen wollte, einen Vermittler und Beileger des Streites. Lucinde unterstutzte vorzugsweise diese Annahme und hatte die Freude zu horen, dass Klingsohr versicherte:

Nun, was ich thun kann, dieser Voraussetzung zu

entsprechen, soll geschehen! Sie kennen meine Abneigung gegen meines Vaters Lehre vom Zollstock und der geraden Schnur, Lucinde! Das Leben wird schon ohnehin taglich immer mehr so regelmassig wie die manchmal recht monotone Natur! Ihm Freiheit abzugewinnen, die Tyrannei des Gesetzes abzuschutteln, das ist unser schones Ziel, und wenn ich ganz sicher ware, dass nicht diese Thuren plotzlich aufgingen und einige Geharnischte hereintraten und mich als Geisel festhielten, so wurde ich meine Sympathieen fur den wilden Freiherrn ganz offen aussprechen. Darauf hin und vorausgesetzt, dass es bald alles, nur nicht Prugel gibt, will ich auf sein Wohl trinken und geloben, den Alten von der Buschmuhle soweit es irgend moglich zur Raison zu bringen.

Sie standen jetzt beim Durchschreiten der prachti

gen Zimmer gerade an der Stelle, wo der Kammerherr den Turck gemalt hatte. Noch hing das Bild an der Staffelei und Klingsohr brach in komische Bewunderung des neuen "Hondekoeters" aus, wie er ihn nannte.

Der ist mit verreist? rief er aufs neue kopfschut

telnd. Und man weiss, dass Sie mich aufnehmen? Was ist hier nur vorgefallen!

Der Kammerherr weiss nichts! Nur der Vater! Machen Sie sich's bequem! Sie werden noch mehr, erleben ...

Noch mehr?

Lucinde antwortete nur dadurch, dass sie hin und wieder rannte, ordnete und befahl. Nicht umsonst hatte der Kronsyndikus von einem Festgelage gesprochen. Sie liess nun ein solches fur den Doctor mindestens ebenso herrichten wie fur die adeligen Gaste. Der Kronsyndikus selbst war im Essen massig, aber die haufigen Besuche des "schonen Enckefuss" hatten das Haus mit den Nothwendigkeiten eines schnellen und einladenden "Tischlein deck' dich" eingerichtet.

Geliebte Lucinde, sagte Klingsohr, wie er sie dann wieder plotzlich still stehen und uber ihre eigentliche Aufgabe grubeln sah, es gibt eine Erbsunde und es gibt eine Erbtugend! Man spricht davon, dass jene uns um unser Seelenheil gebracht hat und verketzert die vernunftigen Unvernunftslehrer, die diese tiefste und humanste aller Lehren vertheidigen!

Welche Sunde? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tisches, uber dessen acht Ecken langst ein blendend weisses Damasttuch gebreitet war, das sich schon mit Tellern, Gedecken, Glasern, Flaschen, einem Champagnerkuhler und Dessertaufsatzen fullte.

Die Erbsunde, die mit dem ersten nicht verschmahten schonen rothwangigen Apfel in die Welt gekommen! sagte Klingsohr. Wir konnen ja die Nichtigkeit dieser Erde gar nicht schoner erklaren als durch unsere eigene Schuld! Ihr jammert, dass der Fruhling seine Bluten verwehen sieht, dass Blute, Frucht und alle Schonheit der Erde, der Schmetterling und der Mensch, zu Staub verwehen! Ist nur unsere Sunde schuld daran, so hat ja die Verganglichkeit dieser Erde ihren erklarlichsten Grund in uns und nicht in der Schopfung selbst! Man kann ja dann immer noch hoffen auf die Sonne, auf die Gestirne, auf etwas, was jenseit dieser Bezirke, "von wannen niemand wiederkehrt", liegen wird, Lucinde, und waren es nur Ihre Augen, die als Sterne an den Himmel versetzt werden sollen!

Lucinde sagte zu allem: Ja! Ja! Ja! Ja!

Sie horte kaum; zu schon wollte sie alles machen. Der Doctor sollte wenigstens hinter dem Landrath nicht zuruckstehen.

Klingsohr musterte die nach franzosischer Auffassung in Alabaster ausgefuhrten griechischen Statuen des Zimmers, die Landschaften aus der Schule Claude Lorrain's und Berghem's ...

Kein anderes Gnadenbild hier, sagte er, als Sie selbst, Lucinde!

Lucinde bestatigte, dass auf Schloss Neuhof die Religion nur in den Wirthschaftsgebauden und den hintern Wohnungen vertreten sei, den Kammerherrn ausgenommen, der noch immer mit dem schwermuthigen und gewissenskranken Grafen Zeesen in Briefwechsel stand ...

Beide reisten in Italien! sagte Klingsohr. Jerome hoffte schon lange durch Beten ein grosser Maler zu werden wie Fra Fiesole!

Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbisses aufs prachtigste getroffen.

Klingsohr streckte sich mit Behagen in einem Fauteuil, vor dem eben von zwei uber alles wie verblufften Dienern angerichtet werden sollte. Bei jeder Gelegenheit, wo diese Zeugen fehlten, ergriff er Lucindens Hand, diese an sich ziehend, mit Kussen bedeckend und seine Unmoglichkeit, sich in die Marchenwelt zu finden, aufs neue versichernd.

Eben kamen die Diener zuruck, lauschend, horchend ...

Lucinde fragte, nur um zu sprechen:

Jetzt aber Ihre Erbtugend? Was ist das?

Erbtugend, sagte Klingsohr in einem ihm beim Aussprechen von Gedanken und Versen eigenen singenden Tone; Erbtugend! Die ist der ewige Ruckschlag des Geistes gegen die Natur! Sie ist die Flut, wenn die Sunde die Ebbe! Sie ist vielleicht auch nur das ewige Philisterium, an dem selbst die Titanen litten, wenn sie zu viel Kaukasuswein getrunken hatten! Moglich, dass dieser Erbtugend jene eingeimpfte Furcht vor der Holle zum Grunde liegt oder die Furcht vor einer Tracht Prugel, jene Furcht, von der bekanntlich die romantischsten Liebhaber Boccaccio's und Bandello's nicht frei sein konnten ... Ja! Lucinde! Ich weiss doch, dass ich hier ein Romeo bin, auf den plotzlich "zehntausend Tybalts" eindringen werden mit einigen Doubletten der allbekannten neuhofer Hundepeitsche!

Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend seine erneuerte Furcht und erklarte das festere Schliessen aller Thuren durch das Wetter, d a es unheimlich dunkel wurde. Der Abend schien ein Gewitter zu bringen. Dunkelbraune und rothe Wolken zogen immer dichter von Westen her. Zwischen dem Lauten der Abendglocken horte man schon die fernher rollenden Donner.

Klingsohr ergriff Lucindens Hand und sprach, da sie jetzt allein waren und nur noch das zu servirende Mahl fehlte, mit dem eigenen Aufschlag seiner grossen, wenn er wollte, festen und bestimmten Augen:

Wer in der romantischen Zeit nicht Frau Venus mied,

Wol gar einem Eheweib sein Herz verschenkte,

Dem geschah's, dass man ihn manchmal briet

Oder an einen neuen Galgen henkte!

So hort sich noch jetzt, minnt man ein schones Weib,

Besonders vom Nachbarn Herrn Philister,

Selbst im holdseligsten Zeitvertreib

Ein feurig Geknatter, ein flammend Geknister.

Gibt sie ein Locklein zum Liebespfand,

Und steckst du's zu bergen zur Tasche,

Fuhlst du doch dabei was wie Henkershand

Und um den Hals die vergeltende Masche!

Das ist das Gewissen! sagte Lucinde scharf betonend. Da er sie kussen wollte, hielt sie ihn zuruck.

Nein, Erbtugend wollte Klingsohr in seiner gewohnten Phantastik fortfahren

Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen. In dem noch allgemein nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronsyndikus geschah dies mit denselben Formlichkeiten wie bei dem vornehmsten Besuche.

Was ist das nur alles? rief Klingsohr aufs neue, wie irr sich an die Stirn greifend ...

Lucinde versicherte, dass allerdings irgendetwas Grosses geschehen sein musse, um den Kronsyndikus so fur ihn einzunehmen. Nicht nur, dass er diesen Empfang angeordnet hatte, auch fur die Entdeckung, dass beide schon lange sich sahen und sprachen der buckelige Stammer hatte geplaudert ware seine Milde bewundernswerth gewesen. Er dachte daran, setzte sie hinzu, sie ganz so glucklich zu machen, wie er ... wie sie ... selbst es zu werden wunschte.

Lucinde! rief Klingsohr voll Entzucken und warf Gabel und Messer fort. Wann wirst du mein? Bald! Bald! "Balde auch du!" singt Goethe. Warum kommt mir das traurige "Ueber allen Wipfeln ist Ruh" in diesem Augenblick! Nicht wahr? Die Speisen sind vergiftet?

Als Lucinde ein Ja! nickte und dabei auffuhr, um nach der Fortsetzung des Mahles zu klingeln, verfolgte er sie.

Hexen, sagte er, Giftmischerinnen gab es von je auf Neuhof! Du selbst bist eine von diesen alten Alraunen, diesen Zauberweibern ... gerade so eine Hexe, wie meine Mutter von einer erzahlte, die sie das Fraulein Gulpen nannte ...

Au! unterbrach er sich selbst mit einem leisen Schrei.

Was ist? fuhr sie doppelt betroffen zuruck. Klingsohr hatte den Namen der Hauptmannin in dem Augenblick ausgesprochen, wo er seine rothlichen kurzen Locken an ihr Brusttuch druckte ... Er antwortete: Wenn ich dich kussen soll, mein Kind, was soll es

taugen,

Dass du mit Nadeln dir besteckst die Brust! Den Liebenden war immer nur bewusst: Gott Amor sticht ins Herz und keinem in die Augen!

O! rief Lucinde und sah ihr Vergehen ... An der Wange, dicht neben einer seiner vielfach schon zwischen ihnen besprochenen Narben, hatte eine Nadel ihm eine leichte Schramme gerissen.

Lucinde riss die Nadel vom Tuche, griff nach der Krystallflasche voll Wasser auf dem Tische, goss Wasser in die hohle Hand, tauchte ihr Taschentuch ein und druckte es ihm auf die wunde Stelle.

Dabei war ihr das Brusttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken schimmerte unbedeckt bis zu den Schultern, ihr braunlicher Hals bis zu den hohen Wolbungen ihrer Brust.

Eben brachte man zwei Leuchter, je drei brennende Kerzen.

Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und sich, auch um ruhiger zu werden, aufs neue zum Mahle gesetzt hatten, richtete sie eine Frage an ihn uber Klingsohr's Mutter, uber die Gulpen, ob er diese gekannt hatte und was er von ihr wisse ...

Er beantwortete sie mit einer Apostrophe an die Speisen:

Fraulein von Gulpen? Ich kannte sie nicht. Aber sie nennen und fragen: Was mag in dieser Spargelsauce enthalten sein, ist eins! Recht so, Lucinde! Nehmen Sie nichts davon! Diese jungen Erbsen haben eine grunliche Farbe, die uber das Pflanzenreich hinaus sich in das Mineralreich verliert; ich wette, man kochte sie in derjenigen kupfernen Pfanne, die seit dem letzten der unerklarten Todesfalle auf Schloss Neuhof noch immer nicht verzinnt worden ist. Diese Huhner hort' ich noch vor einer halben Stunde im Hofe gakkern! Sie erwecken unwillkurliche Mordgedanken, und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmarchen auf von der alten westfalischen und Tugendbundzeit, in der ich 1809 geboren wurde. Da gab es hier, wahrend mein Alter im Walde geheim mit den Rachern dingte, Corinnen in griechischen Gewandern, die uber Kassel aus den Spielhollen Venedigs und Neapels kamen, Spanierinnen, die wie Amazonen ritten, Creolinnen, deren Manner ihren Kopf auf den Schaffoten der Franzosischen Revolution gelassen hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte's, was sag' ich, ihn selbst verruckt machten ...

Aber die Gulpen?

Die soll an diesem Minnehof nur die Ceremonienmeisterin gewesen sein! Der buckelige Landstreicher mit der Geige hat geplaudert? Lass dir von dem erzahlen oder von seinen Alten hinten ... nein, die sind seit den grauen Tagen stumm geworden ...

Woruber?

Die Gulpen, oder wie sie sich von einem Jager, der sie heirathen wollte, nannte, Buschbeck

Einem Jager?

Jetzt einem Monche! Druben im Franciscanerkloster Himmelpfort! Hast du nie vom Bruder Hubertus gehort?

Die Monche durfen nicht auf Neuhof ...

Der Jager war ein Soldat in hollandischen Diensten ...

Hauptmann ...

Feldwebel, Kind! Vielleicht als Lieutenant entlassen! Er ist Laienbruder druben ...

Und war nie verheirathet ...

Mit wem?

Der Hauptmannin Was sag' ich ...

Der Bruder Hubertus kam von den Wilden und ging zu den Wilden! Hier galt keine Ordnung und kein Gesetz und kein Priester! Hast du nicht gehort, dass der Kronsyndikus noch eine Frau am Leben hat?

Wie? Wer? Noch eine Frau? Der Kronsyndikus?

In Italien! Man sagt es ... Kinder gibt es aller Orten genug von ihm ... oder er spielte wenigstens ohne zu wissen den Landesherrn, in dessen Bildniss auf den Groschen sich alle Frauen in gewissen Umstanden versehen mussen!

Sie essen ja nicht, Doctor! lenkte Lucinde errothend ein.

Ich trinke! antwortete Klingsohr. Stoss' an, sagte er, wie immer je nach der Stimmung abwechselnd mit Du und Sie; stoss an, Lucinde! In Italien schickte er an Jerome plotzlich einen Kurier, dass er nach Hause kommen sollte ... Graf Zeesen, sagte man, hatte ihn bereden wollen, in ein Kloster zu gehen ... Der Musikant meint, seine Alten hatten als Grund des Zuruckmussens immer etwas von der zweiten gnadigen Frau gemunkelt!

Die noch lebe? Nein, der Freiherr ist nur einmal verheirathet gewesen!

Ganz recht! unterbrach Klingsohr. Die Schwester vom Grafen Joseph druben, dem Letzten des Hauses Dorste-Camphausen auf Westerhof! Sie starb fruh, nachdem sie zwei Sohne geboren; sie starb, sagt man aus Gram uber die Aufnahme jener Gulpen ins Haus. Diese regierte. Als die Baronin starb, genoss der Witwer seine Freiheit, bis plotzlich Ruhe kam mit dem Sturz Napoleon's. Doch bei alledem ist landbekannt, dass die Kloster und Beichtstuhle hier ringsum uber den Kronsyndikus die tiefsten Geheimnisse verschliessen ... Auch mein Vater weiss manches, halt sich aber stumm druber wie die alten Stammers hinten uber die Gulpen.

Lucinde wagte nicht, uber letztere weiter zu forschen. Sie furchtete, dass sie hatte sagen mussen, woher und aus welcher Situation sie die "Hauptmannin" kannte. Aber mit spahendem Blick stellte sie jetzt die Frage:

Und Ihre Mutter?

Klingsohr erwiderte:

Ich kannte sie wenig! Sie starb, als ich sieben Jahre alt war. Nur dass sie ein Bild des Leidens gewesen sein soll, weiss ich. Als der Vater in Magdeburg sass, wurd' ich in dies Schloss genommen und mit Jerome erzogen.

Lucindens Unruhe mehrte sich, je naher sie ihrer Eroffnung kam. Sie wusste nicht, was sie that, als sie fortwahrend den Champagner trank, den ihr Klingsohr einschenkte.

Unsere Zukunft, Lucinde! Der Traum einer Sommernacht! rief er.

Die Gegend war inzwischen nachtdunkel geworden. Rabenschwarze Schatten hatten sich niedergesenkt, ein immer naher ruckendes Gewitter entlud sich ...

Das Nachtmahl war bald zu Ende. Nur dem schaumenden Weine sprach noch Klingsohr immer erregter zu. Er weckte dadurch in Lucinden die Erzahlungen des Kammerherrn von seiner Unmassigkeit und den Trinkwetten.

Erzahlen Sie von Ihren Knabenjahren! sprach Lucinde.

Klingsohr betrachtete lange die aufsteigenden Perlen des Schaumweins und erwiderte mit dem ihm eigenen halb kunstlich, halb naturlich elegischen Tone:

Wo seid ihr hin, ihr heilig hehren Tage,

Wo ich geglaubt, ein Regenbogen sage,

Dass immer noch des Himmels Langmuth wach!

Wo in dem Blitze, in der Donner Rollen

Nur eines Vaters Zurnen lag, der Liebe Grollen!

Der Regen schlug an die Scheiben. Der Sturm tobte ... Fenster und Thuren, die nicht geschlossen gewesen, schlugen klirrend und krachend an ... Aber Lucinde drangte: Nein! Beginnen Sie anders! Ihre Mutter ... Ha, ich weiss, sagte er, du willst von meiner ersten Liebe horen, Lucinde! Ja,

Wenn sie leicht und zierlich

Mir voruberflog

Und ich hubsch manierlich

Meine Mutze zog

Nichts, nichts von dem sagte Lucinde ...

Das Lied ist nicht lang, Lucinde! unterbrach er sie. Nur den Schluss will ich dir sagen. Diese Liebe endete, als Amanda eines Tages keine Hosen mehr trug; das hubsche Ding war in dem Augenblick funf Jahre alter geworden und kannte mich nicht mehr. Schulerliebe!

Gut! Gut! Aber wo sind Sie geboren?

In der Buschmuhle!

Und Ihre Mutter? Erzahlen Sie von ihr!

Ein Donnerschlag erschutterte in diesem Augenblicke das Schloss, dass es bis auf den Grund erbebte. Die Diener kamen nicht mehr ... Klingsohr ruckte seinen Sessel dem Divan naher und zog Lucinden an sich und streichelte ihr Haar und sah ihr in die scheu und angstlich umblickenden Augen und hielt die Hand uber ihre dunkeln Brauen, gleichsam als wenn er das Rollen der schwarzen Sterne in dem weissen Emailgrunde beruhigen, das Zucken der Wimpern beschwichtigen wollte.

Jetzt begann er von seiner Mutter ...

In einem langen weissen reinen Gewande, sagte er, muss diese Edelste ihres Geschlechts aus der Welt emporgestiegen sein! Ringsum lag die Sunde sie allein erhob sich aus ihr, sie, die einzig Reine! Eine Natter klammerte sich noch an ihren Fuss, die zertrat sie! Wie ich geboren wurde, verlor jene Gulpen die Herrschaft im Schlosse

Schon 1809? unterbrach Lucinde ... Sie sah, wie viel Jahre es gebraucht hatte, ihre Peinigerin so geistig und korperlich zu zerstoren, wie sie sie gefunden hatte!

Wie das alles zusammenhangt, fuhr Klingsohr fort, weiss ich nicht ...

Lucinde fasste sich jetzt Muth und sprach:

Ich will es Ihnen sagen!

Klingsohr horchte auf. Lucinde erzahlte noch umstandlicher den Vorfall, den man heute mit dem Kronsyndikus erlebt hatte. Sie erzahlte das Verbrennen von Papieren, seine Unruhe, seine eilige Abreise, den Eindruck, den ihm die Ankunft des Doctors gemacht, seine Eroffnung uber die Art, wie sie ihn aufnehmen sollte ...

Eben zuckte durch das Zimmer ein Blitzstrahl.

Klingsohr erhob sich und wurde aufgeregter ...

Wie Lucinde fortfuhr und das Ziel ihrer Eroffnungen immer leiser sprechend schon vollig verstandlich angedeutet hatte, ergriff er ein Glas, schleuderte es wild zu Boden, dass es zersplitterte, rieb sich die Stirn und rannte zum Fenster, als musste er mit dem Kopfe durch die Scheiben hindurch in die tobende Nacht und die Donner hinaus.

Ihr seid wahnsinnig! schrie er. Alle, alle hier seid ihr's!

Lucinde nahte sich, bat ihn, sich zu massigen; sie sagte ihm, er mochte sich fassen, mochte ruhig horen ...

Nein! rief er und schleuderte nun auch sie zuruck mit den Worten:

Circe! Machst du Menschen zu Eseln? Zu Mauleseln? Bin ich verruckt?

Jetzt riss er das Fenster auf, dass der Regen nur so hereinstromte.

Lucinde liess ihn erschreckt erst gewahren.

Ich liebe meinen Vater! rief er, und sog die Tropfen ein und bestrich sich mit dem Regen Stirn und Wange. Ich liebte ihn von jeher dann, wenn ich mich hassen musste. Und nun vollends ... meine Mutter!

Lucinde schloss das Fenster.

Klingsohr rannte auf und nieder ...

O ich weiss jetzt, wozu ich hergelockt bin! Zur Rache gegen meinen Vater! Geistigen Rache! Zur Demuthigung unsers Namens! Schandung einer Asche unter der Erde!

Ihr Vater ist der Kronsyndikus! sagte Lucinde mit einer Festigkeit, als sprache sie von Dingen, die ihrer Jugend vollig angemessen waren.

Ein convulsivisches Gelachter erstickte den ersten Aufschrei des zu seiner ubrigen Erregung nun auch noch halb Berauschten.

Ruhig fuhr Lucinde fort:

Darum sorgt er fur unsere Zukunft!

Ha, ha! Und nun sprach Klingsohr plotzlich, wie sich und die ganze Situation parodirend, plattdeutsch, dem ohnehin schon eine komische Wirkung beiwohnt. Er parodirte ihren feierlichen Ernst. Sie wandte sich zum Schmollen ab und liess ihn stehen.

Klingsohr warf sich in seinen Sessel und blickte geisterhaft vor sich hin ...

Das in der Natur tobende Wetter hatte sich etwas gemildert. Man horte nur den gewaltig stromenden Regen. Dann setzte er sich ruhiger zu Lucindens Fussen auf eine Fussbank und das Haupt auf beide Hande stutzend sprach er dumpf:

Bastard! Glaube das nicht, du innerer, allzu eitler Damon! Ja eitel! Wir werden die Ursachen dieses tollen Spukes erfahren! Nur allzu sehr fuhl' ich in mir das dienende Blut! Altes Sachsenblut? Auch ich? Wie wurden die grossen athletischen Gestalten mit den hangenden rothen Haaren unter dem Barenkopf in die Weser getrieben, um von ihrem Odin und von ihrer Freyja zu lassen! Wie sassen sie hoch zu Ross, als sie dem Banner ihrer Herzoge folgten! Wie dingten sie mit dem Kaiser und den Bischofen um ihr Recht und loderten auf um einen "Strohhalm", der ihrer Ehre im Wege lag! Und selbst noch im brocatenen Kleide mit der Perruke und dem steifen Degen an der Seite, wie sie da unten den Westfalischen Frieden schlossen, schritten sie gravitatisch einher, langsamer, schwerfalliger, aber fester auch auf ihre grune Hufe vertrauend als irgendwer im ubrigen Deutschland! Dem englischen Lande gaben sie die rechte Volksmischung und tausend Jahre spater einen Konig. Und wie haben sie diese vier- und sechsspannig fahrende Weise bewahrt bis auf den heutigen Tag! Ob sie platt- oder hochdeutsch reden, sie lispeln nur und jedes Wort ist Schiesspulver, wie Heinrich Percy's! Schlank ist ihr Wuchs, behend ihre Haltung! Wenn auf der Universitat alle andern deutschen Stamme durcheinander fahren, der Bayer phlegmatisch, der Franke windig, der Schwabe der andern Stichblatt, der Thuringer von ewiger Wehmuth durchdrungen ist trotz des allerdunnsten Biers, der Obersachse schwatzt, der Marker aus Blodigkeit, die er nicht eingestehen will, grob und malicios wird, ... stehen wir Niedersachsen und Westfalen da wie die schlanken Tannen am Bergesrand, fest und sicher wurzelnd; ein Wort ein Mann, von einer Vornehmheit, der kein deutscher Stamm sich gleichstellen kann! Man muss uns handeln sehen um ein Ross! Kurz und bundig! Sechzig Pistolen ohne Halftergeld! Spitz, scharf, weich der Ton! Fest die That! Ach, vergib mir, Geist meiner guten, vielgepruften Mutter, dass ich dich Arme, die Witwe eines mit dem Geist der Zeit Vermahlten, der dich einsam daheim liess am Spinnrocken, lastere! Loreley, nein! Hortest du's? Ich wurde mir leider, leider nichts draus machen! Mag ich immerhin um eine Minute vor halb sieben statt zwei zu fruh auf die Welt gekommen sein, aber es ist ein schlechter, elender, gemeiner Spass deines frevelmuthigen Alten, und du thust recht, arme Glaubige, dass du entschlummerst. Die Burde dieser Luge war zu schwer fur dich!

Ermudet vor Aufregung, eingelullt durch den Wein und die gespenstische Weise des wie immer dergleichen im Prophetenton vor sich Hinsprechenden, liess Lucinde es geschehen, dass der dustere Traumer, in dessen Seele es gleichfalls schon lange mehr zur Nacht als zum Lichte sich zu wenden schien, ihre Hande ergriff, diese kusste, naher und naher seine Wange an die ihrige schmiegte und sie in ganzer Lange auf den schwellenden Divan ausstreckte.

Eine Weile betrachtete er sie mit gefaltenen Handen ...

Dies sah sie noch ... ihr Auge blieb offen oder blinzelte doch ... Ihre Mienen waren in ein Lachen wie erstarrt ...

Jetzt ein Ephenkranz um dein Haupt, flusterte Klingsohr, der Thyrsusstab mit Weinlaub in deiner Hand, ein Pardelfell unter dir, und die Bacchantin erwartet ihren Praxiteles!

Lucinde verstand nichts. Sie hauchte nur:

Doch! Doch! Doch!

Doch hat der Kronsyndikus recht! war ihre Meinung.

Klingsohr verstand, was sie sagen wollte, und gerieth in Sinnen. Seine Phantasie malte sich die Moglichkeit aus und wie bei solchen Naturen dann geschieht, sah er allmahlich die Wirklichkeit. Jetzt als wenn ihn Furien peitschten, er musste und sollte glauben, erhob er sich und sprach unausgesetzt, wol ein halb Dutzend mal, vor sich hin:

War' es denn moglich? War' es denn moglich?

Indem meldeten die Diener das Nachlassen des Regens ...

Spannt ein! rief Klingsohr wild und erhob die Flasche.

Und wieder schenkte er voll und nicht mehr in die kleinen spitzen Glaser, sondern in Wasserglaser. Er credenzte ebenso Lucinden, die trank, weil sie Wasser zu nehmen glaubte ...

Drei Spane aus dem Thor der kleinen Buschmuhle! lallte Klingsohr und zog den Ton wie durch die Zahne, sodass es schneidend hamisch und bitter erklang. Ich wette, dass ich sie unten finde, du alter Freigraf der Feme! Am nachsten besten Baum kann der Freirichter Wittekind keinen jetzt mehr henken, so hat er dem Vater einen andern Streich spielen wollen! Ist nicht eine Schlange das Wappen der Wittekinds? Nein, ein Lindwurm! Aber ich will Feindschaft saen unter den Samen der Schlange, spricht der Herr! Ich werde mich nach diesem Schurkenstreich mir meinem Alten aussohnen. An der Muhle wollen wir sitzen und wenn das Rad klappert, nehmen wir das Gesangbuch zur Hand, wo die Mutter deutlich eingeschrieben: Den 13. August 1809 geboren mein Heinrich Otto Alexander! Alexander! Mein Alter hoffte auf Russland damals! Heil von Moskau! Und warum nicht auch! Nur "Gott ist gross und der Zar ist weit!!"

Seufzend wankte er zu Lucinden, beugte sich uber sie und sprach jetzt leise und wie singend:

Traume! O traumtest du:

Es rauschen die Blatter, es flustert der Wald,

Wer regt sie der Winde so mannichfalt?

Nur Einer!

Es blitzen die Farben im hellen Krystall,

Sind's tausend der Strahlen vom Sonnenball?

Nur Einer!

Ich, ich, ich erwidere dir, Madchen:

Es klopfen viel tausend Schlage der Brust,

Wer fuhrt sie, die Hammer in Schmerz und in Lust?

Nur Eine!

Was hebt dir die Seele, was sprengt dir das Sein?

Ist's Himmel? Ist's Erde? ... Allein, allein

Nur Eine!

So sprach Klingsohr.

Fiebernd, im Taumel der entfesselten Sinne hatte er sich uber die Halbschlummernde gebeugt ... zuruckgesunken und halb auf dem Divan ausgestreckt, hielt sie den linken Arm ruckwarts unter das Haupt gelehnt ... mit dem rechten wehrte sie kraftlos sturmischere Zartlichkeiten ab ... das Bewusstsein verging ihr ... die Augen schlossen sich, mude wie damals im Walde mit Oskar Binder.

Selbst eine heftige Erschutterung, die sie annehmen lassen musste, dass Klingsohr plotzlich aufsprang, erweckte sie diesmal nicht.

Sie horte ein fernes Brausen wie an einem Wasser. Es konnten Thuren, Schritte, Stimmen durcheinander sein ... sie traumte von bunten Wolkenwagen, von Farben des Regenbogens ... sie sah ihre Tauben wieder, die den Wolkenwagen zogen, sie sah alle die glanzenden Shawls, Teppiche, Kleiderstoffe aus dem Magazin des Herrn Guthmann rings drapirt uber dem Regenbogen und kleine Gnomen trugen alles ab und zu, und wieder waren es doch die lacherlichen Modegecken im Bazar Guthmann, und ein langes Mass von Papier zog der eine und dem andern wurde unter der Hand eine Reihe von Sternen daraus ... und dann waren es die Blumenbuschel und blauen Glocken, die sie im Walde am Fusse des Eggegebirges einst im Sinken am Riedbruch in der Hand gehalten, und alles um sie her wurde dann grun und immer gruner und mit zwei funkelnden Augen lag plotzlich jene Eidechse auf ihrer Brust, die damals unter dem moosbewachsenen Steine aufschlupfte ...

Nun erwachte sie.

Um sie her war es still. Die Lichter waren ausgeloscht bis auf eines, das fast niedergebrannt war.

Sie musste so schlummernd, erst heiter, dann angstvoll traumend, mindestens schon eine Stunde gelegen haben.

Sie richtete sich empor. Was war geschehen? Hatte sie Klingsohr verlassen, ohne sie zu wecken?

Nichts war zu horen als das Klappern einer fernen nicht geschlossenen Thur.

Die Reste der Mahlzeit, die leeren Flaschen und halbgefullten Glaser standen unabgeraumt, wirr durcheinander. Sie boten jenen Anblick, der nach einer Orgie die Sinne so ernuchtert, die Empfindung so beschamt und emport ...

Unendlich mude, wie zerschlagen an allen Gliedern, durchfrostelt von der kuhlen Luft des Zimmers, das geoffnet gewesen sein musste, suchte sie nach Menschen, die noch wach waren. Alles war wie ausgestorben ... Von Klingsohr war ihr doch gewesen, als hatte sie im Traum gehort, wie er laut uber sie hinweggerufen, an ihr geruttelt hatte, und Menschen mussten im Zimmer gewesen sein, alle Stuhle standen ja in Unordnung, der getafelte Fussboden knirschte sogar von formlichem Schmuz ... Sie sah zum Fenster hinaus ... Es war tiefe, stille Nacht ... Die grosse Wolbung der fast unermesslichen Fernsicht uber Wiese, Wald und Feld hin eine einzige schwarze Finsternis, die kein Stern erleuchtete ... Die Regenwolken hingen trub und schwer. Sie offnete, streckte die Hand hinaus; sie fuhlte, dass die Luft kuhl war, doch nicht mehr tropfte ...

Sie gedachte jetzt deutlicher Klingsohr's, gedachte erschreckend seiner letzten Zartlichkeiten, die sie mit schon geschwundenem Bewusstsein hingenommen, seiner wilden, vermessenen, wie ein schneidender Luftzug noch durch ihre Seele gehenden Reden. Ihr war nur am Muthe des Mannes gelegen, an seinem Trotz, an seiner Herausforderung gegen Menschen und Geschick, und in dem, was sie heute und schon oft von Klingsohrn gehort, lag doch eher eine Thatkraft, die sich nur kunstlich aufstachelte ... Sie gedachte schreckhaft des Kammerherrn; sie glaubte die Thur sich offnen zu sehen und das kratzende Scharren eines Hundes zu horen. Nun fasste sie den Gedanken, ob sie noch zu dem Pavillon in den Park konnte, wo sie doch eigentlich wohnte. Hatte man sie vergessen? Sie nahm das Licht, um auf die Treppe und dann uber den Hof zu schreiben.

Erst musste sie durch die langen Corridore, wo rings an den Wanden die Spiegel ihre eigene Gestalt wiedergaben. Wie sah sie aus! Wie aufgelost hing das Haar! Wie lag das Kleid von den Schultern herab! An die Spiegel mit dem Lichte tretend, bebte sie zuruck, weil sie plotzlich der Sage gedachte, dass es mit dem Glockenschlage zwolf unheimlich ware mit einem Licht sich im Spiegel zu sehen ...

Doch bis zum Hofe kam sie nicht, nicht einmal bis zur Treppe; die offen stehende Thur machte einen Zugwind, der ihr das Licht ausblies.

Nun stand, sie vollends erschreckt. Sie rief:

Lisabeth! Lisabeth!

Keine Antwort, als das Echo des langen Corridors ...

Sie tastete sich zuruck zu den vordern Zimmern. Hier aus dem Fenster zu rufen war den Sternen gesprochen ...

Nun wankte sie dem Divan wieder zu und hielt sich an der kalten Marmorbekleidung des Kamins ... verwunschend die Rucksichtslosigkeit, die sie hier so preisgeben konnte.

Als sie sich aber niederlassen musste, weil es sie fieberisch frostelte, fuhlte sie etwas wie einen Mantel. Erschreckt fuhr sie zuruck. Es war eine Decke, eine der gesteppten, die unter die Federbetten gebreitet werden.

Man hatte also doch an ihre Ruhe gedacht und vorausgesetzt, dass sie hier und auf dem Divan die Nacht, zubringen wurde.

Ihr Fuss stiess auch an ein Federkissen, das hinuntergeglitten war. Sie konnte es unter ihren Kopf legen und that es.

Sich in ihr Loos ergebend, streckte sie sich, um zu schlafen, druckte den Kopf in das untergelegte Kissen und zog die Decke uber sich.

Es wurde ihr warmer; aber die Bilder der erregten Phantasie wichen noch lange nicht ... Immer sah sie Leben und Bewegung um sich her. Jede zufallige Beruhrung weckte eine Vorstellung. Klingsohr's Gestalt konnte sie nicht sehen, aber horbar blieb ihr seine Stimme. Immer noch glaubte sie ihn reden zu horen und zwischendurch offnete der Kronsyndikus die Thur und fragte: Schlafst du? ... Auch den Deichgrafen sah sie durchs Zimmer schreiten und die Ahnenbilder in den goldenen Rahmen stumm betrachten ... dann wurde die Reihe der Gestalten immer ferner, nebelhafter wurden ihre Umrisse ... Sie sah die Frau Hauptmannin Tauben morden und Mause fangen aus freier Hand und vor schonen Prinzessinnen knixen und sie dann in den Keller sperren, wohin sie ihnen in der Nacht Besuche machte, mit der Lampe uber ihnen hinwegleuchtend und lachend, wenn eine Ratte an ihnen nagte ... gerade wie sie ihr einst gethan ... Die eine Schlummernde war ihre todte Schwester; die erhob sich aber und setzte sich an ihren eigenen Nahtisch, kleine Hemden zu nahen, die wol den beiden noch lebenden Geschwistern im Waisenhause gehoren sollten ... auch diese erschienen und winkten so seltsam und so abwarts ... und die drei andern kleinen Geschwister, die am Scharlach gestorben, sah sie mit Blumen bekranzt und eine wundervolle Musik begann ... es waren die Flotentone der Harmonica ... es war die Kirche in Eibendorf ... die Kirche der Residenz dann wieder ... das Gesangbuch der Magd im Hause des Stadtamtmanns blitzte in seinem Goldschnitt und schlug sich hell auf ... sie las Warnungen, Mahnungen, unterdruckte und hier offen ausgesprochene Vorwurfe ihres Gewissens ... bis sie daran fester einschlief, aber doch immer noch in der Vorstellung, den Vater zu fuhren, alle die schmalen Bruckenstege von Langen-Nauenheim entlang, und dem schwer dahintaumelnden kleinen Mann, der seinen Hut verloren und, mit den weissen Haaren im Winde, immer nach dem Kopfe griff, zuzurufen: Vater hier! Vater hier!

So war ihre letzte Erinnerung ...

Am folgenden Morgen weckte sie die Lisabeth und brachte die schreckliche Kunde, dass man gestern Nacht im Dusternbrook den Deichgrafen in seinem Blute schwimmend und ermordet gefunden hatte.

14.

Als Lucinde dies grauenvolle Wort horte, sprang sie empor.

Sie verstand nicht einmal gleich, was sie horte.

Sie wusste anfangs kaum, wo sie war.

Die Magde hatten schon aufgeraumt und uber dem gelben Pluschsammt hingen schon wieder die grauen Ueberzuge. Nur sie hatte man den erquickenden Schlaf noch geniessen lassen.

Die Lisabeth wiederholte die grauenvolle Mittheilung:

Der Deichgraf ist todtgestochen! Gestern! Im Dusternbrook!

Aber der Doctor? fragte Lucinde erblassend und sich auf alles Gestrige jetzt erst besinnend.

Sie schliefen gerade, hiess es, als die Leute, die auf der Buschmuhle arbeiten und den Weg uber Neuhof nehmen, wenn sie nach Hause wollen, die Nachricht brachten. Es war um neun Uhr.

Ermordet! wiederholte Lucinde schaudernd und sich auf das, was damit zusammenhangen konnte, besinnend ...

Abgestochen mit einem Messer, gerade wie man einen Karpfen absticht, dicht am Kiemen! fuhr die Lisabeth fort. Im Regen lag er hart am Grenzstein bei der grossen Eiche. Mit dem Menschen, der's gethan hat, muss er gerungen haben auf Leben und Tod!

Aber wer war es denn?

Die Lisabeth wusste niemand zu nennen, erzahlte aber von der Bewegung auf dem Hofe und in der ganzen Gegend ...

Und der Doctor?

Dem hatte man's gestern Abend sogleich gesagt. Er hatte wie versteinert gestanden, sie erst wecken wollen, dann ware er hinuntergeschlichen in seinen Wagen, wie ein Schatten. An den Glaswanden hatte er sich wie ohnmachtig gehalten und wie er sein Antlitz drin gesehen, hatt' er sich an den Kopf geschlagen und einigemal gelacht, gelacht namlich vor Schmerz ...

Die Lisabeth erzahlte, wie es auch ihr immer ginge, dass sie vor Schmerz lachen musste und dass sie schon einmal drum einen Doctor gefragt hatte. Die Aerzte wissen, was sie alles dem Volke leisten sollen! Sie werden gefragt, ob sie nicht Tranke hatten, dass man gerade nur dies oder das traume, und zu manchem Arzt schon kam eine Mutter und verlangte ihrem Kinde etwas verschrieben, weil es so leicht "schrekke".

Von den Nerven Lucindens wissen wir schon, dass sie gegen den Schreck gestahlt sind.

Was aber sagte denn nur der Doctor? fragte sie.

Der wollte Sie nur wecken, hiess es weiter, und als Sie nicht horten, schlich er davon und in den Wagen war er und sein Gaul zog ihn fort, wir wussten selbst nicht wie. Hernach sagte Stephan, der spat aus dem Wirthshaus kam, es ware besser gewesen, es hatte ihm eins sein Ross gefuhrt: er hatte auf die Nacht ein Ungluck haben konnen ... es geht schroff ab bis zur Buschmuhle.

Dort fand er schon den todten Vater? fragte Lucinde kopfschuttelnd.

Stephan, fuhr die Lisabeth fort, war der erste, der den Deichgrafen gefunden hat. Es fehlte ihm ein Stemmeisen. Da war's ihm doch, als ob er's im Grund hatte liegen lassen an der grossen Eiche. Nun ging er hinunter und im Schummer schon. Gleich sah er, wie da alles durcheinander lag an seinem Werkplatz. Der Stein mit dem Adler war weggeschoben, rundum alles zertreten, und wie wenn es Streit gegeben. Und nun, Marie Joseph! da fand er denn auch den Deichgrafen gerad' auf dem Gesichte liegend. Hier, sehen Sie, hier am Hals, da wo schon manche ein neugeboren Kind mit einer Stecknadel umgebracht hat, gerade da hatt' er's weggekriegt; nicht drei Zoll tief war der Nickfanger hineingefahren, sagte Stephan.

Der Nickfanger? fragte Lucinde. Woher weiss man denn von ...? Was wird der Kronsyndikus sagen? fugte sie jetzt noch ganz harmlos hinzu.

Die Lisabeth sah Lucinden gross an. Sie schien zu erstaunen uber eine Frage, die geringe Menschenkenntniss verrieth. Lucinde war in der That von den sonstigen Dingen, die in ihr lebten, so erfullt, dass sie kaum noch an die auffallende gestrige Ruckkehr des Kronsyndikus dachte.

Die Lisabeth erklarte zunachst das spate Ausbleiben Stephan Lengenich's. Er hatte im Wirthshaus den Vorfall wol zehnmal wiederholen mussen. Die Leiche war in die Buschmuhle getragen worden und jetzt sasse schon ein Actuar aus dem Amte Ludicke unten und im Dusternbrook wurde alles nach Befund aufgenommen. Dass es in dem ganzen Kreis eine nicht geringe Zahl von Menschen gab, die mir dem Theilungscommissar in Streit lagen, und dass man ihm gerade an dem einsamen Dusternbrook hatte aufpassen konnen, stand fest. Ein Verdacht auf diesen oder jenen, der der Thater hatte sein konnen, wurde nicht ausgesprochen; die Lisabeth selbst war zu klug, die Gedanken, die der ganze Hof schon uber den Kronsyndikus theilte, Lucinden mitzutheilen.

Es war eine dumpfe Schwule, die den Vormittag uber Schloss Neuhof und allen seinen Bewohnern lag. Die Arbeiten gingen lassig. Jeder hatte die schrekkensvolle Thatsache zu wiederholen und zu erortern. Lucinde begriff dann allmahlich, dass die sonderbare, allen ersichtlich gewesene Aussohnung des Kronsyndikus mit dem Sohn des Deichgrafen allgemein in einen Zusammenhang mit dem Vorgefallenen gebracht wurde. Die Unruhe und das Geheimnissvolle wuchs, als Stephan Lengenich, der allerdings im offenen Kriege mit dem Deichgrafen gelebt hatte, auf gerichtliche Requisition abgerufen wurde und am Abend nicht wiederkam. Die Vorstellung, die schon auf dem ganzen Schloss feststand, dass der Kronsyndikus der Morder gewesen, theilte sich endlich auch Lucinden mit, und als erst der Inspector der Brennerei, die wichtigste Person auf der Oekonomie, erklarte, es wurde doch wol nothwendig sein, dass der Kronsyndikus auf Eggena durch einen Expressen von dem Vorgefallenen in Kenntniss gesetzt wurde, und dabei die Miene eines Mannes machte, der wie von etwas an sich ganz Ueberflussigem sprach, wandte sie sich erblassend ab und ging dem Parke zu, uberlegend, ob sie nun nicht selbst zur Buschmuhle sollte. Die Wege dorthin waren aber ubermassig vom Regen aufgeweicht und Beistand mochte sie nicht begehren. Schon war ihr, als ware sie eine Mitschuldige, die vor allem den Kronsyndikus zu schonen hatte! ... Darum war Heinrich sein Sohn! Darum wollte er ihm gleichsam die Hande binden! So sprach sie mit sich im Pavillon und blickte gedankenvoll in den dustern Park. Der Sturmwind peitschte wieder die Zweige der hohen Ulmen und bog selbst die Stamme. In ihrem Innern sah es nicht anders aus.

Einer Nachricht von dem Doctor harrte sie mit jeder Minute entgegen. Diese kam aber nicht. Der Tag ging uber das grauenvolle Ereigniss hinweg, auch eine aufgeregte, halb schlaflose Nacht. Von dem Doctor war nichts zu horen und zu sehen; selbst dem gewohnlichen Boten, dem buckeligen, grauhaarigen Sohn der Alten, bei denen sie wohnte, dem Musikanten, hatte sie seinen Verrath verziehen, wenn er nur eine Mittheilung gebracht hatte. Als dieser aber kam, den Vorfall wiederholte und obenein noch hamisch lachte und seinen nun auch wie aus ihrer Lethargie erwachenden und grinsenden Alten von einem Schaffot sprach, uber das erst ein Sammttuch gebreitet werden musste mit einem geflugelten und gekronten Lindwurm dem Wappen der Wittekinds da ergrimmte sie aufs heftigste, verbot ihm im Pavillon zu bleiben, riss, da er nicht gehen wollte, das Fenster auf, warf seine Geige weit in die Nacht hinaus, zwang ihn, seinem Instrumente, das er auf allen Kirchweihen und an jedem Sonntage in den Schenken um Witoborn strich, nachzulaufen und schloss indessen, mit einigen Satzen von der Treppe ihm nachspringend, die Thur des Pavillons. Die Alten vergegenwartigten sich inzwischen, welchen "Stein im Brete" Lucinde vorn im Schlosse hatte, und liessen sie aus Furcht gewahren.

Auf dem Hofe fehlte das Auge des Herrn. Der Bote hatte vom Vorwerk Eggena die Nachricht gebracht, der Kronsyndikus wurde in der Fruhe zuruckkommen. Er kam aber noch am Mittag nicht. Am Abend traf er dann endlich ein. Er allein, ohne den Kammerherrn. Lucinde horte das von den Alten, die beim Hofkehren ihn hatten aussteigen und vom Landrath, der ihn begleitete, Abschied nehmen sehen ... noch immer war er in seiner glanzenden Uniform. Jetzt drangte sie's, zu ihm zu eilen, und doch furchtete sie sich, dem Entsetzlichen entgegenzutreten. Auch musste sie nach dem Vorgefallenen, nach dem Beweise des hochsten Vertrauens, das er ihr geschenkt, glauben, er wurde bald aus eigenem Antriebe entweder selbst kommen oder um sie schicken.

Da es endlich dunkel wurde und sich niemand bei ihr sehen liess, auch vom Doctor immer noch keine Kunde kam und nur erzahlt wurde, am folgenden Morgen wurde auf einem der nachsten Kirchhofe, der zu einer kleinen evangelischen Gemeinde gehorte, der Deichgraf bestattet werden, und als dann auch Abends von dorther klagend und fast wimmernd zwei kleine Glocklein aus dem Thale heraufklangen, hielt sie es so nicht langer aus. Sie wagte sich uber den grossen Weiher des Parkes, dessen gefiederte Bewohner schon langst die Stockwerke ihres Thurms bezogen hatten, hinaus, sie wollte sich in den Zimmern des Kammerherrn zu schaffen machen und so den Vater an ihre Gegenwart erinnern.

Wie erstaunte sie aber, als sie dasselbe Gefahrt, in welchem vor zweimal vierundzwanzig Stunden Heinrich Klingsohr angekommen gewesen, an der hintern Aufgangstreppe des Schlosses stehen sah und erfuhr, der Sohn des Deichgrafen ware oben mit dem Kronsyndikus allein und niemand durfte sie storen!

Sie traute ihrem Ohre kaum. Jetzt sah sie jedenfalls die Bestatigung erst der Unschuld des Kronsyndikus uberhaupt, dann aber auch wieder, aufs neue grubelnd und die Vorgange vergleichend, die so nahe Verwandtschaft zwischen beiden.

Von den Leuten erfuhr sie, dass die Aussichten auf Entdeckung des Morders sich gemehrt hatten. Theils behauptete man, dass von einem Morde uberhaupt nicht die Rede sein konnte, sondern nur von den Folgen eines Wortwechsels. Hatte der Deichgraf beim Streite sich gewandt und war ein gezucktes Messer (ein gezogener Hirschfanger, wagte schon niemand mehr hinzuzusetzen) so unglucklich gewesen, gerade im selben Augenblick in den Nacken zwischen die Halswirbel zu fahren, so drehte er sich noch einen Augenblick ein wenig um und "weg war er", wie Kenner versicherten. Man erzahlte, dass so die Jager mit dem Nickfanger dem Todeskampfe eines erlegten Hirsches im Nu ein Ende machen. Alle aber wussten, dass sich die Umstande, wie es hergegangen, immer mehr lichteten, seit man einem Fetzen Tuch, den sicher im Ringen das Opfer seinem Morder vom Kleide gerissen, diese einstimmige Erklarung gab. Man wusste auch, dass der Tuchfetzen von Farbe grun gewesen. Allen stand freilich, ohne dass eine Silbe laut wurde, dabei der Kronsyndikus vor Augen, der so angstlich vorgestern seinen grunen Jagdrock bis oben hin zugeknopft gehabt hatte, allen war begreiflich, dass der Geruch, der sich so pestilenzialisch im Schlosse nach seiner Ruckkehr aus der Gegend des Grundes her verbreitet hatte, nur von einem verbrannten Kleide herruhren konnte ... aber niemand verweilte dabei ersichtlich, die einzige Lisabeth ausgenommen, die wie sinnlos hin- und herrannte, seitdem Stephan Lengenich aus Ludicke nicht wiederkam.

Indem klingelte es beim Kronsyndikus aufs heftigste ... jeder glaubte, dort ware Hulfe nothig ... Lucinde bebte ... die Lisabeth suchte nach Fassung ... sie schickte einen Diener, um die Befehle des gnadigen Herrn zu holen.

Nach wenig Augenblicken kam der Diener zuruck ... Das Ross sollte ausgeschirrt werden!

Ausgeschirrt? war nur ein Ton, den alle zugleich sprachen. Man zerstreute sich kopfschuttelnd. Auch Lucinde zog sich zuruck, dem Vorpark zu.

Wieder aber klingelte es ...

Der Diener kam aufs neue und brachte die Nachricht, man hatte Licht verlangt und zwei Flaschen Burgunder!

Jetzt wusste Lucinde nicht mehr, woran sich halten. Sie fragte nach dem Kammerherrn, von dem niemand etwas wusste, dann schwankte sie, da nach ihr nicht begehrt wurde und sie auch nicht wusste, wie sie in eine so geheime Zwiesprache eintreten sollte, ihrem Hauschen zu, jetzt sich selbst mit ihrer Jugend und Lebensunerfahrenheit bescheidend. Sie sagte sich, dass sie bei ihren Jahren alles das schon zu verstehen "zu dumm" ware.

Im Pavillon war es duster und gespenstisch. Der Sturm tobte, Zweige brachen. Die Mitbewohner schliefen schon. Sie glaubte immer noch, man wurde sie nun wol nach vorne rufen. Es geschah aber nicht. Es verging die zehnte Stunde. Endlich suchte sie fiebernd das Lager ...

Das Leid der Prinzessin Ilse aus dem "Liederbuch von Heine", in dem sie eine Weile gelesen, rauschte ihr noch lange im Ohr:

Es bleiben todt die Todten,

Und nur das Lebendige lebt;

Und ich bin schon und bluhend,

Mein lachendes Herze bebt.

Und bebt mein Herz dort unten,

So klingt mein krystallenes Schloss,

Dort tanzen die Fraulein und Ritter

Bilder wie vom Hause im einsamen Tannenwald, Bilder vom ledernen Grossvaterstuhl und der am schnurrenden Spinnrad sitzenden Grossmutter, Bilder vom wilden Jager und seinem Liebchen, vom Mondschein, vom Galgen, von Gretchen in ihrem Wahnsinn gaukelten um so mehr um sie her, als die Lebensschicksale der alten Stammers und einer ihnen fruhgestorbenen Tochter sich trotz der Dunkelheit, die fur sie auf ihnen lag, gespenstisch einmischten. Der Refrain "Dort oben auf dem Schlosse" blieb sich immer gleich und dazu geigte der buckelige "junge" Stammer unter ihrem Fenster und wisperten die Alten nebenan. Es war ihr, wie wenn irgendwo Hochzeit gefeiert wurde mit Gasten aus der Unterwelt.

Blanke Ritter, Frau'n und Knappen

Schwangen sich im Fackeltanz ....

Am folgenden Morgen klagten dann wieder die ihr wohl bekannten, sonst aber selten von ihr beachteten kleinen Glocklein, die evangelischen; die grossen, die katholischen schwiegen.

Vom Doctor erfuhr Lucinde, dass er Nachts zwolf Uhr erst vom Schlosse abgefahren, und vom Kronsyndikus, dass er schon um funf Uhr in der Fruhe wieder vom "schonen Enckefuss" abgeholt und nach Eggena den, und sie horte dies gern, weil es ihr anzudeuten schien, dass zwischen den Menschen, die ihr werth waren, Friede herrschte.

Auch auf Schloss Neuhof war grosse Bewegung, denn um acht Uhr sollte der Deichgraf begraben werden.

Aus der Nahe und Ferne, zu Fuss, zu Ross, zu Wagen stromten Theilnehmende herbei.

"Es war ein Mann! Nehmt alles nur in allem!" klang seine Nachrede erst am Grabe von der aufgeschutteten Erde aus, dann aber selbst bis in die fernsten Gauen des Vaterlandes.

Man legte Eichenkranze auf seinen Hugel. Sie wurden auch im bildlichen Sinne ihm gewunden, in Nachrufen aller Art, in Versen, in ungebundener Rede ... Man pfluckte die Blatter zu diesen Kranzen auch bildlich aus den Schluchten des Teutoburger Waldes, durch die der Edle damals als Fluchtling geirrt, wie er sich in der Befreiungsstunde des Vaterlandes so gefahrvoll verrechnet hatte. Auch seine Tage von Magdeburg wurden geruhmt. Schon war ja die Zeit angebrochen, wo auf den Thronen Herrscher sassen, die die Blutentraume auch ihrer Jugend wollten reifen sehen. Und so wie jetzt bei diesem vielbesprochenen Ende eines Patrioten, gehen ja noch zuweilen durch das Vaterland segnende Geister und schwingen die Fahnen unsers wahren Ruhmes ... Zu den Posaunen, uber welche die weissen Ehrentucher des Friedens, nicht die blutigen des Streites festlich niederhangen, horchen wir dann noch einmal wieder empor, wie zu den Herolden unserer wahren vergangenen und kunftigen Grosse. O dass es so oft nur die Todten sind, um die wir uns die Hande reichen! Dass es fast immer nur eine Erinnerung, ein Lied, ein Gedicht ist, um das eine kurze Weile das vielstimmige Durcheinander der Parteien verstummt, eine Weile der grosse Riss, der durch das deutsche Herz geht, nicht im eigenen empfunden wird! ... Man pries des Geschiedenen Muth, seine Charakterstarke und Rechtlichkeit. Sein letzter Uebergang in die Formen der Bureaukratie war ein so naturlicher gewesen. Er war von denen, die die antike Tugend hatten, den Staat bis in die innersten Fingerspitzen zu fuhlen. Man verurtheilt so oft schon wieder diese Tugend! Ja wie habt ihr sie gefahrlich gemacht! Nach dem, was wir schaudernd alle erlebten, welch ein Verbrechen ist es nicht geworden, auf den Ruf der Larmtrommel zu horen, die durch die Strassen wirbelt! Wer nur hinaussieht, wer nur je ein Wort in eine freie Luftwelle gab, dem wurde die Zeichnung vor den Machtigen gewiss! Nun mussen wir uns schon so erziehen, dass wir in einem allgemeinen Brande auf keinen noch so starken Hulferuf mehr horen, sondern kalt nur unsere eigene Habe bergen. "Was geht euch das Andere an!" Wehe, wehe euch, wenn einst die Stunde der grossen Gefahr schlagt, die dem Vaterlande immer naher ruckt! Dann werden wir in die Strassen und Platze hinaussprechen sollen und niemand wird es konnen oder wagen! Dann werden wir gerufen werden von den Signalen, die uns trugerische erscheinen mussen, seit ihr die, welche ihnen schon einmal gefolgt sind, so unerbittlich straftet! Wehe dann euch und auch uns!

Klingsohr, der Alte von den Externsteinen, hatte diese Selbstbeherrschung nicht und sein lebendiges Ergriffensein von der Zeit ruhmte man damals an ihm. Man nahm die Lieder von Arndt und Schenkendorf zu Eingangs- und Schluss-Blumenpforten seiner Nekrologe, die sich bis in die fernsten kleinen Volksblatter verloren. Auch sein Bild verbreitete man. Es war nur ein kleiner, kurzer, dicker, untersetzter Mann, gar kein Gracchus oder Timoleon der Phantasie gewesen. Die Stirn war sogar so gross, wie man sie bei Narren zeichnet, die Augen blinzelnd klein, die Backenknochen vorstehend, wie bei Baschkiren, der ganze Mann einem modernen Bacchus nicht unahnlich, und doch trank der Mann nur das klare Wasser des Buschmuhlbaches, so oft er auch den "Vater Rhein" beim jahrlichen Erinnerungsfest der Freiwilligen und der Grundung der Stadteordnung leben liess. Er war entzundet vom Feuer nur seiner freien und uberzeugungsreinen Seele. Er hatte die Schonheit des Gedankens. Einige Spotter rugten, dass er nicht nur kein Vermogen hinterliess, sondern das, was er besass, sogar in Zerruttung. Doch hatte er Glaubiger, die ihm dennoch auch noch den Gutsankauf hatten moglich machen wollen. In einigen Stadten sammelten die Liederkranze fur sein Grab und zu einem Denkstein.

Um den Anlass seines Todes loderte erst uber jeder Bergspitze und nach allen Richtungen des Vaterlandes hin eine grosse Flamme des Zornes und gedrohter Rache. Dann aber kamen in den Zeitungen wieder die beruhmten Sanger, die Tanzer, Tanzerinnen, Festlichkeiten in Paris und London, man hatte einige Mammuthsknochen ausgegraben, die neuen Eisenbahnen erfullten alles mit Bewunderung und Speculationseifer; eine Flamme nach der andern erlosch und zuletzt blieb kein anderer Racher ubrig als das langsame und geheime Gerichtsverfahren jenes mehreren Dynastieen angehorenden Stadtchens Ludicke und der uber die Buschmuhle verhangte Sequester.

Stephan Lengenich, der Kufer und Arbeiter im Dusternbrook, blieb indessen eingezogen. Er galt bereits in wenig Tagen fur den muthmasslichen Morder.

15.

Zwei Tage nach dem Begrabniss seines Vaters sah man den Doctor Heinrich Klingsohr mit dem Kronsyndikus nach der Buschmuhle fahren und daselbst das versiegelte Inventarium besichtigen.

Zwei stattliche Mecklenburger, die besten des Stalles und herubergekommen erst kurzlich aus den norddeutschen Besitzungen der Wittekinds, waren dem leichten, eleganten Wagen vorgespannt.

Wieder einige Tage, und der Freiherr von Wittekind-Neuhof und Doctor Heinrich Klingsohr reisten gemeinschaftlich nach der grossen Stadt, in welcher der Regierungsrath Friedrich von Wittekind eben zum Oberregierungsrath ernannt worden war ... Auch ihm waren dustere Geruchte zu Ohr gekommen uber den Tod des Deichgrafen. Um so freudiger uberrascht musste er sein durch den Besuch des mit seinem Vater so traulich verbundenen Sohns desselben.

Man sprach mit Unbefangenheit von dem Vorgefallenen. Als jenes grunen Tuchkragens Erwahnung geschah, der an der Mordstatte ware gefunden worden, hiess es, dass durch eine Nachlassigkeit unbegreiflicher Art so wichtige Hulfsmittel der Entdeckung plotzlich waren abhanden gekommen.

Alle diese Gesprache fanden in Gegenwart der neuen Frau von Wittekind statt. Es war eine Heirath, die erst jetzt die Billigung des Kronsyndikus erhalten. Eine nicht mehr junge, unvermogende, aber dem Sohne durch Gewohnheit und manche, wie man sagte, schmerzliche Erinnerung werth gewordene Witwe eines geliebten Freundes und Amtscollegen, eines Herrn von Asselyn ...

Der Oberregierungsrath fand einen Vorschlag, den sein Vater machte, sehr annehmlich. Doctor Klingsohr sollte die mecklenburgischen und holsteinischen Guter der Familie bereisen und sich in Altona nach der Lage von Processen erkundigen, deren die Familie uber diese Besitzthumer mehrere zu fuhren hatte.

Der Doctor kannte Hamburg und freute sich auf einen ihm bekannten zerstreuenden und anregenden Aufenthalt, dessen Kosten der Kronsyndikus trug.

Den Kammerherrn hatte der Kronsyndikus zum Grafen Zeesen geschickt und zwar schon am Tage nach seiner sturmischen Abreise auf das Vorwerk Eggena. Dass der Ungluckliche Widerstand leisten wollte, verschwieg der Vater nicht, ebenso wenig wie den Zwang, den man anwendete, den Widerstand zu brechen. Er hatte ihn kurzweg binden lassen. Der spater nachgeschickte Diener des Kammerherrn meldete, Graf Zeesen bote alles auf, seinen Herrn zu zerstreuen und zu fesseln. Er sange ihm geistliche Lieder und besprache die Visionen, die der Kammerherr zu haben glaubte. Inzwischen ware der Kammerherr freilich bettlagerig geworden, aber die Verlobte des Grafen, das Freifraulein von Seefelden, sorgte fur seine Verpflegung.

Alle diese Veranderungen gingen auch an Lucinden nicht spurlos voruber. Sie erschutterten sie nicht minder wie den Doctor und den Kronsyndikus. Der Doctor, der ihr unter allen Umstanden jetzt wirklich als des letztern naturlicher Sohn erschien, wiederholte mit scheuem Niederblicks ernst und verstort, wie er jetzt fast immer war, Betheuerung seiner Liebe uber Betheuerung; der Kronsyndikus hatte Ursache, die Vertraute eines Geheimnisses, das beide im stillen Verkehr wiederaufnahmen, mit Aufmerksamkeit und Schonung zu behandeln. Sie erhielt Beweise einer Freigebigkeit, die an dem sonst so geizigen Manne auffallend genug war. Da nicht gezweifelt werden konnte, dass sie das Ziel ihrer Herzenswunsche in einer Vereinigung mit Heinrich Klingsohr finden musste, so wurden die Aenderungen ihrer Lebensstellung dahin getroffen, dass sie ihm nahe bleiben, aber vorlaufig doch noch so weit von ihm getrennt sein sollte, um keinen Anstoss zu erregen.

Vor allem fehlte ihr noch manche Vervollstandigung ihrer Bildung. Es war hohe Zeit, das Chaos ihrer Fahigkeiten und Kenntnisse zu lichten. Diese Anordnung wurde mit Fursorge getroffen. Man hatte eine Familie ausfindig gemacht, bei der sie, nicht sogleich in Hamburg selbst, wol aber dicht in der Nahe auf dem Lande wohnen sollte.

Da Heinrich Klingsohr erst nach Gottingen zuruck musste und bei allen diesen Anordnungen von seiten des wie verwandelten und ganz ausserordentlich milde, zahm und nachgiebig gewordenen Kronsyndikus eine Zartheit und Schonung der Sitte und des Anstandes beobachtet wurde, wie wenn es sich wirklich um eine kunftige Schwiegertochter desselben handelte, so gab man Lucinden sogar bis nach Hamburg eine Begleiterin mit, die in der vom Oberregierungsrath bewohnten Stadt gewahlt wurde und ihr auf halbem Wege entgegenkam, an dem Tage, wo der Kronsyndikus und Klingsohr sie auf ihrer Abreise vom Schlosse begleiteten.

Die Abreise fiel mancherlei Umstande wegen auf einen Tag, wo der Kronsyndikus und Klingsohr in Ludicke einen Termin abhalten mussten in Angelegenheiten des, wie es schien, sehr gravirten Stephan Lengenich, an dem selbst die Lisabeth irre geworden war, seitdem der Kronsyndikus von seiner Reise zum altesten Sohn zuruckgekommen war und ihr eine funkelnde, schwere goldene Kette mitgebracht hatte, zu der, wie der Alte hinzufugte, "jetzt nur noch die Uhr fehle". Sie that das Ihrige, sich auch diese zu verdienen ...

Diesen Termin in Ludicke hatte man fur kurz gehalten, aber es dauerte fast eine Stunde, dass Lucinde auf dem Marktplatze der kleinen Stadt in ihrem vorn und hinten bepackten Wagen harren musste. Sie konnte bei dem immer gleichrinnenden Strom eines schon geformten alten Rolandsbrunnen, an dem sie hielt, bei seinem nicht endenden, immer gleichmassigen Wasserstrahl recht der Zeit gedenken. Was hatte ihr diese nicht alles gebracht! Was hatte sie nicht schon alles ausgeloscht! Auch das Bild eines auf schaumbedecktem Rosse den steinigen Grund hinterm Park vom Dusternbrook Emporsturmenden, auch das Bild von der Waldhutte, den Tannen, dem Monde, der Grossmutter, ihrer selbst am Spinnrade, dem durch die kleinen bleigefugten Scheiben hereinlugenden wilden Jager mit der rothen Feder am Hute, der dann wieder der Franciscanerbruder Herr von Buschbeck aus Java war ... Alles hatte sich ihr schon gebleicht. Denn zu oft hatte ja auch der Doctor bestimmt und fest wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige Musikant, vorzugsweise aber der seit einigen Wochen ganz besonders elastische "schone Enkkefuss" bestatigt: der Kronsyndikus war allerdings am Platze der grauenvollen That gewesen und hatte gesehen, wie der Deichgraf dort getodtet lag; das Entsetzen, man konnte ihn, der ihn in Gedanken allerdings auch tausendmal erschlagen hatte, fur den Morder nehmen, hatte ihn von dannen gejagt, und wenn es geschienen, als jagten ihn selbst die Furien, so ware es die alte Freundschaft fur den Deichgrafen gewesen, die in seinem Herzen trotz des spatern Zerwurfnisses doch in der That unerstickt geblieben ware ...

Und wenn Lucinde den Doctor dann selbst fragte: Bist du wirklich der dritte Sohn? so sagte dieser geheimnissvoll: Store die Ruhe der Todten nicht! ...

In seiner Liebe war der Ausdruck starker und leidenschaftlicher noch als sonst geworden, wenn auch mit einer mehr unheimlichen als begluckenden Wirkung fur sie.

Vom Amte kamen damals beide Manner sehr bleich zuruck. Sie behaupteten, der Querfragen doch endlich mude geworden zu sein und liessen den Wagen einem Gasthause zurollen, um sich zu erfrischen. Lucinde stieg nicht aus. Sie musterte vom Wagen aus das Wirthshaus, den Garten desselben und eine gewisse kleinstadtische Zierlichkeit in den bemalten Staketen, in einer mit grotesken Wandgemalden geschmuckten Kegelbahn, in einem ausgestopften Uhu innerhalb einer von Singvogeln belebten Voliere. Bei einer grossen schwarzlackirten Kugel, die im Garten als Reverbere fur die "schone Aussicht" gelten sollte, gedachte sie des armen um sie betrogenen philosophischen Drechslers, der den Grafen Zeesen recht eindringlich jetzt an sein Familienstatut, die Stiftung eines Irrenhauses, erinnern mochte! Im Hinblick auf diese beiden Manner athmete sie wahrhaft auf, endlich jetzt in gesundere Lebensluft zu kommen. Ja es that ihr sogar wohl, im Saale des Gasthauses durch die geoffneten Fenster, unter ausgestopften Vogeln, Kafern, gespiessten Schmetterlingen, Kupferstichen von englischen Pferden und ahnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirthsstuben jener Gegend, da so traulich hinterm Champagnerglase zwei feste, kraftvoll verbundene Manner zu sehen. Sie liebte Trotz und Kuhnheit. Auch ihr war Stephan Lengenich langst der Schuldige. Seinen bosen Sinn hatte sie ja selbst gekannt, sein Drohen ja selbst gehort. Sie hatte alles das gerichtlich hier in Ludicke in einem fruhern Termine bezeugt und beschworen.

Trotz des Champagners stiegen ihre beiden Begleiter zu ihr schweigsam und ernst ein. Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station, wo sie Extrapost nahmen und zuruckreisten. Von der grossen Stadt, wo der jetzige Oberregierungsrath wohnte, sollte ihr auf einige Meilen schon eine Begleiterin entgegenkommen, die sich ihr anschliessen wurde bis Hamburg, wo sie unter Klingsohr's Augen ihre Ausbildung vollenden sollte.

Der Abschied des Kronsyndikus von Lucinden war inniger fast als der des Doctors. Dieser gab nur die Hand und sprach, wie wenn Abschiede nicht zu seinem System gehorten, vom baldigen Wiedersehen. Jener hatte Thranen im Auge. Der Kronsyndikus weinte! Er war seit Wochen um Jahre alter geworden. Seine Augenbrauen sahen nicht mehr so gelblichweiss aus wie sonst, sie hatten sich ganz gebleicht. Die hohe Gestalt schien, wenn sie sich unbemerkt glaubte, kaum Kraft zu haben, sich so zu halten, wie dem Wappen des gekronten und aufgebaumten Lindwurms geziemte. An Geld und Gut war Lucinde so ausgestattet, dass sie sorglos in die grune Weite fahren konnte. Nach acht Tagen schon versprach Klingsohr in Hamburg bei ihr zu sein.

War das alles, wie es so kam, ging und was es bedeutete, rathselhaft genug, so konnte sie durch ihre Begleiterin, die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr entgegenkam, erinnert werden, dass alles im Leben nur Bild und Gleichniss ist. Sie war, wie Klingsohr und der Kronsyndikus ihr schon gesagt hatten, die Braut des "Sehers von Eschede", jenes Dr. Laurenz Puttmeyer, der auf die Philosophie des Pythagoras zuruckgekehrt war und aus mathematischen Figuren das Weltall erklarte. Sie hiess Angelika Muller, war eine hohe, schmachtige, blasse Blondine am Ende der zwanziger Jahre. Bei jeder Anrede errothete sie. Sie schien ein Gemuth von Weihe und Innigkeit. In Hamburg war sie von einer dort wohnenden katholischen Familie als Erzieherin berufen worden und gestand sogleich mit grosster Sicherheit, dass sie den Dr. Laurenz Puttmeyer von Eschede fur den einzigen berufenen Denker unserer Zeit halte und dass sie gelobt hatte, nicht fruher seine Hand anzunehmen, bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrstuhl Hegel's erhalten hatte. Lucinde glaubte sehr an diesen hohen Geist. Auch der Kronsyndikus hatte oft erklart, dass die Drechselbank fur den Kammerherrn eine Quelle lehrreicher Unterhaltung geworden, seitdem er auf ihr die Wurfel und Pyramiden Laurenz Puttmeyer's herstellte.

Mit dieser Begegnung auf mancherlei neue Eindrucke angewiesen, fuhr Lucinde in ihrem schwer bepackten Miethwagen die schon wieder staubig gewordene Landstrasse hinunter. Die Lerchen wirbelten zwar, aber von Westen kamen dustere, den Athem benehmende Wolken, der jenen Gegenden eigene Haaroder Hohenrauch. Doch schienen die Menschen der Ebene diese Dunste gewohnt. Sie arbeiteten im Felde. Lucinde glich selbst diesen Fluren, auf denen schon so voll geerntet war und uber welche schon wieder die Pflugschar ging, um noch in diesem Jahr der Natur neue Triebkraft abzugewinnen.

Noch vollig war sie sich unklar. Man hatte sie in Hamburg in die Schule schicken konnen, sie wurde gegangen sein und mit der Mappe unterm Arm.

16.

Von jenem Uferrande aus, an welchem der Deichgraf in seinen jungern Jahren, nach dem Ausdruck seines Sohnes, die Sandkorner zu zahlen pflegte, gewahrt Hamburg einen grossartigen Eindruck.

Eine zweite nicht unansehnliche Stadt, Altona, ist ihr eng verbunden. Thurme, hohe Giebel, Dampfessen, Krahnen und zahllose Schiffsmasten ragen fernhin im wirren Durcheinander empor. Auf der Woge kreuzen sich mit rothen Segeln die kleinen Ever, die, von kraftvollen Ruderern gefuhrt, die Kauffahrteischiffe behend umschlupfen.

Beim Landen tritt man in eine Welt, die sich ihrer Geschichte und Bedeutung bewusst ist. Diese Strassen und Platze, diese Vorstadte und Hafenkais sind Lungen, die ihre Luft nicht aus dem kleinen Binnenleben der Nachbarschaft, sondern aus dem unermesslichen Ocean schopfen, aus den Verbindungen mit England und Amerika und mit diesem im Norden und im Suden.

Bringe niemand die Anschauungen einer deutschen Residenz oder Provinzialstadt mit! Der Matrose, der Everfuhrer, der Schiffsablader, der Packknecht, der Hausirer, der Karrenschieber nehmen die nachste Bequemlichkeit der Strasse fur sich in Anspruch und schleudern mit eingestemmten Armen den, der etwa auf sein Spazierstockchen mit goldenem Knopf oder seine Glacehandschuhe als Berechtigung zu Ausnahmezustanden verweisen mochte, in souveraner Machtvollkommenheit auf die Seite; glucklich, wer noch dabei in einen Kram getrockneter Feigen oder frischer Orangen fallt, nicht in eine der englischen Gesundheitsgeschirr- und Wedgewoods-Niederlagen, die man an den offenen Strassenecken oder auf ambulanten Karren feil halt.

Vor dem Brande lag die Borse in dem jetzt verschwundenen engen Gewuhl jener alten Strassen am Burstah und Rodingsmarkt, deren Hauser manches Menschenalter gesehen hatten. Die Naivetat Hamburgs, die sich so gut mit londoner Civilisationszustanden vertragt, eine Naivetat, die in dem unendlich unschuldigen, sozusagen schamigen Dialekt, auch selbst beim Blase, sich wie die Unbefangenheit einer champagnertrinkenden Gurli anhort, war durch manchen verwitterten und nur noch an einigen Aesten zum Bluhen und Grunen kommenden alten Lindenknorren ausgedruckt, der mitten unter Import und Export, unter Lotteriecomptoiren, Galanterieladen und Austernkellern wie ein Symbol der Unschuld stehen geblieben war. Dieselbe Idylle wiederholte sich beim Anblick der Gemusekorbe der Vierlanderinnen und des verschwenderischen Ueberflusses, mit dem aus rothen Blechkubeln die Milch durch die Strassen zu fliessen scheint. Auch dicht an der alten Borse sauselten noch einige Linden- und Akazienbaume in die "Ueberschreibungen" von Mark Banco hinein, und mancher gefuhlvolle Wechselsensal nahm nach vollbrachter Feststellung der Tagescurse seiner Gattin noch einen Canarienvogel oder Dompfaffen mit heim, den vaterstadtische Gemuthlichkeit am Eingange der alten Borse zu verkaufen gestattete. Es sah ringsum eng, alt, hollandisch aus. Nicht des stark vertretenen judischen Elements, sondern der Bauart einer vor dem Regen schutzenden Halle und des im Freien liegenden Parquets wegen glaubte man in den Vorhof einer alten Synagoge zu treten.

Zu den Gemuthlichkeiten Hamburgs oder den hamburger "Ironieen des Satan", wie Dr. Heinrich Klingsohr gesagt haben wurde an dergleichen Kraft- und Schlagworte waren auch dort seine Freunde gewohnt gehort im Sommer das idyllische Wohnen der Geldleute unter Gras und Blumen vor den Thoren der Stadt.

Es ist wahr, die Atmosphare Hamburgs bekommt im Sommer etwas Mephitisches. Aehnelt sie auch nicht ganz dem Dufte der pariser innern Stadt, wo die Gewurze, Kaffeebohnen, Pfeffersorten, Zimmetarten aller Zonen zusammenzukommen scheinen und die Kehle zum Ersticken zusammenschnuren wurden, wenn die penetrante und vom pulverisirten Theriak erfullte Luft nicht mit den Geruchen von ranziger Butter und altem Kase wieder gemildert und gefeuchtet wurde, so gesellen sich zu den ganzen und zerstossenen Gewurzen in Hamburg noch die Ausathmungen der Kanale oder Fleete, vorzugsweise aber jene sonderbaren Oelgeruche, in die vom 52. Grad nordlicher Breite an alles in Europa eingehullt scheint, was da lebt und webt. Das ist von diesem Breitengrade an ein Malen und Klecksen mit Oelfarbe an jede Wand, jedes Holz, jeden Stein! Der Nordlander liebt die grelle Farbe mehr als der Sudlander. Wir glauben wunder, welche Farbenreize der Spanier fur seine Kleidung sucht. Die andalusische Tanzerin kleidet sich in Gelb und Schwarz. Der Nordlander aber will rothe Halstucher, malt sich grune Hauser, bestreicht seine Windmuhlflugel, seine Segel, seine Milchkannen, seine Gartenzaune, schlaft in gold- und grunlackirten Bettstellen, hat uberall den Farbentopf und den Oelkrug in der Hand, bepinselt und beglanzt Diele und Treppe und Fussboden und Fensterrahmen. Kein Wunder, dass die beengte Lunge sich in jenem frischen Wiesengrun ausathmen will, das dem Hamburger glucklicherweise bis dicht unter die Thorsperre wachst.

Die grossen Kaufleute fahren um drei Uhr in ihre prachtigen Villen, die an der Elbe liegen; aber ein solcher kleiner Exporteur in Kleesaat, wie Herr Carstens, geht nach vollbrachtem Tagwerk erst eine Stunde in die Borsenhalle, wo er in die Schiffslisten Australiens blickt, um sich nach "Susanna Maria", einer gesunden, vollwangigen, frischen Bark, zu erkundigen, die nach Adelaide einige hubsche Dosen jener Panacee der Ackerwirthschaft bringen soll. Sie ist noch nicht angekommen am Orte ihrer Bestimmung, die Susanna Maria, aber ein anderes wir reden in der Naivetat dieser oft so unschuldig verkannten Geldseelen "nettes und schoines" Ding, die "Meta Carstens", ist sehr guter Dinge in Baltimore eingelaufen und bringt den dortigen Farmern das, was ihnen auf ihren Acres jetzt lieber ist als etwa eine Kunde von der endlich errungenen Freiheit Germaniens. Kleesaat ist ein specifisch europaischer Artikel, ohne den es keine ausfuhrbare Brache und keine Hebung des Viehstandes gibt; denn wie am Neckar, so am Missouri: die Kuhe werden, wenn sie frisches Heu im Stall bekommen, schoner, als wenn sie draussen im Freien sich das beste Gras zerzupfen und nebenbei immer etwas dabei verschlucken, was ihnen nicht bekommt, wenn es auch nicht der ubelberufene Duwock ist, uber den sich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carstens in eine noch nicht aufgeschnittene und bei Hoffmann und Campe erschienene Broschure vertieft.

Die Kleesaat ist eine der ergiebigsten Branchen des europaischen und namentlich des deutsch-bohmischen Exports, eine Entdeckung, die nur leider von Herrn Carstens nicht allein gemacht wurde.

Er wurde die Broschure uber den Duwock sicher lieber Sonntag Vormittag zugleich mit einer verbotenen Schrift von "Harry" Heine, letztere naturlich mit entschiedener Indignation, doch theilnehmend, bei sich zu Hause gelesen haben, wenn ihn nicht eine Reihe verfehlter anderweitiger Branchen, Leder, Thran, Gerbstoffe, Talg, zuletzt auf die Kleesaat gefuhrt hatte, einen Artikel, dessen grosse Erfolge schon andere voraus hatten, diejenigen namlich, von welchen bereits einige in zierlichen Cabriolets zu ihren Villen am schonen Ufer der Elbe dies- und jenseits Teufelsbruck gefahren sind.

Indessen eine Sommerwohnung zu besitzen, erlaubte Herrn Carstens doch sein jahrlicher Umschlag. Sogar sich an Tagen, die, wie der heutige, sich auch gar zu heisser Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben, einer Droschke zu bedienen, um wenigstens durch die schwulen Strassen bis zum Dammthor zu kommen, gestatteten ihm seine Verhaltnisse, die gar nicht so ganz "unrespectabel" sind. Herr Carstens hat nur die ungluckliche Manie, alle zwei Jahre, wenn die Kleesaaten ringsum im Vaterlande in schonster Blute stehen, sich und seinen beiden Schwestern, die ihn in Ermangelung einer Gattin die Wirthschaft fuhrten und "dass Leben versussten", eine Erholungsreise von sechs Wochen zu gonnen, bei welcher er, wie weiland die im December mit ihren Herren wechselnden romischen Sklaven Saturnalien feierten, so die ersten Gasthofe besuchte und sogar taglich Cliquot nicht verschmahte, den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem Portwein entschieden unterordnete. Ausserdem sparten seine liebevollen Schwestern an einer Mitgift, die sonderbarerweise mit den Jahren zwar zunahm, aber an Werth und Reiz fur Manner, die etwa danach heirathen wollten, zu verlieren schien; es scheint leichter, 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen, als 45 mit 50000.

Herrn Carstens unendliche Liebe fur seine Schwestern, welche ihm diese jahrlich in der Jahreszeit, in der wir uns befinden, mit Erdbeerkaltschale oder seinem taglich aufgesetzten Leibgerichte, jungen Erbsen mit "Swesern", ein fur allemal vergolten haben wollten, unterliess nicht, diese Mitgift seiner Schwestern er hatte ja nur diese beiden bis auf eine Hohe zu steigern, die ihnen allenfalls auch nach seinem Tode erlaubt hatte, die Ertragnisse des Kleesaatexports entbehren zu konnen. Es war immerhin ein ganz "respectabler" Mann von 100000 Mark Banco jahrlichen Umschwungs, von welchem schon ca. 67000 Nettoniederschlag ubrig blieben.

Dennoch musste er vorziehen, interessante Broschuren lieber auf der Borsenhalle zu lesen, als sich deren zu Hause aufzuschneiden. Er musste vorziehen, nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zuruck, vielleicht der Abwechselung wegen, diesmal bis Luneburg, fur einen "hamburger Kaufmann" zu gelten, sich in seiner Privatliebhaberei, dem Sammeln alter, auf die hamburgische Geschichte bezuglicher Munzen, zu massigen, ja er musste sich sogar die Unbequemlichkeit aufburden, seinen Schwestern eine Gesellschafterin zu halten, die jedoch fur Kost und Logis und den von Meta Carstens ertheilten classischen Pianoforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte ... Alles das, um nur zwei geliebte Wesen nicht mit Sorgen und schrecklichen Aussichten auf Entbehrungen, z.B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anwesenheit bei jeder zehnten oder elften Vorstellung eines neuen Stucks im Stadttheater (das Stuck musste sich "erst bewahrt" haben) zu hinterlassen, sintemalen sein Unterleib von fruherer leichter Auffassung des Lebens geschwacht war und sein Muskel- und Knochenbau eine naturliche Folge des hamburger Winterklimas an Rheumatismus litt, zwei Krankheitsbedingungen, die, wenn sie sich begegneten und den Rheumatismus auf einen der edlern Theile des Herrn Carstens und die edelsten waren sein Herz und sein Magen werfen sollten, allerdings seinem Leben plotzlich ein Ende machen konnten.

Hier nun, in der vor dem Dammthore in Hamburg gelegenen Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens treffen wir "Fraulein Lucinde Schwarz" wieder, herausgenommen aus Lebensverhaltnissen vollig anderer Art, in neuen Umgebungen, neuen Anschauungen, neuen Empfindungsweisen.

Lucinde verdankte diese Uebereinkunft jenen Gutern des Kronsyndikus, von denen das eine in Holstein, das andere in Mecklenburg verpachtet war. Die Kleesaat war auch hier die grune Spur, die von dem Teutoburger Wald, uber den Haarrauch und die Heidschnucken hinweg, mit einem Umwege uber die Marschen und Geeste des rechten Elbufers, nach einem noch volle zwanzig Minuten vom Dammthor gelegenen Landsitze fuhrte, der unter ahnlichen Landsitzen mit Nr. 33 kenntlich gemacht war und aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreissig Schritten, jedoch keineswegs in quadrater Potenz, sondern nur etwa zwanzig Schritten der Breite nach, einem Hause von anderthalb Stockwerken ohne Keller und einem Hinterhofe und Hintergarten bestand, der seinerseits nur zehn Fuss lang und funf Fuss breit war, einen Holzschuppen enthielt mit einer Hundehutte und die Grube zur Inempfangnahme alles uberflussigen Niederschlags irdischen Daseins. Nach hinten war alles das von einem schon abgebluhten Hollunderbusch umzaunt und trennte auch dies Gebusch diesen Tummelplatz landlicher Erholung von einem ditto, der mit gleichen luxuriosen Bequemlichkeiten seine Fronte in einer andern Strasse hatte und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war, wo wiederum in gleicher Weise auch nach vorn dreiunddreissig Schritte bis zum Strassenstaket Raum geboten wurde dem "Flugelschlage einer freien Seele".

Der Vorgarten in Nr. 33 war zum grossten Theile gruner Rasen, an dessen Frische und Ueppigkeit es bei einem landwirthschaftlichen Samenhandler nicht fehlen konnte.

Dicht an dem Hause, dessen Fenster so niedrig gingen, dass man sich bequem auf ihrem Simse hatte niederlassen konnen, wenn nicht die hanseatische Gewohnheit die Fenster statt nach innen nach aussen offenbar angebracht hatte, war eine, wie sich von selbst versteht, grunlackirte holzerne Laube befindlich, durchzogen von einer einzigen, bereits von unten her in emporschlangelnder Entwickelung begriffenen Weinranke, deren bisjetzt noch mangelnde Ausdehnung und Blatterfulle einstweilen ein in der Hohe von anderthalb Fuss uppig wuchernder Wald von turkischen Bohnen und Kresse ersetzte.

Vorn und am Rande der Breterwand links und der Breterwand rechts lief eine grune Wand von spanischem Flieder hin, einigen Weidenstumpfen mit keck ausschiessenden Zweigen und vorn am Eingang zwei duftenden, weil noch in der Nachblute befindlichen kleinen Akazienbaumen.

Mangelte es an Schatten, so liess sich von zwei Drittel Hohe des Hauschens eine grossartige Markise von roth- und weissgestreiftem Segeltuche niederlassen, die auch uber die allzu jugendliche Entwickelung der Laube den Mantel der Liebe breitete.

Im Erdgeschoss gab es drei Zimmer: eins zum Speisen, eins zum Wohnen, eins zum Schlafen. Dazu eine Kuche. Oben wohnte Herr Carstens. Seine Statur war glucklicherweise nicht zu hoch. Er konnte in der zweiten Etage vollkommen sicher sein, die Decke so unbeschadigt zu lassen, wie . 7 des Miethcontracts es bedingte.

Die Hauptsache an einer solchen Hamburger Sommerwohnung ist nur, dass ein Raum vorhanden ist, wo der Kohlencomfort stehen und der Theetopf sieden kann. Die grunen Erbsen und gebackenen "Sweser" mochte man im Hause verzehren, Speisegeruch ist uberhaupt der Nachbarschaft wegen "nicht genteel"; aber der Theetopf hat sein unbestrittenes Recht. Auch in Nr. 33 stand er um 7 Uhr Abends auf dem eisernen Kohlengerust; das Tischtuch wird in der Laube ausgebreitet, die Markise in die Hohe gezogen und das altsachsische "Ich bin Herr in meinem Hause" in einer Weise geltend gemacht, dass man sich vor den Augen der Welt weder im Nahen, noch Stricken, noch Stikken, noch Lesen, noch Schlafen, noch Rauchen, noch Wiegen m einem amerikanischen Wiegestuhl, noch Erscheinen in einer glanzenden Hausjacke von Pferdehaartuche irgendwie storen lasst. Den Vorubergehenden fallt nichts auf, weder eine grune Brille noch eine graue Katze, weder ein schwarzer Hund noch ein rother Papagai, weder ein gelber Strohhut von vier Ellen Umfang noch eine schlangenartig gewundene Cigarrenspitze von schonster hellrother genueser Korallenarbeit ... Letztere war eine Neigung zur Koketterie des Herrn Carstens, wie jene sogenannten Nizzahute eine der mehreren, doch erlaubten seiner beiden Schwestern.

Wir finden Lucinden wieder, wie sie sich schon am Millernthor von Angelika Muller, die zu einer hier etablirten reichen Handelsfamilie aus Antwerpen zog, um dort im Hause Lesen, Schreiben und Rechnen nach confessionellen Bedingungen zu lehren, getrennt hatte. Die Braut Dr. Puttmeyer's, des HegelstuhlAspiranten, wurde von einem eleganten Wagen im Hafen in Empfang genommen. Lucinde aber fuhr in einem Fiaker ins Comptoir des Herrn Nikolaus Carstens am Rodingsmarkt, einer dustern, mit Baumen besetzten hollandischen Gracht. Hier im Larmen der sich durch den Kanal fluchenden Schiffer, der Krahnenwinder, der Fuhrer von schwerstampfenden, schellenbeladenen Lastrossen wohnen bleiben zu sollen, hatte ihr die Sinne benommen. Sie wurde sofort in die "schone Natur" vor's Dammthor dirigirt und fuhr dorthin, erwartungsvoll, was ihr das Schicksal an neuen Prufungen und lauternden Vorbereitungen furs Leben bescheren wurde.

Anfangs kam sie sich in ihrer neuen Lage wie eine Gefangene vor.

Man hatte ihr gesagt, ein alterer Herr, Junggesell mit zwei Schwestern, pflegte, obgleich alle drei in sehr "respectablen" Verhaltnissen lebten, doch zur Zerstreuung und Belebung des "Hauses" bald eine junge Baronesse vom Lande, die sich in Sprachen und Musik vervollkommnen sollte, bald eine Englanderin, die an der besten Quelle deutsch zu lernen beabsichtigte, bald eine Binnenlanderin, die zu viel Thee und Zwieback und zu wenig Rostbeef genossen und der uberdies Wasserluft, Milch und Wiesengeruch gut thun sollte, liebevoll in die Gemeinschaft einer stillen Familie aufzunehmen.

Mit jenem hamburger Schein der urweltlich angeborenen Soliditat und einer Gemutlichkeit, die selbst in Geldsachen nicht aufhort, mit jenem kindlichen sich wie von selbst verstehenden Fallenlassen des Tons, werden dabei auch einige hunderttausend Mark Banco genannt, mit jenem gewissermassen weiter nicht zur Sprache kommenden zufalligen Schlussschnorkel eines gleichfalls nur der Form wegen aufgesetzten Contracts war eine Pension von 1500 Mark Courant fur sie bewilligt worden. Diese leichte und graciose Behandlung des Geldes, das nur vor dem Wechselgericht oder bei der ersten und zweiten Pratur eine ernste und dann zuweilen recht grobe Bedeutung annehmen kann, imponirte Lucinden ebenso sehr, wie die schnell eroberte Freundschaft, die ihr zwei Damen entgegentrugen, die das "susse Madchen" behandelten, als hatten sie sie schon aus Langen-Nauenheim gekannt, wie sie noch barfuss unter den Enten in den Bachen herumkrebste, an welchen gerade auch solche Weiden standen, wie sich zwei hier hinter das Staket her verirrt hatten, zum Beweise, wie feucht die Luft und der Boden war. Ja, es war im Verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer Art und unendlich imponirend. Selbst die grossen Nizzahute, die einem Schattengeber, den auf Schloss Neuhof auch die Lisabeth trug, fast gleichkamen, machten Lucinden eine Weile sprachlos. Doch angstigte sie es bald, dass beide Schwestern, Sophia sowol wie Meta, mit ihren Hutkrempen fast die ganze Sommerwohnung unter Schatten setzen konnten.

Lucinde wusste einige Tage lang im wortlichen Sinne weder aus noch ein. Schon gleich, als sie den Winkel sah, in dem sie schlafen sollte, kamen ihr die Tage bei der alten Buschbeck in Erinnerung. Das Erwachen, Ankleiden hinter Bettschirmen, die erste Anlage und spatere Vollendung der Toilette zu dreien in demselben Zimmer, und das alles verbunden mit dem im landlichen Neglige eingenommenen ersten Fruhstuck nebst Fleisch und Eiern, dazu Herr Carstens im Sommerrock, mit der gewundenen Korallenspitze im Munde, dann das Ruhmen des rings von den allerdings vorhandenen Wiesen in die "Garten" hereinwachsenden grunen Gras-Gottessegens, das unleugbare Klingeln wirklich vorhandener Kuhe und die allgemeine Bewunderung dann beim "gebildeten Gesprach", das uberhaupt in Aussicht gestellt wurde, vor drei alten hamburger Kupfermunzen, die Herr Carstens als Perspective kunftiger geistiger Genusse gestern mitgebracht hatte, dann der umstandliche, zartliche Abschied des Bruders, wenn er ins Geschaft ging, und alle diese taglichen Vorgange in einer sich immer gleichbleibenden Cadenz des Gemuthlichen, des Sichvonselbstverstehenden und gleichsam Uraltewigen und auch noch nach Jahrtausenden Sosichgleichbleibenden ... das machte ihr einen Eindruck, als hatte sie mussen in die eingehegten Wiesen hinuberspringen und zunachst gleich bei den Melkerinnen druben, die vor den grossen rothangestrichenen Kubeln sassen, Hulfe und Unterhaltung suchen.

Allmahlich aber fand sie sich dann, besonders als die jungere Schwester mit welcher Bezeichnung indessen ihr Alter nicht etwa aus dem Beginn der Vierziger zuruckverlegt werden soll ihre Hauptforce entwickelte, das Spiel am Piano.

Das stand im Wohnzimmer, dicht in der Nahe der in der Entwickelung begriffenen Laube.

Man konnte die "Sonate pathetique" nicht schmelzender, die "Eroica" nicht feierlicher vortragen als dies Meta Carstens that. Lucinde fuhlte, was sie hier lernen konnte. Sophie handelte wol unterdessen mit einem jungen bauerlich gekleideten und an einem Schulterquerbalken ein Dutzend Gemusekorbe tragenden Burschen um junge Erbsen und ein fliegender Metzger brachte die vielbesprochenen "Sweser". Das Plattdeutsche, dem Lucinde auf Schloss Neuhof kaum entronnen zu sein glaubte, tauchte dabei aufs entschiedenste wieder auf. Es stand indessen den Schwestern, besonders wenn sie mit den Vierlandern verkehrten, ganz zierlich und erhohte den Eindruck des Gelassenen, Soliden, Leidenschaftslosen und "Respectabeln", welches letztere Wort immer das dritte war. Die kalte Ruhe aber wieder, mit der die Schwestern Meta stand dann zur Unterstutzung der Debatte mitten aus dem dritten Satz der "Eroica" auf die grunen Erbsen auf die Halfte hinunterbieten und mit einem: "Ne, Ne, Ne, min Jong! Hol di jo nich op, min Jong!" den Handel abbrechen konnten, stand in so seltsamem Widerspruch mit der Susse des Tons, dass sie immer nur schwieg und horchte und uber so seltsamer Gegenwart fast die Vergangenheit vergass.

Klingsohr kam dann endlich auch aus Gottingen an. Dass sie die Verlobte eines Doctors der Rechte war und dieser selbst ein mit der Durchfuhrung wichtiger adeliger Processe betrauter Advocat, der eine Zeit lang in hiesiger Stadt wohnen wollte, wurde schon in der Correspondenz uber die Marschen und Geeste hinweg von Schloss Neuhof aus nach dem Rodingsmarkt berichtet.

Klingsohr besass selbst etwas von der eigenthumlichen Art der Studirten, die in hanseatischen Stadten den Ton angeben. Er hatte meist seine Ferien bei hamburger Freunden verlebt und verkehrte in Gottingen uberhaupt nur mit Studenten, die unter ich plattdeutsch sprachen. "Selbst ist der Mann!" scheint die Devise aller dieser jungen hamburger Aerzte und Advocaten zu sein. Klingsohr fand hier die liebsten Genossen seiner Studienzeit wieder. Gleich den ersten Abend, wo er zum Thee in der hoffnungsvollen Laube blieb, fand er auch bei den Damen und Herrn Carstens einen ausserordentlichen Anklang. Bei Herrn Carstens besonders, seitdem er mit ihm uber den alten Seerauber, den Stortebeker, gesprochen. Als die Hinrichtung desselben erzahlt werden sollte, brach zwar Klingsohr ab, versprach aber Herrn Carstens einige Munzen uber die Einfuhrung des soester Stadtrechts in Hamburg zu bringen, die er noch von seinem Vater aus der Deichgrafenzeit her besass. Eben schwamm Herr Carstens daruber in Entzucken und notirte sich den Gegenstand zum Nachschlagen in den reichen Bucherschatzen der Borsenhalle, und schon hatte er auch Meta gewonnen durch eine Parallele zwischen Mozart und Beethoven, indem er jenen mit Rafael, diesen mit Correggio verglich und dadurch bei den Schwestern die Schleusen wegzog von verhaltenen seligsten Erinnerungen an die dresdener Galerie, Terrasse und Sachsische Schweiz ... Ein Wort gibt dann eben das andere. Sophia Carstens bewunderte des Doctors Kunst, sich plattdeutsch auszudrucken. Man merkte dies bei der Plage der Sommerwohnungen, den Bettlern, die er plattdeutsch uber ihre Herkunft und sonstige "Poesie des Zigeunerthums" examinirte. Sophie fand, indem sie trotz dieser Poesie doch lieber die Thur des "Gartens" abschloss und mit wenigen Schritten wieder hinterm Theetopf sass, eine Burgschaft seines Gemuths darin, dass er die lieblichste und sanfteste Sprache von der Welt uber seinen Reisen und gelehrten Studien nicht vergessen hatte.

Mein guter Vater, sagte der Doctor mit melancholischem Ausdruck der Mienen und eine Weile die Cigarre aus dem Munde nehmend, mein Vater hasste die plattdeutsche Sprache. Er duldete schon nicht, dass sie druben in Stade, wo er wohnte und meine Mutter geheirathet hatte, in seinem Hause gesprochen wurde. Auch auf der Buschmuhle, wo alles plattdeutsch spricht, mochte er sie nicht horen. Er nannte sie eine faule und bequeme Bauernsprache, nur gemacht fur das Ideal des zufriedenen feudalen Schlaraffenthums. Wenn er uber irgendeine Tragheit in seiner Nahe in Zorn gerathen konnte, uber ein Gehenlassen wichtiger Dinge, uber Gesinnungslosigkeit in grossen patriotischen Fragen, so rief er: "Sitt ick in gooder Roh', rook min Piep Toback dato!" Er glaubte damit das ganze Wesen des Plattdeutschen getroffen zu haben.

Die drei Geschwister Carstens kannten das ungluckliche Ende des beruhmten Mannes und verriethen nur durch Achselzucken ihr Bedauern uber diesen Mangel bei soviel anderweitigen Vorzugen.

Lucinde aber konnte nicht umhin, die gleiche Abneigung auszusprechen.

Das ist ja eine Sprache, sagte sie, die eines Mannes gar nicht wurdig ist! Man glaubt sie nur im Winter hinterm warmen Ofen oder aus einem grossen Backtroge heraus horen zu konnen, in den man sich mit der gestreiften Schlafzipfelmutze gelegt hat, um noch die Warme nachzugeniessen. Plattdeutsch ist eine Sprache, mit der man nur uber saure Milch und ob die Gurken schon bluhen, reden kann. Will man einen Gedanken aussprechen, so lasst sie uns gleich im Stich. Jeden Buchstaben, der Kraft und Energie erfordert, lasst sie aus ihrem Alphabet herausfallen; alles schlorrt darin wie in niedergetretenen alten Pantoffeln. Schleppt das und schlendert und ist dabei so kalt, so eingebildet! Der Buchstabe S wird T, Ch wird K, das A vernergelt sich in E. Ganze Buchstaben und Silben fallen weg, um nur schnell wieder zum Ofen zu kommen. "Geschlagen" ist "Slan", "aufgestanden" ist "upstan". Von den erhabensten Dingen spricht diese Sprache wie von Kinderspielzeug, und dabei liegt doch wieder eine Malice, eine Gereiztheit, in ihr, die uns z.B. vor den Magden, wenn diese hier plotzlich hochdeutsch zu sprechen anfangen, einen blanken Schrecken einjagen kann.

Das war freilich eine entsetzliche Anklage! Um so mehr, als die Schulmeisterstochter in solchen Dingen ganz auf ihrem Felde war! Die Schwestern sahen sich nur um, dass sie weder Nr. 32 noch Nr. 34 belauschten, dort eine Maklerfamilie, die unter sich immer nur plattdeutsch sprach man konnte die Erwachsenen dann allerdings von den Kindern kaum unterscheiden hier ein Professor vom Johanneum, der diese Mundart wissenschaftlich behandelt hatte und fur den Stortebeker und das soester Stadtrecht dem Kleesaathandler von grosser Wichtigkeit war, da er die vaterstadtische Neigung desselben wissenschaftlich unterstutzte.

Man blickte schweigend und um Widerlegung mit flehentlichen Blicken bittend auf den Doctor, der seinerseits die grossen Wasserseen seiner Augen wie ubertreten liess und geschmeichelt uber Lucinden staunte, die den Vortheil genoss, den die Verpflanzung aus einem alten in neuen Boden mit sich bringt. Nichts hebt die geistige Kraft so sehr, als sich in Vergleichung bringen konnen mit neuen Eindrucken, sich abheben von einer grundlich veranderten Folie.

Wie Lucinde auch so gar bitter und fest sprach, merkte der Doctor erst, dass sie sich auch ausserlich verandert hatte. Er musterte sie, immer noch schweigend, mit staunender Bewunderung. Ihr Korper hatte sich wie zum Abschluss entwickelt unter dem Einflusse des Erlebten. Immermehr gewann vielleicht der charakteristische Ausdruck uber den ideal-schonen die Oberhand. Ihre Zuge glichen jetzt jenen seltsamen Kopfen, die uns aus irgendeiner hervorspringenden Besonderheit sogleich unvergesslich sind, die aber auch Gefahr laufen konnen, dass sie mit der schwindenden Jugend die Anmuth verlieren. Hier, wie sie eben noch zu gleicher Zeit eine Fliegenjagd eroffnet hatte, dabei einen gleichfalls runden Hut, der jedoch um einen Fuss weniger Umfang hatte als bei den Fraulein Carstens, abriss und ihn zum grossen Schrecken derselben sogar auf eine Wespe warf, blieb der Eindruck einer Amazone, die Kraft mit Verschmitztheit verbindet. Der leise geoffnete Mund zeigte die Zahne; das Haar war, weil eine Toilette in dem engen Raum nicht mehr moglich wurde, fast um die Halfte von ihr gekurzt worden; sie trug es nun in grossen und cylinderformigen Wellen zusammengebunden um Scheitel und im Nacken. Um den Hals lag ein Collier antiker Form, das ihr der Kronsyndikus von den Schatzen mitgegeben, die angeblich seiner Frau, vielleicht einer seiner Italienerinnen gehort hatten, und den halbentblossten Arm schmuckten zwei gleiche reich mit Perlen und Rubinen besetzte alterthumliche Armbander. Sie besass eine ziemliche Auswahl solcher alter Schmuckgegenstande, und jenes Fraulein Angelika Muller, mit dem sie gereist war, hatte beim zufalligen Anblick des geoffneten Kastens, der sie enthielt, gesagt: Alles alt, aber gerade jetzt sehr modern!

Das Unvergessliche an Lucindens Aeusserm waren vorzugsweise ihre schwarzen und wie von einer Entzundung aller feinsten Aederchen bis in die Wangen rings umschatteten Augen, ein plastisch gleichmassiges Oval des Kinns, dann ein stetes Lacheln am kleinen Munde und in der Haltung ein fortwahrend grubelndes Niederblicken, wie wenn sie auf dem Boden etwas suchte, was sie verloren. An diese Einzelzuge dachte man, wenn sie genannt wurde, ebenso schnell wie bei den Fraulein Carstens an die Nasen derselben. Man hatte allerdings glauben konnen, diese Damen stammten aus dem urweltlichen Geschlecht der Saurier, von welchem bekanntlich nur noch das Krokodil, das Chamaleon und die Eidechse als Reste ubrig geblieben sind.

Klingsohr sah zwar auf die Uhr und sprach von einem Spaziergang an dem Rande der Alster, des nahe gelegenen Flusschens, an dessen Ufern sich zwar nur Sand aufwellt, aber auch alte, schone, sturmerprobte Eichen stehen in einer Pracht und Fulle, als hatten sie schon den hier einst lebenden Klopstock zu seinen Bardengesangen begeistert ... Aber die Familie hatte die Freude, dass er doch noch erst den schwebenden Kampf aufnahm und im Plattdeutschen gerade statt Schlafrigkeit und Tragheit Energie und Thatkraft fand.

Wenn, liebe Freundin, sagte er, diese Ihre Holzpantoffeln und gestrickten blauweissen Nachtmutzen rasch zum Ziel kommen wollen und die Sprache kurz nehmen, so ist damit nicht der Ofen gemeint, sondern die Sache selbst, um die es sich in der Gemeinde, auf dem Acker oder auf dem Schlachtfelde handelt. Man nimmt bei uns die deutsche Sprache gerade so, wie sie so auch der Englander nur brauchen konnte, der allerdings das, was noch fur die Ideenwelt meines Vaters fehlte, aus der Bretagne herubernahm. Gibt es schlagfertigere Volksstamme, als es die Dithmarsen und Friesen waren und es noch sind? Hat diese rasche und behende Sprache, die sich mit keinem weitlaufigen und unbeholfenen "Aufgestanden" aufhalt, sondern rasch und flink vom "Upstan" spricht, nicht die schone Eigenschaft, Bauer und Edelmann fast gleichzustellen? Sie macht aus den Bekennern dieser Mundart fast eine einzige Familie. Wenn sie vielem Philisterhaften einen Vorschub zu leisten scheint, so leistet sie ihn in Wahrheit doch nur der Einwurzelung des personlichen Stolzes auf eigenen Besitz, eigenen Grund und Boden. Die Neuerung, deren Ideen sich freilich nicht nach plattdeutschen Lauten ausdrucken lassen und, wollte man von Verfassungen und Aehnlichem darin sprechen, eher wie Spott klingen wurden, ist diesen Stammen fremd; aber hat es nicht sein Gutes, dass wir noch im Vaterlande Schanzen und Walle der frei bewahrten Selbstandigkeit gegeneinander aufwerfen konnen? Die Einheit ist ein schoner Klang; aber sie gewinnen auf Kosten unserer bessern Natur? Wer mochte das befurworten um solchen Preis! Der Deutsche bildet nur ein geistiges Volk. Seine Kraft liegt auf der Scholle, die er vertheidigt, seiner Sitte, seiner Sprache, seinen Ueberlieferungen. Mit dem uberall aufgepflanzten einheitlichen Banner, einem schwarzweissen oder schwarzgelben oder schwarzrothgoldenen sogar, wurden wir unsern besten Gehalt verlieren, und so ist auch die plattdeutsche Sprache nur Hemmschuh zu desto sichererer Fahrt. Nivellirenden Staatsmannern gegenuber schutzt gerade sie Person und Gemeinde.

Wenn die Damen Carstens Romane lasen, so suchten sie glucklicherweise immer gerade das, was andere uberschlugen. Sie strichen sich gern sogenannte schone Gedanken an und schrieben sie hernach in ihre Sammlungen uber zur erhebenden Lecture in Augenblicken der Sehnsucht und des Sichnichtverstandenfuhlens oder zur Stammbucherbenutzung. Diese Erorterung, die der Doctor ihnen anzuhoren zumuthete, nahmen sie fur eine ihrem Geiste dargebrachte grosse Huldigung. Schon weckte dieselbe die uberraschte Aufmerksamkeit der Nachbarschaft. Fernerhin war der Uebergang in die gerade schwebende Frage des Zollvereinsanschlusses die leichteste Folge dieser Meinungsausserung, fur welche freilich Lucinde keinen Widerspruch hatte. Sie liess den beiden Damen den Triumph, durch die Festhaltung ihrer heimischen Sprache auch den Kaffee, den Zucker und den Wein vor den Gefahren des Untergehens in deutscher Allgemeinheit gerettet zu sehen. Lauschte nebenan der Professor vom Johanneum, so musste er seine Freude gehabt haben an Klingsohr's Rede. Er wurde nicht Anstand genommen haben, ihn zu einem Bekenner der Schule Justus Moser's zu machen, einer Schule, die bekanntlich keine Wiedergeburt Deutschlands zulassen wurde, wenn nicht auch in ihr Rechnung getragen wurde dem Ewig-Osnabruckischen.

Der Abend wurde kuhl, wie es die vielen Wiesen nach Untergang der Sonne mit sich bringen.

Klingsohr wollte an die Alster und bat um Lucindens Begleitung ...

Diese warf ihre Mantille um, einen Hut uber und begleitete ihren Freund, wohin er sie zu fuhren gedachte.

Es gab trotz der volkreichen Stadt, die zu einer bestimmten Stunde auch wie im Nu durch die theuere Thorsperre die Bevolkerung in ihre Walle und Mauern zuruckdrangt, hier draussen einsame und stille Wege. Sie waren landlicher Art, fuhrten durch Weidenalleen uber Wiesen an Bachlein entlang, fuhrten durch kleine Birkengeholze und endeten in parkahnlichen Vergnugungsorten, die jetzt von Menschen ganz entleert waren.

Der Himmel wurde dunkler und dunkler und liess schon einzelne Sterne blicken. Die Sichel des Mondes stand schon langer, aber sie war noch matt und fullte sich mit vollerm Lichtglanz erst gegen Mitternacht.

Das stille, heimliche Kaferleben in Buschen, an Hecken und Zaunen regte sich; es war kurz nach Johannis. Die Phosphorfunken, die man haschte, wurden auf der Hand zu kleinen Kafern mit punktirten Flugeldecken. Der sumpfigen Natur konnten die Frosche nicht fehlen, diese Kukuks der Wasserwelt, die ihr Einerlei zum besten zu geben nicht mude wurden. Friedlich ernst rauschten, von einem leisen Luftzug erregt, die beruhmten Eichen der Alster. Fernher brauste das Gewuhl der grossen, in der Abendstunde die durch die Arbeit gebunden gewesenen Sinne entfesselnden Stadt; Musik tonte heruber von einem Kranze von Lichtern, der um das Bassin des Jungfernstiegs immer reicher und voller sich hinzog.

Gerade hierher nun nach soviel Erlebtem versetzt zu sein, war fur beide wunderbar genug. Klingsohr legte den Arm um Lucinden und wiederholte die Betheuerung seiner Liebe.

Er hatte, sagte er, ein reiches Feld von Thatigkeit in den verwahrlosten Processen der Wittekind'schen Familie gefunden, es konnte sich bis zum Winter hinziehen, dass er hier bliebe ...

Und dann? fragte Lucinde, die eine gleiche Warme wie damals auf Schloss Neuhof fur den Freund nicht mehr fuhlte.

Was wir erlebten, erwiderte dieser, kam so ungluckselig storend, kam so die nachste Besinnung raubend, dass ich noch keinen Plan fur die Dauer gefasst habe. Ach, und wie oft ist mir's wieder, als sollt' ich dich umfangen und dich mit mir hinabziehen in Tod und Vernichtung! Sieh den geisterhaften Schein der Wellen! Wie still und geheimnissvoll sie dahinfliessen!

Lucinde wandte den Kopf zu dem Sprecher empor. Er hatte ihr den Hut abgenommen, weil der Rand desselben ihn hinderte, sich fester an sie zu schmiegen. Letzteres that er mehr als sie dessen erwiderte. Sie fand ihn schwankender, haltloser, als sie von Mannern seiner Art geglaubt hatte. Und bei dem "geisterhaften Schein" der Wellen auch ihres unglucklichen Vaters gedenkend, schuttelte sie's fast wie Frost. Sie sagte fast wie mit bewusstester Prosa:

Warum denn sterben!

Ein Seufzer entrang sich seiner Brust ...

Wie druben in der Stadt die Wagen rollen! fuhr sie fort. Wie die Musik so lustig klingt! Das alles ruft und will genossen sein!

Klingsohr luftete den Sommerhut und fuhr sich erregt durch sein krauses rothlich schimmerndes Haar. Die Narben an Stirn und Wangen zuckten.

Lass uns von dem Schilf da fort! sagte er und zog Lucinden vom Ufer mehr der Baumallee zu ...

Blicke auf Vergangenheit und Zukunft mussten sich jetzt von selbst ergeben.

Klingsohr sprach viel und schnell durcheinander vom Tode seines Vaters, von der Schuld des Stephan Lengenich, die sich immer erwiesener herausstellte. Er wiederholte wie schon oft:

Der Schrecken uber den einsamen Anblick des Erschlagenen, das Entsetzen, dass man ihm hatte die That zuschreiben konnen, hatten den Kronsyndikus in Verwirrung gebracht, und, was mehr ist, hinter dem Hasse gegen meinen Vater barg sich Freundschaft. Vom Schicksal desselben erschuttert, unfahig, der Erste zu sein, der es anzeigte, sprengte er nach Neuhof zuruck, konnte die Todesnachricht nicht uber seine Lippen bringen, verbrannte in einem Anfall von Grossmuth, was er von Schuldforderungen noch in der Buschmuhle geltend machen konnte und bot mir seinen Schutz und sogar den Vaternamen an und mein ganzes Gluck in dir! ... Stephan Lengenich ist der Morder ... Die Feinde meines Vaters waren ja zahllos. Auf jedem Waldwege begegneten ihm Manner, die ihm den Gruss verweigerten. Ich horte ihn einmal klagen, dass man auf der Buschmuhle Feuer angelegt gefunden. Man verschwieg es, weil gerade ihn der Verlust der Popularitat schmerzte. Hoch immer auf dem Schilde aller wollte er getragen sein. Er konnte keine Gegner dulden, ohne sie nicht von der Nichtigkeit ihres Hasses uberzeugen zu wollen. That er's dann, so verwirrte sich der Hader nur erst recht. Feindschaft, die auf Antipathie beruht, vermittelt sich schon bei einer gunstigen Gelegenheit zum leidlichen Auskommen; tauscht man aber mit ruhiger Ueberlegung Warum gegen Warum aus, so treten erst recht Verletzungen ein, die unheilbar sind. Diese Tage sind duster, aber sie liegen hinter uns. Vor uns winkt die Zukunft. Kehr' ich nach Gottingen zuruck, so sollst du die Muse meiner Studien sein. Lass' ich mich von Freunden, deren ich hier nur zu viele fand, bereden, hier zu bleiben, so findest du dich in diese neuen Anschauungen. Komme, was kommen mag,

Wenn ich dich nur habe,

Wenn du mein nur bist!

Nun war Klingsohr im gewohnten Zuge und druckte sie, dichtend und phantasirend, wilder an sich, als ihr, der nur Horchenden, wohlthat.

So gingen sie bald wieder am Schilf des Ufers oder suchten, um nicht im Sande zu versinken, grune Stellen. Weiter kam ein Weidengebusch. Da blieben sie stehen und Klingsohr ergab sich mit neuen Betheuerungen seinem ganzen Gefuhl, das jetzt ein keckes und herausforderndes wurde.

Lucinde schwieg nur. Es war ihr nicht als ware sie die Mitschuldige eines Mitschuldigen; aber irgendetwas blieb im Dunkeln ... Eine gewisse Kluft zwischen Klingsohr und ihr konnte sie nicht mehr ausfullen. Sie wusste nicht, woran es lag, dass sie sich ihm plotzlich gewachsen fuhlte, ja ihn ubersah. Die Zauber des Fesselnden waren ihm plotzlich fur s i e abgestreift, und so bedeutsam seine Rede blieb, seine Thatkraft vermisste sie, und selbst seiner Rede, seinem Humor, seinen Versen, horte sie Gebundenes, Unfreies ab, ja, hatte.

Und doch gerade in ihm hatte sie Ausdehnung und

Raum zu finden gehofft wie im Universum, das er sonst auf seinen Schultern zu tragen schien! Nun gefiel ihm sogar diese enge, begrenzte Welt, in die man sie versetzt hatte. Es war eine Freiheit, die ihr Zwang erschien. Und die Zumuthung, dass s i e ihm Stab, s i e ihm Stutze sein sollte!

Er begleitete sie an das kleine Haus zuruck, in die

Mausefalle, wie sie es nannte. Sein Abschied war sturmisch; sie sagte ihm kuhl eine Gute Nacht!

Zehn Uhr Abends war's. Dennoch sieht man Kling

sohrn noch nicht in seine Wohnung gehen, sondern in einen der Pavillons eintreten, die sich am Alsterbassin befinden.

Musikklange, Tabackrauch, die Dufte von Grog

und Punsch wirbeln in allen ...

Hier begegnen sich der Einheimische und Frem

de ...

Draussen vor der Thur stehen Sessel, auf welchen

man, wenn die des Nachts sich zuweilen sanft wieder mildernde Wasserluft es gestattet, die wogenden Menschenmassen an sich voruberziehen lasst, wol auch die auf dem Wasser noch mit chinesischen Lampen dahinrudernden Gondeln verfolgt und ein Bild voll Leben und Bewegung in sich aufnimmt, das nur in der Ferne eine einzige grosse Windmuhle unschon, aber doch charakteristisch begrenzt.

Diese Pavillons sind so bequem gelegen, dass man sich ihrer kleinen Ecksitze im engern innern Raum gern als Stelldicheins fur Freunde bedient. Manche Tische werden immer von derselben Gesellschaft in Beschlag genommen, entweder bei schonem Wetter draussen oder bei unfreundlichem drinnen. Im Winter ist man jedenfalls sicher, immer eine Gruppe von Bekannten an einer und derselben Stelle zu finden.

Der Kreis, in dem sich Klingsohr hier bewegte, ist ein den Hansestadten ganz eigentumlich angehorender.

Der Kaufmann ist dort der bestimmende und massgebende Theil der Bevolkerung, aber zu seinen Erganzungen gehort der Arzt, der Advocat, auch der Schriftsteller und Gelehrte uberhaupt, denn an dem Bedurfniss des gedruckten Buchstabens fehlt es durchaus nicht, und eine diesen Stadten ganz ausschliesslich angehorende Literatur beeifert sich es zu befriedigen. Die Achtung vor der Wissenschaft ist nicht gering. Man kann aber auch sagen, dass die, welche zu ihren Bekennern gehoren, nichts unterlassen, was ihre Geltung mehren kann.

Nirgends aussert sich der Arzt, der Advocat und Schulmann mit solcher Bestimmtheit wie unter Kaufleuten, und niemand unterwirft sich ihnen auch so unbedingt wie diese. Englands Parlament ist ein Beweis, wie der Nimbus der gemachten Studien sich vorzugsweise in einer grossen geschaftlichen Welt erhalt. Diese Aerzte und Advocaten sind es vorzugsweise, die den offentlichen Geist bestimmen und das Endurtheil auch in den Familien abgeben, denn, wie jene die Frauen regieren, so werden diese zu jeder Berathung von grosserer Wichtigkeit hinzugezogen. Die einen von ihnen folgen dem allgemeinen Geiste des Erwerbs und nehmen fruh eine praktische Richtung an, streifen den Idealismus ab, reden mit dem gemeinen Mann in seiner Sprache und nehmen die materielle Welt ganz wie sie ist; die Wissenschaft wird ihnen eine melkende Kuh; sie verschmahen selbst die Intrigue nicht, und werden in der oft bis zum Lieblosen gehenden Entfaltung des schroffsten und einseitigsten juristischen Verstandes unterstutzt von denen, die ihre Spitzfindigkeit in Anspruch nehmen, bewundern, ruhmen, reichlich belohnen. Die andern sind, wie die menschlichen Entwickelungen einmal durch ihre angeborenen Anlagen bestimmt werden, von einer idealen Haltung. Sie scheinen das Alltagliche zu verachten, vertreten die Gedankenwelt, hullen sich in einen heiligen Nebel mystischen Eingeweihtseins, sind entweder Freimaurer oder Pietisten oder Poeten oder alles zu gleicher Zeit und in verschiedenen Lagen, nur benehmen sie sich uberall wie ein Besonderes, Vornehmes und ewig Akademisches, und man darf hinzufugen, dass auch diesen Mannern der Erfolg nicht fehlt. Jetzt, wo die materielle Richtung uberwiegt, mag das Hauflein dieser vorzugsweise mit dem Rufe des Geistreichen ausgezeichneten Adepten der Wissenschaft geschmolzen sein. Noch in den dreissiger Jahren aber war der Zusammenhang Hamburgs mit den edelsten Richtungen des Vaterlandes ein sehr inniger, und die schone, masshaltende, sich selbst beschrankende Weise manches dort gefeiert gewesenen Namens wird noch jetzt bei den Nachlebenden nicht verklungen sein.

So scheiden sich beide Richtungen im Alter. In der Jugend aber gehen sie noch mehr zusammen. Der Scharfsinn des einen findet seinen Widerpart am Wissen des andern, der Rabulist der spatern juristischen Praxis streitet sich noch mit Hartnackigkeit fur Schelling oder Hegel, denen er die Scharfe seiner Unterscheidungen zugute kommen lasst. Allen aber gemeinsam ist auf lange Zeit, oft bis in die ersten Jahre der Verheirathung hinein, das lebendige Festhalten des akademischen Lebens. Die von Gottingen oder Heidelberg mitgebrachten Anschauungen werden nicht nur in den Kaffeehausern festgehalten, sondern oft auch noch in dem Waldchen hinter Wandsbeck, in den Hohlwegen hinter Eppendorf. Man setzt die Feindschaften, die man von der Hirschgasse in Heidelberg, von Ulrici in Gottingen mitbrachte, in der Vaterstadt fort und wechselt auch oft noch im nahen holsteinischen Sachsenwalde Kugeln um dieselben Bagatellen, um welche man am Neckar und an der Leine "auf krumme Sabel losgegangen" war.

In diesen Kreis seiner Freunde kehrte Heinrich Klingsohr, mit Enthusiasmus empfangen, zuruck. Die grungelbweisse Farbe hatte mit der rothweissen immer harmonirt; gehorten doch beide dem grossen Bunde des Plattdeutschen an.

Klingsohr traf junge Advocaten und Aerzte, Assistenten am Krankenhause, gelehrte Speculanten, die sich durch irgendein Organ, das Ohr, das Auge, oder als Juristen durch Wechsel- oder Staatspapiergeschaft eine Specialitat zu schaffen suchten, andere, Juristen, die auf eine Anstellung in der Verwaltung rechneten und sich mit Statistik der Ein- und Ausfuhr beschaftigten, Schulmanner, die vor drei Herren und siebzehn Damen Vortrage uber Spinoza hielten, andere, die eine alte Neigung zum Schriftstellerthum nicht langer zu verbergen brauchten, sondern durch irgendein Angebot der vielen hier erscheinenden Zeitungen Redactoren wurden, sie wussten nicht wie, Candidaten, die noch nicht nothig hatten, das Haar zu scheiteln und den Blick zu Boden zu schlagen, da die Aussicht zu einem Pfarramt in der Stadt erst uber eine lange Probezeit auf dem Lande oder ein muhseliges Lehramt geht ... kurz, in diesen, naturlich unausgesetzt von Cigarrenwolken eingehullten Kreis trat Klingsohr ganz so wieder ein, wie er ihn von seinen fruhern Besuchen her kannte. Selbst in Gottingen als Privatdocent hatte er den Zug zum ewig Studentischen nicht aufgeben konnen. Er fand hier alle alten Anekdoten wieder, alle alten Stichworter und Stichblatter des Witzes, alle alten Spitznamen; man lachte ebenso auf gegenseitige Kosten wie bei Bethmann in Gottingen, mit der gleichen oft sehr nahen maliciosen Anstreifung an die "touchirende" Grenze und mit derselben Empfindlichkeit, wenn diese wirklich uberschritten und eines jener Worte gesprochen wurde, in deren Entgegennahme der "Mann von Ehre" sich in Deutschland vom "Philister" unterscheiden soll. Zwischendurch galten die Gesprache der aufgeregten Zeit, den Streitigkeiten des Tages, den Vorkommnissen der innern stadtischen Verwaltung, den Personlichkeiten der einzelnen Theilnehmer des Kreises und vorzugsweise den Frauen.

Letztern widmete man ganz den Antheil, der ihnen uberhaupt gebuhrt; erhohen aber musste er sich im Munde junger Manner, von denen selbst die, welche den Reiz des Frauenthums mehr als sich gebuhrt hatte schon auf sich hatten wirken lassen, nicht in eine souverane Verachtung desselben, die den Blasirten eigen ist, versunken waren, sondern aus dem Wusten und Wilden sich ganz so wie Heinrich Klingsohr selbst zu einem Bedurfniss aufschwangen, in den Frauen das Madonnenhafteste, von der Welt zu finden und sie anzubeten wie die eigene verlorene Unschuld und Jugend. Die dem Fremden fast unglaubliche Moglichkeit, dass sich in Hamburg uberhaupt Sitte und Unsitte in strengster Geschiedenheit erhalten konnen, war auch in diesem Kreise bewiesen. Man konnte der tollsten Phantasie und einer grauenerregenden Kenntniss aller Nachtseiten im Frauenleben den Zugel schiessen lassen und war wiederum, wenn der Name einer Unbescholtenen genannt wurde, einig in dem Preise ihrer seidenen, dem Bilde einer Katharina von Siena entsprechenden Augenwimpern, dem Preise ihrer Hande, deren Durchsichtigkeit und Weisse nicht anders als mit der Zierlichkeit der Hande eines van Eyck und Memling verglichen wurde, dem Preise ihrer Augen, die wegen ihrer etwaigen traumerischen Unbewusstheit und glaubigen Zuversicht geradezu katholische genannt oder ihrer irrenden, rein nur innerhalb des instinctiven Lebens bleibenden Unschuld wegen mit den sanften Augen einer Gazelle verglichen wurden. Ein Drangen aus dem zu reich genossenen, in seinen Untiefen zu sehr erkannten Alltaglichen zum reinern Licht empor besassen alle, und die Art, sich ihre lauternden Flammen zu entzunden, war seltsam genug. Mancher betete in diesem Sinne die Tochter eines Millionars der Groninger Strasse an, mancher aber auch nur die eines armen Handwerkers an den "Vorsetzen" oder "Raboisen".

Auch jenes "hehre Gnadenbild", zu dem Klingsohr aufblickte, war gleich nach seiner Ankunft allen bekannt geworden.

Dass es sich um die Pensionarin einer "respectabeln" Familie handelte, wusste man.

Man machte an der Sommerwohnung des Herrn Carstens Fensterpromenade, um den Schatz zu sehen, der einem "Abadonna" noch vor seinem ganzlichen Fall oder seiner Lauterung vom Himmel beschert werden konnte; denn in diesem Kreise galt Klingsohr fur einen jener gefesselten Titanen, die fruher oder spater den ewigen Gottern des Olymp den Garaus machen konnten. Er hiess einer von denen, die eine unberechenbare "Zukunft" besassen. Ein einziges Publikum hatte er in Gottingen gelesen, das aber von einigen Hundert Studenten besucht wurde, wahrend er eine Vorlesung uber Privatrecht nicht zu Stande bringen konnte. Aber in jener Vorlesung uber "Dante's Zeitund Weltanschauung" elektrisirte er seine Zuhorer in einem Grade, dass man an Klingsohr nicht anders dachte als wie an einen Evangelisten, der immer ein wildes Thier neben sich sitzen hat. Die Drachen und Greife Dante's zogen seinen Ruhmeswagen, sein Schweigen war so bedeutungsvoll wie die Geheimnisse der Apokalypse, sein Reden war Prophetenthum. Dass er arbeitete, stand fest. Wenn er um zwolf Uhr von der "Kneipe" gekommen war, sah man bis drei und vier Uhr noch Licht bei ihm. Seine Versicherung, er wurde ein neues System des Staats-, des Natur-, des Volkerrechts, eine neue Philosophie der Geschichte, eine neue Geschichte der Literatur, eine neue Ausgabe des "Sachsenspiegel", eine Zusammenstellung der Fragmente des Ciceronischen Buchs "De Republica" bringen, eine Geschichte der italienischen Stadtebunde, eine Abhandlung uber die Verjahrungsfristen, eine neue Begrundung des Steuerwesens und eine Kritik Adam Smith's nach dem System der Bienenkorbe, alle diese Verheissungen fanden den vollstandigsten Glauben. Fur jedes dieser epochemachenden Werke hatte er die leitenden Gesichtspunkte schon fertig und wusste sie an geeigneter Stelle so anzubringen, dass man jahrelang von dem Gedanken sprach, den Sie, wissen Sie, Klingsohr, damals auf dem Ritt nach Munden, am Zusammenfluss der Werra mit der Fulda, auf der reizenden kleinen Insel (dem "Taufkissen der neu entstandenen Weser", konnte er einwerfen) aussprachen? Klingsohr strich sich die kurzen rothlichen Locken und lachelte dann nur. Er lachelte nicht etwa geschmeichelt die Werthschatzung verstand sich schon von selbst er lachelte voll Wehmuth, wie ein Traumer, dem man von einem "Marchen aus alten Zeiten" sprach. In solchen Wehmuthsaugenblicken konnte er, war es Abend und sass man im Freien, stundenlang auf ein einziges Sternbild blicken, die Kassiopeia, und ohne eine Miene zu verziehen so viel Bier oder Wein oder Grog "vertilgen", wie ihm auf ein Klappern mit dem Zinndeckel, oder das Rutteln einer leeren Flasche, oder das Anklingen mit dem Stahlbugel der Cigarrentasche an ein leeres Glas von einem kundigen "Gleich-GleichHerr!" nur hingestellt wurde. Begann er dann endlich nach solchen Pausen zu reden, so war es gewohnlich eine neue Lesart im Tacitus, die er solange uberdacht hatte, oder ein Irrthum in Vega's Logarithmischen Tafeln. Je seltsamer, je abstruser seine Aeusserung, desto mehr imponirte sie.

Jetzt wieder sass Klingsohr im Alsterpavillon bis zwolf Uhr Nachts mit derselben Beharrlichkeit und in demselben Wechselverkehr mit den "Gleich-GleichHerr!"'s wie sonst. Aber "zerrissener" und wuster als sonst war seine Art, bitterer sein Humor; die Scherze, die er oft bis zur Ausgelassenheit uber einen und denselben Gegenstand "zusammenjeanpaulisiren" konnte, flossen nicht mehr von seinen zuweilen krampfhaft zuckenden Lippen. Man brachte bei Beobachtung dieser Veranderung den ihn betrubenden Tod des hochgefeierten Vaters in Rechnung, dann die Liebe zu dem Elfenkinde vor dem Dammthor, das alle gesehen und wegen ihrer fremdartigen, der hier zu Lande ublichen Weise nicht entsprechenden Art des Aussehens und Benehmens bewunderten. Einige "schlechte Witze", die dieser oder jener sich erlaubt hatte, waren fast bis an die "touchirende" Grenze gegangen und ein fur allemal beseitigt worden. Klingsohr hatte sich, als man von einem bei dem Kleesaatmakler Carstens in "Correction" gegebenen "Roslein auf der Heiden" sprach und das Rauhe Haus erwahnte, vom Tische erhoben, wie wenn ein jeder Zoll an ihm auf zwei hinauswuchse und er geradezu bis zu seiner Kassiopeia hinauf wollte; er sprach kein Wort, aber sein sonst ausdrucksloses Auge starrte und von Stund' an war das Gesprach uber diese Liebe rein und unentweiht, wenn man auch nicht begriff, wie sie den von einem solchen Besitz Begluckten nicht mehr beleben und erheitern konnte.

Des Geldes, das allerdings sonst, wenn es mangelte, dem "Weltschmerz" Vorschub zu leisten pflegte, besass Klingsohr genug. Wie kam er zu dieser verstimmten Laune, diesem schlendernden, dicht an den Hausern entlang gehenden Gang, diesem Niederblikken, diesem heftigen Aufschlagen der Glaser, dass sie oft in Scherben zersplitterten, diesem erbitterten Angriff auf Richtungen, denen man ihn verwandt glaubte, dieser gehassigen Verfolgung alles dessen, was lebensvoll und frohlich sich um ihn her tummelte?

Einige Aufsatze schrieb er damals fur Blatter, die seine Freunde redigirten. Die doctrinaren Behauptungen darin gingen selbst diesen zu weit. In einer Republik von Burgern ruhmte er den Adel, nannte ihn von Gott eingesetzt, stellte ihn wie Leuchten hin, die das Dunkel der Zeiten erhellen sollten, pries ihn seiner Einseitigkeit wegen, in der die Burgschaft seiner Kraft lage, ja schloss damit, dass kein Denker besser die Zeit erfasst hatte als jener Ludwig von Haller zu Winterthur in der Schweiz, derselbe, der Luthern einen sittenlosen, entlaufenen Monch genannt hat.

Diese Artikel erregten Widerspruch. Sie wurden in dem Kreise, der Klingsohrn bewundernd umgab, eine Spaltung hervorgerufen haben, wenn nicht seiner Vergotterung des Adels eine Nemesis der schneidendsten Ironie gefolgt ware.

Sie erregte das Aufsehen der ganzen Stadt.

17.

Eines Tages, an einem schonen Nachmittage, sass Klingsohr am Alsterpavillon wieder unter seinen Freunden.

Sie waren heute zahlreicher denn je vertreten, da man auf dem wallenden blauen Bassin ein Wettrudern veranstalten wollte, zu welchem einige von ihnen als Comitemitglieder gehorten und sich uber mancherlei dabei zu beobachtende Vorschriften vor der entscheidenden Sitzung zu verstandigen wunschten. Schon baute man ein Gerust auf einigen Kahnen, das in bunter Ausschmuckung in der Mitte des Bassins als Festtribune vor Anker liegen sollte. Die Massen der Bevolkerung wogten hin und her. Klingsohr war vorm Thore gewesen und hatte, wie schon oft, Lucinden nicht gefunden.

Diese konnte das Einerlei der Beethoven'schen Sonaten, der grunen Erbsen und vaterstadtischen Munzen nicht langer ertragen und hatte nach rechts und links ihr Terrain erweitert. Menschen, die von einer frischen und lebenskecken Kraft sich bestimmen lassen, finden sich uberall. Lucinde hatte die ganze Reihe der Sommerwohnungen von Nr. 25 bis 40 diesseit der abgebluhten Hollunderhecke und jenseit von Nr. 45 bis 60 durchbrochen und dort durch Vermittelung von Kindern, hier durch einen entflogenen Papagai, da durch ein am Buschwerk des Gitters beim Voruberstreifen hangen gebliebenes Tuch, dem man von innen Abhulfe spendete, eine Bekanntschaft nach der andern geknupft. Zum Schrecken der beiden Damen Carstens war sie uberall einheimisch geworden, sowol bei Menschen, die jahrlich 10000 Mark einnahmen, als bei solchen, die vielleicht nur auf 4000 kamen und sogar den Winter uber die Sommerwohnung nicht verliessen; "ja bei Juden sogar", bei Lotteriecollecteuren und Hausmaklern sprach sie ein und wusste alle Geheimnisse der jungen Madchen und jungen Frauen, der Matronen, sogar der Ehemanner und Greise. Ihre Zutraulichkeit befremdete erst, dann entzuckte sie. Die fremdartige, halb suddeutsche Aussprache, der geringe Werth, den sie auf ihre Anmuth legte, ihre Neigung zum Necken gefielen so ausnehmend, dass Eifersuchtsscenen ausbrachen, und schon daruber, wer sie am langsten und am oftersten besitzen konnte. Lucinde erkannte sich kaum selbst wieder in diesen Erfolgen. Die alte Erfahrung, dass in ein steifes, allzu geregeltes Treiben ein glucklich organisirter Geist mit den leichtesten Mitteln Leben und Bewegung bringen kann, bestatigte sich aufs neue. Sie staunte uber das, was sie zu Stande brachte. Alle Herzensgeheimnisse von einem Dutzend junger Madchen kannte sie, und Manner, die sonst auf Spaziergangen kalt vorubergingen, wurden ihr jetzt in ihrem geheimsten Charakter entrathselt. Sie half, wo sie konnte. Ja, sie selbst erntete Huldigungen in solchem Ueberfluss, dass sie nicht wusste, was damit anfangen. Noch entdeckte sie alles Klingsohrn und nahm dessen Warnungen auf. Bald aber stellte sie Vergleiche an und gerieth in Neckereien und Versteckspiele, ganz in der ihr eigenen Weise, die allen und keinem gehorte. Bald folgte dann freilich auch die Reaction. Hier war eine Eitelkeit verletzt, dort ein Verdacht ubertrieben worden; schon gab es Vorwurfe, schon Verfeindungen; Freundschaften losten sich im Lauf eines einzigen Abendspazierganges durch die thaufeuchten Wiesen in entsetzliche Enthullungen, Racheplane und Warnungen auf. Hutet euch vor der! riefen die einen, wahrend die andern noch das treueste und edelste Herz liebkosten und nur ein Kind der Natur in Lucinden sahen, dem niemand gram sein konne, selbst wenn es unuberlegte Streiche machte ... Kein Wunder, dass in diesen immermehr zunehmenden Wirren Klingsohr oft stundenlang bei der Erbsen lernenden Sophia oder der "Lieder ohne Worte" spielenden Meta oder dem in der Geschichte der hamburger Burgermeister verlorenen Nikolaus verweilte alten und sich von seiner in Feld und Wald verflogenen Liebe nichts finden wollte.

In der durch eine solche Nachricht von einer wieder

in die Sumpf-, Moor-, Wald- und Sandsteppenwelt hinter Eppendorf hinausgegangenen Wanderung erzeugten Missstimmung war Klingsohr an jenem Nachmittage zur Stadt zuruckgekehrt. Da das auf der Alster vorbereitete Vergnugen ein aristokratisches war, so fanden sich in dem Kreise, den er betrat, gerade diejenigen anwesend, die ihr Patricierblut in denselben Wallungen kund zu geben pflegten, wie wenn sie zu den "Granden der Ukermark" oder zu Mecklenburgs Vollblut gehorten. Zu den Hofschlittenfahrten unter den berliner Linden konnen die Farben, die die Vorreiter tragen, die Farben der Federn, die auf den Kopfen der Rosse wehen sollen, nicht sorgfaltiger nach den heraldischen Thatsachen der Familienwappen bestimmt werden, als hier die jungen Doctoren aus den Familien der Millionare und die kunftigen Senatoren und Gesandten der Republik von den Emblemen ihrer Wimpel, den gestreiften Farben ihrer Ruderboote und Ruderer sprachen. Die "Ehre" war in ihrer ganzen, so empfindlichen und bekanntlich nur geringen Elasticitat angespannt, und Heinrich Klingsohr gab seine Rathschlage in einem Tone, als wenn er in der That ein rechtmassiger Sohn jenes Freiherrn von Wittekind war, dessen Processe er nur fuhrte.

In diesem Augenblick geschah ihm aber etwas Entsetzliches.

Eine schlanke, hohe Gestalt in schwarzem Frack, mit einem hierorts auffallenden Ordensbande im Knopfloch, drangte sich durch die dichten und dem Alsterspiegel zugewandten Menschenmassen an den von den geachtetsten jungen Mannern der Stadt besetzten Tisch, rief ein lautes, fast kreischendes: Hab' ich dich, Schurke! einem derselben, dem er den Hut vom Kopfe schlug, entgegen und schlug mit einer Reitpeitsche auf Schultern, Kopf, Hande desselben so unbarmherzig zu, dass im Nu blutige Striemen auf Stirn und Wangen sichtbar wurden. Man hatte noch Aergeres befurchten mussen, wenn dem Rasenden, der Stuhle und Tische umwarf, um noch arger uber sein Opfer herzufallen, andere nicht im Augenblick in die Arme gesprungen waren und mit der aussersten Anstrengung seinem Beginnen ein Ende gemacht hatten.

Der so Getroffene war Klingsohr. Den Angreifer erkannten sowol dieser selbst, soweit er die Besinnung behielt, wie mehrere in der Gesellschaft sogleich wieder. Es war kein anderer als ein alterer gottinger Studiengenosse, der Freiherr Jerome von Wittekind.

Der Kammerherr nannte auch sogleich seinen Namen und warf zum Ueberfluss eine Karte auf den Tisch. Andere rissen ihn fort. Das rege Rechtsgefuhl und das schnell entschlossene Naturell der Bevolkerung machte sich in der Beihulfe geltend, die der Mishandelte erfuhr; man riss den Storer des Stadtfriedens fast nieder. Die Mitglieder der Gesellschaft aber, die sein Ueberfall so urplotzlich gestort hatte, hinderten sowol die Volksjustiz wie die Arrestation. Alle erkannten, dass hier ein Vorfall stattfand, der einem Ehrengericht angehorte, nicht der Polizei. Klingsohr blutete. Sowie er zum Bewusstsein gekommen, wollte er sich entfernen. Kein Wort sprach er, ja er schien dem Ueberfall eine Bedeutung zu geben, die diesen ganzlich dem Bereich fremder Einmischung entzog. Um den Angreifer, dessen stattliche Gestalt imponirte, ja der sofort eine Erfrischung bestellte und die Borse zog, hatte sich sofort eine Gruppe gebildet. Es stand bald fest, dass eine solche Selbsthulfe hier nur die Folge eines aussersten Zwanges gebotener Umstande gewesen war, und wenn auch Manner und Frauen riefen: Er ist toll! wenn auch einige der Herren am Tische es uberdies auch schon gesagt hatten: Es ist der tolle Wittekind! so erblickte man doch zunachst in seiner Handlungsweise nur das Mass, wie weit Rache und langgeschurte Wuth vielleicht begrundetermassen einen Menschen fortreissen konnen. Den Angreifer begleiteten uber die Strasse einige seiner alten Commilitonen auf einige Zimmer, die er, vor einer Stunde angekommen, im ersten Stock der auf zwanzig Schritte nahe gelegenen Alten Stadt London genommen und auf Befehl der Polizei nicht mehr verlassen durfte. Man erfuhr von dem ohne alle Begleitung Angekommenen, dass ihm Klingsohr "seine Braut" entfuhrt hatte.

Wirr genug waren die nahern Angaben des Racheschnaubenden; aber kannte nicht jeder das Rathselhafte der Personlichkeit, mit der Klingsohr in Hamburg aufgetreten war? Der Kammerherr konnte, wenn er einen tobsuchtigen und bosen Gedanken unausgesetzt verfolgte, mit Consequenz verfahren wie ein Vernunftiger. Jetzt war er ganz heiter, lachte, liess Champagner kommen, behielt seine alten Freunde zuruck und widersetzte sich der Anordnung eines Ehrengerichts keineswegs. Die Satisfaction, die als dem so Gezuchtigten gebuhrend sogleich genannt wurde, versprach er ohne weiteres geben zu wollen, drang aber auf Eile, wobei er sich benahm, als drohten der Verzogerung Gefahren fur ihn und andere. Niemand begriff dabei aus seinem Benehmen, wie der langst als schwachsinnig Bekannte mit einer gewissen lachenden Geberde immer auch die Freude uber seine Flucht aus einer, wie es schien, gewaltsamen Absperrung kund gab.

Klingsohr wurde sofort in seine Wohnung gefahren. Ihn begleitete der andere Theil der gemeinschaftlichen Freunde. Als man von der Entscheidung durch die Kugel sprach, sprang er auf, stiess das Gefass mit kaltem Wasser, aus welchem man die Umschlage anfeuchtete, die die Striemen seines Antlitzes kuhlen sollten, zuruck und blickte starr ins Leere, wie schaudernd vor einer grasslichen Gedankenverbindung. Dann sank er in einen Sessel zuruck, dumpf vor sich hinbrutend, das Haupt aufgestutzt und den Kopf schuttelnd wie uber das Unerklarlichste der Welt. Die Beschimpfung, die er vor einer ganzen Stadt erlitten, war so gross, dass man diesen starren Ausdruck, der sich bis zum Ausbruch eines jeweiligen bittern Lachens steigerte, nur allein seinem Schamgefuhl zuzuschreiben brauchte. Nannte man jedoch den Kammerherrn verruckt, so schuttelte er den Kopf und that, als ware sein Beleidiger der Weisesten einer und von Gott selbst gesandt.

Dass Jerome von Wittekind in dem Grade schwachsinnig war, wie es Lucinde kannte, wusste man in diesem Kreise noch nicht; man hatte vor Jahren in Gottingen des Verkehrten genug von ihm erlebt, aber selbst Klingsohr kannte ihn nicht in seinem ganzen Zustande. Einem der Freunde, einem Arzt, der lange bei dem Thema der Narrheit des Beleidigers verweilte, unterbrach er die Rede. Man musste es seiner Aufregung und dem Mismuth, zur Herstellung seiner misshandelten Ehre wie einmal die Logik des Duells mit sich bringt nun noch sein Leben preiszugeben, zuschreiben, wenn seine Aeusserungen herauskamen wie ein Schauder vor den Fugungen des Geschicks. Dumpf sprach er in Stellen aus den Tragikern aus, dass das Schicksal seine Verhangnisse durch unsere eigene Thorheit und Leidenschaft vollziehen lasse.

Ebenso wichtig, wie die Vorbereitung eines Duells, die Klingsohr als den Abschluss des die ganze Stadt erfullenden Vorfalls ruhig geschehen liess, war die Fursorge, die man zu treffen hatte, um Lucinden vor dem Kammerherrn zu sichern.

Sofort wurde eine Mittheilung nach der Sommerwohnung des Herrn Carstens gemacht mit der Warnung, Fraulein Schwarz nicht einem Ueberfall blosszustellen, der bei dem Charakter einer solchen Leidenschaft, wie sie der Kammerherr zur Schau trug, leicht in einer gewaltsamen Entfuhrung bestehen konnte.

Die Damen des Hauses erschraken nicht wenig, theils uber den Vorfall an sich, theils uber die in Aussicht gestellten Folgen. Sie beklagten, eine Person aufgenommen zu haben, die nun in der ganzen Stadt ein solches Gerede veranlasste. Hatte sich Lucinde bereits unter einem Dutzend Familien die verschiedenartigsten Beurtheilungen zugezogen, so gab sie denen, die ihrem Charakter mistrauten, sie der Koketterie und Intrigue beschuldigten, jetzt eine Thatsache an die Hand, die ihr Urtheil rechtfertigte. Sie war die Geliebte eines vornehmen Adeligen und diesem von Klingsohr entfuhrt ... Schreckensworte fur das Ohr der Damen Carstens, die von Lucindens spat dauernden Spaziergangen und Landpartieen und ihrem Abends spat bis zum Dunkelbraunwerden ziehenden Thee genug indignirt waren.

Als Lucinde die Kunde von dem Vorfall am Alsterpavillon vernahm, uberfiel auch sie ein Grauen bei dem Gedanken, dem Kammerherrn zu begegnen. Nimmermehr! rief sie und sah um sich, wie einst ihre Tauben, wenn sie den Stossvogel erblickten. In dem engen Raum dieses Hauses, selbst wenn man Herrn Carstens hatte veranlassen wollen unten zu schlafen, war kein Versteck zu finden. Auf dem Rodingsmarkt gab es nur herabgelassene Vorhange, jetzt keine Betten, keine Bequemlichkeit, und doch erklarte sie, gern auf der Erde schlafen zu wollen, nur nicht sich der Gefahr auszusetzen, diesem Verfolger zu begegnen. Aber jedem der drei Geschwister fiel irgendeine Bagatelle ein, die in seinem Nichtbeisein in der Stadt beschadigt werden konnte. Sie erklarten, dann lieber auf einige Zeit alle mit in die Stadt zuruckgehen zu wollen, wodurch naturlich der Versteck wieder aufgehoben wurde. Endlich bot sich ein anderes Auskunftsmittel. Die rasch geschlossenen und rasch wieder abgebrochenen Freundschaften mit der Nachbarschaft hatten bei zwei Interessen Stand gehalten, einem materiellen und einem geistigen. Ein Modehandler vom Neuenwall hatte in der jetzigen Saison morte keinen bessern Kunden als die junge Pensionarin des Kleesaatmaklers Carstens. Lucinde war reichlich vom Kronsyndikus und Klingsohr mit Geld ausgestattet. Zu ihren Liebhabereien gehorte es nicht nur, sich zu schmucken, sondern mehr noch, in der Stadt von Laden zu Laden zu gehen und Einkaufe zu machen. Sie hatte die Liebhaberei des Schenkens. Manche von denen, die nichts mehr von ihr annehmen wollten, behaupteten, sie wollte sich damit nur das Recht erkaufen, die Menschen dann auch verletzen und argern zu konnen. Die Damen Carstens nannten sie eine Verschwenderin und begriffen nicht, wie sie bei einer Beschwerde daruber von Klingsohrn die Antwort bekommen konnten: "Feen schenken gern!" Er wusste, dass Lucinde darben, auf Stroh liegen konnte ebenso wie in goldenen Palasten wohnen. Sie hatte bis jetzt mit dem Leben nur gespielt; fast schien sie zu wollen, dass auch das Leben nur mit ihr spiele. Etwas selbst und lange zu erwarten und zu erhoffen, ware ihr das Druckendste gewesen. Hatte sie damals die Volksjustiz nicht von der Frau Hauptmannin von Buschbeck erlost, sie wurde vielleicht noch bei ihr gedient, noch die Zwetschenkerne sich zerschlagen und sie fur eine Delicatesse verspeist haben, glucklich, dass es nicht die gefangenen Mause waren.

Es gibt einen grossen Bund in der Gesellschaft, der seine eigenen Mysterien hat. Es ist dies der Bund der Notenkundigen, der einer Verschworung gegen die musikunkundige Welt nicht unahnlich sieht. Dieser Eifer, sich zu Duetten und Trios zu verbinden, bei welchem Madame Moller und Fraulein Wulff sangen, Lucinde spielte der Gesang war ihr vollig versagt , dann einmal Herr Moller mit der Violine, Herr Wulff mit der Flote begleitete, dieser Fanatismus, bei keinem Streichquartett der Dilettantenwelt, bei keinem Concert durchreisender Beruhmtheiten zu fehlen, dies ewige geheimnissvolle Verbundensein mit Felix Mendelssohn-Bartholdy auf dem Wege der Tonschlussel in A-dur und C-Moll ... das ist ein ganz eigener Cultus, der, wie es die Dissonanz des Lebens und der Genuss an etwas mehr oder minder rein gestimmter Harmonie einmal mit sich bringt, bis zur souveranen Verachtung aller Uneingeweihten fuhrt und aus Notenkundigen schon die grossten Aristokraten und Tyrannen gemacht hat. Madame Moller hatte bei einer zufalligen Anwesenheit in Leipzig von einer Schulerin Mendelssohn's singen gelernt, was so viel war als von ihm selbst. In den Raumen der Sommerwohnung Moller und Wulff hatte man Musikauffuhrungen gehalten, deren Wichtigkeit zwar nicht ganz, aber doch annahernd den Sitzungen des deutschen Bundestags gleich erachtet wurde, auch Meta Carstens schloss sich an, einige junge Buchhalter oder Gelehrte spielten Bratsche, Cello oder entwickelten guttreffende Stimmen. In diesem Kreise war es, wo sich Lucinde am langsten hielt. Sie begleitete nur, spielte nur zweite Stimmen und lachte dabei innerlich sowol uber die langen Halse der Singenden wie uber die allgemeine menschliche Eitelkeit.

In das dieser Familie gehorende Haus auf dem Neuenwall fluchtete sich Lucinde. Madame Moller und Fraulein Wulff schliefen zu ihrem Schutze in der Stadt. Aus dieser verschwiegenen Einsamkeit entstand freilich eine Frequenz, welche die des im Parterre befindlichen Sommergeschafts ubertraf. Herr Noodt hatte den Aufenthalt bald erkundschaftet und gonnte Herrn Wulff nicht die bestandige Nahe Lucindens und machte Besuch und Fraulein Smidt furchtete das und machte sich selbst bei Madame Moller zu schaffen und Fraulein Jansen furchtete wieder, Herr Gensler wurde demselben Triebe folgen, und suchte die Fahrte auf, die auch endlich nicht nur Herr Gensler, sondern auch Herr Burmester, Herr Johannsen und Herr Wilckens gefunden hatten. So verstrichen drei Tage in einem nicht endenden Klingeln der Dielenthur und einer Aufregung der an der Verborgenheit betheiligten Personen, die sich nur durch Musik beschwichtigen liess; man sang, man stritt uber Noten und Tonarten und da der Flugel fehlte, sang man Scalen und Solfeggien und stritt uber den grossern Werth der Schumann'schen oder der Mendelssohn'schen Lieder.

Um ein Wesen, das sich in dieser Lage so benehmen konnte und nur auf das dringendste Verlangen der Damen Carstens zu bewegen gewesen war, einige Zeilen des Bedauerns an Klingsohr zu schreiben, ihm ihre Flucht, ihre Sicherheit, ihren Antheil an seinem schmerzlichen Erlebniss auszudrucken, schoss sich dann zwei Tage nach der erhaltenen offentlichen Beschimpfung Klingsohr mit seinem Jugendfreunde hinter Ottensen auf zehn Schritt Barriere.

Man hatte vieles erwogen gehabt. Klingsohr hatte sich mit den Secundanten vorher eingeschlossen, hatte von seinen Verpflichtungen gegen den Kronsyndikus gesprochen; immer aber trat allen Abmahnungen das Bild entgegen: Vor einer ganzen Stadt mit der Reitpeitsche durchgehauen! Die Satisfaction konnte nur in einem Duell bestehen.

Man hatte die Formen des Duells so leicht wie moglich gemacht, die Distanzen nach den grossten Massen genommen und dennoch schoss Klingsohr seinen Beleidiger, nachdem dieser, ohnehin abgekuhlt und von der Gefahr erschreckt, einen verfruhten Schuss ohne zu avanciren blindlings abgefeuert hatte, mit dem seinigen auf einen einzigen Anschlag nieder.

Die Kugel drang zwischen die untern Rippen in Blutgefasse, die sich augenblicklich zu entleeren begannen. Eine Secunde stand noch Jerome, entfarbte sich, suchte sich zu wenden und sank entseelt zu Boden.

Nach vollbrachter That wurde Klingsohr von seinen Freunden dringend aufgefordert, den im Geholz befindlichen Wagen zu besteigen.

In dieser menschenbesaeten und gutbewachten Gegend mussten zwei Schusse selbst in der ersten Morgenfruhe auffallen.

Der mitgenommene Arzt erklarte, jeder Versuch, den Gefallenen ins Leben zu rufen, ware vergeblich.

Klingsohr zeigte einen dumpfen Schmerz. Er stand wie erstarrt und mochte sich von der Leiche nicht trennen.

Lasst mich! rief er und schleuderte die, die ihn fortziehen wollten, zuruck.

Wir beschworen dich! rief man. Klingsohr! Die Flurschutzen kommen!

Klingsohr blieb starr und schauderte ...

Der Frevel ist bestraft, wie er's verdiente! rief man. Komm!

Klingsohr beugte sich mit einem Knie, stemmte das Haupt auf das andere und fasste die erkaltete Hand des schon Verblichenen. Die lange herculische Gestalt lag marmorblass, die Lippen waren krampfhaft geoffnet, wie wenn ein Wort noch von ihnen hatte kommen sollen, das der plotzliche Tod abschnitt.

Da jeder Lebenshauch geschwunden war, so nahmen die Secundanten die wichtigsten Dinge aus den Taschen der Leiche, um sie selbst bis auf weiteres liegen zu lassen, gerichtliche Rencontres zu vermeiden und vorlaufig nur sich selbst zu fluchten.

Mit Widerstreben wurde Klingsohr in den Wagen gezogen.

Man sah Menschen dem Geholz zueilen, glaubte aber den Vorsprung noch frei. Die Rosse zogen an, der tiefe Sand gestattete kein schnelles Ansprengen. Kaum aber hatte man das Geholz hinter sich, als der Flurschutz mit einigen schnell herbeigerufenen Landleuten ihnen schon in die Zugel fiel.

Jetzt, wie zur Besinnung kommend, springt Klingsohr auf, reisst die eine der noch geladenen Pistolen an sich und erschreckt dadurch seine Freunde so, dass sie sich nur beschaftigen konnen, ihm die gefahrliche Waffe zu entwinden. Daruber verlieren sie den Vortheil entweder zu entkommen oder, wie wol in solchen Fallen geschieht, sich durch Bestechung loszukaufen.

Sie mussten ihre Namen nennen und versprechen, mit dem Wagen dem Flurschutz zu folgen.

Auf dem Stadthause in Altona wurde ein Protokoll aufgesetzt. Klingsohr, dem nur zunachst an der wurdigen Bestattung seines Opfers lag, musste zuruckbleiben. Die andern entfernten sich auf Ehrenwort.

Nach einer so ernsten Wendung war fur niemand der Boden unter den Fussen mehr hinweggenommen als fur Lucinden.

Sie kehrte auf die erste Schreckenskunde zur Carstens'schen Familie zuruck, aber der Fall wurde so vielfach erortert, mindestens so allgemein besprochen, dass sie der Gegenstand der allgemeinen Neugier und keines ihr gunstigen Urtheils wurde.

Der Schimpf, der Klingsohrn angethan gewesen, war bestraft; ihn erwartete ein Spruch der Richter; nur sie, die Veranlassung dieser blutigen Scenen, ging frei aus, und jetzt konnte selbst die Musik nicht mehr ihren klingenden Schild uber sie legen. Sie fuhlte ihre Lage und zum ersten mal war ihr Nr. 33 gerade recht; die zwei Bettschirme, die sie von den Schwestern trennten, liessen ihr gerade so viel Raum, wie sie auf einige Tage bedurfte.

Dass in solchen Lagen Naturen, wie die ihrige, allein stehen, aber auch ganz allein, das erfullte sie mit Bitterkeit. Sie machte sich Gestandnisse uber sich selbst, ihre Umgebungen und uber ihre Grausamkeit gegen Klingsohrn. Sie liebte ihn nicht mehr. Was traf sie da nach ihrer Meinung weiter fur eine Schuld! Diese ganze Umgebung war ihr peinlich geworden, da schon lange alles das es wurde, was von ihr durchschaut werden konnte. Sie hatte angefangen, sich fortgesetzt einzureden, dass diese Welt eine ganz nichtige, nur dem Schein huldigende, dass diese Menschen alle, die sie bevolkern, nur Puppen waren, die an den Drahtseilen einiger kluger Matadore tanzten. Welche Narrheiten rechts und links! Diese Schwestern, die einen Bruder tyrannisirten, nur um ein gesichertes Alter zu haben! Pedantinnen in jedem Worte, das sie sprachen, in jedem Schritt, den sie thaten, immer nach dem Wetter lugend, auch in geistigen Dingen, immer bedacht: Was werden die Leute dazu sagen! Und Herr Carstens selbst, eitel auf eine Liebhaberei, zu der er nur die Geduld, nicht die Kenntnisse besass, sonst stundenlang beschaftigt mit dem Selbstrasiren seines Bartes, dem Knupfen seiner Halsbinde! Dieser Professor links, bei jedem Worte, das er sprach, sich umsehend, wie wol dessen Wirkung ware, die Silben zahlend, als wenn er die deutsche Sprache erfunden hatte und sie schonen und nicht allzu gemein machen musse! Diese Frauen uberall von Haus zu Haus; jede versunken in ihr eigenes Interesse, in ihre Kinder, ihre Mobel, ihre Tassen, ihre Kleider, ihre etwaige Schonheit! Des Prahlens mit Gefuhlen da, mit Gedanken dort kein Ende! Die Musiknarrinnen vollends schon die lacherlichsten von allen! Nun entdeckte sie, dass sie ja viel mehr wusste als sie alle, dass sie Gesichtspunkte hatte, wahrend alle im Nebel tasteten; denn keines wusste vom Leben selbst so viel, als wie sie doch schon erkannt hatte oder wie sie Klingsohrn verdankte, der so viel Ahnungen und Lichtblicke in ihr entzundet hatte. Doch auch fur diesen ergriff sie kein reines Mitgefuhl mehr. Sie hatte die Vorstellung von sich, dass ihr im Leben irgendein weit grosseres Ziel beschieden ware und dass alle diese Begegnungen, die sie bisjetzt erlebt hatte, nur dazu dienten, ihre Entwikkelung zu fordern. Nur Schlangenhaute waren es, die sie abstreifte. Seit dem Tode Jerome's rechnete sie tiefinnerlich auch schon Klingsohrn zu dem, was fur sie abgethan war.

Was aber beginnen? Zuruck mochte sie in nichts! Das Verhaltniss zum Kronsyndikus musste nun doch wol aufhoren! Ihr Verlobter war ja der Morder seines Sohnes geworden! Jetzt erkannte sie wohl, dass Klingsohr nicht des Kammerherrn Bruder sein konnte! Die Rolle, die sie in jener Schreckensnacht auf Schloss Neuhof angefangen zu spielen, war zu Ende! ... Diese unbestimmte Gegenwart konnte indessen nicht bleiben. Und sollte sie mit ihren seidenen Kleidern und Huten betteln gehen, sie dachte an Flucht. Sie schrieb einige Briefe. Einen an ihre Geschwister, die aus dem Waisenhause zu Meistern gegeben worden waren, um Handwerke zu erlernen, einen sogar nach Eibendorf an den Pfarrer, einen wagte sie auch an den Kronsyndikus. Die Empfindungen, die die Situation der Anzeige des erlebten Schrecklichen mit sich brachte, waren ihr gelaufig, sie schrieb sie mit der grossten Gewandtheit nieder. Auch dachte sie an jene Angelika Muller, mit der sie nach Hamburg gereist war. Irgendwo hoffte sie auf Rath, nur nicht in ihrer nachsten Umgebung oder von Klingsohr.

Von diesem bekam sie aber taglich einen Brief. Die Sprache darin war besonnen. Er sagte, dass seine jetzige Lage ihm wohlthate; es lage ein unendlicher Trost darin, sich einmal so recht von dem Gesetz des Lebens, wie es ist, von den eisernen Armen der naturlichen Folgen unserer Handlungen gehalten zu sehen und keinen freien Willen mehr zu haben. Er bat sie, eine Weile auszuharren, bald wurde sein Geschick entschieden sein; ein Jahr Festung wurde nicht ausbleiben; er wurde diese Strafe in einer schonen Stadt am Busen der Ostsee zu verbussen haben; wenn er wusste und er wisse es ja! dass ihm in sein dunkles Leben nur der Glanz ihrer Liebe schiene, so konnte er sein Loos nur preisen. "Es liegt", schrieb er, "ein Zauber im Dulden und Gehorchen; es liegt ein Zauber im Mussen, die wahre Freiheit im Sichgefangengeben! Schon mit dem entstromenden Blut meines unglucklichen Opfers wurde mir leichter! Ich hatte mit seinen rinnenden Tropfen selbst sterben konnen! Dass ich diese That auf dem Gewissen habe, druckt mich nicht zu sehr. Die Beschimpfung, der ich vor hunderten von Zeugen ausgesetzt war, uberschritt jedes Mass. Der Kammerherr war nicht in dem Grade geistesschwach, dass er nicht mit kluger Berechnung einen so boshaften Plan ausfuhren konnte. Alle meine Richter sind voll Theilnahme und schon meine Freunde geworden. Der Greis auf Schloss Neuhof wird seinen Sohn von mir nicht fordern, ... von mir nicht, Lucinde! ... Ich schrieb ihm nicht. Theile Du mir mit, was er Dir antworten wird, falls Du ihm den Vorfall anzeigst, wie schon andere thaten. Sag' ihm, dass ich ihm das Vaterherz, das er mir einst schenken wollte, jetzt zuruckgegeben hatte und meinen Weg auch uber die Walle einer Festung hinweg finden wurde; irgendwohin komm' ich schon, wo ich mit Dir, Lucinde, meine Hutte bauen kann! Lies Bernardin de St.Pierre! Und lerne dann englisch! Diese britische Literatur hat Freude an den Dingen, wie sie sind! Es geht nichts uber die Ergebung, nichts uber die Geduld, die sich mit einer Blume und einem einzigen Sonnenstrahl beschaftigen kann! Sieh, hier hab' ich ein Zimmer, angenehm, geraumig, aber das Licht fallt von oben, die untern Fensterladen sind geschlossen und nicht zu offnen. Zwischen den Ritzen stiehlt sich ein Sonnenstrahl hindurch. Ich beobachte ihn stundenlang. Er geht wie der Schatten eines Sonnenuhrzeigers im Kreise. Es ist ein Nichts, ein Schein und doch wie wesenhaft! Die Atome zittern und tanzen in ihm! Ohne diesen Strahl wurden die Atome sinken und nicht, fur mich wenigstens, dasein, aber in ihm wirbeln und erhalten sie sich und immer rundum. So halten sich die Welten! In einem hohern Sonnenstrahl werden wir einst das selber sehen, selber fuhlen! Wie uberflussig alles Wissen, wenn man das weiss! Ich brauche kein Buch mehr. Man hat mir Bucher und Schreibpapier angeboten. Ich will nicht mehr haben als ich brauche, um an Dich zu schreiben. Lesen ist mir verhasst. Jeder Buchstabe, der nicht aus der Welt jenes meines einzigen Sonnenstrahls kommt, thut mir weh. Menschen! Menschen! Ihr dunkt euch so viel! Ich konnte alles hingeben wie ein Monch, wenn nur im Klostergarten ihm sein kleines Blumenbeet bleibt!"

Fur Lucinden waren diese Klagen nicht im mindesten ruhrend. Sie schrieb, aber sie beantwortete gerade diese Klagen nicht. Sie uberliess sich scheinbar Klingsohr's Anordnungen, besprach aber eine Reise nach England mit Herrn Carstens, der schon, um sie zu entfernen, in Correspondenz mit jenem Pachter stand, dessen Bekanntschaft er die Pensionarin verdankte. Nach dem Glauben der Nachbarn war Lucinde schon fort und manchem ihrer Nekrologe oder agyptischen Todtengerichte, die ihr vor dem Fenster und hinter herabgelassenen Vorhangen draussen in der Laube von einem Einsprechenden gehalten wurden, konnte sie selber zuhoren.

Am Tage nach dem Begrabniss des Kammerherrn war ihrer Ungeduld kaum noch einzuhalten. Die Verantwortlichkeit des Hauses fur sie hatte sich aufs hochste gesteigert. Die Damen Carstens schliefen nicht mehr. Sie schlossen Lucinden am Tage ein, sie versagten sich selbst den Genuss der Natur, gingen nicht aus, verschlossen sogar das Piano, nur damit sich Lucinde nicht durch Spielen verrieth.

Noch den dritten, vierten Tag liess sie sich durch eine Reisebeschreibung uber England beschwichtigen. Am funften aber drohte sie mit einem Sprunge aus dem Fenster. Sie hatte gerade beide Schwestern, die sie verzweiflungsvoll an den Kleidern zuruckhielten, hinter sich, als ein eleganter Wagen draussen am Staket vorgefahren kam mit zwei Bedienten, von denen einer die Livree des Schlosses Neuhof trug.

Der Schlag offnete sich und ganz in Schwarz gekleidet trat, unterstutzt von dem andern Diener, eine lange, hagere Gestalt aus dem niedergelassenen Schlage.

Excellenz, der Kronsyndikus! rief Lucinde und ware fast aus dem Fenster und dem Ankommenden an den Hals gesprungen.

Um alles in der Welt von den Schwestern um Anstand und "sittliches Betragen" ersucht, hielt sich Lucinde zuruck und bedeutete die Wachterinnen, dass sie denn doch eilends selber Seiner Excellenz entgegengehen mochten.

Die Schwestern, "zwei Seelen und Ein Gedanke", drangten sich schon vor einem Spiegel, um ihre Frisur, ihre Kleider zu ordnen. Dies wahrte lange. Der Kronsyndikus war inzwischen im Garten und pochte schon an die seither immer verschlossen gewesene Hausthur.

18.

Hatte Lucinde den Ankommenden nicht schon beim ersten Schritt aus dem Wagen erkannt, aus diesem leisen und zuruckhaltenden Pochen wurde sie es nicht gekonnt haben. So pflegte sonst der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht zu pochen.

Er nahm, da nicht geoffnet wurde, den Stab, auf den er sich im Gehen gestutzt hatte, und pochte wiederholt an die Thur, doch aber auch mit dem Stabe ebenso zuruckhaltend wie zuvor mit der Hand.

Als die Fraulein Carstens in ihrer Toilette so weit vorgeschritten waren, sich einem solchen Besuche vorstellen zu konnen, offneten sie und baten wegen der Verzogerung um Entschuldigung.

Das Auge des Greises, der leise irgendetwas Verbindliches brummend erwiderte, suchte nur Lucinden.

Als sie vortrat, umarmte er sie mit Innigkeit. Eine Thrane stand ihm in den weissen Wimpern; er bedurfte iniger Erholung, bis er sprechen konnte.

Thranen kannten Lucindens Augen in dieser Situation nicht, aber sie sprach mit Innigkeit zu dem gebeugten Greise, der jetzt einen Stuhl suchte, sich zu sammeln. Lucinde wurde mit noch grosserer Herzlichkeit seinen Gruss erwidert haben, wenn die Redseligkeit der Fraulein sich nicht in einen Wettstreit von Beileidsbezeigungen ergangen hatte. Da so vier Stuhle jetzt zusammengeruckt zu sehen zum ceremoniellen Erortern des "Unglucks" und des "bejammernswerthen Vaterschmerzes" u.s.w., das benahm ihr jede Lust, sich ihrerseits an dem Beileid zu betheiligen.

Der Kronsyndikus schien die gleichen Gefuhle zu hegen.

Nach einigen Klagen uber sein schmerzliches Geschick, einigen Berichterstattungen uber die nach Schloss Neuhof bereits von einem andern der mitgebrachten Diener abgesandte Leiche seines Sohnes erhob er sich und forderte Lucinden auf, in den Wagen zu steigen und mit ihm in den Umgebungen der Stadt spazieren zu fahren.

Diese Veranlassung, die Gefangene wieder in die Offentlichkeit zuruckkehren zu lassen, war zu gebieterisch. Die Fraulein trugen selbst Hut, Sonnenschirm, einen Ueberwurf herbei und erschopften sich in Zartlichkeiten und Schmeicheleien fur Lucinden, als ware nie etwas zwischen ihnen vorgefallen.

Der Kronsyndikus bot Lucinden den Arm. Es war eine Artigkeit; aber eher hatte sie sich veranlasst fuhlen konnen, ihm den ihrigen anzubieten. Denn wie schritt er langsam und hinfallig! Seine Augen lagen tief in den Hohlen! Das Antlitz war so wachsbleich und mit einem Netz von Runzeln und Furchen nach allen Richtungen hin uberzogen, wie ein Kopf von jenem Denner, der in dieser Stadt gemalt hat. Die weissen Barthaare standen auf den hohlen Wangen wie zum Zahlen.

Der in der grossen Livree der Wittekinds harrende Diener war noch zu dem Commissionar des Hotels, der durch die Stadt den Fuhrer machte, hinzugesprungen, um seinen Herrn beim Einsteigen in den Wagen zu unterstutzen. Lucinde erkannte ihn wohl. Es war der gewohnliche Diener des Kammerherrn ... Jerome war dem Grafen Zeesen plotzlich entsprungen gewesen. Wer ihn mit den Vorgangen auf Schloss Neuhof bekannt gemacht, ihm Lucindens und Klingsohr's Aufenthalt verrathen, die Mittel zur Flucht verschafft hatte, war unbekannt. Erst zwei Tage darauf, nachdem man ihn vergebens in Eibendorf beim Pfarrer gesucht, entdeckte man die Spur, die nach Hamburg fuhrte, und die schnell nachgeschickten beiden Diener kamen zu spat. Diese waren es gewesen, die noch fruher als Lucinde und die Behorden an den Kronsyndikus das traurige Ende seines Sohnes berichtet hatten.

Nach vollstandiger und so auf alles Erlebte wiederholt zuruckkommender Erorterung sagte der Kronsyndikus:

Lucinde! Du kennst meine Anhanglichkeit an den Doctor! Du weisst, wie mich der Tod seines Vaters erschutterte! Ich trug ihm, wie du weisst, gleich denselben Abend meine Hand zum Schutz und Beistand an, ja, bot ihm sogar den Vaternamen! So schmerzhaft er mir diese Gesinnung vergolten hat, so will ich sie ihm darum doch nicht entziehen. Die ihm von Jerome angethane Mishandlung war die schimpflichste, die ein Mann erleben kann. Eine Genugthuung musste ihm werden. Dass freilich seine Hand dazu bestimmt war ...

Nun stockte der Greis; die leise zitternden Kinnladen schienen die Kraft nicht zu haben, seinen Gedanken zu folgen. Er veranderte seine Rede und sagte:

Dass seine Hand so unglucklich war, Jerome bis auf den Tod zu treffen! Es ist aber einmal Gottes Fugung so gewesen, nun muss es verschmerzt werden! In unserm Kloster Himmelpfort werden wir Jerome beisetzen und im Park will ich ihm an der Stelle, wo er dir damals, als die Verwandten dich entdeckten, zum Pavillon hinaufrief da will ich ihm noch eine kleine Pyramide setzen lassen, so eine, wie er zu drechseln pflegte, das Bild der jenseitigen Sehnsucht nach Puttmeyer ... Jerome ist ohne Beistand seiner Kirche gestorben. Das Fraulein Angelika Muller sprach ich schon. Du hast sie arg vernachlassigt!

Lucinde schutzte Mangel an Zeit und Interesse vor. Das Verweilen bei religiosen Erwagungen war ihr am Kronsyndikus neu ...

Der Wagen fuhr, wie befohlen worden war, langsam uber die Walle der Stadt ... Manche Spazierganger in den Alleen erkannten Lucinden und diese hielt sich denn auch gerade so, als sollte alle Welt die Genugthuung bemerken, die ihr soeben wurde ...

Der Kronsyndikus fuhr fort:

Auch Klingsohrn sah ich schon! Er hat nur den einen Schmerz, nicht in deiner Nahe zu sein. Die grosse Stadt hat dich zerstreut, Lucinde! Ich hoffe nicht, dass du mir den Schmerz anthust und deinen Freund vernachlassigst! Ich habe versprochen, euer beiderseitiges Gluck im Auge zu behalten, werde aber meine Hand unerbittlich von dir abziehen, wenn du Heinrich tauschen konntest! Es ist einer von den Mannern, die des weiblichen Umgangs bedurfen, die aber nicht die Geduld haben, sich einen wurdigen Gegenstand ihrer Liebe langsam zu erobern. Mit Geist und Charakter wollen die Frauen selten einen Mann. Sie wollen fast immer nur, wer ihnen schmeichelt oder amusant ist oder im besten Falle Gemuth verrath, worunter sie etwas verstehen, was so viel wie unbedeutend ist. Klingsohr wurde in der Wahl seiner Liebe immer nur fehlgreifen. Er ist tief gebeugt. Du wirst ihn durch deine Heiterkeit und Unbefangenheit wiederaufrichten. Also? Ich rechne auf deine Bestandigkeit!

Nicht aus Schonung fur den wie verwandelten Greis, sondern aus Furcht vor seiner, wie es schien, sehr ernst gemeinten Drohung gab Lucinde Versicherungen, von denen ihr Herz nichts wusste.

Man wird deinen Freund, fuhr der Kronsyndikus fort, zu einer Festungshaft verurtheilen. Er wird sie abzubussen haben in einer Stadt, die ich in meinen jungern Jahren wohl gesehen habe. Sie liegt an einem schonen Busen der Ostsee. Ja, der liegt mir so blau vor Augen, als ware ich erst gestern dagewesen! Der Menschenkreis dort ist klein, aber traulich. Eine Universitat, eine Besatzung beleben den kleinen Ort. Familien, die dich in ihre Obhut nehmen, werden sich finden lassen wie hier. Heinrich sitzt dabei auf der Festung. Anfangs wirst du ihn wol in der Festung sehen konnen, spater wird er, denk' ich, auf Stunden sie verlassen und in der Stadt sich aufhalten durfen. Man ist gegen Gefangene dieser Art nachsichtig; nach einem Jahre schon ist die Strafe, wenn sie auch vielleicht auf drei Jahre verhangt wurde, abgebusst. Ich, als Vater des Erschossenen, werde in Kopenhagen selbst um Gnade bitten, das wird die Haft kurzen. Dann bin ich dafur, dass Heinrich seinen Schatz von Gelehrsamkeit in Gottingen zur Anerkennung bringt und dort um eine Professur wirbt; du hast all die Fahigkeiten, die ihm fur die strenge Verfolgung solcher Plane mangeln. Du wirst ihm durch die Ehe uberhaupt erst die Erziehung geben, die er eigentlich nie bekommen hat. Seine Mutter starb fruh ... Was ich dir einst von ihr sagte, war ... Eingebung des Augenblicks! Nichts weiter! Er hat dir davon erzahlt?

Lucinde nickte. Sie versprach alles, was der Kronsyndikus nur zu horen wunschte. Sie war schon glucklich, aus der Gesellschaft der Fraulein Carstens erlost zu sein. Sah sie doch jetzt, auf einer Spazierfahrt, wie sie sie nie gemacht, zum ersten mal erst das schone Hamburg! Und nun schon wieder das neue Bild der See, einer Universitat, einer Besatzung Vorstellungen, die ihre Phantasie ganz in Beschlag nahmen. Nur mit Widerstreben kehrte sie in ihre Klause zuruck, an welcher der Kronsyndikus nach einer Stunde vorfuhr. Von den Fraulein am Staket empfangen, gab sie sich unbehindert den staunenden Blicken aller Nachbarn preis. Der vornehme Herr, der sie so ehrte, war ja der Vater ihres erschossenen "ersten Verlobten".

Am folgenden Tage sah sie, wieder in Begleitung des Greises, auch Klingsohrn im altonaer Stadthause. In der Sehnsucht, ihre gegenwartige Lage geandert zu bekommen, ging sie auf alles ein, was man von ihr voraussetzte. Sie war, vom Kronsyndikus, der indessen eine Weile am Ufer der Elbe auf- und abfuhr, mit Klingsohrn allein gelassen, ganz so hingebend, ganz so vertrauend, wie der Gefangene nur verlangte. Sie konnte ihn in der Voraussetzung zurucklassen, dass er auf die Treue "seines Madchens" wie auf Felsen wurde bauen konnen. Vor ihrer Kunst, sich in die Umstande zu schicken, auf eine Erinnerung an den Kammerherrn den Blick zu umfloren, auf ein sturmisches: Sieh mir ins Auge! fest und sicher die schwarzen Sterne Klingsohrn entgegenzuhalten, erschrak sie selbst. Klingsohr gerieth in einen Ausbruch von Wonne, wie damals in der verhangnissvollen Abendstunde auf Schloss Neuhof. Sprang er auch wol mitten aus einer Liebkosung auf, trat vor sie hin, streckte die Hand aus wie um sie zu erwurgen und sagte: Schlange! Bist doch falsch! Falsch! Ich weiss es! ... so entwand sie sich ihm leise, wendete ihm ihren Nacken zu, versteckte den Kopf wie schmollend in die Ecke des Sophas, und erst dann, wenn er sie dennoch in dieser Lage umfing, mit den Armen gewaltig ihren schlanken Leib umspannte, den Kuss seiner Lippen auf ihre Schultern druckte, zog sie diese wie furchtsam ganz in die Hohe und wandte sich leise und allmahlich erst mit dem Kopfe herum, allmahlich die brennenden Augen erhebend, dann sprang sie auf und warf ihn scherzend zuruck, gerade so, wie im Kafige die Panther zu spielen pflegen.

Vierzehn Tage brachte Lucinde dann noch mit dem Kronsyndikus zu, um mit ihm allem die Guter desselben zu bereisen.

Der Abschied von den Damen Carstens war ein einziger Jubel ihrer endlich befreiten Seele. Da sie den trauernden Greis, wie es auch dieser ihr ausdrukklich dankte, mit ihrer Heiterkeit erfreute, so liess sie ihrem Humor ganz den Zugel schiessen ... Sie parodirte alle Erinnerungen an Schloss Neuhof, an die Lisabeth, an alle Inspectoren, an die Arbeiter, und nur vor Stephan Lengenich musste sie Halt machen. Der Arme sass noch immer und kampfte gegen die Verdachtsgrunde, die ihn gravirten, vergebens. Seine wichtigste Entlastung, jenes grune Stuck Tuch, das man gleich anfangs bei der Leiche des Deichgrafen gefunden hatte, war, rathselhaft genug, abhanden gekommen. Auch von ihren neuern Erfahrungen erzahlte Lucinde und stellte so viel Caricaturen auf, dass sie den Greis zu der aufrichtigen Versicherung veranlasste, nur mit schwerem Herzen trate er sie an Klingsohrn ab, sie ware wie geschaffen, ihm den Rest seiner Tage zu vertandeln. Auch von seinem jetzt alleinigen Erben, dem Oberregierungsrathe, sprach er wieder mit der alten Erbitterung. Dieser war ein Anhanger des Gouvernements in einem Grade, dass er ihn, nach einer in seiner heimatlichen Gegend gelaufigen Erinnerung an Hermann den Cherusker, immer nur den neuen Segest nannte; Lucinde besass Kenntnisse genug, darunter einen Verrather zu verstehen.

Die holsteinische Reise bot Natureindrucke und Abwechselungen, wie sie sich von diesen Flachlandern kaum erwarten liessen. Sanfte Hugel und Thaler wechselten mit Seen, letztere von prachtvollen Buchenwaldern eingerahmt, fischreich und uberflattert von wildem Geflugel. Die Glocken von stattlichen Rinderheerden lauteten auf Wiesen, die sich hinzogen wie Alpenmatten. Jede Blume, die auf den Stoppelfeldern noch zuruckgeblieben, musste mitreisen. Lucinde stieg aus und wand Kranze, den Greis zu schmucken, der sich's gefallen liess, wenn ihn sein Rundblick uber die landwirthschaftlichen Eindrucke zu ernst stimmte. Die Besitzungen, an denen man voruberfuhr, waren schlossahnlich, von grossen, massiven Wirthschaftsgebauden umgeben, mit Garten und Parks geschmuckt. Die Bauernhauser standen denen ihrer Herrschaften nicht nach. Alles zeugte von Wohlhabenheit und bestritt die Ansichten, die Lucinde vom Plattdeutschen als dem Ausdruck der Lassigkeit und Tragheit hatte. Die Krone aller dieser Eindrucke, die noch uber den Eindruck der in sonnenglanzenden Waldern still verborgenen Seen ging, war das letzte Ziel der Reise, die Hafenstadt am Busen der Ostsee selbst.

Wo kamen in diesen Flachlandern plotzlich diese dunkelgrunen hohen Ufer her! Diese bewaldeten Hohen, von deren Fuss sich die grellrothen Dacher der Fischerdorfer abhoben, wie wenn im gleichen Landschaftsgefuhl Natur und Kunst sich begegneten! Auf dunkelblauer Flache weisse Segel, Moven im flatternden Neckspiel, der Spiegel des Wassers so blau, so krystallen, wie eine riesige Schale von Saphir, und daruber her der Himmel, so durchsichtig und ahnungsschwer die nahe geruckte Ferne verrathend, Ufer so vieler Inseln, Skandinaviens wie gesehene Kuste! ... Auch die Festung mit dem hochragenden Danebrog, auch die Stadt mit ihren Promenaden und Alleen trug den Charakter, als betrate man einen einzigen uppigen grossen Garten.

Hier in Kiel, wo man spater noch jahrelang von Lucinden sprach, wurde sie einer Professorenfamilie ubergeben. Als die Bedingungen geschlossen waren und ihr Einzug gehalten werden konnte, rustete sich der Kronsyndikus, von ihr Abschied zu nehmen. Er hatte seine Bereitwilligkeit, ihren Wunschen zu genugen, auch noch darin bewahrt, dass er in dem Hause des Professors seiner Pflegetochter, wie sie beinahe genannt wurde, eine grossere Freiheit erwirkte, als sie in Hamburg genoss. Sie hatte ihre eigenen Zimmer. Die Nachricht, dass sie die Braut eines Festungsgefangenen war, hatte sich bald verbreitet. Der seltsame Umstand, dass der eigene Vater des vom Dr. Klingsohr erschossenen Herrn von Wittekind es war, der seine Hand schutzend uber sie ausgestreckt hielt, wurde romantisch genug ausgeschmuckt.

Am Abend vor der Abreise des Kronsyndikus hatte sie mit ihm noch eine herzbeklemmende Scene ... Sie hatte, da er ganz in der Fruhe reisen wollte, die Nacht uber wieder in dem Gasthofe bleiben wollen, wo sie gleich anfangs mit ihm abgestiegen war. Sie konnte ihn erst in spater Abendstunde erwarten, wo er zuruckkehrte von einer Unterredung mit einigen osterreichischen Offizieren, die sich in dieser "rossprangenden", an Gestuten reichen Gegend zum Ankauf von Pferden befanden. Schon oft hatte sie auf Schloss Neuhof von jener kindlichen Blondine, der Grafin Paula von Dorste-Camphausen, einer Nichte des Kronsyndikus, gehort, dass ihr unermesslicher Reichthum nach dem Tode ihres krankelnden Vaters, des Grafen Joseph (Schwagers des Freiherrn), Anlass zu einer grossen Veranderung geben wurde auf Antrieb einer in Oesterreich ansassigen zweiten Linie des alten Grafengeschlechts der Camphausen. Der Kronsyndikus, der Oheim, vielleicht der kunftige Vormund der beiden letzten Augen, auf welche die eine Linie stand, der schonen sanften Augen jener Kleinen, die einst Zeuge gewesen war, wie sich Lucinde in die Pagode des Wassergeflugels auf Schloss Neuhof gefluchtet hatte, war mit dem Vertreter der osterreichischen Linie, Grafen Salem-Camphausen, hier zusammengetroffen zu Besprechungen, in die Lucinde, wie in die vielen andern Beziehungen, in deren Chaos der Kronsyndikus lebte, keine nahern Einblicke erhielt. Diese Besprechungen fanden in einem Badeort bei Kiel statt, dessen Name dem Kronsyndikus Erinnerungen wecken musste, unheimlich genug Dusternbrook.

Gegen neun Uhr kam der Kronsyndikus von einem Diner heim, bei welchem wider Vermuthen eine Anzahl von Offizieren der Garnison zu Ehren der fremden Gaste zugegen gewesen war. Graf Hugo von Salem-Camphausen, ein stattlicher junger Cavalier, begleitet von seinem Freunde, einem Baron Wenzel von Terschka, wie Lucinde schon wusste, fuhrte den Kronsyndikus die Stiegen des Hotels hinauf. Sie sprang in ihr fruher schon innegehabtes Neben- und Schlafzimmer, merkte aber wohl, dass der Greis in der Gesellschaft frohlicher Lebemenschen sein Leid vergessen und dem Weine zugesprochen hatte in altgewohnter Art. Dennoch blieb er still und verabschiedete sich von dem Grafen mit einem Tone, der seiner gedruckten Situation angemessen war.

Als die Cavaliere sich entfernt hatten und zu einigen Wagen voll Offizieren (unter ihnen ein Prinz von einer Seitenlinie des regierenden Hauses) zuruckgekehrt waren, um, wie Lucinde spater erfuhr, noch in die heute stattgefundene Eroffnung der Theatersaison zu fahren und dort die Kritik der neuen Truppe mit einigen Demonstrationen zu verbinden, die das aufgefuhrte Stuck unterbrachen und einen Conflict mit der im Parterre befindlichen Studentenschaft herbeifuhrten, klopfte sie an und trat zum Kronsyndikus ein. Dieser sass bereits am geoffneten Schreibbureau. Er hatte ein Kastchen geoffnet, aus dem er Schmuckgegenstande hervorgenommen hatte ...

Wie er Gerausch horte, sprang er auf und rief:

Wer da?

Es wahrte einige Augenblicke, bis sich der heftig erschrockene Mann in die Nahe Lucindens gefunden hatte.

Der Diener brachte noch einige Lichter mehr, da sich der Kronsyndikus beim Herauskommen, trotzdem, dass zwei schon brannten, uber die grosse Dunkelheit beklagt hatte.

Lucinde erklarte den Grund ihrer Anwesenheit: Die Abreise ihres Wohlthaters in erster Morgenfruhe und ihr Bedurfniss, den Abschied noch bis dahin zu verschieben.

Auffallend langsam fand sich der Greis in dem, was sie sagte, zurecht und erwiderte wie abwesend:

Gut! Gut!

Jetzt winkte er dem Bedienten und sagte, dass er zu Bett gehen wollte.

Lucinden einfach zunickend, ging er ins Nebencabinet und druckte die Thur desselben zu.

Nach einer Weile kehrte der Diener zuruck und flusterte Lucinden zu, die mit Spannung gewartet hatte:

Es muss ihm was in die Quere gekommen sein ...

Wo aber? fragte sie ebenso leise.

Bei den Offizieren!

Diese wussten doch, dass er trauerte, und dennoch

Lucinde wollte sagen, wie unrecht man gethan hatte, ihn in den Zustand zu bringen, wie sie ihn gefunden ...

Der Diener erzahlte aber, dass die Offiziere im Gegentheil in grosster Ruhe zu Tisch gesessen hatten, dass von dem Grafen Salem-Camphausen ein Glas ergriffen und gesagt worden ware, sie wollten es leeren ohne anzuklingen und dabei eines unglucklichen Vaterherzens gedenken. Feierlich hatten da alle die Glaser ausgetrunken und sie niedergestellt wie "aufs Tempo". Es hatte einen schauerlichen Eindruck gemacht. Da nun aber ware der Kronsyndikus selbst gesprachig geworden und hatte, aus Dankbarkeit und wol auch Ruhrung uber die Schonung, die Herren ermuntert, es nicht so ernst zu nehmen. Nun ware die Rede auf Lucinden gekommen

Auf mich? fragte sie erstaunt.

Der Diener konnte auf ihr Drangen, was man von ihr gesagt hatte, nichts erwidern; denn da er beim Aufwarten geholfen, hatte er sich gerade entfernen mussen.

Wie ich aber zuruckkomme, fuhr er flusternd fort, lachen sie alle, sprechen aber franzosisch und der Alte zieht aus der Tasche eine von den Kostbarkeiten, deren er Ihnen schon viele geschenkt hat ...

Warum aber das?

Er hat noch eine Menge fur sie auf morgen zum Abschied ausgesucht! Da drinnen im Secretar!

Das wird er doch den Offizieren nicht gesagt haben?

Verstanden hab' ich blos, wie er das Armband ein Armband war's herumzeigte ... da sagten sie alle: Superb! Charmant! Namlich auf franzosisch!

Aber warum nur zeigt' er's denn?

Ich meine gar ... und ganz gewiss ... sie stritten uber Ihre ... Ihre Nase, Fraulein!

Dummer Schnack!

Mein Seel', wirklich! Ob die spanisch oder italienisch ware ... oder ... Da sagte der eine, der den Grafen aus Wien mit hierher begleitet hat ...

Herr von Terschka ...

Der sagte, das Bild auf dem Armband das namlich auch ganz Ihre Nase haben sollte ware eine Italienerin, die er kenne ... aus Rom ... und genannt hat er sie auch ... Jetzt fiel der Graf ein und sagte auf deutsch: Ja, Terschka, das ist ja halt die leibhaftige ... Nun nannte der wieder einen Namen ... aber einen deutschen, den ich nicht behalten konnte ... aber eine Kunstreiterin war's ... das schonste Madchen in Wien ... und wahrend nun wieder die Offiziere zwar in Lachen ausbrechen wollten, aber sich zuruckhielten und doch nicht zu lebendig werden wollten ... wegen der Trauer ... hielt sich der Alte gerade am wenigsten, redete allerlei durcheinander, schenkte die Glaser rings um sich her voll, schnackte vom Hundertsten ins Tausendste, und wenn er nun die Nacht nicht ordentlich schlafen kann, so ist's seine eigene Schuld. Um vier Uhr soll ich ihn wecken.

Der Diener ging.

Lucinde schuttelte den Kopf, dachte aber bald nur noch an das schone Armband, an den Streit der Offiziere, ging ins Nebenzimmer, sah sich beim Entkleiden im Spiegel, forschte nach der Nationalitat ihrer Nase und ging zu Bett.

Kaum mochte sie, mude vom Warten, eine Stunde geschlafen haben, als sie erwachte. Der Mond schien hell ins Zimmer, sie hatte vergessen die Laden zu schliessen ... Der Wachter rief die elfte Stunde ... einige vereinzelte Rufe und Liederintonationen kamen von den vom Wirthshaus heimkehrenden Studenten, in deren Leben sie sich durch Jerome's und Klingsohr's Erzahlungen schon langst zu versetzen gewusst hatte. Der Theaterlarm hatte die Kopfe vollends erhitzt ...

Wie es dann wieder still wurde und sie eben im Begriff war, auch wieder einzuschlafen, horte sie im Nebenzimmer Gerausch.

Ein harter Gegenstand fiel nieder und rollte auf dem Fussboden hin.

Sie erhob sich ...

Jetzt horte sie Schritte und laut reden ...

Sie sprang auf ... sie hatte vergessen, die Verbindungsthur zuzuriegeln ...

Es war aber der Kronsyndikus selbst, der ohne Zweifel mit seinem Bedienten sprach, den er durch eine Klingel wecken und vom Corridor zu sich heruberrufen konnte.

Als sie aber die Riegel leise zugeschoben hatte, horte sie, dass der Kronsyndikus allein sein musste. Er achzte und stohnte und sprach mit sich selbst ...

Jetzt durfte sie annehmen, dass ihm etwas zugestossen war ...

Rasch warf sie sich einen Rock uber, hielt einen grossen rothen Shawl in Bereitschaft und trat wieder an die Thur ...

Der Greis war allein und, wie sie horte, in grosser Aufregung ...

Sie unterschied Worte, die er sprach ...

Jetzt war es ihr, als wenn er um Hulfe rief ...

Nun hielt sie sich nicht langer, sondern druckte die Thur auf und trat, so wie sie war, vom Shawl verhullt, in ihrem von einem Haubchen zusammengehaltenen Haar, im weissen Unterkleide ein.

Wie entsetzte sie sich aber, als der Kronsyndikus mit einem Stockdegen in der Hand aufrecht im Zimmer stand, bei ihrem Anblick auslegte und sie mit aufgerissenen Augen anstarrend anfuhr:

Gespenst! Zuruck! Was sagst du, dass du mein Weib bist! Romische Schlange! Ich

Lucinde stiess einen Schrei aus, denn mit dem gezuckten Degen kam der Fieberkranke, Halbnackte dicht auf sie zu. Den Irrthum seiner Phantasie erkennend, liess er in demselben Augenblicke den Degen fallen. Dieser klirrte auf ein Glas nieder, das vom Nachttisch des Nebenzimmers gefallen sein musste, seines starken Bodens wegen aber nicht zerbrochen, sondern bis in das Wohnzimmer gerollt war, als dessen Thur von dem Aufgeregten geoffnet wurde.

Lucinde, sagte der Greis, sie erkennend und seiner Erscheinung in einem Nachtkamisol und mit nackten Fussen nicht achtend, Lucinde, komm her! Steh mir bei, ich sehe nichts als Blut ich habe mich verwundet

Nein, Nein! beruhigte ihn Lucinde, die sich im Mondenschein leicht orientiren konnte und einer Nacht gedachte, wo sie ebenso ihren Vater einmal, als er spat aus dem "Vorspann" gekommen war, zur Ruhe bringen half, wahrend alle Geschwister um den Wahnsinnigscheinenden herumstanden und schrieen ... Sie achtete seines Aufzugs nicht.

Der Fieberkranke liess sich nicht bedeuten und sagte:

Doch, Kind! Sieh doch nur! Da! Und nun huschen diese Kerle alle um mich herum und stehen mir nicht bei! Hunde, was schnuppert ihr denn nur an meinen Beinen! Jesus Marie, lasst doch die Menschen aus der Stube! Lisabeth, was soll denn der Monch da in der Kutte? ... Fort mit dem Buschbeck! Sind Sie des Teufels, Herr! Und schiessen ihre giftigen Pfeile auf mich ab, Mensch? Halt! Halt! Fort, brauner Teufel! Hier, ha, was liegt denn da im Wege? Woruber fall' ich denn ewig? Wieder der Dicke? Jesus! Bringt ihn mir doch fort! Was liegt denn der Dicke mir ewig im Weg und lasst so die Menschen uber sich fallen!

Lucinde that das Moglichste, den mit herzzerreissendem Jammer Phantasirenden zu beruhigen ...

Zu wild aber jagten die Bilder vergangener Tage an dem Verzagten voruber. Kaum hatte er Lucinden erkannt, war sie ihm doch schon wieder eine andere und vorzugsweise jene Schreckgestalt, die er erst zu sehen geglaubt hatte. Den rothen Shawl nannte er einen Konigsmantel, die Haube die Krone der Semiramis Mitten in seine Angstrufe mischten sich italienische Laute, die Lucinde nicht verstand ... Auch die Kunstreiterin schien vor seiner Phantasie auf- und abzugaukeln.

Endlich hatte Lucinde den Klingelzug erreicht und zog diesen aufs heftigste ...

Vor dem Ton fuhr der Greis zuruck. Es musste ihm sein, als hatte ihm mit diesem schrillen Laut jemand einen Schlag gegeben, so taumelte er und blieb eine Weile starr. Die Besinnung kehrte wieder. Lucinde klingelte zum zweiten mal. Er sah um sich, verglich den Ort, wo er war, sah ruckwarts auf sein dunkles Cabinet, und wie Lucinde unerschrocken zum dritten mal geklingelt hatte, winkte er ihr zu mit vollkommenem Bewusstsein, sie sollte das nur lassen und jetzt gehen.

Da sie zogerte, schuttelte er den Kopf, besah seinen Aufzug und sprach wiederholt und aufs bestimmteste:

Geh, geh, Kind! Ich habe schwer getraumt ... Das Mahl mit den Herren ... ich hatte nicht dabei sein sollen ... geh, geh!

Indem horte man schon eilende Schritte auf dem Corridor, schon das Einsetzen des Schlussels, den der Diener, um fruh den Herrn wecken zu konnen, mit sich genommen hatte.

Als der Diener eintrat, fand er seinen Herrn schon allein und bekam in ruhiger, wie Lucinde noch zitternd und bebenden Herzens belauschte, klar zusammenhangender Rede die Erklarung, dass er sich unwohl gefuhlt und selbst geklingelt hatte, jetzt war' es voruber. Der Diener machte Licht, deutete auf die Splitter des Glases, auf den Degen. Es war gefahrlich, den Kronsyndikus noch langer so im Zimmer in blossen Fussen zu lassen; er ging zu Bett, nachdem er dem Diener die Weisung gegeben, die Verbindungsthur des Cabinets anzulehnen und nebenan im Wohnzimmer auf dem Sopha zu schlafen.

Jetzt erst verriegelte Lucinde.

Sie horte Zurustungen, wie sich der Diener einiges Bettzeug holte und auf dem Sopha Platz nahm. Gepressten Herzens ging sie auf ihr Lager zuruck, wo sie bei ihrer Jugend und noch von der Reise nachhaltenden Ermudung bald wieder in den Armen des Schlafes lag.

Um vier Uhr weckte man sie. Schon war der Kronsyndikus nebenan horbar.

Als sie sich angekleidet hatte, horte sie schon das Blasen des Postillons.

In aller Freundlichkeit klopfte ihr Wohlthater an die Thur und steckte den Kopf herein ...

Lucinde fand ihn vollkommen beruhigt und zur Abreise gerustet ...

Des nachtlichen Vorfalls wurde keine Erwahnung gethan.

Noch ubergab ihr der Abreisende Geld, wirklich auch einige Schmucksachen und ermahnte sie, den "nun bald eintreffenden Doctor" so zu empfangen, wie sie es ihm, versprochen hatte.

Mit einem Kuss auf ihre Stirn, einem langen Blick auf ihre ganze Erscheinung, als wollte er sagen: Seh' ich dich wieder? Und was wird wol aus dir alles noch werden? ging er ...

Sie folgte bis in den Corridor und wollte weiter; an der Treppe aber hielt er sie schweigend zuruck ...

Unter den Kleinodien, die kostbar, aber wiederum von alter Facon waren, befand sich keines, auf welches die Erzahlung des Bedienten gepasst hatte.

Er wird es zuruckbehalten haben ... das Bild seiner zweiten Frau! sagte sie sich, legte einige der Brochen und Armbander an, nahm sie dann wieder ab und ging noch einmal zu Bett.

Sie schlief bis gegen neun Uhr. Dann begab sie sich in ihre neue Wohnung.

19.

Hass und Bewunderung, Fluch und Segen setzte sich auch auf dem neuen Schauplatz seines Lebens an die Fersen eines Madchens, das durch stetes Verpflanzen aus einer Lebenssituation in die andere eine seltene geistige Kraft gewinnt.

Jetzt achtzehnjahrig, entwickelte sich Lucinde nicht mehr in ihrer Aeusserlichkeit. Im Gegentheil nahmen die sanften und runden Formen, die dem halben Kinde schon gestanden hatten, einen scharfen Charakter an. Schultern und Huften gewannen eine hervorspringende Bestimmtheit; ja, sie fing an zu magern, wodurch das Feuer ihrer Augen um so brennender wurde.

Die ganze Stadt war mit ihrem Erscheinen beschaftigt. Man definirte ihren Reiz nicht, man nahm ihn als den einer aparten Natur hin. In den Offizierskreisen sagte man: Sie hat Rasse! Das deutsche Pferde-Arabien, Mecklenburg, lag nahe genug und entschuldigte einen Ausdruck, der vom Stalle kam. Fur eine Spanierin besass sie zu wenig Schwarmerei im Aufblick der Augen. Fur eine Italienerin hatte sie das Phlegma und die aussere Kalte nicht. Einer Griechin entsprachen, wie es bei den Frauen allgemein hiess, die falschen Augen. Ein Wort wurde eine Zeit lang entscheidend. Ein danischer Offizier, Dichter und Freund jenes Prinzen, hatte sie eine kunftige Sibylle genannt. Ihre Feindinnen machten sogleich eine Hexe, Indifferente, eine Zigeunerin daraus. Sie trug sich in grellen Farben, liebte schwere Stoffe, bunten Schmuck. Bald zeigte sie sich zu Wagen, bald zu Ross. Als Amazone durch die Alleen des Schlossgartens hinsprengend, begleitet von den Mannern, die sich um eine weibliche Erscheinung, die sich fuhlt und zu geben weiss, von selbst finden, ohne gesucht zu werden, machte sie einen Eindruck der fesselndsten Art. Ein runder Herrenhut sass ihr tief im Nacken. Ein langes silbergraues Tuchkleid hing fast bis zu den Hufen des Rosses herab.

Endlich kam Klingsohr.

Dass er bald nach dem Wiedersehen innerhalb der Festung in Verzweiflung gerieth, lasst sich denken bei einem solchen Genuss ihrer Freiheit, wie ihn Lucinde sich gestattete. Die Eifersucht verzehrte ihn. Obgleich auf die Festung beschrankt, hatte er die volle Freiheit bekommen, Besuche zu empfangen. Auch stellte sich Lucinde anfangs fast taglich bei ihm ein, wandelte mit ihm auf dem Glacis Arm in Arm, bald aber verdross sie die Beobachtung und der auf den Mienen der Offiziere sichtbare Spott.

Als Klingsohr nach einigen Wochen schon die Erlaubniss bekommen hatte, einige Stunden des Tags auf Ehrenwort in der Stadt zu verweilen, gab es, wenn er in ihrer Wohnung vergebens auf sie wartete, bald die aufgeregtesten Scenen. Musste er mit dem Glockenschlag Neun seine Ruckwanderung antreten und sie war von irgendeiner Zerstreuung noch nicht wieder da, wie ergrimmte er in Zorn und Verzweiflung! Jener Prinz war es vorzugsweise, der Lucinden mit Leidenschaft auszuzeichnen angefangen hatte. Sie liess sich seine Huldigung wie die der andern gefallen. Aus dem angenommenen System, keinem zu gehoren, trat sie um so weniger heraus, als sie den Ruf des Hauses, in dem sie wohnte, zu schonen, die bereits begonnene Empfindlichkeit ihrer nachsten Beschutzer zu versohnen hatte.

Klingsohr wollte sie in Anfallen seiner Eifersucht oft einschliessen, wie nach seinem Ausdruck jener Ritter seiner Melusine that. Er nannte sie in wuthenden Zornausbruchen ein Weib ohne menschliches Blut, ein Halbgeschopf von Feuer und von Wasser, eine Fischnatur; er hatte sie taglich in einen Kasten schliessen mogen, dessen Schlussel er zuruckbehielt und mit sich in die Festung nahm. Die Verzweiflung, sich nach allen Seiten hin gebunden zu fuhlen, trieb ihn, wenn sie im Theater war, wo er nicht erscheinen sollte, wieder zu der alten akademischen Lebensweise zuruck. Wieder gab es auch hier, in der Stadt und in der Festung, Bewunderer, die seinen Orakelspruchen lauschten. Wieder schrieb er zwanzig Bucher zu gleicher Zeit. Wieder hatte er Systeme erfunden, die noch um einige Jahre zu fruh gekommen waren, wenn er sie jetzt schon hatte veroffentlichen wollen. Ost musste ihn die Ronde aus der Festung noch in der Stadt aufsuchen und fand ihn schon wieder da, wo die Staaten beim Klopfen der zinnernen Deckel erschuttert werden. Wie hasste sie ihn, wenn sie davon erfuhr oder er selbst noch kam, sie in den Folgen solcher Geselligkeit zu grussen! Gab sie ihre Fischnatur vollkommen zu, so war es, weil sie sagen konnte: Ich mache mich anheischig, vierzehn Tage lang nur von Wasser zu leben!

Der Winter brachte Gesellschaften, Balle ...

Allgemein erzahlte man sich von einer Geschichte, die anfangs nur zu lachen gab ...

Lucinde hatte jenen Prinzen so sicher gemacht, dass sie ihm sogar die Zusage zu einem von ihm aufs dringendste erbetenen Stelldichein gab. Der Prinz bewohnte eine Villa, eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Briefe, mundliche Botschaften, Vermittelungen von Beauftragten sollten an einem bestimmten Abend an dem Thor, das nach Bellevue, von dort nach der Villa des Prinzen fuhrte, einen Wagen harren lassen, welchem eine Verschleierte zur bestimmten Stunde sich nahern wurde. Der Wagen wurde dann dem in der Villa harrenden Prinzen die so dringend und heiss ersehnte Eroberung zufuhren ... Schon seit einigen Wochen hatte dieser Kampf gegenseitiger Bitten und Ablehnungen gedauert. Lucinde, die keine Uebereilung der Sinne kannte, legte eine Intrigue an, die ihrer Lust an Spuk und Schadenfreude entsprach. Eine grosse Vorliebe, die sie fur das nicht ganz schlechte Theater der Stadt gefasst, hatte sie mit einigen Mitgliedern desselben bekannt gemacht. Unter dem weiblichen Personal befand sich eine Sangerin fur jugendliche Partieen, eine Erscheinung vom allerkleinsten Wuchse, aber um so grosserer Gefallsucht. Sie hiess Henriette und wurde von den Studenten spottweise in Beziehung auf die beruhmte Henriette Sontag Henriette Montag genannt. Dieser theilte sie unter veranderter Adresse schon lange jene Briefe des Prinzen mit, die an sie selbst gerichtet waren. Am Schluss schrieb sie regelmassig mit nachgeahmter Handschrift einen Ort, an welchem der Prinz seine Antworten zu erhalten wunschte. Wie vorauszusehen war, kamen die geschmeicheltsten von der Welt. Diese stellte sie wieder dem Prinzen als die ihrigen zu. So gingen diese Briefe hin und her. Immer naher durfte der Prinz sich seinem Ziele gekommen glauben, und so war der Briefwechsel zwischen ihm und Lucinden eines Tages so weit, dass jenes Rendezvous vorzuschlagen gewagt wurde. Auch dieser Brief ging an die Sangerin ... Um die siebente Abendstunde stieg eines Tages an dem genannten Thore eine verschleierte Dame in den bewussten dort harrenden Wagen und fuhr ohne Zweifel einem demuthigenden Schicksal entgegen zur Villa.

"Demuthigend" hatte Lucinde gedacht ...

Was erlebte sie aber?

Der gespielte Streich kam zwar zur allgemeinen und belustigenden Kunde; der Prinz jedoch, dem Spott sich entziehend, verschwand auf einige Zeit, nahm auch zuletzt seinen Abschied, liess aber auch die kleine Henriette Montag von der Buhne zurucktreten, kaufte ihr in entlegener Gegend des Landes eine Besitzung, verschaffte ihr einen adeligen Namen und heirathete sie zuletzt in der legitimsten Form.

Der Eindruck, den Lucinden diese unerwartete und schnell aufeinander folgende Wendung machte, war ausserordentlich genug. Er steigerte sich bis zum offenbaren Verdruss. Der Neid, der sie erfullte, legte sich mit der Zeit. Sie verweilte weit langer bei der Ueberlegung, worin das Fesselnde hier hatte liegen konnen, in welchem weiblichen Reize, in welcher Kunst des Gefallens, in welcher Macht, die Frauen auf Manner, allerdings hier von nur wenig Geist, auszuuben im Stande sind? Dann aber wurde denn doch das allgemeine Aufsehen, das dieser Vorfall nach sich zog, und das ungunstige Licht, in dem sie dabei schon durch die gespielte Intrigue selbst erschien, Veranlassung zu Mismuth jeder Art. Sie erhielt den langern Aufenthalt in der achtbaren Familie, die sie aufgenommen hatte, gekundigt. Sie konnte froh sein, dass wenigstens Klingsohr uber den Scherz mit dem Prinzen lachte. Ihm that der Vorfall als Beweis ihrer "Treue" wohl.

Klingsohr's Haft, die in der That auf Gnadenwege bis zu einem Jahre gekurzt wurde, nahete sich ihrem Ende aber auch in Lucindens Leben trat eine entscheidende Krisis ein.

Gefahrvoll ist es einer geradezu auf die Wollin zugehenden Lebensbahn, wenn sie in den Motiven ihrer Handlungen einmal wechselt. Wer immer mit dem Verstande vorauswuhlt, wohin er mit Hand und Fuss zur That nachschreiten soll, der verschuttet sich den Weg, wenn er plotzlich den Einfall bekommt, nicht dem Verstande, sondern dem Herzen folgen zu wollen. Eins darf man nur festhalten, entweder den Ruhm oder die Ueberzeugung. Alles zugleich erstreben, verdirbt eins das andere. Wer den Ruhm will, soll die Weltphilosophie lehrt es das Gewissen nicht horen; wer das Gluck will, muss auf die Ueberzeugung verzichten. So ist das Dasein. Die Menschen, die wie auf den Rennbahnen des Alterthums mit vier Rossen zu gleicher Zeit dahinsprengen konnen, von denen eins die Begeisterung, das andere die Massigung, das dritte die Tapferkeit, das vierte die Tugend ist, und die, so verschiedenartig auch die Rosse anziehen, doch zu einem grossen Ziele kommen, gibt es nicht, ausser sie wurden auf Thronen geboren. Geborene Herrscher konnen alle Kranze des edelsten Strebens zu gleicher Zeit gewinnen. Wie beklagenswerth, wenn sie den grossen Vorsprung, den ihnen die Ordnung der Dinge fur das Grosse, Gute und Ideale zu gleicher Zeit gelassen, nicht zu benutzen wissen und sie entweder nur beim Beschrankten stehen bleiben oder beim Gewaltthatigen! ... Die Vortheile aber einer Lebensstellung, die Lucinden schon bis zur Gattin eines Prinzen erheben konnte, verlor sie, als sie einmal statt aus dem Verstande aus dem Herzen handelte.

In jener Schauspielertruppe, der die zur Gemahlin eines Prinzen erhobene "Zwergin" angehorte, zeichnete sich eine nicht mehr junge Schauspielerin aus, die sich Madame Serlo nannte, obgleich sie, wie man sagte, mit dem Helden und Liebhaber der Truppe dieses Namens nicht verheirathet war.

Madame Serlo war gross, von majestatischer, fast zu imposanter Haltung; denn nicht jede Rolle stand ihr und fur die majestatischen fehlte ihr doch wieder die Grosse der Empfindung, der Phantasie, des Schwunges. So blieben ihr nur die kalten Salondamen, in denen sie theilweise wirklich bewundert wurde ... Und in der That hatte das ehemalige Fraulein Leonhardi oder Madame Serlo eine Art, im Lustspiel mit einfachen Mitteln Wirkungen hervorzubringen, die ihr das Ansehen einer Kunstlerin gaben. Mit zwei oder drei Rollen des Conversationsstucks blendete sie alles und manches grosse Hoftheater war schon in die Falle gegangen und hatte diese unubertreffliche Frau von Waldhull im "Letzten Mittel", diese Baronin von Wiburg in "Stille Wasser sind tief" engagirt, bis sich nach der vierten oder funften Rolle die ganzliche Unbrauchbarkeit einer Semiramis ohne Leidenschaft herausstellte. Zu ihrer Figur passte schon ein zu kleiner Kopf nicht. Die etwas stumpfe Nase, das gespaltene Kinn, die blauen Augen, alles war ausdruckslos. Bei alledem machte das Ensemble ihrer Erscheinung sich noch immer im Salonstuck interessant und war fur jeden eine Weile in dieser Sphare einnehmend. Man ruhmte uberall ihre Formen, man verglich sie mit den Gestalten, die Tizian als Venus malte. Ihr Haar war blond, ihre Haut hatte eine Incarnation, auf die der Ausdruck Mischung von Milch und Blut im vollkommenen Sinne passte.

Gezwungen, niederzusteigen in die Sphare, wo man sich kalt und empfindungslos dargestellt auch eine Jungfrau von Orleans, eine Julia, eine Luise Millerin gefallen lassen muss, wenn nur die Gestalt genugt und Costume sowol wie eine gewisse Tournure die andern Mangel vergessen lassen, hatte Madame Serlo einen jungen Mann mit sich in ihre Sphare hinuntergezogen, der einen kurzen Augenblick zu glanzenden Hoffnungen berechtigt schien.

Serlo war aus einer der ehemaligen geistlichen Residenzstadte Deutschlands geburtig und zum Priester bestimmt gewesen. Aus dem Seminar war er kurz vor der letzten Vorbereitung zum Empfang der Weihen entflohen und hatte theils aus Abneigung gegen den Stand uberhaupt, fur welchen ihn seine armen Aeltern bestimmt hatten, theils aus Unvermogen, irgendwie einen andern Beruf zu wahlen, der ihn erhielt, theils endlich aus wirklicher Neigung die Laufbahn der Buhne eingeschlagen.

Serlo's Wege waren anfangs die allerdornenvollsten. Nur um ein Mittagbrot zu gewinnen, schloss er sich reisenden Gesellschaften an, die in Scheunen Vorstellungen gaben; selbst bei Gauklern und Taschenspielern leistete er auf Tage und Wochen Beihulfe, nur um nicht zu verhungern. Von Hause mit dem vaterlichen Fluch und mit Steckbriefen verfolgt, musste er schon deshalb bald in dieses, bald in jenes Verhaltniss treten, nur um den Verfolgern seine Fahrte abzuschneiden. Mit der Zeit milderte sich dann der Hass der Seinigen, die Vexation der Behorden. Er fand einige Gesellschaften, die in etwas anstandigern Formen auf Rechnung der "dramatischen Kunst" das Leben ihrer Mitglieder fristeten.

Serlo's schone Mittel gewannen ihm allmahlich ein Vertrauen, das er freilich durch sein Talent noch nicht rechtfertigte. Er war schlank gebaut, hatte dunkle, feurige Augen, schwarzes Haar, eine frische Farbe, die sich nur leider bald, auch infolge der Entbehrungen und Anstrengungen, als trugerisch erwies und der lachende Widerschein einer kranken Brust war. Schon in diesen ersten Anfangen seiner Laufbahn geschah es ihm zweimal, dass er auf der hessischen Bergstrasse, ein andermal in der Gegend zwischen dem badischen Freiburg und Basel wo wandern nicht diese armen Heloten der dramatischen Muse! von einem Blutsturz befallen wurde und hulflos und verlassen in kleinen Stadtchen liegen bleiben musste. Die vornehmste Buhne, auf der er, leidlich genesen, im Fache der Liebhaber zum ersten mal wieder auftreten konnte, war St.-Gallen gewesen.

Serlo spielte in St.-Gallen den Mortimer. Er erlebte dabei, dass selbst eine so kleine Stadt wie diese schweizerische ihn auslachte. In Lindau am Bodensee ging es ihm nicht besser. In den kleinsten Stadten werden jetzt schon Recensionen und nach auswarts Correspondenzen geschrieben. Um diese seine beiden Niederlagen zu decken, wahlte er statt seines eigentlichen Namens Firmian Neumeister den Namen Serlo und gerade Serlo mit Bewusstsein aus Gothe's Wilhelm Meister. Gebildet durch Schulunterricht und die Vorbereitungen zum Priesterstande, hatte er vorzugsweise die beiden male, wo nach seinen Blutsturzen Schonung ihm anempfohlen wurde und die Pflege guter Menschen ihm eine Zeit lang Musse gewahrte, sein Wissen zu erweitern und zu vervollkommnen gesucht. Er ragte durch seine geistige Bedeutung unter seinen Standesgenossen bei weitem hervor und konnte sich endlich mit dem Namen Serlo in Passau, Regensburg, ja selbst mit der Zeit in Nurnberg behaupten.

Hatte Serlo einen Erfolg errungen, so warf ihn leider immer wieder sein korperliches Befinden zuruck, nahm ihm feste Stellungen, zwang ihn, monatelang zu pausiren und in den Badern wieder Erholung und Starkung zu suchen. Seine Gemuthsstimmung erfullte sich dabei mit grosser Bitterkeit. Er konnte dieser Bitterkeit einen geistigen Ausdruck geben. Er sah uberall die Erfolge der Talentlosigkeit, der Intrigue, des schlechten Geschmacks. Er, mit ungleich grossern Anspruchen auf die Gunst der Musen, musste zuruckstehen. Schon war ihm geschehen, dass er an irgendeinem glucklichen Abend irgendeinem durchreisenden Kunstkenner in kleinen Stadten aufgefallen war und einen Ruf nach einem grossen Hoftheater bekommen hatte; kaum dort angelangt, uberfiel ihn eine Heiserkeit, die ihm entweder das Auftreten ganz untersagte oder ihn, wenn er spielen konnte, ausser Benutzung seiner Mittel setzte. Und doch hatte sich darauf etwa funf Jahre lang seine Lage ziemlich gunstig gestaltet. Er bekleidete erste Facher an grossen Stadttheatern und hatte Erfolge, Erfolge sowol auf der Buhne wie in der Gesellschaft. Es umgab ihn ein eigener Reiz des Geheimnissvollen, den seine liebenswurdige und angenehme Personlichkeit unterstutzte. Serlo gehorte keineswegs zu denen, die sich der bosen Welt gegenuber unbewaffnet betreffen liessen. Das Ungluck hatte ihn langst mehr scharf als schartig gemacht und im Gluck gab er seine Weise keineswegs auf und verwundete wol auch zuerst, da ihm Urtheil und Ueberzeugungseifer nicht fehlten. Die Macht, die er uberall durch Intrigue erstrebt und wirklich auch durch sie erobert sah, reizte ihn sogar, auch seinerseits nicht die Hande in den Schoos zu legen oder unter Gaunern, wie er zu sagen pflegte, der einzige ehrliche Mann zu bleiben. Serlo schien sogar vielen gefahrlich; er ruhrte sich nach Kraften, zerriss hier eine Fessel, um dort eine andere zu vortheilhafterm Dienst sich anzulegen, stiess fort, was ihm im Wege stand, und unterdruckte mit Gewalt Gemuth und Reue, zwei Begriffe, die fur diese "elende und erbarmliche Welt" nicht passten und "die Krahen da einliessen, wo die Adler wohnen sollten", wie er oft mit Shakspeare sprach. Geist, Bildung, Intrigue, Talent und ein bei alledem nicht zu verwindender gemuthlicher Zug gaben in Serlo eine Erscheinung, die zum Hochsten berufen schien, wenn nur die Natur und das Gluck gewollt hatten.

Die Natur hatte Firmian Neumeister, genannt Serlo, zu einem fruhen Tode bestimmt. Er war glucklich zu einem der ersten Hoftheater emporgeklommen, hatte sich drei Jahre behauptet, begehrte einen Contract, der ihn nach fernern funf Jahren hatte pensionsfahig machen mussen; man wollte ihm nur einen kurzern geben, der diese Pensionsfahigkeit ausschloss. Bei dem Streite, der daruber entstand, vergass sich Serlo in den Formen, in denen sein Chef sich behandelt zu sehen berechtigt war. Serlo erhielt seine augenblickliche Entlassung. Damals traf er in gleicher Stimmung jenes Fraulein Leonhardi. Man hatte an demselben Hoftheater geglaubt, nach einer von ihr gespielten Donna Diana in ihr eine der ersten Kunstlerinnen zu gewinnen, und fand bald, dass sie eine Rolle wie die andere gab, die Lady Macbeth von demselben zuckersussen Lacheln begleitet, wie sie Bauernfeld'sche junge Witwen spielte. So verliessen beide zu gleicher Zeit dieselbe Stadt mit denselben Empfindungen, den Empfindungen der Bitterkeit, und auch mit demselben Uebermuth, der die Verzweiflung wegzulugen sucht. Serlo sprach spater oft von dieser Verbindung mit Lionel's Worten: "Gluck zu dem Frieden, den die Furie stiftet!"

Nach einem halben Jahre, wo beide zusammen Gastrollen gaben, musste Serlo schon fur seine Begleiterin sorgen, als ware sie seine Gattin. War sie dies oder war sie es nicht, sie konnte kein Engagement annehmen. Serlo musste sie und ein erwartetes Kind ernahren.

So nahm er die erste beste Stellung, die nur etwas Brot gab. Er nahm sie in einer Form, die sich spater nur zu oft wiederholte ... Es ging zum Herbst. Die Entbehrungen, die von einem Gastspielreisen ohne Ruf und Resultat unzertrennlich sind, hatten ihn aufs Krankenlager geworfen. In einer Mittelstadt Norddeutschlands, wo Fraulein Leonhardi noch Verehrer von sonst besass, traf sie, ihren Zustand moglichst verbergend, bei einem derselben mit einem durchreisenden Director einer Buhne zusammen, der einen Liebhaber zu engagiren wunschte. In einem Augenblick, wo der Director nach irgendeinem Gegenstand auf der Strasse zu sehen ans Fenster trat, besass sie die Geistesgegenwart, dem alten Freunde rasch zuzuflustern: Schicken Sie in unser Hotel! Serlo soll sich ankleiden! ... Wie? fragte der Director und wandte sich. Sie sprachen ja eben von Serlo? Ist Serlo hier? ... Im Goldenen Adler! hiess es ... Schade, dass er krankelt! antwortete der Director ... Krankelt? erwiderte die Leonhardi. Serlo ist so gesund wie ein Fisch! ... Ich mochte ihn wol sprechen; ich konnte ihn brauchen ... liess uberlegend der Director fallen. Der alte Verehrer des Frauleins, ein wohlhabender Theaterliebhaber, der sich darin gefiel, im Orte die seltensten Weine zu haben, hielt ihn zuruck: Nein, nein, nein! Sie bleiben! Ein Glas Tokayer! Der Director schutzte Eile vor, blieb jedoch, um wenigstens auf baldiges Wiedersehen anzustossen. Damit fand der Kunstfreund einen Moment, hinauszuspringen und seinem Bedienten zu sagen: Lauf in den Goldenen Adler! Herr Serlo soll sich ins Zeug werfen, ein Director kommt ihn zu engagiren! Nachdem bietet er der Kunstlerin und dem Director ein improvisirtes Fruhstuck. Dem Director, der furchtete, mit Fraulein Leonhardi, die er schon einmal sechs Wochen im Engagement gehabt, auf neue Erorterungen zu stossen, ergab sich bald, wie Serlo zu Fraulein Leonhardi stand. "Madame Serlo? Ei der Tausend!" "Ja Madame Serlo! Doch nimmt mein Mann auch Engagement allein an." Eine halbe Stunde verfliesst. Zuletzt begleitet der Director Madame Serlo in den Goldenen Adler. Dort, wo noch eben im abgetragenen Schlafrock, mit einem grossen wollenen Tuch um den leidenden Hals, ein armer Kranker, leichenblass, auf dem Bett gelegen hatte; dort, wo alles ringsum in der grossten Unordnung gewesen war, wo Arzneiglaser am kuhlenden Fenster standen, Wasche am Ofen hing, um erwarmt zu werden; dort, wo ein hinfalliger Kranker, einem Greise ahnlich, das dunstige Zimmer mit Seufzern und Verwunschungen uber sein Geschick erfullt hatte, hatte nach der Meldung des Dieners im Nu eine Verwandlung stattgefunden. Die Glaser waren entfernt, das Bett durch einen Schirm verdeckt worden, die Wasche hinweggenommen, die grosste Ordnung herrschte. Der Kranke, der Lebensuberdrussige, Hinfallige, Hustende stand in dem einzigen Frack, den er besass, mit eng anschliessenden Beinkleidern, gefirnissten Stiefeln, weisser Weste, uber welche eine Lorgnette niederhing, buntem, lose umgeschlungenen Halstuche, eben den Hut aufsetzend, eben helle Handschuhe anziehend, eben noch die Cigarre im Munde, um sie rasch gleichsam auszurauchen, ein Liedchen trallernd und die Thur offnend. Wohl hatte er das Gefuhl, als wenn ihm die Fusse versagten, die Hande flogen noch vor Fieberfrost, die Lippen zuckten, der ganze Korper zitterte ... dann aber hort er kommen, jetzt eine Arie getrallert, laut eine Tirade gesprochen und nun: Was zum Henker, Sie Herr Director? Was fuhrt Sie in dies verdammte Nest, wo ich einen alten Freund besuchen musste? Bravaden folgten auf seine Kraft, Bravaden uber den langweiligen Aufenthalt, die baldige Abreise ... man plaudert, man scherzt, man bietet Cigarren ... Der Director engagirt den unverwustlichen, interessanten Serlo fur die Wintersaison. Die Contracte waren, wie gewohnlich, gleich zur Hand in der Rocktasche; noch einige Debatten uber die Gage, dann Unterschrift ... Beim Scheiden sagte der Director scherzend, mit einem feinen Blick auf Madame Serlo: Serlo! Serlo! Die grauen Harchen an den Schlafen! Schonung! Schonung! ... Diese grauen Harchen hatte der Leidende in der Eile zu farben vergessen. Madame Serlo versprach zu sorgen, dass die Harchen nicht um sich griffen. Das Uebrige ist Ihre Sache! sagte sie mit der Sussigkeit jenes Conversationstons, mit dem sie ihre Eroberungen machte. Als der Director fort ist, sinkt Serlo, der eine Stunde lang mit der aussersten Anstrengung die Rolle eines Gesunden und Frohgemuthen durchgefuhrt, ohnmachtig zusammen. Die Gefahrtin seines Lebens sprach den ganzen Tag nur von dem Gluck, solche Freunde zu besitzen wie sie in jenem Kunstfreund! Es war, sagte Serlo, als er diese Scene eines Abends, als seine Gattin spielte, Lucinden erzahlte, nicht das erste mal, dass ich gut gespielt hatte und ohne Beifall blieb.

In eine Verbindung mit diesen Schauspielern trat Lucinde durch Zufall.

Voller Unmuth uber die ihr gewordene Kundigung hatte sie eine Wohnung gesucht. Sie erhielt das Anerbieten derjenigen, die Serlo verlassen wollte; die Saison war zu Ende, mit ihr das Engagement.

Es machte ihr damals einen wunderlichen Eindruck, die Menschen, die sie in dem von ihr immer heiss geliebten Theater nur im bunten Flitter, geschminkt und in wallenden Locken gesehen hatte, hier unter larmenden Kindern, trotz artiger Formen verdriesslich und aller Hulfsmittel zu tauschen entkleidet, wiederzufinden.

Die stadtkundige Geschichte des Prinzen und der Soubrette hatte eine Anknupfung nahern Gesprachs gegeben. Serlo sagte, dass sich daraus ein Lustspiel machen liesse und Madame Serlo vertheilte schon die Rollen. Lucinde horte. Der Einblick in diese neue und, wie sie sogleich sah, leidenschaftlich bewegte Welt reizte sie. Sie miethete zwar die Wohnung nicht, kam aber wieder und machte sich, wie dies in ihrer Art war, mit den Kindern zu schaffen. Diese waren hubsch und von viel aufgeregterer Natur, als Kinder in solchem Alter zu sein Pflegen. Sie waren selbst schon Schauspieler.

Auch Klingsohr hatte anfangs Gefallen an dieser Bekanntschaft, die ihm Lucinde mittheilte und in die sie ihn einfuhrte. Ihm hatte diese Sphare ganz bewusst und in poetischer Wahrheit den Reiz, der im Wilhelm Meister nur zu kunstlich um sie gebreitet ist. Lucinde fuhlte sich tastend, doch desto verhangnissvoller hinein. Bedrangt und verurtheilt von der offentlichen Meinung, hatte sie bei Madame Serlo ein Asyl gefunden, wo sie sich aussprechen und in ihrer Art ganz gehen lassen konnte. Ihr Scharfsinn entdeckte bald den geheimen Schaden dieser unglucklichen Kunstlerverbindung. Serlo litt unter der Kalte und Herzlosigkeit seiner Lebensgefahrtin bis zur Verzweiflung. Das ganze Leben dieser Frau war nur ein einziger Vorwurf gegen den Vater ihrer Kinder. Sie behauptete, um ihn die glanzendste Laufbahn verfehlt zu haben, wahrend Serlo doch nur ein Opfer seiner Begegnung mit ihr geworden war. Lucinde wurde, wie das geschieht, die Vertraute, die Rathgeberin beider, die Vermittlerin zweier Gegensatze, die mit hochst ungleichen Waffen kampften. Dort die kalte frischeste Gesundheit, hier ein Siechthum, das Schonung und Liebe bedurfte.

Lucindens Empfindungen uber Klingsohr wurden von der listigen Madame Serlo bald errathen. Sie verurtheilte den Doctor, wie sie ihrerseits alle Manner verurtheilte, ausgenommen die, die ihr huldigten. Lucinde fand fur alles das, was sie an Klingsohrn nicht mochte, den weltgewandtesten Ausdruck. Kaum stand es fest, dass sie Klingsohrn nicht mehr liebte, so hatte Madame Serlo auch schon den Plan fertig, das rathselhafte, schone und aus unbekannten Hulfsquellen reich mit Mitteln ausgestattete Madchen an sich zu ziehen. Sie schmeichelte ihr zunachst mit dem unverkennbaren Urtheil, das sie uber die Buhne hatte, dann sogar mit einem Berufe fur sie. Sie loste Lucinden immer mehr von den Beziehungen ab, die sie noch hier und da in der Gesellschaft hatte. Als der Augenblick der Auflosung des Theaters heranruckte und von einem kleinen Seebade gesprochen wurde, in dem die Trummer der Gesellschaft im Sommer Vorstellungen geben wollten, bedurfte es bei Lucinden keiner langen Ueberredung. Sie entschloss sich eine Stadt zu verlassen, die ihr durch Klingsohrn sowol wie durch die stete Erorterung ihrer Intrigue mit dem Prinzen unertraglich geworden war.

Ueber Klingsohrn hatte ihr Madame Serlo, die das Leben kannte, ein Bild entworfen, dessen Wahrheit sich nicht widerlegen liess. In voller Gewissheit ging ihr auf, dass die Ueberschwenglichkeit dieses zu so Edelm berufenen und bedeutsamen Mannes eine Folge der Aufregung war, die ihren Ursprung in der Gewohnheit unmassigen Trinkens hatte. Die Trunksucht war bei Klingsohrn entstanden wie im Traume, wie bewusstlos, wie die naturliche Begleiterin genialer Ueberspannung. Wie sie auch gekommen, sie war da, und Madame Serlo schonte die Farben nicht, diesen Zustand auszumalen. Sie kannte die Nachtseiten des Lebens und sparte keinen Zug an dem Bilde der Zukunft, das sie fur Klingsohrn aufrollte. Sie behauptete, schon gehort zu haben, dass er Opium nahme; sie schilderte die Folgen dieser Neigung in einer Weise, die die zum ersten male von solchen Dingen Horende nicht an der Wahrheit des Geruchts zweifeln liessen. Sie hatte ja Klingsohrn oft genug schon gesehen, wie er, wenn er mit ihr ging, sie starr betrachtete und sie ihn unmuthig anrufen musste, um ihn nur zur Besinnung zu bringen. Die Abneigung, die sie immer tiefer gegen ihn empfand, bekam jetzt Grund und Ausdruck. Da sie wusste, wie er nach ihr verlangen, sie verfolgen wurde, so hullte sie die Entfernung von Kiel, die sie in der That drei Monate vor Ende der Gefangenschaft Klingsohr's ausfuhrte, gerade so weit in Dunkel, als ihr mit Beistand jener verschmitzten Frau nur irgend moglich wurde.

Mit ihren noch ausreichenden Mitteln, mit dem reichen Schatze ihrer Kleider und Schmucksachen war sie Madame Serlo willkommen wie ein Engel des Lichts. Die andern Schauspieler reisten ab, geradeswegs nach jenem Bade. Nach einigem Hin- und Herreisen, um ihre Spur zu verbergen, erschien auch Lucinde in jenem noch menschenleeren Strandorte. Sie war nun in diesen neuen Kreis, eben aus Furcht vor Klingsohrn, wie gebannt. Von ihrer eigenen Vergangenheit deckte sie nicht viel auf, wie uberhaupt Verschwiegenheit zu ihren Tugenden gehorte. Dass sie aber schon ein bewegtes Leben gefuhrt, wurde sogleich erkannt, wie auch der Name des Kronsyndikus haften blieb als desjenigen, vor dem sich Lucinde zu rechtfertigen hatte und auf dessen Gunst und Unterstutzung hier alles ankam. Die sich mehrenden Spuren der Nachforschungen, die um sie angestellt wurden, veranlassten das engste Zusammenwohnen Lucindens mit der Serlo'schen Familie. Sie gab dabei uneigennutzig, was sie besass. Madame Serlo war eine Meisterin in der Kunst des Schmeichelns. Sie hatte jetzt das sehnsuchtigste Ziel wieder eines Engagements an solchen Platzen, wo sie den reichen Schmuck und die kostbaren Kleiderstoffe, die ihr Lucinde gern zu Gebote stellte, verwerthen konnte.

Die eigentliche Fessel aber, die diese Eroberung festhielt, war in der That der von Lucinden gepflegte und gegen die Kalte der Frau geschutzte Mann. Serlo hatte etwas Vergeistigtes. Er besass ganz jene verklarte Schonheit, die bei Brustleidenden bis an das Ende ihrer Tage sich noch zu steigern pflegt. Sein Auge blickte voll sanfter Glut, wenn er am wenigsten beobachtet wurde. Die Formen seines Antlitzes waren so edel, dass sie den Meissel des Bildhauers herausfordern konnten. Das Haar hing in den Nacken mit seinem grauen Schimmer, wenn es nicht gefarbt wurde der "Komodie" wegen. Alles, was Serlo sprach, war der Brust wie mit Anstrengung abgerungen, darum aber auch gewichtvoll und fest und nie unnutz. Einen Ueberfluss an Worten, wie ihn seine Gattin sich wohlbekommen liess, kannte er nicht. Die Bitterkeit seiner Aeusserungen zog Lucinden tief an; sie war in ahnlicher Stimmung. Dazu die Furcht, sich von Klingsohrn entdeckt zu sehen oder dem Kronsyndikus sich verantworten zu mussen. Da Madame Serlo sie darum drangte, hatte sie an letztern geschrieben und um neue Geldmittel gebeten. Dieser Brief war aber entweder nicht an seine Adresse gekommen oder wurde absichtlich unbeantwortet gelassen.

In der unendlich elegischen Stimmung, die Serlo taglich beherrschte, ironisirte er sich und sogar die Anhanglichkeit der Familie an Lucinden. Wenn sie ihm dankte fur alles, was er in stillen Stunden von seiner Jugend ihr erzahlen musste, von Menschen, Gegenden, die er gesehen, sagte er bitter lachelnd: Kind, wir ziehen uns gegenseitig aus! Daruber hatte sie die ganz klare Vorstellung, dass Madame Serlo die Klugheit alternder Theaterdamen befolgte, sich an ein frisches, aufbluhendes Talent anzuklammern, stets es zu bewundern und solange als nur irgendmoglich die Ertragnisse desselben fur sich zu behalten. Aber es irrte sie darum nicht. Sie durchschaute alles, nur zu wenig die Schmeichelei uber ihr Talent. Sie wollte wirklich noch die Buhne betreten. Madame Serlo begann eine Art Unterricht; sie glaubte vielleicht aufrichtig, der Geistesscharfe ihres Zoglings, dem Wagemuth, dem noch zuweilen aufsprudelnden Humor desselben entsprache das gleiche Vermogen auch auf der Buhne. Selbst Serlo glaubte dies und erganzte in geistvoller Rede die Anleitungen, die seine routinirte Gattin gab.

Von Klingsohrn unbehelligt, ging dies plotzlich veranderte Leben einige Monate hin. Von ihrer Hohe war Lucinde vollig herabgestiegen. Wo war die Amazone hin, die auf den Rossen des Universitatsstallmeisters geprangt hatte! Serlo fuhlte dies und sagte zu ihr:

Bestes Fraulein, wie beklage ich Sie! Wie hat das alles moglich werden konnen! Du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas!

Napoleon sagte das! erwiderte sie, stolz den gesenkten Kopf erhebend.

Das ist wahr, entgegnete Serlo ergluhend. Die grossen Geister wandeln regellos!

Bitter lachelnd setzte er hinzu:

Nur die Hofrathe fallen nie aus der Rolle! Die sind ewig erhaben!

Die Familie reiste mit ihrer Eroberung hierhin und dorthin. Die Seebadsaison war des schlechten Wetters wegen nicht eingeschlagen. Der Kronsyndikus antwortete nicht. Madame Serlo schrieb zuletzt selbst. Sie that sich auf ihr Talent, mit den Grossen zu verkehren, etwas zugute. Es erfolgte aber auch fur sie keine Antwort. Man wollte in Neuhof entweder ganz abbrechen oder strafen ... durch Schweigen vielleicht auf Besserung hoffend.

Eines Tages erschien aber Klingsohr. Es war in Luneburg auf der Heide. Man hatte gehofft, fur den Winter dort eine Unterkunft zu finden.

Von dem Versiegen ihrer Hulfsmittel, den Anstrengungen der Reise und den Erlebnissen innerhalb der Familie Serlo war Lucinde schon so muthlos geworden, dass sie Klingsohrn in das kleine Gasthofzimmer, das sie bewohnte, mit einem leisen und furchtsamen Aufschrei eintreten sah. In fruherer Zeit ware sie ruhiger gewesen und hatte ihn entweder mit Verstellung oder mit einer offenen Kundigung begrusst.

Klingsohr trat auf sie zu, gleichsam um sich zu uberzeugen, ob sie es denn wirklich ware ...

Dann fragte er, wahrend sie langsam aus der Sophaecke sich erhob:

Warum hast du mir das gethan?

Sie begann keine Erorterungen, sondern erwiderte kleinlaut und durch die Schule des Lebens gedemuthigt:

Wann bist du angekommen?

Auf einem Felde gleichgultiger Gesprache fand man sich zuletzt so leidlich wieder zurecht. Ja auch aus der Theatersphare und Verstellungskunst heraus war dieser scheinbare und so schnell geschlossene Friede zu erklaren. Wenn Madame Serlo eben noch jemand im Geiste vergiftet hatte, konnte sie, wenn er zufallig selbst erschien, ihm den Stuhl hinrucken, diesen abstauben und das ganze Arsenal ihrer Liebenswurdigkeiten spielen lassen ... Und das Beste, sagte Serlo oft, ist dann die wirkliche Freundschaft fur diese vergiftete Person, wenn sie zuletzt geht! Die Judaskusse wurden echte, wenigstens auf so lange, als der Nachgeschmack des dabei genossenen Kaffees und das gemeinschaftliche Interesse einer bei dieser Gelegenheit geschlossenen gemuthlichen Intrigue dauert!

Fur solche von dem Kranken, der dabei lang auf dem Sopha ausgestreckt lag und das schone bleiche Antlitz aufstutzte, immer mit schneidender Bitterkeit hingeworfene Aeusserungen erntete er von seiner Lebensgefahrtin Schmahungen, von Lucinden ein vertrauliches Zunicken der Uebereinstimmung.

Klingsohr kam ohne Geld.

Die kluge Madame Serlo bekam bald heraus, dass er in einem Briefe, in welchen der Kronsyndikus endlich auch einen und diesen voller Mahnungen an Lucinden eingelegt hatte, dessen ubergenug empfangen. Das Suchen nach Ihnen, liebe Lucinde, sagte sie spitz, muss viel Ausgaben verursacht haben!

Klingsohr hatte schon immer eine Zuneigung fur die Familie gehabt und hatte ihr Leben oft genug romantisch genannt. Man verstandigte sich, vergab sich einander, was etwa gegenseitig gefehlt war, und bald entspann sich auf einige Tage ein Zusammenleben, in dessen Hintergrunde der Entschluss Lucindens zu stehen schien, dass sie Klingsohrn wieder nach Schloss Neuhof begleiten wollte. Es bekummerte sie, dass der Kronsyndikus so kalt geantwortet hatte.

Schloss Neuhof betret' ich mit keinem Fusse mehr! sagte Klingsohr. Doch will ich dich bis Ludicke begleiten!

Madame Serlo horchte nur immer. Sie sollte ihre Eroberung aufgeben? Lucinde besass noch Kleider und Schmuck genug, um davon ein ganzes Jahr lang sie alle erhalten zu konnen ... Die Frau blinzelte ihr Standhaftigkeit zu.

Drei Tage war Klingsohr in Luneburg, als er auch dort sein gewohntes Leben begann ...

Er fand gottinger Freunde, er entzuckte durch den Dammer der Poesie, mit dem er sich theils durch Reminiscenzen aus den beliebtesten Dichtern, theils durch die Gabe der eigenen Improvisation zu umgeben wusste, er erntete, wenn er sprach oder schwieg, die gewohnte Bewunderung, er streifte die Aermel seines Rockes wieder im heiss gewordenen Gesprach empor wie einer, der auf die Mensur zu treten bereit ist, und war der Titane, dessen Zukunft noch niemand berechnen konnte.

Madame Serlo beobachtete scharf. Am Nachmittag des vierten Tages offnete sie leise das Zimmer, in dem Lucinde eben an den Kronsyndikus schreiben wollte, winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Nummer, die Klingsohr bewohnte.

Das Zimmer fanden sie unverschlossen.

Madame Serlo hatte es aufgedruckt und zeigte auf Klingsohrn, der uber sein Bett auf den Rucken ausgestreckt lag, eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand hielt und zu schlafen schien.

Er hat Opium geraucht! sagte Madame Serlo. Sehen Sie nur! Nun traumt er! Er ist im siebenten Paradiese!

Lucinde beobachtete den Unglucklichen, der mit offenen Augen lag, aber vollig abwesend war. Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt, der linke hing schlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife, aus der er leicht ein Opiat geraucht haben konnte. Auf dem Fussboden lagen die Gedichte Coleridge's, jenes englischen Dichters, der am Opium zu Grunde gegangen ist.

Lucinde war vollkommen berechtigt, an diese Deutung zu glauben. Diese offenen Augen, diese blassen und krampfhaften Gesichtszuge, verbunden mit einem zuckenden Hupfen der Nerven, bestatigten, was sie von beiden Serlos uber die Wirkungen dieser Betaubung schon vernommen hatte. Sie wurde daruber von einem Grade von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen, dass sie bat, den Ort, der ohnehin keine Hoffnungen fur die Buhne bot, sofort, aber auch augenblicklich, ohne sein Erwachen abzuwarten, zu verlassen.

Madame Serlo hatte erreicht, was sie wollte.

Serlo, den man hinzurief, sprach mitleidiger und rieth zur Versohnung, zur Heilung des Unglucklichen. Er hatte dem Klosterleben, dem Leben der Entsagung nahe gestanden, er kannte die Verirrungen der Phantasie ...

Lucinde nahm keine Beruhigungen an. Sie forderte die Rechnungen ein, gab einen werthvollen Ring von den Geschenken, die ihr der Kronsyndikus noch beim letzten Abschied in Kiel gegeben, zur Ausgleichung der Zeche und wollte schon fort in einer Stunde.

Von Madame Serlo wurde sie aufmerksam gemacht, dass man Klingsohrn einschliessen sollte ... er konnte bestohlen werden. Damit zeigte sie auf ein Portefeuille, das ihm aus der Brusttasche entglitten war und neben ihm auf dem Bette lag.

Es war ein Geschenk, das Lucinde ihm selbst gefertigt; eine Stickerei von ihrer Hand zierte die beiden Deckel. Nichts vom Inhalt, nur das Portefeuille selbst wollte sie an sich nehmen. Sie offnete, warf einiges Geld, einige kleine Schlussel, Bleistifte, sogar zerknitterte Briefe, alles, was darinnen lag, hinaus, warf es ungepruft und ungelesen auf die Bettdecke, behielt ihr Geschenk, das Portefeuille, schloss die Thur zu und liess, wie sie bitter wiederholte, Klingsohrn im siebenten Paradiese. Es wird schoner sein als das Dante'sche! setzte sie zu Serlo hinzu. Sie wussten beide, dass Klingsohr uber Dante gelesen und des Florentiners Holle fesselnder und anziehender genannt hatte als dessen Himmel.

Serlo hatte seiner Gattin gegenuber aus physischer Schwache keinen Willen. Er sorgte nur immer, auch beim Reisen, Ankommen und Abgehen, fur die Kinder. Der Handel mit dem Wirthe wurde abgeschlossen. Man hatte noch einen guten Ueberschuss und accordirte einen Wagen. Er sollte sie der obern Elbe zufuhren.

Schon war man im Packen begriffen, als sich in Klingsohr's Zimmer ein entsetzliches Pochen vernehmen liess.

Man gab dem Kellner den Schlussel, mit dem geoffnet werden konnte.

Zugleich sprang Lucinde in ihr Zimmer, Madame Serlo folgte, beide verriegelten sich.

Auf dem Corridor horte man Klingsohrn jetzt nach seinem Portefeuille rufen. Da er den Inhalt gefunden hatte, konnte er von keinem Diebstahl sprechen. Er rief Serlo; dieser wies ihn von seinem Zimmer aus an die Frauen.

Am Schlusselloch des Nebenzimmers lauschte Madame Serlo.

Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Portefeuille. Es war Winter; sie sah sich nach dem Ofen um, um das Portefeuille zu verbrennen.

Madame Serlo hinderte sie und offnete wenigstens noch einmal das schone Geschenk.

Alles das geschah, wahrend Klingsohr an der Thur ruttelte, pochte und im wildesten Ungestum sein Eigenthum zuruckverlangte.

Serlo erklarte ihm das Vorgefallene und machte ihm in lateinischer Sprache Vorwurfe uber seine Verirrung, die Klingsohr nicht in Abrede stellte. Ihr habt gut sprechen! entgegnete er. Wer das Bedurfniss des Gluckes hat, sucht es, wo er's findet! Ich wunsche Euch nicht meine Nachte oder die Traume, die mir mein kurzer Schlaf schenkt!

In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Ruckgabe des Portefeuille.

Klingsohr! sprach diese mit fester Stimme dicht an der Thur nebenan, wo Klingsohr im Zimmer war, wandeln Sie Ihre Bahn! Wir sind geschieden! Auf ewig!

Lucinde! lautete sein Flehen.

Das Portefeuille wird auf Ihrer Brust entweiht! Ich behalte es!

Nimmermehr! rief Klingsohr und schlug gegen die Thur.

Was ist denn nur ein so besonderer Werth daran? flusterte Madame Serlo und betrachtete es wiederholt naher.

Sie las auf dem inwendigen und befestigten Pergament eine Menge kurzer Bemerkungen, Namen, abgerissene Titel von Schriften, Citate, gelehrte Dinge, die ihren Horizont uberstiegen.

Dennoch hielt sie diese Blatter nicht fur unwichtig. Wer weiss, flusterte sie, welche Geheimnisse sie enthalten!

Als Klingsohr nicht endete und behauptete, er wurde das Haus in Brand stecken, wenn er das Portefeuille nicht zuruckbekame schon wurde durch den Larm der Wirth herbeigezogen , las ihm Madame Serlo hohnend einige Worte vor, die vielleicht die Seite des Pergaments bezeichneten, an der ihm vorzugsweise gelegen ware.

Weib, schweige! rief er und schien nur aus Rucksicht auf Serlo, der mit den angstlichen Kindern hinter ihm stand, weitere Bezeichnungen zu unterdrucken.

Bitter hohnend klang es, als Madame Serlo buchstabirte:

"Weltordnung Dante's Holle Buschbeck siebentes Paradies Johannes von Zeesen Regina Coeli neun Zeitalter Schon Hedwig Hubertus Rom die Katakomben "

Tod und Teufel! schrie Klingsohr und schlug jetzt mit einem Stuhl gegen die Thur.

Er zeigte sich in der ganzen Wildheit, in der ihn Lucinde kannte. Serlo bat, der Wirth befahl Ruhe, Lucinde selbst rieth zum Nachgeben.

Was ist ihm nur so gelegen an dem Ding? wiederholte Madame Serlo. Sie untersuchte, wahrend Lucinde die herausgenommenen Blatter uberflog, den ubrigen Inhalt. Da fand sie denn, dass eins der kleinen Taschchen verschlossen war. Sie bog das Leder etwas zuruck und fuhlte, da man nichts sehen konnte, hinein. Hin- und herstreifend mit dem kleinen Finger, der allein Platz hatte, entdeckte sie, dass drinnen etwas lag, was sich rauh anfuhlte ... vielleicht ein Stuck Tuch ...

Seltsam! sagte Madame Serlo zu Lucinden. Was kann ihm an einem Fetzen Tuch gelegen sein?

An Lucinden lief jetzt eine Erinnerung hin wie das Wort am elektrischen Drahte. Der Gedanke, dass sich hier der Tuchstreifen vorfand, der einst an der Leiche des Deichgrafen gefunden wurde und spater durch sein plotzliches Verschwinden den erst vor kurzem, wie sie gehort, wegen mangelnden Beweises freigesprochenen Stephan Lengenich ins Gefangniss gebracht hatte, zuckte in ihr auf. Die Farbe des Tuches liess sich nicht erkennen, nur der Stoff fuhlen ...

Sie stand traumerisch und auch Madame Serlo merkte die jahe Flucht der Gedanken, die ihr eben durch den Kopf schossen.

Klingsohr hatte inzwischen sein Benehmen geandert. So war er immer. Eben noch ein Ungethum, vor dem man alles entfernen musste, was sich etwa zertrummern liess, wurde er plotzlich weich wie ein Kind, ja sogar feig und liess sich auf Nachgiebigkeiten betreffen, die mit seinem sonst so reizbaren Ehrgefuhl im vollsten Widerspruche standen.

Lucinde! sprach er mit weicher Stimme und durch's Schlusselloch. Gib mir mein Portefeuille zuruck! Es hangt daran die Ruhe meines Lebens!

Gut, Klingsohr! sagte Lucinde, die die Gedanken an die Schreckensscenen von Schloss Neuhof nicht festhalten mochte, weil sie zu ihren qualendsten Erinnerungen gehorten; wenn das ist, so geb' ich dir's unter der Bedingung zuruck, dass ich's behalte, bis wir in dem unten befindlichen Wagen sitzen und abfahren! Du versprichst mir aber auf deine Ehre, mich von diesem Augenblicke an nicht mehr zu kennen, nie und nirgends, horst du, nie und nirgends, und mich meine Lebensbahn ziehen zu lassen, wie und wo ich will! Leiste mir diesen Schwur! Thust du es nicht, so ist hier noch so viel Glut im Ofen nebenan, dass dein Portefeuille im Augenblick von den Flammen verzehrt ist!

Um Gottes willen nein! rief Klingsohr.

Dann schwieg er eine Weile. Er schien nicht zu bezweifeln, dass Lucinde wahr gesprochen, und uberlegte, welchen Werth fur ihn die beiden Gegensatze der gestellten Alternative hatten.

Lucinde wiederholte mit fester Stimme, was sie eben gesprochen, wahrend Madame Serlo's listiges Auge vergebens in so wunderbare und unglaubliche Geheimnisse des Taschchens zu dringen suchte ...

Serlo antwortete jetzt statt Klingsohr's. Man horte das leise und schmerzlich ausgestossene Wort des letztern:

Ich gebe mein Ehrenwort!

Nun verlangte Lucinde, dass sich Klingsohr bis zur Abreise, die sogleich erfolgen wurde, entfernte. In die Brieftasche liess sie die Neugier der Madame Serlo nicht weiter einblicken.

Die Anstalten der Abreise waren zu Ende. Klingsohr stand am Wagenschlag und nahm sein Portefeuille mit einer Hast zuruck, als hinge die Ruhe seines Lebens daran. Dies musste sein, wenn er um einen solchen Preis Lucinden entsagen konnte.

Er wollte noch mit der Geliebten reden, reichte ihr die Hand in den Rucksitz, den sie so lange einnahm, bis sie die Stadt verlassen spater duldete sie nicht, dass Serlo irgendeine Bequemlichkeit entbehrte , aber sie lehnte diese Hand ab.

Klingsohr bat wiederholt um die Hand und zog die seine nicht zuruck.

Damit seine dargereichte Rechte nicht ohne Erwiderung blieb, nahm sie die Hande des einen der Kinder und legte diese beide in die seinige.

So wurde diese von ihr so heiss ersehnte Trennung wirklich vollzogen.

20.

Zu dem Fluche, der mehr auf dem Theaterleben ruht als Segen, gehort die Unmoglichkeit, sich ein Leben lang aus dem Banne desselben zu befreien, wenn in ihm auch nur einige wenige Augenblicke genossen wurden, die gluckliche waren.

Man hat es gesehen und sieht es taglich, wie derjenige, dem ein kurzes Gluck in diesem Wirkungskreise lachelte, ewig von demselben zehrt, immer hofft, dass es wiederkehren musse, immer glaubt, dass es nur durch zufallige Umstande, die sich beseitigen lassen wurden, am Wiedererscheinen verhindert ware. Ein Leben voller Entbehrung und Enttauschung, ja ein Leben voller Schmach und Entwurdigung kann an diese trugerische Hoffnung verloren gehen.

Lucinde betrat noch die Buhne nicht und blieb dem Verkehr der ubrigen Theaterwelt schon um deswillen fern, weil Madame Serlo sich bei allen Entbehrungen fur zu erhaben dunkte uber die niedere collegialische Sphare, der sie jetzt immer mehr und mehr angehoren musste. Um so enger war Lucindens Verbindung mit den Serlos selbst. Manche Gelegenheit, manche Huldigung bot sich, diesen Bann zu brechen. Sie konnte nichts mehr muthig ergreifen. Sie schleppte sich mit den kummervollen Zustanden dieser Familie so hin und Serlo bedurfte ihrer. Sie hatte nie von sich selbst geglaubt, dass sie einer solchen Anhanglichkeit fahig war.

Zwischen ihr und Madame Serlo musste zuletzt offene Feindschaft ausbrechen. Der Kronsyndikus antwortete auf keinen Brief; die Kleinodien und werthvollen Kleider waren verkauft; jetzt musste schon Lucinde das Brot der Armuth theilen. Sie nahm es in Anspruch mit dem Versprechen, alles gut zu machen, wenn sie einst als Schauspielerin auftreten wurde; einstweilen unterrichtete sie die Kinder, sie besorgte die Wirthschaft, sie pflegte Serlo.

Gerade aber in diesem letztern immer nothiger werdenden Amte begegneten sich beide Frauen, die Alternde, die die Jugend log, und die Jugendliche, die mit neunzehn Jahren schon die Stirn wie eine Matrone runzeln konnte, mit Hass und Eifersucht.

Lucinde hatte vom Arzt gehort, dass Serlo's hinfallige Gesundheit noch langer gefristet werden konnte bei sorgsamer Pflege. Madame Serlo war selbst davon uberzeugt, besass aber jene schroffe Weisheit der ewig Gesunden, die in jeder Klage eines Kranken Uebertreibung sieht. Sie selbst war kaum jemals krank gewesen, sie erklarte das Kranksein fur eine "dumme Angewohnung". War sie selbst wie ein Fisch im Wasser, so sollte alles um sie her ihr Element theilen. Hatte sie sich gebadet, mit Staubregen uberrieseln lassen, kam sie trotz ihrer Vierzig frisch und strahlend zum Fruhstuck, so sollte die ganze Welt nur ihrem Beispiel folgen und es wurden alle Husten, Kopfwehe, Katarrhe, besonders aber die eingewurzelten, aus denen doch wol Serlo's ganzer Zustand allein herzuleiten ware, fur immer verschwinden.

Serlo lachelte dazu und Lucinde sagte:

Wenn aber gerade die eingewurzelte Einbildung schon den ganzen Menschen regiert und ihm nur noch manchmal wohl wird in der Gewissheit, dass man diese seine Schwache schont?

Das eben darf man nicht! erwiderte Madame Serlo. Man darf keine Irrthumer bestarken, darf keinen ubeln Gewohnheiten Vorschub leisten! Wenn sich Serlo nur herausreissen konnte, nur wollte, es wurde ihm und uns allen geholfen sein!

Dies kalte Wort vom "Herausreissen", vom Emporraffen war das grausam ewig wiederholte, das in Serlo's Ohr schon seit sechs Jahren mit bohrendem Schmerz wuhlte.

Er liebte glucklicherweise das Leben selbst und versuchte es, ihm Wohlbefinden und Kraft abzugewinnen, abzutrotzen. Brach er nach einer solchen Anstrengung, in der er sogar spielte und sich zu Feuer und Begeisterung zu entflammen suchte, wieder zusammen, untersuchten Aerzte das Gerausch seiner Lungen und entfernten sich mit ernsten Mahnungen an die Gattin, an die "Erzieherin" der Kinder, wie Lucinde genannt wurde, so traten Augenblicke einer volligen Muthlosigkeit ein und Serlo ergriff dann oft, wenn er mit Lucinden allein war, ihre Hand und sagte fast weinend:

Wenn ich nur nicht noch in meiner letzten Stunde horen muss, dass ich mir zu viel nachgabe! Das Wort: Reiss' dich heraus! wird mein Grablied werden!

Lucinde versicherte:

Ich werde bei Ihnen bleiben!

Was sie an diesen bemitleidenswerthen Mann fesselte, war sein Ungluck und seine Bitterkeit. Sie befand sich in einer Stimmung, die der seinen nicht unahnlich war. Ihr ganzes Leben war ja gleichsam in einen plotzlichen Stillstand gerathen, in einen jahen Sturz, wie in eine Versandung. Wo war sie hingerathen? Aus solcher Hohe des Glucks! Auch die ersten Reize desjenigen Eindrucks, den man an ihr den elfenartigen genannt, waren geschwunden; sie war jungfraulich geblieben, aber nicht mehr so gefallig, so naiv, so lacertenhaft wie einst. Sie legte keinen Werth mehr auf ihr Aeusseres, sie schmuckte sich nicht mehr; die Abneigung gegen die Wassertheorie der mit Fischblut, wie sie sagte, belebten Madame Serlo liess sie die Vorschriften der Ordnung sogar mehr vernachlassigen als billig. Ihre Gestalt bekam etwas Lassiges. Wochenlang verliess sie das Haus nicht oder sah nur zu dm Kindern nieder, wenn sie diese beim Spazierengehen fuhrte. Sie war muthlos geworden und so vergramelt wie ein Madchen, das jeden Augenblick den Stundenschlag erwartet, an welchem es dreissig Jahre zahlt.

Zwanzig zahlte sie schon; denn zwei Jahre fuhrte sie das herumziehende Leben, das sogar Reiz fur sie bekam in den taglichen kleinen Abwechselungen der Buhnenchronik, in der lebhaften und feurigen Anwaltschaft fur das aussere Interesse der Familie, der sie sich angeschlossen hatte, endlich innerlich in der Parteinahme fur Serlo gegen seine Frau. Es gab Scenen der Erbitterung. Ost genug wurde das Wort gesprochen, dass entweder die "Gattin" oder Lucinde gehen musste. Serlo, der auf liebevolle Hingebung keine Anspruche mehr gemacht hatte, der glucklich war, dass noch einmal ein Blick, der Handdruck eines teilnehmenden Wesens ihn lohnen konnte fur sein Dulden, Serlo vermittelte diesen Zwiespalt, so gut es immer ging. Um den Frieden wiederherzustellen, hatte er gewisse Hulfsmittel, die nicht fehlschlugen. Er ruhmte, was die Kinder in der Musik fur Fortschritte machten; Lucinde unterrichtete sie. Er liess Lucinden Scenen aus den classischen Stucken recitiren. Sie sprach sie mit Verstandniss, wenn auch kalt und schwunglos. Die Begeisterung wird der Abend und der Anblick der Zuschauer geben! sagte der Kranke. Er deutete auf die grossen Vortheile hin, die ihnen allen wurden geboten werden, wenn endlich Lucinde sich entschliessen konnte, in das so verwaiste und so theuer bezahlte Fach der "Liebhaberinnen" von Gestalt und Schonheit einzutreten.

War der Friede auf diese Weise wiederhergestellt, so erzahlte er mit Gemuthlichkeit von seinem vergangenen Leben. Die Scharfe, die er fruher besessen, hatte ihn in der Schule der Leiden immer mehr verlassen, nur die bittere Ironie war ihm geblieben, das Salomonische: Alles ist eitel! Er wollte seine Philosophie des Lebens, dass alles Wahn, alles Verkehrtheit und Narrheit ware, von seinen fruhesten Anfangen her beweisen. Besonders lange verweilte er in der Schilderung seiner ersten Anlaufe zur geistlichen Laufbahn ... Serlo schilderte Menschen mit derselben Lebhaftigkeit wie Gegenden. Seit Jahren fuhrte er Tagebucher und las daraus Stellen vor, uber deren Bitterkeit und Satire er oft den Kopf schuttelte, gleichsam als wenn er nicht begreifen konnte, wie er einst so hatte denken und fuhlen konnen. Er nannte dann das, was er las, abgeschmackt, wahnbethort, oft aber auch wieder, offen von sich selbst gestanden, klug und treffend. Manchmal, wenn er beim Blattern auf Thorheiten stiess, auf Racheplane, Anfeindungen, die er selbst erlitten oder angezettelt hatte, sagte er mit vollem Ernst: Ich war damals verruckt! Wir alle sind verruckt! Jeder ist's innerhalb seines eigenen Interesses! Und wir wissen es sogar selbst sehr gut! Mindestens, wenn wir zuruckblicken und uns vergegenwartigen, wie wir damals waren, damals das sagen, das thun konnten! Bei anderm, was er erzahlte oder las, sagte er dann wieder ganz offen von sich selbst: Wie gut das von mir war, wie edel! Ja, darf man sich denn nicht selber lieb haben? ... Wenn Madame Serlo zuhorte, was selten geschah sie hatte zu jeder Zeit, nicht blos Abends, einen Schlaf, der nur: Ich will! zu sagen brauchte und sie schon schnarchen liess sagte diese: Nein, lies lieber aus dem allen heraus, dass du einst mehr Courage hattest! Und die konntest du noch haben, wolltest du dich nur herausreissen!

Herausreissen! ... Es war das ewige Wort ... Es schnitt dann wieder alles entzwei.

Einige betrugerische Directionen hatten die Familie bis an den Rand des Elends gebracht. Lucinde musste das Opfer, das sie immer in Aussicht gestellt hatte, jetzt endlich vollziehen und einen Schritt thun, der ihr innerlich widerstrebte. Man unterhandelte mit einem ansehnlichen Theater uber ihr erstes Auftreten. Die Umstande hatten es gefugt, dass sie den ersten Schritt an die Lampen gerade in jener Stadt thun sollte, in welcher sie einst von der Frau Hauptmannin von Buschbeck in diese wirre Welt war eingefuhrt worden.

Diese Stadt wiederzusehen, flosste ihr Schauder ein.

Jahre waren vergangen, seit sie dort gelebt. Wie mancher konnte ihrer eingedenk geblieben sein! Ein dunkles Gerucht hatte ihr von ihren beiden letzten Geschwistern kein gluckliches Wiedersehen in Aussicht gestellt. Beide Knaben sollten aus dem Waisenhause zu Lehrherren gekommen sein, dann aber sich schlecht bewahrt und sogar schon den Gerichten Gelegenheit gegeben haben, sich mit ihnen zu beschaftigen. In der Schweigsamkeit uber ihre Angelegenheiten, die ihr eigen war, sprach sie Serlo nur obenhin vom Vergangenen, kein klares Wort von ihren Besorgnissen, sonst wurde dieser sie entweder widerlegt oder die Anknupfung mit der Buhne gerade dieser Stadt widerrathen haben. Die Verhandlung mit dem Vorstande war schriftlich erfolgt; die personliche Vorstellung fiel nicht ungunstig aus; Lucinde hatte sich Gewalt angethan und machte einen Eindruck, der etwas versprach. Nach Madame Serlo's kecker Aussage hatte sie sogar bereits auf kleinen Buhnen "sechs bis sieben mal mit glanzendem Erfolg" gespielt. Sie bekam die Zusage, dass sie als Jungfrau von Orleans auftreten durfte. Auch die Bitte um einen veranderten Namen wurde gewahrt.

Madame Serlo konnte diese Entscheidung, die sich noch vierzehn Tage hinziehen konnte, im Orte selbst nicht abwarten. Einmal hatte man des bessern Eindrucks wegen eine gute Wohnung nehmen mussen, deren grossere und fur alle ausreichende Ausdehnung die vorrathigen Mittel uberschritten haben wurde; dann aber auch war ihr eine Stellung angeboten worden bei einem jungen Fursten, der erst vor kurzem sein Regiment angetreten hatte und fur sein Land eine neue Aera beginnen wollte durch Verbesserung des Ballets seines Hoftheaters. Schon war diese ungluckliche Familie so weit gekommen, dass sie auf den Erwerb durch ihre Kinder sehen musste. Diese entschloss sich die Mutter jenem jungen Fursten fur sein Ballet anzubieten. Lucinde verstand genug von der Welt, um den Seufzer und das bittere Lacheln sich deuten zu konnen, als Serlo dies hinter seinem Rucken gemachte Arrangement erfuhr. Zu krank, um die Reise schon jetzt weiter fortzusetzen, nahm er Abschied von den Seinigen. Als er die Kinder kusste, standen ihm Thranen in den Augen. Er schien die Ahnung zu haben, entweder dass er sie nicht mehr wiedersahe oder welcher Zukunft sie entgegengingen.

In dieser Stadt nun musste uber Lucinden alles, was an ihrem Lebenshimmel sich duster und unheildrohend zusammengezogen hatte, zu gleicher Zeit ausbrechen.

Sie suchte erst niemand auf, verbarg sich auf ihrem Zimmer, studirte mit angstlicher Spannung ihre Rolle. Ob sie nach der alten Magd sich erkundigen sollte, die ihr zur Einsegnung einst das Gesangbuch geliehen? Ob sie suchen sollte von ihr manches in Erfahrung zu bringen, was sie und die Ihrigen betraf? Es war gefahrvoll fur die Stellung, die sie jetzt in der Gesellschaft einnehmen musste, und doch hatte sie gern von diesem gehort und von jenem, vom Stadtamtmann, von Herrn Guthmann, von der bewussten Dame aus der Gesellschaft, von der bosen Buschbeck, von Oskar Binder, von der Heimat, vor allem von ihren beiden Brudern. Sie wurde letzteres endlich Serlo schuldig, der ihr die Pflicht, sich um diese erst jetzt von ihm in Erfahrung gebrachten Geschwister zu bekummern, als unerlasslich vorschrieb. Sie erwiderte: Warum gerade diesen Kelch, Serlo? Wir sind ein Nest wilder Wasservogel gewesen! Wir flogen aus und hatten keinen Trieb, zusammenzugehoren! An unserer Mutter lag's! Wir liebten den Vater, hassten die Mutter, aber unserer aller Art war und ist dennoch nach ihr! ... Wenigstens zu jener Frau versprach sie zu gehen, bei welcher ihre Schwester gestorben war.

Hier erfuhr sie vielerlei. Der Stadtamtmann war aus politischen Grunden in den Zeiten einer ewigen Gahrung beungnadet und versetzt worden; die Frau Hauptmannin war aus der Stadt verschwunden und vielleicht an den Rhein gezogen, wo sie eine Schwester gehabt haben sollte. Der junge Commis, mit dem sie vor funf Jahren in die Welt gegangen, verbusste noch sein Verbrechen des Kassendiebstahls und der Wechselfalschung im Zuchthause; der Kaufmann Guthmann hatte fallirt und war mit der bewussten vornehmen Dame, da er sich von seiner Frau, sie aber von ihrem Gatten hatten scheiden lassen, in die weite Welt gezogen ... Ihre eigenen Geschwister? Die hatten nicht gutgethan. Von ihren Meistern kamen sie in eine neu errichtete Besserungsanstalt im Innern des Landes ... Bei allen diesen herzzerreissenden Mittheilungen trommelte es in den Strassen wie sonst und die Querpfeife schrillte und die Commandos der Wachparade hallten wider und die Brunnen gingen wie sonst und auf dem grossten Platze der Stadt riefen die Kinder wie sonst ein beruhmtes Echo wach und glanzende Carrossen rasselten aus den Gasthofen heraus, weil in dem Lustparke des Fursten, dem Schauplatze der ersten Triumphe des "Hessenmadchens", heute, wie sonst, die beruhmten Wasser sprangen.

Lucinde kam zu Serlo und sagte:

Ich bringe trockenes Reisig zum Einheizen! Winterholz! Ganz wie die alte Lene, die im Langen-Nauenheimer Forst frei sammeln durfte!

Sie erzahlte dann. Serlo erwiderte:

Das ist die Welt!

Der Tag kam heran, wo an den Strassenecken zu lesen war: "Die Jungfrau von Orleans. Romantische Tragodie von Schiller. Jeanne d'Arc: Fraulein Konstanze Huber, als Gast." Sie hatte, sie wusste selbst nicht warum, den Namen des Pfarrers von Eibendorf angenommen.

Ihre Befangenheit steigerte sich am Morgen vor dem verhangnissvollen Tage bis zur zaghaftesten Furcht.

Man hatte sie im Bureau und auf der Probe mit einer scheinbar zuvorkommenden, dem Erfolg aber jedenfalls mistrauenden Artigkeit behandelt.

Dass man den Versuch uberhaupt wagte, war eine Gefalligkeit gegen Serlo, der aus fruhern bessern Verhaltnissen unter dem Personal einige theilnehmende Freunde hatte.

Lucinde brachte von der Probe keine erfreuliche Stimmung heim und erzahlte, was sie aus dem Benehmen der Mitspielenden herausgefuhlt.

Serlo lag auf dem Sopha ausgestreckt; gerade von Tag zu Tag wurde sein Befinden bedenklicher, er sprach mit einer eigenthumlich peinlichen Aufregung:

Nehmen Sie's doch, liebe Freundin, ganz so wie es ist! Gerade da, wo man aus der Verstellung eine Kunst gemacht hat, lasst man sich im gewohnlichen Leben ganz so gehen, wie man ist! Es gonnt Ihnen eben niemand einen Erfolg, selbst die nicht, die Sie um meinetwillen protegiren! Hochstens eine alte gutmuthige Person, die Sie ankleidet und dabei an ihr Trinkgeld denkt! In dieser Laufbahn muss man sich eben alles selbst erobern!

Lucinde, sprach die Befurchtung aus, dass ihre fruhern Verhaltnisse hier bekannt geworden sein durften und gegen sie sprechen wurden ...

Sie werden selber fur sich sprechen, erwiderte Serlo, wenn Sie nur in Ihrer ersten Scene gefallen haben! Man braucht ja in dieser Rolle nur laut und deutlich das zu sagen, was vorgeschrieben steht!

Lucinde war am Tage der Vorstellung in der Stimmung, die sie selbst mit der Erwartung verglich, hingerichtet zu werden. Hatte sie nicht den unabweislichen Zwang gehabt, schon auf die kleine Summe rechnen zu mussen, die sie fur diesen Abend als Ehrensold zu erwarten hatte Serlo bedurfte gerade jetzt wieder der sorgsamern arztlichen Pflege und mancher bessern Auswahl in seiner Kost , sie wurde, wie sie sagte, diesen Kelch an sich haben vorubergehen lassen.

Wie sie um vier Uhr sich rustete, ihre Wasche durch ein gemiethetes Madchen ins Theater schickte und sich dann halb zogernd selbst auf den Weg machen wollte, war Serlo ein wenig eingeschlummert. Sie blickte aufs Sopha. Seine Augen waren geschlossen. Er athmete schwer. Der Husten, dem nachzugeben die Brust kaum noch Kraft hatte, machte sich nur in stossweisen Krampfen bemerkbar, wie bei den intermittirenden Athemzugen eines Sterbenden. Dieser Zustand beunruhigte sie nicht ... Sie hatte ihn schon oft erlebt, schon oft hatte man das Erloschen der Lebensflamme ganz nahe geglaubt. Sie legte dem Schlafenden ein Kissen unter den Kopf, ruckte einige Stuhle dem Sopha naher und wollte jetzt gehen, so sehr ihr auch fast die Sinne schwanden.

Da blickte der Kranke empor.

Ich habe Sie ganz wohl gehort, gute Freundin! hauchte er leise. Ich werde Sie doch so nicht gehen lassen ohne meinen Segen?

Nun richtete er sich ein wenig auf und sprach mit erhohter Stimme:

Lucinde, wenn Sie spielen, denken Sie nur nicht an die paar Menschen, die Sie vor sich sehen, sondern allein an die Menschheit im grossen und ganzen! Verachten Sie die, die Sie sehen, und lieben Sie die, die Sie nicht sehen! Lassen Sie die Horer fuhlen, dass Sie eine Prophetin sind, die in diesem Augenblick jeden beschamen will, der im Gemeinen und Geringen lebt! Das Auge sieht den Himmel offen und hort keine Dissonanz dieses elenden Lebens mehr! Dort oben, so glauben Sie wenigstens, wird alles Harmonie werden! Dort werden wir erfahren, warum wir hienieden die volle schone Ahnung des Gluckes haben durften und doch so viel leiden mussten! So hab' ich als Kind immer den Martyrern nachgefuhlt, wenn die um ihren Glauben so Grauenvolles erfahren mussten. Knien musst' ich dann in der Einsamkeit und denken: Nun kommt nur heran, ihr romischen Landpfleger und Proconsuln alle! Gebt mir nur die todtliche Wunde! Das wird mich gleich in die Freuden des Paradieses versetzen! Dieser Glaube ist hin ... aber wenn er uns irgend noch einmal aufleben kann, ist es in der Poesie. Blikken Sie nur immer empor und thun Sie sich nichts auf den schonen Harnisch zugute! "Mein ist der Helm und mir gehort er zu!" Wer da auf Bertrand zuspringt und sich wie eine Amazone geberdet, hat schon verloren! Fur diese Seherin, die ihre Zukunft kennt, ist das Ueberbringen dieses alten kriegerischen Schmuckes eine ganz einfache, sich von selbst verstehende Bestatigung ihrer Vision der Gottesmutter. Von da an beginnt in ihr die festeste Zuversicht und eine einfache, demuthige Unterordnung unter den Rath des Verhangnisses! Mit dem Himmel spricht sie, wie andere mit sich selbst. Vergleicht sie dann ihre schwache Menschenkraft mit der Grosse der ihr gestellten Aufgabe, dann darf sie einen elegischen Ton anschlagen, zu dem jedoch die Musik der Verse nicht zu viel verleiten darf. Mitleid mit sich selber fuhlt sie, sie spricht es aus, wenn sie Lionel sieht. Warum sie gerade den liebt, nachdem sie Tausende von Mannern gesehen, ... ich weiss es nicht, beste Freundin! Ist es, weil Lionel einmal vom ersten Helden und Liebhaber gespielt werden muss obgleich die Rolle undankbar ist der Dichter wollt' es einmal so. Es ist kein Werk des Genius, dies Drama; es lag dem Schopfer im Gemuth, nicht im Verstande; es will einfache kindliche Hingebung bei allen beim Publikum und beim Spieler. Aus diesem Geist heraus sprechen Sie! Dann: "Leichte Wolken heben mich!" und geben Sie Acht,

Der schwere Panzer wird zum Flugelkleide!

Hinauf hinauf die Erde flieht zuruck

Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!

Jetzt kusste er ihr noch, da Lucinde sich zu ihm niederbeugte, die Stirn, lachelte, neckte sogar, sprach von der Art, wie sie beim Hervorruf sich zu verneigen hatte, rieth ihr Vorsicht an im Gefecht mit Lionel ... dann winkte er mit stummer Handbewegung ... so ging sie.

In der Garderobe war man freundlich. Darsteller geringerer Rollen machten ihr Lobspruche uber ihr Aussehen als Hirtin; aber schon war es ihr bedenklich, dass sie irgendwo zwischen den Coulissen horte, sie wusste nicht von wem: "Ganz das Hessenmadchen!"

Sie sass dann, ehe noch der Vorhang aufging, schon unterm Drudenbaume. Aus den Coulissen wurde sie lorgnettirt. Gestalt, Kopf, Auge, alles war bedeutungsvoll, wenn nicht zu scharf, zu stechend, auch zu

Der Director ermunterte sie.

Als der Vorhang aufgezogen und der Dialog im Beginn war, durfte sie schweigen. Sie konnte sich Muth fassen, die zahlreich versammelte Menge zu ubersehen.

Statt jedoch jetzt nach Serlo's Anweisung mit aller Gewalt an die Abwesenden zu denken, in die Hohe und gen Himmel zu blicken, unterschied sie gerade die Anwesenden. Ihr scharfes Auge zeigte ihr diese Personlichkeit und jene, sie sah die Platze, wo sie fruher selbst gesessen. Ihr Sinn wurde zerstreut und der erste wohlthuende Eindruck, den sie machte, hielt sich nicht. Man fand sie hager, eckig, unsicher, man sah Verstand, wo man Gefuhl erwartete. Die begeisterte Kraft eines hohen Willens schien ganz zu fehlen ...

Das Vorspiel ging wol ohne Storung voruber, der Ton hinter der Scene wurde jedoch schon spottisch. Um ihr gleichsam zu schmeicheln und sie fur den ausgebliebenen Beifall zu trosten, sprach man luat von der Indolenz des Publikums. Hier und da horte sie Worte aus der bekannten Parodie des Abschieds Johannens von ihrer Heerde. Auch die Schlussworte wiederholte jemand: "Johanna geht und nimmer kehrt sie wieder!"

In Harnisch und Helm sah Lucinde imposant genug aus. Dies schone naturliche Haar in schwarzen Lokken, diese dunkeln Augen, dieser schlanke, jetzt fur die Kriegerin nicht mehr zu hohe Wuchs ... Sie hatte sich nur zu ermannen, die Stimme zur Kraft und Entschiedenheit zu erheben brauchen und wurde sich vor Demuthigung gerettet haben. Aber sie blieb zerstreut, muthlos, ausserhalb der Situation, versaumte die Stichworter, sah und horte nur auf das, was sie umgab. Von allem, was Serlo ihr angerathen, that sie das Gegentheil. Sie liebte auch die Menschheit nicht, sie hasste sie ja! So schleppte sie sich durch den ersten Act, schwunglos, und bei aller Scharfe ihres aussern Ausdrucks, ihres Verstandes, bei allem Reichthum ihrer Lebenserfahrung erschien sie ein grosses, unreifes Kind.

Der Schluss des Actes blieb ohne Beifall, ja er erweckte im ganzen Theater das laute Ausbrechen einer Verwunderung ...

Hatte sich ihre erste Jugendgeschichte verbreitet, ihr Ursprung von einem Dorfe der Nachbarschaft, ihr Dienstverhaltniss im Hause des fruhern, exilirten Stadtamtmanns, oder war das Publikum durch eine Darstellerin der Isabeau zur Heiterkeit gestimmt ... im zweiten Acte wurde die Aufnahme bedenklich. Das Lager der Englander wird vorgefuhrt, der Streit der Heerfuhrer folgt, ihre Aussohnung. Nun muss dem Darsteller des Lionel einfallen, zu betonen: "Gluck zu dem Frieden, den d i e Furie stiftet!" Es war dies eine von den feinen Nuancen, die entstehen, wenn unsere "Kunstler" zu "denken" anfangen. Alles lachte hellauf. Jeder sah die Erscheinung der corpulenten und so grimmigen Isabeau im Geiste als Furie vor sich. Nun kam die Verwandlung. Johanna sollte Burgund und Frankreich versohnen. Kein Ton war jedoch Lucinden fremder als der, Streitende zu versohnen. Bei den schwach gehauchten Worten: "Und einen Donnerkeil fuhr' ich im Munde" klatschte jemand ironisch. Man lachte aufs neue, sie verliert die Besinnung und kann sich zu den letzten Worten nicht mehr sammeln. Der Vorhang fallt, ehe sie die Scene ganz beendet hatte. Sie taumelte in die Garderobe zuruck ... Der Gaukeltraum ihres Lebens war zu Ende.

Als der Vorhang wieder aufgehen soll und alles um sie her grauenhaft still ist, kommt der Vorstand der Buhne, ein freundlicher, wohlwollender alter Herr, dem die jungere Generation den Ruf verschaffen wollte, dass er "einen Misgriff nach dem andern" beging, und liess die Frauen aus der Garderobe treten. Er sagte Lucinden mit mildem, aber entschiedenem Tone:

Liebes Kind! Sie werden nicht weiter spielen! Auf den Proben konnt' ich diese Unsicherheit nicht erwarten! Sie sind entweder nicht bei der Sache oder talentlos! Unsere gewohnliche Darstellerin hat sich bereits angekleidet und wird die Rolle zu Ende fuhren!

In dem Augenblick horte man auch schon den sturmischen Beifall, mit dem die "echte Johanna" empfangen wurde.

An Selbstbeherrschung fehlte es Lucinden nicht. Nun bekam sie Haltung! Doch wenn sie auch hatte in Vorwurfe oder Klagen ausbrechen wollen, der Director wurde sie nicht angehort haben. Er wurde in die furstliche Loge gerufen.

Hohn verfolgte die Ungluckliche nicht, als sie sich umgekleidet hatte, ihrem Madchen ihre Sachen gab und in Begleitung desselben nach Hause ging. Sie musste die ganze Lange der hintern Buhnenwand passiren und vor allen denen, die zu dem kommenden Kronungszuge gehorten, vor mehr als hundert Menschen, vorubergehen. Der Spott schwieg: massenhaft verhohnt der Mensch den Unglucklichen nicht. Einzelne lassen sich zwar den Hufschlag des Esels auch dann nicht nehmen, und so sagte einer: Gute Nacht! Da lachten denn freilich alle, aber nur uber den Muth, jetzt einen solchen "Witz" zu machen ... man sah, als sie durch die Leute ging, auf den Sprecher, nicht auf sie.

Lucinde war auf der Strasse, in der Dunkelheit der Gassen. Die Menschen, die ihr begegneten, wussten nichts von ihrem Geschick und darin fand ihre starke Natur schon wieder Kraft, schon wieder Anhalt. Nur Serlo wiederzusehen, zu dem so zuruckkommen zu mussen ... das benahm ihr den Athem. Sie fuhlte, dass sie, die sich der Zeit nicht mehr entsinnen konnte, seitdem sie geweint, jetzt in Thranenstromen sich baden musste, wenn sie in sein Zimmer trate, der Schein der kleinen Lampe, bei dem er zu schlafen pflegte, auf sein Antlitz fallen wurde und sie ihm berichten musste, wie es ihr ergangen!

Muhsam stieg sie, keuchend, an der Lehne der Treppe sich haltend und die erstaunten Fragen der Dienerin, die aufrichtig gemeinten Trostgrunde derselben, die von einer angelegten Kabale sprach, nur mit Stillschweigen aufnehmend, in ihre Wohnung hinauf. Je naher sie dem dritten Stocke kam, desto schneller ging sie. So hatte sie noch nie das Bedurfniss nach einer Stelle, um niederzusinken, so noch nie nach einem Menschen, dem sich auszuweinen, so noch nie die Wonnen des Trostes geahnt, der in einer einzigen rein, aber auch ganz rein und selbstlos mitfuhlenden Seele liegen kann ...

Niemand von den Wirthsleuten, bei denen sie wohnte, horte sie kommen. Alles war im Theater! Sie druckt die Thur auf, sie sturzt auf das Sopha zu, sie hat ihre ganze Kraft in dem Hulferuf: "Serlo!" gesammelt ...

Der aber lag, von der kleinen Lampe beschienen, auf dem Sopha ... Er schlief nicht mehr ... Stirne, Wange, Hand waren kalt ...

Er war todt.

21.

Die Schauspieler haben die schone Art, in aussersten Lebenskrisen sich von der herzlichsten Seite zu zeigen.

Es ist dann fast, als gedachten sie der alten Zeit, wo sie noch zu den Verfemten gehorten, gedachten ihres eigenen, meist so schwankenden Looses.

Serlo war freilich schon so verbittert gewesen, dass er auch diese Erfahrung anders erklarte.

Er hatte zu Lucinden schon vor langerer Zeit einmal gesagt:

Wir Komodianten kennen die Wirkung, die auf der Buhne Edelmuth macht! Immer Schlangen im Herzen haben, erstickt uns auch zuletzt selbst. Wir athmen ja auf, einmal fur unsere bessere Empfindung ein Zeugniss aufstellen zu konnen. Dass uns dann aber auch der Beifall, nicht nur des Gewissens in aller Stille, sondern auch der offentliche und der Hervorruf nicht fehle, dafur sorgen wir schon! Gilt es ein bewiesenes Herz, gilt es unser Mitleid, unsere Aufopferung, dann wird sogar ein College einmal zum Claqueur des Collegen und das will viel sagen!

Dieser bittern und menschenfeindlichen Aeusserung erinnerte sich Lucinde, als sie den Eifer sah, mit dem man Serlo bestattete, seine Angelegenheiten ordnete, fur seine Anerkennung sogar durch die Presse sorgte. Jetzt hatte jeder das Ringen des Armen beobachtet, jetzt hatte jeder gefunden, dass er eines bessern Looses wurdig gewesen war. O diese Grabredner! sprach Serlo einst schon fruher einmal wie in Vorahnung. Man mochte diese Kerle immer fragen, warum sie nicht fruher das Maul aufthaten?

Fur alle diese Liebesdienste wurde ein Comite niedergesetzt und Lucinden selbst der Ueberschuss einer Subscription angeboten.

Sie nahm fur sich nur, was fur das "unterbrochene Opferfest", wie ein bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorstellung der Jungfrau gesagt hatte, von der Direction gezahlt wurde. Sie wohnte dann noch dem Begrabniss und der theilweisen Versiegelung der Verlassenschaft bei, schrieb an Madame Serlo und die Kinder, liess, was sie noch entbehren konnte, dem Todtengraber zuruck, um einige Jahre lang Serlo's Grab zu schmucken, und reiste ohne Plan, ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus.

Zunachst nur uber die dustern Berge hinweg, die waldigen, dunkeln Fichtennadelhohen ... Nur in freundlichere, sonnigere Thaler! Sie wollte womoglich die Stadt sehen, in der Serlo geboren war und noch Anverwandte hatte. Dann hoffte sie irgendwie und wo weiter zu kommen ...

Was das Leben zur Schule machen kann, glaubte sie hinter sich zu haben. Eine Schulerin im grossen Lehrgange des Schicksals erschien sie sich nicht mehr. Sie musste schon wieder bitter lachen, als sie so im Eilwagen uber die Schluchten des Rhongebirges fuhr, dabei an die Wolfe des Revierforsters, an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klange ihrer Rolle im Ohre summten. Auch andere Rollen wurden lebendig. Wie viel hatte sie nicht auswendig gelernt und studirt!

Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!

Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!

Diese Worte wiederholte sie am oftersten. Verirrung schien ihr alles, was sie bisher erlebt. Sie sah neue Strome, neue Thaler, neue Ebenen; sie fuhlte wieder die Kraft, ihr Schicksal sich selbst zu gestalten.

Wie aber und womit? Wo den Handschuh hinschleudern zur Fehde gegen Natur, Menschen, Erde, Himmel? Nach Schloss Neuhof zuruckkehren? Dort dem Kronsyndikus, wenn er noch lebte, ein Wachtauf! Wachtauf! rufen? Thatsachen geltend machen, die nicht ganz aus ihrem umflorten Gedachtniss entschwunden waren? Dann hatte sie freilich nach Norden zuruck mussen und schon hatte sie's unwidersteh

Als man Serlo auf dem Friedhofe, dem katholischen, begraben hatte, war sie zugegen gewesen und hatte von fern gestanden. Sie gehorte dem Dahingegangenen zwar am meisten an, aber das auf der Buhne Erlebte zwang sie, an den Grabeshugel erst dann heranzutreten, als alle sich entfernt hatten, der Weihrauch verduftet, die schonen Gesange des Theaterchors verklungen waren. Da hatte sie noch eine Thrane in ihrem brennendheissen Auge gehabt. Dann warf auch sie drei Hande voll Erde auf das Grab, nahm jene Rucksprache mit dem Todtengraber und war nur noch eine Weile unter den Grabern gewandelt. In der Nahe lag der Kirchhof, auf dem ihre Schwester begraben sein musste ... Er stand offen ... Sollte sie hineingehen? ... Ueberall las sie: "Friede und Gluck" ... Wo es so viel Graber gibt, so viel mude, gequalte, betrogene Herzen, Gluck? Ja, Gluck, unter der Erde im Nichts sich ausruhen! Im Nichts! So glaubte sie schon. Alles schien ihr Traum und Wahn. Verwirrung, Krieg, fester Wille nur, und den Fuss gesetzt auf jeden Nacken, der sich nicht beugen will! Das schien ihr eine Aufgabe, allein des Lebens wurdig ... Sie ging nicht auf den Friedhof.

In eine altberuhmte Stadt kam sie und fand Verwandte Serlo's. Diese fragten nach seinem Nachlass.

Sie sagte, sie hatte nichts, ging und belachelte ihre Anwandlung von Gefuhl.

Mit sich kampfend, ob sie an den Kronsyndikus, vielleicht an seinen Sohn, den Oberregierungsrath, schreiben, bitten, vielleicht drohen sollte, las sie in der Zeitung des Orts folgende Aufforderung:

"Man sucht im orthopadischen Institut ein gebildetes junges Frauenzimmer katholischer Confession, das der Sprachen und Musik vollkommen kundig sein muss. Naheres bei dem Director."

Ein orthopadisches Institut! Eine Erziehungsanstalt fur die Unarten des Korpers; eine Correctionsanstalt der Natur! Die hier gemeinte war weit beruhmt. Sie war eine der ersten gewesen, die man in Deutschland uberhaupt anlegte; sie wurde vom Landesfursten koniglich unterstutzt. Es stromten ihr aus allen Gegenden, selbst aus England und Amerika Pfleglinge, grosstentheils junge Madchen zu, von denen nicht einmal alle an ganz auffallenden, durch das Streckbett zu heilenden Fehlern litten; die Neigung, dem Korper seinen naturlichen Wuchs zu entziehen, ist ja leider tief in die erste Erziehungs- und Bekleidungssitte unserer Zeit eingerissen, so tief, dass bei einer Untersuchung, die jener Furst einmal in einem adeligen Tochterinstitut anstellen liess, fast die Halfte von hundertachtzig jungen Madchen keinen richtigen Wuchs oder Gang hatte!

Lucinde stellte sich dem Director vor und gab allerlei Auskunft uber ihr vergangenes Leben. Da sie sich gewandt franzosisch ausdruckte, etwas Englisch verstand, vollkommen fertig Klavier spielte, war die Prufung bald geendigt. Auch ihr bestimmtes Wesen gefiel. Man wurde uber die Bedingungen einig. Von den Kennzeichen, die ihr sonst noch etwa mangelten, hatte man nicht gesprochen; dass sie katholisch war, schien sich von selbst zu verstehen.

Gleich schon am Tage darauf sollte sie beim Institut eintreten.

Da der Vorstand und Besitzer der Anstalt Arzt war, der seine Zeit geregelt hielt, so wurde die genaue Stunde angegeben, wo er Lucinden in die Sale einfuhren wollte. Morgen in der Fruhe "um punkt neun Uhr" wurde sie erwartet.

Es war um die Osterzeit. Der morgende Tag war, wie sie im Gasthause horte, ein Quatembertag. Schon fruh wurde sie vom Gelaut der Glocken geweckt und als sie sich angekleidet hatte, horte sie, dass in der Kathedrale vom Bischof heute eine Priesterweihe vorgenommen wurde. Drei junge Diakonen sollten die letzten Weihen erhalten.

Nach acht Uhr stieg auch sie, von Unruhe und Ungeduld getrieben, die Anhohe empor, auf welcher die Kathedrale lag, umgeben von Resten alter Bauwerke. Hier sollten deutsche Kaiser einst eine Pfalz, einen Palast gehabt haben, an derselben Stelle, wo jetzt nur eine Schwadron Chevauxlegers einkasernirt lag in allerlei Anbauten, die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz, den man den Schlosshof nannte und wo allerdings an einer Stelle ein alter Thurm mit Wendeltreppe und ein steinernes Portal, uber welchem der Thierkreis abgebildet war, unmittelbar um tausend Jahre aus der Gegenwart hinausversetzten.

Die Kathedrale selbst war in byzantinischer Form angelegt, aber von dem Geschmack spaterer Jahrhunderte mannichfach erganzt durch Neubauten, Rundkranze und Thurme allerlei Stils. An den obern Stockwerken der Thurme sah man Saulen und Statuen, die Thuren waren nicht eben hochgewolbt, aber reich geschmuckt mit Bildwerken. Die Nahe der kaiserlichen Burg chien Einfluss gehabt zu haben auf die Gegenstande dieser Reliefs; man sah Allegorieen mit den Attributen der Gerechtigkeit, Salomo, den Richtenden, eine verhullte Gestalt mit der Wage in der einen Hand und dem Schwert in der andern ihm zur Seite. Dazu gesellte sich in noch nicht allzu kirchlicher Ausdrucklichkeit der wunderlichste Schmuck von Thieren und manche humoristische Ausgelassenheit, die man am Eingang so heiliger Statte am wenigsten gesucht haben wurde ... Ein Silen reitet auf einem Ziegenbock, ein Affe schreitet gravitatisch in Gewandern daher, ein Lowe spielt mit jungen Hasen ... Es ist als wenn sich das alte Leben der Zeit in Markt und Wald nur in Stein verwandelt hatte und sich seinerseits der trauten Nahe des Allerheiligsten auch erfreuen, vielleicht aber auch an der Pforte andeuten wollte, wessen man alles, die heiligen Raume betretend, vom Ungeistlichen draussen uneingedenk werden sollte.

Ostern war spat gefallen, aber die reichen Blumenspenden, die Lucinde in den Strassen getragen fand, waren doch zu kostbar fur die Jahreszeit. Hier mussten ganz besondere Opfer der Liebe stattfinden, wenn man diese Kranze und Kronen sah, die, aus den schonsten Blumen gewunden, noch wie verspatet eilends in die Kathedrale nachgetragen wurden. Die Menschen drangten sich, vorzugsweise eilten die Frauen. Eine Priesterweihe ist einer der anregendsten Vorgange des kirchlichen katholischen Lebens, gleichsam eine geistliche Hochzeit, fehlt doch bei Ertheilung der ersten Grade selbst eine sichtbare Braut nicht, ein kleines Madchen, dem der entsagende Priester angetraut wird, als dem Symbol der reinen, unentweihten, jungfraulichen Kirche. Hier handelte es sich um drei junge Diakonen, die schon die letzten Weihen erhielten und sozusagen nicht "ein-", sondern, wie Lucinde auf Erkundigung vom Volke erfuhr, "ausgeweiht" wurden.

Lucinde machte erst einige Gange durch die alte Pfalz, betrachtete die geheimnissvolle Wohnung des Bischofs, hinter der ein Garten mit schon Bluten ansetzenden edeln Baumen sich erhob, und umschritt die Kathedrale, die wie ein Sinnbild des Lebens selbst, abwechselungsreich und fast in ihrem ursprunglichen Zweck uberladen und erdruckt erschien ... fehlte doch selbst an einem Ausbau ein Schalter mit frischem Backwerk nicht, in der Kirche ein Backerladen! Einer alten Sitte zufolge musste hier jeder neu gewahlte Domherr weisses Brot kaufen und an die Schuljugend, die ihm Gluck wunschte, selbst vertheilen ... So bot die Kirche Brot des Lebens, geistiges und leibliches.

Lucinde, gedenkend, dass sie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von ihr als unwesentlich vorausgesetzte Bedingung ganz verschwiegen hatte, wollte das geistige wenigstens am Geschmack versuchen und trat in die Kathedrale ein.

Das Innere derselben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt, mit Blumenkranzen durchzogen, von Orgelklangen durchbraust; Stimmen redeten laut und so voller neugierig sich drangender, auf den Zehen stehender Menschen war der Raum, dass Lucinde nur auch sogleich von dem, was vorging, angezogen wurde und der Betrachtung des Baues selbst, seiner hohen Gewolbe, seiner bunten Fenster, seiner Kapellen und Grabmaler sich jetzt nicht widmen konnte.

Die heilige Handlung war schon in vollem Gange. Der Bischof stand am Hochaltar in prachtigen Gewandern. Rings um ihn her eine Reihe junger Priester niederkniend, vor ihm drei andere, die, welche eben die letzten Weihen empfingen.

Eben redete der Archidiakon den Bischof mit den Worten an:

Die heilige Mutter Kirche verlangt, dass die gegenwartigen Diakonen zur Wurde des Priesterthums geweiht werden!

Der Bischof sprach:

Weisst du, dass sie wurdig sind?

Der Archidiakon erwiderte:

Soweit es die menschliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag, weiss ich es und bezeug' es!

Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden genannt, die mit Kerzen in der Hand vor dem Bischofe standen:

Joseph Niggl, Beda Hunnius, Bonaventura von Asselyn.

Der letzte Name machte die Horerin lebhafter aufblicken. Dieser Name Asselyn war auf Schloss Neuhof nicht selten genannt worden. Der Sohn des Kronsyndikus, der Oberregierungsrath, hatte die Witwe eines Herrn von Asselyn geheirathet. Sie erinnerte sich, dass sein mitubernommener Stiefsohn Bonaventura von Asselyn genannt wurde, doch war er fur den Militarstand bestimmt gewesen und hatte jetzt Offizier sein mussen.

Sie blickte naher ...

Jetzt uberfiel sie ein Schauer ...

Alle ihre Umgebungen wandten sich, als sie einen zwar unterdruckten, aber doch genugsam horbaren angstlichen Schrei ausstiess ...

Das ist ... hatte sie erst ganz laut gesagt, ... leiser aber und schon verklingend auf ihren plotzlich erbleichenden Lippen hinzugefugt: ja Serlo!

Der Bischof sprach soeben von der Burde und Wurde des geistlichen Amtes ...

Lucinde hielt sich an einen der dicht besetzten Kirchenstuhle im Innern des Schiffes. Sie starrte auf den jungen Priester, den man Bonaventura von Asselyn genannt hatte. Er war wie Serlo! Serlo, wie er vor zehn Jahren hier hatte konnen gestanden haben! Derselbe schlanke Wuchs, dieselbe wurdige Haltung, dieselben, als er sich wandte, ganz sichtbaren edeln Gesichtszuge, derselbe feine Schwung des Profils, dieselben dunkeln Augen, das Haar, das schon die Tonsur empfangen und ringsum rabenschwarz war ...

Aller Augen theilten das Interesse fur diesen jungen Novizen des Priesterthums. Ware dies nicht gewesen, die Unruhe, die Lucinde verrieth, hatte noch storender auffallen mussen.

In der Litanei der Heiligen, die jetzt vom Bischof vor den niederknienden Priestern und wahrend er selbst kniete, begonnen wurde und deren wiederholtes: Bitte fur uns! die dichte Menschenmasse volltonend und durch die nicht endende Gleichmassigkeit fast die Sinne verwirrend nachmurmelte, fand Lucinde Zeit sich zu sammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefuhle zu beschwichtigen.

Als sich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange schlanke Gestalt Serlo's wie aus dem Grabe erstanden vor ihre fieberhaft erregte Phantasie getreten war, hatte sie sich den mit Blumen bestreuten Aufgangen zum Hochaltar noch mehr genahert, wenn nicht einige das Gewolbe machtig durchdrohnende Schlage der Thurmuhr sie zur Besinnung gebracht hatten. Neun schlug es, die Stunde, wo sie schon im Institut erschienen sein sollte.

Noch einmal sah sie an den Hochaltar, dann ringsum ... es waren Hunderte von jugendlich erbluhenden Madchen anwesend, ganze Schulen, ganze Pensionate, ... konnte nicht auch jenes Institut ... nein, sie besann sich, die kunftigen Pfleglinge, zu denen sie eilen musste, fuhrten ein Leben, das dem der andern nicht glich ... sie lagen auf Betten, bewegten sich in Bandern und Maschinen ... diese arme Kinder fehlten.

Nun riss sie sich los. Noch im Gehen war sie nur zu dem Priester hingewandt, der ihr Serlo schien ... Serlo, wie er einst gewesen sein konnte, sein musste!

Eben streckte der Bischof die Hand uber die zu Weihenden aus, sprach Worte des Segens, begann die Ceremonieen an dem ersten der drei, indem er die Stola, die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug, ihm kreuzweise uber die Brust hangte und dann sprach:

Nimm auf dich das Joch des Herrn! Denn sein Joch ist suss und seine Burde ist leicht!

Wie sie, mit dem Nachklang dieser Rede, der Anstalt zuflog und dort glucklicherweise noch nicht verspatet ankam, wusste sie kaum ...

Das grosse Gebaude des orthopadischen Instituts nahm sie auf. Es war geschmackvoll und sogar luxurios eingerichtet. Hinterwarts hatte man den Blick in einen Garten, wo der Rasen schon in uppigem Grun stand. Durch eine geoffnete Glasthur trat man in einen grossen Saal, den zierliche Treibhauspflanzen schmuckten ... Dann freilich kamen die trubern Eindrucke ... Saal an Saal ... Bett an Bett. Kinder darunter, die die Hoffnung ihrer Mutter auf Schonheit ganz betrogen hatten; aber doch viele auch, die sie wol noch einst erfullen werden ... Ein Jahr, und eine Neigung der Hufte oder der kaum sichtbare ungleiche Wuchs einer Schulter ist geheilt! Einige dieser jungen ringsum liegenden Madchen werden vielleicht ein wenig, ganz leise nur und unscheinbar mit dem einen Fusse weniger behend durchs Leben schweben; aber was thut das ihrem rosigen Lacheln? Was thut das ihrer neckischen Lust, die einen ganzen Kreis in gleicher Lage Befindlicher ringsum auf den Prokrustesbetten eben zum Lachen bringt! Diese schelmischen Augen dort, diese sinnigen hier, diese Rosen auf den Wangen, diese Lilien auf Arm und Nacken, jede eine Knospe voller Hoffnung fur die Zukunft, jede so ganz das schone, liebevolle, reiche Geheimniss eines jungen Madchenlebens! ... Wer kann sonst schon solche junge Madchen im traulichen Verein spielend, harmlos dem Augenblick dahingegeben sehen, ohne nicht zu gedenken: Was wird euch allen noch einst beschieden sein? Welche Flammen werden in euren Herzen lodern? Wo waltet jetzt wol die Hand, die liebend einst die eurige erfasst? Vor welchem Munde, der von Liebe spricht, wird euer Jugendmuth verstummen, und ach! welcher von euch allen sind noch die grossten Leiden aufgespart? Der vielleicht, die jetzt die Glucklichste scheint? Der vielleicht, die ihr alle wie eure Schwester liebt, mit der ihr eure Freuden, eure kleinen Geheimnisse theilt und der ihr, so oft ihr unter den Blumen des Feldes sein durft, sein konnt, die schonsten bringen musst, die ihr am Wege gefunden? bringen selbst dann, wenn der Geliebten ein Fuss nicht so schnell gehorcht wie der andere?

Eine solche Konigin unter dem jungen Volke, eine schon emporragende Lilie unter Maiblumen und Veilchen, ein Wesen schon voll Seele, wahrend ringsum nur noch Gemuth, Verstand und Phantasie sich entwickelten, war die junge, zu fruh emporgeschossene und deshalb in ihrem Wuchse angstlich uberwachte Sechzehnjahrige, welche vorzugsweise der Obhut, der Gesellschaft, der Unterhaltung Lucindens angewiesen werden sollte.

Der Vorstand des Instituts hatte die neue Lehrerin und Gesellschafterin des Hauses im Wandeln durch die Sale laut eingefuhrt. Erst hatte er sie allen fluchtig vorgestellt, dann aber mit besonderm Vorzug einer unter ihnen, die in einem abgesonderten Zimmer lag und von ihm Comtesse Paula von Dorste-Camphausen genannt wurde.

Wie Lucinde auch diesen Namen horte, erschrak sie. Auch diesen kannte sie ja schon! Es war ja jene Grossere von den Madchen gewesen, die sie am Weiher im Park von Neuhof beobachtet, jene Grafin Paula, die reiche Erbin, die Nichte des Kronsyndikus, die vielleicht einst mit jenem osterreichischen Offizier vermahlt werden konnte, den sie vor zwei Jahren in Kiel gesehen ... Kam das alles hier so wieder zusammen? Wie fugte sich Ring an Ring? Sollte sie die Kette festhalten, sich binden, aufs neue sich in das grosse, bewegte, thatsachenreiche Leben um Schloss Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hinuberziehen lassen?

Auf einem schragliegenden Ruhebett, von einigen Gurten und Bandriemen, einigen eisernen Klammern in fester Lage gehalten, lag, weissgekleidet, das schlanke junge Madchen, eine Gestalt zart, wie durchsichtig, ganz von jenen langlichen Formen, sowol im Oval des edeln griechischen Profils, wie des Oberkorpers und der Hande, die wir gelernt haben als Ausdruck des Seelischen zu nehmen.

Die Comtesse, die ihr eigenes Zimmer hatte, schien zu schlummern.

Der Director sagte leise:

Sie ist krank und mir ganz besonders empfohlen! Sehen Sie nur! ... Sie neigt zum Traumschlafe ... Sie spricht! Ganz deutlich! Und doch schlaft sie!

Lucinde trat naher ... Ihr Herz pochte ...

Murmelnd sprach das junge Madchen Worte, die einem Gebet gleichkamen.

Der Director schloss die Thur, die zu den lauten Salen fuhrte ...

Nimm hin, sprach das junge Madchen, leise und langsam betonend, nimm hin das priesterliche Kleid welches die Liebe bedeutet! Gott ist machtig genug in dir die Liebe zu vermehren und sein Werk zu vollenden !

Der Director horchte hoch auf; so zusammenhangend hatte die Kranke noch nie gesprochen.

Lucinde traumte noch von Neuhof, von der Kathedrale ...

Die Schlaferin schwieg eine Weile, dann fuhr sie deutlich fort:

Du willst, o Herr diese Hande weihen und heiligen durch die Salbung damit alles, was sie weihen geweiht und geheiligt sei im Namen unsers Herrn!

Dann setzte sie mit einer andern, fast mannlichen Stimme hinzu:

Amen!

Was mag sie beschaftigen? fragte der Director erstaunt.

Lucinden aber war es, als ware sie an den Hochaltar zuruckversetzt, wo sie Serlo gesehen zu haben glaubte, wie er von den Todten erstand.

Der Director winkte, dass sie nicht sprache; eben wollte sie an die Priesterweihe erinnern.

Die Schlafende fuhr fort:

Nimm hin den Heiligen Geist! Welchen du die Sunden erlassen wirst, denen sind sie erlassen! Welchen du sie behalten wirst, denen sind sie behalten!

Sie spricht dem Bischof nach, der in diesem Augenblick in der Kathedrale die Priesterweihe halt! ... flusterte Lucinde.

Sieh! Sieh! bemerkte jetzt der Director kopfschuttelnd und setzte dann leise und fast lachelnd hinzu: Es ist ein Verwandter ihrer Familie darunter, Zogling des hiesigen Convicts, ein junger ehemaliger Offizier, ... er wird in diesem Augenblick ausgeweiht ...

Ein Herr von Asselyn!

Ganz recht!

Der Director flusterte nach einer Weile:

Sie hat eine grosse Verehrung vor diesem ihrem

Landsmann ... sie leidet entweder darunter, der Feierlichkeit nicht beiwohnen zu konnen, sieht sie aber im Geiste vor sich ... oder ... sie wunscht wol gar ...

Auf dieses bedeutungsvoll gezogene: "Wol gar", in

dem Lucinde die Vermuthung erkannte, die Kranke litte darunter, dass der ihr Theuere uberhaupt Priester wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte, schienen plotzlich die Empfindungen der Schlummernden Inhalt und Ausdruck zu verandern. Die Mienen verdusterten sich, die Hande hoben sich als wollten sie irgendetwas Storendes verhindern. Der Rucken, den sie nicht bewegen konnte, schien sich erheben zu wollen. Zuruckgehalten von dem Mechanismus des Bettes, mehrte sich ihre Angst. Seufzer entrangen sich der Brust, die sich machtig hob. Der Mund blieb starr geoffnet als wollte er: Nein! Nein! Nein! rufen ...

Da fuhr der Director sanft uber ihr Antlitz und

weckte sie.

Befremdet sah sie um sich, als hatte sie hier zu er

wachen nicht vorausgesetzt.

Als dann der Director ihr die neue Pflegerin vorge

stellt hatte, veranderten sich ihre Zuge allmahlich zur fruhern Milde. Sie schien Lucinden nicht von fruher Kommt aber wol der Engel, der sich in freundlicher Ihr Kinderseelen ringsum! Mogen lichtgeborene Nachdem sie ihr Zimmer angewiesen erhalten und Sechs Wochen spater holte sie fur ihre neue Stel

Ende des ersten Buchs.

Zweiter Band

Zweites Buch

1.

Den Strom zu nennen, auf dem ein in erster Morgenfruhe ausgefahrener Dampfer soeben seine schaumenden Furchen zieht, drangt es unser ganzes Herz.

Doch sei von ihm nur gesagt, dass er von den Frage- und Ausrufungszeichen seiner ersten Alpen-Jugend an bis zu den letzten versandenden Gedankenstrichen und Stirnrunzeln des Alters gross und bedeutsam ist wie das Menschenleben selbst ... Wie grussen uns die Zinnen der Thurme, die rings auf deinen Felsenufern ragen, du bei Sonnenschein und Nebel gleich Geliebter! Wie schlagt die Welle an deine Wehre und Buchten! Wie krauselt sich uber gesprengtem Felsenriff in deinem offenen Bett jetzt spielend die Woge, wo sonst die Stromung todtliche Opfer forderte! ... Und in diese grune Gegenwart ringsum, diese blaue uber uns, in dies Singen und Rufen von den Gestaden, in dies Lauten von uralten Thurmen in grauen Stadten und Weilern spricht Sage und Geschichte herein so lebendig, so gegenwartig, als wenn auf den Kanten der Felsen immer noch die verlockenden Geisterjungfrauen sassen und ihre goldenen Locken im Mondlicht strahlten, auf den Sollern immer noch die Ritterfraulein mit ihren Scharpen winkten, die sie dem Kampen zum Lohne gestickt, immer noch der schwere Tritt der schellenbehangenen Rosse, der vom Felsen druben zum Felsen huben das Echo weckt, kommen konnte von einem Banner Geharnischter, nicht von den Fuhrleuten mit ihren zweiradrigen Karren und den an den Stirnen mit einer grossen rothen wollenen Agraffe geschmuckten, uber den Hufen so langzottig behaarten Thieren, die in unsere Keller nur den Wein verfuhren! "Nur" den Wein! "Nur" deinen goldensten Hort! ... Wir Undankbaren und so schon durch deinen Reichthum Verwohnten!

Bunt und lustig drangen sich die Passagiere des Dampfboots ... Nennt ihr den Gehalt der Gegenwart leer und fluchtig, so ist gewiss das Leben auf Eisenbahnen und Dampfschiffen dem kurzen Moussiren zu vergleichen, das die Weinperlen oben zum fluchtigen Kranze vereinigt. Narrische Blasen, die da aufgeworfen werden von Ost und West! Moden, ihr tollen, wer hat euch erfunden! Tragt man die Mutzen jetzt so flach, die Burnusse, die Plaids, die Abd-el-Kaders mit dieser kuhnen Schwenkung um die Schulter? Was welscht und radebrecht der Zeitgeist im Gesprach zusammen, nicht nur ausserlich barock dem. Ohre nach, auch innerlich dem Geiste? Sind wir schon auf dem Hudson oder Delaware, dass uns so yankeehaft, zu Muthe wird? Und mussen wir wirklich der Versuchung widerstehen, diese Kellner mit ihren carrirten Halsbinden und grotesk gestreiften Inexpressibles nicht fur Affen zu halten? Grosser Saturn, verspeise deine eigenen Kinder und nimm uns alle hin zu deinen urewigen Fruhstucken, wenn diese Reisewelt der Dampfschiffe, Eisenbahnen und Hotels mehr sein wollte, sein durfte als der kurze Schaum, den unser Zeitalter aufwirft, wenn sein hoffentlich tieferer innerer Gehalt im ersten Anschuss an die Atmosphare tritt!

Auch auf der "Prinzessin Marianne" Albums, Panoramas, Plaids, blaue, grune, rothe Schleier, Firnissstiefel, Cotteletts, Beefsteaks ... Schooshundchen ... hinterpommersche Welt- und Zeitansichten ... Dunste und Nebel uber Baumwolle, Bundestag, Whigs und Tories, Louis Philippe's neueste bombenfeste Kutschen, Thalberg und Liszt ... alles was sich nur dem Streit des Zeitalters der Revolutionen mit dem Horror vacui des immer siegreichern Systems der materiellen Interessen entbinden und entwinden kann ...

Dann aber von Station zu Station scheidet sich von diesem kosmopolitischen Durcheinander doch Sonderleben um Sonderleben ... Die ausgesteckte Fahne auf einem Hauschen am Ufer bringt neue Passagiere, ein Zeichen vom Schiffe kundigt den Nachenfuhrern Abgehende an. Ja, es gibt noch einzelne in der Welt! Man schwimmt und schwatzt oder schweigt nur so eine Weile im Allgemeinen mit. Abseits sich wendend bleibt jedem wieder sein eigenes Herz, sein eigenes Schicksal, sein eigenes angstvolles Muhen, im allgemeinen Drangen sein Ziel nicht zu verlieren.

Schon seit der in den engern Umgebungen des

Stromes abgehaltenen Mittagsmahlzeit hatte eine Dame zu ofterm den Steuermann nach der baldigen Nahe eines Ortes gefragt, wo sie abzusteigen gedachte.

Schon lange stand sie an der kleinen Thur, an wel

cher die Stiege aufgezogen hangt, uber welche die Abgehenden in Kahne steigen mussen, die von den kleinern Stationen dem Dampfschiff entgegenkommen.

Manchem schon mochte die Dame wegen des un

ausgesetzten Vorbehaltens ihres blauen Schleiers aufgefallen sein. Ein einfacher gelber Strohhut schutzte sie gegen die senkrecht fallenden Strahlen der Augustsonne. Den trotz der Hitze zuweilen heftig aus den Biegungen des Stromes hervorbrechenden Windstossen hielt ein schottischer Mantel Stand von grun und roth carrirtem Muster und leichtem Baumwollzeuge. Neben der schlanken Gestalt stand schon in Bereitschaft ein Koffer von ganz neuem hellbraunen Leder, ein Koffer, der so klein und handlich war, dass er nur auf die nothwendigsten Bekleidungsgegenstande schliessen liess; selbst eine Hutschachtel fehlte; man musste annehmen, dass der gelbe Strohhut, den die Dame trug, der einzige war, den sie fur ihre Reise nothig hielt. In der Hand hielt sie noch eine kleine buntgewirkte Bugeltasche ...

Frauen und Manner, denen solche indiscrete Prufungen ebenso nahe lagen wie uns, gab es schon seit einige Stunden genug. Die Dame ass nichts, trank nichts, sah nur starr und stumm in die Abwechselungen der Gegend, setzte sich zuweilen mit grosser Sicherheit auf diejenige Seite des Schiffs, die vor der Sonne Schutz bot, und brutete unter ihrem blauen Schleier und schottischem Mantel und Sonnenschirm uber Dinge, die schon mancher gern errathen gehabt hatte.

Entgehen konnte niemand, dass die Reisende jung war. Durch den dichten Schleier funkelten sogar zwei brennende Augen von halb scheuer, halb klug prufender Unruhe. Richtete man dann plotzlich auf sie selber entweder zu lange den Blick oder ein Glas, das scheinbar die alten Burgen und Stadte, in der That aber nur die Zuge der seltsamen Unbekannten musterte, so entzog sie sich der Neugier durch eine rasche Wendung, die zugleich verrieth, dass sie niemals ganzlich in die Abwesenheit ihrer Gedanken versank, die sie scheinbar zeigte, sondern gegenwartig blieb allem, was sie rings umgab, vorzugsweise dem Interesse, das sie einflosste.

Die Ungeduld, die die verschleierte Dame bei alledem zu beherrschen schien, war offenbar auf den Augenblick gerichtet, wo sie das Schiff zu verlassen hatte.

Der grosste Theil der Passagiere, sass noch an der auf dem Verdeck aufgeschlagenen Tafel und bewunderte gerade beim Dessert Stachelbeeren, die in dieser himmlisch uppigen Gegend so gross wie Zwetschen gereift waren, als man endlich jene Station erreicht hatte, nach der die Verschleierte schon mehreremal den Steuermann reglementswidrig angeredet und gefragt hatte.

Eine neugebaute Kirche, die auf einem Vorsprung des linken Ufers stand, war schon lange als Merkziel derselben in Sicht. Hier erweiterte sich der Strom und nahm die mildern Linien der Umgebungen eines Sees an.

Endlich hielten die Schaufelrader in ihrem gleichmassigen Takt, das Schiff kam in eine schwebende Bewegung, der Kahn vom jenseitigen Ufer tanzte schon in den aufgeregten Wogen naher, das Seil wurde vom Bord den Schiffern zugeworfen, die Brucke herabgelassen und mit sicherer Haltung, den Sonnenschirm einlegend, stieg die Dame in den Kahn. Ein kurzes Brausen der Rader, ein geschicktes Auffangen des nachgeworfenen Koffers, ein Augenblick des bedenklichen Schwankens des noch gleichgewichtlosen Kahns und der Dampfer schoss weiter, der Kahn dem Ufer zu.

Die neugebaute St.-Maximinuskapelle wurde sonst vom Dampfschiff aus stark besucht. Heute traf es sich, dass die Schiffer nur diesen einzigen Passagier ans Ufer setzten.

Wie weit ist es bis St.-Wolfgang? fragte die Reisende, den Sonnenschirm wieder ausspannend und mit einem bestimmten und sichern Tone.

Zwei Stunden!

Bekomm' ich einen Einspanner dorthin?

Gewiss!

Wo?

Im Weissen Ross!

Wollen Sie mich ins Weisse Ross fuhren?

Da liegt's am Wasser!

Die kurz angebundene Sprecherin blickte hinuber und sah das Hotel "Au Cheval Blanc" in grossen Buchstaben angekundigt.

Den Schleier hatte sie jetzt zuruckgeworfen, den Mantel abgenommen, den ein Schiffer beim Aussteigen uber den Arm behielt, wahrend der andere das Kofferchen auf die Schulter lud. Die uber ein ausgelegtes Bret behend das Ufer Betretende zeigte sich zu Land und Wasser von gleicher Sicherheit.

Der Garten des Weissen Rosses geht fast bis dicht an das Ufer des hier mit besonderer Schonheit sich erweiternden, im Sonnenlicht glanzenden Stromes. Mit wenig Schritten durch den Sand war er erreicht.

Als alle drei in den Garten getreten waren, warteten die Schiffer weiterer Befehle ...

Ein dicht an der Thur auf einer geebneten Terrasse unter einem anmuthigen, schattenreichen Baume gelegener Tisch schien diese zu entscheiden.

Die Dame bezahlte, liess den Koffer neben sich hinstellen, befahl aber wegen eines Wagens den Wirth zu rufen. Noch rief sie dem einen der Schiffer, der deshalb ins Haus ging, nach, er mochte ihr auch "eine Kleinigkeit" zu essen bestellen. Sie hatte an der Table d'hote des Dampfschiffs nicht theilgenommen.

Einige Augenblicke war sie allein. Vor der steinernen Balustrade uber die Terrasse auf- und abgehend und jetzt auch den Hut sich freier bindend, um wie von einer langen Gefangenschaft in der himmlischen Luft aufzuathmen, musterte sie die Gegend, die sie ohne Zweifel zum ersten mal sah und vom Lande aus noch viel entzuckender finden musste als vom Dampfschiff, das immer nur Panoramen gibt, in denen man sich, weil man eben zu viel sieht, meist ohne Befriedigung verliert ... Nur die Gegend ist ja schon, die Eines gibt und das Andere ahnen lasst.

Die Schiffer kamen zuruck mit dem Wirth.

Es wurde ein Einspanner behandelt, der die Dame nach dem zwei Meilen tiefer ins Innere hinein gelegenen Orte St.-Wolfgang fuhren sollte.

Bis zum Anspannen wunschte die Reisende ein massiges Mahl zu nehmen, dann die St.-Maximinuskapelle zu besuchen und von dort mit dem Wagelchen abgeholt zu werden. Sie erkundigte sich genau nach den ublichen Preisen, bedingte sich das, was sie zahlen wollte, mit grosser Bestimmtheit und erklarte, das kleine Mahl, das sie in allen Einzelheiten specificirte, unter dem "schonen fruchtbeladenen Apfelbaum da" und "an jenem Tisch" einnehmen zu wollen.

Der Wirth ging. Die Reisende nahm jetzt den Hut vollends ab und warf ihn auf den ehemals weiss angestrichen gewesenen Tisch. Ihr Antlitz gluhte. Mantel und Hut und Schleier hatten ihr heiss gemacht. Mit der ganzen Behaglichkeit, sich allein zu wissen, warf sie sich auf die harte Bank. Einem auf schwellender Ottomane Ruhenden konnte es nicht bequemer sein.

An die Reize der Natur schien sie sich bald gewohnt zu haben, von einem langen Erstaunen uberhaupt nicht viel zu halten. Nur zur Maximinuskapelle warf sie zuweilen einen prufenden Blick. Dazu las sie, doch ohne besondern Eifer, dasjenige aus einem Fuhrer, den sie aus ihrer kleinen, jetzt aufgeschlossenen Handtasche nahm, was uber die Oertlichkeit, auf der sie sich befand, dort gesagt sein mochte.

Das Haupt aufstutzend, zuweilen umblatternd, zuweilen nach einem Gegenstande auf dem Flusse, zuweilen ruckwartsblickend, wo ein Tellergeklapper die Anstalten zu ihrem Mahle verrieth, erkennen wir sie. Es ist Lucinde ... Drei Jahre alter, als wir sie verlassen haben.

Sie tragt das dunkle Haar in Flechten wie sonst, aber mit einem hohen Thurm, wie eine Krone; ihr Wuchs ist hoch wie sonst, aber elastischer in der Haltung; ihre Augen sind gluhdunkel, doch etwas spitz und stechend; ihr Lacheln verschont noch immer die fruhern plastischen Formen der Nase, der Lippen, des Kinns, aber zuletzt verliert es sich in eine Bitterkeit um die Mundwinkel; ihr Unternehmungsgeist scheint wiedergekehrt, wie in der Zeit, wo sie zu Pferde sass; das ganze Wesen hat die alte Unreife und Unfertigkeit verloren, womit freilich auch der Reiz des Madchenhaften abgestreift ist. Lucinde ist eine Dame geworden, zu deren Erscheinung unzertrennbar die Glacehandschuhe zu gehoren scheinen, die sie selbst wahrend des Essens nicht abzieht.

Mit einer an ihr uns ganz neuen Versunkenheit in sich selbst, die auf eine machtige innere Gedankenarbeit schliessen lasst, hat sie bald das bestellte und von Kellnern gebrachte Mahl mechanisch eingenommen.

Zur letzten Schussel war der Wirth zuruckgekehrt und hatte auch den verlangten Wagen in Aussicht gestellt.

Kennen Sie den Pfarrer von St.-Wolfgang? fragte sie.

Von St.-Wolfgang? Gewiss!

Es ist ein Herr von Asselyn?

Von Asselyn!

Was wissen Sie von ihm?

Man nennt ihn einen Heiligen ...

Ist er's nicht?

Einen jungen Mann kann noch keiner einen Heili

gen nennen!

Warum nicht? Wer heilig genannt werden will,

muss sich's in der Jugend verdienen; im Alter sind wir alle Heilige!

Ein curioses Gesprach, das den Wirth lachen mach

te.

Der Wirth sprach fort, nur um zu sprechen oder die

Fremde ferner so spasshaft antworten zu machen. Er erzahlte, dass die Dame in St.-Wolfgang zu einem Leichenbegangnisse ankommen wurde.

Kein gutes Omen! Wer ist gestorben? fragte sie.

Ein Hausler, den die Leute in der Gegend fur reich

hielten, ohne dass er einen Pfennig mehr hinterlassen hat, als zu seinem Begrabniss nothig sein wird.

So werden an seinem Grabe keine lachenden Erben

stehen!

Lucinde war mit ihren Speisen schon fertig und

wahlte sich bereits von dem schonen Obst aus, das ihr auf einigen Tellern zum Dessert gebracht worden war.

In der kurzen, ihr jetzt eigenen inquisitorischen Art

fragte sie, eine Birne schalend:

Wie konnte man einen Hausler fur reich halten?

Man schickte ihm, erzahlte der Wirth, was er brauchte, aus Welschland oder der Schweiz. Das ubertrieben dann die Leute! Er hinterliess nichts als einen Sarg, den er sich selbst gezimmert hat. Er war nur in die Sechzig gekommen.

Seinen eigenen Sarg? fragte Lucinde und biss in die Birne.

Man erzahlt's, berichtete der Wirth. Den Sarg hat der alte Mevissen, so hiess er, in St.-Wolfgang in seiner eigenen Stube gehabt, hat auch drinnen schon seit Jahren geschlafen. Der Pfarrer hat ihm feierlich versprechen mussen, ihn auch in diesem Sarge zu begraben und zu weihen. Er hat ihn wirklich sich selbst gezimmert! Da nichts Unheiliges dabei sein soll, so wird er wol heute gegen Abend in die Erde kommen in diesem seinem selbstgezimmerten Sarge.

Hm! Hm! Ei! Ei! sagte Lucinde.

Der Wirth bemerkte, dass sie ein scharfes Lacheln durch ihre Mienen spielen liess.

Warum lachen Sie? fragte er.

Wenn der Mann vermogend war und sich um keine Erben kummern wollte, so wurd' ich die Wande des Sarges untersuchen lassen. Es gab schon manchen Geizhals, der seinen Mammon in die andere Welt auf diese Art mit hinubergenommen hat!

Damit wahlte sie zum Schalen eine zweite Birne. Sie warf sie weg, weil sie darin einen Wurm fand. Als sie von Wurmern murmelte, konnte es ebenso sein als sagte sie: Die andere Welt ... ich meine die Wurmer!

Der Wirth musste seine Teller, die er eben wegnehmen wollte, niedersetzen vor Befremden uber diese Erklarung wegen des Sarges. Der Einfall der so kurz angebundenen Dame kam ihm nicht unwahrscheinlich vor und schon hatte er eine weitere Ausfuhrung der Vermuthung begonnen, als er durch einen langgezogenen Ruf dicht in der Nahe unterbrochen wurde.

Man horte die Worte rufen:

Figuri kauf! Figuri kauf!

Ein italienischer Gipsverkaufer ging mit einem Knaben unten an der Balustrade voruber und bot hinaufgrussend seine Waare an, die er und sein Begleiter auf den Kopfen trugen. Diese Leute setzen bekanntlich voraus, dass man in einem Postwagen selbtsechs reisen kann und doch noch Platz findet, sich die Gruppe des Laokoon mitzunehmen. In Venedig rennen die Fischer den Fremden nach und bieten ihnen Frutti di Mare an, Seespinnen, Quallen und Krebse, die man, frisch wie sie vom Lido kommen, in ein Taschentuch binden und in seinem Hotel sich kochen lassen soll.

Miracolo! rief Lucinde den altern Italiener an, ihres Gesprachs uber den Sarg und die Wirkung auf den Wirth vom Weissen Ross nicht weiter achtend, Miracolo! Si vede che venite direttamente dalle Santa Casa di Loretto!

Sie deutete auf die nur mit Gegenstanden religioser Verehrung geschmuckten beiden Tragbreter der Verkaufer.

Und noch ehe der Italiener erwiderte, fuhr sie fort:

Nessuna Minerva! Ne Amore col arco! Tutti santi del Cielo!

Nach der keine Antwort schuldig bleibenden Weise seines Volks erwiderte der Figurenhandler bejahend und lachelnd:

Si! Si, Signora! Siamo in un mondo pieno di peccati!

Sein Kleiner rief dazwischen:

Figuri kauf!

Lucinde erhob sich und betrachtete die Heiligen und Muttergottesbilder, die theils von geringem kunstlerischen Werth und bunt bemalt waren, theils aber auch schonere Leistungen darboten, unter anderm die heilige Agnese aus der Kirche Santa-Agnese vor den Thoren Roms, den Moses Michel Angelo's, auch den altberuhmten fast schon um seine Zehen gekussten Apostel Petrus aus der Peterskirche in Rom, der indessen leicht ein alter Janus sein kann mit dem Schlussel nicht des Himmels, sondern des Tempels zu Krieg und Frieden.

Lucinde machte ihn gar zu einem Jupiter, worauf der Italiener in seiner Sprache erwiderte:

Mag sein, Signora! Aber jetzt ist er getauft und ein so guter Christ wie wir!

Inzwischen gingen beide schon einem Trupp Englander entgegen, der soeben von der Maximinuskapelle herunterkam.

Der Wirth horte allen diesen kurzen, aphoristischen Aeusserungen mit erhohtem Interesse zu. Als er Lucinden einige bessere Birnen ausgesucht hatte und anbot, fragte sie:

Gibt es heuer ein gutes Jahr?

Schon setzte sie sich den Hut auf.

Die Frucht war leidlich! hiess es. Aber der Wein misrath! Die Leute erwarteten nichts Besseres!

Wie so? fragte sie und band sich die blauen Bander in eine Schleife.

Wir haben hier einen Aberglauben, antwortete der Wirth. Am Himmelfahrtstage wird ein Crucifix vom Grunde der Kirche mit einer eisernen Kette in die Hohe gezogen. So viel mal die Kette dabei knackt, so viel Thaler wird der Malter Weizen kosten. Heuer knackte es achtzig mal. Es wird eine theuere Zeit!

In welcher Kirche geschieht dergleichen?

Aufrichtig, in keiner! Aber immer in jeder benachbarten! Ueberall nennt man eine andere Kirche und geschehen ist's in keiner!

Brav! sagte Lucinde lachend. Das ist ja das ganze Wesen der Offenbarung und des Wunders auch!

Ohne aber diesen Satz weiter auszufuhren, fragte sie nach ihrer Zeche, ihrem Fuhrwerk und dem Wege auf St.-Wolfgang.

Der Wirth ware gern auf alle diese ihre sprungweisen Andeutungen, vorzugsweise aber auf das Begrabniss in einem mit Tresorscheinen und Staatspapieren gefullten Sarge zuruckgekommen ...

Jetzt gab es aber wieder eine neue Storung.

Es schlich ein Knabe die Stufen des Gartens herauf und veranlasste nun ihn selbst zu dem Anruf:

Scher' er sich weg mit seiner Fuchserei!

Der barfussige Knabe zog sich eine Stufe zuruck.

Dabei hielt er einen kleinen, nicht sogleich erkennbaren Gegenstand hin und suchte die Fremde dafur zu interessiren.

Was hat er denn? fragte Lucinde. Fuchserei? Armer Junge! Was kann er fur seine rothen Haare!

Da sitzt ihm der Fuchs nicht! fiel der Wirth ein, dem selbst die Rothe seines Antlitzes und der gute Wein, wie in jener Gegend vielen, bis in den Bart und in die Spitzen seines nur noch dunnen Haupthaars gedrungen zu sein schien.

Die Dame ist keine Englanderin! Mach' er nur fort! fugte er hinzu.

Was hat er denn? fragte Lucinde.

Der Wirth wollte verhindern, dass Lucinde von dem Knaben in einem projectirten Handel betrogen wurde.

Der Spitzbube, sagte er, wahrend der Knabe noch immer stand, verkauft alte romische Munzen, wie sie die Leute hier finden wollen. Sie sind aber nicht echt!

Lucinde, sogleich voll Heiterkeit der Nikolaus Carstens'schen Liebhaberei in Hamburg gedenkend, rief den Knaben zuruck Schon hatte sie einige wie uralt erscheinende mit grunem Rost beschlagene Kupfermunzen in der Hand und fand sie von einem so unbezweifelbaren Schein der Echtheit, dass sie fur den Knaben Partei nahm und dem Wirth die Munzen entgegenhielt mit den Worten:

Die waren nicht echt? ...

Woher sind die Munzen? wandte sie sich an den Knaben zuruck.

Der Knabe zeigte in die Berge, die sich mit dem grunen Schmuck des Rebstocks bekleideten ...

Da hast du sie gefunden?

Mein Vater! hiess es leise und unsicher.

Der Wirth drohte und meinte:

Wenn Sie's glauben wollen, mir recht! Fur zehn Groschen lasst er ihnen das ganze Munzcabinet seines Alten!

Der Knabe hatte funf Munzen. Lucinde betrachtete sie und fand sie sammtlich tauschend antik. Sie hatte ja eben gelesen, wie in diesen Gegenden sich auf Tritt und Schritt noch die Spuren der alten Romerzeit verrathen. Kirchen sind ja hier aus den Trummern alter Castelle gebaut; Thurme, aus denen jetzt der Krahnen der Zollwage und das Wappenschild des stadtischen Octrois hervorragt, waren einst die Brustwehren der Besatzungen, die die Legionen des Drusus in den neubegrundeten Niederlassungen zuruckliessen; Aschenkruge zertrummert taglich der Spaten des Weingartners, der seinen Berieselungen in den Bergen ein neues Bett graben will; Munzen, die Augustus und Constantinus schlagen liessen, werden das Spielzeug der Kinder, denen es ganz gleichst ist, ob sie "Fasseln" mit Kieseln spielen oder mit Erinnerungen, die den Geschichtsforscher in Entzucken versetzen.

Der Wirth berichtete jedoch, dass es hier jetzt ganz schon wie in Italien ware. Die Arbeiter im Felde entdeckten mehr Munzen, als zu den Zeiten der Legionen in Umsatz gewesen waren. Eiserne Topfe voll konnte man in einer grossen Stadt, auf deren Lage er hinunterzeigte, bei einem Juden finden, dem sie die Verschmitztheit der Bettler wieder abkaufte und, als eben aufgefunden und vom Pflug, dem Spaten, der Egge entdeckt, bei den Reisenden in Umlauf brachte.

Lucinde hielt die zerbrockelten, halb erdfahlen, halb grunen Munzen gegen das Licht, buchstabirte D R U S .. und A U G U S .. und D I V . und verglich die fast allein nur noch hervortretenden gewaltigen Nasen der Brustbilder mit den Vorstellungen, die man uber Romerkopfe hat. Sie fand alles so ahnlich, so zutreffend, dass sie erstaunt erklarte, nicht an Verfalschung glauben zu konnen.

Und doch! setzte der Wirth hinzu. Die Munzen da konnen gestern noch ganz neu gewesen sein!

Gestern noch? rief Lucinde erstaunt.

Gestern! bestatigte der Wirth. Man druckt eine solche von dem Juden geschlagene Munze in einen Teig und nudelt damit die Ganse!

Was? Wie? Die Ganse?

Ich sage Ihnen, die Ganse! Und heute fruh konnen die Dinger da den Gansen erst abgegangen sein! So, wie sie jetzt da sind, kommen sie dann zum Vorschein! Grun und rostig und halb zerschmolzen!

Der Wirth schilderte, ohne weitern Anstand den chemischen Process, nach welchem diese Munzen durch einen Gansedarm hindurch binnen vierundzwanzig Stunden achtzehnhundert Jahre alt wurden.

Lucinde war aber schon in ein solches Gelachter ausgebrochen, dass er eine noch ausfuhrlichere Erklarung nicht nothig hatte.

Sie gab dem auf dem Sprunge stehenden Knaben ein Geschenk, nahm seine Munzen und rief:

Das muss ja der Ahasverus selber sein, der in der Stadt da druben so die Jahrhunderte machen kann! Sie kennen doch die Sage von dem bosen Schuster, der einst dem Heiland die Erquickung des Ausruhens abschlug, als er sein Kreuz auf Golgatha tragen musste? War das ein Herren- oder Damenschuster, ich kann es nicht sagen; aber in der Stadt da unten wohnt er jetzt und macht Munzen, die von gestern auf heute tausend Jahre alt sind! Und mit Hulfe des Vogels der Dummheit! Sehen Sie, wieder, wie schon einmal auf dem Capitol! Die Ganse sollen leben! Die Ganse! Es ist nicht ohne, dass der Doctor Martin Luther an dem Tage geboren wurde, wo man die erste Gans auf den Tisch bringt!

Dem Wirthe mochte der Ausbruch dieses Humors unverstandlich, ja an einer Dame, der sich auf der Brust, wie sich eben beim Lachen gezeigt hatte, ein grosses goldenes Kreuz an einem Bande aus der Chemisette losnestelte, fast unheimlich erscheinen. Dennoch machte er keine auffallend betroffene oder etwa den Vermittlerinnen des chemischen Processes, wodurch Neuestes zu Aeltestem werden kann, verwandte Miene, sondern bemerkte, dass er selbst ein Freund alter Munzen ware, eine schone Sammlung echter hatte und sie der jungen Dame, wenn sie es wunschte, vorlegen konnte.

Nein, nein, nein! rief sie in ihrem alten, wie wir wissen, die Grenze uberschreitenden Humor. Wer burgt mir fur die Unschuld Ihrer Ganse? Sie nudeln sie auch mit Jahrhunderten! Sie sind unecht! Gewiss, gewiss!

Bitte! bemerkte der Wirth ... Ich fand den grossten Theil selbst.

Man hat sie Ihnen hingelegt, frisch aus dem Gansestall!

Ich fand sie an ganz unzuganglichen Orten!

Sie irren sich! Was entscheidet denn an diesen funf alten romischen Kupferdreiern, die ich hier in der Hand halte und mir zum Andenken in meine Tasche schliesse, dass sie nicht echt sind! Ihre Munzen, Herr Wirth, haben alle denselben Weg gemacht! Ob der Rost von der Magensaure einer Gans kommt oder von den allerdings langern Gedarmen wirklicher Jahrhunderte, ist all eins! Lassen Sie's nur so und glauben wir's!

Jetzt setzte sie ihren Hut auf und band den Schleier daruber.

Beim Bezahlen ihrer Zeche erscholl plotzlich aus der Ferne ein lieblicher Gesang. Sanfte Accorde wallten durch die sonnige Luft. Es war ein Kirchengesang von jener getragenen Einfachheit, die etwas Kindliches und in den kurzen, zwischen den Strophen liegenden Pausen etwas Landliches hat, nach Art der Schifferlieder auf den italienischen Seen.

Woher kommt denn das? fragte Lucinde.

Es sind die jungen Madchen aus dem Englischen Frauleinstift auf der Insel Lindenwerth druben! sagte der Wirth und zeigte auf einen weit uber den Spiegel des Stroms hinweg aufragenden Kirchthurm. Die Englischen Fraulein, setzte er erklarend hinzu, halten das Stift seit ein paar Jahren. Sie kommen oft mit den Kindern heruber in die neue Kapelle oben!

Lucinde blickte auf den schonen Bau, erinnerte an ihren Einspanner und wollte gehen.

Das Erbieten des, wie sie sah, nicht ungebildeten Wirthes, sie zu fuhren, lehnte sie mit der ihr wiederkehrenden Bestimmtheit ab. Der freundliche, von seinem Gaste, wie selten von einem solchen fluchtigen Ankommling unterhaltene Mann hatte sie gern hatte gern, wie er selbst sagte, noch vom Sarg des alten Mevissen mit ihr gesprochen; aber sie hatte gezahlt, ubergab zur Verladung vorn auf das Gefahrt ihren Koffer, sah sich noch um, ob sie nichts vergessen hatte, und verliess, ohne weitere gemuthliche Anknupfung mit der neuen Bekanntschaft, den Garten. Sie begab sich zwischen einer Reihe kleiner Straucher und dem mit ruhigem Sonnenglanz uberwobenen, von berg- und thalwarts gehenden Schiffen belebten Strom auf den am Ende des Ortes liegenden Hugel zur Kapelle des heiligen Maximinus. Fast war's, als hatte der fromme Gesang sie gemahnt, ihrem bizarren und skeptischen Humor endlich Einhalt zu thun.

Vor einem am Aufgang zur Kapelle am Kreuz hangenden Erloser wollte sie sich auch in Andacht verneigen, sah aber auf der unter ihm befindlichen Bank den Gipsfigurenhandler und seinen Sohn sich ausruhen.

Jener rief ihr freundlich winkend und die Stirn trocknend zu:

Fa caldo!

Kommt Ihr nicht ins Land hinein? fragte sie und zeigte uber die Berge.

Si, Signora!

Nach Kocher am Fall?

Si! Si!

Kennt Ihr dort die Dechanei? An der Kathedrale St.-Zeno?

Der Italiener schien aufs angenehmste an einen seiner besten Kunden erinnert, den Dechanten von Asselyn.

Un compratore dei Santi? fragte sie scherzend.

Der Italiener schuttelte den Kopf und machte eine schlaue Miene, als wenn der Dechant einen vollig andern Geschmack hatte.

Lucinde horchte der Charakteristik des Dechanten von Kocher am Fall, sagte aber jetzt fast wie eine Fromme:

Kommt zu Lucinde Schwarz in Kocher am Fall! Ich wohne in der Dechanei des heiligen Zeno! Ich will Euch den Moses da des Michel Angelo abkaufen!

Der Italiener nickte befriedigt.

Lucinde stieg zur Kapelle empor.

2.

Wie sie den wiederbeginnenden Klangen des Marianischen Lobgesangs folgend an noch einigen Leidensstationen voruberging, musste sie den schonen und malerisch gelegenen neuen Bau bewundern.

Alles, was nur die gothische Architektur zugleich an bedeutungsvollen wie lieblichen Elementen besitzt, war hier in einer reizenden Gesammtwirkung vereinigt. Wie hingehaucht stand das halb rothliche, halb hellgrune Sandsteingebilde und verlor sich mit vier schlanken Thurmen, als ware es befiedert, in die blaue Luft. Spitzbogenfenster, Spitzgiebel, Spitzdacher, alles war verziert mit steinernen Blumen und Blattern. Grosse durchbrochene Steinrosen schmuckten die Thuren und Seitenwande. Ein terrassenformiger kleiner Garten umgab die obere Spitze des Kreuzes, in dessen Form auch der ganze Bau sich erhob. Dieser Garten lud den muden Wanderer ein in den Schatten breitastiger Linden. Bienen summten, Kafer schwirrten. Einem Schmetterlinge nur brauchte Lucinde nachzugehen, der sie mit seinem Flatterfluge an die Pforte des festgegrundeten schonen Gottestempels, des Asyls des Unsterblichkeitsglaubens, fast ausdrukklich zu geleiten schien.

Die kleinen Sangerinnen waren verstummt. Sie befanden sich in der Kirche, die auch Lucinde betrat. Der Raum war drinnen eng. Zusammengedruckt schien das Ganze noch mehr zu werden durch eine fast zu reiche Verschwendung von Gold und Farbe. Lucinde fuhlte sogleich, dass alles hier fast zu sinnlich, zu laut, zu unmittelbar auf den Eintretenden eindrangte; sie schlug indess die Augen nieder, besprengte sich mit dem geweihten Wasser und kniete, fast gerauschvoll, an den Marmorstufen des Altars nieder.

Nachdem sie, wie andachtversunken, ihr Gebet verrichtet, erhob sie sich und musterte die Malereien. Auch zu einer Krypte stieg sie nieder, die ihr nicht minder beengend, fast furchterregend vorkam. Eine besondere Aufforderung zur Gottesandacht lag nicht in dem Eindruck dieses Innern eines so gefalligen Aeussern. Doch senkte sie die Wimpern und verrieth keine Kritik.

Die kleinen Madchen der Pension von Lindenwerth, wol ihrer zwolf bis sechzehn an der Zahl, liessen den engen Raum des Gotteshauses von ihrer Neugier und Zerstreutheit nicht wenig widerhallen. Eine dem Orden der Englischen Fraulein angehorende Nonne und eine weltliche Lehrerin waren ihre Fuhrer. Zuletzt verloren sich alle in eine Seitennische, in der sich noch das Gerust eines Malers befand, dessen Pensum in der Ausschmuckung der Wande hinter dem der andern Kunstler zuruckgeblieben war. Auch er malte um die Heiligen grosse goldene Teller in jenem Geschmack der sich in seiner Absicht allzu sehr verrath. Will man durch die Vorgange der heiligen Geschichte das Gefuhl der Andacht wecken, so mussen sie uns nicht als Wunder, sondern mit dem Zauber der Naturlichkeit und noch heute taglich moglichen Wirklichkeit entgegentreten.

Bei naherm Hinblick auf das Pensionat, das sich neugierig an den arbeitenden Maler wie verlor, schrak Lucinde zusammen. So nahe schon hatte sie sich ihren nachsten Zielen nicht geglaubt! Diese fuhrten sie, wie sie ausdrucklich gewollt hatte, mitten in alles wieder zuruck, was sie in ihren ersten Jugendtagen, vor dem Sinken ihres Sternes und dem neuen Aufgang in der orthopadischen Anstalt halb bewusstlos erlebt hatte. Nun erkannte sie schon in der weltlichen Lehrerin jene Angelika Muller, mit der sie einst vor sechs bis sieben Jahre ihre Reise nach Hamburg gemacht hatte. War also der Prophet von Eschede, Dr. Laurenz Puttmeyer; noch immer ohne Hegel's Lehrstuhl fur seine mathematische Philosophie? Beim Anblick dieser damals schon nicht mehr jungen, jetzt vollends verbluhten, armen geistigen Tagelohnerin trat ihr der todte Jerome vor die Augen, wie er sitzen konnte und Wurfel und Dreiecke schnitzelte und uber jenes bekannte Pentagramm, das wir als Bierzeichen adoptirt haben, sich in die alten Walder verlor, in denen einst dem Wodan Menschenopfer gebracht wurden ... Die Lehrerin schien auch auf Veranlassung der obenerwahnten goldenen Teller eben mit dem Erlautern der Symbolik des Kreises beschaftigt und sah Lucinden nicht.

Diese fuhlte sich vielleicht noch nicht stark genug, das volle Antlitz ihrer Vergangenheit wieder zu ertragen .. sie verliess die Kapelle und fluchtete sich fast in die warme und erquickende Luft zuruck.

Ihr Wagen war noch nicht zu erblicken. So wandte sie sich der Altane der Kirche zu und nahm Platz auf einer der steinernen Banke, die die schonste Aussicht boten. Sinnend uber den Muth, den sie haben wollte, dicht so wieder an alles anzustreifen, was schon einmal fur sie verhangnissvoll geworden war, sah sie kaum, wie nah unter ihr der belebte Strom mit seinen malerischen Ortschaften sich schlangelte, wie in der Ferne die Berge in ansehnliche Hohen stiegen und links und rechts zwei schroff emporgethurmte Felsen mit den Trummerresten zweier alten Burgen wunderherrlich aufragten.

Nach einer Weile und wahrend die Schulerinnen des Pensionats in der Kirche wieder einen neuen Gesang angestimmt hatten, bemerkte sie, dass sie auf der Altane nicht allein war.

Dicht an der von Epheu beschatteten Mauer der Kapelle standen in eifrigem Gesprach ein Soldat und ein ohne Zweifel zu dem lindenwerther Pensionat gehoriges junges Madchen. In einiger Entfernung hielt sich ein Aelterer, nicht gerade ein Diener, auch kein Erzieher, aber jemand, der gleichsam zu wachen schien, dass das Zwiegesprach der beiden andern weder gestort noch vielleicht zu vertraulich wurde.

Das junge Madchen trug die Kleidung des Pensionats, einen dunkelblauen leichten Sommerstoff, einen runden italienischen Strohhut und eine Tasche zur Aufbewahrung wahrscheinlich der Dinge, die das Englische Fraulein unterwegs nicht zum Unterhalt kaufen mochte; uberm Arm hing noch ein leichter Sommershawl. Sie war eine von den altern der kleinen Karavane, deren Mitglieder, sah man sie einzeln, gereifter erschienen als in der Gesammtheit. Das Gute haben ja richtig geleitete weibliche Pensionate, dass die jungen Madchen durch ihr Beisammensein sich langer kindlich erhalten und jene gefahrliche Krisis der ersten erwachenden Temperamentsvorgange glucklicher uberwinden als in der die Fruhreife zeitigenden, wenn auch traulichern Warme des alterlichen Hauses.

Auch das junge Madchen, das vielleicht sechzehn Jahre schon zahlte, machte Lucinden einen Eindruck, als musste sie es schon gesehen haben. Es war eine Erscheinung von eigenthumlichem Reiz; nicht zu gross, aber wohlgebaut und von einer Lebhaftigkeit im Auseinandersetzen, einer Innigkeit im Genuss dieser vertraulichen Zwiesprache mit dem jungen Krieger, die Lucinden sogleich so bitter lacheln machte, als hatte sie sagen mogen: Du kleiner Fratz, dergleichen erlebten wir einst ja auch! ... Sie mochte jedoch die Glucklichen, die sich vielleicht vor dem Englischen Fraulein und Angelika Muller sicher glaubten, nicht storen ... auch kamen ihr die Zuge des Madchens bekannt vor. Auf dem Streckbett konnte sie sie nicht gesehen haben und doch fiel ihr sogleich Paula von DorsteCamphausen ein.

Der Soldat war kein Offizier, sondern ein gewohnlicher Gemeiner; aber Lucinde wusste schon, dass es hier zu Lande sogenannte Freiwillige gab, die nur eine kurze Zeit der allgemeinen Militarpflicht genugten. Ihnen schien der junge Mann mit seinem schwarzen Bartchen auf der Oberlippe und dem kurzgeschnittenen, aber vollen Haarwuchs anzugehoren. Er war gross, hatte etwas Festes und Bestimmtes und erinnerte Lucinden an den seither verschollenen Klingsohr, nur hatte er nicht das Wuste und Unschone desselben. Etwas Studentisches schien ihr noch das grungelbweisse Band, das er trotz der Montur, die offen stand, uber seiner weissen Piqueweste hinweg trug; doch konnte er wol kaum noch der Universitat angehoren, falls uberhaupt die Voraussetzung der sogenannten Freiwilligkeit die richtige war.

Der Wachter in der Ferne schien jedenfalls ein Stuck vom echten Soldaten, aber auch zugleich ein Stuck vom Jager, ein Stuck vom Landwirth, vom Bauer, selbst vom Bedienten, von allem etwas. Mit einem zusammengerollten Militarmantel, an dem ein Sabel befestigt war, ohne Zweifel Requisiten des jungen Kriegers, stand er an dem Eingange zum kleinen Garten, rechts und links lugend auf die Landstrasse und nur im geheimen auf das plaudernde Paar. Im Regen und Sturm scheint er noch besser an seinem Platze zu sein; sein gerothetes Antlitz hat das Vierekkige der Kopfform eines mit Ohrringen geschmuckten Steuermannes auf hoher See. Wer weiss, ob diese Unruhe, die sich bald auf das eine, bald auf das andere Bein stellen muss, nicht von der Gewohnung an die Schwankungen eines Schiffs kommt! Der Blick, den der Wachter, so eigenthumlich prufend und den Mund in Falten ziehend, uber den Strom auf einem neuen Dampfer wirft, der gerade anhalt, um mehr Besucher der Maximinuskapelle auszusetzen, als heute die "Prinzessin Marianne" gebracht hatte, ist gerade wie der eines Mannes, der die vollkommene Berechtigung gehabt hatte, ebenso gut wie der geschniegelte Kapitan druben, der Salzwasser vielleicht nie gekostet hat, "Stop" zu rufen.

Lucinde suchte auch diese Gestalt irgendwo in ihrem Jugendwahntraume, wie sie ihr vergangenes Leben nannte, unterzubringen. Wie musste sie erstaunen, als sie bemerkte, dass sie selbst es werden sollte, durch die plotzlich das stille harmonische Concert dieser drei Menschen unterbrochen wurde! Sie erblickte eben in der Ferne ihren Einspanner, erhob sich von der Bank, auf der sie ausgeruht hatte, und streifte an dem durch die kleinen Gartenanlagen daherkommenden Paare voruber. Noch fielen einige der Worte des Gesprachs, das sich von seiten des Madchens in einer kindlich harmlosen Welt zu bewegen, schien, in ihr Ohr, als sie nicht wenig uberrascht wurde von dem plotzlich innehaltenden Fluss der kleinen Sprecherin, die, die schonen dunkelbraunen Augen aufgerissen, auf sie zutrat und sie mit einem nur durch Verlegenheit abgebrochenen lauten und erschreckten: Ach! fast anredete.

Der Muth weiter zu sprechen fehlte zwar, die Verlegenheit etwas Ungehoriges gethan zu haben uberwog, aber die Kleine wandte sich im Weitergehen dem Soldaten so vertraulich und schnell zu, dass Lucinde wohl sah, wie sie entweder mit jemand anderm eine auffallende Aehnlichkeit hatte oder auch dieser Kleinen wirklich bekannt sein musste.

Indem kamen die ubrigen Pensionsmitglieder zuruck. Lucinde mochte zunachst dem an sich fur sie selbst interesselosen Fraulein Muller nicht begegnen. Sie zog vor, sich zu entfernen. Das junge Madchen aber, das sich denn also doch, wie man nun sah, in keiner verbotenen Zwiesprache befunden hatte, sprang in die Reihen ihrer Gefahrtinnen zuruck und steckte so den Kopf mit den Kopfen der andern zusammen, dass sie nun sammtlich neugierig auf Lucinden hinblickten; alle thaten, als mussten sie in ihr eine ihnen langst bekannte Erscheinung wiederfinden.

Das war Lucinden jetzt zu viel. Wahrend die Fuhrerinnen mit dem eleganten Soldaten sprachen, der mit Zuvorkommenheit und Lebhaftigkeit Auskunft uber die Kapelle und die Gegend gab, suchte sie, von Fraulein Muller unbemerkt, den Ausgang.

Dem draussen harrenden Wachter sagte sie:

Geschwister waren das doch wol nicht?

Nein! war die einfache, kurze Antwort.

Der Kleinen scheint an mir etwas aufzufallen. Wer ist sie?

Ein Fraulein von Hulleshoven ...

Hulleshoven? Armgart von Hulleshoven?

Armgart von Hulleshoven! bestatigte der Gefragte.

Dann ist der junge Mann Benno von Asselyn?

Zu Befehl!

Ich denke, Herr von Asselyn ist Advocat?

Allerdings.

Wie kommt er zur Uniform?

Herbstubung ...

Damit brach der Mann ab. Man hatte ihn entweder gerufen oder er glaubte vielleicht nur, dass man dies gethan. Von dem jungen Paar schien er kein Auge zu verlieren.

Lucinde war wie in einer Betaubung. Ihr Entschluss war allerdings: Du wagst dich noch einmal in dein altes Leben zuruck, siehst heller, was dir fruher dunkel erschien, erschrickst vor keiner Begegnung mehr und war' es vor der der alten Hauptmannin von Buschbeck, ja vor der Oskar Binder's nicht in ihrem neuen religiosen Bekenntniss lag die ausserordentlichste Kraft dieses Sichsicherfuhlens und dennoch walzte sich ihr schon centnerschwer aufs Herz, sich zu sagen: Armgart von Hulleshoven gehorte dem Kreisen von Schloss Neuhof an! Sie war eine der innigsten Beziehungen der Comtesse Paula! Sie kann noch den Kindeseindruck bewahrt haben von jener Pagode im Schlossteich, in die ich damals zu dem Federvieh aufgestiegen bin! ... Benno von Asselyn war ein Cousin des Pfarrers zu St.-Wolfgang, jenes Bonaventura, bei dessen verhangnissvoller Priesterweihe sie vor einigen Jahren mit einer Entscheidung fur ihr ganzes Leben zugegen gewesen war.

Am Fusse des Hugels fand sie ihr Wagelchen. Es war leichtester Art, nur fur zwei Personen, die sich im Fall eines Regens vorn durch ein aufgeschlagenes Halbverdeck schutzen konnten. Indess behielt das Wetter seine gleiche Anmuth. Nur die Sonne senkte sich allmahlich. Schon mochte es inzwischen uber funf Uhr geworden sein.

Ein Knecht aus dem Weissen Ross fuhrte das leichte Gespann. Erst ging es um den Ort herum und die Anfange der landeinwarts gehenden Strasse rasch hinaus. Den vollen Genuss der uppigen, wie ein Garten ausgebreiteten Gegend konnte nur der Staub hindern. Die Baume am Wege trugen schwer an ihrer Aepfellast. In den Garten prangten jene Blumen, die im Spatsommer durch Glut der Farbe ersetzen, was ihnen schon an Duft fehlt. Bienenstocke standen unter Bedachungen mit jener geheimnissvollen Bienenkorbstille, die nicht ahnen lasst, was alles, und vollends nach Klingsohr's Theorie, in ihnen vorgeht. Wonnig war der Ruckblick auf das verlassene Oertchen, den im Luftather blauglanzenden Strom, der sich in immer anmuthigern Windungen dem Auge darbot, je mehr sich die Strasse emporzog.

Jetzt wurde die Strasse steiler. Die Berge, die zwischen dem Strom und St.-Wolfgang lagen, waren hoher, als sie das Ansehen gehabt hatten. Der Knecht stieg aus und zuletzt auch Lucinde, so sehr der Knecht versicherte, dass es nicht nothig ware. Doch war im Gehen und Stillstehen der Ruckblick auf den immer noch sichtbaren Strom besser zu geniessen.

Inzwischen bemerkte Lucinde, dass zwei der Bekanntschaften, die sie an der Maximinuskapelle gemacht hatte, ihr folgten. Auf kurzerm, die Landstrasse durchschneidenden Fusswege waren ihr Benno von Asselyn und sein Begleiter schon ziemlich nahe gekommen.

Sie unterhielten sich mit einer Reisegesellschaft, in der Lucinde den Gipsfigurenhandler, seinen Sohn und ein junges, schlank aufgeschossenes Madchen erkannte, das Armgart von Hulleshoven nicht sein konnte. Ihre Vorrathe hatten die Verkaufer nicht mehr bei sich und fast schien es, als wenn ein langsam vor ihrem eigenen Wagen hinziehender Einspanner den Italienern gehorte. Dieser Wagen war so weiss gepudert wie die kurze graue Jacke und die Manchesterhose, die der Alte und sein Knabe trugen. Das junge Madchen aber war geschutzt von einem grossen breitrandigen Strohhute und schien die Frau oder die Tochter des Italieners zu sein, der seine lebhafte Rede mit Gesticulationen unterstutzte.

Ueber das kahle Gestein hinweg, das mit dunnem Heidekraut und sparlichem, von weidenden Ziegen ausgerupften Grase bedeckt war, gab es fur die funf Fusswanderer leicht zu erklimmende Nebenwege, auf denen in kurzer Zeit wenigstens Lucindens Gefahrt erreicht sein konnte; ja, wenn die Wanderer die in die Felsen rundum gehauene Landstrasse jetzt ganz vermeiden wollten, konnten sie bei der Unabsehbarkeit des immer bergan gehenden Weges quer uber eine grosse, hier von kleinen Wasserrinnen, dort von Felsblocken bedeckte Wiese Lucinden ganz den Weg abschneiden und ihr zuvorkommen.

Sie schlugen auch diesen Weg ein, scheinbar unbekummert um die bald uberholte Wandererin auf der staubigen Landstrasse. Lucinde pfluckte vor Aufregung am Wege Kreuzkrauter und Rispengraser zu ihrem gewohnten Zerzupfen, das ihre Natur immer als Ableiter zu bedurfen schien, um die in ihr arbeitende Unruhe zu dampfen. Sie zog die Graser und ihre Samenkolben durch die Finger, biss sogar ihre Spitzen ab, warf sie weg und pfluckte dann wieder neue. Der Sonnenschirm, der ihr zur Stutze diente, schleuderte manchen Stein aus dem Wege; manchen andern, wenn er ein hubsches Geader zeigte, hob sie auf, betrachtete ihn eine Weile und liess ihn gedankenlos wieder fallen.

Mit dem Knecht war sie schon lange in einem Gesprach. Menschen neben sich zu haben, ohne zu wissen, was sie sind, treiben, wollen, denken, war nie ihre Art gewesen. Allem Stummen musste sie irgendwie eine Sprache abgewinnen. Und der Knecht nahm an ihr ein gleiches Interesse. Auch ihm schien diese junge energische Dame eine Merkwurdigkeit. Wie Lucinde zerstorte aus Kraftgefuhl und ungeduldiger Spannung auf ihr nachstes Schicksal, jetzt auf die schon hoch uber ihr hinwegschreitenden Wanderer, so auch dieser. Blatt um Blatt zerzupfte er einen Zweig, den er in der Hand hatte, machte erst eine Ruthe daraus und warf sie zuletzt weg, auch sich, wie es schien, aus grubelnden Gedanken aufraffend und wieder dann zur Peitsche greifend ...

Die Umgebungen wurden waldig. Die Hohen endeten nicht; sie umkranzten mit dunklern und hellern grunen Schattirungen den des Stromes jetzt plotzlich beraubten Blick. Die Tannen waren vorherrschend und einzelne Auslaufer der Waldungen gingen quer uber den Weg und durchschnitten ihn.

Das ist der St.-Wolfgangberg! sagte der Kutscher, klatschte mit der Peitsche und grusste ein Marienbild, das am Wege stand. Dann lud er das Fraulein zum Sitzen ein. Sie wurde ermuden und es ginge so wie eben noch viel zu lange fort.

Lucinde entdeckte aber gerade jetzt in ziemlicher Nahe die Wanderer, deren Mittelpunkt das junge, schlank aufgeschossene Madchen geworden war. Schon wusste sie vom Kutscher, dass der Italiener mit zwei Sohnen und einer Tochter reiste; der zweite Sohn fuhrte den Wagen, in dessen Kisten und Kasten die "Figuren" verpackt waren. Ihre kurzern Wege hatten sich an den Waldecken verfangen; sie mussten Schwenkungen machen, die sie aufhielten, und bald zwang sie die Landstrasse, mit ihr auf gleicher Linie zu bleiben. Endlich stiessen sie mit Lucinden zusammen und grussten.

Sie haben gar keinen Vortheil von Ihrem Wagen, Signora! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch und hielt eine Zeit lang, die Wanderlustige grussend, die Mutze in die Hohe.

Aber da seht, mein Gepack hat Vortheil! erwiderte Lucinde zuruckzeigend. Ist das Ihre Tochter?

Meine Tochter, Porzia Biancchi!

Porzia Biancchi? Ein stolzer Name! Freilich, sie wird in Rom geboren sein!

Nein, Signora! und sich an die Tochter wendend, fragte er italienisch:

War das schon in Castellungo?

Castellungo! erwiderte das junge Madchen und errothete unter dem braunen Incarnat ihres nicht schonen, aber gefalligen Antlitzes.

Wie? nahm, Lucinden grussend, der junge Soldat, Benno von Asselyn, das Wort. Ihr wisst nicht einmal, Meister Biancchi, wo Eure Tochter geboren wurde?

Nein, Signore! sagte der Italiener in gebrochenem Deutsch. Als sie zur Welt kam, waren die Zeiten schlecht fur mich! Ich lebte nicht in Italien!

Aha! Ihr wart auf der Flucht! sagte der Fragende, der etwas Festes, Sicheres und bei aller Lebendigkeit des Auges wieder Gelassenes hatte. Ich merke schon, dass Signor Biancchi ein alter Carbonaro ist! Trotzdem, dass er auf deutsch Weiss heisst und so weisse Pierrotkleider tragt, dass mein Konigsrock ganz an ihnen abfarbt, gehorte er doch ohne Zweifel zu der schwarzesten Carbonarosorte, zu der Loge der sogenannten Kesselschmiede! Nicht wahr?

Der zwischen Freund und Diener noch ganzlich unbestimmt schwankende Trager des mit dem Sabel, wie ein Portefeuille mit dem Bleistift, zusammengehaltenen Mantels putzte die Gipsflecken ab, die der Sprecher allerdings schon auf seiner Uniform trug.

Biancchi aber sah diesen uber seinen ihm imputirten Carbonarismus gross an, schien davon betroffen und half sich mit dem dem Italiener eigenen klugen und pfiffigen Ausdruck der Mienen und einem Gestus, der nicht mehr und nicht weniger sagen wollte als: Das ist einer! Der hat eine scharfe Nase!

In der That verdiente Benno von Asselyn eine Wurdigung, die, sozusagen, uber seine Uniform hinausging. Es ist ein Nachtheil des Soldaten, dass auf ihn zu sehr das Horazische Nos numerus sumus ("Wir zahlen nur") angewandt wird. Das Auge haftet an dem bunten Rock; der Mensch, das Individuum, das in ihm steckt, der Charakter, wird ubersehen. Die Entwicklung des letztern, das ist wahr, ist beim Krieger gehemmt, aber darum fehlt sie nicht. Dieser Freiwillige und Gemeine sass vielleicht erst heute unter der Schere des Friseurs, der ihm die Haare so kurz aus dem Nakken schnitt; sein Barbier rasirte ihm einen Kinnbart fort, den er ebenso wenig nach Kocher am Fall zum "Stabe" mitbringen durfte wie seine weisse Weste; aber einer im Dutzend ist dieser junge Mann nicht. Die Ironie, die in der Betonung seiner Worte liegt, ist das Zeichen eines geistigen Uberschusses. Er spricht aus der Fulle, nicht aus der Armuth. Sein dunkelblaues Auge spricht statt seiner, auch wenn er schweigt. Es spiegelt die ruhige Herrschaft uber einen schon angesammelten Erfahrungsschatz. Fein, vornehm und doch naturlich ist sein Benehmen. Die Art, wie er jetzt seine Cigarrentasche zieht und um die Erlaubniss zum Rauchen bittet, hat einen so weltmannischen Schliff, dass sein Begleiter unversehens zu seinem Bedienten wird, obgleich er ihn wie einen intimsten Freund behandelt.

Da auch Benno von Asselyn bei der Erorterung uber die Gegend, wo Castellungo lage, sich italienisch auszudrucken anfing, so wurde Biancchi sicherer und gestand allmahlich, dass es ganz so im Ernst ware, wie der Herr es im Scherze vermuthet hatte. Er selbst ware ein Romer, seines Zeichens ein Bildhauer und der alteste von drei Brudern, die allerdings alle mit ihm in die Gefahren gerathen gewesen waren, die plotzlich den Carbonaris gedroht hatten. Er hatte sich anfangs nach Piemont gefluchtet, in die Thaler, die sich vom Col de Tende nordwarts bis nach Turin und Aosta an den Fuss der Alpen ziehen.

Die Waldenserthaler! warf zu Lucindens Erstaunen der Begleiter Benno's von Asselyn mit halber Stimme hinein.

Si! Si! sagte Biancchi mit schnellem Ton und erstaunend, dies Wort hier und aus solchem Munde zu vernehmen. In Castellungo bei Coni! Ganz recht, in einem Dorfe, wo nur Ketzer wohnen? Bis 1821 ging's soso ... (er hielt die Hand vor die Augen und blinzelte durch die Finger, wie wenn er das Zeichen der Toleranz machte), aber Madre de Dio! Da Donner und Blitz in unsere "Baracca"! Die "Vendita" geschlossen Napoleone Biancchi reissaus! ...

Ihr heisst Napoleone? fragte Benno von Asselyn und trat in Rucksicht auf seine der Heiligen Allianz angehorende Uniform zuruck, als wollt' er ihm den Kampf anbieten.

Und mit derselben schlagenden Geberde, gleichsam die Kriegserklarung aufnehmend, wiederholte der alte Biancchi mit Nachdruck:

Napoleone Biancchi!

Als der Friede zwischen dem Kaiserreich und den hohen Verbundeten durch das Lachen der Frauen wiederhergestellt war, erzahlte der Alte, dass er seine Frau und Kinder hatte in Italien zurucklassen mussen. Er ware erst nach der Schweiz gefluchtet, hatte sich dort zu ernahren gesucht, so gut es gegangen; seiner Frau hatte er nach Castellungo geschickt, was er erubrigte; dann, nach der Julirevolution, hatte er nach Italien zuruckzukehren gewagt; er hatte sich zwar nicht aufs neue compromittirt, hatte aber doch, "da es auch in Italien nur Ein Rom gabe", vorgezogen, wieder sein Wanderleben anzutreten. Nach Rom hatte er nicht gedurft: so ware er nach Deutschland gekommen, wohne bei Frankfurt am Main und verdiene sich so viel, dass er sich ein solches Pferd halten konne wie das, das da eben seine Vorrathe bergan ins rechtglaubige Land zoge.

Euere Frau kam Euch nicht nach? fragte Lucinde.

Signora, nein! antwortete Biancchi. Sie ist in Castellungo, hat einen Garten mit Oliven- und Maulbeerbaumen und einen Weinberg. Das Haus ist nicht gross genug fur alle ihre Seidenwurmer. Sie verdient und spart fur die Kinder. Frankfurt am Main hat ein schones Klima, aber keine Seidenwurmer. Giuseppina schickt mir alle zwei Jahre einen Sohn heruber, erst den Camillo, der in Frankfurt das Geschaft fuhrt, dann den Hortensio, der da die Peitsche in der Hand halt, jetzt den Catone, der hier mit mir geht und sich die Schuhe so schief tritt Ecco, padrone, fa attentione! und jetzt vor einigen Tagen erst die Porzia, die noch wenig Deutsch kann, ob sie's gleich von einem Einsiedler in Castellungo hatte lernen konnen. Wie heisst der Heilige unter den alten Eichen von Castellungo? wandte er sich an seine Tochter.

Signore Federigo! antwortete diese. Sie hatte die den Italienern eigene tiefe, fast rauhe Stimme.

Benno von Asselyn bemerkte lachelnd und halblaut, aber fur Lucinden hinlanglich vernehmbar:

Ja, Freund Biancchi, zahltet Ihr denn auch die Kinder richtig, dass Euch die Giuseppina nicht einmal mehr aus Italien herausschickt, als Ihr bei ihr zuruckgelassen habt?

Biancchi versicherte, dass er ein vortreffliches Weib hatte, aber ihrer Seidenwurmer wegen mussten sie getrennt leben.

Nein, nein, Napoleone! fuhr Benno von Asselyn in seinem Scherze fort. Ich bewundere Euere Ruhe! Konnt Ihr zufriedene Nachte haben? Dieser Federigo! Wer ist das? Ein Deutscher, der unter den heiligen Eichen von Castellungo wohnt?

Sein Auge suchte dabei Porzia. Diese verstandigte sich in dem wenigen Deutsch, das sie von jenem Einsiedler gelernt hatte, gerade mit dem Manne, der ein Diener schien und doch etwas von den piemontesischen Waldensern gewusst hatte.

Der seine Stiefel schief laufende Catone schien dem Alten fur etwaige vaterliche Besorgnisse nicht ausreichender Wachter genug. Er suchte seiner Tochter naher zu kommen. So horten diese kleinen scherzhaften Reibungen auf.

Benno von Asselyn wandte sich jetzt verbindlicher zu Lucinden. Er begann von der Maximinuskapelle und bald war Armgart von Hulleshoven erwahnt.

Ein liebliches Kind! Wie alt mag sie sein?

Ich denke, vierzehn ... funfzehn Jahre ...

Von einem Madchen, das man liebt, weiss man die Minute, wann sie geboren ist!

Das man liebt? In meiner Heimat druben gibt es gar keine Liebe, Fraulein! Man hat sich gern und bleibt hubsch vernunftig!

Sie sind also auch aus dem Land des Plattdeutschen?

Kennen Sie das?

Lucinde schwieg. Sie merkte, dass man sie an der Maximinuskapelle entweder fur eine andere gehalten haben musste oder wenigstens an Benno von Asselyn nicht mitgetheilt hatte, was allenfalls Angelika Muller von ihr wusste. Hatte doch Paula von Dorste-Camphausen ein Jahr lang, wo sie auf dem Streckbett lag, nie in ihr die ehemalige Bewohnerin von Schloss Neuhof erkannt. Wie hatte dies Armgart thun konnen, die um funf bis sechs Jahre junger war?

Wenn Sie, sagte Benno, Armgart's Heimat kennen, so werden Sie uberall, wo der Himmel graublau, die Luft von einem ewigen brandigen Nebel erfullt ist, einem Nebel ...

Ha! Was ist das? unterbrach er sich plotzlich und rief:

Hedemann! Hedemann! Man mochte ja glauben, wir waren hier auf der rothen Erde?

Er deutete auf die Landschaft hinaus.

Linker Hand drang den Wanderern aus einer Abdachung des Berges ein brandiger Geruch entgegen. Hinter den Baumen sah man den Himmel weither von einem grauen Nebel uberzogen.

Hedemann! wiederholte Benno, sich seinem wandernden Begleiter zuwendend. Wo kommt hier Haarrauch her?

Der angerufene Hedemann erlauterte, dass die Leute hier das verkruppelte Knieholz der Eichen abbrechen, abrinden, die Rinde den Gerbern als Lohmaterial verkaufen; die Wurzeln der Stamme, diese selbst, die Abfalle, das Gras und das rings wachsende Kraut wurden dann verbrannt und die Asche als Dunger ausgestreut, sodass wenigstens fur Gerste und Hafer ein kunftiger Anbau auf solchen mit doppeltem Nutzen ausgerodeten Walddistricten sich ermoglichen liess.

Also kein Haarrauch! sagte auf diese Erlauterung hin Benno fast elegisch.

Man sah die Feuerstellen, von denen aus sich der Rauch verbreitete.

Mein Fraulein! nahm er darauf seine Rede wieder auf; Sie wissen vielleicht nicht, dass bei uns druben die Sumpfe nicht austrocknen konnen, ohne nicht oft in Brand zu gerathen. Die Flammen sieht man nicht, aber die Erde dampft und brennt immer fort von diesem unterirdisch gluhenden Torf. Ihnen wurde es druben sein, als wenn Sie verurtheilt waren, Ihr Leben lang in einer Stube mit einem rauchenden Ofen zu leben. Uns aber ist dieser Rauch ein Arom wie Patschouli. Wir ziehen ihn schon mit der Geburt ein und wenn wir in der Ferne sturben, wurden wir glauben Paradiesesluft zu athmen, wenn plotzlich neben uns ein Kohlenbecken hingestellt wurde und man darauf etwa ein Stuck alten Pappendeckels langsam und feierlich anzundete. Wenn unsere Landsmannschaft auf der Universitat jahrlich ihren grossen Commers abhielt, bestand das Bouquet des Abends, nachdem der Landesvater gesungen, darin, dass wir die Fenster aufrissen und den Qualm eines draussen angezundeten Haufens Torf einathmeten. Dann fielen wir uns in die Arme und stiessen zwischen Thranen und Schluchzen Ausrufungen und Freudengeschreie aus, als wenn die Romer sich dem Teutoburger Walde nahten und wir unsere Aexte und Streitkolben um die langen blonden Locken schwangen, weil es zum Kampfe ging fur Freiheit, Vaterland und Buchweizengrutze! Das ist namlich unser Nationalessen, Fraulein! Schon Thusnelde soll es gekocht haben, wenn sie wunschte, dass Arminius guter Laune war.

Lucinde glaubte Klingsohrn zu horen; selbst Jerome stand vor ihr ... Dennoch war Benno von Asselyn ein vollig anderer. Auch die Erwahnung der blonden Locken passte gar nicht auf ihn, da sein Haar schwarz war und sein ganzes Wesen eher sudlandisch als nordisch schien.

Sie wollte dies auch aussprechen, aber der Rauch, der von dem verwusteten Felde heruberdrang, erstickte ihr fast die Stimme. Auch setzten sich eben die Italiener sammtlich in ihren Wagen und auch Lucindens Kutscher hielt, weil der Weg nun bergab ging, sein Ross an und offnete den Schlag. Ihre Einladung an Benno und Hedemann, sich mit einzusetzen soweit es neben ihr und auf dem Bocke Platz gab wurde von diesen artig abgelehnt.

So rollte sie von dannen.

All ihr Denken schien jetzt tief innenwarts gewandt. Sie schlug den Schleier uber ihren Hut, weniger um sich gegen den vom raschen Herabrollen des Wagens aufwirbelnden Staub zu schutzen, als um ungestorter denken und traumen zu konnen.

Ja, es war ihr doch, als begann sie jetzt zum zweiten mal zu leben, aufzuwachen im Grabe, eine Auferstehung von den Todten!

Drei Jahre einer nicht etwa erfahrungsarmen, aber doch sehr in sich selbst bedingten Zeit lagen hinter ihr. Sie hatte sie an den Streckbetten der Jugend zugebracht. Eine Dulderin war sie nicht; sich beugen, sich gefangen geben hatte sie nur da gekonnt, wo ein starkerer Arm sie fasste, wenn auch nur ein Serlo, der sie regiert hatte, obgleich er ein Sterbender gewesen ... Eine Zeit lang reichte aus den Wolken ein solcher Arm; sie suchte ihn zu fassen, sich an ihm zu halten; es war das erste leidenschaftlich bewegte Jahr ihres Wirkens im "Correctionshause der Natur" gewesen. Diese Hoffnung schlug fehl und die Getauschte brauchte zwei Jahre, sich zu sammeln und ins Leben zuruckzufinden. Man hatte sie unter den Kindern gewahren lassen, nachdem sie uber die Krisis, um Paula's von Dorste-Camphausen willen entfernt zu werden, durch den plotzlichen Tod des Vaters derselben, des Grafen Joseph auf Westerhof, glucklich hinweggekommen war. Denn Paula, die die Menschen in zwei Klassen schied, in solche, die ihre Nerven gleichsam mit der Hand von oben nach unten strichen und sanft auf sie wirkten, und solche, die sie von unten nach oben strichen und sie aufregten und beunruhigten, Paula erkannte in Lucinden zuletzt ein Wesen, das sie, wenn sie langer vereint blieben, zum Steine hatte umwandeln, ja todten mussen ... Sie sagte dies selbst niemals, nur die Beobachtenden fuhlten dies, und vor allem entschied Bonaventura von Asselyn, der junge Priester, die Trennung, entschied sie in demselben Augenblicke, wo sie sich durch die Ruckkehr Paula's zu den Ihrigen und unter die Vormundschaft des Kronsyndikus von Wittekind, ihres Oheims, von selbst vollzog ... Zwei Jahre brauchte Lucinde, um diese Kampfe zu verwinden, und es war vielleicht ihre beste Zeit, die Zeit wenigstens, wo man ihr Wesen ertragen konnte; sie war die eifrigste Kirchengangerin, wurde von den Geistlichen in Schutz genommen und hatte sogar Gonnerinnen, was ihr von Frauen bisher im Leben noch nicht geschehen war. Da schlug eines Tages der Name einer Frau von Gulpen an ihr Ohr. Fraulein! rief sie berichtigend in ihrer Erstarrung auf. Aber: F r a u von Gulpen! hiess es. Sie war die langjahrige Freundin eines Dechanten von Asselyn zu Kocher am Fall, einem Stadtchen altesten Ursprungs und zwanzig Meilen weit von dem Ort ihres gegenwartigen Wirkens ... Asselyn! war der zweite elektrische Schlag. Der Onkel jenes erstandenen Serlo? ... Frau von Gulpen suchte fur Kocher am Fall eine Gesellschafterin ... Die Gesellschafterin der Gesellschafterin eines Geistlichen ... Er hiess Asselyn! Sie Gulpen! ... So entschied sie sich und alle ihre Pulse schlugen und tausend wilde Stimmen riefen in ihr: Ja, rauschet noch einmal auf, ihr Pforten der Vergangenheit! Jetzt will ich unter euch hintreten wie eine Konigin! Will Trotz bieten jedem Auge, das verwundert mich anstarrt! Dies Kreuz hier auf der Brust entsuhnt jede Schuld! Das geweihte Wasser an jeder Kirchenthur reinigt meinen Ruf von jedem Flecken! Wiedergeboren bin ich und gesetzt durch das Blut des Erlosers und der Martyrer! Wer mich anschuldigt, der sehe, ich breche zuerst den Stab uber mich! Nichts beruhrt mich vom Vergangenen auch nur bis zum Saum meines Kleides! Wo ist eine Anklage wider mich? Ich will sie horen! Dann aber habe ich Anklagen wider euch! Entlarven kann ich Morder, aufstobern aus Schlupfwinkeln Heuchler ... Eine Siegerin komm' ich, nachdem ich so tiefe Niederlagen erlitten ... Und die letzte Niederlage, an die sie dabei dachte, war nicht etwa jener Tag, wo sie die Jungfrau von Orleans gespielt.

So gestimmt trat sie noch heute vom Dampfboot.

Klopfte ihr aber schon das Herz, als sie horte, St.-Wolfgang lage zwei Meilen ins Land hinein, erschreckte sie der blosse Anruf eines Kindes, das sie wiederzuerkennen schien, wogte und sturmte es in ihr bei der Begegnung mit Benno, beugte sie alles, was ihr fremd, neu war und doch mit dem, was sie wiedersehen wollte, im Zusammenhange stand, so kam sie sich jetzt schon wieder als eine Magd, nicht als Konigin vor, jetzt, wo sie sich dem Orte naherte, von dem man ihr aus Kocher am Fall geschrieben hatte:

Sie werden, meine Liebe, nur nothig haben, vom

Dampfboot aus einen Einspanner bis S.t-Wolfgang

zu nehmen. Dort ist schon unser Neveu, Herr Pfar

rer von Asselyn, unterrichtet und halt einen Wagen

in Bereitschaft, Sie in unsern Kreis zu fuhren! Ge

wisse Bedingungen gleich anfangs mundlich! In

der Hauptfrage sind wir einverstanden.

Petronella von Gulpen.

Die Gulpen, die sie kannte, hatte Brigitte geheissen ...

Jetzt blickte sie auf. Die Gegend hatte sich verandert. Vor ihr lag, von den Abendsonnenstrahlen nur noch in seinen obern Randern erhellt, ein schones tiefes Thal, das wie eine Muschel mit grunen Streifen in die rings sich verlierenden Berge auslief. Aus dem tiefsten grunen Kern des freundlichen Anblicks ragte die Spitze eines Kirchturms, von dem ein Lauten ertonte. Je mehr, vom Hemmschuh aufgehalten, der Wagen niederwarts rollte, desto reicher wurde wieder die Vegetation, desto voller und edler der Baumschlag, desto weiter die Flache, von der schon langst das in gleichmassigem Anbau gewonnene Getreide geerntet war. Die Landschaft trug nicht den fast italienischen Charakter derjenigen, die sich um den grossen poetischen Strom ausgebreitet; aber auch der betrubende Anblick eines rings von Bergen umschlossenen Gebirgsdorfes, den man fast auf der Herfahrt hatte erwarten durfen, bestatigte sich nicht. Garten kamen die Rebe schmiegte sich nicht nur an einem Spalier den Hausern an, sondern wuchs an sonnigen Abdachungen selbst noch in mancher gefalligen Einzelpflanzung.

Das Lauten bedeutete ohne Zweifel, dass jenes schon im Weissen Ross besprochene Begrabniss in vollem Gange war. Auch Stimmen singender Kinder drangen aus dem Thal empor, zuweilen unterbrochen von einem Klingeln, das den Moment der wol gerade vor dem Altar bei geoffneten Kirchthuren stattfindenden Einsegnung der Leiche bezeichnete.

Indem riefen ihr die nachrollenden Italiener hinterwarts ein Lebewohl zu. Sie deuteten auf ein Wirthshaus am Wege, wo sie ihren schwerer ziehenden Gaul futtern wollten.

Vergessen Sie nicht Il Michelangelo! rief Napoleone als guter Kaufmann ihr nach.

Beim Dechanten! antwortete sie, aber schon unvernehmbar.

Catone zog seine kalkige Mutze, Porzia verneigte sich und machte eine Handbewegung. Sie jedoch sah nichts mehr. Ihr schwindelten die Sinne ...

An dem Wirthshause standen Handwerksbursche, Bauern in Kitteln und Blousen, manche mit Militarmutzen, die sich wie Benno von Asselyn zu den Uebungen einstellten; ein Gensdarm revidirte von seinem Gaule aus Wanderbucher und Passirscheine. Die Italiener zogen schon ihre Papiere in der Ferne ...

Beim Anblick der Fuhrleute, die wol hier, um uber den Wolfgangsberg zu kommen, Vorspann nahmen, kam ihr eine Erinnerung an die Bache von LangenNauenheim ...

Sie nahm ihre Handtasche, offnete und zog ein schwarzes Buch mit Goldschnitt hervor, schlug es auf und schickte sich an zu lesen.

Die Worte des heiligen Bernhard las sie:

"Unsere Gedanken an selig Entschlafene sind Funken, durch welche unsere eigenen Seelen gehoben und entzundet werden" ... Worte, die den Anfang einer Betrachtung uber die Todten bildeten.

Sie ganz zu lesen war sie zu erregt.

Die Litaneien wurden in dem Ausdruck ihrer Satze immer deutlicher.

Schon war der Leichenzug aus der Kirche auf dem Gottesacker angekommen, schon war eine zahlreiche Bevolkerung um den aufgeworfenen Grabeshugel versammelt ...

Lucinde befahl mit stockender Stimme, dass wahrend der heiligen Handlung sie still hielten ...

Jetzt trennte sie nur noch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe ...

Der Wagen hielt unter dem bergenden Schatten eines breitastigen Nussbaums ...

Vor ihr stand im weissen Messgewande, unter Knaben im Chorrock, die brennende Kerzen trugen und das dampfende Weihrauchfass schwangen, Bonaventura von Asselyn.

Seit drei Jahren sah sie, an ihn gedenkend, nicht mehr Serlo.

Langst war er Er selbst!

3.

Nach den Segnungen, die dem Sarge schon in der Wohnung des Verstorbenen zu Theil geworden, nach den Weihen vor dem Altar spricht soeben eine sanfte wohllautende Stimme noch vor der Einsenkung in die Grube Worte, die zu dem Ceremoniel der Kirche die eigenen Empfindungen des Redners bringen.

Man konnte die Rede, die der am Fussende des Sarges stehende, von dem letzten Abendsonnenglanz beleuchtete Priester sprach der Entschlafene selbst musste dem Brauche der Kirche gemass gen Osten blikken , deutlich vernehmen.

Sein Aeusseres hatte sich wenig verandert. Es waren dieselben, nur gefestigtern Zuge, die Lucinden vor drei Jahren an eine Geistererscheinung, an Serlo's Tod als Traum oder an dessen Auferstehung, glauben liessen.

Es war dieser mildeste aller Priester, den sie selbst hatte weihen sehen mit Joseph Niggl und Beda Hunnius sie hatte diese Namen so fest behalten wie die Unterscheidungslehren der Confessionen, in denen sie sechs Wochen spater gepruft wurde zu ihrem Uebertritt.

Heute standen keine jungen Kleriker, sondern weissgekleidete Kinder, Knaben und Madchen, um Bonaventura.

Er war es wieder, Er, ein Jahr lang die Liebe und das Entzucken der ganzen Stadt, aus der sie nun erst kam, kommen durfte!

Selten lag auch wol auf dem Antlitz eines Junglings so viel Adel, so viel Glanz und Glorienschein schon in jungen Jahren ...

Bonaventura von Asselyn, der einst angesehenen, weitverbreiteten und aus dem Friesischen stammenden Familie dieses Namens angehorend, hatte aus einer durch Familienverhaltnisse, vorzugsweise ein ungluckliches Ende seines Vaters und die Neuvermahlung seiner Mutter, deren einziger Sohn er war (mit dem Oberregierungsrath Friedrich von Wittekind-Neuhof), genahrten Schwarmerei den Offizierstand, in den er, bisher Zogling der nahe gelegenen Universitat, eben eintreten sollte, mit dem geistlichen Seminar vertauscht und war nach dem sudlichen Deutschland gegangen, um in Kreisen strengerer und ungehinderterer Katholicitat seine Bildung zu vollenden. In der Stadt, wo ihm der Bischof die Weihe gab, hatte er am Altar und im Beichtstuhl die grossten Erfolge gewinnen konnen, aber er zog erst die Kaplanei bei seinem edeln Wohlthater, dem Dechanten von St.-Zeno im nahen Kocher am Fall, dem Bruder seines Vaters, dann eine kleine bescheidene idyllisch gelegene Landpfarre vor.

Lucinde fand dieselbe Erscheinung wie sonst, nur mannlicher, fester, ernster. Sein Wuchs war schlank wie die Tanne, das Haupt leise ubergebeugt, doch edel und freiblickend und auch jetzt in die mit rosigen Wolken sich saumende Ferne wie in das Jenseits schauend. Wie weich und weiss mussten diese Hande sein, die in massvoller Bewegung die bedeutendern Gedanken seiner Rede unterstutzten! Wie schon stand dem leise gerotheten Antlitz der milde Schwarmerblick, der aus dem tiefsten Innern der Seele zu kommen schien! Wie schien er in glaubiger Zuversicht das Ewige leibhaftig vor sich zu sehen!

Ein sinnend Haupt! Ein edel Angesicht!

Ein Auge, das sogleich zum Herzen spricht!

Das Haar wie Rabenfedern! Unbeschnitten

So weit es strenge Priesterregeln litten!

Ein Leiden in der Miene, still entsagend!

Ein Bitteblick wie des Erlosers Flehn,

Da er zum Vater sprach im Garten klagend:

Lass' diesen Kelch an mir vorubergehn!

Die Stirne rund, die Wange ein Oval!

Bald blass, bald von der Seele Glutenstrahl

Mild uberhaucht mit frischen Rosenlichtern!

So leuchtend nur bei Denkern und bei Dichtern!

So stand Bonaventura einst vor des Erzahlers

und, ubermannt vom Stoffe, die Feder niederlegte ...

Bonaventura von Asselyn sprach von dem Verstorbenen wie von einem heimgegangenen Freunde. Er nannte den alten Joseph Mevissen, dem zu Liebe, weil gerade der hier wohnte, er diese Pfarrei besonders gern gewahlt, einen Fuhrer seiner Jugend, nannte ihn den Diener seines verstorbenen und, wie alle Welt um ihn her wusste, auf einer Alpenreise so furchtbar unglucklich verkommenen Vaters. Jene Thatsachlichkeit, die in den Reden katholischer Geistlichen oft masslos die Grenzen des Schicklichen uberschreitet, die aber auch, richtig angewandt, ebenso das oft nur allzu Allgemeine der protestantischen Predigtweise vermeidet, war hier begrundet durch den allgemeinen Antheil und die eigene dankverpflichtete Stellung des Redners zu dem Abgeschiedenen.

Mevissen war ein armer Hausler gewesen, lebte von kleinen Arbeiten der Tischlerei, die er in jungen Jahren gelernt hatte, ehe er dem Vater Bonaventura's auf jener Reise folgte, von der Friedrich von Asselyn nicht wieder zuruckkehrte. In leiser Andeutung und nicht etwa sein eigenes Leid zu sehr hervorstellend, kam der junge Redner auf diese allen ihn Umstehenden bekannten Vorgange. Er pries den Antheil, die Hingebung, die Treue des Verstorbenen, die er dem Vater und dann ihm selbst bewiesen. Er sprach, angeregt von der Erinnerung an jene Zeit, wo ihm als Knaben zum ersten mal das Bild seines in einem Schneeabgrunde des grossen St.-Bernhard todtgefundenen Vaters entgegentrat und seine Neigung fur den geistlichen Beruf entschied, uber die dunkeln Kerkerwande des Todes, uber die stille Gemeinsamkeit, in der die Leiber ruhen und einst schon so in alter romischer Zeit, in den Katakomben, die Gebeine der heimlich begrabenen Martyrer ruhten ... uber den Sarg, den sich der alte Freund seiner Jugend und des ganzen Dorfes selbst gezimmert und in dem er wie in einem Bett nachtlich schon gleich manchem Heiligen geschlafen hatte; er verglich den Tod mit dem Schlummer, seiner Erquickung, seinen Traumen, seinem Erwachen. All diese Gedankenreihen folgten sich naturlich, ohne Prunk, mit einfachen Bildern, in jener sich auf Spruche der Bibel und der Kirchenvater stutzenden Redeweise, die den Zusammenhang des eigenen Ichs, das sich nicht vordrangen soll, mit der Lehre und den Beispielen des kirchlich Gebotenen nicht vergisst und allem Abschweifen personlicher Einfalle durch bestimmt vorgezeichnete Formeln und Gebete ein Ende macht.

Dreimal besprengte dann der Priester den Sarg mit Weihwasser, schwang uber ihm das Rauchfass, warf drei Handen voll Erde auf ihn und endete mit den Worten:

Aus der Erde hast du mich gebildet; mit Fleisch hast du mich umkleidet;. erwecke mich wieder, mein Erloser!

Nach dem "Amen!" war die Handlung voruber; die Menge zerstreute sich; der von Bonaventura unter den niederhangenden, weitschattenden Wallnussasten kaum bemerkte Wagen rollte weiter; Lucinde wusste nicht, wie sie unter den Eindrucken, die ihr Inneres besturmten, in dem Wirthshause des Ortes ankam.

Aus Blech geschnitten, hing uber der Thur desselben neben der grossen Einfahrt des bescheidenen Hauses ein Stern ...

Das Verlangen nach einem Zimmer war bald befriedigt, der Kutscher wurde bezahlt und Lucinde war mit ihren Reiseeffecten, aber auch mit der schweren Aufgabe allein, dem Priester, der sie kannte, aber auch ganz kannte, wie sie war, wie sie sich selber vielleicht nicht kannte, nach zwei Jahren wieder entgegenzutreten.

In dem kleinen Raume, hinter dem Fenster mit den zerkritzelten grunblauen Scheiben, in der Umgebung an den Wanden hangender Schildereien, die in Lithographieen und mit Wasserfarben jene uberschwenglichen mystischen Anschauungen eines durch alle Himmel ausgebreiteten Rosenkranzes als einer Weltherrschaft der uber der Erdkugel und dem Monde thronenden Mutter Gottes, mit der Sonne selbst als Strahlenkrone, darstellten, lange zu verweilen, ware ihrem unruhigen Charakter nicht moglich gewesen.

St.-Wolfgang war ein freundliches, angenehmes, jetzt sogar durch die sich zerstreuende Menge belebtes Dorf.

Das war in allen Winkeln und den vor dem Wirthshause zum Stern ausmundenden Gasschen des Ortes eine Ruckkehr zur Freude am Dasein! Doch verwunderte sie diese nicht. Auch diese Eigenschaft ihres neuen Glaubens kannte die Convertitin schon, dass in ihm nach dem Tribut, den man den himmlischen Pflichten gezollt, eine muntere Ruckkehr zur Freude am Irdischen gestattet sein sollte.

In einem an das Wirthshaus sich lehnenden Obstgarten mit Banken und Tischen bemerkte sie schon manche Gruppe, die sich gebildet hatte, um an dem trefflichen Wein der Gegend sich zu erquicken. Auch der Knecht, der erst am andern Morgen zuruckkehren zu wollen erklart hatte, da er behauptete, sein Gaul hatte sich unterwegs einen Stein eingetreten und bedurfte der Ruhe, stand schon mit angezundeter Pfeife unter den Gasten, zu denen sich, in leichter gelufteter Kleidung, wie wenn er entweder hier wohnte oder doch ubernachtete, und gleichfalls mit brennender kurzer Pfeife, der Gensdarm gesellte, der oben am Berge die Passirscheine revidirt hatte.

Die Sonne vergoldete nur noch die Zifferblatter des Kirchthurms und zeigte die Abendstunde, die bald auch von der Glocke zur Abhaltung der Vespergebete gemeldet wurde. Lucinde hatte gelernt, dass in diesem Augenblick des Angelusgebets ringsum die ganze Erde, so weit katholische Christen wohnen, gleichsam ein Gurtel von Gebeten walle, dem sich kein Glaubiger entziehen durfte. Sie kannte das Angelus sogar in lateinischer Sprache. Doch folgte sie, da sie sich allein wusste, dem Beispiel des zuweilen zu ihr hinaufschielenden Gensdarmen unten, der seinerseits, der Landeskirche angehorend, mit seiner Pfeife ruhig an die Salatbeete schritt, die den Obstgarten begrenzten, wahrend die Manner an den Tischen die Haupter neigten. Auch sie betete nicht, sondern ordnete vor dem in jedenfalls unabsichtlicher Satire wie vor Jahren in Eibendorf mit einer kleinen Pfauenfeder geschmuckten matten Spiegel ihre Toilette, band die Flechten ihres Haares fester, glattete einen grossen, weithangenden Spitzenkragen, unter dessen Fall die zierlichste Taille sich verbarg, legte ihr goldenes Kreuz in passende Ordnung, wahlte ein weniger zerknittertes Taschentuch aus dem geoffneten Koffer, entnahm ihm einige gesiegelte Briefe, steckte diese zu sich, setzte den Hut auf und schickte sich zu einem unendlich seligen und doch ebenso wieder schweren, vielleicht tief demuthigenden Gange an.

Beim Pfarrer konnte inzwischen vielleicht auch schon durchs Bonaventura's Vetter und seinen Begleiter Hedemann ihr Kommen angezeigt worden sein; denn die Ceremonie, ihre Toilette, ihr Kampf mit sich selbst hatten lange gedauert.

Das Pfarrhaus lag dicht an der Kirche und dem Gottesacker.

Von letzterm trennte es nur ein bescheidener Gemuse- und Obstgarten.

Die Grenze, eine Mauer von grunen Hecken, war unverschlossen.

Nicht gering war die Neugier, mit der Lucinden Jung und Alt betrachtete.

Nur eine alte Frau, die im Pfarrgarten Kerbel und Salat zum Nachtessen sammelte, erhob sich von ihrem Bucken nicht. Ihr schienen vielleicht die Besuche elegant gekleideter Frauen bei ihrem Herrn weniger auffallend.

Und doch konnte Lucinde vor Bangen nicht zur Hausthur hinein.

Der Eingang zum Garten stand offen.

Ungesehen betrat sie einen Theil desselben, einen gewahltern, wo abgebluhter Jasmin und wilde Geisblattbusche sich fast zu einem Laubengange einten ...

Hier war ein Sitz, auf dem noch Bucher lagen ...

In Bienenstocken, an denen sie voruber musste, schien es still, wenn auch ihrem scharfen Ohr nichts von dem Summen entging, von dem sie drinnen belebt waren ...

Im fast verstohlenen Voruberhuschen wagte sie die Bucher, die Bonaventura vergessen zu haben schien, anzusehen ...

Sie schlug sie auf, neugierig auf die jetzige Geistesfahrte des innern Lebens dieses ihres Feindes? War das Asselyn? Er liebte, w e n n er liebte, Paula! Er hasste, w e n n er hasste, Lucinden!

Sie fand einen Band von Goethe's Gedichten. Dann eine altere Liedersammlung: "Trutz-Nachtigall", von dem alten edeln Dichter Friedrich von Spee, einem Jesuiten.

Sie kannte einige der Weisen dieses letztern Sangers, der sich durch seinen geistlichen Stand nicht hatte beirren lassen, die Sprache der Blumen, der Farben, der Tone und des eigenen Herzens als die gemeinsame Muttersprache aller geschaffenen Creatur mit den Weltlichen mitzureden und unter den Huldigungen, die seine inbrunstige Phantasie der uberirdischen Liebe brachte, auch ein gut Theil der Wonnen mitzufuhlen, die die irdische gewahrt.

Ertappt! lag in dem fast listigen Blick ausgesprochen, mit welchem Lucinde beide Bucher an sich nahm und, um sich Muth zu fassen, beschloss, sie dem Pfarrer beim ersten Gruss einzuhandigen.

Im Hause vorn, das nur aus einem, aber hochgelegenen Stockwerk und vielen bewohnbaren Dachkammern bestand, kundigte sich in der Kuche schon die grosste Regsamkeit an.

Die eigentliche Fuhrerin des Haushalts war wohl die uber dem Salatbeete gebuckte Matrone. Aber hier in der Kuche stand, vom prasselnden Feuer beschienen, ein jungeres dienendes Wesen und gab, angeredet um den Herrn Pfarrer, aus der Ferne kaum verstandliche Antwort; Eierspeisen, um die es sich allein bei einem improvisirten Abendimbiss handeln konnte, gebieten Aufmerksamkeit auf Pfanne und Loffel; das wusste Lucinde wohl von ihren fruhern missgluckten Versuchen in diesem Fache.

Nun folgte sie der eigenen Fuhrung und verliess sich auf ihr Ohr, das durch die Thur zur Rechten auch schon Mannerstimmen horte. Lauschen konnte sie nicht, wenn sie auch wollte, denn im gleichen Augenblick offnete sich die Thur und Hedemann trat ihr entgegen, mit Schusseln in der Hand und mit Gedecken. Er half an den Zurustungen zum Nachtimbiss.

Wie staunte er, als ihm Lucinde alles ohne weiteres aus der Hand nahm und damit in die Kuche ging!

Hedemann blieb stehen, hielt die Thur auf und sagte, zugleich bestatigend, dass man eben von ihr gesprochen:

Da ist ja jetzt das Fraulein!

Bonaventura hatte Lucinden nach der Mittheilung der Frau von Gulpen zu Kocher am Fall schon in der Fruhe erwarten durfen.

Und wie ein Priester, der nach der Beichte einer noch so grossen Sunde dem Sunder begegnen kann als hatte er nicht ein Wort von ihm vernommen, schritt er jetzt hinaus, begrusste freundlich lachelnd Lucinden in der Kuche, beschwichtigte das Erstaunen der alten, aus dem Garten zuruckgekehrten Frau und fuhrte sie dann wie eine unverfangliche, ihm willkommene alte Bekanntschaft mit Wohlwollen an der Hand in das Wohnzimmer zuruck.

Ihre Hand zitterte in der ruhigen seinen.

Sie wollen zu meinem Onkel! begann er mit dem milden und weichen Tone, den Lucinde eben auf dem Friedhof gehort, dem Tone, den sie aus fruhern Zeiten kannte, ja aus Zeiten schon, wo sie ihn selbst noch gar nicht gesehen; denn so konnte Serlo sprechen, wenn er auf dem Sopha lag, unbehelligt von seiner Frau und wehmuthig auf die Vergangenheit und Zukunft blickend. Aber diese sanfte Stimme kam hier vom Leben, von der Gesundheit, von einer Zukunft, die eine sichere und verburgte war.

So wissen Sie ? erwiderte sie und schlug die Augen nieder, als ware sie sich der Glut derselben bewusst ...

Sie reichte die Bucher dar und erzahlte ihren Einfall in den Garten.

Dann gab sie Briefe ab, die sie von Priestern und Freunden Bonaventura's mitbrachte.

Dieser erbrach die Briefe, las sie und uberliess Lucinden den weitern Erkennungen und Ueberraschungen und Verstandigungen zwischen ihr und Benno.

Ob Bonaventura mit ganzer Theilnahme las? ... Ob er dies mit dem Gefuhl that: Da ist sie die Abgesandtin des Himmels oder der Holle?

Man rustete das Mahl. Benno plauderte uber Armgart, uber das Erstaunen derselben, dass sie Lucinden blos aus den Schilderungen ihrer Freundin Paula erkannt und dann von Angelika Muller, der Lehrerin, die Richtigkeit ihrer Vermuthungen bestatigt erhalten hatte, uber diese Lehrerin, die wenig mehr uber Lucinden gewusst zu haben schien, als dass sie einst auf einer Reise sie begleitet hatte wusste sie mehr, so passte es schwerlich fur die jungen Madchen uber den Doctor Laurenz Puttmeyer, uber Hegel's Lehrstuhl, uber die metaphysische Drechselbank ...

Bonaventura behielt Zeit, beim Lesen auch sich zu sammeln und vielleicht jenes Bildes in seinem Gedachtniss zu gedenken ...

Er war seit acht Wochen Priester und sass zum ersten mal im Beichtstuhl ...

Es war ein uralter, von Eichenholz kunstvoll gearbeiteter. Ein alter Holzschnitzer hatte die Zierathen dieses Stuhles aus der Geschichte des Sundenfalls entnommen. Der Stuhl druckte die Versuchung aus und die Erlosung. Adam und Eva standen links und rechts an den beiden Eingangen; der Priester sass wie im Baume der Erkenntniss; ringsum ihn windet sich die Schlange. Ueber ihm erhebt sich die Erlosung, der siegende Christus mit dem Kreuz und jene Maria, von der Friedrich von Spee, der Sanger der "Trutz-Nachtigall", erzahlt hat, dass sie einst zu ihrem Sohne gesagt haben soll: "Musst du so leiden, so bitte den Vater, dass er mich fruher hingehen lasst"; aber der Heiland erwiderte: "Zwei haben im Paradiese gesundigt, Adam und Eva! Zwei mussen auch die Marter leiden, ich und du!" ...

Und in diesem Beichtstuhl war es gewesen, dass beim ersten Beichthoren die erste Stimme, die zu Bonaventura gesprochen, ohne dass er die Beichtende sah, nach dem ersten Anmelden ihn anredete: Ehrwurdiger Priester! Ist es wahr, dass alles in Erfullung geht, was wir, wahrend ein Priester geweiht wird, von Gott erbitten? ... Bonaventura, ohne der Stimme zu achten, die er horte, versenkt in die ihm so heilige Bedeutung des Amtes, Mitwisser fremder Fehle und Mittrager fremder Schuld, Mittrager fremder Reue und Busse zu sein, hatte erwidert: So Sie um ein ewiges Gut gebeten haben, gewiss; doch wurde es Ihnen Gott auch erfullen in jeder andern Lage, wo Sie in Andacht zu ihm beten! Darauf hatte die Stimme erwidert: Ich bat um ein Unmogliches, die Wiedererweckung eines Todten, oder darf man annehmen, dass der Geist sich auch auf Erden schon unsterblich erneuert und in wechselnden aussern Gestalten doch derselbe bleibt, dieselben Wunder wirkt, dieselbe Liebe entzundet? ... Bonaventura hatte erwidert: Der Geist, der heilig ist, ist ausgesandt in alle Welt und ist nur einer! ... Wodurch heiligen wir eine Liebe? hatte die Stimme noch scheuer gefragt; aber deutlicher kannte er die Sprecherin schon, als er das Wort gesprochen: Durch Entsagung! ... Er hatte diese Stimme schon oft gehort, wenn er die ihm so dringend empfohlene Grafin Paula besuchte. Er hatte ihr Interesse beobachtet, ihr Ergluhen, wenn er nahte, ihre Eifersucht auf Paula. Er hatte sich in den Beichtstuhl gesetzt, ausgerustet auf die schwierigsten Falle, die die Moraltheologie fur das wichtigste und schwerste Amt des Priesters vorhergesehen, ausgerustet auf alle Vorkommnisse der Herzenserleichterung, auf Ausreden und Ausweichungen aller Art, auch auf jene Zudringlichkeit der Mittheilung, die eine der lastigsten Erfahrungen gesuchter Seelsorger ist, auf die Plaudersucht, auf die Geheimnisskramerei, auf ein sich mit der Wollust des Schmerzes selbst Preisgeben und die sich selbst geiselnde Vertraulichkeitssucht, ja a u f d i e E i t e l k e i t a u f d i e S u n d e er kannte alles, was sich schaudervoll Menschliches im Beichtstuhl zu enthullen pflegt; aber dass ein zitternder, ihm bekannter und mit fuhlbarem Athem sprechender weiblicher Mund so jetzt ihm in unverkennbarer Andeutung von einer ihn doch nur selbst betreffenden Liebe und mit einem fast herausfordernden Spott wieder, der ihn erbeben machte, davon in dieser Lage reden konnte, das war sogleich die starkste Prufung gewesen, die ihn traf ... Lehren Sie mich entsagen! war die Aufforderung Lucindens gewesen. Er hatte sie ermahnt zum innern Gebet. Kennen Sie das innere Gebet? ... Nein! hatte die ermattende Antwort gelautet ... Es ist die Sammlung aller Ihrer Gedanken auf Einen Punkt, die Ausmalung Ihrer Betrachtungen, als waren Sie bei dem, was Sie lesen, gegenwartig! Wahlen Sie dazu das Gebet des Herrn im Garten von Gethsemane und nehmen Sie Veranlassung zur steten Wiederkehr Ihrer Betrachtungen bei dieser Stelle selbst bis zur Vergleichung der Darstellung, wie sie sich bei den verschiedenen vier Evangelisten findet! Setzen Sie diese innern Betrachtungen uber diese eine Stelle der Leidensgeschichte so lange fort, bis eine kleine Altarkerze niedergebrannt ist, die Sie an der Kirchenthur draussen kaufen mogen! ... Dann sprach er sein Absolvo und die Gestalt, die er nicht gesehen, war verschwunden. Zur Mehrung aber seiner harten Prufungen, und doch ihn unendlich begluckend, kniete auf der andern Seite dann als zweite seiner ersten Beichteroberungen Paula Camphausen ... Sie hatte einen ihrer freien Tage nutzend, sein erstes Beichtkind sein wollen! ... Lucinde war ihr zuvorgekommen ... Paula klagte sich des Stolzes an auf die Bilder, die ihr zuweilen im Traum erschienen. Ich habe verboten, liebe Comtesse, erwiderte er, dass man Ihnen wiedererzahlt, was Sie infolge einer krankhaften Verstimmung Ihrer Nerven im Schlafe sprechen! ... Es geschieht doch! erwiderte sie, und ich hor' es zu gern und es angstigt mich! ... Auch hier verliessen Bonaventura gleich im Beginn dieser Wirksamkeit alle Vorganger in der Kunst der Ertheilung geistlicher Rathschlage ... und seltsam genug nimmt sich die Kirche auch aus in den Lucken, die ihre reiche Vergangenheit fur die reichere Gegenwart offen lassen muss! Was soll sie sagen, wenn nicht die grossen Manner der alten Kirchengeschichte, ein Gregor, ein Bernhard von Clairvaux in Dingen, die diese begreifen konnten, zu ihr sprechen, sondern solche neueste Erlasse der papstlichen Curie, bei denen man immer furchten muss, Galileo Galilei und die Bibel fallen sich wiederum an und ringen im Kampfe! Der Magnetismus als Heilmittel war damals vor der heiligen Ponitentiarie noch Streitfrage; jetzt hat ihn ein Erlass derselben verworfen. Bonaventura half sich damals in seiner Erwiderung an Paula mit der Erinnerung an das Hochgefuhl der Martyrer und sagte, wie einst der arme verbitterte Schauspieler Serlo gesagt hatte, dass man Freude empfinden durfe an sich selbst, setzte aber hinzu, nur musse man uber jedes Verdienst die Ehre Gott geben. Um die ihm unendlich werthe junge Freundin von der gefahrlichen Sehergabe, deren Ruf schon die ganze Stadt erfullte, ja die ihn selbst zum Spott der Neider und Feinde, die er schon hatte, sogar mit dem Bischofshut geschmuckt hatte, zu heilen, rieth er ihr an, kein einziges geistliches Werk mehr zu lesen, auch kein einziges Werk der nur den religiosen Sinn exaltirenden barmherzigen Liebe zu uben, sondern weltliche Schriften und weltliche Beschaftigungen So hatte er in wahrhafter Versuchung und wie zwischen "Himmel und Holle" damals in der Mitte das wichtigste Werk seines Berufs begonnen, sich selbst darauf eine schwere innere geistliche Strafe fur etwa dabei obwaltende eigene Schuld auferlegt ... und in diesem Augenblick fuhr diese Erinnerung und die an das ganze Jahr uberhaupt, das er noch in jener Stadt verleben musste, wie mit einem einziges schrillen Septimenaccord durch seine Seele.

Und zwischen alledem klapperten im Nebenzimmer Teller, kam die alte Renate, die Wirthschafterin, und liess ihre Gebacke duften sie hatte fur beiderlei Geschmack gesorgt: Eierkuchen mit und ohne Schnittlauch wurden die Stuhle herangeruckt und die Platze vertheilt und auch schon der Kork einer Weinflasche wurde von Hedemann gezogen ... Das Leben fasst oft das Unscheinbarste in Gold und Silber und wie oft die wahren Glanzgeschmeide unsers Innern in Kupfer und Blei!

Beim ersten Zuspruch zum bescheidenen Mahle ergab sich, dass Lucinde einen Wagen finden wurde, der sie morgen fruh nach Kocher am Fall bringen sollte.

Benno und Hedemann erklarten sie begleiten zu wollen.

Benno hatte sich nur bei dem Stabe des Truppentheils, zu dem er gehorte, einige Tage zu stellen; lange Uebungen fanden in diesem Jahre der Theuerung und einer in der ganzen Provinz herrschenden Aufregung wegen nicht statt. Er erklarte sich davon um so befriedigter, als er bei einem der ersten Advocaten der Gegend, in der Residenz des Kirchenfursten der Provinz, arbeitete und seine juristische Laufbahn mit Eifer zu verfolgen schien.

Bonaventura kam auf die ihm von Lucinden mitgebrachten Schreiben zuruck und auf deren Verfasser. Entweder nahmen sie seine Aufmerksamkeit wirklich in Anspruch oder sie gaben ihm nur willkommene Gelegenheit, sich uber die Wiederbegegnung mit Lucinden zu sammeln. Lucinde hatte, noch ehe sie sich zu Tisch gesetzt, schon mit Renaten einen Strauss angebunden uber einen Spiegel, von dem sie einige Fliegenflecke mit dem Taschentuch abwischte. Frau Renate bemerkte diese Einmischung in ihre eigene Lebensaufgabe ohne besonderes Wohlgefallen ... Morgen ware Putztag und das Fraulein brauchte sich nicht zu incommodiren, sagte sie spitz ... Lucinde replicirte, sie mochte sich beruhigen, ein Spiegel konne ja in einer Pastorei nur ein wenig beachteter Gegenstand sein ... Worauf wiederum Renate: Ei sie mochte doch nicht glauben, dass sie die einzige Dame ware, die hier schon vorgesprochen! ...

Benno, dessen scharfes Auge das Interesse Lucindens fur seinen Cousin bald ubersah, flusterte Renaten das schwerlich von der Matrone verstandene Wort Mephisto's zu: "Du ahnungsvoller Engel du!"

Man hatte auf den Tisch noch eine kleine Studirlampe gesetzt. Ihr Deckel warf einen dunkeln Schattenring uber die Mienen der dem bescheidenen Mahle Zusprechenden.

Renate sass nicht darunter, wohl aber Hedemann. Dieser war, wie der Knecht beim Bauer, wie der Edelknappe beim Ritter, Diener und Freund zugleich, ganz im Charakter jenes Landes, das nach Benno's Erzahlung im Hohenrauch seinen ewig blauen ionischen Himmel findet. Hedemann durfte ebenso das Wort fuhren, wie er auch das Brot vorschnitt. Von den Italienern, die durch den Ort durchgefahren waren, sagte er:

Sie sind aus Frankfurt eigens mit ihren Waaren verschrieben worden!

Hedemann! rief Benno. Mit ihren Waaren! Gegenstande heiliger Verehrung Waaren! Man sieht, wie lange Sie sich im ketzerischen Amerika umgetrieben haben! Hoffentlich kehren Sie an Porzia's Hand zur Rechtglaubigkeit zuruck! Bona, hast du nicht noch eine alte italienische Grammatik ubrig? Ich glaube, Hedemann verlegt sich auf Lingua Toscana in Bocca Romana. Porzia Biancchi scheint es ihm angethan zu haben!

Lucinde schurte den Scherz und erbot sich, da Hedemann in Kocher am Fall wohnte, wenn er wollte, zum formlichen Unterricht.

Hedemann erwiderte seufzend:

Ein Schuler von funfundvierzig Jahren!

Wer mit funfundvierzig Jahren noch lieben kann, ist zu allen Dingen gelehrig! erwiderte Lucinde, die ein sittsames Verschleiern und nur leises Beruhren zarter Gegenstande nicht in ihrer Art hatte.

Hedemann verweilte in der That mit Antheil bei den Lebensverhaltnissen dieser Italiener, bei ihrer leichten Art, das Leben aufzufassen, ihrer Kunst, wo und wie nur irgendmoglich, dem Leben Gewinn zu entlehnen, und wieder kam er bei der Thatsache an, dass sie eigens waren aufgefordert worden, gerade jetzt ins Land zu wandern und uberall die Erzeugnisse ihrer Industrie zu den wohlfeilsten Preisen anzubieten.

Nun ja, sagte Bonaventura, gerade jetzt, wo man wieder beweisen muss, dass es in unserer Kirche eine unsterbliche Ehre ist, die Martyrerkrone gewonnen zu haben!

Durch eine Ideenverbindung, die nicht ausgesprochen zu werden brauchte, weil jeder sie fur sich selbst erganzte, kam man auf Vorkommnisse des kirchlichen Lebens uberhaupt. Hedemann fragte, ob nicht Bonaventura der morgenden, zu Kocher am Fall stattfindenden Besprechung einer grossen Anzahl von Geistlichen beiwohnen wurde?

Bonaventura erwiderte zogernd mit der einfachen Frage:

Bei Beda Hunnius?

Sein Vetter verstand, was er sagen wollte, und unterbrach die Angabe der Grunde, warum sich der Pfarrer solchen Verschworungen gegen die Regierung entzoge, mit den parodirten Worten des Tell:

Doch, was ihr thut, lasst ihn aus eurem Rath!

Er kann nicht lange prufen oder wahlen;

Bedurft ihr seiner zur bestimmten That,

Dann ruft den Tell, es soll an ihm nicht fehlen!

Diese Worte erheiterten die etwas gedruckte Stimmung.

Auch Bonaventura sagte mit einem Lacheln, das seinen Zugen einen unwiderstehlichen Ausdruck vertrauenerweckender Gute gab:

Hatt' ich gedacht, dass ich heute noch bei Erwahnung der Schweiz lachen wurde! Den ganzen Tag uber war ich in die Erinnerungen verloren, die sich an unsern alten braven Mevissen knupfen!

Das bereits gleich nach erster Begrussung von Benno und Hedemann beruhrte Thema wurde aufs neue aufgenommen. Man sah, dass es sich um den Tod eines Mannes handelte, der einer ganzen, weitverzweigten Familie werth gewesen war. Da er aber auch an den Tod Friedrich's von Asselyn, des Vaters Bonaventura's, Gemahls der jetzigen Frau von WittekindNeuhof, erinnerte, so konnte sich niemand gedrungen fuhlen, bei dem Gegenstande allzu lange zu verweilen. Nur Lucinde ... diese hatte schon seit lange das System, keine Wunde zu schonen, keinen Schmerz zu umgehen, alles gerade so zu nehmen, wie es ist. So sprach sie auch hier, ohne die geringste Besorgniss, ihre Umgebungen zu verwunden oder aufzuregen.

Ich hore ja auch, dass dieser Mann in einem Sarge begraben ist, den er sich selbst gezimmert hat?

Ja, sagte Bonaventura, er fing diese Arbeit an nach einer Predigt, die ich am letzten Allerseelentage hielt! "Wir leben den Tod!" diesen Spruch eines Weisen behandelte ich und ich mag es wol in zu lebhaften Bildern gethan haben! Unser ganzes Dasein verwandelte meine leider oft noch gar schulmassige Rhetorik in ein grosses Leichentuch. Die Sterne waren die silbernen Verzierungen desselben, der Mond die Krone auf dem Grabe, ja alle Blumen, selbst die Rosen und Lilien, verwandelten sich in Palmenzweige und Todtenkranze. Von da an traf ich ihn in seinem Hofchen beim Hobeln von Bretern und wie ich ihn einmal uber den Zaun fragte, was es geben sollte, war's erst ein Bett; am Tage darauf sah ich, dass es ein Sarg wurde. Nun musste man ihn in seiner Grille gehen lassen. Das Alter lasst sich nicht viel mehr von seinen Vorsatzen ausreden, am wenigsten den Ausdruck seines Kummers.

Unwillkurlich musste Lucinde bei diesen Worten ihres Pavillons in Schloss Neuhof gedenken und der alten Stammers, bei denen sie gewohnt hatte.

Auch Hedemann nickte Beifall ...

Benno wandte sich, nach dessen Aeltern zu fragen ... den Aeltern eines Funfundvierzigjahrigen ...

Um die aus ihr unbekannten Ursachen nach wenig ausweichenden Worten entstehende druckende Stimmung freier zu machen, erwahnte Lucinde das im Weissen Ross vernommene Gerucht von Schatzen, die wol gar der alte Mevissen konnte mit sich genommen haben.

Dafur erntete sie aber eine strafende Erwiderung der gerade im Abraumen begriffenen Renate.

Ei was, sagte diese, wer spricht denn solche Lasterungen nach! Schatze mit ins Grab nehmen! Wer nur das gottlose Gerucht aufgebracht hat! Sein ganzer Schatz ist sein gutes Herz gewesen! Mit dem ruht er in Gottes Schoos und Schutz ... und wenn man in den Wirthshausern anders spricht, sollt' es wenigstens hier bei einem geweihten Priester nicht wiederholt werden und uber einen solchen Schimpf so still bleiben wie druben im Grabe!

Mit der peinlichen Stille, die auf diese entrusteten Worte Renatens, die gleichfalls eine alte Dienerin des Hauses Asselyn gewesen war wie der Verstorbene, folgte und von Bonaventura eben unterbrochen werden sollte, um der so abgetrumpften Lucinde eine Genugthuung wenigstens des Anstandes zu geben, stand in fast gespenstischem Widerspruch ein Klopfen, das plotzlich vernommen wurde.

Frau Renate, die am ehesten gegen die Voraussetzung einer unheimlichen Thatsache hatte gerustet sein sollen, liess vor Schreck fast einen ihrer Teller fallen.

Hedemann und Benno waren schon aufgestanden.

Sie gingen ans Fenster, wo sich das Pochen erneuert hatte.

4.

Der am Fenster Pochende war aus dem Stern der Gensdarm gewesen.

Der Wachtmeister! hiess es schon beruhigter. Der

ganze kleine Kreis kannte ihn.

Was bringen Sie uns, Herr Grutzmacher? fragte

Bonaventura, wahrend man schon die Hausthur offnete.

Der eintretende Gensdarmenwachtmeister Grutz

macher bildete in seiner wohlgenahrten breitschulterigen Gestalt, seinem blondgrauen Knebelbart, glanzend gebrauntem Antlitz, seinem klirrenden Sarras und seinem Helm zu dem stillen Abendimbiss eines katholischen Priesters einen schroffen Gegensatz.

Dass Herr Grutzmacher sich auf einem Standpunkte

wusste, der selbst bei gering nachhaltender Kraft seiner Katechismuserinnerungen, bei etwas grundlich vergessener Geometrie aus seiner, als er noch bei der Artillerie stand, weiland besuchten Compagnieschule, bei einem dunkeln Gefuhl verklungener Sagen uber die Lehre von den Bruchen benannter und unbenannter Zahlen, dennoch unendlich erhaben war uber die Sphare, in welche er Schlag neun Uhr Abends in irgendeiner wichtigen Function hier eintrat, lag auf der Hand.

War doch allen denen, die z.B. auch zu Kocher am Fall auf dem Amthause wie einst die ghibellinischen Landsknechte in Italien unter den conspirirenden Welfen sassen, ein gewisser Zug des Antlitzes gemeinsam, den man den einer stereotyp gewordenen Ironie nennen darf.

Dieser Zug, der dem Gefuhl der Toleranz gegen ein absolut sich Ueberlebthabendes entsprach, milderte sich hier und dort schattirte sich, ja mischte sich z.B. bei dem Chef des Herrn Grutzmacher, bei dem Gensdarmeriemajor Schulzendorf, der die Tafel des Dechanten zu St.-Zeno mit einer ausserordentlich feinen Zunge zu wurdigen verstand, sogar mit einer Ergebenheit, die bis zu einer offenbaren Unterwurfigkeit gegen Romisches ging ... Denn wiederum ist es eine ganz eigenthumlich bestatigte Thatsache, dass jener aufgeklarte blonde, urewig beamtische Menschenschlag zwischen Elbe und Oder auf fremdem Boden seine Kraft nicht immer mit besonderm Geschick zu behaupten versteht. Im Gluck leicht ubermuthig, in Schwierigkeiten vor Uebermass entweder des Muthes oder der Einsicht nicht selten unentschlossen bis zum Zaghaften oder klug bis zum Ueberklugen, lasst sich diese angeborene, alles wissende und alles konnende Art oft von dem Fremdartigen imponiren, ja hat bei aller Hitze des Anlaufs und aller Sicherheit des steten Gutsagens fur sich selbst oft schon in altern und neuern Geschichten vollstandig den Kopf verloren. Aber Grutzmacher gehorte nicht zu diesem uberlauferischen Geschlecht. Ihm war es nicht so ergangen wie hier manchem schon der aus dem Lande des absolut Blonden kam, in grosserm oder kleinerm Umfange diese Lander, die mit Rom noch etwas enger verwachsen sind als durch die Gipsfiguren Napoleone Biancchi's, regieren sollte und die Festigkeit des Willens allmahlich verlor, indem er seine rauhe Art an dem schonsten aller Strome, an den sanftesten Thalern, frohlichsten Menschen, an Burgen und Nebengelanden, und vor allem an dem "Chrisam", zu dem alle Menschen geschworen haben, selbst die Turken und Heiden, der Blume des kostlichsten Weines, abmilderte. Aus vielen Grunden sollte ja gerade jetzt dem unverbesserlichen Geiste dieser Provinzen nicht geschmeichelt werden, sollte keine Widersetzlichkeit gegen die Anordnungen der Behorden ungerugt bleiben. Der Wachtmeister von Kocher am Fall, ohnehin ein geborener Juterbogker, aus dem Lande, wo Tezel einst seinen Ablasshandel so empfindlich abgebrochen bekam, hielt unter allen romischen Verfuhrungen einen festen protestantischen Widerstand, obgleich er nur auskommen musste mit monatlich 20 Thalern Lohnung, etwas Montirungsgeld und einem jahrlich durch 80 Thaler "gutgethanen", d.h. selbst zu stellenden Pferde.

Sich umsehend und die fur einen ehelos lebenden Geistlichen immerhin anmuthig gemischte Gesellschaft mit juterbogker Anti-Ablassironie wurdigend, sagte er, es fiele ihm doch sehr auf, dass im Wirthshause die Leute beisammen sassen und von dem Begrabniss des alten Mevissen in einer Weise munkelten ...

Ob er denn hier laut sprechen durfte? unterbrach er sich selbst.

Herr Wachtmeister! sagte der Geistliche, Sie brauchen hier auf niemand Rucksicht zu nehmen!

Herr Grutzmacher wiederholte nun die Vermuthung, die bereits am Fusse der Maximinuskapelle Lucinde ausgesprochen. Dieselbe Vermuthung war entweder durch den Knecht aus dem Weissen Ross hierher verpflanzt worden oder war aus den Kopfen der Bewohner von St.-Wolfgang selbst entstanden.

Ist es mit dem Sarge, schloss Grutzmacher, nicht richtig, Herr Pfarrer, na, so erleben wir die Nacht Unrath!

Wie so? Was erleben wir? fragte Bonaventura.

Na! Na! lautete des Wachtmeisters vieldeutige Antwort.

Sie glauben, dass der Sarg erbrochen wird? hiess es allgemein.

Na naturlich! war die Antwort juterbogker Logik.

Und es wurde doch schade "sind", fuhr Grutzmacher, sich den Knebelbart streichelnd, fort, wenn man "det olle Manniken" da unten in der ewigen Ruhe storen wollte!

Gewiss! sagte Bonaventura ernst, bestritt aber sowol die Annahme, dass der alte Diener seines Vaters mehr besessen hatte, als was ihm von den Seinigen zufloss, wie die Moglichkeit einer Entweihung des Friedhofes von irgendwem in seiner Gemeinde.

Horen Sie mal, Herr Pfarrer, bestritt Grutzmacher mit grosserer Entschiedenheit, det alte Manniken soll oft was aus Italien 'rausgekriegt haben! Der Wirth vom Stern als Posthalter thut auch so und druckst als wenn er manchmal gar von Papstens bitte um Entschuldigung, Herr Pfarrer eine Anweisung auf hundert Zecchinen, heisst es ja wol in Rinaldo Rinaldini, herausgekriegt hat ...

Und was wunschen Sie denn nun, Herr Wachtmeister! fragte der Pfarrer, wider Willen lachelnd.

Eine formliche Raubergeschichte! flusterte Lucinde und Benno fiel ironisch ein:

Was kann er wunschen als Kant's "Kritik der reinen Vernunft"!

Der Wachtmeister betrachtete beide Sprecher von oben bis unten.

Lucinde, die jetzt in dem Wachtmeister fast einen alten Bekannten von Schloss Neuhof zu erkennen glaubte, beugte sich ins Dunkel nieder.

Aber Benno betrachtend, musterte der Wachtmeister das militarische Kleid desselben und sagte nicht ohne Scharfe:

Herr Musketier! Wie meinen Sie das?

Herr Wachtmeister! erwiderte Benno einlenkend und sich besinnend, dass er, wenn er zehnmal auch den Justinian studirt haben mochte, hier als Gemeiner einem Manne gegenubersass, der ein silbernes Porteepee trug.

Er griff wie zum Salutiren an die Stirn ...

Ich meine, sagte er, Sie wunschen sowol den klaren Beweis, dass die Leute sich geirrt haben, wie die Vorbeugung eines polizeilichen Frevels! Sie beantragen ganz einfach die Ausgrabung der Leiche!

Nimmermehr! rief Bonaventura mit gerotheter Wange. Der Greis ist in allen Formen der Kirche und mit Ehren in die Grube gefahren! Er hatte den Sarg sich selbst gezimmert, hat darin aus einer Grille, die in seiner Frommigkeit ihren Grund hatte, geschlafen ... Als er verblichen war, nahmen freundliche Hande Da! Ich brauche nur auf Frau Renate zu verweisen! ihn von seinem gewohnten Lager, ordneten die rohe Polsterung ... alle senkten wir ihn in die Grube mit dem Segen und den Weihen der Kirche ... wie kann ich jetzt um eines thorichten Wirthshausgeredes willen einen heiligen Vorgang gleichsam wieder ruckgangig machen wollen!

Na! Na! Na! Na! beschwichtigte Grutzmacher gutmuthig den Eifer des Geistlichen und die allzu dustere Auffassung.

Warten Sie es doch ab! vermittelte Hedemann.

Abwarten, Hedemann? Die Polizei soll vorbeugen! sagte Grutzmacher zu Hedemann fast vertraulich.

Dann aber, um den Pfarrer nicht zu erzurnen und sich selbst beherrschend, fuhr er fort:

Herr Pfarrer, uberlegen Sie sich, was da am Ende das Beste sein wird! Entweder Sie buddeln den "ollen Jungen" selber heraus oder es thun's hernach andere ... Und geschieht dieses, na dann, dann sehen Sie, krieg' ich wieder 'ne Nase so lang, wie neulich von wegen Mittwoch nach Jubilate!

Sie sind ein vortrefflicher Staatsdiener, Herr Wachtmeister! sagte Benno.

Ja, Herr Musketier, erwiderte der Wachtmeister, der Ironie nicht achtend, sagen Sie lieber, ich habe blos Nachsicht mit dem Herrn Pfarrer, weil er fruher selber doppeltes Tuch getragen hat als Lieutenant!

Fahnrich! Fahnrich! verbesserte Bonaventura. Weiter bracht' ich es nicht, Wachtmeister! Jetzt bin ich noch immer Fahnrich! Ich trage die Fahne meiner Kirche!

Den scherzhaften Ton der Erwiderungen festhaltend, trat Grutzmacher dem Pfarrer naher, klopfte ihm auf die Schulter und sagte wie in intimster Vertraulichkeit;

Lassen Sie ihn ausbuddeln! Was?

Nein, lieber Wachtmeister!

Ich bekomme eine Nase wie wegen Jubilate

Ich theile sie dann ...

Sie haben gut theilen! Ihnen gibt der Heilige Vater in Rom Zulage! Je mehr Sie von uns Nasen kriegen, desto schoner stehen Sie auf dem seiner Conduitenliste! Aber unsereins! Funf lebendige Kinder! Eine krankliche Frau! Zwei hintereinander gefallene Pferde! Das bringt einen Gensdarmen Matthaus am letzten! ... Buddeln Sie ihn aus!

Wachtmeister! Sie hatten ruhig den Vorfall von Mittwoch nach Jubilate melden sollen! sagte Bonaventura.

Ne, Herr Pfarrer! Warum ewig die Stankereien machen!

Man hatte dann oben gesehen, wie die Leute es aufnehmen, wenn wir Feiertage bekommen, die gar nicht in unserm Kalender stehen!

Also danken Sie mir's nicht einmal? Machen Rebellion und ich zeige Sie nicht an, Herr von Asselyn? Sie wissen, wie gut wir in Kocher standen, als Sie bei uns Kaplan waren! Neulich sagte noch Frau Ley lieber Gott, das arme Twall1 wird nicht mehr lange machen! als die Rede davon war, dass sie schon ein Dutzend mal gethan hat als wenn sie sterben wollte: Ich wache auch nur darum immer wieder "uf", weil mir 's ist als musst' ich die letzte Zehrung (so heisst's ja wol?) vom Herrn von Asselyn, d.h. junior ... bekommen! Senior dem wunsch' ich's nicht, dass Mutter Ley sich in der Nacht empfiehlt oder gar Morgens, wo die Federn am warmsten sind!

Ihre freundliche Gesinnung thut mir und uns allen sehr wohl, lieber Herr Wachtmeister! sagte der Pfarrer und gab Grutzmachern die Hand. Aber melden Sie nur ruhig meine Fehler! Es ist trostlos genug, dass alle Schwachen, alle Gebrechen, die, da wir alle Menschen sind, bei den Geistlichen von sieben Millionen Katholiken nicht ausbleiben konnen, an den Centralsitz eines andersglaubigen Regiments gemeldet und dort in den Archiven aufbewahrt werden zum Amusement Ihrer Consistorialrathe! Konnen wir etwas dafur, dass die Leute jeden Mittwoch nach Jubilate an den Kirchthuren stehen und larmen und sich weigern dem Rufe der Glocken zu folgen, und Drohungen ausstossen, die ich diesmal erst beschwichtigte, als ich im Ornat unter sie trat und ihnen sagte: Ein Hochamt ist zu jeder Zeit dem Herrn genehm und wir werden unsere Knie dann gewiss beugen, wenn wir Gott um eine gute Ernte und um die Abwendung von Unwetter und Hagel bitten wollen!

Da kam aber, fuhr Grutzmacher fort, mein Kamerad Muller von Stockhofen druben und horte, wie geschrieen und gelarmt wurde und wie sie riefen, dass die richtige Hagelschadenmesse erst in ein paar Wochen stattfande und wie sie sich von Ketzern keine Feiertage vorschreiben liessen! Ich ritt gerade auf Inspection durch, bekomm's von Mullern bruhwarm, soll's "plang carriere" Landrathn anzeigen und hab' das nun nicht gethan! Wie gesagt, die Nase war s o lang! Und deshalb ... buddeln Sie den Alten heute lieber noch als morgen 'raus! Thun Sie mir's zu Liebe!

Bonaventura bot Grutzmachern wiederholt die Hand, dann auch ein Glas Wein, blieb aber bei seiner Weigerung.

Grutzmacher hatte schon lange Lucinden fixirt.

Und noch mehr, als diese mit einer fast herausfordernden Miene sagte:

Was ist denn aber das? Ein neuer Feiertag?

Benno erklarte:

Es ist merkwurdig mit unserm allergnadigsten Konig und Herrn! Es ist gewiss ein ganz vortrefflicher Monarch und man muss ihm nachsagen, dass er fur sein tragisches Schicksal von 1806 bis 1813 die gegenwartige Heilige Allianz-Ruhe verdient hat! Aber wenn er sie doch nur mit seinem herrlichen Kriegsheer, seinen schonen Bauten und seinem vortrefflichen Theater allein geniessen wollte! Metternich sorgt ja fur Schlummer in der ganzen Welt! Was muss denn nun ewig unsern Konig so der Geist Gottes drangen, wie ein byzantinischer Kaiser, den Theologen zu machen! Dass er in seinem ehrenwerthen Glauben die Gegensatze, die dreihundert Jahre alt sind, beim Lauten der Reformationsglocken 1817 versohnt zu haben meinte und auch einige versohnte, ist an sich ganz brav von ihm; nun aber glaubt er, wenn man nur schon gebunden die neue Agende auf die Altare legt, so ware sie auch deshalb ins Leben getreten und uberall eine Wahrheit geworden! Meinetwegen druben! Aber huben? Ausgleichungen auch mit uns? Sein Gemuth gefallt sich in dem Gedanken, neue Festtage zu erfinden, die in seinen sammtlichen Staaten mit derselben Gesinnung zu gleicher Zeit gefeiert werden, z.B. einen Buss- und Bettag! In seiner ganzen Monarchie soll zu einer einzigen gewissen Stunde, wie bei uns das Angelus gebetet wird bei Sonnenuntergang, so in allen seinen Staaten Kirche sein, sowol in den Garnisonskirchen, bei den Feld- und Divisionspredigern wie in unsern alten Domen und neuen Kapellen. Schmuggeln sie uns durch einfachen Gubernialerlass einen Hagelschadenfeiertag in unser Kirchenjahr, nur damit der liebe sentimentale Herr in seinem Schlossgarten spazieren gehen und sagen kann: Heute zieht die ganze Natur und alle Menschheit in meinen Landen ihren alten Winterrock aus und legt sich ausserlich und innerlich neue Sommerbeinkleider an! ... Und nach zehn Jahren werden wir wieder weiter kommen, glaubt er, und nach wieder zehn Jahren noch weiter ... und wenn alles gut geht, geben die Consistorialrathe ein bischen heraus und der Papst gibt ein bischen heraus und die schonen Unionstage, die einst Leibniz in Charlottenburg getraumt hat, gehen in Erfullung!

Horen Sie mal, Herr Freiwilliger! Herr Freiwilliger! drohte Grutzmacher mit kunstlicher Entrustung, indem er von seinem Portefeuille aufblickte, wo er in Papieren blatterte und mit scharfem Blick wiederholt auf Lucinden, diese musternd, gesehen hatte. Das ist ja gerade als wenn man einen langhaarigen Demagogen reden horte von Anno Kopenick, Herr von Asselyn!

Das Gemuth regiert die Welt nicht! warf Lucinde ein.

Drei Monarchen stiften eine Heilige Allianz! fuhr Benno fort. Schon ihre Minister standen damals hinter ihnen und putzten sich nur die Nase, wahrend jene Thranen vergossen!

Grutzmacher opponirte nicht langer. Er war die gutmuthigste Seele von der Welt und ohnehin zerstreut durch einige Notizen seines Portefeuilles.

Endlich erschreckte er Lucinden nicht wenig, als er sie anredete:

Na, Fraulein Schwarz! Jetzt haben Sie doch wol endlich Ruhe vor uns von wegen dem Pass, den ich Ihnen, ich glaube schon vor sieben Jahren, immer bei Witoborn vergebens abverlangte! Wissen Sie denn noch, auf Schloss Neuhof! Na, was macht denn Excellenz der Kronsyndikus? Und mein "oller" Landrath, der "schone Enckefuss"! Gerade vor der dustern Geschichte dazumal mit dem Deichgrafen bin ich hierher versetzt geworden! Meine Nachfolger sollen keine Seide dabei gesponnen haben, dass sie nichts merken wollten, wer den dicken Mann, den Theilungscommissarius, dazumal, freilich auf Nachbargebiet, todt geschlagen hat! Einer von meinen Collegen, der ritt so lange um den Dusternbrook und Schloss Neuhof herum, bis er sich einmal den Hals dabei gebrochen hatte wirklich den Hals ... das kommt so, wenn der Gensdarm immer blos geradeaus sieht, wahrend sein vernunftigerer Gaul links und rechts in die Busche will. Der andere war noch zu grun und fand sich erst ins Geschaft, als es mit der rechten Spur nach dem rechten Hirschfanger zu spat war. Jetzt ist ja wol der Freiherr von Wittekind auch ganz verdreht und dummelig geworden wie dazumal sein Herr Sohn, der ja so, bitte um Entschuldigung, Herr Pfarrer von Asselyn!

Grutzmacher besann sich erst jetzt auf die Verwandtschaft des Pfarrers mit dem Freiherrn von Wittekind-Neuhof. Er war ja dessen Stiefenkel.

Das Wiedersehen der jungen schonen Dame, fuhr der Wachtmeister mit ironischem Nachdruck fort, hatte ihm diese Erinnerungen zuruckgerufen. Er hoffe sie aber bald in Kocher am Fall zu sehen, wohin sie ja, wie er gehort, als Nichte der Frau von Gulpen reise und um ihren Pass woll' er sie diesmal gar nicht qualen! Er ware vollkommen uber sie "ins Klare" ...

Bonaventura, Benno und Hedemann richteten wahrend aller dieser Reden uberrascht ihre Augen fast zu gleicher Zeit auf Lucinden. Sich auf diese unerwartete Art im Zusammenhang mit Vorgangen genannt zu horen, die sie um vieler Grunde willen hier von sich fern zu halten wunschen musste, durfte sie nicht wenig erschrecken. Selbst Bonaventura erfuhr zum ersten mal diese Beziehungen und fragte erstaunt:

Schon vor sieben Jahren kannten Sie Schloss Neuhof und waren somit schon damals in der Nahe der Grafin Paula?

Sich sammelnd erwiderte sie:

Die Erinnerungen des Herrn Wachtmeisters treffen theilweise zu! Nur die Ehre, mich eine Nichte der Frau von Gulpen nennen zu durfen ...

Werden Sie doch wahrhaftig nicht ablehnen? unterbrach sie Benno mit Entschiedenheit. Ihre Tante sollte das horen!

Diese Worte wurden so fest, so bestimmt gesprochen, von Benno mit einem so ausdrucksvollen Blick begleitet, dass Lucinde verstummte und ihn nur fragend und gross ansah.

Grutzmacher schloss sein Portefeuille und nahm wieder die lachelnde Miene jener aufgeklarten Uberlegenheit an, die gewissermassen hier als landesublicher Regierungsausdruck gelten konnte und geradezu so viel sagte als: Wir dulden euch und die wunderlichen Schwachen eurer Kirche und thun dies, weil ihr ja eben nichts dafur konnt!

Da auch Hedemann, der erst den lebhaftesten Antheil verrathen hatte, jetzt an die dunkeln Fenster getreten war und an die Scheiben trommelte, stand Grutzmacher gewissermassen als Sieger uber allen.

Meine Meldung, sagte er denn auch vollkommen befriedigt, meine Meldung ist Ihnen zu rasch gekommen, Herr Pfarrer! Beschlafen Sie's noch! Morgen reden wir weiter davon! Ich wunsche ja selbst, dass die Leute Vernunft annehmen! Ich will noch 'mal ins Wirthshaus hinuber und sagen, was Sie uber den Sarg des alten Mannes denken! Vielleicht nehmen die Menschen auf Ihr Wort Raison an, Herr Pfarrer! Also, gute Nacht denn allerseits! ... Gute Nacht, Hedemann! warf er noch hintennach hinein wie zum Zeichen besonderer Vertraulichkeit mit einem ihm gewissermassen Gleichgestellten.

Renate leuchtete und fragte ihn wahrscheinlich draussen um Naheres uber "die Nichte der Frau von Gulpen".

Als sein Sabel- und Sporenschritt verklungen waren, horte man nur, dass Renate von aussen die Fensterladen anlegte. Hedemann schloss sie von innen.

Die druckende Schwule, die in dem kleinen Zimmer in der Luft wie geistig herrschte, veranlasste Benno zu dem Ausruf:

Ich stecke mir eine Cigarre an und wache die Nacht draussen auf dem Grabe!

Dass wir so thoricht waren! sagte Bonaventura. Dass wir durch unser Beispiel einen solchen Glauben bestarkten!

Dennoch traten sie alle hinaus in den Hof und dann in den Garten, von wo aus man zum Friedhof gelangen konnte.

Die Spatsommernacht war mild und geheimnissvoll. Ringsum war es still geworden; nur irgendein schlafgestortes Kind machte ein Nachbarhaus lebendig oder von den Bergen her achzte der Hemmschuh eines verspateten Fuhrwerks. Im Bienenhause schlief alles wie in den Gebuschen ringsum; nur die kleine Welt der auf Raub gehenden Insekten huschte vor den Fusstritten der Vorubergehenden scheu am Boden hin.

Auf dem Friedhofe lagen die Graber mit ihren uberdachten weissen und schwarzen, von welk gewordenen Blumen geschmuckten Kreuzen und vergoldeten Glorienstrahlen schweigsam und feierlich. Seitab lag der im ersten Aufwurf begriffene neue Hugel, bewacht nur vom flimmernden Sternenheer, dem wir die Todten so nahe geruckt glauben.

Bonaventura, Benno, Hedemann, Lucinde fanden alles, wie sich erwarten liess, ungestort.

Die Eingangspforte war geschlossen.

Ihre Empfindungen mussten die verschiedenartigsten sein; nur darin einigten sich alle, dass diese stille Welt um sie her sicher fur immer mit dem Leben abgeschlossen hatte.

Unter diesen Schlafern sollte noch einer etwas vergessen oder mitgenommen haben, was zu den Sorgen und Muhen dieser Erde gehorte?

Bonaventura sagte:

Im ersten Augenblick der sich nahenden Todesgewalt mag die Verzweiflung, dass man noch mit dem Leben so tausendfach sich verwickelt weiss, mit ausserster Anstrengung gegen den kalten Engel ringen, der uns dem Dasein entreissen will; hat er aber einmal die gewaltige Rechte um uns geschlungen und fuhlen wir, dass wir keinen Widerstand mehr leisten konnen, so erscheint uns gewiss jeder Besitz und jedes Entbehren gering! Der alte Mevissen erwartete schon seit sechs Wochen mit Bestimmtheit seinen Heimgang!

Die feierliche Stimmung gab Lucinden Zeit, sich in Benno's Worte zu finden, dass sie eine Nichte der Frau von Gulpen ware. Sie war erfahren genug, bald einzusehen, dass damit nur ein Deckmantel gemeint sein konnte, unter dem sie unter dem Dache eines Geistlichen wohnen durfte. Sie hielt jetzt diese Angelegenheit keiner Frage mehr werth.

Hatten wir die Grafin Paula bei uns! sagte sie, als sie sich von dem Grabe entfernten und Bonaventura Benno's Vorhaben, die Nacht uber wirklich das Grab zu huten, entschieden ablehnte.

Warum? hiess es.

Dann sasse der alte Mevissen vielleicht leibhaftig auf dem Hugel dort und man konnte ihn fragen, ob er dem wirklich in seinem Stroh soviel Geld versteckt hatte!

Die ekstatischen Zustande der Grafin Paula waren allen bekannt genug und auch Bonaventura bestatigte die Fahigkeit derselben, uber Grabern Schatten zu sehen, die andere Augen nicht sahen.

Dabei uberraschte den Pfarrer keineswegs die Moglichkeit, dass Lucinde nach allem Vorangegangenen so kurzweg den verhangnissvollen Namen aussprechen und, wie wenn nichts mit ihm ware, ihn ins Gesprach ziehen konnte. Er wusste, wie weit Lucindens Verstellungskunst ging. Er war auch nach Empfang der uberraschenden Anzeige aus der Dechanei zu Kocher am Fall in der That von ihr wieder auf alles gerustet.

Wissen Sie nicht, wie es der Grafin geht? fragte er Lucinden, als man sich nach einigem Staunen uber eine so weit gehende Sehergabe der Grafin in der Annahme einer Tauschung und der Unmoglichkeit, uberhaupt Geister in sichtbarer Gestalt anzunehmen, bald geeinigt hatte.

Stehen denn Sie in keiner Verbindung mit ihr? fragte Lucinde erstaunt und mit schneidender Scharfe.

Wie sollte ich? erwiderte Bonaventura gelassen.

Seit zwei Jahren erfuhr ich nichts mehr von ihr! fuhr er fort. Sie wird auf Westerhof wohnen und sich vorbereiten, die Gattin des Grafen Hugo von SalemCamphausen zu werden!

Alle schwiegen wie zur Bestatigung.

Lucinde entgegnete:

Also eine Altarkerze im Dome der Heiligen, eine Rose von Jericho will dem Glauben ihrer Vater verloren gehen! Wie? Der kalte Luftzug des Verstandes, der Frost des Zweifels soll sie todten! Ich horte, dass man alles aufbietet, diese Verbindung mit einem Lutheraner unmoglich zu machen!

Bonaventura verharrte im Schweigen und blickte fragend auf Hedemann, der soeben von jener ostlichen gemeinsamen Heimat herubergekommen war.

Auch Benno verstand diesen Blick und antwortete statt des achselzuckenden Hedemann:

Aus dem bringt niemand etwas heraus! Die Muhle, die er sich in Witoborn gekauft hat, muss ihn taub gemacht haben fur alles, was uns sonst von dort hatte interessiren mussen! Er war nicht auf Schloss Neuhof, womit er jetzt vielleicht dem Fraulein gedient haben wurde, er war vielleicht nicht einmal in Westerhof, nicht im Kloster Himmelpfort, nicht im Stift Heiligenkreuz nirgends! So verschlossen ist er wie die Offenbarung Johannis, in die er sich, glaub' ich, in Amerika ganz verlesen hat!

Hedemann legte hie und da einen herabgefallenen welken Kranz auf eines der Kreuze, lachelte und sagte mit gelassener Ruhe:

Wie hatt' ich nicht Westerhof besuchen sollen nach den Erfahrungen und Auftragen des Obersten!

Je schlagender diese Antwort schien und je genugender sie die beiden Asselyns aufklarte, desto unsicherer und dunkler tastete Lucindens aufgeregte Combination. Wer war der Oberst? Welche Erfahrungen desselben hatten Hedemann, der nun wieder plotzlich ein Muller wurde, von dem Schlosse Westerhof entfernt halten konnen?

Sie kennen Schloss Neuhof, Fraulein, fragte Benno, und wissen von dem Interesse, das das ganze Land an den Vorgangen in der Camphausen'schen Familie nimmt?

Lucinde kannte auf Schloss Neuhof jeden Winkel im Schlosse, im Park jeden Baum, auf dem Plateau, das zum Dusternbrook fuhrte, die Stelle, wo Klingsohr einst zwei Blutenzweige in die Erde senkte, die freilich der nachste Sturm schon verweht hatte, sie war auch eines Tages zum Fronleichnamsfest in Witoborn gewesen und hatte dort eine Muhle gesehen, die die reissende Witobach mit einer Gewalt trieb, dass man allerdings an ihr taub werden konnte; aber von den Dingen, die um sie her lebten, hatte sie nichts als das durchschaut, was mit dem Cultus ihrer eigenen Person zusammenhing.

Was ich von den Verhaltnissen Paula's weiss, sagte sie, kenne ich nur aus den Tagen her, wo sie meiner Pflege anvertraut war. Die Zeit, wo ich auf Schloss Neuhof war und die Wissbegierde der Gensdarmen durch meinen Pass nicht befriedigen konnte, war kurz und gehort meiner fruhesten Kindheit an!

Ein Eingehen auf den Tod des Deichgrafen und die dunkle Gestalt des Kronsyndikus schien in diesem Kreise vermieden zu werden. Man verblieb bei den nachbarlichen Beziehungen.

Benno schilderte als nicht gering die Gefahr, die sich der engern Heimat aus dem Uebergange der reichen Besitzthumer der Linie Dorste-Camphausen in die Linie Salem-Camphausen ergeben wurde.

De Kirchenfurst unserer Provinz selbst, sagte er, nimmt den lebhaftesten Antheil an einer Entscheidung, fur welche sogar mein gewiegter Principal, der Procurator Dominicus Nuck, keine andere Hulfe hat als die des Aufschubs. Die Grafin ist neunzehn Jahre. Sie hat noch zwei Jahre Zeit, sich zu erklaren, ob sie vielleicht den geistlichen Stand wahlt oder mit Entsagung ihrer grossen Besitztumer irgendeine andere Wahl trifft. Auf alle Falle gehen mit dem Aussterben der mannlichen Erben die Guter dieser altern Linie an jene jungere uber, die in den Zeiten der Wiedertaufer den alten Glauben abschwur, dann nach Ungarn auswanderte und seither nicht wie die andere Linie, die ihrem Beispiele gefolgt gewesen war, wieder zur Kirche zuruckgekehrt ist.

Bonaventura, der alle diese Erinnerungen und Beziehungen seit einigen Jahren nicht mehr genahrt und gepflegt hatte, durfte Benno nach Paula's jetziger Leitung und Fuhrung fragen.

Dieser fuhr fort:

Der Kronsyndikus von Wittekind, den Sie nach seinem schlimmen Rufe kennen werden, Fraulein, hat die Vormundschaft vor zwei Jahren nur formell antreten konnen; sie war einmal vom Grafen Joseph, dem letzten der Dorste-Camphausen, so, ehrenhalber, fur seinen Schwager bestimmt und konnte, ohne diesen vor aller Welt zu compromittiren, nicht zuruckgenommen werden. Alt und schwach an Geist und Korper, hat er sie jedoch factisch seinem Sohne uberlassen mussen, dem Prasidenten deinem Stiefvater! Ein so loyaler Unterthan wie dieser bietet naturlich alles auf, sowol etwaige Ideen vom Kloster zu unterdrucken, wie den der ganzen Anzweiflung an dem Rechtsbestande dieser Familienanordnungen gewidmeten Scharfsinn meines Principals zu Schanden zu machen. Einstweilen wohnt Paula auf ihrem Sitze Westerhof und wird von dem Onkel und der Tante Armgart's so gehegt und gepflegt und geliebt, wie man bei uns zu lieben pflegt, Fraulein! Alles nur durch ein unendlich seelenvolles Schweigen und das gemuthvollst Bloserrathenlassen! Wenn die Leute bei uns achtzig Jahre alt geworden sind und bald in die Grube gesenkt werden, rufen sie sich noch erst vom Todtenbett aus die vergessene Liebeserklarung nach. Gelebt haben sie nach der Liebe, gesprochen davon nie. Nicht wahr, Hedemann? Als Sie noch fur meinen seligen Vater Borkenhagen bewirthschafteten, ich glaube nicht, dass er Ihnen je ein: Ich danke! gesagt hat.

Er hatte nicht Ursache dazu! erwiderte Hedemann. Unsere Abschlusse waren schlecht genug!

Ein kuhler Lufthauch fuhr durch die Baume, die den Friedhof begrenzten, und mahnte, dem Rufe des Wachters zu folgen, der die zehnte Stunde rief.

Bonaventura stellte der so in alte und neue Verhaltnisse mit der grossten Spannung einblickenden Lucinde zur morgenden zeitigen Abfahrt das bereits im "Stern" bestellte Gefahrt nochmals in Aussicht und bat sie den Onkel zu grussen; in einigen Tagen wurden Geschafte auch ihn vielleicht nach Kocher hinauffuhren.

Benno begleitete Lucinden bis zum Stern. Er versprach, sich mit Hedemann derselben Fahrgelegenheit zu bedienen und in der Fruhe sich bei ihr einzufinden.

Dann kehrte er ins Pfarrhaus zuruck, wo er ubernachtete.

Wahrend Lucinde auf ihrem Zimmer allein war und wieder die Pfauenfeder am Spiegel sah und die kleinen Heiligenbilder, die uber dem Bette hingen, in das sie, wie sie war, sich legte; wahrend sie fast ubermuthig die Wonne genoss, wieder in der Nahe von Menschen zu sein, auf welche der Stempel des Ungewohnlichen gedruckt war; wahrend in ihr die einzige Aufgabe, der zu Liebe sie noch uberhaupt leben mochte, mit tausend Stimmen rief: Bonaventura, sammle dich in deiner Kraft! Werde mehr als nur der Pflegling dieser alten Renate! Gedenke eines Zieles, das dir hoher hinaus liegen sollte als der Kirchthurm dieses armseligen Dorfes! Wie find' ich dich wieder! Im Beginn der Gramlichkeiten alle, an denen ihr armen Entsagenden allmahlich zu Grunde geht! Noch wallst du auf wie Petrus, der dem Malchus ein Ohr abhieb! Wie lange wird diese Tapferkeit dauern! Frau Renate wird dich vor jeder Abendluft schutzen! Ihre Madchen werden so viel braten und kochen und backen, bis du ihre kostlichen Speisen nicht mehr verdauen kannst! Welche Thorheit, hier nur unter den Bauern, Fuhrleuten, Steinklopfern ein Heiliger zu sein, hier nur vor einem Gensdarmen den Bonifacius und Ambrosius zu spielen! ... Und wahrend sie sich dann vorkam, als musste sie einem neuen Gregor dem Siebenten seine Grafin Mathilde von Toscana werden, seine Feuerseele, sein Cherubswachter mit dem flammenden Schwerte ... wahrenddem rief Benno, vom Stern zuruckkehrend, Hedemann und seinem Vetter, die zum Abschiednehmen vor dem Schlafengehen noch auf ihn gewartet hatten, die kurze Charakteristik entgegen:

Ja, das ist ja wahrhaftig der lebendige Satan! Die wird in der Dechanei und in Kocher am Fall eine schone Revolution anstiften!

Frau Renate schlief schon, sonst hatte sie fur das Wegputzen der Fliegenflecke und das Bedienenwollen in der Kuche sicher eine Revanche genommen, die kraftiglich mit eingestimmt hatte.

Und doch, sagte Bonaventura, indem er Hedemann ein Licht reichte, das beim aufgegangenen Mondschein kaum noch nothig war, um ihnen beiden in den obern Stock den Weg zum Fremdenstubchen zu leuchten; doch glaub' ich, dass sie fur den, den sie liebt, ins Feuer geht!

Kein Wunder! rief Benno. Ihr Element ist die Holle!

Armer Vetter! setzte er leiser hinzu. Welchen Versuchungen seid ihr Pfaffen doch ausgesetzt! Das seh' ich ja schon hier kommt ein alter Roman zu Tage!

Bonaventura gab nur zur Antwort:

Ich bin begierig, wie sie mit dem Onkel fertig wird!

Mit dem gewiss! erwiderte Benno. Ich glaube, dem gefallt sie! Aber Tante Gulpen! Die gewohnliche Probezeit besteht sie nicht vierundzwanzig Stunden!

Alle drei Manner mussten lachen ...

Man trennte sich in behaglicher Uebereinstimmung.

Benno und Hedemann sollten zusammenschlafen oben in dem Fremdenstubchen, dessen saubere Betten schon aufgedeckt waren ...

Wahrend sie hinaufstiegen, sagte Benno, aber so, dass Bonaventura, der ihr Verschwinden abwartete, es theilweise unten noch horen konnte:

Nun glaub' ich an die sieben Schwerter, die Armgart beim blossen Begegnen an der Kapelle oben sogleich aus ihr herausgehend gefuhlt haben wollte, ganz wie Paula gesagt haben soll, als die Arme auf dem Streckbett liegen und den furchterlichen vollen Feuerstrahl fuhlen musste, der von der Person uber sie ausging! Und das alles muss man nun ruhig hinnehmen, blos weil sie, hor' ich, eine Convertitin ist, ein goldenes Kreuz auf der Brust tragt und wahrscheinlich zu irgendeiner Erzschwesterschaft gehort! Wozu sich unsere Kirche nicht alles hergeben muss! Wenn sie nicht in der Lage ware, schlaffe Gemuthlichkeit, die alles geduldig hinnimmt und geschehen lasst, aufruhren zu mussen durch solche Weckhahne ... Hedemann, dass wir morgen fruh nur die Zeit nicht verschlafen!

Hedemann nahm, da sie inzwischen oben angekommen waren, die Uniform, die Benno ausgezogen hatte, legte Brieftasche und Geld heraus und versicherte dem sich Entkleidenden, mit dem Aufwachen zur rechten Zeit ware keine Gefahr; ihm rauschten die Rader seiner neuen Muhle und die Sorgen, die er sich aufburdete, genug im Kopfe ...

Und dabei verwechseln Sie wirklich schon unsere Stiefel und stellen zwei Paare zusammen, wie wenn jeder von uns immer halb mit den Beinen des andern liefe!

Hedemann, der in der Nebenkammer schlief, hatte die Stiefel und Kleider vor die Thur gestellt, damit die Magd in der Fruhe alles fand und reinigte.

Benno, schon auf den Strumpfen, stellte die Paare in Ordnung, nahm noch einen von Hedemann vergessenen Brief aus der Tasche seiner Uniform, schloss die Thur, legte den Brief auf den Nachttisch neben sich zu Uhr, Geld und Portefeuille und sagte mit herzlichem Tone:

Freilich, so ist's ja auch immer gewesen! Was war' ich ohne Ihre Arme und Beine, Hedemann! Ich glaube, ich hatte alle schon gebrochen und auf mein kuhles Grab setzten Sie ein Denkmal, das ich mir in Gestalt eines Fragezeichens ausbitte, Hedemann, wenn Sie mich uberleben sollten, horen Sie? Der Friedhof hat mich ganz melancholisch gemacht!

Warum ein Fragezeichen? fragte Hedemann, loschte das Licht und wollte die Thur anlehnen.

Lassen Sie doch auf, Hedemann! Es ist so dumpf und stickig in der kleinen Stube! Warum ein Fragezeichen? Bin ich nicht ein verkorpertes Fragezeichen? Was sagt das Kirchenbuch von Borkenhagen uber mich? Haben Sie denn nachgeschlagen, wie ich Sie gebeten?

Ich sagte gleich, dass da nichts zu finden ist! Sie waren schon fast ein Jahr alt, als Sie Ihr Vater aus Spanien mitbrachte!

Aus Sevilla! Aus Sevilla! Wo die letzten Hauser stehen ... sang Benno mit elegischem Humor.

Dann fuhr er fort:

Ich wundere mich nur, wie ein Zigeunerkind sich so acclimatisiren konnte! Sprach ich heute nicht von Buchweizen, Haarrauch und dem Landesvater, wie wenn ich wirklich ein Asselyn ware, kein Pseudo-Asselyn, kein unberufener Eindringling in die Wallhekken und Moore und Kampe eurer Ahnen!

Sie sind der rechtmassige Sohn des weiland Erbund Gerichtsherrn zu Borkenhagen!

Und sein Erbe! Hedemann, dass ich doch nur den kleinen Tumpel geerbt hatte, der um unsere Hundehutte ging, Burg genannt, jene majestatische See, wo Sie mir die kleinen bewimpelten Schiffchen schnitzten, die ich durch die grunen Wasserlinsen fahren liess!

Ich ahnte damals meine Reise nach Amerika!

Und den Finkenfang, Hedemann, im Schlehdornbusch, wo Sie die prachtigen Schlagnetze legten! Ach, ich habe als Student spater nie mehr aus einem Weichselrohr rauchen konnen, ohne nicht daran zu reiben und zu reiben und aus dem kostlichen Geruch des Rohrs mir unsern Finkenfang wieder zu vergegenwartigen!

Graf Munnich hat ihn niederhauen lassen ...

Und hatten uns die Glaubiger nur den einen grossen Ebereschenbaum gelassen, auf der Wolfshohe! Wenn wir sonst dahin wallfahrteten, war's mir immer nur um die rothen Beeren zu thun und die Bank darunter war mir nur eine blosse Hulfe, um die schonsten Buschel herunterzukriegen und an die Mutze zu stecken! Spater als Student, kam ich einmal wieder in die Gegend und wollte Freunde und sogenannte Verwandte begrussen. Da merkt' ich fast, dass die Wolfshohe mir nur eigentlich deshalb gefallen haben musste, weil der kunftige Herr von Asselyn-Borkenhagen sein ganzes kleines Konigreich dort am schonsten hatte ubersehen konnen. Die herrliche Aussiht! In weiter Ferne die Walder! Aus ihnen herausblickend Schloss Neuhof, golden wie die Landeskrone, Kloster Himmelpfort, Witoborn mit seinem ewigen Armensundergelaut ... Werden Sie das denn aushalten, Hedemann?

Meine Muhle uberrauscht es ...

Und rechts hinuber Westerhof mit Paula und Armgart, die damals Kinder waren und mich Vetter nannten, den armen, abgeblitzten Herrn von Borkenhagen ... Es war gerade Kirchweih im Ort ... Eine Spielbande zog von den Bergen herunter; ein buckeliger Geiger voran ...

Stammer! Der lebt noch!

Bander und Fahnen flatterten ... alles war lustig ... im Wittekind'schen hatt' es ein grosses Erntebier gegeben ... es war damals kaum ein paar Wochen uber die grauenvolle Geschichte mit dem erschlagenen Theilungscommissar hinaus ...

Der Alte vom Berge, der Kronsyndikus, lasst noch jetzt draufgehen, hor' ich ... fruher war er geizig genug ...

Gerade des Weges ritt der Landrath! Ich fragt' ihn nach dem Vorfall. Der wies mich schon zurecht! Wie ich den Herrn auf dem hellen Schloss da oben zu nennen wagen konnte ...

Das wollt' ich meinen, der "schone Enckefuss"! ...

Nun aber ging ich in den vielgrunen Wald, an meinen Vogelherd damals, Hedemann, standen noch all die lieben hellen Buchen am Ende der Wildschonung lag der kleine Hof Ihrer Aeltern ... Sie erzahlten mir ja noch nichts von denen ... Sie leben doch noch? ... Hedemann antwortete nicht. Benno sprach vor sich hin: Er schlaft wol schon! Nach einer Weile des Schweigens horte Benno seinen Nachbar laut aufseufzen ... Was seufzen Sie denn, Hedemann? fragte Benno, den inzwischen selbst der Schlaf uberkam. Als Hedemann nicht antwortete, sagte er gahnend: Sie waren damals in England Amerika! verbesserte Hedemann. Amerika! antwortete Benno und legte sich, um nun wirklich fest einzuschlafen. Doch sprach er noch vor sich hin, aber in einzelnen, unterbrochenen Worten: Sie sind im Stande und heirathen ... als Muller Hedemann ... die weisse Gipsitalienerin ... naturliche Ideenassociation ... Mullerin Biancchi ... Hedemann ... nicht wahr? ... Ja, gute Nacht! erwiderte Hedemann, der ihn nicht mehr verstanden ... Benno's Empfindungen mussten noch eine lange Zeit gegen den Schlummer kampfen. Seine Phantasie verweilte auf den lachenden Bildern seiner Jugend, auf dem grunen Wolfshugel, unter dem Ebereschenbaum und bei dem Rundblick in der Ebene von Witoborn. Sie hielt dann Stand bei Paula und bei Armgart. Armgart von Hulleshoven hatte er damals vor sieben Jahren zum ersten mal gesehen. Sie war die Tochter des kurzlich aus England als pensionirter englischer Oberst zuruckgekehrten Herrn Ulrich von Hulleshoven. Ihre Mutter war jene Monika von Ubbelohde, die die erste gewesen, die einst dem Kammerherrn Jerome von Wittekind-Neuhof einen Korb gegeben. Die hatte keines Hundes, des Calfacters Turck, bedurft, der ihr erst ein seidenes Kleid verderben musste, wie Portiuncula von Tungel-Appelhulsen, um von den Wunschen der Familie sich zu befreien. Aber da man es ihr, einer armen und vollig guterlosen Adeligen, mit den Antragen und Vorschlagen und Zwangsmassregeln zu bunt und zu gefahrlich gemacht hatte, nahm sie gleichsam "aus Desperation", wie damals die Leute sagten, die die Rache des Kronsyndikus und seinen Einfluss auf zehn Meilen in der Runde und, wenn er wollte, noch etwas weiter hinaus, kannten, den jungen Offizier Ulrich von Hulleshoven, der gerade in der Stadt, wo Bonaventura's Aeltern lebten, in Garnison stand und ihr den Hof machte, wie ihre Schonheit und ihr Geist verdienten. Diese Naturen erkannten sich aber erst nach geschlossener Ehe. Sie stiessen sich unheilvoll ab und als Monika eines Kindes, jener Armgart, genesen und Ulrich gerade versetzt worden war, erklarte die Gattin, ihm nicht folgen zu wollen. Sie selbst hatte eine Schwester, ihr Gatte einen Bruder. Jene hiess Benigna, dieser Levinus. Auch diese gaben ein Paar, eines vielleicht mit klugerm Instincte. Sie liebten sich schon lange, schon zehn Jahre vor dem Zeitpunkt, wo sie Schwager wurden durch die Verheirathung Monika's mit Ulrich, heiratheten sich aber nicht. Levinus, ohne Vermogen, verwaltete die grossen Guter des Grafen Joseph, des letzten der Dorste-Camphausen, wahrend Benigna, die Schwester Monika's, die intimste Freundin der verstorbenen Grafin und Mutter Paula's, der Schwester des Kronsyndikus, und die zehnjahrige Verlobte des Onkel Levinus in dem Stift Heiligenkreuz, dicht bei Westerhof und Witoborn, lebte. Beide Schwager, emport uber das Benehmen des jungen Ehepaars, rissen wie nach einem Spruch des Femgerichts der rothen Erde das Kind desselben, ihre Nichte, an sich und straften mit der Vorenthaltung desselben den "unwurdigen" Vater wie die "unwurdige" Mutter. Sie versteckten die kleine Armgart in Walder und Schluchten, in Keller und auf Heuboden und vorenthielten sie den beiden Ehegatten, denen sie es nur zuruckzugeben erklarten, wenn sie beide kamen Arm in Arm, in Liebe und Treue und Einigkeit, frei von der Schmach einer ganzen Familie, frei von der Verletzung der Sitte des ehrbarsten Landes und tugendhaftesten Volksstammes. Diese standesmassige, gleichsam altsachsische Bedingung erfullten die Ehegatten nicht. Beseelt von gleichem Trotze, suchten sie einer dem andern Armgart abzugewinnen, offen zu erobern, geheim zu stehlen sogar ... vergebens, Onkel Levinus und Tante Benigna hatten das ganze Furioso, den ganzen Sturm, der uber diese sonst so stillen, ruhigen, massvollen Menschen kommen kann, wenn eine Ueberzeugung sie ergreift. Ihre Massregeln waren so sicher, dass sie in der Jagd auf Armgart Sieger blieben und der Mutter, die nicht zu ihrem Manne wollte, dem Vater, der sich der Gattin verschloss, ein Kind vorenthielten, mit dem sie "nicht in die weite Welt gehen sollten". Levinus und Benigna gedachten sich jetzt noch weniger zu verheirathen. In der Liebe zu dem Geschwisterkinde, das sie erzogen, waren sie bereits wie ehelich verbunden. Ulrich und Monika gingen verdustert und verbittert ohne das ihnen vorenthaltene Kind wirklich in die weite Welt. Zwolf Jahre war Ulrich von Hulleshoven theils in England, theils in Britisch-Canada Soldat gewesen, ihm zur Seite Remigius Hedemann, einst in dem Regiment, in dem Ulrich exerciren gelernt, sein Unteroffizier, dann ein tuchtiger Landwirth, der einen Versuch machte, die letzten Besitzthumer der verarmten Familie derer von Asselyn, die sich vor mehr als hundert Jahren aus dem Friesischen ins Land geheirathet, zu heben und dem dritten von drei Brudern (die altern waren Franz von Asselyn, der Dechant, Friedrich von Asselyn, der Vater Bonaventura's), Max von Asselyn, Benno's Adoptivvater, in der Bewirthschaftung derselben beizustehen. Letzter Versuch war nicht gegluckt. Max von Asselyn starb bald nach dem unglucklichen Ende, das Friedrich von Asselyn auf einer Schweizerreise in den Alpen fand. Hedemann, geschatzt in allen diesen so eng verbundeten Familien, folgte seinem militarischen Zogling, Ulrich von Hulleshoven, der als Premierlieutenant seinen Abschied nahm, trug zwar nicht selbst die englische Uniform in Quebec und am Lorenzostrom, war aber dem bis zum Obersten Emporsteigenden immer zur Seite und kehrte, mehr als sein Freund, denn als sein Diener, mit ihm nach Europa zuruck. Zu Kocher am Fall, in der Nahe des gutmuthigen, alle schroffen Gegensatze dieser Familie mit unendlicher Gute und Milde ausgleichenden Dechanten zu St.Zeno, einem alten, reich dotirten Stifte, einem der wenigen, die in ihrem alten Glanze durch die neuen Zeitlaufe deshalb unberuhrt geblieben waren, weil der Kaiser von Oesterreich einen Theil der Patronatsrechte besass, siedelte sich der Oberst Ulrich von Hulleshoven zunachst an und man versuchte nun von dort aus, soweit es der schroffe, dustere und der Aussohnung wenig geneigte Sinn desselben gestattete, die so gewaltsam zerrissenen Familienbande wieder anzuknupfen. Hedemann war nach Westerhof und dem Institut der Englischen Fraulein entsendet gewesen, um den Onkel Levinus und die Tante Benigna zur Aussohnung, Armgart aber zu einem Besuch des Vaters, den sie nie gesehen und der seinerseits aufgesucht sein wollte, zu bewegen. Statt der Aussohnung und statt Armgart's brachte Hedemann, der mit Benno von Asselyn, dem von ihm fast erzogenen Adoptivsohn des verstorbenen Max von Asselyn, in der Residenz des Kirchenfursten zusammengetroffen und von diesem nach Kocher am Fall auf dem Dampfboot und zu Fuss begleitet worden war, einen Brief der Lehrerin Angelika Muller an den Dechanten. Was er enthielt, wussten Hedemann und Benno nicht, der ihn fur die Dechanei an sich nahm. Als jener dem jungen Kinde gesagt hatte, der Vater nahme Anstand, sie in Lindenwerth selbst zu besuchen, so sehnsuchtig er nach ihr verlangte, er wunsche und hoffe aber, dass sie, wenn nicht ihn, doch den Onkel Dechanten, wie Franz von Asselyn in allen diesen Familien hiess, besuche; da hatte Armgart nichts erwidert als dass sie zwar von namenlosester Sehnsucht zu ihrem nie gesehenen Vater erfullt ware, jedoch erst mit dem Pfarrer zu Drusenheim in dem der Insel Lindenwerth gegenuberliegenden Enneper Thale, dann mit den beiden Englischen Fraulein, dann mit Angelika Muller, dann vor allem mit ihren wahren Aeltern, Tante Benigna und Onkel Levinus, uber einen so wichtigen Schritt Rucksprache nehmen musste. Mit schwarmerisch andachtsvollem Emporblick hatte Armgart hinzugefugt: Auch meine arme Mutter hat Rechte auf meine Liebe und ich glaube nicht, dass meine Bitte fur sie zur seligsten Jungfrau unerhort an der Gnadenreichen vorubergeht! ... Ihre Mutter, Monika von Hulleshoven, lebte zu Wien noch vor kurzem in einem Kloster, in das sie sich, aus Unmuth, ermudet vom Kampf mit ihrer Familie, entsagend selbst auf das eigene, aus Strafe ihr geraubte Kind, vor zwolf Jahren zu einer Freundin gefluchtet hatte ... Armgart begleitete bis an die Maximinuskapelle mit dem ganzen Institute den guten Hedemann (der Wunderdinge von den Wilden und den Waldern und Wasserfallen Canadas, auch bei der Hinreise nicht oft genug eine grosse Rettungsthat des Vaters, die einem jungen, im Institut durch Verwandte bekannt genug gewordenen Kaufmann aus der nahe gelegenen handelsreichen Residenz des Kirchenfursten gegolten, wiederholen konnte auf der Ruckreise war er schweigsamer geworden ); dort aber war sie freilich von ihrer loblichen Absicht, ganz und allein nur den Fragen nach Vater und Mutter zu leben, abgekommen; denn am Ufer und schon am vielbesungenen Huneneck sah sie Benno und den noch dazu zum ersten mal in Uniform! Benno war erst als Student dem Kinde bekannt geworden. Sieben Jahre spater wurde er von Westerhof aus gebeten, sich um die nach Lindenwerth zu den Englischen Fraulein gegebene Armgart in sorgsamer Obhut zu bekummern; er wohnte dafur nahe genug in der Stadt, wo er bei Dominicus Nuck, dem grossen Rechtsgelehrten, arbeitete. Seit sechs Monaten sah er sie fast jeden Sonntag; heute aber zum ersten mal im bunten Rock, der alle Mitpensionarinnen an ihre Bruder und Vettern erinnerte. Da gab es Vergleiche, Erkundigungen, Erinnerungen fur diese gluckliche junge Welt und so viel wurde nach dem 40., 36., 22. Linieninfanterieregiment, nach den Jagern, Husaren, Premier-, Secondelieutenants und Fahnrichen und der Dauer der diesmaligen Uebungen und den in einfachen Gemeinenuniformen steckenden Assessoren, Referendaren, Doctoren und Kaufleuten gefragt, dass das eine der beiden Englischen Fraulein, die das Institut dirigirten, den Verlust der Sammlung zur Andacht in der Kapelle befurchtete und dann nur noch Armgart gestattete, uber ihre Familienangelegenheiten, dans ses affaires, wie sie sagte sie war eine Strasburgerin , mit dem so ehrbaren oder doch seinen Humor unter Ernst versteckenden Freiwilligen sich zu necken und auszuscherzen. Diese Freiheit war dann auch vollstandig von Armgart benutzt worden bis zum Abschiede, den Lucinde gestort hatte. Benno brauchte sich nicht zu stolz zu dunken auf Armgart's Vertraulichkeit. Sie liebte im Grunde nur ein Wesen, ihre fur sie ganz seraphische, immer nur wie in Marienkranzen, die durch weisse und rothe Wolken gingen, eingerahmte Paula. Benno sah das aufs neue an der augenblicklichen Erkennung eines Wesens, von dem ihr Paula nur erzahlt hatte! Von ihrer eigenen Anwesenheit auf Schloss Neuhof wusste sie nichts mehr Huhner und Tauben und Schwane und turkische Enten konnten in Armgart's Seele nicht haften bleiben, das mochte geringere Naturen fesseln. Armgart hatte im Stift Heiligenkreuz eine fast klosterliche Erziehung genossen. Fruhzeitig hatte diese auch sie zur Traumwandlerin gemacht; nicht so, wie man bei Grafin Paula in Wirklichkeit gefurchtet, dass sie's bis zum Wandeln im Schlafe bringen konnte seitdem sie das Streckbett verlassen, waren der Hochschlaf und die Sehergabe entschwunden nein, nur figurlich; Armgart sah auf jeder Wolke einen Heiligen ruhen, sah in jeder Blume einen Elfen schlummern, sprach mit dem Monde, mit der Welle, mit dem Steine, womit nicht alles, ohne doch darum dem Lachen und Necken abgeschworen zu haben! Es war ein Duft um Armgart her, soviel Unwiderstehlichkeit, dass Benno sie auch bis zum Erobernmussen geliebt und angebetet haben wurde, wenn ihn nicht zwei Machte zuruckgehalten hatten. Einmal die Freundschaft fur den jungen reichen Kaufmann Thiebold de Jonge, dem in Canada Armgart's Vater und Hedemann das Leben gerettet hatten und der, jetzt in seine Vaterstadt, die Residenz des Kirchenfursten, zuruckgekehrt, zu Armgart von einer wahrhaft leidenschaftlichen Liebe verzehrt wurde. Dann aber zweitens die tiefste Verstimmung uber sein eigenes Lebensschicksal selbst, die dunkeln Anfange seines Daseins, mancherlei Erfahrungen von fruhester Jugend her, das bittere Gefuhl, immer nur durch Andere und Fremde erhalten worden zu sein und eine darauf sich grundende Welt- und Lebensauffassung, die eine vollig negative und alles, was bestand, in Nichts auflosende war. Auch die Religion war ihm Menschenwerk. Wenn Benno gegen Grutzmachern opponirt zu haben schien und von den Vorkommnissen innerhalb seiner Kirche mit warmer Theilnahme sprach, so war es nur aus politischen Grunden und um der Abneigung gegen das ganze damals herrschende Regierungssystem willen.

Wahrend Benno schon von der lieblichen Armgart

traumte, noch ehe er entschlief, glaubte Hedemann nach ihm rufen zu horen.

Er richtete sich auf und sagte:

Hedemann! Wunschen Sie noch etwas?

Hedemann murmelte nur ...

Wieder druckte Benno seinen militarisch kurzge

schorenen, "ihm selbst wie nicht angehorenden" Kopf in die Kissen. Waren aber auch seine Augen bald geschlossen, so gaukelte doch Armgart vor ihnen, wie wenn sie wachten. Armgart hatte die Elasticitat des Rehes und schelmisch standen ihr vorzugsweise drei Dinge. Am Kinn ein Grubchen; zwei wunderlich ein wenig hervorstehende Zahne, die man nur dann nicht sah, wenn der Mund ganz fest geschlossen war, die aber sonst immer ein klein wenig mit ihrem blendenden Email hervorblitzten; drittens die weder romische noch griechische, sondern weit eher stumpfe, aber hochst schelmisch geschwungene Nase. Ihre Augenbrauen waren so dunkel wie das Haar, auch die Augensterne dunkelbraun mit schwarzen Punkten ... Und nun tonten immerfort die dummen Worte, wie: "Horen Sie doch, Benno!" oder "Was meinen Sie, Asselyn?" oder "Sie Vaterlandsvertheidiger, was glauben Sie, gibt es Krieg?" oder "Warum wollen Sie denn nicht General werden?" oder "Was? In unserer Armee gibt es keinen einzigen katholischen Obersten?" oder "Wie sieht mein Vater aus?" oder "Ich sticke ihm einen Cigarrenbecher, aber sagen Sie ihm nichts, Benno!" geradezu wie Musik in sein Ohr, bis er jetzt wirklich eingeschlafen ware, wenn er nicht den wunderlichen Hedemann nun allerdings noch ganz laut hatte reden horen.

Hedemann hielt sein Nachtgebet. Doch wusste er dabei schwerlich, dass es Benno horen konnte.

Hedemann sprach:

O du mein Herr und Heiland! Erleuchte meinen Sinn und lass mich wandeln, wie dir wohlgefallig ist! Thu abe von mir die Werke der Finsterniss und lass mich kampfen den guten Kampf des Glaubens!

Benno sagte sich:

Den haben die Englander schon in der Mache gehabt!

Nun entschlief auch er ...

Die Sonne schien schon hell auf sein Lager, als er erwachte.

Er sprang auf und fand das Lager seines Mitschlafers in der Kammer bereits leer.

Seine Kleider hingen schon gereinigt vor ihm uber einem Stuhl ...

Rasch schlupfte er in sie hinein und staunte beim Waschen und Haarbursten uber die Unruhe im Orte ...

Er kannte doch die tagliche Lebensordnung in St.-Wolfgang und erkundigte sich durch ein Hinabrufen im Hause nach der Ursache der Bewegung.

Von Hedemann, der schon fertig angezogen eintrat, von Renaten, die hinter diesem her ihn schon lange mit dem Fruhstuck zu erwarten erklarte, erfuhr er, dass wirklich in der Nacht der Friedhof entweiht worden war.

Grutzmacher hatte Recht gehabt! Man hatte das Grab aufgegraben, den Sarg heraufgezogen, ihn erbrochen, die Leiche geradezu hinausgeworfen und gierig das Stroh durchwuhlt, auf dem sie gebettet gewesen.

Von einer ganzen Bande sprach man und von gefundenen Schatzen und Grutzmacher war dem Knechte nachgeritten, der Lucinden gestern gefuhrt hatte, und andere waren den Italienern nach, die die Nacht in einem Orte eine halbe Stunde weiter campirt hatten, und der Ortsgensdarm Muller war von Stokkhofen druben bereits requirirt worden und alles, hiess es, forsche und jage und suche und renne ...

St.-Wolfgang war in wildester Bewegung und wie im Aufruhr.

Fussnoten

1 Markisches Mitleidswort fur "armes Ding".

5.

Wo ist mein Vetter? rief Benno von Asselyn, eilends die Stiege hinunterspringend, und vergegenwartigte sich den Schmerz, den Bonaventura uber ein solches Ereigniss auf dem Friedhofe seiner Kirche empfinden musste.

Er erfuhr sogleich, dass Bonaventura auf dem Friedhofe die Ordnung schon wieder ausserlich hergestellt hatte und mit dem Schulzen des Ortes eine genaue Darstellung der Vorgange, wie sie auf dem Friedhofe gefunden worden waren, eben schriftlich aufsetzte.

Gern hatte ihm Benno beigestanden, aber Hedemann, ein alter Soldat, erinnerte ihn, dass er heute Nachmittag Schlag funf Uhr in Kocher am Fall zum Appell auf dem Marktplatze stehen musste.

Der bestellte Wagen fuhr auch schon aus dem Stern vor.

Von Lucinden hiess es, sie wurde sogleich zur Hand sein; sie hatte gesagt, man sollte nur erst die Herren abholen.

Benno entsann sich seiner militarischen Pflichten. Hatte er doch heute schon die weisse Weste ausgelassen. Aber Bonaventura musste er wenigstens einen Augenblick sprechen!

Er eilte auf den Friedhof und fand den Vetter in der Sakristei der Kirche beschaftigt mit den Anordnungen einer noch im Laufe des Vormittags von ihm bezweckten neuen Einsegnung der entweihten Begrabnissstatte.

Bonaventura war nicht nur von dem Fall an sich aufs heftigste erschuttert und von der Hoffnung, der Thater wurde nicht zu seiner Gemeinde gehoren, in der grossten Aufregung, sondern er war es noch mehr von einigen Gegenstanden, die man, als dem freventlich erbrochenen Sarge in der That entfallen, ringsumher zerstreut gefunden hatte ....

Mit dem allen fand ihn Benno so beschaftigt, dass er von seinem Freunde gebeten wurde, sich in der Fortsetzung seiner Reise nicht storen zu lassen. Bonaventura setzte mit der ganzen Erregung einer Natur, die in nervoser Anspannung zu leben nicht gewohnt ist, hinzu, dass er nach der vollzogenen Suhne der heiligen Statte und einer Predigt, die er zur Erschutterung der Herzen, vielleicht zur Entdeckung des Thaters halten musse, wahrscheinlich den Abend noch selbst in der Dechanei eintreffen wurde. Einmal, sagte er, handelte es sich um eine Anzeige beim Amte in Kocher, dann aber vorzugsweise um einige Andenken an seinen unvergesslichen Vater, die sich denn also wirklich in dem Sarge vorgefunden hatten ... Andenken, uber welche er mit dem Onkel, dem Dechanten, zu sprechen die Zeit nicht erwarten konne.

Freund, dich macht der Vorfall krank! Beruhig dich! rief Benno.

Erzahle nichts dem Onkel! erwiderte der Pfarrer. Du kennst seine Abneigung gegen alles, was aufregt ...

Benno mochte nicht langer forschen, worin die gefundenen Andenken an den Vater bestanden. Er wusste, dass diese Gedankenverbindung um so mehr Trubsinn in dem reinen und kindlichen Gemuthe Bonaventura's wecken musste, als sich dieser seit einiger Zeit die Meinung gebildet hatte, sein Vater lebe noch. Bonaventura hatte sich diese Meinung mit um so angstlicherer Ungeduld gebildet, als er sogar voraussetzte, der Vater ware freiwillig aus der Reihe der Lebenden geschieden, nur um seiner Mutter moglich zu machen, seinen jetzigen Stiefvater, Herrn von Wittekind-Neuhof zu heirathen. Wenn er dann gedachte, dass die Kirche die Ehe, auch die unglucklichste, auch die seit Jahren auf einer gegenseitigen Unfahigkeit, die Leidenschaften zu unterdrucken, beruhende und unmoglich gewordene in keiner Weise freigabe und loste, so hatte schon Bonaventura geglaubt, sein Vater hatte sich den Schein des Todes gegeben, nur um zwei Menschen glucklich zu machen, die auf eigenthumliche Art und, wie er aus den Erzahlungen der alten Renate sich entnehmen zu mussen glaubte, keine mehr zu vermeidende Weise in die engste Beziehung gekommen waren. Sieben Jahre waren seitdem vergangen. Jetzt erst kamen ihm diese Zweifel, jetzt in verstarkterer Gewalt. Benno kannte sie und mochte sie um so weniger wecken, als sie mit den wichtigsten und zartesten Lebensfragen im Gemuth des seinem Berufe so begeistert hingegebenen Priesters zusammenhingen und schon oft Gegenstand von Differenzen zwischen ihnen beiden gewesen waren. In der sichern Hoffnung, ihn vielleicht schon am Abend beruhigter in der Dechanei wiederzusehen, nahm er Abschied, setzte sich in den Wagen, mit dem Hedemann auf den Friedhof nachgekommen war, und fuhr, um Lucinden abzuholen, nach dem Stern.

Auch diese war von der Meldung des in der Nacht Vorgefallenen nicht wenig uberrascht gewesen.

Sogleich fragte sie nach dem Gensdarmenwachtmeister. Dieser war schon unmittelbar nach dem Larm, der beim ersten Morgendienst des Messners entstanden war und das Fruhlauten zum Sturmlauten gemacht hatte, auf die Landstrasse hinausgesprengt, dem Knechte nach, der sie gestern gefahren hatte. Man behauptete, dass der Knecht die Nacht im Stall geschlafen, lange Licht gehabt hatte und sich eines Spatens aus dem Garten des Wirthshauses bedient haben musste, den man nicht finden konnte. Die herkulische Kraft, die zu der Ausfuhrung des Frevels gehorte, liess sich ihm zutrauen.

Nun gab das einen Schwung der Spannung und Erregung! Lucinde wusch und erfrischte sich so schnell, als konnte sie einen Auflauf versaumen. Ehe noch die Magde ihre Oberkleider, Hut und Schleier geluftet und entstaubt hatten, war sie schon mit dem schnell geordneten Kopfe aus dem Fenster. Der Zweispanner, eine stattliche Chaise, stand schon vor dem Hause, ein Kutscher klatschte, Hedemann und der Freiwillige grussten.

So zeitig schon? rief sie zum Fenster hinaus und zog ihre stehen gebliebene kleine Taschenuhr auf, stellte sie nach dem glanzenden Zifferblatt des Kirchthurms, hing ihr Kreuz um und drangte zur Eile. Nur Milch trank sie, etwas schwarzes Brot ass sie dazu und nach einigen Minuten, obgleich Benno von Asselyn einmal um das andere hinaufrief: Uebereilen Sie sich nicht! stand sie unten am Wagen.

Nachdem sie vor der Hausthur ihre Zeche berichtigt hatte, stieg sie an der Hand Benno's ein. Hedemann sass auf dem Bock neben dem Kutscher, der dem Stern angehorte. Fur fremde Herrschaften war er ein Postillon, fur diejenigen, die unter der Taxe reisten, blieb er in seinen gewohnlichen Kleidern; heute aber hatte er sein Horn zu sich gesteckt und blies lustig mit hinein in das allgemeine Juchhe. Es kostete das Strafe, horten es die Gensdarmen. Grutzmacher aber und Muller jagten dem Leichenrauber nach.

Nein! rief jetzt Lucinde, an die Erzahlung der Vorfalle sogleich anknupfend. Mein Kutscher war' es gewesen! Ich glaub' es nicht! Ich wette, der Thater war Herr Grutzmacher selbst! Er hat dem Pfarrer zeigen wollen, dass die Polizei nicht an Phantasieen leidet!

So gefallig auch Benno war, ihr den Vorfall in aller Ausfuhrlichkeit mitzutheilen, verschwieg er doch seines Vetters personliche Aufregung durch die gefundenen Erinnerungen an dessen Vater.

Lucinde warf dem Dorfe und dem Pfarrhause einen langen hoffnungsvoll seligen Abschiedsblick zu ...

Hedemann schaute unverwandt in die Ferne. Wie wenig er auch glauben konnte, dass die Italiener an dem Frevel betheiligt waren, bekummerte ihn doch die Belastigung, der die friedlichen Passagiere ausgesetzt sein konnten.

Allmahlich gab sich auch der Postillon sowol mit dem Blasen zufrieden, wie mit seinen Mittheilungen uber den neu erst im Weissen Ross eingetretenen Knecht, den Vorfall mit der Stallaterne und dem Spaten, der fehlte ...

Lucinde schlug, da der Staub zunahm, ihren Schleier uber und forderte Benno auf, seinen Cigarren zuzusprechen. Sie war in ihrem Leben von Jerome, vom Kronsyndikus, Klingsohrn, Serlo genug "eingerauchert" worden.

Benno folgte ihrer Erlaubniss, indem er sagte:

Mein Onkel, der Dechant, ist galanter! Sie werden bei ihm von Tabackrauch nie belastigt werden!

Wie alt ist der Dechant? fing sie nach einer Weile an.

Ah, ah! erwiderte Benno. Wie alt! Fragen Sie das nie in der Dechanei! So alt wie Methusalem ist er nicht, aber so jung auch nicht, wie von der guten Frau von Gulpen, die nun schon dreissig Jahre seine Wirthschaft fuhrt, seine Geburtstage numerirt werden!

Dreissig Jahre? unterbrach Lucinde.

Eher mehr als weniger! erwiderte Benno.

Und zu Hedemann hinaufrufend, fuhr er fort:

Nicht wahr, Hedemann, als Sie vor zehn Jahren nach Amerika gingen, schwankte der Onkel um das Ende der Sechziger herum? Er musste demzufolge jetzt siebzig sein! Aber ich will nicht gut dafur sagen, dass nicht Frau von Gulpen seine nachste Geburtsoder Namenstagstorte nur mit sechzig kleinen Wachsendchen besteckt!

Lucinden machte der Name "Gulpen" in Verbindung mit einer Geburtstagstorte einen fast marchenhaften und in der Wirklichkeit kaum moglichen Eindruck.

Hat Frau von Gulpen, fragte sie, nicht eine Verwandte, die sich Frau von Buschbeck nennt?

Benno versicherte, diesen Namen nie gehort zu haben.

Hedemann! rief er; hat die Tante eine Verwandte, die sich Frau von Buschbeck nennt?

Lucinde erganzte: Eine Schwester vielleicht?

Hedemann oben zuckte die Achseln.

Das Jahr 1809, wo ihre ehemalige Peinigerin von ihrer Lebenshohe gesturzt sein sollte, lag uber die Erinnerungen der sie umgebenden Generation hinaus.

Benno druckte am Wagenschlag die Asche seiner Cigarre ab und sagte ironisch:

Wir sind vielleicht an eine zu grosse Anzahl von Verwandten unserer verehrten Frau von Gulpen gewohnt! ... Ihre Nichten wenigstens ... Nicht wahr, Hedemann, die Nichten der Tante

Erstes Kennzeichen Ihres Onkels, schnitt Lucinde die zweideutige Anspielung auf den Deckmantel fur die weibliche Bewohnerschaft einer geistlichen Wohnung ab Erstes Kennzeichen also Eitelkeit!

Eitelkeit? sagte Benno. Vielleicht auf seine weissen Hande! Und doch nicht! Diese Selbsttauschung uber den Geburtstag gehort zu des Onkels Philosophie!

Zweites Kennzeichen: Philosophie! Welche Philosophie? Die, welche dem Dr. Laurenz Puttmeyer zu Eschede noch immer nicht den Hegel'schen Lehrstuhl und Fraulein Angelika Muller einen Mann verschafft hat?

Sie sind unterrichtet! lachte Benno. Nein, keine von unsern Haarrauch-Philosophieen, die die Dogmatik trigonometrisch beweisen wollen und zuletzt doch an einem Breve des Papstes zu Grunde gehen, wie die da, die seit ein Paar Tagen auf unserer Universitat druben zu leben aufgehort hat! Allerliebst, wie in unsere schone deutsche Kunst und Wissenschaft hinein ein solches romisches Kapitel sein "Kannichverstan" hineinsprechen und sogleich so in ihr herumwuhlen und aufraumen darf, wie hoffentlich jetzt die Bauern von St.-Wolfgang nicht unter den Gotterbildern des guten Napoleone aufraumen ... Sehen Sie nichts, Hedemann?

Nichts! ... war die Antwort des zuweilen seine zusammengelegte Hand wie ein Perspectiv gebrauchenden Gefahrten.

Napoleone erzahlte mir, der Dechant liebe die Antike! fuhr Lucinde fort. Ein Sohn Ihrer Heimat und ein Liebhaber der Kunst? ...

Indem rief Hedemann einige Bauern an, die eilends des Weges kamen.

Sie waren aus St.-Wolfgang und sagten aus, dass bei den Italienern nichts gefunden wurde, was auf ihren Antheil an dem nachtlichen Verbrechen hatte schliessen lassen konnen.

Wie mag man die Armen belastigt haben! sagte Lucinde nach einer Weile und summte, da Benno uber die von ihr angedeutete Unvereinbarkeit seiner zweiten Heimat mit dem Schonen in Nachdenken verfiel, vor sich hin die Worte Mignon's:

Es glanzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:

Was hat man dir, du armes Kind, gethan!

Fur den da oben scheint allerdings Porzia zur Mignon geworden! flusterte Benno und deutete auf Hedemann, der uber die Unschuld der Italiener Zeichen der grossten Genugthuung gab.

Die Gegend gewann inzwischen einen bestimmter ausgepragten Charakter. Man befand sich auf der Absenkung eines grossen Thalbeckens, das viele Meilen weit sich in wellenformigen Senkungen und Erhohungen hinzog bis zu den Gebirgen, die Deutschland von Frankreich trennen. Der Naturforscher kennt diese Gegend als eine, die ihre urweltlichen Bildungsformen nicht verleugnet. Graue Basaltkegel stehen oft in der Mitte dieses Hugellandes als Reste vulkanischer Ausbruche. Einsam ragen die abgestumpften Felsgestalten, von dunnem Zwergholz uberwachsen. Oft steigen sie schroff bis zu den scharfsten und dann und wann mit einem Kreuz gezierten Spitzen hinan. Von einem hohern Punkte gesehen ist der Fernblick meilenweit, aber er ist nicht mehr wohlthuend durch Saatengrun und lichthelle Waldungen, das Land wird unfruchtbar und wie von Steinen uberstreut. Vulkane gluhenden Innern der Erde geschleudert haben. Bei einzelnen etwas grunen Stellen, aus denen ein Kirchthurm hervorragt, kann man immer annehmen, dass sich dort das stete unterirdische Sieden und Kochen auch an einer wohlthatigen Quelle verkundigt, deren Wasser an Ort und Stelle zum Baden dient, erkaltet in Krugen weiter ins Land gefuhrt wird. Kleine Seen finden sich viele; desto weniger Bache. Der einzige grossere ist jener "Fall", an welchem Kocher liegt, eine von jenen uralten, schon in die Romerzeit zuruckreichenden Stadten der sagen- und erinnerungsreichen Gegend.

Hatte man weniger den zuletzt vom Hundsruck und den Ardennen begrenzten dustern Hohenblick, so fehlte es abwarts in den Kesselthalern nicht an Abwechselung. Die Cultur hatte dem steinigen Boden abgerungen, was diese nur an Fruchtbarkeit, wenn auch nur fur Gerste und Hafer, irgend hergeben wollte. Und belebt war bei alledem die Gegend doch. Selbst auf der Landstrasse begegnete man, ausser Landbewohnern, Soldaten, die wie Benno sich beim Stabe einstellen mussten, manchem Geistlichen zu Fuss, manchem im Wagen; des Verbeugens vor Heiligenbildern und vor offenen Kirchthuren wurde fast kein Ende und selbst vor einer Procession musste der Wagen halten. Jetzt nach der Ernte begannen die Wallfahrten zu manchem wunderthatigen Gottes- oder Heiligenbilde. Auch war man ziemlich nahe schon jener hochbegnadeten Stadt, die den heiligen Rock des Herrn selbst besitzen will und allerdings die altesten Martyrer und Heiligen aufzuweisen hat, ja die den heiligen Athanasius einst beherbergte, als er aus Aegypten vor den Arianern floh. Die Zeit war herangekommen, wo gerade des Athanasius' Andenken lebhaft erneuert werden sollte; mancher hohe Wurdentrager, ja der Kirchenfurst der Provinz selbst eiferte ihm nach.

In einem Dorfchen wurde gefuttert.

Als man gegen zehn Uhr weiter fuhr, fiel es auf, dass die Reisewagen mit hohern Geistlichen sich mehrten ...

Benno erinnerte wiederholt daran, dass in Kocher eine geheime Verabredung sollte getroffen werden, der selbst Dominicus Nuck, sein Principal, nicht fremd war.

Er meinte jenes Rutli, auf dem Bonaventura als Tell fehlen durfte, ob Lucinde gleich, zur Mehrung ihrer Erregung, allmahlich vernommen hatte, dass der Pfarrer vielleicht doch noch diesen Abend gleichfalls in der Dechanei eintreffen und so sich schon sobald ihr seliges Hoffen erfullen konnte, wie oft wie oft Ihm nahe zu sein! ...

Mit dem Steigen der Sonne wurde es schwuler und schwuler. Gegen elf Uhr kundigte sich ein Gewitter an. In der Gegend von Kocher her lagerten sich schon dunkle, tief graublaue Wolken ...

Benno fing allmahlich an in seiner schroffen Beurtheilung Lucindens nachzulassen. Einzelne ihrer Redewendungen, das Mitleid mit den Italienern, die vor einigen Stunden fast mit Ruhrung gesprochenen Goethe'schen Verse hoben ihm immermehr ihre Erscheinung. Da sie die schwule Luft bestimmte, den Schleier zuruckzulegen, so musterte er mit geringerer Abneigung auch ihren heute fast vornehm sich gebenden aussern Eindruck. Lassig und wie hingegossen lag sie in der Ecke des Wagens. Der schottische Mantel war ihr von den Schultern geglitten und so krampfhaft auch der jetzt eingeschlagene kleine Sonnenschirm von ihr auf die grauen Zeugstiefelchen, die den kleinen Fuss bedeckten, gestemmt wurde, der Eindruck war der der Ruhe und fast einer hohern Ergebung. Gestern hatte sie von der Anstrengung und Ermudung der Reise alter ausgesehen als sie war. Heute gab ihr eine geringere Rothe des Antlitzes, ja ein wachsbleicher Teint etwas Vergeistigtes. Die langen schwarzen Wimpern bedeckten die unruhigen Augen. Die Athemzuge wurden ersichtlich aus der hoch sich hebenden Brust. Es war wie ein Hauch uber ihr ganzes Wesen gekommen, der ihre Formen anschwellen und sie in plastischerer Vollkommenheit erscheinen liess.

Benno spielte mit seiner Cigarre den Gleichgultigen und war es schon lange nicht mehr. Er sah hierhin und dorthin und gab sich, wie absichtlich, den Schein der Gewohnlichkeit und prosaischsten Nuchternheit; dennoch hielt er bei alledem den Gedanken fest: Wenn sie sich nur nicht ruhrt! Wenn sie nur in dieser Stellung verharrt, die Augen, die kalten, nicht aufschlagt, nicht redet, ganz so bleibt, wie sie dasitzt, fast liegt, traumerisch, ohne Berechnung, ohne Koketterie und Bewusstsein von ihrem sich mehrenden Reize!

Lucinde merkte aber schon das Interesse, das sie einflosste. Leise blitzte unter den Wimpern ihr Auge. Fast seitwarts schielend sah sie auf. Die Magie des Eindrucks war zerstort.

Woran dachten Sie eben, Fraulein? fragte Benno erschreckend vor einem so immer in Thatigkeit verbleibenden Verstande.

Lucinde blieb in ihrer hingegossenen Stellung, ruckte und ruhrte sich nicht, senkte die Augen und sagte:

Ich sehe Bilder vor mir, die mir Mignon und der Harfner weckten ... katholische Bilder ...

Malen Sie sie aus!

Benno blies den Dampf seiner Cigarre fort.

Ich sehe ein Schloss und sehe Menschen ... die ganz wie in Mondschein getaucht sind ... Ein schoner Park umgibt das altmodische Gebaude ... Es hat epheubewachsene Thurme und Galerieen ... Kleine Buchsbaum- und Taxushecken ziehen sich unter den Fenstern hin ... Springbrunnen rieseln ... Pfauen schlagen ihre schonen Rader .... Bildsaulen lauschen versteckt aus Jasmin- und Geisblattbuschen ... Dazu ertont vom Soller die Mandoline ... Ein Pilger schlagt sie ... Auf der Altane werden von einer Dame Lieder gesungen aus einem alten Pergamentbuch ... ein Monch, der Liebling und Erzieher des Hauses, steht hinter ihr und schlagt die Noten um ... Und wenn dann fernher die Glocken klingen oder ein Jager im Walde ein Ritornell verhallen lasst, geht alles zur Ruhe ... Nun steigen die lieben Englein nieder ... Die kleinen bausbackigen Jungen schleppen Violinen und grosse Contrabasse herbei ... sie musiciren und das so, dass die Frosche mit Jubel einfallen, die Heimchen mitschrillen ... Alles neckt sich ... Blume und Kafer ... bis endlich die Sonne am fernen Horizont mit rosigen Streifen sich ankundigt ... Willkommen o seliger Morgen ... Alles blitzt im Thau ... es lautet zur Messe ... dann Wagengerassel ... es kommen vornehme Abbates und Pralaten ... die Kinder des Hauses spielen mit ihnen nach der Andacht, spielen selbst mit dem Strick des Franciscaners, der am Abend die Noten umschlug, und lassen ihn Pferdchens springen ... dazu summen die Bienen, schwirren die Kafer ... und wenn bei Tisch auch noch soviel Wein aus schonen hochgespitzten bunten Glasern getrunken wird und braunglanzende Braten hoch aufgetragen werden, wie in den Bildern des Paul Veronese ... es geht doch heilig und weltlich immer in eins ... die Reste des Mahls und Wein, diesen in einer hohen strohumwundenen Flasche, schickt man dem frommen Eremiten Federigo unter den Eichen von Castellungo, der dafur die Kinder mit Bildchen beschenkt, die er in seiner einsamen Hutte malt ... oder sie das schwere, wie Steine rasselnde Deutsch lehrt, wenn es zufallig Kinder eines italienischen Conte sind ... oder ihnen in seinen hohlen Eichen Rendezvous vermittelt, wenn sie grosser werden und verliebt sind ... Doch sehen Sie nur, unterbrach sie sich in ihrer Schilderung plotzlich selbst; es gibt wirklich ein Wetter!

Sie Gluckliche, lachte Benno, Sie konnen Ihre Phantasie zu Hulfe nehmen, wenn nicht alles auf der Dechanei so zutrifft, wie Sie's sich gedacht und ausgemalt haben!

Ganz recht, bestatigte Lucinde, eben die Dechanei, die dacht' ich mir so ... mutatis mutandis

Mutatis mutandis? wiederholte Benno und sah sie, erstaunend uber ihr Latein, an.

Ich meine die Kinder ...

Verstehe! Verstehe!

Es trat eine Pause ein, in der Lucinde den Triumph geniessen konnte, sich sagen zu durfen: Du kalter, eingebildeter junger Mensch, glaubtest mich so uber die Schultern ansehen und nach den Aussagen der alten Renate, Grutzmacher's und wer weiss, ob nicht auch deines so grausamen, so tugendkalten und mich glucklichunglucklich machenden Bonaventura beurtheilen zu konnen!

Und auch Benno fuhlte vollkommen, was sie dachte. Nach einer Weile sagte er:

In der Hauptsache werden Sie es wirklich so in der schonen Dechanei finden! Sie konnte allerdings ganz in ein Gedicht von Clemens Brentano passen! Selbst die Pfauen fehlen nicht! Noch mehr, der Onkel hat einen alten Diener, dem er gestattet in den Sternen zu lesen ...

Das ist schlimm fur seine Teller! unterbrach sie. Aber?

Frau von Gulpen ...

Frau von Gulpen?

Benno zuckte die Achseln und deutete an, dass mit diesem Namen die in Kocher am Fall zu erwartende Poesie ein Ende hatte.

Lucinde verstand diese Geberde. Mit tiefschneidender Ironie sagte sie:

Also Frau Renate die Zweite!

Und wie sie dann hinzufugte: O Manner! Manner! ... so war dies doch ein Ton, als hatte Benno aufspringen mussen, ihre Arme zu fassen und sie niederzudrucken mit den Worten: Schwaches Weib, glaubst du denn allmachtig zu sein? ... Es war der Glutenstrom, den Armgart gestern aus ihr herausgehen gefuhlt hatte, der Glutenstrom, unter dessen Gewalt vielleicht die Grafin Paula vergangen ware, wenn sie nicht Bonaventura durch ihre Entfernung gerettet hatte; aber auch der Glutenstrom wieder, der ihm sympathische Naturen heben und zum Gefuhl der Unsterblichkeit hatte beleben konnen und von dem sich trennen zu mussen einst Klingsohrn zur Verzweiflung brachte.

Zum Gluck fur Benno's sich mehrende Aufregung gab es Zerstreuungen am Wege und bald auch kuhlte er sich ab durch Lucindens ruckkehrende Koketterie. Sie sprach von Armgart und verrieth ihre Absicht, ihren Begleiter zu Vergleichungen zu veranlassen. Nun war es aber doch wie eine sanfte Musik, die uber Benno sich ergoss, als er Armgart so nennen horte. Mit jener ironischen Scharfe, die seinen Zugen nicht bitter oder gar faunisch wie Klingsohrn, nicht elegisch wie Serlo stand, sondern die eine grosse Anmuth in dem mannlichen, edelgeformten Antlitz verbreitete, die schonsten Zahne zeigte und den Augen eine schelmische Gutmuthigkeit lieh, sagte er:

Lieber Himmel, mein Fraulein! Sind Sie denn wirklich schon so alt, dass Sie sich an Armgart's Jugend ewig rachen zu mussen glauben! Lassen Sie doch die Kleine noch so kindisch sein wie sie ist! Hedemann, wie oft haben Sie ihr die Rettungsthat aus Canada erzahlen mussen?

Hedemann wandte sich und sagte, er selbst hatte das nur einmal gethan, aber Herr de Jonge wol ein Dutzend mal.

Herr de Jonge! fuhr Lucinde, die Vennon uber seine Aeusserung nicht zurnte, fort. Wer ist Herr de Jonge? Ein Reisegefahrte des Herrn Hedemann? Erzahlen Sie! Wir geniessen das Gefuhl, noch im Trokkenen zu sitzen! Sehen Sie nur dort druben, oberhalb der schwarzen Berge, wie es da schon niedergiesst!

In Kocher am Fall! bestatigte Benno mit nachdenklichem und zerstreutem Tone.

Also, Herr Hedemann! Die Rettung aus Canada! Wer ist Herr de Jonge?

Sie werden ihn vielleicht in der Dechanei finden! erwiderte Hedemann und um gleichsam auf diese Art der Erzahlung uberhoben zu sein.

In der Dechanei? Um so mehr mussen wir auf ihn vorbereitet sein! Wer ist gerettet worden? Wer hat gerettet? Erzahlen! Erzahlen!

Diesem Humor liess sich nicht widerstehen ...

Benno zundete sich eine neue Cigarre an und begann:

Das beste Schiffsbauholz

Hedemann hielt sich auf dem Bock die Ohren zu, als wollte er sagen: Diese tausendmal wiederholte Geschichte! Ich kann sie nicht wieder horen!

Das beste Schiffsbauholz, fuhr Benno mit um so grosserm Nachdruck fort ...

Die Cigarre war noch nicht im Gange ...

Das beste Schiffsbauholz wiederholte Lucinde, um gleichsam den Faden festzuhalten ...

Bieten die Urwalder Canadas! Sie wissen doch, Fraulein, wo Canada liegt?

Lucinde dachte an ihre Langen-Nauenheimer Wandlandkarte und zeigte mit dem Sonnenschirm fest und sicher nach Westen hinaus.

Mutatis mutandis! bemerkte Benno ... Es konnte heissen: Wer Latein kann, weiss auch das! Oder: Da so herum ist allerdings richtig, aber Amerika besteht nicht aus Canada allein!

Das beste Schiffsbauholz, fuhr er fort, bieten die Urwalder Canadas, und die bequemste Gelegenheit, es auf dem Lorenzostrom und von da ins Weltmeer und nach England und Holland zu transportiren, findet man bei den vielen Nebenstromen des Lorenzo durch die furchtbaren Falle derselben. Ich weiss nicht, ob sich unser Freund Thiebold de Jonge, Sohn der grossen Handels- und Holzfirma "De Jonge's Erben" druben in der Residenz des Kirchenfursten, auf dem St.-Moritzstrome quer uber die tausendjahrigen Eichen setzte und mit ihnen die drei- bis funfhundert Fuss sturzenden Falle hinunterschwamm in seinen carrirten schottischen Inexpressibles; nur so viel ist geschichtlich bekannt geworden und in Lindenwerth der abendliche Geisterspuk, wenn die Englischen Fraulein uber die Lecture des "Telemaque" einnicken, dass eines Tages, Sonntags, nicht wahr, Hedemann? ...

Sonntags ... antwortete dieser kopfschuttelnd ...

Eines englischen Sonntags also, wo die Englander auch in Canada daheimsitzen und keine Landpartieen aus Quebec oder Three Rivers in jene Gebirge hinauf machen, aus denen der St.-Moritz mit den tausendjahrigen Eichen der Firma "De Jonge's Erben" niedersturzt zwei so melancholische Hypochonder wie der Oberst von Hulleshoven und sein Freund und Rathgeber da, Remigius Hedemann aus Borkenhagen bei Witoborn, nach Montreal wollten oder nach Isle de Jesus, wo man noch eine gute und richtige romische Messe zu horen bekommen kann in dem abtrunnigen ketzerischen Amerika ...

Hedemann schuttelte den Kopf ...

Nicht? fuhr Benno fort. Sieh! Sieh! Euch denuncir' ich doch noch der Inquisition! Ihr kommt mir beide schon lange so vor, als wenn Ihr in den alten Waldern, wo die Indianer dem "grossen Gotte" scalpirte Menschenkopfe zum Opfer bringen, heiligere Schauer verspurt haben wollt als in unserer alten borkenhagener Dorfkirche! Schamt Euch! Steigen die beide da nun herum uber die Felswande in der Nahe des kleinen Patersonsees und traumen von vergangenen Tagen und kunftigen englischen Halbsoldpensionen. Da scheu sie plotzlich einen jungen lustigen Dandy gerade unter dem letzten Sturz des St.-Moritz herumhupfen, wie wenn er hatte eine von den Tochtern der hochmogenden Frau Walpurgis Kattendyk zum Tanze fuhren wollen! Die reichste Familie druben in der Residenz des Kirchenfursten, Fraulein!

Keine Ausschmuckungen! sagte Lucinde.

Der Oberst, fuhr Benno fort, zeichnet gerade den malerischen Sturz, Hedemann raucht eine transatlantische Originalcigarre, da verschwindet plotzlich der Tanzer und beide wissen nicht, war es ein absichtlicher oder unabsichtlicher Entrechat, nach dem die beiden Firnissstiefel plotzlich aufhorten in der Sonne zu glitzern. Von einem Hulferuf konnte nicht gut die Rede sein, denn der St.-Moritz donnert dort zwar nicht wie der Niagara, spricht aber doch immer noch vernehmlicher als unser immer zahmer und kleinlauter werdender Rheinfall bei Schaffhausen ... (ob man sich gleich auch noch jetzt bei dem in der Taxe fur die Ueberfahrt verhoren und druben einen Franken zahlen kann, wenn man huben nur auf einen halben bedungen zu haben glaubt). Ringsum, wie gesagt, englischer Sonntag! Man wusste, dass in einem Orte Namens Forges eine Colonie von Flossern wohnt, die jedoch auf keine sonntagliche Wasserpartieen begierig schien und daheim trotz der Hitze vielleicht irgendeinen soliden Gin-Punch braute. Nur jenen einen Tanzer hatte man bemerkt. Da er nicht wieder zum Vorschein kam, wurden unsere Menschenfeinde denn doch ein wenig unruhig, und der argste aller Timone, dort unser Hedemann, beliebte zu aussern: Wenn nur das Burschchen nicht in den Sturz gefallen ist! In den Sturz namlich, von dem man die ganze Ausdehnung von dem Orte, wo sie sich befanden, nicht ubersehen konnte! Man macht sich nun allmahlich auf, klimmt empor, erreicht den Rand der Felsen, durch die der St.-Moritz sich hindurchdrangend in einen Kessel niedersturzt, aus dem hochauf eine riesige Schaumkrone sich erhebt und dann pfeilgeschwind weiter gleitet dem Lorenzo zu. Sie entdecken da nichts. Alles still; nur wilde Vogel fliegen quer uber den Sturz, dessen Schaumtropfen hoch hinaufspritzen, dass die Dinger wie taumelnd mit benetzten Flugeln das Weite suchen ... Da plotzlich entdeckt Hedemann's scharfes Auge unten an einem Felsenvorsprung eine Mutze, eine so elegante, wie sie nur Herr Thiebold de Jonge getragen haben konnte. Nun stand es fest, dass der Tanzer verungluckt war. Zu sehen war nichts. Man rief englisch, deutsch, franzosisch. Keine Antwort. Aber die Mutze lag da auf der Felsenkante und erst von dieser an konnte man senkrecht in die Tiefe blikken. Nun wuchs die Besorgniss. Sie steigerte sich mit dem immer gleichen Donnern und Zischen der aufspritzenden weissen Strudel, die ihr Opfer verschlungen hatten, wenn der Gesturzte nur einen Fuss breit von der Felswand weiter entfernt lag und sich im Niedergleiten nicht an der Wand irgendwie noch hatte halten konnen. Wer stieg die Wand zuerst hinunter, Hedemann?

Der Oberst!

Erzahlen Sie selbst, Herr Hedemann! unterbrach jetzt Lucinde. Herr von Asselyn, scheint es, brodirt die Geschichte, wie wenn sie in den Exercices des strasburger Englischen Frauleins gestanden hatte zum Uebersetzen ins Deutsche!

Da Benno es des drohenden Naherkommens der aus zwei Richtungen heraufziehenden Gewitter wegen fur gerathen halten musste, vorlaufig das Hinterdeck der Chaise aufzuschlagen, wobei ihn der Quasi-Postillon hinunterspringend unterstutzte, so nahm Hedemann nach Benno's Ausdruck nicht nur die Leine, sondern auch den Faden der Erzahlung auf und berichtete schmuckloser.

Er erzahlte, dass anfangs der Oberst und er, beide zu gleicher Zeit, den Entschluss gefasst gehabt hatten, sich gegenseitig unterstutzend bis zu dem Vorsprunge niederzusteigen, wo die Mutze lag. Freilich war damit schon Lebensgefahr verbunden, doch rollte kein Steinchen von der fast senkrecht niedergehenden Felsmauer. Bedenklich ware schon das Wagniss gewesen, sich nur uberzubeugen und weiter in die Tiefe zu sehen. Der Oberst hatte das aber gethan, wahrend Hedemann, sich mit den Fingern in die Wand einbohrend, ihn krampfhaft gehalten. Lautlos hatte er nach erstem Bekampfen des Schwindels sich wieder zuruckgelehnt und nur mit dem Kopfe genickt, als konnte schon der Schall der Worte die Kraft haben, die schmalen Steine, auf denen sie sich hielten, loszubrockeln. Mit Lebensgefahr ware man emporgeklommen und nun hatte der Oberst berichtet, dass ein junger Mann dicht am Rande des tosenden Sturzes anscheinend todt lage. Er ware dann gerettet worden ...

Was? Wie? fuhr Benno auf. Wer erzahlt so!

Zerschmettert vom Niedersturz, fuhr er mit pathetischer Stimme fort; zerschmettert vom Niedersturz konnte der Verungluckte nicht gewesen sein, denn der Fall war dicht an der Felswand entlang; ein Beweis, dass der Gefallene anfangs die Besinnung behalten hatte und an der Felswand niedergeglitten war. Unten aber konnte die Erschopfung, ja schon der Luftdruck des niedersturzenden Flusses, der bereits an dem kleinen Pavillon zu Lauffen beim Rheinfall den Athem benehmen kann, ihn vielleicht nicht mehr zur Besinnung kommen lassen

Sie mussten wol, fragte Lucinde zu Hedemann, wie zu einer authentischem Quelle hinauf, nach jener Colonie, wo die Holzschlager wohnten?

Sehr richtig, mein Fraulein! sagte Benno. Eine halbe Meile, und des beschwerlichsten Weges! Es vergingen drei Stunden, bis man an der einzigen Stelle, wo die Rettung moglich war, mit Stricken, Leitern und Stangen ankam. Der Schrecken war nicht gering in der Colonie. Der junge respectable Herr Thiebold de Jonge hatte diesen Spaziergang auf eigene Hand gemacht, wahrend zwei Commis, ein Diener und einer der besten Holzmesser des Geschafts, der die jungen Leute auf dieser Gewinn versprechenden Unternehmung begleitet hatte, in der Niederlassung zum Studium canadischen Gin-Punsches zuruckgeblieben waren. Die Verzweiflung derselben verdreifachte die Anstrengungen, die man zur Rettung machte, und doch wurde sie nicht gelungen sein, wenn das schwierige Anbringen der Leitern, der Stricke und Stangen nicht von den beiden tapfern Soldaten geleitet worden ware. Der Oberst war der erste unten. Der Verungluckte lebte noch. Er war allmahlich von einer Betaubung erwacht, um mit Schaudern zu gedenken, dass er, wenn ihn niemand hier aufsuchte, des elendesten Todes hatte sterben mussen. Eine Stunde verging in dieser grauenvollen Vorstellung. Sein Rufen verhallte im Wassersturze. Endlich kam Rettung. Sie war schwierig, aber sie gelang, wie Sie heute noch an meinem Freund de Jonge sehen werden. Sie gelang auf folgende Art. Erstens...

Genug! Genug! sagte Lucinde und wandte sich an Hedemann: Das gab gewiss eine gluckliche Scene!

Des Dankes? Der Ruhrung? Im Gegentheil! antwortete pathetisch fur diesen Benno. Unsere zwei Sohne der Moorheide enthullten nur oberflachlich ihr Incognito, nahmen vor zwei Jahren den gleichgultigsten Abschied von ihrem ewigen Schuldner, nicht einmal einen schonen Gruss bestellten sie durch ihn nach Borkenhagen oder Westerhof oder Kocher am Fall. In Quebec erfuhr der Gerettete die Namen des deutschen Obersten und seines nicht im activen Dienste stehenden Gefahrten; er wollte ihre Ruckkehr in Garnison abwarten, aber sein Schiff war "klar", er reiste ab mit Hinterlassung einer Menge von Danksagungen und Geschenken. Erst hier in Europa sahen sie sich zufallig in der Residenz des Kirchenfursten wieder. Heute in Kocher am Fall bei diesem Wolkenbruch werden sie sich an die Strudel des St.-Moritzflusses zuruckversetzt fuhlen!

In der That brach jetzt das Wetter auch uber die Reisenden mit furchtbarer Gewalt aus.

Man bot Hedemann an, dass auch das Vorderverdeck aufgeschlagen wurde und er schleunigst hereinkame.

Hedemann offnete aber nur den Soldatenmantel Benno's und lehnte einen Aufenthalt um so mehr ab, als ein in der Nahe liegendes Wirthshaus bei schnellem Zufahren sofort erreicht sein konnte. Dort wollte man Rast halten und den Wagen vollends verschliessen.

Das Wirthshaus lag an einem Kreuzpunkte mehrerer Landstrassen.

Immer grosser wurde die Zahl der sich eilenden soldatischen Kameraden, die in Blusen und Kitteln gen Kocher zogen. Manche Bekanntschaft gab es in der jahen Flucht der sich Bergenden mit winkender Hand zu grussen. Auch der Major der Gensdarmen, unter dem Grutzmacher stand, wurde auf einem Gaule dahinjagend ersichtlich... Von der nordlichen Strasse kam ein geschmackvolles Reisecoupe herangesprengt... Zwei Uniformen sassen darin, die aus dem Wagen sich vorbeugten, eine, die einem Offizier, eine andere, die, wie Benno, einem Gemeinen angehorte....

Letzterer sprang in dem Gedrang an dem Wirthshause noch vor dem Offizier heraus.... Und wie fast zu gleicher Zeit auch das Gefahrt aus St.-Wolfgang anhielt und der Soldat den im triefenden Mantel sitzenden Hedemann erkannt hatte, kam er zu diesem herangesprungen, ihm die Hand zu schutteln und ihn fast zu umarmen. Jetzt hielt ein Diener in Livree einen Regenschirm uber dem Soldaten ein wunderlicher Contrast zu seiner Jacke als Gemeiner. In dem Durcheinander des Erkennens, dessen Reihe nun auch an Benno kam, des Verfahrens, der Begrussungen da und dort, des aus dem herabgelassenen Schlage Hinausspringens und unter das schutzende niedere Dach Eilens auch von Seiten Lucindens war ihr vernehmbar und ersichtlich geworden, dass der neue Ankommling Herr Thiebold de Jonge war.

So eilig sie in die dumpfe, von Menschen uberfullte Wirthsstube lief, sah sie doch, dass der am Wasserfall von St.-Moritz Gerettete eine schlanke Gestalt von lebhafter Beweglichkeit und dreisten und gefalligen Formen war. Er trug helle Glacehandschuhe, Firnissstiefel, eine Piqueweste unter der nur am obern Knopf geschlossenen Uniform vom feinsten Tuche und eine carrirte Reisemutze, wie sie mehr einem reisenden Englander als einem Landwehrmann angehoren konnte.

In der Wirthsstube sah man Soldaten, Bauern, Viehtreiber, Hausirer, Geistliche, alles was der Regen nur hereinfegte. Lucinde horte bald, dass der Vorfall mit dem Grabe in St.-Wolfgang schon allgemein bekannt geworden war ... Major Schulzendorf erorterte ihn draussen mit den eben Angekommenen und dem Landwehroffizier, dem Begleiter Thiebold's ... Hedemann war inzwischen verschwunden. Ohne Zweifel suchte er die nicht sichtbaren Italiener auf. Dass sie zugegen waren, sah Lucinde an ihrem ausgespannten Wagen vorm Hause.

Angegriffen von der Fahrt, erregt von allen neuen Mittheilungen und Eindrucken, fast erstickend von der Schwule des kleinen Saales und betaubt von den larmenden Stimmen der vielen Menschen, stand sie am Fenster. Die Blitze warfen uber die ganze Ebene hin ein magisches Licht. Seltsam glanzte und strahlte das graue Gestein der vulkanisch zerrissenen Gegend.

Ihre Begleiter kamen nicht in den Saal und sie selbst mochte sie nicht aufsuchen. Sie erfuhr, dass es bis Kocher nur noch eine halbe Stunde zu fahren war.

Schon nach kurzer Zeit hatte im Regen der Kutscher den Wagen draussen ganz geschlossen, wie sie am Fenster stehend beobachtete. Die Pferde wurden nicht ausgespannt und Lucinde konnte annehmen, dass ihre Begleiter sofort weiter zu fahren wunschten.

Doch kamen sie lange nicht zuruck ...

Sie wartete und wartete ...

Es verging fast eine halbe Stunde.

Endlich liessen sich draussen schon die Italiener sehen.

Auch der Regen horte auf. Die Wolken theilten sich. Die Italiener schienen an ihre Weiterreise zu denken.

Lucinde trat jetzt aus dem Saale hinaus, wo sie so lange am Fenster sinnend und traumend gestanden hatte.

Sie suchte nach ihren Reisegefahrten, die sie so auffallend vernachlassigten ...

Eben war sie im Begriff, den Alten, Napoleone Biancchi, zu grussen, als sie, unter dem Thorwege stehend, nach dem Hofe und Garten zu einen lauten Wortwechsel und plotzlich aufs allerheftigste eine Stimme: Hedemann! rufen horte.

Sie wandte sich. Mehrere andere folgten ihrem Beispiel. Einige der Hausirer sprangen hinzu nach der Gegend hin, wo der Ruf hergekommen war.

Das war ja Benno's Stimme! sagte sich Lucinde.

Wie sie dem Beispiel der andern folgend sich wandte, um dem Hofe zuzueilen, kreuzte ihre Schritte, wie auf der Flucht, leichenblass und mit furchtentstellten Zugen, Porzia ... Ihr jungerer Bruder Catone lief hinter ihr her und trug ihren Hut, der ihr entfallen gewesen schien.

Trug diese Begegnung schon den Charakter eines Moments denn ebenso schnell war Porzia verschwunden und auf dem Wagen bei ihrem staunenden Vater und ihrem altern Bruder, der schon die Peitsche in der Hand hielt , so war der Anblick, der sich allen nun schnell herbeigekommenen Beobachtern im Hofe darbot, wie die plotzliche Versteinerung der lebendigsten Scene.

Der Hof und Garten gingen in Eins ... Unter der Kegelbahn schienen die Italiener ein einfaches Mahl gehalten zu haben ... Auch vom Hause aus konnte man in die Kegelbahn eintreten, wo man einen gedeckten Tisch sah ... Hedemann, Benno, Thiebold de Jonge und der Landwehroffizier bildeten eine charakteristische Gruppe ... Hedemann's breitkrampiger Sommerhut lag auf dem nassen Boden im Garten draussen, er selbst stand wie wutschnaubend und wie zum Angriff ... Benno vor ihm, ohne ihn zu beruhren, doch in der Geberde, die den gewaltigen Ruf: Hedemann! begleitet haben musste ... Thiebold de Jonge stand schutzend vor dem Offizier, dem seinerseits die Mutze gleichfalls entfallen war und ein plotzlicher Schreck alle Farbe geraubt hatte ...

Wie die Menschen neugierig herzugelaufen kamen, riss Benno den in jeder Ader zu einem Angriff gerusteten Hedemann in den hintern Garten. Er folgte gelassen jetzt wie ein Kind und willenlos und nur noch das eine Wort kam allen horbar von seinen bebenden Lippen:

Herr von Enckefuss!

Jede Silbe war betont ... in jeder Schwingung der wenigen Worte lag die Andeutung, als wollte er sagen: Wir beide kennen uns doch wol?

Ein Aufenthalt in der Beurtheilung und Vermuthung uber alles das war nicht moglich, denn Thiebold de Jonge trallerte soeben laut eine Arie und zog den Lieutenant, wie wenn nichts vorgefallen ware, gleichsam tanzelnd fort. Er fuhrte den Erschrockenen, der seine Mutze aufhob, auf einem andern Wege gleichfalls in die grunen Gebusche hinaus ...

Bald kam Benno, der Lucindens ansichtig geworden war, aus einem, wie man sah, mit den lebhaftesten Demonstrationen gefuhrten Gesprach mit Hedemann nach vorn und sagte zu Lucinden:

Bestes Fraulein! Sie werden gutthun, lieber allein vorauszufahren! In der Dechanei kommen Sie gerade noch zu einem Mahle an, das heute zu Ehren der fremden Geistlichen stattfindet! Eilen Sie! Sie finden den Onkel und die Tante dann im besten Humor! Wir andern wir bleiben noch eine Weile zuruck Gelegenheit, sehen Sie, gibt es genug nach Kocher am Fall und mein Absteigequartier ist ohnehin nicht in der Dechanei, sondern seitwarts in einem kleinen Weinberge, den der Oberst bewohnt!

Aber Hedemann? ... fragte Lucinde forschend und um so teilnehmender, da sie der Name "von Enkkefuss" an die alten dustern Begegnungen ihres Lebens, an den Rittmeister, den "schonen Enckefuss", erinnerte ...

Fahrt mit uns oder geht nach dem Regen lieber zu Fuss ... Sehen Sie nur, dieser Thonboden saugt eine Ueberschwemmung ein, so durstig ist er! Adieu, Fraulein! Heut Abend oder morgen in der Dechanei! Viel, viel Gluck!

Diese Willennsausserung und Verabschiedung waren zu bestimmend.

Benno begleitete schon Lucinden an den Wagenschlag und half ihr mit Artigkeit einsteigen.

Ehe sie sich noch gesammelt hatte, ehe sie nur ihre Frage: Aber was ist denn nur vorgefallen? ausgesprochen, fuhr sie schon von dannen.

Eine Aufklarung konnten die Italiener geben. Diese aber hatten schon eine andere der vielen hier sich kreuzenden Strassen eingeschlagen, nicht die, auf welcher sie nun selbst nach Kocher fuhr.

Vom Kutscher konnte sie nichts Anderes uber den Vorfall erfahren, als dass jener Herr von Enckefuss aus der Residenz des Kirchenfursten und zu den Landwehrubungen kam wie alle andern.

Bald aber glaubte sie den Vorfall so zu verstehen: Der Offizier verfolgte Porzia, Hedemann trat dazwischen, ein Wortwechsel entstand, ein Streit, Benno aber hielt Hedemann zuruck, einem Offizier in Uniform eine Beschimpfung anzuthun, die diesen hatte zwingen mussen, vielleicht Hedemann zu durchbohren ...

In dem Ton, wie Hedemann den Namen: Herr von Enckefuss! gerufen, lag eine Andeutung, dass sie sich kennen mussten. Was hinderte sie, anzunehmen, dass sie dem Sohne des "schonen Enckefuss" begegnet war, desselben Landraths und Freundes des Kronsyndikus, vor dem sie selbst oft genug ebenso, wie jetzt Porzia, entflohen war?

Nach einer halben Stunde, gegen halb zwei Uhr, sah sie am Rande eines eigenthumlich geformten, schroffen, fast sargahnlichen, dunkeln Bergruckens das Stadtchen Kocher am Fall.

Eine hohe Kuppel mit vier Thurmen ringsum gehorte ohne Zweifel dem Dom von St.-Zeno an ...

Auf ihrer Brust wurde es schwerer und schwerer, je mehr sie hinuberblickte zu der Kathedrale, die massig hoch auf einer terrassenformig sich erhebenden Anhohe lag. Diese kleine Anhohe beherrschte auf dieser Seite die Stadt, wahrend auf der andern der dustere Sarg des Gebirges lag.

Jetzt fuhr sie auf gekieselten Wegen durch smaragdgrune, vom Regen funkelnde Wiesen; dann lenkte der Wagen in Baumalleen ein, die von geschnittenen Hecken durchbrochen wurden ...

Unmittelbar um ein im Quadrat liegendes kleines Schloss zwar nicht so phantastischen, wie sie in ihrer Vision gesehen, doch gefalligen alten Geschmacks zogen sich Blumen- und Gemusegarten ... alles hatte einen vornehmen, sehr gepflegten Anstrich ...

Das Schloss war mit mancher Bildhauerarbeit geziert.

An der Pforte, wo zwei gewaltige Karyatiden einen Balcon mit einst vergoldet gewesenem Eisengitter trugen, fuhr der Wagen an, ohne sogleich empfangen zu werden.

Der Kutscher musste absteigen und klingeln.

Es scholl weithin wie mit doppelten Zugen, die den Klang der ersten Glocke nach einer zweiten ubertrugen.

Ein alter freundlicher Diener in weissen langen Haaren wahrscheinlich der in Aussicht gestellte Sternseher erschien, spitzte klug die Augen, orientirte sich, lachelte wohlwollend und fein und offnete den Schlag.

Er hatte eine Serviette uber dem Arm, zum Beweise, dass man im Hause mit dem Diner beschaftigt war.

6.

Am Nachmittag desselben Tages stehen weit geoffnet die Flugel eines an der andern und gerade der Pforte entgegengesetzten Seite der Dechanei befindlichen hohen Fensters.

Dicht beschattet sind sie von den Zweigen einer Linde, die sich von den fast muhsam durch das Laub hindurchdringenden Strahlen der wieder am blauenden Himmel hervorgetretenen Sonne die nassen Zweige und Blatter trocknen lasst.

Die Vogel zwitschern, Kafer, die an den Simsen und in den Cannelirungen des Hauses vor dem Regen ihre Zuflucht gesucht hatten, summen wieder, und wirklich trottet ein Pfau unterm Fenster uber die unten rings hinlaufenden feuchten Sandsteinvliesen und wiegt und hebt den bunten Schweif, fast wie um ihn nicht nass werden zu lassen und ganz wie eine Dame ihre Kleider schont.

Sahe man nicht da und dort ein heiliges Emblem, am Eingang des engern Parks ein Marienbild, am Ausgang zur Kathedrale hin ein Crucifix, unter den Stuccaturen an dem Hause eine ehemals vergoldet gewesene Strahlenkrone, ein Kreuz, ein Dornenhaupt; man wurde den Eindruck haben, als musste man sich hier umschauen nach einem Marmorbilde der Flora, nach einer Gruppe versteckter Satyrn oder Nymphen entfuhrender Centauren.

Am offenen Fenster gibt es einen traulichen grunen Winkel zwischen den fast hineinlangenden Zweigen der Linde und einem Studirtische, dessen Vorsprung den Vogeln ebenso zuganglich scheint wie eine Anzahl aus Fenster geruckter Sessel, auf deren Lehnen sie sich wagen.

Der Greis, den die Vogel schon kennen und den sie sogar auf seinem Schreibtisch besuchen er lockte sie durch seinen Morgenzwieback und sein Mittagsdessert nennt diesen Winkel seine liebste Sakristei und seinen segensreichsten Beichtstuhl.

Man sieht auch Bucher in glanzenden Einbanden mit geoffneten Kupfersticheinlagen in der Mitte des Zimmers auf einem runden Tische. Man sieht einen in Guache gemalten Christuskopf von Guido Reni uber dem Schreibtisch. Die bunten Lithophanieen, die die Fensterscheiben verdecken, sind jetzt, da die Fenster offen, an die Wand gelehnt. Man sieht in Alabaster das Abbild der speerbewaffneten Gottin der Weisheit vom Parthenon auf einem kleinen weissen Porzellanofen. Auf dem eleganten Mahagonischreibtisch mit Fachern und kleinen durchbrochenen Galerieen aller Art liegen und stehen in Bronze bunterleigestaltete Nippsachen, Briefbeschwerer, Streusandschalen, Federgestelle, Federwischer von bunten Farben, ein gewaltiges Tintenfass in Gestalt eines sein schwarzes Gift ausspritzenden Drachen, zierliche silberne Leuchter, ein Lichtschirm von gruner Seide ...

Der ehrwurdige Bewohner lehnt den einen Arm auf ein grunsammtenes Fensterkissen und athmet den kostlichen Duft der Linde ein. Er lockt einen der Vogel, die sich in seinem stillen und dunkeln Zimmer unter ihren Zweigen zu sein traumen ... und am liebsten beschied er ebenso von seinen Beichtkindern alle die, die ihm gar zu oft kamen oder zu umstandlich sich ausplauderten oder die in ihrer "Sundhaftigkeit sich so ausserordentlich wichtig machten", hierher an diese stille Statte ... In neuerer Zeit freilich kamen wenige. Die Dechanei stand nie im Geruch der Heiligkeit, jetzt vollends nicht, seitdem Beda Hunnius, Bonaventura's damaliger Mitgeweihter, nach mancherlei anderweitiger Verpflanzung in Kocher Stadtpfarrer geworden war und uberhaupt in vielen Kirchen rings in der Provinz taglich die Posaune Zions machtiglicher geblasen wurde, als "zu seiner Zeit" hier Sitte war. Manche jetzt predigten doch, als wollten sie die Trommeln ubertonen, die da eben jetzt auf dem Marktplatz drinnen zu Kocher am Fall geruhrt wurden zum Appell des 35. Landwehrregiments. Sie larmten, als sollt' es an eine neue Bartholomausnacht gehen, an ein Pour l'amour de dieu mit geschwungenem Schwerte, falls nur der Herr Kirchenfurst im Kampf mit der Regierung, mit der Philosophie und den gemischten Ehen die Parole dazu geben wollte ... Der gute Onkel Bonaventura's und Benno's von Asselyn nahm die Sache der Religion von einer milden Seite. Auch hier an seinem Lindenbaum Pflegte er jedesmal schnell mit dem selbstgeschilderten tiefen Verderben seiner Beichtkinder fertig zu werden, zog dann gern sein goldnes Doschen, ging auf Krieg und Frieden in der Turkei, auf Kunst, Natur, Menschenleben in Rom, Griechenland und Kocher am Fall uber und endete gewohnlich mit den besten Zuspruchen zum Entschluss, auf Gottes Gnade zu vertrauen, und mit den zuversichtlichsten Hoffnungen auf das nach Leibniz ja prastabilirte Gluck und die Heiterkeit des ganzen Universums.

Dabei entbehrt jedoch der Greis, der, zuruckgelehnt in einen bequemen saffianenen Voltaire, ein violettes Sammtkappchen auf dem mit weissen Lockchen umwallten Haupte tragt, keineswegs einer gewissen Scharfe. Etwas Schlaues sogar, wenigstens Markirtes, fehlte dem Dechanten keineswegs. Seine Nase war lang und habichtartig, das Auge dunkel und sogar listig. Und stochert er sich eben die wenigen Zahne, die ihm noch geblieben sind, so ist es mit jener feinen Miene, die mehr einem Diplomaten hatte angehoren konnen, allerdings einem Diplomaten aus der alten Schule, jener, die noch am Wiener Congress um ein Bonmot vom Fursten de Ligne sich ebenso exaltiren konnte, wie unsere jetzige Diplomatie sich nur um eine neuconstruirte Jagdflinte exaltirt. Auch des Dechanten Kinn war ausdrucksvoll schon geschweift und langlich, die ganze Erscheinung, auch in den weissen wohlgepflegten Handen, entschieden vornehm und aristokratisch; ja, statt des kleinen weissen Streifens unter der schwarzen Halsbinde hatte ebenso gut ein blaues oder rothes Band irgendeines Comthurkreuzes hervorschimmern konnen. An den schongeformten Schlafen, an der Stirn und dem Scheitel konnte man Geist und Phantasie erkennen. Nur ein etwas zu weicher, ja schlaffer Zug am Munde verrieth Bequemlichkeitsliebe, ein bekanntes Erbubel alter Garcons, vornehmlich derer von der langen Robe.

Seiner geistigen Richtung nach gehorte Franz von Asselyn zu den wenigen noch Ueberlebenden aus der Zeit Wessenberg's, der sich damals, als das gesammte Vaterland fur alle seine Lebensbezuge eine Vereinigung traumte und sich diese ehrlich verdient hatte durch die Jahre der Napoleonischen Knechtschaft, verdient durch den Aufschwung der Befreiungsjahre, auch fur die katholische Kirche "Reformen" moglich gedacht hatte. In jener Zeit hatte Franz von Asselyn rasch emporsteigen konnen zu einem Bisthum; er hatte jetzt Erzbischof sein konnen; denn waren auch die drei Bruder von Asselyn, Franz, Friedrich und Max, an Gutern nicht gesegnet, hatte jener den Priesterstand, Friedrich die Beamtencarriere und Max die Bewirthschaftung der wenigen und nach seinem fruhen Tode ganz verausserten Besitzthumer der Familie gewahlt und traten sie dabei ohne andere Ausstattung als die ihres Herzens und ihrer Bildung in die Welt, so fehlte es doch an Verbindungen nicht. Franz liess sich, nach einer lebhaften Antheilnahme an der "westfalischen" Zeit und einem damals haufigen Einspruch auch auf Schloss Neuhof, wo er in der That Frau von Gulpen kennen gelernt hatte, in der Friedenszeit eine gute Pfrunde genugen, das Dechanat zu St.-Zeno. Obgleich in einer wenig freundlichen Gegend gelegen, war sie doch die eintraglichste und reichstdotirte auf funfzig Meilen im Umkreise. Man wurde sie, wie alle diese Stifter, wenn nicht nach dem Wiener Congress sacularisirt, doch in ihren Einkunften beschnitten haben, wenn nicht von alten Tagen her die deutschen Kaiser auf die alte Kathedrale ein Patronatsrecht gehabt hatten, das infolge eines damals von Franz von Asselyn entwickelten ausserordentlichen Eifers auf das Haus Oesterreich ubertragen wurde. So erhielt sich die Dechanei zu Kocher am Fall in ihren alten Einkunften, wahrend die Amtsverpflichtungen sich nur auf den Kirchendienst beschrankten; denn zum wirklichen, der Bureaukratie verantwortlichen Dechanten machte man spater den Stadtpfarrer eines benachbarten Ortes, nachdem eine kurze Zeit hindurch Franz von Asselyn die wirkliche Superintendentur verwaltet und uber Geburten, Hochzeiten, Sterbefalle, Disciplinarvergehen, Kirchenbauten und Reparaturen, Verbrauch von Wein, Brot, Oel, Wachs u.s.w. an die Regierung seine Berichte gemacht hatte. Es war freilich nur ein kurzer hitziger Anlauf gewesen. Franz von Asselyn war seiner Unfahigkeit zu solchen Relationen schon damals inne geworden, als ihn der kurze, befehlende Ton der Regierungsbescheide verletzte. Sowol sein "freiherrlicher" Sinn wie der dem Priester mit der ersten Weihe eingepflanzte Stolz, der bei manchem bekanntlich in Hochmuth ubergehen kann, konnte sich in diese Erlasse, in die Form dieser Fragen und Antworten nicht finden. Als er im Unmuth uber den officiellen Regierungsstil einmal fast gegen ein Viertelhundert Briefe im Zeitraum von zwei Monaten gar nicht geoffnet hatte und ihm doch uber die Dinge, die er nun versaumte, uber die Menschen, die er durch die Nichtbeachtung ihrer Angelegenheiten in die peinlichste Noth versetzte, zuletzt so himmelangst wurde, dass ihm die Briefe in Gestalt handeringender Weiber und Kinder Nachts am Bette erschienen und er nicht mehr schlafen konnte, da schickte er sammtliches aufgehaufte Material an den damaligen Kirchenfursten der Provinz mit der Bitte, ihn vor dem hohen Gubernium zu entschuldigen oder ihm wenigstens fur sein kurzgefasstes Mittel, sich nicht argern zu wollen, die moglichst lindeste Strafe zu erwirken. Der damalige Kirchenfurst war im Sinne der Regierung gestimmt, doch nicht ohne Wohlwollen fur seine Angehorigen; so erfolgte eine friedliche Vermittelung. Die Dechanatsgeschafte wurden dem Freiherrn Franz von Asselyn einfach abgenommen gegen eine Vergutung an seinen Stellvertreter.

Der nominelle Dechant war indessen bei alledem doch feinen freiern Anschauungen uber die Stellung der Kirche zur Religion, Wissenschaft und zum Vaterlande nicht untreu geworden. Fur die jetzt angebahnte mittelalterliche Reaction fehlte ihm alle verwandte Gemuthsstimmung. Er sah sogar etwas in ihr, dem der Stolz und die dynastische Treue des deutschen Adels sich fern halten sollte. Er mochte nicht den Protestantismus, hatte aber gern eine katholische Kirche gehabt, in der Licht und Aufklarung, alle Kunste und Wissenschaften, die den Menschengeist, vorzugsweise den deutschen, ehren, Platz behalten hatten. Diese Gesinnung mit Eifer zu verfolgen, fur sie zu kampfen, zu leiden, dazu fehlte ihm leider der Aufschwung. Er begnugte sich, seinerseits das zu sein und auch zu scheinen, was er war. Er liess sich die Minerva nicht von seinem Ofen wegnehmen, bis des Winters, wenn geheizt wurde. Dass es daruber Anfeindungen gab, verstand sich bei der zunehmenden Liebe zur Dunkelheit und Angeberei von selbst. Einstweilen versohnte er die Gegner durch sein edles Herz. Seine Wohlthatigkeit war grenzenlos und wenn man an seiner Rechtglaubigkeit zweifelte, konnte er sagen: Ich erzog euch ja einen Heiligen und wer weiss ob nicht ausserdem noch einen St.-Georg, wenigstens einen vorm Appell- und Cassationsgerichtshofe! Er meinte Bonaventura und Benno, die er beide hatte ausbilden lassen und wie seine Sohne liebte.

Diese Aeusserung hatte der Dechant auch noch heute wiederholt gethan, als er bei seinem immer gewahlten, heute sogar festlich gewesenen Tische mitten unter Donner, Blitz und Regen mehrere der tonangebenden Geistlichen der Umgegend zu Gaste hatte. Mit Einschluss der Frau von Gulpen, seiner nunmehr schon fast der "goldenen Hochzeit", wie er oft scherzte, sich nahernden Wirthschaftsfuhrerin, hatte die Tafel beinahe aus dreizehn Personen bestanden. Sein alter Diener, der Sternseher er hiess Joseph Windhack und hatte einst bei einem tuchtigen Lehrer der Astronomie, einem osterreichischen Exjesuiten in Wien, seine Carriere im Dienen und im Sternsehen begonnen , hatte diese Herausforderung der Schicksalsmachte ebenso wenig geduldet wie Frau von Gulpen. Es waren an die immer offene Tafel des Gastfreiesten der Gastfreien heute statt neun elf geistliche Herren gekommen, unter ihnen sogar ein Monch. Jetzt blieb der Oberst von Hulleshoven, der murrische Sonderling, aus. Nun half nichts, Frau von Gulpen musste die zwolf Herren allein lassen und sich von der Tafel ganz zuruckziehen, wodurch sie insofern einen Vortheil gewann, als sie desto umsichtiger erstens die Ordnung der verschiedenen Gange dirigiren und zweitens die gerade zwischen einem pikanten Hors d'oeuvre und dem Rindfleisch ankommende Lucinde empfangen konnte.

Auf eine kurze Vorbereitung und erst einleitende Anweisung fur ihre Stellung war Lucinde gleich in dem oben citirten Briefchen angewiesen gewesen. Dass diese so kurz ausfallen wurde, hatte vielleicht Petronella von Gulpen selbst nicht geglaubt; denn Lucinde war uber die Aehnlichkeit der Gesellschafterin des Dechanten mit ihrer alten verschollenen "Frau Hauptmannin" sogleich wie sprachlos geworden, hatte allem zugestimmt und sich nur erst auf ihrem Zimmer zu sammeln gesucht ...

Das Diner war voruber. Der Dechant erschopft von Tischgesprachen, wie er sie nicht liebte. Hatten diese Collegen sich heute nicht gerustet zu der Conferenz, die Nachmittags beim Stadtpfarrer stattfinden sollte, als galt' es einen Wettkampf mit den Kriegsmanovern! Es waren nicht einmal die Zeloten, die der Dechant bei sich sah, aber alle standen unter dem Druck der Eiferer ... und der Monch, ein Franciscaner, den einer der Herren mitgebracht hatte, war einer der beruhmtesten unter den Drangern und Sturmern und ein geistvoller Mann dazu. Wie griff das alles den Dechanten an, ihn, der die Gewohnheit des alten Exjesuitenschulers, seines einst aus Wien mitgebrachten Dieners, Joseph Windhack, Abends auf einer Plateforme des Schlosschens sich um den Lauf und die Stellung der Gestirne zu bekummern, so gern zum Anlass nahm, von ihnen beiden zu sagen, dass sie ja uberhaupt mehr im Sirius lebten als auf dieser kleinen Erde, dieser Tellus, die nicht einmal ein eigenes Licht hatte, sondern das ihrige von der Sonne und dem armseligen Monde borgen musste, ja dass die Sonne wieder ein Fixstern untergeordneten Ranges ware und mit dem Sirius in gar keine Vergleichung kommen konnte, welcher Sirius wiederum seinerseits ... Weiter ging er wenigstens in seinen Ketzereien heute an der Tafel nicht, wo das Gesprach auf den Sirius gekommen war und den Monch veranlasst hatte, uber die Kassiopeia und die Farbe der Sterne uberhaupt zu sprechen, woruber sich Windhack beinahe vergessen und beim Serviren ins Gesprach gemischt hatte.

Bis zur Conferenz beim Stadtpfarrer, wo der Dechant nicht fehlen durfte, hatte es noch einige Zeit ... Nach dem Diner waren die Gaste entlassen worden, weil sie den Kaffee beim Stadtpfarrer nehmen sollten. Der Dechant hatte ein wenig in seinem Voltaire geschlummert, hatte den sussen, weichen Lindenduft eingeathmet, hatte das Zwitschern der Vogel belauscht und den Pfau vom Simse oben auf die untern Vliesen gejagt, diesen Lolo, den er nur Frau von Gulpen zu Liebe duldete; denn Lolo war ein gar boser Vogel, wie alle Pfauen. Eitel von der hohen Buschelkrone bis zu den bunten Augen seines Schweifes hinunter, fuhr er herzlos auf alles Lebendige zu, dem er nur irgend mit seinem krummen Schnabel beikommen konnte. Ein unsteter Nachtunhold, hielt er nie sein Nest im geraumigen Hofe inne, sondern hatte Lagerstatten uberall, oben auf Windhack's Sternwarte, beim Huhnerstall, in der Nische eines steinernen Marienbildes, an den Eingangssaulen des Portals, auf einem Zweige da, in einer Hecke dort. Lolo war ein Nachtschwarmer, uber den der Dechant in mancher schlaflosen Nacht oft bitter seufzen musste, mehr noch als uber das allgemeine Weh der Welt, bis er regelmassig bei solchen Storungen doch zuletzt argerlichst an die spanische Wand klopfte und der in Sorge um den Lolo nebenan noch wachen Petronella von Gulpen zurief: Aber liebste, beste, theuerste Freundin! Was hat denn nur Ihr verfluchter hoffartiger Satan heute Nacht schon wieder vor? Gewiss wieder nichts als Zorn und Aerger auf die Hennen, die still und sanft uber ihren Jungen sitzen! ... Dann pflegte Frau von Gulpen seufzend zu erwidern, der Lolo grame sich, weil er im grunen Parke allein leben musse ... Der Dechant entgegnete aber: Ei, der niedertrachtige Kerl mordet uns ja jedes Weibchen, das wir ihm schon bei allen Gutsbesitzern der Umgegend bald erbettelt, bald mit schwerem Gelde erkauft haben! Glauben Sie mir's, beste Freundin, um das Gluck der Ehe wurdigen zu konnen, ist der Mensch, wollt' ich sagen der Vogel zu lange Colibatar gewesen! Gerade wie bei uns! Heben Sie heute das Colibat auf, ich glaube, wir heirathen gar nicht einmal! ... Frau von Gulpen war dann, statt auf solche Blasphemieen schlafloser Verzweiflung zu antworten, gewohnlich schon in ihrer Kontusche, hatte die Fenster geoffnet und sprach in die finstere Nacht hinaus mit dem auf einem Baumzweige wach sitzenden und vielleicht, wie der Heine'sche Fichtenbaum, von seiner eigentlichen Gangesheimat, wo eben allerdings die Mittagssonne hellglanzend in die Kelche der Lotosblumen schien, traumenden Vogel sanfte und still begutigende Worte.

Trotz solch schrecklicher Nachtreden war aber der Dechant die Sanftmuth und Herzensgute selbst und am Tage von den gewahltesten Ausdrucken.

Zur Bestatigung dessen hatte man nur seine zierlichen Billetchen zu lesen brauchen, z.B. die Zeilen, die er schon heute fruh geschrieben hatte, um vom eigengezogenen Obst des heutigen Desserts ein Korbchen voll an Frau Majorin Schulzendorf (die Gattin des Chefs unsers braven Wachtmeisters Grutzmacher) zu ubersenden. Unter einem Briefbeschwerer von Achat lagen die beantworteten, unter einem andern von Marmor die noch zu beantwortenden Briefe. Das waren allerdings keine "Regierungsschinken", wie sie gewohnlich genannt und fruher zum Rauchern gleichsam in den Schornstein gehangt wurden: zierliche, duftende Billetchen waren es, und manche darunter weit her und hin, besonders aus und nach Wien, das er alle drei Jahre zu besuchen verpflichtet war.

Heute fesselte ihn ein Brief, den er lange in der

Hand behielt ...

Es war eine vor Tisch erst empfangene Antwort ...

Er hatte an einen geistlichen Freund geschrieben,

der sich mit dem Ausdeuten von Handschriften beschaftigte und darin ebenso viel Vergnugen fand, wie seinerseits der Dechant in seiner Kupferstichsammlung, seinen Gemmen und den Alterthumern von Herculanum, Pompeji, Babylon, Ninive, die er alle um sich breitete und in Dutzenden von Mappen sammelte.

Diesem Freunde hatte er einige Zeilen einer Hand

schrift vorgelegt, die ihm vor einigen Wochen in einem anonymen Briefe mit mehreren Poststempeln aus dem Canton Tessin in der Schweiz, aus Chur in Graubundten, aus Lindau am Bodensee zugekommen war ...

Der Chirogrammatist schrieb ihm, die bezeichnete Handschrift ware eine verstellte und gehore einem Manne an, der mindestens funfzig Jahre zahlte, einen melancholisch-phantastischen Charakter hatte, niemals Borsengeschafte zu machen im Stande ware, im Jahrhundert des Yankeethums sich unheimisch fuhlte, am liebsten in einer kleinen verschwiegenen Villa am Lago di Lugano, am Fusse der Alpen oder in einem dustern Eichenwalde in den Thalern Piemonts wohnen konnte, einem Manne endlich, der, wenn er ein Feldherr gewesen ware, wie Cincinnatus hinterm Pfluge die Gesandten wurde empfangen haben, die ihm das Consulat bringen wollten, einem Manne, der, wenn er ein Furst ware, doch wie Dionysius nach seinem Sturze in Korinth einen Schulmeister hatte spielen konnen, einem Manne, der Staaten lenkte und dabei junge Madchen unterrichtete im Griechischen, Hebraischen, auch wol Abends beim Thee mit einer Schere zierlich ausschneiden konnte ... wie dergleichen Thatsachen die Handschriftdeuter bis zur Beantwortung der Frage, ob der betreffende Schreiber gern auch Sauerkraut asse und die unlobliche, doch vielen grossen Geistern eigene Gewohnheit hatte, sich die Nagel zu kauen, herauszubringen wissen.

Ja, der Correspondent trieb seinen Scherz noch weiter. Der Dechant las, dass der anonyme Briefschreiber "Werther's Leiden" auswendig wusste, keinen Monat bis zum Dreissigsten mit seiner Gage auskame und sich in jeder Stadt gefallen wurde, nur in keiner, die zu gleicher Zeit Festung ware oder an einem schiffbaren Flusse lage ...

Und nun zog der Dechant, lachelnd und kopfschuttelnd, aus einem der Schubkasten seines MahagoniSchreibbureau einen Brief, an dessen vielfach gestempeltem Couvert man die Veranlassung dieser chiround einfach romantischen Deutungen und Ahnungen erkannte.

In anonymen Briefen liegt, wenn sie uns nicht aus feigem Versteck mit Grobheiten regaliren oder die Ansicht eines einzelnen Dummkopfs zu einem "Es geht das Gerucht" aufblasen, ein eigener Reiz, zumal wenn sie, wie dieser, ein verschwiegenes Abenteuer provociren, ein Stelldichein, das freilich in dem vorliegenden Briefe aus dem Canton Tessin in der Schweiz (so gern der Dechant alle drei Jahre an die Ufer der Donau reiste und sich in seinen "St.-ZenoAngelegenheiten" einige Monate lang von den Wirbeln und Strudeln des wiener Lebens wie der Jungsten einer und dann ohne alles Uebergewicht treiben liess Frau von Gulden blieb daheim ) etwas beschwerlich war und uber das ohnehin im Dunkeln gehaltene Alter des Dechanten hinauslag.

Der anonyme Brief hatte gelautet und lautete immer noch, wie er ihn auch kopfschuttelnd betrachtete:

Sub sigillo confessionis.

Fiat lux in perpetuis! Quando quis tibi occurrit fidei romanae sacerdos, qui ... Oder geben wir die Uebertragung:

Unter dem Siegel der Beichte. Es werde Licht in

Ewigkeit! Sollte Ihnen ein romischer Priester be

kannt sein, der nicht den Tod eines Huss, Savonaro

la, Arnold von Brescia scheuen wurde, um unsere

Kirche von ihren Fehlern zu reinigen, so theilen Sie

ihm unter dem Siegel der Beichte mit, dass sich am

20. August 18** unter den sogenannten Eichen von

Castellungo zwischen Coni und Robillante am Fuss

des Col de Tende aus allen Theilen der Welt eine

Versammlung gleichgesinnter Freunde und Wettei

ferer um die Ehre unsers neuen Martyriums einzu

finden gedenkt. Es werde Licht in Ewigkeit!

Als schon vor langerer Zeit der Dechant diese rathselhaften Zeilen erhalten hatte, war seine erste Regung keine wie uber einen Scherz gewesen. Er hatte wirklich eine Religion, den Aberglauben. Es gab ganz wichtige Dinge, deren Ausfuhrung er von der geraden oder ungeraden Zahl seiner Rockknopfe abhangen liess. Die Ferne, die Zumuthung an sich, ein mit so vielen Stempeln versehener Brief, alles das machte lag etwas, was ihn im ersten Augenblick erschreckte. Nicht gerade die Zuge der Handschrift erinnerten ihn an seinen theuern Bruder Friedrich, doch der schwarmerische Geist des Inhalts. Spater legte sich der erste Reiz dieser Zuschrift. Die gewohnte Bequemlichkeit sagte ihm: Dieser Briefschreiber ist entweder ein Narr oder es liegt dem Ganzen eine Fopperei zum Grunde! Man weiss sehr gut, dass ich am wenigsten Lust habe, einen Scheiterhaufen zu besteigen, selbst wenn ich bis zu dem Versammlungstage neunzig Jahre zahlen wurde, wo ich mir vielleicht aus der Krankheit nichts mehr machen wurde, an der ich sturbe! "Aus allen Theilen der Welt!" Auch aus dem Sirius? ... Der Dechant besass von allen irdischen Dingen die Meinung, dass sie sich ganz von selbst machen mussten, wie die Gletscher, die sich seit Jahrtausenden aus kleinen Zufalligkeiten der Lokalitat und Atmosphare bilden und still und unhorbar von Jahrhundert zu Jahrhundert fortschieben und die Gestalt verandern ... Er nahm dann spater an, dass sich's, der Briefschreiber ein schreckliches Geld hatte kosten lassen, diesen oder ahnlich abgefasste Briefe an hundert andere zu schikken ... Er schonte das Geheimniss, er nahm an, dass es ihm in der Beichte mitgetheilt war, und horchte, hierhin und dorthin, ob nicht aus den Gesprachen seiner Amtsbruder Anklange an diese auch an sie ergangene Einladung sich heraushoren liessen; indessen war ihm nichts aufgestossen. Das hatte ihn dann wieder aufs neue erschreckt und zu der Nachforschung bei dem Freunde veranlasst, den er die Handschrift aus einigen auf dunnem Papier nachgepausten Worten beurtheilen liess ... Erst heute war ihm aber doch wieder die Ahnung gekommen, als wussten wol auch andere um den Brief. Zufallig war der 20. August erwahnt worden, der Tag des heiligen Bernhard von Clairvaux, einige Fanatiker, unter ihnen der Franciscanermonch, tadelten an diesem gelehrten und gottseligen Theologen sein g e g e n das unbefleckte Geborenwordensein auch der Mutter Gottes abgegebenes Votum, er sah bedeutungsvoll im Kreise um, er forschte auf den Mienen; aber selbst als wahrend des Gewitters und vor dem Essen der Speisesaal zu dunkel wurde und der alte Windhack an den Fenstern die Vorhange hoher hinaufzog mit den harmlosen Worten: Fiat lux in perpetuis! achtete von den Anwesenden niemand der von Windhack's Seite nur zufallig gegebenen Anspielung weiter, als die Anerkennung der ubrigens schon bekannten Bildung des alten Bedienten mit sich brachte. So fiel denn wieder die Frage schwer auf sein Inneres: Wer hat nun gerade dich erkoren, einen solchen Martyrer aufzusuchen? Kennt man die Hoffnungen, die wir alle auf Bonaventura setzen? ... Dann musste er sich freilich sagen, dass Bonaventura zu einer Richtung gehorte, die an Rom irgendetwas andern zu wollen fur leere Freigeisterei hielt.

Wie der Greis so sann und sann, gesellte sich allmahlich zu dem Zwitschern der Vogel noch das Gerausch eines uber die Teppiche des Fussbodens im Zimmer selbst still hin und wieder Wandelnden.

Es war Windhack, der vor einigen Stunden das Fraulein Lucinde Schwarz empfangen hatte.

Wollte das kleine graue Mannlein, dem eine spitze Nase und eine stark gewolbte Stirn das unverkennbare Geprage eines ins Detail gehenden Forschers gaben, sich lieber mit der Thatsache beschaftigen, dass in diesen gegenwartigen Augustnachten die reichste Ausbeute von Sternschnuppen zu erwarten war, oder unterstutzten sein stark gerothetes Antlitz und gewisse klare, gluckselige Augen, die auf einen grundlichen Verwahrer der ubrig gebliebenen Weinreste des Diners schliessen liessen (dass die dem Keller des Dechanten zu ubergebenden Weine vorher grundlichst durchkostet und kennerhaft gepruft waren, gehorte nachst der Haarwuchsbehandlung des Hauses und aller Freunde desselben zu den unbestrittenen langjahrigen Vorrechten des alten Exjesuitenzoglings), wir sagen, unterstutzten diese aussern Merkmale seine Kritik des, wie das ungeduldige Mannlein sich ausserte, "uberstandenen" Diners oder schmunzelte und lachelte er darum so behaglich, weil ja nun Frau von Gulpen's neueste "Nichte" angekommen ware ... Genug, er begann sich bemerklich zu machen und wie ein guter Diener ganz leise, ganz nur zufallig, nicht etwa hereinplatzend und die Stille der Betrachtung seiner Herrschaft storend. Er brachte eine Zeitung, griff dann nach einem an dem Porzellanofen hangenden eleganten rothen Staubwischer und wedelte sanft uber die Minerva hin, uber den Guido Reni, uber die Kupferstichmappen, mehrere nach hinten versteckte und jetzt erst sichtbare Carlo Dolces und einige noch etwas mehr versteckte und von freistehenden Bucherrepositorien verborgene Torsis alter heidnischer Erinnerungen, zu denen selbst die Venus von Milo gehorte.

Der Dechant wusste nun, dass Windhack etwas zu

melden hatte.

Hm! sagte er. Schon funf? Zeit zur Conferenz?

Noch eine Viertelstunde, Herr Dechant!

Das Getrommel in der Stadt wird die ganze Nacht

dauern ...

Hier horen Sie's ja nicht!

Benno angekommen?

Doch wol ...

Hedemann?

Gesund und munter! Auch der junge Thiebold de

Jonge

Und ?

Assessor von Enckefuss ...

Armgart nicht? Nein, aber das Fraulein ... Welches Fraulein? Ah! besann sich der Dechant. Und? In diesem U n d lag viel, sehr viel, und wenn man will lag in dem lachelnd wiedergegebenen: Je nun! des alten Dieners fast noch mehr. Es lagen zwei Lebensgange in diesen Worten. Einer durch die schonen Tage auf Schloss Neuhof unter den Tanzerinnen, Sangerinnen, Marquisinnen und Vicomtessen des Kronsyndikus bis nach Wien und Paris ... Der andere Lebensgang von da zuruck in diese stille Klause hier zu Kocher am Fall, einer Stadt an einem Bergstrome, der wie von einem ungeheuern Sarge hierniederzugleiten schien. Und eben wollten beide ihr Und? und ihr Je nun! auf die ihnen gelaufige Weise erlautern und ausfuhren, als eine leichte, unsichtbare und auch fast unhorbare Rollenthur in der Tapete aufschnurrte und Frau von Gulpen eintrat. Auch Frau von Gulpen machte die Anzeige, dass Fraulein Schwarz angekommen ware und dem Dechanten ihre Aufwartung machen konnte ... Petronella von Gulpen war allerdings die jungere Schwester Brigittens von Gulpen, der bereits im Jahre 1809 auf Schloss Neuhof entthronten Beherrscherin des Kronsyndikus. Beide Schwestern gehorten einem Familiensystem an, das sich durch Jahrhunderte in der Nahe geistlicher Sitze in einer Weise fortgepflanzt hat, die, wie man von einem Fahnenadel spricht, ebenso von einem Krummstabadel sprechen liesse. Es ist immer eine und dieselbe Familie, wenn auch die Namen wechseln. Die weiblichen Bestandtheile dieser Familie sind diejenigen, auf welche es am meisten ankommt; die dazu nothigen Manner sind mehr zufallig und die Verbindungen schliessen sich oft geheimnissvoll und unerklarlich. Die Mutter der beiden Schwestern von Gulpen war die Wirtschafterin eines Furstabts; ihr Vater war ein Unteroffizier Friedrich's des Grossen gewesen, der in der aus hundertzwanzig Mann bestehenden Armee des Furstabts eine Stellung als Lieutenant gefunden hatte. Ueber Witoborn, eine Priesterstadt, hinweg waren sie auf Schloss Neuhof gekommen, Brigitte als die Aelteste und eine ganz in der Schule eines ehemaligen Unteroffiziers Erzogene, Petronella um zehn Jahre junger und allmahlich zur Freundin des Dechanten erkoren und demzufolge von einem hohern Aufschwunge der Bildung, ja mit den Jahren sogar theilhaftig geworden aller Feinheiten eines in solchem Grade gewinnreichen Umgangs. Tyrannisirt von ihrer Schwester, war sie fruh ebenso zum leidlich Guten geartet, wie es jene zum Schlechten war. Der schon 1803 sacularisirte Furstabt, ihr Vater, wir meinen ihr Landesvater, hatte nichts fur sie thun konnen und den ehemaligen Unteroffizier Friedrich's des Grossen hatte schon in der Reichsarmee, die 1793 gegen die Sansculotten zog, noch vor der Kugel eine zu volle Ladung jungen Weines in irgendeinem geistlichen oder weltlichen, jedenfalls neutralen Keller getodtet ... Seit Jahren waren beide Schwestern voneinander getrennt. Obgleich sie sich hassten und nichts voneinander wissen mochten und jetzt wol auch kaum noch etwas wussten, hatten sie doch manches gemein. Petronella musste man nur in jenen nachtlichen Augenblicken sehen, wo sie, in der Kontusche, mit einer spitzenverzierten Dormeuse uber die ganze Stirn und einer das Kinn fast einhullenden weissen Tullbandschleife, dem unsteten Lolo Worte der Liebe und' Beruhigung sprach; man musste sie sehen bei den vielen andern tagscheuen Gelegenheiten, z.B. da, wo sie, allerdings hochst liebevoll, den Schwachen aller geschaffenen Creatur zu Hulfe kam ... Frau von Gulpen wurde, das ist wahr, keine Barmherzige Schwester abgegeben haben fur ein grosses Spital von allerlei wildfremden Schneidergesellen oder vom Gerust gefallenen Maurern und Zimmerleuten; dazu hatte es ihrem jetzt so vornehmen Sinn und ihrer Neigung fur Exclusives durchaus an Stimmung gefehlt ... sie begriff nie und sagte das auch , wie es jetzt wieder Grafinnen und Personen von Distinction geben konnte, die ganz so wie im "Alterthum" unter die Barmherzigen Schwestern traten und fur allerlei "fremden, unsaubern Povel" Kamillenthee und Haferumschlage machten und, wenn "dergleichen Bagage" gestorben ware, sogar deren Leichen wuschen ... aber bei einem einzelnen Herrn, bei einer geliebten Personlichkeit, und ware diese an Bedurfnissen selber ein ganzes Spital, ein Sacre Coeur oder eine lebendige Charite gewesen, da konnte sie sich den schwierigsten Pflegen des menschlichen Leichnams unterziehen. Da gab es kein Seitenstechen, fur das sie nicht eine passende Flanellreibung gehabt hatte, kein Magendrukken, dem sie nicht Erleichterung durch irgendeinen Thee verschaffte, keinen Frostballen, dem sie bei verschlossener Thur und die Brille auf der Nase nicht sogar eigenhandig mit einem scharfen Messer, wenigstens an der sterblichen Hulle des Dechanten, zu Leibe gegangen ware. Nur mussten die Menschen, denen sie die edeln Liebesrathschlage widmete die Liebeswerke gehorten lediglich nur dem Dechanten zu dem Kreise ihrer nachsten Beziehungen gehoren. Sie mussten durch Distinction und Namen in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen. Es war das schone Lebensprincip der Frau von Gulpen, dass Naturliches niemanden schande und um so weniger schande, als es einmal im Plane der Schopfung gelegen hat, den Menschen aus einem hochst erbarmiglichen Stoffe zu bilden, einem Stoffe, der bei jedem schonen Abendspaziergang sich eine Erkaltung und von der wohlschmeckendsten Truthahnpastete eine Indigestion zuziehen kann. Den Lebensberuf der Frauen fand diese Dame darin, dass sie fur die Manner, die sie lieben, in einem ewigen Kampfe gegen die Unzulanglichkeit von "Kraft und Stoff" liegen sollten. Ihre Waffen waren dabei ein Arsenal von Leibbinden, Warmsteinen, Fusssacken, Krauterkissen, Senfteigen, Theevorrathen aller Art, sowol schweisstreibender, wie beruhigender, luftfordernder und lufthemmender Art, nicht eingerechnet die vielen Pillen, Pulver, Tropfen und noch unausgefuhrten Recepte, die sie zu hauslichen Vorkommnissen sich aus guten gemeinnutzigen Schriften oder aus bewahrten klosterlichen oder Familientraditionen niederzuschreiben pflegte, selbst fur Falle, die nur in der Moglichkeit lagen, z.B. die Hundswuth. Aber die erschaffene Creatur auch in ihrem behaglichen Befinden hatte in Frau von Gulpen ihre treueste Beforderin. Man musste sie sehen an jedem Montag bei der grossen Revision der alten und neuen Wasche; an jedem Dienstag unter den Nahterinnen, die sie, ein liebes Madchen, Treudchen Ley, an der Spitze, flicken und stopfen liess; an jedem Mittwoch auf dem wichtigen Mittwochmarkte zu Kocher, wo sie mit der prufenden Uebersicht eines Feldherrn die vorhandenen Vorrathe an Wild und Geflugel musterte; an jedem Donnerstag, wo es regelmassig in der Dechanei ein Diner gab; an jedem Freitag, wo die heilige Fastenordnung und ihre specielle intimste Vertrautheit mit der Kunst des Backens und der hohern Fischsaucen sie fast selbst zur Kochin machte; an jedem Sonnabend, wo sie dafur zu sorgen hatte, dass sie nur selbst obenauf blieb und nicht krank wurde, aus Angst, dass es der Dechant werden konnte, der an diesem Tage fruh die Schulen zu inspiciren hatte und dann oft von drei Uhr Nachmittags bis spat Abends im Beichtstuhl festgehalten wurde und trotz aller Vorsichtsmassregeln, trotz Fusssack, Pelz und Kohlentopf im Winter, nach Hause immer so ermudet kam, so geistig durchschuttert, so von der hochwichtigen Function des Anhorens fremder Seelenbekenntnisse um alle eigene Lebensstarke gebracht, dass er erklarte, nur die schonste, seelenvollste Musik in einem Nebenzimmer, eine Musik wie von Seraphshanden gespielt, konnte ihn wieder in den Zusammenhang mit Gottes harmonischer Weltordnung bringen! Essen konnte der Dechant Sonnabend Abends nichts. Denn, sagte er, von dem, was ein katholischer Priester alles in der Beichte zu Gehor bekommen muss, wurde wenigstens ihm immer so weh und schlecht ums Herz, so tief jammerlich um Seele und Magen herum, so vollstandig und unendlich satt zu Muthe, dass er dann nur Appetit nach Himmelsspeise haben konnte, nach Eliaskost, von Raben oder geradezu Engeln oder sonstigen Boten Gottes credenzt ... Glucklicherweise kam darauf immer der stolze, feierliche, hochherrliche katholische Sonntag mit seinen brennenden Lichtern, mit seinen gestickten Messgewandern, mit seinem duftenden Weihrauch, mit seinem erhebenden Orgelton, seiner sichern jahrtausendjahrigen Regelmassigkeit ... Der hob, der trostete, der erquickte ihn dann wieder ... Wenn er auch durch vierzigjahrige Gewohnheit das Heiligste verrichtete, ohne davon eine andere Vorstellung zu haben, als die eines Traumes, getraumt mit wachem Auge, so fing er denn doch am Sonntag Abend wieder an sich Mensch und von dem Ernst des Lebens minder schmerzhaft beruhrt zu fuhlen.

Jene Spharenmusik aber, jene Lucke am sonnabendlichen Thee, die die gute Frau von Gulpen nicht ausfullen konnte, jenes Bedurfniss nach Eliaskost war die Veranlassung, dass seine treue Freundin in fernen Gegenden eine so weit verbreitete Verwandtschaft hatte. Seit dreissig Jahren sagte man zu Kocher am Fall, dass die nie schone, aber immer wohlgesinnt gewesene "Seitenverwandte der Asselyns" fur die Ihrigen doch auch das mildeste Herz von der Welt hatte. Eine Nichte nach der andern zog sie an sich, sorgte, wenn sie nicht gleich beim ersten Eindruck misfiel und oft schon nach vierundzwanzig Stunden abreiste, fur deren Ausbildung, liess sie in der Dechanei wohnen und verschaffte ihr den Schutz und den Beistand des wohlwollenden und gutigen Herrn, dessen Pflege sie ohne hohere Anspruche fur sich selbst und mit einer in der That klosterlichen Entsagung seit so langen Jahren schon ubernommen hatte. Nur bose Zungen waren es, die da behaupteten, dass die Familie der Frau von Gulpen merkwurdigerweise einen hochst unbestimmten Typus hatte. Denn bald waren die Nichten aus einer blonden, bald aus einer braunen Seitenlinie, bald hatten sie schwarze, bald blaue Augen, bald gehorten die Nasen dem griechischen Profil an, bald sassen sie mit zierlichem Trotz stumpf auf Gesichtern, die indessen alle, das blieb unbestritten, hubsch waren. Mesalliancen gab es in dieser weitverbreiteten Familie der Gulpens leider sehr viele, denn einige "Nichten" trugen adelige, andere nur burgerliche Namen. Darin aber waren sich alle gleich, dass sie erstens, wenn sie langer als einige Wochen blieben, sammtlich anmuthig, zweitens gebildet, drittens musikalisch sein mussten, viertens dass keine langer bei der Tante blieb als zwei Jahre. Ueber letztern Umstand gingen verschiedene Geruchte ... Die einen behaupteten, fur ein geistliches Haus hatte ein langeres Verweilen, da alle ohnehin mit der Absicht kamen, nur die Tante auf einige Zeit zu besuchen, anstossig erscheinen mussen. Die andern sagten, Frau von Gulpen hatte mit dem Dechanten die feierliche Abrede getroffen, dass sich keine von ihren Nichten jemals durfte einfallen lassen, irgendwie in ihre Rechte einzutreten, was allerdings bei einem zu langen Verweilen in der Nahe des fur alles Schone so lebhaft empfindenden Mannes zu besorgen war. Man sagte ferner, dass diese Trennungen oft schmerzliche Scenen herbeigefuhrt hatten, deren Nachklange der Dechant nur durch seine jeweiligen wiener Reisen vergessen zu konnen vermochte ... Lucinde war etwa die zwanzigste Nichte, die schon nach Kocher am Fall gekommen war. Ihre Vorgangerin war Angelika Muller gewesen, jene Lehrerin, in deren Personlichkeit entweder eine arge Verwechselung stattgefunden hatte oder die dem, der sie empfohlen es war nicht der Philosoph Doctor Laurenz Puttmeyer selbst gewesen , zu sehr verklart erschienen gewesen sein mochte durch die Schonheit ihres Geistes und Herzens. Dennoch war Angelika Muller bei der "Tante" sechs Wochen gewesen.

Der Dechant verstand den eigenthumlich aufgeregten und freudvoll-leidvoll gemischten Blick seiner langjahrigen Freundin, mit dem auch sie jetzt, aber tief aufseufzend, die "neue Acquisition" ankundigte. Geschah dies doch regelmassig mit demselben unheilverheissenden Tone, demselben Unkenruf des Mistrauens und der Furcht vor einer solchen "wildfremden Person" wieder, der "niemand ins Herz blicken konne", und die sogleich bei erster Begrussung fur das scharfe Auge der Kennerin gewohnlich irgendeinen bedenklichen Fehler hatte. Die eine sprach ihr gleich zu rasch, die andere zu rauh, die dritte hatte keine Lebensart, die vierte zu viel, die funfte war naseweis, die sechste simpel ... und schon an der Toilette, an der Wasche, an der Frisur konnte sie unterscheiden, wess Geistes Kind die von aussenher, durch allerhand Vermittelungen empfohlene "Person" war ... und wenn auch eine allen Kennzeichen, die nur der Dechant verlangte, noch so vollkommen entsprach, fur Frau von Gulpen konnte sie irgendetwas, vielleicht einen "Odeur" haben, der ihr einen "Horreur" verursachte ... kurz, der Dechant und Windhack, beide waren die erste Verurtheilung schon gewohnt.

Regelmassig aber fanden beide hintennach bei eigener Anschauung, dass die so verfehlt geschilderte Acquisition im Grunde "gar nicht so ubel war" ... Nur heute bedauerte der Dechant, dass er jetzt sich eilen musste in die Conferenz zu kommen. Ja da der neue Ankommling nicht sogleich mit Frau von Gulpen schon eintrat, da man erst nach Lucinde Schwarz klingeln musste, da des gefallenen Regens wegen Frau von Gulpen auch noch auf eine warme Fussbekleidung fur den Dechanten drangte, so wurde beschlossen, die Vorstellung zu lassen bis zur Zuruckkunft. Fand sie dann auch, da sich zum Thee jeden Abend Gesellschaft auf der Dechanei einstellte, vielleicht vor Zeugen statt, so konnte man ja dann gerade am ehesten beweisen, dass der Besuch nur der Gesellschafterin des Dechanten galt, nicht ihm selbst.

Indem Windhack seinem Herrn jetzt behulflich wurde, sich zum Ausgange warmer anzukleiden, begleitete er die Aeusserung der Frau von Gulpen, Windhack hatte sie ja auch schon gesehen! in seinem sanften Redeton, der ihn dem Dechanten besonders werth machte, mit den Worten:

Ja, halt ganz wie die Berenice!

Der Dechant wusste, dass Windhack mit dieser Vergleichung nur die Figur eines Sternbildes meinen konnte.

Wie so? Berenice? fragte er, eine weisse Halsbinde unter die schwarze legend, wahrend Frau von Gulpen aufhorchte.

Wenn Sie sich die funf Sterne der Berenice durch Linien verbunden denken und den obern sozusagen als den Kopf, so kommt halt ungefahr das neue Fraulein heraus!

Hoffentlich, bemerkte der an solche Schilderungen gewohnte Dechant, heisst das nicht, dass die Dame einen Buckel hat?

Frau von Gulpen meinte schon.

Sie geht etwas sehr ubergebeugt!

Frau von Gulpen dachte an ihren eigenen geraden Wuchs und dass man bei etwas Tournure selbst als Sechzigerin immer noch etwas vor der Jugend voraushaben, konne ... Sie wusste nicht, dass die Vergleichungen mit ihrer alten Hauptmannin Lucinden sogleich mehr als sonst in Furcht und Nachdenken versetzt hatten.

Sonst sehr anmuthig! fuhr Windhack fort. Sehr freundlich! Mit jedem schon so, als wenn sie jahrelang mit ihm bekannt ware! Mich hat sie gleich gefragt, was es fur Menschen im Monde gabe? Sie arrangirt sich jetzt halt oben ihre Kammer!

Der Dechant verfolgte diese Andeutungen nach der Richtung hin, wie ein derartiges neues Wesen in dem nicht immer ganz stillen Frieden der Dechanei sich kunftig wieder bewahren wurde. Er erschrak, als Frau von Gulpen bereits daran erinnerte, die Nichte wisse, dass sie nur vorlaufig auf drei Tage "zum Besuch", d.h. zur Probe da ware.

Hm! Hm! sagte er, Menschen im Monde! Sie kennt also schon unsere Schwachen wollt' ich sagen ja ei Windhack, eine Nichte, die Astronomie verstand, die hatten wir ja wol noch nicht? Richtig! Die Muller'n! Aber die trieb mehr Mathematik! Lieber Gott, sie war selbst wie 'ne gerade Linie! Hm! Berenice! Hatte die Berenice nicht ein schones, beruhmtes Haar? Das Haar der Berenice! Blond, lichtblond, wie der Name andeutet, Lucinde? Nicht?

Mit diesen Worten schritt der Dechant schon die steinernen Treppen hinunter.

Windhack begleitete ihn und sagte:

Im Gegentheil, Herr Dechant! Schwarz wie die No

vembernacht! ... Ein Regenschirm ist nicht nothig, Frau von Gulpen!

Frau von Gulpen war bis zur Halfte der Treppe mit

hinuntergegangen. Sie blieb da stehen, wo sich eine Thur zu einem Wirthschaftsentresol befand. Dort wollte sie noch einen Regenschirm mitgeben, den der Dechant auch ruhig genommen haben wurde. Er hatte auch einen Sonnenschirm genommen, wenn man ihm einen in die Hand gesteckt hatte; er wurde hochstens gefragt haben: Sind jetzt so kleine Regenschirme Mode?

Windhack begleitete ihn bis an das hohe Hausport

al.

Als er zuruckkehrte, rief ihn Frau von Gulpen in

die Waschkammer und wollte wissen, was da die zweideutigen Anspielungen mit "Berenice" hatten sagen wollen? Die Vertraulichkeiten des Dechanten mit seinem alten Diener gingen zuweilen auf ihre Kosten. Beim "Haar der Berenice" hatte der Dechant einen so scharfen Blick auf ihre Frisur geworfen ... behauptete sie wenigstens ...

Windhack erzahlte mit Harmlosigkeit, dass es einst

einen beruhmten alten Astronomen, Namens Kanon, und eine agyptische Konigin, Namens Berenice, gegeben hatte und letztere hatte ihren Mann in die Schlacht schicken mussen, hatte aber gelobt, kame er gesund heim, so wurde sie den Gottern der Venus, Frau von Gulpen, sagte Windhack ihre Haare opfern, d.h. in ihren Tempel stiften, wie wir Wachskerzen stiften oder silberne Herzchen; und nun, fuhr Windhack fort, hatte der Astronom Kanon das Haar der Berenice zwar vielleicht abgeschnitten, aber nicht in den Venustempel abgeliefert, sondern gleich gesagt: die Gotter hatten es in die Sterne versetzt, dicht an die Mahne des Lowen auch halt ein Sternbild, Frau von Gulpen! Nun wisse man nicht recht, mit wem der Kanon unter einer Decke gesteckt hatte, vielleicht mit der Konigin selbst, die ihr schones Haar, zuletzt nicht gern hergegeben hatte und dann so lange vielleicht die Hauben erfand, bis es ihr wieder hatte gewachsen erscheinen konnen, oder mit den Venuspriestern, die diese Haare vielleicht zu ihren Perruken verwandten und keine Rechenschaft hatten daruber ablegen wollen ... Kurz, wenn man den Kanon nach dem Haar der Berenice fragte, Frau von Gulpen, so zeigte er halt immer auf die Sterne, woher auch vielleicht mit der Zeit die Redensart: "Mondschein" entstanden sein mag fur einen ausgegangenen oder dunnen oder halt sehr kahlen

Genug! Genug! unterbrach Frau von Gulpen mit Entschiedenheit.

Windhack verstand sich aufs Frisiren wol noch sicherer als auf das Angeben bevorstehender Mondfinsternisse. Er besorgte nicht nur die mathematisch richtige Form der Tonsur des Dechanten, sondern auch die gewellten kunstlichen und so schon kastanienbraunen Scheitel der Frau von Gulpen; jedoch so umstandlich uberhaupt von Haaren zu sprechen, widersprach aller Conduite und "feinen Lebensart" ...

Sie suchte fur Lucinden, deren grosserer Koffer erst mit Fuhrgelegenheit nachkommen sollte und die sich etwas von dem Regen durchnasst gefuhlt hatte und von der Wasche der Frau von Gulpen einiges bis auf weiteres in Anspruch nahm, allerlei Frauenzimmerliches aus, von dem sie dann gleichfalls sagte, dass auch das ihn nichts anginge ...

Gehen Sie! Gehen Sie! sagte sie, Sie mit Ihrem Kanon! Heute bei Tische ist so viel von Kanonen gesprochen worden, dass ich jeden Augenblick erschrekke, von der Stadt schiessen zu horen!

Das rauschendste Trommeln horte man jetzt allerdings ...

Windhack liess Frau von Gulpen zu der in der Weisszeugkammer arbeitenden Nahterin, Treudchen Ley, eintreten, er selbst verfugte sich, um fur die Auguststernschnuppen seine Glaser zu prufen, auf die Sternwarte.

Der Dechant schritt inzwischen zur Stadt ...

Er hatte die Gewohnheit, auf den gekieselten Wegen, die unmittelbar um die Dechanei her durch den kleinen Park sich schlangelten, und auch noch auf den Stufen, die zum Dom emporfuhrten, ganz besonders freundlich zu grussen. Ernster aber wurde er schon oben um den Dom selbst herum. Vollends vornehm und etwas kalt sogar war seine Art, wenn er die Stufen niederwarts zu Kocher am Fall selbst hinunterschritt.

Man sagte, er entblosste nicht gern sein Haupt. Die einen meinten, weil er die Schwache besass, seine Tonsur zu verbergen, andere, weil er die Zugluft furchtete, und wieder andere, weil ihn ein ewiges Grussenmussen von Krethi und Plethi bei aller Freundlichkeit des Herzens verdross.

Heute aber wurde er kaum beachtet; denn es wimmelte von Soldaten und vor Aufregung in der ganzen Stadt ...

Unter den einfachsten bunten Rocken steckten aus der Gegend ringsum achtbare Burger, Hausbesitzer, Handwerker, junge Oekonomen, Forster, Studirte ... Und nun rannten die Frauen und die Kinder und wollten auf dem Marktplatz die "Parade" sehen und die Handwerker hatten ihre Arbeit eingestellt und standen in den Hausthuren, viele gewartig auch der Einquartierung, die sie auf drei Tage bekommen konnten; auf dem Marktplatz nach dem Appell und der Revue wurden dazu die Billets ausgetheilt ... Und an Ausspannungen und Gasthausern waren Laubpforten errichtet, Fahnen wehten aus den Fenstern ... Teppiche hingen sogar nieder, wie bei einem Kirchenfest ... Und dazwischen spielten selbst die Kinder Soldaten, rasselten mit Trommeln, kokettirten mit Dreimastern aus Zeitungspapier ... Und die Kuhe mussten denn doch auch noch durch die engen Gassen hindurch und sogar eine ganze Hammelheerde uber den Bruckensteg am Fall ... ja, des Ho! Ha! He! 's war kein Ende ... bis auf den Marktplatz schallte es, wo schon die Glieder antraten und auf allen Budendachern die Strassenjugend sass, kunftige Rekruten des grossen Militarstaats auch ... und Bataillon schwenkt! commandirte jetzt der Major vom Stabe, der gluckseligst wieder die Seinigen "beisammen hatte", "seine Jungen", "seine Kinder" er zog das doppelte Tuch nicht aus und nun hatte einer uber diese kerzengeraden Colonnen sagen sollen: Das sind Handwerker, Bauern, Oekonomen, Forster, Studenten, Referendare? Nein! Es waren Krieger so gut, wie die bei Leipzig und Waterloo gefochten haben!

Und auch der Dechant nickte hochst befriedigt, als es so ein donnerndes Halt! galt. Er suchte und suchte ... richtig! da fand er den schlanken, heute so extrabrunetten, sonnenverbrannten, "wol zu spat gekommenen" Herrn Neveu mit dem gestutzten Bart- und Kopfhaar, der jetzt nicht einmal lacheln, nur mit den Augen blinzeln durfte, um ihn zu grussen, und funf Mann weiter stand der Blonde ... der Thiebold de Jonge, dem Hedemann und Ulrich von Hulleshoven das Leben gerettet hatten ... und des Dechanten Herz schlug doch freudiglichst, da so unter der Masse die herauszuerkennen, die ihm bekannt, lieb und unendlich werth waren.

Auch er respectirte die militarische Ordnung und grusste nur mit einem holdseligen Lacheln und einem hochst ironischen Zuge um die Lippen, als wollte er sagen: Na, da werdet ihr denn jetzt gedrillt, ihr jungen Weltsturmer und musst wie die Gliedermanner zappeln und Fuss und Hand heben, nicht wie eure hochherrliche, freie, beneidenswerthe Jugendlust es will, sondern wie der alte Major da von Pritzelwitz es commandirt und ihm der Polizeiassessor, heute Lieutenant von Enckefuss, euer Zugfuhrer, nachdonnerwettert! Euch schon recht, euch schon recht!

Und in seinen Spott und seine Freude rasselten nun die Trommeln ... die Pickelpfeifen schrillten ... die Ladestocke klingelten ... Schulzendorf, der Gensdarmenmajor, jagte mit einer Suite Gensdarmen hinter den Marktbuden weg, um Platz zu machen ... auch Grutzmacher war schon wieder da, vielleicht ohne den Leichenrauber; jetzt aber fegte er die Strassen rein von allem, was die Entwickelung der Kraft und Grosse seines Vaterlandes hemmen konnte.

So aus dem Lager der Ghibellinen trat der Dechant in das der Welfen.

In einem engen Gasschen ging es zur Stadtschule und zur Stadtpfarrei.

7.

Die Strassen zu Kocher am Fall sind ganz so gebaut, wie das "gemuthliche" Mittelalter uberall baute.

Hauserzeilen, die nicht geradeaus laufen, sondern die den Wind uberzwerg durch Winkel und Einbiegungen behaglich abfangen ...

Da ein kleiner schiefer Platz mit einem Brunnen ... dort eine Sackgasse, die in einer in Sandstein gehauenen alten Kreuzesabnahme endet ...

Zwischendurch sturzt und wogt und wallt der "Fall", ein wilder Bergstrom von massiger Breite, der das Stadtchen in zwei Theile schneidet, ohne dass man zuweilen die Brucken bemerkt, auf denen man steht. Der Fall ist hier und da ganz uberbaut und schiesst durch Farbereien oder unter einer donnernden Muhle hin, man sieht ihn nicht.

Am untersten Ende der Stadt liegt an ihm ein Judenviertel. In Kocher am Fall gibt es eine starke Judengemeinde, die schwunghaften Handel treibt, vorzugsweise mit Vieh und dessen Abfallen. Aber auch Hausirer gab es genug in ihr und Fruchtmakler, die Geschafte auf zwanzig Meilen Weges und weit uber die Residenz des Kirchenfursten hinaus machten. Herr Lob Seligmann von Kocher am Fall war sogar einer der beruhmtesten Gutermakler.

Zwei so stattliche Kirchen, wie der uralte Dom von St.-Zeno und die Stadtkirche, reichten vollkommen fur die christliche Bewohnerschaft aus. Es waren aber noch funf bis sechs andere Kirchen vorhanden. Sie wurden zu Vorrathshausern fur Militar- und Verwaltungszwecke benutzt. Eine der kleinern, die Minoritenkirche, gehorte den Protestanten, die nur in geringer Zahl in Kocher am Fall wohnten, in geringerer noch als die Juden ...

Auf der Conferenz sprach eben jemand, als der Dechant eintrat, die Worte:

Und dennoch, dennoch hat die hiesige kleine Gemeinde von noch nicht hundert Lutherseelen einen Geistlichen, der besser dotirt ist als der Kaplan in der Stadtkirche, der neben seinem schweren Amte auch noch den Kirchendienst in den Dorfern der Umgegend zu versehen hat!

Abwechselnd mit den Pfarrern von Blick, Hilkum und den Monchen zu Gottesthal! hatte der Dechant gleich hinzusetzen mogen, um eine der von jenen Tagen an immermehr in Umlauf kommenden Tendenzunwahrheiten zu berichtigen.

Doch furchtete er, seinen Amtsbrudern die Phantasiegebilde zu zerstoren, die jetzt vor ihnen im Qualm ihrer Tabackspfeifen bunt und wirr genug auf und niederzogen.

Immer traf ihn beim Eintreten in den grossen Schulsaal die gluckliche Jugend hatte heute "frei" sogleich der ihm besonders unangenehme Blick des an der Spitze der zusammengeruckten Schultische sitzenden Beda Hunnius, dieser doppelsichtige Blick, der der wahren Gesinnung des Mannes gegen ihn entsprach. Der kurze, gedrungene, breitschulterige Herr Stadtpfarrer schriftstellerte. Er redigirte den "Kirchenboten", theologisch und poetisch. Der Dechant konnte den Mann nie sehen, ohne noch an einen andern Beda Hunnius zu denken, der im Augenblick nur nicht gegenwartig war. Beda Hunnius, den er vor sich sah, und der, den er gedruckt kannte, der, auf den er, wie er sagte, abonnirt war, waren zwei ganz unvereinbare Gegensatze. Der Dechant wusste, dass bei seinen Amtsbrudern das Schriftstellern sowol uberhaupt aus der Leichtigkeit entsteht, Erbauungsbucher zu schreiben, die immer gut verkauft werden, wie im Besondern aus einer heftigen Mittheilungslust, die durch den polemischen Eifer geschurt wird. Auch das Gefuhl der Einsamkeit liess Franz von Asselyn als die Muse des katholischen Geistlichen gelten. Obgleich ihn sein Amt mehr in Anspruch nimmt als den protestantischen Pfarrer, fehlt doch die Familie, ihre Zerstreuung, ihre Sorge. Einsamkeit ertragen konnen ist eine hohe Lebenskunst! Sie ist der wonnevollste Genuss, ja der Luxus des Denkers! Eine Qual ist sie fur den massigen Kopf. In diesen truben Winterabenden, wo der katholische Geistliche auf dem Dorfe niemand zum nahern Umgang hat, unterhalt ihn die Feder, die Druckerschwarze, die Beziehung zur Literatur, der Antheil an ihren Handeln. Schreiben darf er nichts, was nicht im Sinne seines grossen Ganzen ist, und so hilft sich die trube Laune durch Abfassung von Predigten, Gebeten, polemischen Ausfallen; sie schreibt und eifert sich in allerlei mehr oder minder wohlthuenden Larm hinein. Der Dechant wusste, dass, wenn die niedere Geistlichkeit aus dem Bauernstande hervorgeht, das geistliche Convict ihm eine abschleifende Beruhrung mit der Welt nicht gewahrt. Beda Hunnius, von Geburt ein Bauernsohn, unterstutzt durch Stipendien, auf besondere Empfehlung in dem Convict jener Stadt gebildet, wo er mit Bonaventura die Weihen empfing, hatte immerhin nach seiner Meinung sturmen und larmen mogen, soviel er wollte; aber er dichtete auch! Er dichtete in einer uberschwenglichen Manier, die dem Schauspielerstande gleicht, der eben hinter den Coulissen ein Seidel Bier getrunken haben kann und dann hinaustritt und von dem Duft der Palmen spricht, von der "Gotter altem Heiligthume", "der ewigen Roma Majestat und Capitole" ... "Jerichorosen" hiessen Beda Hunnius' poetische Erstlinge, "Lacrymae Christi" seine zweite Sammlung. Es folgte eine dritte und vierte und immer wurde der Dechant an sich selbst irre, wenn er seinen Collegen sah, wie der mit pfundschweren Stiefeln durch die Strassen von Kocher schritt, oder ihn horte, wie er mit der gewaltigen Hand auf das Kanzelpult schlug, sich an seine Zuhorer z.B. mit den Worten wendend: "Um ein fur allemal euer Nasenschneuzen wahrend meiner Worte abzuschaffen, behaltet ihr euer Sacktuch so lange in der Tasche, bis ich sage: Putzt jetzt eure Nasen!" ... und dann von derselben Hand, von demselben Munde eine zarte "Purpurviole" auf das Grab eines Martyrers niedergelegt in Tonen und in Weisen der Ueberschwenglichkeit! Beda Hunnius waren ihm zwei Menschen.

Dennoch wurde der Dechant, eingedenk seiner Siriusreligion, auch das ertragen und gelachelt haben, selbst uber die unablassige geheime Polemik im "Kirchenboten" gegen ihn selbst, gegen seine gesinnungslose und weltverdorbene Richtung vor allzu bosen Umtrieben schutzten ihn die reichen Geldspenden, die man in der Dechanei fur alles und jedes, selbst "zum Ankauf von Kohlen zu Scheiterhaufen", wie er sagte, zu jeder Zeit erhalten konnte aber bei den Conferenzen, die Hunnius eingefuhrt hatte, konnte er oft gar verdriesslich werden uber die vielen Erdenschlacken des Himmlischen, uber den Sauerkrautsduft auch sogar der Seraphskost und noch auf der letzten Conferenz vor sechs Wochen hatte er wie ein Zelot gesprochen:

Wo ist euch je das Rauchen gestattet worden? Auf welchem Concil? Durch welchen Apostel, Martyrer oder Bekenner?

Es war nicht Scherz, wenn er auch heute wieder beim Eintreten in die schon mit dichten Dunsten und Nebeln gefullte Schulstube den sich theilweise Erhebenden entgegenrief:

Meine Herren! Der Geist heisst doch, wie Sie wissen, auf hebraisch R u a c h und Sie machen regelmassig, wenn Sie zusammensitzen, R a u c h daraus!

Auf den Schulbanken und die Schulsitze entlang lachelten zwar uber zwanzig Geistliche, aber sie blieben bei ihren langen und kurzen Pfeifen und die jungern sogar bei ihren Cigarren ...

Volker und Geistliche, die den Wein geniessen durfen, fuhr der Dechant sich setzend und brummend fort, sollten den Taback den turkischen Derwischen uberlassen!

Er suchte sich einen Platz am Fenster und lehnte den Wein ab. Jeder der Herren hatte vor sich ein Glas mit funkelndem Rebengolde stehen.

Beda Hunnius nahm die schon im vollen Gange befindliche Debatte des Tages wieder auf.

Er billigte eines Redners Vorsicht, die eben angerathen hatte, nicht blind in das Messer der Bureaukratie zu laufen. Aber, setzte er auf den Tisch schlagend hinzu, die Zeit ruckt immer naher, wo wir mit allem, und war's mit Freiheit und Leben, fur unsere Mutter, die Kirche, werden einstehen mussen! Da er zeigte auf den Franciscaner , der ehrwurdige Pater Sebastus dort berichtet uns, dass in der Residenz des hochwurdigsten Kirchenfursten die Dinge immermehr auf die Spitze getrieben werden auf die Spitze der Bajonnete!

Von draussen horte man das Klingeln der Ladestokke; der Dechant offnete sich das Fenster, an dem er sass.

Ihr junges Volk! sprach er murmelnd vor sich hin und druckte ein Sammetkappchen auf sein Silberhaar. Wer in Zeiten gelebt hat, wo wirklich die Bajonnete herrschten !

Beda Hunnius liess sich nicht storen. Er gab die damals allbeliebte Schilderung der geistlichen Zustande des unter protestantischen Sceptern schmachtenden katholischen Deutschland. Er sah das Volk Gottes in der babylonischen Gefangenschaft. Er sah vollends auf dem Throne, unter dessen Gewalt sie durch eine "Laune der Geschichte" hier leben mussten, einen assyrischen Konig.

Ist es nicht, rief er und sah dabei zuweilen auf ein Papier, als wenn wir die Worte Actorum 7,43 horten: "Ich will euch wegwerfen j e n s e i t Babylonien!" Meine Freunde, noch u b e r Babylonien hinaus! Ist das nicht das schwerste Elend unsers Fluches! Noch u b e r Babylonien hinaus! Denkt das Herz nicht mit Schaudern an Russland? Wie in Russland steht es schon mit unserm Glauben, mit unserm Cultus, unserer Selbstregierung! Nicht genug, dass die Kirche ihres jahrtausendjahrigen Schmuckes beraubt worden ist, dass man die Pfrunden und Stifte einzog, die Bisthumer plunderte, die Kloster aufhob, den Schulen, unsern niedern und hohern, die alte Form nicht nur, sondern die ganze Existenz nahm: selbst bis in das innerste Leben unsers Glaubens dringt die Tyrannei des weltlichen Armes! Wo ist noch irgend, ausser im Beichtstuhl, ein freier Verkehr des Seelenhirten mit seiner Gemeinde! Wo ein ungehinderter Verkehr des Unterhirten mit dem Oberhirten! Wo kann sich ein Wunsch, eine Bitte, eine Mahnung aussprechen innerhalb unserer eigenen Angelegenheiten, ohne dass nicht die weltlichen Rathe, deren Mehrzahl unserer Kirche nicht angehort, ihr Ohr hinhalten und die letzte Entscheidung geben! Wir sind Fremdlinge im eigenen Lande, Parias, die der Botmassigkeit herrschender Rajahs unterworfen sind! Und womit herrschen sie? Mit unserm eigenen Gut und Blut, mit den Besitzthumern der Kirche, die sie sacularisirten, mit dem Schweiss unserer Arbeit, mit dem Erwerb unserer Hande, mit den Steuern, die wir reichlicher zu zahlen haben als die Provinzen, die man im Osten bevorzugt! Darf es mitten in unsern Landen eine Universitat geben, in der nicht alle Wissenschaften, die sie lehrt, in unserm Glauben wurzeln? Darf eine Philosophie gelehrt werden, die Rom verworfen hat? Darf noch langer ein hundert Meilen von uns entlegenes Ministerium, in dem nur ein einziger, mit Titeln und Orden verfuhrter Rath unsers Glaubens sitzt, unsere Lebensfragen ordnen und entscheiden? Soll fur die Besetzung der Stellen der Bischof kaum ein Vorschlagsrecht ausuben und die Bureaukratie den Ausschlag geben? Soll jedes schadhafte Dach, das uber dem Hochheiligsten auszubessern ist, jedes nothwendige neue Messgewand, jeder aussergewohnliche Schmuck eines mit besonderer Vorliebe gerade an diesem Orte und gerade auf jene heilige Erinnerung gerichteten Festes einer weltlichen Bewilligung bedurfen? Soll sich keine Fahne mehr mit dem hochheiligsten Bilde der gnadenreichen Gottgebarerin zu einer Procession entfalten durfen, ohne dass diese Gensdarmen dem Priester, der mit seinen frommen Seelen uber die thauigen Wiesen dahin zu einem Gnadenorte wallfahrtet, seinen Erlaubnissschein abverlangen, wie einem reisenden Handwerksburschen sein Wanderbuch? Sollen diese ehernen Zungen, die in den Luften die Lebenden rufen, die Todten beklagen, den Blitzen Halt gebieten, nicht reden durfen, wenn die Lust und Wonne unsers hochheiligsten Kirchenjahrs, die weihevolle Erinnerungsfreude, der heilige Bussdrang, die Martyrerandacht und das Bittgebet glaubiger Seelen Gleichgestimmte in die heiligen Kirchenhallen ruft? Soll uns der Wein zugemessen werden und geaicht die heilige Kanne, soll das Brot des ewigen Lebens halbirt und zerschnitten werden wie das Brot in den Kasernen? Soll das von dem Hochheiligsten tropfelnde Wachs gesammelt werden, wie von den Bedienten geiziger Herrschaften das Wachs gesammelt werden muss nach den Orgien, die sie mit Tanz und Musik feiern? O dass das Mass unserer Leiden noch immer nicht voll ist zum Ueberfliessen fur die Feigheit und Muthlosigkeit dieser Zeiten! Wir haben als Kirchenfursten einen Geharnischten des Herrn, einen Michael im Panzerkleide unter dem Pallium der hochsten Kirchenwurde, einen Streiter, der die Mitra tragt wie den dreimal umbuschten Helm eines Gottfried von Bouillon! Und mehr! Rom, das endlich den Muth wiedergewonnen, sich von einer langen Ohnmacht und aus dem Stande der Erniedrigung aufzuringen zu seiner grossen Stellung, wieder mitzureden im Rath der Grossen mit blitzendem Bannstrahl und donnernder Bulle, Rom hat ihn gesegnet, diesen Streiter des Herrn, hat ihm das rothe Kreuz des Gotteskampfes auf die Schulter geheftet ... Und doch ! Wie zaghaft ist bei alledem der Beistand, den er sogar unter uns selbst findet! Wie angstvoll noch unser Umblick auf diesen Heerbann der Hof- und Land- und Steuer- und Kriegs- und Staatsund Regierungs- und Kirchenrathe! O dass die Stunde uns gerustet finden moge, die Stunde der Entscheidung! Sie wird hereinbrechen wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Weib die Wehmutter ruft, wie die zum Tod Erkrankte den Priester, ungeahnt, unerwartet! Unser frommer Bruder da berichtet, dass die Frage der gemischten Ehen fur unsern gottseligen Kirchenfursten an Ketten und Banden streift!

Die brennende Frage des Tages war ausgesprochen.

Mehrere der Pfeifen gingen aus, andere wurden beiseite gelegt. Der Gegenstand wurde zu ernst. Eine druckende allgemeine Stille war die Folge dieser zuletzt ganz abgelesenen Anrede. Der Sprecher, der sich somit offen als Mitverfasser so vieler damals in Wurzburg und Augsburg zuerst auftauchender Schriften enthullte, sah sich im Kreise rundum. Seine Augen funkelten, die starken Zuge des Antlitzes waren gerothet; die rechte Hand, zur Faust geballt, hatte mehrmals auf den Tisch gedonnert ...

Man kann wirklich nichts sehnlicher wunschen, als dass dieser schwierige Gegenstand seine endliche Erledigung finden moge ... sprach eine schuchterne Stimme ...

Rom hat gesprochen! riefen andere ...

Aber das Breve muss uns erst durch die Regierung zukommen! erwiderte der factische Verwalter der Dechanatsgeschafte von St.-Zeno.

Das ist es eben! ertonte von mehr als einem Drittel der Anwesenden.

Auch Ruhigere klagten, dass die Seelsorge in der bittersten Bedrangniss ware. Der Staat verbote die Weigerung der Einsegnung ohne Vorbehalt der Religion der Kinder und Rom wolle doch diese Weigerung ...

Schon erhoben sich einzelne und druckten in ihren Mienen den Schmerz aus, dass man nicht zweien Herren zugleich dienen konne.

Hunnius ermahnte zum Sitzenbleiben.

Dass diese Protestanten, sprach und las er weiter, nicht einsehen, was es denn eigentlich mit unserm Glauben ist! Herr Gott im Himmel! Es ist ja nicht die Unduldsamkeit, es ist ja nicht die Proselytenmacherei, die uns gebietet, eine Ehe zwischen Rechtglaubigen und Heterodoxen nur dann einzusegnen, wenn ein Versprechen vorangegangen ist, dass die Kinder, gleichviel welchen Geschlechts, katholisch werden! Fuhlt ihr uns denn die tiefe Verpflichtung nicht nach, die wir haben, gleichsam aus dem katholischen Dasein erst das wirkliche menschliche Leben uberhaupt zu machen und das blos naturliche, thierische, irdische, unerloste, durch Christi und der Martyrer Blut nicht erkaufte Leben aufzuheben! Menschen, was ist denn die Weihe! Fuhlt ihr denn nicht, dass in unsern heiligen Handlungen Consequenzen liegen, die, gleichviel ob berechtigt oder nicht, mathematische Beweiskraft fur uns haben! Fur uns! Gerade fur uns! ... Da unser College Bennrath, unterbrach er sich, hat einem Protestanten das Begrabniss auf dem Friedhof von Nennhofen verweigert und ihn hierher auf den protestantischen schaffen lassen ...

Zu meinem aussersten Entsetzen! warf der Dechanatsverweser dazwischen.

Es war aber eine That! rief Hunnius. Eine That, die Bennrath von Nennhofen in das Buch der Bekenner schreibt! Wo ist gesagt, dass eine Ausweisung von der geweihten Erde unserer Kirche nur vom Standpunkte des reinen Menschenthums zu fassen ist? Menschenthum! Seid ihr Christen? Nicht einmal Juden sprechen vom Menschenthum! Mensch ist dem Juden Goim, Heide! Auch die Juden leben nur in der Ordnung und Harmonie geoffenbarter Zustande! Ein Gottesacker hat nach unserer Lehre eine Segnung empfangen, die ihn zu einer Gemeinde macht, wo sogar die Todten den Herrn lobpreisen, sogar die Todten im Chore stehen und, wenn nicht fruher, doch am Auferstehungstage um einen dann errichteten Altar wandeln werden, an dem ein anderes Bekenntniss nicht theilhaben kann und mag es selbst ein solches sein, dem nicht die ewige Verdammniss zuzusprechen ist. Wie ist das so leicht gesagt: Intoleranz! Werdet ihr auf euern Ballen Gaste haben wollen, die ihr nicht einludet? Werdet ihr an euern eigenen Altartischen Andersglaubige dulden? Die katholische Kirche will ja nur bei den Todten wie bei den Lebenden "unter sich" sein! Oder hort euch die Religion mit dem Begrabniss auf?

Sprecht! donnerte Hunnius hinterher, gerade wie in

seiner Kirche, wo er naturlich Schweigen voraussetzte.

Bennrath von Nennhofen griff den Faden auf und

fuhrte ihn weiter.

Was erleben wir nicht alles in unserer nachsten

Nahe! sagte er mit gemassigterm Tone, aber nicht minder sicher und spitz und scharf. Ich will davon nicht sprechen, dass nun draussen wieder unsere eigenen Landeskinder und Mitbruder mit dem bunten Rock, den sie eben tragen, ganz das Kleid ihrer Heimat, ihrer Familie, ihres Glaubens ausziehen und in die Gemeinschaft des grossen protestantischen Ganzen treten mussen, ich mochte sagen, wie die Polen, die russisch commandirt werden! Ich sehe diese Offiziere wieder, diese Enckefuss und andere uns wohlbekannte Sohne von Beamten oder Offizieren! Es wird noch die Zeit kommen, wo diese armen Seelen in die ketzerischen Garnisonskirchen commandirt werden, zunachst nur anstandshalber, weil ein Austreten aus Reih und Glied militarisch zu auffallend ware! Ich sehe sie auf den Banken, wo ihnen die Divisionsprediger das Licht ihres sogenannten Evangeliums aufstecken werden, dies Lichtstumpfchen, das die in Goldschnitt gebundene neue Agende des Landesvaters beleuchtet! Wo man hinblickt, irgendein Schmerz fur unsere liebevolle Mutter, die Kirche! In unserer ganzen Armee gibt es keinen einzigen General unsers Glaubens; ich kenne nur einen einzigen katholischen Obersten, es ist ein englischer hier in unserer, Nahe! Zu hohern militarischen Graden gelangen unsere Bruder und Verwandte nicht! Nicht minder in der Bureaukratie! Und welche Macchiavellismen! Weil sie auf unsere menschliche Schwache rechnen, werden uberall gleichsam Preise ausgestellt fur die, welche sich gefugig zeigen! Ist eine Pfrunde eintraglicherer Art erledigt, so lasst man ihre Besetzung monate-, ja jahrelang anstehen, um den Wetteifer dafur zu entzunden, dass man sie sich durch die Gesinnung erobere! Ist es dann wol ein Wunder, dass wir ganz durchwuhlt sind von der wie die bunten Adern durch ein Marmelgestein sich hinziehenden Protestantisirung? Die Beamten heirathen unsere Schwestern, Nichten, die Tochter unserer Angehorigen! Wo eine reiche Hand zu vergeben ist, gewinnt sie sich einer von druben. Selbst in der Residenz des Kirchenfursten ist der Schwager unsers hochherzigen, scharfsinnigen kanonischen Streiters, des Herrn Dominicus Nuck, ein Protestant und wird, wie Pater Sebastus dort uns berichtet, infolge seiner gemischten Ehe demnachst eine Tochter im hochmogenden Piter Kattendyk'schen Hause bestimmen, protestantisch taufen zu lassen! Ja selbst von dem heiligen Lande Oesterreich, einem Lande, das mehr als Wurtemberg verdient sich Gottes Augapfel zu nennen, muss unserer rechtglaubigsten Provinz druben das Geschick drohen, die reichsten Lander, die Besitzungen der Dorste-Camphausen, an die protestantische Linie der Salem-Camphausen ubergehen zu sehen! Was bleibt uns ubrig? Gewalt gegen Gewalt!

Dies Wort lehnte man ab.

Ein Kaplan warf ein:

Unsere Gewalt ist nur das Wort!

Das Wort war bei Gott und Gott ist das Wort! rief Hunnius. Es ist der Geist, die Gesinnung und deren offentliche Bewahr! Erheben wir uns aus unserer Schlaffheit! Ziehen wir den Harnisch des Glaubens an! Seien wir gerustet und verschmahen wir selbst die kleinere Waffe nicht! Bedrangte Belagerte greifen zu allem, was helfen kann! Ich empfehle Ihnen jetzt die Vorschlage, die Pater Sebastus uns aus den nahern Umgebungen des Kirchenfursten bringt!

Nur diejenigen beobachteten unausgesetzt den schweigsamen Franciscanermonch, die mit ihm heute noch nicht an der Tafel des Dechanten zusammengetroffen waren. Er ergriff auch jetzt noch nicht das Wort, sondern hielt den geschorenen rothlichen, wunderlich geformten, mit Schrammen und Narben bedeckten Kopf in die Hand gestutzt und liess statt seiner seine eigenthumlich hellen, fast schwimmenden Augen, dann einige Zettel sprechen, die herumgingen und die Mittel enthielten, die man anwenden sollte, um den kirchlichen Oppositionsgeist zu mehren. Vorzugsweise wurde die schon vor Ankunft des Dechanten besprochene Stiftung einer neuen Bruder- und Schwesterschaft des Athanasiusvereins und gerade zur Erinnerung an einen um den Glauben bedrangten, fluchtigen, verfolgten, hier zu Lande liebevoll aufgenommenen Kirchenlehrer wieder aufgenommen ... Die Regierung hatte schon lange ein mistrauisches und abgeneigtes Auge gerichtet auf die grosse Zahl geistlicher Vereine, die scheinbar nur dem gottseligen Leben und einer gegenseitigen sittlichen Aufsicht gewidmet waren, mehr aber noch eine Organisation des Zusammenhangs auch fur oppositionelle Zwecke wurden. Es liess sich voraussehen, dass dieser neue Athanasiusverein von obenher den entschiedensten Anstand finden musste.

Der Dechant horte allem, was zur Durchsetzung dieser wichtigen Angelegenheit in hiesiger Gegend nun beschlossen werden sollte, nur seufzend zu und war um so mehr zerstreut, als er nur immer offen vor sich ausgebreitet seine Brieftasche liegen hatte, die er an solchen Conferenztagen schon fruhmorgens mit Funf- und Zehnthalerscheinen zu fullen pflegte, um nur immer schnell durch seine Spenden zu den Gemeinzwecken sich vom Reden oder ausdrucklichen Beistimmen loszukaufen. Er hatte diese Klagen schon so oft gehort! Er hatte sie so oft gelesen! Er war auf zehn Exemplare des "Kirchenboten" abonnirt! Er kannte diese immer gleiche Rhetorik der Romlinge! Er kannte den Inhalt dieser verbotenen Broschuren und las sie nicht mehr. Von allem, was man an Thatsachen vorbrachte, gab er die Halfte zu, aber die Erledigung der andern schien ihm ganz an einer andern Stelle zu liegen als im fernen Rom. Heute, wie man nun sogar von fehlenden katholischen Obersten sprach, musste er gar auflachen und sagen:

Aber ihr wunderlichen Leute! Ihr uberlegt gar nicht, ob in unsern katholischen Adels- oder Burgerfamilien uberhaupt das Bedurfniss da ist nach einer offentlichen Bewahr, das Bedurfniss des Emporsteigens nach Ehrenstellen und Auszeichnungen! Wo ich noch hinsah und ich habe die Jahre, hingesehen zu haben, haben wir hier zu Lande und druben unsere eigene Art, uns das Leben zu gestalten! Am liebsten hocken wir auf unserer Hufe und suchen das nicht, was wir demgemass auch nicht finden konnen.

Wenn ihn Hunnius widerlegen wollte, so storte diesen jetzt das allgemeine Aufstehen aller, um die Zeichnung zu sehen, nach der zehntausend zinnerne Medaillen gegossen werden sollten. Der Monch hatte die Zeichnung mitgebracht: Maria mit dem Kinde offnet ein Gitter, hinter welchem ein Bischof, es sollte Athanasius sein, gefangen sitzt ... Der Monch war dabei aufgestanden und zeigte sich von einem langen, magern Wuchse. Die braune Kutte, von der weissen Gurtelschnur festgehalten, ging bis zu den nackten, nur von einer Sandale geschutzten Fussen. Es war viel, dass der Monch sich jetzt zu einigen Erlauterungen herbeiliess. Er hatte bisher ab und zu nur seinem Glase zugesprochen, hatte eine Cigarre nach der andern von einem vor ihm stehenden Teller, der deren eine Anzahl enthielt, weggeraucht und immer geschwiegen. Sein Schweigen war gebieterisch. Es sagte zu denen, die da sprachen, fast soviel als: Entwickelt euch! Steckt getrost eure kleinen Lichter auf, bis Ich kommen werde!

Pater Sebastus mochte etwas mehr oder weniger als dreissig Jahre zahlen. Je langer er sass, rauchte oder trank, desto blasser wurde er. Alle wussten, dass der Gast ein Convertit war, eine hohe Bildung genossen hatte, mit Feuer und Geist schriftstellerte und in der Residenz des Kirchenfursten seit kurzem zu hoher Anerkennung gekommen war. Wenn die weissen langlichen Finger der magern, doch hubschen Hand zuweilen auf dem Tische leise trommelten, so war es, wie im Takt zu einem inwendigen Rhythmus seiner Gedanken, die laut gesprochen ohne Zweifel bedeutsam gewesen waren. Als er jetzt mit einer eigenthumlich leisen, fast heisern, aber ausserordentlich sichern Stimme zu sprechen anfing, bot Hunnius allgemeine Ruhe. Jeder setzte sich, und selbst der Dechant war gefesselt von einer Weise, die ihm heute an seiner Tafel bei der Redseligkeit seiner ubrigen Gaste weniger aufgefallen war.

Einige Mitglieder unsers hochwurdigsten Domcapitels, begann fast silbenzahlend Pater Sebastus, wohnten kurzlich einer Vorlesung bei, die von einem der auf der nahe gelegenen Universitat angestellten und zu diesem Zweck herubergekommenen jungern Professoren vor einem gemischten Kreise der Residenz des Kirchenfursten gehalten wurde ...

Der Monch pausirte. Er zerdruckte die Asche seiner Cigarre und legte diese fort.

Der Gegenstand derselben fuhr er fort

Das zufallige Rucken eines Stuhls schien ihn zu storen. Er sah nach der Gegend des Gerausches und wiederholte, wahrend Hunnius ein scharfes St! wie auf seiner Kanzel beim zu fruhen Nasenputzen ertonen liess:

Der Gegenstand derselben war an sich ein unverfanglicher, liess aber einen historischen Ruckblick auf die Kampfe der Welfen und Ghibellinen zu.

Pater Sebastus stockte von neuem. Aber ein Blick rundum bewies ihm, dass alles jetzt in einer Weise an seinen Lippen hing, wie er dergleichen noch vielleicht von Gottingen, wo er docirt haben sollte, gewohnt war ...

Der Redner, fuhr er mit immer gleicher Gelassenheit, doch pointirt und fest fort, sprach in einer Stadt, die fast ausschliesslich nur unsern Glauben bekennt; und doch hatte er jenen Standpunkt, den die protestantische Wissenschaft mit der ihr eigenen Einseitigkeit fur die Wurdigung des Mittelalters aufgebracht hat. Alles, was in einem Zusammenhange mit Rom steht, ist nach dieser Lehre Tyrannei und Finsterniss; alles, was dagegen die deutschen Kaiser wollten, ist Vernunft oder Freiheit. Dem anwesenden uberwiegenden Theil der Gesellschaft, den Damen, war der von dem Professor entwickelte Gegensatz vollig unbekannt; so dammern jetzt die Gemuther in ihren wichtigsten Lebensfragen hin! Sie nahmen die Welfen fur den unheiligen, teuflischen Gegensatz der Ghibellinen, diese fur die lichtreine, sonnenhelle Partei; dort herrschte nur der finstere Ahriman, hier der lichtstrahlende Ormuzd. Monchthum, Pfafferei, Sonderbundlerei, Hierarchie sind die Kennzeichen der Welfen; Aufklarung, Ordnung, nationale Hoheit und Grosse die der Ghibellinen. Rom soll die naturliche Residenz nur der Nachfolger Karl's des Grossen und des Julius Casar sein. Die Hohenstaufen sollen nichts als nur die Befreiung der Welt von den Anmassungen der Hierarchie bezweckt haben. Dass die Welfen in Italien vor allem ihr Vaterland vertheidigten, dass sie sich in einzelne Stadte und Genossenschaften trennten, um nicht durch die Unterwerfung unter Einen die eigenthumlich bedingte, jahrtausendjahrige Freiheit des vaterlichen Bodens zu verlieren, dass dabei der Priester, wie immer, der Freund und Beistand des einzelnen gegen den Druck der Masse blieb, der Priester der Freund und Beistand der bangen Seele gegen die Anfechtungen der Welt, der Priester derjenige, der noch auf dem letzten Gange zum Schaffot den Verbrecher begleitet und wenigstens noch vor Gott, nachdem die burgerliche Genossenschaft ihn langst ausgestossen hat, sein Anwalt bleibt, ja dass diese geistliche Hulfe den Bedrangten auch in den politischen Nothen beisprang und sich Vaterland, Freiheit und Glaube gegen die Anmassungen der fremden Eindringlinge hochherzig verbunden hatten dafur, ich sage dafur hatte der Redner keine andere Ausdrucksform als die bei der jenseitigen Wissenschaft ubliche geringschatzende und verdachtigende ...

Der Monch hielt einen Augenblick wieder inne, alles horchte gespannt, selbst der Dechant.

Ruhig und mit immer sich gleichbleibender Stimme fuhr der Franciscaner fort:

Gut! Die Vorlesung lenkte wieder ein, kam auf Unverfangliches, war voruber. Die Offiziere, Beamten, Damen waren entzuckt. Doch zugleich entstand um die Herren vom Kapitel, die sich sogleich entfernt hatten, ein von Vorwurfen und Ausbruchen des Unwillens gemischtes Murmeln. Die Veranstalter dieser Vorlesung wurden von gesinnungsvollen Personen zur Rede gestellt und ohne Zweifel war' es, wie billig, zu Erorterungen gekommen, die die gedankenlose Nachahmung solcher inhaltleeren nordischen Residenzgenusse verdient hatte, ware nicht der Gegendruck der Anwesenheit unserer weltlichen Oberbehorden und der hohen Militars zu stark gewesen. In einigen Abendcirkeln, zu denen ich zugelassen zu werden mir zur besondern Ehre rechnen darf, kam die strenge Unterscheidung, die die Geschichte zwischen Welfen und Ghibellinen aufgestellt hat, zur Sprache und es stellte sich heraus, dass wir uns eigentlich alle noch auf dem Standpunkte jener wilden und blutigen Tage befinden. Ist nicht jede Erfahrung, die wir in unsern taglichen Conflicten machen, eine Bestatigung, dass dieser unselige Kampf immer noch nicht ausgekampft ist? Das Ghibellinenthum ist der Herrscher des Tages. Die Gewalt nicht der Fursten und Herren etwa allein, sondern des bureaukratischen Staats ist der siegreiche Hohenstaufe, der uberall in unzuganglichen Felsenburgen thront. Verwaltung, Unterricht, Erziehung, Wissenschaft, Gewerbe, Borse, Handel, alles hat die ghibellinische Farbung angenommen, die Farbung der Centralisation, des Aufsaugens aller Safte und Krafte der Gesellschaft. Was ist diesem Mechanismus noch der Mensch? Der hat nur noch Werth, soweit er Burger ist! Und um ihm das Gefuhl nicht ganz zu rauben, dass sein Dasein auf diese Art seinem wahren Zusammenhange mit Gott und der Natur entruckt wird, hat man ihm auch zur Noth noch einige religiose Veranstaltungen gelassen, eine Kirche, einen Geistlichen, die Formen eines alten Cultus; man gibt sich die Miene, diese Veranstaltungen, ob man sie gleich im geheimsten Einverstandniss fur uberlebt erklaren musse, doch heilig halten zu wollen und sogar vor Anfechtung zu schutzen; und doch, bei jeder Frage, die nur irgendeine des Lebens ist, bei jedem Zusammenstoss zwischen dem Ewigen und dem Irdischen hat die Gewalt des Irdischen die Oberhand. Wir sind, wo wir hinblicken, in groberer wie in feinerer Form, durch und durch ghibellinisirt ... So ist denn erklarlich die von keiner aussern Veranstaltung, sondern aus einem naturlichen Drange der Glaubigen aller Zonen ausgehende Bewegung unserer Zeit, innerhalb nicht nur unserer, sondern aller Kirchen, die unter Staatsbevormundung stehen, sich ihr eigenes, selbstbestimmtes und selbstbestimmendes Leben wieder zuruckzugewinnen. Das neue Welfenthum ist es in den Abendcirkeln Sr. Eminenz offen und ehrlich genannt worden. Wie sogar die protestantische Kirche, wenn sie diesen Namen verdient, sich taglich mehr ablost und ablosen wird von dem Staate, dem sie freilich dafur in seinen ubrigen Nothen und Bedurfnissen hulfreiche Hand zu leisten verspricht, so hat vor allem die katholische ihren innigsten Zusammenhang wiederherzustellen mit Rom. Thorichter Wahn, der in dieser Forderung nur Botmassigkeit unter ein herrschsuchtiges Priesterthum und eine fremde Autoritat sieht! Rom ist und war und bleibt zu allen Zeiten der Ausdruck des Ewigen, Unverganglichen und im Wandel Wandellosen. Es ist die Warte der drei in sich verbundenen grossen Festlandswelttheile. Es war die Konigin der alten und mittlern Welt, es muss die Konigin der neuen bleiben. Worauf grundet sich Roms Herrschaft? Auf Schlauheit italienischer Ranke? Auf Verdummung der Geister? Thorichte Anklage, die an den Grundfesten unserer Kirche geruttelt zu haben glaubt, wenn sie die Schwache der Menschennatur aufdeckte, die auch unter dem geweihten Kleide des Priesters sundige! Als wenn irgendeine Menschenseele ein ganz reines Gefass fur die Gottlichkeit der Ideen sein konnte! Als wenn die Ideen selbst etwa darunter leiden konnten, dass ihre Trager dem allgemeinen Menschenloose erliegen mussen! Dass ein Bekenner strauchelt, entwurdigt das sein Bekenntniss? Dass Priester unvollkommen sind, entwurdigt das das Sakrament, dem sie administriren? Rom ist das Ewige in der Geschichte! Rom ist die Zunge an der Wagschale der Welt! Rom ist, gerade als wenn es auch nur deshalb die Bewegung der Erde geleugnet hatte, ihr fester Grund, ihre granitene Wurzel, ihr Compass, ihr Steuer auf dem schwankenden Meere steter Neuerungen und Revolutionen! Was vertritt denn seine Anmassung? Was gewahrt denn die heilige Roma den Volkern? Das ewige Heil im zeitlichen Unheil! Die Blosse und Hulfsbedurftigkeit des naturlichen Menschen allen Purpurgekleideten der Erde gegenuber! Die Schopfung des Menschen, das Paradies, die diesseitige und jenseitige Hoffnung aller Erdgeborenen gegenuber der millionenfachen Verdrehung unsers Erdenberufs durch millionenfache zu dringenden Nothwendigkeiten gewordene Zufalligkeiten! O du heilige untheilbare, ewige Kirche! Stehe fest in deinem gegliederten Bau! Bist du nicht selbst wie der hohen gothischen Dome einer? Gegrundet bis an die Tiefen der Holle, machtig dich erhebend auf der Form des Kreuzes, himmelanstrebend in ewiger, wolkenverlorener Sehnsucht! Musik ist das Zusammenspiel deiner schonen Formen! Einheit das majestatische Bekenntniss deiner Theile!

Sie strebt empor durch Drang und Zeit,

Muss himmelan sich ringen,

Und schafft ein Werk der Ewigkeit

In deinem Sinne, heilige Roma, wollen wir wahr sein, aber der Luge gegenuber auch eure Waffen fuhren! Im Schatze der Gnaden ruht Entsuhnung! Krieg! Krieg! ruft die Posaune des Erzengels. Im Kriege kennt die Noth kein Gebot! Jede Waffe ist gerecht, die den Gegner abwehrt! Dass der Zweck die Mittel heilige, ist nicht fur den Kampf mit den Guten, sondern fur den Kampf mit den Bosen gesagt! Ahmen wir vor allem die Ordnung eines Kriegsheeres nach: Gehorsam dem Obern; Achtung vor jeder Waffe, auch wenn sie eine geringere scheint, als die wir selbst fuhren; Achtung vor jedem Ruhme, auch wenn er unsere eigenen Verdienste uberschattet! Bekampfen wir in uns selbst die Abneigung gegen die Vorkampfer der kirchlichen Freiheit, gegen die Mitglieder der Gesellschaft Jesu! Bieten wir denen, die in ihnen ihre unerbittlichsten Feinde sehen, dadurch keinen Beistand, dass wir die alte Eifersucht der Orden, der Klosterund Weltgeistlichen auflodern lassen! Wo uns die Hande gebunden sind, sind sie jenen, den letzten Rittern vom Kreuze, frei! Die streifen noch ungefesselt uber die Lander hin, gebunden durch kein Amt, kein Klostergelubde; sie sind die berittene Schar, die angreift und flieht zu gleicher Zeit, wie einst der Parther kampfte! Bieten wir alles auf, dass den Jesuiten die Thore des Eingangs geoffnet werden! Sie ertragen alles, sie gehen, sie gehen noch einmal und kommen wieder! Wo ein Amt leer ist, eine Kanzel frei, ein Beichtstuhl geoffnet, lassen wir den Vatern der Gesellschaft den Vortritt! Ob alle diese Dinge reifen sollen bis zu offener Gewalt, daruber sind die Meinungen getheilt. Die einen furchten und suchen die Erhebung der Massen zu verhuten, die andern furchten sie nicht und wollen sie. In den Umgebungen des Kirchenfursten herrscht die Meinung, dass offene Gewalt bisjetzt alles verderben wurde. Denn auch darin sprache sich die durch und durch ghibellinisirte Welt aus, dass Handel und Gewerbe, sogenannte Volkswohlfahrt und geregelte Ordnung dem Jahrhunderte, wie es jetzt einmal ist, uber alles gehe; denn von den Fleischtopfen Aegyptens wollen sie nicht lassen und sollten sie auch ewig nur die Ziegel streichen zu den Ruhmessaulen ihrer Pharaonen! Im Gegentheil wunscht die Umgebung des Kirchenfursten, dass wir alles, was nicht ein Mit-Uns ist, auch als ein Fursten-Wider darstellen, d.h. eine Forderung der Revolution nennen. Das ist das schlagende Argumentum ad hominem der Zeit! Kampfen wir gegen die Neuerungen des sich souveran dunkenden Menschenverstandes, so offnen sich uns die Pforten der Thronsale auch im jenseitigen Lager, wir werden eingeholt werden mit Triumphpforten als die Retter des Gesetzes und der Ordnung! Dieser Feldzug geht langsam, aber sicher. Halten wir am Geiste fest, fordern wir den vor allem! Denn "wer auf den Geist saet, wird von dem Geiste das ewige Leben ernten"!

Der Redner war schon bei seinem Gebet an die Kirche aufgestanden und alles, selbst den Dechanten nicht ausgenommen, seinem Beispiel gefolgt ...

Man schuttelte ihm die Hand, ertheilte ihm die grossten Lobspruche und raunte sich zu, dass nun wohl erklarlich ware, wie dieser einfache Monch plotzlich in der Residenz des Kirchenfursten hatte zu so hohem Ansehen gelangen konnen. Man erklarte sich bereit, den Athanasiusverein zu verbreiten und dies zu wagen auch ohne Genehmigung der Behorden. Man versprach die Medaillen in reichster Anzahl auszutheilen und bestellte die Zahl, die jeder davon in Vorrath zu haben wunschte.

Auf dem Teller, von dem die Cigarren weggestrichen wurden, sammelte man die zur Herstellung nothigen Beitrage.

Jeder gab nach Vermogen, der Dechant, wie immer, die Halfte soviel wie alle andern. Der Ertrag wurde dem Pater Sebastus ubergeben. Ein Zinngiesser der kirchlichen Residenz hatte Verschwiegenheit gelobt und versprochen, die Medaillen zu einer bestimmten Zeit abzuliefern. So trennte man sich ...

Es war Abend geworden ...

Beim Durchschreiten eines langen Corridors, der an die Hausthur zuruck und zu den inzwischen immer noch lebendig gebliebenen, ja wie vom Jahrmarktsgewuhl durchwogten Strassen fuhrte, erfuhr der Dechant, dass der, wie es schien, als Wegbereiter kommender Jesuiten wirkende Pater Sebastus dem Kloster Himmelpfort bei Witoborn angehorte. Seines fruhern Namens hiess er Heinrich Klingsohr.

Er dachte an seinen anonymen Brief

Huss, Savonarola, Arnold von Brescia

Als er, magisch umwoben vom abendlichen Dammerlicht, zur Dechanei zuruckkehrte, lauteten ihm die Glocken seines Domes wie zur Andacht in einer unsichtbaren Kirche droben uber den Sternen. Wie er in die schon erleuchteten Fenster seiner Wohnung hinaufsah, rang sich ihm mit Schmerz der Seufzer von der Brust:

Fiat lux in perpetuis!

8.

Die Beraubung des Grabes auf dem Friedhof zu St.-Wolfgang war inzwischen in der Dechanei, wie in ganz Kocher am Fall bekannt geworden.

Grutzmacher war auf schweissgebadetem Ross zuruckgekehrt, hatte aber den muthmasslichen Thater nicht ergriffen.

Auch dass Bonaventura vielleicht noch den Abend in der Dechanei eintreffen wurde, war durch Hedemann bekannt geworden, der auf einen Augenblick daselbst vorsprach und die von Angelika Muller erhaltenen, von Benno, dem zu sehr in Anspruch Genommenen, wieder zuruckempfangenen Briefe fur den Dechanten an Windhack ubergeben hatte.

Kein Oberst, kein Benno, kein Thiebold, niemand sonst liess sich vor Antheil an den Vorgangen in der Stadt sehen, sodass Lucinde der Frau von Gulpen die rathselhaften Vorgange allein erzahlen musste, ja wiederholen, mehrfach wiederholen, da die Theestunde geschlagen hatte und einige Freundinnen der gastfreien Frau schon im lebendigsten Mittheilungsgenuss um den siedenden Kessel versammelt sassen.

Zur Justizrathin von Nietnagel, zum Stiftsfraulein von Minnerich und wie sie alle hiessen, die entweder in Kocher selbst wohnhaft waren oder zu jener Landeswohlthat (nach andern Landesplage) gehorten, die die Reihe herum immer auf der Wanderschaft bei ihren Lieben und Guten begriffen sind und das schone Talent des Sich-Einwohnens und Nothwendigmachens des Jahres bei einem halb Dutzend Familien schon seit dreissig Jahren besitzen, gesellte sich zuletzt auch der tieferschutterte Dechant.

Auch er erfuhr nun die unheimliche Kunde und gab dadurch Lucinden Gelegenheit, ihren Bericht zum funften oder sechsten mal zu wiederholen, sich aber auch zugleich in lebhafter Weise ihm selbst zu empfehlen. Lucinde, die das Wohlgefallen des Greises an seinem wiederholt prufenden Blick sogleich bemerkte sie war zwar noch in ihren Reisekleidern, hatte aber manches Kragelchen, manchen Spitzenschmuck zur Hebung ihrer Erscheinung zu benutzen verstanden und besonders schon stand ihr die eigenthumliche thurmartige Krone ihres stattlichen Haares , suchte sich den Schein der grossten Ungefahrlichkeit zu geben. Sie wollte sich nur nutzlich machen. Sie servirte den Thee wie eine Dienende. Schon erntete sie manchen heimlichen Wink des Beifalls, den Frau von Borchardt an Frau von Nietnagel, diese wieder an Fraulein von Minnerich und Fraulein von Minnerich an die "treue Freundin", Frau von Gulpen selbst weiter gab. Windhack erinnerte an die Briefe, die Hedemann gebracht; der Dechant wollte jetzt nichts davon wissen, er wollte ruhig "seine Tasse Thee" trinken, d.h. die Gestalt und den ausdrucksvollen, den Kenner der Antike fesselnden Kopf derjenigen bewundern, die den Thee credenzte.

Windhack konnte, da er Grutzmachern gesprochen hatte, von der vergeblichen Verfolgung des Knechtes aus dem Weissen Ross berichten.

Oben auf der Hohe des St.-Wolfgangsberges, erzahlte er, hatte ihn Grutzmacher und seinen Wagen fast erreicht. Da aber springt der Mensch herunter vom Wagen, lasst alles im Stich, fluchtet in den unwegsamen Wald und Grutzmacher hat halt mit seinem Gaul vorlaufig das Nachsehen ...

Nun kam die Majorin Schulzendorf. Auch sie kam in der ganzen Eile und Aufregung, die nichts zu versaumen wunschte und vor Thatsachen, die sie so lange zuruckgehalten hatten, sich nicht zu lassen wusste ...

Erst der Leichenrauber und ei ei, dass sie fast vergessen hatte, dem liebenswurdigen Dechanten fur das wunderschone, prachtige Obst zu danken

Bitte! Bitte!

Kostliche Birnen ... Na heute Abend, der grosse Zapfenstreich ...

Der Leichenrauber? ...

Nun, nicht wahr? Aber mein Mann vermuthet schon einen gewissen Bickert, einen Menschen, der jahrelang in Frankreich im Zuchthause gesessen hat, dann uber die Ardennen herubergekommen ist, bald da, bald dort herumstreift, mit einer ganzen Bande zusammen im Hundsruck die Rosstauscherei getrieben hat, rotzkranke Pferde fur gesunde aufputzt ... danke, danke, meine Liebe! der Thee macht mir noch zu heiss! Ein Stuckchen von Ihrem Kuchen Delicat!

Auf dem Lande und in kleinen Stadten gewohnen sich die Menschen an alles Naturliche und Thatsachliche. Sie konnen von Krankheiten der Thiere mit demselben Interesse reden horen, wie man in grossen Stadten nicht einmal von den Krankheiten der Menschen spricht. Der Major war selbst Pferdehandler. Seine Gattin spann seine Vermuthung uber die Gefahrlichkeit dieses Bickert selbst bis auf eine Schilderung der Kunste aus, wie man den sogenannten Rotz auf einige Tage scheinbar beseitigen kann.

Mitten in diesem Fragen, Berichten, Wundern kam auch der Major ...

Es war eine hagere, mehr bureaukratische als militarische Erscheinung. Er trug Uniform, doch sass sie ihm nicht so stramm und geschlossen, wie man hier in den militarischen Kreisen sich zu zeigen gewohnt ist. Als Candidat der Theologie war er 1815 unter die Fahnen seines Konigs getreten und hatte eine Carriere gemacht, die jetzt gewissermassen wieder in ihre fruhere moralische, wenigstens civile Bestimmung zurucklenkte. Als Lieutenant von der Armee abgegangen, war er bei den Gensdarmen allmahlich bis zum Major gestiegen und griff nun in Gesetz und Ordnung als Chef eines rings zerstreuten, den Landrathen und Regierungsamtern zur Verfugung gestellten Gensdarmeriecorps ein. Man sollte kaum glauben, dass ein ehemaliger Lateiner so ganz im Berittenen, namentlich im Pferdehandel, aufgehen konnte, wie Schulzendorf, obgleich er immer noch etwas Gelehrsamkeit in Bereitschaft hielt. Seine grauen Augen bekamen oft ein lebhaftes Feuer; um die spitze Nase legten sich aufs blasse Antlitz zwei lange mephistophelische Furchen; der Bart auf der Oberlippe zuckte in allen seinen dunnen grauen Harchen; das Kinn, das in der Mitte gespalten war, streckte sich mit einer Entschiedenheit, die ganz in seinen Charakter des Schlauen und Gekniffenen passte.

Sogleich warf er einen scharfen und prufenden Blick auf die ihm als Nichte der Frau von Gulpen vorgestellte Lucinde.

Waren Sie schon fruher in unserm Kocher hier? fragte er sie, als sie ihm den Thee credenzen musste.

'S ist das erste mal! antwortete sie, den Blick niederschlagend.

Sie finden eine kleine Stadt, in der leben zu sollen Ihnen sehr langweilig vorkommen wird! warf artig der Dechant ein.

O! bemerkte Frau von Gulpen, acht Tage lasst es sich schon in Kocher aushalten!

Lucinde wusste bereits, dass alle Nichten anfangs sogar nur auf drei Tage kamen.

Die Majorin verzog ein wenig spottisch die Miene. Der Major aber, in jener beflissenen Weise, die den Ghibellinen im Lande der Welfen nur zu oft ihre Schreckhaftigkeit nimmt, ging ganz auf die Aeusserung der Frau von Gulpen ein und sagte, wenn auch mit einer etwas anzuglichen Betonung:

Die Kirchen hier sind uralt; noch alter ist aber die Synagoge, die Sie sich einmal ansehen mussen! Die Stadt Kocher ist schon vor Pontius Pilatus angelegt gewesen und gewiss eine judische Colonie! Ursprunglich hiess sie ohne Zweifel Koscher, die Reine!

Hielt der Major Lucinden fur eine Judin?

Alle Anwesenden fixirten Lucindens Erscheinung ...

Indessen lenkte der Major auf andere Fahrte. Er kam auf das Interesse, das nach solchem Ursprung gleich die ersten Christen fur Kocher gehabt haben mussten und fuhrte die kirchliche Bedeutung der Stadt bis auf die neuesten Erscheinungen herab.

Lucinde hatte ihr goldenes Kreuz nicht angelegt. Sie begriff sehr wohl, dass der Major auf ihren Uebertritt anspielen wollte und senkte den Blick wie eine Fromme.

Sie ist fromm! war nun das einstimmige Gefuhl aller Anwesenben und, seltsam genug fur die Wohnung eines Geistlichen, Lucinde verlor plotzlich bei Frau von Gulpen sowol wie bei Windhack. Nur dem Dechanten gewahrte diese Entdeckung einen neuen Reiz. Eine Fromme hatte ihm die langjahrige alte Freundin noch niemals vorgestellt.

Man verlor sich indessen in Klagen uber Wilddieberei, Unsicherheit der Gegend, Aufsatzigkeit der Landbewohner und, wie das dann geht bei einem Damenthee, man fand das Uebel lediglich in den Dienstboten.

Die gleichfalls dann in ihrem Einfluss auf das Volk angeschuldigten Juden rechtfertigte der Dechant mit den Worten:

Warum lasst unser Leben so viel Lucken offen, dass ein Verschmitzter uberall hineinschlupfen kann! Die Juden sind durch uns selbst ein Volk geworden, das seine Tugenden darin finden muss, unsere Fehler zu benutzen! Wir sind, soweit man die Geschichte uberblickt, die Opfer ihrer subtilen Rache geworden und werden es noch immer mehr werden!

Sie sprechen fast wie Grutzmacher! sagte der Major. Der kann nie entdecken, wo die Hasen-Jette ihre Rebhuhner und Hasen herbekommt!

Indem bekam Frau von Gulpen von dem immer nur leise und behutsam auf den trotz des Sommers ausgebreiteten Teppichen hin und wieder gehenden Windhack eine Meldung ins Ohr geflustert.

Sie flosste ihr einen ersichtlichen Schrecken ein.

Was ist? fragte man allgemein und voll Theilnahme und Spannung.

Frau von Gulpen stockte, sagte dann aber mit einem Blick der Besorgniss auf den Dechanten:

Treudchen Ley will nach Hause ... der Mutter ware es schon wieder ... Chere niece ... gehen Sie doch zu Treudchen und erkundigen Sie sich in der Gerathkammer oder ich will doch lieber selbst gehen ...

Treudchen Ley schien alle zu interessiren und wohl vermuthete man: Windhack hatte eigentlich gemeldet, Treudchens Mutter lage im Sterben. Der Dechant war der Beichtvater der Kranken. Die Arme schleppte sich schon lange mit der Zehrung; ihr Ende stand ihr naher bevor, als sie es selbst und die Ihren ahnen mochten. Jetzt sah Frau von Gulpen, wie angegriffen der Dechant schon war von dem unruhigen Tage und seinen wechselnden Eindrucken sie gonnte ihm die Erquikkung eines ungestorten Abends nun sollte er noch

Aber schon erhob sich der Dechant. Wenn ihm auch die Bequemlichkeit uber alles ging, so kannte er doch die Schicklichkeiten seines Amtes.

Ich werde zu der Armen gehen! sagte er.

Allgemein aber musste man der Frau von Gulpen, die in die Gerathkammer gegangen war, Recht geben, dass sie noch geaussert hatte, diese Schreckensbotschaft von der guten Frau Ley ware ja schon so oft gekommen und immer hatte die Dulderin sich wieder erholt, ja sogar es bereut, als sie in einem ahnlichen Anfall schon einmal die Wegzehrung erhalten und dann doch nicht gestorben ware. Spendet auch die Kirche diese letzte Wohlthat gern in der Voraussetzung, dass sie nicht den Tod, sondern die Genesung erleichtre, so sparen sich die Sterbenden doch gern die hulfreiche Rustung zum Eintritt in den peinvollen Vorhof des Himmels zu dem Augenblick, wo sie deren wirklich bedurftig sind.

Also rieth man dem Dechanten zu bleiben und Windhack, der der Frau von Gulpen in die Weissgerathkammer, wo ein liebes zartes Kind, Treudchen Ley, den ganzen Tag uber an neuen feinen Hemden gesteppt hatte, nachgegangen war, kam schon mit der Beruhigung zuruck, Treudchen ware zwar gegangen, hatte aber hinterlassen, sie wurde sogleich schicken, wenn es nothig wurde.

Geschwister hat sie genug dafur! sagte Frau von Gulpen, die schon zuruckkam ... Sie sagte dies ganz voll Mitleid, aber scheinbar ohne die mindeste Erregung.

Der Dechant beruhigte sich also.

Wissen Sie wol, lenkte er in ein inzwischen vom Major begonnenes Gesprach uber Wilddieberei ein, wissen Sie wol, das Schmerzenslager unserer guten Frau Ley ist eine Folge der Wilddieberei?

Man wusste nur Einzelheiten davon. Wahrend Lucinde den fortgesetzt forschend auf ihr ruhenden Blick des Majors bald fragend suchte, bald erschreckend vermied, erzahlte der Dechant:

Ehe noch die Juden in Kocher am Fall den Muth gehabt hatten, an Christen von ihrer eigenen Metzgerkunst mehr zu verkaufen als Ganseblut ...

Allen Bewohnern von Kocher war gegenwartig, dass die Hasen-Jette, Frau Henriette Lippschutz, die jetzige Wildprethandlerin, die Witwe eines einst auch von Christen stark in Nahrung gesetzt gewesenen judischen Metzgers war ...

Und ehe noch, fuhr der Dechant fort, die Blume der ganzen Judenschaft in Kocher am Fall, mein unvergesslicher theuerster Busenfreund Dr. Leo Perl, zu unserer Kirche ubergetreten war er hat einst in Borkenhagen unsern guten Bonaventura getauft ... Sieh, sieh! unterbrach sich der Dechant selbst, kame Bona noch, der Wunsch der Frau wenn sie sturbe ware erfullt; von ihm hatte sie am liebsten die letzte Zehrung empfangen ...

Frau von Gulpen stellte die Nothwendigkeit einer schon so nahen Gefahr und die Erfullung jenes Wunsches, den Lucinde schon vorgestern aus dem Munde Grutzmacher's kannte, wiederholt in Abrede ...

Kurz, vor langer Zeit schon, nahm der Dechant seine Erzahlung auf, war der angesehenste Metzger hier im ganzen Orte Treudchens Grossvater, der alte Petrus Ley. Als ich hierher an den Dom kam auf Veranlassung hauptsachlich jenes, so fruh dahingegangenen Seltensten der Menschen Leo Perl , stand niemand unter seinesgleichen hoher im Ansehen als Herr Petrus Ley. Eine Freude war's, den Mann in seinem stattlichen Hause unten am Fall zu sehen, wie er, uber der Brust die weisse Schurze und mit dem Messer im Brustlatz, an seiner Schranne stand! Den Mann plagte aber plotzlich das Wohlleben, der Mussiggang und mit ihm, wie es auf dem Lande geht, die Jagdlust. Hatten entweder, wenn er uber Land zum Einkauf von Schlachtvieh reiste, seine Hunde die Neckerei, Hasen aufzustobern, die sie ihm zuschleppten so erzahlte er spater selbst den Ursprung seiner Jagdlust oder reizte ihn sein burgerliches Wohlbefinden, er pachtete eine Jagd und wurde ein so leidenschaftlicher Jager, dass ihm sein eigenes Gebiet nicht mehr genugte. Die Kugel, einmal im Lauf, sagt unser grosser Schiller, ist verhangnissvoll! Sie fuhr auch fur Petrus Ley heraus, wenn die Grenzmarke seines Geheges langst uberschritten war. Ich mag nicht leiden, wenn ein Backer, der fur tagliches Brot, meinetwegen Sonntags fur Kuchen zu sorgen hat, sich zu feinern Naschereien versteigt. Ein Metzger, der dem Wild nachstellt und das dann zwar nicht aufhangt unter seine Rindsviertel und gespaltenen Lammer, aber unter der Hand doch auch verkaufen muss, begeht fast eine Untreue an seinem Beruf. Ich will nicht sagen, dass sich sein Beruf rachte, aber Petrus Ley erlebte das Ungluck, nach einer heissen Jagd, die ihn nicht wenig mitgenommen hatte, auf freiem Felde von einem Unwetter uberfallen zu werden. Der Regen goss in Stromen. Kein Baum, kein schutzendes Gestein. Das Wetter endete nicht. Daruber brach die Nacht an; die Nebel umspannen vollends die Gegend. Voll Unmuth wirft sich der reizbare, zum Jahzorn geneigte Mann auf die Erde und bleibt liegen bis zur Besinnungslosigkeit. Das Winseln seines gleichfalls halbtodten Hundes machte einen voruberfahrenden Bauer aufmerksam; Petrus Ley wurde mit seinem Hunde vor dem immer fortstromenden Regen unter dem Stroh des Wagens geborgen. Herr und Hund kamen nach Hause, Ley aber wurde todtkrank und behielt von dem Tage an die Gicht in einem Grade, der sich aufs hochste steigerte und ganz unheilbar wurde. Der vermogliche Mann reiste in die Bader und kam immer kranker zuruck. Fast gelahmt an allen Gliedern, hatte er Schmerzen, die den Unglucklichen zum Gegenstand des allgemeinsten Mitleids machten. Wie oft hab' ich fur ihn die Furbitte gehalten! Fast immer im Bett liegend, musste er die Fuhrung seines Gewerbes seinem Sohn uberlassen, der in keiner Hinsicht ihm ahnlich war. Ein trager und bequemer Mensch, hatte Joseph Ley die Fruchte der Anstrengungen seines Vaters geerbt, liebte aber die Gesellschaft, das Kartenspiel, den Wein und vernachlassigte so sehr die ihm nun ganz allein ubertragenen Geschafte, dass sie zuruckgingen und der zusammengekrummte, auf seinem Lager stohnende alte Vater Verwunschungen uber Verwunschungen uber den Buben, wie er ihn nannte, ausstossen musste. Joseph hatte selbst schon lange ein einst vermogendes Madchen geheirathet, die Tochter eines angesehenen, nur mit zu viel Kindern gesegneten Landwirths. Das immerhin betrachtliche Eingebrachte derselben war bei dem Zuruckgehen des Geschafts bald verbraucht; die Kundschaft verminderte sich, die Concurrenten machten bessere Einkaufe. Alledem sah der von der Gicht krummgezogene Alte, der inzwischen Grossvater geworden war, von seinem Lager mit Verzweiflung zu. Innerer und ausserer Schmerz folterten den Greis, der nicht mehr gehen und stehen konnte. Horte man wilde und laute Verwunschungen aus dem einst so stattlich gewesenen, jetzt die Spuren des Verfalls tragenden Hause, so wusste man schon nicht mehr, waren es die Ausbruche des Zankes mit seinem Sohn oder die Klagerufe des von seinen Schmerzen Gepeinigten. Dieser Zustand dauerte einige Jahre. Die Verlegenheiten wuchsen; das Haus gehorte schon nur den Glaubigern; Pfandungen folgten auf Pfandungen, und wie es zu gehen pflegt, das Verderben wird unaufhaltsam und wird es auch innerlich fur den Charakter des davon Betroffenen. Joseph Ley verkaufte und versetzte ein Stuck nach dem andern; die Frau, eine redliche, brave, treue Seele, muhte sich mit der Befriedigung des letzten Restes von Kundschaft, um nur die Kinder erhalten und erziehen zu konnen. Die Vergunstigungen der Armuthspenden in Empfang zu nehmen, war man noch, schien es, zu stolz. In der Nebenstube des Wohnzimmers, aus dem hinaus man in die jetzt fast immer leere Verkaufsflur trat, stand ein Bett mit Kattunvorhangen; rings von diesen eingeschlossen, um das Licht abzuhalten, das die truben, rothen Augen des Alten blendete, lag der Alte. Da ruckte man ihm eine Fleischbank hin, auf der er Speck und gerauchertes Fleisch schneiden half und Wurst hackte. Eines Tages fand man die Vorhange sorgsam zugezogen; man offnete; Petrus Ley hatte sich mit dem grossen Messer, das immer in seiner Nahe lag, erstochen. Nun vollends war der Segen des Hauses dahin! Die blutige Gestalt des Grossvaters verscheuchte jeden der letzten Kunden, auch die, die aus Mitleid noch gekommen waren. Mit Grauen und Ekel ging man an dem Hause eines Metzgers, der sich selbst erstochen hatte, voruber, und sah man auch manchmal an der Thur noch ein einziges junges Lammchen hangen mit ausgebreiteten, an Stecken befestigten Fussen, die gute ungluckliche Frau Ley putzte und scheuerte hellgelb die Haken, an denen einst die schweren Rinderviertel gehangen, die Wagschale blinkte so sauber durch die Fensterscheiben der Hausflurthur wie sonst, drinnen sah es doch ode und leer aus. Joseph sass dann bald nur noch im Wirthshaus, trank und spielte. Die geistlichen Vermahnungen halfen nichts; es lag wie ein Fluch auf dem Hause, dessen ganzliche Verodung nur das Mitleid um die rechtschaffene Frau abwandte. Das haben wir ja alle erlebt, wie diese unheilvolle Kette an verderblichen Ringen immer reicher wurde! Die kleinen Kinder wuchsen herauf, halfen da und dort; der Vater hatte Augenblicke, wo er sich zusammenraffen wollte. War dann einmal ein Thier gekauft worden, war das ein Jubel von Frau und Kindern! Sie liefen in die ganze Nachbarschaft ringsum und verkundeten die frohe Mar: Der Vater hat ein Schwein geschlachtet! Was liess sich dann thun? Man musste den judischen Metzger Lippschutz, an den man sich unten am Fall schon gewohnt hatte und zu dessen Praxis ohnehin diese eine Thiergattung nicht gehorte, ubergehen und die arme Frau Ley glucklich machen, die dann freilich erleben musste, dass der Mann, gleichsam um sich von einer einzigen grossen That, dem Schlachten und Zurichten und Verputzen eines einzigen Thieres, auszuruhen, dann wieder im Wirthshause sass und durch erkunstelte Bravaden seine innere Zerfallenheit zu ubertrotzen suchte. Sein Blick wurde wilder und scheuer, man mied ihn und je mehr die Theilnahme fur die Mutter und die Kinder zunahm, desto vereinsamter fuhlte sich ihr Mann, der Joseph. Die arme Frau lief oft sechs Stunden Weges zu Fuss uber Land, um irgendeinen Ankauf zu machen; die Kinder folgten, und zu ruhrend war der Anblick, wenn sie dann ein Lammlein oder ein taumelndes Kalblein die Landstrasse dahertrieben und den Vater aus dem Wirthshause abriefen, damit er an dem auf Borg oder fur ein Geringes Eroberten seine Kunst zeigte. Wir wissen alle, dass eines Tages am Pfosten des Schlachthauses nicht ein solches kunstgerecht ausgeweidetes Lammlein, sondern der Joseph selber hing! Wie sein Vater war auch er aus der Welt gegangen; jener Selbstmord war aus Ungeduld und Stolz, dieser aus Furcht und Scham entstanden; sein Trotzen war eben nur, wie es geht, ein falsches Spiel gewesen. Dann wurde Meister Lippschutz Herr der ganzen Kundschaft bei den Gerbern und Farbern unten am Fall, bis auch der starb und seine Frau die Metzgerei nicht fortfuhren konnte. Das, Fraulein Schwarz, ist nun unsere Hasen-Jette, die Sie sehr oft auf unserer Dechanei sehen werden! Sie ist eine vortreffliche Frau, wenn auch der Major ihren geheimen Lieferanten nicht traut ... Nun stirbt die gute Frau Ley! Ich muss doch hinunter in die Stadt! Man kommt nicht wieder ... Gute Nacht!

Der Dechant erhob sich allen Ernstes. Sein gutes Herz hatte uber die Bequemlichkeit den Sieg davongetragen.

Sein Entschluss wurde aber von einem heranrollenden Wagen unterbrochen.

Der Pfarrer von St.-Wolfgang! rief alles und Frau von Gulpen trat ans Fenster.

Es war aber nicht diese heiss von ihr ersehnte Ablosung fur den Dechanten, sondern es waren die geistlichen Herren vom Diner und von der Conferenz. Windhack kam schon und berichtete: Sie hatten ihre Ueberkleider, Bucher, Regenschirme noch in der Dechanei zuruckgelassen und wollten sich, da sie jetzt erst abreisten bis um acht Uhr hatten sie Gelegenheit genug gefunden sich in Kocher am Fall zu zerstreuen , alles in den Wagen nachreichen lassen.

Frau von Gulpen furchtete, dass man nicht jedes da, wo sie es hingelegt hatte, finden wurde und schickte auch noch Lucinden mit den nothigen Anweisungen hinunter.

Windhack war schon vorangegangen. Ohnehin war er im Aufdecken begriffen. Nach dem Thee pflegte man in der Dechanei immer noch ein Nachtessen einzunehmen, das bereits aufgetragen wurde ... Man drangte inzwischen den Dechanten, die Botschaft Treudchens erst abzuwarten und sich zu beruhigen.

Bald horte man, dass nach wenigen Augenblicken auch schon der Wagen unten wieder abgefahren war.

Eben machte der Major einige Glossen uber die Anhaufung geistlicher Versammlungen, uber die Unbesonnenheit, mit der man Zwecke zur Schau truge, die boses Blut nach oben setzen mussten, uber die fanatischen Schwarmereien des Stadtpfarrers, der sogar allerlei Abenteurer ins Land riefe, jetzt die Italiener, die diesmal Heiligenbilder verkaufen mussten zu Spottpreisen, wie ihnen durch einen Verein ermoglicht wurde; ja, auch den "Kirchenboten" hatte er heute wieder so scharf geschrieben gehabt, dass man ihn in der Censur von Anfang bis zu Ende gestrichen hatte ...

Er kannte die Spannung zwischen der Dechanei und dem Stadtpfarrhause und sagte ganz offen:

Man mochte fast glauben, der fanatische Mann hat die Herbstmanover abgewartet, um seine bekannten Anschuldigungen der Regierung besser unter die Leute zu bringen!

Schon sprach man dem Mahle zu, schon fullten sich die Glaser ... Man erorterte die heutige Conferenz. Der Dechant zuckte die Achseln und schwieg zu des Majors Besorgnissen ... Man sprach von dem ausbleibenden Benno, der wahrscheinlich durch seine Kameraden gefesselt war, und bemerkte endlich die auffallende Nichtwiederkehr der Nichte der Frau von Gulpen.

Der Dechant war der erste, den ihr Aussenbleiben storte.

Eine Erorterung uber sie, eine Kritik uber ihren Eindruck liess sich noch nicht anknupfen; man konnte annehmen, dass sie eben eintreten wurde.

Ihr Couvert blieb aber leer. Sie kam nicht ...

Jetzt fragte man Windhack, der servirte ...

Windhack wusste keine andere Auskunft, als dass "Fraulein von Schwarz" ihm noch vor einer halben Stunde draussen geholfen hatte, den Herren in ihren Wagen die verlangten Sachen nachzureichen. Da hatte sie ein Licht gehalten und plotzlich ware ihr das Licht aus der Hand entfallen und dann, als der Wagen fort war, hatte er sie gar nicht mehr gesehen ...

Frau von Gulpen fand das Fallenlassen des Lichtes "doch auch sonderbar" und nun offnete sich manche verhaltene Schleuse ...

Die Freundinnen schickten zuerst das grosste Lob voraus nach dem System der Sheridan'schen Lasterschule war dies gleichsam das Einkaufungsrecht, hinterher desto scharfer tadeln zu konnen.

Flusternd nur und sehr discret fand man die junge Dame ausserordentlich interessant, mit andern Worten hochst unheimlich und kein Vertrauen erweckend; man fand sie wunderbar schon und majestatisch, mit andern Worten zum Dienen nicht im mindesten geschaffen; man bewunderte ihre Augen und fand sie ausserordentlich klug, d.h. gefahrlich und Vorlaufer mancher Beunruhigungen der Dechanei und der Stadt.

Die Frau Majorin schwieg vollends was bei ihrer Zungenfertigkeit das am meisten Sagende war und der Major knochelte nur ein kaltes Huhn aus und legte die Reste so hieroglyphisch vor sich auf den Tellerrand, als wollte er damit das bekannte Rathselspiel einer verwundenen Bandschnur losen ...

Jetzt fragte ihn Frau von Gulpen geradezu, woruber er denn heute eine so ganz extrafeine Miene machte ... und der Majorin sagte sie schon:

Unsere Familie ist so gross, dass ich oft erschrecke, ihre nahere Bekanntschaft zu machen!

Und als nun gar Fraulein von Minnerich die Anspielungen des Majors auf den judischen Ursprung der Stadt Kocher in Verbindung brachte mit einem gewissen orientalischen Air der Nichte und die Tante daruber in Verlegenheit gerieth, konnte der Major nicht mehr umhin zu sagen:

O Beste, nein! Ich wollte nur auf ihre hohe Religiositat anspielen ... sie ist ja eine Convertitin ...

Feierliches Schweigen ...

Man sah sich um, ob Lucinde kam.

Da sie ausblieb, ermunterte Frau von Gulpen, die diese Eigenschaft ihrer Nichte nicht gekannt hatte, den Major, ganz offen sich auszusprechen.

Sie wissen, sagte sie, ich bin schon so oft von meinen Angehorigen getauscht worden! Noch unser letzter Besuch, Fraulein Angelika Muller

Ich habe einen Brief von ihr auf meinem Zimmer liegen, sagte der Dechant und wunschte offenbar damit das Gesprach abzubrechen ... ihm gefiel Lucinde ... er ware gern auf einen andern Gegenstand ubergegangen.

Grutzmacher, sagte aber der Major, sah sie schon gestern beim Pfarrer von St.-Wolfgang ...

Wir hatten sie dorthin empfohlen, bemerkte Frau von Gulpen, um ihre Sicherheit zu beweisen.

Sie kannte Herrn von Asselyn schon seit Jahren ...

Sie kommt aus der Stadt, wo er geweiht wurde ...

Nun, wir werden ja sehen ...

Sehen? hiess es allgemein.

Ich verschweige Ihnen nicht, gestand jetzt der Major ganz offen, die Dame ist uns zur Aufsicht anempfohlen worden ...

Zur Aufsicht?

Als Emissarin! Ihre fanatische religiose Gesinnung ...

Bei dem Worte "Emissarin" verschuttete fast Frau von Gulpen den Inhalt der goldenen Dose, die der Dechant suchte und die sie ihm, selbst in grosster Aufregung jede seiner Mienen, jedes seiner Bedurfnisse beobachtend, hinreichte und offnete ...

Dem alten Windhack schien es geradezu Spass zu machen, Frau von Gulpen so gleichsam immer mehr in die Lufte gehoben zu sehen. Er schenkte dem Major sein Glas mit 24er Mosel-Auslese ebenso oft voll, wie dieser es leerte. Dadurch kam die Mittheilungslust desselben in Gang und nicht zwanzig Minuten wahrte es, so wussten, naturlich nur in gemuthlichster Andeutung, alle, dass Lucinde Schwarz kaum viel mehr als eine Abenteurerin war, schon einen sehr verwickelten Lebenslauf gehabt hatte, ja auf Schloss Neuhof beim Kronsyndikus von Wittekind gewesen war, damals namentlich als vor sechs bis sieben Jahren jener Theilungscommissar so rathselhaft getodtet wurde, der Vater eben jenes Monches, der jetzt Pater Sebastus hiess und vielleicht in diesem Augenblick unter den unten angefahren gewesenen Geistlichen sich befunden haben konnte ... Ja, bis zu Lucindens erstem Anfang gingen die Mittheilungen zuruck, bis zum Hause des Stadtamtmanns und sogar bis zu ihren ersten Abenteuern mit einer alten Frau Hauptmannin von Buschbeck ...

Langst hatte von Kocher her der Zapfenstreich sich vernehmen lassen ...

Der Dechant stand schon bei dem Namen "Schloss Neuhof" auf ...

Frau von Gulpen folgte seinem Beispiel bei dem Worte "Buschbeck".

Lucinde war nicht wiedergekehrt ...

Die Freundinnen besassen Takt genug, nachzufuhlen, dass dieser Abend gestort war, und den Zapfenstreich hatte eigentlich niemand versaumen wollen ...

Major Schulzendorf hatte Lucinden keineswegs anklagen wollen. Er hatte nur das Interesse, das sie vollkommen einflossen durfte, genauer motivirt. Nicht im mindesten durften er oder seine Gattin annehmen, dass seine immer den Rucksichten des Hauses und den vortrefflichen Speisen und Weinen desselben Rechnung tragende Mittheilung irgendjemanden hier verletzte.

Man trennte sich wie mit dem Gefuhl allgemeinster Befriedigung ...

Frau von Gulpen aber fiel, als sie mit dem Dechanten allein war und ihr scharfes Ohr die letzten Schritte der Gaste verklingen gehort hatte, geradezu in eine Ohnmacht ...

Der sanfte Mann that alles Mogliche, sie zu beruhigen.

Nicht vierundzwanzig Stunden langer bleibt sie im Hause! hauchte die Freundin mit einer ihr fast vergangenen Stimme.

Die Haube loste sich, die schonen kastanienbraunen Scheitel kamen in Unordnung ...

Und plotzlich raffte sie sich auf und klingelte.

Was thun Sie? Was soll das? fragte der Greis.

Windhack, der die Gaste hinausbegleitet, kam zuruck.

Das Fraulein

Die Stimme versagte ... versagte um so mehr, als der Dechant sich einer sofortigen Citation Lucindens entschieden widersetzte.

Windhack berichtete, er hatte oben geklopft und die Antwort bekommen, sie ware mude und wunschte allein bleiben zu durfen ...

"Wunschte! Allein bleiben zu "! lachte Frau von Gulpen formlich auf, wie uber eine Pratension der hochsten Anmassung ...

Beruhigen Sie sich, liebe Freundin! unterbrach der Dechant wiederholt und mit Entschiedenheit. Verurtheilen Sie nicht wieder zu schnell! Morgen wird sich alles finden! Ich bitte sehr darum! Windhack, leuchte! Ich habe noch Briefe zu lesen. Keine Storung! Keinen Tumult! Ruhe und Friede! Ich bitte darum! Gute Nacht, liebe Freundin!

Damit ging der Greis erregt, wie seit lange nicht, auf sein Zimmer.

Die Schnurrenthuren nebenan bei Frau von Gulpen beruhigten sich aber noch bis tief in die Nacht nicht, so oft gingen sie auf und zu und so oft zu und auf ...

Nie noch konnte eine Tante uber eine Nichte in grosserer Aufregung gewesen sein.

9.

Inzwischen sass Lucinde in einem Mansardenstubchen unter dem Eindruck, den ihr das Wiedersehen Heinrich Klingsohr's verursacht haben musste!

Dass es dieser gewesen, dass er wie sie den Glauben gewechselt, ja dass er weiter noch gegangen und ein Monch geworden, bestatigte Windhack, als er das ihr aus der Hand gefallene Licht erhob und in aller Harmlosigkeit sagte, der Monch kame mit den geistlichen Herren vom Stadtpfarrer ... hiesse Dr. Klingsohr, und in der Stadtpfarrei da musste man mehr von ihm wissen, als halt er selbst oder der Dechant wusste ...

Windhack ahnte nicht, wie seine Antwort einer fast bebend gesprochenen Frage gegeben wurde.

Und doch wusste selbst auch noch in diesem Augenblicke sich Lucinde schon wieder zu beherrschen.

Aber sie mochte nicht in die Gesellschaft zuruckkehren ober, wie Windhack sie aufforderte, am Mahle theilnehmen. Die strenge Kalte der Frau von Gulpen, der prufende Blick des Majors, der so lassige und nur oberflachlich verrathene Antheil des Dechanten benahmen ihr allen Muth, allen Aufschwung ... und doch war sie sorglos und ahnte fur ihr Bleiben keine Gefahr.

Sie hatte Treudchen Ley schon davongeeilt gefunden, hatte die zuruckgelassenen Sachen der geistlichen Herren helfen wollen an den Wagen nachtragen, hatte kaum einen Blick durch das vergitterte Fenster des untern Estrichs geworfen, wahrend Windhack vor der grossen Hauptpforte stand ... als sie vor dem geschorenen Haupte eines Monches, der aus dem Wagenschlage sich vorbeugte, zuruckfuhr. Die Beleuchtung durch Lichter, den aufgegangenen Mond und die noch nicht ganz entschwundene Tageshelle war zu sicher, der markirte, scharfe Kopf Klingsohr's war mit keinem andern zu verwechseln und die Bestatigung, dass sie sich nicht geirrt, folgte durch Windhack auf dem Fusse ...

Wollen Sie nicht zum Souper kommen? fragte der Alte nach einer Viertelstunde noch einmal.

Durch die geschlossene Thur ihres Mansardenzimmers hatte sie gebeten, allein bleiben zu durfen und sie wegen ihrer Ermudung zu entschuldigen.

Ihr Zimmer war klein, sehr niedrig, fast stiess sie mit dem Kopf an die Decke

Sie machte sich Licht sie hatte alle Fenster des Hauses aufreissen mogen, um Luft zu schopfen, ihr Stubchen hatte nur ein Fenster sie furchtete zu ersticken

"Beim Stadtpfarrer wurde sie mehr erfahren" Dies Wort hallte ihr unaufhorlich wider ...

Sie hatte Briefe an diesen Beda Hunnius die dringendsten Empfehlungen Empfehlungen, die sogar mit "pressant" uberschrieben waren

Sie suchte nach diesen Briefen

Dabei blieben ihr die Hande wie gelahmt ... und fast wie im Gelachter klang es schon und hallte ihr im Ohr:

Klingsohr ein Monch!

"Sind Sie katholisch?" hatte sie einst zu ihm gesagt, als er einen Blutenzweig da in die Erde pflanzen wollte, wo sie gestanden, damals, als sie von ihm auf dem Wege vom Dusternbrook so seltsame und ihr fremde Gedanken vernommen ...

"Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus!" hatte er erwidert ...

Sie ging auf und nieder in dem engen Zimmer.

Dann suchte sie in ihrem kleinen Koffer nach den Briefen ...

Sie fand sie in ein Convolut alter Papiere versteckt, die sie seit drei Jahren besass. Es waren die nach Serlo's Tode aus dessen Nachlass an sich genommenen Aufzeichnungen desselben ... seine oft von ihm vorgelesenen Tagebucher.

Sie kannte jede Stelle darin und nicht eine Secunde brauchte es, dass sie eine Seite aufgeschlagen hatte, die jenen Beda Hunnius betraf. Firmian Neumeister, genannt Serlo, war, obgleich alter, mit ihm im geistlichen Convict gewesen ... Bei diesem Hunnius konnte sie von Klingsohr mehr erfahren ... von Klingsohr, der jetzt ...

Sie wusste selbst nicht, was sie that, als sie, um den uberwallenden Strom ihrer Empfindungen zu dammen, die Schilderung wieder las:

"Wir altern Schuler hatten die Aufsicht uber die jungern. Schon ganz kleine Knaben kamen ins Convict und mit den glucklichsten Anlagen fur ihren kunftigen Beruf ...

Die Lehrer hatten die Erziehungsgrundsatze der Jesuiten angenommen. Wir wurden von allem zuruckgehalten, was nur irgendein eigenes und selbstandiges Leben in uns und aus uns hatte entwickeln konnen. Jede Stunde, ja jede Minute hatte ihre Beschaftigung, ihre eigene Aufgabe. Nur die Ruhe der Nacht, wenn man aus einem Traum erwachte, bot die Gelegenheit eines stillen Selbstgesprachs. Nur in solchen Nachten ermoglichten sich meine Betrachtungen uber Menschen und Dinge. Mit dem Glockenschlage funf begann die gewohnte Ordnung mathematisch genau abgegrenzter Beschaftigungen. Einer der Schuler belauschte den andern. Man wurde angezeigt, wenn man Runzeln auf der Stirn hatte! Ich weiss es noch wie heute, dass ein Schuler, ein kleiner Bauernknabe, mindestens sieben Jahre junger als ich, den ich zu beaufsichtigen hatte, ein gewisser Hunnius, m i c h anzeigte, wenn ich die Stirn in Runzeln gelegt hatte! Diese Nachlassigkeit wurde vom Rector scheinbar nur aus Schonheitsrucksichten getadelt und abgestraft. Man sagte: Du sollst dein Aeusseres pflegen! Dein Leib ist ein Tempel Gottes! Wie kann eine Seele zu dir Vertrauen fassen, wenn du mit dusterer, gefurchter Stirn sie anblickst! Die Wahrheit war aber keine andere als die, dass gerunzelte Stirnen Denker verrathen, mindestens Traumer, die in sich selbst versunken Betrachtungen anstellen, die ihnen nicht von aussenher veranlasst und geheissen wurden.

Dieser boshafte kleine Verfolger meiner Stirnrunzeln war auch schon der eifrigste und gewandteste Escamoteur des sogenannten Signums.

Dies war eine Art Denkzettel von Blech, den derjenige umhangen musste, der irgendein Versehen sich hatte zu Schulden kommen lassen. Man trug das Signum so lange, bis man an irgendeinem andern eine Unregelmassigkeit entdeckt hatte, der dann es statt seiner tragen musste. Da derjenige, welcher das Signum Abends neun Uhr umhatte und der letzte gewesen war auf der nun folgenden Jagd der Angeberei, dann auch wirklich gleichsam fur alle bestraft wurde, Opus operatum auch hier! ein verhaltnissmassiges Fastengebot erhielt oder irgendeine Arbeit verrichten musste, so kann man sich denken, wie aufgelauert wurde, um das Signum von sich weg anzugeben auf einen andern! Ich alter, achtzehnjahrige Knabe war gewohnlich der Ungluckliche, der fur die Vergehen von einem Dutzend anderer Abends neun Uhr zu bussen hatte.

Und ich sage nur, wie die menschliche Natur fruh auf alles, was sie geistig verkruppeln kann, vergnuglichst eingeht!

Niemals kam der jungste von allen, der kleine Hunnius an die Reihe, der letzte zu sein! So verschmitzt war hier schon ein Kind, so listig, dass es noch Abends um neun Uhr einen Frevel an einem seiner Kameraden entdecken konnte, dem es das Signum kurz vor Thoresschluss zuzuschanzen wusste.

Gab es keinen Verstoss, der anzuzeigen war, so lockte man einen hervor. Dazu bedurfte es blos doppelter Verschmitztheit; denn der Reiz zur Sunde ist immer da. Von Freundschaft und Liebe konnte bei so durcheinander gehetzten jungen Seelen keine Rede sein. Wir wurden zur Predigt der Liebe angeleitet und in unserm Innern kochten Hass und Rache. Alles zur grossern Ehre Gottes!"

Eigentlich war Lucinde auf dem Standpunkte, bei solchen Mittheilungen eher Partei gegen als fur Serlo zu nehmen. Sie hatte mit der Denkweise, die sie Klingsohrn, ja Serlon selbst verdankte, eine resolute Entschlossenheit der Menschen fur die Abwehr ihrer gegenseitigen Schlechtigkeiten fur vollkommen gerechtfertigt zu halten gelernt. Sie lachte schon oft uber den kleinen Hunnius und nahm ihn fur einen Erzschelm, der mit der Menschheit gerade so verfuhr, wie man mit derselben verfahren musse und wie sie einst selbst sich gegen die Tucke der Frau von Buschbeck half. Selbst Bonaventura, dem sie einst diese Art der Erziehung vorhielt und unter der gewohnlichen Beichtstuhlfirma, "sie wurde von Zweifeln gequalt" ihr Verhalten zum neuen Glauben war, den wirklichen Hass gegen die hinter ihr liegende protestantische Welt ausgenommen, nur ein ausserliches und eine Benutzung desselben als Mittels zum Zweck diese Signum-Anekdote erzahlte, hatte gesagt: Man glaubt das Fundament unserer Kirche erschuttert zu haben, wenn man allen Aberwitz aufdeckt, auf den die Einsamkeit der Geistlichen und die Furcht vor der Anfechtung verfallen ist! Die kunftige Lebensstellung des Priesterstandes ist eine so schwierige, dass die Angst, es mochten sich keine Menschen finden, die ihm Genuge leisten konnten, seit Jahrhunderten bei uns auf solche Auskunftsmittel der Erziehung zur innern Heiligung verfallen ist!

Die Gaste unten hatten das Haus verlassen alles wurde still der Mond trat immer heller und heller hervor und verklarte den Park mit einem magischen Lichte ...

Von Benno, von Hedemann, Thiebold de Jonge, Bonaventura, von den Italienern keine Spur auch die kleine Gertrud Ley brachte wenigstens horte sie nichts keine Botschaft von ihrer sterbenden Mutter ...

Die Erzahlung des Dechanten hatte Lucinden in ihr eigenes Jugendleben zuruckversetzt in das Leben ihrer Geschwister in den Tod derselben auch den Tod ihrer beiden letzten Bruder ... Gustav und August lebten nicht mehr sie hatten aus dem Besserungshause entfliehen, hatten an einem Seil aus einem hochgelegenen Fenster sich niederlassen wollen ein Gerausch treibt den zweiten Fluchtling, sich aus dem Fenster dem ersten nachzuschwingen, wahrend dieser noch nicht am Boden ist das Seil reisst, beide verunglucken vor einem Leben, das doch gewiss nur das des Verbrechens hatte werden konnen! trostete sich schon damals Lucinde. Es war dies fast drei Jahre her; die Kunde traf sie gleich nach ihrem Eintritt in die orthopadische Anstalt. Dass sie diesen Tod getrost auf ihre Rechnung schreiben konnte, hatte ihr das Gewissen schon oft gesagt und ebenso oft auch schon wieder hatte ihre Philosophie der Selbsthulfe und des erlaubten Widerstandes gegen das feindliche Leben sie von allem Vorwurf freigesprochen.

Zur Ruhe gehen konnte sie nicht. So in ihrer Aufregung den Tag schliessen, so sich mit tausend qualenden Gedanken aufs Lager werfen? ... Unmoglich fur eine Phantasie so voll wuhlender Ungeduld! ...

Die Kleinheit des Zimmers machte sie jetzt verzweifeln. Sie riss die Thur auf ... Unten horte sie noch reden ... Frau von Gulpen war es, die sich bei den Magden sicher stellte, dass niemand sich etwa einfallen liess, vom Larm der Stadt und der Neugier auf die Einquartierten sich aus dem Hause ziehen zu lassen.

Lucinde lachelte und sagte kopfschuttelnd:

Ganz wie meine Alte!

Zuletzt regte sich nichts mehr im Hause ...

Sie griff nach Hut und Mantel ...

Wenigstens in den Park wollte sie gehen und mit einer Wanderung durch die Baumgange die sturmenden Gefuhle ihrer Brust beschwichtigen ...

Wie auch hatte ihr das Leben dieses Parks poetisch vor Augen gestanden! Sollte sich denn auch nichts davon, keine einzige ihrer Ahnungen erfullen?

Sie musste hinaus. Nur das eine Bild des Monches Klingsohr schon wuchs so riesengross vor ihren Augen, dass es die Decke des kleinen Zimmers sprengte. Es zog sie, wie wenn sie uber Lander und Strome, uber Heiden und Moore fliegen musste zu dem fernen Meere hin, an dessen Ufern sie einst gelebt hatte, zu dem Strande der Alster, wo Klingsohr im Schilfrohr das blutige Haupt seines Vaters zu sehen sich gefurchtet.

Und wollte nicht zuletzt noch Bonaventura kommen? Wollte er sie gleich schon heute die Wonne nicht fuhlen lassen, doch irgendwie berechtigt in seiner Nahe weilen und an seinen Lebensschicksalen betheiligt scheinen zu durfen?

Mit diesen Empfindungen war sie schon auf der Stiege.

Sie hatte leise ihr Zimmer zugedruckt.

Behutsam ging sie hinunter. Nichts horte sie als das Knistern ihrer Schuhe auf der steinernen Treppe.

Unten steckte der Schlussel in der Hauspforte ...

Sie schloss auf, offnete und trat hinaus ...

Sollte sie den Schlussel mitnehmen? ... Mitnehmen? Wohin? ... Wusste sie schon, dass es im Park sie doch nicht halten wurde, dass sie sich weiter wagen musste, wenigstens bis an die Kathedrale hinauf? ...

Sie liess den Schlussel stecken und druckte nur leise die Thur wieder zu.

So trat sie auf die steinernen Vliesen, die rings das Schlosschen umgaben. Dann kam ein kleiner Rasen mit einem kaum einige Fuss hohen spielend tropfelnden Springbrunnchen ... dann kam eine Baumallee ...

Auf einer Steinbank liess sie sich nieder ...

Wie blickte sie zagend auf das Haus, in dem ein Licht jetzt nach dem andern erlosch! ... Das Piano, auf dem sie sich leidlich geltend zu machen wusste, hatte man sie gar nicht aufgefordert anzuruhren! Sie hatte ihre eigenen bizarren Weisen, in denen sie sich in solchen Abendstunden und solchen Stimmungen anziehend zu ergehen verstand ... Wie hatte sie jetzt auf ihm dahinsturmen mogen! Und nun sass sie hier "auf Probe", so gebunden, so Bettlerin, so Ausgestossene und Geduldete nur. Sie durfte kaum ein Liedchen trallern, um das tausendstimmige Concert in ihrer Brust, ein Hammern und Klopfen wie auf tausend verborgenen Tasten, irgendwie zu verrathen ein Husteln sogar musste sie schon zwingen aufzustehen und sich mehr zum Park zu entfernen.

Sie lauschte dem Platschern des Quellchens, dem Rauschen der Blatter, dem Gerausch der Stadt ... Erst jetzt fuhlte sie, dass sie ja die Briefe fur Hunnius zu sich gesteckt hatte! Einer von ihnen war "pressant" ... Wenn sie ihn noch abgabe? Jetzt, nachdem die neunte Stunde schon geschlagen?

Klingeln an der Stadtpfarrei? Das war das Wenigste ... Zu dem Reiz, der das katholische Priesterthum umgibt, gehort seine freistehende, durch kein Familienleben gebundene Allen-Angehorigkeit. Da fragt kein Eheweib: Was wollen Sie von meinem Manne? Da sind keine Kinder, an deren Bettchen, wenn sie krank sind, ein Vater der Mutter wachen hilft! Diese katholischen Priester sind wie die Aerzte. Man darf sie des Nachts aus ihrer Ruhe klingeln. Man darf sie am Tage in ihrem Studirzimmer uberraschen. Man braucht nur um einen Schemel zu bitten, um zu knieen und mit ihnen zu beten. Katholische Priester verlangen auch keine Einfuhrung, keine Empfehlungsschreiben, sie sind sofort mit dem Menschlichsten im Menschen vertraut und einer ist dann wie alle; die Frage, die ihr ganzes Leben vertritt, ist unter ihnen und bei jedem dieselbe ... Wie viel Tausende von Frauen, die im Leben keinen Freund und Vertrauten zu gewinnen wussten, gehen ihnen bethort auch nur um deswillen nach! ...

Ohne dass sich Lucinde an die ubrigen Wege des Parkes hielt, schoss sie quer durch die vom Mondlicht beschienenen Baume an die steinernen Stufen hin, die zum Dome hinauf und von dort wieder abwarts der Stadt zufuhrten.

Trotz der spaten Abendstunde war das sonst so stille Stadtchen heute wie im ganzen Jahre nicht lebendig.

Die zu den Uebungen Berufenen zogen truppweise durch die mondscheinhellen kleinen Gassen, andere sassen in den Wirthshausern und fangen. Da Musik, dort der Larm fallender Kegel ... Von ihren gestern und heute gemachten Bekannten konnte Lucinde annehmen, dass sie sich bei dem Obersten von Hulleshoven befanden, Hedemann vielleicht ausgenommen, der sicher den Leutenant von Enckefuss vermied ... Die Italiener schienen noch in Kocher nicht angekommen zu sein ...

Lucinde ging und ging und fragte die Leute nach der Stadtpfarrei ... es war ihr, als musste sie doch vielleicht irgendwo Benno sehen ... Den hatte sie nicht lieben konnen, den schroffen Humoristen ... er gab sich absichtlich so unpoetisch, er kehrte so oft die Seiten nur seines Verstandes heraus er schien ihr zu sicher, klar und zu bewusst in sich selbst Thiebold de Jonge erinnerte sie fast an Oskar Binder aber beide Manner waren zuvorkommend, man konnte mit ihnen scherzen, ausgelassen sein jetzt hatte sie sich an Benno's Erstaunen weiden mogen, wenn er sie Abends fast gegen halb zehn Uhr im Mondenschein so durch die Strassen wandern sah in der allgemeinen Aufregung ... sie wurde seinen Arm aufgegriffen und ihn fortgezogen haben ... Entdeckte man ihren Ausgang in der Dechanei, so sann sie, was sie vorschutzen wurde, die dringenden Briefe an den Stadtpfarrer, die sie vergessen gehabt hatte am Tage abzugeben. Und wenn dieser wirklich noch zu sprechen war sie hatte sich schon bis zum Marktplatz durchgefragt wenn sie von ihm allzu lange aufgehalten werden sollte, konnte sie nicht das Interesse fur die Erzahlung des Dechanten von der sterbenden Frau Ley und den wirklichen Drang, den sie hatte, Treudchen beizustehen, zu ihrer Entschuldigung benutzen? Lucinde gehorte zu den Naturen, die bei grossen Schwierigkeiten sich durch das Wort zu helfen wissen: Ans Leben wird mir's doch nicht gehen! Das hatte sie schon in Langen-Nauenheim so gehalten, wenn andere Theilnehmer einer gemeinschaftlichen Schuld sich der Strafe entgegenangstigten. Fur die Dechanei freilich lag ihr alles daran, an der Lage, in der sie sich bisjetzt dort befand, nichts zu ihren Ungunsten zu andern. Sie ahnte ihre Gefahren nicht ...

Endlich war sie an der Stadtpfarrei. Im ersten Stock war noch Licht. Eine Klingel hing am Hause ...

Sie zog daran und unerschrocken.

Viel schneller, als sie in geistlichen Hausern gewohnt war, ging die Thur auf.

Lucinde war schon auf der Treppe und von einer Magd empfangen und forschend angeleuchtet.

Das spate Klingeln brachte Hunnius mit einer Aufregung in Verbindung, in der er sich seit einigen Stunden mehr noch als in der Conferenz befand. Man hatte in der That die letzte, eben zum Druck bestimmte Nummer seines Kirchenboten auf der Polizei von Anfang bis zu Ende gestrichen. Der Fall war schon oft vorgekommen; immer aber regte er ihn so auf, dass er die halbe Nacht daruber verlor.

In jeder Minute, da er Aenderungen vorschlug, dann neue Botschaft erwartend, konnte das Ziehen der Klingel ihn veranlassen, sogleich selbst auf die Treppe zu eilen, die Brille auf die vor Aufregung gerothete breite Stirn zu ziehen, im Schlafrock, in Pantoffeln, mit der brennenden Pfeife in der Linken, mit der Studirlampe in der markigen Rechten ... und forschend, fragend, eher einem aufgeregten, nach Ordnung sehenden Wirthe ahnlich, als einem Gelehrten, jedem entgegenzurennen.

So auch heute. Er kam, wie nur ein Mann seines Temperamentes, dann aber auch freilich ein Schriftsteller kommen konnte, der sich in jener traurigen Zeit jede geschriebene Zeile vom Censor begutachten lassen musste ...

Hunnius, ungestum und uberreizt, fand eine Dame ... eine elegante noch dazu ...

Rasch bedeckte er mit den Flugeln des Schlafrocks sein Neglige, zog die Pfeife aus dem Munde, uberliess Lucinden der Dienerin und entfernte sich mit einigen Worten der Entschuldigung.

Lucinde wurde in ein Empfangszimmer gefuhrt. Die Magd stellte ihr die Lampe hin und entfernte sich.

Nach einer Weile offnete wieder der Stadtpfarrer und bat Lucinden naher zu treten in sein eigenes Zimmer. Er hatte inzwischen schnell seinen schwarzen Rock und seine Stiefel angezogen und bot seinem Besuche einen Platz auf dem Kanapee, wahrend er selbst mit grosser Beweglichkeit in gespannter Verlegenheit einen Stuhl ergriff ...

Das Zimmer bot die oft etwas gesuchte Einfachheit geistlicher Wohnungen. Auf dem Tische vor dem harten Kanapee lag eine fast wie in absichtlichem Ungeschmack gewahlte baumwollene Decke; in der Mitte stand ein Crucifix von wurmstichigem alten Holze. Schildereien, Bucherschranke, Sessel, alles war von der grossten Einfachheit. Im Volke setzt man solche Entbehrungen beim geistlichen Stande voraus, beurtheilt ihn und dieser selbst richtet sich danach.

Hochwurdiger Herr Pfarrer! begann Lucinde. Ich bin eine Nichte der Frau von Gulpen in der Dechanei und heute erst angekommen! Ich nahe mich Ihnen, verlangend, die erste Nacht, die ich in einem neuen Wirkungskreise zubringe, mit einem Gebete unter geistlichem Beistand anzutreten. Beim Herrn Dechanten furcht' ich eine Misdeutung dieser Absicht durch meine gutige Tante und wage mich deshalb zu Ihnen. Auch hab' ich Briefe und einen dringenden vom Herrn Curatus Joseph Niggl an Sie abzugeben!

Ein Wunder die erste Anrede und leider so schnell naturlich erklart! Eine Nichte aus der Dechanei, die mit dem Stadtpfarrer beten wollte? Eine religiose Schwarmerin? Jetzt nur eine einfach an ihn Empfohlene die zwei Briefe abgibt, auf deren einem "pressant" zu lesen ist!

Der letztere kam allerdings von einem seiner vertrautesten Freunde und Hunnius fand sich zurecht.

Doch las er den Brief nicht sogleich, sondern fragte Lucinden nach ihrer Reise, ihrem fruhern Aufenthalt.

Was eine Nichte in der Dechanei bedeutete, wusste Hunnius, doch behandelte er das Verhaltniss mit Schonung, ja er war sogar hochst uberrascht, als Lucinde wirklich den Kopf mit dem nicht abgenommenen Hute auf die gefalteten Hande beugte und nicht eher aufblickte, bis er nicht ein Confiteor, das er in Versen ubersetzt sogleich zur Hand hatte, laut vorgesprochen und sie gesegnet hatte.

Ohnehin erregt und nun vollends von einer so ihm noch nicht oft vorgekommenen Scene, erbrach er erst jetzt den wichtigern der beiden Briefe. Lucinde bat ihn darum.

War Hunnius bereits von seines befremdenden Besuchs hoher, fast stolzer Gestalt, von der Schonheit der Gesichtszuge, dem geistvollen Ausdruck der Augen und dem ganzen rathselhaften Dufte, der sie umgab, im hochsten Grade belebt, so steigerte sich sein Interesse vollends beim Lesen. Von Zeile zu Zeile wuchs der Ausdruck seiner Ueberraschung. Er zog die dunkeln buschigen Augenbrauen in die Hohe und unterbrach sich fortwahrend selbst mit einem Hm! Hm! O das ist ja herrlich! bis er zu Ende war. Nun uberflog er noch einmal und formlich wie zweifelnd die an ihn gerichtete Adresse, uberzeugte sich von der Unterschrift, zog sein Portefeuille, legte den Brief vorsichtig hinein und reichte Lucinden in verklartester Miene die Hand mit den Worten:

Das muss ich mir ja zu seltenstem Glucke deuten, mein Fraulein, eine solche Bekanntschaft in Ihnen zu machen! Sie sind zu unserer Kirche zuruckgekehrt! Und mehr! Mehr! Sie haben den Muth, Ihre neue Gesinnung auch zu bewahren! Sie kennen die Welt genug, um mit Vortheil die geistlichen und weltlichen Waffen zu fuhren in dem Kampfe, den wir alle jetzt zu kampfen haben! O und das jetzt in diesem Augenblicke, wo

Er horchte auf. Es schien ihm als wenn der Drukkerbursche die gerettete Nummer brachte.

So gut bin ich Ihnen empfohlen worden? fragte Lucinde, die den Grund seiner Selbstunterbrechung und plotzlichen Wie-Abwesenheit nicht kannte.

Lesen Sie es selbst! erwiderte Hunnius, griff in sein Portefeuille und reichte ihr den Brief Joseph Niggl's zuruck.

Der gute Herr Curatus! sagte sie und lehnte das Lesen ihrer eigenen Lobeserhebungen ab.

Nein! Nein! erwiderte Hunnius halb zerstreut. Sich geruhmt zu sehen, ist manchmal eine Ermunterung!

Und nun las er, seufzend uber den nicht gekommenen Druckerburschen, selbst:

"Hochwurdiger, hochzuverehrender "

Ja so! unterbrach er sich. Ich habe mich vergriffen! Das ist nicht der rechte Brief! Indessen Sieh! Sieh! Wenn Entschuldigen Sie mich nur, dass Sie mich in solcher Zerstreuung finden! Schon wieder ist meine harmlose schriftstellerische Thatigkeit Gegenstand der rucksichtslosesten Verkurzung geworden der Luft, des Lichtes, der Freiheit, des Athems denn alles das rauben sie uns! Meine ganze morgen fallige Nummer ist mir von Anfang bis zu Ende gestrichen worden! Jeden Augenblick erwart' ich Antwort auf einen Vorschlag, den ich wenigstens zu Aenderungen machte! Kommt kein Bote aus der Druckerei, so bleibt es bei diesen Leichensteinen diesem Mord durch personliche Willkur ... Blau ist die Tinte, die diesen Menschen statt Blut unter den Handen fliesst! Sehen Sie nur!

Damit zeigte er den Censurbogen eines kleinen Blattes, das mit blauer Tinte durchstrichen war ...

Lucinde druckte ihr Bedauern aus und suchte eine Gelegenheit auf Klingsohrn uberzugehen, durch den sie mit solchen Vorgangen des literarischen Lebens schon fruh bekannt geworden war ...

Beim Zusammenfalten seines Blattes kam dem Stadtpfarrer wieder der verwechselte Brief von vorhin zu Handen.

Ja, sagte er, im Portefeuille suchend, wo ist denn Niggl's Empfehlung? Aber ja, ja Sie sollten auch diesen Brief hier lesen! Ich nehme keinen Anstand, Sie damit bekannt zu machen. Da ich Ihre Gesinnung kenne, da Sie eine streitbare Jungfrau sind, die ihre Fahne zum heiligen Kampfe mittragen will, mein Fraulein, so horen Sie in Gottes Namen, wie wir denn doch nicht so ganz verlassen sind in unserer Noth! Lesen Sie selbst! Da wir uns uber vieles werden zu verstandigen haben, so lernen Sie sogleich Ziel, Methode, Absicht, Zusammenhang unserer schwierigen Aufgaben und Kampfe kennen!

Bei alledem horchte Hunnius stets, ob es nicht klingelte ...

Von wem ist der Brief? fragte Lucinde, als sie keinen Namen fand.

Das sei noch eine Weile mein Geheimniss! Er ist von einem hochst einflussreichen Manne ...! Lesen Sie getrost!

Zugleich ging Hunnius an die Thur und uberzeugte sich, dass seine aufgeregte Phantasie sich wieder geirrt hatte. Die Kinder seines Geistes ruhten sanft auf dem Friedhofe der Censur! Nichts rief sie ins Leben zuruck! Nichts rettete wenigstens denjenigen unter ihnen, die diesmal wieder das schone Kleid seines Stiles getragen hatten, das fur Zeitschriften ohnehin so kurze bunte Schmetterlingsdasein!

Er ging auf und nieder und bat Lucinden, wie mit einer Art innerer Genugthuung, laut zu lesen ...

Im Vertrauen auf die Wunderdinge, die der Curatus Niggl von ihr geschrieben haben musste, that sie es:

"Hochwurdiger, hochzuverehrender Herr! Die Antwort auf Ihren so angenehmen Brief nachstens! Jetzt zwei Bitten! Erstens: Wissen Sie mir nicht eine kurze Charakteristik aller Dechanten unserer Kirchenprovinz anzugeben? a) Wie gesinnt gegen Rom? b) Gegen Colibat? c) In Wissenschaften und Fahigkeiten? Zweitens: Wussten Sie mir nicht einige junge in den drei Beziehungen gute Leute zu nennen, namentlich aus Belgien? ... Es ware (sed tantum inter nos!) ..."

Nur unter uns! ubersetzte Hunnius schnell und fast gedankenlos.

"Sed tantum inter nos!" wiederholte Lucinde ohne Anstoss. "Es ware uns eine grosse Freude, einige Jesuiten hereinzubringen! Wussten Sie einige, die gelaufig deutsch sprechen? Aus der Schweiz oder aus Rom wurde zu auffallend sein ... Mich Ihrem Gebet empfehlend, verbleibe ich Ihr ergebenster Freund M. Alles zur grossern Ehre Gottes!"1

Die Empfehlung solcher Freunde, wie sie Ihnen zu Theil wurde, sagte Hunnius, gestattet, dass ich Sie tiefer in unsere Interessen einblicken lasse!

Aus demselben Portefeuille zog er einen zweiten Brief und liess auch diesen Lucinden lesen, indem er auf- und niederging, bald zum Fenster blickte und auf jedes Gerausch achtete, bald sich aber auch an dem Anblick Lucindens, dem Ton ihrer Stimme, dem erneuten Ueberblick des ganzen, so wunderbar uberraschend ihm gekommenen Verhaltnisses weidete.

"Die Zeit ist reif!" las Lucinde. "Man muss mit Gewalt alles ergreifen! Der Herr Kirchenfurst gibt zu allem seinen Segen, thut aber einstweilen bei allem noch die Augen zu, sodass unsere Unternehmungen nur Privatunternehmungen sind! ... Ich will kurz nacheinander in unserer Kirchenresidenz vier Jesuiten, in der nahe gelegenen Universitat einen unterbringen! Diese werden schon einen Wirkungskreis erhalten ... Ich ziehe einige talentvolle Knaben ganz zu diesem Zwecke heran und an der Universitat sind mehrere der talentvollsten Theologen, die in den Orden treten wollen. Mit diesen errichten wir einen Glaubensbund und bringen sie dann mit den hiesigen Jesuiten in Verbindung ... Von Rom werden zwei Jesuiten erwartet. Sie bringen scheinbar arztliche Atteste mit, welche ihnen nur vorschreiben, in unserer Gegend zu verweilen ... Die Missionen treten da und dort ins Leben; bei uns ist es noch schwer. Der Herr Kirchenfurst wunschen sehr, dass alle Wallfahrten wieder ins Leben treten! Ich bitte, arbeiten Sie wie Sie konnen, dass alles Abgeschaffte wieder aufgenommen werde. Mit aller Verehrung Ihr ergebenster M. Alles zur grossern Ehre Gottes! Der Sicherheit wegen nicht frankirt. Thun Sie es ebenso."2

Und einen dritten Brief las Hunnius dann noch selbst.

Sie thaten ihm als Ableiter seines Zornes wohl. Triumphirend betonte er:

"Die gute Wendung der Wallfahrtsangelegenheit macht mir erstaunliche Freude. Wie gerne macht' ich selbst einmal die Springprocession mit, wenn es meine Geschafte erlaubten! Sorgen Sie fur Ihre Gegend: nur dass man es mit der Regierung nicht unrecht angreift, dann ist alles verloren! In all der Drangsal, die wir leiden, habe ich doch auch manche Freude. Mehrere Pfarrer sind verklagt. J e m e h r , d e s t o b e s s e r ! ... Geben Sie dem 'Kirchenboten' mehr Nahrung! Man muss immer hervorheben, wie jede Beschrankung und Hemmung der Kirche und jede Auflosung des Gehorsams gegen Bischofe und Rom auch die Grundfesten des Staates untergrabe! Das ist fur die Fursten e i n A r g u m e n t u m a d h o m i n e m ! ..."

Hunnius unterbrach sich, um diese Worte zu ubersetzen ...

Das greift den Fursten an ihre eigene Krone! fiel Lucinde schon ein.

Wie? erwiderte er staunend. Aber kein Wunder, mein im Heiland geliebtes Fraulein! Niggl schreibt mir ja von Ihnen, dass Sie ein Wunder nicht nur in

Bitte! unterbrach sie und ermahnte den sich ihr Nahernden zum Lesen.

"Die guten Folgen der Mission freuen uns!" fuhr Hunnius fort. "Es muss uns glucken, uber ganz Deutschland die Jesuiten als Prediger auszubreiten. Ich erwarte mit jedem Tage 2000 Missionszettelchen. Es wird alles gut gehen! Ihr ergebener M. Alles zur grossern Ehre Gottes!"3

Lucinde dankte fur das ihr geschenkte Vertrauen und wollte sich entfernen.

Es schlug von den Thurmen der Stadt schon ein Viertel elf Uhr ...

Fraulein, sagte Hunnius, ich begleite Sie selbst zuruck ... ich stehe, obgleich geistig auf vollig anderm Boden, doch gesellschaftlich sehr gut mit der Dechanei ... Bitte! Lesen Sie aber noch, was Niggl von Ihnen selbst geschrieben hat!

Da sie es wiederholt ablehnte, liess Hunnius nicht nach ... Es wird uns enger verbinden! sagte er mit Salbung. Es wird das Symbol unserer von ihm gewunschten Vereinigung werden! Wir haben dann ein gleichsam ausgesprochenes Bekenntniss, das sichere Fundament unsers Verstandnisses, den geschriebenen Pact unsers Seelenbundnisses!

Der gute Curatus! sagte Lucinde sich zuruckziehend und liess die Vorlesung geschehen ... theils um ihren neuen so schnell gewonnenen Freund zu zerstreuen, theils aber auch, weil sie auf diese Art allerdings erfahren konnte, warum Grutzmacher hatte sagen konnen, er ware uber sie "ins Klare" und Schulzendorf sie so scharf und wie eine mit Steckbriefen Verfolgte beobachtete.

"Mein innigstgeliebter und gefeierter Seelenfreund!" las Hunnius (und diese Worte nicht ohne beschamt niederblickende Genugthuung), "Sie lernen mit diesem herzinniglichen Grusse nach langem, unverzeihlichstem Schweigen ein Fraulein Lucinde Schwarz kennen, wie man sagt, die Tochter eines einfachen protestantischen Dorfschullehrers. Vor drei Jahren kam diese Seltenste ihres Geschlechts als Gehulfin in die Ihnen bekannte orthopadische Heilanstalt und wurde an demselben Tage, wo wir drei, Sie, mein innigstgeliebter Freund, Asselyn und meine Unwurdigkeit, die letzten Weihen empfingen, in plotzlicher Erleuchtung vom Geiste der Wahrheit ergriffen. In unserer ehrwurdigsten Kathedrale wurde sie von unserm hochwurdigsten Bischof selbst dem Schoose unserer gnadenreichsten Mutter einverleibt ... Ja Ihnen, Ihnen, Hunnius, der Sie so ganz der Musik der menschlichen Seele in ihren tiefsten Accorden nachzulauschen verstehen Ihr letztes Gedicht: 'Myrrhe und Aloe' "

Eine kleine Pause und Auslassung im Lesen war hier naturlich ...

"Ihnen schreib' ich", fuhr Hunnius nach einigem Murmeln fort; "das Leben dieser Neugeborenen muss ein ausserordentlich bewegtes gewesen sein! Da sie bald durch Anmuth und Geist hervorragte, so bildete sich, wie in solchen Fallen zu geschehen pflegt, in kurzem gegen sie eine Anfeindung, die eine Beschuldigung nach der andern gegen sie aufbrachte. Aber allen diesen Angriffen stellte Fraulein Schwarz ihre aufrichtige Wiedergeburt entgegen. Diese wurde ihr reiner, heller, metallener Schild, der sie gegen alles Ungebuhrliche schutzte! Ihre Andacht wurde jene gluhende Hingebung an die ewige Liebe, die auch nach dem Rauschen Ihrer Harfe, Hunnius, die Seele von allen Schlacken reinigt! Sie sah und sie horte auf nichts, was sie umgab. Sie lebte nur ihrem Berufe, ihrem neuen Glauben. Ihre Augen, von denen sie behauptet hatte, dass sie nie geweint hatten, obgleich sie Vater, Mutter, Geschwister, Freunde, Gluck und alles, nur die Ehre nicht, verlor, waren stets umflort von dem feuchten Schimmer frommer, wie vergessen gewesener Thranen. Fuhren Sie das einst aus, Hunnius, in einem Gedichte! Vergessene, verstockte, sitzen gebliebene Thranen! Wenn die einst zu stromen und zu rinnen anfangen! Diese Flut, dieser heilende Bethesdateich dann! ... Diese Seele gestand mir oft, dass ihr alles Leid, was ihr je widerfahren, erst jetzt den Zoll der Thranen abforderte, dass sie uber alles, woruber sonst ihr Auge trocken geblieben, nun erst nachtraglich weinen musse und das ist der Triumph der Wiedergeburt! weinen k o n n e ! Hunnius, ich sage Ihnen nur, Fraulein Schwarz blieb im genannten Institute einige Jahre. Sie hatte die besondere Obhut zu fuhren uber Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, jene Erbin, deren Lebensverhaltnisse unsere Aufmerksamkeit jetzt so dringend in Anspruch nehmen! Der Vater derselben war gestorben; Vormund und Verwandte riefen sie zuruck: es war in jenen Tagen, als uns auch Asselyn verliess, diese emporwachsende Ceder, diese edle Palme ..."

Hunnius stockte wieder und uberschlug auch jetzt einige Stellen ...

"Um", fuhr er, den Zusammenhang suchend, fort, "um bei Ihnen die Kaplanei zu St.-Zeno anzutreten. Lasst aber diese Seele nur anklagen! Lasst die Stimmen uber sie getheilt sein! Lasst "

Hunnius schien Anstand zu nehmen, der ganzen, hier den Tadel wiederholenden Wortfulle des Freundes zu folgen ...

Lesen Sie alles, sagte Lucinde.

Es sind Anschuldigungen !

O, auch das ist manchmal gut, erwiderte sie, zu wissen, was man von uns Uebles denkt!

"Die Stimmen sind getheilt, fuhr Hunnius fast mit Lucinden uber die Parodie seiner fruhern Worte liebaugelnd fort. Die einen sehen in ihr ein Wesen, das seiner personlichen Eitelkeit alles opfert, ein herzloses, undankbares "

Lucinde, die Arme ubereinandergeschlagen, stand in einer Stellung wie ein furchtloser, unerschrockener Feldherr ...

"Doch", uberschlug Hunnius beruhigt diese ominose Partie, "unsere Stadt, Sitz einer Universitat, einer starken Garnison, weiss nichts von einer irgend unpassenden Beziehung zu erzahlen: grosstentheils nur in unsern geistlichen Kreisen verkehrte sie. Aber sie kennen ja unsere Mit-Leviten! Sie kennen die Lauheit der Zeit, kennen die Bequemlichkeit unsers Standes, dem nichts storender ist als mitgearbeitet zu sehen an seinem Beruf auch von der Laienwelt aus! Niemand soll da reden, ohne gefragt zu sein! Niemand soll das Entzucken, das ihm der Glaube macht, in Bildern und Anschauungen wiedergeben, die uber das Mass einer gewohnlichen Erbaulichkeit hinausgehen! Da irrt nun eine gluhende Seele von Beichtstuhl zu Beichtstuhl! Niemand weiss ihr ein Herz, ein Verstandniss, eine Hingebung entgegenzutragen! Ihr Verstand ist diesen Menschen lastig und selbst unsere Collegen brauche ich Ihnen die Namen zu nennen! verkehren lieber mit der Gewohnlichkeit, wenn sie nur Whist spielt! Hunnius! Wenn diese Feuerseele in der Dechanei so verbraucht wurde! ... Sie tritt dort als Gesellschafterin ein ... Ich dachte an Sie, Freund, an Ihre Verbindungen, Ihre Beziehungen zu Ihrem Kirchenfursten, an die ernsten und wichtigen Dinge, die von Ihrer hohen Warte aus das Zeichen geben werden fur das ubrige Deutschland! O, diese Convertitin hat fur die Flammen, die in ihr lodern, noch keine Nahrung gefunden! Wer einen Schritt thut, wie sie, will ihn doch anerkannt sehen, will doch wissen, bezeugen, taglich bezeugen, warum er ihn that ... Was thut man aber hier? Man fordert sie auf zum Vergessen, zur Ergebung! Immer diese Abneigung gegen Neugewonnene! Immer diese Kalte gegen den Enthusiasmus, der sich bewahren will! Convertiten, gehegt und gepflegt, sind ein Segen unserer Kirche; Convertiten, vernachlassigt, zuruckgestossen, einsam gelassen und wol gar zur Reue gedrangt, konnen ihr zur furchterlichsten Geisel werden! Das Schicksal Lucindens ist in Ihrer Hand! Sie Schopfer, Gestalter, Dichter! Vollenden Sie den Triumph dieser gottberufenen Bekennerin!"

Der gute Niggl! sagte Lucinde, als Hunnius diesen enthusiastischen Brief vollendet hatte. Er war seinerseits geruhrt von den Schmeicheleien fur seinen Genius; sie ihrerseits erstaunte, wie sie sagte, "uber den langen Schatten, den sie wurfe" ...

Ich lernte Niggl kennen, erzahlte sie, als ich von ihm eines Tages erfuhr, dass er jeden Sonntag Nachmittag einen Kaffee fur Damen gibt. Ich wurde neugierig auf einen so gemuthlichen Priester, erkundigte mich naher und liess mich eines Sonntags Nachmittags an sein Haus bei der Barfusserkirche fuhren, wo er Curatus ist. Ich wollte, aufrichtig gesagt, die Damen belauschen, die bei ihn zum Kaffee kamen. Ich stand im Schatten der alten Kirche. Es schlug vier Uhr. Der Nachmittagsgottesdienst war voruber. Der Kaffee begann nach vier. Wie ward ich beschamt! Welche Damen kamen! Erst eine Blinde, die von einem Kinde gefuhrt wurde; dann kam eine kleine Buckelige, die stolz auf ihre Begleiterin hinaufsah, denn diese durfte nicht mit zum Kaffee, sie aber stieg zum Herrn Curatus hinauf! Nun kam eine Lahme an einem Kruckstock! Jetzt fuhr ein Rollwagelchen vor und siehe, der Herr Curatus kam lachend und freudigst selbst die Stiege herunter und hob eine Person aus den Betten im Wagelchen, die nur dem Kopfe nach der Menschheit angehorte! Nach unten zu hing ein Korper, der vollig schlaff, ja nur eine einzige unformliche und unausgebildete Masse war. Es war ein Madchen von vielleicht dreissig Jahren und ein halbes Kind! Der Curatus trug sie auf seinen Armen in seine Wohnung und in seinen Kaffee. Nun band ich mir, wie eine Augenleidende, mein Taschentuch uber die Stirn und tastete mich auch hinauf. Da war denn eine Damengesellschaft beisammen aus lauter Blinden, Tauben und Gichtbruchigen, und sie war so lustig, so vergnugt wie jeder andere Damenkaffee auch, wenn es nur etwas zu lastern gibt! Unser kindlicher Niggl hatte nur immer zu dampfen, dass wir die gesunden und schonen Menschen nicht auch zu schlecht machten!

Ja, wo gibt es solche Entsagungen wie in unserer Kirche! rief Hunnius. Wo solche muthvollen Bewahrungen! Solche Triumphe dann auch und solche Belohnungen wieder!

Er erorterte dann die Situation, in der sich Lucinde in der Dechanei befinden wurde. Er wiederholte ofter seine Bitte um Discretion wegen der von ihm vorgelesenen Briefe. Er warnte vor der Erwahnung der Jesuiten, die man von obenher noch verfolge wie Verbrecher, und doch waren sie die Sehnsucht aller Glaubigen! Schon wenn einmal ein einzelner Monch ausser Clausur leben sollte, kostete das die grosste Anstrengung ...

Wer ist dieser Pater Sebastus? warf Lucinde erbebend ein.

Pater Sebastus, sagte Hunnius, ist erst seit kurzem aus der Dunkelheit eines Klosters bei Witoborn in der Residenz des Kirchenfursten erschienen. Seine ausserordentlichen Geistesgaben wurden die Veranlassung, dass man ihm gestattete, auf einige Zeit seine Zelle zu verlassen. Man weiss nicht, soll man seine Begeisterung fur das Interesse der Kirche hoher anschlagen oder seinen Lebenswandel. Sie sollten doch schon, mein' ich, von diesem Monch gehort haben, der den Gelubden seines Ordens gemass sich die grossten Entbehrungen auferlegt! Sebastus lebt nur von dem, was er sich erbettelt hat! Er geht auf die Dorfer in der Umgegend der Residenz mit einem alten Topf in der Hand, um sich selbst die Mahlzeit von den Thuren zu holen; er geht gerade vor die Thuren, wo er in Erfahrung gebracht hat, dass hier die geizigsten Herzen wohnen! Zum ersten male nach Jahren wieder gestattete er sich heute bei mir eine Cigarre und kaum ein halbes Glas Wein!

Lucinde war von einem Schauer durchrieselt. Diese Entbehrungen passten fur das Bild nicht, das von Klingsohrn noch in ihr lebte, und doch war er es! Klingsohr mit einem Topf vor Bauerhausern! Klingsohr nicht rauchend, nicht trinkend! Und doch war er es der Stadtpfarrer nannte ihn Heinrich Klingsohr und erzahlte den Tod seines Vaters vor ihren Augen stand das Christusbild, an das er einst ihren Hut gehangt hatte mit den Worten:

Am Bilde des Erlosers

Hangt ihr pariser Hut ...

Und ihre dunkeln Locken

Netzt heil'ger Wunden Blut ...

Da Hunnius sie in die Dechanei zuruckzubegleiten versprach, storte beide der Schlag der elften Stunde nicht.

Er machte der sinnend Traumenden die lebhafteste Schilderung von dem Leben in der Residenz des Kirchenfursten. Er gab Lucinden den Einblick in eine geheimnissvolle geistige Werkstatt, von der sie die Ahnung gehabt hatte, ohne die Thur zu finden, die ihren Eingang bildete. Sie sah, was sie in Bonaventura's Nahe schon oft zu erblicken geglaubt hatte, nahe und entfernte Ziele, sah Zusammenhange von Zustanden und Personen, erblickte ein harmonisches Vereintwirken, ein lautloses, gerauschloses und dennoch von ersichtlichen Wirkungen begleitetes. Ob auch kein deutscher Staat mehr vom Krummstab regiert wird, gibt es doch geistliche Hofe, gibt es geheime Sitzungen in geheimen Cabineten und Anekdoten und geheime Verkehre aller Art. Auch, das erfuhr sie: Einflussreiche Frauen stehen diesen geistlichen Hofen nahe. Der Reiz des Verschwiegenen verbindet die Geister und die Gemuther. Sturmisch und fest ist der Wille, aber zuruckhaltend die Form, ihn zu aussern; unhorbar geht, wie auf unsichtbaren Teppichen, der Schritt, und dabei keine wilde Zumuthung, nichts Rohes, nichts Begehrliches. Das Streben nach Lauterung und Religion ist ausserlich die Oriflamme und das heilige Feldzeichen dieser ganzen geisterhaften Bewegung und doch bringt man duldsamst dabei die menschliche Natur in Rechnung. Man setzt das wahre Verdienst eben immer nur in den Kampf mit der Sunde, nicht in den Sieg uber sie. Und wie gering auch die innere Treue Lucindens fur Religion uberhaupt war, Hass fur alles Norddeutsche und Protestantische hatte sie. Ihre ganze Vergangenheit hatte sich in das verwandelt, was ihr neuer Glaube bekampfte. Und von diesem Gesichtspunkte aus war sie den Gesinnungen ihrer jetzigen Freunde verwandt. Galt es Kampf, so empfand sie die dammernden Schauer ihres neuen Bekenntnisses, ja empfand sogar den Reiz, dass in alle diese Intriguen die langen Schatten der Kirchen fielen, die Glocken der Dome lauteten, die Farben der priesterlichen Gewander blitzten. Bis in die unabsehbare Ferne war die wuhlende Ahnung freigegeben: in die Ferne des Raumes sowol wie in die der Zeit. Vor allem prangte Rom durch die Nebel hindurch wie die Stadt des ewigen Sonnenscheins! Dort fand der mudeste Fuss auf den Trummern der Jahrhunderte einen schattigen Ruheplatz, das wundeste Herz Heilung in den Melodieen der Sixtinischen Kapelle; der Blinde wurde dort sehend, der Taube horend; alles lief aus und vereinigte sich in dem Centralnervensitz des historischen Europa ... Dies Bild war es, das Lucinden aus halben und traumerischen Zustanden, aus bitterer Lebenserfahrung und nicht immer selbstverschuldeten Krankungen einst in den Schoos jener Kirche gefuhrt hatte und darin festhielt und ermunterte und bestarkte, alles zu unternehmen, alles zu wagen, was die Umstande von ihr verlangt hatten, wenn sie damit nur den Beifall und die Liebe Bonaventura's hatte gewinnen konnen!

Nun brach sie auf.

Der Stadtpfarrer, glucklich uber diese Eroberung, fast getrostet uber die Censurstriche, holte seinen Hut.

Schon hatte er auf ein Bucherbret gelangt und gab ihr ein Buch zum Andenken an die eben erlebte Stunde.

Es war eine neueste Sammlung seiner Gedichte, die "Saronsrosen".

Er ergriff eine Feder, zeichnete auf das Blatt vor dem Titel ein Kreuz und in dies hinein ein flammendes Herz und seinen Namen.

So gab er's Lucinden und vergass vor Aufregung den Streusand.

Lucinde trug das Blatt offen und versprach, mit Aufmerksamkeit in den Gedichten zu lesen.

Hunnius nahm die Lampe und rief seiner Warterin ... Er wollte mitgehen ...

Indem aber klingelte es heftig.

Der Druckerbursche! rief es in allen seinen Nerven.

Und in der That ein Knabe kam kam mit einem hoch emporgehaltenen Blatte!

Von Instanz zu Instanz kehrten erst jetzt die von Hunnius gemachten Aenderungsvorschlage zuruck ... einige waren angenommen worden ... bei andern verlangte man am Rande noch diese und jene Milderung ... einige Bilder waren gerettet ... Hunnius konnte vor Freude sogar jetzt Lucinden vergessen.

Der Bursche erklarte, dass die Censur noch warte, ebenso wie die Presse seines Herrn. Wenn der Herr Stadtpfarrer noch sofort die Aenderungen machte, konnte die Nummer in der ersten Morgenfruhe noch gedruckt werden ...

Schon rief Hunnius, sich nun mit seinen Redactionspflichten entschuldigend, seiner Magd. Aber Lucinde sagte:

Lassen Sie, Herr Pfarrer! Ich finde den Weg! Es ist Mondschein! Wirklich, wirklich! Bitte, bleiben Sie!

Hunnius musste den Burschen, der allenfalls auch noch Lucinden hatte fuhren konnen, zuruckbehalten ... seine Magd war nicht die flinkste ... er zogerte noch, als Lucinde schon mit den Worten: Beruhigen Sie sich, Herr Stadtpfarrer! Ich finde den Weg! unten schon vor der Hausthur und verschwunden war.

Lucinde war allein.

Sie schritt durch die still gewordene Stadt uber den mondhellen, jetzt menschenleeren Marktplatz dahin ...

Ach, sie kannte solche Nachtbilder kleiner Stadte aus der Zeit her, wo sie mit der unglucklichen Gauklerfamilie uber die norddeutschen Heiden gezogen ... Sie kannte diese Brunnen, die da rauschten, diese Linden, die da so klein und verkruppelt an einer Strassenecke stehen. Hier in einem Giebelfenster erlischt ein Licht, dort geht eins auf ... Hier jammert ein Kind, das von seinen Traumen geangstigt wird und eine Mutter spricht liebe, beruhigende Worte ... dort bellen zwei Hunde wachsam um die Wette ... Sie hatte das alles so oft erlebt, mit demselben Mondlicht, derselben Stille, immer in einer andern geistigen Beleuchtung ... Heute?! ... Sie liest noch die Schilder der armen Schuhflicker und Schneider ... sie sieht den schwarzen Mohrenkonig an einem Laden, durch dessen geschlossene Thur ein Schiebfensterchen erleuchtet ist, eine Apotheke, wo vielleicht fur Frau Ley der letzte Linderungstrank bereitet wird ... Dort ein Gasthof: Zum Riesen! Der Goliath steht uber dem Thorweg, der noch offen ist ... Sie sieht das stattliche Reisecoupe Thiebold's de Jonge unter ihm ... Oben vier Fenster erleuchtet ... Zechen dort oben vielleicht noch Benno von Asselyn und seine Gefahrten und erzahlen sich Anekdoten und verhohnen die Wurde der Frauen und lachen uber das, was andern Schmerzen bereitet, uber Porzia, uber Hedemann? ... Gerade so wie sie einst Klingsohrn so unter seinen Freunden wusste, den Weltensturmer, den jetzt mit dem Topfe Bettelnden!

Sie konnte uber Hunnius nicht lachen. Es lag selbst in den "Saronsrosen", wo endlich das Kreuz mit dem Herzen getrocknet war, nach ihrer gegenwartigen Stimmung etwas vom allgemeinen Schmerz des Lebens und vom bittersten Weh der Welt ... Denn ist nicht das grosste Weh Blindheit, Thorheit, Anmassung, Kampf und Wahn und leidenschaftliches Ringen und das Ganze ein so tief entmuthigendes Durcheinander?

Nun uberfiel sie auch noch die Furcht vor der Ruckkehr in die Dechanei ...

Wenn die Pforte geschlossen war! Wenn sie klingeln musste!

Immer zaghafter wurde ihr ums Herz ...

Langsamer und langsamer trat der mude Fuss ...

Sie kam bei den Stufen an, die zur Kathedrale von St.-Zeno hinauffuhrten ...

Hier war es dunkel ...

Hier mochte sie sich niederlassen, sich ausweinen ... vor Schmerz uber die Welt und uber sich selbst ... Nur die Todten die Ihrigen! A u f der Erde nur die die sie nicht mochten, oder die die sie nicht mochte! Und sie musste sich sagen: Ihr, die ihr mich hasst und furchtet, gewiss, ihr habt ja Recht!

Muhsam, bangend und zagend stieg sie die Stufen empor ...

Ringsum die kleinen Hauserchen ...

Sonst war sie in solchen Lagen so oft versucht gewesen, den Leuten Nachts von den Fensterbretern ihre Blumen aus den Topfen zu stehlen! Sonst langte sie im Springen nach einem Hanfbuschel hinauf, das als Wahrzeichen eines Zwirnverkaufers vor einer Thur hing! Sonst jagte sie, wie die alte Hauptmannin, Ratten und Mause auf und lief ihnen nach, die Katze spielend ... und wenn etwa dann Manner sie verfolgten, so blieb sie stehen, liess diese an sich vorubergehen und erwiderte ihre Anreden auf englisch oder italienisch fest und bestimmt: Ich kenne den Weg!

Langsam zahlt sie heute dreissig Stufen, die zur Kathedrale hinauffuhren ...

An jeder funften steht, wie auf einem Calvarienberg, eine steinerne Gruppe der Leidensgeschichte ... frisch ubertuncht mit grunlichweisser Oelfarbe ... frisch vergoldet an den Heiligenscheinen und Gewandern ...

Wie sie eben an der letzten Gruppe der Grablegung voruber ist, wie sie quer uber den den Dom umgebenden freien Platz zu der zweiten, niederwarts zu dem Park der Dechanei fuhrenden Treppe kraftlos schreiten will, strahlt ihr plotzlich an dem im Schatten liegenden altehrwurdigen St.-Zenotempel ein magischer Lichtglanz entgegen.

Von dem ubrigen Mondschein weicht er vollig ab.

Sie blickt noch einmal hin und wiederholt sich das Wunder von Damascus?

Lichtumflossen tritt ein Priester im Ornat auf sie zu ...

Es ist Bonaventura, ihr Heiliger ...

Lucinde verbirgt sich hinter der Grablegung ...

Bonaventura kommt aus der Sakristeithur, die im Dunkel liegt und beim Geoffnetwerden den von der entgegengesetzten Seite, wo der Mond steht, durch ein buntes Fenster hereinfallenden Lichteffect verursachte.

Es ist Bonaventura in Priestertracht, begleitet von einem weissgekleideten Knaben und einem Messdiener.

Alle drei kommen, nachdem der Messdiener die Sakristeithur wieder verschlossen, still und schweigsam naher. Sich unbemerkt glaubend, schreiten sie die Stufen zur Stadt hinunter ...

Bonaventura halt das Hochheiligste, der Messdiener tragt Brevier und Rauchfass, der Knabe klingelt ...

Wer etwa in den Strassen noch verspatet ging, neigte sich. Wer es auf seinem Lager horte, sagte: Das ist der Dechant! Er geht unten an den Fall zur sterbenden Frau Ley!

Lucinden war es, als wenn sie jetzt Schutz gefunden hatte. Bonaventura musste in die Dechanei zuruck! Konnte sie es nicht unter seinem Beistande thun?

Aber auch so und war dies alles auch nicht, doch zog es sie unwiderstehlich ...

Sie musste folgen.

Es klingelte ... und klingelte ... Dahin ... dahin ... immer voraus schritt das Sakrament ...

Endlich horte man ein rauschendes Gewasser dahersturzen. Es war der Fall. Ueber ein Brucklein musste man noch gehen, auf dem ein St.-Nepomuk den Gruss der Vorubergehenden empfing ... Die Zahl derselben mehrte sich ... Wol ein Dutzend Menschen aus dem Volke schloss sich dem klingelnden Knaben an, so spat auch die Stunde schon vorgeruckt war ... Es kam ein ganz vertrockneter Lindenbaum und ein Haus, in das sie eintraten ...

An der Wand neben dem Thorweg fand Lucinde die verrosteten Haken, von denen der Dechant erzahlt hatte ...

Noch stand der Hackeklotz im Gange ...

Auf dem steinernen Estrich der Vorflur ging eine Rinne, durch welche sonst das Blut floss aus dem im Hofe befindlichen Schlachthause.

Unter den Anwesenden, die der Hostie gefolgt waren, fiel Lucinde noch nicht auf. Meist waren es Frauen. Sie hielten sich in der Vorflur, wahrend eine Thur geoffnet wurde, durch die man in ein hinteres Zimmer sah, wo die Sterbende lag.

Bonaventura schritt durch einige Betten hindurch, wo ruhig die kleinern Kinder der sterbenden Mutter schliefen ... Treudchen Ley und ein Bruder, der den Dechanten nun doch noch gerufen hatte, lagen uber dem Bette der Mutter ausgestreckt und schluchzten ...

Der so uberraschend statt des Dechanten gekommene geliebte Priester nahm von dem Ministranten das heilige Oel, um damit seine Finger zu netzen. Mit diesen beruhrte er die einzelnen Theile des Antlitzes der Sterbenden ...

Fur Bonaventura konnten Menschen zugegen sein, die noch heftigere Wallungen in ihm hervorgerufen hatten als Lucinde, er wurde nicht auf sie geachtet haben. Er liess die Sterbende, die ihn noch erkannte, mit einem matten Aufblick die ganze letzte Freude empfinden, an seiner Hand aus dem Irdischen hinausgeleitet zu werden. Mit gross und geisterhaft aufgeschlagenen Augen sah sie auf seine hohe Gestalt und zupfte mit den unruhigen Fingerspitzen an der Decke, bis ihre Tochter, wie wenn sie Wunsche hatte, sich ihr naher beugen musste. Ihr Wunsch war nur, noch so viel Scharfe des Gehors zu besitzen, die milde Stimme des geliebten Priesters zu horen.

Bonaventura salbte die Sterbende mit leise begleitenden Worten an den von der Kirche vorgeschriebenen Theilen, an denen, welche die Organe unserer Sinne, unsers Willens und unserer Sunden sind. Mit Auge, Ohr, Geruch, Mund, Hand und Fuss sind wir an die Sinnenwelt gebunden: die Losung von ihr, den Abschied und die Trennung bezeichnet die Beruhrung mit dem, wie man sagt, schmerzenstillenden Oel ...

Bonaventura's Gebet ubertonte das laute Weinen ...

Herr, unser aller Gott, sprach er, erquicke die Seele, die du geschaffen hast! Reinige sie von allen Sunden und Makeln, damit sie wurdig werde, durch die Hande der Engel dir dargestellt zu werden! Durch Jesum, unsern Herrn!

Die Seele der armen Metzgersfrau war schon vor dem Amen! zu der ihr nun gelinderteren Pein des Fegfeuers entflohen.

Treudchen benahm sich mit grosser Standhaftigkeit. Dass auffallend schone Kind war blass, zart, tief verharmt, tief erschuttert und doch blieb sie umsichtig ...

Als die Sterbende geendet hatte, druckte der Leiche jemand von den Nahergekommenen die Augen zu. Es war eine hohe, kraftige weibliche Gestalt. Sie trug ein gelbrothes Tuch um den Kopf gewunden und musste eine Judin sein ...

Und dicht hinter ihr stand ein Protestant, Nachbar Grutzmacher, der wurdige Wachtmeister ...

Er begrusste Lucinden, die nun vortrat und jetzt erst von Bonaventura bemerkt und erkannt wurde ...

Muss man erleben den Gegenstand! sprach inzwischen mit lauter alles ubertonender Stimme die Judin ... Eine Frau so sanft wie ein Lamm! Ein Engel! Muss ich sie noch sehen, wie sie ist gelaufen uber Land und hat die Bauern gebitt't und gebettelt, dass sie bringen sollten ihren Mann wieder auf die Fusse! Wie hat sie die paar Thalerchen, die sie hatte gespart oder geborgt gekriegt, gezeigt und damit geklimpert, als wenn die Leute machten das rarste Geschaft um ein Ferkelchen, das sie dann haben mitgenommen und nach und nach aufgezogen mit Gluckseligkeit, wie, Gott verzeih' mir's, 'nen polnischen Ochsen! Und das Treudchen da! Hat sich das Kind nicht die Augen ausgenaht und ausgestichelt und hat sie nicht gekriegt an die Fingerspitzen ganz 'ne rauhe Hand! Ein Madchen so rar! Schon genug fur 'ne Prinzessin! Und die guten Kinder! Gott soll sie segnen!

Wahrend Grutzmacher mit Bonaventura und dem Arzte flusterte, kusste Treudchen Ley Lucinden die Hand und dankte fur die "Ehre" ihres Antheils. Sie nannte die Sprecherin Frau Henriette Lippschutz. Es war die Hasen-Jette, die Wildprethandlerin, die Witwe des judischen Metzgers, der die Kundschaft der Leys geerbt und der nun auch schon wieder andern Platz gemacht hatte.

Fraulein, wenn sie jetzt hier haben was zu nahen fuhr, Lucinben richtig unterbringend und sich ihr zuwendend, die Hasen-Jette fort feine, feinste Spitzen: geben Sie's nicht anders als an das Treudchen! Weine nicht, Kind! Du bist nicht verlassen! Dein Toni, dein Edi ... alle kommen sie in die grosse Stadt, ins neue Waisenhaus, wo die Kinder leben wie die Prinzen! Sag' ich dir, Treudchen, Betten! Staatsbetten! Kauft die Stadt alle Federn von mir und die Decken hat mein Bruder geliefert! Gott! Was wird der Lob sagen, wenn er nach Hause kommt und findet Frau Ley nicht mehr der Lob mit seinem gefuhlvollen Herzen!

Bonaventura kannte auch den Lob, den Bruder der Frau Lippschutz, den beruhmten Gutermakler und Handelsmann Lob Seligmann. Er durfte diesen Empfindungen einer einzelnen einen gemeinsamen Ausdruck geben. Noch sprach er, nicht als Geistlicher, sondern als Bekannter und Freund der Bewohner von Kocher, laut einen herzlichen Nachruf, trostete die Kinder und ging zuletzt mit Grutzmachern und dem Arzte.

Als er sich mit ersterm uber die vergebliche Verfolgung des Leichenraubers verstandigt zu haben schien, bildete sich wieder jener Zug, der die Monstranz in die Kathedrale zurucktrug.

Lucinde folgte ... Wie musste sie ihrer eigenen Jugend und ihrer Geschwister gedenken! ... Das neue Waisenhaus!

Es schlug zwolf, als Lucinde ubermudet wieder die Stufen zum Dome hinanstieg und wartete, bis Bonaventura aus der Sakristei zuruckkehren wurde.

Endlich kam er ... in seinen gewohnlichen Kleidern.

Ich muss mich Ihnen anschliessen! sagte sie. Ich hatte Briefe an den Stadtpfarrer zu uberbringen, deren Eile ich ganz vergessen hatte! Ich hielt mich zu lange im Gesprach mit ihm auf, folgte dann Ihrem Zuge zum Sterbebette und muss nun unter Ihrem Schutze in die Dechanei zuruckkehren! Kann ich es thun, als wenn ich uberhaupt nicht abwesend gewesen ware, desto lieber! Ich furchte Frau von Gulpen und ihre uble Auslegung!

Bonaventura, der Frau von Gulpen's strenge Auffassungen kannte, erbot sich gern zu dem gewunschten Beistand. Er war so menschlich in allem und kein Haarspalter und kein Muckenseiger ...

So gingen beide in den Park hinunter.

Wie tobte es jetzt in Lucinden, wie stockte ihr Athem! Und doch dies ruhige Gesprach uber die Vorgange der letzten Nacht, uber Grutzmacher's Nachrichten, uber Benno, Hedemann, die Herbstubungen, den kurzern Weg da oder dort, die Leidensfamilie, die eben verlassene, wieder dann die Baumalleen, die Boskete, Windhack's Sternwarte ...

Darauf hin kannten sich beide schon ... So konnte sie neben ihm gehen, wie eine Nachtwandlerin auf haushoher Zinne, jeden Augenblick den Niedersturz drohend so er, gleichsam den Arm schutzend und schon zum Auffangen ausgebreitet uber sie gehalten und doch vom Gleichgultigsten plaudernd und scherzend sogar ...

Wie der Geliebte dann den Hausschlussel zog, offnete, sie zuerst in das stille Vorhaus liess, erklarte, zwar unten zu wohnen, aber sie doch bis hinauf begleiten zu wollen, wie sie dann ihn zum leisern Sprechen ermahnte, seine Begleitung ablehnte und er doch noch eine Stiege lang folgte sollte es ihr da nicht wieder sein, wie schon oft, als musste sie vor ihm niedersinken und ihn anflehen: Tritt lieber mit deinem Fuss auf mich, du Entsetzlicher, Kalter, Unerbittlicher! ... An seiner Brust hatte sie jetzt ruhen, jetzt sich ausweinen, auslachen mogen ... und er sagte nichts als: Gute Nacht, Fraulein! Sagte das ihr, die noch jung, noch schon war, die Huldigungen erlebt hatte, wo sie nur irgend erschienen war, eine Siegerin uber so viel Manner von Reichthum, Ansehen, Geist ... Gute Nacht, Fraulein ... Und das in tiefster Stille ... im nachtlichen Dunkel ...

Die zweite Stiege in ihren Entresol glaubte sie allein gehen zu konnen ... Sie hauchte ihm das in stammelnden Worten so hin ...

Sie ging langsam ... halb ohnmachtig vor Schmerz uber das eine "Gute Nacht, Fraulein!" ...

Alles ringsum war dabei still ... niemand bemerkte ihre Ruckkehr ... vielleicht hatte auch niemand ihr Weggehen bemerkt ...

Sie musste sich an dem eisernen Gitter der Treppe halten, als sie langsam hinaufstieg ...

Bonaventura war nicht mehr horbar ...

Auf dem Corridor der zweiten Etage blieb sie stehen und holte einen tiefen, tiefen Athemzug ... Dann erschreckte sie plotzlich ein Gerausch wie von einem auffliegenden Vogel ...

Es war der Pfau, der ihr neugierig, hoch aufgerichteten Hauptes entgegenschritt.

Sie entlief ihm fast bis an die Thur ihres Wohnzimmers ... Das Thier sah so gespenstisch aus ...

Ihr Wohnzimmer lag am Aufgang zu einer dritten Treppe, die schon ins Dach und zu Windhack's Sternen fuhrte.

Wie sie in Eile rasch nur und um unbemerkt in ihr Zimmer zu kommen den Schlussel drehte, wandte sie sich um, sah eine Weile ins Leere, schrie dann aber fast auf ... sie glaubte im ersten Augenblicke ein Gespenst zu sehen ...

Es war, mit einem Lichte in der Hand aus einem der Corridore des Geviertes, in dem die Dechanei gebaut war, tretend, die leibhaftige Frau Hauptmannin von Buschbeck ...

Dieselben funkelnden Augen aus dunkeln Hohlen, dieselbe aus Haube und Schleife hervorschiessende spitze Nase, dasselbe Drehen und muhlsteinartige Schroten der zahnlosen Kinnladen ...

Aber es war kein Gespenst ... Es war die Schwester ihres alten Nachtunholdes ... es war Frau Petronella von Gulpen ohne die Verschonerungen ihrer Toilette ...

Auf die aber auch von Seiten der Frau von Gulpen wie zum Tod erschrockenen Worte: Aber, mein Fraulein! Wo kommen denn S i e noch so spat her? Wo denn um Jesu Wunden willen waren Sie denn die ganze Nacht uber ? verschwand Lucinde ...

Frau von Gulpen, die nur in diesem ihrem aussersten Neglige und sogar ohne ihre Zahne ihren unruhigen Lolo aufgesucht hatte, war noch mehr erschrokken gewesen als Lucinde ...

Lucinde hatte in diesem Augenblick den Pfau erwurgen konnen.

Ohne eine Antwort gegeben zu haben, war sie in ihrem Zimmer verschwunden.

Immer noch horte sie den knirschenden Sand auf dem steinernen Estrich draussen, immer noch horte sie das Huschen des Pfaus, der neben der wie eine Juno keinesweges schonen, aber wie Juno mindestens ebenso zornigen Frau stand und sie mit seinem hoffartigen kronengeschmuckten Kopfe angestarrt hatte ...

Es ahnte ihr fur den folgenden Tag nichts Gutes ...

Freilich so bitter, wie ihr wieder der Kelch des Lebens geschenkt wurde, ahnte sie die Folge nicht ...

Als sie nach einer ganz sanft verschlummerten, ganz ausserordentlich erquickend gewesenen Nacht erwachte und die Sonne wundergolden in ihr Stubchen schien und das sogar verschonerte und das sogar behaglich machte, als sie dann das Fenster offnete, den erquickendsten Lindenduft einsog; als sie in der Ferne schon den zweiten Tag der militarischen Uebungen durch Trommeln und Pfeifen angekundigt horte, erhielt sie von Windhack das Fruhstuck uberbracht ...

Er stellte es hin, wahrend sie gerade an ihrem Haar kammend vor dem Spiegel sass und sich in einem weiten Toilettenmantel verstecken musste, und ging ...

Wie sie aufgestanden war, bemerkte sie beim Fruhstuck ein Billet.

Es war mit Geld beschwert ...

Sie offnete, las ein Moment entschied alles ...

Sie las die kurzen Worte:

"Ich ersuche Sie, mein Fraulein, noch im Laufe des heutigen Tages unwiderruflich die Dechanei und fur immer zu verlassen. Petronella von Gulpen."

Sie griff an ihr Herz. Im ersten Augenblick hatte es aufgehort zu schlagen.

Fussnoten

1 Ein aus der geschilderten Zeit herruhrender und spater mit Beschlag belegter actenmassiger Brief. 2 Auch dieser actenmassige Brief wurde im Jahre 1837 mit Beschlag belegt. 3 Gleichfalls actenmassig.

10.

Zur selbigen goldenen Morgenfruhe sassen der Dechant und Bonaventura in des erstern traulichem, dufterfulltem Studirzimmer zum Fruhstuck ...

Nach der loblichen Sitte katholischer Geistlichen wandelten sie nicht etwa noch in Schlafrocken und Pantoffeln, sondern waren schon ganz in ihren ublichen schwarzen Kleidern.

Nun erst, an der Morgensonne, nahmen sich die grunen Decken und seidenen Vorhange uber den Buchergestellen, Bildern und Alabasterstatuetten, die schon eingebundenen Kupferstichsammlungen, franzosischen Ganzfranzbande mit dem Wappen der Asselyns besonders freundlich und vornehm aus. Nichts sah vergilbt, verblasst aus. Die vielen Bekanntschaften, die der Dechant in der Nahe und Ferne sorglichst pflegte, hielten alles jung und angehorig der heitersten Gegenwart ...

Schon langst war zwischen Oheim und Neffen uber ihr verschiedenartiges Verhalten zu ihrem gemeinschaftlichen Beruf ein Abkommen getroffen. Bonaventura liebte den Oheim wie seinen Vater ... Er konnte noch jetzt, wie einst als Kind, die weisse, wohlgepflegte Hand des Greises an seine Lippen ziehen: so zartlich empfand er fur ihn ... Sammelt sich doch ohnehin der zuruckgestaute Schatz von Liebe im Herzen eines katholischen Priesters und muss irgendwie und irgendwo hinausstromen, um das ubervolle Herz nicht zu zersprengen!

In Bonaventura war dieses Bett seiner Empfindungen die Kirche, sein Beruf, seine Heerde ... und doch konnte er den Dechanten seinen weisen, menschenfreundlichen, lieben Philosophen nennen und der Dechant wieder nannte ihn seinen Heiligen, seinen kunftigen Franz von Sales oder Carlo Borromeo und decretirte ihm, wie Paula, die Seherin, noch einst die Mitra eines Erzbischofs, den Purpur eines Cardinals.

Von dem Liebesdienste, den ihm gestern in so spater Stunde gleich nach seiner nicht mehr erwarteten Ankunft Bonaventura abgenommen, wurde nicht viel gesprochen. Das Kommen und Gehen der Menschen, Geburt, Leben und Tod ist die tagliche Erfahrung dieser Manner, wie beim Arzte das Befinden ihrer Patienten ...

Dennoch blickte der Dechant duster und mit schmerzlicher Miene in den sonnenhellen Morgen, in die geoffneten Fenster, die grune Linde und das Hupfen der gezahmten und an die Brosamen des Fruhstucks gewohnten Vogel.

Diese wagten sich vor zwei Bewohnern heute nicht ins Zimmer. Bonaventura war eben im Begriff, mit einem Kornchen weissen Brotes einen der Spatzen zu uberzeugen, dass sich durch ihn hier nichts geandert hatte, dass jeder Hungerige getrost kommen konnte auf den Fruhstuckstisch, wo in altem geschnorkelten Porzellan Chocolade servirt wurde, die dem Dechanten, wie er behauptete, das Blut erwarmte und ihm mehr Lebensstimmung gabe, als der nach ihm die Melancholie nahrende Kaffee ...

Er bereitete sich diese Chocolade, auch nachdem er die Messe gelesen das Messelesen selbst musste nuchtern geschehen mit eigener Hand ... Windhack brachte dann siedendes Wasser, das auf einer Theemaschine im Kochen erhalten wurde. In ein kleines Gefass wurde das Wasser durch einen Hahn abgelassen und wahrend es langsam stromte, mussten die dunnen Scheibchen der Chocolade, die der Dechant dem Strahl entgegenhielt, schmelzen. Nach jedem geschmolzenen Stucke quirlte er die gewonnene Auflosung, die er so oft mit neuen Tafelchen wiederholte, bis sein Geschmack getroffen war. Er behauptete, diese Art der Chocoladebereitung ware die einzig richtige. Er hatte sie einst von seinem Bruder Max, Benno's Adoptivvater, gelernt, als dieser aus Napoleon's in Spanien kampfender Armee verwundet zuruckkehrte und damals ein Knablein von wenigen Monaten mitbrachte gen Borkenhagen, wo er zum besten der ganzen Familie Landwirth werden wollte, unsern Benno, der indessen dem Haarrauch acclimatisirt und der Familie langst wie ein geborener Angehoriger war.

Die heute so dustere Miene des Dechanten galt zuvorderst dem Mismuth uber die abendlichen Enthullungen wegen Lucinden. Noch wusste er nichts von dem nachtlichen Vorfall und der bereits schon definitiv erfolgten Kundigung. Bonaventura gab Lucinden sogar das Zeugniss, dass sie dem Onkel eine anregende, originelle, wenn auch die Menschen etwas wirr durcheinander hetzende Unterhaltung werden konnte. Da wird nichts helfen! sagte der Dechant. Ihre Erscheinung ruft bei uns Erinnerungen wach, die wir fern halten mussen! ... Bonaventura wusste, wie wenig gern der Dechant an Schloss Neuhof erinnert wurde ... doch hielt er Lucindens Bleiben fur so entschieden noch nicht gefahrdet, als es war.

Dann hatten die Briefe sehr aufregend auf den Onkel gewirkt, die Angelika Muller durch Benno und Hedemann geschickt hatte und die letzterer schon gestern Nachmittag abgegeben ... Von Benno sah und horte man nichts.

Endlich aber und vorzugsweise galt die dustere Stimmung einigen auf einem Nebentische ausgebreiteten wunderlichen Gegenstanden, die im ersten Augenblick vielleicht einem Eintretenden nicht einmal waren aufgefallen, da sie den allgemeinen Nippcharakter des ganzen Mobiliars trugen.

Auf dem Tischchen, einem jener zierlichen von Mahagoni, die zu den kleinen Spielpartieen in der Dechanei gebraucht wurden, lagen eine zerbrochene goldene Uhr, ein Gemshorn, ein gruner Schleier, eine Spielhahnfeder, ein Klappmesser mit vielen eingeschlagenen Klingen und ahnliche Gegenstande von verwittertem und verrostetem Aussehen.

Dies waren die Sachen, die man in dem Sarg des alten Mevissen gefunden hatte.

Warum hatte der Alte diese Dinge so gehutet? Warum hatte Mevissen, der in seinem eigengezimmerten Sarge schlief, eine so grosse Furcht vor ihrer Entdeckung gehabt? Wie hing, da Bonaventura sehr bald aus der Uhr und einem Namenszuge des Messers erkannte, dass diese Gegenstande einst seinem Vater gehort hatten, ein dem Werthe nach so unbedeutender Besitz zusammen mit der Furcht des alten Begleiters seines Vaters, sie durch den Tod in andere Hande gelangen zu wissen? Warum hatte er, wenn er diese Gegenstande der Welt und ihrem Verkehr entziehen wollte, sie nicht vernichtet? Die Uhr, das Gemshorn, das Messer liessen sich vielleicht nicht so leicht zerstoren; was aber sollte noch die Aufbewahrung des grunen Schleiers und der Spielhahnfeder?

Die Unfahigkeit, sich alle diese Fragen zu beantworten, beunruhigte auch Bonaventura so sehr, dass er wegen dieser theuern Reliquien zu seinem Oheim gereist war.

Der Dechant freilich sagte, als er soeben mit Ruhrung diese Erinnerungen an seinen Bruder Fritz gemustert hatte, er wisse wohl, wie diese Gegenstande mit dem unglucklichen Ende desselben in Verbindung zu bringen waren. Er konne nur nicht erklaren, warum der Diener, dessen Anhanglichkeit und Treue eine seltene und erprobte war, auf diese Andenken einen so ganz unbegreiflichen Werth gelegt hatte.

Ja, fuhr Bonaventura fort, wie konnten diese Dinge damals bei dem theuern Todten selbst fehlen, da Sie doch, wie ich horte, so manche andere Andenken bei ihm fanden, den Trauring meiner Mutter, das Portefeuille mit seinem letzten Willen, die Wasche, die er in einem Reisesack trug, als er durch das Val de Bagne uber den St.-Bernhard nach Aosta wollte, sogar die Schaumunzen, die er in der sogenannten Jupitersebene noch gefunden? Wie ist uberhaupt der Tod meines Vaters verburgt! Begruben Sie ihn selbst? Ich zweifle jetzt an allem!

Bona! rief der Dechant verweisend.

Stand Ihnen denn Mevissen zur Seite, als Sie doch wol eine Untersuchung uber den Tod des Vaters anstellten?

Mevissen war ja mein Fuhrer bis St.-Remy, wo der Verungluckte zur Ruhe bestattet liegt!

Liessen Sie denn nicht den Sarg offnen? Nie haben Sie mir, nie der Mutter, nie dem Stiefvater erzahlen mogen, wie alles beim Ableben des Vaters zuging!

Was sollt' ich vor eure Seelen diese Bilder des Schreckens fuhren!

Meine Aeltern liebten sich nicht!

Doch! Doch! ... Ich war in Wien, lieber Sohn, und recht wie um mich zu strafen fur meinen heitern Genuss der Stadt, erhielt ich dort die Mittheilung, von deinem Vater hatte man seit Wochen keine Nachricht und furchte ein Ungluck. Im ersten Augenblicke glaubte man ...

An Selbstmord?

Es liess sich daran denken ...

Um meine Mutter!

Bona, gib diesen Vorstellungen nicht ohne prufende Gerechtigkeit Raum! Deine Mutter lebt und liebt dich! ...

Mevissen hatte bereits nach dem Orte geschrieben, wo deine Mutter wahrend der Reise deines Vaters weilte! Von dort erhielt ich die Nachricht, dass man seine Spur verloren. Er hatte von Genf Abschied genommen, um durch die Walliser Alpen eine Fusswanderung anzutreten, die er ohne Begleitung seines Dieners machen wollte. Wochen waren vergangen, bis Mevissen etwas von ihm erfuhr. Endlich wahrte dem Diener das Ausbleiben seines Herrn zu lange. Er stellte Erkundigungen bis auf den Weg zum Simplon an und bis nach Martigny. Leider vergebens. Jede Spur schien nach diesen Richtungen hin verloren. Als ich dann mit einer Eile, wie sie nur irgend in der damaligen langsamen Communication moglich war, in Genf ankam, hort' ich schon, dass seine Spur auf dem andern Uebergange nach Italien, der von Martigny uber den grossen St.-Bernhard fuhrt, entdeckt worden war, aber auch das, dass sie zu dem sichern Ergebniss seines Todes gefuhrt hatte. Mevissen befand sich auf dem Hospiz der Augustinermonche; ich reiste ihm nach. Dein Vater, mein edler Bruder, war von einem Schneewetter uberfallen, verschuttet, in einen Abgrund gesunken und elend erfroren. So oft der Gleichschritt im gewohnlichen Dasein mir die Bequemlichkeit als eine zu unverdiente Gnade des Himmels erscheinen lasst, muss ich dieser Tage gedenken und des Anblicks, wie ich meinen theuern Bruder wiedersah!

Wiedersah? Doch sahen Sie ihn wieder?

Allerdings!

Sie fanden ihn nicht schon bestattet?

Ich hatte den Genfersee hinter mir und fuhr an den immer mehr sich verengenden Ufern der Rhone nach Martigny, wo mir Mevissen, selbst ein Bild des Todes, entsetzt entgegenkam. Von dort nimmt man Saumrosse; aber mein Gemuth war zu erschuttert, ich legte mir die Wanderung zu Fuss auf. Sie fuhrte durch gesprengte Felsen, an uralten, noch aus der Romerzeit herausblickenden Mauern voruber, durch das Geroll der Betten wilder Berggewasser, armselige Dorfer, immer hoher empor zu jenem Pass, auf dem Napoleon 1800 die Fusstapfen der alten Casaren im ewigen Schnee wiederfinden wollte. Tief in den Schluchten, in die der Blick mit grausendem Schwindel sich verliert, weiden die Heerden der Rinder zwischen den Auslaufern der Gletscher. Hier schon befindet man sich auf einer Hohe von 79000 Fuss und erblickt dicht neben und uber sich in den Felsenriffen die Spuren des sprengenden Frostes und der wenigen im Fruhjahr schmelzenden langen Schneegehange. Ich reiste im Juni und doch wurden die weissen Todtenfelder immer unabsehbarer, die Ausblicke oder und kahler. Die Fuhrer erzahlten von einem Fremden, der vor zwei Monaten allein und ohne Warnung anzunehmen den Pass hatte ersteigen wollen. Da hatte plotzlich niederfallender Schnee die Wege verschuttet und den Wanderer auf eine falsche Fahrte gefuhrt. Den Unglucklichen, den ich eben sehen sollte, hatte man auf einem vom Wege abgelegenen Felsenzacken gefunden, dicht an einem unermesslichen Niedersturz ...

Sie sahen den Vater!

Ich sah ihn! Ich sah ihn in jener grauenvollen Morgue, die oft auf viele Jahre die Leichen der auf dem St.-Bernhard gefundenen Verungluckten zur Wiedererkennung durch ihre Angehorigen aufbewahrt! Grassliche Erinnerung! Eine Stunde vom Hospiz entfernt liegt ein kleines Gebaude, ausgesetzt dem scharfsten Zuge der Eisesluft, die das Defile de Marengo durchstreift. Einer der Augustiner stand schon mit dem Schlussel an der Pforte des Todtengewolbes und begrusste mich. Ein und derselbe Glaube, ein und derselbe Beruf, und doch wie verschiedenartig unsere Pflichten! Ich kam aus Wien mit goldenen Ringen an den Fingern, mit zierlichen Billets in der Brieftasche, die mich zu einem Diner, dort zu einer Soiree eingeladen hatten, noch schwirrten die Opern der Italiener mir im Ohre, die im Karntnerthor ihre Stagione hielten, und vor mir stand trotz der Kalte im leichten Chorherrenrock ein Priester von nicht viel uber dreissig Jahren mit seinem Begleiter, einem ihm mit dem Kopf bis an die Hufte reichenden Hunde, dessen gewaltige Muskeln, aufmerkende hohe Ohren, furchterliche Lefzen und Tatzen in einem ruhrenden Contrast zu dem Korbchen mit Lebensmitteln und dem ledernen weingefullten Schlauche standen, die an seinem zottigen Halse befestigt waren. In franzosischer Sprache begrusste mich der Chorherr und bedauerte die Veranlassung, bei welcher zwei Priester so ihre Bekanntschaft machten. Eine nach niederwarts fuhrende Thur schloss er auf und wir standen in einem Gewolbe, das die erhitzteste Phantasie nicht grauenvoller sich ausmalen kann. Rings an den Wanden Gerippe an Gerippe, und nicht etwa nur vollig versehrte, nicht etwa nur Reste, sondern wohlerhaltene Korper, die die Eisesluft, die durch die offenen, correspondirenden Fenster zieht, an ganzlicher Verwesung verhindert. Niemand wird hier begraben, dessen Identitat nicht im Laufe der Jahre hergestellt wird. So standen dort Gestalten schon zwanzig Jahre an die Wand gelehnt! Vor ihnen lagen auf einem Tische ihre Kleider und die sonstigen Gegenstande, die sie bei sich trugen. Der letzte in der Reihe war ... ja! es war mein unglucklicher Bruder, dein theurer Vater ... Ich sah ihn stehen! Vor mir! Todt! Von einem Sturz von der Felsenkante, wo man ihn fand, war das Haupt zerschmettert und hing, schon fast nur noch in Knochen, hernieder! Im ubrigen war es sein lieber, edler Eindruck! Da lagen die Kleider, die ich nur zu gut kannte, da lag das Portefeuille, das ich an mich nahm, da lag noch sein Geldbeutel mit dreissig Napoleons und etwas kleiner Munze und einigen romischen, wie man sie in diesen Gegenden oft findet, ein Plan der Schweiz, ein Fernrohr, Billets zur Ueberfahrt uber den Genfersee, einiges weisses Brot, eben noch wie davon abgebrochen, eine Korbflasche mit Kirschengeist, Handschuhe, Tragbander, der Trauring deiner Mutter ... alles ... alles ... Die Trager burdeten es sich dann mit der Leiche auf. Ich stieg mit dem Monch zum Hospiz empor. Die Leiche blieb da so lange in der Kapelle, bis man sie auf meinen Wunsch nach der sudlichen, italienischen Seite zu, uber dem Orte St.-Remy beerdigte!

Der Dechant schwieg ... Nie hatte er diese Schilderung so genau gegeben. Nur einmal vor den Gerichten und einmal vor dem jetzigen Kirchenfursten, als dieser noch die Geschafte eines Generalvicars verwaltete und die Heirath der Witwe beanstanden wollte.

Der Trauring meiner Mutter! wiederholte Bonaventura schmerzlich. In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche!

Das ist ein Abgrund, mein Sohn, wie auch unsere Ehelosigkeit ... sagte der Greis. Lass es ruhen!

Beide Priester schwiegen ...

In diesem Schweigen lag der Schauer zweier Jahrtausende.

Eine Weile verging

So also war es! begann Bonaventura wieder voll Schmerz. Und doch wie ist es moglich, dass diese Gegenstande vor uns auf dem St.-Bernhard damals fehlten? Warum hat sie Mevissen ohne Ihr Wissen an sich genommen? Warum nahm er sie mit ins Grab?

Der Dechant schwieg ...

Ich weiss es nicht! sagte er dann nachdenklich.

Mevissen wohnte allen diesen Vorgangen bei, die Sie schilderten?

In aufrichtigster Trauer! Wir legten oben auf dem Hospiz alles zusammen, was deiner Mutter zu ubersenden war. Diese Gegenstande dort fehlten, das weiss ich genau. Da das Geld unangeruhrt war, gedachten wir nicht der Uhr. Die Spielhahnfeder ist ein Hutschmuck der Alpengegenden. Das Gemshorn sass ohne Zweifel als Griff an einem Alpenstock. Der grune Schleier ist eine Schutzwehr des Auges gegen die blendende Wirkung des Schnees. Gewiss! Ich sah damals diese Dinge nicht und begreife den Werth nicht, den Mevissen so weit darauf legte, sie so heimlich zu bewahren! Er war so ehrlich und so treu ... Ich erkundigte mich spater in Genf; ich hatte die sichersten Beweise, dass diese einsame Alpenwanderung deines Vaters, wahrend Mevissen allein im Gasthofe zur Balance zuruckbleiben musste, ihn mit einer durch den Erfolg nur zu sehr gerechtfertigten Unruhe erfullte. Die Beerdigung in St.-Remy vollzog er mit all der Standhaftigkeit, zu der ich mich nicht aufschwingen konnte. Ich sass erschopft im Refectorium des Hospizes und schilderte den kindlichen Monchen die Tugenden des Verblichenen. Wie hatt' ich sie erfreut, wenn ich ihnen schon damals hatte sagen konnen, dass der Sohn des Unglucklichen in den geistlichen Stand treten wurde! Ich musste diese Manner bewundern, die uber siebentausend Fuss uber dem Meere wohnen, funfzehn Jahre hier zu verweilen verpflichtet sind und selten, wenn sie auch mit zwanzig Jahren schon vom Bischof zu Sitten hierher entsendet werden, ihr funfunddreissigstes Jahr erreichen. So wuthen die Sturme, so dorrt der Frost die Glieder aus, so verbraucht die tagliche Anstrengung, die es kostet, nur allein die nachsten Bedurfnisse auf diese Hohe zu bringen, nur Holz und Wasser! So oft ich jene vermessenen Reden unserer Geistlichkeit hore, Reden, wie ich sie noch gestern wieder vernahm, mocht' ich doch aufstehen und eine Schilderung des Lebens der Augustinerchorherren auf dem St.-Bernhard geben und rufen: Hic Rhodus! Hic salta! Da zeigt euern Heldenmuth!

Bonaventura schuttelte sein Haupt, hob sein braunes Auge wie verklart und erwiderte:

Nein, Oheim! Was ist es denn, was diesen Menschen dort oben selbst den Schnee so rosig ergluhen lasst, dass sie ihn auch ohne die Sonne wie nur in Purpur getaucht zu erblicken glauben! Es ist die himmlische Sonne, die sie bescheint, die moralische, dass sie sich fuhlen in einer grossen Gemeinschaft, der zu Liebe diese und alle Opfer dargebracht werden! Lasst diese Priester der Ebene doch vermessen reden und sich ihrer Rechte und Pflichten ruhmen! Wurde nicht schon in der Ebene dieser Geist der Hingebung gepflegt, allmahlich aufgezogen, allmahlich herangebildet, wie konnte er in die Berge steigen! Nein! Aus einer einzelnen zufalligen Entschliessung des edeln Herzens hier und dort ist es nicht moglich jene jungen Manner dort oben wohnen, wirken, fruh dahinwelken zu lassen! Sie wurden vielleicht zuweilen in grosserer Anzahl sich einstellen, als sie nothig sind; ofter aber auch wurden sie ganz fehlen. So muss es eine Pflanzschule dieses Geistes der Aufopferung geben, irgendeine magische Zauberformel muss sie alle halten und regieren. An dem Muth, dort unter den Gerippen und dem Schnee des St.-Bernhard auszuhalten, arbeitet der streitende Geist derer hier unten mit! Das ist ja das Geheimnissvolle in unserer Kirche, dass sie ein Zusammenwirken tausendfacher Krafte ist, wo sie wunderbar durch die Formen ersetzt, was an den Personen sich heute findet, morgen fehlt. Unsere Kirche befreit den Geist von den Launen des Zufalls, der Natur! O dass das so wenig verstanden wird!

Unsere Methode ist gross! raumte der Dechant ein; seufzend aber setzte er hinzu:

Soviel Schones, soviel Erhabenes in unserer Kirche, so vieles, was den poetischen Menschen in uns mit den tiefsten Ahnungen und Schauern durchrieselt wenn nur so vieles andere, was dem Menschengeiste von unsterblichem und gottlichem Werthe sein darf und muss, nicht in ihr verloren ginge!

Dies Thema trennte beide wie immer ...

Ein ratselhaftes Gefuhl drangte den Dechanten, wahrend der entstehenden Pause seinem Schreibtisch zuzulangen, als musste er jenen Brief von unbekannter Hand Bonaventura mittheilen, jene Aufforderung im Jahre 18** am Tage des heiligen Bernhard von Clairvaux unter den Eichen von Castellungo sich zu einem Concil der Befreiung einzufinden!

Doch erblickte er unter den Papieren zunachst nur den Brief Angelika Muller's mit den Einlagen ...

Auch dessen Inhalt erlaubte es, bei dem Gegenstande zu verweilen, den Bonaventura die Grundlage der katholischen Kirche genannt hatte.

Der Dechant war der Meinung, dass die katholische Kirche nicht zu ihrem Vortheil die Ehe zu einem Sakrament erhoben hat. Wo die personliche Freiheit so beschrankt ware, dass man sein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl hinsiechen musse ... da konne der Segen Gottes nimmermehr weilen! Er sprach dies auch jetzt wieder aus mit Rucksicht auf die Briefe, die er entfaltete ...

Bonaventura unterbrach ihn aber schon ...

Nein, Onkel, sagte er, es gibt keine Religion, die nicht bindet! Schon im Namen liegt's ja! Haben die Volker nicht in diesem ein hoheres Gesetz, so haben sie es in jenem! Was ist nicht alles den Juden, was nicht den Turken untersagt! Ja, die katholische Kirche hat sich das Schwerste auferlegt! Das ist wahr aber darin liegt gerade ihr Muth, liegt

Ihre Verwegenheit! warf der Dechant dazwischen und fuhr in der That aufgeregter als sonst fort:

Gelten lass' ich Reinigungen und Fasten! Es ist gut, dass der Mensch sich oft und regelmassig die Schranke vorfuhre, die ihn von der Thierwelt ebenso wie von einem ubermassigen Gebrauche seiner Freiheit trennt! Aber die Ehe! Eine Verklarung der Schopfung mag sie sein, eine Stutze der Civilisation; aber die Ehe an Gesetze zu binden, die wenn nicht die Natur die man schon leider ganz aufgeben muss! doch die Liebe ausschliesslich vorgeschrieben hat, das racht sich an der Sitte und Sittlichkeit! Es wird sich an der Kirche rachen!

In solchen Augenblicken der Erregung des Greises widersprach Bonaventura nicht.

Es lag auch dann ein so stolzer, hoher Ausdruck in des Dechanten Blicken, die schlanke, noch ungebeugte Gestalt wuchs vollends in die Hohe, die gewohnte Indolenz schwand so ganz, dass der Oheim dann etwas von einem Staatsmann oder einem weisen Gesetzgeber zu bekommen schien und den, der ihm widersprach, geradezu unreif erscheinen liess.

Habe nur meine Erfahrung! sagte er. Man sieht nur nicht diese Nachtheile einer scheinbaren Wahrheit und einer so grossen Luge! Sie liegen dank der furchtbaren Organisation, die in unserer Welt die polizeiliche Ordnung hat! nicht so offen! O sie liegen so verborgen, dass es mir oft, wenn ich mich in unserer katholischen Welt umsehe, vorkommt, als sahe man die alten Verliesse der Burgen wieder, wo die Gebeine der Geopferten modern, sahe in die Kerker der alten Kloster, die die Folgen der Zuchtlosigkeit vergruben ... Doch lass es jetzt genug sein!

Und gleichsam als wenn die Erinnerung einer ganzen schweren Vergangenheit uber ihn kame, so zitterte er und brach nun ab.

Wie um sich zu besanftigen, nahm er dann die Briefe und sagte:

Gehst du zum Weinberg des Obersten von Hulleshoven hinuber, so weiss ich nicht, sollst du dem Obersten diese Briefe da mitnehmen oder nicht?

Er erzahlte, dass sie ihm von Armgart von Hulleshoven zugekommen waren ...

Bonaventura wollte schnell in seine Pfarre zuruck. Er konnte nicht hoffen Benno's habhaft zu werden; nur auf dem Amte galt es noch seine Anzeige uber den Leichenraub zu machen. Dem Obersten stand er ferne. Der Oberst war ein Sonderling, der gegen die ganze Welt etwas Schroffes, ja Ablehnendes hatte ...

Die Briefe beziehen sich, sagte der Dechant, auf Dinge, die ich nicht gern mit dem Obersten erortere ...

Bonaventura kannte die Personen und Verhaltnisse ... er wusste, dass Armgart von Hulleshoven in dem Glauben erzogen war, eine Waise zu sein ... er wusste, dass sie seit noch nicht lange erst erfahren hatte, dass ihre beiden Aeltern lebten und getrennt lebten.

Als Bonaventura die beiden zierlich zusammengelegten Briefe sah, auf welchen mit sauberer Hand geschrieben stand: "An meinen Vater!" Auf dem andern: "An meine Mutter!" sagte er:

Sie spricht doch wol ihr Gluck aus, jetzt plotzlich diese Schatze gefunden zu haben?

Im Gegentheil! erwiderte der Dechant. Als ich die Briefe empfing, wusst' ich nicht, ob ich uber sie lachen oder mich argern sollte. In Wahrheit war ich von ihnen geruhrt, um so mehr, da auch die Mutter mir aus Wien geschrieben hat, wo sie endlich das Kloster, in dem sie zeither meistentheils lebte, verliess. Beide Aeltern machen Anspruche auf ihr Kind und jetzt um so lebhafter, seitdem sie um diesen Besitz wieder in den alten eifersuchtigen Streit gerathen sind. Die Mutter will sogar binnen kurzem in die Gegend kommen, was ich dich bitte, um Aufreizungen zu vermeiden, dem Obersten zu verschweigen ...

Bonaventura hatte sich gern dem Auftrage entzogen. Doch las er, da der Dechant es wunschte, den einen der offenen Briefe Armgart's.

"Mein Vater!" schrieb Armgart von Hulleshoven. "Wie die heilige Margarita betete, so wiederhole ich: 'Mein Herr und Gott, bewahre unser Herz in Reinigkeit, unser Leben in Unschuld und jede Begierde, jede Meinung, jede Handlung unsers Lebens in reinster Wahrheit!' Dass ich dich einst nennen werde: Mein einziggeliebter Vater! wird die Folge der Erkenntniss deiner hohen Tugenden sein. Die Heiligen mogen mir bezeugen, ich habe ein Herz, so voll der himmlischen Liebesflammen, dass ich dich mit Innigkeit umarmen konnte, wenn ich nicht wusste, dass ich eine Mutter habe. Auch sie darf ich, wenn ich wahr sein will, nicht begrussen, wie es Kindern ziemt, ihre Aeltern nach langer Trennung zu begrussen. Wurd' ich aber, wenn ich zu dir mit ausgebreiteten Armen floge, nicht die Mutter betruben? Wurd' ich nicht den Schein annehmen, als bevorzugte mein Herz eines von euch? Wurd' ich nicht ein Urtheil zu sprechen scheinen, das ferne von mir liegt? Ach, ich beschwore euch! Kommt, liebevereint, beide und ruft mich an euer ausgesohntes Herz! Lasst mich zu euch beiden zu gleicher Stunde emporblicken! Lasst mich reuevoll und in ewiger Liebe vor euch beiden niedersinken und mit einem einzigen gluckseligen Worte mich nennen euer einziges und treues Kind, Armgart von Hulleshoven."

Und der Mutter?

Schreibt sie wortlich dasselbe!

Bonaventura uberflog den Brief, den der Dechant nach Wien schicken sollte. In dem einen Briefe waren nicht mehr Worte und Buchstaben als im andern.

An den Punktchen da, sagte der Dechant, seh' ich, wie sie gezahlt hat, ob auch keiner mehr Buchstaben bekommen hat als der andere!

Oder weniger! sagte Bonaventura geruhrt. Sieh, ein Kind will sich zum Preis der Aussohnung seiner Aeltern setzen! Sollten diese beide nun nicht wirklich, um vor ihrem Kinde nicht beschamt zu stehen, ihren Hass und Groll fahren lassen? Bleibt der kleine Genius des Friedens nur fest in seiner Weigerung, so mein' ich, musste eine Eifersucht entbrennen zwischen Vater und Mutter, die zum Guten fuhrt! Nennen Sie das Sakrament der Ehe noch den grossen wunden Schaden unserer Kirche, wenn es solche Opfer moglich macht? Die kleine Armgart handelt ich muss es so nennen katholisch!

"Aus dem Munde der Unmundigen und Sauglinge hast du dein Lob zugerichtet!" sagte der Dechant ironisch und erhob sich, um Bonaventura das Geleit zu geben und nach Windhack zu klingeln.

Nachdem sie beide die Reliquien aus dem Sarge zusammengelegt und in einer Tasche, die zu Bonaventura's Reiseeffecten gehorte, geborgen hatten; nachdem der Dechant auf die von ihm ausgesprochene Erwartung, der Neffe wurde doch wenigstens zum Mittagessen noch dasein, eine ablehnende Antwort erhalten hatte den Pfarrer zog es machtig in seine Gemeinde zuruck und Lucinde verscheuchte ihn ; standen beide schon an der Thur, Bonaventura, um auf den Weinberg des Obersten zu gehen, der Dechant, um in der Stadt die diese Nacht mutterlos gewordenen Waisen mit Geldmitteln zu versehen. Eben sagte er: Troste Witwen und Waisen, wie du heute Nacht Zwei Thuren gingen in diesem Augenblicke zu Windhack trat ein und wollte eine Meldung an BoHerr Pfarrer! sagte er eilends ... Aber auch Frau von Gulpen war von nebenan erZwar war ihre Toilette schon in schonster Ordnung, Gott, was ist Ihnen, Liebe? fragte der Dechant. Sie wollte sprechen, aber sie konnte nicht ... Sie winkte nur Windhack, zu sagen, was d e r wolle ...

Ein Wagelchen ist halt eben vorgefahren ! sagte Windhack, stockte aber, weil dem so sichtbaren Schmerz der Frau von Gulpen offenbar die Vorhand gebuhrte ...

Ein Wagelchen ist eben vorgefahren! wiederholte Frau von Gulpen mit hauchender Stimme. Sie that dies, um ihm gleichsam seine Mittheilung zu erleichtern. Es war ein Ton der leidendsten Geduld, ja der eines formlichen Abgeschlossenhabens mit dieser ganzen hochst unvollkommenen Welt ...

Schon ahnte der Dechant die Ursache dieses Anblicks die neue Nichte

Was ist denn, Windhack? fragte er, um nur bald wenigstens uber dessen Storung hinwegzukommen

Der Wagen unten ...

Nun ja, nun ja

Herr Maria!

Wer?

Herr Maria!

Frau von Gulpen war so grossmuthig, so tief edelgesinnt, so gewohntermassen aufopferungsfreudig, auch noch jetzt die Verstandigung zu unterstutzen.

Herr Schnuphase! sagte sie.

Herr Schnuphase? ...

Eine dringende Meldung an den Herrn Pfarrer ... fuhr Windhack fort.

An mich? fragte Bonaventura ...

Herr Maria hat Sie halt schon in St.-Wolfgang aufgesucht ... ein sehr wichtiger Auftrag ...

Und schon horte man auf dem Corridor draussen das Husten und Rauspern eines Mannes, der nicht gewohnt schien, lange ohne das freudigste Bewillkommtwerden zu verharren ...

Ist denn schon die Zeit der Wachsernte, fragte der Dechant lachelnd und verdriesslich zugleich ...

Aber Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase, Lebkuchler, Wachslichterfabrikant und Messgewandstikker aus der Residenz des Kirchenfursten, schien absichtlich zwei oder drei Prisen genommen zu haben, um nur dicht am Schlusselloch draussen niesen zu konnen ...

Und mit jener Selbstaufopferung, die fur sich selbst im Leben ja auch nichts, auch gar nichts beansprucht, sondern die nur allein andere glucklich zu machen wunscht, winkte Frau von Gulpen, dass Herr Schnuphase eintreten mochte!

Der Dechant war im aussersten Grade geruhrt, zu sehen, wie sich jetzt die gute Frau erschopft auf ein Eckkanapee im Dunkeln niederliess, ganz nur Resignation, ganz nur ein Bild der Ergebung, sich selbst eklipsirend, wie Windhack hatte sagen konnen ... Gern hatte er trostend ihr zugeflustert: Nun, "die Person" ist doch schon fort? Lassen Sie sie in Gottes Namen reisen! Und gleich! Den Augenblick! ... Aber der Eintretende nahm die Aufmerksamkeit aller Anwesenden allein in Anspruch.

Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase ist ein kleiner Mann von unendlichster Devotion. Sein Frack ist grun, die Knopfe daran sind weiss und von Metall, die Weste ist von Kameelgarn und gelb und die Beinkleider sind von Nanking. Er tragt weissgewaschene Lederhandschuhe, wie zu einer Kindtaufe. Aber statt eines Hutes hat er doch nur eine Reisemutze in der Hand und das genirt ihn und das bringt ihn ausserordentlich in Verlegenheit und er muss lacheln und um Entschuldigung bitten und muss alles aufbieten, um das Neglige dieser Reisekappe zu verbergen und muss sein: Hochwurdigste Hochwurden gnadigste Frau hochehrwurdiger Herr Pfarrer sehr geehrter Herr Windhack ... mit so vielen Verbeugungen unterbrechen, dass wir

Doch nein! Um Jean Baptiste Maria Schnuphase ganz zu charakterisiren und nichts zu unterlassen, was zu seinem "ganz ergebensten" und "hochachtungsvoll ergebensten" Eindruck gehort, mussen wir ihn eigentlich in seiner eigenen Sprache reden lassen ... Es ist das jene Sprache von der Abdachung des Harzes her in die kleine romische Enclave, das einzig rechtglaubig dortherum gebliebene Hildesheim. Es ist die Sprache der braunschweigischen Umlaute "uo" statt a oder au oder o, die Sprache des lispelnden S vor St und Sp ... Alle diese feinen Nuancen gehoren zu dem Duft des "Vornohmen" und "Erhobenen", das den Lebkuchler, Wachslichterfabrikanten und Messgewands-ticker schon seit dreissig "Johren" umgibt.

Schnuphase, oder nach seiner eigenen Aussprache "Schnuphose", besitzt eine nie "ermongelnde" Ergebenheit. Er ist das Factotum aller menschlichen Bedurfnisse des hohern und niedern "christkotholischen" Klerus. Er ist der Beichtvater der Beichtvater. Herr Maria, von Hildesheim durch eine gluckliche Gesellenschaft und darauffolgende Verheirathung gen Westen verpflanzt, ist wohlangesehener Burger und Hausbesitzer in der stolzen Konigin des grossen "S-tromes", die wir kennen lernen werden. Er ist der "Figaro hier", der "Figaro dort" des Domstifts und aller derer, die sein Vertrauen suchen und nicht suchen! Dienen, dienen um jeden Preis, dienen und war's auch nur um die regelmassige Abnahme seiner weltberuhmten Wachskerzen fur Haus und Altar, seiner Lebkuchen fur den Weihnachtsbaum, seiner Stikkereien, deren Anfertigung seine beiden Tochter Eva und Apollonia zu den Garderobieren aller Gottesmutter des Landes und aller sonstigen heiligen Toiletten gemacht hat ... dienen war "Herrn Maria's" Lebensaufgabe! Wo ereignete sich das Weihen einer Kirche auf zwanzig Meilen in der Runde, stromauf, stromab, ins Frankenland hinein und hinuber auf die rothe Erde, dass Herr Maria fehlte? Oder eine Priesterweihe oder ein Zweckessen oder ein grosses Leichenbegangniss oder eine Glockenweihe oder eine Wallfahrt oder eine Schaustellung wunderthatiger Bilder oder Reliquien ... Herr Maria sollte fehlen? Herr Maria, der kleine, immer vom Feuer der Ueberzeugung sowol wie vom edelsten Ahrbleichert Gerothete? Er war einer der Cherubs, flammend von der Nase bis zum Schwert, die an der Kathedrale in der Residenz des Kirchenfursten die Eingangsportale huteten! Dabei durft er auch wandeln auf Erden wie ein Cherub auf Urlaub, ein Cherub der Legende, zu Wagen, zu Ross, per Dampf auf der kuhlen Welle oder der hie und da schon sich streckenden Schiene! .. Herr Maria wohnte in einem der alterthumlichsten, massivsten Hauser, die man sich durch hochwurdigste Protection nur erwerben kann. Er war in seiner Art ein Napoleon. Wenigstens war die Biene sein Symbol. Er hatte eigentlich in einem Bienenmantel bei jeder Procession voranschreiten mussen, wie er oft voranschritt, dann freilich im schwarzesten der schwarzen unter seinen vielen Fracken, mit entblosstem Haupte und eine seiner eigenen Kerzen tragend ... Die Bienen hatten ihn gelehrt, Honig fruh von Wachs zu unterscheiden, aus jenem die lieblichsten nurnberger Leb- und thorner Pfefferkuchen und baseler Leckerlis zu gestalten, aus diesem aber Kerzen, reine, weissgelbe edle Wachskerzen zur heiligsten Weihe. Und diese Bienen hatten ihn auch die Emsigkeit gelehrt, den rastlosen Fleiss, das Sammeln auf allen Fluren und Wegen und Stegen fur seinen eigenen Schatz und den des Reiches Gottes. So erlebte er freilich die Berufung zu den hochsten Steuersatzen durch diesen kalten protestantischen, keine Exemtionen duldenden "S-tot", aber auch die Mittel, sie quartaliter punktlichst zu berichtigen. Herr Maria galt fur wohlhabend, aber er war reich. Das wussten Domherren und Capitulare und Officiale und Curaten bis zu Psalteristen und Calcanten hinunter. Dominicus Nuck, der machtige Procurator, Benno's Principal, wusste es gleichfalls. Der hatte ihn auf der Liste aller derer, die in grossen Erbschaftsfragen, wie z.B. jetzt in der der Dorste-Camphausen, Mundel- und Pupillengelder auf die rechten Platze anzulegen wissen. Und was gab es nicht allein schon auf dem geistlichen Gebiete zu rechnen und zu zahlen! Was hatten die Herren von Sancta-Columba und Den Aposteln und Den sieben Schmerzen und allen Kirchen diesseit und jenseit des Stromes nicht fur einen Neffen dort, fur eine Nichte da liebevollst zu sorgen, aufzunehmen und abzutragen! Was gab es nicht Kapitalien unterzubringen! "Schicket euch in die Zeit, denn es ist bose Zeit!" Herr Maria kannte das ganze Land, kannte alles, was neben Bienen auch Korn und Gerste zieht und Hypotheken braucht. Freilich war er nicht in dieser Gegend geboren, aber er war geboren in dem Lande der Hoflichkeit, der feinsten deutschen Aussprache, der gewahltesten Umgangsformen. Er wurde uberall gut aufgenommen und nie ubermuthig. Er hatte von den Bienen die schone Harmonie gelernt, die Unterordnung unter einen gekronten Weisel, unter die selbstbeschauliche Tragheit vornehmer Drohnen; selbst jener poetische Schwung fehlte Herrn Maria nicht, den die Alten mit den Bienen bezeichnen wollten, wenn sie im Munde eines gottlichen Redners die Biene abbildeten oder einen Sophokles an ihr sterben liessen ... nein, Sophokles starb an einer verschluckten Weinbeere! Aber schon die attischen Bienen ruhten vielleicht am liebsten auf solchen Weinbeeren, die von Chios und Tenedos an den Ilissus verpflanzt wurden! Schnuphase bestatigte den Naturforschern, dass die Bienen am liebsten sich den Honig vom Safte der Weinbeeren saugen. Oder verurtheilt ihr ihn deshalb? Lebte der schwungvolle Mann nicht im Lande der kostlichsten Reben? Er, der nur "brauns-weiger" Mumme oder goslarer "Gose" als die hochsten Errungenschaften der durstenden Menschheit bei seiner Geburt kennen gelernt hatte, er bekam sein rothes Naschen, seine rothen Wanglein, die dem weissen Lockenkopfchen allerliebst standen, nur auf den schonen Rebenhugeln seines neuen Vaterlandes, unter den epheuumwundenen Burgruinen, da, wo man ringsumher dicht neben dem Anblick des Grossen und Schonen auch uberall einen Guten schenkt. So zu stehen auf "erhobenstem" Standpunkte, so mit dem grunen "Romerglose" allen "Kopollen" und Kirchen und "Domen" und "S-tiften" und "Kothodrolen", die er erleuchtete, allen Tannenbaumen ringsumher, die er zur Weihnachtszeit mit Lichtern und Lebkuchen schmuckte, allen Kaplanen und Pfarrern, die er mit wundervollen Messgewandern bekleidete, ein Hoch nach dem andern auszubringen wer konnte ihm das verdenken! Blieb er nicht immer fein, nicht immer nobel, immer Herr seiner weissen Wasche, Huter seiner Manschetten, Meister im Knoten seiner weissen Binde, zierlich und manierlich? Einem Weihbischof die Hand zu kussen, hatte ihn von allen Schaden der Pathologie geheilt! Glucklicherweise war er gesund und fuhlte sich im Ahrbleichert und seinem Berufe wie der Fisch im Wasser! Oder er war selbst wie eine seiner Kerzen! Erst Product einer von tausend Enden und Ecken her gesammelten Betriebsamkeit und dann so sanft sich selbst verzehrend im Lichte, in aufwartsstrebender reiner, heiliger Flamme und fanatischster Hingegebenheit an alles, was sich nur fur sein romisches Ideal unternehmen, betreiben, wuhlen liess! Betriebsamkeit liess ihn, wie Lob Seligmann, der Bruder der Hasen-Jette, vom Felde die Fruchte "auf den Halm" kaufte, den Reps "auf die Blute", den Taback, die Runkelrube "auf Stengel und Knollen", so den Honig und Wachs kaufen "auf die Blume", auf die Blume, wenn uber dem duftenden Kelche noch die grunen Weberinnen wetteifernd mit den Schmetterlingen summten und schwelgten! Und fast alle Stocke der Bauern und Schullehrer waren so dem tendenziosesten aller Tendenz-Tendenzer verpfandet, noch ehe die Zellen sich fullten. "Die Blume" darauf war er Kenner! Und er druckte niemanden. Er handelte wie ein Mann, der die heilige Ehre genoss, mit Stolen, Alben, Manipeln, Fahnen, Standarten, Demonstrationen, selbst Intriguen die Glorie des katholischen Lebens zu mehren, die Hochamter bis nach Luttich und Antwerpen hin und die grossen Dome o war' es bis an die Peterskuppel von Rom gewesen! mit Licht-, Gold- und Silberglanz zu fullen!

Herr Schnuphase uberbrachte vom Herrn Kaplan Michahelles, dem Secretar des Kirchenfursten, einen Brief, der fur St.-Wolfgang bestimmt war.

Ein Auftrag Sr. Eminenz? fragte der Dechant erstaunt, als Bonaventura den Brief erbrach.

Frau von Gulpen zitterte bei diesem Worte jetzt auch noch zu alledem vor Devotion ...

Zu dienen, Hochwurden! sprach Herr Maria.

Ohne weitern Aufenthalt? sagte Bonaventura betroffen im Lesen halb fur sich.

Ohne allen weitern Aufentholt, Hochwurden!

In die Residenz sollst du kommen? fragte der Dechant hocherstaunt.

Zu dienen, Hochwurden! bestatigte Schnuphase.

Des Dechanten Herz klopfte fast horbar von einer Ahnung, die mit der vorhin unterbrochenen Warnung im innigsten Zusammenhange stand. Gerade das hatte er sagen wollen, gerade vor der Gefahr warnen, die jetzt fur Bonaventura heraufzog!

Zu all den Foltern, die Frau von Gulpen zu uberstehen hatte, kam nun noch die, sehen zu mussen, wie der Dechant formlich erblasste und sich an seinem Tische halten musste ... Alle ihre Gedanken gingen nun wieder blos auf die Hausapotheke, auf ihre niederschlagenden Pulver und dabei sah der geliebte Mann offenbar doch nur mit der Absicht so scharf jetzt auf sie hinuber, um sie zu entfernen, sich allein zu wissen mit Bona und uber den empfangenen Brief mit ihm eine Scene zu haben ... eine Scene!

Herr Maria, nichts ahnend als nur Gutes, ausserte:

Hochwurden werden gewogentlichst in meinem Hause absteigen! Ich bitte! Ich bitte! Es ist der Befehl wollt' ich sogen der Wunsch Sr. Eminenz, dass Ew. Hochehrwurden bei mir wohnen! Im sogenannten steinernen Hause, dicht an der Kothodrole!

Der Dechant beherrschte sich nicht langer. Windhack bekam Befehl, Herrn Schnuphase, der es einraumte, sich noch "im ungefruhstuckten Zustande" zu befinden, ein Dejeuner a la fourchette vorzusetzen ... Frau von Gulpen durfte dem entscheidenden Blick, dem Wunsche, der sie in diesem Moment aus den Augen des Dechanten machtgebietend traf, sich nicht widersetzen ... Sie ging ... sie ging auf Bonaventura mit einem Blick, der ihn um aller Heiligen willen, die im und nicht im Kalender stehen, bat, den Dechanten zu schonen! ... Sie? Sie selbst? Ach sie war ja gewohnt alles zu tragen! ... Als sie noch Herrn Schnuphase's Diener und "gehorsamsten Befehle" und "unterthanigsten Bereitwilligkeiten", auch "die Absicht, den nahern Bescheid abworten zu wollen", unterbrechen musste und die Thur offnete, die zum Corridor fuhrte, und nun wieder mit Herrn Schnupphase zu complimentiren hatte, wer zuerst ginge, da warf sie noch einen Blick gen Himmel ... Er war gemischt aus Kummer und schon wieder doch aus der seligsten Freude: Diese Burden wie sind sie so schwer und dennoch wie war' ich unglucklich, wollte sich jemand unterstehen, sie mir abzunehmen!

Bonaventura und der Dechant waren allein.

Mein Sohn! rief der Greis jetzt ausbrechend und mit der ganzen zuruckgehaltenen Kraft seiner Furcht und Aufregung, mein Sohn! Was ist das?

Er warf sich dem jungen Priester mit einer Leidenschaft, die dieser an ihm nie gekannt, an die Brust.

Was kann, was soll dir beschieden sein! fuhr er fort. Auch dich wollen sie haben! Auch dich wollen sie in ihre Strudel ziehen! Wir gehen den trostlosesten Verwirrungen entgegen o mein Sohn! Mein Sohn! Folge diesem Briefe nicht! Ich beschwore dich! Widerstehe!

Wie kann ich? erwiderte Bonaventura und erinnerte den Greis an die allbekannte Stellung des Kaplans Michahelles.

Dieser hatte einfach und kurz geschrieben:

"Hochwurdigster Herr! Im Auftrage Sr. Eminenz soll ich Sie ersuchen, ihm binnen acht Tagen personlich Ihre Aufwartung zu machen. Ihr hochachtend ergebenster Eduard Michahelles. Alles zur grossern Ehre Gottes."

Das Losungswort der Jesuiten! sagte der Dechant mit tiefster Erbitterung. Bona! Bona! es wurde den Rest meiner Tage kurzen ...

Theurer Onkel! unterbrach der Pfarrer und umarmte den Dechanten. Warum diese Sorgen! Man beruft mich zu irgendeinem harmlosen Auftrage! Der Kirchenfurst ist aus unserer Heimat geburtig! Er kannte den Vater ...

Sein Arm ist gewaltig, sein Wille stark Bona! Es ist mir, als sah' ich dich von mir geschieden! Geistig geschieden!

Ich werde prufen und nur das Gute behalten! Sie werden deine Liebe zur Religion mit einem neuen, dir fremdartigen, verfalschten Stoffe schuren! Sie werden dich in ihre Bahnen reissen, die Bahnen der Zerstorung, des Kampfes, der Auflehnung gegen Gesetz und Obrigkeit, des Kampfes gegen das theuere Vaterland! ... Priesterberuf! Die Kirche! Rom! Das werden die Formeln werden, die deine Ueberzeugungen binden, deinen Willen gefangen nehmen Bona! Der junge Priester zuckte die Achseln und deutete auf den Brief ... Du musst folgen! sagte der Dechant endlich wie tonlos. Sicut cadaver estote! Ihr sollt sein wie die Leichname! ... Lebe wohl Beide gingen ... sie gingen erst noch zusammen. Der Dechant nahm schon jetzt Abschied von dem jungen Priester, den, wenn er wahr sein wollte, der Ruf des Kirchenfursten in die ausserordentlichste Aufregung versetzte, ja bis zur Begeisterung erhob. Um den Greis zu trosten, sagte er: Fiat lux in perpetuis! Wie? blickte der Dechant auf und sah ihn auf dies Wort betroffen an. Es war die Losung der aus Italien gekommenen Aufforderung ... Doch ruhig und harmlos hielt Bonaventura des Greises Frage aus. Der Dechant sah, dass diese Worte nur durch einen Zufall gesprochen wurden. Am Hause unten trennten sie sich ...

Herrn Maria fesselten Windhack und das Fruhstuck ...

Den Dechanten hielt eine Weile noch der nun angekommene froh scherzende und grussende Napoleone Biancchi auf. Catone trug ein Bret voll Gipsabgusse, frisch gefullt, und unter den Heiligen stand ein Apollino, stand der Knabe mit dem Schwan, stand Dannecker's Ariadne ... Alle Jahre brachte Napoleone dem Dechanten irgendetwas, was seinen Geldbeutel in Contribution setzte und Frau von Gulpen fur die Unterbringung in den schon uberfullten Raumlichkeiten neue Sorgen machte ...

Der Dechant beschied den alten Bekannten, gezwungen freundlich, auf den Nachmittag und wandte sich zum Dome von St.-Zeno, wahrend Bonaventura auf dem Wege zu dem Weinberg des Obersten bereits hinter den Baumen verschwunden war.

11.

Inzwischen war Lucinde nicht mussig gewesen.

Eine Weile hatte es gedauert, dass das Billet der Frau von Gulpen sie so niederschmetterte, wie vor Jahren einst der Tod Serlo's an jenem Abend, als sie in ihm den einzigen Menschen zu finden hoffte, der fur sie noch auf der Welt trostend leben konnte.

Eine Weile hatte sie sich gesagt:

Du gehorst denn also wirklich zu den Unglucklichen, die keine Ruhe im Leben finden werden! Zu den Gezeichneten, vor denen alles flieht! Zu denen, die gehasst werden, wo sie lieben, falsch erscheinen, wo sie voll Vertrauen sich hingeben! Zu den Unglucklichen, vor denen die Mutter ihre Kinder wegziehen, weil sie glauben, schon ihre freundliche Anrede thate ihnen Leids, ihr Auge schon hatte den bosen Blick, der Verderben bringt! Zu den Unglucklichen, die, was sie auch im Leben beginnen, nie und keinem etwas recht machen konnen, immer eine andere Absicht haben sollen, als sie aussprechen oder zeigen, ... ach und denen die Natur selbst schon, grausam genug, wirklich auch die Hand des Ungeschicks gegeben hat, die alles fallen lasst, was sie angreifen, alles nur noch mehr verwirrt, was sie losen mochten!

Sie kampfte zwischen zwei Rathgebern und Beistanden jetzt ... Bonaventura oder Beda Hunnius ...

Jener war gestern, auch vorgestern, so freundlich und so gut gewesen ... Ihr einziges Lebensziel, in dieses Priesters Nahe und Vertrauen, im Abglanz seines Lichts zu leben, und war' es als Magd ... es war ihr wieder in so unmittelbare Nahe geruckt ... Und doch auch e r ! Wie ablehnend war bei alledem diese seine Freundlichkeit, wie kalt seine Hoflichkeit! Es schien ihr so seltsam, dass auch Bonaventura sich vor ihr furchten konnte, furchten als Verfuhrerin zum Bruch seiner Gelubde! Bitter sagte sie sich: Dass doch diese Manner ewig nur dies Eine in uns finden konnen ! Nur dies Eine ! Nie und nirgends etwas Anderes!

Nach einigen Stunden der Verzweiflung, des Zornes, der Hoffnung auf einen versohnlichen Schritt vielleicht von Seiten des Dechanten oder von Seiten Bonaventura's, entschloss sie sich da sie Bonaventura und den Dechanten nun auch noch das Haus verlassen sahe und nichts kam, sie zu befreien von ihrem Jammer, von ihrer Demuthigung, die Hulfe Beda Hunnius' in Anspruch zu nehmen.

Ihr Zimmer zu verlassen wagte sie nicht aus Scham, etwa Benno oder Hedemann zu begegnen, jeder Stein schien sie zu verhohnen jedes Baumblatt schien ihr ein sie verletzendes Mitleid mit ihr zu haben.

Sie wollte an Hunnius schreiben ... Gerathschaften dazu gab es in ihrem Koffer ... Sie offnete und legte alles Nothige heraus ...

Als sie geschrieben, hatte sie zwei Gelegenheiten, deren sie sich zur Abgabe des Briefes bedienen konnte ...

Die eine war Napoleons Biancchi, der sich vom Dechanten nicht ganz hatte abweisen lassen, sondern die Treppe hinaufstieg und nach Signora Schwarz fragte ...

Auch das musste Frau von Gulpen horen und sehen!

Der Ankauf schon einer Kunstsammlung im Hause! sagte sie, als sie den Italiener an die Thur verwies, wo man den Moses Michel Angelo's hatte kaufen wollen.

Lucinde begrusste den Italiener gefasst, lehnte den Ankauf nicht ab, gab fur die Statue, was Napoleone verlangte.

Sie liess dann Porzia grussen. Sie erfuhr, dass Hedemann seiner Tochter gestern ganz den Dienst erwiesen hatte, den sie vorausgesetzt.

Auf ihren Gluckwunsch zur "schonen Mullerin von Witoborn" machte Napoleons eines der charakteristischen Zeichen, mit denen der Italiener dreierlei Gedanken zu gleicher Zeit ausdrucken kann, sagte aber doch:

Herr Hedemann wollte von Ihnen italienisch lernen!

Bitter lachelnd uber die Zerstorung aller dieser schonen, so traulich gewesenen Hoffnungen, uberlegte sie, ob sie ihren Brief fur die Stadtpfarrei durch Napoleone besorgen lassen sollte.

Dabei fiel aber ihr Blick vom Fenster aus auf einen andern Ankommling, der in den Wegen des Parkes sichtbar wurde, eine hohe, kraftige weibliche Gestalt, die unverkennbar die Judin von gestern war. Sie trug auf dem einen Arm ein Kind, auf dem andern einen grossen verdeckten Korb.

Rufen Sie mir jene Frau mit dem Korb und dem Kinde herauf! sagte sie zu dem Italiener, der sich entfernend der aus ihrem Erstaunen nicht mehr herauskommenden und wie auf Wachtposten befindlichen Frau von Gulpen in der That die Mittheilung machen konnte, dass Lucinde ihm einen seiner werthvollsten Abgusse abgekauft hatte.

Sinnend stand Lucinde vor dem Gesetzgeber der Juden, dessen kolossale und markige Formen eher einem Hercules angehorten, wenn man nicht an den Propheter des "starken und eifrigen" Gottes denken wollte ...

Ist doch nicht jeder Priester nur ein Schatten! sagte sie sich. Nicht jeder nur ein kalter todter Begriff! Nicht jeder nur die Drohne im Bienenstock! Nicht jeder nur ein Mann in langem Frauengewande!

Es passte auf Moses und auf Beda Hunnius ...

Sie hatte den Brief noch einmal uberlesen. Sie schilderte dem neuen Freunde ihr Misgeschick in der Dechanei und bat um seinen Beistand ...

Als sie gesiegelt, klopfte es ...

Die Hasen-Jette trat ein ...

Auch ihr hatte Frau von Gulpen mit den Worten den Weg zur Mansardenstube gewiesen:

Ich sehe, dort oben bekommt noch heute die ganze Stadt Audienz!

Frau Henriette Lippschutz trat in gewahlterer und minder phantastischer Kleidung ein, als sie diese Nacht getragen hatte. Am rechten Arme hielt sie einen machtigen Korb voll frischgeschossenen wilden Geflugels, das auf einer Unterlage von zusammengerollten und gleichfalls verkauflichen groben Scheuertuchern, Zwirngebinden, Bandrollen, Schwefelfaden, Feuerzeugen und dergleichen ruhte; auf der Linken trug sie einen Knaben von mindestens schon zwolf bis dreizehn Jahren.

Tragen Sie einen so grossen Jungen noch auf dem Arme? fragte Lucinde.

Mein Davidchen! antwortete die Judin. Das Kind ist so schwach auf die Beine! Und weil die Tante Ley nun gestorben ist, furchtet sich das Kind zu Hause! Wir wohnen gerade gegenuber dem Ungluck! Komm, Davidchen, ich setze dich auf das schone Sopha da! Das Fraulein erlaubt es! Womit kann ich dienen?

Lucinde nahm Kleider und Wasche vom Sopha fort. Aber der schon so grosse Knabe protestirte mit langgezogenem, weinerlichem Tone und hielt sich fest am Halse seiner Mutter.

Furchtest dich doch nicht, Davidchen? Eine so schone Dame! Hande wie Seide! Komm, Davidchen! Lass dich sitzen!

Nein! war die Antwort, weinerlich langgezogen und entschieden.

Und voll unendlichster Milde und Nachgiebigkeit sagte die grosse Frau:

Willst du nicht, Davidchen? Nun, so gib dich nur! Ich will den Korb niederstellen! Womit kann ich dienen, Fraulein?

Dabei hielt die Frau unverwandt den schweren Knaben.

Ich hatte gern einen Brief von Ihnen in die Stadt besorgt sagte Lucinde ...

Die Frau nahm den Brief; aber David sagte:

Ich ich will ihn haben!

Willst ihn haben, mein Sohn? sagte die schwachste aller Mutter. Er kann nichts sehen Geschriebenes, er will's haben! Gelt, David, du gibst einen Gelehrten?

So schmeichelte sie dem David, nur damit er nicht den Brief zu tragen begehrte. Die kluge Frau sah wohl, dass das Fraulein nicht den Brief offen getragen wunschte.

Zum Gluck war David eitel und wollte noch grundlicher seine Kenntnisse leuchten lassen.

Er zeigte auf den Korb und sagte:

Achetez quelque chose Mademoiselle! Nous avons des jolis objets a vendre!

Was hat er gesagt? Was hat er gesagt? rief die entzuckte Mutter.

Lucinde ubersetzte es und ruhmte aufrichtig des Knaben Genie.

Der Onkel lasst ihn lernen alles zu Hause durch Maitres! Das Kind ist so klug! Aber es kann nicht gehen in die Schule! Gleich ist es mude, wenn es ist gegangen eine halbe Stunde es ist so schwach auf die Beine!

Also David k a n n gehen! sagte Lucinde voll Entrustung uber den grossen Jungen, der sich tragen liess ...

Er studirt soviel! wiederholte die gute Mutter.

Aber wieder wollte David den Brief haben und die Adresse lesen.

Er bekam ihn auch und ubersetzte die Adresse gleich ins Franzosische ...

Das Kind! sagte Frau Lippschutz. Nicht wahr, Fraulein, der Brief ist auf die Post?

Auf die Post? wiederholte Lucinde. Sagt' ich's denn noch nicht? Nein, liebe Frau! (Sie gab ihr ein Geldstuck.) Bringen Sie den Brief in die Stadtpfarrei

Wohin? fiel die Frau mit einer sich verdusternden Miene ein.

Zu Herrn Hunnius!

Hunnius ? sagte die Judin und wahrend sie immer mehr in Verlegenheit gerieth, betrachtete David das der Mutter sogleich aus der Hand genommene Geldstuck.

Ein Frederic d'argent! sagte er.

Was hat er gesagt?

Ich hatte Ihnen einen silbernen Friedrichsdor gegeben!

Ein Viergroschenstuck ein silberner Friedrichsdor!

Doch erhob sich die Freude der Mutter nicht mehr zu dem fruhern strahlenden Glanze uber die Kenntnisse und den Witz ihres Kindes, sie zogerte und nahm Anstand, das Billet in die Stadtpfarrei selbst zu tragen ...

Fraulein! sagte sie. Ich muss Ihnen etwas sagen! Ich will schicken eines von den Kindern der armen Frau Ley! Es will auch kommen ein Herr, der Treudchen Ley mochte mitnehmen in die Stadt und will sich erkundigen nach ihr beim Herrn Stadtpfarrer! Ein Kind wie eine Prinzessin! Dabei die Arbeitsamkeit selbst!

Warum wollen Sie denn nicht selber gehen?

Ich kann nicht gehen in die Klostergasse

Liegt dort die Stadtpfarrei?

Ich kann nicht gehen uber die Schwelle der Stadtpfarrei

Sind Sie so rechtglaubig?

Die Judin lehnte diese Auslegung ab

Auch die Dechanei ist die Wohnung eines christlichen Geistlichen ... sagte Lucinde.

Die Judin sah sich um, mit einer Miene, die offenbar so viel sagen wollte als: Hier, in diesem toleranten Hause empfind' ich nicht das, was mich in der Stadtpfarrei storen wurde ...

Dabei fiel ihr Auge, das sie unverwandt nur auf ihren David gerichtet gehabt hatte, jetzt erst auf das ansehnliche Gipsbild, das Lucinde auf eine Kommode gestellt.

Gott! rief sie plotzlich. Wer ist der Mann?

Hercules, der Gott der Starke! sagte David ...

Nein warf in steigender Aufregung seine Mutter ein

Es ist Moses, euer Gesetzgeber! berichtigte Lucinde.

Hatte mir eins gesagt: Henriette, es ist dein Onkel, der Doctor Leo Perl ich wurde gesagt haben: Der Kopf! Der Blick! Das Auge, ja! Gott im Himmel, es war ein Mann man hatte geglaubt, er zerschmeisst die Welt und muss sich taufen! Tauft sich in der Stadtpfarrei! Hier in Kocher vor seiner ganzen Familie! Es war meiner Mutter Bruder! Und der Mann, gewesen wie ein Lowe, ist zusammengegangen wie ein Kind, wie wenn ich sagen wollte, der Moses da auf der Kommode geht zusammen wie hier mein David auf dem Arm!

In diese lebhafte Anschauung einer Phantasie, die auch das kleine Gipsbild gleich nur im vollen Bilde des Propheten sah, den es bedeutete, wiederholte mehrmals David mit kritischer Scharfe:

Warum sitzt Moses?

Die Mutter, die wieder leicht im Stande gewesen ware, zu erwidern: Auch er war schwach auf die Beine! hatte vor Trubheit ihrer Erinnerungen keinen Ausdruck der Bewunderung mehr uber diese Frage, die schon Winckelmann beschaftigt hat, sondern hob den Korb in die Hohe, bat Lucinden, ihr die Thur zu offnen und versprach, das Billet so punktlich besorgen zu lassen, als wenn sie es dem Stadtpfarrer selbst uberbracht hatte.

Lucinde entsann sich aus des Dechanten gestriger Erzahlung, dass Leo Perl von ihm sein Freund genannt worden war und sogar der Geistliche gewesen sein sollte, der Bonaventura getauft hatte.

Es vergingen ihr jetzt zwei der peinlichsten Stunden ihres Lebens.

Ungeduldig schritt sie auf und nieder, las eine Weile, schrieb, schloss und offnete das Fenster, sah bald nach dem kleinsten Gerausch, bald verschmahte sie es, dies nach einem grossern zu thun ...

Wagen rollten an und ab ... Aus der Ferne horte sie die militarischen Uebungen Trommeln und Schiessen ... Sie las in Serlo's Erinnerungen in Hunnius' Saronsrosen sie schrieb an Joseph Niggl ... an den Vorsteher des orthopadischen Instituts ... sie wusste noch nicht, ob sie dorthin zuruckkehren sollte ... Sie zeichnete sich mit der Feder auf ein leeres Blatt Papier als Pilgerin mit dem Muschelhut und dem Wanderstabe sie dachte allen Ernstes daran, vielleicht so hinauszuwandern in die weite Welt und die zu argern, die fur ihre katholische Wiedergeburt so wenig Anerkennung hatten ... Sie sagte sich: An der Schwelle der Peterskirche will ich sterben!

Die Hoffnung, dass plotzlich Bonaventura eintrat oder der Dechant oder Benno oder irgendwer, der eine Vermittelung versuchte, erfullte sich nicht.

Gegen Mittag erschien Windhack und bot ihr zu essen.

Er wollte ihr, was sie nur begehrte, auf ihr Zimmer bringen ...

Sie schuttelte den Kopf und wandte ihm den Rukken ...

Im Spiegel sah sie, dass sich der Alte zu verwundern schien uber die gemuthliche und noch so wohnliche Ordnung des Zimmers, die keine Spur einer Zurustung zur Abreise trug.

Das Gipsbild wird halt ein bissel schwer zu verpacken sein! sagte er, mit Erwartung, was auf diese ironische Andeutung erwidert wurde.

Statt aller Antwort trat Lucinde an die Kommode, fuhr einfach mit der Hand uber sie hinweg und warf die Figur hinunter, sodass sie in hundert Scherben im Zimmer lag.

Windhack schien sein Gefallen an dieser Kraftausserung zu haben ... Lachelnd sagte er:

Wenn Ihnen das Zimmer zu dumpf ist, Fraulein, und Sie frische Luft schopfen wollen, hier geht gleich die Treppe zu meiner Sternwarte hinauf!

Lucinde sah nicht hin, dankte aber mit einer stummen Kopfverbeugung.

Der Dechant druckt Ihnen sein Bedauern aus! Er hat es eben erst jetzt nach seinem Ausgang erfahren! Er lasst Sie fragen, ob Sie noch etwas zu wunschen hatten?

Lucinde schuttelte den Kopf.

Herr von Asselyn, der Pfarrer, ist schon nach St.-Wolfgang zuruck ...

Lucinde hielt mit beiden Handen krampfhaft das Bret am Fenster fest und sah zitternd in den Park und gen Himmel.

Ein Bote hat ihn nach der Residenz des Kirchenfursten berufen ... Man sagt, er wird dort in eine offene Stelle an den Dom kommen ...

Sie lachelte bitter. Ihre Gedanken sprachen:

Empor zu Paula's Prophezeiung!

Fraulein! naherte sich Windhack vertraulicher ...

Sie erwarten einen Brief? sagte er.

Nun wandte sich Lucinde ...

Frau von Gulpen, flusterte er, lasst niemanden mehr zu Ihnen! Hier den Brief da ... den hab' ich halt dem Treudchen Ley abgenommen ... aber heimlich ... Sie wollte Ihnen fur Ihre Theilnahme danken, sagte sie. Ich merkte gleich etwas. Frau von Gulpen meinte, des Nachts ware noch keine ihrer Nichten so aus dem Hause gelaufen und wenn noch soviel Menschen in der Stadt im Sterben gelegen hatten ... Sie wurden abreisen! sagte sie. Und wahrend mir das arme Kind dann vom Begrabniss der Mutter erzahlte und von einem prachtigen Dienst, den sie bekommen soll, liess ich mir heimlich von ihr halt den Brief zustecken ...

Dann sich umsehend, wie wenn Frau von Gulpen an der Thur lauschen konnte, gab ihr Windhack das Billet.

Er entfernte sich, um dem Verdacht zu entgehen, als wenn auch er sich "mit der Person auf Gesprachen betreffen liesse".

Es war die Antwort des Stadtpfarrers.

Lucinde erbrach und las:

"Meine Hochverehrteste! Ich bin aufs tiefschmerzlichste beruhrt von der Ihnen widerfahrenen Behandlung! Kaum eine Freundschaft gewonnen, wie die Ihrige, und schon die personliche Nahe preisgeben mussen! Aber zu erwarten war dieses schnelle Ende! Ihr Geist, Ihr Feuer, Ihre Bekenntnisstreue und die Dechanei!" ...

Sie nickte, jetzt ganz ubereinstimmend.

"Hier an Ort und Stelle!" fuhr sie zu lesen fort, "wusst' ich im Augenblick leider keine Gelegenheit, Sie zu fesseln! Ohnehin ist vor Ihnen als vor einer Emissarin gewarnt worden! Auch meines Bleibens ist hier ja wol schwerlich noch allzu lange! An dem Dom in der Residenz des Kirchenfursten ist eine Stelle offen, fur welche ich gegrundete Aussicht habe, dass ich durch den Ihnen bekannt gewordenen Freund und Briefsteller designirt bin ..."

Lucinde unterbrach sich mit einem bittern Lacheln, als wollte sie sagen:

Du armer Thor! Diese Stelle ist schon fur Bonaventura von Asselyn bestimmt und wird die Staffel werden zu seinem kunftigen Bischofssitz!

Und nun schon im Uebermass ihrer Eifersucht und Liebe zerstreut durch den Gedanken, die alte Renate in St.-Wolfgang packen und aufbrechen und mitreisen, auch durch die Furcht, jetzt wol gar Klingsohrn und Bonaventura zusammentreffen zu sehen fuhr sie fort:

"Eine Anknupfung ist vielleicht fur Sie durch einen Mann moglich, den ich stundlich von der Residenz des Kirchenfursten erwarte, einen vielvermogenden Herrn Schnuphase. Er hat, wie er hieher geschrieben, den Auftrag, fur ein vornehmes, uberaus reiches und einflussreiches Haus daselbst eine Gesellschafterin zu suchen, die gewisser Conflicte wegen mit besonderer Vorsicht gewahlt werden muss ..."

Lucinde las diese Stelle noch einmal ...

Der plotzliche Gedanke, in die Nahe Bonaventura's und Klingsohr's verpflanzt werden zu konnen, liess sie vor Aufregung den ubrigen Inhalt dann fast nur noch uberfliegen ...

"Das erste christliche Handelshaus daselbst ist das Piter Kattendyk'sche, und wenn Sie vielleicht geneigt waren, bei Frau Commerzienrathin Walpurgis Kattendyk "

"P o s t s c r i p t u m . Soeben kommt Herr Schnuphase bei mir vorgefahren! Der Vorschlag ist gemacht, erwogen, a n g e n o m m e n ! Sie konnen, wenn Sie wollen, Herrn Schnuphase sofort begleiten und noch heute mit ihm in die Residenz des Kirchenfursten reisen, wo Sie nach dem, was ich von Ihnen erzahlt habe, im Kattendyk'schen Hause zu einer der glanzendsten Stellungen mit offenen Armen werden aufgenommen werden!"

Lucinde musste jetzt vor Aufregung, Gluckseligkeit und dem triumphirenden Gefuhl der Genugthuung und doch wieder auch vor Furcht, alles das und was mehr, als die Hoffnung, in Bonaventura's Nahe weilen zu durfen! konne doch wieder scheitern, den Brief eine Weile aus der Hand legen.

Dann aber las sie den Schluss:

"Sie konnen sich aber auch, wenn Sie vielleicht und zu meiner hochsten Freude noch einige Tage hier im 'Riesen' wohnen bleiben wollen, einer spatern Gelegenheit bedienen! Derselbe vortrefflichste Herr Schnuphase kehrt in einigen Tagen wieder zuruck, um vielleicht dann die ihm von mir empfohlene bedauernswerthe Waise, Gertrud Ley, abzuholen, die er in einer nicht minder respectabeln Stellung unterzubringen hofft, wie er sagt, bei einer verwitweten Frau Hauptmannin von Buschbeck ..."

Das Papier entfiel Lucindens Handen.

Wie? rief sie laut vor sich hin und nahm den Brief wieder auf und las die Worte noch einmal.

Es war der wirkliche Name, wirklich war es Treudchen Ley, die diese ihr so wohlbekannte Stellung antreten sollte ...

"Das Madchen", las sie zitternd weiter, "niedergebeugt von ihrem Verlust, uberbringt Ihnen diese Zeilen selbst, zugleich auch, um ihre Freude auszudrukken, mit Ihnen vielleicht gemeinschaftlich die Reise machen zu konnen. Ware nicht das Begrabniss ihrer Mutter noch abzuwarten, sie ginge schon heute."

Zur Hauptmannin von Buschbeck? ... Die noch lebt? ... In der Residenz des Kirchenfursten lebt? ... Die Schwester meiner zweiten Peinigerin? ... Hat diese wol schon den Namen ihrer Herrschaft von Treudchen Ley vernommen? ... Ist sie wol gar verbundet mit dieser Schwester, die jetzt von Frommen protegirt wird, sie, der zufolge nicht Gott, sondern Satan die Welt regiert? ...

So schossen ihre Gedanken dahin ...

Lucinde konnte sich nicht denken, dass die gemeinte Frau Hauptmannin von Buschbeck die ihrige war.

Dennoch uberflog sie nur noch kurz die fast zartlichen Schlussversicherungen der Hochachtung und Ergebenheit, mit denen Beda Hunnius seinen Brief geschlossen hatte, warf ihren Shawl um, setzte den Hut auf und eilte die Stiege hinunter, um, unbemerkt uber das, was sie im Hause etwa aufhalten, etwa anstaunen, etwa anreden konnte, hinuber in die Stadt zu eilen, wo sie im Uebermass ihrer neuen und glucklichsten Hoffnungen in der Pfarrei erwartete, entweder Aufklarungen zu vernehmen oder, wenn ein ihr lieb gewordenes junges Madchen in Gefahren gerathen sollte, die sie kannte, deren die vorsorglichsten dann selbst zu geben.

Ihr Herz war vielleicht nicht mehr gut, aber auch noch nicht bose ...

Sie war das, was ein starker Bildner, aus ihr hatte formen konnen.

12.

Benno aber, Hedemann, Thiebold de Jonge ... wo weilen die, die uns hoffentlich ein wenig lieb geworden sind oder die es mit der Zeit vielleicht noch zu werden hoffen?

Ihrer habhaft zu werden ist nicht moglich.

Wol aber tauchen sie mit dem, was uns an ihnen vielleicht interessirt, bei einem ersten Blicke auf, den wir noch zuletzt acht Tage mogen freilich verstrichen sein auf die vielgeruhmte Residenz des Kirchenfursten selbst werfen wollen.

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Da liegt sie denn also vor uns! ... Eine konigliche Stadt! ... Die gewaltige Jungfrau, die bei festlichen Gelegenheiten, gemalt oder aus Gips und Draperieen geformt, den Genius derselben vorstellt, ziert mit Recht die majestatische Mauerkrone! ...

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Kein gebietender Herrscherwille schuf dies Chaos von Thurmen, Kirchen, Kapellen, Klostern, Giebeldachern, Rath- und Kaufhausern, Waarenhallen, Hafenspeichern, Schiffsmasten, jetzt auch von dampfenden und funkenspruhenden Feuerschloten!

Was da im Abendgluhen von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne des ersten Septembertags erleuchtet und von der matten Scheibe ihres Stellvertreters an der Wachterzinne des Himmels sanft blaulich schon angedammert vor uns liegt, schuf sich im Laufe zweier Jahrtausende durch die Umstande selbst!

Hier stiess der Romer seine Lanze in den Boden und baute statt windbewegter Zelte Castelle, wie uralte Cyklopenarbeit ... Hier stampften die Rosse Karl's des Grossen, wenn sie rasteten vom Marsch aus den Thalern von Roncesvall und entgegenschnaubten den Wittekindsschlachten auf jenseitigem Ufer ... Hier fing sich, Schiffssegel blahend und den Handel der Welt belebend, Nordsturm, vom eisigen Island brausend, Ostwind, der aus der Levante wehte und den Weg an den Ufern Spaniens, Frankreichs und Hollands entlang die Waaren nehmen liess, die sonst uber Venedig kommend nur Augsburg und Frankfurt bereichert hatten ... Hier drangte und trieb und stiess die Zeit die Zeit, die Sitte die Sitte, die Meinung die Meinung ... Was ubrig geblieben von Zeit und Sitte und Meinung, das erganzt die Ordnung und Civilisation der Gegenwart ... ja sie erganzt sogar die Ruinen und baut das mit kunstlichem Glauben aus, was der naturliche unvollendet liess.

Es ist neun Uhr Abends ...

Noch einmal schlagen all diese Kirchthurmglocken zusammen, wie wetteifernd mit den Trommeln in den Kasernen, mit dem Signalhorn vor den Wachthausern! Es ist die Stunde, wo die Muden zur Ruhe gehen sollten eine arbeitende, fleissige und gewinnsuchtige Stadt wird fruher mude als eine Stadt nur des Luxus und Genusses ...

Und doch gibt auch diese sinnlichbewegte und lebenssichere Stadt nicht nach ... noch wogen die Menschent auf und ab ... noch lustwandeln sie auf der die Ufer des grossen Stromes verbindenden grossen Schiffbrucke, die wie von Fischbein sich biegt unter jedem Ross und Wagen ... noch stehen Liebende in traumerischem Plaudern uber die Brustung gelehnt und sprechen von zukunftigem Gluck, das nur zu oft dem Golde gleicht, das eben der Mond auf den Fluten schwimmen lasst ... in den Schenken kampft die Rebe und der Saft der Gerste um den Sieg ... das christliche Opium, die Cigarre, secundirt beiden Parteien, bis die Kampfer vorlaufig auf beiden Seiten unterliegen ...

Hat sich denn, du alte Romerstadt, endlich im Zechen und Reden und Singen dein deutsches Gemuth genug gethan? Hat es sich endlich ausdebattirt und auspolitisirt? Sattgetrunken an ungegorenem Zeitungsmost und zu Essig gewordenen oder schon mit Schimmel bestandenen alten Gemeinplatzen? Hat ausgeklingelt und ausgeklungelt die Schellenkappe? Verdampfen die lebendigen Rauchmaschinen in den Strassen und erklingen endlich nur noch die letzten guten oder schlechten Geckenwitze? Eine Gute Nacht! huben und druben ... Alles endlich still, falls nicht noch irgendwo ein Mitglied der mehreren hochberuhmten Gesangvereine der Stadt ein Tenorsolo probirt bei offenem Fenster ... die musikliebende Stadt ist stolz auf ihre Leistungen im Quartett; niemand, ausser vielleicht einer Katze, wird den Sanger parodiren.

Halten wir aber am sogenannten Heiligenputz still, uberschreiten links den Aschenkotter, lassen rechts den Treckkamp liegen und bleiben wir endlich vor einem mit zwei hellen Gaslaternen geschmuckten, jungst erst mit graugruner Oelfarbe bestrichenen stattlichen Gebaude ...

Das untere Stockwerk ist mit Eisengittern geschutzt.

Steinerne Kegel, die mit Ketten verbunden sind, halten das profanum vulgus, das ohne Wechsel oder Anweisung nur etwa aus purer Neugier in die Comptoire blicken konnte, zuruck ...

Irgendein Schild, irgendeine Firma ist nicht ersichtlich ...

Wer hier die blitzende Messingklingel zieht, weiss, dass in diesem machtigen Hause mit seinen weit hinaus sich erstreckenden Hintergebauden, die alle auf den Heiligenputz, den Aschenkotter und den Trekkkamp noch ihre eigenen Thorwege hinaus haben, das erste "christliche" Geschaft der Stadt, die Firma "Kattendyk und Sohne" waltet.

Oeffnet man uns dann, so steckt ein Portier den Kopf aus einem Kellerfenster des Thorwegs ...

Man kennt uns? Passirt! Wir finden uns zurecht ...

Ein Glasverschlag trennt das Treppenhaus von der Region der untern Stockwerke; unten waltet nur das Geschaft ...

Man lasst die mit Blech belegten Eichenthuren und mit Eisenstangen verschlossenen untern Comptoire liegen und steigt erst drei kleine Stufen hoher ...

Hier wieder eine Klingel. Die Glasthur offnet sich. Jetzt erst schreitet man auf Teppichen in den ersten Stock hinauf ...

Gewiss ist es ein behagliches Gefuhl, sich Abends gegen zehn Uhr in einem Haufen todter Steine, wahrend ringsum alles schon zu schlummern scheint, einen kleinen stillen Winkel denken zu konnen, wo im Winter und selbst in den ersten Herbsttagen schon die Flamme des Kamins noch nicht erloschen ist, ein gelblicher Schein von der durch einen bunten Schirm gedampften Glaskugel der Lampe die Teppiche auf dem Fussboden und auf dem Tische erhellt, einen Winkel, wo noch ein kleiner Kreis von Menschen sich um ein Piano versammelt hat oder um ein Buch, das vorgelesen wird, oder um einen geistvollen Redner oder eine gemuthvolle Frau, die jeden heiter anzuregen versteht. Einem Einzigen, Unverbesserlichen vielleicht ist gegen zehn Uhr von der Hausfrau noch gestattet worden, dicht am Kaminrande mit Discretion eine Cigarre zu rauchen; zwei junge Damen schneiden eine Zeichnung aus; einige junge Herren sind uber eine neue Oper in Streit gerathen; gelost wird der Kampf von einem nicht fehlenden, den Abend beschliessenden kleinen Stegreif-Souper. Geht man dann gegen elf Uhr von dannen, so tragt jedes mit sich hinaus das Gefuhl, das uns zuweilen wol noch erstens in eine geoffnete Restauration ziehen kann, um auf magenverderbende Majonaisen ein gutes Beefsteak und ein Seidel Bier zu setzen, aber auch zweitens jenes Gefuhl, dass wir denn doch im Grunde ein Dasein leben, unabhangig von Holz und Stein und Stundenschlag und Nachtwachterhorn, und dass wir mit schonen Seelen noch schon empfinden konnen und unsere Leidenschaften zugeln oder anstandig verbergen und aufgehen konnen in einer schonen harmonischen Weltordnung, aus der wir uns nur langsam zuruckfinden in diese "schnode Welt" vielleicht erst durch die Mahnung eines vergessenen Hausschlussels.

Bis elf Uhr mag diese behagliche Erinnerung im allgemeinen auch auf eine Gesellschaft gepasst haben, an der wir diesmal im ersten Stock des Kattendykschen Hauses vorubergehen. Um diese Zeit sassen bei Frau Commerzienrathin Walpurgis Kattendyk gewiss noch ihre Tochter, die verheiratheten und die unverheiratheten, zusammen, ihre Schwiegersohne, der beruhmte Procurator Dominicus Nuck, Benno's Principal, der "Vordenker" und Agitator der Lande huben und druben, soweit zu Gott in lateinischer Zunge gebetet wird, vielleicht auch noch ein anderer Procurator, der Procurafuhrer des Hauses, Ernst Delring, der zweite Schwiegersohn; vielleicht auch der Beichtvater der Commerzienrathin, Domherr Martinus Taube; auch ihr Rathgeber in leiblichen Angelegenheiten, Medicinalrath Goldfinger; vielleicht sogar, da die nahe gelegene, bedenklich bedrohte Universitat Ferien hat, dessen Sohn, der Professor extraordinarius Guido Goldfinger, der um die jungste Tochter des Hauses freit; auf alle Falle fehlt der dritte und sogar lustige Rathgeber des Hauses, Ignaz Potzl nicht, ein ehemaliger Schauspieler und Sanger, der das Gnadenbrot im Hause mit Anekdoten und stillertragenem Gehanseltwerden lohnt ... und was sich sonst an Parasiten und Hausfreunden und allerlei menschlichen Schooshundchen um eine reiche, anregungsbedurftige Kaufmannsfrau, die unter der Last, sich und andern wohlzuthun, oft zusammenbricht, taglich zu versammeln pflegte ... auch eine neue Mehrung der Gesellschaft fehlte ohne Zweifel nicht Lucinde Schwarz.

Belauschen wir heute keinen der hier ausgestossenen Seufzer uber die Zeit, die neuen pariser Moden und die Leiden der Kirche, keine Klagen uber den Aufschwung der judischen Hauser, keine Vermuthungen uber die Besetzung des erledigten Domvicariats, keine Bewunderung vor einem neuen Zeitungsartikel oder einer neuen Selbstdemuthigung des Pater Sebastus, auch keine stille Vergleichung der glanzenden Berichte Jean Baptist Maria Schnuphase's uber die seit einigen Tagen aus Kocher am Fall angekommene neue Gesellschafterin mit ihrem wirklichen Benehmen ... ihrer so sittsamen, fast stummen Haltung, ihrem taglich zweimaligen Kirchgang und einem so tief, tief demuthsvoll niedergeschlagenen Blick, dass man schon anfangt, uber eine so unerwartete Einfachheit und fast zu weit gehende Anspruchslosigkeit einer doch ausserlich so auffallenden und uberraschend schonen Erscheinung staunend den Kopf zu schutteln ...

Steigen wir einen Stock hoher ...

Im zweiten Stock wohnen der Procurafuhrer Ernst Delring und seine Gattin Hendrika geborene Kattendyk; nach hinten hinaus aber Piter Kattendyk, ihr Bruder, der einzige Sohn der verwitweten Frau Commerzienrathin.

Piter hat nach hinten auch noch den ersten Stock in Beschlag ... beide waren durch eine niedliche Wendeltreppe verbunden ...

Wir finden auch bei Herrn Delring schon alles dunkel.

Dagegen sind bei Piter noch der erste Stock, der zweite und die Wendeltreppe prachtig erleuchtet.

Piter Kattendyk hatte einen seiner glucklichsten Momente ...

Umgeben ist er nicht nur von seinen "guten", sondern heute sogar von seinen "besten" Freunden und sie zechen und sie schmausen und sie jubeln ganz im ublichen Tone der alten frommen Romerstadt.

Die Bowle steht auf dem Tisch, die kunstvoll geschliffene, rosenrothe Krystallbowle ...

Sie ist gefullt mit einem nach allen trinkwissenschaftlichen Gesetzen der Vereinigten Staaten Nordamerikas gebrauten Sherry-Punsch ...

An den drei vor Cigarrendampf etwas matt brennenden Glaskugeln, an den Anekdoten, deren zwei Drittheile aus dem "Humoristen in der Westentasche" entlehnt sind, an der Fulle von bei alledem wiehernd belachten "Witzen", an gewissen Thatsachen, die man vorher immer als etwas "auf Ehre zu Verburgendes" und mit einem Schnedderedeng der glaubwurdigsten Versicherung Anzupreisendes verkundigte und nachher dann doch allen noch so touchirenden Zweifeln preisgab, merkt man, dass man sich hier unter den Junglingen mit den malerischsten Barten und den halbgelosten bunten Halsbinden unter der kaufmannischen Aristokratie der Stadt befand ... Alle fuhren sie Namen, vor denen Tausende ihrer Mitburger selbst im Traume den Hut abziehen.

Wie hangt auch hier alles am Wink ihrer Augen! Zwar trennt eine grosse Glasthur diese hochst respectabeln jungen Herren der Schopfung von einem im Vorgemach eingeschlummerten Diener in Livree; die alte Kathrine jedoch unten in der Kuche der Mutter wacht noch, hat sie auch sowol einer heute erst neu zugezogenen Kammerjungfer der Frau Hendrika Delring wie dem Kutscher und dem ersten Hausknecht gesagt:

Na, ich denke wol, um ein Uhr kann ich zur Ruhe gehen! Der junge Herr Thiebold de Jonge sind zugegen! Da blasen sie blos Trompete! Zur Trompete brauchen sie blos manchmal ein bischen mehr Arak und die Arakflasche hat Herr Piter immer selbst zur Hand!

Thiebold de Jonge war erst gestern von seinem kurzen Kriegsfeldzuge zu Kocher am Fall und einer damit verknupft gewesenen kleinen Reise zuruckgekehrt. Mit drei Tagen hatte man die Uebungen zur allgemeinen Wehrtuchtigkeit bewenden lassen. Das "Blasen der Trompete" war jedoch von Seiten Kathrinens keine Anspielung auf die Montur Thiebold's, in der dieser Abschied genommen hatte von Freund Piter, als er mit von Enckefuss Extrapost abreiste Freund Benno von Asselyn wollte in "einem Anfall seines gewohnlichen todtschlagerischen Humors" zu Fuss gehen. Die andern Genossen waren noch militarfrei und hatten sich vorlaufig allenfalls durch "zu schwache Brust" von dem Waffendienst ledig gemacht, was jedoch nicht hinderte, dass sie soeben die Arie: "Von Romeo's Racherarmen" die SchroderDevrient hatte vor kurzem erst in der Stadt gastirt mit einem Effect sangen, ja die Worte: "Soll sich kein Gott erbarmen!" so hervorhoben, dass das ganze Haus bis in die hintersten Waarenmagazine erzitterte.

Die Trompete entsprach einer andern Ideenverbindung.

Clemens Timpe (Timpe's sel. Erben, Commission und Spedition) war auch in der Union gewesen, hatte "Seewasser gekostet" wie Thiebold de Jonge ... wenn auch nicht wie dieser sogar das Nass amerikanischer Wasserfalle ... Clemens Timpe sprach nie von einem Whip oder Brandygrog oder sonst einer pikanten hohern Alkoholvergiftung, die er in Boston oder NeuOrleans kennen gelernt hatte, ohne die "Sherrypunschbrauerei" des canadischen Holzflossers Thiebold de Jonge zum Gegenstand einer Discussion zu machen, wobei der vom Wasserfall zu St.-Moritz Gerettete und leidenschaftliche Schwarmer fur Armgart von Hulleshoven, die Tochter "seines zweiten Vaters", wie er sagte, meist, wie sonst nicht seine Art war, unterlag. Heute sassen Piter und die Freunde um die Arakflasche, wie tatowirte Indianer, nicht jedoch "gierig nach flussigen Feuerfluten". Sie sassen, nach einer lebhaften Discussion, ob Whip ob Brandygrog ob kalten Sherrypunsch! bei letzterm und nun waren sie gereiht um einen glanzenden Mahagonitisch, die Linke cigarrenbewaffnet, in der Rechten mit langen Maccaronistengeln, durch die sie den Sherrypunsch einschlurften ... eine Trinkmethode, die Thiebold de Jonge hier zu Lande eingefuhrt hatte. Man durfte sie allerdings dann adoptiren, wenn, wie z.B. heute, es galt, einen von Rostbeef a l'Anglaise, Salmen a la Hollandaise, Rebhuhnerpastete a la Kathrine Fenchelmeyer Kathrine unten in der Kuche der Mutter Commerzienrathin hiess Fenchelmeyer und war nicht blos in Rebhuhnpastete, sondern auch in Fischsaucen Original und von dem dazu nothigen Rhein-, Mosel-, Bordeaux-, Burgunder- und Portwein uberhitzten Gaumen allmahlich linde und leise und lieblich wieder abzukuhlen.

Der "junge Herr" (zu Ehren der uralten Firma und bei der Tendenz der Neuzeit zur alten Zeit Piter genannt), Piter Kattendyk war einer der "famosesten" jungen Gentlemen der stolzen Handels-, Gewerbsund Kirchenstadt. Er hatte heute die Absicht, um vier Uhr Morgens, wenn die von Paris kommende Briefpost sich eines Stuckchens Eisenbahn bediente, das schon am jenseitigen Ufer einige Meilen hinein ins Land ging, sich mit dieser Reisebeforderung in die Gegend von Witoborn zu begeben, wo ihn Dominicus Nuck, sein Schwager, zu einem schleunigst arrangirten Guterankauf benutzen wollte ... Benutzen! Ihn! Himmel, wenn Piter dies von Nuck wirklich zu mehreren Domherren und besonders dem Secretar des Kirchenfursten, Eduard Michahelles, gebrauchte Wort in Erfahrung gebracht hatte! Ihn "benutzen"! "Vorschieben" schon hatte ihn beleidigt! Pitern, dem jetzt alles daran lag zu beweisen, dass sein Schwager Ernst Delring, der Procurafuhrer und bisherige Chef, vor seinem Genie sich in Acht zu nehmen hatte, seitdem er, der "junge Herr", von Reisen zuruckgekommen war! Pitern lag, als er die Zustimmung zu dieser Reise nach Witoborn gab, nur an einem Beweise seiner seltenen Einsichten und seines Geschmacks fur eine neue Reisetoilette, in der er sich bereits fertig befand, theils ganz schottisch, theils halb schottisch. Piter wollte in diesem malerischen Costume Walder und Felder und Muhlen kaufen, fur welche Dominicus Nuck dann vielleicht wieder einen Abkaufer wusste, vielleicht das Domkapitel selbst eine Differenzsumme erstens fur das Haus Kattendyk und Sohne und zweitens fur Dominicus Nuck blieb schon ubrig kurz einen irgend ahnlichen Zweck gab es zu einer Reise, um derentwillen die zu einem letzten "Satz" von Pitern entbotenen Freunde so spat noch bei ihm blieben, ja sogar gewillt waren, im Anfall einer beim Sherrypunsch zu allem fahigen Romantik, ihm gegen vier Uhr Morgens das Geleit auf den provisorischen Bahnhof zu geben.

Auf den Untergang aller Schnell-, Fahr-, Malle-, ja Extraposten nicht ausgenommen! rief Joseph Moppes (Joseph Moppes sen., Weingeschaft) und begleitete diese eigenthumlich betonten Worte mit einem anzuglichen Blicke auf Thiebold de Jonge, der heute der einzige nicht recht in die allgemeine "ungeheure Heiterkeit" Miteinstimmende war.

Thiebold liess es ruhig geschehen, dass Gebhard Schmitz (A. und G. Schmitz, Stahl-, Eisenwaaren und Huttenbetrieb) auf seine Kosten denen, die noch nichts davon wussten, die "kolossale Idee" des Hausknechts im Riesen zu Kocher am Fall erzahlte, der die sich selber olenden neuen englischen Patentachsen am vaterlicherseits geborgt gewesenen Landau Thiebold de Jonge's abgedreht und mit Wagenschmiere verdorben hatte ...

Gerade so wie Henneschen, rief nachtraglich in den lachenden Chorus Gebhard Schmitz hinein, wenn er die Lackstiefeln seines Herrn mit Wichse tractirt!

Thiebold sass ruhig mit aufgestemmten Armen und senkte den Kopf auf seine Trompete, den Maccaronistengel herab, den er mit aller Ruhe wie zu einer "stillen Musik" der Seele, ja, wie ein Schafer Arkadiens seine Flote blies und dabei vielleicht uber die Theorie des Stechhebers oder des Luftdrucks oder sonst etwas Hoheres nachgrubelte ...

Thiebold war eine etwas zum Embonpoint neigende, aber hoch und schon aufgeschossene blonde Natur; frisch und rund in seinen angenehmen Gesichtszugen, von einem schongepflegten, ins Goldgelbliche spielenden Barte, in allem zu mannlichstem Effect bestimmt, nur zu lebhaft, zu sehr oft ein Vorsprecher, Anekdotenerzahler, heute jedoch fast "tiefsinnig", wie ihm Piter vorwarf, und sogar bei Tische, wo er sich das Tranchiren Aufschneiden, wie seine Freunde sagten niemals nehmen liess, von einer Apathie, die einige freilich spottweise fur die Nachwehen seines hier schon zum Amusement gewordenen Sturzes in den St.-Moritz, andere fur den untruglichen Beweis hielten, dass Thiebold "einmal wieder" verliebt ware ... Letzteres war eine Verleumdung, da er seit dem ersten Besuch des Pensionats der Englischen Fraulein von Lindenwerth fur keine weibliche Erscheinung der Welt, die nicht Armgart hiess, mehr Sinn hatte.

"Schwing dich auf, Frau Nachtigall!"

intonirte Joseph Moppes, der einen klangvollen ersten Tenor fur die beruhmten Quartette der Vaterstadt commandirte, und er that dies schon zum zweiten mal, um Thiebold de Jonge mehr in die allgemeine Heiter

Die Eisenbahnen waren noch so neu und die sammtlichen "Hauser" dieses jungen mercantilischen Vollbluts so an den Actien derselben interessirt, dass das Gesprach von den Patentachsen des vom Hausknecht im Riesen fast verdorbenen Landau sogleich auf diese selbst uberging und einstimmig vereinigte man sich mit einem hohen und ausserordentlichen Ernste in dem sehr paradoxen Satze, dass die Eisenbahnen wirklich eine merkwurdige Erfindung des menschlichen Verstandes und jedenfalls ein Fortschritt waren.

Thiebold, der sonst niemals lange schweigen konnte und heute wirklich wie von einem entschiedenen "Weltschmerz" beherrscht schien, liess sogar die ganz aus der Tiefe wie ein Unkenton aus dem Sherrypunschglase hervortonende Bemerkung fallen:

Der Generalpostmeister hat erklart, mit den Eisenbahnen horte die Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf!

Gewisse englische Groans oder ironische Beifallsspenden hatten die Freunde schon fur mehrere heute Abend gefallene Aeusserungen, in Bereitschaft gehabt. Sie brachen auch jetzt uber diese de Jonge'sche Aeusserung und sogar mit einem Trommeln auf Tisch und Fussboden aus ...

Im Staatsrath, fuhr Clemens Timpe allen Ernstes fort, ist wahrhaftig die Majoritat nein wirklich hort doch! die Majoritat noch schwankend, ob die Eisenbahnen uberhaupt weiter zugelassen werden sollen ...

Und Joseph Moppes fiel ein:

Weiter, als wir uns hier schon wieder infolge unserer unverbesserlichen Nachaffungssucht herausgenommen haben!

Wie hierauf die Worte: "Eine jute jebratene Jans ist eine jute Jabe Jottes!" passen und von der ganzen Gesellschaft mit einer jener jubelnden Zustimmungen, die man gewohnlich "Hohngelachter der Holle" nannte, aufgenommen werden konnten, wird niemand begreifen.

Und dennoch hatte damit Weigenand Maus (Maus & Compagnie, Droguerie- und Farbwaaren) nur sagen wollen: "Was lasst sich von den Ghibellinen anderes erwarten!"

Man setzte nun vom socialen Standpunkte aus die Anklagen fort, die Bennrath von Nennhofen auf der Conferenz des Beda Hunnius vom kirchlichen erhoben hatte. Man begann durcheinander Mir und Mich zu verwechseln, schilderte den Appetit der Offiziere und Beamten bei dem letzten Diner ihrer Vater, machte dem immer schweigsamer werdenden und in volligem Nichtvertheidigungszustande befindlichen Thiebold de Jonge Vorwurfe uber seine Reise mit Herrn von Enckefuss und bestatigte den separatistischen Geist, auf den damals und noch jetzt die Thiers, Odilon-Barrots und Bonapartes rechnen, wenn sie von einem ganz ohne Schwertstreich zu erobernden linken Rheinufer sprechen.

Man durfte erwarten, dass Thiebold jetzt endlich auffahren konnte und gewohnterweise sich vielleicht die Freundschaft mit von Enckefuss verbat. Er schwieg aber und zuckte nur mitleidig die Achseln. Die ganze Reise in seinem Landau nach Kocher am Fall schien von ihm vergessen worden zu sein und Joseph Moppes hatte sehr Recht oder bekam es wenigstens durch die allgemeine Zustimmung, als er Thiebold vorwarf, erst mit so grossem Jubel zu den Uebungen abgegangen zu sein und jetzt in solcher Laune zuruckzukehren. Und als Thiebold brummend diese Uebungen fur das Langweiligste von der Welt erklart hatte, sagte Joseph Moppes zu allgemeiner Billigung:

Merkwurdig, de Jonge! Bei Ihnen ist immer alles entweder gleich "Supra" oder "unterm Nachtwachter"!

Letzterer hatte inzwischen schon langst die zwolfte Stunde gerufen und die zahllosen Thurmuhren der frommen Stadt hatten diese Angabe in allen Tonarten bestatigt ...

Die Elasticitat der sieben Freunde liess jedoch nicht nach. Auch Thiebold bekam eine erhohtere Stimmung, d.h. negativ, bis zum offenbaren "Sein oder Nichtsein" a la Hamlet. Er fuhr sich in seinen schonen blonden Scheitel, zupfte am Barte, schlug zuweilen das Glas auf den Tisch und hatte eine Welt voll Zorn und Aufregung und Schmerz und doch dabei wieder auch, schien es bei alledem, von Lust und Freude in der Brust. Er hatte sich jetzt offenbar ganz gern, wie es bei Goethe heisst, "mit einem Poeten associirt", um seine Empfindungen so ganz con amore auszusprechen, wie sein volles, wirklich gutes und der reinsten Liebe und Dankbarkeit fahiges Herz sie fuhlte, nicht wie sie Joseph Moppes, der heute, da Thiebold pausirte, die Oberhand hatte, parodirte.

Merkwurdig aber bei alledem die Gluckseligkeit Piter's! Piter braute nur bald mit Sherry, bald mit Arak an der Bowle, schenkte die Glaser voll, lachelte nur und genoss das Gluck, sechs solche Freunde zu haben ... Piter schwieg! Piter, der nicht ertragen konnte, dass sein Schwager Ernst Delring funf Worte sprach, die er nicht sofort durchkreuzte mit seinem taglichen, ja stundlichen "Horen Sie 'mal, Delring, ich bin nicht mehr derjenige, welcher "

Namlich auch Piter war blond, aber nicht von der Fulle und Kraft seines Freundes Thiebold de Jonge. Er war auch schlank, freilich viel schmachtiger. Sein Kinn und seine Lippen waren weniger ganz bartlos, als nur etwas stark dunnbartig. Kaum dreiundzwanzig Jahre alt, hatte Piter schon das Leben gleichsam hinter sich, ohne daruber die Energie des Willens und einen seltenen Ehrgeiz verloren zu haben. Seit einiger Zeit war er von "Bildungsreisen" nach dem Auslande zuruckgekehrt und nahm nun, als einziger Sohn der verwitweten Frau Commerzienrathin, an dem grossen Geschafte theil in einem Grade, der ihn mit seiner ganzen Familie in die heftigsten Conflicte brachte. Piter glaubte die vollkommenste Berechtigung zu haben, sich keine gewohnliche Natur zu dunken. Vorurtheilsvolle Menschen mochten vielleicht sagen: Dieser einzige Sohn wurde nach dem fruhen Tode Piter Noe Kattendyk's von der Mutter wie ein Prinz erzogen! Wahrend sie in die Bader und nach Rom und Paris reiste, wurde Piter durch Beispiel und Erziehung zu einer unglaublichen Meinung von sich selbst gesteigert! Aber Piter sah nicht ein, warum er von sich gering denken sollte. Er schwieg nur unter Freunden, wie sie jetzt bei ihm Sherrypunsch tranken; sonst nie; immer fuhrte er das Wort und schon als neunzehnjahriger junger Mann, der eben von der Handelsschule kam, hatte er wie ein Principal die Hande in den Beinkleidertaschen und wusste uber jeden Gegenstand in Oper, Ballet, Freihandel und Statistik der Ein- und Ausfuhr eine Meinung zu behaupten. Widerspruch duldete er sonst, jetzt nicht mehr, am wenigsten aber von Menschen, die ihm durch Bande des Bluts verbunden waren und etwa dadurch ihrerseits die Berechtigung zu haben glauben durften, ihn als grossen Charakter nicht im mindesten anzuerkennen. Nur die Mutter schonte den einzigen Sohn. Er glich so ganz ihrem Seligen, fur den sie jetzt noch nach zehn Jahren so viel Messen lesen liess, als wenn dieser Gute durch seinen Titel als Commerzienrath und seinen Orden, die ihm beide freilich Protestanten gegeben hatten, immer noch an der Pforte des Paradieses uneingelassen umherirren musste ... Merkwurdig dabei, dass Piter mit seinen blauen Augen, seinem fast unsichtbaren Bartchen um Lippe und Kinn und Wange eigentlich ein herzensguter Junge war. Er hatte Anfalle von Gemuth. Fur einen sogenannten "guten Freund" konnte er sich im wortlichsten Sinne todt schlagen lassen; wie oft hatte es nicht schon einen nachtlichen Zusammenstoss mit den Spiessen der Strassenwachter, ja sogar den Gewehrkolben der Schildwachen gegeben! So streng er im Comptoir war und sich die Miene geben konnte, als mussten Bucher, die dreissig Jahre gestimmt hatten, jetzt einmal von einer Commission geschworener Buchhalter oder von ihm allein in einer "stillen Abendstunde" grundlichst revidirt werden, so nachlassig behandelte er die Contocorrenten etwaiger Anleihen der Freunde, die mit ihm Sherrypunsch tranken. Wer Piter's Verstand anerkannte, konnte bei ihm uber alles gebieten. Wer aber zuweilen an seinem Verstande zweifelte, was seine Schwager, seine Schwestern und die altern Buchhalter nicht mehr wie gern thaten, hatte einen geschworenen Feind in ihm. Wie Piter von sich selbst dachte, bewies er eines Abends in einem Cirkel seiner Mutter, wo er bei Gelegenheit der damals eben wieder neu aufgekommenen Phrenologie sagte: "Die Phrenologie hat an mir die Zeichen des sanguinisch-nervosen Temperaments entdeckt! In erschreckendem Grade findet sich an meinem Schadel (er sah dabei auf seinen Schwager Delring) die Anlage der gegenstandlichen Auffassung! Sehr gross ist (er blickte auf seine drei Schwestern) mein Zerstorungssinn! Selbstachtung aber und (nun sah er, doch etwas liebevoller, auf seine hochgespannte und fromme Mutter) ein bischen Neigung zum Wunderbaren mildert diese gefahrliche Anlage! Gering ist indessen (die Mutter zuckte schon wieder zusammen und entsetzte sich uber den Blick, den Piter auf einige der Domherren warf), gering ist mein Verehrungssinn! Schwach, ganz schwach ist meine Anhanglichkeit (die Mutter, ausser sich uber ihre Tauschung, protestirte fast mit Thranen) und am wenigsten ausgebildet ist mein sogenannter Ingenieursinn! Aus letzterm muss ich schliessen, dass ich nie eine Vorliebe fur grosse Bauten haben werde!"

Diese Bemerkung war die allerbitterste. Sie ging auf eine Summe von 10000 Thalern, die die Mutter zum Ausbau eines gewissen beruhmten grossen Domes verwilligt hatte. Denn an sich hatte Piter im Gegentheil das ganze altbewahrte Haus seiner Aeltern neuerdings fast umgerissen, Treppen gebaut, wo fruher keine waren, Alkoven zerstort, Sale geschaffen und vorzugsweise seine Schwester Hendrika Delring so in der langgewohnten Existenz ihres zweiten Stokkes beeintrachtigt, dass diese Aermste, wie sie sagte, sich vor dem Bruder kaum rucken und ruhren konnte, von dem Larm seiner nachtlichen Orgien ganz zu schweigen. Nur die Besonnenheit ihres Gatten hielt sie von aussersten Schritten zuruck, die niemanden hatten wunder nehmen durfen, da die vortrefflichste Frau nach zehnjahriger kinderloser (gemischter) Ehe Mutter zu werden in nachster Hoffnung hatte ...

In Piter's Freundeskreise aber schlug es jetzt im Durcheinander der Debatten, vorzugsweise jetzt uber Westen und Cigarren und durchreisende Sangerinnen bereits halb zwei Uhr ... und wer hatte nun nicht schon in einem Sylvesterkreise das neue Jahr abgewartet und die Entdeckung gemacht, dass dreissig Minuten vor "des Jahres letzter Stunde" der lebendigste Humor zu der Erkenntniss kommen kann, ob er sich im Abwarten des neuen Jahres auch nicht vielleicht zu viel zugemuthet? Der Punsch ist in der Terrine kalt geworden, der Witz erschopft sich schon in Leberreimen und zwei- und dreisilbigen Charaden; immer muder werden die Augen, immer langsamer schleichen die Minuten, die noch bis zur allgemeinen Umarmung und kussbesiegelten Begluckwunschung hin zu verleben sind. Wer da nicht im Stande ist ans Klavier zu springen und einen elektrisirenden Tanz zu spielen, der kann erleben, dass einer um den andern das grosse Unternehmen, den letzten Stundenschlag des Jahres abzuwarten, vollig aufgibt und in aller Stille davonschleicht mit einem das ganze Jahr zusammenfassenden Trinkgeld an die gratulirende Bedienung.

Um ein Viertel auf vier Uhr hatten die Freunde zwei Wagen zu erwarten, die im Hofe unten auf die Minute sollten angespannt erscheinen. Es war auch ganz bestimmt vorauszusehen, dass sie alle noch etwa eine Stunde auf den Divans ringsum schlafen und tuchtig schnarchen wurden, aber zwischen ein und zwei Uhr zeigte sich davon noch keine Spur ...

Fehlte auch die lebhafte Mittheilung des auf Spott jetzt sogar verdriesslich werdenden und den Kopf aufstutzenden Thiebold de Jonge, stockten die Zungen schon und mussten sogar die sonst ganz ungentilen Anspielungen auf die einzelnen Geschaftsbranchen, wie: "Sie sind auf dem Holzwege!" zu dem Holzhandler Thiebold, oder "Schenken Sie reinen Wein ein!" zu dem Weinhandler Moppes, durch die Vermittelung der andern gutlich beigelegt werden, so fehlte es doch immer noch an Stoff der Unterhaltung nicht; denn es gab zwei Themata, die in diesem Kreise endlos variirt werden konnten. Das waren die Juden und die Frauen.

Erstere hatten sich in kurzer Zeit hier sehr emporgeschwungen. Eine nicht zu entfernte Verwandtschaft der Hasen-Jette, die Fulds, rechnete man zu den dreifachen Millionaren und wenigstens im Wechselgeschaft hatten die Bruder Moritz Fuld und Bernhard Fuld alle uberflugelt. Sie hatten Comptoire in Paris, Brussel und Amsterdam, machten ein grosses Haus, hatten eine Besitzung im Eneper Thal gekauft, dort eine Villa, sogar eine Kirche gebaut. Es konnte zunachst keinen anziehendern Stoff geben, der hier besprochen wurde, als da Haus Fuld und Sohne, und im Verlauf dieser Mittheilungen, die indessen eine Kette nur von Spott und Misgunst waren, wurde auch Thiebold lebendiger und erregter.

Gebhard Schmitz und Joseph Moppes hatten zwei Kunstfertigkeiten, die miteinander wetteiferten. Dieser intonirte die anziehendsten Lieder, jener war ein Dialektkunstler. Ob sachsisch oder berlinisch oder frankfurtisch oder im Volkston der eigenen Vaterstadt, war ihm gleich. Er ahmte jede Mundart nach, so weit die deutsche Zunge reicht. Vorzugsweise aber war ihm das Judeln gelaufig. Er erzahlte von Juden nie anders als im rauhsten Kehlkopftone. Und wenn er von Spinoza hatte sprechen konnen, Gebhard Schmitz wurde dessen Philosophie vorgetragen haben wie die eines Hausirers, der von seinen Masematten spricht.

Von einem der Fulds, zwei in den pariser Borsencoulissen und Salons gebildeten, hochst eleganten und weltgeschliffenen jungen Mannern, die auf einer Jagd in Homburg oder Baden-Baden sich neben jedem deutschen Standesherrn sehen lassen konnten, erzahlte er:

Bin ich doch gekommen heute Abend auf den Domplatz und habe gesehen ... Gottswunder ... Was hab' ich gesehen! Ist gekommen Herr Fuld und Sohne junior der Moritz! Ist er gekommen mit dem neuen rothen Bandchen im Knopfloch! Hat er doch gekriegt den Orden von der ehrlichen Legion in Paris!

Die Unterbrechungen der Zustimmung verstanden sich an den schlagenden Stellen von selbst ...

Sieht der Ritter Moritz sich um und wird fragen: Wo ist hier die Fabrik von die Wachslichter und Lebkuchen und heiligen Oblaten? Herr Schmitz! Konnen Sie mir nicht sagen: Wo ist wohnhaft Herr Jean Baptiste Maria "Schnuphose" aus Hildesheim mit die elegonte s-pitze Vatermorders?

Diese Variation gestattete eine neue Zustimmung. Sie war eine andere Tonart der Gebhard Schmitz'schen Redekunst, die ein Unisono von ahnlich betonten Worten hervorrief ...

Gebhard Schmitz fuhr fort:

Gut! Hab' ich ihm gezeigt den Laden von Herrn "Morio" und hab' mir gemacht doch auch ein Geschaft bei die Frauleins, um zu horen, was der Ritter von Louis Philipp's ehrliche Leute hat fur neue Masematte! ... Gut! Wie wir eintreten, frag' ich die Frauleins ...

Unisono des Chorus:

Evo! Apollonia!

Ob sie nicht hatten ein schones ges-ticktes Tauftuchelchen mit brobonter S-pitzen, das ich wollte schenken nach Bilk uf die Hutte von meinem Tate, wo zwei bilkener Juden sind gekommen auf den Einfall sich zu taufen! Sagt der Herr Ritter von die franzosische Ehrlichkeit zu mir: Main, Herr Schmitz! Sie wollen kaufen so feinen "Bottist", um zu waschen zwei bilkener Juden rein von's Judenthum? Da will ich Sie recommandiren die geistliche Stickerei da oben in dem funften Carton rechts seh' ich Litera B, wo angeschrieben steht mit lateinische Buchstaben: "Tauftugelchen" Tugelchen mit 'nem G, Herr Schmitz!

Neue Unterbrechung uber die Orthographie Eva's und Apollonia's Schnuphase ...

Aber der Ritter der ehrlichen Legion ... wird er doch sagen: Hat mein Bruder nicht gestern gekauft hier ein Altarbecken und drei neue Messgewandkleider ... meine Damen? ... Ja, Herr Fuld! ... Nun, so werden die Fraulein haben die Gute mir noch zu geben zwei Dutzend von die starksten Wachslichter furs heilige Hochamt! ... Sag' ich: Herr Fuld: Wie heisst Hochamt? ... Alles, Herr Schmitz, fur die neue Kirche zum Geschenk, wo mein Bruder hat bauen lassen oben bei Lindenwerth und Drusenheim im Enneper Thale! Und zu die Frauleins sagt er: Wissen Sie, Fraulein, die Kerzen, wo Herr Levi, der Gemeindevorstand, hat gekauft neulich furs Tabernakel in unsre Synagoge ... Die aufgeklarte? frag' ich. Die neue, Herr Fuld, wo soviel Licht in die schonen Fenster fallt? ... Nein, Herr Schmitz, sagt er, in die dunkle! Gerade so wie wir gebaut haben unsre Kirche in Drusenheim auch ins Byzantinische!

Durch den Jubel der Freunde hindurch fuhr mit gesteigerter Stimme Gebhard Schmitz fort:

Herr Schmitz! Sie wird eingeweiht am neunten October, dem Tag vom heiligen Dionysius, wissen Sie dem, den die Romer haben abgehauen den Kopf und der noch ist gegangen ich weiss nicht wie viel Meilen zu Fuss und mit dem Kopf unterm Arm! ... Ist es denn wahr, Herr Ritter, frug ich, dass Ihr Herr Bruder in Paris von seinem Freund Louis Philipp und aus dem seiner Kapelle von St.-Denis um 10000 Francs hat angekauft einen heiligen Zehen von St.-Denis und will ihn lassen einmauern in dem Altar, wo Sie haben gebaut in Drusenheim die neue Kirche im Basiliskenstil?

Basiliskenstil ... wiederholte der Chorus.

In dem Augenblick ist aber gekommen eine Chaise vorm Wachslichterloden und Fraulein Apollonia hat gerufen: Ach, Herr Fuld! Ach Herr Schmitz! bitte um Entschuldigung, wir bekommen soeben ! und ein schoner schlanker Herr Koplon ist eingetreten in den Loden, frisch von der Reise angekommen und soll wohnen bei Herrn Schnuphose ... Und was wird mein Ritter thun von der ehrlichen Legion? Gleich als wollt' er haben Ablass auf hundert Jahre fur die byzantinische Kirche hat er Hochwurden eingeladen, auch zu sehen, was gebaut hat sein Bruder Bernhard Fuld zu Drusenheim neben die neue Villa und zog sein Portefeuille und hat gegeben dem fremden Priester gleich die Visitenkarte: Monsieur Monsieur Moritz Fuld ...

Der ganze Chorus fiel hier mit den donnernd betonten Worten ein:

A Paris! a Paris! M a n w e i ss s c h o n !

Diese fur unsere Leser ganzlich unverstandliche und doch allgemein bejubelte Pointe der Erzahlung kronte sie fur die jungen Manner wie das letzte Schlagwort eines Epigramms ... Die Worte: "Man weiss schon!" knupften sich namlich an die allbekannte Anekdote, der zufolge der ganz arm aus Kocher am Fall einst gekommene und durch Kriegslieferungen emporgestiegene alte Vater der Gebruder Fuld jemanden, der ihn bei seinen oftern Reisen nach Paris um seine dortige genauere Adresse gefragt, mit schmunzelndem Stolz geantwortet haben sollte: "Schreiben Sie nur ganz getrost und einfach blos meinen Namen a Musje Musje Fuld a Paris! M a n w e i ss s c h o n !"

Die Wirkung dieser Erzahlung auf Thiebold de Jonge war eine in der Hauptsache, doch im andern Sinne als bei den Freunden, auch aufregende.

Nicht dass er Gebhard Schmitz gesagt hatte: Aber Sie lugen ja ganz entsetzlich, Schmitz! Moritz und Bernhard Fuld sind ja zwei hochst gebildete und sehr taktvolle Manner, uber die wir uns deshalb argern, weil sie geradezu einen Auffschwung nehmen, der uns alle verdunkelt auch er stand unter den Vorurtheilen seiner Geburt und seines Standes aber sowol die Thatsache, dass wahrscheinlich den Abend Bonaventura von Asselyn angekommen war, wie die Erwahnung Drusenheims, das dem Aufenthalte Armgart's auf einen Buchsenschuss gegenuberlag, liessen ihm kaum zur Besinnung kommen. Er sprang auf, lief im Zimmer hin und her und uberhorte dabei ganzlich, dass Weigenand Maus unter allgemeinster Zustimmung beantragte, eine Caricatur anfertigen zu lassen, um "auf diesem nicht mehr ungewohnlichen Wege" das zeitgemass-modernste Thema: Juden bauen den Christen ihre Gotteshauser! zu verspotten. Ein stillerer und sanfterer unter den Freunden, Alois Effingh (Effingh & Cie., Bankgeschaft), ubernahm die Ausfuhrung durch einen vertrauten Freund, der das Talent besass mit der Feder gleich auf Stein zu zeichnen.

Hiess der Geistliche nicht Herr von Asselyn? fragte Thiebold de Jonge.

Ich glaube, ja ... antwortete Gebhard Schmitz, ganz verloren in die Caricatur und noch weitere Details gebend.

Ein Vetter Benno's von Asselyn ... sagte Thiebold und erwahnte einen Namen, den alle kannten, der aber nicht zu diesem Kreise gehorte ...

Nachsten Sonntag nach Drusenheim! rief Clemens Timpe ...

Bewunderung der Villa ...

Der Kirche ...

Der Tauftugelchen ...

Wir laden Eva und Apollonia ein ...

Nein! unterbrach Joseph Moppes. Achtung vor Thiebold de Jonge! Auf Lindenwerth

"Da bluht eine Blume so hold, so hold"...

Auf Lindenwerth? rief der Chorus. Ja, de Jonge! unterbrach den Singenden Gebhard Schmitz. Ich war im Stifte bei meiner Schwester! Wahrhaftig! ... Ich bin sonst in Geschmackssachen auf Ehre aber die Tochter Ihres Lebensretters Die Lebensretterstochter ... rief der Chorus. im ghibellinischen Leutenantston ... Moppes sang:

"Und schoner als in dieser Rose"...

A la bonne heure! Eigentlich noch ein Backfisch, aber kunftige "Jottin"! fuhr Schmitz fort und

"Hebe stieg in sanfter Feier" ...

sang Moppes. Schwarz und braun sind ihre Augen ...

"Maikaferlein, was fliegst du auf?"

Zahne, reizend! Zwei Zahne , man sieht sie immer Man sieht sie immer? rief der Chorus ...

"Um das Rhinoceros zu sehen"

declamirte jetzt sogar Weigenand Maus. Thiebold erwachte aber aus seinem Bruten wie ein Lowe und schuttelte seine goldene Mahne. Genug! Rief er mit donnernder Stimme ... Aber

Singvogelein singet,

Stolz sich in den Himmel hinein!

antwortete Moppes.

Der Streit wurde durch Gebhard Schmitz beigelegt. Letzterer blieb bei seiner Bewunerung Armgart's, nannte sie das Entzucken des ganzen Pensionats und liess jetzt wirklich etwas Hoheres gelten als seine Dialektkunst und seinen pariser "Gibus" zum Einklappen, den er suchte.

Es blieb bei der Caricatur und bei der sonntaglichen Partie ...

Gruppen bildeten sich ... der eine lag von der Caricatur sprechend da, der andere von der Liebe uberhaupt dort ... man flusterte ... man hatte jetzt Geheimnisse ... ja es senkte sich uber die wuste Atmosphare mancher reinere Sonnenstrahl ... Selbst Piter liess endlich von der Arakflasche und erzahlte mit gedampfter Stimme von einigen wunderbaren neuen weiblichen Bekannschaften, besonders einer ... er sprach ganz leise nur ins Ohr zu Gebhard Schmitz ... Joseph Moppes, der horen wollte und nichts verstand, parodirte:

Mir auch war eine Leben aufgegangen!

Folgen konnen wir diesen Gesprachen nicht. Sie enthielten zu viel von dem, was, wenn die Manner zwischen zwei und drei Uhr Morgens von Frauen

Endlich aber wurde alles still ... die am lautesten

gesprochen haben, schnarchten schon ... auch Piter im schottischen Reisecostum schlummerte und lachelte und sein etwas stumpfes Naschen schien im Traume eine ganze Jakobsleiter voll Seligkeiten zu balanciren ... nur Thiebold de Jonge lag auf einem Sopha ausgestreckt, das Haupt aufgestutzt, sah nach der Uhr und war in wenig Minuten der einzige, der wach geblieben.

Er gedachte seines Freundes Benno ... Benno's, der,

wie dieser sich einmal ausgedruckt hatte, den "lateinischen Stolz" besass, sich in einer Soll und HabenSphare von dieser Art nicht heimisch zu fuhlen, ja die geschilderte geradezu verachtete.

Thiebold, in seiner Art ein Schwarmer, betete bei

alledem Benno an. Nur hatte er sich wieder einmal mit ihm gezankt und zwar empfindlich ... er hatte sogar den ersten bedeutenden Zwiespalt mit ihm ... Nicht um Armgart's willen ... Von Benno's Empfindungen fur Armgart hatte Thiebold bei dessen in allen Dingen bewahrter kalter Aussenseite keine entfernteste Ahnung ... Wohl aber war der Vorfall an dem Tage, wo Hedemann die Begegnung mit Herrn von Enkkefuss im Wirtshause an der Landstrasse gehabt hatte, fur beide zum Gegenstand des ersten langern Misverstandnisses geworden.

Benno und Thiebold waren Schulfreunde, die sich

in spatern Jahren aus dem Auge verloren hatten. Sie fanden sich wieder, als Benno sich bei einer zufalligen Begegnung uber das gerade besprochene Abenteuer in Canada dahin aussern konnte, dass ihm wenn auch nicht Ulrich von Hulleshoven, doch Hedemann seit fruhester Kindheit wohlbekannt, ja sozusagen sein Nahrvater und Erzieher gewesen ware, solange bis der Dechant ihn ganz in seine Nahe nahm und ihn in der Residenz des Kirchenfursten nahe gelegenen Universitat auf Schulen schickte ... Das Band der Freundschaft musste sich enger und enger um beide schlingen, da Thiebold's Charakter die Hingebung selbst war. Nach wenig Monaten schon konnte er nicht mehr ohne Benno sein, nichts mehr ohne ihn unternehmen. Alles, was dieser sagte oder that, war fur ihn, sogar in Gegenwart anderer, ein Evangelium. Seine enthusiastische Natur umschlang Benno, trotz allerdings mancher und fast stundlicher Reibung, doch wie der Epheu den festen Stamm.

Die Reise nach Kocher mit Extrapost entsprach Thiebold's Verhaltnissen und galt eigentlich der Huldigung Benno's und den Verwandten desselben in Kocher. Da Benno aber allein und uber Lindenwerth und St.-Wolfgang und sogar zu Fuss gehen zu wollen erklart hatte (in seinem Charakter lagen diese schroffen Ablehnungen des liebevollsten Entgegenkommens), so hatte von dieser bequemen Reisegelegenheit der Assessor von Enckefuss den Gewinn. Dies war nur eine oberflachliche Bekanntschaft beider Freunde. Sie hatte sich jetzt fester knupfen konnen. Gab das Zusammenreisen dazu die beste Gelegenheit, so wurde doch jede weitere Beziehung wenigstens fur Thiebold durch die Scene mit Hedemann und Porzia Biancchi unmoglich.

Lucinde hatte sich an jenem Abend, als sie im "Riesen" ein Gelag in dem Geschmack, wie eben geschildert, voraussetzte, wenigstens in Betreff einiger Theilnehmer vollstandig geirrt. Benno fehlte und Thiebold. Beide sassen beim Obersten auf seinem Weinberge. Sie sassen murrisch und ohne Entschluss, auch nur auf die Dechanei zu gehen. Benno hatte an einem Souper im Riesen theilnehmen wollen; Thiebold erklarte, mit Herrn von Enckefuss nichts mehr gemein zu haben. Hedemann ist ein Narr! hatte benno in seiner kurzen Weise erwidert und daruber entspannen sich dann Wortgefechte, die bald einen ernstern Charakter annahmen. Sie endeten damit, dass Thiebold das ganze, eigentlich ihm doch so unendlich susse und nothwendige Joch seiner Abhangigkeit von Benno einmal abschuttelte und ihm Dinge sagte, die sich selbst unter den besten Freunden nach vierundzwanzig Stunden nicht wieder zurucknehmen lassen.

Asselyn, hatte er gesagt, Sie sind ein Mensch, dem seine Philosophie noch das Herz im Leibe ausdorren wird! Ich bemitleide Sie, wenn Sie sich Ihren Dominicus Nuck zum Muster genommen haben, diesen armseligen menschen, der einen Million besitzt und Sonntags die Sacktrager beneidet, die vorm Thore bei einem Glase des schandbarsten Kratzers Kegel schieben! Schamen Sie sich mit Ihrer sundhaften Gleichgultigkeit fur Gott und die Welt! Sie erzahlen von einem Zauberweib, mit dem Sie hierher gereist sind, und wollen nicht in die Dechanei zuruck, nur um sie nicht wiederzusehen! Von einem Engel in Menschengestalt, einem Mondscheinelfen, unserer Armgart, wissen Sie nichts, als dass sie ihrem Vater ein paar Hosentrager stickt! Diese Porzia Biancchi ist Ihnen nicht viel mehr als eine Landstreicherin, und Hedemann's Neigung finden Sie geradezu lacherlich, da Sie doch wissen, dass er, wie der Oberst, eine Natur ist, die die die Spreu vom Weizen zu unterscheiden weiss! ... Als Muller! wird Ihre ewige Ironie einwerfen; aber nach Ihnen musste der Friede in dem Hause der Hulleshoven und Ubbelohdes einfach nur durch die Polizei vermittelt werden! Sehen Sie zu, wie weit Sie mit diesem Sibirien in Ihrem Herzen kommen werden! Gerade solchen Naturen, denen alles gleichgultig ist, solchen, die in der ganzen Welt nichts, aber auch nichts als Schein und Dummheit sehen, wird zuletzt so heiss unter den Sohlen, so fegefeuermassig schwul schon hier auf Erden zu Muthe, dass sie sich wie der Skorpion, den man auf Kohlen setzt, zuletzt selbst umbringen!

Sie haben wahrscheinlich in der letzten Nacht, wo Sie nicht schlafen konnten, Seume's "Spaziergang nach Syrakus" gelesen? war alles, was Benno geantwortet.

Dennoch trafen die Worte Thiebold's ihn tiefer, als er sich den Schein gab.

Dazu war er zu stolz, zu entgegnen: Sage mir, wie ich in die Welt gekommen bin, und du wirst sehen, ich kann die Welt lieb haben! Er vertandelte den Ernst seines Unmuthes uberhaupt und auch jetzt den Ernst seiner innerlichsten Zustimmung zu diesem ungewohnt starken Ausbruch allerdings schon vielfach benutzter Freundschaftsrechte. Gerade dadurch, dass er dennoch zu Enckefuss hielt, bewies er, wie sehr er sich getroffen fuhlte.

Vor Hedemann rechtfertigte er sich im Vertrauen:

Lieber Alter, mogen Sie mit dem Enckefuss haben, was Sie wollen, der Sohn hat mir gestanden, dass sein Vater in Verzweiflung ist wie kann ich ihm meinen Beistand entziehen!

Hedemann hatte dieser Antwort auch zugestimmt und sie naturlich gefunden ... Seitdem die Italiener im Orte angekommen waren und ihren gewohnten stark aufdringlichen Handel trieben, schien er von der ersten Hitze seines Antheils etwas zuruckgekommen.

Eine weitere Erorterung und grundliche Aussohnung zwischen Thiebold und Benno hatte in Kocher selbst nicht mehr stattgefunden. Major von Pritzelwitz benutzte die ihm nur verwilligten drei Tage, um seine kleine Armee in einen jeden Augenblick schlagfertigen Zustand zu versetzen und ihr durch tuchtigstes Sporengeben auch dergleichen "Mucken" der Gesinnung zu vertreiben, wie sie hier zu Lande ublich waren, wo man an Carnevalstagen den Kaiser Napoleon, seine Marschalle und seine alte Garde in offentlichen Aufzugen copirte. Moppes, Timpe, Schmitz und selbst Weigenand Maus waren nicht selten schon zu Pferde mit Mamluken einhergeritten und hatten sich mit allem Pomp so in Orden und Stickereien gefallen, als wenn sie die Schlachten bei Jena und Eylau gewonnen hatten.

Auch Benno's bester Absicht, den Streit in der Dechanei beizulegen und Lucinden in sie zuruckzufuhren, liess sich nicht der Nachdruck seiner gewohnten Handlungsweise geben. Diese fuhr mit Herrn Schnuphase schon am andern Tage in ihre neue Lebensstellung.

Und auch Thiebold war dann am Morgen des vierten Tages in Kocher plotzlich verschwunden. Er hatte an Benno ein einfaches Billet zuruckgelassen, worin er sagte, es wurde ihm Vergnugen machen, wenn er mit dem Assessor von Enckefuss seinen Landau benutzen wollte; er selbst ware in Flossereigeschaften erst mit der Post, dann mit dem Dampfboot auf einige Tage nach Mainz gegangen.

Seit heute Abend erst war er, und jetzt bedeutend abgekuhlt, von dorther zuruck. In Lindenwerth hatte er Halt gemacht und sich mit den Empfindungen eines Toggenburg einige Stunden am vielberuhmten Huneneck aufgehalten. Nach dem Fenster des Saales, in dem Armgart wohnte, hatte er das Angesicht gerichtet, solange die letzten Strahlen der Sonne es vergoldeten. Da er keine Verwandte im Pensionat hatte, wurden ihm die Besuche von den gestrengen Englischen Fraulein nicht mehr gestattet.

Nun lag er hier, im Ohr die wusten Scherze seiner "Freunde" ... vorgeniessend schon die von ihm mit leidenschaftlicher Zustimmung ergriffene Sonntagspartie nach Drusenheim, wo eine Begegnung mit Armgart nicht unmoglich war ... sonst aber aufgelost in Reue und Scham und unendlichster Sehnsucht nach Benno.

Und vielleicht ware dennoch auch uber ihn der Schlummer gekommen, wenn nicht plotzlich im Hofe Wagenrasseln und das mahnende Knallen zweier Peitschen horbar geworden ware ... Er sprang auf, fiel fast, da die Lampen ausgegangen waren, orientirte sich und weckte Pitern, der im Concert der ringsum Schnarchenden jetzt eine Solostimme ubernommen hatte ... Piter war eingeschlummert gewesen mit den vertraulichsten Gestandnissen, die er in das Ohr seines Freundes Gebhard Schmitz geflustert hatte uber zwei wunderbare Frauenerscheinungen, die plotzlich durch "einen hollisch vernunftigen" Gedanken seiner Angehorigen ganz dicht in seine Nahe verpflanzt waren ... weniger von Mamsell Lucinden Schwarz war er entzuckt "obgleich auch diese" ... Und in diesen Haarspaltungen seines Geschmacks war er selig eingeschlummert ...

Nun, von Thiebold de Jonge aufgeruttelt, fuhr er empor ... So gross auch immer sein Vertrauen zu sich selbst war und so sehr er sich vorgenommen hatte, sich in seiner ganzen kunftigen Haltung im Leben einen wenn nicht grossen, doch eigenthumlichen und merkwurdigen Charakter zu geben, so geschah ihm doch immer, dass sein erstes Erwachen von irgendeiner der vielen, nicht blos durch den naturlichen Schlaf verursachten Besinnungslosigkeiten regelmassig eine geringfugige Vorstellung uber die gerade obwaltende Situation begleitete, der dann die vollig decontenancirte Miene entsprach ... So auch heute ... Der erste Gedanke, als ihn Thiebold aufruttelte, war an das Funfuhraufstehen in der Handelsschule gerichtet ... Bald aber besann er sich auf sein gegenwartiges Alter und seine Stellung im Leben und in diesem Hause und rief donnernd den Joseph im Vorzimmer wach, ihn in den Hof jagend, und taumelte, seliger Ruckerinnerungen voll, eine niedergebrannte Kerze in der Hand, das Product seines ihm nur fur den Ausbau des Domes seiner Vaterstadt mangelnden Ingineursinnes, die luftige, zierliche neue Wendeltreppe, empor.

Er musste ja, wahrend Thiebold die andern Schlafer weckte, noch einmal in sein Garderobezimmer ... Um ganz dem Bilde der Modenzeitung, nach der er sich kurzlich erst fur die Morgentoilette, fur die Jagd und fur Reisen equipirt hatte, zu entsprechen, fehlte noch sein Plaid und seine Tragtasche an juchtenledernen Riemen. Piter war in solchen Dingen exact. Fur die Jagd besass er eine rothe Jacke mit kurzen Schossen, goldenen Knopfen, grauledernen Hosen und hohe gefirnisste Stulpstiefel. Fur die Reise trug er einen kurzen Phantasierock mit zwei Brusttaschchen, schottische Beinkleider ohne Sprungriemen, Lackstiefel, die, wenn die Beinkleider in die Hohe gingen, Schafte von rothem Saffian zeigten.

Wie Piter etwas muhsam hinaufsteigt, wird ihm eine Ueberaschung zu Theil. Kaum hatte sein etwas schwerer Fuss auf der leichten Treppe die ersten Stufen betreten, kaum hatte sich sein etwas unsicheres Auge uberzeugt, dass es auch oben dunkel geworden war, kaum war die mit besonderm Nachdruck an die Lehne sich krampfende rechte Hand im Begriff mit der linken zu wechseln, wobei die Uebergabe des Lichtes in die andere Hand mit Schwierigkeiten verbunden schien und, da er sie doch zu uberwinden versuchte, das Licht auch richtig ausgehen liess als von oben her eine Thure aufging und der Schimmer eines Lichtes dem im Dunkeln Emportastenden zu Hulfe kam.

Und kaum hatte Piter, staunend uber dieses ungewohnte nachtliche Lebendigsein uber ihm, aufgeblickt, so musste er sich um so betroffener fuhlen, als ihm uber das kleine bronzirte Gitter hinweg ein holdes Frauenantlitz entgegenleuchtete; in Wirklichkeit leuchtete mit einem Lichte und figurlich durch holdesten Liebreiz und eine seltene Anmuth; dabei dasselbe zarte Madchenangesicht, in dessen Schilderung er soeben zu Gebhard Schmitz beinahe hatte poetisch werden konnen, wenn ihn nicht der Schlummer ubermannte ...

Ja aber, um Gottes willen! Sie noch auf? sprach er mit nicht leichter Zunge ...

Das junge Kind zitterte und trat mit dem Leuchter in der Hand zuruck ... denn nun stand Piter schon schwer und krampfhaft und mit einem entsetzlichen Dunst von Taback und Wein dicht vor ihr ... Er weidete sich an einem Anblick, der ihm ein "Bild aus Himmelshohen" schien. Diese zwar nur kleine, aber zierlich behende Gestalt, dies goldblonde Haar, das einen Trauerkrepp in seine dichten Flechten eingewunden hatte, diese aus einem gleichfalls trauernden schwarzen Kleide hervorblendende weisse Haut und der Schnitt des Gesichtes von einer wunderbar lieblichen Rundung und Regelmassigkeit ubten wieder die ganze Wirkung auf ihn aus, die er schon seit gestern fruh um zehn Uhr empfpunden hatte, als er dieses neu hinzugezogene Madchen seiner Schwester Hendrika Delring zum ersten mal gesehen hatte.

Aber zum Donnerwetter ... wie kommen Sie denn dazu, so so lange aufzubleiben oder vielmehr ?

So hab' ich Frau Commerzienrathin vielleicht nicht richtig verstanden sie befahl mir, da ich hier oben doch bei Madame Delring bin immer auch auf Ihre Wunsche zu horen und wenn Sie reisten hatten Sie manchmal noch etwas nothig und da wartete ich so lange

Die Stimme des armen uberwachten, verweinten und erschreckten Madchens zitterte ...

Na, das ist ja aber wahrhaftig noch besser ...

Piter lachte wie uber eine grenzenlose Beschranktheit und doch that ihm die Naivetat wohl, die so auf seine allerhochste Befriedigung bis gegen vier Uhr Morgens aufbleiben konnte.

Hahaha, lachte er und taumelte, um sein ausgegangenes Licht auf eine Fenstersims zu setzen. Das ist ja einzig! Sie bleiben 'ne ganze Nacht um unsereinen und nun reis' ich jetzt, wo ich solche Nachbarschaft habe Meine Schwester na, wird einen schonen Larm machen, wenn sie hort, dass Sie Muttern so unsinnig wollt' ich sagen allerliebst verstanden haben! Herr Gott kleiner Engel! Die Zeiten sind voruber, wo man Nachts aufblieb wenn unsereins blos nur noch Elberfeld reiste Jetzt heisst's: Reise glucklich! und das Uebrige macht Wecker an der Uhr und und Hausknechts Stalllaterne

Diese blitzte auch unten im dunkeln Hofe hochauf an die Hauswand gegenuber ...

Piter wollte von dem uberaschenden Misverstandniss noch Vortheile ziehen, aber das schone Madchen hatte schon die Thur ihres Zimmers zum Ruckzug in der Hand

Piter wollte nach und trat einstweilen mit den Fussen zwischen die Oeffnung, die die Fliehende schliessen wollte.

Warum sind Sie denn schwarz an angezogen Donnerwetter und wie heissen Sie denn ?

Gertrud Ley

Gertrud! Also Treudchen? Sieh! Du bist schon, Treudchen, straf mich Gott, wie ein Engel aber aber warum denn der schwarze Flor da in deinen allerliebsten

Wenn Treudchen Ley jetzt in ein fast krampfhaftes Weinen ausbrach, so war es nicht so sehr die Erinnerung an die Leiden, die sie seit einigen Wochen und vollends den letzten Tagen durchgemacht hatte, als auch das Gefuhl der tieffsten Beschamung uber den Irrthum, der sie so bis fruh Morgens hier oben aufsitzen und wachen lassen, auch vielleicht der Schmerz, dafur so belohnt zu werden, wie jetzt von Pitern geschah ... und auch ihr Vater fiel ihr ein, wie der so des Morgens aus den Wirthshausern kommen konnte.

Ihr Weinen war so convulsivisch, dass Piter daruber an Besinnung verlor und gewann je nachdem. Den Versuch sich ihr noch zu nahern gab er auf und zog sich scheu und seit langer Zeit zum ersten mal in einer Art Verlegenheit auf seine Zimmer zuruck.

Als er dann wiederkam mit Plaid und Tasche, war Treudchen verschwunden. Die zu den Zimmern seiner Schwester fuhrende Thur war verriegelt.

Er klopfte und klopfte. Er war in einer Begeisterung, in einem Sturm, in einem Drange der Liebesbetheuerung, in einem Vergessen ganz seiner selbst

Treudchen Ley antwortete aber nicht mehr.

Piter musste den schon mahnenden Freunden folgen.

Unten schob einer den andern in die harrenden beiden Wagen. Im Abfahren waren alle sieben noch leidlich wach. Piter war sogar ganz, als hatte er die "seiner Natur durchaus nothwendigen" zehn Stunden vollstandig geschlafen, er lachte und trallerte, und sagen wir nur, wie unsinnig. Seine eben erlebte Geschichte hatte jedoch niemand horen konnen, wollte er sie auch erzahlen, so rasselte man uber die oden und schon vom kommenden Tageslicht angedammerten Strassen, uber die grosse Brucke, durch die Festungswerke; auch kam die pariser Mallepost, nicht unhorbar, hinter ihnen her ...

Im Bahnhof angekommen, schliefen alle ausser Pitern und Thiebold.

Nun aber raffte man sich noch einmal auf und nahm Abschied. Kutscher und Bediente besorgten Piter's Effecten und die Freunde gewannen auf einen Augenblick ihren alten Humor wieder. Allein fiel ihr erstes Reisen zur Messe nach Frankfurt oder Leipzig ein und nun brach Gebhard Schmitz, der Dialektkunstler, wieder das Eis und entfaltete neue Talente. "Sie, mein kutes Harrchen! Eine kute Messe!" variirte er und der einfallenden Chorus sachselte mit, bis auf den Pfiff der Locomotive der Zug davonbrauste und ein donnerndes Hurrah den Zweck und die Bedeutung dieser Nacht kronte.

Die Chaisen fuhren jetzt in die Stadt zuruck und setzten alle jungen Herrschaften vor den Pforten ihrer hochmogenden Vater ab, wo dann ein jedes froh war, sich in bequemen Sprungfedermatratzen auszuruhen von soviel Witz, soviel Bildung, soviel Kenntniss der Welt und der Menschen, soviel bewusstem Werth fur die Welt im allgemeinen und diese hochst ehrwurdige und in so vielen Dingen entschieden und selbstbertrauend den vaterlandischen Ton angeben wollende Stadt im besondern.

Wahrend Piter vielleicht entschlummernd Treudchen im hochzeitlichen Kleide und von ihm selbst an den Altar gefuhrt sah es ware das die kapitalste Idee gewesen, die sein ihm mangelnder "Verehrungssinn" fur die Familie hatte ausfuhren konnen war Thiebold, der jeden der Genossen noch an sein Haus gebracht und sich das Festhalten an der Drusenheimer Sonntagspartie bedungen hatte, in der Mitte der Stadt ausgestiegen.

Schon war es halb funf Uhr ... die Strassen wurden lebendiger ... die Tageshelle mehrte sich ...

Seine Schritte fuhrten ihn an einen kleinen winkeligen Platz, wo Benno wohnte.

Mit der Schwarmerei eines Verliebten stellte er sich an einen schon von den Magden mancher fleissiger Handwerker belebten Brunnen und sah zu den geschlossenen Fenstern seines Freundes im ersten Stock eines schmalen Hauschens empor.

Es hing ein Blumenbret vor dem Wohnzimmerfenster ... alle drei Laden waren geschlossen.

Der Morgenthau, die herbstlich frische Luft kuhlte die Augen des stillen Beobachters, der gewiss sein konnte, draussen auf den Holzofen seines Vaters auch schon das lebendigste Tagwerk begonnen zu finden.

Wie er einige Minuten so gestanden hatte, nicht achtend der Neugier um ihn her, nicht achtend der Fuhrwercke, die schon im Gang waren, der Ausrufungen, die schon von Verkaufern ertonten, offneten sich im ersten Stock die Jalousieen an Benno's Wohnzimmer.

Benno war schon aufgestanden und offnete, wie er war, im rothgestreiften Nachthemde, mit der einen Hand durch sein dunkles Haar fahrend, mit der andern einen kleinen Vogelbauer unter die Blumen setzend.

Guten Morgen, Asselyn! rief Thiebold voll bebender Freude und fast schuchtern hinauf.

Guten Morgen, de Jonge! war die ruhige und erstaunte Antwort.

Schon so zeitig auf?

Und Sie noch so spat wach?

Haben Sie schon gefruhstuckt?

Das nicht! Aber Reste aufzuarbeiten ... Doch kommen Sie nur herauf, falls Sie mir nicht wieder uber meine alte Kaffeemaschine die Ohren voll lamentiren wollen!

Thiebold wusste schon, dass das alles von Benno nur Redensarten waren, die wenigstens die halbe Freude der Ueberraschung verdeckten, die er selbst so uberstromend voll und vom tiefsten Herzensgrunde ganz empfand.

Da ist der Hausschlussel! sagte Benno nach einer Secunde und warf ihn hinunter. Thiebold hob den Schlussel auf, schloss die HausEr wusste, dass er seinem bewunderten und angebeBei dir ist Licht und Ruhe! Darin glichen sich Bonaventura und Benno, dass

Ende des zweiten Buchs.

L i t e r a t u r v o n L u t h e r b i s T u c h o l s k y

Dritter Band

Drittes Buch

1.

Von einer Handwerkerfamilie, die nach einem dunkeln Hofe hinaus arbeitete, hatte Benno drei auf einen kleinen, von einem belebten Brunnen geschmuckten Winkelplatz hinausgehende Vorderzimmer gemiethet.

Eines davon, einfenstrig, war sein Schlaf-, die andern, zweifenstrig, waren Wohn-, Arbeits-, Empfangszimmer, je nachdem.

In einem derselben stand ein Repositorium mit einer Anzahl von Schubfachern, in denen sich theils die Acten der ihm von Dominicus Nuck zugewiesenen Processe aufhauften, theils schon manches Fascikelchen lag der auch ihm schon aufbluhenden, freilich noch an den schutzenden Namen und die Unterschrift seines Principals gebundenen ersten Fruhlingskeime einer eigenen Praxis ... Im unbestreitbaren Wohnzimmer liess Benno schon zuweilen in den Fruh- und Nachmittagsstunden manche Partei warten, die uber ein paar empfangene Ohrfeigen oder ein paar unbezahlt gebliebene Beinkleider seinen Rath begehrte und von ihm nach Abfertigung eines "pressantern" Clienten mit staatsmannisch bedeutsamer Miene gebeten wurde, sich auf einem Sopha von ehrwurdig altem schwarzen "geflammten" Merino (zu diesen Flammen war hier und da schon der entschiedenere Brand einer etwas vergesslich gerauchten Cigarre gekommen) oder einem wirklich prachtvoll glanzenden rothsaffianen Sessel auszuruhen, welchen Phonix seines ihm theilweise personlich angehorenden Mobiliars ihm Thiebold de Jonge verehrt hatte. Oder man konnte, da dieser Sessel klein, zierlich, auf einer Rolle gehend und wie luftig war, ihn unter dem bescheidenen Hausrath, der altmodischen Kommode von Nussbaumholz, dem Schreibsecretar von Birken-, den lakkirten Stuhlen von Tannenholz, auch einen prachtigen Kolibri nennen in einem solchen gewohnlichen Drahtbauer, wie der war, in dem Benno bereits eine Art Familie zu ernahren hatte, zwei Canarienvogel seiner Wirthsleute, die er von ihnen in Pflege genommen zur Erzielung einer Hecke, bis sich freilich herausstellte, dass die frisch aus dem Nest genommenen kleinen Thierchen "Sieen" waren, was Benno leider erst entdeckte, als er sich an beide Geschwister so gewohnt hatte, dass er sie auch ohne Gesang und Hecke vor seiner Wirthin rettete, die von einem pflichtschuldigen Tode derselben durch irgendeine nachbarliche Katze sprach. Jetzt prangte dieser Lehnsessel vollends, seitdem Benno bei seiner Zuruckkunft von Kocher am Fall wieder zu seinem hochsten Verdrusse eine neue Gabe seines manchmal unertraglich aufmerksamen, Freundes vorfand, einen in sammtlichen drei Zimmern gelegten bunten prachtvollen Teppich fur den Winter ... Gegen diese Zuvorkommenheiten des jungen Halb-Millionars liess sich gar nicht angehen. Thiebold zerbrach, statt des Gottes der Zeit, lieber zufallig selbst einen Stuhl und erklarte dann mit gemachtem Schreck, seinem Freunde oder den Wirthsleuten einen Ersatz dafur schuldig zu sein, als dass er sich die Gelegenheit hatte nehmen lassen, Benno statt nur durch Zank auch einmal auf diese Art seine Freundschaft zu beweisen. Den alten in Ruhestand versetzten Lehnsessel, der mit dem Sopha, in Rucksicht auf geflammtes Muster und Ehrwurdigkeit des Ueberzugs, harmonirte, hatte er schon vor langerer Zeit einmal, wie er entschuldigend sagte, in Gedanken mit dem Federmesser, das er wie zufallig von dem Tische Benno's genommen, in der Armlehne zerschnitten und den neuen Teppich motivirte er auf Benno's Vorwurfe, die ihn deshalb heute in der Fruhe gleich beim Eintreten und in medias res gehend empfingen, mit folgenden Worten:

Bester Freund, das bitt' ich mir denn doch aus! Seitdem ich einmal das Ungluck gehabt habe, beinahe in den St.-Moritz zu fallen, bin ich gegen alles Kalte von einer merkwurdigen Empfindlichkeit! Im Winter hier bei Ihnen zu sitzen und uber den offenherzigen Dielen Ihrer Baracke mich zu erkalten das werden Sie nicht verlangen konnen!

Und bei alledem, erwiderte Benno, sieht es nun erst recht bei mir aus wie bei Bagage, die gern mochte und kann nicht! Der Teppich und der Sessel fuhren jetzt das grosse Wort und haben die Oberhand! Jedermann wird jetzt glauben, dass ich statt heraufzukommen ein Heruntergekommener bin!

Himmel! unterbrach Thiebold, zog seine Cigarrentasche und betrachtete ein auf dem Tische neben dem Terminkalender liegendes kleines Octavbuchelchen, woruber Benno zierlichst "Verlage" geschrieben hatte; Asselyn, ist das Ihr Einnahmebuch? Sie haben ja einen Bogen mehr hinten angeheftet? Sind das die Einnahmen von dem grossen Process der DorsteCamphausen, in dem Sie auch, hor' ich, zu thun bekommen werden?

Und schon las er, eine Seite aufschlagend:

"7 Groschen 6 Pfennige Concept 2 Groschen 6 Pfennige Copiatur "

Wahrscheinlich, erwiderte Benno, ihm trotz des Spottes das Buchelchen sanft aus der Hand nehmend, wahrscheinlich haben Sie in Mainz einen ganzen schwabischen Urwald in Empfang genommen, dass Sie heute schon fruhmorgens so ubermuthig Geldseele sind! Kommen Sie jetzt erst mit Ihrem Holzfloss angeschwommen? Oder hatten Sie die Nacht Geschafte mit einer vaterlandischen Tabacksfabrik? Ich versichere Sie, Ihre Atmosphare versetzt die Phantasie keineswegs in die Havanna!

Merkwurdig, gab Thiebold zu und hatte bereits die Buchse mit gemahlenem Kaffee aus Benno's Schreibsecretar von verblasstem Birkenmaser genommen, indem er leicht und leise den Besitzer, der dabei eine vorwitzige Untersuchung seiner Kasse befurchtete, bei Seite drangte, ihm auch die auf dem Secretar stehende Maschine aus und unter der Hand wegescamotirte und das heute, der noch nicht "bei Wege" befindlichen Wirthin wegen eigne Sieden des Wassers zum Kaffee sich allein aneignete; merkwurdig, wie geistesabwesend ich gestern gewesen sein muss! Die ganze Nacht hab' ich von Piter's vermaledeiten Cigarren geraucht! Der Mensch will jetzt in der Stadt den Ton angeben!

So! So! sagte Benno. Waren Sie also wieder auf Ihrer amerikanischen Akademie! Dann nehmen Sie den Kaffee allerdings, bitt' ich, ein Loth starker! Welche grosse That ist denn diese Nacht an der wahrscheinlich fur permanent erklarten Bowle beschlossen worden?

Die Caricatur auf die Gebruder Fuld und die Drusenheimer Sonntagspartie jetzt so ohne weiteres zu nennen, nahm Thiebold de Jonge, der, wie es schien, im Crescendo begriffenen Satire seines Freundes gegenuber Anstand. Gab es doch auch zunachst Dinge, die ohne zu spassen mit bitterm Ernste verdienten abgemacht zu werden! Die Versohnungen machte zwar Benno immer nur so scheinbar und ohne Gefuhl und "links um die Ecke herum", wie Thiebold sagte, der, "wenn er einmal gefuhlvoll wurde" er wurde dies viel ofter als er zugab dann auch gern von allen Kirchthurmen mit Zinken und Posaunen wie zur Weihnacht dazu geblasen und mit allen Glocken gelautet haben wollte. Auch heute, war es der entbehrte Schlaf oder welche sonstige "lyrische" Stimmung, auch heute hatte er gern die Versohnung etwas feierlicher gewunscht ...

Er liess deshalb zunachst Benno, der sich vollstandiger ankleidete, allein reden, was sonst in seiner Gegenwart selten geschah.

Ohne Zweifel, liess sich Benno von der Schlafkammer aus vernehmen, ohne Zweifel haben Sie Ihren Freunden Bericht erstattet von unserm Manover! Von dem Sturm auf die grosse Lehmschanze, wo der alte Pritzelwitz leibhaftig die Franzosen vor sich sah, bis es von uns allen hiess: "Und Ross und Reiter sah man niemals wieder!"

Thiebold schwieg ... Er braute Kaffee und Versohnung.

Ein Gluck, fuhr Benno fort, dass druben nicht wirkliche Augereaus oder Durocs commandirten! General K l e b e r n hatten wir diesmal auf unserer Seite!

Thiebold schwieg, selbst in Erinnerung auf ein ganzes Bataillon, das im Lehm stecken geblieben war.

Meine Stiefeln gingen am dritten Tage vollstandig aus der Naht! fuhr Benno fort; und die Reserve, die Hedemann in meinem Mantel trug, passte nicht, denn von dem siebenmaligen Sturm auf die Lehmschanze hatt' ich Elefantenfusse bekommen, dass mir die Stiefel zu eng wurden! Und nun reisen Sie mir mit Ihrem Stiefelmagazin ab! Ich glaube, Sie hatten in Rucksicht auf das Trottoir in Kocher und Ihre Huhneraugen sechs Paar mit! So schnell waren Sie uber alle Berge, dass man glauben konnte, Sie hatten sie alle auf einmal angezogen! Haben Sie denn Ihren Freunden heute Nacht auch erzahlt, wie Sie mich auf dem Weinberg beim Obersten von Hulleshoven abschilderten?

Nun verzog Thiebold ein wenig die Miene ... er merkte eine Geneigtheit des Freundes, auf seine "lyrische" Stimmung einzugehen.

Unsereins ist freilich zu unbedeutend, fuhr Benno, immer von der Kammer aus, fort, Gegenstand so hochmogender Discussionen zu werden. Was wurde denn erortert? Das nachste Fastnachtsprogramm? Ich ware fur Mercur's Triumphzug! Alle neun Musen mussten hinter dem Handelsgott hergehen und ihm die schmeichelhaftesten Opfer bringen! In der Mitte ein grosser Wagen ganz mit Rosinen gefullt und Alexander von Humboldt davor als ein ganz gewohnlicher Kutscher in eurer Livree! Dann eine Heringstonne, Schelling und Hegel dahinter mit Loschpapier in der Hand, Fichte im grauen Rock mit der Ladenschurze! Dann eure heiligen drei Konige hier als Importeurs von Thee, Taback und Indigo Melchior, der schwarze, noch mit einem Zuckerhut in der Hand oder sind Sie fur Runkelrube?

Ohne im mindesten sich reizen zu lassen von Benno's "lateinischem Stolze", unterbrach Thiebold nur mit den einfachen und hochst gelassen geseufzten Worten:

Nicht einmal kleinen Zucker im Vorrath!

Damit holte er tief wehmuthsvoll einen Stiefelknecht aus dem Zimmer, in dem Benno's jugendlich knospende Praxis in dem Repositorium lag und wo er des Abends nach Hause kommend immer zuerst musterte, was etwa neu eingetroffen von seinem Schreiber in die kleine Baumschule kunftiger fruchttragender Process-Obstgarten gelegt war, wahrend er sich dabei die Stiefeln auszog.

Thiebold zerklopfte ein grosses Stuck Zucker, das er gleichfalls aus Benno's offenem Schreibsecretar, Kassa und Speisekammer zu gleicher Zeit enthaltend, genommen hatte ...

Nun, erzahlen Sie doch von Ihrer Reise! sagte Benno und setzte, dies jedoch etwas kleinlauter, hinzu:

Waren Sie denn auch in Lindenwerth?

Thiebold klopfte am Fenstersims Zucker; Benno trat im Hauskleide an den Kaffeetisch ... Sein geschornes Militar-Haar war schon wieder voller gewachsen und setzte auch seine gewohnte naturliche Krauselung an. Sein Teint, immer etwas bleich, war heute von einer milden Rothe angehaucht. Sein Hals lag offen, wie die Brust, die die ganze braunliche Schonheit hatte, die von den Alten am Manne so geruhmt wird. Beide Freunde hatten sich ganz wohl zu einem Modell der Dioskuren stellen konnen; vorausgesetzt dass der Kunstler sowol eine kleine Neigung Thiebold's, mit seinen lichten Milchblutformen und dem sozusagen blonden Habitus seiner ganzen Constitution etwas ins Allzuvolle uberzugehen, und bei Benno im Gegentheil eine gewisse brennende und an die mit phrygischer Mutze geschmuckten Gestalten neapolitanischer Fischer erinnernde Magerkeit weise gemildert hatte.

Auf die Frage: Waren Sie denn auch in Lindenwerth? war die Thiebold'sche Gegenfrage: Gestern ist ja wol Ihr Vetter angekommen? gewissermassen Blodsinn und doch lag eine Antwort darin.

Beide namlich, Benno und Thiebold, waren von dem Zwiespalt in Armgart's Familie unterrichtet; beide wussten, dass Armgart's Lehrerin, Angelika Muller, an den Dechanten etwas Entscheidendes in dieser Angelegenheit geschrieben hatte; doch kannten sie den nahern Inhalt der Erklarungen Armgart's nicht und mochten den Obersten am wenigsten drangen, ihnen mitzutheilen, was Bonaventura in der Morgenstunde, wo sie noch nicht die Lehmschanze ersturmt hatten, doch schon fruh genug aus waren, um einen forcirten Marsch zu unternehmen, bei ihm gewollt hatte. In Armgart's Angelegenheiten war etwas vorgefallen, das hatten sie, als sie Abends spat todmude zuruckkamen, schon gemerkt; aber selbst Benno wusste von der Wanderung vom Huneneck an bis zur Maximinuskapelle aus Armgart's eigenem Munde uber ihre heimlichen Gesinnungen gegen den Vater nichts weiter, als dass sie vor Sehnsucht brannte, ihm ein paar selbstgefertigte Tragbander zu schenken ... Nun liess sich fast annehmen, dass Bonaventura auch mit Auftragen des Obersten und Dechanten fur Lindenwerth erschienen war und darin lag denn doch eine gewisse Logik der Thiebold'schen Gegenfrage.

Was soll ihm denn hier werden? fragte dann Thiebold und klopfte Zucker in Hoffnung, von Armgart zu horen.

Er ist auf heute fruh zum Kirchenfursten bestellt ... sagte Benno und hob den Deckel der Maschine auf, die stark genug war, Wasser zum Sieden zu bringen. Man vermuthet eine Berufung an den Dom ...

Sieh! Sieh! ... Blieben Sie denn noch in Kocher lange nach mir?

Ein paar Stunden! steuerte Benno auf die feierlichere Beilegung der Differenz zu. Ich hatte Eile zu meinen Arbeiten zuruck! Und Nuck schrieb mir Auftrage fur die Reise noch bei einigen Gutsbesitzern und Bauern ... ich kann alle Stunden gewartig sein, wieder auf ein paar Commissionen hinaus zu mussen ...

Ich hoffe, dass Sie Ihren Vetter bei uns einfuhren! liess Thiebold fallen. Wann wollen Sie mit ihm bei uns speisen?

Mein Vetter ist hochst einfach und liebt die Gesellschaft nicht ... Auch will er schnell nach St.-Wolfgang zuruck, obgleich ich hore, dass der Kirchenfurst unpasslich ist und ihn vielleicht gar noch nicht einmal empfangen kann ... Die reizbare Eminenz ist, wie mir Enckefuss erzahlte, in einer gewaltigen Aufregung, die ihn um so mehr erschuttern mag, als er sie ausserlich nicht verrath.

Nun war der verhangnissvolle Name Enckefuss gefallen ... Thiebold wich aber noch aus und sagte:

Dass ich von der Dechanei so kurzen Abschied nahm! ... Ich bereu' es fast ... Hat sich das Verhaltniss mit der Dame nicht ausgeglichen?

Wissen Sie denn nicht? fiel Benno ein.

Was soll ich wissen?

Wahrend ich noch mit Frau von Gulpen zu ihren Gunsten parlamentirte, war sie ja abgereist ... Aber erfuhren Sie denn nicht, im Kattendyk'schen Hause ?

Was?

Mit Ihrem Zauberweibe haben Sie Ihre schlechten Cigarren unter Einem Dache geraucht!

Ich weiss kein Wort ...

"Zauberweib" war ein Ausdruck gewesen in Thiebold's grosser Apostrophe an Benno's Herzlosigkeit. Dies Wort wirkte jetzt auf ihn wie die beschamende Erinnerung an einen Rausch ...

Er wollte etwas erwidern, verschluckte es jedoch wegen nicht ausreichender Stimmmittel ...

Himmel! fuhr Benno fort. Wenn diese scharfen Augen und Ohren das Neglige Ihres tapfern Herzens und besonders Ihrer Zunge belauscht hatten!

Welche denn?

Diese neue Bewohnerin des Kattendyk'schen Hauses! Lucinde Schwarz!

Gott sei Dank! Ich schwieg den ganzen Abend

Schnuphase vermittelte das Engagement! Auf die Folgen bin ich begierig!

Deshalb war Piter so geheimnissvoll Noch im Bahnhofe

Wo ?

Wir brachten Pitern vor einer Stunde auf den Bahnhof! Er ist nach Witoborn, um eine Liegenschaft anzukaufen ...

Aus der Enckefuss'schen Schuldenmasse? Sieh! Sieh! Das nenn' ich rasch bei der Hand!

Wie so, Enckefuss'sche ? Ich habe am Ende Pitern noch das Geleit gegeben, ein Angebot auf die Grundstucke zu machen, die der Oberst und Hedemann kaufen wollten?

Beruhigen Sie sich! ... Indessen

Eben wollte Benno seinem Freunde auseinandersetzen, dass sich der Assessor von Enckefuss auf seine, Benno's, Verwendung an den Procurator Nuck gewandt hatte, ihm in der Befreiung seines uberschuldeten Vaters von den bittersten Verlegenheiten behulflich zu sein ... Eben gab er eine Schilderung der Verhaltnisse des Rittmeisters, die ganz den Erinnerungen, die von diesem Lucinde haben musste, entsprach ... Eben musste er zugleich sein Erstaunen ausdrucken, dass, wenn Piter Kattendyk wirklich die Enckefuss'sche Masse erstehen wollte, dies nur im Auftrage seines Schwagers geschehen sein konnte, jedoch in einer Eile, die ihn wahrhaft uberrasche als Thiebold vom Fenster aus eine ungewohnliche Aufregung auf dem kleinen Platze bemerkte.

Was gibt es denn da? unterbrach Thiebold in plotzlichem Ausruf Benno's und seine eigene Besorgniss, die er fur Hedemann's Muhle aussprechen wollte, die einen Theil der uberschuldeten Enckefuss'schen Besitzthumer bildete ...

Auch Benno hatte schon lange ein ungewohntes Treppenlaufen in seinem kleinen Hause bemerkt, war auch ans andere Fenster getreten und bestatigte schon, dass an einem ganz in einen Winkel des kleinen Platzes gedruckten Hause ein starker Zusammenlauf von Menschen stattfand, ja eben bestieg sogar ein Polizeicommissar eine nach der Strasse offen liegende Treppe des von den Menschen aufgeregt umstandenen Hauses ... Die Menschen drangten nach ... Der Commissar wandte sich und verbot jedem, nur auch einen Schritt weiter zu folgen ... Damit schloss er die Treppenthur hinter sich zu und verschwand.

Thiebold hatte in seiner raschen Art schon zum Fenster hinausgesprochen, was denn da ware?

Es ist die Nacht einer ermordet worden! hiess es.

Wie? Wer? riefen beide Freunde zugleich.

Eine Frau!

Die sanguinische Natur Thiebold's hatte schon den Hut in der Hand und sturzte die Stiege hinunter, um wenn nicht fur sich, doch fur seinen Freund Benno eine fur so nahe Nachbarschaft beunruhigende Thatsache festzustellen.

Indem kamen bereits die Wirthsleute Benno's und berichteten ihm, dass in dem Hause druben eine alte stadtbekannte geizige und nach allgemeiner Vermuthung reiche Frau diese Nacht ware ermordet worden ... Die Milchfrau hatte die Thur ihrer Wohnung offen gefunden ... ware hineingegangen und hatte die alte Dame mit einer Schlinge um den Hals erwurgt gefunden, dicht am Kuchenherde.

Eine Frau Hauptmannin hiess es; der Name ging Benno verloren, zumal in der Eile, mit der man auf jeden aussein musste, der neue Mittheilungen brachte.

Benno, inzwischen vollends angekleidet, wollte gleichfalls seinen Hut holen. Ohnehin bekummerte ihn, da ihn gestern Nachmittag ausschliesslich Bonaventura in Anspruch genommen und er Nuck nicht gesprochen hatte, die plotzliche Ahnung einer Gefahr, in die sowol Hedemann's und des Obersten Ankauf als selbst die momentane Schuldenbefreiung des Landraths und Rittmeisters von Enckefuss gerieth. Der "schone Enckefuss" besass daheim, soweit Benno wusste, keinen einzigen Beistand, keine einzige Hulfsquelle mehr. Die Glaubiger konnten sein Eigenthum, ein grosseres Anwesen vor und in Witoborn, in Anspruch nehmen und schon hatte Hedemann davon eine Muhle und deren Gerechtsame fur sich erstehen wollen von einem der Witoborner Juden, der darauf eine Hypothek hatte, die dem ganzen Werthe des Grundstucks fast gleichkam ... Kaufte Hedemann sie von dem Glaubiger, so erstand er sie zu geringerem Preise. Trat aber ein Gesammtkaufer ein, der die Schuldner befriedigte und wie der Assessor fur seinen Vater hoffte sich mit diesem, der ohne Besitzthum nicht mehr Landrath sein konnte, arrangirte, so fielen vielleicht Hedemann's Hoffnungen nicht nur auf einen wohlfeilen Preis, sondern vielleicht uberhaupt die fur den Ankauf und eine neue Begrundung seiner Existenz vorhandene Moglichkeit dieser Erwerbung fort. Liess Nuck, ohne seinem Hulfsarbeiter davon etwas zu sagen, diesen Ankauf in solcher Eile und hinter seinem Rucken vollziehen noch gestern fruh war kaum die allgemeine Bereitwilligkeit des oft gar seltsamen Procurators gewonnen gewesen , so fiel zwar die Hoffnung gerade nicht fort, dass Hedemann seine Muhle bekam, doch jedenfalls wurde der Preis grosser, als durch den Ankauf von jenem Einzelnen, der seine Hypotheken retten wollte. Und noch war seiner schnellen Combination sogleich etwas Anderes rathselhaft gewesen. Nuck's Neigung, dem bedrangten Enckefuss zu helfen, schien ihm keine aufrichtige. Er hatte es sogar anfangs ganz unbedingt abgelehnt. Und sogar von Hedemann und dem Obersten hatte er die Worte fallen lassen: Bester, was ist denn nur das? Ich hore ja, diese beiden Leute sind aus Amerika zuruckgekommen und noch nicht ein einziges mal hat einer von ihnen hier oder in Kocher am Fall oder in Witoborn einer Messe beigewohnt? ... Benno wollte aufs schleunigste zu Nuck oder Enckefuss.

Ein Gluck aber zunachst fur den Kaffee, dass eben auch Thiebold wieder zuruckkam ...

Rasch zuspringend auf das ubersiedende Wasser und ohne die Bereitung des Fruhstucks aus dem Auge zu verlieren, erzahlte er:

Ja das ist schon! Ein richtiger completer Mord! Ich bin von der Wache hinaufgelassen worden und habe mir die Geschichte angesehen! Hinter den Vorhangen im zweiten Stock druben ... Schauerlich! ... Braun und blau ... In der Kuche dicht am Feuerherd liegt eine alte Person ... mit 'nem grasslich entstellten Angesicht ... und gerade als wollte sie in Todesangst hinunterkriechen unter den Verschlag, wo das Holz liegt ... Der Morder fasste sie dabei von hinten ... erwurgt ist sie ... daruber kann kein Zweifel sein ... alle Schranke und Kommoden in den Vorzimmern sind erbrochen ... ringsum liegen Papiere zerstreut und durchwuhlt ... und wie bei einer completten Hexe sieht's aus ... ausgestopfte furchterliche Vogel und Fussdecken von wilden Thierfellen und lange indianische Lanzen mit Pfeilspitzen und Kochern .... Die Milchfrau klingelte und klopfte heute fruh, findet die Thur offen, geht hinein und sieht die alte Person auf dem Pflaster der Kuche liegen, wie gesagt, gerade am Feuerherd.

Keine Vermuthung auf den Morder? rief ein Chor von Hausbewohnern, der sich die Resultate der Thiebold'schen Erkundigungen nicht entgehen lassen wollte und das Vorrecht der Wirthsleute, einzutreten, durch Nachdrangen mitbenutzt hatte.

Ich horte nichts! ... sagte Thiebold.

War sie denn ohne Bedienung ? stotterte ein alter zum Tod erblasster Garcon aus der Dachstube, der sich im Nachtkamisol sein Fruhstuck eben selbst geholt und die Milchkanne zitternd in der Hand hielt.

Ihr letztes Madchen, erzahlte man, war schon vor Wochen abgezogen sie wartete auf ein neues die Person war beruchtigt, dass kein Dienstbote bei ihr langer als vier Wochen aushielt ... Erst in neuerer Zeit blieben manche etwas langer ... Das waren Madchen, die aus den Klostern oder von Vereinen geschickt wurden ...

Da bei alledem dennoch die Frau Wirthin frisches Weissbrot, Milch und die im Keller aufbewahrte Butter brachte, so kam der Name der Hauptmannin von Buschbeck noch einmal an Benno's Ohr und jetzt erst war es ihm, als hatte er diesen doch kurzlich von jemand nennen horen ...

Erst, wie die Wirthsfrau erzahlte, die Frau wohnte dort oben schon seit sieben oder acht Jahren, ware steinalt gewesen, nie mehr ausgegangen und schon von andern Stadten ware sie um ihrer Bosheit willen hierher gekommen ... und der, der sie umgebracht hatte, der musste Bescheid gewusst haben ... erst wie das alles allmahlich auf Benno einwirkte und ihm plotzlich die Erinnerung kam, dass er einen ubel beruchtigten, leider mit seinem Principal, dem Procurator Nuck, vertrauten Mann, einen gewissen Jodocus Hammaker, einen verdorbenen Advocaten, Winkelagenten und Makler verdachtiger Geschafte zuweilen Abends von jener Stiege herabkommen gesehen hatte ... erst da fiel ihm ein: Auf jener Fahrt von St.-Wolfgang fragte ja Lucinde Schwarz nach einem solchen Namen und nannte ihn geradezu eine Schwester der Frau von Gulpen!

Benno stand so in Nachsinnen vertieft, dass er Thiebold's Bemerkung, eben kame der Assessor von Enkkefuss mit einem Schreiber daher und ginge auf das Haus des Frevels zu und nahme wahrscheinlich das Protokoll auf, uberhorte ... Die Grauengestalt jenes Hammaker verliess ihn nicht ... Und Frau von Gulpen! ... Seine Empfindungen fur die Freundin seines Adoptivonkels waren die dankbarsten! ... Seine fruhesten Knabenerinnerungen bewahrten der wunderlichen, an sich respectabeln Frau ein mannichfach verpflichtetes Andenken! ... Seine fruhesten Lebenseindrucke ... welche waren es denn? ... Das lachelnde Antlitz einer schonen vornehmen Frau, die einst wie unter Harfenklangen und Engelstimmen und gerade wie selbst bei der grimmigsten Nordlandskalte sich die Kindheit in der geweihten Nacht um der duftenden Aepfel, Nusse und Wachskerzen willen die sternenhellen, eisigen Lufte draussen nur vom Lobgesang der Hirten und dem Flugelrauschen himmlischer Heerscharen erfullt denkt, aus einer glanzenden Kutsche stieg, sich uber ihn beugte und ihn kusste ... eine weite Reise dann, die sich ihm unter dem Bilde einer endlosen Reihe von Baumen eingepragt hatte, solchen, wie sie bei nurnberger Schafereien krauskopfig von Holz geschnitten sind und ebenso rasch umfallen, wie die langen Schwadronen bleierner Soldaten ... das Blitzen dann der Epaulettes des franzosischen Offiziers Max von Asselyn, der ihn adoptirt hatte ... nicht, dass diese Epaulettes noch auf des Adoptivvaters Schultern sassen, sondern er spielte mit ihnen, mit den abgelegten, ausgedienten ... dann klangen ihm im Gedachtniss die dumpfen Glocken, die das Begrabniss Maxens von Asselyn bedeuteten; den Sarg hatte er nicht gesehen, nur den vom Kirchhof zuruckkehrenden Geistlichen, eine hohe machtige Figur in weissem Ornat mit goldstarrendem Besatz, den Pfarrer Perl zu Borkenhagen ... dann tummelte er sich mit Hedemann auf dem Gehoft der Aeltern desselben, ritt nach Witoborn, Westerkamp und sah im Geiste immer die Leute aus der alten Ludgeri-Kapelle bei Stift Heiligenkreuz kommen mit Gesangbuchern, von denen sich, wie das so ist in unserm wunderlichen Vorrathshause, dem Gedachtnisse, gerade vorzugsweise der blitzende goldene Schnitt eingepragt hatte ... auch die vierspannige Kutsche des Grafen Joseph von Dorste-Camphausen, des letzten seines Stammes, Vaters der Grafin Paula, sah er oft ... dann wurde er in Pensionen gegeben, hierher an den schonen Strom, erst in die Residenz des Kirchenfursten, dann unter Bonaventura's, des schon etwas Aelteren Aufsicht nach der nahe gelegenen Universitat, wo er die Vorbereitungsschulen und dann die Hochschule selbst besuchte alles das hatte der Dechant moglich gemacht und Frau von Gulpen spielte bei diesen Phantasmagorieen der Erinnerung die freundlichste und mutterlichste Rolle ... er wie Bonaventura wurden versorgt von ihr mit allem, was nur zu des Leibes Pflege und Nothdurft gehorte, Ausstattung an Wasche und wohlwollenden Rathschlagen aus ihrem bekannten reichen Schatz medicinischer und diatetischer Erfahrungen ... Zwischen alles das aber hindurch hatte er nie von einer Schwester der Freundin seines Oheims gehort, nie nur den Namen fruher nennen horen als zum ersten male durch Lucinden ... Und jetzt sollte dieser sich so grauenvoll in Erinnerung bringen? Sollte in eine Verbindung treten mit dem stillen Frieden der Dechanei? Sollte in jene leidenschaftslose, nur der Ruhe und dem Behagen gewidmete Welt die dustersten Schatten werfen?

Die Schonung und die Scheu vor Menschen, denen Benno so dankbar verpflichtet war, hinderte ihn selbst gegen Thiebold sein Erstaunen und seine tieferschutterte Ueberraschung auszusprechen.

Unruhig und bewegt stand er auf und schritt in seinem Zimmer, deren Thuren er offnete, auf und nieder ...

Thiebold nahm, wahrend sie dann von den Leuten frei wurden, die Thur schlossen und fruhstuckten, seine Bemerkung, dass der Assessor von Enckefuss druben im Hause der Ermordeten ware, dann Piter's Reise und die Gefahr des Hedemann'schen Ankaufes wieder auf. Letztere stellte jedoch Benno entschieden in Abrede.

Nur staun' ich, sagte er, wie das seit gestern so rasch gegangen! Schon in Kocher am Fall theilte ich Hedemann und dem Obersten mit, dass ich, wenn etwa Nuck der Gesammtglaubiger des Herrn von Enckefuss wurde, dafur Sorge tragen wollte, dass Hedemann die Muhle um den Preis bekame, den er an den auf sie angewiesenen Hypothekenglaubiger zahlen wollte. Alle diese Glaubiger lassen mit Freuden ihre Hypotheken mit einem Verluste ab, wenn sie nur uberhaupt die Subhastation vermeiden konnen, bei der sie verlieren; denn auf diese Besitzungen wurde mehr Geld aufgenommen, als sie jetzt Werth haben. Kauft Nuck durch seinen Schwager die Hypotheken auf, so wird er der alleinige Glaubiger des Verschuldeten und ich hoffe indessen wunscht' ich doch zu wissen, ob der Assessor lange druben verweilt und ob er vielleicht

Heruber kommt? unterbrach Thiebold, sehr befriedigt von der dann nothwendigerweise eintretenden vollstandigen Aussohnung. Und dieser Aussohnung schon gewiss sagte er: Es ist einzig, welchen Nachdruck der Oberst und Hedemann auf diese Erwerbung bei Witoborn legen!

Beide haben, erklarte Benno und fixirte die Fenster, wo die Ermordung stattgefunden die Kuche selbst lag nach hinten auf eine dustere und einsame Brandmauer hinaus beide haben den Stolz, da, wo sie zu Hause sind, mit dem gebuhrenden Nachdruck ihrer ganzen alten Lebensstellung wieder auftreten zu wollen!

Hm! grubelte Thiebold und setzte kleinlaut hinzu: Wie viel anders konnte das alles sein wenn Glauben Sie wol, Asselyn, unterbrach er sich, dass ich einmal, ich will nicht sagen jetzt, aber in einem Jahre oder zwei, einen Korb bekomme, falls ich als Burgerlicher

Benno verstand vollkommen, dass Thiebold von einer Werbung um Armgart und den Vortheilen einer Verbindung des Vaters mit seinem Vermogen sprechen wollte.

Burgerlicher? D e Jonge! sagte er scheinbar ironisch, wahrend ihm alle Nerven zuckten und Thiebold's auch nur angedeutete Werbung einen Stich durchs Herz gab.

De de ? Ach so, Sie meinen sagte Thiebold verlegen ...

De Jonge ! Wer wird Ihnen einen alten niederlandischen Adel abstreiten konnen!

Einen Adel, der viel Mesalliancen durchgemacht hat! Wir handeln jetzt mit Brenn- und Nutzholz, aber kein Baum hat uns je so morsch auf Lager gelegen wie unser Stammbaum!

Das D e sagt immer etwas

Horen Sie 'mal, meine sel'ge Mutter war sogar eine geborne Tor Tor Mohlen!

Zur Muhlen! Sie sehen, wie alles zusammenkommt, um das Wasser auf Ihre Muhle zu treiben!

Aber Joseph Tor Mohlen Twist und Baumwolle

Haben Sie denn nicht gehort, dass der Oberst von Hulleshoven nicht ubel Lust hat, mit Hedemann die Muhle ganz einfach in eine Papierfabrik zu verwandeln?

Nach dem Dechanten, als die Rede davon war, ein blosser Scherz ...

Scherz, den der Oberst ernst zu nehmen der Mann ist! Oder haben Sie nicht bemerkt, dass in diesem Sonderling ein Gelusten lebt, dem ganzen Geiste seiner Provinz gleichsam einen Fehdehandschuh hinzuwerfen?

St! unterbrach Thiebold, der bei alledem so in Gedanken verloren war, dass er seine Absicht ganz vergessen hatte, die Ruckkehr des Herrn von Enckefuss aufs Fenster blickend abzupassen und ihn gemuthlich, als ware nichts zwischen seinem geliebten Hedemann und dem Assessor im Garten des Wirthshauses am Kreuzwege vorgefallen, anzurufen. Aufhorchend fuhr er fort: Sie bekommen Besuch!

Man horte auch das gleichmassige und sichere Ersteigen der Treppe durch einen festen Schritt, der an der Thur Benno's Halt machte ... Es klopfte und ohne erst lange ein Herein! abzuwarten trat der Assessor von Enckefuss ins Zimmer.

Vom Schauplatz eines Mordes zu kommen wird den Ruhigsten in Aufregung bringen. Der Assessor war sonst ein Mann von einer seltenen Bestimmtheit und Fassung; heute, in aller Fruhe schon vom Lager gerufen, um den Thatbestand eines seltenen Verbrechens aufzunehmen und den Eifer und Scharfsinn seiner Beigeordneten zur Entdeckung des Urhebers in Bewegung zu setzen, fehlte ihm fast jene Selbstbeherrschung, die ihn nie und nur dann verliess, wenn er sich einmal von einem im Grunde heftigen Temperamente fortreissen liess. Aus dem Scherze, den er sich im Behagen, von seinem taglichen Amtsverdruss auf einige Tage einmal ausgespannt zu sein, gegen Porzia Biancchi erlaubt hatte, wurde ohne Benno's Dazwischenkunft leicht gegen Hedemann eine rasche und schwer zu bereuende That geworden sein.

Die gewohnte Kaltblutigkeit des etwa im Anfang der Dreissiger befindlichen, wohlgewachsenen und imponirenden Mannes kehrte zuruck, als er Thiebold de Jonge sah, der ihn seit dem Zusammenstoss mit Hedemann vermieden und in Kocher ganz an Benno uberlassen hatte. In jeder Lage, wo ein anderer durch eine unerwartete Storung in Verlegenheit gebracht wird, knopft ein Charakter wie der Assessor sozusagen einen Knopf noch mehr zu und wird noch kuhler werden, als ohnehin schon in seinem Wesen und Benehmen liegt. Nun also schon wieder in dem gewohnten Tone einer vor nichts erstaunenden Ruhe und Kalte sagte der in seinem Amte gewiegte, in seinen Unternehmungen von guten Erfolgen begleitete Beamte:

Herr von Asselyn! Ich suchte Sie gestern Abend uberall vergebens mein Vater ist angekommen in dem Drang seiner Angelegenheiten begaben wir uns sofort zu Nuck eine Viertelstunde und die Verstandigung war gemacht ich danke das ohne Zweifel Ihrer Vorbereitung! Machen Sie meinem Vater das Vergnugen, heute im Englischen Hofe mit uns ein Fruhstuck einzunehmen Auch Sie, Herr de Jonge, sind vielleicht zugegen obgleich Sie die Nacht nicht geschlafen haben! setzte er nach einer leichten Verbeugung lachelnd hinzu.

Woher wissen Sie das? fragte Thiebold mit nicht erkunstelter Kalte.

Benno, um Reibungen zu vermeiden, hielt sich an die Ueberraschung, die ihm die Ankunft des Rittmeisters und Landraths von Enckefuss verursachte. Er wiederholte einigemal: Ich war bei meinem Vetter im Schnuphase'schen Hause sieh, sieh nun ist mir das schnelle Arrangement erklarlich!

Thiebold bereute indess seine Aufwallung ...

Um eine Coalition der Hypothekenglaubiger zu sprengen, fuhr der Assessor fort, reiste Herr Kattendyk noch in dieser Nacht nach Witoborn ab man hat Sie in aller Fruhe im Bahnhof gesehen, Herr de Jonge also vermuth' ich, dass ich richtig errieth indessen bis zwolf Uhr, wo uns mein guter Alter erwartet, konnten Sie noch ausgeschlafen haben und es wird Sie freuen, Herr de Jonge, ich habe ausdrucklich die Kauflichkeit der Muhle fur meinen intimen Feind, Herrn Remigius Hedemann, beim Vater und bei Nuck ausbedungen auch zu dem Preise, fur den sie der Glaubiger ablassen wollte! Dass diese Sorgen hinter mir liegen, dank' ich Ihnen, Herr von Asselyn! Also ich hoffe, Sie kommen!

Benno schutzte, wenn er ausbleiben sollte, die Abhangigkeit von Bonaventura vor.

Thiebold, rasch jetzt erwarmt und versohnt, ruckte mit seinem Stuhle dem Assessor naher, zeigte ihm das auf dem Platz so zunehmende Gewuhl, dass schon Militarwache berufen wurde, die Leute vom Eindringen in das Haus, wo die That begangen war, zuruckzuhalten, und fragte nach seiner Ansicht uber den Vorfall.

Das ist eine traurige Affaire! sagte der Assessor. Die Alte wurde mit einer Schlinge erwurgt, gerade wie man einem Stier den Hals zuschnurt und ihn dann niederzieht! Sie muss von ihrer Stube bis hinten in die Kuche gefluchtet sein, wo der Morder sie am Feuerherd festhielt und so vollends

Und keine Vermuthung? fragten beide Horer zu gleicher Zeit.

Gesindel haben wir genug in der Stadt! sagte der Assessor und lehnte die angebotene Theilnahme am bescheidenen Fruhstuck nicht ab. Sie wissen ja von dem Knecht aus dem Weissen Ross, der in St.-Wolfgang den Sarg erbrochen! Der Mensch soll hier in der Stadt gesehen worden sein! Uebrigens war diese Frau beruchtigt durch ihren Geiz. Seit Jahren ging sie nicht mehr aus. Dennoch fehlte es um sie her nicht an Verkehr. Sie nannte sich eine Frau Hauptmann von Buschbeck, wahrend ihr nur ein anderer Name gebuhrt er steht in den Acten. Geldmittel erhielt sie mit grosser Regelmassigkeit von unserer Freiherrlich Wittekind-Neuhof'schen Kameral-Verwaltung bei Witoborn. Vor vielen Jahren war sie in Diensten des alten Freiherrn von Wittekind!

Benno horte mit beklommenem Herzen die Bestatigung der Beziehungen der Ermordeten zu Schloss Neuhof ...

Die Alte, fuhr der Assessor fort, kam vor sieben oder acht Jahren hieher und brachte bald die Polizei mit sich in Beruhrung. Kein Dienstbote blieb langer als einige Wochen bei ihr, mancher kaum einige Tage. Sie qualte und mishandelte sie so lange, bis niemand mehr zu ihr ziehen wollte. Bei dem Geiz ihrer Lebensweise hatte sie fur sich allein auskommen konnen, ohne Bedienung, aber wahrscheinlich hatte sie das Bedurfniss der Gesellschaft. Sie half sich zuletzt, wie ich gehort habe, durch einen Rath Ihres in allem kundigen Procurators!

Nuck's? fragte Benno sinnend und keineswegs erstaunt ... Die Klugheit desselben war ihm gelaufig.

Sie deponirte ein Testament mit Nuck's Hulfe und bekam von ihm oder von seinem damaligen Gehulfen Hammaker

Benno bemerkte ein momentan aufblitzendes, wenn auch nur ganz kurzes Leuchten in den Augen des Assessors

Von Hammaker, glaub' ich, den Rath, einer geistlichen Schwesterschaft ein Legat auszusetzen und sich von dieser dann die Dienstboten besorgen zu lassen. Der Vermittler ist Schnuphase Sie kennen ihn ja ! Dass unser gefalliger und so zartfuhlender Herr Maria die Auszahlung des Legats durch eine am Halse der Alten angebrachte Schlinge hat befordern wollen, ist nicht anzunehmen ...

Ebenso wenig wie von einer der durch die Schwesterschaft zugefuhrten Magde ... erganzte Thiebold mit jener aufwallenden Empfindlichkeit, die hier zu Lande bei der geringsten Reizung religioser Beziehungen ublich ist.

Meine Herren, sagte der Assessor lachelnd, ich werde Sie schonen und Ihr Ohr auch nicht mit der Ansicht beleidigen, dass die bekannte Schwesterschaft zu den Nothhelfern die Alte hat umbringen lassen ...

Und fast verdriesslich lehnte er eine zweite Tasse Kaffee ab und wollte sich entfernen. Ihm genugte, die Einladung gemacht zu haben zum Fruhstuck mit seinem lebensfrohen und jetzt, wie es schien, ganz sorglos gewordenen Vater.

Benno versicherte, dass Thiebold ohne Vorurtheile und vollkommen neugierig genug ware zu vernehmen, welche Rolle bei diesem tragischen Vorgang die Schwesterschaft zu den Nothhelfern spielte.

Meine Herren, sagte der Assessor, ich gehore Ihrer Kirche nicht an, aber wenn Sie es horen wollen, so versichere ich Sie, dass Hamlet's Wort zu Horatio: "Es gibt Dinge unter dem Monde, die unsere Schulweisheit sich nicht traumen lasst!" hier am Platze ist. Diese Frau bekam vor drei Jahren keinen Dienstboten mehr; seitdem sie aber mit Hammaker, wollt' ich sagen mit Nuck gesprochen, geht alles. Die Schwesterschaft beauftragt Schnuphase, die Madchen vom Lande zu holen. Lebensfrohe passen naturlich fur diese Stellung nicht und solche, die zuletzt in ein Kloster gehen, entdeckt schon ein so kundiger Blick wie der des Herrn Wachslichterfabrikanten. Die Aufgabe, die Kloster, zu bevolkern, ist von Rom gestellt. Wir haben der Kloster noch immer mehr, als mit der Richtung und dem Geschmack des neunzehnten Jahrhunderts im Einklang steht. Was ist zu thun? Man muss ihnen einen Zuwachs kunstlich erwerben. So werden die Wallfahrten in Aufnahme gebracht, so fangen die wunderthatigen Heiligenbilder an Blut zu schwitzen und Thranen zu weinen, so werden Vereine gestiftet, Gesellen-, Meister-, Lehrlingsvereine, Vereine fur Erkrankung und Beerdigung, Vereine fur Bildung und Unterhaltung, Nahvereine fur die Madchen, alles unter kirchlichen Formen und mit geistlicher Assistenz und vor allem hat Rom den Beweis zu fuhren, dass wirklich fur die Kloster eine nicht mehr zu hemmende Sehnsucht im Volke vorhanden ware. So lockt man die Gemuther in die Bahn der Entsagung, fesselt sie durch entsprechende Vorbereitungen, macht sie mit den auch dem Klosterleben nicht fehlenden Annehmlichkeiten vertraut und die Folge ist, dass

Doch nicht etwa, fiel ungeduldig Thiebold ein, die Person da druben von Jesuiten oder sonst einem Eurer Gespenster umgebracht ist?

Der Assessor erhob sich und nahm zwar nur die Miene an, als wenn ihn der zunehmende Larm auf dem Platze zwange zu seinen Amtsgeschaften zuruckzukehren, aber es vertrieb ihn eine unverkennbare Aufwallung und Entrustung.

Rasch abbrechend und aufs neue an die Hoffnung erinnernd, beide Freunde um zwolf Uhr im Englischen Hof bei seinem Vater zu finden, verliess er ohne viel Formlichkeit das Zimmer.

Und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: Freund, wenn Sie sich doch nicht in Dinge mischten, die Sie nicht verstehen! begann nun Benno:

Da haben Sie jetzt die Antwort auf Ihren Witz und Ihren gewohnten Scharfsinn!

Nein aber auch unglaublich, was diese Menschen herausspioniren! polterte Thiebold.

Seien Sie versichert, mein Bester, sagte Benno, dass der Assessor von Enckefuss die Jesuiten fur keine Gespenster zu halten vollkommen berechtigt ist! Die Bewegung auf diesem Gebiete ist fur den, der im Dunkeln sehen kann, die eines Ameisenhaufens! Ich habe, wie Sie wissen, an und fur sich meine Freude daran. Nicht weil ich dieser Pfafferei und dem romischen Wesen den Sieg gonne, sondern weil in die dumpfe Stille unserer Zustande, in die Stagnation jedes politischen Lebens, in die niedergehaltene patriotische Kraft und nationale Gesinnung denn doch irgendetwas hereinbricht und der geistigen Sklaverei, der Bureaukratie, dem in allen Massnahmen vorausgesetzten "beschrankten Unterthanenverstande" ein Ende macht! Ich gehe nicht so weit wie Nuck, dem die Religion Bagatelle ist und der sich nur vergnuglichst die Hande reibt, weil die Minister, die z.B. so erbittert seine Assisen und seinen Rechtscodex hassen und verfolgen, nun doch einmal von der sonst loyalsten Seite aus und innerhalb einer gar nicht zu bestreitenden Berechtigung jetzt in die argsten Verlegenheiten gerathen diesen Cynismus der Gesinnung besitz' ich nicht wie Sie denn uberhaupt in Kocher am Fall, bester Freund, meine Verehrung vor dem verbitterten und die Sacktrager um ihr Kegelschieben beneidenden Mann unerlaubt ubertrieben haben! Von Ihrer ganzen Auffassung meines Herzens und meiner Lebensansichten werd' ich uberdies die Ehre haben, Ihnen einfach zu sagen, dass Sie sich irren, lieber alter Freund! Ich habe einen unverwustlichen Trieb zur Gerechtigkeit und wer den hat der wird andern immer kalt erscheinen! Seine Prufung, niemanden Unrecht zu thun, wird immer langer dauern als der flackernde Enthusiasmus der minder Bedenklichen. Von meiner personlichen und Privat-Lebensstimmung will ich gar nicht reden, aber die Zeit selbst wird so ernst, lieber Freund, die Umstande, die uns umgeben, wachsen zu solcher Bedeutung heran, dass wir mit unserm blos so dreinfahrenden naturlichen Instinct die grossten Thorheiten und sogar Sunden gegen den Heiligen Geist begehen konnen! Lassen Sie mir nur mein Sibirien im Herzen, lieber Freund! Es ist so kalt nicht, dass ich nur mit Pelzhandschuhen zu tractiren ware! Aber auch wenn es drin Sommer werden sollte, wird eine gemildertere Temperatur immer gut sein Ihren Extremen gegenuber, Ihren Aufwallungen, Ihren unbedachten, frevelhaften, hochst maliciosen

Benno musste sich schon zuruckziehen ...

Denn Thiebold war so vollkommen aufgelost vor Zerknirschung, Reue, Seligkeit, Stolz, einen solchen Freund zu haben, vor so merkwurdiger Ueberraschung, "dergleichen zu horen", vor so aufrichtiger Dankbarkeit, "dergleichen zu lernen", dass ihm schon mit beiden zur Versohnung ausgestreckten Handen das Schrecklichste der Schrecken, eine Umarmung, drohte ...

Benno fuhr sich retirirend fort:

Ihre Extreme sind immer das Echo des letzten energischen Eindrucks, den Sie irgendwo empfangen haben! Wettert der Oberst gegen die Misbrauche unserer Kirche, so sind Sie zum Ketzer reif! Hier dem Assessor gegenuber sehen Sie keine Jesuiten und rennen vielleicht heute noch vor Ekstase in einen Beichtstuhl!

Nie! Nie! Seit neun Jahren nicht! Auf Ehre! versicherte Thiebold, nun wieder wie ein zweiter Huss und Wiclef.

Dann schamen Sie sich, fuhr Benno fort, dass Sie dem vernunftigen Mann seine Fahrte durchkreuzten, die gerade doch auf einen Menschen hinauszukommen scheint, der sich dem bosen Weibe unter gewissen religiosen Vorspiegelungen und Intriguen zu nahern wusste ...

Indem trat Benno's Schreiber ein, ganz erfullt von dem Vorfall, dem die Bewegung schon der halben Stadt galt ...

Benno nahm von Thiebold's sich selbst anklagenden lyrisch-sentimentalen Vorwurfen Abstand und sagte:

Ich will arbeiten, wenn der verdammte Larm mich dazu kommen lasst! Sie aber, de Jonge, gehen Sie nach Hause und schlafen Sie aus und lassen Sie sich Punkt halb zwolf Uhr wecken! Ich bin begierig, den alten Haudegen, den Rittmeister von Enckefuss, kennen zu lernen! Ja Sie mussen schon deshalb dabei sein, um sogleich an Hedemann schreiben zu konnen! Vielleicht erzahlt uns auch des Assessors Vater, was Hedemann gegen ihn so speciell auf dem Herzen hat!

Damit wurde denn Thiebold fast gewaltsam von Benno zur Thur hinausgedruckt, und er ging; im Hochgefuhl, seinen starken und festen Freund wieder ganz so zu haben, wie er seiner bedurfte. Zwar knirschte er an seiner Kette, lag aber doch mit solcher Wonne an ihr, dass er jetzt jedem, der ihm etwa auf der Strasse und bis zu den Holzhofen seines Vaters hinauf von Bekannten begegnete, die "Ideen" (freilich als die seinigen) wiederholt haben wurde, die er soeben von Benno gehort hatte. Ja er wurde jetzt keinen Anstand genommen haben, anzudeuten, dass die Frau Hauptmannin von Buschbeck ein "nachtliches Opfer der Jesuiten" war.

Fur Benno, der sich zur sofortigen Abfassung erst eines discret vorbereitenden Briefes an den Onkel in der Dechanei und dann zum Arbeiten setzen wollte und von dem Schreiber die wirren Geruchte, die er theilweise schon kannte, wiederholt erhielt, war es ein seltsamer Eindruck, beim nochmaligen Hinunterblikken auf die Strasse, wo jetzt der Zudrang der Menschen von einem Piket Soldaten abgesperrt wurde, den Assessor von Enckefuss uber die leergewordene Mitte des Platzes, allgemein sichtlich, dahinschreiten zu sehen mit jenem Manne, den er einige male in nachtlicher Weile von der Treppe des Hauses gegenuber hatte herniedersteigen sehen, Jodocus Hammaker ...

Er kampfte mit sich, nicht den Verdacht auf diesen Mann irgend jemanden schon auszusprechen ... Denn Hammaker war der Vertraute seines Principals in einem Grade, der schon seit einer Reihe von Jahren um so mehr das Erstaunen der Stadt war, als sich gegen die Rechtlichkeit des vielbewunderten, vielgesuchten und so ausserordentlich reichen, deshalb auf Umtriebe nicht im mindesten angewiesenen Schwagers Piter Kattendyk's, Dominicus Nuck, nicht das Mindeste einwenden liess.

2.

Zur selben Stunde klopfte es im Kattendyk'schen Hause auf das allerheftigste an jene Thur, hinter welcher Treudchen Ley heute nur zwei Stunden hatte schlafen konnen.

Denn schon um sechs Uhr glaubte sie aufstehen zu mussen. Gut und gern hatte sie sich bei dem Befinden ihrer Herrschaft und der Freiheit ihrer Mitdienenden noch eine Stunde gonnen durfen, um die durch ein Misverstandniss verlorene Nachtruhe wenigstens um einen Traum mehr nachholen zu konnen.

Freilich war sie mit einem Traum erwacht, nach dem sie nie mehr wieder anders hatte traumen mogen.

Sie hatte getraumt leibhaftig ihre Mutter zu sehen ... nicht etwa als Lebende, wie sonst, sondern als Todte, Erstandene, als seliger Geist und wirklich vom Jenseits her sie anredend und begrussend ...

Eben, wie sie der Thurmschlag der sechsten Stunde, wie sonst die Thurmuhr der alten braunen Stadtkirche in Kocher am Fall weckte, sprach doch gerade die Mutter mit ihr wie aus einer sie verklarenden Wolke heraus, streckte formlich ihr die Arme dar und lachte fast, unter Thranen und vor Wonne, sie nun gleich mit einer einzigen nur noch ein wenig weiter auszudehnenden Bewegung umfangen zu konnen ...

Und sie selbst hatte das Wort: Mutter! wie einen Jubelton gerade auf den Lippen ... wollte gerade in dem ganzen Ueberschwall des Herzens mit den Armen die geliebte, seltsamerweise nur im Oberkorper sichtbare Gestalt umfangen, den freundlichen, lebenswarmen Mund an ihre Lippen drucken, da gerade erwachte sie und sie erwachte auch vielleicht nicht ... sie war vielleicht vorher schon wach und dieser Traum war die ganz wirkliche Erscheinung eines seligen Geistes gewesen.

Glucklich durch diese immer mehr sich befestigende Ueberzeugung, glaubte Treudchen nun, dass die Mutter in irgendeiner Form leben konnte und wach sein und ganz dicht um sie und uber sie und ihre Geschwister, die im Waisenhause der Stadt waren, schweben ... Die Pein des Fegfeuers musste sie also glucklich und schnell uberstanden haben, dank der grundlichen Versehung mit den letzten Heilsmitteln durch den geliebten Priester, der taglich und stundlich von ihr und ihrer hochverehrten Freundin und Beschutzerin Lucinde Schwarz erwartet wurde. Nachdem sie sich eben aus ihrem Danae-Zustande Danae muss blond gewesen sein, weil ihre Schonheit Jupitern auf den Gedanken brachte, sie gerade in ihrer eigenen Gestalt zu uberraschen in die erste nothwendigste Kleidung geworfen und ihr auch Jupiter-Piter's Zudringlichkeit dabei nicht mit allzu grellem Schrecken eingefallen war, fuhr sie nur zusammen bei dem schnellen Ersteigen der Treppe draussen, das sie horte, und bei dem Klopfen an ihre Thur.

Sie offnete ...

Es war das so liebe gute herzige Fraulein Lucinde! Sie kam in ihrer taglich jetzt an ihr gewohnten schwarzseidenen vornehmen Tracht, die ihr doch gerade stand als wollte und konnte sie alle Tage Aebtissin werden.

Kind! rief Lucinde, heute in einem ganz weltlichen Tone, den sie noch gar nicht an ihr vernommen hatte; das Aller-Allerneueste ... ich komme schon aus der Fruhmette ...

Treudchen konnte nichts Schlimmes erwarten; denn Lucinde war zwar ergluht vor Aufregung, aber nicht gerade wie uber einen Unglucksfall ...

Die ganze Stadt ist in Bewegung fuhr jedoch Lucinde, sich erst etwas erholend, fort; diese Nacht ist ja die Frau, Kind, bei der du dienen solltest, ermordet worden!

Nun stand sie freilich starr ... Dass das ein angstlicher Dienst gewesen ware, wusste Treudchen schon von dem Stadtpfarrer Hunnius, der unbedingt auf Lucindens Verlangen die Aenderung des Schnuphase'schen Engagements getroffen hatte .... Schnuphase hatte auf dem Lande ein anderes Opfer suchen mussen, ein Opfer, bei dem immer sozusagen zwei Fliegen, ja oft drei mit Einer Klappe getroffen wurden: Eine Magd fur die gottselige Testatorin, die Frau Hauptmannin von Buschbeck; eine Nahterin entweder fur die Schwesterschaft zu den Nothhelfern oder fur seine eigenen heiligen Gewand-Stickereien oder fur einen mysteriosen Weisswasch-Handel seiner Tochter; und zuletzt drittens, da alle diese Institute ohnehin schon uber die Sprachgitter der Kloster hinausfuhrten, manchmal auch noch eine der von Rom so dringend verlangten Braute des Himmels fur diese Kloster selbst ... Aber die Freude, die Genugthuung, die Lucinde uber dies traurige Ende zu empfinden schien, konnte sie ihr denn doch nicht nachfuhlen.

Ich komme die Strasse daher, erzahlte Lucinde und raffte sich aus ihren wie jetzt ganz lebendig gewordenen und um sie her just wie in einem Krebskorb drangenden Kindheitserinnerungen, den Zwetschenkernen, den Tauben, den Mausen auf; ich komme die Strasse daher und will zur Kathedrale! Da hor' ich ja das lebhafte Reden der Menschen, das Rennen nach einer bestimmten Gegend hin, und an einem Platz, wo ich, seitdem ich hier bin, taglich zu den Fenstern habe aufschauen mussen, weil ich wusste, da wohnt der schlimme Drache, erfahr' ich, was ihm begegnet ist! Es hat sie einer umgebracht! Hinauf durft' ich nicht, aber ich hore, sie liegt kalt in der Kuche am Feuerherd ...

Lucinde erzahlte das mit sichtlichem Behagen. Aber jetzt bekam sie doch einen Schauer, als uberliefe sie Eisesluft ... Da, wo sie einst meinen Tauben den Hals umdrehte! rief ein ganzer Chor von schadenfrohen Damonen in ihrer Brust und die schuttelten sie.

Wer es gewesen ist, fuhr sie fort, weiss man noch nicht! Schildwache und Polizei stehen am Hause! Treudchen! Treudchen! Wenn du bei ihr gedient hattest!

All ihr Heiligen! So wurd' es vielleicht nicht geschehen sein! sagte die Kleine und klagte sich nun gar selber an ...

Was? Es hatte dich mittreffen konnen! berichtigte Lucinde und streichelte die Fulle des goldenen Haares, die Treudchen sich bei alledem ihr Anziehen nicht vergessend mit einer kuhnen Schwenkung um den weissen Nacken warf.

Treudchen fand sich in die Auffassung ihrer Gonnerin.

Und was wirst du nun heute beginnen? Wie war die Nacht? Ist dein Nachbar fort, der junge Herr? fragte Lucinde in Eile und den Tod der Buschbeck gleichsam wie ein fertiges und bereits eingebundenes Buch in die Bibliothek ihres Lebens stellend.

Ich will sehen, dass ich meine Geschwister im Waisenhause besuchen kann ! erwiderte Treudchen, die uber die Erwahnung der Nacht und des Nachbars uber und uber errothete ...

Lucinde bemerkte aus den hervorgestotterten Antworten nichts Besonderes und es drangte sie ja auch mit Macht, jetzt zu sagen:

Der Pfarrer von St.-Wolfgang ist angekommen!

Auf den freudigen Ausruf Treudchens fuhr sie fort:

Ich erfuhr es schon gestern Abend bei der Commerzienrathin ... die Domherren sprachen davon ... Wirst du hingehen, ihn zu begrussen? ... Ich dachte doch! ... Thu' es ja!

Ich hoffe, Madame Delring lasst mich ein Stundchen ausgehen!

Indem klingelte es einige Zimmer weiter und sogar zweimal ...

Lucinde war schon auf dem Sprunge zu gehen ...

Aber Treudchen sagte:

Nein, das gilt dem Bedienten! Einmal geklingelt das bin ich! Dreimal ist unten die Kathrine, die Kochin! Die Herrschaft will jedoch von jetzt an allein zu Mittag speisen! Das Treppensteigen wird der Madame zu beschwerlich!

Lucinde schuttelte den Kopf, als wollte sie sagen: Nein, das ist nicht der Grund! ...

Sie hielt aber an sich und liess dadurch Treudchen Zeit aufs neue zu dem Erlebniss mit der ermordeten alten Frau zuruckzukommen. Ihrem grossten Triumphe konnte Lucinde gar nicht einmal Worte geben; denn wem gonnte sie mehr diese Demuthigung als der Herrin der Dechanei zu Kocher am Fall, Petronella von Gulpen? Hatte sie nur die Verwandtschaft noch ein wenig bestimmter gewusst! Der Name "Fraulein von Gulpen" fur die Hauptmannin von Buschbeck schien hier niemanden gelaufig wie einst ihrem Stadtamtmann damals in der Stadt, wo sie bei ihr gedient hatte. Selbst Schnuphase, durch den doch die gewiss erst von der aussersten Noth und Verzweiflung abgerungenen frommen Spenden der Ermordeten gingen und den die Schwesterschaft zu den Nothhelfern in Bewegung setzte, um mitzuhelfen das ausgesetzte Legat zu erwerben, selbst Herr Maria hatte nichts gewusst von dieser ursprunglichen Herkunft und so nahen Verwandtschaft seiner Schutzbefohlenen mit der hochverehrten Dame in der Dechanei.

Doch selbst wenn Lucinde uber die Verwandtschaft ganz sicher gewesen ware, hatte sie vielleicht ihren innern Jubel, der jede Leidenschaft naturlich, Liebe wie Liebe und Rache wie Rache nahm, gemassigt. War doch ihr fester Vorsatz, in diesem Hause, das ohnehin so wirr und gerauschvoll auf sie einsturmte, und uberhaupt in ihrem ganzen Benehmen sich auf ein Nichts zu stellen ... Dein bischen Verstand willst du an die Kette legen! Das hatte sie sich schon gesagt, als ihr Schnuphase zur Seite sass und in seinem von ihm selbst gefahrenen Wagelchen genugsam ihre Satire herausforderte. Du willst nicht lachen uber die Devotion des Mannes, nicht uber seine Sprechweise, nicht uber den Durst seines Gaules, der immer auch den seinigen involvirte, wenn er auf ihrer fast einen Tag dauernden Reise abstieg! Sie liess ihn erzahlen von den Bienen, von seinen Tochtern, von allen offenen und geheimen Schwester- und Bruderschaften, von Gespenstern und Geistern und Wundern, von Ruckkehrenden aus dem Jenseits, die berichteten, welchen Vorzug dort oben die Rechtglaubigen genossen, von den Nonnen, die wieder die blutenden Male des Erlosers zu zeigen anfingen, von allem liess sie ihn reden und staunen und hutete sich wohl ihrer Art so den Zugel schiessen zu lassen, wie etwa an der Maximinuskapelle uber die Heiligenbilder Napoleone Biancchi's oder die alten Munzen und die seltsame Production der Jahrhunderte beim Wirthe zum Weissen Ross. Sie glaubte alles, selbst an die Frommigkeit der Frau Hauptmannin und an die andachtigen Lieder, die diese zu ihrer Guitarre mit zwei Saiten abendlich singen sollte. Sie glaubte an das Gluck aller der Madchen und jungen Manner, die Herr Maria schon uberredet hatte in die Kloster zu gehen. Sie glaubte an einen Krieg, den Oesterreich erklaren wurde, wenn dem Kirchenfursten nur irgendein Harchen gekrummt wurde ... Immer nur horte sie und blinzelte mit den Augen und nahm sich vor, durch Denken, Urtheilen, Aufblicken niemanden in der Welt mehr aufzureizen. Auch im Hause der Kattendyks, vor der unruhigen, ewig agitirten Frau Commerzienrathin, vor der anspruchsvollen noch ledigen Tochter, vor der eiteln Frau Procurator Nuck, vor den Hausfreunden blieb sie sich in dem System, ungefahrlich zu erscheinen, gleich. Sie antwortete nur, wenn sie gefragt wurde. Und gewiss war das ein eigener Eindruck, die hoch aufgeschossene Gestalt mit dem so ausdrucksvollen schwarzaugigen Kopfe, der vorgeneigten Stirn, den behenden ebenmassigen Gliedern, weltkundiger Art des Benehmens, doch in dem Hause so an den Wanden entlang schleichen zu sehen, jedem ausweichend, niemanden ansehend. Und diese Rolle war nicht einmal ganz Verstellung. Sie hatte wirklich in tiefster Ueberzeugung die Ansicht gewonnen, dass in ihr besonders fur die Frauen etwas Herausforderndes und Verletzendes lage und dass sie es jetzt ganz gut, ganz klug treffen wurde, wenn sie sich um jeden nur irgendwie auffallenden Effect lieber gleich selbst brachte.

Ihr Bangen dabei war Bonaventura's Ankunft und

seine mogliche Begegnung mit dem Monche Sebastus! ... Diese Furcht mehrte nicht wenig die Angst und Sorge ihres in der That eingeschuchterten und bitter vergramelten Gemuths.

Den Monch hatte sie noch nicht entdecken konnen,

aber taglich horte sie von ihm reden und seine Flugschriften und die Aufsatze bewundern, die er in die Welt streute. Mit dem Wandeln, den Topf in der Hand, wie Beda Hunnius geschildert, mag es doch wol nicht so weit her sein! hatte sie sich schon spottend gesagt; aber kaum entdeckte sie, dass sie am Abendtisch der Commerzienrathin, vor dem silbernen Theeservice, bei einem solchen Einfall uber des Monches Heiligkeit die Miene verzog, unterdruckte sie auch schon den Zweifel und horchte und lauschte nur und schien uberhaupt immer nur still vor sich hin zu beten ... Die Gesellschaft der Commerzienrathin staunte uber so viel Frommigkeit. So oft von dem Domvicariate, das zu besetzen war (von Bonaventura's moglicher Designation schien man noch keine Ahnung zu haben), die Rede ging, ergoss sich uber ihr ganzes Sein ein warmer Strom, in ihren Adern fing es an zu rinnen und merkte das denn doch z.B. der alte Ex-Schauspieler Potzl, der eigentlich nur die Aufsicht uber zwei Bologneserhundchen der Commerzienrathin zur einzigen Lebensaufgabe hatte, und sagte dergleichen, so war es nur ihre Theilnahme fur den neuen Glauben gewesen. Ach, ihr neuer Glaube war: Hier in dieser grossen Stadt erhort dich Bonaventura doch noch und nennt dich seine einzige und wahre Liebe! Als sie den Domherrn Taube und sogar zweifelnd berichten horte, die Grafin Paula von Dorste-Camphausen zu Westerhof bei Witoborn hatte neuerdings wieder Visionen gehabt und verrichtete sozusagen Wunder und als im Gegentheil der Medicinalrath Goldfinger vom Standpunkte einer gotterleuchteten Naturwissenschaft an dieser Moglichkeit gar nicht im mindesten zweifelte und auch die Commerzienrathin schon die Hande faltete und alle Schaden ihres Leibes und ihrer Seele uberlegte, die sie vielleicht der "Seherin von Westerhof", wie man sogleich den Titel feststellte, zur Begutachtung und Heilung vortragen konnte (von Piter's Reise gerade dorthin auf Witoborn zu konnte nicht gesprochen werden, da Piter nicht mehr "der Mann" war uber seine Schritte im Hause irgendjemanden Rechenschaft zu geben), da erwachte schon wieder die alte gluhende Eifersucht in Lucinden und ihr, der Aufgeklarten, ihr, die z.B. zu Treudchen's Erzahlung, sie hatte eben ihre Mutter gesehen und ordentlich mit ihr gesprochen, tief uberzeugt entgegnen konnte: Kind, die Todten sind todt! stand fest, dass Paula bereits die Annaherung Bonaventura's in ihren Lebenskreis merkte und in Ekstase gerathe nur durch das von ihr geahnte Naherkommen dessen, mit dem sie im magnetischen Rapporte stand.

Auch Treudchen gegenuber blieb Lucinde bei den Schleiern, die sie uber ihr ganzes Wesen deshalb ziehen zu mussen glaubte, um nicht neue Dolche in ein Herz gestossen zu bekommen, das ihr fur neue Tauschungen keine Kraft mehr zu haben schien.

Und als es nun unten im ersten Stocke lebendiger zu werden anfing und sie leise auf den Corridor hinaustrat, um lieber gleich uber Piter's luftige Treppe auf den Schauplatz ihres Wirkens zuruckzukehren, sagte sie noch:

Kind! Die Commerzienrathin mochte gern manches wissen, was Madame Delring thut! In welchen Buchern sie lase? Ob sie betete? Ob sie lange mit ihrem Mann allein sprache? Die Frau will ihr Kind im Glauben ihres Mannes, der Protestant ist, taufen lassen! Das ist ein grosser Kummer fur die ganze Familie! Gib darauf Acht, was dir etwa ketzerisch erscheint! Sag' es immer erst mir, damit ich sehe, ob man es wieder berichten muss! Auch verlange fest und bestimmt, dass du alle drei Tage in die Messe gehen musstest! Die Commerzienrathin will das! Sage nur, du warst's einmal so gewohnt und hattest sonst keine Ruhe! Horst du? Ich soll es dir sagen!

Treudchen, die diese Anleitung zur Rechtglaubigkeit ganz in der Ordnung fand, hatte gern auch einige Winke gehabt fur ihr Verhaltniss zu ihrer so nahen Nachbarschaft, zu Pitern und seinen Freunden, und sie hatte, wenn Lucinde ihre schuchterne Andeutung hatte nicht verstehen wollen, das Erlebte selbst erzahlt; aber Lucinde huschte schon davon und flusterte nur noch, indem sie Treudchen uber das Gelander etwas Geld in die Hand steckte:

Da! Wenn du den Pfarrer besuchst, kauf' ihm Blumen! Horst du? Am Dom stehen so wunderschone! Ist er nicht zu Hause, so stelle sie selbst ins Zimmer! Horst du? Nicht etwa durch die Damen Schnuphase verlang' es, dass du es selbst thust! Sie gonnen dir's nicht und geben sie ihm nicht! Einen grossen vollen machtigen Strauss kaufe und mit Orangenbluten horst du? Man verkauft sie so! Vergiss es nicht! Aber um Himmels willen, sprich nicht von mir!

Treudchen war nun schon allein und beeilte sich, die Windungen ihres Haares zu befestigen ihr schwarzes Merinokleid hatte ihr schon vorher Lucinde hinten geschlossen und die selbstgestickten Pantoffeln vertauschte sie mit Schuhen vom besten, freilich etwas derben kockerer Leder.

So beim Ueberbeugen zur Erde was machte da nicht alles die Brust eines so jungen Lebens schon so schwer! Die gestrige Scene mit dem "jungen Herrn"! Nun der Mord der Frau, bei der sie hatte dienen sollen! Die Ankunft des Pfarrers und die Blumenspende! Die Aufsicht uber die ketzerischen Gesinnungen ihrer Herrschaft! Ihre Geschwister unter den Waisen! ... Ware nicht der volle Nachhall der Erscheinung ihrer Mutter gewesen und es noch so in ihr lebendig, als horte sie deutlich das Jubelwort: Treudchen! das die Mutter sprach, und ihr eigenes angstvoll seliges Mutter! sie wurde jetzt nicht so ruhig hier am Spiegel haben stehen und ihren ubergelegten Kragen ordnen konnen ... In Lucindens Blumengruss an den Pfarrer konnte sie nichts Auffallendes finden. Gute katholische Seelen wissen es, dass sie nichts zu verabsaumen suchen sollen, was nur irgend dazu dienen kann, einem Geistlichen Freude zu machen. Sind die Geistlichen ausgeschlossen von den gewohnlichen Freuden des Lebens, haben sie das zu entbehren, was andern Trost und Erhebung gewahren kann, eine Familie, Gattin, Kinder, Liebe und Hingebung, so ist es Pflicht aller derer, fur welche sie diesen heiligen Lebenswandel fuhren, ihnen eine stete Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen den vollen Genuss alles dessen zu gewahren, was es ausserhalb des Glucks der Hingebung, besonders eines weiblichen Herzens, sonst noch Wohlthuendes in der Welt geben kann. Dies Lieben mit der Seele, dies Umwerben und Umschmeicheln eines Geistlichen mit steter Huldigung soll, sagt man, zu den besondern Gluckseligkeiten derselben gehoren.

Und Treudchen war so aufgeregt, dass es ihr jetzt vorm Spiegel war, als sprache die Hasen-Jette hinter ihr: Nun, was ist, Treudchen! Bist alle halbe Jahre einmal hubscher geworden! Wirst auch jetzt um die Trauer nicht zuruckgehen! Kinder von Metzgern, Treudchen, sind immer schon! ... Eine Ansicht, die die Hasen-Jette am wenigsten um ihren David zurucknahm ... Und auch Nachbar Grutzmacher's Stimme horte sie: Ei, potz Blitz! Hatt' ich nicht schon mein Bundel da (er bekam dabei von diesem Bundel, seiner Ehehalfte, einen vertraulichen Schlag auf den breiten Rucken), so wurdest du noch die Frau Wachtmeisterin werden konnen, Treudchen!

Treudchen wartete auf das einmalige Klingeln ...

Es erfolgte nicht ...

Sie trank ihren Kaffee ... Er war so stark, dass ihre ganze Familie an der Verdunnung ein Sonntagsfruhstuck gehabt hatte.

Die Mitmagde, die Bediente musterten sie ... Es gibt zweierlei Blondinen ... Solche, die wie eine Maiblume bluhen und duften konnen, aber auch ebenso schnell mit einem einzigen wunderholden Mai wieder verwelken; und solche gibt es, die man Kern- oder Dauerblondinen nennen sollte, weil sie noch als Greisinnen so anmuthig sind wie herbstlich gerothete Aepfel. Treudchen gehorte zu letztern. Wie schon stand ihr das schwarze Merinokleid zu der hellen Farbe ihrer Haut! Fast zu schmuck machte sich der Florbesatz in den goldgelben Windungen ihres Haares! Und nun lag gar zum Ausgehen schon da der von ihr selbst zum Begrabniss gefertigt gewesene schwarze Sammthut, in den sich ihr Kopf zurucklehnte, wie auf eine Folie, die den Glanz noch erhoht! Und die kostbare schwarzseidene Mantille, die ihr schon gestern gleich bei der Ankunft Madame Delring als eine "abgelegte" geschenkt hatte! Eine abgelegte und noch so neu und glanzvoll! ... Madame Delring war eine eigene, vielleicht sehr reizbare, vielleicht hochst wunderliche Frau; sehr vornehm, sehr stolz ... aber gegen Treudchen war sie weich und milde. Lucinde hatte das Treudchen gleich vorausgesagt. "Die Frau Delring wird dich in ihr Herz schliessen!" Nach zehnjahriger kinderloser Ehe war Frau Delring plotzlich in die Hoffnung gekommen. Wenn Treudchen die Augen ihrer Herrin so eigenthumlich umflort sah, so wusste sie erst jetzt, dass vielleicht die ernste blasse Dame, die in Gluck und Glanz zu leben schien, an die Kampfe dachte, die mit dem theuern Keime ihres Herzens ihr wurden mitgeboren werden. Es handelte sich schon seit Monden im taglichen Gesprache nicht nur ihres Hauses, sondern der ganzen Gesellschaft um die "Religion" des erwarteten Kindes ...

Nun, da nicht geklingelt wurde, ging Treudchen von selbst an ihre Aufgabe, die vordern Zimmer zu putzen und in ihnen aufzuraumen und abzustauben.

Da gab es so viel des Kostbaren und Zerbrechlichen zu schonen, dass sie ihre Gedanken zusammennehmen musste!

Inzwischen vermisste sie etwas ... In dem kleinsten, fast wohnlichsten der reich ausgestatteten Gemacher hatte doch gestern Abend noch, wie sie fluchtig vorubergehend und sich doch dabei tief verneigend gesehen, mitten in einer kleinen Laube von Epheu ein kleiner Altar mit einer Mutter Gottes von Gold, Silber und Edelsteinen gestanden. Heute fand sie das Bild nicht an der Stelle, wo sie es suchte, um in aller Stille und noch von niemanden belauscht, zu ihm ein Gebet zu verrichten.

Sie suchte und suchte das Bild war nicht zu finden. Vielleicht war es so kostbar, dass es des Nachts verschlossen wurde, dachte sie erst. Sie stand am Eingang der Laube, in der Hand den Staubwedel. Der kleine Altar mit einem Weihbecken, das aber vollig wasserleer und sogar ein Stecknadelbehalter geworden war, war derselbe, wie gestern; die Gottesmutter aber fehlte ...

Nun sah sie sich darauf um im Gemach. Da stand ein schwellender Divan, mit grunem und in Streifen gesticktem Sammt bezogen, daruber her wie zu einem Throne erhob sich ein Baldachin von demselben kostbaren Stoffe mit schweren goldenen Fransen besetzt. Da standen kleine Fussschemel von demselben Aussehen. Auf einem Tische mit langer gruner golddurchwirkter Decke lagen Bucher und Musikalien, Naharbeiten, ein angefangenes kleines Kinderhemd mit kostlichen Spitzen besetzt ...

Sie sollte sich nach den Buchern erkundigen, hatte sie soeben von Lucinden vernommen ... sie konnte aber nicht glauben, dass es ketzerische waren. Noch gestern Abend hatte ja Madame Delring hier mit ihrem Gatten so traulich, so lieb gesessen ... er hatte ihr vorgelesen ... sie horchte zu und nahte dabei ... und daruber her gab ein bronzener Kronleuchter von drei gedampften Flammen in Glasglocken ein so eigenthumlich schones Licht ... und in einem Winkel, mehr dem von Vorhangen ganz verdeckten einzigen Fenster des Zimmerchens zu, stand aufgeschlagen ein Pianino ... noch lagen die Noten auf dem Pulte und seltsam genug erschien ihr schon gestern dies Instrument, das mit dem in der Dechanei keine Aehnlichkeit hatte, denn hier gingen die Saiten in die Hohe ... und so klein das Instrument war, doch hatte Frau Delring, kurz vor dem dass sie zu Bette ging, gestern noch einige Minuten lang darauf so sanft, so zart, so volltonend gespielt ... nirgends fand sie aber das Muttergottesbild.

Endlich da entdeckte sie es beim Abstauben auf dem Fussboden! In einem Winkel stand es, das kostbare Heiligthum! Wie entthront und von seinem Altar gesturzt! Es stand in einem Winkel, an einer kleinen Etagere, die mit bunterlei Dingen besetzt war, kleinen Spinnradchen von Elfenbein, kleinen Bauerhauschen von Holz, kleinen goldenen Papagaien in Ringen und mit Edelsteinaugen, ja mit einem niedlichen ausgestopften bunten Vogelchen, das sie vollkommen fur einen Kolibri erkannte ... da stand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf dem Teppich des Fussbodens! Gerade, als gehorte auch sie zu dem Spielzeug auf diesen Mahagonibretchen!

Letztern Gedanken fasste ihre bescheidene, von ihrer Herrschaft nur das Beste voraussetzende Seele gar nicht in voller Klarheit ... Sie wusste nun aber doch nicht, sollte sie das Bild jetzt erheben und wieder auf den Altar setzen oder durfte sie das nicht ... Es war ganz still um sie her ... nur auf der Strasse larmten und rasselten die Wagen ... Kirchenglocken lauteten ... sie beugte sich still zu dem Bilde nieder, kniete und betete zu ihm.

So manche Anrufung kannte sie, so manche Umschreibung des Englischen Grusses ... was sie aber auch leise jetzt so vor sich hinmurmelte, alles sollte Dank, Bitte, Hoffnung fur sich und ihre kleinen Geschwister sein.

Wie sie einige Minuten so gelegen und geflustert hatte, ganz unbekummert die Hande sogar mit dem gar nicht fortgelegten Staubwischer faltend, da horte sie ein leises Gerausch hinter sich ...

Erschrocken wandte sie den Kopf und liess vor Ueberraschung den Staubwischer fallen, als sie im Morgenkleide und grosser spitzenreicher Haube mit fliegend hangenden Rosabandern Madame Delring hinter sich sahe.

Auf den Teppichen, die durch alle Zimmer gingen, war die Herrin eingetreten, wahrend sie sich in ihrem Gebete verloren hatte.

Statt aber, dass sich Treudchen jetzt rasch erheben wollte, hielt sie Madame Delring nieder und bedeutete sie fortzufahren ... Ja als Treudchen verlegen zogerte und dennoch aufstehen wollte, ruckte Madame Delring mit dem Fusse selbst eines der kleinen Bankchen naher, fuhr mit der Hand uber ihre weiten und bauschigen schonen gestreiften Musselinkleider, die ehre Gestalt einhullten, und versuchte, sich nun auch selbst niederzulassen. Diese Bewegung war so schwer, so angstlich, dass sich Treudchen nicht hielt, sondern aufsprang und ihre Herrin unterstutzte ...

Langsam ging es, aber doch ganz bequem. Madame Delring kniete auf dem niedrigen Fussschemel. Mit stummer, leidverklarter, durchgeistigter Miene bedeutete sie Treudchen, in ihre fruhere Stellung zuruckzukehren, neben ihr zu knieen und im Gebete fortzufahren.

Als dies Treudchen mit klopfendem Herzen und voll Verlegenheit nicht wagte, sagte ihre Herrschaft leise und fast unhorbar:

So bete doch!

Treudchen begann nun aufs neue den Englischen Gruss, aber fur sich.

Laut! sprach Madame Delring sanft ...

Treudchen betete lauter, aber noch mit zitternder Stimme.

Recht, recht laut! ... sagte Madame Delring und hatte die Hande gefaltet und schien der Vorbetenden wortlich zu folgen.

Als Treudchen zu Ende war und schwieg, sagte die tief in Gedanken Verlorene und wie von einem unendlichen Leid Gedruckte und als wenn sie noch wenig von all den Worten gehort hatte:

Bete!

Nun wandte sich Treudchen erstaunt und bemerkte, dass die Augen ihrer Herrin feucht waren. Eine grosse und schwere Thrane rollte eben von den Wangen der nicht schonen, aber hochst wurdevollen und durch Haltung und Wuchs einnehmenden Frau.

Da ergriff es denn Treudchen wie mit geisterhafter Ermuthigung. Alles, was ihr von ihrer Firmelung und ersten Beichte und ersten Communion her an wohlgefugten Spruchen und Versen in Erinnerung geblieben war, sprach sie jetzt ungeordnet durcheinander und mit lauter Stimme. Sah sie sich um und fand, dass die Mitbetende ganz mit Entausserung ihres Standes wie eine Schwester, wie eine Mutter ihr folgte, so begann sie aufs neue und betete inbrunstig den Himmel auf die Erde herab. Alle nur moglichen Sunden, Eitelkeit, Hoffart, Unglaube, Geiz, Falschheit, wurden, weil die einmal in den Gebeten so formulirt sind, von ihr auch bekannt. Auch die einzelnen Fursprecher unter den Heiligen wurden namentlich aufgerufen, sodass jeder auch gerade den Fehler dargebracht bekam, auf den er gleichsam das Vorrecht hatte, dass ihn Gott gerade nur durch seine Vermittelung vergab ... der Gottesmutter dabei ganz zu geschweigen, die zuletzt wie mit ihrer Zauberhand Schloss und Riegel am Schatz der Gnaden sprengte und das Kind Jesu auf ihrem Arm nur immer so hineinlangen liess und Juwelen und Blumen und alle himmlischen Freuden der Vergebung auf die vor ihnen Knieenden niederwerfen.

Erschopft schwieg endlich Treudchen in ihrem sie wunderbar uberkommenen Priesteramte, das sie vollzog, als hatte sie eine Ahnung von dem Streit der "gemischten Ehen" ...

Madame Delring erhob sich, indem das junge Madchen aufsprang und ihr dabei behulflich war.

Dass Treudchen das kostbare und schwere Metallbild wieder auf den Altar unter die Epheulaube setzte, schien sich ihr jetzt von selbst zu verstehen. Es wurde auch von Madame Delring nichts dagegen eingewandt, als was die Schwere betraf ... Treudchen brachte es vollkommen und wie triumphirend zu Stande.

Madame Delring sammelte sich jetzt von ihrer Aufregung. Sie verbarg ihr feuchtes Taschentuch von kostlich duftenden Spitzen. Sie sah sich um, klingelte zweimal und bestellte mit gelassener Stimme ihr Fruhstuck ... Sie wusste, dass ihr Gatte schon unten im Comptoir war.

Mein Bruder ist ja verreist? fragte sie dann beklommen, sich auf den Divan zum Fruhstuck setzend ...

Treudchen sprach ein verlegenes: Ja! Sie kehrte dabei zum Ordnen der Nebenzimmer in diese zuruck ... Die Thuren standen offen.

Du wirst zu deinen Geschwistern gehen wollen! sagte Madame Delring.

Ich wollte darum bitten ...

Und in die Messe! Wie oft horst du sie? Ausser Sonntags!

Treudchen sollte sagen: Alle drei Tage! Aber sie konnte jetzt nicht, vielleicht niemals lugen ... Nur Sonntags! sagte sie.

Immer, wenn du ausgehst, komm' erst zu mir und frage, ob ich Bestellungen habe!

Ja, gnadige Frau!

Was ist die Uhr?

Halb neun!

Um neun kannst du gehen! ...

Die Empfindungen Treudchens, als sie dann ging und bis neun in ihrem Zimmer allein blieb, liessen sich nur mit denen einer freudig sich dahingebenden und sieggekronten Aufopferung vergleichen. Sie fuhlte, wie man fur jemanden sterben konnte, nur um ihn vom Uebel zu erlosen. Die Gottesmutter war die Siegerin geblieben! Es war ihr so leicht, so himmlisch beschwingt, dass sie dem ganzen Hause hatte zurufen mogen: Ich habe eine abtrunnige Seele gewonnen!

Um neun Uhr kehrte sie dann zuruck, um sich, wie sie sollte, ihrer Herrschaft noch einmal vorzustellen ...

Sie hatte nachgedacht, ob sie die so wieder in Gedanken verlorene und noch tief betrubt scheinende Frau nicht durch die Mittheilung des in der Nacht geschehenen Mordes unterhalten sollte und von dem Gluck sprechen, dass sie nicht in diesem grauenhaften Hause, sondern hier bei ihr leben konnte; doch uberlegte sie, und mit Zustimmung der andern Dienstboten, die Trepp auf Trepp ab liefen, dass Eroffnungen dieser Art bei dem Zustande der Gebieterin nur von ihrer Familie kommen mussten.

Wie Treudchen wieder in die vordern Zimmer eintrat, lag Madame Delring auf dem Kanapee ihres kleinen Boudoirs ... von rechts und links waren noch die Thuren offen und brachten das Licht, das durch das noch immer verhangene Fenster nicht einfallen konnte ...

Sie stutzte traumerisch das Haupt und hatte in der andern Hand ihr kleines Kinderhemdchen ...

Willst du ausgehen? sagte sie gelassen, als hatte sie das Besprochene schon vergessen ...

Treudchen trat naher ... sie hatte ihren schwarzen Hut auf und furchtete fast, nicht genug einem Dienstboten ahnlich zu sehen.

Freundlich aber zog Madame Delring sie naher ...

Sie lobte den Hut, band ihn jedoch dem hocherrothenden Madchen ab, weil sie meinte, er sasse nicht genug im Nacken ...

Nun deutete sie auf den Fussschemel von vorhin und liess Treudchen vor ihr niederknieen, um ihr selbst den Hut aufzusetzen ...

Dann begann sie noch an Treudchen's Haar zu ordnen ...

Wie schon dein Haar ist! sagte sie sanft und loste einige der Flechten und hielt sie lange in der Hand, fast ihre Schwere wiegend und dann gegen das Licht haltend ...

Wie Gold glanzt es! ... fuhr sie fort.

Nun band sie die Flechten anders ...

Halt nur still! sagte sie. Ich selbst darf mir ja nicht das Haar machen, wenn du zuruckkommst, ist es Zeit genug dafur aber dir darf ich's schon ... Geh' doch an den Dom! In das Gewolbe von Schnuphase! Ich lasse die Damen bitten meine Aussteuer nicht zu vergessen ... es wahrt eine Ewigkeit

Treudchen wusste, dass die Aussteuer fur das erwartete Kind gemeint war, und auch das wusste sie, dass sich ihre Mutter, als sie mit dem jungsten ihrer Geschwister ging, sich beim Haarmachen und sonst vor allem Binden und Verknupfen in Acht nahm

Weisst du denn auch das Gewolbe? fragte Madame Delring.

Ich finde es schon ... ich suche das Haus ohnehin, weil ich den Pfarrer von St.-Wolfgang, Herrn von Asselyn, begrussen will ... er hat meine Mutter "versehen" und wohnt dort ...

Moglich, Kind, fuhr Madame Delring fort, dass dich die Schnuphases in die Klostergasse schicken, wo die Schwesterschaft zu den Nothhelfern eine Nahanstalt hat! Sage da nicht, dass du so gut beten kannst! ... Oder konntest du in ein Kloster gehen?

Treudchen warf ihre grossen blauen Augen zu der seltsamen Fragerin empor und blieb die Antwort schuldig.

Madame Delring kam von ihrer Frage wieder ab, wie sie diese lichten, hellen, reinen Augen sah, die allerdings denen einer Heiligen glichen ... Sie fuhr mit den Fingern uber Treudchens nicht zu volle, etwas rothliche Augenbrauen und zeichnete sie gleichsam in ihrer Lange uber die Stirne hinweg nach ...

Dann kam sie auf die Schwestern zu den Nothhelfern zuruck und sagte:

Es ist ein Verein, der junge Madchen zum Nahen anhalt und Gutes thun soll! Ich weiss nicht manche von den Madchen, die dort arbeiteten, gingen ins Kloster ... Lass dich nur in keines verlocken, Kind! Sie wissen es so geschickt zu machen und so prachtig erst drin einzurichten, dass manche Novize anfangs glaubte, in Ewigkeit keinen Mann nothig zu haben, und um alles in der Welt lieber den Schleier nahm hernach aber ... Besonders wissen die Damen da von der Gasse wie heisst sie?

Doch schon unterbrach sich Madame Delring selbst und zog aus dem nachststehenden Tisch ein Kastchen hervor, das uber und uber mit Schmuckgegenstanden gefullt war, und nahm nach kurzem Suchen eine Rosette von schwarzem Stein an einer goldenen Nadel hervor, um sie in Treudchens Haar zu stecken ...

Wie Treudchen diese Freundlichkeit, die sie noch kaum fur ein Geschenk halten konnte, bemerkte, wollte sie sie ablehnen; Madame Delring sagte aber:

Kind, da schenk' ich dir einen ganz werthlosen Stein! Es ist geschnittene Lava!

Aber die Nadel sagte Treudchen hochergluht ...

Die ist gut! Lass aber nur es steht dir ja! ... So! ... Jetzt und sieh du tragst Ohrringe ! Weisst du wol, dass man keine Ohrringe mehr tragt? Und doch hab' ich dafur auch noch die Locher und weiss wie heute, wie mich's schmerzte, als sie gestochen wurden ich war schon funf Jahre das sind jetzt funfundzwanzig! ... Eigentlich aber lieb' ich Ohrringe und mag sie leiden! Weisst du, warum? Man sagt, es sahe unnaturlich aus; lieber Himmel, was ist an unserer Tracht naturlich? Im Ohr ist noch lange nicht in der Nase, wie die Wilden die Ringe tragen ...

Nun lachten beide Frauen ganz herzlich um die Wette ...

Madame Delring nahm die kleinen allerdings echten, aber unscheinbar und dunn gewordenen Ringelchen aus Treudchen's Ohren und suchte, ob sie nicht zwei andere kleine, nicht zu auffallende und mit einem Stein geschmuckte Berlocquen fande.

Die Frauen, sagte sie, wollen gar nicht mehr Sklavinnen sein, was diese Ohrringe bedeutet haben mogen! Aber ich denke mir das gerade schon, seinem Manne zu dienen! Warum denn ihm ganz gleich sein wollen! Wenn man die Sorgen und Noth bedenkt, die die Manner haben! War' ich hubscher, ich wurde mich ganz gern schmucken, um meinem Mann recht als seine Sklavin zu erscheinen! Die meisten Frauen haben genug Zeit, das Gefallen zu bedenken, das ihr Mann an ihnen haben sollte! Lieber Himmel, die Manner in der Turkei durfen immer jung bleiben und sich so viel Frauen nehmen, wie sie wollen! Wir sagen freilich: Wir gehoren dir auch mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Kind, wie oft thun wir's auch nicht!

Treudchen hatte von der Geduld sprechen mogen, die auch umgekehrt die Frau wieder mit dem Manne haben musse; doch verlor sie die Besinnung uber die Freundlichkeit ihrer Herrschaft, die jetzt in der That zwei kleine goldene Ringe gefunden hatte, die sie Treudchen einhangte. Sie gehorten zu einem grossern alten Ohrschmuck, den sie als zu auffallend in zwei Theile zerlegte.

Deine alten Ringe, sagte sie dabei ganz gemuthlich, ei, die kann man noch angeben!

Treudchen's vornehmste Bekanntschaften waren bisjetzt Frau von Gulpen in der Dechanei und die Majorin Schulzendorf gewesen. Wenn diese Frauen je nur so mit ihr geredet hatten! Von den Geschenken zu schweigen, die nur von einer reichern Frau kommen konnten ... Sie verstummte ganz vor Gluckseligkeit und konnte nur der freundlichen, immer leidend gelassenen Frau die Hande kussen.

Diese wickelte die alten Ringe in ein zerrissenes Briefcouvert und sagte:

Auf der Muhlenstrasse wohnt unser Juwelier Modes heisst er geh' bei ihm vor oder besser, ich lass' es sagen, er soll ein paar einfache Brochen schikken, da such' ich dir eine aus

Gnad'ge Frau! rief Treudchen und schlug die Hande wie ablehnend und bittend zusammen ...

Nein, nein, sagte Madame Delring, wir geben ja deine alten Ohrringe an! Herr Modes gibt schon etwas dafur! Solche kleine Handelsgeschafte mussen Frauen immer machen!

Sie griff nun nach dem kostbar gestickten Schellenzuge dicht neben ihr und zog zweimal.

Der Bediente kam und erhielt in Gegenwart des vor Erstaunen fast bewusstlosen Madchens den Auftrag, der Juwelier Modes mochte eine Anzahl einfacher Brochen zur Auswahl schicken.

Der Diener liess Morgenblatter und den heutigen Theaterzettel zuruck und meldete schon einen Besuch:

Herr Medicinalrath Goldfinger!

Ich bin ganz wohl! sagte Madame Delring plotzlich streng ...

Sie lehnte den Empfang des Arztes ab.

Wahrend Treudchen sich erhoben und kaum den Muth hatte, in einen gerade dicht vor ihr hangenden viereckigen Spiegel mit goldenem Rahmen zu blicken und von Madame Delring gewinkt bekam, sie wollte ihr auch noch den Hut aufsetzen, sah die Herrin zugleich in den vor ihr aufgeschlagenen Theaterzettel und las halblaut und ganz nur wie mechanisch:

"Gastvorstellung von Madame Serlo-Leonhardi. 'Das letzte Mittel.' Madame Serlo-Leonhardi: Frau von Waldhull. Im Zwischenacte Tanz: Cracovienne von Emmy und Flora Serlo" ...

Kinderballet! sagte sie. Ich mag die kleinen Affenkomodien nicht leiden ...

Und dabei band sie die Schleife an Treudchen's Hut, strich ihr noch einmal die Wange, zog und druckte den Hut ihr recht in den Nacken und gab, als sie sich uberzeugt hatte, dass die schwarzen Trauerhandschuhe Treudchen's noch ganz neue waren, ihr die Hand, die diese mit uberstromender Innigkeit an ihr Herz druckte und wiederholt kusste.

Inzwischen kam der Bediente zuruck und meldete:

Herr Potzl!

Madame Delring schuttelte den Kopf und sagte:

Nein!

Herr Kanonikus Taube!

Finster blickend liess sie fur alle Erkundigungen danken.

Auch diesen Besuch nahm sie nicht an.

Wol aber war ihr, als horte sie einige Secunden spater die Stimme ihres Gatten

Der war es denn auch. Herr Delring kam, weil der Medicinalrath und jetzt auch der Schauspieler und der Kanonikus nicht waren angenommen worden alle drei hatten ihre Meldung von dem Zimmer der Mutter aus, wo er selbst den Morgengruss gebracht, nach oben ankundigen lassen ; er besorgte, dass seine Gattin vielleicht nicht wohl, nicht guter Laune ware ... Schon horte man draussen seine Fragen nach dem Befinden seiner Gattin ...

Da aber, ehe er noch dasein konnte, erhob sich Madame Delring plotzlich und fuhr auf wie aus einem Traume. Ihre weitgeoffneten Augen schauten ringsum. Ihr Blick suchte irgendetwas, was sie beangstigte ... da auf dem wieder hergerichteten Hausaltar unter der Epheulaube stand die Storung. Schnell deutete sie auf einen in den Zweigen und Holzverzierungen der Laube hangenden Gegenstand und winkte Treudchen, diesen ihr zu reichen ...

Treudchen, die so an den Mienen der freundlichen Herrin hing und sich in ihre Art schon gefunden hatte, dass sie jeden ihrer Winke verstand, reichte ihr das Bedeutete dar

Es war ein durchsichtiger grosser, langer Silberflor, wie man ihn uber werthvolle Gegenstande zu breiten pflegt, um sie vorm Staube zu schutzen ...

Schnell! rief Madame Delring ...

Diesen Silberflor liess sie Treudchen jetzt anfassen und bedeckte rasch damit die Madonna auf dem Altare.

Inzwischen trat Herr Delring ein ...

Er war, wie immer, schon in weisser Halsbinde und schwarzem Frack, gleichsam als Reprasentant des grossen Hauses, der er fruher auch gewesen war, ehe ihn Piter entthront hatte, ein ernster, fast vornehmer Mann.

Nun die plotzlich ausbrechenden zartlichen Grusse, den Kuss, die liebevollen Wechselreden der beiden Gatten horte Treudchen nicht. Sie eilte mit klopfendem Herzen von dannen. Hinter ihr blieb ein Weib zuruck, das ihren Himmel im Manne ihrer Liebe fand.

3.

Im Hause unten, an dem Treppengelander fand Treudchen Lucinden stehen, die ein Papier in der Hand hielt und ganz in ihm versunken schien.

Es war ein grosser grauer Zettel.

Treudchen erkannte, dass es derselbe Theaterzettel war, der heute wie jeden Morgen oben wie unten abgegeben wurde ...

Es war schon spat geworden, aber gern hatte Treudchen sich in dem uberstromenden Gefuhl ihres Gluckes und ihrer Dankbarkeit noch zu Lucinden ausgesprochen ...

Sie trat auch zu ihr heran ...

Lucinde aber stand, als weilte sie gar nicht auf dieser Erde ... Sie bemerkte Treudchen nicht, so versunken war sie in die Angabe der heutigen Theatervorstellung ...

Treudchen wollte keine Zeit verlieren, storte Lucinden nicht langer und sprang die Stiege hinunter.

Unten in der Hausflur sah man recht, dass "der junge Herr" auf Reisen war!

Es war schon neun Uhr, alle Raume unten waren vom Geschaftsverkehr belebt, Makler kamen und gingen, in den auf den Treckkamp, Aschenkotter und Heiligenputz hinausgehenden Hinterhofen war das ruhrigste Leben horbar, aber der Portier grusste noch aus seiner unterirdischen Loge, stand noch nicht mit Dreimaster, Stab und Bandelier, wie Piter seit einem halben Jahre eingefuhrt und im Modell mit Aquarell selbst vorgemalt hatte, in der Hausflur und wies die Ankommenden mit Inquisitormiene zurecht.

Aber auch aus dem Keller heraus liess sich Treudchen die beste Richtung beschreiben, in der sie zum Waisenhause und von dort zur Kathedrale kommen konnte.

Es war ein Markttag.

Das Gewuhl in den Strassen kaum zum Ausweichen. Die Strassen dabei so eng; die Lastwagen drangten sich ... zu ihnen kamen heute noch die Bauerwagen mit ihrem Stroh, ihrem Heu, Holz, Kartoffeln fur den Winter ... alles, wie Treudchen das ganz wie aus Kocher am Fall wiedererkannte.

Sie war nie in einer grossen Stadt gewesen und ubertrug jetzt fast auf den stehenden Charakter einer solchen die Moglichkeit, jedes Gesicht auf die Vermuthung hin betrachten zu mussen, dass es dem Morder der Frau Hauptmannin von Buschbeck angehoren konnte. An Trotz, Verwegenheit und Rucksichtslosigkeit jeder Art fehlte es auch nirgends und bald hatte sie in dem beengenden Eindruck des Ganzen ihre so genau angegeben gewesene Spur verloren.

Sie stand rathlos an einer Ecke, wo mehrere Strassen einmundeten ...

Da sah sie sich plotzlich von jemand gegrusst und angeredet!

Es war ja ein alter Bekannter aus Kocher am Fall!

Herr Lob Seligmann, der vielgeliebte Bruder der Hasen-Jette!

Er, der seither noch immer nicht daheim gewesen war, der noch immer in Gutern schlachtete, noch immer bei Grafen und Baronen huben und druben die Vortheile des ihm geschenkten intimsten Vertrauens derselben genoss!

Den Todesfall der Frau Ley wusste Lob Seligmann durch die Briefe David Lippschutzens, seines Neveus und Augapfels, fur dessen Fortkommen durchs Leben bei "so schwachen Beinen" gerade er sparte, gerade er sich kein Geschaft verdriessen liess, selbst die Lieferungen der Bettfedern und Decken fur Kasernen und andere offentliche Anstalten nicht ...

Treudchen konnte im Augenblick gar kein besseres Geschick haben als diese Begegnung mit dem so artigen, so gefalligen kleinen Herrn Lob Seligmann, der vollkommen vergessen hatte, dass die bose kocherer Jugend einst hinter ihm her gesungen wie sie noch jetzt hinter seinem geliebten Adoptivsohn in ubermuthig christlich-germanischer Nichtanerkennung orientalischer Schonheit sang:

Hast nicht gesehen Schmulche?

Mit dem scheppe Muulche?

En Aagelche zu,

En schlockrig Handelche dazu,

En wacklig Beinche dazu ...?

Lob Seligmann war edle, erhabene und schone Seele. Seine Gefuhle glichen seinen Vatermordern, die wie bei Herrn Schnuphase immer in die hochste Hohe gingen. Sein Blick auf Treudchen, seine Ruhrung uber ihre Freude, sein Andeuten: "er wisse alles" er meinte den Tod der Mutter sein Ausweis uber die Lage des Waisenhauses alles das war von einer so stummberedten Theilnahme, von einer so erdenleidverklarten Trostung und allessagenden Prophezeiung fur jedes, was die kleine Landsmannin, vielleicht Geld ausgenommen, von ihm begehren konnte, dass es nur an der Unruhe und dem Larm der Strasse lag, wenn Gertrud Ley nicht wieder alle ihre Wunden aufs neue aus Seligmann's und ihren eigenen Augen aufbrechen und fliessen fuhlte ... "Treudchen!" ... Das eine Wort nur ... Lob Seligmann sprach es aber aus, wie den ganzen funften Act eines Trauerspiels.

Und bei alledem hatte doch jedermann, der nur in Kocher vom Wasser des Fall getauft oder nicht getauft war, einen Anflug von Heiterkeit, so oft er nur den Herrn Lob Seligmann sah. Er hatte wunderliche Eigenschaften. Ein nicht zu entfernter Verwandter der reichen Fulds, ob er gleich nur unten fur das Comptoir derselben existirte und dort wie jeder andere Sensal vierten oder funften Ranges betrachtet wurde, besass er eine gewisse Vornehmheit. Von seinem Verkehr mit der grossen Welt hatte er sogar die Manieren der Adeligen angenommen, soweit sie niemanden beleidigten; wenigstens glaubte er selbst an eine hochst ersichtliche Vornehmheit seines Wesens. Im Oberkleide war er zwar einfach, aber desto gewahlter in der Wasche und vorzugsweise in der Weste. Aus dem manchmal etwas hohem Kragen der letztern und den zu steifen Vatermordern sah der kleine Kopf mit der niedern, breiten Stirn und dem kurzgeschnittenen krausen Negerhaar etwa heraus wie eine Kirche, deren Dach hoher ist als der Thurm. Lob Seligmann, bereits weitaus vierzigjahrig und Garcon, war zudem durch Schmeicheleien verwohnt, die zwar nur von Wenigen, aber von diesen desto enthusiastischer kamen, vorzugsweise von seiner Schwester, deren Einzigster sein Erbe sein sollte. Zu Kocher am Fall wohnte er im obern Stock des Hauses, in welchem einst der Mann der Hasen-Jette die Kundschaft der Leys ohne alle Boswilligkeit an sich gezogen hatte, sie leider nicht lange geniessend. Lob Seligmann arbeitete nur fur David. Er liess ihn bilden, liess ihn fein erziehen. Nur in der Musik schlug David noch nicht ganz nach dem Wunsch des Onkels ein, der in diesem Fache ein Kenner war. Lob Seligmann glaubte eine schone Stimme zu besitzen. Wenn er in Kocher am Fall Toilette machte, sang er dazu am offenen Fenster. Wenn er sich an einem kleinen Spiegel der Lichtung des Fensters selbst rasirte, intonirte er mit einem schonen Tenor, der nur auf eine vielleicht etwas zu leichte und bequeme Weise in die Fistel uberging, eine Opernarie nach der andern. Die Schwester stand indessen unten in der Hausthur und machte die Leute aufmerksam auf die wunderschonen Melodieen, die ihr Lob wieder aus den grossen Stadten mitgebracht hatte. Nie hat sich auch jemand mit mehr Behagen selbst rasirt, als Lob Seligmann. "So kannst du mich betruben, Othello kannst du lieben?" Jetzt die Seife eingestrichen. "Treibt der Champagner das Blut in die Kreise, da ist's ein Leben herrlich und frei!" Das Messer wird gescharft. "Auf, singt die Barcarole!" Erster Strich uber die Oberlippe, wahrend die linke Hand die Nase festgeklemmt halt ... jetzt lasst sie die Nase los und "Gnade, Gnade fur die arme Seele!" Zweiter Strich, die Nase wird wiederum festgeklemmt; Luft und "Mein Huon, mein Gatte, Geliebter, wo weilst du?" Jetzt ein grosses Orchestersolo mit Pauken, mit Trompeten, mit Summen und Brummen, Pruhsten, Gurgeln, Zungenschnalzen oder Lied ohne Worte ... sanft die Seife wieder aufgestrichen Adagio Schlummerarie erneuter Ansatz zum Rasiren und so fort mit dem auf der Reise arg verwilderten Barte eine Stunde lang. Immer dazwischen das kunstvollste Talent der musikalischen Reproduction und Paraphrase, das Messer am Streichriemen und in der Kehle die Arien sanft hinubergeschliffen. Ist dann die Bartabnahme vollendet, dann fallt eine Arie wild in die andere, Desdemona in die Klagen Rodrigo's, die Nachtwandlerin in die Verzweiflung Elwino's, "O welches Gluck, Soldat zu sein!" jodelt sich in "Gold ist nur Chimare!" hinuber und alles das empfindet Lob Seligmann ebenso musikalisch wie moralisch nach, soweit der Text und die Situation es vorschreiben. Auch kritisch ist er mit ergriffen, soweit ihm namlich alle grosseren und kleineren Talente einfallen, die er schon in allen diesen Opern auf verschiedenen Stadttheatern hatte debutiren sehen.

Lob's seelenvolle Erorterungen uber die Vortrefflichkeit der Dahingeschiedenen, uber die Bettdecken des Waisenhauses, das erstaunliche Gluck, bei den Kattendyks zu dienen, unterbrach Treudchen mit der Erzahlung von der Mordthat und dem nahen Zusammenhang derselben mit ihrem eigenen Lebensschicksal. Lob Seligmann wusste schon den Vorfall, konnte schon weitere Details uber den Geiz der Ermordeten, nur uber den Thater nicht, geben, erstaunte uber die unschuldige Betheiligung Treudchens und bat sie, zwei Minuten "hier an diesem prachtigen Palais" zu warten ... er kame sofort wieder zuruck er wurde jedenfalls, das liesse er sich nicht nehmen, sie bis ans Waisenhaus begleiten

Da Treudchen einen Band- und Zwirnladen bemerkte und bei all ihrem Herzeleid doch ihrer Nadeln und ihres Fingerhutes eingedenk blieb, so nahm sie auf zwei Minuten um so lieber Abschied, als sie hier gelegentlich nutzliche Einkaufe machen konnte.

Statt nach zwei, nach zehn Minuten war sie mit ihrem Geschaft fertig und nach zwanzig kam Lob Seligmann wieder ...

Er hatte hier in dem Comptoir seiner, wie er sagte, Vettern Moritz und Bernhard Fuld zwar keinen Zutritt zu den innern Gemachern, wo die Ritter der Ehrenlegion sassen, aber einige alte Buchhalter aus den Zeiten des seligen "Man weiss schon!" hielten ihm denn doch Stand, wenn er sie um eine Prise bat und ihnen mittheilte, dass merkwurdigerweise ein Madchen aus Kocher am Fall bei der heute Nacht ermordeten alten Dame "beinahe hatte konnen im Dienst gestanden haben" ...

Es sind Vettern zu uns! wiederholte er mehrmals von den Fulds und auf das Palais deutend ...

Indem Lob Seligmann seine Vatermorder jetzt stolz uber die durch bestandige Reibung von ihnen gerotheten Ohrlappchen hinauszog, ergab sich seltsamerweise, dass ein riesengrosser, wunderbarer, schoner Bau, in dessen Nahe sie waren, schon die Kathedrale war und dass Treudchen ihre Commissionen im "steinernen Hause" jetzt hatte schon ausfuhren konnen, wenn nicht gerade nur um zehn Uhr die Sprechstunde im Waisenhause gewesen ware. Aber nun war auch der Blumenmarkt ganz nahe ... derselbe Markt, der Lob Seligmann mit ahnlichen Empfindungen zu erfullen schien, wie sie jetzt auf Treudchen's von allen diesen machtigen Eindrucken besturmtes Herz zuschossen ...

Einen Augenblick, Mamsell Treudchen! rief er und berechnete schon mit einer Gartnersfrau, wie viel von Orangenbluten und Myrten in einen grossen Blumenstrauss hineinkonnten, den er mit 71/2 Silbergroschen bezahlen wollte. Treudchen wunderte sich nicht uber seine poetische Regung, da sie selbst von dieser Fulle von Eriken, Fuchsien, hochragenden Gummibaumen, buschigen Rhododendren und bluhenden Myrten wie berauscht war. Auch sie wurde sich sofort in ihren Einkauf eingelassen haben, wenn nicht von der Kathedrale herab drei machtige Schlage den ganzen Domplatz, vorzugsweise aber sie selbst, erschuttert hatten.

Schon drei Viertel auf zehn! rief sie. Herr Seligmann, um Gottes willen, bitte! Kommen Sie!

Ein einziger Rundblick rings auf die Hauser, wo Herr Maria Schnuphase wohnen konnte, der sie in einen so schlimmen Dienst hatte empfehlen wollen, eine blitzschnelle Musterung der Blumen, die sie wol hernach zu ihrem Bouquet fur den Pfarrer von Asselyn wahlen konnte, und nun fort nach der Richtung hin, die sie Herrn Lob Seligmann dringend bat, durch nichts mehr zu unterbrechen. Ich bitte Sie! sagte sie. Ich habe noch so viel Commissionen! Aber jetzt muss ich wissen, wie meine Geschwister die erste Nacht hier zugebracht haben!

Dann setzte sie, und fast neckend im Ton der kocherer Christenjugend, hinzu:

Fur wen ist denn aber der schone Blumenstrauss, Herr Seligmann?

Wenn Sie im Waisenhause sind, sagte Seligmann, hielt aber sinnend inne und wickelte sein Bouquet in eine Anzahl Theaterzettel, die er aus der Tasche zog, und summte dazu einige Noten aus dem im Spohr'schen "Faust" irgendwo an einem Stadtthater eingelegt gewesenen "Liede an die Rose" wenn Sie im Waisenhause sind, geh' ich solange in die Nachbarschaft, auf die Rumpelgasse, wo mein Bruder Nathan Seligmann wohnt Sie mussen sich sein Geschaft ansehen alte Kleider, Mobel, Glaswaaren, Bilder, Masken, Theateranzuge was Ihr Herz begehrt die ganze Welt hat Nathan zum Verkauf oder zum Verleihen nur muss sie alt und abgelegt sein!

Ist das die Judengasse? sagte Treudchen unbefangen und eilends dahinschreitend und so laufend, dass Lob fast nicht mitkonnte.

Was? Denken Sie, dass wir hier noch in einer einzigen Gasse wohnen? Haben Sie nicht das Palais von unsern Vettern gesehen?

Sind das die Vettern, um die der David immer sagt, er wurde nur eine Prinzessin heirathen?

Das Kind! betonte Seligmann ganz wie seine Schwester und vergass vor Entzucken uber David's naive Erklarung eine Antwort auf Treudchen's Frage.

Diesen Blumenstrauss, fuhr er dann nach dem gluckseligsten Sinnen uber David's Geist und grosse Zukunft fort, will ich in seinem Namen an Tante Veilchen abgeben, an die er schon seit drei Jahren alle Vierteljahre einen franzosischen Brief schreibt. Sie werden bei Herrn Delring und bei Madame Kattendyk viele vornehme Damen kennen lernen, aber ich versichere Sie, wenn Sie wollen gebildet werden, liebes Kind, gehen Sie nur in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, die meinem Bruder Nathan Seligmann, der ein Witwer und ohne Kinder ist, seit dreissig Jahren das Geschaft und die Wirthschaft fuhrt. Sie ist schon funfzig Jahre alt, aber ich konnte heute um ihre Hand freien, so viel Schonheit hat sie im Geist und wenn ich nicht versprochen hatte, fur den David zu sorgen. Ja, Treudchen, Sie sollten Veilchen Igelsheimer sehen! Sie konnen viel Bucher lesen und Sie finden drin nicht gedruckt, was in Veilchen steht!

Treudchen liess ihn so forterzahlen und folgte nur immer seinen stumm gegebenen Winken uber die Richtung, die sie einzuschlagen hatten ...

Veilchen, fuhr der von seinen Familienbeziehungen nicht weniger wie seine Schwester bezauberte Mann fort, Veilchen hatte in einem Palais wohnen konnen, wie die jungen Fulds, wo der eine sich kurzlich verheirathet hat mit einer reichen und wunderschonen Dame aus Wien ja Veilchen hatte Barone haben konnen und einen Grafen aber da sie den nicht bekommen konnte, den sie allein gemocht es war ihr Vetter unser Onkel Doctor Leo Perl da hat sie fur ihr ganzes Leben gesagt: Ich entsage!

Und ware Herr Lob Seligmann jetzt allein gewesen und etwa daheim, auf seiner Stube in Kocher am Fall und im Rasiren begriffen, so hatte er sich jetzt unfehlbar durch die wehmutherweckende Ideenverbindung dieser Mittheilungen bestimmen lassen, aus Bellini's "Unbekannter" oder dessen "Nachtwandlerin" ein schmelzendes Adagio zu intoniren ...

Treudchen sah nur immer auf die Strassennamen an den Ecken, auf die Menschen, die Soldaten, die Fuhrwerke, die hohen Hauser, alten Kirchen und horte um so mehr nur halb auf den freundlichen Begleiter, als er seine Mittheilungen auch seinerseits bald durch das Lesen eines Anschlagzettels, bald einer Firma, bald durch ein Stillstehen und Erklaren einer stadtischen Merkwurdigkeit unterbrach.

Den heutigen Theaterzettel liess er nach kurzem Anblick unbeachtet ... "Das letzte Mittel" ... "Tanz" ... Das war nichts fur den Schmelz seiner Gefuhle und seine nur im Meer der Tone sich wohlbefindende Seele.

Auf Veilchen Igelsheimer, die Entsagende und jetzt in der Rumpelgasse das Geschaft seines Bruders Fuhrende, kam er wieder zuruck, als er vor einem Zinngiesserladen still stand und behauptete, bei Herrn Xaver Klingelpeter eine Minute zu thun zu haben ...

Nein, nein! nein! rief Treudchen ...

Eine Minute, Treudchen!

Adieu, Herr Seligmann!

Zwei Worte! Sehen Sie die wunderschonen Arbeiten am Fenster

Treudchen zog ihn von dem Schaufenster des Zinngiessers weiter ...

Herr Xaver Klingelpeter, sagte er dann, sich ergebend und nachstolpernd, ist ein ansehnlicher Mann, der sich ein Gutchen kaufen will, das ich ihm empfohlen habe! Haben Sie wol die Herrlichkeiten in seinem Laden gesehen? Alles nur von Zinn, aber so kunstvoll, wie von Gold und Silber!

Treudchen hatte den Eindruck der silbernen Monstranzen fur arme Dorfkirchen, Patenen, Kelche, Crucifixe wohl empfangen, auch durch das Fenster einen Monch erblickt, der drinnen im Laden mit dem Meister Zinngiesser in lebhafter Demonstration begriffen schien, aber sie zog es vorwarts, vorwarts, und Seligmann musste folgen ...

Auch solche heilige Gefasse, fuhr er bei alledem fort, kommen im Geschaft meines Bruders vor! Sie werden eingeschmolzen und manchmal mit sehr unheiligen Dingen zusammen! Veilchen macht das alles wie ein Professor der Chemie. Ja, mein Bruder lasst sogar Munzen schlagen, aus Kupfer es ist ein Artikel zum Spass Sie sollten sehen, wie Veilchen lateinische Inschriften macht und die Bilder dazu zeichnet romische Konige und turkische Kaiser! Veilchen konnte Bucher schreiben!

Ihr also bringen Sie den Blumenstrauss? warf Treudchen in der Eile und nur so zerstreut dazwischen ...

Sie macht sich aus nichts mehr im Leben was! Sie liest blos, sie schreibt blos, sie fuhrt blos das Geschaft ... Ach, ihr Kummer war zu gross! Es war das schonste Madchen ein Bild sie ist noch jetzt wie eine Wachskerze so weiss aber der, den sie liebte, den bekam sie nicht es war unser Oheim ihr eigener Vetter er taufte sich katholisch mehr er wurde ein Priester ...

Treudchen horte nur halb. Aber sie kannte ja schon diese Klagen aus so vielen stillen Abendgesprachen der redseligen Hasen-Jette mit ihrer Mutter! Leo Perl war fur diese ganze Familie der verheissene Messias gewesen! Als es aber dazu kam, sich als der Lowe vom Stamm Juda zu offenbaren, tauschte er alle, wurde zum Verrather, ging zum Feinde uber und schien von alledem doch keinen Segen gehabt zu haben. Treudchen wusste sogar, dass regelmassig zwei Manner genannt wurden, die Leo Perl's Seelenruhe auf dem Gewissen haben sollten, der gute Dechant zu Kocher am Fall und ein anderer vornehmer und grossmachtiger Herr auf einem fernen Schloss bei Witoborn. Ihnen sollte der Doctor Leo Perl mit seinem Uebertritt, ja mit dem Entschluss, Priester zu werden wider Willen sogar ein geheimnissvolles und bis zur Stunde wenigstens selbst der Hasen-Jette noch unentrathseltes Opfer gebracht haben ...

Endlich standen beide vor einem freundlichen, mit einer Inschrift gezierten Hause.

Lob Seligmann versprach mit dem holdseligsten Nicken aus den Palissaden seiner Vatermorder und dem schwarzwolligen Wulst seines uppigen Haarwuchses und einem seit einigen Tagen nicht besonders grundlich rasirten Barte heraus, in spatestens einer Viertelstunde hier wieder an der Thur zu stehen und auf Treudchen's Ruckkehr zu warten ...

Er selbst zog die Klingel. Einem offnenden Knaben trug er das Anliegen Treudchens vor. Er traf den Ton fur alles, was sich hier schickte; er kannte jeden Weg, wie er betreten werden und jede Thur, wie man an sie klopfen musste. Selbst die deutsche Sprache handhabte er seiner Meinung nach in diesem Augenblick vollkommener als Treudchen, deren Rede er unterbrach und ihre Berechtigung, hier eingelassen zu werden, gleichsam in die Sprache ubersetzte, die derjenige nicht kennen konnte, der noch nie aus Kocher am Fall so herausgekommen war, wie er.

Der Knabe fuhrte Treudchen zum Inspector ... der Inspector fuhrte sie zu ihren drei Geschwistern, zwei Knaben und einem Madchen ...

Alle drei sprangen ihr herzlich und heiter entgegen ... Wie rasch entflieht dem Kindersinn ein herbes Leid! Weckten wir es nicht durch unser eigenes Bedauern und fragten einen solchen kleinen Nachlass: Weisst du auch, was du verloren hast und denkst daran und weisst wo deine Mutter ist? solche nach Luft und Licht und Wachsthum strebenden Keime vergassen bald nach unserm Gefuhl zu antworten ... Wie tummelte sich das schon im Hof und larmte und regierte schon die Welt im Soldatenspiel ... Und druben bei den Madchen war das ein Murmeln und Summen und Plaudern beim Stricken ... und wie bewahrten sich die angebornen Gattungstriebe! Liebe und Abneigung schon nach vierundzwanzig Stunden, Verschworungen schon und Bundesgenossenschaften ... neckte die, so hatte sie an jener einen Widerpart und diese wieder eine Gegnerin an einer andern ... Nichts blieb ohne Angriff, nichts ohne Beistand ... Ja, Treudchen fand, dass die Geschwister in ihr neues Dasein schon wie eingeboren waren ... Lautete es, dann wusste jedes, was es bedeutete ... bald rief die Glocke zum Fruhstuck, bald zum Mittagessen, bald in die Kapelle, bald auf die Schulbank ... ein geregeltes und in sich begnugtes Leben das! Lucinde sagte Treudchen und den Kindern gleich: "Bliebe es euch nur immer so, ihr Armen! Und lage der Nachtheil der Waisenhauserziehung nicht gerade in der Unmoglichkeit, im Leben kunftig dieselbe Regelmassigkeit zu haben! Dem Dasein gegenuber, wie es ist, ist sogar schon solche Ordnung eurer Jugend ein vollstandiger Luxus! Wer auch nur alle Tage das hat, was er begehrt und bedarf, wird selbst bei Wasser und Brot wie ein Prinz erzogen! ..." Lucinde gedachte ihrer verkommenen Bruder.

Schon wollte Treudchen, da die Freistunde voruber war, nach herzlichen Mahnungen und Danksagungen an den Herrn Inspector wieder gehen ...

Da kam auf sie zu eine der Nonnen, die hier die Erziehung leiten helfen. Es war eine Karmeliterin in braunem Rock und schwarzem Ledergurtel. Sie war in mittlern Jahren, sehr sauber, sehr ruhrsam. Dass ihr Treudchen die Hand kusste, lehnte sie fast ab und ergriff theilnehmend die ihrige.

Sahen Sie denn auch alles? fragte sie und fuhrte Treudchen in den Raumen auf und nieder und zeigte ihr die Platze, wo die Kinder ihre mitgebrachten Habseligkeiten untergebracht hatten. Sie versicherte, dass diese Geschwister ihr schon fast die Liebsten waren und dass auch sie Mutter Beaten schon in ihre Herzen eingeschlossen hatten.

"Mutter Beate" war der Name der Schwester ...

Treudchen's Herz klopfte horbar. Nach den Reden der Frau Delring uberkam sie fast eine Furcht, sich offen auszusprechen oder zu lange im Gesprach zu verharren mit dieser so zuthulichen Klosterjungfrau ... Und wahrhaft uberrascht war sie, als Schwester Beate von ihrem Dienst bei den Kattendyks und ihrer fruhern Bestimmung fur die Frau Hauptmannin von Buschbeck schon wusste.

Diese Ungluckliche, sagte sie, ist auf so ruchlose Weise ums Leben gekommen! Aber die ewige Gerechtigkeit wird den Morder gewiss schon der zeitlichen uberliefern! Sie wird den Elenden auffinden lassen, der auch den Armen und Nothleidenden eine Freundin raubte! Ei! Wie konnen Sie sagen, Kind, dass es ein Gluck war, dass der Himmel Ihnen eine andere Bestimmung gab! Vielleicht hatte Ihre Anwesenheit die That ungeschehen gemacht! Verlassen von aller Welt, musste die Aermste wol ein Opfer der Habsucht und Mordlust werden! Kind, Kind, furchten Sie sich denn vor einer Gefahr, die im Gefolge einer Pflicht liegt?

Treudchen sah verwirrt zur Erde. Ihre Wangen ergluhten. Sie, die schon im Leben so viel erduldet, stand jetzt, wie sie gleich heute fruh geahnt hatte, wie ein Wesen da, das nur an ihre eigene Sicherheit zu denken vermochte. Es war ein Feuerbrand in ihr Herz geworfen, sich sagen zu mussen: Warst du weniger furchtsam gewesen, weniger glaubig den Versicherungen deiner Gonnerin Lucinde gefolgt, diese ungluckliche Frau lebte vielleicht noch!

Freundlicher jedoch geworden, als sie die Wirkung ihrer harten Worte bemerkte, unterhielt sich Schwester Beate jetzt wieder im Wandeln mit Treudchen, fragte nach ihren sonstigen Lebensverhaltnissen und vervollstandigte das, was sie alles sonderbarerweise bereits wusste.

Als Treudchen schon gehen wollte und die Hand der Nonne ergriff, sie aufs neue zu kussen, forderte Schwester Beate sie auf, in ihrem Kloster sie zu besuchen ... es lage dicht am Waisenhaus nebenan und ware mit ihm durch einen geschlossenen Gang verbunden und sahe mit der Vorderfronte der zum Kloster gehorigen Kirche auf den Romerweg hinaus.

Treudchen gedachte an ihre Herrin, wie sie vorhin den Namen einer gewissen Strasse gesucht hatte ...

Wir haben gerade morgen einen Geburtstag! sagte die Nonne. Kommen Sie doch morgen Nachmittag!

Ich weiss nicht ...

Ihre Herrin erlaubt es ... In ein Kloster lasst eine glaubige Seele jeden gehen!

Einen Geburtstag? ... fragte Treudchen bebend und ausweichend ...

Ein Geburtstag ist ein Einkleidungstag!

Die Nonne blickte auf das Ende eines Corridors, in welchem eine zweite Nonne erschien. Sie schwieg, bis diese herangekommen und mit einem freundlichen Grusse vorubergegangen war. Dies war eine fast vornehme Erscheinung gewesen ...

Das war das Geburtstagkind! sagte Schwester Beate mit einem Lacheln, bei welchem eine ihr Antlitz entstellende Zahnlucke zum Vorschein kam. Schwester Therese ist heute sozusagen drei Jahre alt! Vor drei Jahren nahm sie den Schleier und wurde eine Braut des Himmels! Sie ist sehr vornehmer Abkunft! Ein Freifraulein Therese von Seefelden! Schon hatte sie einen Grafen zum Verlobten, der aber sein ganzes Vermogen lieber zu einem wohlthatigen Zwecke bestimmte und ins Kloster gehen wollte! Er ist im Franciscaner-Kloster Himmelpfort bei Witoborn; leider wurde er krank und hat, der Aermste, seinen Verstand verloren! Fraulein von Seefelden nahm nun auch den Schleier und wurde Karmeliterin! Ich bin nicht so hoher Abkunft. Mir ging es wie Ihnen, Kind! Hat man keine Aeltern und Verwandte mehr, keine Freunde und muss sich muhsam durchs Leben schlagen und immer in Gefahr leben, an seiner Seele beschadigt zu werden, so ist das Kloster die beste Versorgung! Niemand hat da noch eine Entbehrung, als nur fur anderer Wohl! Wir kummern uns nicht: Was wird aus uns? Was essen, was trinken wir? Unsere Kleidung, unser Unterhalt sind da so leben wir nur mit unserm Innern beschaftigt. Kommen Sie morgen, liebes Kind! Wir feiern unsere Geburtstage immer so froh, wie nur irgend erlaubt ist! Es fehlt an Gebacknem nicht, nicht an Blumen, Sie sollen sehen, wir sind sogar ganz guter Dinge und konnen lachen wie andere auch!

Der Schall einer Glocke rief die Schwester Beate ab in die Sale, wo sie die weiblichen Handarbeiten leitete.

Treudchen fuhlte, dass sie morgen an dem Geburtstag der Schwester Therese nicht fehlen durfte. Ja es war ihr fast, als wurden es ihre Geschwister zu entgelten haben, wenn sie einer so ausdrucklichen Einladung nicht Folge leistete ...

Dennoch uberfiel sie ein unaussprechliches Bangen ... Sie verliess das Waisenhaus zitternd, wie wenn sie in Luften schwebte. Ihre Pulse flogen. Es war ihr, als sahe sie immer die Augen der Nonne sie anlacheln, sie durchbohren mit einer Freundlichkeit, die keine naturliche war, sondern dem Blicke der Schlange glich, die ihr Opfer erst erstarren macht ... Ach und dazu lauteten Glocken draussen und in ihrem Innern! Allen ihren Leiden, zu denen Beangstigungen kamen, wie sogar solche, die in der Erinnerung an Piter lagen, bot sich eine himmlische Trostung und ein Ausweg. Auch zu einem Geistlichen flog sie ja jetzt, der ewig entsagen musste, der nur sich grussen lassen durfte mit Blumen, die die Verehrung brachte und die nichts dafur begehrende Liebe ... Auf der Strasse, wo sie sich wieder befand, hatte sie unter allen Menschen wie uber eine Ahnung laut aufweinen mogen ...

Wenn nur Lob Seligmann da war sein Plaudern hoffte sie, wurde ihr Beruhigung geben!

Sie fand ihn aber nicht und sie konnte kaum auf ihn warten. Auch konnte er vielleicht schon fort sein, denn sie war fast eine halbe Stunde geblieben. Dennoch suchte sie und suchte und stand und ging und ging und stand Eins konnte ihr Auge nicht fortbannen: Die beiden Nonnen und Schwester Therese und ihr feierlich ernstes Dahinwandeln und das braune wollene Kleid, das beide trugen und den groben Ledergurtel und ihr Geliebter wurde Monch, angethan wie der, den sie vorhin gesehen in dem Laden des Meisters Zinngiesser!

Fast war sie im Auf- und Niedergehen schon dicht an diesem Laden angekommen. Sie sah ihn in der Ferne, sie sah, dass sie sich auf dem Ruckwege zur Kathedrale leicht zurecht finden wurde. Doch kehrte sie wieder zum Waisenhause um ...

Nirgends fand sich aber Lob Seligmann ...

Jetzt schlug es von den Thurmen halb elf Uhr ...

Wie durfte sie langer zogern! Frau Delring wird ihre Toilette machen wollen! sagte sie sich. Sie eilte von dannen und geradeswegs der Kathedrale zu.

Nach einer Viertelstunde war auch diese erreicht und mit ihr der Blumenmarkt. Rasch erhandelte sie zwei grosse Bouquets von Georginen, Levkoien, Nelken. Seligmann's Beispiel ermuthigte sie, sich einbinden zu lassen, was ihr nur irgend noch von den andern Vorrathen gefiel, vor allem Orangenbluten. Damit eilte sie dann zu dem Laden des Herrn Maria hinuber.

Ein Schaufenster mit den auch nach aussen sichtbaren innern Herrlichkeiten, die hier verkauft wurden, fehlte. Ja selbst im innern Laden, so gross und geraumig er war, hatte alles ein Ansehen, wie wenn diese Schranke und Kisten und Kasten nur zum Privatgebrauche einer hier fur immer wohnenden Familie bestimmt waren. Herrn Maria's feiner Takt bewahrte sich in diesem Geheimnissvollen des Verkehrs mit heiligen Dingen. Selbst die Lebkuchen ziemte sich nicht so offen neben den Messgewandern liegen zu lassen ...

Treudchen sah sich aber kaum um. In Eile sagte sie zu einer von einem versteckten Stehpult fragend aufblickenden nicht mehr in erster Jugendblute befindlichen, aber doch durch Haltung und eine gewahlte Toilette wol noch Jugendlichkeit in Anspruch nehmenden Dame:

Eine Empfehlung von Madame Delring! Ob nicht bald ihre Ausstattung fertig ware?

Madame Delring ? Ah !

Die gestrenge Miene der schlanken, dunkelaugigen Dame verklarte sich ...

Sie sind ? fragte sie und hocherrothend und nachfuhlend, dass dies Madchen ihr allenfalls auch hatte sagen durfen: Ja, ich bin die von Ihrem Vater fur den Dienst bei der diese Nacht Ermordeten Bestimmte!

Aber Treudchen war so in der Hast ihres Auftrags, so im Drang ihrer Ruckkehr, so im Bangen, jetzt nach dem Pfarrer von St.-Wolfgang fragen zu mussen, dass Demoiselle Schnuphase (es war die Aelteste Eva) uber Vorwurfe nicht viel Besorgnisse zu hegen brauchte.

Ihre Freundlichkeit, ihr Verweisen auf das Nahinstitut der Schwesterschaft zu den Nothhelfern waren fur ihre Verlegenheit bezeichnend genug ...

Diese wunderschonen Bouquets ! sagte Demoiselle Schnuphase dann holdseligst ...

Ich wollte sie Herrn von Asselyn bringen

Wem?

Dem Herrn Pfarrer von St.-Wolfgang

Der wohnt bei uns

Treff' ich ihn zu Hause?

Sie kennen ihn ?

Aus meiner Vaterstadt

Ganz recht! Er ist nicht gegenwartig!

O

Er ist im Palais Sr. Eminenz des Kirchenfursten

Konnt' ich ihm nicht die Blumen auf sein Zimmer stellen?

Gewiss! Kommen Sie!

Fraulein Schnuphase nahm lachelnd einen Schlussel, der uber ihrem Stehpult hing, entfernte sich in ein Nebenzimmer, kehrte zuruck, liess Treudchen vorantreten und offnete eine andere nach hinten gehende Thur.

Wie Treudchen den Laden mit ihren Blumen verliess, sah ihr aus der geoffneten Nebenthur eine zweite, elegante und wie es schien jungere Dame nach, ohne Zweifel Demoiselle Apollonia ...

In dem alterthumlichen Hause ging es eine dunkle steinerne Treppe hinauf. Die Fuhrerin offnete im ersten Stock ein geraumiges Zimmer und liess Treudchen eintreten.

Hier wohnt der Herr Pfarrer von St.-Wolfgang! sagte sie.

Aber schon schlug es elf Uhr ... Treudchen horte und sah kaum noch etwas ... Sie rief nur:

Elf! O Gott !

Demoiselle Schnuphase verstand vollkommen, wie ein gutes Kammermadchen sich nicht beim ersten Ausgange verspaten durfte ...

Und doch fehlten fur die Blumen die Glaser und sie erbot sich, diese erst zu holen

Treudchen machte es anders.

Sie loste beide Strausse auseinander und vertheilte die Blumen ...

Einen Theil warf sie auf ein offen auf dem Tische liegendes grosses Buch vielleicht die lateinische Bibel einen andern streute sie auf ein grosses Schreibzeug, mochten auch einige Nelken in die Dinte fallen. Eine andere Handvoll druckte sie bei einem Crucifix, das im Schatten des Spiegelpfeilers stand, zwischen die Arme des Erlosers, die eine Lucke an dem obern Querholz des Balkens offen liessen. Den Rest streute sie geradezu hierhin und dorthin, sodass das Zimmer dem Wege des Herrn nach Jerusalem glich, ihre Huldigung einem jubelnden Hosianna.

Demoiselle Schnuphase lachte. Treudchen aber, uber die der Geist Lucindens gekommen schien, sprach weiter kein Wort, sondern sah sich nur noch einmal um und lief rasch von dannen.

Auf dem Platze suchte sie eben die Strasse, in die sie wusste einbiegen zu mussen, als sie gerade auf Lob Seligmann und wie Kopf an Kopf und Nase an Nase gegen ihn stiess. Er war ihrer Spur gefolgt, hatte sich ihr nacherkundigt und nachgefragt und entschuldigte sein Ausbleiben durch ein Abenteuer, das ihn bestimmte sie sogleich zu fragen, ob er nicht so blass und so weiss aussahe wie Kreide? ...

Sie fand ihn aber im Gegentheil sehr errothet. Doch hielt sie sich mit naherer Beweisfuhrung nicht auf, sondern drangte nur ihres sprachlosen Fuhrers Fingerzeigen auf die Strasse nach, die sie einschlagen mussten.

Ich bin in meinem Leben ein einziges mal herausgeschmissen worden, keuchte Seligmann, endlich zu einigem Athem gekommen, hinter ihr her und burstete an seinem Hute, der offenbar eine gewaltsame Beschadigung erlitten hatte; herausgeschmissen aus blossem Scherz und jetzt

Wer hat Ihnen denn etwas gethan? fragte Treudchen in hastiger Eile den noch ganz Ungesammelten ...

Jetzt, wo kein Gensdarm mehr zu einem mosaischen Glaubensgenossen: Zaruck! sagt, wenn blos die andern gedrangelt haben ...

Aber was geschah Ihnen denn?

Ein Monch, der ein Mann Gottes sein will ...!

Treudchen konnte trotz ihrer Eile nicht umhin, eine Secunde still zu stehen und auf ihren kaum nachkommenden Begleiter einen staunenden Blick zu werfen ...

Der mich einmal herausgeschmissen hat das ist ein Student gewesen, fuhr Seligmann fort; in kurzen Pausen, Herr Benno von Asselyn war's den Sie kennen mussen Neveu vom Herrn Dechanten

Ja wohl! Ja wohl! Der hat Sie jetzt

Nein! Vor funf Jahren! Und blos aus Spass schmiss mich Herr von Asselyn 'mal heraus im Roland am Huneneck, eine Stunde von der Universitat, wo ich eine Verhandlung mit einer Partie Bauern hatte, die ihre Guter wollten parcelliren! Kam der damalige Student Herr von Asselyn dazu mit funf andern, machte die Stube auf und horte, was wir discourirten, und fing an: Seligmann er kannte mich von Kocher sind Sie denn das Verderben des Landes! Schlachten Sie Rinder und Kalber mit Ihrem Schwager Lippschutz, aber ruiniren Sie uns hier den Wohlstand der Bauern nicht durch diese verfluchte Parcellirung! ... Und so fasst mich Herr von Asselyn an dem Rockkragen und fuhrt mich volens nolens in die Nebenstube und alle Bauern lachten dazu. Es war aber blos ein Scherz, die Studenten wollten nur unsere Stube haben, um besser ihren Wein zu trinken wegen der Aussicht! Aber heute straf' mich Gott! bin ich wirklich herausgeschmissen worden mit einer Grobheit wie von Joseph Zapf, dem Wirth im Roland selbst! Und das von einem Monch einem Priester Gottes! "Jud"! So hab' ich das Wort seit zwanzig Jahren nicht gehort, seitdem die Buben dazumal, wie das deutsche Vaterland vorm Napoleon ist gerettet gewesen, uberall "Hepp, Hepp!" geschrieen!

Noch mochte Treudchen bis zu ihrer Ankunft an dem in der innern Stadt liegenden Kattendyk'schen Hause funf Minuten Zeit haben ...

Herr Seligmann erzahlte ein Zusammentreffen, das er im Laden des Herrn Xaver Klingelpeter mit einem Monche gehabt hatte. Und trotz seiner Aufregung und trotz Treudchen's Eile nahm er sich die Zeit, noch eine Huldigung fur Veilchen Igelsheimer einzuflechten und Treudchen zu ermuntern, die Weiseste ihres Geschlechts zu besuchen ...

Als ich ihr den Blumenstrauss in die Rumpelgasse brachte, sagte er, wollt' ich fort, um Sie nicht warten zu lassen! Ich erzahlte Ihre Leiden, Treudchen! Ich erzahlte auch Ihre Liebe und Ihre Anhanglichkeit! Wissen Sie, was es gesagt hat, das Veilchen? Was dankbar! Kinder dankbar! hat es gesagt. Die besten Kinder sind gegen ihre Aeltern nur Lumpen! Sie zahlen! Womit zahlen sie? Gerade von dem zahlen sie, was sie schuldig sind! Frag' ich sie: Veilchen wie so schuldig? ... Sind die Kinder, antwortete das Madchen, ihren Aeltern nicht das Leben schuldig? Und zahlen sie nun wieder mit ihrem Leben, was thun sie? Sie machen's wie die Fursten mit ihren Volkern und mit ihren Schulden und wie alle, die bankrott sind! Sie zahlen ihre Glaubiger gerade von dem, was sie eben ihnen schuldig sind!

Weder Treudchen's Gemuthsstimmung noch ihre Bildung gestattete ihr, diese talmudische Dialektik so uberraschend geistvoll zu finden, wie sie Lob Seligmann fand ...

Aber trotz seiner Bewunderung vor dem scharfen Geiste Veilchen's verlor er den Faden seiner Erzahlung nicht. Er berichtete, dass er beim vergeblichen Warten auf Treudchen, die noch im Waisenhause war, einen Sprung zu dem Zinngiesser hatte machen wollen. Dort hatte er den Laden verschlossen gefunden und ware nun als alter Bekannter von hinterwarts durch die Werkstatt und in ein Nebenzimmerchen gegangen. Dieses ware leer gewesen. Wohl aber hatte er durch ein Schiebfensterchen in die Stube des Meisters sehen und mit Staunen auf dem Tische an die Tausende von kleinen zinnernen Munzen erblicken konnen. Es ware ihm doch gewesen, als hatte er in eine Falschmunzerei gesehen. Ein Monch hatte uber die Munzen mit dem Meister disputirt und wie ein Advocat ware er dabei herumgesprungen und hatte dies getadelt und jenes und die Munzen geworfen, dass sie auf den Tisch hinrollten ... und als er dann geklopft und den Kopf durch die Thur gesteckt hatte und hereintreten wollen, da hatte ihn der Mann Gottes in einer Art wieder hinausgefuhrt, die uber alle Zweideutigkeit erhaben gewesen ware ... Zwar musse er bekennen, dass er, noch von Veilchen's Geiste angesteckt, den Scherz gemacht: "Sind das Wundermedaillen?" aber so dicht heran an den Scheiterhaufen und an die heilige Inquisition hatt' er sich in seinem Leben nicht gefuhlt, wie bei dieser Behandlung an einem Orte, wo ihm Meister Klingelpeter doch auch schon mit manchem Scherze gesagt hatte, es ware ihm ganz egal, wo sein Bruder Nathan Seligmann das Zinn herbekame, das er ihm geschmolzen zum Verkauf bringe, ob von alten Kelchen oder

Die Blasphemie, die auf Lob Seligmann's zornesbleichen Lippen schwebte, horte Treudchen nicht.

Sie war jetzt am Portal des Kattendyk'schen Hauses.

Nun stand der Portier in voller Gala unter den, wahrend der Geschaftszeit, seit Piter befehligte, weitgeoffneten Thorflugeln.

Lob Seligmann warf ihr noch einen letzten Ausdruck der Theilnahme zu auf die herzlichen Dankesbezeugungen fur seine Begleitung und heute bewiesene Freundlichkeit.

Im Verdruss seines gekrankten Stolzes, im Verdruss seiner nur mit Zerstreuung und halber Theilnahme aufgenommenen Erzahlung und doch unfahig, sich zu rachen (und hatte er alle Mittel dazu gehabt, sein Gemuth war doch nur geneigt zum Dulden), auch unfahig, Treudchen Vorwurfe zu machen und uberhaupt anders als gefuhlvoll von ihr Abschied zu nehmen, sagte er:

Leben Sie glucklich, mein Kind!

Er sprach diese Worte langsam und melodisch betonend. Er sprach sie, wie wenn einmal jemand: Leben Sie glucklich, mein Kind! zu David Lippschutz hatte sagen konnen, falls diesem plotzlich auch so seine Mutter oder gar der Onkel selbst mit Tode abgegangen ware ... Wir Menschen sind ja so ... Eine Mutter liebkost dann am herzigsten ein fremdes Kind, wenn sie aus dessen Zugen ihr eigenes herausfindet.

Treudchen war langst in dem stattlichen Hause verschwunden, als Lob Seligmann noch im Gemisch von Zorn und Wehmuth dastand, dann in die Kattendyk'schen Comptoire schaute, eine Weile den Gedanken fasste: Wer hier Geschafte machen konnte! darauf seinen Hut, der eine unvertilgbare Beule bekommen hatte, aufsetzte und sich im Geist auf die Scene mit dem Monche zuruckversetzte, der ohne Zweifel Pater Sebastus gewesen war ...

Aus diesen Traumen weckte aber, "den Storer der Passage", glucklicherweise noch vor dem Portier ein freundlicherer Anruf:

Guten Morgen, Seligmann!

Diese Worte kamen von einem Manne, dessen Anblick dem Gutermakler im Nu den Hut vom Kopfe riss ...

Herr Fuld! Ihr gehorsamster Diener, sprach er fast tonlos ...

Es war sein vornehmer leiblicher Vetter es war der Enkel eines Cousins seiner Mutter, der Lob Seligmann gegrusst hatte, Herr Bernhard Fuld, der Besitzer der Villa zu Drusenheim im Enneper Thale.

Und was geschah? Alle Stamme Israels gaben ihre Rangunterschiede auf!

Bernhard Fuld blieb zwar nicht stehen, aber er forderte Lob Seligmann auf, ihn zu begleiten ...

Setzen Sie nur den Hut auf, Seligmann! bedeutete ihn der Vetter, den Weigenand Maus und Alois Effingh heute zum Gegenstand einer Caricatur machten, die vielleicht schon in Arbeit war. Wird es denn nichts mit dem Weinberg hinter meiner Villa?

Er fragte dies im Gehen und den Vetter in Bewegung setzend, der vor Verehrung immer zum Stillstand tendirte.

Leider nein, Herr Fuld! ...

Aber ich bot doch siebenhundert Thaler!

Ich machte die Offerte ...

Das ist ein Heidengeld!

Unerbittlich ist der Mensch ...

Versuchen Sie es doch noch einmal

Sie befehlen ...

Meine Frau vermisst diesen Besitz, der in der That meine Villa erst arrondirt! Neunhundert Thaler, wenn Sie's machen!

Bei Gott! Eine ansehnliche Summe! Ich will es noch einmal

Und kommen Sie dann nachsten Sonntag nach Drusenheim und berichten mir's

Ganz wohl!

Sie konnen ja bei uns speisen, Seligmann!

Mit diesem Worte, das Lob Seligmann geradezu versteinerte, war Herr Bernhard Fuld kurzweg um eine Ecke verschwunden und liess den Vetter stehen.

Sie konnen ja bei uns speisen, Seligmann!

War das Wort wirklich gesprochen worden?

War es von Bernhard Fuld gesprochen worden, dem Mann, den dort der vierte, funfte Vorubergehende grusst? Dem Mann mit dem schwarzen Frack und dem rothen Bandchen im Knopfloche? Dem Mann in dem herbstlich gelben Ueberzieher, mit dem Bart a la mecontent, im weissen Castorhute, dem vornehmen Gange, der fast die Steine, auf die er trat, erst auswahlte und des Gehens auf gemeiner Erde gar nicht gewohnt schien?

Es war von ihm gesprochen worden!

Und so obenhin war es gesprochen worden, wie wenn alle Tage Sabbat ware und die Erde nie den Winter kennte sondern ein ewiger Fruhling in der Natur und dem Herzen ihrer Bewohner bluhte und wie wenn die gebratenen Ganse mit duftender Aepfelfullung nur so mit den Tranchirmessern durch die Lufte flogen und die Menschen am Tage geputzt gingen mit Veilchen Igelsheimer's Garderobe oder wie die Ballgaste in der neuen Oper "Gustav oder der Maskenball" ...

Lob Seligmann wuchs in diesem Augenblicke bis an die Kuppel einer nahe liegenden wirklich alt byzantinischen Kirche.

Er vergass die vorahnende Erinnerung an die Todesanzeige: "Gestern starb mein geliebter Onkel !"

Er vergass die Erinnerung an die Scheiterhaufen der Inquisition und die burgerliche Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse wenigstens vor dem Bagatellhofe wegen Injurien ...

Sie konnen ja Sonntag bei uns speisen, Seligmann!

Ja es gibt noch Wunder und liebliche Marchen und was wird Veilchen sagen und was Henriette und was David?

Mit diesen, bis in die hochsten Bergeskuppen gipfelnden Empfindungen musste Lob Seligmann freilich jetzt in einen Keller steigen.

Der Besitzer des um keinen Preis kauflichen Weinberges hinter Drusenheim hiess Stephan Lengenich.

Es war dies der aus hiesiger Gegend geburtige Kufer und ehemalige Freund der Beschliesserin Lisabeth auf Schloss Neuhof, der um den Tod des Deichgrafen ein Jahr hatte sitzen mussen, bis ihn die Gerichte aus Mangel an Beweis freisprachen.

Stephan Lengenich war in seine Heimat zuruckgekehrt und stand als erster Kufer dem grossen Weingeschafte von Joseph Moppes vor.

In diese beruhmten, mit unterirdischen Gangen weit sich hinziehenden Keller ging es zwanzig Stufen hinunter.

Lob Seligmann stieg sie nieder, als fuhrten sie um das Dreidoppelte empor.

Nachsten Sonntag! In Drusenheim! Speisen bei Bernhard Fuld!

Die heitersten Melodieen aus "Fra Diavolo", mehr aber noch das lustige "Kommt frohliche Gaste!" aus den "Wienern in Berlin" fielen in sein uberraschtes und bereits versohntes Gemuth wie mit rauschenden Orchesterklangen.

Selbst Thiebold de Jonge und die Freunde Piter's konnten mit soviel Wonne nicht an die von ihnen beschlossene drusenheimer Partie des nachsten Sonntags denken.

4.

Seit jenem verhangnissvollen Augenblick, wo die wenigen Zeilen, welche Eduard Michahelles, der Secretar des Kirchenfursten Grafen Truchsess-Gallenberg, an Bonaventura geschrieben, in den Handen desselben wie gluhende Kohlen brannten, sprach es mahnend und zur Eile drangend aus jedem Baumeswipfel, aus jedem Windeswehen, aus jedem Menschenauge um ihn her mit den Worten des Herrn: "Siehe, ich habe dich gerufen und du hast dein Ohr verstopfet!"

Von dem Dechanten, den Bonaventura fur einen verlorenen Sohn der Kirche halten musste, hatte er sich losgerissen wie von einer jener Versuchungen, die zu unterdrucken nun schon fast neun Jahre seine tagliche Uebung war. Er hatte die Auftrage an den Obersten uberbracht, ohne diesen strengen und ernsten Mann vermogen zu konnen, Armgart's Wunschen zu folgen und sich sofort mit seiner Gattin Monika auszusohnen. Wie er als Bote des Dechanten Grunde der Billigkeit geltend machte, wie er sagte: Die meisten Ehen haben ihren wahren Grund erst dann noch zu legen, wenn sie schon langst geschlossen sind! wie er die Tugenden der Gattin des Obersten schilderte, den starren Sinn der gemeinschaftlichen Heimat, die Harte der Verwandten, die ihr das einzige geliebte Kind rauben konnten, wie er ruhmte, dass sich die verbitterte, ermudete junge Frau, um allen Schein einer weltlichen und eitlen Gesinnung zu vermeiden, in ein Kloster gefluchtet hatte, wurde seine Beredsamkeit wieder gelahmt durch das soeben noch schmerzlich lebendig heraufbeschworen gewesene Andenken an seine eigenen Aeltern. Er schied vom Obersten unverrichteter Sache und reiste nach St.-Wolfgang zuruck, ohne auch von Lucindens Bruch mit der Dechanei vernommen zu haben. Die Freundin des Dechanten, der in der Stadt war, verbot formlich, ihn damit bekannt zu machen; sie furchtete einen Versuch der Vermittelung und Aussohnung.

Erst in seinem Pfarrhause, wo die alte Dienerin seiner Aeltern, die wie Joseph Mevissen zu ihm gehalten hatte, vor der Mittheilung, ihr Pflegling musste sofort in die Residenz des Kirchenfursten, nicht wenig erschrocken und doch auch wieder darob geistig hoch erhoben war, erfuhr er gelegentlich von dem durchreitenden und immer noch vergebens nach dem Knecht aus dem Weissen Ross suchenden, in seinem damaligen Verdacht so glanzend gerechtfertigten Grutzmacher, wie die Dinge in der Dechanei Hals uber Kopf gegangen. Bonaventura horte sie voll Mitleid, er vertheidigte sogar Lucinden gegen die Anklagen Renatens und nur die Besorgniss, dieser peinlichen Neigung nun gar in der Residenz des Kirchenfursten wieder zu begegnen, liess ihn verstummen in seiner aufrichtig theilnehmenden Anwaltschaft.

Der Kirchenfurst hatte ihn innerhalb so kurzer Frist zu sprechen begehrt! Und doch fesselte ihn in seiner Gemeinde so vieles, was zu erledigen war. Es kam ihm vor, als gliche er denen, die im Evangelium zur Hochzeit geladen werden und die dem gottlichen Gastgeber soviel geringfugige und alltagliche Dinge vorzuschutzen wissen ...

Und es bildet sich auch im katholischen Leben eine Gemeinsamkeit des Geistlichen mit dem Leben seiner Gemeinde, die eine ganz personliche und dies in der Liebe sowol wie im Hasse werden kann. Denn auch der Hass findet seine Nahrung. Zu eng ist fast der Verkehr der Kirchenaufsicht, Kirchenbusse und Kirchenzucht. Und eben deshalb, weil der Geistliche sich selbst in alles mischen darf, unterliegt auch er einer strengen Kritik. Vom Gutsherrn bis zur untersten Magd herab wird seine Art beurtheilt. Dem einen sieht der Pfarrer zu traurig, dem andern zu heiter aus; den grusst er zu stolz, jenen zu herablassend; diese alte Frau wirft ihm vor, dass er den Kindern nicht oft genug die Hand gebe und Heiligenbilder an sie austheile; jenem Bauer ist er zu freigebig und spendet aus dem kleinen ledernen Beutel, den er immer bei sich tragen soll, zu viel an die Bettler, die sich so durch ihn in den Ort gezogen fuhlen. Ganz altmodisch mogen sie auch keinen haben und doch beurtheilen sie den Schnitt des Rockes, ob der auch nicht zu kurz, der Stiefeln, ob die auch geziemendermassen bis an die Schafte hinauf nach aussen sichtbar sind, den Hut, ob dieser, wenn er auch billigerweise die Form des Dreiecks bei uns abgelegt hat, doch nicht zu modern und stadtmassig ware. Die Beurtheilung der Gemeinde sieht ihrem Seelsorger bis in das Innerste des Hauses, bis in den Topf, der fur ihn am Feuer siedet, bis in das Polster seines Sitzes, ob es nicht zu weich ist, bis auf die Farbe der Decken, die auf seinem Tische liegen, ob sie nicht zu bunt. Und daran gewohnt sich denn auch der Geistliche selbst. Die Beaufsichtigung wird ihm Bedurfniss. Die Gemeinde ersetzt ihm die Familie. Er lebt mit allen, lebt fur alle. Jedes Vorkommniss des innern und aussern Lebens seiner Ortsangehorigen will er kennen und was er nicht sieht mit eigenen Augen, erfahrt dann doch sein Ohr im Beichtstuhl. Da, in diesem rathselhaften Flusterstubchen, wandeln diese Menschen dann alle um ihn her fast wie aufgedeckt und durchsichtig und wie mit glasernen Fenstern vor ihren Herzen. Niemand kann nun noch an ihm vorubergehen und unbefangen grussen. So mancher schlagt die Augen nieder, so mancher Knecht, der allen trotzig ist, ist ihm demuthig, so manche Magd errothet und athmet erst auf, wenn sie an ihm wieder voruber ist. Waren es nur immer die rechten Warner und Richter, wer hatte Bonaventura nicht recht gegeben, wenn er auf die Feindschaft des Dechanten gegen die Beichte gewohnlich erwiderte: Unsere Kirche ist eben eine Heilsanstalt!

Denn nicht eben alle wissen den Beichtstuhl so zu behandeln, wie Bonaventura seit seiner ersten Sitzung in dem "Holz der Busse". Nur zu sehr nimmt die meist aus dem Bauernstande hervorgegangene niedere Geistlichkeit die Art und Bildung der Scholle an, von der sie herstammt und auf die sie zuruckkehrt. Heftige Naturen toben sich selbst im Messgewande aus und will man wahr sein, so gefallt es sogar dem Landmann, wenn sein geistlicher Fuhrer Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein ist. Der Dechant, in seiner Gletscherbildungstheorie, sagte oft: "Darin etwas andern ist auf theoretischem und discutirendem oder befehlendem Wege nicht moglich! Nur grosse Geschichtsepochen, die den ganzen Menschen ergreifen, die allein reformiren! Geschichtsepochen, denen wir hoffen auf irgendeine Art wieder entgegenzugehen und ganz nahe zu sein, Geschichtsepochen, die wir 1815, als das deutsche Vaterland in seiner Einheit wiederhergestellt wurde, leider so unbenutzt voruberziehen liessen!"

Bonaventura kannte vollkommen den Landmann und seine Bedurfnisse. Sein unglucklicher Vater hatte allerdings dem hohern Beamtenstande, zuletzt als Regierungsrath, angehort; aber seine beiden Oheime lebten auf dem Lande, der Dechant wenigstens in einer kleinen Stadt; er selbst war in Borkenhagen geboren, einem kleinen Gute, das der ganzen Familie gehorte und vor der Ruckkehr des Onkels Max aus dem spanischen Kriege verpachtet gewesen war, ohne dass seine junge Mutter sich behindern liess, dann und wann das kleine, der Familie gebliebene Herrenhaus zu besuchen und auf dem Lande die Sommerfrische zu halten. Bonaventura war keine zerflossene Natur oder von ubermassiger Milde; er konnte streng und in manchem vielleicht zu entschieden sein. Aber immer umgab ihn eine gewisse Vornehmheit, eine edle, ja adelige Besonderheit. Der langliche Schnitt seines Antlitzes, die braunen Augen in dunkelschattigen Hohlen, die Feinheit derjenigen Organe, die die Kennzeichen einer hohern geistigen Natur tragen, Mund, Nase, weisse langliche Hande, alles das hob seine Erscheinung. Dazu kam der schlanke Wuchs, das schwarze Haar, dessen Tonsur nur wie die naturliche Folge der Anstrengung des Denkers aussah und vollkommen mit dem lichtern Haarwuchse an den Schlafen und Stirnecken zusammenzugehoren schien. Beseelt war all dies Aeusserliche von einer weichen, in der mittlern Tonlage sich haltenden und zur Hohe und Tiefe gleich klangvoll sich erhebenden und senkenden Stimme.

Bonaventura besass den ganzen Eifer, den wir immer finden bei einem selbstgewahlten Berufe. Damals, als ihn der schauervolle Tod des Vaters und die Verheirathung seiner Mutter in eine tiefe Betrubniss, die an Schwermuth grenzte, versetzte, ging ihm die Mahnung zum geistlichen Beruf wie eine Vision auf. Schon studirte er auf der Universitat, um nach einiger Zeit und mit dem gesetzlichen Alter als Freiwilliger in die Armee zu treten und bei ihr auf Avancement zu dienen. Der Fall trat ein; er verblieb in den Reihen des Militars bis zur Vollendung seines Offizierexamens. Dann trat er als Fahnrich aus. Es ergriff ihn ein solcher Ueberdruss an weltlichen Dingen, dass er nicht fassen konnte, wie er dem Waffendienste sich mit ganzer Hingebung hatte weihen konnen. Das Vaterland lag im tiefsten Frieden, eine Lockung des Ehrgeizes oder des Pflichtgefuhls, dem Allgemeinen sich zu opfern, sprach nirgends aus der todten oder traumerisch schlummernden Zeit; was hatte ihn hindern konnen, dem Zuge zu folgen, der ihn so machtig ergriff und der ihn aus einer Art geistiger Vernichtung wieder emporzuheben versprach?

Es gibt eine Schwarmzeit im Gemuthe des Junglings, eine heilige Zeit der Dammerung und des sehnsuchtigen Traumens. Nicht immer hin an das Herz eines weiblichen Wesens, das man dann allerdings in den meisten Fallen unter Athemzugen wie von Feuergluten lieben muss, oft auch an einen Freund zieht es in dieser Zeit des Junglings Seele. Diese Stunden sind die der Geburt unsers geistigen Menschen. In diesen Stunden werden die Bucher unsers Schicksals angelegt. In ihnen offnen sich feierlich und schwer diese grossen leeren Blatter, auf welche unser Schutzgeist das Grosste, Erhabenste, Glucklichste schreiben mochte, wenn nur nicht die starkern Damonen der Weltregierung und die noch starkern unserer eigenen Leidenschaft ihn von dem Buche hinwegdrangten, ihm die Feder aus der Hand rissen, thorichte Hieroglyphen, Fratzen oft hineinzeichneten, von denen wir in unsern spatern Tagen mit verhulltem Angesicht uns abwenden, mogen sie auch in einem einzigen grossen, uns unbekannten, allmachtigen Weltenplane irgendwie auch ihre Schonheit haben und diese Schonheit schon durch die Leiden, mit denen wir sie bussen mussten! In einer solchen Dammerstunde, wo wir nichts sind als Gefuhl, nichts wollen als die liebende Umarmung des Alls, nichts furchten und war' es die eigene Vernichtung, da ergriff es auch den zwanzigjahrigen Jungling, der uber ein Jahr schon auf der Hochschule gewesen, dann schon die Liebe militarischer Kameraden, die Achtung der Vorgesetzten gewonnen hatte, sich loszureissen ganz von der Welt, von dem Staat, von der Gesellschaft und ein Priester zu werden. Das Bild des im Alpenschnee versunkenen Vaters winkte ihm, gleichsam ein Dankopfer darzubringen an die Augustinermonche, die ihn gefunden und begraben hatten. Die plotzliche Heirath der Mutter mit einem Manne, uber dessen Stellung zu seinem vaterlichen Hause er erst nach und nach die volle Wahrheit ahnte, diese vollends erfullte ihn so mit Wehmuth und Schmerz und Opferfreudigkeit an das Hochste, dass er ein Kloster aufgesucht haben wurde, wenn er nicht vom Dechanten mit der ernstesten Ruge davon ware abgehalten worden. Drei Jahre verbrachte Bonaventura im Convict einer mitteldeutschen Universitat. Er erhielt nach und nach die mehreren Weihen des Priesters. Er war ein Jahr Kaplan zu Kocher am Fall gewesen; dann seit zwei Jahren Pfarrer zu St.-Wolfgang, Nachfolger eines wenig ruhmenswerthen Priesters, Cajetanus Rother. Bonaventura fuhlte und fullte die Lucken seines Wissens. Die Ausdehnung auf dem Gebiet aller der je gehegten Meinungen und Irrthumer uber jenseitige Dinge ist so gross, die Zahl der Schriften, die gelesen zu haben zur Beruhigung wenn nicht des Herzens, doch der Bildung gereicht, mehrte ihm sich von Tage zu Tage, wie sie sich dem grossten Gelehrten mehrt, je langer er forscht ... Da hatte er denn daheim so viel Angefangenes, so viel zog ihn in seine kleine Bibliothek und an seinen Studirtisch zuruck, dass er nicht sofort zum Aufbruch kam, als er jetzt in die grosse Stadt hinunterkommen sollte ... zu dem Kirchenfursten, mit dem er schon einmal in seinem Leben unter schmerzlichen Umstanden zusammengetroffen war.

Diese Stadt selbst hatte fur Bonaventura immer etwas Beklemmendes gehabt, theils weil sie so unschon, wirr und wild in der Anlage, hier und da sogar wust im Zuruckgebliebensein gegen fruhere Macht und Bildung war, theils weil sie neugeboren wurde aus einem ihm nicht sympathischen Geiste, dem protestantischen; aber am unheimlichsten erschien sie Bonaventura durch die Erinnerung an eine Abschiedsscene, die er vor sieben Jahren hier erlebt, die Trennung von seiner Mutter. Schon seit seinem zwolften Jahre lebte er von ihr entfernt, theils in Kocher, theils auf der lateinischen Schule der Universitat. Von seiner Mutter hatte er immer nur die Erinnerung einer Frau gehabt, die er wol mit seinem Vater in ruhiger Einigkeit gesehen und doch nie ganz mit ihm und in ihm aufgegangen. Es war eine grosse Regierungsstadt mehr nach dem Westen zu, in der Vater und Mutter gelebt hatten. Der Vater hatte einen Freund, der erst der Assessor, dann der Rath von Wittekind-Neuhof hiess, jetzt schon seit lange der Prasident. Dieser war der unzertrennliche Gefahrte aller Erinnerungen, die ihm aus seiner ersten Knabenzeit geblieben. Herr von Wittekind-Neuhof war ein lebhafter, feuriger Weltmann, beweglich, anschlagig, geistvoll, selbst vor dem Tode seines Bruders Jerome doch schon der Erbe grosser Guter, die Seele der Gesellschaft und, sonderbar genug, der Freund seines Vaters. Bonaventura kannte jetzt das Leben genug, um sich zu erklaren, wie drei Menschen, von denen einer, sein Vater, ein edler, aber unpraktischer, in seiner burgerlichen Existenz wenig geordneter Charakter war, der Freund dag gen ein an allen Gutern gesegneter Weltmann, und dazwischen ein junges Weib, seine Mutter, in Conflicte kommen konnten, unter denen alle drei litten und alle drei scheiterten. Er sah seinen Vater immer noch im Geiste langsam dahinschreiten, das Haupt nachdenklich gesenkt, er erinnerte sich der abgeschlossenen Thuren der verweinten Augen vieles Murmelns und Flusterns dann der vaterlichen Todesnachricht mit ihren seltsam besprochenen Folgerungen damals schon lebte er nicht mehr im Hause zum Bruder hatte ihn der Vater entfernt, als sollte er nicht Zeuge der Vorgange des alterlichen Hauses sein nicht einmal Abschied hatte er, als er nach der Schweiz reiste, von ihm genommen, alles traf ihn wie aus wolkenloser Hohe. Die Bewilligung zur neuen Heirath der Mutter hing von dem damaligen Generalvicar, dem jetzigen Kirchenfursten ab. Ein Zusammentreffen wurde veranstaltet in dieser Stadt. Sein Stiefvater war zugegen. Die Freundlichkeit desselben war Bonaventura noch jetzt in der Erinnerung beklemmend. Die Mutter und der Prasident kamen erhitzt und erregt von dem Generalvicar. Man hatte lange Anstand genommen, eine Ehe zu gestatten, die zwar gleiche Religionsverwandte schlossen, aber wer durfte die Todesnachrichten uber den Regierungsrath Friedrich von Asselyn nicht anzweifeln? Wer musste nicht von der Schweiz und vom St.-Bernhard aus erst die grundlichsten Ausweise der Register und der Erkennungsprotokolle verlangen? Auch das erfuhr Bonaventura spater, dass Graf Truchsess seinen neuen Vater nicht mochte, ihn hasste als einen ganz in das jenseitige Lager Uebergegangenen, als eine "Bureaukratenseele", einen Abtrunnigen vom alten Adel des Landes und das aus einem Geschlechte, aus dessen Vorfahren mancher schon hohe geistliche Wurden bekleidet hatte ... Der Kronsyndikus hatte seinen Sohn ja schon Lucinden einen neuen Segestes genannt ... Damals wiederkehrend aus dem Domkapitel, warf sich die Mutter dem Sohne an die Brust und schilderte ihm den Charakter seines neuen Vaters als eines der edelsten und besten Menschen, eines Mannes, der dem Sohne schon um deswillen lieb und werth sein musse, weil er der innigste, warmste und wahrste Freund seines Vaters gewesen. Die Thranen einer Mutter hatten vielleicht jeden in dieser Lage geruhrt, aber Bonaventura's Augen feuchteten sich nicht. Das Wort des Erlosers, das schroffe, unentrathselte Wort: "Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen?" kam ihm wie mit einem plotzlichen Begreifen zu Gemuthe. Hatte er je eine wie weltsturmende Regung in seinem Innern empfunden, so war es in diesem Augenblicke. Eine prophetische, apostolische Glut war es, die ihn durchloderte. Die Mutter hatte er von sich drangen mogen, sprechend: "Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen?" Und dabei gedachte er in der That des Sundenfalls, gedachte Eva's, der Schlange, des Apfels, der geistigen Wiedergeburt, der Erlosung, auch der Erlosung aus den Banden des Naturlichen, Sinnlichen, Angeborenen, wenn auch noch so Theuern. Erstarken fuhlte er sich zum Helden. Als ihm keine Thrane uber diese weinende Mutter kam, fuhlte er sich zum ersten mal als Priester.

Seine Hand zitterte wol, als er die der Mutter hielt, aber nur aus Mitleid. Die Mutter hatte eine Confrontation mit dem Sohne noch vor dem Generalvicar haben sollen mit dem kunftigen Stiefvater; es handelte sich schon um dessen Zustimmung zu dem Entschlusse Bonaventura's, in den geistlichen Stand zu treten, die naturlich sogleich von Friedrich von Wittekind gegeben wurde. Die Dauer des Namens Asselyn wurde durch die fruhe Adoption Benno's verburgt. Nun stand die Mutter wie eine Schuldige gar schon vor dem kunftigen Geistlichen. Sie bat ihn, ihrer oft im kunftigen Altargebet zu gedenken; sie bat ihn, auch dem neuen Vater Heil zu erflehen. Sie konnte versichern, dass auch den neuen Gatten genugsam geheimer Kummer druckte ... obgleich die Zeit, wo sein Vater fur den Morder des Deichgrafen gelten durfte, noch nicht da war und nur die altere trube Vergangenheit des Kronsyndikus schwer auch auf den Lebensbeziehungen des Sohnes lag. Dennoch liess Herr von Wittekind damals nach den Thranen der Mutter im Hotel beim Diner Champagner bringen, fuhr in bequemer Equipage in scheinbar heiterstem Gesprache mit ihnen beiden spazieren, bis sie freilich, nach dem Hotel zuruckgekehrt, eine Botschaft von Schloss Neuhof empfingen, der Bruder des Herrn von Wittekind wurde demnachst zu einer Heirath schreiten mit einem Fraulein Portiuncula von Tungel-Appelhulsen. Sofort reisten die nun unzertrennlich Verbundenen ab und seither lebten jene in ihren durch den Tod des Deichgrafen, Jerome's und die uber den Kronsyndikus ausgesprochene Curatel sich immer mehr verwirrenden Verhaltnissen und Bonaventura in den seinigen ... Oft schon hatte er sich bei spatern Kunden uber die nur ausserlich glanzenden Lebensverhaltnisse seiner Mutter Vorwurfe gemacht, dass sein Herz damals so lieblos gewesen. Dann aber durfte er sich sagen: Ist nicht dein ganzes Leben ein Kampf gegen dein Herz? Die Kirche ist deine Mutter, der Glaube deine Liebe ... "Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen!"

Von St.-Wolfgang nahm Bonaventura endlich in einer Morgenfruhe Abschied. Er ging uber die Maximinuskapelle auf eines der vielen voruberrauschenden Dampfboote. Im Weissen Ross besuchte er den Wirth, der sich und "eine durchreisende Fremde" als Ursache des an dem Kirchhof zu St.-Wolfgang begangenen Frevels angab, indem er von der Vermuthung jener Dame seinem Knechte gesprochen, einem ihm als pferdekundig gut Empfohlengewesenen, von dem er keine Ahnung gehabt, dass er ein schon bestrafter Verbrecher und Angehoriger der noch immer nicht ganz ausgerotteten hierlandischen alten Gaunerfamilien der Picard, Bosbeck und der Schinderhannes ware ... Noch war der Fluchtling, der sich statt Picard Bickert genannt und mit falschen Zeugnissen versehen gewesen war, nirgends wieder aufgefunden.

Bonaventura's erste Regung war, sich zu sagen:

Also alles Unheil wieder von Lucinden!

Er veranderte mit der Zeit diese Vorstellung dahin, ob nicht hier das erste Unheil in seinem Schoose eine Reihe guter Folgen tragen konnte?

Auf dem Dampfschiff erfreute ihn, dann nichts Besonderes mehr, selbst Lindenwerth nicht, bei der festgehaltenen Vorstellung: Wie wirst du dem Kirchenfursten begegnen? Jetzt nach der Warnung des Oheims? Jetzt, wo in der That das Vorschreiten des vielleicht bald mit dem Purpur eines Cardinals bekleideten Priesters das ganze deutsche Vaterland in Erregung gebracht hat?

Sind die katholischen Priester entweder Sohne von Landleuten oder Sohne von Adeligen, so vertrat Graf Truchsess von Gallenberg gleichsam beide Ursprunge zu gleicher Zeit. Die Tage der grossen geistlichen Pfrunden sind in den Staaten, uber welche die eiserne Pflugschar der grossen Revolutionskriege ging, voruber; nur wenige solcher Stellen mag es auf diesem Boden noch geben, in denen man sich wie zu St.-Zeno in Kocher am Fall die "feisten" Aebte und "Pfaffen" alter Zeit auch auf unsere Tage uberkommen denken darf; die Mittel sind geringer, die Verpflichtungen ernstere geworden. Graf Truchsess war ein Angehoriger jenes Adels auf dem jenseitigen Ufer, den man einen Bauernadel nennen mochte. Wenn er nicht in pontificalibus sich zeigte, trug er grobe Stiefeln mit starken Absatzen, waschlederne Handschuhe, die ein halbes Jahr lang vorhalten mussten, eine hoch hinaufgehende grobe Tuchweste mit grossen Knopfen, einen Hut, der nur deshalb nicht zu sehr abgegriffen war, weil er beim Spazierengehen um die Alleen der Stadt und am Ufer des Stromes niemanden mit ihm grusste, sondern kurzweg nur nickte. Seine Wasche war von Hausleinen und nicht besonders reinlich, denn er rauchte und schnupfte. Er schnupfte nicht etwa wie ein Abbe mit zierlicher Fingerhaltung; er schnupfte wie ein ungeduldiger Advocat, der seinen Eifer, zu Worte zu kommen, durch ein haufiges Handhaben seiner goldenen Dose unterdrucken muss, nur dass der Graf eine gewohnliche Holzdose fuhrte, ganz wie ein alter Waldhuter, der sich aus herbstlichen, duftenden Buchenblattern seinen eigenen Lotzbeck schrotet. Des Grafen Mittagsmahl bestand aus Linsen, Bohnen, Erbsen, gelben Ruben; seine Erholung war das Billardspiel. Denke man sich dazu seine starkknochigen Zuge ... diese hellblauen, tiefliegenden Augen ... dies jetzt noch gelblich rothe, bei funfundfunfzig Jahren nirgends gebleichte Haar ... diese markigen Schultern auf einer ebenso lang hagern, wie wieder doch stammigen Gestalt ... dieses wuchtige Auftreten ... diese kurze, befehlende Sprechweise aus einem an sich wohlgeformten Munde, dessen Lippen aber nie in unbedachter Ruhe, sondern immer wie ein Geheimniss bewahrend fest zusammengepresst lagen ... Die Farbe des Antlitzes war fast grau, konnte aber bei der geringsten Erregung sich rothen bis in die Zipfel des Ohres. Das Geistliche am Grafen lag nur in dem schwarzen langen Oberrock, in der von einem Sammtkappchen bedeckten Tonsur und in einem gewissen Etwas von Unstetigkeit und allzu sichtlich beherrschter Reserve, diesem allgemeinen katholischen Priestertypus mangelnder Ruhe und Harmlosigkeit, einem Typus, den auch Graf Truchsess, ein so fester Charakter er sonst war, nie ganz hatte uberwinden konnen.

Schon dammerte der Abend, als das Dampfschiff landete. Bonaventura fuhr mit seinem kleinen Koffer bei Herrn Maria vor und trat in den Laden desselben ganz unter den von Gebhard Schmitz geschilderten Umstanden ein, nur dass er von Moritz Fuld weder eine Visitenkarte noch eine Einladung nach Drusenheim erhielt. Eva Schnuphase zeigte ihm das schon vorgerichtete Zimmer und entschuldigte den Vater, der in Geschaften schon wieder auf dem Lande reiste.

Sofort begab sich Bonaventura in das Palais des Kirchenfursten und meldete feine Ankunft.

Er erfuhr, dass Se. Eminenz unpasslich waren und ihn auf morgen bescheiden liessen. Auch sein Secretar war im Augenblick nicht anwesend.

Nun suchte Bonaventura Benno auf und fand den lieben Freund hinterm Schreibtisch. Er hatte die durch seine Militarubung entstandenen Ruckstande aufzuarbeiten.

Bonaventura's Herbescheidung hatte er schon in der Dechanei vernommen.

Der Kirchenfurst unpasslich? sagte Benno. Ein seltener Fall, dass dieser Hunennatur einmal etwas vom allgemeinen Menschenloose ankommen kann!

Die Spannung, welche Veranlassung es sein konnte, die Bonaventura von einer Landpfarre unmittelbar und personlich zum Kirchenfursten beschied, war bei Benno ebenso gross wie bei Bonaventura. Benno konnte ohnehin die lebhafteste Schilderung von der gegenwartigen Lage des Kirchenfursten geben, von seinem Kampfe gegen die gemischten Ehen, gegen die auf der benachbarten Universitat gelehrte Philosophie, gegen die Einrichtung der Priesterseminare. Er versicherte, dass alles das zu einem gewaltigen Conflicte fuhren musse, weil sich der Kirchenfurst bei seiner Inthronisation auf dem hohen Erzstuhle gegen die Regierung sollte verpflichtet haben, keinen Erlass von Rom unmittelbar entgegenzunehmen, sondern in so hochwichtigen, mit den Einrichtungen des Staates, mit den Lebensformen der Gesellschaft, mit den Bedingungen der Zeit und der Sitte in Beruhrung kommenden Verhaltnissen erst das Placet oder Transeat der landesherrlichen Genehmigung abzuwarten. Die Mahnung, dass man "Gott mehr gehorchen musse als den Menschen", ware aber dem Kirchenfursten jetzt mit einer so flammenden Ueberredung, ob nun von aussen oder von innen liess Benno unentschieden, gekommen, dass, wenn nicht ein offener Bruch seiner Versprechungen, doch eine gefahrliche Deutung derselben seinerseits zu erwarten stunde und man zunachst nur hoffen musste, dass der in Aussicht gestellte Vermittler dieser Streitigkeiten, der in ausserordentlicher Sendung angekundigte Gubernialprasident von Wittekind-Neuhof durch seine Gewandtheit und seinen Takt den Frieden wiederherstellte.

Wie! Mein Vater? rief Bonaventura heftig erschreckend.

Benno wiederholte, davon gehort zu haben. Ja, er vermuthete, dass Bonaventura's Berufung mit dem Wunsche des Kirchenfursten zusammenhangen konnte, in seiner schwierigen Lage einen zur jenseitigen Partei in naherer Beziehung stehenden Beistand zu haben.

Das ware ein bitterer Kelch! sagte Bonaventura und bezweifelte diese Deutung.

Der Kirchenfurst, sagte er, wird handeln wie sein Gewissen ihm rath!

In den streitigen Punkten des Tages empfanden beide Freunde ziemlich gleich, nur dass Benno mehr die politischen Gesichtspunkte seines Principals, des Procurators Nuck, theilte, ohne jedoch diesem in der Anhanglichkeit an das alte Napoleonische Regiment zu folgen. Benno hasste das herrschende Regierungssystem, das sich damals dem Geiste der Zeit vollig abgewandt und feindlich zeigte. Wo die von demselben vertreten sein wollende Vernunft und Aufklarung in Formen sich ankundigte, die selbst schon wieder etwas Verbindliches hatten, wo, wie damals, ein grosser, den besten Kern des deutschen Volkes einschliessender Staat unter dem Aushangeschilde der patriarchalischen Begluckung die Erfullung aller Verheissungen entbehren musste, die erst mit dem Jahre 1840 in langsamem Fortschritt und wie versuchsweise gewahrt wurden, da erlebte man die fur alle Zeiten lehrreich bleibende und immer wiederkehrende Erfahrung, dass man dem Besten mistraut, wenn es nicht in dem Geist gegeben wird, der unser ganzes Vertrauen fur sich hat. Friedrich's II. Aufklarung, die anzunehmen moglichenfalls der Stock gebot, Kaiser Joseph's Reformen, die aus dem Horsaal der Theorieen kamen und scharf wie eine blanke Pflugschar in ein Erdreich schnitten, in welchem eine schonende Hand zuvor das Unkraut der Vorurtheile nicht ausgejatet hatte, die Schulverbesserungen spaterer Regierungen, die Unionsversuche auf kirchlichem Gebiete, ja die geordnetste Verwaltung, die musterhafteste Gerechtigkeitspflege, nichts, nichts entschadigt fur die Misachtung der personlichen Freiheit, fur die Unterdrukkung des unerschrockenen Wortes, fur die Ablehnung derjenigen Institutionen, die zuletzt jeder Individualitat Gelegenheit geben mussen, mit ihrer Meinung, auch der verkehrtesten, mit ihren Interessen, auch den einseitigsten, mit ihren Anspruchen auf Kraft und thatsachliche Bewahrung, auch den haltlosesten, sich in der einmal uns zur Freiheit des Denkens und Handelns geschenkten Gotteswelt gesund und mannhaft auszuleben.

Der schone Abend lockte beide Freunde noch zu einem Spaziergange. Sie gingen in den Hafen, wo jetzt Dampfschiff auf Dampfschiff vor Anker legte und wol auch das, auf welchem Thiebold de Jonge spater angekommen. Sie beide zog es in eine stillere Gegend. Seit dem Morgen auf dem Friedhof von St.-Wolfgang hatten sie sich nicht ausgesprochen. Bonaventura erzahlte Benno alles, was zwischen ihm und dem Onkel war besprochen worden uber die im Sarge vorgefundenen Reliquien und Benno benutzte die ihm von seinem Freunde gegebene volle Erlaubniss, ja erfullte den ausdrucklichen Wunsch desselben, wenn er offen sagte:

Sicher lebt noch dein Vater! Die Recognition des Onkels in dem Leichenhause des St.-Bernhard genugt mir nicht. Ihm kam bei seiner Weichlichkeit schon beim Betreten der grauenhaften Schwelle ein Schrekken; er sah in einer fremden Leiche seinen Bruder und untersuchte nichts mehr! Mevissen war mit deinem Vater im Einverstandniss. Dein Vater wollte annehmen lassen, als ware er in den Alpen umgekommen. Einen zerschmetterten Leichnam, den man mit seinen Kleidern und Habseligkeiten behangen konnte, die sich spater im Leichenhause fanden, erwarb man sich durch Zufall oder durch Bestechung ... das, was allenfalls noch nicht geborgen war, bewahrte Mevissen und nahm das mit in sein Grab ... Dass er es nicht zerstorte, ist uberraschend ... Vielleicht, dass dein Vater es so wollte und dabei an dich dachte ... Er verliess dich ohne Abschied er hoffte vielleicht auf eine Zeit, wo deine Mutter nicht mehr lebte und er dir sich vielleicht noch einmal entdecken konnte wer weiss, ob nicht in dem Sarg viel mehr gelegen, als du gefunden!

Diese Gedanken unterwuhlen die Ruhe meines Lebens! sagte Bonaventura auf diese aufrichtige Deutung und blickte in den Strom, an dessen Ufer sie hingingen ...

Benno's Empfindungen waren fast die namlichen. Auch ihm floss ja das Leben dahin wie die Welle, von fernher kommend, in die Ferne gehend, einmal gesehen, verschwunden dann fur immer, rathselhaft und wie ein Traum ...

Bonaventura verstand diese Stimmung und fragte nach des Freundes Leben, seiner Thatigkeit, seinen Hoffnungen fur die Zukunft.

Ich bin, erwiderte Benno, in Verhaltnissen, die mir wie der sausende Webstuhl der Zeit erscheinen! Ich hore taglich in zehn Zimmern dreissig Federn kritzeln! Allen dictirt Dominicus Nuck seine Finten, seine Quarten, seine Terzen! Das ist bei St.-Peter und Paul ein ganzer Kerl! Wenn man ihn sieht, im schlechten grauen Ueberrock, schmuzig, falls nicht einmal seine Frau Generalrevision mit ihm gehalten hat, oder wenn er in der Beichte sich schamt, zu viel Schnupftaback auf dem Vorhemd liegen zu haben oder das Beichttuch des Priesters zu verunreinigen wer mochte dann glauben, dass hier diesseit und jenseit des Wassers alle Ritterburtigen mit ihm verkehren, alle Domstifte, alle Ordensgesellschaften und Gotteskastenpfleger! Er hat gelobt, nicht fruher wieder einen schwarzen Frack anzuziehen, bis er nicht den Orden vom goldenen Sporen, den er vor Jahren aus Rom erhielt, wirklich im Knopfloch befestigen kann! Sie haben's ihm abgeschlagen, ihn tragen zu durfen! Nun liegt ein ganz neuer schwarzer Frack, im Knopfloch ein rothes Band mit einem goldenen, weiss emaillirten Malteserkreuz, an dessen beiden Spitzen des untern Flugels ein kleiner goldener Sporen hangt, immer an seinem Pulte auf der Sophalehne neben ihm ausgebreitet, sodass jeder Graf, jeder Bischof, jeder Regierungsprasident, mit dem er Conferenz halt, die Geschichte zu horen bekommt und Entschuldigung gewahren muss, dass er Se. Excellenz oder Se. Erlaucht nicht wurdiger empfangen konnte, er hatte zwar allerdings einen neuen schonen Frack, da lage er, aber da er ihn so, wie er ihm und dem Stellvertreter Christi gefalle, nicht tragen durfe, so musse er sich schon hier in diesem grauen Alltagskittel zeigen. Und diese Komodie spielt er mit einer Gewandtheit, dass sie Ludwig Devrient nicht besser getroffen haben konnte! Nuck ist ein seltener Mensch, dem man nur leider nicht so nahe kommen kann, wie man mochte, um von ihm alles zu lernen. Nicht nur, dass er sich mit einem eigenen, fast mystischen Dunkel umgibt, sich ofters einschliesst und auf seine nachsten Vertrauten beschrankt auch wir alle, die wir mit ihm arbeiten, bekommen immer nur einen kleinen Theil des grossen Ganzen zu sehen, in dem er die belebende Seele ist. Es scheint, mir schenkt er Vertrauen. Fast hatte er mich schon bei meinem ersten Eintritt in seine Praxis beauftragt, an der Camphausen'schen Verlassenschaft zu arbeiten und nach Schloss Westerhof zu reisen ...

Zu Paula! sprach es still im Herzen des Priesters und Benno fuhlte dies Wort nach und hielt zuruck, etwa von Lucinden zu beginnen, von ihrem Eindruck an jenem Abend im Pfarrhause, von dem vollig andern und gunstigern auf der Reise nach Kocher und von ihrer jetzigen Nahe in dieser Stadt, wo Benno schon seit einigen Tagen wunschte, ihr irgendwie und wo gelegentlich zu begegnen. Denn sie aufzusuchen hielt ihn die Rucksicht auf die Dechanei und sein stiller Cultus fur Armgart zuruck.

Bonaventura erkundigte sich nach der Lage der immer mehr sich verwickelnden Erbschaftsangelegenheiten der Dorstes.

Das gibt einen neuen spanischen Erbfolgekrieg! sagte Benno. Zwei Grafen von Camphausen sind im sechzehnten Jahrhundert, wie damals so viele andere Stadte und Herren um Munster und Osnabruck, lutherisch geworden; ja als die Greuel der Wiedertaufer mit gleichen Greueln ausgerottet, bestraft und die Bedingungen des dortigen Lebens wieder katholische geworden waren, blieben einige ihrer neuen Ueberzeugung treu und die Bischofe sogar, die die Wiedertaufer bandigten, waren theilweise halb und halb selbst Lutheraner. Der jungere der beiden Bruder Camphausen, vom altern, der schon damals ein grosses Besitzthum verwaltete, nicht rechtlich abgefunden, sondern nach gerade vorhandenen Mitteln unterstutzt, zog abenteuerlustig, wie damals die ganze Welt war, gen Oesterreich, um, wie so viele jener Geschlechter damals gethan, in dem an der Donau, in Italien und Ungarn nicht ruhenden Waffentanz dem fehdelustigen Sinne aufspielen zu lassen und vielleicht sogar manche in der Hoffnung, Maximilian II. wurde auch Oesterreich vom Papste trennen. Viele der ersten Geschlechter der osterreichischen Monarchie entstammen diesen Einwanderungen von einfachen Reitern wie Martin Spork an bis zu Grafen und Furstensohnen. Die meisten wurden indessen mit der Zeit wieder katholisch, entweder aus Ueberzeugung oder zwangsweise. Martin Camphausen blieb bei seinem Patrone Martin Luther und erwarb ausser ungarischen Besitzungen das Schloss Salem bei Wien. Seine Nachkommen bewahrten die Tapferkeit ihres Ahnen und zu glanzend waren die Verdienste der Camphausen im Turkenkriege und auf dem italienischen Boden, ihr Glaube stand ihrem Gluck nicht hindernd im Wege. Die altere Linie aber, die des Grafen Philipp, wurde ihrem Patrone Philipp Melanchthon mit der Zeit untreu. In jenen Zeiten, wo bis in das Herz Sachsens hinein katholische Neigung sich wieder geregt hatte und kein Furst Italien bereisen konnte, ohne mit dem Verdacht, seine Confession geandert zu haben, in seine Lande zuruckzukehren, war auch die Linie der Dorste-Camphausen die Dorstes fugten dem Reichthum Philipp Camphausen's durch Verheirathung neuen Besitz hinzu in den Schoos der katholischen Kirche zuruckgekehrt. Ueber hundert Jahre bestand aber damals ein Statut, das einst Philipp und Martin dahin lautend geschlossen hatten, dass nach Aussterben des Mannsstammes einer Linie die andere in die Besitzthumer derselben eintreten sollte, vorausgesetzt, dass die Erben von gleicher Religion mit der der Stifter des Fideicommisses waren ... eine etwa vorhandene weibliche Nachfolge sollte entweder nur durch Verheirathung mit der andern Linie im Besitz bleiben oder standesmassig abgefunden werden. Nach fast drei Jahrhunderten tritt nun der vorhergesehene Fall ein und unter Umstanden, die die Ausfuhrung des Statuts zum Gegenstande eines Streites machen. Paula's Vater kanntest du?

Bonaventura verneinte es.

Ich entsinne mich nur des vornehmen Herrn, sagte Benno, von seiner vierspannigen Kutsche bei feierlichen Gelegenheiten her. Graf Joseph, der letzte des altern Stammes, war fruh Witwer geworden. Da er von einer Wittekind, der Tante deines Stiefvaters, einer Schwester des Kronsyndikus von Wittekind auf Neuhof, nur eine Tochter besass, so besturmte ihn das ganze Land wieder zu heirathen. So fromm sein Inneres, so gern er die Gefahr, funfzehn Quadratmeilen Landes mit 60000 katholischen Seelen lutherischen Gebietigern ubergeben zu sollen, abgewandt hatte, so konnte er sich doch nicht entschliessen, seine Erinnerung an eine Frau zu truben, die unter der Herrschaft ihres Bruders, des Kronsyndikus, qualvoll gelitten haben muss, ja von diesem eigentlich ums Leben gebracht wurde.

Bonaventura kannte den schauerlichen Ruf des Kronsyndikus. Er kannte auch Paula's Geburtsstunde. Man schrieb derselben die Folgen ihres gestorten Nervenlebens zu. Jakobe von Wittekind wurde von ihrem leidenschaftlichen altern Bruder bis zum zwanzigsten Jahre erzogen. Als sie dann den Grafen Joseph heirathete, zerfiel dieser mit dem Bruder, was jedoch letztern nie hinderte, dann und wann, begleitet von zwei gewaltigen Jagdhunden, in hohen Stiefeln und Sporen, die Reitpeitsche in der Hand, auf Schloss Westerhof zu erscheinen und in irgendeinem Anlass, wie er ja sonst auch sagte, "Ordnung zu stiften" oder "den Nagel auf den Kopf zu treffen". An den Folgen einer der dann entstandenen Scenen erkrankte die hochschwangere Frau, kam zu fruh nieder und starb. Oft schon hatte Bonaventura erklart, dass auf dem Hause der Wittekinds der Geist des Unsegens ruhe ...

Nun aber eure wunderliche Heimat! fuhr Benno, die truben Gedanken vermeidend, fort und zeigte uber den breiten Strom hinuber in die dunkelnde Ferne. Liegt es nicht fast wie ein Geheimniss uber allem, was die Sitte und der Sinn der Menschen dort hervorbringt? Nicht fester sitzt das Horn an der Stirn des Pflugstiers, als ein Vorurtheil oder eine Uebereinkunft in diesen Kopfen! Graf Joseph heirathete nicht, sah nicht den Kronsyndikus, seinen Schwager mehr; seine Guter verwaltete Onkel Levinus, der Bruder des Obersten von Hulleshoven, die Wirthschaft die Tante Benigna, die Schwester der Gemahlin desselben, Monika's von Ubbelohde, der Mutter Armgart's in Lindenwerth dort oben; aber dass der Kronsyndikus als Oheim Paula's gewisse Rechte auf sie behielt, dass er nach des Grafen Joseph Tode ihr rechtmassiger Vormund werden musste, daran anderten die Jagdhunde, die Sporen und die Reitpeitsche des gewaltthatigen Mannes nichts. Ebenso wenig, wie die Frommigkeit des Grafen Joseph diesen hinderte, das Familienstatut in Ehren zu halten.

Nun? sagte Bonaventura und lenkte damit auf manchen Streit zwischen den Freunden hinuber. Ist es denn also nicht schon, wenn sich die Zeiten einander so Wort halten? Ist es denn nicht erhebend, wenn so durch die Jahrhunderte hindurch die Hande sich ergreifen, festhalten und in allem, was da welken und vergehen muss, doch ein ewig Bleibendes sich erhalt und war' es nur das Gemeingefuhl wenigstens eines Stammes, wenigstens einer Familie und besasse sie kein anderes Wappen und keinen andern Stammbaum, als nur ein altes Gebetbuch, das vom Grossvater auf den Enkel erbt und in dem die Geburten der Sohne und Enkel, die Pathen und die Priester verzeichnet sind, die sie tauften?

Bonaventura sprach diese Worte in seiner Begeisterung so hin und uberlegte erst, als sie gesprochen waren und Benno schwieg, dass sie gerade an das streiften, was Benno tief unmuthig an seinem dunkeln Dasein sein Zigeunerthum nannte.

Beide schwiegen ... An einer einsamen Stelle, schon ziemlich entlegen von den Thoren der Stadt, auf einer Bank am Ufer des Stromes hatten sie sich niedergelassen ... Ein stilles nachtliches Landschaftsbild lag vor ihnen ... Der Mond stand an der fernen Bergkette, an deren Fuss Lindenwerth wie in den Wellen schwamm ... Die machtigen Holzflosse, die wie kleine Niederlassungen so wohnlich angethan sind und hinuntergleiten zum Niederlande, lagen still jetzt am Ufer ... Im blauen Mondlicht, das wie Phosphor um die alten Eichenstamme leuchtete, gluhte das Feuer einer Kuche, rings sassen im Kreise die Passagiere, Handwerksbursche, Auswanderer, ihr Nachtmahl haltend, ehe sie sich auf der mittlern Diele, den Ranzen als Kopfkissen benutzend, unterm freien Himmel streckten; ein Hund bellte auf dem Floss, wie nur daheim ein Nachbarhund in St.-Wolfgang bellen mochte, wo eben jetzt Frau Renate schon zur Ruhe ging ... Es war ein Stillleben von den Sternen an bis zu den im Grase auffliegenden Insekten, von dem fernen Brausen einer sich zur Ruhe begebenden Dampfesse bis zu den Knaben, die hochaufgeschurzt leise am Ufer noch im Schilfe schlichen und im Abenddunkel den Fischen mit der Angelruthe sicherer beizukommen hofften als am Tage ... Und einer Welle gleich, die gerade der Mond in seinen ganzen Goldglanz taucht, blitzte ein gefangener weissleuchtender Fisch auf, den die Knaben vom Hamen losten und in ihren Sack warfen, sich umschauend, ob dem verbotenen Fange ein anderer lauschte, als da oben unter der einsamen Pappel am Muttergottesbilde ein junger Priester und sein plaudernder Freund .... Nun huschte mit schaukelndem, schnellem Fluge auch eine Fledermaus dem Lichte eines einsamen Hauschens zu ... In der leichten, weichen Luft war alles wie verklart und jeder Schatten barg Ahnungsvolleres, als vielleicht die Wirklichkeit wahr gemacht hatte ...

Wie die Wellen so ruhig ziehen! hatte Benno gesagt. Mochte man nicht glauben, eine solche Abendstille spottete aller menschlichen Entwurfe, aller Anstrengungen, alles ohnmachtigen Verstandes!

Bonaventura erwiderte lachelnd:

Denkst du an die Weisheit deines Sporenritters in partibus? Welches sind denn nun die Anschlage, um unserm Glauben 60000 Seelen zu erhalten?

Paula, sagte Benno, steht wie Helena da, um die sich die Parteien bekampfen! Und es sind ihrer mehr, als nur die der Griechen und Trojaner. Der Kronsyndikus sammelte seit Jahren Kampfer um die Parole: Eine Heirath zwischen beiden Linien! Onkel Levinus und Tante Benigna, die Paula regieren, wie sie Armgart regierten, wollen Paula's Freiheit, die standesmassige Abfindung, storen aber sonst den Antritt der Erbschaft nicht das alte Fiat justitia der rothen Erde! Eine dritte Partei ist die Regierung. Sie liesse am liebsten den fremden, wenn auch protestantischen Grafen in seiner fernen Heimat, kaufte ihm vielleicht die Verlassenschaft ab und zerschluge sie, wie sie schon oft gethan, in einzelne Theile an diejenigen Adeligen, die der Centralisation geneigt sind. Die vierte Partei ist die der Landschaft. Sie bestreitet die Gultigkeit des Familienstatuts und will der Grafin Paula die volle Freiheit erhalten, ihre Hand zu vergeben, wem sie wolle, und ihm ausserdem auch noch die guten 60000 Seelen ganz so zuzubringen, wie diese dermaleinst in Abraham's Schoose zu sitzen hoffen. Denn nun kommen die Spitzfindigkeiten unsers Sporenritters die in dem Familienstatut vorgesehene Bedingung erfulle sich nicht; die altere Linie hatte, als sie katholisch wurde, die Bedingung dahin abgeandert, dass die verlangte Religion auch der andern Linie die katholische sein musste. Obgleich nun erstens der Beweis fur diese Aenderung schwer zu fuhren ist, im Gegentheil von der jungern Linie nur ein den Verhaltnissen sich fugendes stilles Geschehenlassen und Dulden des Religionswechsels behauptet wird, zweitens der Staat Religionsbedingungen uberhaupt bei Testamentsvollstreckungen fur unzulassig erklart, so will die funfte Partei, die der Geistlichkeit, noch weiter gehen. Sie will nicht nur jene 60000 Seelen, sondern auch noch Paula dazu gewinnen. Sie hofft, Paula wurde den Schleier nehmen, vielleicht ein Kloster stiften und den Rest ihrer Guter der Kirche vermachen ...

Wie kommt man zu dieser Voraussetzung? loderte Bonaventura fast unwillig auf ...

Benno, ohne auf die Parteinahme des Priesters fur seine Mitleviten zu horen, fuhr fort:

Ja auch der Kirchenfurst ist betheiligt! Die Erzdiocese hat in ihrer geistlichen Obhut hier und da versprengte Stifte; zu ihnen gehort in jener Gegend das Stift Heiligenkreuz, ursprunglich eine Jesuitenbesitzung. Als die Jesuiten aufgehoben wurden, verblieb Heiligenkreuz dem Staate zu provinziellen Zwecken. Er begrundete ein adeliges Frauleinstift, das dem Lande als solches sehr willkommen ware, wenn nur die Verleihung der Stellen in den Handen des Adels geblieben ware. Es ist aber nicht so gekommen. Die Confessionen werden nicht mehr berucksichtigt und die Schwester eines Erzbischofs kann dort ruhig neben der Tochter eines lutherischen Pfarrers sitzen, wenn dieser, wie jetzt schon druben in den Fabrikgegenden vorkommt, zufallig von Adel ist. Rings um Heiligenkreuz ist Feld und Wald camphausisch. Um diese Einfriedigung von Heiligenkreuz wird der Kampf entbrennen und wer weiss, ob ich nicht nachstens dort mit Nuck'schen Vollmachten auf dem Schauplatze erscheinen muss! Um sein Recht zu zeigen, hat Graf Hugo von Salem-Camphausen vorlaufig schon den Verkauf der Guter um Heiligenkreuz angeordnet; der Kronsyndikus und dessen Sohn, dein Stiefvater, haben die Berechtigung dazu ebenso wenig beanstandet wie die Regierung, die selbst darauf bietet zum Wiederverkauf an ihre Angehorigen oder zu Staatszwecken. Graf Hugo hat einen gewissen Wenzel von Terschka angekundigt, seinen Charge d'affaires. Paula erklart er schon um deswillen fur erbunberechtigt, weil sie katholisch ware, und Nuck wieder bekampft den Grafen, weil er Lutheraner ist. Eine Urkunde, nach welcher der katholisch gewordene Graf Franz Dorste-Camphausen Anno 1648 die Urkunde des Familienstatuts zu Gunsten n u r der katholischen Religion geandert haben soll, fehlt bisjetzt, doch behauptet Nuck, dass sie sich finden wurde. Auf Schloss Westerhof ist sie nicht, Nuck versichert aber, sie ware auf Schloss Salem bei Wien oder auf Schloss Castellungo im Piemontesischen. Ich wunschte einigen Italienern zu begegnen, die aus letzterer Gegend geburtig sind und mir vielleicht die Gelegenheit angeben, wie wir jene Urkunde dort ins grafliche Archiv einschmuggeln Ja, ja! Lache nicht! Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist in unserer Stadt vortrefflich im Gange!

Welch feindseliges Chaos! rief Bonaventura aus nach dieser scherzenden Wendung, die wieder doch so viel Ernst enthielt, dass Benno tief aufseufzend hinzufugen konnte:

Es ist wahr, dass man am Guten keine reine Freude haben kann, wenn die Vermittler und Forderer desselben mehr List als Kraft einsetzen mussen, um ihm den Sieg zu verschaffen! Und doch geht's allen menschlichen Bestrebungen nicht so? Auch eurer Kirche?

Eurer? sprach Bonaventura fast vorwurfsvoll.

Der Hierarchie mein' ich! verbesserte Benno. Ist sie nicht recht eigentlich ein reiner Gedanke in oft wie unreiner Form!

Nein! unterbrach Bonaventura. Die grosse Thorheit unserer Gegner besteht nur darin, unser schwaches Streben verantwortlich zu machen fur unser Ziel. Dass wir der Priester unwurdige genug haben, sollten wir getrost taglich bekennen durfen. Schon dass ein Frommer wieder zuweilen in die Sunde zuruckfallt, entscheidet ja an und fur sich nichts gegen seinen bessern Sinn. Wie wir die Begriffe von der Erscheinung trennen mussen, sah ich recht, als ich in St.-Wolfgang mein Amt antrat. In dem Patron meiner Kirche, dem heiligen Wolfgang, hatt' ich einen Spiegel der Nacheiferung fur die Kraft und Wurde des Priesterthums. Der heilige Wolfgang ist ein Deutscher, ein Graf von Pfullingen-Waltenburg gewesen. Mit einem innig geliebten Freunde, dem Bruder des Bischofs von Wurzburg, studirte er in Wurzburg, schlug alle geistlichen Aemter aus, folgte immer nur diesem Freunde, ward Monch und wurde zuletzt fast nur gewaltsam gezwungen, das Erzbisthum Regensburg zu ubernehmen. Wie aber hat er dann den Tempel von den Wechslern rein gefegt! Ihm sonst in allem unahnlich, hatte ich einen Vorganger, der noch jetzt, hieher in diese Gegend versetzt, mehr dem Spiel und Vergnugen, als seinem Berufe ergeben sein mag. Wie der Herr, so der Diener. Den Messner fand ich bei meinem Antritt von derselben Vernachlassigung. Als ich zum ersten male die Messe lesen will und gewohnt war, die schone Ordnung der St.-Zenokirche zu Kocher am Fall vorauszusetzen und mich auf die Gerathschaften des Sakraments verlasse, entsetze ich mich uber die Unsauberkeit der Corporalien, Pallen, Purificatorien. Nicht nur, dass sie, dem Gebot zuwider, von Baumwolle statt von Leinen waren, auch seit lange gewaschen waren sie nicht. Die Ciborien, Patenen vollig ungeputzt und der Vergoldung beraubt, ja das Entsetzlichste ich offne die Monstranz und finde den Leib des Herrn geschandet, finde das Brot zernagt von Wurmern! Dies Bild: Das heilige Brot in Wurmern! wurde mir zum Symbol meines ganzen Lebens! Seitdem ich damals die heilige Handlung unterbrechen und das Opfer unvollzogen lassen musste, muss ich im Geist und in der aussern Erscheinung alles ursprunglich als gottlich Gedachten und in der Wirklichkeit doch nur Menschlichen, immer vor mir jenes Brot in Wurmern sehen! Immer muss ich eingedenk bleiben, dass selbst das Grauenvollste des Misverstandes uns doch an sich nichts von dem entweihen kann, was seinem Ursprunge nach von Gott stammt!

Cajetan Rother lebt hier in der Stadt?

An der Kirche vom Berge Karmel und als Beichtvater der Karmeliterinnen!

Da verdank' ich dem allwissenden Nuck noch eine andere Bekanntschaft mit der irdischen Schale eines heiligen Kernes und eine, die dich naher angeht! Du hast von dem hier ausser Clausur lebenden Pater Sebastus gehort?

Ein Convertit! Er schreibt eine Feder, die wie in Feuergluten getaucht ist!

Mit der Fackel der Eumeniden schreibt er!

Bonaventura kannte das fruhere Leben des Monches Sebastus theilweise aus den Mittheilungen Grutzmacher's, der ihm Aufklarungen uber Lucinden gegeben ... Aufklarungen, die ihn fur diese mehr mit Mitleid, als mit Abscheu erfullten ...

In der Erorterung dieser Lebensbeziehungen fuhr Benno fort:

Als damals Jerome von Wittekind, von Klingsohr's Kugel getroffen, zusammenbrach, minderte sich vielleicht in der Wagschale des ewigen Gerichts eines der schweren Gewichte, die gegen diesen Monch, den Verrather seines Vaters, einst zeugen mussen! Ich sehe ihn zuweilen in unsern Strassen daherrennen! Wie der Derwische einer, wie ein Schamane des Orients hat er den stieren Blick des Auges, die krampfhafte Beweglichkeit der Glieder, den Trotz und die Sicherheit des Benehmens, verbunden wieder mit der gemachten Demuth, die sich an jeder Kirchenthur verbeugt! O wie oft ich doch erbeben muss vor den nachtlichen Schauern, die uber unserm Geistesleben wie mit dem Gefieder des Fursten der Unterwelt dahinrauschen! An meinem eigenen Leben erfahr' ich es ja! Mich bringt in einer Zeit, die keine Nachforschung hat lichten konnen, dein Oheim Max von Asselyn aus Spanien mit sich, wie man sagte, als die Frucht einer Verbindung mit einer Spanierin, die er geliebt haben sollte und die ihm gestorben. Ein Marchen, das wissen wir alle! Aber irgendeinen Kern hat diese Erfindung! Nie jedoch konnte dieser von einer Menge Einhullungen befreit werden, die mit den uns theuersten Personen auf eine Weise zusammenhangen, deren oberflachliche Besprechung schon Mismuth und dustere Erinnerungen bei ihnen allen heraufbeschwort. Nun hab' ich fur ganz gewiss die Ueberzeugung, dass das, was mir allein so dunkel ist, in den Beichtstuhlen licht und hell und deutlich aufgedeckt lebt! Priester, Klostergeistliche kannten meinen Ursprung und nahmen ihn mit sich ins Grab. Jener Geistliche in Borkenhagen, Leo Perl, ein getaufter Jude, soll eine Schrift hinterlassen haben, die er in seinen letzten Lebenstagen an die bischofliche Curie von Witoborn schickte. Sie ist so spurlos verschwunden wie jene andere, die Dominicus Nuck sucht. Schliess' ich von dem einzelnen Fall, der mich selbst betrifft und der vielleicht nur von meinem unerlaubten Stolz so empfindlich geschurt wird, schliess' ich von jenem Monche, wie ist nicht unser ganzes Leben innerhalb unserer Kirche durch den Beichtstuhl so vermessen geheimnissvoll! Wir suchen einen Morder, einen Dieb der Priester kennt ihn schon und lasst die Gerechtigkeit ihr Haupt verhullen und beutet das Geheimniss nur aus zum Besten seiner personlichen Wurde!

Zum Besten des Gottesreiches! unterbrach Bonaventura.

Ich will den alten Streit nicht erneuern, sprach Benno, ich will heute nur von den Schauern sprechen, die die Schritte dieses Monches begleiten. Ihm ermordet der Kronsyndikus seinen Vater! Es war ein Todtschlag nach unserer Definition, kein berechneter Mord. Einem langgenahrten Hasse bietet sich die Gelegenheit einsamer Begegnung, es entsteht ein Wortwechsel, es kommt zu einem Angriff, zu einer Gegenwehr, der gezogene Hirschfanger fahrt aus und trifft eine Stelle, die sogleich todlich ist. Schrecken und Reue jagen den Thater von dannen. Die Gerichte, in jener Gegend auf verschiedene Souveranetaten vertheilt, halten sich an einen muthmasslichen Schuldigen, der Process verschleppt sich, der Kronsyndikus findet, wie man sagt, mit Hulfe eines ihm nahe stehenden Freundes, der die Beweisaufnahme in Handen hatte, Mittel, die Geruchte zu zerstreuen, das Verfahren stockt, der Kronsyndikus, unmittelbar darauf seinen Sohn verlierend, bricht in der Rolle eines Gewaltthatigen, die er bis in sein siebzigstes Jahr durchfuhrte, zusammen, wird nach langem Geiz als plotzlicher Verschwender unter Curatel gestellt und wer mochte den hinfalligen Schatten aus der Nacht noch aufstoren, die ihn seit der Reise zum Begrabniss seines Sohnes umgeben soll! Einer aber hatte es thun mussen, nach allen Gesetzen alter und ewiger Zeit! Einer hatte das Blut eines Vaters nicht in den Sand sollen rinnen sehen, ohne durch alle Lande um Vergeltung zu rufen! Ein Sohn, ein Sohn opfert seinen Vater! Bestochen von dem Morder, nimmt er dessen Wohlthaten an, unterschlagt ein vom Jagdrock des Kronsyndikus gerissenes Stuck, das diesen hatte uberfuhren mussen, reitet, fahrt, bechert mit ihm, feiert Bacchanale mit einem jungen Madchen, das durch einen Zufall auf Schloss Neuhof lebt und mit dessen Liebe ihn der Morder wie umstrickt und bezaubert ... und so umgaukelt der Wahn die verlorne Seele dieses Mannes, dass er den Kammerherrn mit allen Anzeichen der tiefsten Verzweiflung eines schuldbedeckten Gewissens niederschiesst, von Tage zu Tage dahintaumelt im wusten Ersticken seiner mahnenden innern Stimmen, bis ihn nur noch der Becher, zuletzt das Opium heilen! Dann brach er ganz zusammen!

Er erhebt sich wunderbar! fiel Bonaventura ein. Wie kannst du den Lebensgang dieses Mannes beurtheilen, ohne die Geheimnisse seiner physischen und geistigen Wiedergeburt zu kennen?

Ihm kann nur wohl sein in der Flamme! entgegnete Benno ablehnend. Frieden und Betaubung kann er nur finden im Kriege! Wenn ich ihn sehe, wie er auf den Strassen dahinschreitet mit dem Korbe oder dem Topf oder einem Buch in der Hand, dann ist's mir doch, als sollt' ich das Leben seines Vaters von ihm fordern! Denn der Kronsyndikus ist langst entlastet. Wer eine solche Schuld auf die Schultern eines Sohnes werfen kann, der geht selbst vor Gott frei aus. In jeder Zeile, die ich vom Pater Sebastus lese, find' ich ich bin ein Fremdling eurem Volke und doch wurde mir Deutschland zur Mutter Muttermord Rom segnet die Thaten so liebevoller Sohne!

Beide waren erregt schon lange aufgestanden, wandelten schon lange den Thoren zu ...

Bonaventura, in den Abschied vom Dechanten zuruckversetzt, verfiel in ein ernstes Schweigen ... Selbst sein gewohnliches Wort zu Benno: Was ist denn dir das alles, dir, dem jede Offenbarung Tauschung, jeder Glaube, das Wissen selbst eine blosse Befangenheit der Sinne, eine Tradition ist von den Blinden an die Blinden uber die Farbe, von den Tauben an die Tauben uber den Ton? selbst das behielt er heute zuruck ...

In dem engen Gewirr der Strassen wurde es dunkler und dunkler.

Die Menschen stromten heimwarts von manchem Ausflug, zu dem der schone Abend verlockt hatte.

Schon lange wollte Bonaventura, der aus seinen Traumen fruher erwachte als der seltsam ergriffene Benno, diesen aufmerksam machen, dass ihn seit dem einsamen Hauschen oben am Strome jemand umkreiste, der offenbar darauf aus schien ihn anzureden und schon mehrere male gegrusst hatte, ohne dass Benno davon Notiz nahm.

Wie der Zudringliche sich immer wieder hinter ihnen hielt, dann wieder etwas schneller ging, um nur grussen und sich bemerkbar machen zu konnen, machte Bonaventura den Freund zuletzt auf eine vielleicht ihm willkommene Bekanntschaft aufmerksam.

Ich sah ihn schon! sagte Benno halblaut. Ich mag ihn nicht grussen! ...

Jetzt aber war der Begleiter zu dicht herangekommen und seinem tiefgezogenen Hute und der Anrede: Guten Abend, Herr von Asselyn! musste ein Wort der Berucksichtigung folgen.

Guten Abend, Herr Hammaker! sagte Benno kalt.

Nach dem Gedrang an einer der innern Thorpforten kam eine ruhigere Strasse.

Gerade hier schritt der durch Ton und Geberde von Benno kurz Abgewiesene vor ihnen noch lange her.

Es war eine kurze, dicke, breitschulterige Gestalt mit einem weissen Sommerhut und grauem kurzen Rocke. Jetzt, wo er endlich bemerkt worden war, ging er schlotternden, langsamen Ganges und die Hande hinten in den Rocktaschen zusammengehalten, wahrend sie zugleich wie von der Tasche heraus einen zu seiner nicht ungewahlten Kleidung fast im Widerspruch stehenden Knotenstock auf dem Pflaster nachklappern liessen. Das ganze Wesen des vielleicht den Funfzigen nahen Mannes war eine gemachte Festigkeit und bewusste Sicherheit, die an Frechheit streifte. Noch einige male grusste er dahin und dorthin gewohnlich ohne eine besonders freundliche Erwiderung zu erhalten ... Mancher dankte gar nicht, wie fast auch Benno gethan.

Am falben Scheine des Mondlichts und dem fortwahrenden Umblick nach Benno hin wurde ersichtlich, dass breite wulstige Gesichtsformen dem Wuchse entsprachen; des Mannes Haar war weisser, als mit seinen scheinbar noch nicht zu weit vorgeschrittenen Jahren im Einklang stand.

Als diese Personlichkeit endlich in eine enge Gasse eingebogen, sagte Benno:

Wieder einer von deinen Wurmern, die man in heiligen Dingen ertragen und nicht sehen soll! Wenigstens, wenn ich mir die Unbefangenheit der Beurtheilung meines Procurators uber ihn erhalten soll!

Benno schilderte jetzt den Mann, den er Jodocus Hammaker genannt, als einen Agenten, der, wie man sagte, mit Nuck in engster Verbindung stand. Was Nuck nicht auf eigene Hand vollfuhre, ubernahme Hammaker. Fruher, in seiner Heimat, druben in der Kette der Sieben Berge, selbst Advocat, hatte er Wuchergeschafte getrieben. Diese hatten ihn zum Verbot der eigenen Praxis gefuhrt und doch hatte er sich nach mancherlei Irrfahrten wieder aufschwingen konnen, da ihn Nuck, jedenfalls anfangs nur aus Mitleid, hier in der Stadt beschaftigte. Allmahlich ware er Nuck's Vertrauter geworden in solchem Grade, dass sie selbst noch jetzt, wo sie sich offenbar hassten, zusammenhalten mussten. Ihr Hass sollte auf dunkeln Dingen beruhen. Ja man sprache von einem Mordanfall Hammaker's auf Nuck. Eines Tages, erzahlte Benno, hatte Nuck sich eingeschlossen ... Das ware sonst bei ihm nichts Seltenes gewesen, sagt man, kam aber immer nur vor, wenn Hammaker in der Nahe war. Nachdem Hammaker im Garten, in den das Arbeitszimmer des Procurators hinausgeht, an jenem Tage eilenden Schrittes war gesehen worden, pochte man an Nuck's von innen verschlossene Thur. Dass er sich drinnen befinden musste, wusste man durch seinen Hut und Stock, die im Vorzimmer lagen. Man pochte, niemand offnete. Nun liess man einen Schlosser kommen, offnete mit Muhe und fand den erschreckendsten Anblick. Nuck lag halb bewusstlos am Boden in einiger Entfernung von ihm das ist die Streitfrage ein Klingelzug oder ein Strick, sonderbarerweise ein elegantester, grunseidener, aus dreissig kleinen Schnuren verfertigter. An dem einen Ende soll ein vergoldeter Haken angebracht gewesen sein, mit welchem die Hangemaschine oben am Haken eines nicht anwesenden Kronleuchters befestigt gewesen sein musste; am andern Ende befand sich eine reichwattirte seidene Binde uber einem halsbreiten Gurte. Anfangs musste man von dieser eleganten Form des Mordmaterials annehmen, Nuck hatte sich, mit Grazie, selbst erdrosseln wollen. An den ringsum aufgeschlossenen Geldund Documentenschranken aber sah man den Diebstahl. Das Fenster stand auf. Ein ungeheures Schlusselbund, das zu allen unter Nuck's Verschluss befindlichen Repositorien gehorte, lag auf einem beweglichen eleganten Rollsopha von rothem Saffian. Nuck kam langsam zum Bewusstsein zuruck, blieb jedoch jede nahere Bezeichnung uber den Vorfall schuldig. Die einen glauben, dass Nuck von Hammaker erst gehangt, dann beraubt worden; andere sagen wieder: Wozu die grunseidene Schnur, die Halsbinde, der vergoldete Haken? Noch mehr: Wie konnte Nuck ins Leben zuruckkehren, wenn er so lange hing, bis der Morder die Schranke aufgeschlossen, sie beraubt hatte und dann entflohen war? Man schloss auf einen Ueberfall im Schlafe. Hammaker wurde verhaftet, als er eben im Begriff war mit Extrapost und dreissigtausend Thalern in Werthpapieren zu entfliehen; aber Nuck lachte und fragte, ob die Welt toll ware? Hammaker ware von ihm selbst in Commissionen versandt, ihn selbst hatte nur eine Ohnmacht angewandelt, er hatte nach dem Klingelzuge gegriffen, ihn abgerissen und gab ahnliche Erlauterungen mehr ... Was konnte man einwenden? Ein Klager, ein Beschadigter, ein Gehangter fehlte. Hammaker wurde frei und machte plotzlich Geschafte, die bewiesen, dass er sogar einen Theil der 30000 Thaler wirklich hatte behalten durfen! Eines Tages kam er zu Nuck zuruck, beide schlossen sich ein, schlossen sogar die Vorthuren ab, hielten eine lange Conferenz und seitdem sind beide zwar auf einem kaltern Fusse und ceremoniell gegeneinander, aber sie machen dieselben Geschafte wie sonst. Die Gesichtszuge dieses Menschen lassen sich nur mit einer Blumenlese von Physiognomieen einer ganzen Bande von Spitzbuben vergleichen und doch hab' ich schon manche Beweisaufnahme oder Terminabhaltung in der Umgegend, besonders in den grundlich von ihm gekannten Sieben Bergen druben, in seinem Beisein machen mussen.

Unter diesen Mittheilungen waren Bonaventura und Benno an dem kleinen Hauschen angekommen, in dessen Gegenuber in der Nacht eine That vollbracht werden sollte, die Benno's erste Ahnung sofort, wie wir wissen, mit diesem ubelberufenen Hammaker in Verbindung brachte; denn noch vor wenig Tagen hatte er ihn, wie schon ofter, in spater Abendstunde aus dem Hause der Ermordeten kommen sehen und wahrend Thiebold und Enckefuss bei ihm fruhstuckten, kam ihm auch sofort der Gedanke: War der aufdringliche gestrige Gruss nicht wie ein: Betrachte mich und uberzeuge dich von meinem Alibi?

Als Bonaventura dann im "steinernen Hause" zur Ruhe gehen wollte und bei seiner Ruckkehr nicht wenig Noth hatte, sich der allzu grossen Sorgfalt der Damen Schnuphase und ihrer Magde zu erwehren, erhielt er noch ein kleines Billet von der Hand des Kaplans Eduard Michahelles.

Es lautete:

"Mein hochwurdiger Herr Pfarrer! Obgleich das Befinden Seiner Eminenz auf dem Wege der Besserung ist, so nehmen ihn doch die dringendsten Geschafte fur den Augenblick so in Anspruch, dass er sich auch wahrscheinlich morgen noch das Vergnugen versagen muss, sich Ihnen so ausfuhrlich, wie er wunscht, mitzutheilen. Ich bin daher beauftragt Sie aufzufordern, noch einige Tage langer zu verweilen. Bis dahin ist der Wunsch Seiner Eminenz, dass Sie sich zu Erholungen oder bei etwaiger Absicht, sich uber die kirchlichen Einrichtungen der Stadt durch den Augenschein unterrichten zu wollen, des Paters Sebastus, eines Franciscaners, als Gesellschafters und Begleiters bedienen mogen. Der Ruf des ebenso geistvollen wie frommen Convertiten, der von seinem Provinzial die Erlaubniss hat, eine Zeit lang ausser Clausur zu leben, wird Ihnen bekannt sein. Ich habe die Ehre mich zu nennen Eurer Hochwurden ganz gehorsamster Michahelles. Alles zur grossern Ehre Gottes." Die Empfindungen, von denen Bonaventura beim Lesen dieser Zeilen besturmt werden musste, raubten ihm fast die Nachtruhe. Wie vortheilhaft er auch von dem Monche, dem Lucinde ohne Zweifel ihre erste Bildung verdankte, und von seiner gegenwartigen glorreichen Erhebung aus einem tiefen Jammer der Seele dachte, er wurde vor Erwartung uber dies Zusammentreffen von den aufregendsten Traumen erschreckt.

5.

Die Messe, die ein Priester jeden Morgen entweder lesen oder horen soll, mochte Bonaventura mit einem bangen Vorgefuhl nicht in einer der vielen Kapellen der grossen Kathedrale besuchen, die vielleicht bald von seiner eigenen Stimme widerhallen sollten ...

In eine kleine abseits gelegene dunkle Kirche ging er und verfehlte auf diese Art die sonst leicht moglich, gewesene und von ihr gesuchte Begegnung mit Lucinden.

Dann begab er sich zu Benno, der, von Thiebold und Enckefuss eben verlassen, zu seinen Arbeiten zuruckgekehrt war und mit Hindeutung auf einen bereits fertig liegenden Brief an den Onkel Dechanten ihm den grauenhaften Vorfall der Nacht erzahlte und auf die geoffneten Fenster des Hauses gegenuber zeigte, aus welchem man inzwischen in einem verdeckten Korbe die Leiche der Ermordeten hinweggetragen hatte.

Eine Schwester der Frau von Gulpen! rief auch Bonaventura erstaunend aus.

Auch er wusste nichts von dieser Verwandtschaft. Doch musste er Benno Recht geben, als dieser an seine gestrigen Aeusserungen uber die so dunkeln Anfange im Leben des Dechanten und den Zusammenhang derselben sogar mit dem Kronsyndikus erinnerte. Und trotz seines gleichfalls gestern wie schon oft geausserten Gefuhls, dass ihm die geheime Welt des Beichtstuhls, mit besonderer Rucksicht auf sein eigenes Leben, eine gefahrliche Ueberhebung der Kirche erschien, hatte Benno dennoch fast mit dem Zusatz: Unter dem Siegel der Beichte! von dem Agenten Hammaker sprechen mogen und von seiner gestrigen so aufdringlichen Begegnung. Er that es nicht. Er nahm sich vor, ehe er zu irgendjemand seinen Verdacht ausserte, sich genauer nach den Beziehungen zu erkundigen, die zwischen diesem und der alten geizigen, fast der ganzen Welt sich verschliessenden Frau hatten stattfinden konnen.

Das durch diese Eroffnung gemehrte Unbehagen der Stimmung Bonaventura's verminderte sich nicht, als er nun auch bei einer von dem Freunde gestellten Aufforderung, er sollte sich dem geselligen Kreise bei dem Rittmeister von Enckefuss anschliessen, die Worte horen musste: Von diesem leichten und frohlichen Lebemenschen kann ich mir denken, wie er damals bei dem Tode des Deichgrafen voll Schauder und Mitleid die Augen zudruckte und nur die gemeinschaftliche Standesehre zu wahren suchte! Nicht einmal glaub' ich, dass den Rittmeister dabei die Rucksicht auf seine Verschuldung beim Kronsyndikus bestimmte. Seitdem freilich diesem eine Curatel gestellt ist, seitdem dein Stiefvater die Oberaufsicht uber sein kunftiges Erbe bereits factisch besitzt, hatten diese Rucksichtsnahmen wol auch aufgehort. Und dennoch bin ich uberzeugt, dass der Landrath eher seinem Pferde die Sporen gibt und in einen Abgrund jagt, als dass er sich auf einer gegen befreundet gewesene Familien gerichteten Drohung betreffen liesse ...

Bonaventura musste von dem Begleiter sprechen, der ihn vielleicht schon in seiner Wohnung erwartete ...

Pater Sebastus! rief Benno staunend. Nun siehst du die Lauterung bis zum Aufpasser!

Eile, eile, fuhr der Zweifelnde dann fort, dir von den Damen Schnuphase dein Fruhstuck credenzen zu lassen! Ruste dich aber mit allen deinen Gelubden, ihrer Liebenswurdigkeit Widerstand zu leisten, besonders ihrer Frommigkeit!

Bonaventura fand, als er gegangen war und sein Zimmer betrat, beide Tochter des Herrn Maria in grosser Aufregung ... Benno von Asselyn, den sie sehr wohl kannten, wohnte ja dem Morde so nahe Bonaventura erzahlte ihnen, was er wusste.

Da der Pater Sebastus nicht kam, hielt es der so gezwungen in ihm verhasste Unthatigkeit Versetzte fur seine Pflicht, sich im Palais des Kirchenfursten theils nach dem Befinden desselben, theils nach der Wohnung des Paters zu erkundigen.

Im Palais erfuhr er, der Kirchenfurst ware zwar wieder wohlauf, doch mit Geschaften ausserordentlich uberhauft und eben arbeite sein Secretar mit ihm. Bei der Lebhaftigkeit des Verkehrs in den Vorgemachern musste Bonaventura naturlich finden, dass er nicht die Aufforderung zum Warten erhielt. Vom Pater Sebastus hiess es, dieser wurde ihn in seiner Wohnung in Herrn Maria's steinernem Hause unfehlbar selbst aufsuchen.

Hieher zuruckgekehrt fand Bonaventura die Blumen der kleinen Gertrud Ley und hatte seine innigste Freude daran ...

Und doch bei alledem wie ein Gefangener sich fuhlend ging er an eine Lecture, die er sich aus St.-Wolfgang mitgebracht hatte. Das grosse, von Treudchen mit Blumen bestreute Buch, das sie aufgeschlagen gefunden hatte auf dem Schreibtisch, war eine Sammlung alter lateinischer geistlicher Gedichte gewesen, ein Erholungsstudium, zu dem Bonaventura zuruckkehrte.

Nach einer Weile klopfte es.

Ein Franciscaner trat herein ... blass, lang, hager, blossen Halses, nackt an den nur durch Sandalen geschutzten Fussen, das Haupt geschoren, der Blick eine Weile scharf, dann sogleich unstet, wie auch das ganze Wesen erst eine kurze elastische Spannung bot, dann sogleich sich wie traumerisch nachlassig gleichsam gehen liess. Der Kopf war scharf geschnitten und sah sozusagen eher chinesisch aus als germanisch ... beim Sprechen offneten sich kaum die Lippen, die Worte kamen flusternd zu Gehor, aber mit ausserordentlicher Bestimmtheit und Sicherheit.

Der Monch nannte sich kurzweg den Pater Sebastus aus dem Kloster Himmelpfort, auf Urlaub befindlich, "einen Monch in partibus infidelium".

Bei diesem einen Worte schon, das er nur so in erster Anrede an Bonaventura hinwarf, schien es fast, als wollte er sich damit aus der Sphare herausheben, in die ihn seine Tracht druckte. Er glich so fast jenen Zuruckgekommenen, die der Zufall in untergeordnete Lebensstellungen drangte und die dann nie unterlassen werden, in Gegenwart der Stande, denen sie fruher angehorten, sich durch ein hingeworfenes gewahlteres Wort, eine franzosische Phrase in ihrem eigentlichen Werthe kenntlicher zu machen oder auch jenen lateinischen alten Studenten, die mit einem: Vir doctissime, illustrissime! auf dem Lande hospitiren und sich bei dem, der studirt hat, durch ein romantisches Anklingenlassen schonerer Jugendzeit ein Viaticum erbitten.

Und hatte der Pater nun nicht wunschen sollen, dass Bonaventura aufsprang und in ihm den beruhmten Convertiten, den Streiter in den Zeitschriften, den Redner auf den Conferenztagen, den Sendboten des Kirchenfursten begrusste?

Bonaventura war befangen. Den Pater konnte diese Zogerung nicht die Folge einer Bekanntschaft dunken mit seinen Beziehungen zu Schloss Neuhof. Bei dem Geiste der Selbstvernichtung und ganzlichen Ertodtung jeder Beziehung zur Aussenwelt, ausser der kirchlichen, wusste Sebastus nichts von des Pfarrers Verwandtschaft mit dem Kronsyndikus. Es gibt Naturen von einer solchen Spontaneitat, von einer solchen Unfahigkeit, sich durch andere bestimmen zu lassen, dass sie wenn auch nicht ganz das Gehor, doch fast die Fahigkeit verloren zu haben scheinen, an andere Menschen uber irgendetwas auch nur eine Frage zu stellen.

Sie haben hier schon Bekannte! sagte der Pater gleich fur fest und bestimmt, lehnte den Sitz auf einem der Polstersessel ab und blatterte in Bonaventura's Brevier, so fast als wenn dieser gar nicht anwesend war.

Alles das musste dieser seltsam finden und erwiderte nichts ...

Gestern ging ich an diesem Hause voruber, fuhr der Monch fort, und sah Sie im Laden unten im Gesprach mit Herrn Moritz Fuld, dem Bruder eines Mannes, der im Enneper Thale eine byzantinische Kirche gebaut hat. Ja, also dahin musste es kommen! Oft mache ich mir Vorwurfe, dass ich mich noch immer praktisch in die Juden nicht finden kann, wahrend ich sie theoretisch schatzen muss!

Und auch jetzt noch fand Bonaventura keine Moglichkeit, im Gesprach mit irgendeiner Bemerkung einzuspringen.

Eine Art Reue uber die Behandlung, die soeben Lob Seligmann wahrscheinlich doch nur von ihm erfahren, schien sich in diesen seinen Worten auszusprechen:

Die Juden gleichen dem Speer des Achilles! Der verwundete, wie Sie wissen, und heilte! Die Juden, von Spinoza bis Heine und Borne herab, untergraben den Glauben und doch sind sie im Grossen und Ganzen wieder dessen Sauerteig, die Burgschaft des Festhaltens am Einen Gott, die Wachter der Lehre von der Selbstheiligung, ja sogar vom Schatz der guten Werke und jedenfalls der Lehre vom Opfer und den Reinigungen! Unser alter Rector in Detmold muhte sich mit Horazens Credat Judaeus Apella! "Das glaube der Jude Apella!" War der Jude Apella in Rom so bekannt fur seine Leichtglaubigkeit? Zupften die jungen Adeligen des neuen Augusteischen Zeitalters ihm vielleicht am Bart und creditirte er ihnen vielleicht allzu glaubig auf ihre langfichtigen Wechsel als romischer Bankier und Vorlaufer des Fursten Torlonia in Rom? ... Oder wie war das mit dem Juden Apella?

Bonaventura stand diesem scurrilen Durcheinander nur staunend und lauschend und fast angezogen.

Apella, fuhr der Pater fort und nahm jetzt eine von Treudchen's Blumen auf, sie allmahlich langsam mit einem elegischen Blicke vorn an dem seine Kutte zusammenhaltenden Strick befestigend, Apella war ein judischer Philosoph mit griechischem Bildungszuschnitt, der in Rom Vorlesungen hielt uber Kirche, Staat, Religion, Glauben und Wissen und zwar mit dem fur einen Juden unerlasslichen Systeme: Es gibt nur Einen Gott und keine andern Gotter neben ihm! Dem romischen gelehrten Pobel, den Denkern und Sophisten, erschien der vielleicht ein wenig ins Lacherliche gracisirende Rabbiner ein Narr, ein Diogenes, der am hellen Tage mit der Laterne ging! Nur Ein Gott! Kein belvederischer Apoll, keine mediceische Venus, kein farnesischer Hercules neben ihm! Armer, armer judischer Credo-Lehrer! Was glaubte wol dieser erste verspottete Martyrer des Glaubens? Er glaubte jedenfalls Jehovah, den Herrn des Himmels und der Erden, aber vielleicht auch schon den Messias vom Stamme David's. Apella ist mir der dreizehnte Prophet! Er war nicht so gross wie Elias, dessen Grosse besonders darin bestand, dass er nur sprach und nichts hat drucken lassen, aber auch nicht der Kleinste unter den Kleinen! Da lachten die Romer denn: Ein Glaubender! Ein Glaubensvirtuose! Ein Denker, der den Glauben in Vorrath und wie auf Lager liegen hat! O, ein seltsamer Gast dieser Apella und ich mochte ein Buch schreiben: "Apella oder der Rothschild im Glauben. Eine Kritik der deutschen Philosophie von Kant bis Hegel."

Die Wirkung dieser Weise auf Bonaventura war gar nicht abstossend. Er musste sogar der Vorstellung nachhangen: Findest du nicht aus dem, was du da zu horen bekommst, etwas von Lucinden heraus?

Da der Monch sich nicht setzte und von einem Gelubde sprach, das ihm Polstersessel verbot, forderte ihn Bonaventura zu einem Spaziergang auf und hatte schon den Hut in der Hand ... Es beeintrachtigt aber unsere Kraft, auf anderer Fragen zu horen, wie nach Shakspeare der Vornehmseinwollende anderer Namen nicht behalt. Nichts "duckt" einen andern mehr, als wenn man ihn in die Lage bringt, eine Bemerkung wiederholen zu mussen ... Und so horte der Pater nichts vom Ausgehenwollen. Er sprach nur zu den Blumen, die ringsum fast so, wie sie Bonaventura gefunden, noch geblieben waren:

Wie musst ihr so verbleichen

Im funkelnden Farbenschein!

Ihr jungen Blumenleichen,

Wer segnet und senkt euch ein!

Da waren Sie ja, fuhr er plotzlich gleichgultig abspringend fort und auf die Sammlung, in der Bonaventura gelesen hatte, deutend, bei Dante's Vorbild in der Architektur der Welten, dem Aurelius Prudentius! Nicht wahr, die schone bunte Rose, die Dante im Himmel sah von unermesslicher Grosse und die dort aus dem Strahlenglanz der Martyrer und Heiligen aller Zeiten zusammengesetzt war, ist hier auf Erden schon die aus den Bluten und Perlen der heiligen Poesie zusammengesetzte?

Gewiss! fand Bonaventura endlich eine Gelegenheit einzufallen. Sie schmuckt den unsichtbaren Dom unserer Kirche!

Das heisst, die "Purpurviolen" und "Saaronsrosen" aus Kocher am Fall ausgenommen!

Mit diesem Spott auf Beda Hunnius war das Gesprach abgebrochen ...

Der Pater folgte dem Pfarrer, der ihn an der Thur vergebens bat voranzutreten ... Plotzlich zog sich Sebastus in Demuth zuruck, verbeugte sich und liess Bonaventura vorausgehen.

Sie verliessen das Zimmer und das Haus.

Wie sie so dahinschritten, sahen ihnen die Menschen nach ... die Fremden blieben stehen ... der Pater schlug die Augen nieder ...

Sie betraten Kirchen und Kapellen ...

Viele fanden sie leer ...

Der Pater verurtheilte die Lauheit der Gemuther und wiederholte einiges von seiner in Kocher am Fall gehaltenen Rede.

Sehen Sie denn aber nicht, erwiderte gelassen Bonaventura in einer dieser Kirchen, die beiden Kerzen da am Altare? Ist das nicht so schon an unserer Kirche, dass Sie, wenn Sie in unsere Gotteshauser treten, immer finden werden, dass irgendetwas in ihnen vorgeht? Ist es auch nur eine einzige Seele, die irgendwo in einem Stuhl knieet und gegen die Hoheit des Gebaudes, gegen die Macht der Wolbungen und Saulen mit ihrem armen schwachen Aufseufzen wie ein Sandkorn am Meer verschwindet, doch belebt es einen ganzen Bau! Und brennen auch nur zwei kleine Kerzen an einem irgendwo versteckten Seitenaltar, immer sagt das, es ist da irgendein Gebet im Werke, eines, das schon gehalten worden ist, oder eines, das erst gehalten werden soll; irgendeine Seele, die vielleicht in der Ferne auf dem Krankenlager liegt, hat diese Lichter anzunden lassen und bald wird ein Priester nur mit einem einzigen Knaben kommen und, ohne Rucksicht auf Zuhorer, unhorbar nur und still hinmurmelnd die Messe lesen. Dann wieder findet man an einem Tage, wo alles werkeltagig in der Stadt und in den Gemuthern hergeht, doch in der Kirche den Hochaltar geschmuckt, Blumen liegen an seinen Stufen, das Wort des Priesters schallt fast wie ein einsames Selbstgesprach und kaum bis uber die Brustung des Chores hinaus; ein Erinnerungstag ist's an einen Heiligen, irgendein Vorgang aus der Geschichte der Kirche wird gefeiert, ohne Gerausch, ohne allgemein verstandlichen Ausdruck; nur einzelne Seelen, die gerade diesen Heiligen zu ihrem Schutzpatron wahlten, sind gleichsam mit in das stille Geheimniss gezogen und geben dies einfach zu erkennen durch ihre Spenden, durch ihre Anwesenheit in den Kirchenstuhlen, durch das Nachlesen in ihren Brevieren.

Der Monch schlug die Augen hellauf und erwiderte nach einer langen Pause des Schweigens mit fast unhorbarer Stimme:

Ware das nicht, wie sahen Sie mich in dieser Tracht!

Beide waren jetzt in einer fast sich schon annahernden, warmern Uebereinstimmung in die Kathedrale getreten, die einem grossen heiligen Walde glich von vielen tausendjahrigen Eichenstammen. Die Ueberfulle mit neugierigen Fremden vertrieb sie jedoch. Sie traten in einen stillern, schon erhaltenen Kreuzgang, der zur Seite lag. In der Mitte desselben sprudelte uber grunem Rasen ein Springquell es war still ringsum, friedlich, "poetisch", wie der Monch sagte ...

Der Reiz sich personlicher zu ergrunden, nahm zu und Bonaventura hatte sogar das Bedurfniss, einem Convertiten und einem Monche vollends sein schweres Lebensgefuhl zu erleichtern, und suchte dafur nach Anknupfungen.

Der Pater gab sie bald selbst, indem er dem Priester, der ihm fast zu imponiren anfing, die Worte sprach:

Lieber doch noch die herumlorgnettirenden Englander und um Trinkgelder handelnden Lohnbediente in unsern Kathedralen, als sich Kirchen nur erfullt zu denken von Superintendenten- und Consistorialrathsweisheit! Gott! Gott! Darum zerriss man 1517 die zarten Verbindungsfaden des Ueberlieferten mit dem Gemuthe, nur damit in den Kirchen ewig geredet und das Echo der alten zum Redewiderhall gar nicht geschaffenen Wande mit tausendfach personlich bedingter Weisheit gequalt werde! Man spricht von dem Protestantismus als dem Bundesgenossen der Freiheit!

Nichts will die Freiheit des Volkes mehr, als die katholische Kirche! fiel Bonaventura ein.

Der Monch stand still und betrachtete eigentlich jetzt erst zum ersten mal den Sprecher ...

Aber die Fortsetzung dieser Gedankenreihen unterbrach plotzlich ein Gerausch in einer Kapelle, die den zuletzt dunkler gewordenen Kreuzgang schloss ... Diese Kapelle lag vollig einsam und diente zur Aushulfe fur die Winterszeit, wenn allzu schneidende Kalte die vorgeschriebenen Gebete und Messen in der Kathedrale besonders den altern Priestern, den oft kranklichen und hinfalligen Domherren unmoglich machte.

Beim Verharren in der Kuhle dieses entlegenen Winkels, uber den Leichensteinen und Wappen der hier seit Jahrhunderten begrabenen Priester wollte eben der Pater beginnen: Der Stab Aaron's ist ein machtiger, ein grunender und bluhender in unserer Hand als ihn jenes Gerausch unterbrach ...

Bonaventura ging naher, sah in die offene Thur, stieg einige dunkle Stufen nieder und zeigte dem Nachfolgenden, der von einer Eule oder einer Fledermaus sprach, einen grossen Vogel, der aus den hundert Nestern an den Spitzgiebeln und Thurmen der Kathedrale sich hierher verirrt hatte, scheu in dem dunkeln Innern hin- und herflog und den Ausgang nach den hochliegenden kleinen Fenstern suchte, die auf der andern Langseite der Kapelle in die Strasse gingen. Der Vogel umflog den Altar, riss die Leuchter um, verschob die Altardecke und warf einige Schalen nieder ...

Der Anblick hatte etwas Dusteres, ja bei der Dunkelheit und Einsamkeit des Ortes etwas Schauerliches. Zuletzt sah man den Vogel sich zwischen zwei der kleinern Saulen an der sogenannten Evangelienseite des Altars festklammern und wild und starr die Augen auf die Ankommenden richten ...

Greifen Sie das Thier! sagte Bonaventura. Ich will den Altar wieder herrichten ...

Der Pater stand in der Ferne und erbot sich zu der umgekehrten Hulfsleistung. Er ordnete den Altar und so langte Bonaventura den grossen Vogel nieder, einen Habicht mit gekrummtem Schnabel und spitzen Krallen.

Die Unheimlichkeit der Scene mehrte sich durch das Erscheinen eines rasch draussen auf dem einsamen dunkeln Kreuzgange daherkommenden Priesters, der kaum in die Kapelle geblickt hatte, auch schon zuruckkehrte, fast erschreckend, sie nicht leer zu finden ...

Noch mehr ... Bonaventura erkannte den hier plotzlich Auftauchenden und wieder Verschwindenden auf den ersten Blick ... Es war Cajetanus Rother gewesen, sein Vorganger im Amte zu St.-Wolfgang ...

Da lag das Ordnen des verstorten Altars seltsam nahe ...

Bonaventura betrachtete den Vogel, den er an beiden zuruckgebogenen Flugeln ruckwarts auf die Hand gebreitet hielt und der ihn wild und trotzig und wieder doch furchtsam und scheu ansah, fast wie die unbekehrte Seele eines Menschen, sprach er ...

Der Pater war bereits wieder voraus auf den sonnigen Rasenplatz des innern Geviertes der Gange zuruck und Cajetanus Rother war gleichfalls verschwunden. Dass er nicht zum Gebete gekommen, ersah man alsbald aus einer ihm begegnenden, ihn anredenden und mit ihm zuruckkehrenden Dame. Und in dieser erkannte Bonaventura trotz des von ihr, als sie hier Beobachter sahe, plotzlich ubergeworfenen Schleiers zu seinem Erstaunen sogar eine der Tochter des Herrn Schnuphase.

Alles das wahrte nur einige Minuten, hinterliess aber auf lange und tief einschneidend einen Eindruck, dem der Monch, als ihm das freiere und leichtere Aufathmen selbst Bedurfniss wurde, das Wort der Erklarung gab:

Lassen Sie den Vogel fliegen! Das Thier ist ein Bote des Satans! Nur deshalb scheint es so grimmig auf uns, weil wir ihm ein Rendezvous gestort haben!

Bonaventura warf den Vogel in die Hohe. Dieser schoss auf und verschwand auf dem grauen Schieferdache des Langhauses der Kathedrale.

Schweigend verliessen beide den Kreuzgang und das Gebiet uberhaupt. Man wollte noch einige andere Kirchen besuchen ...

Es konnte Bonaventura nicht entgehen, dass der Monch in seltsame Aufregung versetzt war, die ihn seine bisherige bewusste und selbstgefallige Weise fast aufgeben liess. Wie uber irgendetwas Gespenstisches hatte sich sein Auge vergrossert, die Runzeln, die schon uber der Stirn des kaum Dreissigjahrigen lagen, zogen sich in die Hohe, er zupfte an dem Strick, der ihn umgurtete, um die Kutte hoher zu ziehen; so fast, als frore ihn ...

Endlich, an einem grossen alterthumlichen Hause, schien sich der Monch wieder erholt zu haben von dem Eindruck, den ihm die Scene in der Kapelle gemacht hatte. Am Sonnenlichte athmete er wieder auf und liess halb mit einem, wie es schien vom tiefsten Innern kommenden Seufzer, halb aber auch wieder hinblinzelnd auf Bonaventura, die Worte der Schrift fallen:

"Wo ihr aber durch den G e i s t des Fleisches Geschafte todtet, da werdet ihr leben!"

Bonaventura kannte, schwer genug (wie er sich zu gestehen nie schamte), diese allein erst wahrhaft lebendig machende Kraft des Geistes und nickte Beifall.

Der Pater fuhlte sich nun ermuthigt, zur fruhern Scharfe seiner Aeusserungen zuruckzukehren. Er klagte die Priester an, denen er vorzugsweise den Verfall des grossen Kirchengebaudes schuld gab.

Kennen Sie dies Haus hier? fragte er und ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er schon fort: Der Sitz des Capitels ist's! In dem Hause hier mit seinen zahllosen Fenstern, langen Gangen und auf die Ewigkeit angelegten Oefen kommen aus vierundzwanzig Gegenden auf ihre alten Tage vierundzwanzig Menschen zusammen, zwei auf jeden Junger Christi, und ja, das ist ihr Unterschied einer spricht und geht und raucht und schnupft anders als der andere. Und noch sind Greise darunter, die einst auch unsern Herrgott abgesetzt haben in der Franzosischen Revolution! Domherren, die mit Hontheim von Trier eine deutschbischofliche Kirche grunden wollten, frei vom Papst, eine constitutionelle, die in den emser Punktationen schon ihre Charte-Verite hatte ... Alle haben sie noch uber Voltaire gelacht und davon sind ihnen die Runzeln nun so stehen geblieben wie lachenden Porzellanmannern; denn sie lachen auch bei Erlebnissen, die ihnen das Weinen nahe bringen sollten, ja sie wissen nichts von diesen stehen gebliebenen Mienen, sie weinen wirklich mit diesem alten Voltairelacheln! Und gerade, als wenn sie wussten, dass sie den Feuertod verwirkt haben, so heizen sie ihre Oefen ein in ihren grossen kaltgrundigen Stuben! Walder stecken sie in die Flammen und doch erwarmen sie nicht den innerlich schauernden Frost! Furchtsam verrichten sie ihre Aemter am Hochaltar, wo sie kaum noch die Stufen des Chores ersteigen konnen, und bei den grossen romischen Missalen, die neben ihnen aufgeschlagen liegen, bei den durchgestrichenen Noten des Antiphonales werden sie gespenstisch nur an die Todtenkopfe des Beinhauses erinnert. Ach, aus Angst der Seele wirft sich dann einer oder der andere auf das Studium eines alten Kirchenvaters! Da druben, wo Sie die grunen Vorhange am Fenster zugezogen sehen, wohnt einer, der sein ganzes erspartes Vermogen an eine Herausgabe des Origenes hingegeben und hinterher bedeutet worden ist, dass Origenes nicht zu unsern Heiligen gehort und den Protestanten zu uberlassen ist. Der Arme wird dieser Tage sterben, ist vielleicht schon todt, und seine aus theuer erstandenen Manuscripten gesammelten verschiedenen Lesarten werden ihm ins Grab folgen! Dort da wohnt der Kanonikus Martinus Taube! Krank kann er werden, wenn im Kattendyk'schen Hause jemand dreimal hintereinander zum Diner eingeladen wurde und Frau Commerzienrathin ihn einen angenehmen Gesellschafter genannt hat, an den sie sich gewohnen konnte! Nebenan da wohnt einer, der mit dem Hause Kattendyk selbst Geldgeschafte macht ... Dort dem andern da ist das Dasein ganz in Whist und Boston aufgegangen! Und fragen Sie ihn, ob Sanct-Goar in Trier seine Einsiedlerkutte wirklich an einem Sonnenstrahl aufhangen konnte, er wird es mit einem lauten und deutlichen: Ja! versichern, nur um nicht aufgehalten zu werden, ein gluckliches a tout zu machen. Ha diese Priester! Sie konnen wie junge Madchen eifersuchtig sein auf die Cirkel, wo nur ihre Hande gekusst werden, nur ihre Scherze belacht! Entschuldigen Sie nichts! Es ist gut, dass es einen grossen Geistessturm gibt! Die faule Ruhe des Friedens hat Ungeziefer selbst im Rock des Herrn nisten lassen! Ausgeklopft muss auch der werden, nicht blos der Wams der Kriegsknechte! Tuchtig! Tuchtig! Und von uns selbst! Horen Sie, unsere Trommel wirbelt

Der Pater wurde in seiner wilden Rede unterbrochen. Eben zog eine Militarcolonne mit kriegerischem Spiel uber den Platz, wo sie einsam gestanden ...

Als es stiller geworden, sprach Bonaventura:

Pater! Ich meine, je hoher ein Priester steht, desto mehr wachsen seine Sorgen, die Anspruche seiner Verwandten, die Zumuthungen seiner Bedurftigen! Werden wir alt, so suchen ja gerade wir nach Augen, von denen uns doch ein klein wenig Liebe und Sehnsucht bewahrt werden mochte, auch wenn wir todt sind! Keine Familie zu haben, es bewahrt uns lange vor Sorge und Kummer, und doch wird Familie zuletzt unsers Herzens ganze Sehnsucht! Nun sparen wir fur andere, schenken, opfern, wollen Menschen haben, die irgendwie die unserigen sind! Das wird zuletzt eine Krankheit, die ebenso ihre Symptome, den Geiz, die Geldbegierde hat, wie unser schon in jungen Jahren sich meldendes Verlangen nach Bequemlichkeit!

Bonaventura sprach das so hin, wie wenn er es ebenso auf der Kanzel hatte sagen konnen, ohne Menschenfurcht. Sein Auge glanzte, sein Stirn umzog sich mit dem lichten Schein der edelsten Unbefangenheit.

Sie sind ein milder Versohner! sprach der Monch ... Wissen Sie denn, warum Sie herberufen sind?

Ich hoffe es zu erfahren, erwiderte Bonaventura.

Ich will es Ihnen sagen! Irgendeiner dieser Priester alten Stils hat Sie irgendwo gesehen, hat Sie predigen horen, und da geht es wie in Gottingen, wo ich die Rechte studirte. Die alten Professoren wehren jede Neuerung ab, lassen kein neues System, keinen jungen Docenten oder Ausserordentlichen aufkommen. Plotzlich merken sie, dass die Frequenz der Universitat abnimmt. Des Goldes, das von der Quastur kommen soll, wird immer weniger, die Doctorhute bleiben auf dem Lager liegen, die gelehrte Jugend Deutschlands, die Gott sei Dank! doch noch nicht ganz aus Freitischseelen besteht, drangt sich in jene Stadte, wo die Lehrstuhle der in Gottingen verurtheilten Systeme stehen. Nun wird den Geheimenrathen Angst! Jetzt halten sie einen grossen Rathschlag, und siehe da! Sie senden eine Deputation gen Hannover und erklaren, die Facultat bote eine Lucke, man musste die Vertreter eines neuen Systems berufen. Ministerielles Erstaunen Stuhle, auf die sich die Excellenz vor Ueberraschung niederlassen muss ... Sie meinen, meine Herren? Sie befurworten ? In den "Gelehrten-Anzeigen" hackten Sie ja regelmassig die Vertreter dieses Systems zu gottinger Wurst zusammen? Thut nichts, Excellenz! Mangel an doppellaufigen Pistolen Und nun errichtet man einen neuen Lehrstuhl, beruft denselben jungen fruher verfemten Irrlehrer und die akademische Jugend des heiligen romischen Reichs findet wieder den alten Weg an die "Leine", die Honorare kommen in Gang, die Doctorhute fabricirt wieder "Vater Bethmann" nach wie vor, die alten Herren frischen sich mit dem jungen Blute wieder auf, wie in Arnim's "Kronenwachtern" die Transfusion des Blutes in praxi ausgefuhrt wird und ebenso denk' ich mir: Wenn in Stadten, wie diese, die Gesinnungen zu weltlich werden, die Beichtstuhle zu leer stehen, die Buchsen und Becken beim Opfern zu viel Kupfer abwerfen, die zweischlachtigen Bastarde der gemischten Ehen nur in den Taufbecken der Protestanten Stolgebuhren zurucklassen, dann mussen frische, fromme, freudige Gemuther

Wiederum aber konnte diese dem Eindruck, den Bonaventura dem Monche machte, dargebrachte Huldigung nicht weiter kommen. Eine Volksmenge brauste daher, Vorlaufer eines neuen Soldatentrupps, diesmal der grossen Wachparade. Es war schon die Mittagszeit. Wie eine rauschende Flut sturzten sich die Accorde einer Janitscharenmusik uber die Worte des Sprechers ...

Der Monch schwieg; beide Wanderer standen still und liessen die Truppen an sich voruberziehen ...

Kennen Sie den Kirchenfursten? verstand sich der Monch wiederholt zu einer Frage, als es ruhiger geworden.

Aus der Zeit, als er noch Generalvicar war!

Reden Sie mit ihm, so bitt' ich, sprechen Sie Gutes von mir!

Bonaventura sah den Monch erstaunend an.

Ich habe die Weihen nicht! Ich bin nicht Priester! sagte der Pater.

Auf Bonaventura machte dies Gestandniss einen tiefen Eindruck. Es war ihm, als fiele ihm eine Last vom Herzen. Pater Sebastus war kein Priester! Diese Hand, die Jerome von Wittekind erschoss, die einen Vater ungeracht gelassen, war so nicht entsuhnt, dass sie Segen austheilen, das Brot des Lebens spenden konnte und jetzt verstand Bonaventura die Widerspruche in dem Wesen seines Begleiters die Demuth schien ihm noch nicht zur neuen Natur geworden sie erstrebte vielleicht nur das letzte Ziel des neuen Ehrgeizes die Weihen und Stolz und Leidenschaft schienen die alten geblieben ... In seltsamen Wirbeln ging sein schwankendes Urtheil.

Da kamen jetzt vier Manner daher ... Sie grussten, standen still und es fanden gegenseitige Vorstellungen statt.

Benno war es mit seinem Freunde Thiebold, mit dem Assessor von Enckefuss und einer seltsamen Erscheinung, die sich zwischen dem Arm des letztern und dem Arme Thiebold's hielt ... ein jugendlich aufgefrischter Greis, von jenen selbst beim Weinen lachenden Gesichtszugen, wie sie der Monch eben bei den alten gezahmten Voltairianern stereotypirt fand, den Bart, die Haare gefarbt, ein seltsames Bild unter drei jungen Mannern, von denen wenigstens Benno und Thiebold die Lebensfrische selbst waren ...

Herr Rittmeister von Enckefuss! ... Herr Pfarrer von Asselyn! ... hiess es.

Der Monch stand starr ...

Die Gruppe wagte ihn nicht ganz in ihren Kreis zu ziehen ...

Herr Doctor! sagte ihn erkennend der Rittmeister in leichter und frohlicher Anrede ... Es gab eine Zeit, wo Sie's gar nicht abgeschlagen hatten, mit uns auf den Hahnenkamp zu gehen und ein Glas Champagner zu trinken! Wir haben ihn da besser als im Englischen Hof! Jetzt freilich

Der Monch sah den Sprecher an, als irrte er sich in der Person. Ja es war ein Blick voll Grosse und als wollte er sagen: Ich spreche armenisch und komme vom Libanon!

Benno fixirte den Pater von oben bis unten und wurde den vor Verlegenheit verstummenden Rittmeister in der Erkennung unterstutzt haben, wenn nicht Thiebold Bonaventura's Bekanntschaft zum ersten mal gemacht hatte. Da gab es denn ein Besturmen mit dem ganzen Feuer des Antheils, ein Aufrufen zur Vergleichung der Aehnlichkeit mit dem Onkel Dechanten, ein larmendes Erortern der unangenehmen Nachrichten fur Frau von Gulpen, dass nun eine andere Conversation gar nicht mehr aufkommen konnte.

Der Monch, wie nicht im mindesten beruhrt von der Begegnung mit einem Manne, der ihm die trubsten Erinnerungen des Lebens zuruckrief, wandte sich inzwischen und richtete, wie wenn nichts ware, den Blick auf die Strassenecke, die mit Anschlagzetteln bedeckt war ... Man befand sich auf einem der vielen kleinen Platze der Stadt, in der Nahe eines Gasthofs mittlern Ranges.

In Bonaventura's Klagen uber die Verzogerung seines Aufenthalts musste sich sein Bedauern mischen, von Benno horen zu mussen, dass diesen jede Stunde eine Weisung seines Principals uber Land zu schicken drohte und, wie er sagte, sein halb schon immer gepackter Koffer ihn vielleicht heute Abend bereits wieder aufs Dampfboot begleiten konnte.

Ich hoffe morgen empfangen und verabschiedet zu werden! sagte Bonaventura und druckte damit fur Benno eine Burde aus, die er an dem lesend der Mauer zugewandten Begleiter zu tragen hatte ... Und in dem Rittmeister von Enckefuss sah denn nun Bonaventura eine Personlichkeit, die vielfach genannt wurde, sprach man von den Zerwurfnissen des Kirchenfursten mit der Regierung und einer schon uralten Verfeindung des Domherrn Grafen von Truchsess-Gallenberg mit dem herrschenden Systeme ... In seiner Heimat druben erfolgte nach geistlicher, dann westfalischer Herrschaft die Uebernahme der Zugel des Regiments 1815 schroff und im Geiste solcher Sieger, die von der Demuthigung des Corsen triumphirend heimkehrten und in den neugewonnenen Landern und Stadten als Wachter die wilden Sohne des Heerlagers zuruckliessen. Kurze Zeit hatte der Corse auch die Sohne dieser Lander in Waffen den ubrigen deutschen Brudern gegenubergestellt und nun trat unter Verhaltnisse, wo aus jedem nur erdenklichen Grunde der Politik die Versohnung hatte herrschen sollen, doch, wie einmal die menschliche Natur ist, die Vergeltung. Ein tuchtiger Heerfuhrer befehligte in der Hauptstadt des neuerworbenen Landes. Milderte an ihm sein Verdienst die Wildheit und konnte eine gewisse barsche Treuherzigkeit, der man im rechten Augenblicke sogar Gemuthvolles abgewinnen konnte, ihm manche gute Wirkung sichern, so verdarben das, was seine Oberleitung noch allenfalls gut machte, die Untergebenen. Sein eigener Sohn war es, ein junger Offizier, der auf dem so ganzlich verschiedenartigen Boden die Sitten der Heimat einfuhren wollte. Der Husarensabel des Rittmeisters von Enckefuss zerhieb alle Schwierigkeiten, deren sich fur den alten General, seinen Vater, immer zahlreichere fanden. Verhaltnisse, Vorurtheile, Meinungen, Gewohnheiten wurden verletzt, mit ihnen die Personen. Die Reizbarkeit erhohte sich. Zu Krankungen kam es, die niemand mehr mit der dem dortigen Menschenschlage eigenen Selbstbeherrschung, die man auch Tragheit nennen mag, verwinden mochte; bald standen sich die hohern Stande gegenuber. Einige der jungern Domherren, Geistliche aus den ersten Geschlechtern des Landes, wurden von dem Militargeist, der seinen Sabel auf dem Strassenpflaster nachschleppen liess, auch auf dem neutralen Boden der Geselligkeit, vorzugsweise im Casino der Stadt, geneckt und, als sie es ihrem Amte gemass schweigend hinnehmen mussten, mit spottenden Worten bezeichnet. Es kam zu einem Ehrenstreite, an dem die Stadt, die ganze Provinz theilnahmen. Zwei junge Domherren waren durch wiederholte Beleidigung in der Nothwendigkeit, sich von den Offizieren Genugthuung zu erwirken. Welche konnten sie erlangen? Als Priester durften sie die Waffe nicht fuhren. Ihren Stand zu verlassen verhinderte eigene Neigung und der durch Familienstatut gebundene Wille. Sie klagten vor Gericht. Dies konnten sie nur da thun, wo der Rechtsspruch vom jenseitigen Feldlager kam. Nach langem Processiren kam es zu einem Austrag, der ihrer Ehre allerdings einen durftigen Strohhalm bot. Vor den Gegnern hatten sie einen zweifelhaften Sieg gewonnen. Neue Verwickelung, neuer Hader. Da tritt der einzige Bruder des Domherrn, der Trager des Geschlechts, in die Schranken und wird, sowie spater in unedlerer Veranlassung Jerome von Wittekind, im Duell von jenem Rittmeister der Husaren erschossen ... An des Bruders Grabe soll Priester Immanuel, der Domherr Graf von Truchsess-Gallenberg, damals einen nur stillen Schwur gesprochen haben, vollkommen aber vernehmbar den Geistern Innocenz' III. und Gregor's VII.

Nun der Anlass dieser Irrung, der alte Husar da, sorglos, seinen gefarbten Schnurrbart drehend und unterhaltend sein "junges Volk" von der "Witwe Clicquot" und das sogar in einer Weise, der Bonaventura, um seine eigene ehemalige Fahnrichschaft von ihm angegangen, gar nicht gram sein konnte ... Ihm waren diese ghibellinischen adeligen Landsknechte gelaufig, die mit unendlichstem Leichtsinn Hab' und Gut im Wurfelspiel in einer Nacht verknocheln konnten und dennoch, wenn die Drommete gerufen hatte zur Schlacht, sich aufs Ross geschwungen haben wurden und Leib und Leben nicht minder leicht aufs Spiel gesetzt.

Die frohliche Gesellschaft wollte weiter gehen und sah auf den unter fast ahnlichen Lebensbedingungen, wie der frohliche Rittmeister, stehenden Monch, um Abschied zu nehmen.

Dieser stand abgewandt und las ...

Die Manner gingen ...

Bonaventura wartete, bis sich Pater Sebastus wenden wurde ...

Endlich that er es ...

Leichenblass ...

Bonaventura redete ihn um die Bekanntschaft mit dem Rittmeister an.

Der Monch erwiderte nichts ...

Bonaventura sprach von einer Fortsetzung des Spaziergangs am Nachmittage ...

Kein Wort der Entgegnung ...

Nur mit seinen magern Handen zeigte er jetzt uber den Platz hin ...

Bonaventura sah einen Gasthof, an dessen Einfahrt ein Schwarm von Kruppeln und Bettlern sich drangte. Barfussige Kinder, Greise, Blinde und Lahme, Frauen mit verbundenem Kopf, Hexen nicht unahnlich, eine Zunft von Menschen, die den Spruch, wir waren nach Gottes Ebenbild geschaffen, zur Satire machten, alles das drangte sich mit halbzerbrochenen Scherben am Eingang ein Kellner hielt alle noch zuruck

In dem Blicke des Monches auf jenes Gewuhl erkannte Bonaventura, dass er sich den Armen anzuschliessen im Begriff war ...

Mein Donnerstagstisch! sagte er und brach ebenso rasch ab, wie er vor einigen Stunden zu Bonaventura gekommen war.

Bonaventura sah ihm lange lange und mit Ruhrung nach ...

Sein Herz sagte ihm: Warum sollen es nicht die Kranken und die Armen sehen, dass ein Genius in den Fragen des Lebens vor ihnen nichts voraushaben will? Warum soll nicht ein einzelner unter sie treten und ihnen zeigen durfen, dass Entbehrung jedem wehethut und dass Hunger, Durst und Frost nicht das Lebensloos der Armen allein sind, ja dass es eine Glorie hoherer Genusse gibt, die selbst ein Gebildeter allem vorzieht, wonach die Entbehrenden mit neidischem Herzen schielen! ... Und selbst der Einwand, der sich ihm aufdrangte, dass ein Monch nicht arbeite und darum mit seinen Entbehrungen denen nicht gleichstehe, die in geringen Verhaltnissen leben trotz ihres Fleisses, widerlegte sich seine noch unerschutterte Begeisterung fur die Kirche durch eine eigene Auslegung der Schrift. Wenn wir nicht vom Brote allein leben, sondern auch vom Geiste Gottes, so darf zu diesem lebendigen Odem, der uns erfullt und erhebt, auch ein festgehaltener a u ss e r e r Ausdruck des Uebersinnlichen gehoren. Wie man die Kirchen schmuckt, statt dass auch in schmucklosen derselbe Gott erkannt und gepredigt werden konnte, wie man seine Liebe durch ein Symbol ausdruckt, eine Blume, einen Ring, statt dass Worte ganz dieselbe Bedeutung haben konnten, so sollte nicht auch die ausserlich ersichtliche und vor der Welt festgehaltene Demuth, das Kleid und die Entbehrung des Klostergelubdes die immer bereite Vergegenwartigung der Begriffe sein, die sie dem weltlichen Leben vorhalten und ihm gleichsam einbilden mochten? Edler, als der Spartaner sich Heloten hielt, um seinem Sohne die Niedrigkeit dienender Seelen zu zeigen, schien dem sinnend Nachblickenden der Christ sich Monche und Nonnen halten zu durfen, um in der Fulle der Ungebundenheit und des leidenschaftlichen Lebensgenusses auch die reinen Typen zu bewahren der Selbstbeschrankung und Nur-Auf-Gottbezogenheit.

Bonaventura speiste dann auf seinem Zimmer, bedient von einem ungeschickten Madchen, durch dessen Unerfahrenheit hatte entschuldigt sein konnen, dass lieber, wie heute in der Fruhe, eines der Fraulein Schnuphase mit schweigsamer Ehrerbietung, einer Martha gleich, erschienen ware und das Serviren unterstutzt hatte. Doch die seltsame Begegnung im Kreuzgange hielt wol die beschamten Heuchlerinnen fern. Dass Bonaventura nicht zu lange bei dieser Erfahrung verweilte, lag in der traurigen Gewohnung seines Standes, derartige Eindrucke an Priestern wie an Laien fast taglich bedenken und in sich verwischen zu mussen.

Um einen katholischen Priester ist es einsam. Friede soll uber sein Gemuth hinwehen, die Leidenschaften sollen schweigen, immer soll er innerlich beschaftigt sein. So wollte es Hildebrand, als er, um aus ihnen die Gnomen der romischen Zauberkunst zu schaffen, ihnen die Ehe verbot, die Verbindung mit der Welt und mit dem gemeinen Leben.

Von der Begegnung mit dem Monche Sebastus war Bonaventura tief aufgeregt; doch wusste er den Gefuhlen, die ihn besturmten, keinen Namen zu geben. Er forschte ihnen auch nicht zu lange nach ...

Mahnen dann aber zuletzt die Geister zu gewaltig, sturmt es doch in der Brust, so haben die Lehrer der Kirche, unter ihnen tiefe Kenner des menschlichen Gemuths, dafur gesorgt, den Sinn zu heiligen, das Herz zu stillen, es zu bewahren vor der Phantasie. Denn die Phantasie ist die gefahrlichste Feindin des Einsamen ...

Mannichfaltige Rathschlage gaben die Seelenmeister, ihren Lockungen zu widerstehen ...

Bonaventura floh die Phantasie nicht, aber er dachte sich nie Zukunftiges, sondern nur Vergangenes ... Im Vergangenen da konnte er schwelgen! Aber wie rang er auch, nur allein das Einst festzuhalten! Nur die Grenze zu wahren, wo nicht plotzlich ein rosiger Zukunftsschimmer in die Seele einbrechen konnte! Mit Zukunftstraumen beginnen die Irrpfade der Einbildungskraft. Ihrem goldenen Glanze verschliesse das geistige Auge! Erwache aus jedem Traume, den es dich gelusten konnte dir auf Zukunftiges zu deuten! Mogliches, Gehofftes ist ein Arom der Geister, das die Sinne betaubt, ein Zaubertrank, der in Paradiese versetzen kann, selbst unter den Schrecken der Wuste ... Schreit dann die Seele inbrunstig "wie der Hirsch nach frischem Wasser", so gibt ihm die romische Magie eine vom Munde man mochte glauben der schaumenden Wuth des leidenschaftlichsten Seelenschmerzes gesammelte Aqua toffana ... Auch Bonaventura kannte sie ...

Wurde dem jungen Priester das Blut von einer plotzlichen Wallung durchgluht, rang er in der Noth des Aufschreis seiner gesunden Lebensgeister, so griff auch er nach jenen mechanischen Hulfsmitteln, die im Rosenkranzgebet den ersten Wassersturz, der Besinnungslosigkeit zu suchen lehrten ... Auch er zahlte dann die Buchstaben der Evangelien und Episteln ... auch er rechnete, wie oft ein Wort sich auf einer Seite wiederholte ... Und wenn Paula's Name und ihre liebliche Erscheinung uber seinen Geist wie eine sanfte Spharenmusik sich senkte, so konnte auch er, um sich vor dem Vergehen in einem Meer von Sehnsucht zu retten, das liebliche Gedicht in Spee's Trutznachtigall:

Wenn Morgenroth' sich zieret

Mit zartem Rosenglanz

statt vorwarts ruckwarts lesen. Half auch das nicht und klangen die Spharen zu berauschend, die Lockungen zu suss, so konnte er zahlen, wie oft in einem solchen Gedichte ein einziger Buchstabe vorkam und vielleicht nicht einmal der Buchstabe P!

Lacht nicht, ihr Feinde des Christenthums! Ihr am wenigsten, die besten Freunde desselben nach dem Monch Sebastus, ihr Juden! Das eben brachte vielleicht schon Apella nach Rom. Mit solchen Glaubensspielen erfullten schon am Jordan die Rabbinen das Wort des Psalmisten:

"Wie hab' ich dein Gesetz so lieb, o Herr! Den ganzen Tag ist es meine Betrachtung!"

Jeden Augenblick horchte dann Bonaventura voll Bangen, ob es klopfen wurde und der Monch zum zweiten mal eintrate, ihn zu einem Nachmittagsgange abzuholen.

6.

Die Wirthin zum "Goldenen Lamm" war eine der ruhrigsten Frauen der Stadt.

Und ware sie nicht auch die gutherzigste und wohlthatigste ihres Geschlechts schon von Natur gewesen, die kleine dicke, rundliche, noch immer hubsche Frau, die Beichtvater hatten sie dazu gemacht. Sie hatten ihr diese Lust am Spenden schon als Strafe auferlegt, da die gute Frau das gesundeste Leben liebte und ein leicht in den Adern rollendes Blut hatte ... Ja, sie wechselte viel mit ihren Oberkellnern sie wechselte auch viel mit den Vertrauten ihres Herzens ... sie betrachtete aber dann die "Religion" wie ein Bad, mit dem man allen schlimmen Staub der Seele wieder wegspult und immer wieder frisch und gefallsam in die Abwechselungen der schonen Erde, in Landpartieen, kleine Badereisen, Theater und Concerte zuruckkehrt.

"Die Tochter aus dem goldenen Lamm" einst genannt, hatte sie einen Sanger geheirathet, der sich bei ihren Aeltern, wie man zu sagen pflegt, "festgekneipt" hatte. Sie hatte dann diesen zum Wirth gemacht. Nachmals war er gestorben. Dann folgte unter gleichen Umstanden ein Schauspieler. Auch von diesem wurde sie Witwe. Nun nahm sie das Leben ganz wie Semiramis, gross und frei, vom luftigsten Standpunkte. Aber gut war sie, unendlich gut, mildthatig bis zum Excess, und dabei so stark und wohlgenahrt, dass die Juweliere das Doppelte verdienten an den Ketten, die sie kaufte, dann ihren Verehrern heimlich zusteckte und sie sich, zur Genugthuung vor dem ganzen Dienstpersonal und den Stammgasten der Table-d'hote und des abendlichen Schoppens, scheinbar wieder von diesen zuruckschenken liess ... Und niemand hatte dies Manover mit grosserer Gewandtheit ausgefuhrt als seinerzeit Jodocus Hammaker, der einige Jahre lang, vor der ominosen Hangegeschichte mit Dominicus Nuck, auch der Vertraute ihres Herzens und ihrer Kasse gewesen war.

Mundet's euch heute nicht? rief die Frau aus einem Fenster, das in die Einfahrt ihres grossen und geraumigen Gasthauses ging. Denkt Ihr an die Karmeliterinnen, wo morgen Nachmittag gross Tractament sein soll, wie bei einer Kindtaufe! Wird ja bei Euer Gnaden eingeladen, als kam' eine Prinzessin ins Spital und wollte die Suppe kosten, die dann auch einmal aus Fleisch gekocht wird!

Damit reichte sie dem "gnadigen" Bettelvolk aus der mit ihrem Fenster in Verbindung stehenden Kuche in die dargereichten Scherben Gemuse und Fleisch und fullte selbst die Gefasse, die oft so defect waren, dass sie ihr unter der Hand zerbrachen. Jeden Montag und Donnerstag fand diese Austheilung statt, die Tage ausgenommen, die noch etwaige Vergehen und die Gebote des Beichtstuhls hinzufugten.

Diese "Abfutterung", wie der Herr Oberkellner mit goldenem Siegelringe apathisch und seiner Stellung bewusst, sie benannte, musste rasch geschehen, damit die Ordnung des frequenten Gasthauses nicht gestort wurde. Die Lahmen und die Blinden, die alten Frauen und barfussigen Kinder durften sich nicht zu lange aufhalten und etwa die Gabe unter der Einfahrt oder im Hofe schon verspeisen, manche gar ohne Messer und Gabel wie die Wilden.

Die Wirthin schopfte dabei immer aus, warf zuweilen ein schlechtes Stuck mit einem derben Kraftworte an die Kochinnen hinter sich zuruck und ruhte nicht einen Augenblick im Nutzen ihres Mundwerks.

Das Stuck geb' ich ja keinem Hund, viel weniger einem Menschen! ... O die Metzger! ... Die bringen's aus! ... "Kaufe keinen Ochsen ohne Knochen, Madame!" sagte der neulich am Rothenthurm ... Nun? Steht mir nicht so lange! Marsch! ... Jesus Marie, was ist das fur ein Topf? Ein halber Henkel kaum! ... Ich glaube, erst vorige Woche gab ich einen neuen! ... Riekeschen! ... horst du! Mach' mir mal den Rock hinten ein bissel loser! Zwei Haken! ... So! ... s'ist mir heut ganz schlecht, denk' ich an die Frau, die sie die Nacht umgebracht haben! ... Weiss man denn immer noch nicht, Leute, wer's gethan hat? ... Wozu ist nun die wohllobliche Polizei! ... Jeden vergessenen Nachtzettel straft sie, von jedem Fremden, der von auswarts kommt, will sie wissen, was er fur eine Nase hat, aber was drinnen in der Stadt vorgeht unter den Spitzbuben und Raubern und Mordern

Der Oberkellner rief den Aufhorchenden, die auf diese Art auch noch die Zukost publicistischer Neuigkeiten und uber Welt und Zeit allerlei freisinnige Ansichten erhielten:

Marsch! Fort! Es kommen Fremde!

Nun, nun! rief nun wieder den Oberkellner verweisend die Wirthin. Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall! Dann aber polterte sie doch wieder dem Oberkellner zu Liebe: Riekeschen, mach' fort, dass die Bagag' hinauskommt! Ihr Trampelthiere! Lasst doch erst die Kinder vor!

Vom Larm des Bettlervolks und der Strasse wurde die Rede der guten Lammwirthin ubertaubt. Wagen kamen und gingen, Omnibus rollten, die Glockenzuge, die den Hausknechten schellten, wurden gezogen und jetzt bekam auch die Lachlust ein Schauspiel durch ein komisches Intermezzo.

Zwei Italiener begrussten sich, wie es schien, nach jahrelanger Trennung ...

Der eine kam eben mit dem Omnibus, der andere empfing den Aussteigenden unter der Hausthur. Neben letzterm standen zwei jungere, die auf ihren Hauptern Breter mit Gipsfiguren hielten und in dem Augenblick, als die beiden altern die Zeichen der hochsten Freude austauschten, das Gleichgewicht verloren. Eine mit Strahlenkronen geschmuckte Madonna fiel und zerbrach. Der altere in grauem Kittel und Manchesterbeinkleidern, unser Napoleone, hatte jetzt mindestens funf Dinge zu gleicher Zeit zu erledigen ... Einmal seinen aus London kommenden Bruder zu begrussen, Marco Biancchi, einen scharfblickenden, schon graubehaarten Italienerkopf, dann ihm seine Sohne vorzustellen, dann wieder diesen ihre Unachtsamkeit vorzuhalten, nun wieder auf ein Fenster im funften Stock zu zeigen, wo ein weiblicher Kopf herausschaute, ohne Zweifel Porzia, und dann doch wieder staunend auf die grosse Bagage seines Bruders Marco zu zeigen, die nun abgeladen wurde, und bei alledem auch noch die Umstehenden zum Kaufen zu ermuntern!

E questo possibile! rief er. Dopo quindici anni rivedersi encora! ... Asino, dove ai gli occhi! ... Questo e mio figlio! Il mio segundo! Questo il terzo! La sopra mia figlia ... Fa attenzione, asino! Di non dimenticare, quello che tu ai sopra la testa! ... Fratello! Caro fratello! ... Ma tu mi sembre un cavaliere! Cielo! Quel gran baulo! Attenzione cocchieri! ... Buon albergo! Proprio et buon mercato! ... Figuri kauf!

Alles das ging bunt durcheinander.

Bei allen diesen Vorgangen sitzt auf der dritten oder vierten Stufe der Treppe des Hotels Pater Sebastus und verzehrt mit Gabel und Messer, die ihm zur besondern Auszeichnung die Wirthin dargereicht, sein Gemuse und sein Fleisch ...

Er thut es sonst so hell umschauend, heute aber wie ein vollig Abwesender ...

Erbebend schon von der Begegnung mit dem Rittmeister und Landrath von Enckefuss, dem dritten in dem unheimlichen Bunde von damals, als man sich das Wort gegeben zu haben schien, einen Mann wie den Kronsyndikus, Sprossen der alten Sachsenherzoge, nicht die Folgen einer Uebereilung erleiden zu lassen war sein Auge, irrend auf der mit Zetteln beklebten Wand, zu der er sich abgewendet, auf Serlo's Weib und seine Kinder gefallen ...

Wenn man sonst von ihm sagte: Da ist ein Monch, der sich wie die Heiligen in Dornen walzen konnte! so hatte man es heute wol glauben mogen. Das Reden der Wirthin, das Durcheinander der Bettler, die Begrussungen und die Ankunft der Italiener horte er nicht ... Mechanisch verzehrte er seine karge Mahlzeit ... Schon war er mit ihr zu Ende, sass ermudet, versunken und starr vor sich niederblickend, die leere Schussel in der Hand, dicht an die Mauer gedruckt, um niemanden auf der lebhaften Passage der Treppe zu storen ...

Da kommt eine schon bejahrte, aber stattlich aufgeputzte Dame mit zwei leicht und behend die Stufen hinaufhupfenden halbwuchsigen Madchen ...

Plotzlich hielt die Frau inne, betrachtete ihn und redete ihn mit dem Grusse an:

Aber, Herr Doctor! Sind Sie es denn wirklich? Ja, kennen Sie mich denn nicht mehr, Herr Doctor Klingsohr?

Der Bruder Sebastus springt auf, stellt seine Schussel zur Seite, betrachtet Madame Serlo-Leonhardi und Serlo's herangewachsene Kinder wie ein Irrsinniger, den jemand auf seine fruhere Vernunft anredet und der sich darauf von ihm wie taub abwendet, wahrend doch ein gewisser trauriger Blick der Befremdung auszudrucken scheint, dass ihm eine Ahnung nicht ganz fern lage von dem, was der Anredende meinen mochte und was er einst wirklich gewesen sein konnte ... Er sieht die erhitzt aus der zu ihrer abendlichen Vorstellung abgehaltenen Probe Zuruckgekommenen mit zusammengedruckten Augen wie zweifelnd und in Furcht an und geht von dannen, ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben.

Wer die Scene beobachtete und der in Erstaunen und in den lauten Ausruf ihrer Ueberraschung ausbrechenden Schauspielerin den vollen Glauben schenkte, dass dieser Monch ein ehemaliger Bekannter von ihr, ein Doctor Klingsohr ware, konnte in der That hinzufugen: Jetzt aber ist es ein Heiliger! Denn Pater Sebastus war vor ihr zuruckgewichen, wie vor einer Bewohnerin einer ihm vollig fremden Welt; er hatte ihrer Annaherung sich entzogen, wie einer Unreinen ... Der Schein der volligen Entfremdung von seiner Vergangenheit hob und verklarte ihn fast.

Dennoch schoss er an den Hausern dahin wie ein Besinnungsloser ... Erst, als ihm jener Damon, der im menschlichen Innern hockt und der selbst unserm tiefsten Schmerze hohnende Geberden machen kann, sagte: Siehst ja aus, als gehortest du auch zum Mummenschanz! merkte er auf sich ... In dem kleinen Schatten der Mittagssonne sah er sich wie einen verhutzelten Gnomen durch die schattenlosen Gassen schreiten, in einer ihm wie jetzt erst auffallenden Kutte, barhaupt, barfuss ... Das ist deine Angst, mit Komodianten verwechselt zu werden, dass du so entliefst! sagten ihm jene innern Stimmen, die er schon sonst "Ironieen des Satan" genannt hatte und schon damals, noch ehe er an den Satan glaubte ... Irrend wankte er dahin ... Kindern hatte er sich anschmiegen mogen mit einem: Nehmt mich mit! ... In seine Wohnung wollt' er und fand sie nicht es war eine kleine Zelle in einem ehemaligen Professhause der Jesuiten dort gab es lange Gange, selbst unterirdische aus den Zeiten her, wo die Kirchenfursten diese Stadt als Regenten beherrschten und oft vor dem Trotz und dem Freiheitssinn der Burger sich fluchten mussten in eines dieser Verliesse wieder, wo er schon ofter dahingetastet, dort mochte er sich verbergen, nur um die innern Stimmen, diese qualenden, zum Schweigen zu bringen ... An jeder Kirchthur verbeugt er sich ... an jedem steinernen Kreuze schlagt er eines auch auf seiner Brust ... die Momente der klarsten Anschauungen, des Witzes, der Unbefangenheit, der scharfsten Kritik uber sich und andere, die er heute gehabt, weichen dem Paroxysmus, der schon damals im Mondenschein im Park von Schloss Neuhof die Gespenster Heinrich Heine's leibhaftig sehen konnte und von den alten Stammers redete, wie wenn sie sassen und Schon Hedwig beweinten, ihr Kind, das ihnen der wilde Jager geraubt ... oder wie er seine Mutter sehen konnte, eine verschleierte Nachtwandlerin, mit der Lampe in der Hand und durch die Ahnensale der Wittekinds schreiten ... oder wie er oft ganz deutlich am Strande der Ostsee Lucinden im nachtlichen Nebel den Klabautermann auf einem Schiffe zeigte ... oder wie er spater, als er den Saft der Mohnblume wie alles erproben wollte, sich dem Gangesgott im Kelche der Lotosblume verglich ... Wie hatte ihn noch der Mord der Buschbeck schutteln mussen, wenn er den in Erfahrung gebracht! Nur war er nicht der Mann des Horens, sonst hatte er langst davon vernehmen mussen ... Der Geist, der jetzt ihn jagte, war die Erinnerung an Lucinden.

Immer tiefer kommt er in das Labyrinth der engsten Gassen ... Nichts will er sehen von den lichteren Strassen, selbst die nicht, wo die Zeitungsexpeditionen liegen, die seine neuesten Artikel verkaufen dem Laden Klingelpeter's, wo eben die zinnernen Athanasiusmedaillen in die Welt gehen, schiesst er voruber ... Alte Frauen plotzlich, in seltsamen Trachten, den Kopf mit grellfarbigen Tuchern umwunden, sitzen vor verfallenen Hausern und zupfen Werg aus alten Matratzen ... Der Staub wirbelt auf ... Fremdartig gesprochene Laute wecken ihn ... Nichts von den Heiligen, nichts mehr von der Gottesmutter ... Bei den Juden ist er ... in der Rumpelgasse ... Hier wohnen ihrer Hunderte dicht beisammen, Kleider hangen an den Hausern, alte Mobel, versperren die Wege, Flaschen und Glaser stehen an den Fenstern und nun erst findet sich der Taumelnde zurecht.

Vor einem der rothbraunen Hauser, gebaut aus Steinen, die vielleicht ubrig geblieben von damals, als die Vorvordern der Einwohner dieser Gasse sich einst selbst verbrannten, um der zu Zeiten im Mittelalter epidemischen Verfolgungswuth zu entgehen, stand der wie im Kreise Getriebene plotzlich still und betrachtete den Geschaftsreichthum einer Trodelfirma, die sich "Nathan Seligmann" nannte ...

Hinter ihm aber steht ein Mann, der ihn beobachtet. Es ist nicht unser Lob, der von ihm trotz des Judaeus Apella so altburschikos behandelte Anbeter der heute mit einem Blumenstrauss gefeierten judischen Druide Veilchen Igelsheimer, die dem Geschafte ihres Verwandten vorsteht mit einer Kenntniss des Alterthums und des Gerumpels der Jahrhunderte, die Lucinde an der Maximinuskapelle geahnt zu haben schien, als sie dem Wirth zum "Weissen Ross" als den eigentlichen Wardein der von dem Knaben verkauften alten romischen Munzen den Ahasver selbst genannt hatte.

Eine andere Personlichkeit war es, die den Monch daherkommen und vor dem Trodelhause Nathan Seligmann's sinnend halten sah ...

Den Rucken auf einen Stock stemmend, der fast zusammenbricht von der weniger schweren, als vielleicht ermudeten Last, denkt das etwa vorhandene Menschenstudium desselben beim Anblick eines in den Trodelkram verlorenen Franciscanerpaters: Pater Sebastus? Der Franciscaner? Will der Juden bekehren? Mit Veilchen Igelsheimer den Anfang machen? Fehlt ihm in seiner Klause ein Luxusgegenstand, den er dort einzuschmuggeln gedenkt unter der Kutte? Eine Lichtputze, eine Lampe zum Studiren, eine Laterne fur die unterirdischen Gange, wenn er die geheimnissvolle alte Pforte im Gewolbe des Professhauses finden sollte? ... Wie er die Kleider betrachtet! ... Doch nicht etwa den alten rostigen Ritterhelm? ... Doch nicht den Dreimaster und den Galanteriedegen dazu? ... Oder den Frack mit ellenlangen Schosen und die carrirten engen Beinkleider, die ihm vor Jahren ganz gut mogen gepasst haben?

Der Spaher, der selbst wie ein Irrender bald da, bald dort still gestanden und fast die Spalten der Thuren, die Risse der alten Hauser betrachtet hatte, als konnte er sich in sie verkriechen, ja als suchte er nur allein dem Sonnenstrahl auszuweichen, wie weiland der allein in der Nacht lebende Held Trojan, ein Vampyr der serbischen Sage der Spaher tritt in ein Haus zuruck ... Der Monch macht eine Bewegung, als wollte er weiter gehen ...

Bald aber erkennt der Spaher, dass dies Weitergehen nur die bekannte Bewegung ist, die einen andern Entschluss maskirt. Einigemal wendet sich der Monch, als hatte er sich im Wege geirrt, ware unschlussig, sich links oder rechts zu wenden, und ehe er noch daruber von jemand beobachtet zu sein glaubt, ist er verschwunden. Selbst fur den Spaher ist er es, der in eines der alten Hauser getreten ... Scheint dieser doch selber zu furchten, belauscht zu werden.

Nach einer Weile tritt der Spaher wieder hervor und sieht sich vorsichtig um. Die heisse Mittagszeit macht die Gasse menschenleerer als sonst. Dann an den niedrigen Fenstern Nathan Seligmann's voruberstreifend, erkennt er den Pater durch die Trodelvorrathe hindurch ... Er befindet sich unter ihnen ... Was kann der Monch dort wollen? Er scheint zu handeln? Um was? Er zeigt auf seine Kutte ... sieht er dich? Vorubergleitend entschlupft der Lauscher.

Sein sonst so elastischer Spursinn ist heute frei von aller Unternehmungslust.

Wankend schreitet auch er dahin ... nimmt einen Weg, er weiss es selbst nicht wohin ... an den Strassenecken wird ein Anschlag der Polizei angeheftet ... Hundert Thaler dem, der eine Spur zur Entdeckung des Morders der Frau Hauptmann von Buschbeck angibt ... Sonst war er so flink, solche Summen zu verdienen, er, der alle Spelunken der Stadt, die Herbergen der Freude und des Raubes kennt ... Weiter wankt er, grusst und achtet nicht des ausbleibenden Gegengrusses ... Gewohnt scheint er das ... Sonst studirt er jedem, den er grusst, eine Frage nach seiner Lage, nach seinem Thun und Treiben und eine selbstgegebene Antwort an ... Auch heute hatte er Gelegenheit gehabt, seine gewohnten Glossen zu machen.

Da fahrt Herr Bernhard Fuld in einem eleganten Coupe mit seinem jungen Weibchen neben sich in ihre Villa hinaus nach Drusenheim ...

Der Spaher scheint zu denken: Sie fahren wie mit Extrapost! Man glaubt wegen des europaischen Gleichgewichts und vielleicht ist nur eine neue Toilette aus Paris gekommen, die sich vor Ungeduld Madame selber abgeholt hat!

In einem Gig fuhr sich hinter ihm her der Freund der Fulds, Herr Gebhard Schmitz; ein Groom sitzt neben ihm, die Hande ineinander geschlagen, wie wenn er der Herr ware ...

Der Spaher sieht ihm nach und weiss vielleicht schon: Ist die bestellte Caricatur am nachsten Sonntag fertig, wenn ihr eure Landpartie macht?

Ein offen zuruckgeschlagener grosser Wagen mit zwei Damen und einem Herrn biegt um eine Strassenecke ...

Der Spaher erschrickt im ersten Augenblick, zieht tief den Hut und blickt dem Wagen nach: Madame Hendrika Delring! Sie fahrt vor dem Funfuhr-Diner noch mit ihrem Mann aufs Land, weil sie von einer Gelegenheit gehort haben, fur den ersten gemischten Enkel des Hauses Kattendyk eine vortreffliche Amme zu bekommen ... Die neue Gesellschafterin wol bei ihr? ... Nein! Die schreibt an ihren Freund Hunnius, dass im Domstift immermehr Platz wird ... Oder ist es die Kleine

Aufschreckend wankt der Beobachter dahin ... immer weiter und weiter ... allmahlich ermannt er sich und tritt in eine Weinschenke, sich in der Hitze eines Nachsommertages zu starken ...

Doch des Redens uber den Mord auch hier kein Ende ...

Man klagt die Frau Hauptmannin an und sagt fast, ihr ware recht geschehen, und schon setzt er an, sie zu vertheidigen und eine ganze Rede wickelt sich in ihm auf: Sehr wohl kannt' ich die Aermste, aber glauben Sie mir, meine verehrtesten Herrschaften, sie war mehr krank als bose! Die Vortrefflichste glaubte an die Seelenwanderung und war in Fledermause verliebt, weil sie hoffte, die wurden sie einst durch die Lufte ins Jenseits tragen! ... Fur den Konig der Fledermause sparte sie gefangene Mause und Batzen und Coupons ... O wie oft habe ich sie gebeten, ihre Guitarre neu beziehen zu lassen! Aber nur zwei Saiten wollte sie auf ihr dulden; die eine war sie, die andere Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort, genannt der "Abtodter" ... Wie oft pfiff sie mir sein Leiblied, als er noch schmuck und grun durch die Walder daherkam aus Holland und Java, wo ihn die Indier gelehrt hatten, wie man Menschen so weit bringen kann, nur noch dreissig Pfund zu wiegen, die Halfte vom Nettogewichte meines Bauches vor dem Mittagessen! .. O ihr hattet sie sehen sollen, die Frau "Baronin", wenn sie die Thur verschlossen hatte und durch das Schlusselloch mit mir uber den Stand der Zinsen und die Leiden der westfalischen Domanenkaufer sprach, deren Obligationen so werthloses Papier geworden sind! ... Das Schluchzen dann hinterm Schlusselloch hatte euch geruhrt und ihr hattet ein Gemuth bewundert, das dreissig giftige Pfeilspitzen liegen hatte und doch allen denen vergab, die sie beschuldigten, ihre Dienstboten nur aus bosem Herzen zu qualen, wahrend es nur ihr ungluckseliges Loos war, dass sie in der Nacht Mitgefuhl bedurfte, zufallig zu einer Stunde, wo frische und gesunde junge Madchen zu schlafen pflegen! ... Eine, ja Eine, die ist ihr einmal zu Dank gewesen! Das hat sie mir oft erzahlt! Die blieb ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage, drei Stunden bei ihr! Die hat sie dann aber auch, so sagte sie oft, ausgestattet wie eine Prinzessin! Auf ein vornehmes Schloss hat sie sie gegeben, wo sie wie eine Prinzessin gehalten wurde; nur seidene Kleider und goldene Spangen mit Juwelen durfte sie da tragen; aber sie war ja selber schuld, kicherte die gute Baronin hinterher, dass sie's nicht lange genoss ... der Nickel wollte auch die Krone haben! sagte sie. Und dann hustete die Edle wie aus feuchten Kellern heraus die liebreichen Worte: Na aber, da haben wir sie schon abgefuhrt!

Moglich, dass der wirkliche Vortrag dieser Erzahlung durch die Erinnerung an das grelle Lachen gehindert wurde, in welches die Hingeopferte nach solchen und ahnlichen vertrauten Mittheilungen sich in Gegenwart ihres guten Freundes und Rathgebers zu verlieren pflegte ... Oder was ist es, dass er die Weinschenke verlasst? .. Es ist drei Uhr ... Am Hahnenkamp begegnen ihm vier frohliche Menschen, unter ihnen sein warmster Beschutzer nachst Dominicus Nuck, der Assessor von Enckefuss ... Aber ha! Auch Benno von Asselyn, dem er noch gestern Abend so dicht unter die Augen getreten, als wollte er sagen: Sieh mich genau an! Ich bin's! Unglucksmensch, du, du, den ich mochte warum sahst du mich so oft Abends von Rendezvous kommen, wo eine siebzigjahrige Eule, getrennt von mir durch eine verschlossene Thur, mir ihre Gefuhle und ihre stolzesten Hoffnungen auf die Beschamung eines gewissen Ungetreuen, des grunen Jagers, erzahlte ... Warum blickst du mich so forschend an? Mensch! Was wendest du so den Kopf zum Assessor? Dich, dich mocht' ich

Ganz gehorsamster Diener! ... Tief verbeugt er sich bei alledem und lachelt ...

In frohlichster Champagnerlaune grusst Thiebold de Jonge und macht sich den gewohnten "Witz" mit ihm, im Gesprache Anspielungen zu machen auf das unentrathselt gebliebene Hangen des Sporenritters in partibus, diesen "Witz", der ihn seit Jahren verfolgt, der ihn so martert, so qualt, dass er im Begriff ist, nach Amerika auszuwandern fur immer ...

Aber bei alledem zieht der Erbebende seine weisse Halsbinde in die Hohe und sagt, im Stil eines Belesenen, zu Thiebold de Jonge:

Herr de Jonge! Ein Wald! Ein Wald! Ein Konigreich fur diesen Wald! Bei Witoborn! Wann kann ich aufwarten?

Ihre Eichenwalder sind zu jung! Nicht ein Ast, an dem sich eine rechtschaffene Seele aufhangen kann! Hahahaha! ...

So lachte der Spotter und die andern gingen gleichfalls lachend oder fragend und die Kopfe zusammensteckend an ihm voruber ...

Dass aber auch der Assessor lachen konnte! knirscht es in seiner Seele ...

Er uberlegt sich aber alles ... Er wohnt in dieser Stadt mit dem Damoklesschwert uberm Haupte und sollt' es eigentlich gern haben, wenn ihn zwar nicht heimlich, doch offen die Polizei fallen lasst. Er muss sich's ja sauer verdienen, dass man ihn schont und damals auf Nuck's Lachen Rucksicht nahm, als er nach Aachen wollte, nach "Spaa", wo er spater sein "ihm gehorendes" Geld wirklich verspielt hatte ... er musste sich's verdienen durch die doppelte Tragfahigkeit seiner Schultern, die linke geistlich, die rechte weltlich ... und in der Mitte ein Herz voll Ehrgeiz sogar und ein Mensch, der studirt hat! Sieh! Dieser Herr von Asselyn ... Ausser Nuck und Schnuphase weiss niemand in der Welt als er, dass er in Abendstunden mit Hexen schwarmen kann ... Wie er sich vorbeugt zum Ohr der andern und wie sie auf mich zuruckschielen! Mensch dich schleudr' ich aus dem Wege!

Ein Kieselstein flog vor seinem Knotenstock, dass davon beinahe Herr Joseph Moppes getroffen wurde ...

Dieser kam wie immer mit Noten unterm Arm und probirte im Gehen seine Quartette ...

Selbst Joseph Moppes, der als halber Virtuose doch Beifall und Popularitat nothig hatte, dankte nur halb dem schnell gebotenen Grusse ...

Nun wankt der fast zusammenbrechende Fuss durch die Marcebillenstrasse ... dicht vor dem Hause des Mannes, den er sollte aufgehangt haben, voruber ... Es ist dasselbe neue stattliche Haus, in dem jetzt bis vier Uhr Nachmittags die Arbeit des Procurators ruhte ... nebenan sauselnd sind's die schonen Linden des Gartens, der zum Hause gehorte, Baume, die noch gerade so grun und stillbewegt standen wie damals, als er um die Mittagszeit aus dem Fenster gesprungen und das in Gedanken mitgenommene Schlusselbund zuruckgeworfen haben sollte, die Tasche mit 30000 Thalern beschwert ... In diesen Garten blickte niemand, als die Zoglinge des daranstossenden Convicts, die gerade eine Freistunde hatten und an dem Gartengrun die mudegearbeiteten Augen starkten und ihn nun sehen, ihn verrathen mussten ... Funf Jahre war es her, Hammaker war durch Nuck's Zeugniss von jedem Verdacht freigesprochen, er durfte zu jeder Zeit in das Haus des Mannes eintreten, den er aufgehangt haben sollte; aber wer ertragt die Qual des Verdachts, den Spott, die Anspielungen auf die Procedur des Hangens, wenn die Menschen mit ihm redeten und vom Binden, Schnuren sprachen, ja auch nur von einer "verwickelten" oder "kurzabzuschneidenden" Verhandlung ... Konnte Er nicht den Kopf erheben? .. Noch heute fruh nach der Aufnahme des Thatbestandes und der Ruckkehr des Assessors vom Fruhstuck bei Benno von Asselyn ... was war nicht alles, als er zitternd unter den Menschen weilte und, zum Tode erblassend, den Assessor auf sich zukommen sah, zwischen ihnen besprochen worden! Die drohende Zunahme der Aufregung, die Stiftung von Gesellen- und Meisterbundnissen, manche Verbruderung zu Rath und That, die man nicht hemmen konnte und die doch auszuarten drohte im Hinblick auf die Zeit und die schlimmen Ausbeuter der Leidenschaften ... Die Gemuther auf dem Lande und in der Stadt von den kirchlichen Fragen aufgeregt ... zwei Richtungen sich kreuzend, die politische und die hierarchische, eine der andern zur Seite gehend, solange das nachste Ziel dasselbe ... Schon Berathungen hier, Versammlungen dort ... Sturmer und Dranger, wie sie in Kocher am Fall geredet, uberall ... unter dem Landvolk Wortfuhrer, die schon anfangen bei verschlossenen Thuren zu sprechen ... Die Regierung von anonymen Warnungen aufgeregt ... Winke von den Gutgesinnten, Drohungen von den Feigen ... Namen genannt, die die Haupter einer Erhebung werden sollen, wenn es dem Lande an die Krankung seines Theuersten gehen sollte ... Sogar Schnuphase auf den gefahrvollsten Bahnen; denn darin, dass er nur hin- und herreiste zur "Beruhigung", gerade darin lag die Aufregung ... Im Huneneck, an der Insel Lindenwerth, war der Herd des Ganzen bei einem grosssprecherischen Wirthe Namens Joseph Zapf ... und der neue John Hampden, der neue Burger Lafayette, der Sohn des Volkes, der einer moglichen Bewegung zum Haupte dienen konnte ... eben kommt er daher ...

Ein Mann mit kuhnen Schultern und von freier Rede, ein Fursprech im neubegrundeten Severinusoder Handwerkerverein ... Eine grosse, stattliche Figur von herculischem Korperbau, uber die Vierzig hinaus, gerotheten Antlitzes, mit dem Ausdruck gutmuthiger, aber reizbarer Beschranktheit ... An dem unter einem langen Oberrock getragenen Schurzfell erkennt man den Kufer ...

Wie geht es Ihnen, mein lieber Herr Lengenich?

Ei, Herr Hammaker!

Endlich ein Mann, der sich uber die Begegnung mit ihm zu freuen schien ...

Haben Sie endlich den Process gewonnen?

Welchen?

Den Drusenheimer! Schlagen Sie den Blutacker los? Sechshundert Thaler ja wol?

Neunhundert, Herr Hammaker! Ich schlag' ihn nicht los!

Eigensinniger Mann! Neunhundert Thaler! Viel Moos!

Die Ehre, Herr Hammaker! Die Ehre! Die Ehre! Was ist der Mensch ohne Ehre!

Ein wahres Wort!

Wir, denk' ich, wir beide wissen es!

Braver Mann! Aber was nutzt Ihnen die drusenheimer Ehre?

Wo ich geboren bin, Herr! Bin in die Welt mit Ehren hinausgezogen! Der Acker soll wust und leer bleiben, bis die Gemeinde und mein Bruder nicht mehr hinter mir rufen: Ab instantia!

Erhaben! Aber

Verkannt, Herr Hammaker!

Aber

Ein Ehrgefuhl muss der Mensch haben, wo ein Nadelstich aus Leben geht!

Wie fuhl' ich mit Ihnen!

Ab instantia Wegen Mangel an Beweis! Alle glauben und wissen meine Unschuld! Nur ein Bruder und die drusenheimer Gemeinde sagen: Lass hier deinen Acker! Sagen's so zweideutig, als wenn ich

Ruchlos! Ruchlos!

Dornen und Disteln und Steine sollen drauf wachsen ich bin Burger in Drusenheim und bleib' es!

Wenn nur Seligmann nicht Auftrag hatte Ihnen zu bieten, was Sie wollen! Fuld's junges Weibchen will einen Pavillon hinter ihrer Villa haben! Es ist so prachtig draussen! Waren Sie lange nicht dort? Ach, meine Heimat! ... Ach, meine alte Mutter! ...

Guter Herr Hammaker! Auch Sie verkannt! Um diesen Acker hab' ich Thranen vergossen, mehr, als in Drusenheim Wasser fliesst!

Das ist kein Wort, Herr Lengenich! In Drusenheim ist der Bach das ganze Jahr trocken und nur der Saft der Rebe fliesst ... Eine Prise?

Zitternd wird sie dargereicht ... freudig angenommen. Lengenich und Hammaker, wie dieser ihm aufgeredet, sind die Opfer des Ab instantia-Absolvirens. Lengenich lebte in der Dunkelheit der Moppes'schen Weinkeller, wusste nichts von der Oberwelt, nicht einmal etwas von dem Monche Sebastus, dessen Vater er beschuldigt worden ermordet zu haben, er sah nur immer, wenn es Licht um ihn wurde und er im Severinusverein prasidirte, den Himmel offen und die heilige Jungfrau mit der Wagschale der Themis in der Hand, wie sie ihm zuwinkte und alle Kronen der jenseitigen Gerechtigkeit an ihn austheilte. Seine Stimmung war die des geblendeten Simson, der zuletzt die Saulen der Palaste zusammenreisst ... Einen Process gegen den Kronsyndikus zu beginnen hatten ihm Nuck und Hammaker entschieden widerrathen fehlte doch vor allem jenes im ersten Augenblick von ihm an der Leiche gefundene Stuck eines grunen Tuches, das so plotzlich damals abhanden gekommen ...

Glauben Sie Gespenster, Herr Hammaker? fragte Lengenich jetzt und wie heimlich.

Entschieden! sagte Hammaker und zitterte, obgleich er nur scherzen wollte ...

Ich sah den Mann, den ich soll erschlagen haben, neulich deutlich und als Monch sah ich ihn, aber hager und lang das Gesicht war es

Der Deichgraf?

Stephan Lengenich erzahlte, dass er kurzlich in den grossen Weinkellern seines Principals, des Herrn Moppes, einsam gearbeitet hatte. Duster hatte die Lampe neben ihm gebrannt, mehrmals ware sie ihm ausgegangen, wie zuweilen geschahe, wenn er gerade an den Fassern arbeitete, die an einem der kleinen vergitterten Fenster stunden, die in einen alten unterirdischen Gang einigen Lichtschimmer fallen liessen. Seit Jahren galt dieser Gang fur verschuttet oder zum Aufbewahrungsort fur Gerathschaften dienend, die zu den noch in der Nahe befindlichen geistlichen Hausern gehorten. Von seiner Arbeit aufblickend, erzahlte Stephan Lengenich, hatte er durch das Gitter das volle Gesicht des Deichgrafen erblickt ...

Ich glaube Gespenster, Herr Lengenich! Aber manchmal ist es auch blos der Dunst von altem Nierensteiner!

Meinen Sie? In dem Gang steht ein altes Marienbild, nicht weit von einem der Fenster ... Halt' ich die Lampe druberher oder thun's die Grubenraumer, die zuweilen durchziehen

So lebendig geht's da unten her?

Das meiste Leben geben die Ratten, Herr! ... Aber das uralte Marienbild, das muss ich mir alle Tage betrachten, obgleich ich eigentlich die Gnadenreiche vergeb' es mir

Ihre alte verratherische Geliebte in ihr erkennen?

Die nicht! Die andere! Die Geliebte von dem Doctor!

Die gegen Sie aussagte!

Wie aus den Augen geschnitten! Obgleich das Bild schwarz ist sie hiess auch Schwarz

Wer? fragte Hammaker zerstreut folgend ...

Lucinde Schwarz !

Lucinde Schwarz! ... Hammaker wusste doch sonst alles in seinem Gedachtniss unterzubringen, er hatte auch ein Schubfach fur diesen Namen, er wusste das, er konnte es jetzt nicht sogleich wiederfinden, obgleich er erst vor einer Stunde sie zu sehen geglaubt hatte ... er grubelte auch: Sollte der Kufer nichts von dem Monche Sebastus wissen?

Gerne hatte er alles das gesagt, aber Wichtigeres walzte sein Inneres ...

Sie sind zu fromm! sagte er ...

Statt aller Antwort greift Lengenich in sein Schurzfell, zieht zwei blinkende zinnerne Medaillen hervor und will eine davon dem Manne darreichen ... Dann zieht er sie wieder zuruck und sagt: Sie sind ein Studirter!

Herr Lengenich! Ich bin ein Studirter, aber ich habe eine alte Mutter! Druben in den Sieben Bergen wohnt sie! Ich besuche sie oft! ... Ihr zu Liebe lieb' ich Gott und ich ich kann Ihnen zeigen was ich auf dem Leib trage ...

Er deutete auf seine Brust und luftete ein wenig das Oberhemd, um einige Amulete zu zeigen ...

Dann nehmen und behalten Sie! sagte Lengenich. Es ist die wie heisst der Name?

Hammaker, aufhorchend, liest die Umschrift und spricht das schwierige Wort aus:

Athanasiusmedaille!

Kommt von Rom! ... Was ist der Mensch ohne diesen Beistand! Da, Herr, konnt' ich beichten! Da, Herr, glaubte man mir! Wenn hier etwas an unsern Rechten, an unsern Gesetzen geruttelt wurde

St!

Vor wem sollen wir uns furchten?

Nachsten Sonntag hm! auch in Drusenheim?

Jeden Sonntag bin ich in Drusenheim!

Ich meine am Abend am andern Ufer am Huneneck?

Sie wissen ?

Zu Joseph Zapf?

Ich sollte fehlen?

Wurdiger Mann!

Lengenich sah, dass Hammaker uber alles unterrichtet war, was vom Rolandswirth Joseph Zapf in dem Drang der Umstande zum Besten der grossen Sache des Landes vorbereitet wurde.

Stumm schutteln sich beide die Hande der Kufer die weiche und zarte des Agenten, dieser die rauhe des, wie es schien, von den geheimen Leitern fur die Stunde der Gefahr ausersehenen Vorkampfers.

Stephan Lengenich ging jetzt ...

Esel! lag zwar in dem ihm nachschauenden Blikke Hammaker's, als der Kufer mit dem an die machtigen Lenden schlagenden Schurzfell von dannen schritt ... aber sein Muth zum Humor verlasst ihn ... er sieht die Menschen an den Strassenecken ... Hundert Thaler! ... Er liest es jetzt selbst: "Besonders ist es wunschenswerth Auskunft zu erhalten uber einen Unbekannten, der an einigen Abenden in der Dunkelheit die Ermordete besucht haben soll" ...

Nun halt er sich an einem Mitleser, um nicht umzusinken ...

Die Zahne klappern ... die Lippen beben und rechnen:

Freitag, Sonnabend, Sonntag! ... Dreimal vierundzwanzig Stunden noch bis zu dem Augenblick, wo Einer am Huneneck sich den Hals brechen muss! "Unbekannter"! ... Einer muss ausgehoben werden aus dem Neste mit allen! ... Ein Bote Nuck's ist er! Ein Vorredner ist er! Ein Freisinniger ist er! Diese todlichen drei Tage ... wenn nur Sonntags neun Uhr alles beisammen! ... Wer kann das wissen? ... Hier! Dort druben! Jean Baptiste Maria Schnuphase ...

Man furchtet sich zwar druben auch vor ihm, wie uberall ... Er greift aber zu einem Mittel der Demuth ...

Weg mit dem Blick von den hundert Thalern an der Strassenecke da ist ein elegantes Aushangefenster eines Schusters die glanzenden Schuhe und Stiefel gestatten ihm, in ihrem Spiegel Toilette zu machen ... Sein Rock ist gewohnlich, wenn auch nicht so diogenesartig, wie der bei seinem Gonner Nuck ... aber seine Wasche ist sauber, der Hut von derselben grauen Farbe wie der Sommerrock, aber vom feinsten Velpel ... Eine weisse Halsbinde legt sich leicht und lose um sein wohlgenahrtes Kinn ... Nicht nur ist er so sauber rasirt, dass man fast hatte annehmen mogen, Jodocus Hammaker hatte uberhaupt keinen Bart, sondern die ganze Hautfarbe des Gesichts ist von einer Weiche, die nur durch die seiner Hande ubertroffen wird ... Die dunkelblauen Augen haben einen schielenden Glanz, die Nase ist stumpf, dem Munde fehlen einige Zahne ... schweigt aber Jodocus oder blinzelt und lachelt suss oder affectirt eine treuherzige Sicherheit, die wieder mit geschaftlichem Eifer verbunden scheint, so liegt nichts Abstossendes in dem nachsten Eindruck, dem sogar der des Schmachtenden nicht fehlt ... Dabei ist die Stimme leise, flustert und lispelt und steht mit der Hoflichkeit des Benehmens in Einklang ... Tiefauf seufzt er, sich Muth zu holen ... Denn dass sogleich von der gemeinschaftlichen Freundin, dem Opfer dieser Nacht, wurde gesprochen werden, weiss er schon ... er uberlegt, dass er sein Gesprach beginnen will mit einer Verlegenheit fur ihn, fur die Damen ... er weiss, dass dem Anlass zum Eintreten, den er nehmen will, auch der funfjahrige Spott auf Binden und Knupfen nahe liegt dieser Spott, der ihn in acht Tagen nach Amerika fuhren wird er wagt aber dies Mittel der Einfuhrung und gibt sich eine Haltung.

Hammaker findet das hohe lichthelle "Gewolbe" des steinernen Hauses wie immer in seinem saubersten Glanz.

Er findet, umflossen von Weihrauchduft, beide Schwestern zugleich anwesend. Die Nebenthur eines etwas dunkeln Zimmers, das einen Ausgang zum Vorplatz des Hauses hat, ist offen. Vor Hammaker hat Eva nicht nothig die Thur zu schliessen. Vollkommen weiss er, was drinnen zu sehen ist ... Die Schwestern haben dort noch ein Extrageschaft von Herrenhemden ... Diese Geschaftsthatigkeit des "Herrn Maria" war eine willkurliche Ausdehnung seiner Privilegien und brachte ihn mit den Schneidern der Stadt in Collision; allein er nahm nur die Auftrage verschwiegener Herren an und diese gleichsam nur als Vertrauensund Freundschaftsauftrage.

Auf einem Drehsessel, hochthronend, sitzt da aber auch Herr Maria. Erst vor wenig Stunden ist er angekommen von einer seiner vielen Ausfahrten und schon wieder schreibt er, eine blaulich angelaufene Brille auf der Nase, hochachtungsvollst und tiefergebenst Worte der Mittheilung, die mit allen Feinheiten des Stils und der Interpunktion gerade jetzt es war fur Beda Hunnius an folgender Stelle angekommen waren:

"ohne Zweifel keine andere Bestimmung haben durfte als, in des hochbetagten, eben verschiedenen Greises Stelle, einzurucken, derowegen eine Verzogerung der Audienz, nicht unwahrscheinlich eingetreten sein mochte, nun aber auch kein Zweifel sein durfte, dass das Vicariat an einen Candidaten, verliehen werden konnte, welcher, lediglich die kleineren Aemter zu versehen hatte, mittlerweilen die grossen durften, dem jungen Domherrn zugeschlagen werden, woruber, indessen nicht zu zweifeln sein durfte, dass Ew. Hochwurden zwar keine Berufung durften zu gewartigen haben, ohne jedoch nicht unwahrscheinlich sein zu lassen eine schmeichelhafte Erhebung zum EhrenKanonikus, falls namlich, die bevorstehende Visitation durch den Gubernial-Prasidenten von WittekindNeuhof, Excellenz, die Hande dem hohen Kirchenfursten, Eminenz, so ungebunden lassen durften, als Hochdessen feste Willensmeinung und Geneigtheit fur Ew. Hochwurden Wirken uber allen Zweifel erhaben sein lassen durfen und, wenn ich gewogentlichst um Entschuldigung bitten durfte, dass ich die laufende Mittheilung an Wohldieselben fur heute abzubrechen wage, so muss ich die schaudervoll ergebenste Anzeige auch noch eines Mordes anfugen, welcher diese Nacht unbekannterweise einer Dame zugestossen ist, welche"

"Voter!" lautete eben an dieser Stelle durch Unisono die Mahnung der Tochter, auf den eben eingetretenen Besuch zu achten ...

Aus den tiefsten Labyrinthen des Periodenbaues, aus den Geheimnissen der Curie und einer sich eben in die Reproduction einer Mordscene verlierenden Phantasie erwacht Schnuphase und wendet die blaue Brille nach der Rechten und zu gleicher Zeit auch dem Drehsessel einen nur ganz harmlos gedachten Ruck gebend ...

Da aber des Agenten Hammaker ansichtig werdend bekommt sein Schrecken eine Elasticitat, die ihn im Nu um die Achse des Drehsessels herumwirbelt, sodass er gerade mit dem verfanglichen Nacken einem Manne gegenubersitzt, von dem bekannt war, dass er die Menschen an Kronleuchterhaken aufhangte.

Was "verschofft" uns die Ehre? stammelt er und windet seine glucklicherweise leichten Beine aus der Umklammerung der Drehschraube des Sessels los und sucht aus seiner schwebenden Lage auf ebenen Boden zu kommen.

Die Tochter stehen minder erschrocken. Herr Hammaker war von jeher gegen sie die Huldigung und Sussigkeit selbst.

Er nahert sich ihnen und aussert mit Artigkeit und einem sich tief unterwerfenden Tone seinen geruhrtesten Dank fur die ihm gewordene Aufforderung der Fraulein, sich der Erzbruder- und Schwesterschaft zum schwarzledernen Gurtel einverleiben zu wollen, deren Embleme sie vertheilten ...

Beide junonische Gestalten sehen sich mit erstaunten Blicken an. Ihre dunkeln Augen rollen, die Augenbrauen senken sich tief niederwarts und ein ersichtlicher Aerger macht sie in dem Augenblicke jede um zehn Jahre alter, d.h. gerade so alt, als sie waren.

"Schworzloderner" Gurtel? fragt Schnuphase zur Besinnung gekommen und ergreift den Brief, den ihm Hammaker als Ausweis entgegenhalt ...

Es war ein lithographirter und demnach eine an viele Einwohner der Stadt abgesandte Einladung der Fraulein Eva und Apollonia Schnuphase, sich der Gnaden und Ablasse theilhaftig zu machen, die jeden erwarteten, der in die Erzbruder- oder Erzschwesterschaft vom schwarzledernen Gurtel des heiligen Nikolaus von Tolentino eintreten wurde.

Sofort erkannte man, dass hier ein Falsum vorlag ...

Die Aufregung, die diese Entdeckung hervorbrachte, war nicht gering. Die Damen betrachteten den Brief von allen Seiten, der Vater bat um die Erlaubniss, ihn sammtlichen geistlichen Herren zeigen zu durfen, was jedoch entschieden von seinen Tochtern abgelehnt wurde.

Ein "Extros-tuckchen" der "Portei", rief er, die nicht genug hat, die Kirche zu hindern, nach ihren Gesetzen zu leben, "sondern" die auch noch

Ein vollkommen gerechtfertigter Zorn erstickte seine Stimme.

Die Schwestern traten mit dem Briefe bei Seite und flusterten, von welchem Lieutenant oder Referendar wol dieser ghibellinische Spott herruhren konnte ...

Der jetzt aber vertraulichst Eingefuhrte erhielt alle die Mittheilungen, die er nur uber die Versammlung beim Rolandswirth zu horen wunschte.

Das Einverstandniss war vollstandig ... Hammaker seufzte tief auf und zog die eben empfangene zinnerne Medaille, um sie mit Verklarung zu zeigen ... Wie auf ebenso viel Legionen des Himmels hoffend, offnete Schnuphase eine Schublade des Schreibepults, in der einige Hundert dieser Medaillen lagen. Dann noch ein Austausch des gemeinschaftlichen Schmerzes uber die hingeopferte Dame ... Noch keine "S pur"? war die dreifache Frage im Unisono. Mit einem Blick gen Himmel, als wenn allen diesen Leiden nur von oben geholfen werden konnte, empfahl sich Hammaker ... Eine Stunde darauf fand Benno beim Eintreten in Nuck's "Schreibstube" unter einem Dutzend Pulten auf dem seinigen einen Zettel mit den eben erst rasch hingekritzelten, frisch mit Sand bestreuten Worten: "Die Erben des Riedbauern Kipp in Euskirchen wunschen uber ihres Erblassers Passiva, ehe sie das Beneficium inventarii antreten, eine vertrauliche Recherche citissime! Freitag fruh Termin in Overladen Fasc. 1310a. Sonnabend in Sachen ca Fiscum bei Zapf am Huneneck die Vermessung der Ufergrenze Ich spreche Sie aber noch um sechs das Dampfboot geht, glaub' ich, um acht." Es war die Hand des Procurators. Der Name des Hunenecks war fur Benno ein Klang, der ihm auf Augenblicke die Besinnung nahm ...

Eine so schnelle Trennung von Bonaventura! Aber drei drei volle selige Tage in Armgart's Nahe vielleicht eine Begegnung mit ihr!

Zum Arbeiten fehlte ihm alle Sammlung. Er zahlte nur die Minuten, bis es sechs schlug. An sein Ohr tonte nur die Glocke im Hafen und das Brausen und Rauschen im Dampfrohr, die mahnenden Zeichen zur Abfahrt.

7.

Bis sechs Uhr hatte Bonaventura auf die Ruckkehr des Monchs gewartet und er hatte dann lieber wunschen mogen, er ware nicht gekommen ...

Der Pater kam in einer Aufregung, die ihm wahrhaft beangstigend wurde.

Gleich die Art, wie er von den mit ins Grab genommenen Lesarten des Origines, dem wirklich erfolgten Tode des bewussten Domherrn, dann von Bonaventura's Aussichten auf dessen Stelle sprach, war fur sein Gefuhl verletzend ...

Dann fuhrte er ihn wie in blinder Wahl einem Thore zu ... Er versprach ihm den angenehmsten Eindruck von einer Promenade um die alten Walle der Stadt. Einige der letztern waren zu offentlichen Vergnugungen bestimmt. In massiger Entfernung von einem solchen, den man den Apostelgarten nannte, beredete er Bonaventura, sich mit ihm auf eine im Gebusch versteckte Bank zu setzen und durch eine Oeffnung der Gestrauche dem Treiben in dem uberfullten Lokale zuzusehen. Da und dort standen Tische und Lauben, die immermehr sich besetzten und fullten; Kellner und Kellnerinnen schritten hin und wieder von einem nach aussen angebrachten Buffet eines einstockigen langen Hauses. Rings hatte das Auge die Aussicht auf Hauser und Garten, auf alte zerkluftete Mauerreste, hier auf einen wohlerhaltenen epheuumwundenen Thurm, dort auf eine baumbeschattete Kapelle, in weiterer Entfernung auf eine neue Ringmauer, Theile neuer Befestigungen, dann uber sie hinweg auf die Kette der Sieben Berge alles das vermochte auf einige Zeit zu fesseln ... Sogar eine Nachtigall schlug plotzlich und der Monch lachte uber seinen Begleiter, der nicht sogleich entdeckte, dass dieser nach der Jahreszeit vollig unmogliche Ruf von einem Kunstler kam, der druben die Vogelstimmen nachahmte.

Horen Sie nur! rief der Pater, als Bonaventura die Kunst des Mannes bewundern musste, der bald auch die Lerche steigen und die Amsel singen liess, die halbe, nicht fertig gewordene Nachtigall, wie Sebastus sie nannte. Sehen Sie nur den Menschen! fuhr er fort. Ist es nicht ganz ein Affe! Und doch hat er so sein Ohr erzogen! Wie er den kleinen Nachschleifer trifft, wenn Hans Kanarienvogel mit der Roulade fertig ist und ganz armselig hintennach noch ein kindisch Tonchen gibt, als ware der grosse, machtige Triller vorher gar nicht so majestatisch gemeint gewesen! Wie dumm sieht der Mensch aus und alles das hat er belauscht im Walde und auf dem Vogelmarkt! Auf Noten steht das nirgends geschrieben! Ich wunschte, dass Sie ihm fur diesen Blick in die Natur einen Groschen schenkten; ich habe kein Geld ...

Der Vogelmensch kam jedoch nicht. Er sah die beiden Geistlichen, verbeugte sich in der Ferne und ging ...

Nun spielten drei Madchen zugleich mit einem Alten ein Concert. Eins spielte die Harfe, zwei die Geige, der Alte strich das Violoncell ...

Bonaventura wollte gehen; aber der Monch, der sein geistlich Kleid ganz vergessen zu haben schien, sagte:

Wie das toll ist, wenn Madchen die Geige streichen!

Die Spielerinnen waren keine Kinder mehr. Aufgenestelten Haares, mit versilberten Pfeilen in den Flechten, in blauen Kleidern mit rothen Shawls, die sie vor ihrer Production abgelegt hatten, strichen sie die Geige, herausfordernd, sicher und trotzig. Vorher hatten sie Handschuhe ausgezogen ...

In alten Tagen, sagte der Monch, konnt' ich nun einer solchen Vagabunden-Romantik nicht widerstehen! An solches Volk musst' ich herantreten, musst' es nach seiner Heimat fragen und aus ihm heraus mir Poesie des Lebens locken ... Nur holzerne und lackirte Sirenenkopfe sind's! Ganz, wie sie auf der hamburger Rhede auf die Brust der Dreidecker gestellt werden!

Und als weilte des Monches Phantasie jetzt auf dem Hamburger Berge, so fummte er fur sich hin und sinnend im Heine'schen Tone:

Es kichern und lachen die Geigen

Wie Madchen, trunken vom Wein,

Die Clarinetten meckern

Wie Bocke und Satyrn hinein;

Die Flote schluchzt, wie wenn dem Monde

Des Schneiders Herz klagt, was es litt!

Der Bass und die Pauke, die Alten,

Die reiten zum Blocksberg mit!

Bonaventura erhob sich. Der Monch folgte wie in taumelndem Schritte ...

Wol eine halbe Stunde gingen beide vollig lautlos nebeneinander ... Bonaventura, erschreckt von der noch so offenbaren Unfertigkeit des neuen Gebaudes im Innern seines Begleiters, dessen Gerust Pater Sebastus doch mit soviel weithin in die Welt hinausschallenden Axtschlagen gezimmert hatte ... Dieser selbst mit ersichtlich sich hebender Brust, kampfend und ringend mit Damonen der Erinnerung ...

Ja, Sie Glucklicher! sagte er nach einer Weile zu Bonaventura, obgleich kein Wort des Vorwurfs von dessen Lippen gekommen ...

Wieder ein langes Schweigen ... Dann blieb in einer Strasse, auf dem Romerwege, der Monch stehen und sagte:

Das da ist das Karmeliterinnenkloster! Ich kann es nicht sehen, ohne zu ahnen, dass auch mein Lebensloos einst ... Du guter Pater Ivo! ... Lang und hager schreitet unser Pater Ivo dahin, grusst niemanden, ist immer nur mit sich selbst beschaftigt ... Morgens, Mittags, Abends vollfuhrt er das Amt unseres Tafeldeckers ... Er hutet streng seinen alten Wandschrank, in dem unsere holzernen Teller, unsere Kruge, unsere Brotmesser liegen ... Sorgsam deckt er den Tisch ... Nie wird er den Teller des einen mit dem des andern vertauschen ... redet man ihn aber an, so hort er nicht ... Tief ist er mit sich, mit seinen Tellern und mit seinen Geistern beschaftigt ... Fruher waren es Fliegen, die er so in Gedanken haschte ... Ivo hatte ein schones Schloss, in unsern Bergen ... er erklarte es verkaufen zu mussen, weil es von Fliegen wimmelte ... Niemand sah diese Fliegen; nur Er war Tag und Nacht hinter ihnen her und jagte sie sogar im Winter und im Fruhjahr ... Bald bekamen die Fliegen eine andere Gestalt ... Sie verwandelten sich in schone Frauen ... Alle die Bilder, gemalte und lebendige, die mein Freund Jerome von Wittekind (Sebastus hielt eine Weile inne) und Graf Johannes von Zeesen auf ihren Reisen in Frankreich und Italien gesehen, umschweben wieder den Pater Ivo, aber er betrachtet sie wie ein unschuldiges Kind ... Er kennt die ganze Gefahr dieser Erscheinungen ... Es sind schlimme Meerweiber, Melusinen, Helenen, um die Paris wirklich und Faust nur gespenstisch freite ihm selbst sind sie langst unschadlich geworden, schon seitdem er Therese von Seefelden kennen lernte und sich mit ihr verlobte, leider nur auch diese zu bald verwechselnd mit der einzigen Frau, die ihm von allen personlich bekannt geblieben, dem "Ewig Weiblichen" genannt Maria ... Dem Dienste der Gottgebarerin widmete er sich, sammelte alle Lieder, die je auf sie gedichtet und gesungen wurden, gab sein Vermogen fur eine Stiftung der Krankenpflege, die seine Familie schon seit einem Jahrhundert begrunden sollte der Irre einem Irrenhause! und verjagt nun in unserm Kloster, das er in noch zuweilen lichten Momenten betrat, die Bilder, die nur zu lebhaft noch vor anderer Augen schweben! ... Husch! Husch! ist sein stetes, leise vor sich hingesprochenes Wort und sein Singen im Gehen das Lob Maria ... Diesen Gesangen, die er vor sich hinmurmelt, schreibt er eine grosse Kraft zu; selbst am Hochaltar flustert er: Husch! Nicht fur sich, sondern fur uns verjagt er die Melusinen ... Ich sehne mich nach seinem Husch! ... Hier in dem Kloster betet Schwester Therese fur ihn und um die Verzeihung der Gottesmutter, dass sie eine Zeit lang eifersuchtig auf sie war.

Wenn auch diese Erzahlung wie etwa das Adagio einer auf einer Strasse spielenden Musikantentruppe vom Wagengerassel ubertont wurde, klang sie doch in Bonaventura's Innern tief schmerzvoll nach. Die Fulle sah er jener krankhaften Erscheinungen, die von ihm nicht geahnt wurden, so oft man von Wiedererwekkung des alten kirchlichen Lebens sprach. Oder sollte er der Stimme seines Innern Gehor geben, die ihm mit seltsamer Erregung zuflusterte: Ist dem Monche Lucinde begegnet?

Es war Abend geworden ... Das Angelus lautete ... Arbeiter drangten sich in den staubigen Strassen ... Das Gewuhl nahm so zu, dass Bonaventura von des wie traumenden Monches Seite abkam und dieser ihn entweder plotzlich verlassen oder aus den Augen verloren hatte ... Den Eindruck des fast Gespenstischen, den ihm der Monch machte, nahrte auch der Umstand, dass er so harmlos Jerome's als seines Freundes erwahnen konnte, gar nicht wissend, wie es schien, dass Bonaventura mit Jerome verwandt war ... Wie ein Lebendigbegrabener erschien ihm der Monch, wie ein Todter, der anfing sich seinen Leichentuchern zu entwinden.

Bonaventura suchte Benno auf und fand ihn in seiner Wohnung mit dem Vervollstandigen seines Koffers beschaftigt.

Ich muss abreisen, sagte Benno aufgeregt; noch heute, guter Freund! Morgen, fruh schon hab' ich am Huneneck einen Termin abzuhalten! Das Dampfschiff geht in einer halben Stunde! Wie gern hatte sich Bonaventura ihm angeschlossen! Morgen sprech' ich wol den Kirchenfursten! sagte er. In drei Tagen seh' ich dich wieder als designirten Domherrn, den jungsten aller Kirchenprovinzen germanischer Zunge! So hohe Erwartungen ablehnend, half Bonaventura dem Freunde und begleitete ihn in einem Wagen in den Hafen, in kurzer Erzahlung alles zusammenfassend, was ihm der Tag an Erlebnissen und schmerzlichen Bereicherungen seiner Seelenkunde eingetragen. Benno empfahl dem Freunde aufs dringendste eine Anknupfung mit dem "guten Kerl", dem Thiebold de Jonge, von dem er keinen Abschied hatte nehmen konnen. In die Beziehungen beider Freunde zu Armgart war Bonaventura nicht eingeweiht. Auch blieb kaum noch die Zeit, der Meldungen an den Oheim in der Dechanei zu gedenken und Benno's Worte zu vernehmen: Bei Nuck erfuhr ich's, es ist kein Zweifel, die Ermordete ist eine Schwester unserer guten Tante! Seit Jahren sind sie getrennt! Was ihr Geiz zusammenscharrte, hat sie dem Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort vermacht! Das Meiste davon fehlt aber, da der Morder die Gelegenheit kannte und die werthvollsten Papiere und Gold und Silber an sich raffte! Wer die That vollbracht hat ich glaube die teuflische Hand zu kennen! Noch aber hab' ich meinen Verdacht gegen niemand auszusprechen gewagt, denn ich furchte den Zusammenhang mit Personen, die zu schonen sind. Komm' ich zuruck, so soll mich nichts hindern, meine Vermuthungen auszusprechen, wo die rechte Stelle ist.

So, fast nur von Einem Gedanken beherrscht, fuhr Benno von dannen. Bonaventura musste eilen, das Dampfboot zu verlassen ...

Ein banger, erwartungsvoller Abend dann ... er fand die Berufung zum Kirchenfursten fur morgen vor.

Der Monch kehrte nicht wieder und Bonaventura war dessen froh ... Er sann und sann:

Ist hier Christus oder Belial?

Er mochte nicht richten ... ja er gestand zu, Gott schenkt jedem Menschen besondere und nur fur ihn berechnete Offenbarungen. Diese stehen in keiner Bibel, in keinem Buche, sind uberhaupt nicht mit Worten zu fassen und zu bezeichnen. Sie sind ein einziger Klang, den wir aus dem Spharenall wie herausgefallen zu vernehmen glauben, ein Glanz wie von einer Sternschnuppe, wenn diese eine Storung genannt werden kann in der ewig gleichen Harmonie der Weltbewegung ... Solche Offenbarungen gibt der stille Wald, das Murmeln der Quelle, auch der leise Schlag einer Uhr, die wir auf dem Tische vor uns liegen haben. Da sickert so Tropfen an Tropfen hinunter, in den grossen Zeitenstrom und macht uns sorgloser durch das Gefuhl, dass alle Dinge irgend an einer Grenze ankommen mussen ... Er mochte nicht richten.

Eine starke Waffe in allem Leid und aller Anfechtung der Seele ist dann reine Liebe. Die reicht einen ehernen Schild dem Arm zum Kampfe gegen Leidenschaft und Ungeduld. Ihr Visir schutzt das Auge, nichts zu sehen von den Lockungen der Welt. Reine Liebe hutet selbst die Traume. Ohne Kampf entwaffnet sie die Gedanken und verklart sie mit himmlischem Lichte, dass nur das Gute und Edle in uns lebt ... Pflanze, Jungling, reine Liebe schon auf den ersten Ringplatz deiner Beruhrung mit der Welt! Reine Liebe im Herzen, wirst du im Alltaglichsten dich vom Duft des Schonen, vom Palmenfacheln des Grossen, vom Hosianna innerer Siege, umweht fuhlen!

So lebte in Bonaventura ein Name, der alles Chaos in ihm ordnete ... Paula ... und ein ferner Mannergesangchor sang dazu durch die stille Nacht: Das ist der Tag des Herrn!

Am folgenden Morgen mit dem Schlage Zehn trat er in den kirchenfurstlichen Palast.

Sein Herz klopfte, als er durch die langen Corridore des Hauses dahinschritt.

Verblasste Malereien zierten zuweilen das Stukkgetafel der Decken; an den Wanden hing hier und da eine alte Schilderei in schwarzem, wurmstichigem Holzrahmen, ein alter Stadteprospect von Merian, eine alte Landkarte von Homann; in vereinzelten Nischen standen Heiligenbilder, mit frischer, lichter Oelfarbe uberzogen, im durftigen und selbst beim Heiligen weltlichen und koketten Geschmack der Zopfzeit, Engel auf Stellungen berechnet, Marieen auf Faltenwurf ...

In einem dustern Eckwinkel lagen die Wohnzimmer des Kirchenfursten. Im Gegensatz zu den auf den frivolen Luxus des vorigen Jahrhunderts deutenden Corridoren waren diese Zimmer so durftig ausgestattet, wie Actenstuben oder Sessionssale.

An der Unruhe eines zuerst kommenden grossen Wartezimmers hatte man eher glauben mogen, sich bei einem Minister, als bei einem hohen Geistlichen zu befinden ...

Eine der hohen Thuren fuhrte in das General-Vicariat ...

Hier klirrten sogar die Sporen der Gensdarmen, die Sabel der Ordonnanzen. Man brachte vom Gouvernement und von der Militarverwaltung Fragen und Antworten, holte und gab Bescheide. Kanzleiboten trugen Acten ab und zu. Dazwischen gingen und kamen Geistliche und Ordensfrauen. Wer nicht beim Generalvicariat oder beim Kirchenfursten sofort Einlass bekommen konnte, sass harrend und musste nach neukirchlicher Sitte jeden unbeschaftigten Augenblick zum Heile seiner Seele nutzen. Man grusste mit neugierig aufblitzenden Augen und warf den Blick sogleich wieder in das Brevier, das man aufgeschlagen auf dem Schoose liegen hatte. Ein schwerer Druck lag auf allen, nur auf denen nicht, die als Sendboten oder Vertreter der weltlichen Gewalt kamen.

Der junge von Enckefuss fehlte nicht. Er setzte einem jungen, hagern, lachelnd, doch aufmerksam zuhorenden Geistlichen mit lauter Stimme auseinander, dass die einen nahen Wallfahrtsort besuchenden Zuge nicht durch die Stadt gehen durften; er beschrieb die Route, die sie zu machen hatten, und wunschte, da er eine Auswahl anbot, in Kurze die Wege zu wissen, die der Kirchenfurst gewahlt wunschte, da es an Aufsicht dabei nicht fehlen sollte. Des jungen Beamten Haltung und Rede war fest und bestimmt, scharf und kalt, wie dies der Ghibellinen Weise.

Auch Civilpersonen aus dem Volke sah man. Es mochten Dorfvorstande und stadtische Abgeordnete sein. Ihnen setzte der junge schlanke Priester, meist mit Achselzucken und einer gewissen Duldermiene, auseinander, dass die von ihnen erwarteten hohern Bescheide immer noch nicht eingetroffen. Es galt dies ohne Zweifel jenen Pfarrstellen, die allein besetzen zu durfen die Kirche so dringend begehrte und die sie die weltliche Gewalt beschuldigte, wenn die Stellen gut waren, so lange offen zu halten, bis nur diejenigen damit belohnt wurden, die darauf hin eine entsprechende Gesinnung zeigten.

Der schlanke etwas niedergebeugt gehende junge Geistliche trat auf Bonaventura zu und sprach, als er dessen Namen vernommen, ein freudiges:

Ah, Herr von Asselyn!

Sogleich fugte er hinzu, er wurde alles versuchen, den Herrn Pfarrer von St.-Wolfgang sobald als moglich an die Reihe der Vorgelassenen zu bringen.

Bonaventura sah, dass er mit dem vielgenannten Secretar, Kaplan Michahelles gesprochen.

Dieser war in die innern Raume eiligst wieder zuruckgekehrt ...

Das Wesen des jungen Mannes zeigte sich charakteristisch genug. Seine Gesichtszuge waren scharf, geistvoll und von einer eigenthumlich lachelnden Ironie, die auf ein zwar zuruckgehaltenes, aber doch sich ganz so stark, ganz so berechtigt, mindestens so muthig fuhlendes Bewusstsein schliessen liess, wie es allen katholischen Priestern, von Seiner Heiligkeit, dem "Knechte der Knechte" an bis zum untersten Dorfpfarrer, eigen ist.

Auch Bonaventura zog sein Brevier und setzte sich an ein Fenster des grossen Zimmers, das auf die jenseitige Strasse ging.

Wenn hohe Wurdentrager kamen, standen die Geistlichen und Klosterfrauen auf ...

So vor dem Generalvicar, der eben aufgeregt und verstimmt von dem Kirchenfursten zuruckkehrte ...

Man wusste, dass mit jenem sowol der Letztere, wie der Syndikus der Curie und diejenigen einflussreichen Glieder des Kapitels, die sein "gewaltiges Vorschreiten" misbilligten, im Streite lebten.

Auch vor dem Regens des Seminars erhob man sich, der gleichfalls wie nach einem Wortwechsel vom Kirchenfursten zuruckkam ...

Bonaventura erfuhr die Namen. Einige der streitigen Punkte kannte er. Die Seminaristen, angesteckt von dem neuen Geiste der romischen Opposition, hatten an dem Kirchenfursten Vorschub gefunden in gewissen Auflehnungen gegen die vom Staat beliebte und vom Regens vertretene Ordnung des Seminars.

Einige Professoren der Universitat, die eine von Rom verurtheilte Dogmatik gelehrt hatten, kamen in besonders gedruckter Stimmung und stellten die Bitte, den Kirchenfursten sprechen zu durfen. Bonaventura kannte sie und war fast der einzige, der sie grusste. Einige von ihnen waren zugleich Lehrer eines Seminars und ihnen war es geschehen, dass sie plotzlich keine Schuler mehr hatten. Im Beichtstuhl hatten alle Alumnen auf Befehl des Kirchenfursten geloben mussen, ihre Vortrage nicht mehr zu besuchen.

Michahelles kam zuruck, trat verbindlichst zu Bonaventura und zog ihn zu sich an eine Fensterbrustung ...

Sie werden sogleich vorkommen! flusterte er und setzte mit leiserer Stimme hinzu: Ich freue mich, von Eminenz schon die Erlaubniss zu haben, Sie mit seinem Vorhaben bekannt zu machen! Wenn Sie die angenehme Erinnerung, die er seit lange an Sie nahrt, wieder erneuern und Sie noch einige Tage der nahern Prufung und Verstandigung werden zu Ihren Gunsten uberstanden haben, so ist es seine Absicht, Sie ganz und mit wichtigen Aufgaben an uns zu fesseln!

So stand das Gefurchtete wirklich in Aussicht ...

Ein Diakonat an der Kathedrale und eine Domherrenstelle sind offen; fuhr Michahelles fort und setzte mit noch gedampfterer Stimme hinzu: So konnten Sie auch Hoffnung gewinnen, sich wieder Ihrer Heimat zu nahern, denn das wechselnde Besetzungsrecht des Archipresbyteriums St.-Ludgeri bei Witoborn, das mit dem erledigten Vicariate eine jeweilige Visitation der dortigen Pfarrei verbindet, fallt diesmal an uns, d.h. an unsern Vorschlag. Die Lutheraner haben, wie immer, die Entscheidung ...

Diese mit einer seltsamen Scharfe vorgetragene Mittheilung erschutterte Bonaventura.

Er musste nach dem angedeuteten, ihm unbekannten Verhaltniss noch einmal fragen ...

Michahelles erklarte es:

In die alte Kirche St.-Ludgeri bei Witoborn sind fast sammtliche Dorste'schen Besitzungen eingepfarrt. Seit urdenklichen Zeiten steht uber dem Pfarrer derselben ein Archipresbyter, der bald von der diesseitigen, bald von der jenseitigen Kirchenprovinz bestimmt wird. Sie wurden sicher zuweilen gern bei Westerhof leben, wo gegenwartig die Grafin Paula in so schwierige Verhaltnisse verwickelt wird! Dass sie auch seit kurzem wieder von ekstatischen Zustanden begnadet ist, wird Ihnen bekannt sein! Es wurde zu den erfreulichsten Zeichen unserer Tage gehoren, wenn sich das Beispiel der gottseligen Emmerich wiederholte und auch uns wieder eine Seherin und Prophetin erstunde!

Und mit einer nicht mehr zu bewaltigenden Macht drangten sich auf Bonaventura's Herz die Gedanken: Deshalb beruft man dich! Du, du sollst es sein, der wieder eine "Nonne von Dulmen" ins Leben rufen hilft! In deiner Nahe sieht Paula den Himmel offen, in deiner Nahe heilt sie Kranke und sagt die Zukunft voraus! ...

Und noch ehe der lachelnde, aber die wohlwollendste Ermuthigung sprechende Blick des Kaplans diese Ahnung bestatigt hatte, musste er abbrechen und zu einem eben Eintretenden eilen ...

Dies war die oberste Personlichkeit der weltlichen Behorden der Stadt selbst, ein mit Orden bedeckter Prasident. Er kam feierlich, in erregter Haltung und, wie es schien, mit einem officiellen Auftrage.

Von einem Wartenlassen war da keine Rede. Sogleich offneten sich zum Kirchenfursten alle Thuren ...

Michahelles flusterte im Vorubergehen in Bonaventura's Ohr:

Der langst angekundigte eigenhandige Brief des Konigs!

Michahelles folgte erwartungsvoll ...

Alles war vor dem Prasidenten aufgestanden. Auch aus dem Generalvicariate waren Geistliche und Weltliche getreten, die ohne Zweifel die feierliche Auffahrt des Prasidenten beobachtet hatten. Alles schien in hochster Spannung. Bonaventura wusste, dass es eine Entscheidung uber die gemischten Ehen galt. Sein Sinn war getheilt, sein Herz im Kampfe ... Ihn hatte man ausersehen, den Kampf um Paula's Erbe mitzukampfen! Ihn wollte man in die Nahe eines Wesens senden, das ihm unendlich theuer war, wie ohne Zweifel von fruher her Manche wussten ... Dem Kloster, der Kirche, dem Kampfe der Parteien sollte er eine grosse Eroberung gewinnen!

Die Gedankenreihe auszufuhren in allen ihren Folgerungen in ihren seligen, in ihren tiefschmerzlichen behielt er nicht Zeit ...

Der Prasident kehrte nach kurzer Weile zuruck, ebenso feierlich und bestimmt, wie er gekommen ...

Er grusste die sammtlich sich Verneigenden. Dem Generalvicar druckte er die Hand ...

Diesem entschlupfte ein bedeutungsvoll aufgeschlagener Frageblick jenem ein Achselzucken ...

Alles das war ein Moment ...

Bonaventura musste voraussetzen, dass der Brief des Konigs kurz und bundig ubergeben und ebenso von dem Priester Immanuel entgegengenommen war und dass der taglich erorterte Streit heute von beiden Seiten ohne weitere Wiederaufnahme blieb.

Wie sehr musste er annehmen, den Empfanger in einer Aufregung zu finden, die seine kleine Sache in den Hintergrund drangte!

Michahelles kam, fertigte die Professoren ab, sagte laut und fast verletzend, dass sie Seine Eminenz vor volliger Unterwerfung unter das Breve Roms, das ihre Lehre verwarf, nie empfangen wurde, winkte Bonaventura und liess diesen eintreten.

Bonaventura musste zwei Zimmer durchschreiten ...

An einer kleinen Thur stand ein greiser Diener in alter verschossener grau und gruner Livree ...

Er offnete ...

Bonaventura stand vor dem Kirchenfursten.

Nicht mit einer leisesten Bewegung verrieth der Priester Immanuel, wie es ihn aufregte, eben von seinem Landesherrn ein eigenhandiges Schreiben empfangen zu haben. Ja, auf einem grunen Tische lag dies Schreiben noch ... Es trug die blaue Farbe der Cabinetsbriefe ... Mehr noch! Das Siegel war uneroffnet.

Priester Immanuel war derselbe, der als Graf Truchsess-Gallenberg, als Generalvicar und Domherr in Bonaventura's Erinnerung lebte ... Mager, starkknochig, langlichen Antlitzes, hart, ernst. Kein Strahl einer besondern Freude, den jungen Mann, den er als Studenten und Soldaten gesehen, nun als Priester des vorzuglichsten Rufes zu begrussen, brach aus seinen Augen. In einfachen Worten erinnerte er sich der Scenen von fruher. Er freute sich zu horen, dass Bonaventura von seiner Mutter wenig wusste und uber die Lebensverhaltnisse des Stiefvaters nur ganz oberflachlich unterrichtet war. Bonaventura sah, dass Benno's Voraussetzung, er sollte zur Vermittlung bei der erwarteten ausserordentlichen Mission seines Stiefvaters gebraucht werden, eine unbegrundete war.

Der Kirchenfurst rauchte aus einer kurzen Meerschaumpfeife. Er machte den Eindruck eines Oberjagermeisters alten Stils oder, wenn man erwog, dass er den Brief eines Konigs unerbrochen lassen konnte, eines jener Fursten, die wenn auch nur uber wenig Quadratmeilen gebietend doch um Kaiser und Reich sich wenig kummern, wenn sie auf irgendeinem in ihrer Souveranetat begrundeten Rechte glauben verharren zu durfen.

Wir mussen aus dem Geiste leben! sagte er im Anknupfen der ersten Begrussung an die fruhere Begegnung und in den Intervallen des Rauchens. Jede Geburt und Wiedergeburt bringt Schmerzen! Ist eine Mutter ein grosses Wort, ist der Geist ein grosseres! Unsere Mutter ist die Kirche!

Und dann, als ware die ganze Welt in Frieden mit ihm und keine andere Wolke fur ihn zu zerstreuen, als die aus seiner Meerschaumpfeife, erkundigte er sich nach Bonaventura's Bildungsgang.

Auf- und abgehend, wunschte er von den Ergebnissen seiner Seelsorge zu horen, kam auf das nahe gelegene Kocher am Fall, vermied des Dechanten zu erwahnen, ruhmte aber den dortigen Aufschwung der Gemuther und deutete offenbar die Bestrebungen des Stadtpfarrers an, wenn er sagte:

Nur ist es unsere Pflicht, bei solchem Festhalten an dem Felsen, auf dem der Herr seine Kirche gegrundet wissen wollte, Seltsames und Auffallendes zu vermeiden! Es sind mancherlei Gaben und mancherlei Aemter. Nur pflege und warte man jener ebenso im Geiste der Massigung, wie dieser nur im apostolischen Sinne! Die Grenzlinie erlaubter Bewahrung eines Talentes, wo sie plotzlich Ruhmsucht wird, ist bald uberschritten. Ich sag' es nicht zuerst: Selig sind die Armen am Geist!

Mit diesem Seitenblick auf Hunnius' schriftstellerische Thatigkeit forderte er Bonaventura auf, sich zu setzen.

Da er es selbst nicht that, verhielt sich Bonaventura zogernd ...

Der Kirchenfurst eroffnete ihm jetzt, dass er ihn an die Kathedrale zunachst als ersten Vicar berufen, demnachst aber auch fur die erledigte Domherrenstelle vorschlagen wolle.

Von Widerspruch konnte nicht die Rede sein.

Er hoffe, fuhr der Kirchenfurst fort, dass Herr von Asselyn den Geist besasse, den jetzt die Kirche brauche, nicht Hirten allein, auch Reisige ...

Wir haben schon Grosses errungen und werden mehr erringen! sagte er und blickte dabei ruhig auf das rothe Siegel des uneroffneten Konigsbriefs.

Bald bemerkte Bonaventura, dass der Kirchenfurst noch mehr auf dem Herzen zu haben schien, irgendetwas, das er noch Anstand nahm sofort auszusprechen. Offenbar wollte er erst den Geist ergrunden oder bestarken, der seine weitern Auftrage vernehmen und ausfuhren sollte.

Wenn ich zuruckdenke an meine Jugend! begann er, ruhig fortrauchend und dabei auf- und abgehend, wahrend Bonaventura stehen blieb und nur auf die Lehne des von ihm ergriffenen Sessels sich stutzte ... Als ich in Ihrem Alter war, Herr von Asselyn, welche Zeit, welche Welt damals! Bonaparte hasste die Kirche! Er hasste sie mit dem Ingrimm eines tuckischen Italieners, fur den das Heilige seinen Zauber verloren hat, da er diesem Zauber zu nahe steht! Bonaparte trug alle Merkmale des Antichrists! Aus der Revolution und dem Atheismus hervorgegangen, hatte er den ganzen Hochmuth der Vernunft gegen die Lehren des Christenthums geerbt! Hervorgegangen aus der Schule Robespierre's besass er dann auch wieder die tolle Neigung dieses Scheusals, aus dem Zerstorten etwas Neues aufbauen zu wollen! Das Fest des hochsten Wesens, das man wieder einsetzte mit Fahnen und Trommelpyramiden, Janitscharenmusik und Kanonensalven, das war so ganz schon im Charakter seines Schulers Bonaparte! Beide besassen diesen gefahrlichen Aberglauben des Atheismus, der zuletzt, weil der Mangel aller Religion im Menschenherzen eine Unmoglichkeit ist, irgend wieder doch etwas zum Halte haben, zum Gott machen muss, seinen eigenen Schatten, ein goldenes Kalb, ein geschmucktes Nichts, ein Philosophem. Diese Ironieen des Satan, wie sie neulich eine schriftstellernde Feder nicht unpassend nannte, sind deshalb gefahrlich, weil sie sich wie der erhabene Ernst Gottes geberden. Ware dem babylonischen Tyrannen zuletzt nicht das Bedurfniss nach Ruhe gekommen, noch hatte er den ganzen Voltaire, der in ihm lebte, ausgetobt in seinen mit den Waffen gestutzten Institutionen. Bonaparte war das im Grossen, was Friedrich der sogenannte Grosse nur auf kleinem Gebiete, mit Bonmots und Epigrammen war. Bonaparte wurde, hatte er sich zuletzt nicht elend und krank gefuhlt und den Bruch mit den Franzosen, die ihr Blut und ihr Vermogen nicht langer opfern konnten und mochten, klug gewittert, den Krieg mit Rom viel langer und lieber gefuhrt haben als den mit den Konigen. Er brauchte Verbundete und so schloss er mit heuchlerischer Freundschaft Frieden mit einer Religion, die er erst mit Fussen getreten und dann in armselige, vom Theater erborgte Lumpen kleiden wollte! Das aber, mein lieber Herr von Asselyn, das war nun das Beispiel, das damals der Gewaltigste seiner Zeit den andern Gewaltigen gab! Diese Spasschen ahmten diese Menschen ihm nach! Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hatte ja die Kirchen entvolkert; der Beichtstuhl stand ja leer; die aussere Veranstaltung, die noch vom kirchlichen Leben vorhanden war, war so auf den Schein gerichtet, dass selbst die Priester mit dem Geiste der Verneinung buhlten, selbst die sich schamten, den ewigen Gott und die grosse Veranstaltung des Erlosungswerkes in schuldiger Ehrfurcht zu bekennen. Auf der Kanzel und in ihren Schriften schmuckten sie sich mit dem dem Protestantismus und der Philosophie abgeborgten Schaugeprange. Und vorzugsweise war es unser Deutschland, wo die Kirche am Abgrunde des Verderbens stand! Eine Literatur, die man zur classischen gestempelt noch bei Lebzeiten jener masslos vergotterten Herren von Goethe und Schiller, drang bis tief in die untersten Volksschichten und erzeugte dies noch immer andauernde Doppelleben unserer Nation, politisch und kirchlich sowol wie moralisch, letzteres in einer muhsam behaupteten positiven Welt und einem sogenannten idealen Weltburgerthum: Ueberall sah man auf diese Art unsere Entwurdigung! Und der Staat, mit Verzweiflung kaum sich selbst behauptend in dem grossen Revolutionssturm Bonaparte's, der rachte sich dann auch wieder seinerseits bis zur Schamlosigkeit gegen die schwachen Untergebenen, zunachst die Diener Gottes. Die kleinen Furstenthumer, die entweder selbst unter geistlicher Obhut standen oder nur unsern Glauben bekannten, waren an sich schon leider dem Fluche der Lacherlichkeit verfallen. Wilde, zerstorende, neuernde Gedanken, die von Aufbau sprachen und den Riss ihrer Plane nach Modellen der Phantasie entwarfen, blieben damals ohne alle Rucksicht auf das Gegebene. Nichts galt fur geistvoll, nichts fur schon, nichts fur gross, was nicht dem Wesen des Freimaurerthums entsprach. Ich will von dem Elend nicht sprechen, das bekenntnisstreue franzosische Bischofe in der Verbannung auf englischem Boden zu Bettlern machte; im eigenen Vaterland konnte man erleben, dass die Mittel fehlten, dem aussern Gottesdienst den letzten Rest seiner erhabenen Wurde zu erhalten. Ja, aber wie ist das nun alles mit Gottes Beistand so wunderbar anders geworden! So gross, so herrlich, mein lieber Herr von Asselyn, und kaum nach einem einzigen Menschenalter! Lediglich durch die gewaltige Widerstandskraft und firmamentfeste Vis inertiae des zuwartenden und seine rechte Zeit erkennenden romischen Princips!

Bonaventura wagte auf die herablassende Vertraulichkeit des Sprechers zu erwidern ... Er wagte den in die Tiefe gehenden deutschen Geist selbst zu nennen als den, der hier dem romischen Princip die starkste Hulfe gebracht hatte. Ja er wagte, da der Kirchenfurst schwieg und ruhig seine Pfeife ausklopfte und sie aus einer gewohnlichen, mit gruner Schnur besetzten Tabacksblase neu fullte, die Literatur und die Kunst zu nennen und liess die Namen einiger Geister fallen, die man in dieser Verbindung zu nennen pflegt ...

Der Graf horte ruhig zu, rauchte wieder und ermunterte durch sein Schweigen fortzufahren. Ob vielleicht im Vorzimmer noch jemand wartete, ob ein Brief seines Konigs unerbrochen lag, alles das schien ihm jetzt vollig unwesentlich ...

Das gedemuthigte deutsche Vaterland, sagte Bonaventura, musste sich aus seiner Gegenwart fluchten und neue Kraft sammeln in der Erinnerung an seine Vergangenheit! Fehlende deutsche Treue, Tapferkeit und Muth lagen nur noch in den Beispielen unserer alten deutschen Tage! Aus den gebrochenen Burgen auf unsern Bergesspitzen erhoben sich im Dammerschein der Dichtung die Geister der abgeschiedenen Zeiten, aber zur glucklichsten Vorbedeutung; die Nebel fielen dann, und die Welt, die wir vergessen wollten, ja die wir vergessen mussten, diese lag nun nicht mehr vor uns; eine neue hatte sich aufgethan, es war die Welt, die uns die Forschung errungen hatte. Die Rosen in den bunten Domesfenstern fingen wieder an zu gluhen; die steinernen Bilder an den Kreuzwegen sprachen wieder dem ermudeten Wanderer mit lebendigem Munde; eine Pilgerschar, die mit einer Fahne voraus und dem Bilde des geopferten Lamms durch goldene Saatfluren auf einen Berg mit einer wunderthatigen Erinnerung zog, war kein Zug von Narren mehr, die man verspottete. Kunstler folgten und setzten sich auf einen Vorsprung dieses Berges und zeichneten die Scene voll Andacht und Hingebung. Kunst und Poesie verjungten den abgestorbenen Glauben. Die Zeit war es, wo man um jene Marieen, die mit dem Lilienstengel in der Hand, mit Myrte und Masslieb im Haar der Verkundigung sich neigen, um Bilder alter Meister, die man fruher verlacht hatte, jetzt goldene Rahmen zog, grossere und prachtvollere, als die einfachen kleinen Bilder selbst waren!

Der Kirchenfurst ging auf und nieder und liess eine Pause beiderseitigen Stillschweigens ...

Dann erwiderte er:

Sie waren gestern in Begleitung des Franciscanermonchs, Pater Sebastus?

Ein: Ja, Eminenz! erstarb auf Bonaventura's Lippen, der diese Erwiderung nicht erwartet hatte, aber ahnte, was sie als Antwort sagen konnte.

Ich liess den Pater durch Michahelles rufen! fuhr der Graf fort. Er wird jetzt, denk' ich, da sein! Ja, ich wunschte, dass Ihr beruhmter Name, Ihr edler Geist, Ihre grossen Talente sich zum Heil der Kirche bewahrten, Herr von Asselyn! Aber das Gebiet auch Ihrer Anschauungen muss sich erweitern oder vielleicht verengern, je nachdem. Das Leben des Volkes ist der wahre Tummelplatz eines Priesters, der dem Reiche Gottes dienen will. In dem gesunden Gefuhl der Volker Doch treten Sie dort hinuber! Horen Sie eine nothwendige Verhandlung mit dem Pater! Eine Scene wird uns mehr verstandigen, als eine Debatte, und Sie wissen, die Zucht des Priesters beruht auf Gegenseitigkeit.

Bonaventura begriff nicht, was der Kirchenfurst beginnen konnte ...

Priester Immanuel aber hob einen Vorhang, der sich in dem Winkel befand, auf den er gedeutet hatte, und sagte:

Ich mache Sie nicht zum Lauscher! Der Monch wird spater selbst erfahren, dass Sie zugegen waren und gehort haben, was ich mit ihm verhandelte! Es sei ein Exercitium! Und eines fur uns alle drei!

Perinde ac cadaver essetis! Gehorsam, als wenn ihr Leichname waret! sagte eine Stimme in Bonaventura's Innern und sie klang wie aus dem Munde des Onkel Dechanten.

Er trat hinter den Vorhang.

8.

Ein kleines Gemach war es, in dem sich Bonaventura befand, das Schlafcabinet des Kirchenfursten.

Einfach wie eine Klosterzelle enthielt es einen hohen, alterthumlichen Kleiderschrank; das Bett war einer Pritsche ahnlich, schmal und hart. Ringsum standen einige Stuhle, die Vorrichtung eines Tropfbades hing an der Decke. An der Wand uber dem Bett hing ein einfaches Crucifix von schwarzem Holze, darauf ein Christus von einer metallenen Composition.

Der einzige Schmuck des Gemaches war ein Brustbild, einen jungen Mann darstellend, dessen Aehnlichkeit mit dem Kirchenfursten wol darauf schliessen liess, dass es seinen durch des Rittmeisters von Enkkefuss Hand im Duell gefallenen Bruder darstellte.

Nebenan hing noch eine Wandkarte Europas und ein grosser Stammbaum der Truchsess, der zuruckfuhrte in die Zeiten Karl's des Grossen. Am aussersten Ende, da, wo alle Zweige einander naher sich ruckten und das Ende des einst so reich entfalteten Geschlechts andeuteten, verlief er sich in welken Blattern. Die Spitze bildete der Name des Kirchenfursten selbst. Auf dem dazu gehorenden Blatte sass ein Kafer, auf dessen goldener Flugeldecke ein schwarzer und ein weisser Todtenkopf abgebildet waren.

Bonaventura konnte, ehe er mit beklommenem Herzen unter diesen Stammbaum sich setzte, die Umschau ruhig anstellen, denn es wahrte einige Zeit, bis der Kirchenfurst den Monch einliess. Er schien entweder erst in seinem Bureau unter Papieren gesucht oder endlich den Brief seines Monarchen gelesen zu haben.

Jetzt horte man das leise Rauschen eines auf dem Fussboden anstreifenden Gewandes ...

Mit lauter und deutlicher Stimme, sodass dem gezwungenen Horer kein Wort verloren gehen konnte, begann der Kirchenfurst:

Setzen Sie sich, Pater!

Als dies geschehen sein konnte, horte Bonaventura die Anrede:

Ich habe Sie rufen lassen, um einige Worte mit Ihnen zu sprechen, Pater; Worte, die sowol das Ihnen geschenkte Vertrauen betreffen, wie Ihr Seelenheil! Ihr Provinzial hat mir Vollmacht dazu gegeben ...

Keine Antwort ...

Haben Sie hier einen Beichtvater? begann der Kirchenfurst mit erhohter Stimme ...

Sebastus nannte jenen Domherrn, der sich in der Herausgabe des Origenes so vergriffen hatte und "mit seinen gesammelten Lesarten" in diesen Tagen beerdigt wurde ...

Bei dem Rauschen eines Papieres durfte sich Bonaventura vorstellen, dass dem Monche vom Kirchenfursten ein Brief uberreicht wurde ...

Sie haben Ungluck mit denen, denen Sie Ihr Vertrauen schenken! sagte der Kirchenfurst. Auch der Provinzial Henricus, der Ihnen so innig zugethan war, lebt nicht mehr ... Vor einem Jahre, kurz vor seinem Ende, erhielt ich einen Brief von ihm, den Sie lesen sollen! Zur Ermuthigung! Ich hor' ihn gern zum zweiten male!

Der Monch las leise ... Seine Stimme lag hoch und hatte die norddeutsche Scharfe. Sie war fur Bonaventura vollkommen vernehmlich. Er horte:

"Seit lange bin ich nicht in der Lage gewesen, Eurer Eminenz ausser den Berichten, die uber den Stand unseres Klosters an unsern P. General in Rom abgehen, auch eine gelegentliche Mittheilung uber die Erlebnisse zu machen, die Ihrer hohen Fursorge fur die vaterlandische Kirche in Erfahrung zu bringen von Werth sein konnte. Mein Wirken fur die Ausbreitung der Massigkeitsvereine, die der Heilige Stuhl mit so besondern Gnaden gewurdigt hat, greift immer segensreicher um sich. Ist auch unsere Bevolkerung nicht so verkommen wie die Irlands, wo Pater Matthew den Geist der Massigung predigt, so stehen wir doch hinter dem, was Pastor Schlager auf dem protestantischen Gebiete leistet, nicht zuruck. Ja, wir reichen uns auf diesem Gebiete die Hande ..."

Hatte der Monch schon bei Erwahnung einer bekannten Wirksamkeit des verstorbenen Provinzials Henricus, Verbreitung der Massigkeitsvereine, gestockt, so konnte der Kirchenfurst jetzt Zeit gewinnen, einzuschalten:

Obgleich auch hier der Geist, aus dem beide Bekenntnisse zu wirken haben, ein vollig verschiedener sein sollte ... Der gute Henricus gehorte noch zu sehr den Freimaurern an und starb sogar, seltsam genug fur einen Monch, mit einem weltlichen und protestantischen Orden auf der Brust! Was man fruher nicht alles erlebt hat! ... Lesen Sie aber!

Mit jenem Gehorsam, der zu seinen Gelubden gehorte und den von ihm zu fordern der jetzige Provinzial, auch Guardian, des Klosters Himmelpfort, des Pater Henricus Nachfolger, fur die Zeit seines Verweilens ausser Clausur auf die Curie dieser Stadt und den Kirchenfursten ubertragen hatte, las der Monch weiter:

"Heute mocht' ich eine Bitte erheben zu Gunsten eines unserer Bruder, des Paters Sebastus! Unser General hat mir gestattet, ihm eine Weile die Freiheit des ausserklosterlichen Lebens zu gewahren. Aber dass sie die Regierung, die in diesem Punkte so streng ist, auch genehmigt, dafur kann nur Eurer Eminenz hohe Burgschaft eintreten."

Ich schlug damals sein Anliegen ab! erganzte der Kirchenfurst.

Der Monch fuhr fort:

"Freiherr von Wittekind-Neuhof war es, der uns diesen Novizen, einen ehemaligen Docenten der Rechte in Gottingen, zufuhrte, aufs dringendste anempfahl, ja vaterlich beschutzte, obgleich der zweite Sohn des Freiherrn im Duell von ihm erschossen war ... Nach einer Reihe von Unglucksfallen, innern und aussern Erschutterungen wandte sich der greise Freiherr mit besonderm Verlangen den Gnadenmitteln der Kirche zu, besuchte uns oft, schenkte Kirchen und unsern verschiedenen Stationen hochst werthvolle Gaben und uberraschte uns eines Tages durch diesen jungen Mann, der an seiner Hand mit heiserer Stimme, hinfalligen Ganges, zerruttet an Seele und Leib, an mein Kammerlein pochte und vor Entkraftung auf meinem Lager zusammensank ..."

Bonaventura horte voll Schmerz die lauten Athemzuge des Gefolterten. Er kam sich vor, als stunde er vor einem Kafig, in dem die ruhige Gefasstheit eines Warters den Fuss auf einen Panther setzt, den er abrichtete. Kam ihm der Gedanke, dass es Frevel ware, wenn Menschen so an Menschen ihre innersten Seelenzustande durchwuhlen? Oder erschien es ihm gross, um eines Gedankens willen, schon wenn dieser Gedanke ein Irrthum ware, wie der Gedanke des DalaiLama oder der Sonnenanbetung, wie viel mehr dem des Dreieinigen Gottes, das Geheimste der menschlichen Ichwelt zu opfern? Doch wich er, wie er das gelernt hatte, dem Urtheilen aus und horte, weil er horen musste ...

Mit gedampfter Stimme las der Monch:

"Der Freiherr fuhrte uns den jungen Mann als Bewerber um das Noviziat zu. Er verschwieg nichts von dem, was wir selber sahen. Heinrich Klingsohr's Sittenzeugnisse fehlten. Er wollte und musste in allem und jedem von neuem geboren werden. Allererst zeugte gegen ihn der Todtschlag in einem Duell" ...

Der Kirchenfurst schaltete ein:

Von Ihrer rathselhaften Beziehung zu einem Manne, der in seltsamer Verbindung mit dem Tode Ihres Vaters, genannt wird, schreibt der Provinzial nichts ...

Er war nicht mein Beichtvater! sagte der Monch mit der ihm eigenen kalten, fast verletzenden Bestimmtheit. Kurz schnitt er damit die Rede des Kirchenfursten ab, der nicht abgeneigt schien, von dem Monche eine Aufhellung dieser Widerspruche um so mehr zu verlangen, als auch Bonaventura auf diese Art in die geheimern Beziehungen seiner dem Kirchenfursten verhassten und wie dieser wusste, auch ihm wenig willkommenen Verwandtschaft eingeweiht wurde.

"Die Gewohnheiten des Bruders" setzte der Monch aufs neue an zu lesen, aber seine Kraft verliess ihn ... Die Erinnerung an seinen Vater schien ihn mehr erschuttert zu haben, als das Bild seiner Vergangenheit, das er selbst hier aufzurollen hatte.

In schmerzlicher Folter, ungewiss, welches das endliche Ziel dieser Strenge sein sollte, seufzte Bonaventura tiefauf und fast horbar ...

"Die Gewohnheiten des Bruders" wiederholte der Kirchenfurst ....

"Waren so eingerissen, dass sie so plotzlich und so schnell nicht gebrochen werden konnten. Das Beschworen der Massigung vor dem Altare, das in Irland Wunder wirken soll, genugt nicht bei uns"

Weil wir nicht nach unsern eigenen Gesetzen leben! schaltete der Kirchenfurst ein; weil eine offene und freie Schaustellung unserer seelsorglichen Handlungen und Strafen vor einer gemischten Bevolkerung nicht moglich ist!

"Auch fehlt uns ein O'Connell", schrieb der Provinzial Henricus, "der zu der Enthaltsamkeit von jenem Gifte, das in Irland die Verzweiflung zu nehmen scheint, um ihr Elend zu vergessen, die geistige Nahrung der Erhebung im Staatsleben gibt. Das Gefuhl errungener Freiheiten wird dort ein edler Ersatz fur das Gift, das bisher durch das Land der Armuth und Entwurdigung geflossen. Denn es ist nicht genug hervorzuheben und auch mein Nachbar in gleichem Wirken, Pastor Schlager, bezeugt es dass zugleich zum Ersatz die geistliche Quelle der Aufklarung geboten werden muss, wie bereits Ephes. 5, 18 die Schrift sagt: ..."

Ueberschlagen Sie das! unterbrach der Kirchenfurst.

Bonaventura gedachte des Onkel Dechanten ... Es war ihm, als sprache dieser: Die Romlinge wollen nichts Deutsches, nichts Nationales, nichts aus unserm Schoose Geborenes, nichts die Bruderstamme und die Confessionen durch die gemeinsamen Bedurfnisse des naturlichen Volkslebens und des Geistes Versohnendes

"Unserm Zogling hatte sich mit seinen Untugenden der Genius verbundet" ... las der Monch und nun sein Lob vernehmend in dem pflichtschuldigen Tone der Demuth, die eines der ersten Erfordernisse seiner Wiedergeburt sein musste. "Er kam aus einer Welt, wo man ihn um seiner Sunden willen angestaunt hatte. Er kam aus dem trotzigen Leben einer Universitat, aus einer grossen reichen Handelsstadt, in die ihn das Geschick verschlagen, er war der Matador des akademischen Wort-Fechtsaales, man bewunderte ihn um seiner Vorzuge willen und seine Schwachen gereichten jenen nur zu verschonernden Schattenlinien. Tief hulfsbedurftig war der zerknirschte, des Lebens, der ganzen Welt, seiner selbst, glucklicherweise noch nicht Gottes uberdrussige Sinn des Zoglings. Eure Eminenz kennen unsern Laienbruder, den Bruder Hubertus ... Mindestens ist in vielen Klostern Deutschlands der 'Bruder Abtodter' bekannt, wie die Bruder ihn nennen in Anerkennung seiner wunderbaren Gabe, es den ersten Heiligen unserer Kirche, den Saulenstehern, den Eremiten der thebaischen Wuste gleichzuthun, wenn nicht im gleichen gottergebenen Sinn, doch in der seltsamsten Kunst, sein Fleisch zu todten "

Wie schaudernd vor Erinnerungen stockte der Monch ...

Aufs neue setzte er an:

"Bruder Hubertus war einst der erste Jager des wilden Nimrod Wittekind, damals ein unternehmender Bursch, der sein ganzes Vertrauen genoss. Aus hollandischen Diensten und aus Java zuruckgekommen, umgab ihn auf dem Schlosse Neuhof der Reiz der Fremde. Alle Herzen flogen ihm zu und keines mehr als das eines Frauleins von Gulpen ..."

Der Monch kannte alles, was sich auf diesen Namen und die Verbindung bezog, und hielt im Lesen inne, sicher voll Erstaunen, weil der Kirchenfurst ihn mit den Worten unterbrach:

Sie nannte sich spater nach diesem Hubertus, fruher einem Buschbeck, die Frau Hauptmannin von Buschbeck und wurde nur deshalb siebzig Jahre, um in voriger Nacht in dieser Stadt hier ermordet zu werden!

In dem Innern des Monchs konnte eine so uberraschende Mittheilung nur Tone seltsamster Musik wekken ... Des Abends gedachte er auf dem Schlosse Neuhof, wo er Lucindens Frage nach jener Gulpen beantwortete und die Speisen, die ihm der Kronsyndikus vorsetzen liess, fur vergiftete erklarte, wie solche, von denen aus den jungen Zeiten des Frauleins die Sage berichtete ...

Bruder Hubertus, fuhr der Kirchenfurst fort, ist mir wohl bekannt! Doch muss man die Ruhmsucht tadeln, die mir in seiner Kunst, sich tagelang der Speise zu enthalten, zu liegen scheint ...

Der Monch kannte das Leben seines Zahmers und Bandigers ... Ohne Zweifel antwortete er dem Tadler mit dem Nachhall eines seiner alten Lieder:

Frage im Walde die Raben,

Wenn Sturm durch die Tannen weht,

Wer unter ihnen begraben,

Da, wo das Kreuzlein steht! ...

Doch auch Bonaventura fuhlte sich wie in einen Wald versetzt, wo Hornerklang zu einem erlegten Hirsche rief ... Wild sprengen die Herren und Damen zu Ross heran; der erste der Jager tritt auf das verendende Thier, weidet es aus und die schnobernden Hunde, die ihren rauchenden Antheil begehren und gierig zufahren wollen, mussen zuruck und entbehren ... So nur konnte ein Jager das menschliche Abtodten gelernt und gelehrt haben ... Wie mehrte sich sein Bangen, das schone Bild zu verlieren von seinen Augustinerchorherren im Schnee des St.-Bernhard!

Der Monch las:

"Die Besserung des Novizen gelang durch Hubertus vollstandig. Selbst die Art, wie sich die Malaien von den Zerstorungen des Opiumrauchens heilen, verfehlte ihre Wirkung nicht. Freilich mussten wir gestatten, dass in einer Klosterzelle ein Noviz auf dem Lager lag und statt des Mohnsamens den Samen erst des Hanfes, dann aus langem Rohr entzundetes Naphtha, zuletzt nur das gluhende Bernstein rauchte. Die starke Natur, schmeichelnd zuruckgelockt, blieb Siegerin. Die unreinen Geister wichen, die Phantasie verlor ihre Bilder, sie wurden reiner und blieben ganz aus. Hubertus ubergab uns einen Geretteten. Aber noch galt es, ihn sanft und linde einzufuhren in die Erfullung seiner Absicht, fur immer der Welt zu entsagen. Aufrichtig war diese Absicht. Er liebte die Religion. Er fand seinen Trost und seine Erhebung in ausschliesslicher Contemplation. Da ihm keine Wissenschaft unbekannt geblieben, so wusste er bei Tisch stets etwas vorzubringen, was uns fesselte. Doch verblendete uns ein zuweilen noch aufschimmernder falscher Glanz seines Geistes keineswegs. Wir verharrten in einem strengen und ernsten Erziehungsplan. Nichts wurde unterlassen, was seinen Willen, die Gelubde abzulegen, brechen konnte. Die Gebete, die Wachen, die untergeordneten Dienste, muhevolle Arbeiten aller Art, Betteln, das seinen Stolz prufte, scheinbare Willkurlichkeiten, die seine Ergebung auf die Probe stellten, die Zuchtigungen mit der Geissel und dem Cilicium, alles das waren nur geringere Grade der Hulfsmittel, ihm die Rauheit und Harte unsers Gewandes fuhlbar zu machen. Die Ergebung, die er zeigte, war keine Stumpfsinnigkeit. Er ertrug, was ihm aufgeburdet wurde, um seiner neuen Geburt willen, ja wir mussten seinen Eifer zuruckhalten, denn er begehrte zu zeigen, dass der Mensch den Schlaf ganz entbehren, von Wasser allein leben konne und Aehnliches, was wider die Natur geht, wenn es auch vom Bruder Hubertus fast zu ertragen gelehrt wird. Nach zwei Jahren endlich legte Sebastus sein Bekenntniss ab und erhielt die Tonsur. Die Priesterweihe ihm zu geben, wagte ich dem P. General nicht ans Herz zu legen. Immer ist noch ein dunkler Grund in seinem Innern, ja es war mir, als gab' es Proben, in denen Pater Sebastus nicht bestehen konnte. Eure Eminenz mogen selbst entscheiden. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich von den Statten des Friedens, an denen wir leben, den Vorwurf der Unthatigkeit entfernen mochte. Wie der heilige Basilius die Nahe der Stadte suchte, um sein Einsiedlerleben dem Ausbreiten des Glaubens nutzlich zu machen, wie die Sohne des heiligen Benedict unser deutsches Vaterland von dustern Waldern gelichtet haben und auf unsere Hugel die Traube pflanzten, wahrend auch das Feuer des geistigen Lebens aus ihrer Pflege der Wissenschaft und der Schreibekunst flammte, so wird ein jeder Bekenner des heiligen Franciscus auch noch jetzt darauf bedacht sein mussen, in einer sittenverderbten Zeit Hand anzulegen im Kampfe gegen den Uebergenuss des Lebens. Dann dacht' ich: Wie kann die letzte Prufung des Gewonnenen besser stattfinden, als wenn er noch einmal ins Leben zuruckkehrt? Wie heilt man ein Heimweh grundlicher, als wenn man dem Verlangen der Seele nach der geliebten Muttererde einmal noch folgt, dem Herzen einen starken, vollen, sattigenden Trunk des Wiedersehens gonnt und damit dann meistentheils gerade das andere Verlangen weckt, dahin wieder zuruckzukehren, von wo uns zwar die Sehnsucht vertrieb, inzwischen aber doch sich die Gewohnheit, sie wusste es nur selbst nicht, bereits wieder eine liebliche Traulichkeit schuf. Und so erbat ich von meinem Obern in Rom die Erlaubniss, den jungen Pater, dessen heissersehntes Ziel die Weihen sind, zuruckzulassen auf kurze Zeit in die Welt. Da kam die Aufforderung des Secretars Eurer Eminenz. Freilich auf den Grund, weshalb sein Brief Klosterbruder zu haben wunscht: 'weil sie ihm nicht nur als Sendboten dienen konnten, sondern weil sie auch in einer Zeit, wo wir nur zu sehr beklagen mussten, uns auf der grossen Strasse des Weltverkehrs so wenig zeigen zu durfen, gerade ebendaselbst, wo es nur irgend moglich zu machen, aufzutreten hatten', ... ferner auf den Rath 'arztlichen Befehl vorzuschutzen fur kranke Bruder' ... darauf hin mocht' ich es nicht wagen "

Genug! unterbrach der Kirchenfurst, machte eine Pause, die ohne Zweifel die Rucknahme des hier gegen die Lehre vom Zweck, der die Mittel heilige, protestirenden Briefs ausfullte und sagte:

Als ich vor einem Jahr diesen Brief erhielt, verweigerte ich die Unterstutzung der Bitte des Provinzials. Seitdem erschienen aus dem Kloster einige Ihrer polemischen Artikel. Der Geist und Ton derselben uberraschte mich. Ich wunschte Sie kennen zu lernen. Ihre Hieherreise erfolgte. Als ich Sie sah, war ich angezogen. Ich behielt Sie bei mir zu dem grossen Kampfe, den die Kirche zu kampfen hat. So manches Ziel unserer Muhen haben wir erreicht; aber die Streiter konnen sich nicht dicht genug scharen. Ich erkenne an, was Sie geleistet haben. Ich lese Ihre Aufsatze mit Befriedigung. Ich wunschte jedoch mehr viel mehr! Ich finde in dem, was Pater Henricus von Ihrer Erziehung sagt, nicht den Geist wahrer Heiligung. Der Grund, aus dem Sie wirken, ist gefahrvoll fur Sie, ist es auch fur uns! Fur Sie ich will es Ihnen aufrichtig sagen fur Sie und fur wie viele Ihres Gleichen! ist die Kirche nur der Schlussstein Ihrer irrenden Abenteuerlust auf dem Felde der Philosopheme! Sie ist nur der Ruhepunkt Ihres von allerlei Donquixoterieen ermudeten Denkens! Sie streiten jetzt fur die Kirche, weil Ihre angeborene Streitsucht hier endlich einen festen Gegenstand und eine sichere Anlehnung findet! Das scheint leider unser trauriges Loos mit euch Uebergetretenen allen! Aller Zorn, der in euch wurmte, alles Gefallen am Besondern und Seltsamen, alle Ungeduld, dass man auf euch bisher nicht achtete oder euch wiederum zu rasch vergass, diese unreinen Geister der Rache, der Vergeltung, der nie zu sattigenden Gier nach dem Reiz der Neuheit treiben Euch auf den Kampfplatz! Was es auch sein moge, das Sie dem Vater eines Unglucklichen, den Ihre Hand todtete, so nahe verbinden konnte, ich glaube es gern, dass Sie ermattet an der Pforte des Klosters Himmelpfort niedergesunken sind. In dieser Stimmung verlangten Sie nach dem Trost der Religion und ruhmten die Einfalt derselben. In alles aber, was man Ihnen bot, legten Sie, als Sie es empfingen, Ihren eigenen Sinn, nahmen es nicht in dem unsrigen. In diesem immer nur Ihr Ich verherrlichenden Geiste vollzogen Sie die Liebesopfer, die Ihnen Ihr Guardian und Provinzial ubertrug. Sie duldeten, entbehrten und was Sie zu den harten Proben des Bruder Hubertus ermuthigte, war nur der geistige Hochmuth auf Menschenkraft. Weder Ihr Verstand noch Ihr Herz liebt das Christenthum, nur Ihre Phantasie liebt es! Die Dienste, die Ihr Poeten und Kunstler dem romischen Glauben geleistet habt, verkenn' ich nicht, doch waren und bleiben sie gefahrvoll! Sie entbehren nachhaltiger Wirkung. Oder glauben Sie, dass alle die Fortschritte, die wir in diesen Tagen in Frankreich, Deutschland, Spanien gemacht haben, gemacht haben mitten unter den Sturmen der politischen Bewegungen, nur die Folgen der wiedergeborenen schonen Kunste sind? Diese Fortschritte verdanken wir nur dem bei so vielem Flitter der Bildung gerade zum wahrhaften Herzensbedurfniss gewordenen Bekenntniss der geistigen Armuth! Armuth, Armuth! Nuchternheit, Entbehrung, Gefangengabe unserer Ueberzeugungen an ein Gegebenes, Wiedererweckung der Wurde des Beichtstuhls, der geregelte Kirchgang, die Wiederherstellung alles dessen, was uber religiose und politische Dinge in dem gesundesten Theile des Volks, im Bauernstande, diesem plotzlich nun ja auch von eurer Poesie verklarten, lebte, Ascese, Wallfahrten, wiederhergestellte Bruderund Schwesterschaften, das ist der Geist der Stetigkeit, der allein die Kraft zum Glauben wecken und darin die Ausdauer bestarken kann ...

Der Kirchenfurst schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:

Jetzt, Pater, ein ernstes Wort! Ich liess Sie beobachten, Pater! Wissen Sie, dass ich Sie monatelang in Ihr Strafkloster zu Altenburen verweisen konnte? Sie wurden gestern Mittag im Hause eines judischen Trodlers gesehen, wo Sie mit Ihrem Ordensgewand eintraten und es auch Mittags im Ordensgewand verliessen. Abends jedoch um acht Uhr Unglucklicher! kehrten Sie wiederum unter dem Dache des Juden ein

Bonaventura, ahnend, entsetzte sich, mehr noch erschutterte ihn der unfehlbare Schrecken des Monches ...

Mitleidenswerther, bejammernswurdiger Mann! fuhr der Kirchenfurst fort. In dem von jenem Juden geborgten Kleide, mit einem Hut, der Ihre Tonsur verbarg, sah man Sie, Sie, den Pater Sebastus, den Michael mit der zweischneidigen Feder, den Monch, der ein Gefallen darin findet, einen Sack zu tragen mit den Eiern, die ihm die Bauern der Umgegend schenken, Sie, Sie, einen Sohn des heiligen Franciscus auf der Galerie des Theaters!

Bonaventura stand auf, des dadurch entstehenden Gerausches nicht achtend ...

Dumpfe Stille nebenan ...

Und noch nicht genug! fuhr der Kirchenfurst fort. In dieser falschen Tracht gingen Sie die Nacht in einen Gasthof der Stadt, in "das goldene Lamm"! Was thaten Sie dort?

Bonaventura gedachte der Geigenspielerinnen, der ganzen Aufregung des gestrigen Abends ...

Kein Laut der Erwiderung von dem Monche ...

Was konnen Sie auf Ihrem frevelhaften Pfade dort gewollt haben? In einem der Zimmer waren Sie zwei Stunden bis um Mitternacht, wo Sie dann von dem Juden Ihr Kleid zuruckgeholt haben! Pater! Pater! Ich beschwore Sie, um der Wunden unsers Heilands willen! Fuhlen Sie denn nicht, dass Sie den Erloser, den Sie in diesem Kleide bekennen, zum zweiten male verkauft haben? Die Nachricht von Ihrem Judasverrath kam uns glucklicherweise von einem Beobachter, der unsere Kirche liebt und unsere heilige Sache bewahren wird vor Bekanntmachung solches Aergernisses! Weitere Nachforschung hinderte ich, um nur Ihr Ungluck nicht zu mehren und nicht die Schande Ihres Fehltritts zu grell fur uns alle aufzudecken! Pater! Was wurde aus Ihnen werden, wenn mich keine Rucksicht auf Ihr Talent, keine Rucksicht auf die nutzliche Bewahrung desselben in unsern gegenwartigen Kampfen abhielte, Sie nach Altenburen zu verweisen, wo Sie in Gesellschaft anderer meineidiger Priester fur immer, fur immer, Unglucklicher, Ihren Ruf im weiten Reiche unserer Kirche verloren haben wurden!

Dumpfes Schweigen auf diese fast weich gesprochenen Worte ...

Eingetreten sind Sie in eine grosse Heilsanstalt gegenseitiger Erziehung! fuhr Priester Immanuel fort. Ich mochte Sie nicht aufgeben; ich mochte Sie dem Wirken erhalten, fur welches Sie so ruhmenswerthe Proben Ihrer Befahigung abgelegt haben! Pater! Dass sich der Geist, in dem Sie allein ausserhalb der Zelle leben durfen, heilige, dass Sie sicher sind vor den Anfechtungen und dem Ruckfall in die Reize dieses Lebens, denen Sie abgeschworen haben, muss ich Ihrem Wandel von jetzt an die bestimmtesten Grenzen ziehen! Sie verlassen nie mehr diese Stadt ohne eine hier von meinem Kaplan eingeholte Erlaubniss! Sie meiden jeden offentlichen Versammlungsort! Sie rusten sich, dass Sie jeden Abend von sieben Uhr an in Ihrer Wohnung, dem Professhause, angetroffen werden! In jeder Stunde, wo vom Kloster Himmelpfort Ihnen bekannt ist, dass Ihr wurdiger Guardian eben die Thur seiner Zelle offnet, Miserere ruft und die Patres, seinem Beispiele folgend, sammtlich sich mit der Disciplin dreimal den Rucken geisseln, sollen auch Sie das Confiteor sprechen, wo Sie sich irgend befinden. Und d a ss Sie es thun, wirklich thun, Pater, erinnere ich Sie an das Wort jenes Monches, zu dem ein Zweifler sagte: Geisseln Sie sich denn auch wirklich in Ihrer geschlossenen Zelle, wenn der Guardian in der seinigen Miserere! ruft? "Herr! Man hat Ehre!" sprach er.

Der Kirchenfurst stand eine Weile und schwieg ...

Bonaventura erwartete eine Entgegnung des Monches ...

Nur die lauten Athemzuge desselben horte er ...

Was fuhrte Sie auf, die Galerie des Theaters? begann der Kirchenfurst aufs neue. Was suchten Sie in der Nacht in jenem Gasthause?

Nach einer langen Pause horte Bonaventura die Worte.

Nichts so Unedles, als Sie denken, Eminenz ... Doch ... ich verlor meinen Beichtvater

Diese Worte wurden mit grosser Scharfe betont.

Wen wollen Sie wahlen?

Wenn Herr von Asselyn hierher versetzt wurde und ich dann noch hier weile

Der Monch stockte ...

Wohlan! sagte der Kirchenfurst und wie aufs angenehmste uberrascht. Es war Ihnen von mir aufgegeben worden, den edeln und gotterleuchteten Pfarrer von St.-Wolfgang, Bonaventura von Asselyn, auf die kurze Zeit hier zu begleiten, bis ich im Stande sein wurde, mich so ausfuhrlich wie ich musste, mit diesem Werkzeug Gottes zu verstandigen. Im Umgang mit demselben, den Sie von Stund' an fortsetzen sollen, verbiet' ich Ihnen kraft der mir ubertragenen Ordensgewalt Ihres Provinzials, jemals aus eigenem Triebe irgendein Wort mit ihm zu reden! Nie sollen Sie selbst das Wort ergreifen! Nie sollen Sie anders als nur ein Ja und ein Nein fur ihn haben! Der Priester Bonaventura weiss es, dass ihm die Rede gestattet ist, ihm die Unterhaltung, er weiss aber auch, dass er Ihnen keine einzige Frage stellen darf, als eine solche, der die kurze Antwort: Ja oder Nein gebuhrt! Denn warum verhang' ich gerade Ihnen diese Strafe? Weil Ihre grosste Aufgabe die sein soll, den Drang zu todten Ihrer geisthaschenden Mittheilung! Absterben muss Ihre Neigung, durch Ihre Vergangenheit Ihre Gegenwart Lugen strafen oder uber Ihr Kleid hinaus sich immer noch verklaren zu wollen. Durch Ihren Geist, Ihre Kenntnisse wollen Sie das Vorurtheil Ihres Standes widerlegen. Aber wenn Sie das Gelubde der Armuth ablegten, stand an der Spitze der Entbehrungen, die Sie sich vorzuschreiben hatten, die Armuth am Geiste! Diese bekennen Sie und dann wird Ihr Sinn sich lautern! Nichts hat die Verfuhrung zum Laster mehr im Gefolge als jene Gedanken, die schimmernde Ausdrucke suchen, jener Reiz, der Sie verfuhrt, sich in der Vielseitigkeit Ihrer Auffassungen, in der Fulle von Gesichtspunkten, auf dem schwindelnden Wege der Contraste und Paradoxen zu ergehen; derselbe Reiz stumpft das Gefallen an dem Einfachen und Charaktervollen ab. Ihnen, Pater, Ihnen ist, wie der ganzen Richtung des Jahrhunderts, vor allem das "Wort zur unrechten Stunde" zu nehmen! Rance der kannte diese Gefahr, als er nach einem Leben geistreicher Frivolitat den Orden der Trappisten stiftete! Ich verlange keinen Dank fur meine Schonung ich werde mir selber ein Gebet um die Vergebung Gottes auferlegen, dass ich so milde war ich strafe Sie, wie mir scheint, dass es Ihnen heilsam ist! Und die in dieser Form meiner Verzeihung liegende gegenseitige Erziehung wird auch andern gut thun! Treten Sie naher, mein Herr von Asselyn!

Damit trat der Kirchenfurst an den Vorhang, zog diesen zuruck und Bonaventura stand mit dargereichter Rechten, wie um Verzeihung bittend, vor dem in Staunen und tiefster Scham halb aufwallenden, halb vernichteten Monche ...

Mit unerschrockener Miene sprach Priester Immanuel:

Deshalb hab' ich Bonaventura von Asselyn zum Zeugen dieser Scene gemacht, weil ich auch ihn in den Ernst unsers geistlichen Lebens und in unsere wahre kirchliche Schule einfuhren wollte! Schon Ihre Ungeduld zu bekampfen, dass Sie noch einige Tage hier zu warten hatten und ferner warten sollen, Herr von Asselyn, musste Ihnen nutzlich sein! Nutzlich wird Ihnen auch werden, das aufgedeckte Leben des Paters zu sehen und es doch so nur zu beruhren, als wenn Sie es nicht kennten! Ja und nein, nein und ja! Bis zu dem Tage, wo Ihnen Sebastus vielleicht die Beichte spricht ... Lasset euch beide das, was ihr heute erlebtet, eine Uebung sein, die Gefahren des Geistes kennen zu lernen! Helfen Sie sich einander redlich beim Straucheln! Bestarken Sie sich in der Geringschatzung des Gedankenaustausches! Da liegt der Thomas a Kempis; das goldene Buch der bewussten, ja mit Stolz bekannten Geisteseinfalt! Oder lesen wir eine Stelle des heiligen Gregor ...

Der Kirchenfurst nahm ein Gebetbuch und las mit lauter Stimme:

"Wenn ich mir die Busserin Magdalena vergegenwartige, so mocht' ich eher weinen, als reden und bekennen! ... Denn sind nicht die Thranen dieser Sunderin machtig genug, auch ein steinern Herz zur Busse zu erweichen? Sie bedachte ihren vergangenen Lebenswandel und konnte sich in ihrem reuevollen Thranenbekenntniss kein Mass vorschreiben. In das Gastzimmer trat sie zur Zeit des Mahls, sie kam ungerufen, und wahrend des Mahls brachte sie ein Thranenopfer. Lernet, von welchem Schmerz sie gefoltert ward, dass sie auch wahrend der Zeit des frohlichen Mahls der Thranen sich nicht schamte! Siehe! Weil dies Weib ihre Befleckungen und Laster erkannte, eilte sie in gluhender Sehnsucht nach Reinigung zum Urquell der Barmherzigkeit und scheute nicht die Gegenwart der Gaste. Da sie vor ihrer eigenen Hasslichkeit errothete, konnte die Scham von aussen, sie nicht entmuthigen. Was, meine Bruder, sollen wir nun mehr bewundern, die im Gastzimmer erscheinende Magdalena oder den Herrn, der sie gnadig aufnahm? Soll ich sagen: aufnahm? nicht vielmehr: durch seine Gnade an sich zog? Ich will am liebsten beides sagen. Es ist derselbe, der sie innerlich anzog durch seine Barmherzigkeit und derselbe, der sie ausserlich mit aller Sanftmuth aufnahm."

Jetzt legte der Kirchenfurst das Buch zur Seite, neben sein inzwischen erkaltetes Tabacksrohr, neben den noch unerbrochenen Brief seines Konigs, dann entliess er beide mit einer Handbewegung, die ausdruckte, dass er ihnen den Segen ertheilte und den Gewinn zweier Seelen fur sein Gottesreich hoher hielt, als alles Reden und Handeln und Drohen der Machtigsten der Erde.

Im Vorzimmer war es still geworden ... Der Kaplan begleitete den Monch und den Pfarrer bis an die Ausgangsthur. In seinem demuthigen Grusse lagen die Worte:

Was auch zwischen euch dreien soeben drinnen geschehen ist Alles zur grossern Ehre Gottes! ...

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Wohl hatte Heinrich Klingsohr draussen in freier Luft aufschreien mogen wie mit wiedererwachtem Titanentrotz.

Seine Brust hob sich, seine Augen standen starr aus den Hohlen, er hatte auf der Zunge Worte nicht der Verwunschung seines Geschickes, nicht der Anklage seines Berufes, nicht der Anklage des Kirchenfursten, nur dem Jammer seines Innern hatte er Worte leihen mogen, sich vergleichen mit dem gefangenen, an seinen Flugeln niedergehaltenen, auf dem Rucken liegenden Vogel vom gestrigen Morgen, sich rechtfertigen gegen den falschen Schein, der sich um ihn breitete in Gegenwart eines Mannes, den er zu schatzen anfing, er, der niemanden anerkannte ausser dem, der ihm durch etwas imponirte, etwa die Kunst, eine Nachtigall nachzuahmen!

Aber nicht einmal zu der Auseinandersetzung war ihm Gelegenheit gegeben, zu sagen: Warum bleiben Sie nicht sogleich in dieser Stadt? Warum haben Sie nicht schon jetzt die Erlaubniss des Beichtstuhls! Alles, alles mocht' ich Ihnen bekennen! ...

Fiebernd lief es durch seine Seele:

Ich mochte sagen, wie mich gestern die unwiderstehlichste Sehnsucht ergriff, nach dem Leben und den Schicksalen eines Madchens zu fragen, das einst mir das Leben und dann den Tod gegeben! Ich wechselte mein Kleid, ich wurde ermuntert dazu von einer Judin, die mir unser ganzes Dasein als einen einzigen grossen Mummenschanz darstellte, wurde ermuntert dazu durch einen Schwur "bei dem Gotte Spinoza's" und durch die Versicherung, ich durfte auf die Verschwiegenheit dieses Madchens bauen ... Wer war der Verrather! ... Wer war es, der des Nachts, so ruhelos wie ich, dahin irren konnte? ... Ja, ich war auf der obersten Galerie des Theaters! Dort, in eine Ecke gedruckt sah ich jene Frau spielen, die einen edeln Menschen auf ihrer Seele hat sah die Kinder springen, die ich oft auf dem Schoose gehalten und fur welche Lucinde arbeitete, sich muhte und entbehrte, wie eine zum Magddienst sich verurtheilende Konigin ... Das Haus war menschenleer ... aber nicht so ode war es, als das Gefuhl meines Daseins ... ich irrte in den Strassen, sah nicht die Spione, die mich verfolgten, vergass die Ordnung des Hauses, das ich mit vielen andern bewohne, bestieg die Stufen des Gasthauses zum Lamm, kehre schaudernd um, aber um mich her sah ich nichts als Lucinden, sah sie mit phantastischen Blumen bekranzt, sah sie im langen Kleide hoch zu Ross mir winken Himmel und Erde! Ich wage Ehre und Freiheit und mein ganzes Leben, um nur fragen zu konnen: Wo ist Sie? Was wurde aus Ihr? ... Zitternd steig' ich zu der Frau empor, an deren Herz zu glauben ich nicht die mindeste Berechtigung hatte, aber ich zwinge mich dazu ... Aber auch sie verrieth mich nicht! Sie schwur's mir bei dem Andenken Serlo's, obgleich der, wie sie sonst und jetzt sagte, schuld gewesen ware an ihrem ganzen verfehlten Dasein ... Ich finde diese Menschen, klein wie immer, geringfuhlend wie immer, voll Zorn uber die Leere des Theaters, voll Hohn uber das Ausbleiben des Beifalls ... aber vor ihnen steht dennoch ein kostliches Mahl, liegt eine Rolle Geld ... eine Sendung war es von Lucinden ... Sie ist hier! Hier in dieser selben Stadt .... Und da sollt' ich nun auf und davon? Sollte nicht verweilen, lauschen, horchen aus meiner begrabenen Welt! ... Sollte nicht vertrauen, dass Menschen, die durch die Schule des Geschicks so tief gedemuthigt waren, dass sie sogar Konstanzen Huber, wie sich Lucinde genannt, das Wort gaben, sie nirgends zu kennen und sofort diese Stadt zu verlassen und auf die Woge des Lebens zuruckzukehren (was sie hatte und erwurbe und theilen konnte, hatte sie geschrieben, sollte ihnen, wenn sie wollten und wo sie wollten, gehoren) ... sollte nicht vertrauen, dass durch Geld und Mitleid gewonnen, diese Menschen mich nicht verriethen ... Ich ware geblieben bis zum Hahnenschrei! Ich hatte geredet und getraumt, wenn mich nicht die Erzahlung von unserm Abschied einst in Luneburg zur Besinnung gebracht und an das Portefeuille erinnert hatte, das ich plotzlich mich erinnere, in meinem Ordenskleide gelassen zu haben ... Nun, wie zerschmettert schon von einer Strafe des Himmels, wank' ich davon ... Rings die stille Nacht bis ich zuruckkame versprach mir die judische Sibylle zu wachen ... ich finde sie ... lesend im Spinoza, einem Geschenk eines Priesters Namens Leo Perl ... wir suchen und suchen das Portefeuille es findet sich nicht ... Mitternacht ist voruber ... die Judin gibt mir Geld, um den Wachter des Professhauses bestechen zu konnen ... einen neuen, noch willfahrigen Knecht ... Wie sie das Geld klingen lasst und sagt: Pater, Ihr wisst nicht, welche Freude ich habe, der Kirche einen Heiligen zu stehlen und Gott einen Menschen zu schenken! da wank' ich dahin, komme in meine Wohnung, glaube unbemerkt geblieben zu sein, werde in der Fruhe zum Kirchenfursten gerufen, ahne die Kunde von meinem Vergehen und kam, bereit zu sagen: Todtet mich, wenn ihr wollt! Ich konnte nicht anders!

Wie beide Leviten so dahinschritten, naherten sie sich der Kathedrale. Sie traten in den majestatischen Bau, unter Menschen, die nichts von ihrem Seelenleid ahnten, nichts von der Gebundenheit ihres Willens und ihrer Sinne ...

Da entdeckte Bonaventura in einiger Entfernung, in einer Nische, die vom hellsten Sonnenlicht, das durch die bunten Fenster brach, beschienen war, in einer Gruppe, die sich laut und wie es schien in fremder Sprache unterhielt, eine Gestalt, die ihn jetzt im erhohten Grade erschrecken musste ...

Nur ihren Rucken sah er. Sie stand in schwarzseidenem Kleide, dunkelm Hute, sprach mit den Fremden, die dem Volk anzugehoren schienen; es war ihm, als konnte es nur Lucinde sein ...

Der Monch las mechanisch die Inschriften der Leichensteine ...

Bonaventura hatte ihn aus dem Wege zu jener Fensternische fortziehen mogen ...

Der Monch schritt in sich versunken und lesend an den Leichensteinen weiter und zu jener Gegend hin, ohne auf ihn zu horen ...

Schon waren sie der Nische so nahe, dass die drinnen gefuhrte Unterhaltung gehort werden konnte ...

Sie wurde in italienischer Sprache gefuhrt ...

Zwei Manner, der eine in kurzer Jacke, der andere wohlangethan, mit einigen jungen Leuten, einem Madchen darunter, sprachen bald zu den Bildern des Fensters gewandt, bald zu jener Dame in dem schwarzen Kleide ...

Es war Lucinde ...

Bonaventura horte es an ihrer Stimme ... er hatte auch neulich von den Italienern, von dem Gipsfigurenhandler und seinen Kindern gehort ...

Der Monch schreitet naher, halt einen Augenblick inne, horcht den italienischen Lauten und saugt sie voll Begierde ein, wie Duft aus dem Lande der Palmen ...

Jetzt wendet sich Lucinde und wird auch seiner ansichtig ...

Wir wissen, dass sie zum Tod erschrecken kann ohne das mindeste Zucken der Augenwimpern ...

Blass und marmorkalt mustert sie die beiden Daherkommenden: den Monch, den sie schon um der Seltsamkeit seiner Tracht willen erkennen musste; Bonaventura, vor dem sie in diesem Augenblick durch die Enthullung ihrer Beziehung zu seinem Begleiter glauben durfte, alles zu verlieren ...

Der Monch hort seinen Anruf nicht und liest nur die Inschriften der Leichensteine ...

Auf den jetzt ihn treffenden Blick und den sich verneigenden Gruss Lucindens hatte sich Bonaventura sammeln konnen. Sonderbar, auch die Tochter des Italieners schien ihn zu kennen, die ihm doch fremd war ... Mit einer hastigen Geberde deutete sie auf ihn und flusterte mit dem Vater und mit den Brudern ...

Bei alledem hatte Lucinde den Pfarrer gegrusst, ganz ehrerbietig zu ihm aufblickend. Vor dem Monche aber schlug sie die Wimpern nieder ...

Eine Italienerin vermuthet dieser ... ohnehin muhsam dahinschreitend, halt er einen Augenblick inne ... und jetzt wie festgewurzelt steht er und sicher hatte er durch einen lauten Ruf sein Erschrecken kund gegeben, wenn nicht Bonaventura, die Wirkung dieser Wiederbegegnung vorahnend, seinen Arm ergriffen und ihn von dannen gefuhrt hatte.

Muhsam folgt Klingsohr. Das lange weite Gewand schleift an der Erde nach. Die Knie brechen dem Gefolterten. Glucklicherweise sind beide einer Kapelle nahe, in der eben Messe gelesen wird.

Beide knieen und mogen schwerlich beten konnen ... falls nicht das Gebet ein Zwiegesprach der Seele mit sich selber ist.

Als sie sich erhoben und Bonaventura draussen im Freien fragt: Sie kannten jene Dame? darf der Monch nur erwidern: Nein oder ja! Er erwidert: Ja! Es war ein Wort wie ein Menschenleben.

Auf seinem Zimmer fand dann Bonaventura, als er nach dem seltsamsten Selbander von der Welt gegen Mittag nach Hause gekommen, gleich beim Eintreten auf seinem Schreibtisch einen Brief, den ihm Renate aus St.-Wolfgang nachgesandt.

Er hatte ihr wol das Ansehen einer grossen Wichtigkeit gehabt, denn er war mit Poststempeln uber und uber bedeckt.

Bonaventura erbrach und las:

Sub sigillo confessionis.

Quando quis tibi occurrit sidei romanae sacerdos ...

Wir kennen die rathselhafte Einladung, die auch an

Wer weiss, ob dieser jetzt, wie er uber die Berufung des geliebten Neffen durch die Romlinge zitterte, nicht ebenso von Bangen ware ergriffen gewesen, hatte er das leuchtende Auge gesehen, mit dem Bonaventura diese Zeilen las und wieder las und sich nicht trennen konnte von den Worten: "Der nicht den Tod eines Huss, Savonarola, Arnold von Brescia scheuen wurde, um die Kirche von ihren Fehlern zu reinigen!"

Freiheit! Freiheit! riefen tausend Stimmen in seiner Brust. Alle Creatur schien ihm zu schmachten nach Erlosung. Die gefesselte Zunge der ganzen Menschheit schien ihm nach Sprache zu ringen ...

Er bewunderte den Kirchenfursten; aber seine Ideale wankten. Er verzweifelte an der Kraft, in den grossen Vorstellungen von seinem Beruf, die ihn sonst wie mit Cherubsflugeln emporgehalten, ein ganzes Leben lang noch mit seinem innersten Menschen aufzugehen.

9.

Duster brannte die Lampe in einem kleinen, engen, doch behaglich eingerichteten Zimmer.

Die weissen Vorhange zweier Fenster waren niedergelassen ... Tiefe Ruhe ... nur zuweilen das Schnobern von Rossen wurde horbar in dem Hofe, auf den sie hinausgingen.

Elf Uhr schon ...

Im Nachtgewande sitzt Lucinde auf einem weiss uberzogenen kleinen Kanapee ... vor ihr steht ein blinkender Mahagonitisch mit Zeitungen und Buchern bedeckt ... in einem Winkel des Zimmers, hinter einem Schirm, steht ein Bett ... Im kleinen weissen Ofen prasselt eine behagliche Flamme.

Endlich war sie frei von ihrem Tagewerk der Verstellung, hatte sich entkleidet, konnte noch nicht zur Ruhe gehen und wollte wachen.

Die dunkeln Haare hangen, halb schon aufgelost, uber Nacken und Stirn herab ... diese Stirn, die seit einigen Jahren erst sich so machtig uber die Augen vorgedrangt ... sie stutzt sie mit der durch das Emporhalten fast blutlos gewordenen, schneeweissen Hand ...

Auch das lange bauschige Kleid, das sie umhullt, ist weiss ... wie musste die Schwarze ihrer Locken, das Feuer ihrer Augen dagegen abstechen! .. Die Unruhe ihres Geistes zeigte sich in den Lippen, an denen die weissen Zahne zuweilen sichtbar werden; sie druckt und schneidet in sie fast mit ihnen ein.

Schon oft hatte sie begonnen, die Haare zur Nachtruhe zu flechten und zusammenzulegen ... immer war sie von der Arbeit abgekommen, hatte die Hande sinken und dann den Kopf in so schrager Lage beharren lassen, als wenn sie noch flocht, noch ordnete ... Wurde er ihr zu schwer, so stutzte sie ihn ... Daruber hatte sich der kleine Messinglampendocht verzehrt, aber lange wahrte es, bis sie die Dusterkeit merkte; dann griff sie zu und schraubte ihn hoher und das weisse Licht verbreitete sich heller auf die weissen Vorhange, die Gestalt im weissen Nachtgewande ...

Lucinde gedachte des Gestern und Heute ... Der leuchtendste Punkt war die Begegnung am Morgen.

Porzia Biancchi hatte in dem daherkommenden Geistlichen eine Aehnlichkeit entdeckt, die sie dem Vater und den Brudern mittheilte, diese dann wieder dem Onkel Marco, der ein Maler war und die Kunst ubte, alte Bilder zu restauriren und der dafur in diese an alten Bildern so reiche Stadt berufen war ...

Wohl schlug das Wort an Lucindens Ohr, dass der daherkommende Geistliche dem Eremiten Federigo von Castellungo wie aus den Augen geschnitten ahnlich sahe; wohl nannte sie des von ihr, trotzdem, dass sie Klingsohrn sah, so ehrerbietig Begrussten Namen, den freilich nur Porzia's Vater kannte von dem Dechanten, seiner buona pratica her ... aber sie horte nur das verhallende Knistern auf dem steinernen Estrich von Bonaventura's Schritten, staunte nur dem leisen Gange eines mit Sandalen und nackten Fussen dahinschreitenden Monches, horte dessen Lieder und dithyrambischen Spruche, die ihr aus dem einzigen starren Schreck seines sie erkennenden Blicks wie tausend Raketen aufschossen ... sie sah nur noch dann, wie sie beide niederknieten und zu beten schienen ...

Aus dem Dome schritt sie, heute die Segnung mit dem Weihwasser vergessend.

Sie war im Kattendyk'schen Hause wieder, nahm die Abschiedszeilen der Serlo-Leonhardi (die schon den Wortbruch enthielten, doch von des Monches nachtlichem Besuch zu erzahlen glucklicherweise war sie mit ihren Kindern wirklich abgereist ) und sammelte sich erst nach den Anstrengungen des Zusammenlebens mit einer sanguinisch erregten, das Wichtigste leicht, das Leichteste wichtig nehmenden Familie, Abends spat, in diesem Zimmer, das in den Hof gehend ihr als das ihrige war angewiesen worden.

Serlo's Kinder! Auch bei ihnen verweilte sie ... Klingsohr's Verrath an seinem Gelubde ... um ihretwillen! ... Sie lachelte befriedigt, doch sprach sie zu sich:

Massige dich nur! Sei nur still! Nur still! Lachle nicht, weder vor Freude, noch vor Schmerz! Lass alles uber dich ergehen! Lass den Wolkenwagen des Geschicks dahinrollen wie im Gewitter! Zuck' im Weltbrand nicht mit der Wimper! Ertrage, was auch komme, selbst das Seligste, mit Gleichmuth! Gib Gehor jedem Befehl, den die Menschen hier, lieblos genug und ewig von Liebe sprechend und eigentlich liebevoll nur gegen zwei Bologneserhundchen, dir ertheilen! Sprich schon nichts! In deinem Ton liegt etwas, was der Ohrnerv der Eitelkeit nicht ertragen kann! Du willst ganz so sein, wie sie's wollen! Todt! Du willst beten wie sie, denken wie sie, ihre Reden bewundern, ihre Einfalle uberraschend finden! Tuschelt dir die Frommigkeit der Commerzienrathin eines Tages ins Ohr: Liebste, ich habe einen Sack gekauft, kommen Sie, wir bestreuen das Haupt mit Asche und beten in den Sack hinein! ... auch das thu' ich! Will Johanna, dass ich an dem kleinen Professor extraordinarius die kleinen Nagel seiner Finger bewundere, ich thu' es! Ich will leben wie die Wanderer in den Schneealpen sich zu unterreden aufhoren, wenn sie hoch oben hinaufkommen und furchten mussen, durch ein zu scharf ausgesprochenes Wort die todliche Lavine zu wecken!

Dann bei der zweiten Toilette der Commerzienrathin und Johannens, bei dem nur Putz und Vergnugen erorternden Besuche der Frau Procurator Nuck, bei dem Gefluster uber die immer enger und enger sich schliessende gefahrvolle Einheit des Ehepaars im zweiten Stock, bei dem geruhmten Behagen an der Ruhe im Hause, seit Piter nicht anwesend, bei den Mittheilungen uber die Hauptmannin von Buschbeck, ihren Tod, ihre Frommigkeit, ihr Testament an den Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort und die fehlenden Werthpapiere, diese Kapitalien, die sie als Kind so angestaunt hatte, weil sie ihr wirklich "rings auf den Feldern zu liegen" schienen zu allem schwieg sie, erganzte nichts, berichtigte nichts; sie wollte alles in sich verschliessen und nur ihre Zeit abwarten.

Gegen Abend war auch Treudchen auf einen Sprung gekommen und erzahlte vom Kloster, wohin sie wirklich gegangen war ihren Geschwistern zu Lieb. Wie hatte man sie gefeiert! Selbst mit ihren Geschwistern hatte man sie uberrascht, die aus dem Waisenhause waren abgeholt worden! Alle hatten Geschenke bekommen! Von Cajetan Rother, dem ehrwurdigen Beichtvater der Schwestern, fur den das Sprachgitter nicht vorhanden war, hatte sie selbst ein zierliches Buchlein mit goldenem Schnitt empfangen, das Leben einiger besonders vorzuglicher Heiligen und Heiliginnen darstellend ... Die Kinder trugen eine Last Confect mit sich heim, wie dergleichen auch nur in Klostern gebacken wird ... Sie zeigte ein von Schwester Beate erhaltenes Nadelkissen in Form eines Ostereis, ganz von Seide, vergoldet und in jenem Geschmack, der so eigenthumlich der frommen Kunstfertigkeit hinter Klostermauern angehort ... Schwester Therese hatte dann vorgelesen, Marienlieder, deren einige man im Chore gesungen im Refectorium, vor und nach dem Kaffee und dieser Kaffee ware so gewesen, wie nur je einer in der Dechanei zu Kocher am Fall, wenn etwa der Geburtstag des die "lieben Freundinnen" bereisenden Frauleins von Minnerich oder der Frau Majorin Schulzendorf gefeiert wurde oder eine jener Kindergesellschaften, zu denen der gute Dechant (fruher, ehe der Geist der Kirche so streng wurde) alle kleinen Kinder in Kocher am Fall ordentlich durch Visitenkartchen einzuladen pflegte.

Die frohen Mittheilungen kamen dann auch hier, auf Veranlassung der Dechanei, bei dem Morde der Frau Hauptmannin wieder an, bis dann Treudchen zu Madame Delring, ihrer nachsichtigen Herrin, wieder hinaufsprang ...

Am Abend war auch die zweite, wie es schien quecksilberne Tochter der Commerzienrathin, Frau Procurator Nuck, wieder erschienen, eine kinderlose, nur dem Putz und ihrer Eitelkeit lebende Frau. Lucinde hatte sich sogleich ihr Herz gewonnen durch einige Bemerkungen uber ein neues Kleid, das sie trug. Sie war gestern im Theater gewesen und haufte das Allernachtheiligste auf die Darstellerin der Frau von Waldhull und die kleinen "Fratzen", die Lucinde so gern wiedergesehen hatte, wenn sie nicht das System gehabt, auch bei Genussen des Gemuths, sie sich versagend, zu sprechen: "Wozu?" Das war das kalte Wort, das ihr eigen geworden, mehr Worte eines herben Behagens am Entbehren und der Selbstqual als der Herzlosigkeit. Im Geiste Serlo's hatte sie der Frau Procurator sagen mogen: "Liebste Frau, ware das Haus voll gewesen, so hatte Ihnen alles gefallen! Da es aber leer war, ubertrug sich Ihre Verstimmung uber die geringe Bewunderung Ihrer Toilette auf die Leistungen der Mutter, der Tochter, auf alles ..." Sie behielt das, wie jedes dergleichen, zuruck, horchte nur dem Gesprach, bei welchem auch Benno genannt wurde, "meines Mannes bester Arbeiter", der "von ihm nach dem Huneneck geschickt worden ist" ... und auch den Reiz, Benno's Weise gegen den Schein eines Sich-so-nurschicken-lassens zu befreien, unterdruckte sie ... Sie sagte nur immer ihren Leibspruch, ein Wort des heiligen Augustinus: Trahimur! Trahimur!1

Um sich zu beruhigen, hatte sie einmal wieder in Serlo's Papieren zu lesen angefangen und hatte auch wieder aufgehort ...

Endlich begann sie aufs neue:

"Ist es denn moglich", schrieb Serlo einst vor Jahren, "was ich gestern erleben musste! ... Eine junge Frau war in dem Hause, wo ich wohne, gestorben und sollte heute in der Fruhe beerdigt werden ... Eine alte Schauspielerin, die zu unserer Truppe gehort, klopfte, wie ich schon im Bette liege, an meine Thur, nennt ihren Namen und wunscht mich zu sprechen. Ich staune und furchte eine Anleihe. Nachdem ich mich angekleidet, offne ich die Thur und in ihrem besten, elegantesten Anzug erschien die Darstellerin der Zigeunermutter und Hexen mit einer augenblinzelnden und doch beklommenen Artigkeit. Nie hatt' ich mit ihr viel Worte gewechselt und erstaunen musst' ich uber die Wahl ihrer Ausdrucke, die Artigkeit ihres Benehmens, die Feinheit ihres ganzen, mit ihrem Rollenfache im vollkommenen Widerspruch stehenden Wesens. Verzeihen Sie! sagte sie nach einer Weile, wo ich das gefurchtete Anliegen erwartete, verzeihen Sie, in diesem Hause ist eine Leiche? ... Ja, sagte ich, eine junge Frau, die an einem Herzfehler starb! ... Sind die Leute wohlhabend? ... Sehr arm! war meine Antwort ... Wurde der Mann gestatten, wenn ich ihm zwei Thaler schenkte ... Sie stockte ... Gestatten? Was? fragt' ich erstaunt ... Mutter Viarda lachelte seltsam ... Sie werden mich fur eine Narrin erklaren, begann sie aufs neue, aber ich muss Ihnen gestehen, dass ich eine Liebhaberei habe, die keine andere ist als die, Todte zu schmucken! ... Wie? sagte ich und zog mich erschrocken zuruck; ich glaubte mit einer Verruckten zu reden ... Sie sind erstaunt, fuhr mein Besuch fort, Sie zweifeln an meinem Verstande, und doch bitt' ich Sie wirklich, fuhren Sie mich zu dem Manne und erlauben Sie mir, seine Frau so zu schmucken, wie ich ein ganz unwiderstehliches Verlangen trage, wenn ich irgendwo eine Leiche sehe ... So traurig die Veranlassung dieser Bitte war, ich musste doch uber sie lacheln ... Da Sie zu Ihrem Liebeswerk noch zwei Thaler dazugeben wollen, sagte ich, so will ich mit dem Manne reden ... Ich ging in der Dunkelheit die Stiege hinunter und fand, den armen Handwerker mit seinen Kindern um die schon im Sarge befindliche, nur mit einem einfachen weissen Hemde bekleidete Leiche seiner Frau, der Mutter seiner trauernden Kinder ... Mein Anerbieten konnte als ein Werk der Barmherzigkeit gelten und die Annahme fand keinen Anstand ... Ich kehrte zu meiner Auftraggeberin zuruck und begleitete sie hinunter ... Mit allen Zeichen der Theilnahme trat sie an den Sarg, fuhr mit der Hand uber die kalte Stirn und sagte dann: Hier, lieber Mann, da sind zwei Thaler, aber lassen Sie mich mit der Leiche allein! .. Der Mann ging arglos, wenn auch uberrascht, mit den Kindern auf den Vorplatz ... ich wollte bleiben ... Auch Sie, Herr Neumeister! sagte sie (ich fuhrte damals noch meinen alten Namen) ... Als ich zogerte und etwas befurchtete, das nicht in der Ordnung war, sagte sie: Herr Neumeister, wenn Sie schweigen und mich nicht storen wollen, konnen Sie bleiben ... Ich blieb und sah voll Grauen, was die Darstellerin der Zauberinnen, Hexen und Zigeunermutter begann ... Sie stellte einen Beutel, den sie unter ihrem Mantel verborgen hatte, zur Erde, zog eine Anzahl frischer Blumen hervor, legte sie der Leiche auf die Brust, in die Hande, ums Haupt. Dann ergriff sie ein kleines Doschen, das ich sofort als Schminktopf erkannte, tupfte hinein mit etwas Baumwolle und schminkte die Wangen der Leiche, dass sie wie volles bluhendes Leben aussahen ... Jetzt, meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend, ergriff sie gierig die kleine zinnerne Lampe und beleuchtete ihr Werk ... es war ein Anblick, das Haar strauben zu machen ... Sie redete mit der von ihr geschminkten Leiche und wie mit einem ihr bekannten Wesen, redete voll Theilnahme, voll Herzlichkeit; beklagte die Leiden derselben, trostete sie, eroffnete ihr ein Reich der seligsten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen, wie wenn ihr ganzes Sein sich einmal aufgelost hatte wieder in Andacht, Poesie und langstentbehrter Liebe ... ich sah sie dahinschreiten wie ein Gespenst ... Als ich allein war, bekampfte ich mein Grauen, tauchte den Finger in das Oel der Lampe und entfernte die trugerische Luge des Lebens von den todten Wangen ... Der Gatte und die Kinder kamen zuruck ... sie fanden nur die Blumen und stockend erzahlte ich, der Alten ware es ein Bedurfniss, in dieser Art stille Liebesopfer zu vollziehen ... Diese Frau, mit der ich taglich verkehren musste, konnte ich nie mehr ansehen, schwieg auch von dem Vorgefallenen zu jedermann, bis ich von andern erfuhr, dass diese Manie allgemein an ihr bekannt war und dass sie, um sie zu befriedigen und vor den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes, der sie die Leichenschminkerin nannte, sicher zu sein, schon seit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben fuhrte."

Oft hatte Lucinde diese Stelle gelesen ... mit Lachen sogar ... heute erschien sie ihr in einem seltsam andern Lichte ...

Sie uberschlug jedoch einige Betrachtungen uber das was man ein Leichenschminken in der Geschichte nennen konnte, und fuhr fort:

"Wie mich dann diese Erfahrung auch wieder zuruckversetzt hat in meine erste Erziehung zum Priester, in die klosterliche Einsamkeit meines Jugendlebens im Convict!

Ja, wer nennt euch alle, ihr Verirrungen, die unausbleiblich sind, wenn man die Grundnatur des Menschen eine verdorbene nennt und das Leben daran gesetzt wissen will, diese Natur zu bekampfen, auszurotten und mit einer gelauterten, einem Kleide voll Glanz und Durchsichtigkeit zu vertauschen! 'Wenn dich dein Auge argert, reiss es aus!' war Jahrtausenden und ist noch jetzt Millionen nicht im Bilde gesprochen! Wirklich reissen sie sich und andern den edelsten Theil des schonen menschlichen Baues aus! In dem protestantischen Wesen findet die Lehre von der Erbsunde doch, wenigstens nur noch im allgemeinen eine Pflege; aber bei uns, den Treugebliebenen, uns, den in duldender Ergebung das grosse geschichtliche Vermachtniss Forttragenden, bei uns ist darauf die ganze Heilslehre begrundet und der Teufel eine Macht, die man schon von dem Kinde wegblast und wegkreuzigt, wenn es getauft wird. Jeden ruhig prufenden Seelenarzt frag' ich, wie er es nennt, wenn das Mistrauen und der Hass vor der eigenen Person sich so steigert, dass man sein Ich einer fortwahrenden Zuchtigung unterwirft? Die Manie hort darum nicht auf eine Manie zu sein, wenn sie auch geheiligt erscheint durch Millionen, die von ihr befallen wurden. Oft kann uns schaudern vor einem Wahn, der die ganze Majestat der Gewohnheit und der Gesetze fur sich hat. Und doch ist dem so und wir sehen es mit Wehmuth.

Ich bekenne von mir, dass ich in meiner Erziehung zum Priester unter dem Druck einer steten Beangstigung vor dem Uebersinnlichen und Gespenstischen lebte. Die Fasten, die methodisch geregelten Lebensweisen machten uns Knaben bei allem sonstigen Leichtsinn den Kopf so wirbeln, wie eine immerfort angeschlagene eintonige Trommel zuletzt zur Verzweiflung bringt. Wir uberboten uns, und nicht aus Eitelkeit und Liebedienerei, in der Schaustellung des Kampfes gegen Anfechtungen; wir wollten Visionen haben, wie Antonius in der Wuste und Franz von Assisi. Einen meiner Mitschuler fand man eines Tages mit verletzten Gliedern ohnmachtig in seinem Zimmer am Boden. Die Gewohnheit hatte er gehabt, in jedem Augenblick, wo er allein war, an einem Querholz, das er nach langen geheimen Muhen so uber einen in der Mauer hervorstehenden Balken befestigen konnte, dass es sich auch ebenso wieder abnehmen liess, ohne dass man die Anstalt bemerkte, sich anzuklammern und fur sich ganz allein wie Christus am Kreuze zu schweben. In dieser Selbstmarter wurde er immer weiter gegangen sein, wenn man ihn so nicht eines Tages besinnungslos gefunden hatte.

Empfindung hab' ich fur alles Poetische, das einem solchen Wahn und einem darauf begrundeten Glauben und Leben zum Grunde liegen kann; ein Schauer uberrieselt mich aber doch, wenn ich mir eine solche, damals nicht etwa bestrafte, sondern eher noch bewunderte und belobigte Gesinnung in ihrer spatern Entwickelung, im weissen Gewande des Dominicaners, als Grossinquisitor, als Beichtvater eines Fursten denke und an solcher Stelle dann die Loose gemischt und gezogen, die uber das geistige Wohl der Jahrhunderte entscheiden wollen. O du edler Gekreuzigter, den ich so innig liebe, was geht auf deinen Namen! ... Einst fragte ich einen Arzt nach meiner Leichenschminkerin. Solche Dinge entstehen aus den Storungen des geschlechtlichen Lebens! sagte er ... Nun wohl, dann will ich einen Schleier fallen lassen, so gross wie der sternenlose, schneeverhullende Nachthimmel des Novembers, uber euch Kirchen und Kapellen und Kloster und Schulen, in denen die Priester im Geiste Hildebrand's erzogen werden und wirken! ...

Ich sah auch vielerlei Wahn, der nicht aus den Storungen des geschlechtlichen Lebens kam. Die beleidigten Geister der Freiheit und Natur rachen sich. Sie jagen wie mit Furienfackeln die Feinde der Menschheit, die Verbrecher gegen den Heiligen Geist rund um sich selbst, dass sie keinen Ausweg mehr wissen vor ihrem eigenen Schatten und mitten in ihren Siegen, mitten in ihren Triumphen eine Verzweiflung sie ergreift, die ihnen zuletzt nicht den geistigen Tod als die hochste Lebenswonne vorspiegelt, sondern sogar den physischen

Wir hatten unter unsern Lehrern einige ehemalige Benedictiner, in ihrer Art hochst gelehrte und an sich vortreffliche Manner. Sie gehorten Klostern an, die man aufgehoben, Klostern, in denen sie mit grosser Bequemlichkeit gelebt hatten. Einer davon verschmerzte die Versetzung in den Stand des Weltgeistlichen sehr leicht. Es war ein Mann jovialer Natur, plauderhaft und nicht reinen Geistes. Ihm hatte des alten Romers Wort: Vor Kindern habe Scheu! vorzugsweise gerufen werden konnen. Seine behabige und immer lachelnde Art war die der unerlaubten Vertraulichkeit im Reden. Wie ein leckes Fass war er, das aus allen Ritzen quillt. Seine Lust war die, Geschichten aus seinem Kloster zu erzahlen, alles durcheinander, Heiliges und Weltliches, Verburgtes und Unverburgtes spater hab' ich oft solche unwurdige Greise gefunden, die ein Gefallen daran finden, gerade vor der Jugend geistig entblosst zu gehen. Was hat uns nicht dieser alte Professor, Pater Sylvester, von seinem und allen Klostern und Pfarreien der Welt erzahlt! Nichts etwa, was gegen sie zeugen sollte, nein, das Frommste, das Andachtigste, aber gemischt mit dem Unmoglichsten und sich eben deshalb dem Spott von selbst Anheimgebenden! Die Geschichten von einer Pfarrerskochin, die mit dem Teufel zu thun gehabt hatte, erzahlte er ebenso fur bestimmt, wie er die Versicherung gab, dass im Fegefeuer die Manner und Frauen getrennt sind. Dies bewies er aus der schlechtern Natur der Weiber, die durch Ausspruche der Concilien erhartet wurde. Die Entziehung des Kelches schrieb er dem Ueberhandnehmen der Barte zu und der Gefahr des Weines vor dem Ungeziefer Kein Bienenschwarm, sagte er wie mit Schwuresbetheuerung, der in eine Kirche kame, ruhre die Hostie an Zwei Leichen hatten in einem Grabe gelegen, als man sie aber ausgrub, hatte man die eine uber der andern gefunden und als man naher sich erkundigt, war die untere ohne Beichte gestorben Dem Pfarrer gebuhre eigentlich von allem der Zehnten, auch von der Ehe; diesen konnte er aber den Neuvermahlten schenken, da er jede Ehe schon vollstandig allein genosse, namlich am Altare im Sakrament (man denke sich, wie uns reifende Knaben diese Worte aufregten!) Die Kirchenglocken waren die Zungen der Lufte, folglich mussten sie auch wie jede Zunge fasten; das geschahe am Grunen Donnerstage Im Beichtstuhl musste man vorzugsweise nach den Traumen fragen; eben in diesen lage der wahre Schlussel zur beichtenden Seele, die oft selbst nicht wisse, was ihre wahre Sunde sei Beim Lesen einer Todtenmesse erkenne man daran, wenn dem Priester das Kind Jesu in der Hostie erschiene, dass die Seele nicht mehr im Fegefeuer ware Und so gingen diese Belehrungen des Paters Sylvester fort bis zur Exaltation uber den Werth eines Priesters, dass dieser uns geradezu Gott gleichzukommen schien. Zwischendurch liefen in aller Harmlosigkeit Berichte uber ein Nonnenkloster, wo die Schwestern im Klostergarten bei Mondschein wandelten und unter den Blumen das Kind Jesu suchten und oft schon hatten sie's gefunden, sagte er, und hatten's in die Kirche an den Hochaltar getragen, geputzt und lieblich angesungen und allerlei Spass mit ihm gehabt oder von einem Monche, der in einem Buchschen den Staub sammelte, der sich am Hochaltar auf den Marienbildern anlegte, und damit Zahnweh vertrieb und Aehnliches.

Was aber auch Pater Sylvester uns in Mussestunden und beim Spazierengehen mit ernster Miene an solcher Narretheidung zuflusterte man schickte ihn endlich in ein Versorgungshaus nichts kam dem gleich, was wir in unserm dustern Gebaude mit seinen langen Gangen, finstern Zellen, durchraucherten Winkeln und gefangnissartigen, vergitterten Fenstern endlich selbst erlebten.

Ein anderer Benedictiner, Pater Fulgentius, war ein Mann von grossen Kenntnissen und strenger Disciplin. Cholerischen, oft aber auch wieder tiefmelancholischen Temperaments und wie von Schwermuth uber die ganze Erdenschopfung ergriffen, flammte er bald in Ausbruchen der Leidenschaft auf, bald versank er in ein fast menschenscheues Umherirren und Suchen nach einer Ruhe, die er nicht finden konnte. Er brachte es dahin, dass Pater Sylvester endlich entfernt wurde. Von zelotischer Strenge in seiner Lehre strafte er, liess zuchtigen und verbreitete Furcht und Schrekken. Dieser Gesinnung wegen hatte man ihn zum Rector ernannt. Erst schloss er sich ein, um diese Wurde abzulehnen zwei Tage lang! Als er endlich, von Hunger und Durst getrieben, nachgeben musste und offnete und die Wurde annahm, war er eine Zeit lang die Milde selbst; bald aber kam die alte wie aus Feindschaft gegen Gott und die Welt hervorgehende Strenge, die indessen den Ruf der Gottseligkeit der Anstalt mehrte. Endlich verbreitete sich das Gerucht, dass es mit dem Pater Fulgentius nicht geheuer ware. Nachts horten wir Kleinern zuweilen ein plotzliches Laufen auf den Corridoren, ein Schellen wie nach Hulfe am folgenden Morgen erfuhr man, der Rector ware krank gewesen. Erst nach einigen Tagen erschien er dann wieder, duster und verfallen, mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes und so, als lage das ganze Leid der Welt auf seinen Schultern. Diese nachtlichen Begebenheiten wiederholten sich, ja am Tage kamen sie schon vor und allmahlich verlautete die grauenhafte Kunde, dass der Rector, gefoltert von Seelenleiden, unzufrieden mit allem und mit sich selbst zumeist, eben noch die gleichgultigsten Dinge reden, dann aber in seine Zelle gehen konnte und Versuche machen, sich zu entleiben. In der ersten Nacht hatten ihn einige Schuler der ersten Klasse gerettet, die um Mitternacht in den Chor mussten, um zu singen. Sie klopften, um den Rector, der sich zuweilen auch diese Unterbrechung des Schlafes auferlegte, abzurufen, traten, da niemand sein Zimmer verschliessen darf, selbst ein Lehrer nicht, ein und hatten den Anblick eines Erhangten. Die rasche Entschlossenheit eines der starksten Alumnen schnitt ihn los und allmahlich kam er zu sich. Man verschwieg den Vorfall, musste ihn verschweigen; aber er wiederholte sich. Man suchte die Ehre der Anstalt zu wahren; die Verbindung mit der Aussenwelt war so lose, so locker, die Intervalle der Selbstzerstorungsanfalle wurden zuweilen langer; man bewachte den Unglucklichen, nahm ihm weg, was ihm die Ausfuhrung seines Gelustens erleichtern konnte und so wurden diese Dinge vertuscht. Als jedoch immer und immer die Scenen wiederkehrten, beriefen die Professoren, die grosstentheils durch Pater Fulgentius berufen und angestellt waren, einen Mann, den wir, als wir davon erfuhren, nicht anders als fur einen Exorcisten halten konnten. Denn es stand uns fest, dass eigentlich an dem Pater Fulgentius sich eine besondere Absicht der Vorsehung offenbarte. Wir sahen ihn um seines gottseligen Lebens und seiner Lehre willen nur unter den Anfechtungen des Teufels. Ihn dem Himmel zu erhalten schien uns der Zweck eines Besuches zu sein von einem durch seine Ascese beruhmten Monche, einem Laienbruder der Franciscaner, der aus ferner Gegend angemeldet wurde.

Ein Bruder Hubertus erschien. Eine hagere, fast skeletartige Gestalt, mit einem Kopfe, der schon dem Beinhause anzugehoren schien. Angekommen, verneigte er sich freundlich nach rechts und links und begrusste den Rector scheinbar nur im Auftrage seiner Obern mit dem Ausrichten einer ihm anvertraut gewesenen Commission in Sachen eines Processes; denn auch ein Advocat begleitete ihn. Pater Fulgentius wusste nichts von dem Vorhaben seiner Freunde, die eine Heilung durch den Bruder Hubertus nach dessen Rufe fur moglich hielten. Auch ich erfuhr erst viel spater den ganzen Zusammenhang aller dieser Vorgange. Auf meinen kunstlerischen Irrpfaden begegnete ich einem meiner fruhern Mitschuler, einem inzwischen angestellten Pfarrer, der damals den obern Klassen angehort hatte, die den Rector bewachten. Man denke sich Vorlesungen uber den Glauben und die Liebe, die unter solchen Umstanden gehalten wurden! Jener beruhmte Rechtslehrer, der in Berlin auf die vernunftigste Art seine Pandekten las und dennoch sich einbildete, Kaiser Justinian zu sein, hat mich oft an diese Collegien in unserm Convict erinnert. Von diesem alten Mitschuler erfuhr ich erst, dass Bruder Hubertus, der gleichsam zum Ausruhen von seiner Fusswanderung einige Tage langer unter uns verblieb, eines Tages den Befehl gab, die Werkzeuge der Selbstzerstorung in des Paters Nahe nicht wegzunehmen. Es geschah dies ..."

Lucinde horte die zwolfte Stunde schlagen ...

Sie legte die Blatter zusammen ...

Sie kannte ihren ganzen Inhalt ...

Sie hatte alles das schon so oft gelesen und nahm es nur dann wieder vor, wenn sie sich fur den Zwiespalt, in dem sie mit den Auffassungen Serlo's lebte, eine Beruhigung suchte, eine Brucke der Vermittelung ...

Hatte Serlo noch gelebt und neben ihr gestanden mit seiner elegischen Ironie, der lassigen Ergebenheit, der sichern Zuversicht, dass dies ganze Dasein der Muhe des Lebens nicht lohne sie wurde vielleicht uber Religion und Kirche gedacht haben wie er. Bonaventura aber glaubte anders ... Das zog sie, sich nicht den Anschauungen Serlo's gefangen zu geben ... Wie sie schon den Beda Hunnius anders beurtheilte als Serlo, so hatte sie auch getrost den ganzen Bau, der sich um sie her durch ihr neues Bekenntniss wolbte, vollkommen anerkannt und an seiner Vollendung mitgearbeitet, hatte nur Bonaventura irgendwie ermuthigend und beifalllachelnd zu ihr herabgesehen ... und das stand uberdies in ihr fest: Wahn ist ja alles! Fur den Glauben aber, es ware k e i n Wahn (und der ist nothwendig, wenn nicht alles zusammenfallen soll), kann es mancherlei Formen geben, von denen dann allerdings die eine vielleicht eine Kleinigkeit besser ist als die andere ...

Der Name des Monches Hubertus durchschauerte sie jedesmal, wenn sie von ihm las. Sie hatte ihn nie gesehen aber in ihrer Jugend oft von ihm reden horen. Was knupfte sich nicht alles an ihn an! An diese alte Liebe der wie einst ihre Tauben gestern so am Kuchenherd Erwurgten! ... Die Nachte im Pavillon des Parks vom Schloss Neuhof, wenn die Ulmen rauschten und der Mond mit seinem so klugen, aller Dinge der Erde kundigen Antlitz in ihre Kammer schien, nachdem sie das Licht ausgeloscht und sich auf ihr Lager geworfen ...

Auch jetzt ging sie zur Ruhe ... die Lampe ausloschend und hinter ihrem Schirm verschwindend wie ein Schatten ...

Sie hatte die Ahnung, dass sie noch durch viel Untergang und Zerstorung gehen wurde Dann war es ihr immer, als stunde alles um sie her in Flammen ... Und auch heute war ihr erster Traum eine Feuersbrunst ...

Allmahlich wurden die Bilder ruhiger ... Noch zeigten sie wol die alte Frau Hauptmannin auf der Todtenbahre ... Hubertus trat zu ihr ein wie zu Pater Fulgentius ... Doch was sind Traume! ... Der "Advocat", der hinter ihm stand, war erst Lucifer selbst dann milderten sich die Schrecken die Gestalten wurden bleicher und bleicher zuletzt blieben nur die beiden Bologneserhundchen ubrig und Herr Maria mit seiner saubergefaltelten Wasche und mit Deutschlands feinstem Dialekte.

Fussnoten

1 Wir werden gezogen und haben keinen freien Willen.

10.

Hoiho! ... Hoiho! ... Hoiho!

So rief es hellauf hinter einer lieblichen Gruppe von Birken und Hangeweiden und von einer weiblichen Stimme, rein, metallen, wie Silberton.

Die Ruferin war ein junges Madchen in blauem Kleide, einem leichten runden Strohhut auf dem einfach gescheitelten Haare

Ein Ruder in der Hand stand sie in einem leichtgebauten Kahn, ihn hin- und herwiegend mit herausforderndem Muthe. Noch lag der Kahn an einer Kette, die ihn am Ufer festhielt; noch stiess und rauschte sein Vordertheil an den Sand und die Steine des Strandes der Insel Lindenwerth. Ein Schifferknabe sass an der entgegengesetzten Seite; das Steuerruder schon in der einen Hand und auf den erwarteten Befehl bereit, die Kette mit der andern zu losen.

Die Ruferin winkte jetzt durch die Hangeweiden und Birken hindurch einem alten, von Linden umstandenen Gebaude zu, das klosterahnlich dicht in der Nahe, in der Mitte der kleinen Insel lag. Sie schien es auf ein Fenster abgesehen zu haben, an dem auch eben eine andere, altere weibliche Gestalt sichtbar wurde.

Der Seemannsruf Hoiho! Hoiho! schien aber dort nicht die beabsichtigte Wirkung hervorzubringen.

Armgart von Hulleshoven sie nur ist es befahl mit einem kurzen vertraulichen Winke dem Schifferknaben, weiter ins Wasser hinauszustechen und lehnte sich selbst uber Bord, um die Kette vom Pflocke, der sie festhielt, abzunehmen. Als zu dem Ende der Knabe sein zweites Ruder ergriffen hatte, nahm sie ihren Hut ab und setzte sich ans Steuer statt seiner. Der Knabe wusste schon, sie wollte, um von der Dame am Fenster gesehen zu werden, mehr die Hohe der kleinen Hafenbucht gewinnen.

Nun musste doch gewiss das Winken mit dem grossen Hute sichtbar werden an dem Fenster des Klostergebaudes!

Aber jetzt war die daselbst ersichtlich gewesene Dame vollends verschwunden.

Armgart harrte erst, ob die Gerufene inzwischen vielleicht herabkame ... Da sie aber ausblieb, forderte Armgart den Knaben auf, einige horbare und kraftige Zeichen von sich zu geben.

Hast ja dem geistlichen Herrn neulich um deine Stimme so gefallen, sagte sie, und sprichst als Ministrant dein "Saecla Saeclum" so prachtig laut, dass sie dich horen muss, Tonneschen! Ruf' einmal recht Juhu!

Und Antonius, genannt Tonneschen, rief denn auch, immer auf ihr Auge sehend, ein Juhu um das andere lautschallend in die Weite hinaus. Freilich musste er dazu von Armgart erst wieder aufs neue ermuthigt werden, denn es ging gar still her um die Insel Lindenwerth und wirklich war er von jenem geistlichen Herrn um seines schonen Aussehens und seiner sanften Augenwimpern willen in allem Ernst zur Verfolgung der kirchlichen Laufbahn ermuntert worden, als er ihn beim Ueberfahren zu den Englischen Fraulein in einem Buchlein schon vor Wochen auf den Thuriferar studiren sah, den er am morgenden Sonntag druben in der Kirche zu Drusenheim noch nicht in der byzantinischen des Herrn Bernhard Fuld, sondern in der alten beim Hochamt ubernehmen sollte.

Ei, Tonneschen! Lauter! Lauter! Was schadt's! rief Armgart.

Nun liess Tonneschen ganz den Schifferknaben los und wagte einen Naturlaut von einer solchen Kraft, dass man das Echo vom jenseitigen Ufer druben im Enneper Thale, wie huben vom vielbesungenen Huneneck zuruckschallen horte.

Dann sah er Armgart an, als wollt' er sagen: Nun, war's so recht? Aber dir uberlass' ich die Verantwortung!

Die Dame erschien wieder am Fenster ...

Sie machte jedoch die entschiedensten Zeichen der Ablehnung der ihr offenbar zum Mitfahren gestellten Aufforderung. Mit zartlich winkender Geberde wiederholte Armgart ihr Anliegen. Sie zeigte ringsum in die Gegend, deutete mit dem Hut auf die wundervolle Luft und beschrieb mit dem einen Arm, den sie frei hatte, einen Kreis, als wollte sie sagen: Gibt es denn etwas Schoneres in der Welt, als so auf dem schonsten Strom der Erde an einem Sonnabend Nachmittag im Kahne durch die Wellen zu kreuzen! Gibt es denn etwas Vernunftigeres, da du doch immer die Vernunft im Munde hast, als eine Erlaubniss zu benutzen, die die gestrengen Englischen Fraulein mir Unverbesserlichen zugestanden haben! Ist denn der Antonius Hilgers trotz seiner unverkennbaren Bestimmung zum Priester nicht der beste und kundigste Ruderer der Insel? Meiden wir denn nicht sorglichst die Dampfschiffe, obgleich, im Vertrauen gesagt, nichts uber das Schaukeln geht, wenn sie voruber sind und der Nachen in ihre zuruckgelassenen Furchen gerath? Huten wir uns denn nicht vor Thiebold de Jonge's grossen Holzflossen, mit denen nicht zu spassen ist? Und ist denn nicht jetzt die Stunde, wo wir moglicherweise druben Alles das sagte ihre Geberdensprache und ihr Blick, aber die grausame Dame zeigte auf eine Naharbeit, die sie hoch emporhielt ... Ach was! war Armgart's Geberdenantwort. Sonnabend Nachmittag! Die seligste Zeit im Leben lernensgeplagter Jugend! Sonnabend Nachmittag mit seinem Stillstand aller theoretischen und praktischen Lehrcurse, mit seinem Wonnegefuhl vollbrachter geographischer und linguistischer Anstrengungen, mit seinem erhebenden Ruckblick auf wenig Lob und viel Tadel, mit seiner zurecht gelegten Sonntagswasche, seinem erquickendsten Reinigungsbehagen, auch dem geistigen, dem abgelegten Sundenbekenntniss in der Beichte; Sonnabend, Sonnabend mit seinen Ahnungen und Hoffnungen auf Sonntag, auf die Extramehlspeise, Nachmittags auf die Landpartieen der Philister, denen diese schone Natur Feiertagskuchen ist, uns das tagliche Brot! ... Alles das wurde durch Deuten auf Himmel, Wasser, Erde, Luft, Ohr, Auge, Herz und ahnliche erfinderische Mimoplastik ausgedruckt. Und zuletzt stand sie sogar ganz still, bat nur mit den Augen und liess die an ihr jetzt sogar seit dem Abend bei Piter Kattendyk stadtbekannten zwei weissen Zahnperlen unter den vor Ungeduld und Schmerz halbgeoffneten Lippen sichtbar werden. Die Dame oben es war Angelika Muller sollte daraus entnehmen: Meine drei Aves, die ich fur meine heute gebeichtete bekannte Ungeduld und Verzweiflung um das lange Schweigen des Dechanten und meiner angebeteten Paula und mein Herzpochen um die Antworten auf die Briefe nach Kocher am Fall und nach Wien zur Busse zu beten vom Pastor Engeltraut druben aufbekam, hab' ich bereits hinter den ausgenaschten Brombeerhecken und beim Auflesen der auf den Boden gefallenen ersten reifen Mirabellen in aller Stille hinter mir ... also so komm' doch, so komm' doch, so komm' doch!

Da nun aber bei alledem die Grausame hartnackig und lachelnd ablehnend verblieb, da es auf der Insel sogar schon lebendig wurde uber den Larm des sonst so still sittsamen Tonneschen, da die Mitbewohnerinnen der Pension sich aus den Fenstern, ja sogar schon im Gemusegarten meldeten und zwei davon, die kein Deutsch konnten, in franzosischer Sprache sich vom Ufer aus uber Nautik und den Atlantischen Ocean mit Armgart zu unterhalten anfingen, was leicht damit enden konnte, dass ihrer mehrere mitfahren wollten, und als vollends von dem Ufer am Huneneck her schon ein Kahn voll natur- und romantiktrunkener Englander und Englanderinnen angefahren kam, so wandte Armgart ihr letztes und starkstes Beschworungsmittel an.

Tonneschen riss die Augen auf uber die Geberden, die plotzlich das Fraulein von Hulleshoven machte. Sie liess das Steuer fahren, hob noch einmal das zweite schwere Ruder in die Luft und beschrieb mit ihm allerlei wunderliche Zeichen. Erst einen grossen Kreis, dem sie gleichsam zuletzt in der Mitte einen Punkt gab. Dann ein Dreieck, in das sie wieder ein Dreieck hineinzeichnete. Dann ein Viereck, durch dessen vier Winkel sie einen Kreis beschrieb ... So, eine mathematische Figur nach der andern, und wie die Hand mude wurde, legte sie das Ruder nieder und drehte mit dem Finger Spirallinien und Wellenlinien und machte Schnorkel uber Schnorkel in die Luft.

Da schuttelte denn endlich Angelika Muller am Fenster lachelnd den Kopf. Sie schuttelte ihn wie uber ein Wesen, mit dem man die unsaglichste Geduld haben musste ... Wir wissen aber schon, dass dies jene Zeichen sind, auf welche Dr. Laurenz Puttmeyer, Angelika's Freund und funfzehnjahriger Verlobter (Hegel lebte nicht mehr, aber sein vom Staate respectirtes Testament duldete keinen neuen Lehrstuhl neben dem von ihm selbst bestimmten Nachfolger) seine rechtglaubige Philosophie begrundet hatte.

Jetzt kam denn Angelika ...

Rasch war Armgart bei der Hand, setzte ihr Ruder wieder ein und wies auf den Punkt, wo Angelika immer vorzog, zu einer Stromfahrt einzusteigen ... Und es war die hochste Zeit. Junge Mitpensionarinnen machten schon Miene, mitfahren zu wollen "nach Amerika", wie es hiess, "nach Canada" ... Alle hatten seit einiger Zeit nur Amerika und Canada im Munde; Thiebold de Jonge hatte zwar keine Verwandte im Stifte und durfte es deshalb nicht betreten, trug aber doch die Verehrung fur die Tochter seines Lebensretters nicht wenig zur Schau. Stundenlang in einem gelben Nankinghabit, das ihm mit rothseidenem Sacktuch auf der Brust und gelbem Strohhut allerliebst stand, in der Gegend der Insel allein herumzusteuern war seiner Schwarmerei "eine Kleinigkeit". Ja, alle wussten schon, dass morgen im Enneper Thale Thiebold de Jonge und seine Freunde, Piter Kattendyk ausgenommen, zu den Hunderten von Gasten gehoren wurden, die sich Sonntags hier regelmassig drangten, ja sie wussten schon durch Briefe aus der Stadt von Gebhard Schmitz, dass es ganz ausdrucklich auf eine Begegnung mit den Stiftlerinnen abgesehen war.

Angelika Muller kam, einen machtig grossen runden Hut auf dem Kopf, mit einem Shawl in Reserve fur etwaige Zugluft, mit einem Regenschirm in Reserve fur etwaiges Gewitter, mit einem Sonnenschirm in Reserve fur etwaige zu stechende Sonnenhitze, mit einem Proviantbeutel in Reserve fur etwaigen Schiffbruch und eintretende Hungersnoth.

Trotz der nicht erfullten ausserlichen Erwartungen, die einst Frau von Gulpen auf die Dame setzte, die ihr diese "Nichte" anempfahl, hatte sie ein uberstromendes Herz voll Gute und Antheil. Sie lehrte in der Anstalt Rechnen und Mathematik, ohne jedoch irgendwie geistig so abstract zu sein, wie sie es allerdings zum damaligen Schrecken des Dechanten ausserlich war.

Als die allverehrte Docentin der Mathematik, nicht ohne ein leises Kichern der Aengstlichkeit, uber einige grosse Steine, unterstutzt von dem hulfreichen Beistande der murrisch zuruckbleibenden Pensionarinnen, eingestiegen war, rief Armgart ein im Grunde des Herzens tief vorwurfsvolles: Gott sei Dank! und war uber die Sprodigkeit ihrer besondern Freundin und Gonnerin fast dem Weinen nahe.

Du weisst doch, sagte sie und setzte sich wieder ans Steuerbord, wahrend am Backbord Tonneschen jetzt beide Ruder zugleich mit kraftig ausholenden Armen in Bewegung setzte, du weisst doch, wie mein Herz bekummert ist und wie ich ohne Beistand geradezu vergehen muss!

Angelika breitete im Kahn ihre Sachen aus und prufte vor allem erst des Fahrzeuges Gleichgewicht. Da sie die unruhigen Bewegungen Armgart's, ihr Aufstehen und Aehnliches voraussah, legte sie alles, was sie bei sich fuhrte, sich gegenuber, um, so leicht sie war, doch Gegengewicht zu haben. Dann spahte sie rundum. Gefahr von grossern Schiffen war nicht vorhanden. Die grosse Stromung des Flusses geht auf der entgegengesetzten Seite der Insel nach dem Enneper Thale zu. Tonneschen wusste schon, er hatte nach dem Huneneck zu fahren. Prachtig ging es mit dem Strome; nur laviren musste man, um nicht zu weit unten zu landen, sondern mehr nach oben, womoglich an des Herrn Joseph Zapfs stattlichem Wirthshause Zum Roland.

Das Kummervollste bleibt immer unsere baldige Trennung! sagte Angelika. Tante Benigna und Onkel Levinus machen jetzt Ernst mit Heiligenkreuz!

Armgart's Ausdruck nahm den eines Schmerzes an, der den Blick, den Mund, die Bewegung der Arme, alles ergriff und sie einer jener leidenden, stillergebenen Heiligen ahnlich sehen liess, die Murillo und Carlo Dolce gemalt haben.

Angelika! Was soll ich in Heiligenkreuz! sagte sie.

Erst nur die Stelle einnehmen; das Uebrige findet sich! Hunderte beneiden dich um das Gluck, eine Stiftsdame zu werden!

Ein Jahr zur Probe, wie eine Nonne! Wie werden die alten Fraulein mich zurecht setzen in dem dustern Hause! Jetzt, wo ich Flugel haben mochte, um ans Ende der Welt zu fliegen!

Angelika vermied es auf diese Wunsche und Klagen zustimmend einzugehen ...

Liebes Kind, sagte sie, eine Stiftsdame zu Heiligenkreuz schon in seinem sechzehnten Jahre zu werden, ist eine Auszeichnung, die man nur Familien vom altesten Adel und von besonderer Distinction zuwendet. Nach einem Jahre kannst du dann mit deiner Pension wohnen, wo du willst, vorausgesetzt, dass du alle zwei Jahre einige Monate unter den Damen zubringst, die es vorgezogen haben sich im Stift fur immer anzusiedeln. Und ist denn Westerhof so entfernt von Heiligenkreuz? Ein schoner Waldspaziergang und du horst schon die grossen Hunde von dem Kamp her bellen, aus dem Schloss Westerhof wie eine alte Gluckhenne heraussieht!

Angelika lachte, scheinbar uber ihren eigenen Einfall; aber sie lachte eigentlich nur vor Behagen, weil Armgart sich so ruhig verhielt ... auch sah die kleine Traumerin in ihrem Leid gar komisch aus.

Das ist noch mein Trost! sagte Armgart, setzte aber seufzend hinzu: Wer weiss, was aus Paula wird!

Das kann noch lange wahren, liebes Kind! Rechnet man z.B ....

Nur nicht rechnen! rief Armgart.

Nicht rechnen? Als Stiftsdame wirst du den ganzen Tag rechnen! fuhr Angelika fort. Die Einkunfte bestehen in Naturalien und die vornehmen Fraulein mussen ihre Butter, ihre Eier, ihre Huhner, ihr Korn und ihr Stroh selbst verkaufen!

Also ewig dividiren! sagte Armgart traumerisch seufzend. 16 Jahre in 1111 so viel Jahre mogen im Stift beisammen sein wie viel kommt da auf mich?

Du meinst, die Einkunfte werden insgesammt verkauft und jedem wird dann je nach seinem Alter sein Antheil gegeben? Bewahre, Kind! Fruher war das so! Aber einige alte Fraulein kamen, die sehr geizig waren, andere trauten sich viel Kenntnisse von Handel und Wandel zu, jede hoffte fur sich allein bessere Preise zu gewinnen, als der Verwalter, und nun verkauft jede ihre Einkunfte apart auf ihrem Zimmer fur sich und halt alle vier Wochen bei sich Markt ...

Nun gut! ergab sich Armgart. Wenn ich also auch Fische bekommen sollte aus unserm beruhmten Lago Maggiore, dem Ententeich, so soll sie immer durch die neue Eisenbahn hier unser Tonneschen da kriegen und auf die Tables d'hote am Huneneck verkaufen! Nicht wahr, lieb Tonneschen? Bis du nach Belgien gehst?

Tonneschen lachte uber die schmachtend elegische Huldigung und lachte nicht ohne Pfiffigkeit. Er gehorte zu den Knaben, die der Kaplan Michahelles vorhatte auswarts von den Jesuiten erziehen zu lassen ...

Dem kleinen Kahne begegneten andere mit Fremden, die diesen schonen Punkt nach allen Richtungen hin geniessen wollten ...

Zur Belohnung fur das von Armgart dabei heute so ruhig eingehaltene Gleichgewicht zog Angelika aus ihrer Provianttasche einen Brief ...

Da rief Armgart: Wie? und sprang nun auf ...

Jesus Marie! entsetzte sich Angelika. Das hatte sie nicht bedacht. Der Anblick eines Briefes liess Armgart sofort alle Schrecken eines umsturzenden Kahnes heraufbeschworen. Vom Dechanten! rief Armgart und wollte den Brief haben.

Diese Worte horte Angelika kaum vor verzweifelnder praktischer Anwendung der von ihr so oft vorgetragenen Theorie des Gleichgewichts.

Als die Bewegungen Armgart's und des Kahnes sich beruhigt hatten, sagte Angelika:

Nein, wie du bist, Armgart! Es ist ein Brief aus Eschede! Der Herr Doctor ist mit deinem Vorschlage, die Seelen der Abgeschiedenen mit einem kurzen Symbol zu bezeichnen, uberraschend einverstanden ...

Armgart setzte sich mit einem tief geseufzten: So? Das! und voll bitterer Tauschung.

Angelika jedoch, der offenbaren Geringschatzung des "Herrn Doctors" nicht achtend, ruckte ihr zartlich und mit einer seit funfzehn Jahren auf die Sparkasse der Hoffnung gelegten Herzensinnigkeit naher und las:

"Ja, meine theure Freundin, dass ... (die Liebenden nannten sich seit funfzehn Jahren noch 'Sie') Sie auch in den Ihrer geistigen Pflege anvertrauten Gemuthern Bekenner fur meine Wissenschaft gewinnen, verpflichtet mich zum warmsten Danke! Wie sehr Ihre Empfehlung meiner schwachen, von Gott sicher noch mit grossern Erfolgen als bisher bedachten Bemuhungen um das ewig Eine, ewig Viele und ewig Besondere in Ihrer Nahe Wurzel fasst, erseh' ich allerdings aus dem Gedanken der holden Armgart, den abgeschiedenen Seelen, wenn sie zunachst dem Fegefeuer zufliegen, tiefbedeutungsvolle Abkurzungszeichen zu geben. Ja gewiss, es gibt Semikolon-Seelen, die ihr Dasein auf Erden fast zweifelhaft und unbeendet gelassen haben und dem Himmel nur ganz unfertig, vollkommen noch weltlich und fast leichtsinnig zufliegen: es gibt Fragezeichen-Seelen, die ganz nur im Jenseits von der Gnade Gottes abhangig sein werden und etwas noch ordentlich sich Aufbaumendes, Eulen-, ja Fledermaus- und Drachenartiges im Aufflug haben: Und dass dann Fraulein von Hulleshoven ihre Freundin Comtesse Paula in der Betrubniss, die junge Granen Zustande erliegen, gar schon innerhalb des grossen Gottesherzens, das die Welt bedeutet, dem Fegefeuer in dieser Gestalt zufliegen sieht: das hat wirklich in allen Bewohnern von Eschede, denen ich dieses Symbol mittheilte, in der Frau Steuerinspectorin Emminghaus, in der Frau Geometer Schmedding, in der Frau Hofrathin Tubbecke und allen meinen treuen Anhangern und Anhangerinnen den Wunsch erweckt, auch einst nur in dieser Gestalt das Zeitliche zu segnen. Aufwarts die Flamme der Lauterung, das grosse Herz die das Universum zusammenhaltende gottliche Liebe und die Seele drinnen in Gestalt des geflugelten Kreuzes feierlich senkrecht emporsteigend" ...

Was schreibt er von Paula? unterbrach Armgart, durch das Wort "recht nervenkrank" geangstigt ...

Angelika horte aber nicht, wollte nur fortfahren und las mit der Phantasie tief versunken in die kleine escheder Gemeinde ihres Freundes, die sie ihm ohne alle Eifersucht als Ersatz fur einen Lehrstuhl in Berlin

"Frau Emminghaus"

Nein, nein! unterbrach Armgart. Schreibe deinem Freunde, dass die alle nicht so ins Fegefeuer auffliegen werden, wie Paula! Frau Emminghaus muss als geflugelte Kaffeekanne hinauf, Frau Tubbecke als geflugelter Strickstrumpf und dein Doctor, der auch als schwarzes grosses geflugeltes Dintenfass

Armgart! verwies Angelika aufs heftigste und ware nun fast selber aufgestanden. Da jedoch suchte Armgart sofort ihre Unart durch eine Umarmung wieder gut zu machen und nun hatte selbst die ruhige Nachhulfe Tonneschen's nichts gefruchtet, ein Ungluck zu verhuten, wenn nicht glucklicherweise der Kahn schon dicht an das Uferschilf angekommen gewesen ware ... Der ausgestossene Schrei der Lehrerin erstickte in einem Vergib mir, das Armgart schmeichelnd mit einem ihrer sussesten Tone sprach.

Von der gewaltigen Flut fortgetrieben, landete der Kahn weit unterhalb des Roland und mitten im Schilfe ... Dem Tonneschen war dieser Landungsplatz gerade recht, denn er wollte im Kahne verbleiben, um noch zu morgen sein Latein zu lernen, das keineswegs blos aus Spiritu tuo und Saecula saeculorum bestand ... Pfarrer Engeltraut liess alle Knaben seiner Gemeinde, die sich durch Bravheit auszeichneten und solche Aeltern hatten, die ein glattgekammtes Haar, ein sonntaglich Gewaschensein von Kopf bis zu Fuss, Schuhe und ein weisses, sauberes "Rockel" uber den rothen Talar, den die Kirche gab, verburgten, nacheinander dem heiligen Messdienst administriren. Tonneschen war zum ersten male zum Schwingen des Weihrauchfasses bestimmt und beide Madchen lobten ihn und versprachen ihm, an dieser Stelle sich wieder einzufinden und bestiegen das Ufer.

Armgart wollte Angelika helfen ... Diese lehnte es jedoch ab ...

In ihrem, wenn auch in allen Literaturzeitungen verspotteten, doch von ihr und seiner Stadt und seiner Provinz hochverehrten Freunde war sie denn doch aufs tiefste gekrankt worden.

Ernstlich schmollend erwehrte sie sich eine Weile jeder Annaherung an ihr schwer verletztes Herz ...

Armgart's Anmuth aber trug den Sieg davon. Wahrend Angelika erst die Lehre von den Curven zu befragen schien, bis sie den Ansatz machte, diesen oder jenen Weg einzuschlagen, sprang jene schon voraus und machte den von Angelika endlich gewahlten Weg zweimal und da gab es denn bald wieder Heiterkeit, Lachen, Kuss und Umarmung.

Das gewohnte Ziel ihrer stillbeschaulichen Wanderungen lag auf der Anhohe. Angelika ware heute lieber in die schonen, eleganten Wirthschaften und Gasthofe gegangen, die am Fusse des Huneneck liegen oder in den dem Wasser naheren, wenn auch weniger comfortablen Roland.

Doch dahin brachte Armgart nichts. Sie wies zu Hecken und Obstgarten hinauf und umschmeichelte die Freundin so lange, bis diese zuletzt zu den bekannten drei Birnbaumen folgte. Das waren drei einsame Birnbaume auf einem terrassenartigen Vorsprung der hohen Berglehne am Fusse des Huneneck mit einer kleinen Bank und einer ganz himmlischen Aussicht.

Hier oben pflegte sich Armgart, wenn sie etwas athemlos von der steilen Anhohe angekommen war, gleich in das rings wachsende Gras zu werfen und sich manchmal noch ganz wie ein funfjahriges Kind zu kugeln, manchmal aber auch von hundert Sorgen, von denen sie bedruckt zu sein vorgab, sich auszuklagen und auszuweinen ...

So heute ... Und heute nicht einmal vor Sorgen allein, sondern nur vor Ungeduld und Unruhe. Sie wusste, dass Benno in der Gegend war ... Er hatte ihr durch Tonneschen's Vater, der ihn gestern oberhalb der Insel ubergesetzt hatte, sagen lassen, er hatte zwar bald in diesem, bald in jenem Dorfe ringsum zu thun, aber auch am Huneneck, und vielleicht konnte er sie am Sonnabend Nachmittag irgendwo fluchtig begrussen, am liebsten da, wo nicht die ganze Pension dabei ware und jedenfalls nicht auf der Insel. Nun denke man sich die Unruhe, als die Beichte und das Mittagessen voruber waren! Und sagen wollte sie es Angelika auch nicht, was sie von Tonneschen's Vater wusste, den sie mit ganzen funf Silbergroschen fur seine Mittheilung belohnt hatte.

Kind! sprach Angelika, die noch immer nicht ganz die Krankung ihres funfzehnjahrigen Geliebten vergessen konnte, mit ernstem Verweise. Ich bewundere die Nachsicht, die Pfarrer Engeltraut mit dir hat!

Er kennt mich immer noch besser als du! antwortete Armgart mit klagender Stimme ...

Weil er so nachsichtig ist, dir alles zu glauben! Freilich, wo soll auch der gute Mann all' die Geduld herbekommen, von so vielen jungen, zur Halfte erst gefirmelten Madchen sich ihre Unarten erzahlen zu lassen! Sprach der Pfarrer heute von deinen abgeschickten beiden Briefen?

Wovon nur sonst!

Was sagte er?

Ich wurde die Mutter doch nicht sehen konnen, ohne ihr nicht gleich ans Herz zu fliegen!

Das denk' ich auch! Und du gelobtest es?

Nein!

Armgart!

Ich werde die Mutter umarmen, wenn ich dabei die Hand des Vaters halte! Bisjetzt war Onkel Levinus mein Vater; Tante Benigna meine Mutter! Ich will Aeltern haben, aber Aeltern, die sich lieben! Lieben sie sich nicht, so will ich sie nicht hassen, aber

Der Hufschlag eines Reiters aus der Gegend von der Universitatsstadt her unterbrach sie ...

Nun merkte Angelika etwas an dem Aufblicken und dem Abbrechen und Vergessen der Rede und wurde angstlich. Sie schlug vor, am Gelande des Berges weiter zu wandern und dann in den Garten der "Vier Jahreszeiten" niederzusteigen. Dort hatte sie, wenn wie sie ahnte, Benno oder Thiebold kommen sollte, den lebhaften Verkehr vorschutzen konnen. Sie sagte:

In den Vier Jahreszeiten ist immer so auserlesene Gesellschaft! Und ihr jungen Madchen konnt euch nicht fruh genug abschleifen! Komm, Armgart!

Damit ging sie schon.

Armgart lachte hinter ihr her.

"Abschleifen!" rief sie ...

Es war ein Lieblingsausdruck Angelika's ... eines von den klugen Lebensworten, zu denen auch das "Sichherausreissen" der Madame Serlo-Leonhardi einst gehort hatte. Schon manche der Pensionarinnen hatte die boshafte Bemerkung gemacht: Fraulein Angelika Muller ist allerdings vom Leben schon so abgeschliffen, dass nichts mehr an ihr ubrig geblieben ist! eine bose Anspielung auf die allerdings nicht unbedeutende Abstraction ihrer aussern Erscheinung.

Als Angelika nach Armgart's Ausdruck "consequent wie eine gerade Linie" weiter ging, um durch die Baumwege von hinten her in den Garten der Vier Jahreszeiten zu kommen, folgte Armgart ihr erst leise auf den Zehen nach und wollte sie rasch mit der Schleife ihres Strohhutes an einen Baum binden.

Hier ist unsere Jahreszeit! sagte sie. Siehst du! Trauriger, dusterer Herbst! Wie die Blatter fallen! Und die Birnen sind noch nicht einmal reif

Dabei hatte sie eine gepfluckt und versuchte sie trotz alles Weinens und aller Ungeduld des Herzens ...

Die Erzieherin zankte jetzt wieder in allem Ernst, band sich frei, behauptete ihre Autoritat und ging. Sie angstigte sich wahrhaft, Benno von Asselyn oder der dreiste Thiebold de Jonge konnten hier so plotzlich hinter einem Busch hervortreten ...

Armgart folgte und sagte:

Ich habe keine Kraft! Wie eine Binse konnt ihr mich biegen!

Als aber Angelika immer mehr eilte, erhob sie die Stimme zu feierlichem Ernst und rief laut hinter ihr her:

Das aber sag' ich euch, wenn ich Furcht bekomme vor mir selbst und gegen euch alle nicht mehr aufkommen kann, dann flieg' ich davon und sollt' es in die Flamme des grossen Gottesherzens selber sein!

All' ihr Heiligen! wandte sich Angelika jetzt und sagte mit angstlich schmeichelnder Geberde:

Aber Kind, so beruhige dich doch! Der Dechant ist ja nur so lassig! Er wird ja schreiben! Auch hort man ja aus der Stadt, dass die da kurzlich ermordete Frau eine Schwester der Frau von Gulpen gewesen ist! Das alles wird die Antwort gehindert haben! Und dein Vater wird wol selber kommen!

Nein! rief Armgart, wild mit dem Fuss auftretend, und entfloh dann und schoss den Weg hinunter.

Kunstlich angelegte und wohlunterhaltene Wege fuhrten niederwarts und zuletzt in den erwahnten Garten, in welchem Durchreisende unter einer langen Veranda die hochberuhmte Aussicht genossen.

Armgart war bereits lange unten, als Angelika ihr nachkam ...

Die Menschen hier! jammerte Armgart ihr entgegen und sah dabei doch uber alle Tische hinweg, uber Englander, Maler, Studenten, berliner Hofrathe und Hofrathinnen und wer alles in Naturandacht hier beisammensass ...

Sie suchte Benno, der nicht zu sehen war ...

Angelika bestellte zwei Glaser Milch.

Wenn das da deine Mutter ware! flusterte die Erzieherin neckend und zeigte auf eine junge Dame, die mit der Lorgnette die Gegend und die beiden Ankommlinge musterte ...

Sie wollte nur Armgart durch den Scherz beruhigen ...

Armgart blickte rasch hinuber, dann wandte sie sich ab ...

Du zweifelst wol, schmeichelte Angelika, weil die Dame so jung ist? Ei, deine Mutter ist eine ganz junge Frau, die nur zu lebendig, zu ruhrsam noch sein soll! Dein Vater mag ein vortrefflicher Jager und Schwimmer und was sonst noch alles sein, aber murrisch und kalt ist er! Das hast du doch schon an dem einsilbigen Hedemann gesehen!

Armgart sagte, Hedemann gefiele ihr ganz wohl ...

Eines nur hat deine Mutter, fuhr Angelika flusternd fort, was sonst nur dem Alter gehort ... ganz silbergraue Haare soll sie haben ...

Armgart wandte den Kopf ...

Sie ist nicht vierunddreissig Jahre, hab' ich gehort, und doch hat sie ganz silbergraue Haare! Sie tragt sie vorn in langen Locken und soll bei ihrer Jugendlichkeit und Schonheit damit so auffallen, dass alles still steht und ihr nachsieht!

Armgart gerieth in die grosste Aufregung. Sie fand den Ursprung dieser Locken nur im Kummer ... die Augen umflorten sich ihr, wie wenn ihnen Thranen zustromen wollten ...

Nun aber ertonte in nachster Nahe ein Posthorn ...

Armgart lehnte sich rasch uber die Brustung des Gartens. Von der Universitat her kam eben die Post angefahren ...

Huben schon seit funf Tagen konnte Armgart das Posthorn nicht horen, ohne sich aus Kocher, und druben seit gestern nicht, ohne sich schon aus Wien eine Antwort zu denken ...

Der gelbe grosse "Rumpelkasten" (Pensionsausdruck) hielt am Roland und heraussprang seligste Freude belohnter Erwartung! in der That Benno ...

Die Post selbst fuhr weiter ... Aber Benno war sogleich in den Roland getreten und nun hielt die Post vor den Vier Jahreszeiten. Hier sprang ein zweiter Passagier heraus ...

Alles das sah Angelika, aber nicht Armgart mehr. Armgart zog die Freundin mit sich fort ohne dass die Milch bezahlt war! Benno konnte ja so leicht zu den drei Birnbaumen hinaufgehen wollen "unnutzerweise", sagte sie sie mussten also zu ihm. Der Weg ging durch das Haus; nun "schliff sie sich ab" in ihrer Art, an jedem, der ihr in den Weg kam, an Kellnern, die Kaffeegeschirr trugen, am Wirth, der dem neuangekommenen Fremden die besten Zimmer seines Hotels zeigen wollte, an diesem Fremden selbst, der sie mit neugieriger Theilnahme musterte. Sie flog voraus zum Roland und nicht etwa in dem Ueberwallen eines durch das Wiedersehen begluckten liebenden Herzens, sondern weil der "gute Mensch und Vetter sie ja moglicherweise irgendwo suchen konnte, wo sie gar nicht war" ...

Alles das sah Angelika mit Entsetzen, zahlte, liess ganz gegen ihre Gewohnheit einige herauszubekommende Pfennige im Stich und kam nur eilends nach und gerade noch zur rechten Zeit, um die schon uber die ersten freudigen Begrussungen Hinausgekommenen zu trennen mit den Worten:

Halt Armgart! Was soll das? Der Brief ist an mich!

Die Adresse eines von Armgart schon halb erbrochenen Briefes war allerdings an "Demoiselle Angelika Muller" ...

Aber vom Onkel Dechanten ist doch der Brief! rief Armgart und mit wiederholtem: Was schreibt er denn? folgte sie Angelika, die zur Seite abgewandt schon mitten auf der Landstrasse zu lesen begann ... Und im Grunde besass Angelika ganz die Spannung, wie Armgart, wenn sie dieselbe auch nicht eingestand.

Benno stand inzwischen in bestaubten Reisekleidern vor dem Wirthshause zum Roland und sprach mit dem Wirth, der ganz besonders erwartungsvoll seinem Eintritt entgegengeharrt zu haben schien. Als Armgart gleich mit ihrem Taschentuch ihn abzustauben begonnen, hatte Herr Zapf mit machtiger Stimme dem Hausknecht gerufen. In Kurzem war Benno befahigt, die Damen begleiten zu konnen.

Im Lesen vertieft und sogar des Chausseegrabens nicht achtend, schob sich Angelika querwarts in die Anhohen hinauf. Armgart mit der Linken zuruckdrangend, hielt sie mit der Rechten den Brief versteckt und lehnte jetzt schon eine Mittheilung zu machen ab. Musste sie doch selbst erst ganz orientirt sein, sagte sie, und dann noch hinge jede Entscheidung von dem Pfarrer Engeltraut ab und von den Englischen Fraulein ... und sie wisse ja das alles, was Anstand und Hausregel in Lindenwerth mit sich brachten!

Armgart faltete die Hande gen Himmel ...

Benno suchte von dem Wirth loszukommen, der ihn in emsigem Gesprach begleitete ...

Das wusste schon Armgart von der ersten Begrussung her, auf ihr laut gerufenes: Hier! Hier! der Brief war an Benno aus der Residenz des Kirchenfursten nachgeschickt worden, der Dechant hatte ihm diese Zeilen ubersandt als Einschluss einer umgehenden Antwort auf die Mittheilung uber den Tod der der Dechanei seit Jahren fremd gewordenen Hauptmannin von Buschbeck ... Er hatte geschrieben, dass er einige Tage lang suchen wurde die Zeitungen zu verbergen, um die Tante auf eine nur allmahliche Art mit einer Begebenheit bekannt zu machen, die bei ihrem "zartfuhlenden Herzen" eine gewaltige Erschutterung und "allerlei Hausjammer" in Aussicht stellte ... Den Brief an "Demoiselle Angelika Muller" hatte er ihm zu zweckmassigster Besorgung beigelegt, weil er die Regel solcher Pensionate zu kennen erklarte, dass die Vorsteherinnen alle Briefe, die kamen und gingen, erst selbst zu lesen begehrten ... Dass er dabei die Lage einer Lehrerin mit derjenigen einer Schulerin verwechselte, bewies die wirkliche Aufregung, in der sich der alte Herr befand.

Armgart bat und bat:

Was schreibt der Dechant? Reist der Vater nach Wien? Wenn er mir verspricht, mich mit nach Wien zu nehmen ...

Dabei suchte sie mit plotzlicher List den Brief zu erhaschen ...

Armgart, nun kein Wort weiter! sagte Angelika und verbarg den Brief sorgfaltigst. Ich habe geloben mussen, dich von keinem Schritt der Deinigen einseitig in Kenntniss zu setzen! Deine ganze Familie ist betheiligt! Alle sind sie es, die dich lieben! Morgen das Weitere nach der Messe! Und nun genug davon!

Jetzt war es doch fur Armgart ein Gefuhl, als hatte sie sich auf die abschussige Anhohe werfen mussen und sagen: Nun, guter Gott, so lass mich sinken, sinken immer abwarts bis in die Tiefen des Meers!

Benno hatte Mitleid mit dem lieblichen Kinde, dessen Naturlichkeit sich in keiner Regung ihres Gemuthes verleugnete. Sie sah wie eine von den bittersten Leiden der Seele Gefolterte und sich nun wirklich Ergebende so verklart, so durchgeistigt aus, dass der von ihr mit einem ihr unbewussten Aufschlag der schonen Augen auf ihn gerichtete wehmuthige Bitteblick ihm das Herz mit Schmerz und Wonne zugleich erfullte.

Um den Ton zur Heiterkeit zuruckzufuhren, hatte er von diesen und jenen Dingen beginnen durfen. Doch war er zartfuhlend und Menschenkenner genug, die Richtung der Gedanken, die in Armgart's Seele lebten, nicht zu verlassen.

Von Wien sprechen Sie? sagte er. Vielleicht ist der fremde Herr da, mit dem ich fuhr, schon der Kurier Ihrer lieben Mutter!

Armgart blickte mit lachelnder Ergebung auf die Vier Jahreszeiten ...

Wirklich! Wirklich! Er wollte nach Drusenheim zu Herrn Bernhard Fuld hinuber! Wo eine Dame in den Gasthofen da am besten aufgehoben ware, fragte er. Sein Accent war wienerisch.

Angelika flusterte schmeichelnd:

Beruhige dich! Es wird alles gut werden, Armgart! Morgen, nach der Messe in Drusenheim, da sprech' ich mit dem Pfarrer und dann sollst du sehen, du bist zufrieden Gedulde dich!

Geduld! seufzte Armgart, sich ergebend. Sie uberwand sich, nicht dem Fremden nachzueilen, der in behender Weise in der That in einen Nachen sprang, um zum jenseitigen Ufer uberzusetzen.

Benno's Ruhe, Angelika's Festigkeit mussten Armgart zuletzt zur Besinnung bringen.

Man stieg hoher und wieder in die Anlagen hinauf.

Benno musste erzahlen, was ihm alles seit dem Abschied an der Maximinuskapelle dort weithin in blauer Ferne waren ihre schlanken Thurme sichtbar und seit dem Zusammentreffen mit jener Lucinde Schwarz begegnet ware? Wo diese hingewollt hatte? Wie die Manover abgelaufen waren? Wie dem Thiebold de Jonge die Uniform gestanden hatte? Ob Hedemann nach Witoborn zoge? Was der Vater uberhaupt beginnen wurde?

Benno, der seine Cigarren trotz alles Schmerzes von Armgart selbst ausgesucht und fast angeraucht bekam sie lernte "Unarten" dieser Art von den Mitpensionarinnen, wenn diese den Besuch ihrer Bruder empfingen und wenigstens die Spitze der von ihr ausgewahlten biss sie noch dem "Vetter" in mechanischer Anschmiegsamkeit an all sein Thun und Lassen ab , Benno erzahlte von dem Ersteigen des St.-Wolfgangberges, von der wirklich angeknupften Bekanntschaft mit Lucinden, von dem Zusammentreffen im Pfarrhause zu St.-Wolfgang, von dem Begrabniss des alten Mevissen, von der Entweihung des Friedhofs ...

Alle diese noch nicht auf die Insel Lindenwerth gedrungenen und doch so uberraschenden Thatsachen horte Angelika voll Staunen, Armgart, da sie den Pfarrer von St.-Wolfgang betrafen, mit dem Gefuhl, wie wenn sie nicht Armgart, sondern Paula ware. Benno musste unausgesetzt erzahlen. Einen so langen, so inhaltreichen Brief hatte sie noch nie nach Westerhof geschrieben wie diesen, den sie jetzt schon couvertirt und adressirt im Geiste vor sich liegen sah; sie betrubte sich bereits um die Vorsteherin Schwester Aloysia, die bei ihrer Censur alle wenn auch nicht ankommenden, doch aus dem Pensionat abgehenden Briefe las in der That erst Schwester Aloysia gewiss wieder das Schonste davon fur sich genoss, dann aber eine nochmalige Abschrift zu verlangen pflegte, lorsque vous aurez supprimme les choses inconvenantes.

Aber auch fur Angelika waren die Mittheilungen, die Benno in gluckseliger Behaglichkeit gab, vorzugsweise uberraschend. Diese ihr wohlbekannte Lucinde Schwarz, von der sie seit Hamburg nichts mehr gehort hatte, sie war bei Frau von Gulpen "Nichte" gewesen! Einen Tag, langer nicht! Wie konnte das anders sein, nach dem Wenigen, das sie von dieser "Abenteurerin" wusste und das sie dem Pensionate an der Maximinuskapelle wohlweislich verschwiegen hatte! Und man musste dann die Menschen wenig kennen, wollte man Angelika's eigenthumlich gezogenem und erstaunendem: Ist's denn moglich? nicht eine gewisse Genugthuung anmerken, dass auch diese Gesellschafterin, wie so viele andere und vorzugsweise sie selbst, den Anforderungen der Dechanei nicht entsprochen hatte. Sie lag in den Worten: Der Dechant ist ein so lieber guter Mann! Zugleich sollte dies Zeugniss von Frau von Gulpen das Gegentheil ausdrucken. Und so gutherzig Angelika war, die Verbindung, in die Benno die neueste Zeitungskunde von dem Mord in der Stadt mit dem Stolze der Frau von Gulpen brachte, verbreitete selbst uber ihre, freilich von Staunen und Schreck uberschauerten Gesichtszuge doch zuletzt ein gewisses Aufleuchten schadenfrohen Behagens.

Alledem horte Armgart nur sinnend zu. Benno hatte in seinem Wesen etwas Milderndes und Beruhigendes wie fur andere so auch fur sie. Sie hatte seine Hand ergreifen und sie wie die eines Bruders halten konnen ... Seine Mittheilungen uber Bonaventura's Anwesenheit in der Residenz des Kirchenfursten, die wahrscheinliche Beforderung und Ansiedelung desselben in dieser Stadt, alles das waren Thatsachen, die ihr Ohr buchstabenweise aufnahm, nur um die fur Paula bestimmte Depesche so inhaltreich wie moglich zu machen.

Erzahlen Sie mir jetzt von meinem Vater! sagte sie dann, als Angelika etwas zuruckblieb. Wie fanden Sie ihn? Ist er so, wie ihn Hedemann schilderte?

Ohne Zweifel ... antwortete Benno zerstreut ...

Mit Armgart allein zu sein, liess ihn erhohter den ganzen Reiz ihrer Erscheinung fuhlen.

Ist er gross, so etwa wie wie Hedemann?

Hedemann war untersetzt, sie hatte "wie Sie" sagen wollen ...

Um einen halben Kopf hoher, sagte Benno; aber ebenso wetterbraun, ebenso breitschultrig und wie soll ich sagen ganz so englisch! Ist Hedemann Schiffssteuermann, so ist Ihr Vater Kapitan oder Commodore! Unsere vaterlandische Art von druben hat die passendste Anwendung gefunden ...

Wie so?

Unser Land ist ja druben fast wie ein Meer! Die unermessliche Heide, das Ackerfeld, der Torfmoor alles das ist ein Meer des Landes. Auf dem schwimmen wir mit unsern Hofen wust und einsam. Nicht einmal ordentliche Stadte haben wir. Nicht einmal ordentliche Dorfer. Ein Fahrzeug segelt auf gut Gluck am andern voruber.

Unser Volk ist ein seefahrend Volk der Heide ...

So! So! ... sagte Armgart. Seltsam! Ich hasse alles Englische ...

Benno erwiderte lachend:

Ja die englische Aussprache ist schwer!

Die Asche seiner Cigarre druckte er jetzt schon an einem der drei Birnbaume ab ...

Nein darum nicht ! fuhr Armgart ohne alle Reizbarkeit fort ...

Aber das Englische hassen? Und das sagen Sie bei Englischen Fraulein?

Die verliessen schon vor hundert Jahren England, um in Deutschland unserm Gott besser dienen zu konnen! Sehen Sie, alle diese Englanderinnen hier ringsum jetzt, die blieben am liebsten auch wie Mary Ward in Rom und bei uns, um katholisch zu sein! Ich weiss das!

Sie wissen das?

Benno verliess den verfanglichen Gegenstand und regte die Phantasie seiner Begleiterin lieber mit allen Abenteuern an, die ihr Vater und sein Freund oder Diener ihm erzahlt hatten. Sie hatten Seltenes erlebt, Tapferes geleistet, auch Pensionen dafur gewonnen und stunden unter dem kleinen, beschrankten Volk in Kocher am Fall wie zwei Riesen da, die man auf Jahrmarkten zeigte ...

Benno wollte bei diesen Berichten vielleicht nur horen, ob Armgart nicht nach Thiebold de Jonge fragen wurde ...

Angelika kam inzwischen naher ... Sie hatte auf ein Ausruhen gerechnet und fand nun die Wandelnden bereits schon wieder uber die Birnbaume hinaus.

Ei, was ist denn das da unten? Sehen Sie! Im Fluss! Da taucht's auf! Nun ist's wieder fort! Geben Sie Acht, da unten kommt's wieder!

Mit jener Sorglosigkeit, die der Jugend auch eben nur dann eigen ist, wenn sie gleichsam ahnt, dass es zu Gestandnissen des Herzens noch lange, lange Zeit bleibt und nichts ihm verloren geht, verlangte Armgart plotzlich die Anerkennung ihrer Sehkraft ...

Unten im Kahne hatte sich auch Tonneschen aus dem Schilf aufgerafft und warf mit Steinen vom Uferrande uber den Wasserspiegel hinweg ...

Das seh' ich wol! Der wirst Butterstollen! sagte Benno und erinnerte Armgart an den Ententeich zwischen Schloss Westerhof und Borkenhagen ...

Den kennen Sie noch? ... Es ist ja eine wilde Ente! ... Unsern Ententeich? ... Sehen Sie doch nur, wie sie den Kopf aufwirft! Rasch duckt sie ihn nieder und unterm Wasser geht's fort! Sassa! Da ist sie! Im Nu hundert Schritte! Wieder blickt sie auf, dreht den Kopf! Da, da! Guten Tag! ... Adieu! Gluckliche Reise! ... Nein, auf unserm Ententeich gibt's keine so wilde!

Mit dem Verfolgen der Wasserente, die sich Tonneschen zu treffen vergeblich bemuhte und die Benno jetzt erkannte, waren beide bei Angelika wieder vorubergekommen, die sich nachdenklich gesetzt hatte und nun ernstlich zum Aufbruch und zur Ruckkehr auf die Insel mahnte.

Die Sonne sank schon uber die westliche Bergwand ...

Und nun, wie wenn Himmel und Erde in bester Ordnung und nichts auf dem Herzen ware, weder bei ihm noch bei Armgart, durfte Benno scherzen:

Ja, so gehen die Lugen durch die Welt! Von so einer Wasserente kommen ja die Zeitungsenten ...

Angelika, die uber Benno's Erscheinen uberhaupt an ihre vielgeprufte, treue Liebe erinnert wurde, gedachte der vielen Angriffe, die Doctor Puttmeyer erleiden musste, gedachte der Macht der Luge in so vielen Literaturzeitungen und siel mit einem Seufzer ein:

O wohl! O wohl! O wohl!

Dann stellte sie einige Erkundigungen nach Buchern an, wollte von den Ereignissen der Politik horen, von der Burschenschaft, um die Dr. Puttmeyer auch ein Jahr "Kopenick" erduldet hatte, von Benno's bekannten freisinnigen Meinungen und vom Kirchenstreit, bis Armgart, beide unterbrechend, ausrief:

Lasst doch das alles! Kann man jetzt von anderer Aufklarung sprechen als vom Himmel und von seinem Licht! Seht doch nur! Wie der Abend kommt! Ist's nicht, als leuchtete alles in Verklarung! Diese gerippten Wolkchen da oben! Diese leichten Federbuschelchen! Facher sind's doch wie von Eiderdunen! Nein, wie von grossen Perlmuttermuscheln! Wer solchen Staat hatte, wie die Himmelskonigin!

Alles das kam unbefangen und kindlich von ihren Lippen ... Dass sie nichts von einer Absicht dabei wusste, bewies die leise Oeffnung der Lippen und der Schmelz der hervorschimmernden kleinen Zahne, cette grimace, die sie nach Anweisung der Englischen Fraulein sich durchaus abzugewohnen hatte.

Ja, man mochte hier predigen! fiel Angelika in merkwurdig freigesinnter und tief gefuhlvoller Zustimmung ein. Diese Berge sind wie Kanzeln!

Ihr treues Herz dachte an Puttmeyer's fehlenden Lehrstuhl ...

Kanzeln? rief jedoch Armgart, in der sich jenes Fliegen zur Flamme des grossen Gottesherzens zu regen begann. Die Berge sind ja selbst wie Prediger! Wie Redner stehen sie da! Nein, Angelika, wie klein musste das sein, wenn da druben einer auf dem Geierfelsen stunde und so zu allen Lugnern der Erde sprechen wollte! Der Geierfels und hinter ihm die sechs andern Riesen, die sind ja selbst die Propheten! Ich hore alles, was sie sprechen!

Was sprechen sie denn? fragte Benno und hatte eben die Cigarre weggeworfen ...

Im Tone seiner Frage, im Leuchten seines blauen Auges lag eine so ausdrucksvolle Schwere, dass plotzlich Armgart wie etwas Unsichtbares sich auf sie niedersenken fuhlte ...

Ja, wie konnte Benno nur in das einfache "Was sprechen sie denn?" soviel Ausdruck legen? Was konnte diese Wendung seines Hauptes, diese Glut seiner Augen bedeuten? So wenig Worte und so viel seltsamer Ton in ihnen!

Es ist doch wol Zeit, zu gehen! sagte sie zaghaft. Sie hatte plotzlich vor irgendetwas entfliehen mogen.

Benno luftete seinen Hut. Sein kurzes, lockiges, schwarzes Haar war von dem "garstigen Cylinder", wie es sonst bei Armgart hiess, festgedruckt. Und sonst hatte Armgart gar keinen Anstand genommen, ihm in sein Haar es lockernd zu fahren, wie sie so oft den grauen Locken des Onkel Levinus gethan. Heute hatte sie um alles in der Welt dergleichen nicht mehr wagen konnen ...

Angelika's Geplauder uber all den vernommenen und zu verarbeitenden Thatsachenreichthum loste die gedruckte Stimmung. Auch fand sich Benno wieder, auch Armgart. Ja sie schien heiterer und ausgelassener, als sie horte, was alles Benno in der Gegend hier zu thun hatte und dass er mindestens auch noch morgen da ware ... Aber an seinen Handschuhen sah sie eine aufgesprungene Naht und sonst hatte Angelika fur dergleichen Unglucksfalle immer Seide, Zwirn, Nadelbuchse und Schere bei sich in ihrem Beutel, aber heute griff sie nicht, was sie sonst hatte thun konnen, nach seiner Hand, wagte nicht, ihm den Handschuh abzuziehen ... Es trieb sie wie im Wirbel, sie musste fliehen wie vor sich selbst.

Die Berglehne endete mit einem schroffen Abhang. Den schoss sie hinunter. Die Kanten waren hier eckig; an andern Stellen gerundet, von uralten Moosrunen beschrieben; hier und da stand eine verkummerte Zwergbirke, dort schwankte eine Distel, hier eine hohe Doldenstaude mit braunrothen, schweren Samenkolben ... Ein schwacher Halt hier, ein nachgebender dort ... Armgart schoss so hinunter, dass sie plotzlich an einem Gebusch niedersank.

Nun war aber auch Benno schon langst gefolgt. Wie er an der Stelle ankam, wo sie niedergeglitten, hatte sie von Kamillen mit weissem Blatterrande einige Blumen gepfluckt und fing an, einer davon die Blatter abzuzupfen.

Was fragen Sie die Blume? rief Benno ...

Und in dieser Frage lag wieder eine solche Glut, in dem Nachfolgen, als sie sich erhob und jetzt ruhiger niederwarts stieg, eine solche Hast und ein so ganz personlich auf sie gerichteter Entschluss, dass sie der Gedanke uberrieselte: Was glaubt er denn? ... Den Faust, den kannte sie nicht (wo wird in dieser Erziehung Goethe zugelassen!), aber doch schob blitzschnell ein geheimer Zauber in ihrem Innern der Frage "Vater oder Mutter" (sie wollte nur sehen, welchem Namen das Blumenorakel sein letztes Blattchen liess) nicht etwa die Frage unter: "Liebt er mich, liebt er mich nicht?" wol aber die: "Kommt auch Benno morgen nach Drusenheim, kommt er nicht?" und als sie sah, wie er nun ihren Arm ergreifen wollte, ihre Schulter beruhren, den Ausschlag ihres Zahlens so ganz dringend wissen, da unterbrach sie ihn, als wenn er sie nur im Zahlen irre machte, mit einem fortgesetzten St! St! sie bekam aber den plotzlichen Einfall und welcher innere Schalk des Gemuths hatte ihr das zugeraunt! schadenfroh und ubermuthig laut zu rufen:

Kommt morgen Thiebold de Jonge nach Lindenwerth oder kommt Thiebold de Jonge nicht? Kommt Thiebold de Jonge? Kommt Thiebold de Jonge nicht?

So schoss sie bergab.

Sie konnen ja die nachgemachten Englander nicht leiden! rief hinter ihr her Benno ...

Sie aber glitt bald an einem Steine aus, liess bald eine Pflanze mitgehen, schoss und rannte und war endlich unten, aber aufgefangen von Benno's Armen.

Ein junges weibliches Leben, dessen Athemzuge vergangen sind, dessen Brust hammert, im Arme zu halten! Kennt ihr das Gefuhl, wenn ein junger Vogel in unserer verschlossenen Hand gefangen ist, sich duckt, auffliegen will und nicht kann und jetzt ganz nur zu einem einzigen zagen, warmen Herzchen wird, das unter den weichen Federchen klopft und sich fast wie in den Pulsschlag unserer eigenen Hand verwandelt?

So fuhlte es Benno eine Weile und langer als eine Secunde und vielleicht den funften Theil einer Minute nur und doch eine Ewigkeit.

Angelika kam inzwischen den geebneten Weg daher, schalt und rief und machte allen beiden die bittersten Vorwurfe. Armgart aber umarmte sie und erstickte ihre Rede mit Kussen.

Das Thema des Anstandes brachte den Neckkampf aller auf die Wurde, auf die Pflichten, die Haltung einer baldigen Stiftsdame von Heiligenkreuz. Diese "Predigt" wahrte so lange, bis Tonneschen erreicht war am Schilfrohr im sanftgeborgenen Nachen.

Sind Sie denn morgen wirklich noch in der Gegend? fragte Armgart beim Abschied den halb besinnungslosen Benno halblaut.

Benno wollte beiden noch in den Kahn helfen, that es auch erst, wie sich geziemte, mit Angelika, und als er hoffte, Armgart's Hand zu erfassen und aus voller Seele diese zur Antwort wie mit einem Ja! zu drukken, da war sie schon in den Kahn gesprungen.

Deshalb schmollte er und rief O! O!, das Angelika sehr wohl verstand ...

Armgart sass aber schon da, gluhend wie das Abendroth.

Angelika, die gerade so viel zu "ahnen" sich die Miene gab, als sie schon wusste, war trotz aller Angst liebevoll genug und sagte vor dem Abfahren:

Richtig! Richtig! Sind Sie denn auch morgen im Enneper Thale? Es ist ja Sonntag! Alle Welt hat sich ankundigen lassen ...

Thiebold de Jonge! seufzte Benno und Angelika fiel ganz so, als musste sie nun fur die verstummende Armgart auch in deren Art sprechen, ein:

Alle nachgemachten Englander! Und wenn Sie etwa kommen, Herr von Asselyn, kneifen Sie nur ja nicht auch so eine Lorgnette ein!

Ehe noch Benno antworten konnte zum Scherz fehlte ihm jeder Uebergang rauschte es im Schilfe dahin und der Kahn war im Entschwinden.

Eine Weile noch stand Benno, luftete den Hut, sah lange den Entgleitenden nach und ging landein dem Roland zu.

Das Ufer ist hugelig ... zuweilen verschwindet, zuweilen taucht Benno den Madchen wieder auf ... Und je hoher sie auf den Spiegel kommen, desto langer noch konnen sie ihn sehen ...

Gern hatte Armgart gewinkt mit ihrem Hute und mit ihrem Taschentuch ...

Angelika, die heute so viel erlaubt hatte, verbot es ...

Bekam die Gute auch nicht Angst, Armgart wurde am Ende noch "tiefsinnig" werden und wol gar sich fur unwurdig erklaren, morgen in Drusenheim zur Communion zu gehen dergleichen war vorgekommen bekam sie auch nicht Angst, dass dann noch obenein die Gutmuthigkeit und Toleranz einer Lehrerin compromittirt werden konnte, die gegen die Englischen Fraulein als Hulfsarbeiterin nur einen zweiten Rang einnahm, so lachelte sie doch und sagte:

Armgart, Armgart! Spruche Salomonis 14, 29!

Diese Bibelstelle hatte Armgart einst von Tante Benigna in Westerhof aufbekommen, auf ein Weihtuchlein zum Kirchendienst zu sticken. "Wer aber ungeduldig ist, der offenbaret seine Thorheit!" lautete sie. Die Ungeduld galt fur Armgart's Erbfehler.

Sonst ware Armgart uber diese einzige Partie in der Religion, wo sie ketzerisch, ja ganz unglaubig fuhlte, aufgefahren, aber wir sehen sie still, ergeben und schweigsam ...

Selbst von dem Briefe aus Kocher fragt sie nichts mehr, sondern sieht nur auf die Welle, gegen deren ganze Macht Tonneschen rudern muss ...

So kamen sie Benno war verschwunden am nordlichen Ende der Insel an.

Eine altliche Dame, in schwarzem Kleide, mit einer weissen, mit Bandschleifen am Hals und uber die Brust herab besetzten Halbtunica, ein weisses geflugeltes Haubchen auf, begrusst sie ... Es ist Schwester Aloysia, die Vorsteherin.

Und unter ihrem "Mozzeto" zieht auch sie einen Brief hervor.

Auch er war an Angelika gerichtet und kam aus Wien und kam von Armgart's Mutter!

Ein Herr hatte ihn abgegeben, jener Fremde, der ganz nach Benno's Vermuthung in den "Vier Jahreszeiten" druben fur eine Dame Zimmer bestellt hatte und wirklich von hier, wo ihn die zerstreuten Wanderer am Huneneck nicht landen gesehen hatten, hinuber nach Drusenheim gefahren war ...

Armgart bebte zusammen ...

Es war ihr, als zitterte um sie her die ganze Welt ...

Angelika nahm, von der Vorsteherin beobachtet, den Brief und ging damit in scheinbar kalter Ruhe auf ihr Zimmer.

Armgart folgte, drangte aber nicht mehr und fragte nicht mehr. Fast war ihr wirklich wie einer Sunderin und als sie sich uber die dustern Gange in ihren Wohnsaal geschlichen, als sie mit einem tiefen Seufzer dort ihren Hut, ihren Shawl abgelegt hatte, als alle Madchen jetzt zum einfachen nachtlichen Mahle gingen und Angelika erst kam solange hatte sie gelesen! als Schwester Aloysia schon vorbetete und Armgart so abwesend, so ernst dasass, da bekam Angelika wieder Angst, sie ware wirklich im Stande, alles das morgen noch in erster Fruhe und vor der Communion dem Pastor Engeltraut zu beichten, was heute vorgekommen! ... Schwester Aloysia betete dabei und zwar franzosisch ... Sie war aus Strasburg und verband mit allem Guten und Frommen, dem hier furs Leben der Grund gelegt wird, eine leidliche Aussprache und einen ziemlich richtigen Accent. Man hatte alles hier auf Gott, auf die heilige Jungfrau, den heiligen Joseph und die Engel und Erzengel gebaut, sogar den Subjonctiv und die schweren Beugungen der Verbes irregulaires, den delicaten Gebrauch der Formen que vous parlassiez und que nous parlassions und die Participialconstructionen, die an dieser Sprache fur jeden so fremdartig sind, der nicht wie Tonneschen Latein kann ... Und wenn Schwester Aloysia vom besten pariser Franzosisch dann in das beste strasburger Deutsch ubersprang, war's dann freilich immer wie der Uebergang vom Rauschen eines seidenen Kleides zum Klappern von Holzschuhen, vom Gesange eines Canarienvogels zum Gekoller eines Truthahns; denn ihre strasburgisch-deutsch Muttersprache sprach sie, als ware sie hier eigens dafur angestellt, einige Irlanderinnen und Franzosinnen in der Anstalt vom Erlernen des Deutschen abzuschrecken. Und das zweite, vom Muttersitz der Soeurs angeliques hierher beurlaubte Englische Fraulein (der der Erziehung sich widmende Orden ist nicht an strenge Clausur gebunden), Schwester Gertrudis, sorgte fur Eintheilung der Speisen und ruhmte das Wetter fur den morgenden Sonntag, an den sich allgesammt die schonsten Hoffnungen knupften.

Immer mehr brach zuletzt ein stillverhaltener Jubel aus. Das Pensionat wusste von den zu erwartenden "nachgemachten Englandern", aber daruber gab es nur Flustern, leises Necken und Kichern, laut wurde nur besprochen eine Einladung der jungen Madame Bernhard Fuld. Die Nachbarinnen waren aufgefordert worden, morgen Nachmittag die beruhmte Billa und den Garten druben in Augenschein zu nehmen und Pastor Engeltraut hatte dazu die Erlaubniss gegeben!

Armgart horte das alles nur halb. Erst als der ger

manische Uebermuth eines Theils auch dieser Jugend sich in allerlei Spott uber die Besitzer von Drusenheim erging und ganz wie die Freunde Piter Kattendyk's, mit denen einige bis zur unmittelbaren Geschwisterschaft verwandt waren, die bekannte christliche Rache fur den einst von den Juden Gekreuzigten nahm, thaute auch sie auf und erklarte, dass sie den Herrn Bernhard Fuld zum Generaleinnehmer und Finanzminister ihrer Einkunfte als Stiftsdame von Heiligenkreuz ernennen wolle.

Armgart'sche Einfalle elektrisirten dann gewohnter

massen alles ...

Es wurde nun so laut, so ausgelassen unter dem

jungen Volke, dass die vier Erzieherinnen (die vierte lehrte nur Musik) dafur waren, lieber jetzt aufzustehen und de se promener encore dix minutes sous les tilleuils et dans le jardin ...

Aber auch das geschah so wild es ist Sonn

abend! dass die Schwestern Aloysia und Gertrudis Ruhe gebieten mussten und das ganze Personal in die Corridore und auf die Schlafsale schickten.

Auch Angelika war, sie wusste selbst nicht woruber, ins Lachen gekommen aus Nervenschwache, sagte die Gute raunte aber beim Gutenachtsagen ihrer geliebten Armgart, ihrer besondern Schutzbefohlenen (die indessen nicht mit ihr, sondern mit funf andern in einem Saale zusammenschlief) neckisch zu:

"Wer aber ungeduldig ist, offenbaret seine Thorheit!"

Armgart nickte und hatte sich heute in der That auch zur Anerkennung dieses Spruches bekehrt.

11.

Und am folgenden Tage lag denn doch im Geschmeide der ganzen sonnenbeschienenen Gegend die Insel Lindenwerth da geradezu wie ein Juwel.

Das grosse blaue Gottesauge des Himmels druberher schien an ihm selbst seine Freude zu haben. Und die schimmerndweissen Birken, die Hangeweiden, die Buchen, Akazien-, Nuss- und Kastanienbaume, die Busche, die Pflanzen des Gartens, alles, alles hat in einer solchen Morgenfruhe des Sonntags und besonders, "wenn man etwas vorhat", ohnehin schon ein ganz anderes Aussehen als sonst. Unser Auge zieht dann schon von selbst allem Festkleider an. Die Welle platschert an die Uferrander anders als sonst. Und schweigen auch Septembers in den Baumen, weil sie in ihren Nestern mit ihren Jungen und mit ihren neuen Kleidern fur den Winter zu thun haben, die Singvogel, so hort man doch ihr Aufflattern und ihr Aufschwirren, sieht die Spatzen in so rauberischer Thatigkeit, dass man nur zu huschen braucht und uberall schiesst Diebsvolk wie mit bosem Gewissen auf, sieht goldene Kafer und summende Wespen in voller Thatigkeit, um mitzuherbsten und mitzuernten an dem reichen sonnenglanzenden Segen.

Noch aber hangen um die fernerweit liegenden Schonheiten eines solchen Sonntagsmorgens allerlei Toilettenschleier. Die hohen Berge und grunen Waldlehnen hinter ihnen putzen sich erst langsam aus dem Nebel heraus zu dem Sonntagsstaat, dessen Annaherung in aller Fruhe schon und von allen Richtungen her die Glocken verkundigen. Die Geschaftsglocke der Dampfschiffe mit ihrem kurzen groben Mahnruf hat heute fast etwas Storendes; man gedenkt gleich der Ueberzahl von Stadtern und Stadterinnen, die nun auch bald kommen und sich oft storend genug uberall hin ausbreiten werden.

Um neun Uhr schiffte die ganze Pension, neunundzwanzig junge Madchen eins blieb ein wenig unpasslich daheim und vier Erzieherinnen in zwei Kahnen zur Messe nach der Drusenheimer Kirche hinuber ins Enneper Thal. Tonneschen's Vater und Mutter ruderten heute und ein anderer alter Schiffer, Tonneschen's Grossvater. Und noch ein paar Vettern, Gevattern und Kinder und Kindeskinder aus einem Halbdutzend baumversteckter Hutten der Insel begleiteten die Fahrt. Heute galt es, das Tonneschen mit dem Rauchfass zu sehen, im Beginn seiner von Michahelles eingeleiteten Carriere zum kunftigen Vater der Gesellschaft Jesu. Tonneschen war schon lange voraus, um beim Messner die Toilette zu machen. Das ganze Stift fuhlte den Stolz der Mutter nach, die ihre beste Haube aufhatte und mit einem Streifen so lang, so lang, dass er ihr fast uber die Nase fiel.

Die jungen Pensionarinnen mit ihren goldgeschnittenen Brevieren und dem Einerlei ihrer heute am Sonntag weiss-roth oder weiss-blau gesprenkelten Kleider und den einfachen runden Strohhuten, durften nicht zu laut ihre Wonne uber den Sonntag aussprechen. Es ging jetzt in die Kirche, ja, fur die schon gefirmelten, an den Tisch des Herrn.

Die Glocke der alten, nachstens in Ruhestand zu versetzenden baufalligen Dorfkirche, die die Maler gut zeichnen hatten, wenn sie nur gesehen hatten, wie ihre Wande schon morsch geworden und die Sakristei bedenkliche Risse zeigte, hatte schon zweimal ihr, wie die Madchen ihr immer nachsummten: "Ei, so komm' doch! Ei, so komm' doch!" durch die Lufte gerufen; aber man wusste, es ging beim Pfarrer Engeltraut, der sonst ein gar trefflicher Diener Gottes war, mit seinen Messen nicht eben besonders pracis. Ausgestiegen am Ufer, konnten die Madchen immer noch einen Rundweg machen, ehe sie zur Kirche gingen. Sie sahen in der Ferne wie dicht am Waldesrand liegend das aus gelbem Sandstein gebaute, hellleuchtende Landhaus des Bankiers, umschlossen von hohen an den Spitzen vergoldeten Eisengittern. Mehr in der Nahe lag die neue hochragende byzantinische Kirche. Alles winkte geheimnissvoll und gastlich und zu allerlei heimlichem Spass fur den Nachmittag.

Nun stieg man aus ... Durch Feld und Flur, uber Wiese und Stoppeln, am Hagebucheneck und die Weingarten entlang, da war's doch noch ein anderes Wandeln, als druben auf der schonen, aber engen Insel, auf der man sich zuweilen wie ein Gefangener vorkommen konnte.

Schwester Aloysia corrigirte auch jetzt auf dem Wege zur Kirche die Subjonctifs und Angelika lehrte auch jetzt Mathematik und Naturwissenschaften, denn eine sandige Stelle findet sich in der schonsten Gegend, eine Heide von zwanzig Fuss, wo eine Immortelle bluhen kann oder das Blumlein Mannstreu, uber das gleich ihrer sieben oder acht neugieriger Madchen wissen wollten, woher dieser Name kame? Die Lehrerin wusste keinen Rath. Armgart kannte schon vom Walde bei Westerhof den Spottnamen des kleinen zierlichen Pflanzchens und sagte:

Es ist ja Vogelfuss, Angelika!

Nun sagte diese:

Ach, Ornithopus? Hulsenblume! Geschlecht der Heuhechel!

Die jungen Madchen lachten, als Armgart ganz treuherzig und ohne alle Anklage fortfuhr:

Mannstreu und Vogelfuss sind eins und dasselbe!

Die grossern Madchen deuteten sich das harmlose Wort satirisch.

Beide Englische Fraulein wandten sich und geboten Ruhe und Sammlung.

Wann sprichst du den Pfarrer? flusterte Armgart und druckte den linken Arm der Freundin an ihre Brust.

Ich sprech' ihn nicht allein! sagte diese. Die Vorsteherin wird dabei sein! Ich denke, nach der Predigt!

Heute auch noch eine Predigt!

Geduld!

Das Wort, mit dem man Armgart bereits wieder auf zehn Schritt verjagen konnte ...

Sie entschlupfte und sah nach Westen hinuber, dorthin, wo die weiss-blauen Wassernebel noch am dichtesten schwammen. Den Roland, wo Benno vielleicht ubernachtet hatte, sah man gar nicht vor dem dichten, wenn auch goldsonnigen Nebelflimmer.

Die endlich nicht mehr umgangene und nun wirklich im Zustromen der Landleute mitbetretene Kirche war wahrhaft uberfullt. Man erkannte recht, welches Verdienst sich Bernhard Fuld erworben durch die Erbauung einer neuen. Das Pensionat der Englischen Fraulein genoss aber eine Auszeichnung. Jeden Sonntag blieben ihm die vordern Stuhle reservirt.

Es ging dann alles bei der Messe, wie es gehen soll und uberall bei ihr geht. Vielleicht nicht ganz nach der Schnur, die die Kanoniker in Rom vor tausend Jahren gewunden haben, aber doch auch ohne besondere Verwickelung. Pfarrer Engeltraut war, wie die romischen Priester sein sollen, keine viel mit sich allein beschaftigte Personlichkeit. Er verrichtete ein Opfer, das ganz von ihm unabhangig war. Hatte es einem strengen Kenner des Ritus auch nicht entgehen konnen, dass sich mancherlei Fehler einschlichen, so sah das doch so obenhin niemand von den Versammelten. War der Blick, mit dem der Priester aus der Sakristei trat, gesenkt genug? War die Haltung des Korpers gerade und hubsch aufrecht? Trug der Opferer eine Brille, von der Gregor der Heilige freilich noch nichts vorzuschreiben wusste, als der sein Oremus sang, und Abraham und Melchisedek, die Voropferer der Messe, noch weniger? ... Pastor Engeltraut trug eine Brille, und sonderbar, er legte sie gerade beim Lesen ab, auf sein Taschentuch. Dann war er ganz einfach im Vortrag und ebenso einfach in der Geberde. Er machte die Kreuzeszeichen allerdings nicht, wie wenn er sie heute zum ersten male machte, aber auch nicht so, wie z.B. vornehme Damen am Weihbecken beim Betreten der Kirche, die zum Jammer frommer Seelen und wie Beda Hunnius einmal in einer seiner Predigten zum Dank der gerade damals zuhorenden Angelika und in seinem Abraham a Sancta Clara-Stil sagte: "sich beim Benetzen einen Schnorkel angewohnt haben, als wenn unser Herr und Heiland auf irgendeiner runden Drehscheibe oder einem andern Zickzack, nur nicht an dem so tief sinnvoll von ihm gewahlten Kreuze gestorben ware." Nichts auch verwirrte er von dem, was laut und was leise zu sprechen, was zu singen oder nur zu sagen war. Auch jagte er nicht in seinen Abschnitten und ging dann nicht wieder wie eine Schnecke. Auswendig auch wusste er, was er nur zu lesen schien.

Und wenn dann irgendetwas vorhanden war, was den wurdigen Gang des Opfers anfangs hatte unterbrechen konnen, so war es freilich des Priesters Hinblick auf den heutigen Thuriferar Antonius Hilgers, der nebst zwei andern Knaben zum ersten male diesem schwierigen Geschafte des Administrirens vorstand. Aber gerade Antonius hielt sich vorzugsweise wacker zum Stolz seiner Angehorigen, zum Wohlgefallen des englischen Instituts. Wenigstens dunkte er sich ebenso kundiger Lootse durch die Untiefen und Schwierigkeiten des lateinischen Missales, wie er es unbestreitbarer durch die Strudel und Schnellen des herrlichen Stromes druben war. Nie stand er auf der Epistelseite des Altars, der linken, wenn er auf der Evangelienseite, der rechten, stehen sollte. Mit Ruhe, ohne sich vor Angst zu ubereilen, reichte er dem Priester das Gefass mit dem Weihrauch, hielt ihm das geoffnete Thuribulum dar, und wenn der Opferer Weihrauch eingelegt hatte, reichte er ihm das Gefass, indem er es vorsichtig und behutsam mit der rechten Hand unter dem Ring, mit der linken in der Mitte der Kette anfasste. Das dabei von ihm gesprochene Latein war allerdings mehr als welsch und nicht im mindesten ciceronianisch. Doch niemand der Anwesenden, selbst der Schullehrer nicht, war im Stande, die Correctheit nach Zumpt's Grammatik zu prufen. Mit seinen stehenden Fehlern spiritus immer nach der zweiten Declination und tuus nach der vierten klang es ganz so hoch und hehr und fremdartig, wie das Volk es horen will. So wie so blieb es die richtige Sprache der Engel, die Sprache, in der Gott und seine Heiligen sich unterhalten, die Hof- und Kanzleisprache des Himmels.

Als dann der Augenblick des Allerheiligsten kam, als alle dann knieeten, als alle Schauer der personlichen Anwesenheit des Heilandes in der Wandlung durch die Gemeinde rieselten die Kinder und alten Frauen und in grossen Kirchen eine gewaltige musikalische Note sorgen schon dafur, dass das ganz so wie in machtigster Bezauberung hingenommen und empfunden wird, wie es Innocenz III. aller Welt und aller Zeit hinzunehmen und zu empfinden geboten hat wie dann die Erwahlten und in der gestrigen Beichte Bestandenen herantreten durften und von dem Gottesleibe mitgenossen, wahrend der Priester von dem Gottesblut fur alle trank, da vergass denn auch Armgart fur einige Zeit das Traumen und Sinnen und es legte sich ihr die Fulle von Sunden, die sie dem neuen westerhofer Geistlichen, Norbert Mullenhof, wer weiss in wie kurzer Zeit, oder wem sonst und in welcher Ferne wurde beichten mussen, schwer aufs Herz! Sie sah, dass Zerstreutheit wahrend des heiligen Hochamts, Abwesenheit der Gedanken beim Lesen im Brevier nicht mehr allein die nagenden Vorwurfe ihres Innern waren, mit denen sich ihr Gewissen gewohnlich aufs allertiefste belastet fuhlte.

Nach dem Hochamte hielt der Pfarrer richtig noch eine "Application". Er sprach diese von der Kanzel herab und uber die bevorstehende Einweihung der neuen Kirche und ausserte im allerloblichsten Volkston, dass auch im innern Menschen taglich die Sakristeien Risse hatten, taglich die Glockenstuhle faulten und den Regen durchliessen, ja dass mindestens auch viermal des Jahres im Menschen ein echtes und rechtes Kirchweihfest musste gehalten werden, nicht etwa nur zu Ostern, wo "ihr glaubt, euch fur ein ganzes Jahr reinigen zu mussen, sowie die Schwelger, die Ueppigen und Reichen alle Jahre einmal ins Bad reisen und sich ihren sterblichen Leib reinfegen vom Schlamm ihrer Sunden"! "Das wird dann", fuhr er fort, "jahrlich auch so ein Kirchweihfest, wie ihr's allublich zu feiern pflegt mit Essen, Trinken, Jubeln, Fluchen, Wurfelspielen, Tanzen, Todtschlagen der Zeit und allen denen Sunden, die ihr dann voll Verzweiflung angerennt kommt im Beichtstuhl loszuwerden, wo sich oft das todte Holz erbarmen mochte uber den Kummer, den ihr euerm grundgutigen himmlischen Vater und unserer gnadenreichen Mutter bereitet! " Doch sagen wir nur, er fegte die Herzen, wie man soll, nicht mit Staubwedeln, sondern mit Besemen. Und manches sprach er wie Beda Hunnius geradezu in eine Ecke hinein oder auf einen Pfeiler, wo der stand oder die sass oder wem es sonst, ohne darum die Beichte zu verletzen, personlich zu Nutze kommen konnte.

Wie der dabei von Hunnius sich nur durch den Mangel an Eitelkeit und an theils forcirtem, theils naturlichem Cynismus unterscheidende treffliche Redner zuletzt von diesem unendlich sussen Gnadenzustande, von einer wahren Liebeswonne im Bunde mit dem Gekreuzigten, von der sogenannten Rechtfertigung durch den Glauben sprach, da kamen ihm die folgenden sonderbaren und fur die ganze Gemeinde hochst uberraschenden Worte:

Was ist das nun? Gerechtfertigt sein durch den Glauben! Ich will es euch sagen. Sehet euch um! Hier in dieser Kirche! In eurem Kreise weilt ein nur auf E r d e n Gerechtfertigter! Ein Kind dieser Gemeinde, dem hier der Weg der Gnadenmittel von fruher Jugend gezeigt wurde, setzte einst mein Herz in Trauer und euch alle in Besturzung, als man vor Jahren von ihm horen musste, seine Hand ware ruchlos genug gewesen und hatte sich in ferner Gegend, wo er weilte, gegen das Leben eines seiner Mitmenschen erhoben und ihn getodtet! Ein Jahr lag er, da alle Anzeigen eines Mordes gegen ihn sprachen, in Ketten und Banden, bis seine Unschuld erkannt wurde und er im lichten Gewande der Gerechtigkeit aus seinem Kerker hervortreten konnte! Voll Scham und Schmerz kam er damals uber Nacht zu mir, dem Seelsorger seiner schon reiferen Jahre, und weinte seine bekummerte Seele aus! Er mochte nicht bleiben in dem Ort, wo das Mistrauen ihn dennoch verfolgte, wo sogar ein Bruder ihm den treuen Handschlag der Liebe versagte! Durch meine Hand ging der kaum zu nennende Ertrag seines kleinen vaterlichen Erbes; nun ist der brave Herr, der diese Gemeindemarkungen hier ringsum an sich gekauft hat, zu hohen Preisen, weil unsere Gegend ihren Werth hat, doch auch Manner, ehrenwerthe Manner, die diesen Werth zu schatzen wissen, (in der Kirche war wol nicht einer, der diese Captatio benevolentiae zu Gunsten der neuen Gutsherrschaft ganz so zu wurdigen verstand, wie es das Verfahren des klugen Geistlichen verdiente), aber ich sage euch, nun ist der Antrag gekommen, sein Erbe mit den Besitzungen der Herrschaft des Ortes zu vereinigen, und vielleicht zur Erhebung des Kaufschillings befindet er sich heute in dem Orte seiner Geburt! Nicht, dass ihr glauben sollt, er wiche vor euch! Nicht, dass eure Zunge sich unterstunde, zu sagen, sein Fuss ware hier endlich dennoch wankend geworden! Ruchlose Anschuldigung, dass euer jetzt ausscheidender Mitburger den Vater jenes frommen Monches erschlagen hatte, der im Gewand der Ordensregeln St.-Francisci schon zu oftern malen in diesen Markungen begrusst worden ist. Seht euch die Glorie eines Gerechtfertigten an! Das ist der gluckliche, frohe, von euch allen zu ehrende und mehrende und nicht langer anzuzweifelnde und bei ernster Strafe von eurer Mutter, der Kirche, zu respectirende Zustand eines vor M e n s c h e n Gerechtfertigten! Nun aber (der Nachhall dieser Worte und das allgemeine Schauen auf den in diesem Augenblick wie mit Krone und Purpur bekleideten Stephan Lengenich bedingte ein mehrmaliges Hervorheben des Ueberganges zum Zusammenhange). Nun aber (noch murmelte alles und konnte sich nicht fassen) nun aber hort jetzt und macht ein Ende! nun aber, wie viel grosser ist der Stolz, mit dem wir einst, durch die Furbitte seiner Heiligen, vor den Thron des Allmachtigen werden treten konnen, falls wir sagen durfen: "Herr, wir sind keineswegs Konige auf Erden gewesen, keineswegs Helden und Gewaltige der Reiche, wir haben nichts gethan, was den Namen des Ausserordentlichen verdiente, a b e r wir erfullten deine Gebote, wir gingen die Wege, die deine heilige Kirche uns zu unserer kunftigen Seligkeit gezeigt hat, n u n g i b u n s a u c h d e n L o h n , den du allen denen versprochen hast, die deinen Willen thun!"

Das war ein kraftiges, elektrisirendes Wort! So verweist ein richtiger Seelenhirt die Glaubigen an den Zahltisch Gottes! So will der Bauer dereinst mit Gott stehen, als b r a c h t e er ihm einmal keinen Pacht, sondern holte sich welchen ...

Die Erwahnung des allbekannten Kufers Stephan Lengenich, der in der Residenz des Kirchenfursten Meister geworden war und hier "in seinem Orte", besonders auf Anstiften eines feindlichen Bruders nicht einen Gruss bekommen konnte, liess zu keiner Sammlung mehr kommen. Auch das Institut sah mit allen nach der Kirchthur, wo vielleicht der "Gerechtfertigte" stand, der jeden Sonntag nach Drusenheim kam, nie aber so fruh wie heute, dass er schon beim Herrn Pfarrer Empfehlungen aus den Umgebungen des Kirchenfursten abgeben konnte und nur nach der Gewahrleistung des Ortsgeistliche sich plotzlich durch irgendeine Begebenheit, vielleicht auf Lob Seligmann's feurige und sonntagsfreudige Ueberredung hin, entschloss, seinen "Blutacker" herzugeben.

Halb elf war es ... und die Kirche war nun aus ... und so heilig das Debut des Tonneschen gewesen war, dem Gebrauche, dann auf einen Trunk Drusenheimer, womit keineswegs das alldortige Wasser gemeint war, herzhaften Bescheid zu thun, entzog man den jungen Novizen, der sich so brav und tapfer gehalten und dafur allgemein belobigt wurde, nicht im mindesten. Alles stromte ins Wirthshaus. Und mag auch die Frau Baronin von Cepeda (bekannter unter dem Namen der heiligen Therese) noch so schon und gewohntermassen geistreich und hochst vornehm gesagt haben: "Verlieren wir doch nicht die gute Gelegenheit, die wir nach der heiligen Communion haben, uns Schatze zu erwerben! Nicht mit geringem bezahlt Seine gottliche Majestat die Herberge, in welcher sie eine gute Aufnahme gefunden!" dennoch auch wol in dem brennend heissen Hispanien, dem Vaterlande der liebegluhenden Therese entschuldigt man nach der Messe das Verlangen nach dem kuhlen Labsal einer Posada. Die Schiffer von Lindenwerth, Tonneschen's Alte und Grossalte, tranken trotz aller Warnungen der "Application" zur Osterzeit, den eben genossenen Leib des Herrn in ungestorter Wirkung zu erhalten, im "Hahnen" auf des Debutanten Wohl und der halbe Ort war dabei lebendigst durcheinander und unter ihnen der "Gerechtfertigte", dem alles die Hand schuttelte, verwundert uber sein Abziehen, den nunmehr niemand gekrankt haben wollte und der dann schon in der Stimmung sein durfte, Athanasiusmedaillen auszutheilen und durch bald hohe, bald seltsam tiefe Reden die Bedeutung und Wunderkraft derselben zu erlautern.

Das Pensionat machte noch einen weiter den Bergen zugewandten Spaziergang, wahrend Angelika und Schwester Aloysia zuruckblicken, um womoglich den Pfarrer zu sprechen in Angelegenheiten der wie in den Luften schwebenden Armgart, die nun aber auch den Roland glanzen sah, so hell, so deutlich, als musste sie jeden erkennen, der druben aus den Fenstern desselben und etwa unter den schonen herabgelassenen, roth und grau gestreiften Markisen hervorsah.

Ja, der heutige Sonntag wird viele Menschen glucklich machen ...

Wir brauchen nur an Thiebold de Jonge, an die Partie der Freunde Piter Kattendyk's zu erinnern ...

Wir brauchen nur an Benno zu denken, der sich ihnen anzuschliessen hofft, wenn ihn eine Wanderung in die Kette der Sieben Berge, wohin ihn Nuck's Auftrage verschickten (gerade des Sonntags ist der Bauer am zuganglichsten fur Dinge, deren Erorterung ihn dann keine Arbeit versaumen lasst), Nachmittags und auf alle Falle des Abends nach dem Roland wieder zuruckkehren lasst ...

Aber den Hoffnungen, den Erwartungen, mit welchen schon um neun Uhr mit dem ersten Dampfboot im Enneper Thale ein gewisser Mann in schwarzem langschosigem Frack, in Nankingpantalons, in kameelgarner Weste, in hellgelbseidnen Handschuhen gelandet war, denen kommt die Erwartung keines andern gleich, selbst die seines Begleiters nicht, Stephan Lengenich, der sich heute unter gewissen Bedingungen von Drusenheim losreissen wollte.

"Speisen Sie nachsten Sonntag bei mir in Drusenheim!"

Diese Worte waren auf dieser Erde am Donnerstag Vormittags elf Uhr jemanden gesprochen worden in der Residenz des Kirchenfursten. Sie wurden dann wiederholt in den Moppes'schen Kellern, dann bei Veilchen Igelsheimer in der Rumpelgasse; sie waren hinubergeschrieben worden gen Kocher am Fall, wo David Lippschutz mit seiner lebhaften Phantasie gewiss bereits der Mutter auseinandersetzte, was wol alles der Onkel zu essen bekommen wurde bei den reichen "Vettern", den Millionaren, auf ihrem feenhaften Lustschlosse im Enneper Thale ... Lob Seligmann sang bereits seit Donnerstag keine Arie lieber, als die des Leporello im "Don Juan": "Ihr Herr Koch, der kocht ganz vortrefflich!" Selbst das Zwischenspiel der Violinen begleitete er mit den feurigst eingeworfenen Sechszehntelnoten: "Ganz vortrefflich, ganz vortrefflich, ganz vortrefflich!"

Nicht, dass er nicht allmahlich einem gewissen innern Flustern gewisser innerer Stimmen Gehor gegeben hatte, die ihm sagten: Seligmann, bilde dir doch nichts ein! An seine eigene Tafel wird dich wahrhaftig der Ritter Bernhard Fuld nicht placiren unter die Grafen und die Barone! Du wirst lediglich in der Kuche beim franzosischen Koch oder bei der alten Regine, die Madame Bernhard Fuld aus Wien als orthodoxe Kochin mitbekommen hat von ihren Aeltern, vor oder nach dem Diner abgespeist werden! Aber der Schwung der Seele, der blieb denn doch! Man hatte ihn einer Ehre gewurdigt! Man hatte ihm Erlaubniss gegeben, sich verwandtschaftlicher Annaherungen zu ruhmen! Man hatte nicht hindern konnen, dass von Donnerstag bis zum Sonntag jeder, der geschaftlich oder nichtgeschaftlich einige Worte mit Lob Seligmann wechselte, von ihm die nur so fallen gelassenen Worte zu horen bekam: "Nachsten Sonntag, ja richtig aha, Sonntag, ganz recht, wo ich bei Fulds in Drusenheim speisen werde ." Nie wurde dann den Staunenden, die das Fallengelassene uberrascht aufhoben, eine Genealogie grundlicher vorgetragen, als die Abstammung und Verwandtschaft, in welcher seit Abraham, Isaak und Jakob die Seligmanns, die Lippschutzens, die Igelsheimers und die Perls zu den Fulds standen.

Am Samstag sah Lob Seligmann im Stadttheater noch den "Zampa". Diese wilde Rauberoper mit ihrer rauschenden Musik, mit ihren uppigen Trinkgelagen und Tafelschwelgereien weckte ihm wieder den ganzen Humor der sonntaglichen Erwartung, den er infolge eines Streites mit Veilchen fast verloren hatte. Dieser Streit betraf einen Gegenstand, der ihn, wie wir sogleich horen werden, in die Lage versetzen konnte, sich seinem Gastgeber, Herrn Bernhard Fuld in einer Weise zu Tisch einzufuhren, die diesen selbst fast dafur belohnte, so einmal seinen bescheidenen Vetter ausgezeichnet zu haben.

Auf dem Dampfschiffe hielt sich Lob mit Stephan Lengenich so herausfordernd und kuhn, wie der wilde Held der gestrigen Oper. Ware er auch beim Landen, als er inzwischen, angeregt durch die Schifferkahne, zur "Stummen von Portici" ubergegangen war und nicht achtend des schmalen Steges und des Menschengedranges trallerte: "Auf, singt die Barcarole!" fast in den Fluss gefallen, so kehrte doch nach dem ersten Schrecken seine ganze Erwartungsfreudigkeit zuruck. Wahrend Lengenich zum Pfarrer ging, umkreiste er die stolze Villa seines Vetters und rustete sich zum Eintritt.

Bernhard Fuld inzwischen finden wir in der behaglichsten Stimmung eines geschaftsfreien Sonntagsvormittags.

Jeune homme von einigen dreissig Jahren hat er seinen hie und da schon grauenden Bart mit grosser Kunst ubermalt und a la mecontent geordnet. Auf seine Veranda begibt er sich in turkischem Schlafrock mit Fes auf dem Haupte und ungarischem Tschibuk in der mit einem goldenen Siegelring geschmuckten feinen etwas magern Hand ... Er ist nicht allein. Seine Gesellschaft ist ein gestern angekommener Gast, Baron Wenzel von Terschka, ein ihm geschaftlich Empfohlener von einem Freunde der Familie seiner Frau ... Und wahrend diese sich noch hinter einem blumengeschmuckten Fenster oben bei ihrer Toilette befindet, die heute eine neu aus Paris gekommene war, da sie ein grosseres Diner, Nachmittags grossen Kaffee hatte, ergingen sich der Wirth und Herr von Terschka (dieser schon in vollstandigster Mise) in Naturbewunderung, Borsencursen, Louis Philippistischer Politik und Pferdezucht. Der neue Stall war besehen worden, Terschka's Kennerwort vernommen, Homburger und Baden-Badener Grafen und Barone, die sich vielleicht als Traineurs auszeichneten und von zwei alten magern Pferden, d.h. Wettrennern, mit denen sie Preise gewannen, lebten, waren mannichfach als Autoritaten fur diese oder jene Futterungsmethode citirt worden, kurz, man konnte sich jetzt mit Behaglichkeit dem Blumenduft und der zauberischen Aussicht hingeben in zwei allerliebst geformten gusseisernen Lehnstuhlen.

Die Besitzung hatte schon beim Ankauf, wie heute auch von der Kanzel bemerkt worden, viel Geld gekostet und mehr noch hatte man in sie hineingesteckt. Das Landhaus war, wie Terschka sagte, wurdig am Comersee zu stehen ... Die nahe Kirche, die ebenfalls neu, hatte dem Erbauer allerdings in erster Fruhe vor seinem Schreibtisch einige "unangenehme Viertelstunden" verursacht. Sie bot namlich die Unbequemlichkeit, dass sie nie fertig wurde. Immer noch gab es etwas zu vervollstandigen an ihr und zu erganzen. Bald fehlten noch Chor- und Beichtstuhle, Schranke in der Sakristei, allerlei von jenen Mechanismen, von denen man bei Aufbewahrung der heiligen Gerathschaften, der praktikablen Benutzung z.B. nur der Leuchter als Laie kaum eine Vorstellung hat. Was hatte der israelitische Patron der Kirche des St.-Dionysius nicht schon fur unheilige Sacrebleus in die Holzschnitzereien, die Vergoldungen, die Stickereien und die Gelbgiesserrechnung allein fur die beiden Glocken gewettert! Wir wollen nicht wunschen, dass die mehreren Goddams, die auch heute auf die in fruhester Morgenstunde schon wieder vor dem fleissigen Rechner ausgebreiteten Noten und vorzugsweise die des Gelbgiessers fielen, irgendeinen Einfluss auf die hehren Ruferinnen der Lufte ausuben mogen. Bernhard Fuld unterwarf sogar die Inschriften der Glocken einer Kritik, denn der Bildner der Form liess sie sich buchstabenweise bezahlen und Pfarrer Engeltraut hatte grossen Werth darauf gelegt, die Worte des Psalmisten: "Wohl denen, die in deinem Hause wohnen, die loben dich immerdar, Sela!" auf die grosse Glocke und die Worte des Propheten: "Wie lieblich sind auf den Bergen die Boten, die da Frieden verkundigen!" auf die kleine zu setzen. Der von ihm sogar noch beantragt gewesenen, aber von Fuld gestrichenen dritten Glocke hatte er hingehen lassen, dass sie nur einfach die Jahreszahl brachte.

Bernhard's Gast, der die Cigarren seines tschibukrauchenden Wirthes ebenso zu wurdigen versteht, wie die pittoreske Lage der Veranda, ist kein Jungling mehr und doch besitzt Herr von Terschka etwas ausserordentlich Jugendliches. Von sechsunddreissig Jahren, die man ihm nach dem untruglichen Merkmal aller Jahre, den Runzeln, die von den Schlafen nach den Augen zulaufen, geben musste, hatte er noch ganz das Wesen eines Junglings, jedenfalls noch immer das aus der Zeit, als er mit seinem Freunde Grafen Hugo von Salem-Camphausen unter den Offizieren zu Kiel sass, damals, als des Kronsyndikus Trauer selbst beim Weine von diesen feierlich geehrt wurde und gerade Terschka es war, der bei Gelegenheit der Nase Lucindens und eines Bildes auf einem herumgereichten Armbande die Veranlassung wurde, an eine Romerin zu erinnern, uber die der Kronsyndikus in jene nachtliche Aufregung gerieth, die ihn seine noch lebende "zweite Frau" sehen liess und das war bereits sechs Jahre her. Schlank und behend von Gestalt, mager, wachsbleich wie ein Armenier, mit schwarzem Haar, weissen Zahnen, leidenschaftlichen schwarzen Augen, befliss sich Wenzel von Terschka vollig unbedeutend zu sein, so kindlich, so gutmuthig, wie nur irgendeinem gebornen Czechen moglich. Mit Gewandtheit folgte er jedem Gedanken seines Wirthes und liess sich in der Morgenunterhaltung beim Genusse seiner Cigarre auf jede Aeusserung desselben mit der liebenswurdigsten Selbstentausserung ein: "Ah!" "In der That!" "Meinen Sie wirklich?" Mit diesen Zwischenreden folgte er allen Ansichten, die Bernhard Fuld uber die grosse Erbschaft aussprach, die demnachst der Auftraggeber Terschka's, Graf Hugo, antreten wollte. Immer wieder kehrte das ihm sicher hochwichtige Gesprach auf Harmlosigkeiten zuruck, auf die Gegend, auf das Stift Lindenwerth, auf die Pferde seines Wirths, auf die Preise des Heus und der Fourrage in hiesiger Gegend, auf das erst neuerdings eroffnete Bad zu Homburg, wo Bernhard Fuld mit seiner jungen Frau vor wenig Wochen die erste Saison durchgemacht und zu erzahlen wusste von einer Jagdpartie der Spielpachter im Costum der Zeiten Ludwig's XIII. und einer andern im Geschmack rothgekleideter englischer Fuchspreller. Bei der geschickten Art, wie sich Wenzel von Terschka zu unterhalten wusste, lenkte er das Gesprach immer wieder auf den Beistand ein, den fur seine grosse Erbschaft und vielleicht die zweckmassigste Entausserung derselben Graf Hugo in dem Fuld'schen Hause zu finden hoffte.

Bernhard, der ohne seinen erst aus der Stadt noch erwarteten, sicher zum Diner kommenden Bruder Moritz nichts Geschaftliches unternahm oder zusicherte, nicht einmal eingehend etwas erorterte, war schon mit der gleichgultigen Bemerkung hervorgetreten, dass vielleicht eine Parcellirung das Rentabelste ware und sich dann zu einer Recognoscirung des Terrains niemand besser eignen wurde, als par exemple ein erfahrner Landwirth und Gutermakler Namens Lob Seligmann ...

Und gerade in diesem Augenblick wurde Lob Seligmann von einem eben in seiner Toilette fertig gewordenen, in schoner, bunter Livree auftretenden Bedienten angemeldet.

Terschka, der alles nur leicht zu nehmen schien, doch den Namen des Agenten sogleich zweimal sich nennen liess, setzte bei seinem Wirth Privatgeschafte voraus und ging auf sein Zimmer. Er besass die Klugheit, die Dringlichkeit seines Anliegens mit nichts zu verrathen, sondern die Geschaftswelt an sich herankommen zu lassen. Fast konnte es scheinen, als hatte dies fur sein lebhaftes Naturell keine kleine Aufgabe sein mussen.

Mit seinen hellgelben, seidenen Handschuhen steht nun der gluckliche zu Tisch Geladene vor dem dem Baronisirtwerden so nahe geruckten "Vetter" Bernhard Fuld und aussert ihm durch einen trunkenen Blick die schon oft ausgesprochene Bewunderung seiner reizenden Besitzung.

Bernhard Fuld hatte die Gewohnheit, beim "Unter uns" nicht die vornehme Reserve zu beobachten, die ihm sonst eigen war ...

Graf Rudolf in der "Nachtwandlerin" singt, auf die schone Gegend blickend: "Hier das Bachlein, dort die Muhle!" und ebenso verklart schaute Lob Seligmann rundum ...

Bringen Sie die Quittung uber die wie viel Thaler waren es ? fragte Bernhard.

Herr Fuld, Sie werden doch sagen, dass ich meine Sache gut gemacht habe! begann Seligmann. Sie sollen sich bauen auf den Berg den schonsten Pavillon und eine Treppe hinauf mit so viel Stufen, als ich Ihnen Jahre zu leben wunsche! Hundert Stufen sind mir nicht genug, Herr Fuld!

Wer sagt Ihnen, dass ich einen Pavillon bauen will mit Stufen? erwiderte Fuld und fand sich schnell in die so hochst angenehme Nachricht. Ich will nur einen Weinberg haben und mein eignes Getrank auf den Tisch, Drusenheimer Ausbruch! Denken Sie, die Papiere stehen so, dass ich alle Tage Champagner trinken kann?

Champagner! ... Seligmann ahnte eine bedeutsame Anspielung auf das heutige Diner, liess seine gelbseidnen Handschuhe nicht wenig in der Sonne spielen und verzichtete still fur sich auf Champagner, befriedigt vollkommen von gewohnlichem Johannisberger Cabinet oder ahnlichen Mittelsorten

Wie ist denn diese plotzliche Umwandelung des verruckten Kufers gekommen? fragte Fuld, aufblinzelnd zu seiner vielleicht schon oben lauschenden Gattin.

Seligmann zuckte die Achseln, holte einen tiefen Seufzer und erwiderte:

Herr Fuld, das ist ein Roman! Wenn ich's erzahlte, Sie wurden es nicht glauben!

Bernhard Fuld hatte noch mit seiner Toilette Zeit und sagte:

Erzahlen Sie nur!

Lob Seligmann machte eine mysteriose Miene.

Sie wollen mich uberraschen! sagte Fuld, als der Makler schwieg und setzte mit einem Tone, der selbst Scherze in der immer ihm gleichen blasirten Art aussprach, erlauternd hinzu: Wahrscheinlich, weil ich jetzt die ganze Geschichte um sechshundert Thaler habe!

Nein, umsonst! parodirte denn doch Lob Seligmann und nicht ohne eine gewisse Aufwallung uber den Vetter, der der Mann war, solche Scherze ernst zu nehmen.

Sie haben, fuhr Fuld in der That fort, das Geschaft mit sechshundert Thalern fertig gekriegt und wollen nun dreihundert als Courtage? Revanchiren Sie sich ein andermal!

Herr Fuld! sagte Lob zuruckfahrend. Meine funf Procent sind mir fast an Freiheit und Leben gegangen!

Mit einem halb zugedruckten Auge erwiderte Bernhard blinzelnd:

Hanswurst!

Hanswurst? Um den Kufer herumzubringen, hab' ich eine Komodie gespielt, die, wenn man die Hand umdreht, war' ein Trauerspiel geworden und Sie wissen, Herr Fuld, ich bin fur die Oper

Fuld staunte denn doch und wurde auf die weitere Auslassung des Vermittlers mehr gedrangt haben schon vielleicht eines Stoffes wegen fur die Unterhaltung beim Diner , wenn dieser nicht von der Veranda aus, wo sie sich befanden, den Kufer im Sonntagsstaate daherkommen gesehen hatte, umringt von Alt und Jung, die aus dem "Hahnen" her ihn als einen jetzt erst erkannten, wahrhaft erleuchteten und ganz unglaublich wunderbaren Mann begleiteten.

Stephan Lengenich sah sich wie ein Feldherr oder ein hier entthront gewesener Monarch um. Jetzt erst recht hatte er, nach der geistlichen Schutzrede und dem feurigen Anschluss der Dorfbewohner, den Fuss in der Gemeinde behalten mogen; doch hatte er Seligmann in seinen Kellergewolben den Schwur gethan, dass es rings in den Gewolben und an den Fassern widerhallte: um einen gewissen Preis wolle er das Geschaft zu Stande kommen lassen, einen Preis, bei dessen Anblick es ihm gewesen war, als ware aus der Wand oder aus einem Fasse heraus auf ihn zugetreten geradezu der Bote der himmlischen Gerechtigkeit! Was Stephan da geschworen hatte, als er die Laterne in die Hohe gehoben und athemlos gesprochen: Mensch! wo hast du das her? ... als Seligmann mit der rechten Hand, wahrend die linke das Bewusste schnell wieder verbarg, seine Vatermorder in die Hohe zupfte, weil sie in der feuchten Kellerluft ihre starkehaltige Positur verloren ... was er geschworen, als er alles liegen liess, wie es lag, uber Dauben, Setzreifen, Bandhaken, Visirstabe, Stellzirkel hinwegtrat, die linke Hand Seligmann's ergreifen wollte, dieser aber retirirte und ihn so mit sich zog, wie er ging und stand und wie an einem Koder in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer ... was er wieder dort geschworen, als der lange, breitschultrige Mann, mit seinem gerotheten Antlitz, den wackelnden Ringen in den Ohren, das knatternde Schurzfell uber den Lenden, vor dem zarten, kleinen alten Madchen stand und an seinem Schutzpatron Sanct-Stephanus, dem Gesteinigten, festhalten musste, um nicht im Glauben wankend zu werden vor Bewunderung einer Beredsamkeit, die ihm bewies, dass er den Fluch der ganzen Kirche auf sich laden wurde, wenn er nicht dahin sich ergabe, jenen Anblick nur vorlaufig einmal gehabt zu haben, den Anblick jenes vom Jagdkleid des Kronsyndikus vom Deichgrafen im Ringen losgerissenen grunen Kragens was er da geschworen: dem Lob Seligmann dafur zum Lohne "und bis auf weiteres" das von ihm vermittelte Geschaft des Verkaufs zu Stande kommen zu lassen, das hielt er denn nun auch.

Stephan Lengenich, im Geiste sich bis an die Spitze des Geierfelsen hinter ihm hinaufgipfelnd und das ganze Enneper Thal zum Schemel seiner Fusse nehmend, kam naher ...

Seligmann rief ihn von der Terrasse grussend an ... Lengenich zog den Hut lassig wie ein Furst.

Bernhard erklarte sich bereit zum sofortigen Abschluss und zur Ausstellung einer Anweisung auf sein Comptoir in der Stadt.

Fuld's kurze und geschaftliche Begrussung des inzwischen auf die Veranda eingetretenen Handwerkers war diesem wenig genehm; denn wenn Leute aus dem Volke etwas ihnen Wichtiges unternehmen, so wollen sie es mit einem entsprechenden Umstand vollzogen sehen. Ehe aber Stephan nur erst die Anrede gemacht hatte: Lieber Herr! war Bernhard schon mitten in dem Gegenstand. Und ehe jener nur erst sein: Lieber Herr! wiederholt, dann von seiner Geburt her "in dem Hause da druben hinter den Wallnussbaumen am dritten Fenster rechts Eintausendsiebenhundertunddreiundneunzig" begonnen hatte, da bezweifelte Bernhard schon wieder Stephan Lengenich's wirkliche Absicht, bei neunhundert Thalern stehen zu bleiben und nicht auf Billigeres zuruckzugehen. Und wie der Kufer nun gar erst von dieser Seitenschwenkung, die er jedoch schon rascher parirte, im Context irre wurde und zu seiner Wanderschaft ubersprang als Gesell und von den funf Groschen sprach, die er manchmal nicht in der Tasche gehabt hatte, und dann der Weg bis zu dem Dusternbrook bei Schloss Neuhof noch in unendlichster Perspective lag, da waren alle drei schon aus der Veranda einige Stufen, uber welche eben im seidenen, duftenden Kleide dahinrauschend ein allerliebstes kleines Frauchen mit einem grossen weissen Spitzenteller auf dem rabenschwarzen Haare ihnen begegnete, in Bernhard's Arbeitszimmer angekommen und hatte dieser schon eine Feder in der Hand und setzte eine Verstandigung auf, die Lengenich unterschreiben sollte ... Jetzt war zwar in der Pracht und Eleganz der Umgebung die Biographie des Kufers vollends verschuttet, doch hatte er fur sein umstandliches Gemuth nun einen Vorsprung gewonnen. Er sollte etwas unterschreiben! Da lag ein Bogen Papier, unter den er seinen Namen setzen sollte, wahrend ein andrer darauf warten muss! Das ist ein grosses Privilegium! Da kann ein jeder sicher sein, ob er nun Napoleon oder Alexander der Grosse heisst, dass er ruhig zuhoren muss, wenn sein Wirth beim Schliessen eines Miethcontractes die Pause benutzt und die gegenwartige Hohe der Steuern auseinandersetzt! Lengenich las jede Zeile mit Aufmerksamkeit und ihm storte nicht das heitere Lachen der kleinen Frau und ihr Scherzen draussen mit Wenzel von Terschka, ihn storte nicht, dass Bernhard Fuld noch gar nicht einmal angekleidet war. Der Preis war noch offen gelassen, in Erwartung, Lengenich wurde sich vor Seligmann in der unter ihnen abgemachten Summe verrathen.

Wirklich Siebenhundert? sagte Bernhard. Haben Sie sich nicht verschworen mussen, Herr Lengenich?

Siebenhundert?

Seligmann trommelte auf die Fensterscheiben. Die beruhmte Auctionsarie aus der "Weissen Dame" bekam er in seine beleidigten Finger.

Inzwischen horte man leichtes Fuhrwerk im Kieselsande anfahren bald war es zwolf Uhr vor Tisch war noch manche Anordnung zu treffen ...

Bernhard sagte:

Ich stelle also eine Anweisung auf achthundert Thaler.

Seligmann trommelte und pfiff sogar leise die Verzweiflung des Schlossverwalters aus der "Weissen Dame" ...

Na, richtig, neunhundert! sagte endlich Fuld argerlich, nur um zum Ziele zu kommen und auch erschrekkend uber den immermehr zuruckhufenden und sich purpurn uberfarbenden Kufer ...

Als er geschrieben, musste er dann auch zur Strafe noch aushalten, dass Stephan Lengenich ihm die Hand reichte, gleichsam eine ewige Freundschaft mit ihm schloss, sich freute, ihn personlich kennen gelernt zu haben, seine kostbare Einrichtung bewunderte, einige Bilder betrachtete, nach dem Preise der Rahmen fragte, dreimal den Hut suchte, wahrend er ihn doch schon in der Hand hatte, und nicht fortkonnte ...

Seligmann unterstutzte ihn in diesem Laviren ... Denn Eines war hochst sonderbar. Der Vetter machte keine Miene, sich zu erinnern, dass er heute bei ihm speisen sollte ...

Schon rief Bernhard Fuld: Jean! und der Bediente kam und half ihm bei Abschluss der Toilette ...

Stephan Lengenich bewunderte noch immer einige Portrats und verglich bei einer der ringsum aufgehangten Damen die Augen mit denen Veilchen Igelsheimer's ...

Excuse! sagte Bernhard argerlich und zog ohne weiteres den Schlafrock aus ...

Aber kein Wort vom Diner?!

Nein, sehen Sie, Herr Seligmann, diese weissen Hande mit den Ringen! .. Dort!

Bitte recht sehr! bemerkte Bernhard immer verdriesslicher und doppelsinniger und liess seine weiten rothen Beinkleider sinken, um ganz enge schwarze anzuziehen ...

Und nichts vom Diner!?

Stephan Lengenich besann sich jetzt, was der Anstand erforderte. Der Mann war er nicht, der nicht verstanden hatte, mit den Grossen umzugehen, mit feinen, gebildeten Herren wie Schnuphase, mit Secretaren des Kirchenfursten und ahnlichen Lebensstellungen ... Jetzt empfahl er sich und verwechselte nur noch die Thuren ...

Da, da, lieber Mann! zeigte Fuld und er war dabei auf der Folter ...

Aber nichts vom Diner?! .. Lob Seligmann steht wie angewurzelt ...

Ja aber, was wollen S i e denn noch? fuhr Bernhard Fuld jetzt auf, zornig uber den kleinen Mann mit dem schwarzen Wollenkopf und hatte nicht ubel Lust hinzuzusetzen: Haben Sie denn Pech an den Stiefeln? ...

Dabei zog er schon den Frack mit dem rothen Band der Ehrenlegion an.

Das wurde denn nun doch dem Vetter zu viel!

Vor Stephan Lengenich, der schon draussen war, compromittirte er jetzt weder sich noch den Vetter. Mit einem Tone, der gleichfalls unerschrocken dem "Unter uns" entsprach, sagte er:

Herr Fuld! Ich wollte nur gefragt haben: Wann ist die Stunde, wo bei Ihnen gespeist wird?

Jetzt sah ihn Fuld gross an und besann sich ... Lange musste er kopfschutteln und lachen. Endlich rief er gezogenen Tones:

Schlemihl! ... Es ist ja wahr! ... Wissen Sie was? Gehen Sie in die Kuche, Seligmann! Fragen Sie Reginen, wie viel Minuten vor zwei Uhr die gespickte Rehkeule irgendwo zum Anschneiden ist, dass man's nicht sieht, wenn sie auf die Tafel kommt!

Lob Seligmann hob voll Trotz das Haupt aus den Schultern und warf es mit einer gewissen schiefen Senkung wieder in den Nacken. Die Art, wie er von dannen ging, sagte geradezu: Ich denke, Sie haben sich meiner nicht zu schamen, Herr Fuld; denn es steht geschrieben: Alle Juden sind wir geborne Prinzen.

So schritt er fort; sein Gemuth loste sich aber in Elegie auf ... Er musste gedenken: Gott, wenn du nun nach Kocher am Fall hattest schreiben mussen, du warst auf Fuld's Villa und sie hatten die Einladung vergessen! ... Dieser Gedanke goss uber sein Antlitz die ausserste Wehmuth ... Lengenich, der ihn draussen erwartete, begriff nicht, warum so weich die Worte von seinen bleichen Lippen kamen:

Gehen Sie jetzt, Mann! Versohnen Sie sich mit Ihrem Bruder, der Ihr argster Feind gewesen! Ich bleibe auf der Villa! Sie wissen! Ich speise bei meinem Vetter!

Der Kufer war in verwandter Stimmung. Er wusste, dass im alten, Anno 30 renovirten Hause der Aeltern eben jetzt sein Bruder Melchior mit der Familie zu Tische geht ... Er wusste, dass es heute seit einem Jahrhundert dort Klosse, gekochte Birnen und Speck gab ... So nach der Rechtfertigung des Pfarrers mit Darreichung des Handschlags vom Bruder sogleich empfangen zu werden, verlangte er nicht. Dazu war der Berg zwischen ihnen zu hoch gewesen. Aber ein kurzes: "Stephan, du bist's?" ein aufrichtiges, ehrliches, deutsches: "Ja, Melchior, ich bin's!" ein Schweigen von Seiten Melchior's und ein Deuten blos auf den Mittagstisch und die Worte: "Willst mithalten?" ... mehr verlangte Stephan nicht ... mehr bedurft' es auch nicht zur Aussohnung. Endlos ist das Volk in Verstandesdingen, in Herzensdingen kurz.

Seligmann aber, alle Sorgen, die sich noch an den Fund des Portefeuilles aus der Kutte des Monches Sebastus knupften (eines Portefeuilles, das einem Manne gehorte, an dem sich rachen zu wollen auch ihm sein erstes Gelust gewesen) abschuttelnd auf die Weisheit, hochherzige Besonnenheit und Beredsamkeit Veilchen's stieg in das Souterrain der Villa, wo neben dem franzosischen Koch, Herrn Julien aus Paris, Regine waltete, die der jungen Madame Fuld ihre Aeltern mitgegeben hatten, um dafur zu sorgen, dass sie den Zusammenhang mit den Vorschriften des Talmud nicht zu sehr dem vornehmen Weltleben ihres Gatten opferte. Waren keine Gaste da, so hatte Regine den Oberbefehl und duldete am Kalbsbraten keine Butter, am Rehbraten keinen Rahm, nimmermehr Aale, nimmermehr die Verwechselung der Geschirre je nach dem Inhalt, der drinnen gewesen und wie die Vorschriften eines Glaubens lauten, der die Grundlage unsers eigenen ist.

Seligmann lachelte sanft, die Freude Reginens zu sehen, dass sie einen "Vetter" ihrer Herrschaft oben kennen lernte, wenn auch nur hier unten im Souterrain des Kellers ...

Der Rehbraten, sagte allerdings der Koch streng abweisend, sein erst dann zu dividir, wenn er zurukkspazir' de la Table! ...

Aber Seligmann war es nicht um den Rehbraten, sondern nur um die Ehre zu thun. Er wartete den Gang der Ereignisse ab. Das freundliche Plauschen der alten Wienerin weckte ihm allmahlich wieder die frohe Musik seiner Seele.

12.

Nun von Viertelstunde zu Viertelstunde ein neuer Gast ...

Zuerst der Bruder Moritz ...

Er war der Aeltere, trat aber gegen seinen reprasentativeren Bruder zuruck. Fast vierzig Jahre alt, mochte er sich nicht mehr verheirathen. Er hatte eine pessimistische Auffassung des Lebens, wahrend Bernhard, Geldsachen ausgenommen, mehr zum Optimismus neigte ...

Moritz brachte die ihm gestern Abend anonym zugeschickte Caricatur.

Glucklicherweise brachte er auch den Humor mit, dass er das Befremden und den entrusteten Unwillen seines Bruders nicht vermehrte ...

Der stille und sanfte Alois Effingh hatte sie beide darstellen lassen, wie sie mit einem Heiligenschein von Dukaten um den Kopf standen, der eine in der Hand mit einem Modell einer neuen Kirche, der andere mit einer Kerze und mit dem Rauchfass. Darunter stand die Unterschrift: "Alles furs Geschaft!"

Fur die Kirche, sagte Moritz, troste uns die neue Eisenbahn in Belgien, deren Actien wir in Deutschland emittiren! Und fur die Dukaten um den Kopf troste uns unsere amsterdamer Berechnung vom letzten Ultimo! Louis Philipp lasst die Curse fallen, weil die Kammern zusammentreten. Um die Debatten uber die Thronrede nicht zu grob werden zu lassen, kitzelt er ein bischen den franzosischen Nationalstolz durch den Schein, dass es Krieg gibt.

Bernhard versicherte sich, dass Moritz wenigstens

die Caricatur vor seiner Frau geheim hielt ...

Gott, wie zartlich! Warum soll sie unsere Lage

nicht kennen lernen? erwiderte Moritz.

Dabei musste er gewahren lassen, dass ihm Bern

hard sein an Louis Philipp's "ehrliche Leute" und deren Politik erinnerndes rothes Bandchen etwas weiter aus dem Knopfloch zog ...

In der Stadt druben, fuhr Moritz fort (er that dabei

sogar dem Bruder den Gefallen, sich im Spiegel zu besehen), mussen wir uns isoliren und unsere Kraft nur in Paris, London und Amsterdam suchen! Dann der mittlere Burgerstand und der kleine Mann gewonnen und wir lachen diese altfrankischen Buchhalter aus mit ihren grossen dicken liniirten Strazzen, die von Jahr zu Jahr hinten mehr leere Seiten zeigen werden.

Beide waren einig daruber, dass der Spott nur von

der tonangebenden mercantilen Jugend der wohledeln Stadt, von Piter und dessen Freunden kommen konnte.

Sie verliessen das Haus und gingen den schattigen

Partieen des schonen Gartens zu und sprachen von den Antragen Wenzel's von Terschka ...

Es war von einer grossen Lotterie die Rede, in der die Standesherrschaft Dorste-Camphausen allenfalls verspielt werden konnte ... Terschka hatte selbst aus seiner Heimat diese dort ubliche Form fur Geldspeculationen grosser, selbst furstlicher Hauser anempfohlen ...

Neue Anmeldungen hinderten die Fortsetzung dieses Gesprachs ...

Bernhard ging, eine kurzlich in Belgien bei Negociirung eines grossen Eisenbahnanlehens der Stadte Luttich und Namur gemachte Bekanntschaft aus Spaa, den Baron von Binnenthal zu empfangen ...

Die Physiognomie des Barons misfiel Moritz. Gerade darin zeigte er seinen Pessimismus, dass er bestandig des Bruders Sucht nach vornehmen Bekanntschaften bekampfte, die allerdings nicht selten mit Geldverdriesslichkeiten endeten ...

Ich weiss nicht, mit was fur Leuten du dich ziehst! flusterte er dem Bruder zu.

Aergerlich wies dieser auf den aus der heissen Kuche jetzt zuruckgekommenen und in den entferntesten Hecken des Gartens fast auf den Zehen spazieren gehenden Seligmann und sagte:

Schnorrer willst du? Da hast du einen!

Sich wendend empfing er dann wieder eine neue Meldung ...

Herr von Binnenthal war inzwischen zu Madame Fuld getreten ...

Ein junger Dandy war es, der bei seinen vielen Reisen im Ausland seine deutsche Muttersprache verlernt zu haben schien und bei den einfachsten Begriffen stockte, um sie zuletzt englisch oder franzosisch vorzubringen.

Moritz flusterte seiner Schwagerin (die in der Mitte des Gartens in der schattigen Rotunde eines mit vier Eingangen durchbrochenen Rebenspaliers, auch hier auf gusseisernen, mit Polstern belegten Stuhlen, anmuthsvoll die Honneurs machte und durch die Strahlen eines von Blumen umzogenen Springquells aus der Ferne gesehen, in ihrem wassergrunen seidenen Kleide, fast einem Grandville'schen Naturgeist, einer personificirten Libelle ahnlich sah) nach einigen Beobachtungen des Herrn von Binnenthal brummend die Bemerkung zu:

Ich weiss nicht, dieser Baron hat immer das Deutsche an den Stellen vergessen, wo man eben erwartet von ihm einen Gedanken zu horen!

Frau Bernhard Fuld sprach jedoch holdseligst mit dem Baron, ohne sich im mindesten von der gramlichen Kritik des Schwagers storen zu lassen.

Wieder klingelte die grosse Pforte des Eingangs.

Wieder eine Anmeldung "aus der Pairskammer", wie Moritz sagte, der im Geiste mehr in Paris, als in Drusenheim zu leben schien.

Diese neuen Ankommlinge wurden vor Bewunderung der Villa gleich vorn gefesselt.

Terschka und Binnenthal unterhielten die Wirthin und Moritz horchte und studirte vor sich hin und auf dem Gartenboden, wie es schien, nur Botanik.

Herr von Binnenthal hatte allerdings alle Eigenthumlichkeiten der Weinreisenden. Er konnte mitten in eine Phrase uber die von Terschka angeregte Schonheit der alten belgischen Bauten eine Zwischenrede mit der Wendung einwerfen: "Meine gnadigste Frau, dieses weniger!" Oder Frau Bettina, wie sie statt Betty dem seit einigen Jahren erschienenen Briefwechsel Goethe's mit dem Kinde zu Liebe genannt wurde, ungeduldig uber die draussen gefesselten Gaste, wollte einen Schmetterling haschen. Es mislang ihr und Baron Binnenthal nannte diese kleine graziose Unterbrechung, die der schonen Frau allerliebst stand: "Eine verfehlte Speculation!" Als er einige male, wetteifernd mit dem immer gefallsamen Terschka, der aus dem: "Kuss' die Hand!" gegen Frau Bettina nicht herauskam, von "schiefgewickelten" Ideen sprach, erregten diese Ausdrucke wol bei beiden grosses Gelachter, Moritz jedoch hatte auf der Lippe, seinen Bruder Bernhard zu fragen, ob dieser in dem Eifer nach Vornehmheit vergessen hatte, sich den Pass des Herrn von Binnenthal zeigen zu lassen.

Und dabei bekam Moritz wahrhaft Mitleid mit dem armen Seligmann, der sich hinter den aussersten Stachelbeerhecken versteckte und je mehr Menschen kamen, ganz gegen das Naturell seines Stammes, desto weiter sich zuruckzog.

Immer grosser und grosser wuchs die Zahl der Connexionen. Nun sah man, dass man in Homburg und Baden-Baden die Liebenswurdigkeit selbst gewesen war. Jeder, der auf seiner Ruckreise den schonen Strom beruhrte, war aufmerksam gemacht worden, die Villa im Enneper Thale zu besuchen ...

So auch ein Herr von Guthmann mit Gattin ...

So auch zwei englische Ladies, die mit Ponies an fuhren und mit Mappen kamen, um nach Tisch vielleicht noch die Gegend aufzunehmen ...

So auch ein grosser "Exporteur in Landesproducten" aus Hamburg mit zwei Schwestern ...

Bernhard gerieth in eine gegen seine sonstige blasirte Haltung immer mehr zunehmende Aufregung. In dieser gab er sogar den Bedienten den Befehl, den so "lauernd schleichenden" Seligmann ganz aus dem Garten zu verweisen.

Moritz machte zu alledem den Beobachter und bemerkte bereits Manches.

Z.B. als das von Guthmann'sche Ehepaar in den Garten getreten war ...

Herr von Binnenthal entfaltete gerade ein Brillantfeuerwerk von "famosen" oder "schaurigen" Thatsachen aus dem Badeleben Ostendes und Scheveningens und hatte auf die Frage des Herrn von Terschka, ob Herr von Binnenthal auch ein Schwimmer ware, wieder die geistreiche Antwort gegeben: "Dieses weniger!" als seine Blicke des Herrn von Guthmann ansichtig wurden und vom Momente an verstummte Herr von Binnenthal. Moritz konnte diese auffallende Beobachtung um so mehr machen, als ihn Frau von Guthmann interessirte; eine seine graziose Erscheinung war es, nicht mehr ganz jung, aber von gefalligem Eindruck und einem ohne Zweifel im Salon gebildeten Benehmen. Als sie selbst mit einem jener Misverstandnisse, die in Gesellschaft mit neuen Bekanntschaften oft vorkommen, sich selbst in ein langeres Gesprach mit Herrn von Binnenthal eingelassen hatte und erst allmahlich erkannte, dass sie sich an ihr ebenburtigere Personlichkeiten hatte wenden mussen, stand doch Herr von Guthmann lange genug allein, um uber den Eindruck, den auch ihm Herr von Binnenthal zu machen schien, von Moritz beobachtet zu werden. Dies schien der Eindruck des hochsten Erstaunens zu sein. Offen sprach Herr von Guthmann zu Moritz seine feste Ueberzeugung aus, in jenem jungen Manne einen gewissen Oskar Binder wiederzuerkennen, der Nun freilich nahm er Anstand, die Antecedentien eines Mannes offen anzugeben, der hier in solchem Kreise bei Rittern der Ehrenlegion verweilen konnte und von Pferden, Hunden und von Guterankaufen sprach. Dass auch ihm der Makel anklebte, auf eine nicht besonders motivirte Weise Bankrott gemacht zu haben und mit der geschiedenen Frau eines angesehenen Mannes, gegen deren Auffuhrung die sprechendsten Beweise an Ort und Stelle vorlagen, sich von Weib und Kind entfernt, dann diese Frau und mit ihr den selbstgegebenen Adel geheirathet zu haben, um ein speculatives Leben in den Badern zu fuhren das war allein der Anstand, der Herrn von Guthmann verhinderte, offener mit der Wiedererkennung seines fruhern Commis hervorzutreten. Seine Frau fuhrte mit diesem gerade eine liebenswurdige und hochst charmante Causerie, ganz noch als wenn sie in seinem Bazar stunde und unter Scherz und Bewunderung der vorgelegten Stoffe, sicher nur infolge angeborener Kleptomanie, ein Packet Spitzen escamotirte. Moritz bemerkte den Schrecken, der auf den Gesichtszugen des Herrn von Binnenthal immermehr platzzugreifen anfing ...

Diese so interessanten Bekanntschaften wuchsen immermehr ...

Bernhard's neue Existenz strahlte im Lichte der edelsten Gastlichkeit. Man hatte im ersten fluggen Drange des Bestrebens, ein Haus zu machen, jeder personlichen Beruhrung, selbst einer Frage am Cursaal zu Baden-Baden, ob diese oder jene Piece nicht von Beethoven ware? und der Antwort der Nachbarin (zufallig Meta Carstens, die mit Bruder und Schwester ihre zweijahrliche Ferienreise machte): "Jewoll!1) Die C-Moll-Symphonie!" dann bei einer Kritik des Funf-Uhr-Diners (hamburger beibehaltene alte Gewohnheit) und der Bewunderung der aufgetragen gewesenen Erbsen (die sie ruhmende war Sophie Carstens) eine Ausdehnung zur Einladung, auf der Ruckreise das Enneper Thal zu besuchen, gegeben. Frau Bettina liebte die Natur, die Musik, die schonen Kunste und sogar die Freundschaften noch ebenso, wie Bernhard bereits nur noch die Livreen, die Pferde, die Hunde und die grossen Namen liebte. Nach den Honigmonaten klart sich das. Jetzt ist die Garung noch etwas bunt. Zu dem Commis mit funf Jahren Correction, zu dem bankrotten Rentier und seiner neuen Gattin, dem weiblichen Vidocq, zu den Ladies, die die Tochter eines Porterbierbrauers in London waren, kam Nikolaus Carstens, seinerseits hochst unschuldigerweise hier ein grosser Exporteur genannt, theilweise jedoch mit grosserm Rechte als Munzenkenner und halber Gelehrter gefeiert. Er bedurfte der ganzen Wurde, die ihm seine weisse, grosse, in der Hitze nicht eben kuhlende Halsbinde gab, um die Aeusserungen seiner Schwestern uber eine gewisse von ihnen bewohnte Villa vor dem Dammthorwalle mit Besonnenheit zu unterstutzen.

Wir bedauern nicht verweilen zu durfen bei der Anmuth der Wirthin, die ganz wie ein verkorperter Tropfen vom heutigen Fruhthau noch nachblinkte. Sie einen Diamanten zu nennen, deren sie einige Dutzende auf Brust und Handen trug, ware zu kalt von uns. Sie ist das Leben selbst, der Fruhling, der lachende, die Sonne, die gluhende. Wie ist das im Gluck geboren und erzogen! Sie hat soeben bei dem Wandeln hinaus auf den nun heute zu ihrer kindlichsten Freude erworbenen halbwusten Acker und Weinberg, dessen Hohe jedoch das schonste Panorama bot, eines der kostbaren Bander, die sie auf dem schonsten Arme von der Welt trug, verloren Moritz tadelte gleich, dass sie deren zu viel trug und nannte es ein gefahrliches Unterbinden der Pulsadern beim Zeigen und Bewundernlassen dieser Armringe war einer von ihnen verloren gegangen ... eben kam der Verlust zur Sprache ... eben bei der Debatte uber das Verhaltniss irgendeines neuen wiener Componisten zu Beethoven, einer Zusammenstellung, uber deren Ketzerei Meta Carstens vor Aufregung fast plattdeutsch sprach und dabei Brillanten und Rheinkiesel in geistvolle Vergleichung brachte ... Nun allgemeine Bewegung; aber die junge Frau sagt: Bitte! bitte! Lassen Sie doch nur! ... Die Bediente springen ... Terschka ist schon uberall ... Bernhard bittet um alles in der Welt, den Fall leicht zu nehmen ... Bettina nimmt den Fall wirklich schon leicht ... Man kehrt unverrichteter Sache zuruck, das Armband ist nicht zu finden ... Und jetzt kommt es erst heraus, dass es das schonste war, dasselbe, das Frau von Guthmann so lange bewundert hatte ... Moritz fixirt Herrn von Binnenthal ... aber ein Graf Dammhirsch wirklich das einer von sechzehn Ahnen, aber blos Traineur und Besitzer von zwei alten magern, schnellfussigen, ihn ernahrenden Stuten verburgt die Ehrlichkeit der Gegend ... Doch die Masse der Spazierfahrer und Ueberlandganger! ... Enfin tranchons le mot! ruft Bernhard. Tranchons le rostbeaf! sagt Moritz, mit Anspielung darauf, dass man auch allenfalls Hunger haben konnte ... Das Ding kostete mindestens sechzig Friedrichsdor! flusterte er; aber Bettina sprach schon wieder von Musik und vertheidigte den neuen Componisten und bewunderte Thalberg's Tremolo.

Die Stimmung war allerdings ein wenig gedruckter geworden und nur die Naivetat der Englanderinnen belebte sie wieder durch ihr Entzucken uber die Gegend.

Bernhard sah sich nun nach Seligmann um, den er aus dem Garten verwiesen hatte, ja sogar von der Eingangspforte der Villa weg, wo der gute Vetter sich nutzlich zu machen den Einfall bekam und den Schlag der Wagen offnete, wenn die Bediente nicht sogleich zugegen waren. Jetzt hatte der nach dem Armband suchen konnen. Er bereute fast, vor einer Viertelstunde zu ihm gesagt zu haben: Seligmann! Ich werde Ihnen doch einen Hut mit Tressen geben, ein Bandelier und einen Stock, wenn Sie durchaus hier den Portier machen wollen!

Man konnte nicht leugnen, Seligmann trug die Farbe seines Stammes in seltener Treue. Dazu kam seine unendliche Gluckseligkeit, die unverkennbare, fast verwandtschaftliche Freude, andere im Augenblicke gleichfalls so gluckliche Menschen hier begrussen und aus dem Wagen helfen zu konnen mit seinen allerdings schon etwas von der Hitze stark mitgenommenen gelbseidenen Handschuhen.

Indessen hatte er sein Vergehen vollstandig eingesehen und da die gute Regine mit der Unterstutzung des Koches noch ausschliesslich zu thun hatte und ihm selbst der Duft von Speisen, die ihm noch so lange vorenthalten bleiben sollten, doch ein zu lebhaftes Andringen zu seinen Geruchsorganen verursachte, so zog er es vor, einstweilen noch und da leichte Wolken die heisse Sonne zu bedecken anfingen, die Villa zu verlassen und noch ein wenig auf Drusenheim zuzuspazieren, zu sehen vielleicht, ob Stephan Lengenich bei seinem Bruder Speck, Klosse und Birnen ass.

Eben das eiserne Thorgatter der Besitzung auf das sanfteste zurucklehnend horte er Sabelklappern und traute seinen Augen nicht, den Major Schulzendorf mit seinem Wachtmeister Grutzmacher aus Kocher am Fall dahertraben zu sehen ... Ja, sie waren es! ... Wie die Rosse dampften! ... Wie die Schnurrbarte der Reiter vom Kalkstaub der Landstrasse so marsch- und manovermassig gefarbt waren! .. Der Gruss der Nachbarn aus Kocher am Fall that ihm so wohl, wie wenn sie ihm Grusse von der Hasen-Jette und vom David mitbrachten.

Ei, Seligmann! Schlag, wie kommen denn Sie hierher? rief ebenso erheitert Major Schulzendorf und ritt etwas langsamer.

Ja, aber Sie, Herr Major? Von druben? Zwolf Stunden weit?

Dienstgeschafte! ...

Bedeutungsvolle Pause ...

Grutzmacher spricht naturlich kein Wort, wenn der Chef redet ...

Dieser wollte weiter ...

Apropos! hielt er plotzlich sein Ross an. Seligmann! Wissen Sie hier keine Pferde?

Herr Major, wollen Sie wechseln?

Wechseln! Kaufen! Kaufen!

Seligmann besann sich ... Vielleicht war ein Geschaft zu machen.

Der Major drangte ...

Sie haben was, Seligmann! Kommen Sie uns doch nach! In den Palmbaum, heisst ja wol das Wirthshaus?

Zu Befehl, Herr Major, zu Befehl!

Wie wir wissen, war der Major ein beruhmter Pferdehandler. Seligmann durfte annehmen, dass diese Aufforderung vollkommen ernst gemeint war.

Grutzmacher, der erst dicht neben seinem Chef ritt, sich jetzt aber drei Schritte zuruckhielt, bestatigte mit einer eigenthumlichen Ironie in dem sonnenverbrannten, wie mit Speck und Staub uberstrichenen Antlitz die Gelegenheit zu einem Geschaft. Und sein Brauner sogar schien den Seligmann zu erkennen. Er machte einen so gewaltigen Satz, dass ihm Grutzmacher's Sabel fast an seine Vatermorder streifte.

Na, na, Landsmann! sagte Grutzmacher zum Gaul und beruhigte ihn.

Die eigenthumliche Ironie des seinem Chef Nachsprengenden verstand der Nachbar des Wachtmeisters zu Kocher am Fall auf den ersten Blick. Seligmann sagte sich: Gewiss ist blos ein Pferd dienstuntuchtig geworden! Nun wird er eine Reise von zwolf Stunden und sogar uber den Strom hinweg unterwarts mit der diessenbacher Fahre machen! Nebenbei werden ein paar Wagenpferde fur Herrn von Ingelheim, ein paar Ackerpferde fur den Grafen Grafenberg, ein Reitpferd fur dessen Herrn Sohn beschafft. Oder war's noch etwas Anderes? setzte er in sinnendem Selbstgesprach, aber nachfolgend hinzu ... Seligmann verstand sich auf die Zeit ... Ihm selbst lag der Streit der Guelfen und Ghibellinen seit gestern centnerschwer auf dem Herzen, so leicht auch nur ein einziger gruner Streifen Tuches von einem Jagdrock wiegt.

Im Palmbaum fand er dann den Major, der bereits, wie er erzahlte, heute sieben bis acht Pferde behandelt und theilweise schon erstanden hatte. So aufmerksam Schulzendorf dann zuhorte und sich Namen und Ortschaften notirte, wo Seligmann noch einige junge, tuchtige Pferde wusste, auch eines ganz in der Nahe auf einige hundert Schritt, so fand er den Major doch nicht in der Stimmung, den Duft des Stalles sogleich wieder einzuathmen, sondern erst vor allen Dingen den eines tuchtigen Mahles.

Im Palmbaum gab es eine leidliche Table-d'hote. Das Gewuhl von Menschen, die sich noch an der mit jedem neuen Gast mehr verdunnten Suppe und an ausgekochtem Rindfleisch mit Salzgurken satt assen, war heute so gross, dass Seligmann plotzlich auf einen ihn selbst uberraschenden Gedanken kam. Wie dachte er; wenn uberlegte er; prachtig! beschloss er. Der Major war an der Villa vorubergeritten und hatte bei seinem ausserordentlich seinen norddeutschen Spursinn (die Guelfen raumen den Ghibellinen vorzugsweise eine grossere Feinheit der Geruchsnerven ein) Seligmann beneidet, als dieser sich ruhmte, dort zu diniren. Selbst wenn es nur Kugel-Schalet gab, wussten ja Grutzmacher und er, dass der Major solchem Geruch manchmal selbst bei Jette Lippschutz nicht widerstehen konnte. Selbst unter deren Dach sah man ihn oft eintreten am Freitag Abend mit der feinsten Nase, die nur je jenseits der Elbe zum spurenden Organ alles Guten und Schonen sich ausgebildet ... Ueberhaupt sechsunddreissig Landdragoner standen unter dem Trefflichsten. Jeder von ihnen wusste, dass ein so tuchtiger Chef nur zum Wohle des Vaterlandes geboren werden konnte, und eine dies bezeugende Kleinigkeit, namlich zu seinem Geburtstage bezeugte auch an ihnen wieder, so arm sie waren, ein gutes Herz. Schulzendorf nahm jeden Hasen, auch wenn er geschenkt war. Und nun gar erst der Pferdehandel! Sechzig Thaler kostete nun so eine tuchtige Mahre von einem Bauer z.B. hier im Enneper Thale; dann hat man einen guten Freund, Grutzmachern z.B., die gute treue brave juterbogker Seele macht so ein Thier "rittig", setzt Leib und Leben, Frau und Kinder daran, das wilde Jungblut zuzureiten, und nach sechs Wochen nimmt es dann der beste aller Konige fur achtundachtzig Thaler. Bei sechsunddreissig Pferden, die wie alle Pferde nur zu oft nicht einschlagen, kommt der Fall der Erneuerung und ein Gewinn von achtundzwanzig Thalern per Stuck sehr haufig vor. Wollte man aber darum den Major anklagen, dass er im Dienste lassig gewesen? Nimmermehr! Er strafte wie einer! Er machte Abzuge wie einer! Er lachelte stets so scharf, so sarkastisch, so liebevoll mephistophelisch, aber zuweilen konnte sein Inneres auflodern, wie wenn seine Vater nicht geborene niederlausitzer Tuchmacher, sondern (nach Shakspeare) "von Deukalion her erbliche Furstendiener" gewesen waren. Er vergass keine Titulatur nach oben, aber wehe dem, der eine von unten vergass! Um zu zeigen, wie ein Chef Untergebene behandeln musse, duldete er nimmermehr, dass Grutzmacher von den Schreiben, die aus dem Landdragoneramte an untergeordnetes Volk gingen, den Streusand wegblies. Kreuzhimmeltausendsakkerment! fluchte er trotz Niemeyer und Knapp, bei denen er noch in Halle Theologie studirt hatte, wenn Grutzmacher von einem Bescheid an einen Dorfrichter oder an eine kleine Stadtgemeinde den Streusand wegblasen wollte! ... Diese Bagage muss wissen, mit wem sie zu thun hat! ... Aber nach oben hin war dann Schulzendorf auch um so mehr die schuldigste Devotion selbst ... In dieser Weise zeigte sich jene Gesinnung, die niemand scharfer durchschaute als Procurator Nuck, wenn er nachdenklich seinen Frack mit dem goldenen Sporn betrachtete, oder Michahelles, wenn er zum Kirchenfursten sagte: "Eminenz! Erst nur gewisse Fursten gewinnen und in dreissig Jahren wird dann aus dem Schoose des Protestantismus selbst heraus eine Bewegung entstehen, der man getrost es commandiren kann, Rom auf halbem Wege entgegenzugehen!"

Auch Seligmann wollte einen starken, kraftigen Staat, hielt es aber fur politische Weisheit, wenn an Ort und Stelle in manchen Dingen nachgegeben und sich accommodirt wurde und vor seinen beiden Vettern glaubte er keine grossere Genugthuung zu haben, als wenn er ihnen den Major zu Tische fuhrte.

Mit Hochherzigkeit reinigte er den auf diese Eroffnung hin erst laut auflachenden, dann aber gar nicht abgeneigten Gonner vom Staub der Landstrasse. Seit gestern Mittag unterwegs hatten Uniform und Knopfe, Degenkoppel, Stiefel und Sporen gelitten. Mit Grutzmacher's Hulfe wurde das Werk der Adonisirung glucklich vollendet und lachend sich zuruckversetzend in die Zeiten der Campagne und den viel minder rucksichtsvollen Besuch manches flandrischen Meierhofs und manches burgundischen Edelsitzes, billigte er nach Seligmann's Rath als passendste Anknupfung den Pferdehandel und die Besichtigung einiger stattlichen Mecklenburger, die im Stalle des Besitzers von Drusenheim neu angekauft standen ... Man verliess den Palmbaum, wo Grutzmacher mit einem seiner loyalsten, aber vielsagendsten Blicke zuruckblieb.

Gerade war die Gesellschaft der Villa auf einer erneuten und auf Veranlassung der "in solchen Dingen pedantischen" Damen Carstens das Armband suchenden Promenade begriffen. Nachdem schon lange vor aufsteigenden Nebeln die Sonne verschwunden war, begann es etwas zu tropfeln. Wie die Gesellschaft, von dieser unerwarteten Wendung der Sonntagslust uberrascht und auf eiligem Ruckweg begriffen, mit gespannten Sonnenschirmen da und dort aus dem Grun auftauchte, ging Schulzendorf, sich einen jugendlichen Schneller gebend, dem Wirthe entgegen und uber die Mecklenburger hinweg erfullte sich alles aufs trefflichste. Es war in der Ordnung, dass man dem Major die herrlichen Thiere, die Stallungen, die kostbaren Futterbehalter, die Porzellankrippen zeigte ... es war in der Ordnung, dass man ihn dringend bat zu bleiben. Seligmann, entzuckt uber ein sogar ganz freundliches Zunicken seines Vetters Bernhard Fuld, stieg triumphirend in die Kuche.

Jetzt waren alle Gaste mehr als vollzahlig beisammen und nur einer fehlte noch ... Schleudere deinen Bannstrahl, Paul genannt der Vierte! Kanonische Regel, verhange deine entschiedensten Strafen! Ein Priester im Hause, ja sogar am gedeckten Tische eines Juden! ... Dennoch offnete sich die Thur und der Pfarrer trat ein, in gewahlter Sonntagskleidung, in schwarzer Weste, schwarzen Handschuhen ... der praktische Mann war bei seinem Patronatsherrn die Auslegung des Bullariums hat ihre eigenthumlichen Geheimnisse.

Wir schildern nicht den geschmackvollen Esssaal mit bunten Fenstern, die die Gesichter grun, die Suppe roth, die Loffel blau erscheinen liessen. Wir schildern nicht den runden Tisch mit seinen Herrlichkeiten. Wir schildern nicht die galonirten Diener, die mit grundlich einstudirter Ruhe serviren. Wir schildern nicht diese scheinbar granitne Sicherheit, die Bernhard uber die Folge der Gange, das Abnehmen der Teller und Prasentiren der Weine zur Schau tragt, wahrend sein scharfes Auge stechend auf eine etwas laut niedergesetzte Schussel oder eine zur Erde fallende Gabel gleitet. Als es Gemuse gab, riefen die beiden Hamburgerinnen einstimmig ihrem Bruder zu: Nikolaus! Junge Erbsen! Das Gesprach wurde Schmetterlingsflattern, obgleich Englanderinnen immer grundlich sind. Am Lurleyfelsen werden sie sicher die Fusstapfen der Lurley gesucht und am Mausethurm die Locher der Mause gezahlt haben, die jenem Hatto von Mainz einst das Leben nahmen. Was aber auch nur angeregt wurde, alles zundete vorzugsweise bei Meta und Sophia, die, wenn sie auch stets mit den verklartesten und schonsten Stellen und Excerpten ihrer Tagebucher beschaftigt waren, doch von jeder Speise zweimal nahmen. Wie plastisch und sozusagen objectiv wurde von ihnen eine jede Lebensausserung behandelt! Selbst wenn sie nur ein wenig Salz verlangten oder sich vom Nachbar ein Glas Wasser erbaten, geschah es im Vollgenusse dieser hochst merkwurdigen, aber behaglichen Situation.

Der Pfarrer ist einer jener Urmenschen, die an jeder Stelle das thun, was die Lage der Dinge gerade mit sich bringt. Ebenso gut wird er einen wohlbereiteten Salmen zu wurdigen wissen, wie eine eingestandene Sunde. Das ist die beste Menschenart, die bei jedem Ding sich auf dem Platze weiss ... Schweigsam waren nur geworden Moritz der Pessimist, Binnenthal, Herr von Guthmann, selbst Frau von Guthmann ... das Armband wirkte doch druckend ... Dagegen war Terschka ein Matador. Hufbeschlag mit Schulzendorf, Stangen- oder Kandarenreiten mit dem Grafen Dammhirsch, Percussionsflinten mit einem Jagdjunker, Zukunft der osterreichischen Finanzen mit einem Herrn Bendixen aus Frankfurt, Drainage und alte Munzen mit Herrn Carstens, Rouge et Noir mit Herrn von Guthmann, Caramboliren beim Billard mit Binnenthal, Musik mit Miss Arabella, Malerei mit Miss Julietta, das von Liebig eben entdeckte Conserviren junger Gemuse in Blechbuchsen mit den Damen Carstens allem und jedem steht dieser Wunderbare zur Rede ... Und nur mit der Frau vom Hause spricht er von Wien und lacht mit ihr vertraulich uber die ganze ubrige Welt. Die Wiener und Wienerinnen haben das. In der Fremde gehoren sie alle einer geheimen Conspiration an, deren Devise die Unubertrefflichkeit ihrer Heimat ist.

Beim Gesprach uber Lindenwerth, die Pensionarinnen, Armgart, musste man denn auch auf Armgart's Mutter kommen, Monika von Hulleshoven.

Sie kennen sie? fragte der Geistliche Terschka.

Auch Schulzendorf horchte auf. Einen Namen horte er, den er von Kocher am Fall kannte.

Sie hat eine Tochter hier in der Erziehungsanstalt auf der Insel! fuhr Terschka fort. Ich hoffe sie heute noch zum Kaffee auf der Terrasse kennen zu lernen! Gnadige Frau hatte die vortreffliche Idee, die Terrasse heute zum Salon der kleinen Zoglinge zu machen!

Engeltraut schwieg zu der freudigen allgemeinen Acclamation. Zu vieles wusste er, was mit dieser Bemerkung schmerzlich zusammenhing. Erstens, welche Bedenken diese Einladung druben bei den Englischen Fraulein uberhaupt hervorgerufen hatte. Doch hatte er der Schwester Aloysia gesagt: Unser Herr spricht: "Reinige zum ersten das Innenwendige am Becher!" woran er die Betrachtung knupfte, dass man von dem Auswendigen nicht zu viel Wesens zu machen brauchte ... Dann hatte er vor wenig mehr als einer Stunde erst mit Angelika und Schwester Aloysia die Briefe aus Wien und Kocher lesen konnen (denn zwei Taufen und ein Krankenbesuch hatten ihn sogleich nach der Application in Anspruch genommen); den Rath hatte er gegeben, "abzuwarten" ein fur Armgart nicht minder als das Wort "Geduld" hochst antipathischer Begriff ... Den Major fragte er nach dem Obersten, Armgart's Vater.

Jedes allgemeine Gesprach pflegt sonst von dem Uebergang zu Personlichkeiten gestort zu werden. Hier aber ereignete sich der Fall, dass die Mittheilungen, die der Major von dem Obersten von Hulleshoven machte, manchen interessirten. Ja als er auf Kocher am Fall uberhaupt zu sprechen kam und das neueste nachbarliche Erlebniss erwahnte, das Erbrechen eines Grabes druben, als er den Antheil schilderte, den daran eine gewisse Lucinde Schwarz hatte, die den noch immer nicht aufgefundenen Thater auf die Idee gebracht, in einem Sarge Schatze zu suchen, da wurde plotzlich alles rege und ging wild durcheinander. Selbst der immer stummer gewordene Herr von Binnenthal fuhr auf und die gerade von moglichen Gewittern und der richtigen Abgangszeit der Dampfschiffe sprechende Frau von Guthmann und beide ganz in Beethoven, Mozart und jetzt wieder die kostlichen Fruchte des Desserts und die Vergleichung der geographischen Breitengrade des Enneper Thals mit den "Vierlanden" bei Hamburg verlorenen Damen Carstens riefen wie elektrisch beruhrt:

Lucinde Schwarz?!

Eine ultramontane Emissarin, die in den gegenwartig schwebenden Zeitlaufen begann der Major ...

Der Major wurde mit diesem fur die Nahe eines Pfarrers ziemlich scharfen Worte und den naturgemass zu erwartenden Repliken, dann wieder bei den darauf folgenden nahern Erlauterungen leicht bei dem vortrefflichen Dessertwein sich eine leise Anspielung erlaubt haben konnen auf den nicht ostensibeln Grund seiner heutigen Anwesenheit in dieser Gegend, wenn nicht in diesem Augenblick der allgemeinsten Spannung und durcheinander fahrenden Fragen: Lucinde? katholisch? wo? wann? ein Blitzstrahl das seither immer dunkler gewordene Zimmer erleuchtet hatte. Der erschreckenden Helle folgte in so raschem Aufeinander ein erschutternder Donner, dass alles aufsprang, weil man voraussetzte, es musste irgendwo in der Nahe eingeschlagen haben.

Das Diner war damit zu Ende.

Rasch lehnte man die bunten Fenster zuruck und sah entsetzt ins Freie. Zum Gluck wurde nirgends ein Feuer oder Rauch ersichtlich, aber der ganze Himmel war eine einzige grosse graue Wolke; ein Gewitter tobte und der Regen floss. Die Damen Carstens vergassen alle Gemuse- und Obstzucht in der Welt, alle Confessionsunterschiede und bedachten nur ihre Schuhe von Zeug und die mangelnden Regenschirme und die Weiterfahrt auf dem Dampfschiff. Ueberall fanden sie gefahrlichen Zugwind, riethen zum Schliessen von hundert Fenstern, die sie in der Nahe und dann auch sogleich weit offen stehend witterten. Auch Frau von Guthmann verlor ihre erkunstelte Heiterkeit und flusterte mit ihrem Gatten. Herr von Binnenthal hatte noch mit dem Dampfboot in die Residenz des Kirchenfursten zuruck wollen! Bereits zum oftern war von ihm die Nothwendigkeit einer Eisenbahn nach Belgien behauptet worden ...

Wirklich war es nun ein Gewitter, als hatte sich wochenlang darauf die Natur vorbereitet. Wahrend man gemuthlich ass und plauderte, hatten Sturme die Wolken immer dichter heraufgejagt. Sie entluden sich in Blitzen, die dicht in der Nahe schon in den dunkelwallenden Strom schlugen. Das hatte sich erst von Westen her in einzelnen Vorboten angekundigt. Dann kam ein dunkelblauer Streifen, der sich ausdehnte wie mit Drachenflugeln, Staubwirbel aufriss, die wie in Trichterwindungen sich drehten, die Thuren zuschlugen, Fenster zerklirrten ... Jetzt brach ein Regen mit Schlossen aus und mit Blitz und mit Donnergekrach ...

Nun das ganze von Besuchern uberdeckte Thal! ... Ueberall in Berg und Flur weissschimmernd die hochaufgenommenen Kleider! ... Stimmen dazwischen! ... Hulferufe nach einem Kinde, das fehlte und nicht geborgen! ... Die Sonntagsfreude allen dahin! ... Wo sollten die Lustganger sich bergen! ... Wo sollte sich alles ducken und verstecken! ... Arme Jugend auch von druben, von Lindenwerth, dein Besuch der Villa wird zu Wasser!

Oder ist es denn moglich? Nein! Neuer Schrekken! In diesem Tumult der Elemente kommen ja eben wirklich vom Ufer, dort unten ausgestiegen, die neunundzwanzig jungen Madchen wie eine versprengte Wallfahrt daher! Wie ebenso viele Tauben zeichnen sie sich am grauen Horizonte ab! ... Man sieht sie im aufgeweichten Boden versinken, kampfen gegen die Fluten vom Himmel mit ein paar alten Regenschirmen! ... Sieben auf einen, den dann alle sieben auch halten mussen, wie wenn sie mit Sturmbocken gegen die emporte Natur anliefen!

Schirme! Tucher! Galoschen! Jean! Franz! Den Damen entgegen!

So rief Bernhard und niemand war schon eifriger als Terschka, der auf Armgart "zu brennen" erklart hatte und schon mit Hulfe eines andern eine ganze Garderobe auf dem Arme hatte und hinauseilte ... Dieser andere hinter ihm her, einen Regenschirm uber ihn haltend, zwei unterm Arm ... Moritz und Bernhard blicken befriedigt Terschka und dem andern nach ... Wer war der andere, dieser Helfer in der Noth? Waren also doch noch gewisse gelbe Seidenhandschuhe zu Ehren gekommen?

Moritz besonders stand voll Bewunderung.

Wie ein Garcon auf Rheumatismus zu sprechen ist, wusste er.

Und nun bugsirte der kleine schwarze Vetter eines der Madchen nach dem andern uber die in Rinnbache verwandelten Wege, hatte Nankingbeinkleider wie Schwimmhosen an und machte sich nutzlich in einer Weise, die ihm jetzt fast die offentliche Anerkennung eines gewissen, wenn auch entfernten verwandtschaftlichen Grades eintrug.

Niemand aber war bei alledem, sollte man es glauben, charmanter als Bettina, die junge Wirthin ... In den ersten Honigmonden der Ehe hat man so viel Gluck, so viel Wonne im Herzen, dass man tausenderlei Plage damit aufwiegen kann.

Als Moritz leise zu Bernhard flusterte: Aber mit dem Armband ist es doch fatal! Willst du denn nicht die anwesende Gensdarmerie ? brach dieser zornig aus:

Nein, wie weh thut mir's vor dem Ober-Chochem! Ein Haus zu machen muss gelernt werden! Fur Bettina ist das Ganze nur eine von mir arrangirt gewesene Uebung!

Der "Ober-Chochem"2 trat, sich ergebend, zuruck ...

Und sollte nun die Sonntagspartie Thiebold's und der Freunde Piter's zu Stande gekommen sein und sie waren in diesem Augenblick an der Villa vorubergeritten oder gefahren oder jetzt nach Umstanden geschwommen, so wurden die Bruder die Genugthuung gehabt haben, ihnen ein Schauspiel zu bieten, das nur die Verleumdung hatte unterschreiben konnen: "Alles furs Geschaft!" Denn Bernhard fuhrte ehrerbietigst die beiden in Regen und Sonnenschein immer gleich feierlichen Englischen Fraulein dem Pfarrer entgegen, der sich nicht nur fur Wenzel von Terschka, sondern fur sein eigenes theilnehmendes Herz bemuhte, aus dem lachenden jungen Schwarm vor allem Armgart von Hulleshoven herauszuerkennen.

So begann der Kaffee auf dem Zimmer statt auf der Terrasse.

Fussnoten

1 Ja wohl. 2 Ober-Philosoph

13.

Konnte nun aber wol auch Armgart zu den Ungeduldigen gehort haben, die dem heraufziehenden Unwetter bald den schonsten Uebergang wieder zum blauen Himmel und Sonnenschein verhiessen und sich von der Einladung in die drusenheimer Villa um alles in der Welt nicht abbringen lassen wollten?

Wird denn auch sie mit ihrem halb uber den Hut gezogenen Oberkleide durch die Feldwege, die in Giessbache sich verwandelt hatten, so "hingetrottelt" sein, sieben unter einen alten Regenschirm gedruckt?

Wird denn auch sie von den zu Hulfe Eilenden so beschutzt werden, dass sie nur noch nothig hat, das Anerbieten der jungen Frau Wirthin anzunehmen, dass sammtliche junge Madchen mit ihren vier Erzieherinnen erst in ihrem Zimmer Toilette machen mochten?

Sieht sie die beiden Englischen Fraulein (nicht die Misses Coffingham, sondern die ihrigen) voll Bewunderung lieber sich bis auf den Tod erkalten, als dass sie ein einziges ihrer nassen Ordenskleider wechseln?

Lernt sie von Frau Bettina, wie eine junge Frau, die eigentlich das Herz voll Aerger haben sollte, davon nicht das Mindeste verrath, sondern sich in diesen Larm eines massenhaften Besuchs wie in etwas ganz Gewohnliches findet, dazu die freundlichste Miene behalt und statt eines Gartenfestes jetzt oben den Salon und den Flugel und als der Regen nachlasst, die Fenster wieder offnen und dann die Jugend sich zu Kaffee und allerlei kostlichem Backwerk ergehen lasst, wie es ihr eben beliebt?

Hort Armgart dem Herrn von Terschka zu, der vor allen sie auszuzeichnen sich vornahm, ihr erzahlen wollte von ihrer Mutter, die in der That vielleicht schon diesen Abend, jedenfalls morgen am Huneneck eintreffen konnte?

Lachte sie wie die andern Madchen uber einige der Herren, die sich ins Rauchzimmer zuruckgezogen hatten und die unerbittlichste aller Kritiken, die des Muthwillens, herausforderten ... womit stosst man nicht alles bei jungen Madchen an!

Spielte sie Charaden, Moquirstuhl und Schenken und Unterschrift, wobei endlich der die "Herren" meidende Herr von Binnenthal aufhorte vom Wetter zu reden, die in Nebel gehullten Dampfschiffe zu verfolgen und sogar fur einige seiner Devisen, z.B. "Bange machen gilt nicht!" ein dankbares Publikum findet?

Gibt sie der Frau von Guthmann Auskunft uber ihren Stammbaum und veranlasst diese Dame, auch von dem ihrigen zu reden?

Schliesst sie sich zuhorend den vier protestantischen Jungfrauen an, die, wahrend die Musiklehrerin Tanze spielt, einen fanatischen Confessionsmeinungsstreit mit den beiden dem Pfarrer attachirten Englischen Fraulein und Angelika beginnen?

Bewundert sie den Heroismus der wirklichen Englanderinnen, die den beiden Nonnen, die nun einmal das sind, was sie sind, das Papstthum als eine Schopfung des Antichrists schildern und ihnen das Recht abstreiten, sich nach dem freien Albion zu nennen, wodurch sie dann allerdings Gelegenheit gehabt hatte, ihre Ansichten uber die Ausbreitung des Katholicismus in England zu berichtigen?

Und hort sie, wie die sanfte Angelika, als die beiden Fraulein Carstens nach langer Conversation des Erstaunens uber Lucinden erklaren, sie mussten an sich eine weibliche Erziehungsanstalt, wie die druben, die nur Frauen leiteten, eine musterhafte nennen, denn nur sie lehre es, "die Manner zu verachten", worauf es in einer heirathsschwierigen Zeit vorzugsweise ankame, im Gegentheil diese Auffassung in Abrede stellt und erklart, sie ihrerseits musse gestehen, sie lehre ihre Mathematik, ihre Geschichte, ihre Naturwissenschaften nur, um desto mehr die Manner hochachten und lieben zu lernen, da eben die Manner es gewesen waren, die die Mathematik, die Naturwissenschaften und die Geschichte erfunden hatten?

Lauscht sie den jener unheimlichen Lucinde gewidmeten Erzahlungen Schulzendorf's, der nach zwei genommenen Tassen Kaffee und einem kleinen Curacao sich bald empfehlen zu mussen erklarte und auch von Grutzmachern und seinem Pferde abgeholt und von dem scharfer blickenden Auge desselben veranlasst wurde, gewisse auf dem Balcon sichtbare Personlichkeiten mit gewissen Notizen in ihren Portefeuilles zu vergleichen?

Oder steht Armgart auch nur zur Seite und glossirt mit Moritz diese "stillen Sonntagsfreuden landlicher Zuruckgezogenheit" und hort die Geschichte, die Herr von Guthmann bei Gelegenheit Lucindens, der spatern Schauspielerin Konstanze Huber, von einem jungen Commis erzahlt, mit dem Herr von Binnenthal eine ganz merkwurdige Aehnlichkeit hatte?

Von alledem nichts

Denkt euch einen von Regen traufenden breitastigen Ulmenbaum! Denkt euch an ihm einen gewaltigen Ast und auf dem Ast einen schmachtigern Zweig und in dem Zweige ein grunes Winkelchen und in dem Winkel ein Vogelchen, das in Sturm und Unwetter, in Regen, Blitz und Donner wie ein ganz klein bucklig Zwergmannlein in seinen aufgeplusterten Federn sitzt! Mit Augen und Schnabel sitzt der Kopf, mit Krallen und Sporen sitzen die Fusschen ganz in dem Federwulst versteckt. Sonst so schlank, sonst so leicht durch die Blatter hupfend, hockt das Thierchen wie ein Mannlein aus der Gnomenwelt oder wie ein Kind, das Grossmutterchens alten Pelzmuff uber den Kopf gezogen hat.

So verzaubert sitzt Armgart einsam auf der Insel Lindenwerth.

Sie wollte nicht mit ... Sie blieb daheim ...

Sie blieb in ihrem Schlafsaal Nr. 5, an dessen ausserm Ende eine der Pensionarinnen ein wenig unpasslich liegt, die kleine Liddy, die bei Sturm und Ungewitter ruhig in ihrem Bettchen schlummert. Sie hat die Pflege der Kleinen ubernommen ... Still ist's in dem noch immer dustern Saale, auch nachdem die Schlossen ausgetobt haben. Einige Scheiben knickten ein, glucklicherweise ohne Zugwind durchzulassen ... Armgart zieht sogleich die grauen Fensterladen vor und nun wird's in dem Saale mit den funf leeren Betten und der einen schlummernden Kranken noch gespenstischer. Da hockt sie denn an dem einen freigebliebenen Fenster, an dem nassen Ulmenbaum, an dem kleinen, von ihr dorthin getragenen Nahtisch, vor dem aufgeschlagenen Buche, in dem sie lesen wollte und nicht lesen kann ... in einem Rosenkranz von Gebeten und Gedichten von Beda Hunnius mit einem wundervollen Titelkupferstiche, einen Kranz darstellend von sieben Rosen, die die sieben Schmerzen Maria enthalten und druberher triumphirend das Lamm mit der Fahne, das Symbol ihrer schwierigsten und mangelndsten Tugend der Geduld.

Aber sie scheint recht geduldig geworden zu sein ... sie gluckst nur so und duckt sich und "hockelt", wie die Madchen sagen.

Erst wahrend des Mittagsessens war Angelika den andern nachgekommen mit der Vorsteherin Aloysia. Sie hatten druben zwei Stunden auf den Pfarrer warten mussen. Und was brachten sie mit? Mahnungen zum Abwarten! Und die Mutter schrieb doch der Pfarrer hatte gestattet, dass Armgart den Brief las :

"Mein gutes Fraulein Angelika Muller!

Ich erhalte von unserm sanften, liebevollen Dechanten aus Kocher am Fall Ihre Einlage an ihn. Sie wissen nicht, dass mir einst mein Kind, mein einziges, wie von Zigeunerhand gestohlen wurde; dass ich hinausgejagt in Sturm und Verzweiflung hundert vergebliche Versuche machte, mein Kind mir wiederzuerobern, dass ich dann, als alles vergebens, in ein Kloster ging, fast zehn Jahre der Selbsterkenntniss lebte und der eingestandenen Pflicht , erst mich selbst zu erziehen. Jetzt bin ich fast funfunddreissig Jahre; aber ich fuhle mich wie mit Siebzigen. In euern Waldern wusst' ich mein Kind von meiner Schwester und meinem Schwager liebevoll gehutet, wie ihr eben liebt, wusste sie so erzogen, wie ihr die Menschen erzieht. Ich schildere Ihnen die Sehnsucht nicht, die mich nach meinem Kinde verzehrte, das man mir nur zuruckgeseiner Garnison versetzten Gatten folgte. Es trennte mich nichts von ihm, als die freudige Lust, ihm folgen zu konnen. Zuletzt, als erneute Versuche der Eroberung vergebens waren, beruhigte ich mich mit dem Gedanken, dass ich Armgart vielleicht zum Opfer meiner Nichterziehung gemacht hatte. Wie oft nennen wir Erziehung, was nur ein ungluckliches und widerstandloses Dahingeschleiftwerden ist von alterlichen Thorheiten! Wie oft nennen wir Liebe, was nur ein ungluckliches Zermalmtwerden von den Radern unserer eigenen Entwicklung ist! Thorichte Mutter, die ihr von der Zartlichkeit fur eure Kinder sprecht und sie nur zu den Opfern eurer Stimmungen macht! Eure Umarmungen sind nicht deshalb so heftig, weil sie von euerm reinen Herzen kommen, sondern weil sie von eurer Leidenschaft kommen, von eurer Verzweiflung oft um nichts, von eurer verletzten Eitelkeit! Mit sturmischen Kussen bedeckt ihr eure Kinder und flosst ihnen oft nur Gift ein! ... So war wenigstens meine Vergangenheit ... Jetzt ist, nach einem langen Klosterleben, vieles, vieles in mir anders. Ich erzog mich, eines Kindes wurdige Mutter zu sein. Da soll Armgart's Vater zuruckkommen und neue Stunden des Kampfes und der Prufung sollen heraufziehen? Dem Vater soll gehoren, was mit mindestens gleichem Rechte mir gehort? ... Wie ich diese Zeilen schreibe, bin ich im Begriff Wien zu verlassen und mein Kind, dessen Seelenkampf ich verstehe, den ich jedoch nimmermehr von Armgart allein oder von meinem Gatten werde entscheiden lassen, in meine Arme zu schliessen. Ich kann mich vor ihr rechtfertigen.

Monika Hulleshoven."

Das Auge der kleinen Richterin hatte gefunkelt beim Lesen des so seltsam entschiedenen Briefes ... Bei den Worten: "Wie mit Siebzigen" strich sie sich bewusstlos ihren dunkelbraunen Scheitel, als gedachte sie der weissen Locken ihrer Mutter; bei der Schilderung der falschen Liebe und Zartlichkeit der Mutter stockte sie ... sie verstand diese Stellen nicht ... aber bei der Nachricht, dass die Mutter schon unterwegs ware und von ihr Besitz nehmen wollte, nahmen ihre Gesichtszuge den Ausdruck des Schreckens an, der ihre schonen Lippen halb offnete und wieder, wie verboten, die beiden Zahne hervortreten liess. Immerfort strich sie mit der Hand uber den Scheitel ihres Haares, gleichsam diesen zu ebnen, und die Hand wollte nur die Gedanken ebnen, die wilden, unruhigen, die schon Entschlusse in ihr zu treiben begannen.

Der Pfarrer befiehlt dir, deinen Schein von Richterschaft aufzugeben, dir nicht anzumassen, dass du ein Urtheil fallst uber Vater und Mutter und dass du dich ruhig ergeben sollst und vorlaufig dem Willen des

Armgart lachelte und blickte wie abwesend auf die Oberin Aloysia, als die diese Worte gesprochen.

Kommt die Mutter fruher als der Vater, so gehorst du den Umarmungen der Mutter! fuhr Schwester Gertrudis fort. Inzwischen hat der Pfarrer nach Westerhof geschrieben und wartet von dort auf Antwort!

Jetzt, zumal da vollends auch Angelika so ganz zu allem schwieg, flossen Thranen der Liebe und des Schmerzes. Und doch standen der stillergebene Stolz des Vaters, die wurdevolle Entsagung des Tiefgekrankten auch der Freundin Angelika so lebhaft vor Augen, dass sie das Gefuhl des Kindes, gerade diesem Vater sich nicht zu weigern, gerade ihn mit der Heimat nach so langer Trennung wieder auszusohnen, vollkommen verstand. Die excentrische Gefuhlsweise Armgart's entsprach im Grunde auch ihrer eigenen Lebens- und Menschenauffassung. Nicht wer Mathematik treibt, sondern wer ein starkes Herz hat und doch entsagen, doch kampfen muss, lebt das Leben nach Gesetzen und regelt jedes noch so gluhend aufwallende Gefuhl. Angelika wusste selbst nicht viel von der Starke, die sie besass. Sie war unbewusst stark und gab sich nach aussen doch wie die Schwache selbst. Sie trostete und schalt und verschwendete noch Worte, wo ihr Inneres langst entschieden hatte. Darin glich sie einer Mutter, die, mit den strengsten Worten und vor Schmerz selbst vergehend, ihrem leidenden Kinde die schmerzhaftesten Wunden lindern und verbinden kann, wahrend dem dabeistehenden Miethling in seinem scheinbar weicheren Mitgefuhl angst und wehe wird.

Und wir sehen ja heute noch Benno druben! war Angelika's Trost gewesen. Er kommt gewiss hinuber! Von der Villa aus erspahen wir ihn schon und wol gar auch Thiebold de Jonge

Armgart zeigte stumm auf die heranziehenden Wolken und spater sagte sie ohne Verstellung:

Ich bin krank! Nach Drusenheim geh' ich nicht mit hinuber!

Armgart! verwies Angelika und fuhlte ganz das Namliche, was die Gescholtene.

O, sagte Armgart nach einer Weile, es ist furchtbar mit diesen Aerzten der Seele! Zu wissen, dass ein Arzt auf ein Uebel heilt, das wir gar nicht haben! Ungeduld, das ist ja meine Krankheit gar nicht! Eine Zeit kann kommen, wo ich auf die Art in keinen Beichtstuhl mehr gehe!

Armgart! Armgart! rief aufs neue ernstlich verweisend Angelika und fuhlte doch wie die Gescholtene.

Ich will der Priester meiner Aeltern sein! fuhr Armgart fort. Ich will sie zum zweiten male trauen, noch einmal segnen! Davon traum' ich Tag und Nacht! Darauf hin seh' ich Leiden und blutige Dornen uber mich verhangt, aber auch Rosen, himmlische Rosen der Erfullung!

Und Angelika horte alles das ausserlich tadelnd, innerlich billigend. Mit all ihrer Mathematik und Physik lebte sie in einer gleichen Anschauung uberirdischer Dinge, in gleicher Verehrung vor den grossen Zauberformeln der Seele, denen alle Natur gehorchen muss. Angelika besass den reichen aufgesammelten Schatz der Liebe einer Jungfrau, die ohne Hoffnung verbluhen muss.

Man hatte langst zu Mittag gegessen ... Alles war in Kummer uber das zunehmende Sichuberwolken des Himmels ... Kurz vor Vier fasste man den heroischen Entschluss, ehe es "giessen" wurde, doch hinuberzuschiffen ... Die Erzieherinnen gaben nach ... die Englischen Fraulein wollten dem Pfarrer ein gegebenes Versprechen halten.

Angelika befurwortete nun selbst das Zuruckbleiben Armgart's. Sie liess ihr ausser dem Briefe der Mutter auch den kurzen und so unbestimmten des Dechanten. Und bei alledem, mehr mochte der Dechant jene geheimnissvolle Zuschrift aus Italien nicht studirt haben, als Armgart seine Runenschrift bis auf jedes Hakchen und jeden Bindestrich zu entziffern sich muhte. Ob voll Jammer und Klage uber das veranderte Wetter nach langem Hin- und Widerreden das Institut sich eingeschifft hatte, ob die jungen "nachgemachten Englander" sich druben einfinden wurden, ja ob selbst Benno ihrer harrte ... sie blieb daheim und las und wachte uber die kleine Liddy.

O, das sind seltsame Zustande, wenn es so in unserm Innern an allen Enden und Ecken zupft und kein Gedanke Stich halt, kein Gefuhl zur That wird, keine Vorstellung, und ware sie auch nicht schreckhaft an sich, doch kein reines und volles Behagen gewahren will! Dann weiss man, und die fiebernde kalte Hand bezeugt es, dass man in seiner Sorge und seinem Unmuth sich gewiss nur selbst zerstort, und doch kann man den Blutstrom, der alle Lebenswarme zum Herzen drangt, im Laufe nicht andern, geht und wirft sich stohnend aus einem Winkel in den andern und sagt sich nur: Eins ist gewiss, ich werde krank! ... Auch Freunde konnen dann nicht helfen. Ja, wer hat denn gleich von euch den sanften Ton und den vollen Accord der reinen Uebereinstimmung, den Ton, der uns gerade jetzt so noth thate und den nur allein zu horen jetzt uns moglich ist! Wie klingt so oft euer Trosten und des Zuspruchs bestes Wort doch so vollig anders, als es die Schmerzen horen wollen! Schon dass ihr alle so gesund aus der frischen Luft des Lebens kommt! Dass euch allen nichts fehlt! ... Kame z.B. jetzt Thiebold de Jonge nur lachen, nur scherzen wurd' er ... Benno ... Benno freilich ... Benno ist immer so seltsam traurig ... was fehlt ihm nur, dem Guten, dem selbst in Heiterkeit doch immer nur so duldend Scheinenden? ... Paula! Paula! ... Der hatte sie den Kopf in den Schoos legen mogen! Die hatte Frieden uber ihre Seele gehaucht, schon mit dem Streicheln ihrer Hand allein! Paula hatte nur gesagt: Armgart! und in dem einen Worte, in dem Tone schon hatte alles gelegen, was sie still und ergeben gemacht!

Das Gewitter war endlich voruber ...

Armgart erfrischte die verweinten Augen auf einem Balcon, auf den eine Thur des Corridors des alten unheimlichen Gebaudes fuhrt ...

Schon war es die sechste Stunde ... Die kleine Liddy hatte sich ein Geschichtchen erzahlen lassen, sich dann auf die andere Seite gelegt und war wieder eingeschlummert.

Der Balcon ging nach der Seite hin, die dem Huneneck zugewandt ist. Sie konnte die fur eine wiener Dame bestellten Zimmer nicht vergessen. Die "Vier Jahreszeiten" selbst waren vor Nebel nicht zu sehen ...

Wie trube dieser Anblick, der am fruhen Morgen so schon gewesen! Die nachsten Berge jetzt ganz unsichtbar! Nur in leisen Contouren glitten sie aus dem Wassernebel heraus ... Das Enneper Thal ganz durchwallt von weissen Luftstreifen, als zog' es fort mit den Wolken ... Am Meere, das hatte eine Antwerperin im Institute erzahlt, da sah' es so fast immer aus ... Am Meere! ... Selten schossen die Wasservogel so niedrig hin ... Am Meere! gedachte sie wieder ... Dann musste sie das Nachste im Auge behalten, den Garten am Kloster, das Gewohnlichste, nur um noch frisches Grun zu erblicken ... Wie die Salatbeete im Regen so putzig kuchenmassig und uberreinlich glanzen! Wie die Magd da watet barfuss in die weiche Erde hinein und die Kopfe heraushebt, die fur den Nachtimbiss bestimmt sind! ...

Wann werden die Madchen kommen? ... Bringt Angelika wol einen Gruss von Benno mit? Von Thiebold de Jonge? Oder kamen sie wol beide und besuchten sie hier selbst auf der stillen Insel? ...

Daruber erschrickt Armgart ... Leicht gekleidet geht sie aus der frischen, ihr plotzlich fuhlbaren Luft in den schwulen Corridor, den noch schwulern Schlafsaal ... Sie luftet ein wenig das Fenster, das von Liddy am entferntesten liegt ... Der Gedanke des heimlichen Besuches hat sie ganz uberrieselt.

Sieben Uhr! Immer noch kommen die Madchen nicht!

Der Regen hat langst aufgehort. Man sieht trotz des Abendwerdens schon das Ufer wieder und druben am Enneper Thal stehen die Kahne schon in Bereitschaft. Tonneschen Hilgers scheint so ungeduldig ... Es lasst sich sonst noch etwas verdienen ... denn mancher hat das Dampfboot versaumt und will hinubergesetzt sein auf das jenseitige Ufer, wo es heute Omnibus genug gibt, die wenigstens noch nach der Universitatsstadt fahren ...

Da fahren auch in Manteln Herren und Damen ... Gaste aus der Villa? ... Und immer die Madchen nicht! ... Mussen die sich gut unterhalten!

Die kleine Liddy ruft ... des Abends kommt sicher noch das Fieber ... Der Arzt, der vom Huneneck her erwartet wird, auch der bleibt aus ...

Halb acht Uhr! ...

Da endlich, endlich! ... da kommen sie! ... Armgart sieht es trotz der Dunkelheit deutlich vom Balcone.

Die mogen schon einsinken in den weichen Feldwegen! ... Lederschuhe haben glucklicherweise alle ... Herren begleiten sie und die Kleinen werden uber manchen Bach, der erst seit einigen Stunden auf der Enneper Landkarte steht, hinweggehoben ... Ob Benno's Arm dabei behulflich ist? Wie sollte der zu den Herren von Drusenheim kommen? ... Aber Benno weiss ja uberall Rath ... Da fahrt ein Wagelchen! Mit zwei Ponies! ... Zwei Damen bringen die allerkleinsten der Pensionarinnen an den Landungsplatz ...

Sich alles das und mehr noch nun bald erzahlen zu lassen, interessirte Armgart bei alledem ... Von der Toilette der schonen Madame Fuld erwartete sie Wunderdinge ... Niemand kann sein Geschlecht im Andern mehr lieben und neidloser bewundern, als das weibliche.

Wo ist denn aber unter den Schiffenden nur Angelika? ... Sonst winkt die doch immer mit ihrem Sonnenschirm oder mit einem Taschentuch, wenn sie vom Ufer kommt und Armgart steht auf dem Balcon ... Heute aber ja, da ist sie ... Sie kehrt der Insel den Rucken zu! O, das sind schlimme Zeichen! ... Oder gehort sie auch zu den Lacherinnen und schamt sich nur vor Armgart? ... Wie aufgeregt ist das junge Volk! ... Sie haben in den nassen Kahnen die Kleider aufgenommen und sitzen fast da wie die Butterfrauen, wenn die vom Markte kommen ... Regnet's denn noch? ... Die Hute sind mit Taschentuchern umwunden ... Man schont sie wol nur; nur die beiden Nonnen sind, was sie sind, in Sonnenschein und Regen, immer die gleichen Hauben mit den gleichen langen Flugeln ... ihre zwei Regenschirme sind die grobsten der Anstalt.

Jetzt sind sie da ...

D i e Erzahlung! ... D a s Amusement! .. W a s Armgart alles versaumt hatte! ...

Armgart halt sich die Ohren zu. Sie will allerdings alles wissen, aber eines doch nur nach dem andern.

Es war indessen alles dasselbe: Kaffee, Chocolade, Baisers, Torten, Pfanderspiele und Pfanderspiele, Torten, Baisers, Chocolade und Kaffee. Die Damen mit den Ponies waren die beiden Englanderinnen gewesen ... Das sagten zehn zugleich ... Und der Herr, der die andern Kleinen uber den Bach gehoben, hiess Herr von Terschka ... und das sagten wieder zehn zugleich.

Fur Salat und Eier und kalten Braten und die franzosische Betrachtung der Schwester Aloysia in dem stockdunkeln Esssaal war heute wenig Interesse vorhanden. Silence! A vos places! Das stiftete wol einige Ruhe. Aber man knupperte mude und ubersatt am Salat und es war hier alles "nicht das"! Es rebellirte noch lange und murmelte und seufzte fort in dem jungen Volk bis zum Schlafengehen.

Angelika vermied ordentlich, Armgart zu begegnen.

Sie mied sogar, sie nur zu grussen.

Von der kleinen Liddy oben sprach sie, die sie gleich besucht hatte und fiebernd fand, was den beiden Nonnen grosse Angst machte und des schlechten Wetters gedenken liess, das den Arzt verhindert hatte, die Insel zu besuchen. Der Arzt hatte gesagt, er hatte im Roland noch den Abend zu thun ... Im Roland! So nahe der Insel! .. Wird der Arzt nicht kommen?

Zuletzt machte sich's noch, dass Angelika und Armgart etwas allein waren. Die kleinsten streckten sich schon in ihren Betten. Die altesten sassen unten noch im Esssaal und sprachen das Erlebte durch. Auf die Beete und die Wege der Insel, die man sonst auch selbst in der nun schon fruher und fruher eintretenden Dunkelheit des Abends noch durchschlupfte, konnte man vor Nasse nicht hinaus, wenn auch der Vollmond einlud, der vielleicht doch noch die Wolken durchbrach.

So standen Armgart und Angelika ungestort auf dem Balcon und krampfhaft hielt sich die Hand des jungen Madchens am eisernen Gitter, als sie erfuhr, was noch der Pfarrer der Freundin mitgetheilt. Die Mutter konnte schon druben in den Hausern sein, wo die Lichter uber den Wellen tanzten! Jener Fremde, der gestern die Zimmer bestellt in den "Vier Jahreszeiten", hatte das fur bestimmt versichert ... Von Benno ... sie horte kaum ... wusste Angelika nichts ... und Thiebold de Jonge und den Bruder der Nanny Schmitz und die andern ... von allen denen hatte man gleichfalls nichts vernommen ...

Nun schlug es halb Neun ... Rings war alles still, trube und duster ... Noch kein Stern am Himmel; doch an der Stelle, wo der Mond hervorbrechen konnte, schien es lichter zu werden ... Armgart wollte sogar ein Boot erkennen, das man durch die Zweige der Baume vom Huneneck herubersteuern sahe. Angelika strengte ihre Augen an. Es kam auch ein Boot. Armgart zitterte und stand wie auf der Flucht. Alsbald liess sich jedoch der Arzt erkennen, der noch so spat nach der kleinen Liddy zu sehen kam.

Als dies geschehen, in Begleitung der Englischen Fraulein, fuhr der Arzt nach dem Roland zuruck.

Angelika begleitete ihn eine Strecke im Hause und wagte nach Benno von Asselyn zu fragen.

Benno von Asselyn? Wir erwarten ihn druben im Roland! sagte der Arzt. Ich werd' ihn von den Damen grussen.

Der Arzt hatte Eile. Sein Schiffer steuerte ihn zuruck und bald sah man von allen Seiten, da und dort, Kahne kommen, die alle dem Roland zuschwammen ...

Jetzt wollte auch Angelika zur Ruhe gehen.

Als sie an Armgart, die noch immer auf dem Balcon verweilte, voruber musste, fand sie diese in der grossten Unruhe.

Wieder steuerte vom Huneneck gerade der Insel ein Nachen zu.

Es ist eine Dame darin! rief sie. Ein carrirter schottischer Mantel! Ein Diener halt den Regenschirm!

Das Wort: Es ist meine Mutter! erstickte in ihrer Freude und in ihrer Angst ...

Auch fur Angelika gab es kaum einen Zweifel an der Richtigkeit dieser Vorstellung. Sie zitterte ganz wie Armgart. Doch erbot sie sich, hinunterzugehen und genauer zu forschen ... in der Richtung der Nachen irrte man sich oft.

Armgart widersprach nicht ...

Der Kahn kam naher und naher ...

Armgart sah vom Balcon bald rechts, bald links in die Tiefe und wusste nicht, wie sie auf beiden Fussen zugleich stehen sollte ...

Angelika durchschreitet die schwulen, dumpfen steinernen Corridore und Treppen. Noch war es ja moglich, dass der Kahn hinuber zum Geierfelsen, nicht an die Insel fuhr ...

Armgart rafft sich jetzt auf. Sie huscht in den Schlafsaal, wo ihre Kleider hangen und ihre Wasche in einer Kommode liegt. Liddy schlaft; die kleinern Bewohnerinnen des Saales schlafen alle; zwei altere sitzen noch, unten im Esssaal, aus dem man sie laut sprechen hort ... Armgart rafft zusammen, was sie mit wenig Griffen finden kann, ihren Mantel, ihren Winterhut, ihre Hemden, einige Tucher, Strumpfe, Unterkleider, Schuhe, Bucher ... Ein grosses Umschlagetuch wird auf dem Boden ausgebreitet, ohne Licht tastet sie hin und her, offnet das Nahtischchen, leert es, wirft alles in ihr Tuch, die Zipfel knupft sie zusammen und ihr Bundel ist geschnurt.

Um Gottes willen, Armgart, was hast du vor? flustert Angelika, die zuruckgekommen.

Ist sie's? Kommt sie?

Eine Dame kommt!

Armgart spricht kein Wort und sturzt mit dem Bundel von dannen.

Angelika besinnungslos folgt, wie von ihr angesteckt ...

Armgart klinkt die Pforte nach dem Garten auf. So feucht der Boden, so kuhl die Luft, ist sie doch schon ausserhalb des Gartens, quer hindurch uber Salat und Ruben und Zwiebelstauden, wie sie die Wege nur abkurzen kann.

So stiegt sie dem Lichte zu, das sie an den kleinen bleigefugten Fenstern der Fischerhutten sieht.

Angelika, das sah sie, folgte nun schon nicht weiter ...

Jetzt an den Fenstern der Fischerhutten anzupochen, da um einen Kahn zu bitten, dort dem Tonneschen, den sie richtig sieht und der in einem Buche studirt, oder den halb zuhorchenden, halb zuschlummernden Aeltern desselben, allen denen erst zu klopfen und zu schmeicheln oder etwas aufzubinden, eine Erfindung, eine Ausrede, einen Auftrag etwa ... etwa auf der Villa Vergessenes holen zu mussen ... das gabe Fragen, Aufenthalt ... Nein! Sie kann ja selbst rudern fort ans Ufer in einen Nachen ihn losgekettelt das Ruder ergriffen

So fahrt sie von dannen.

Noch konnte sie des jenseit der Insel gegen den Strom angehenden Nachens nicht ansichtig werden ... Sie steuert am Ufer der Insel hin, um nicht zu weit unten am Enneper Thal zu landen ... Sie steuert gerade nach der entgegengesetzten Richtung, als in die jenen Nachen der Strom drangen muss ... Nun aber gewinnt sie die Hohe des Wassers und der ganze Spiegel liegt in dem immer mehr aufgehenden Mondlicht vor ihr ... Auf zweihundert Schritte ist sie von dem Boot entfernt, in dem eine Dame sitzt mit einem Diener Mutter! rief es in ihr ... sie suchte die silbernen Locken! ... O, wie pocht ihr das Herz! ... Einmal war's ihr doch, als sollte sie uber das Wasser hinwegfliegen, sollte einen Freudenschrei ausstossen, die Arme ausstrecken und rufen: Mutter, da hast du dein Kind! ... Aber auch nur einmal uberwaltigte sie's und sogleich stand ihr der Vater vor Augen, der Vielgeprufte, der Wettergebraunte, der Fluchtling auf dem Oceane! ... Und dennoch, dennoch sucht das Auge das Antlitz der Dame ... Es ist ihr abgewandt ... Da stehen die weissschimmernden Birken auf der Insel ... Wird der Kahn vorubergleiten, wird er landen? ... Er halt ... er will zur Insel ... landet ... es ist nur die Mutter ... und jetzt, jetzt ist ihr's doch, als zog' es sie in den Strom hinunter ... die weissen Birken werden zu den Locken der Mutter ... ein ganzes Leben geht ihr auf, beschienen wie vom Mondlicht ... alles, was sie je nur unter den Trauerweiden und Birken vom Menschenund vom Frauenloose geahnt, scheint sich ihr plotzlich zu erfullen, lebendig zu werden, zahllose Gestalten ziehen dahin und wie unter den Klangen einer ganz ausserweltlichen Musik ...

Schon entfuhrte der Strom die schwache Schifferin ... Sie konnte den Nachen nicht mehr regieren.

Er bringt sie aber ans Ufer ... Weit, weit von dem Punkte, auf den sie mit aller nur moglichen Anstrengung ihrer Arme zugesteuert hatte, landet sie. Sie gerath in ein Gestrupp von Weiden und Schilf, an dem sich bequem und sicher aussteigen lasst.

Jetzt gedenkt sie des Nachsten, Kommenden ... Was soll sie beginnen? Wohin sich wenden? Ohnehin mit ihrem uberschweren Bundel!

Die Thurme hatten schon von da und dort die neunte Stunde geschlagen. War auch die Welt hier noch wacher als auf der Insel druben, wem sollte sie sich anvertrauen! Wie weit war nicht der Weg zu einer Post, die erst im nachsten Stadtchen am Fusse des Geierfelsen lag! Ihre Baarschaft betrug einige Groschen uber einen Thaler.

Den Kahn musste sie dem Zufall uberlassen ... Ein Moment der Besinnung ... Sie wagt den Sprung ins Uferrohricht, nachdem sie ihr schweres Bundel schon vorausgeworfen ... Es gelingt alles.

Angelika's Anzeige und eine Verfolgung befurchtend, suchte sie nur zuerst eine Gelegenheit, weiter zu kommen.

Nirgends Menschen; aber Lichter auftauchend da und dort ... Sie lasst ihr Bundel im Schilfe liegen und lauft nach Drusenheim hinuber. Den Wirth vom Palmbaum kannte sie ja und er sie ... Was sie sagen wollte, wusste sie noch nicht. Sie wollte nur in die Berge hinuber, vielleicht in ihre Heimat nach Westerhof, in ihr Stift, zum Heiligenkreuz, zu Paula, die ihr plotzlich in der fieberhaften Angst und Verwirrung ihrer Phantasie erschien, als wenn sie am Altar mit dem Grafen Hugo stunde, mit dem schonen Reiterobersten im weissen Waffenrock mit blinkendem Harnisch, und als fehlte nur sie noch, nur sie, sie, um der Freundin die Myrtenkrone aufzusetzen ... So zitterte sie vor Eile ... Sie wusste doch jetzt, was sie den Leuten im Palmbaum sagen, wie sie die gewunschte Hulfe in unverfanglicher Weise anschaulich machen konnte ... Wagen! Pferde! Das wurde ihr Wunsch.

Athemlos flog sie Drusenheim zu, nicht achtend, dass sie oft bis zum Knochel versank. An jedes Kreuz am Wege, an jedes Bild des Bruckengottes, der auf einem Bachstege stand, richtete sie im schnellsten Voruber eine Bitte um Beistand.

Endlich hatte sie die ersten Hutten erreicht, endlich ist sie in Drusenheim selbst.

Horch! Vom Palmbaum heruber ... tonen da nicht plotzlich melodische Klange?

Ist nicht Gesellschaft dort oben?

Kaum hat Armgart im schonen Fernhall das Lied vernommen, das von den obern erleuchteten Fenstern des Palmbaums und vom kleinen Balcon desselben herunter wie wallend und wogend in die stille Nacht erscholl:

"Vier Elemente, innig gesellt "

erblickte sie einen Wagen vor der Thur.

Sind das doch nicht die Freunde von Nanny's Bruder Gebhard Schmitz? Sind das doch nicht die dennoch Gekommenen, wenn auch verspatet? Ist Thiebold de Jonge unter ihnen, uber den ich soviel lachen muss, weil er so verliebt ist, wie ein Windspiel? Gehort dieser Wagen hier wol gar den Sangern oben? Dann Wie sollt' ich nicht hoffen, sofort ihn mein zu nennen, einzusteigen und hinauszufliegen in die weite, weite, weite Welt!

Wem gehort der Wagen? fragte sie rundweg einen Knecht, der eben die Pferde aus dem Stalle fuhrte und einschirrte, wahrend der Kutscher sich noch drinnen gutlich that.

Lustig sagte der Befragte:

Der Wagen? Der gehort da oben funf Herren! Die haben heute Nacht 'ne Wallfahrt beschlossen in funf Stationen! Auf jeder trinken sie eine andere Sorte Punsch! Funf Meilen haben sie schon gemacht und in jedem Wirthshaus untersucht, ob die Weinkarte in Ordnung ist!

Vor Trunkenen uberfallt jedes weibliche Herz bebte Armgart zuruck ... Oben aber erscholl der Gesang so schon, so melodisch und eben loste sich Schiller's Punschlied in Lachen und Jubel auf. Einer der Sanger es war Joseph Moppes, der susseste aller "vaterstadtischen" Tenore trat auf den Balcon, das Glas in der Hand und einen andern, wirklich den Thiebold de Jonge, mit dem linken Arm umschlingend, singt er aus einem andern Liede, wieder von Schiller, dem Allwaltenden in Freud und Leid der Menschen:

"Bis die Liebliche sich zeigte,

Bis das theure Bild "

Da schon hatte Armgart, nicht wissend, dass sie selbst die Gemeinte, hinaufgerufen:

Herr de Jonge!

Hier hangt er! ruft Moppes ...

Gehort der Wagen Ihnen, Herr de Jonge?

Wie? Was? spricht Thiebold, jetzt erst die Zartheit der herauftonenden Stimme erkennend ...

Wie so? fragt Moppes, zugleich uber den Balcon sich beugend.

Wem? Wie so? wiederholt Thiebold ...

Woso? parodirt Schmitz, der Dialektkunstler ...

Nun sturmt der Rest des Sextetts in des Staunens vollste Blute ... Clemens Timpe sogar noch mit einem

"Presst der Citrone saftigen Kern!" ...

Und alle schwingen dabei die Hute wie zur Abfahrt und Mantel werfen zwei, der kuhne Weigenand Maus und der stille Caricaturenstifter Aloys Effingh, geradezu vom Balcon hinunter auf den Wagen obenauf und nun ist es allen in Sicht, dass ja eine Dame mit ihnen parlamentirt ... Wie erstaunten sie, als sie auf Joseph Moppes' energischstes Ruhe Pause zahlten und ein junges Madchen mit Thiebold Verwunderung und Orientiren und Namen und Fracht und Verklarung des Schiffes austauschte, nach schnellstem Erkennen Gebhard Schmitzens die heute Vielbesungene selbst ... Thiebold war bereits unten ... Die von einer der melodischsten Sopranstimmen vorgetragenen Worte horten sie: Herr de Jonge! Ich habe aufs dringendste diesen Wagen nothig! Sie werden mir die Gefalligkeit erweisen, nicht wahr, ihn mir auf einige Tage zu leihen! Mein Gott, Fraulein! Sind Sie's denn wirklich Ruhig! hiess es oben ... Einzig! Auf Taille! flusterte Gebhard Schmitz. Verwundern Sie sich nicht zu lange, Herr de Jonge! fuhr Armgart fort. Ich bitte! Befehlen Sie dem Kutscher! Ich steige ein! Ich habe die grosste Eile!

Das war alles, wozu sich Thiebold zeit- und ortsgemass sammeln konnte.

Fahren Sie mich ans Ufer zuruck, da, wo die Weiden stehen!

Da, wo die Weiden stehen!

In diesen von allen jetzt mehr gesuchten als gefundenen Weiden blieben sechs verdutzte Blicke hangen ...

Armgart sass schon im Wagen und Thiebold hatte auch schon seinen Hut auf dem Kopf. Clemens Timpe hatte versucht ihn just so zu werfen, dass er ihm auf seine blonden hochaufgerichteten Haare fiel (Thiebold's ausserste Unruhe liess sich am fortwahrenden Streicheln seiner Frisur erkennen); der Hut fiel indessen zwischen die Hufe der Pferde und vor die Rader und bekam, da die Pferde schon anzogen, eine starke Prufung seiner "Garantie".

Das ist das Loos des Schonen auf der Erde! rief Schmitz ...

Thiebold aber, impertinent, wie auch nur er sein konnte, (Nur Selbstkritik, nicht etwa Verleumdung von uns), schwang sich hinten auf den bequemen Bedientensitz, verlor fast im Abfahren seinen nun wieder hinterrucks fallenden Castor "weiss auf blond!" hatte noch kurzlich Benno uber diesen in gewisser Hinsicht "jetzt gelieferten" Hut und uber Thiebold's Anspruche auf Geschmack geaussert und schon schwenkte der Wagen dem Strome und der bezeichneten Stelle zu, verfolgt von einem fast kosackischen Hurrah der Freunde Piter's, die in diesem Augenblicke sogar vergassen, dass sie auf ihrer gleichfalls zu Wasser und daruber schon zu viel, viel Rudesheimer und Punsch gewordenen Partie die Retourgelegenheit verloren hatten ...

Der Wagen war jener vortreffliche Landau mit jenen in Kocher am Fall beinahe verdorbenen englischen Patentachsen und die englischen Pferde gehorten gleichfalls Herrn de Jonge senior, der es fur zweckmassig zu halten schien, wenn sie durch de Jonge junior in entsprechenden haufigsten Gebrauch kamen ...

Armgart schlug in dem prachtigen Wagen die Hande zusammen und hielt sie hoch gen Himmel empor, aus tiefster Seele dankend allen seinen Heiligen.

14.

Wahrend Thiebold durch das geoffnete Schiebfensterchen des Wagens eine gluhende Schilderung der Sehnsucht nach diesem Sonntag, eine Schilderung der Spannung seiner Gefahrten, der Enttauschung, dass das ganze Begegnen mit den Stiftlerinnen und vorzugsweise mit Armgart scheitern musste, entwarf; wahrend er ihr, oft durch das Schleudern des Wagens im Redestrom unterbrochen, die Versicherung gab, dass dieser Wagen sie, wenn sie darnach Verlangen truge, bis ans Ende der Welt fahren konnte die Phrase: "vorausgesetzt, dass ich Sie begleite", verlor sich in einem Wurf in die Sitzecke ; wahrend er mit jener ihm ganz eigenthumlich angehorenden Lebhaftigkeit der Demonstration, theils auf die Wege wetternd, theils dem Kutscher commandirend, theils seinen Hut von den Folgen der Raderung herstellend, mimoplastisch auseinandersetzte, dass nur an jeder Station neue Postillonspferde nothig waren, um couriermassig mit ihm bis an die Pforten des Himmels oder der Holle zu reisen; wahrend er endlich mit allen Zeichen damaliger Telegraphik schilderte, dass seine verblufften Freunde entweder in Drusenheim ubernachten oder auch vom Wirth anspannen lassen konnten, waren sie jetzt bei der Stelle angekommen, wo im Schilfe Armgart ihr Bundel geborgen hatte.

Der Kahn trieb schon weithin auf die Hohe des Stromes ...

Mit der Versicherung, er gabe, wenn der Kahn nach Holland schwamme, was nicht vorauszusetzen, der lindenwerther Schifferinnung zum Ersatz eine Bark mit zwei Masten, mit Vorder- und Hinterdeck, mit Bramsegel, mit Reffsegel, mit u.s.w., stieg Thiebold aus, um das vielbesprochene, wenn ihm auch noch vollig rathselhafte Bundel mit Gefahr seiner heute trotz des Regens in bequemen Wirthsstuben geschont gebliebenen Lackstiefel herbeizuholen ...

Daruber hatte Armgart einige Minuten Zeit, ihrer Lage nachzudenken ...

Mit Thiebold sollte sie weiter reisen? Mit ihm so allein hinaus in die Welt gehen? ... O Gott

Aber Thiebold kommt schon zuruck ... schon schleppt er das Bundel, das er hochst federleicht findet, das ihn aber keuchen lasst wie Cyklopenarbeit ... er bittet um Entschuldigung, wenn sich vielleicht in dem Bundel vom Schilfe her einige Frosche eingenistet hatten ... er wagt die leise Frage, ob das vielleicht die Wasche des Institutes ware, die Armgart nach klosterlicher Sitte in dieser Woche zu besorgen und noch spat in die Sieben Berge, vielleicht zu einer dort "vielleicht wohnenden Wascherin" zu transportiren hatte in Begleitung eines "vielleicht zufallig eben ertrunkenen Schiffers" ... er gesteht, nicht begreifen zu konnen, warum sie bei soviel Sinn fur Wirthschaft und Reinlichkeit soviel Angst hatte, selbst vor harmlosen Wanderern, die eben des Weges daherkamen ... und wie denn uberhaupt, mein Fraulein, wenn ich mir die gehorsamste Bitte erlauben durfte um ein klein wenig mehr Gaslicht als Mondlicht, d.h. Aufklarung uber Wie? Wo? Warum? Wieso?

Jetzt aber ereignete sich eine jener Fugungen, die uns zuweilen das Weltverhangniss noch zum holden Kindermarchen machen konnen ... Der liebe Vater im Himmel sitzt uns dann trotz aller Philosophie immer noch mit einem langen Barte auf den Wolken und fugt die Schicksale der Menschen mit sichtbarer Hand, ja er greift uberall personlich hinein mit liebevoll nachhelfendem Finger.

Von hundert Menschen, die da schon gegen zehn Uhr Abends, wahrend der Mond nun ganz aufgegangen war, noch am Ufer hatten stehen und nach einem Nachen sich umschauen konnen, der sie so spat noch ubersetzte, muss gerade der Eine daherkommen, der zwar nicht mit melodischem Wohllaut das Lied vom Ritter Toggenburg intonirt hatte, dem es aber, nach dem Kloster zu Lindenwerth hinuberschauend, tiefinnen klang mit der ganzen Sehnsucht seines Herzens.

Hatte es doch fur Benno heute am Sonntag diesseits des Stromes Aufnahmen gegeben hier und dort! Aufnahmen, die an Ort und Stelle zu machen waren! Die susseste Hoffnung, die von gestern auf heute sich erfullen sollte, von dem Abschied beim Einsteigen in den Nachen bis zu einem Wiedersehen im Enneper Thale oder auf der Insel selbst oder heute irgendwo und -wie, hatte scheitern mussen theils am Wetter und den verschlimmerten Wegen, theils an der gegen alles Erwarten sich herausstellenden Bedeutung der Auftrage, die es zu vollziehen gab ...

Nun aber trieb ihn noch ein anderes gegebenes Wort wenigstens fur den Abend zur beschleunigten Eile. Nuck hatte ihm beim Abschied gesprochen:

Herr von Asselyn! Sie sind ein junger, unterrichteter und fur die praktische Auffassung des Lebens, die nur allein eine Zukunft hat, disponirter Mann! Aber in vielem sind Sie noch vollig Tabula rasa! Ich will Ihnen wunschen, dass das Leben bessere Zeichen auf Sie schreibt, als zehnjahrige Seufzer bis zu einem Assessorat in Schoppenstadt mit funfhundert Thalern Gehalt! Sie kennen unsere gespannte Lage mit der Regierung! Sollten Sie vielleicht im Roland bei Joseph Zapf oder sonstwo Leute finden, die uns nicht eher geholfen glauben, bis nicht alle die aus dem Lande gejagt sind, die nicht an die sieben Sakramente glauben, so lassen Sie sich mit den dummen Leuten in keine philosophischen Erorterungen ein, sondern schonen Sie menschliche Schwachen! Bei Zapf gehen, hor' ich, Narren aus und ein, die sich einbilden, es brauchte nur der 24. August im Kalender zu stehen und man konnte die Sainte-Barthelemy noch einmal auffuhren! Klaren Sie diese Leute nicht philosophisch auf! Geben Sie ihnen nur ein wenig mehr Einsicht in die Gesetze! Verweisen Sie sie auf das, was uns unter allen Umstanden als Anlehnung Stand halt, wenn wir uns gegen die neunmal Weisen anstemmen mussen, auf das Edict vom 28. Germinal des Jahres X der frankischen Republik, das Besitzergreifungspatent von 13, die Bulle De Salute animarum von 21. Denn daruber, denk' ich, sind wir einig, dass bei uns Kirche und Gemeinde darauf halten sollen, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben. Lieber ein Weltbrand, als ewig unter der Herrschaft der Achselklappen mit den numerirten Knopfen! Lieber zum Fruhstuck fricassirt von franzosischen zu Marschallen avancirten Kochen, als zerrissen von russischen Wolfen! Zwei Alternativen hat ja die Welt nur: Czernebog, den Grossen, oder Rom!

Benno fuhlte das anders, doch wollte er nicht fehlen unter Leuten, die von Sturmglocken sprachen und das Wort: Von-Berg-zu-Berg-die-Feuerzeichen-Anzunden schon aus gedruckten fliegenden Blattern, aus Liedern und laut gesungenen Reimspruchen wiederholten.

Auch dem wirklich damals "beschrankten" und von Ministern deshalb grundlich verhohnten "Unterthanenverstand" wollte er die Thorheit der Sensen und Aexte verweisen, mit denen die Bauern verlangten in die Stadte gefuhrt zu werden ...

Es gefiel ihm sogar, dass Stephan Lengenich ubernehmen sollte, einen grossen Rath- und Hulfsverein im ganzen Lande zu begrunden, einen Bund von Meistern und Gesellen, Handwerkervereine, die damals aller Orten im deutschen Vaterland und zur Anbahnung besserer Zeit auftauchten und von denen der Severinusverein nur erst ein schwaches Vorbild war ...

Schon sah Benno mit scharfem Auge im Roland druben die Fenster des zweiten Stockes erleuchtet ...

Er verwunschte seine Verspatung bei der ihm wie ein Verhangniss lockenden Erorterung ...

Einen Nachen suchte er jetzt und war, da er keinen fand, gerade im Begriff, schnellen Schritts auf einige Schifferhutten zuzueilen, die freilich noch einige tausend Schritt zu Berg entfernt lagen ...

Da sieht er einen Wagen daherjagen und so dicht dem Ufer zu, als sollte ihn eine Fahre aufnehmen ...

Diese Fahre sucht er ...

Wie musst' er erstaunen, als jetzt jemand von dem Bedientensitz des Wagens springt, am Ufer im Rohricht krebst, dann mit einem grossmachtigen Bundel zuruckkehrt und endlich vollends, als er sieht, dass dies, wie es schien, Schmuggel treibende Individuum niemand anders war als Thiebold de Jonge!

Ja, aber ums Himmels willen! Was haben Sie denn da? rief er ihm schon aus der Ferne zu ...

Thiebold, vollkommen wissend, dass Benno in der Nahe sein konnte, und darum auch schnell sich zurecht findend, antwortete sogleich mit einem Bedeuten um geheimnissvolle Stille und dem Winke, das "federleichte" Bundel mit aufladen zu helfen ...

Mit den langgezogenen, vollig noch ungewiss tastenden Worten: "Aber Sie sonderbarer Schwarmer !" trat Benno naher ...

Nun sieht er in den Wagen und sieht Armgart und Armgart sieht ihn, erkennt ihn und ruft:

Jesus! Der Benno!

Benno steht sprachlos.

Thiebold klart auf, soweit er kann, stopft das Gepack hinein, ruft dem Kutscher den Namen eines Ortes zu, als den der ersten Poststation, und steigt windschnell wieder hintenauf ...

Er scheint vorauszusetzen, dass Benno, dem allem wie etwas Unglaublichem zustaunend, dem tolldreistesten aller Menschen in die mondhelle Nacht hinaus die Konigin seiner Traume wie zur Entfuhrung uberlassen soll ...

Ein Augenblick jedoch und auch Benno sitzt schon oben dicht neben Thiebold und der Roland und die Kirche und der Staat und der 28. Germinal und die Bulle De Salute animarum sind vergessen.

Armgart sieht alles das voll Seligkeit und hatte nun am liebsten alle beide gleich hereingerufen.

Sie hatte Benno die Hand drucken mogen vor Freude uber diese doppelte Hulfe ...

Aber schon flogen die Rosse zur Chaussee hinauf und auf dieser dann funkenstiebend weiter und weiter dahin ...

Der Kutscher merkte schon, dass hier Romantik im Spiele war und dem Drusenheimer allein hatte auch er nicht zugesprochen.

Endlich hatte sich Armgart gesammelt und machte wenigstens durch das Schiebfenster so viel Gestandnisse, als nothig waren, um nun schon von Benno Vorwurfe und ernste Ermahnungen zu horen.

Daruber drangte ihn Thiebold, als "unertraglichen Pedanten", vom Schiebfenster weg und klagte uber Mangel an Raum ...

Und als dann Benno mit Vernunft und Besonnenheit nicht enden wollte, verwies ihn Thiebold vorn auf den Kutscherbock, woruber beide jetzt unter sich selbst in freundschaftlichen Hader geriethen ...

Am Ufer aber hinfahrend hatte Armgart alles druben auf der Insel still gefunden und im Geiste der guten Angelika gedankt, die ihre Flucht sicher nicht verrathen, sondern gewiss zur suchenden Mutter von einem Versteck auf der Insel selbst gesprochen hatte.

So fuhren sie schon unterhalb des Geierfelsen dahin ...

Je weiter aber die Insel und der Fluss verschwanden, desto mehr verlor sie die Besinnung und alle ihre Gedanken fingen an, ihr wie zu vergehen ...

Was sie von dannen trieb, glaubte Benno jetzt zu errathen ... Die Mutter war angekommen! ... Er theilte Thiebold seine Vermuthung mit und seine Auslegung der so ihm nun erklarlichen Flucht ...

Wie Thiebold, der naturlich die Rechte des Vaters, seines "Lebensretters", weit uber die der Mutter stellte, sich in Armgart's heroischer Herzensthat staunend zurecht fand, wurden sie plotzlich von Pferdehufen und von Sabelklappern aufgeschreckt ...

Vier bis funf Gensdarmen ritten an ihnen voruber ...

Benno erkannte Grutzmachern und Schulzendorf; diese erkannten ihn ...

Herr von Asselyn! hiess es mit harmlos uberraschtem Tone. Wo wollen Sie denn so spat noch hin?

Thiebold, zwar vorlaut wie immer, aber etwas eingeschuchtert, nannte die nachste Station ...

Major Schulzendorf blickte in den Schlag des Wagens. Er sah eine junge Dame ...

Auf Damen lauteten die Ordres nicht ...

Paschol, Herr Freiwilliger! rief Grutzmacher mit einem jener der Herrschaft des grossen Czernebog angehorenden und 1813 in Deutschland zuruckgebliebenen Kosackenworte und erinnerte bedeutungsvoll mit dieser Anrede den jungen Demagogen, dass er seine Gesinnung schon neulich als auf "Anno Kopenick" lautend genannt hatte.

Der Wagen fuhr von dannen ...

Und an einem Kreuzweg hielt wiederum ein berittener Gensdarm.

Was geht denn hier vor? fragte Thiebold hochst erstaunt und plotzlich jetzt von grosser Sammlung und viel Vernunft.

Benno ahnte fast, dass er einer grossen Gefahr entronnen war.

Diese Zusammenziehung von Bewaffneten stand ohne Zweifel in Verbindung mit der geheimen Versammlung druben im Roland ...

Seine Empfindungen uber diese Vermuthung schloss er tief und stumm in sein bewegtes Herz ...

Die jungen Manner beschlossen, den rathselhaften Fluchtling die Nacht uber zu begleiten, bis sie irgendeine der Postrouten erreichten, wo Armgart die Diligence besteigen konnte, um an den Ort ihrer nachsten Wunsche zu kommen, ins Stift Heiligenkreuz, wie sie sagte, bei Witoborn oder nach Westerhof zu Paula.

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Wie es dann immer hoher und hoher ins Gebirge ging, lag die Gegend den Ruckblickenden im Mondlicht so geisterhaft und marchenhaft da, wie ihnen ihre eigene Stimmung ...

Der Strom, die Berge, die Ortschaften, alles wie verklart ...

Ein einziger stiller Friede ausgebreitet uber soviel Leidenschaft, soviel Hass, Kampf und Gefahr ...

Dabei stiegen noch Raketen auf aus den Weinbergen, wo man schon fruhzeitiger die Weinlese begonnen alles das so harmlos, wie zu Lust und Freude ...

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Immer lauschiger wurde es am Wege ringsum und dunkler wurde der Wald zum Gebirge zu ...

Eine Abtei lag in zertrummerten von Buschwerk uberwucherten Rundbogen, recht wie ein Zufluchtsort mitternachtiger Geister ...

Wie schlummernd ragten ringsum die Tannen ...

Nur die Fledermause huschten auf und die kleinen Schlangen eilten uber den Weg hinwegzukommen, fliehend vor den jetzt langsam bergauf ziehenden Rossen ...

Aus dem Walde tonten so seltsame Laute, wie vom Fuchs auf dem Raube und von der nur des Nachts die Augen offnenden Eule ...

Ein grosser dunkler Vogel flog quer uber den Weg, so machtig, so weitausgeflugelt, als wtr' es ein Adler gewesen.

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Da kam ein neues Piket von Gensdarmen ...

Es umringte ein offenes Wagelchen, das rasch an ihnen, niederwarts, voruberglitt ...

Erst als sich Benno uber diese neue Begegnung mit den Wachtern der offentlichen Sicherheit gesammelt hatte, fiel ihm die Gestalt auf, die auf dem Wagelchen gesessen ... Zusammengedruckt, im blossen Kopfe, eine Pferdedecke uber die Schulter geworfen, hatte jemand dagesessen und geblickt mit stieren Augen, wie die Augen der Hyane leuchten mogen beim nachtlichen Raube, wenn sie vom Wege, die Lowen schon am Platze furchtend, angstvoll zur Seite schleicht ...

Vor und neben dem Gefangenen sassen zwei Manner in burgerlicher Tracht, fest und aufrecht ...

Anfangs glaubte Benno, seine Phantasie spiegelte ihm die Entdeckung des Morders der Frau von Buschbeck in Jodocus Hammaker vor ...

Indem trabte ein Reiter an ihnen voruber, in grauem Militarmantel mit rothem Kragen ...

Der Mantel schlug im schnellen Voruber auf ... Der Reiter war ein Burgerlicher ...

Assessor von Enckefuss! rief Benno ihm nach ...

Der Reiter horte nicht.

Thiebold war schon lange in eigenthumliche Gedanken verloren und schien fur jeden aussern Eindruck abgestorben ...

In grosster Aufregung fuhr Benno fort:

Nun, mein Freund, da sehen Sie wie "diese Menschen", wie Sie sie neulich zu nennen beliebten, die Augen offen halten und am rechten Platze Muth und Kraft in Muskeln und Adern haben!

Wie so?

Bemerkten Sie denn nicht eben?

Was?

Keine Tauschung! Der Morder der Buschbeck ...

Wovon sprechen Sie?

Sahen Sie denn nicht?

Wen?

Den Assessor von Enckefuss

Ich glaube, Sie traumen!

Eine eiserne Zeit wird kommen! Nicht sechs Wochen ins Land

Sechs Wochen, glauben Sie, dass diese Reise ?

Ich begreife was Dante zu den Ghibellinen zog!

Und wahrend Thiebold jetzt seine in solchen Fallen gewohnliche Wendung: "Warum haben Sie nur ewig die Malice, in meiner Gegenwart gelehrt zu sein! Wer war dieser Dante? Wer sind die Ghibellinen?" heute wie abwesend und wie vollig uber den Sanger der Holle und des Fegfeuers und des Paradieses unterrichtet unterdruckte, klopfte Armgart von drinnen an das Fenster und bat mit zagender Stimme, da es draussen gewiss bitter kalt wurde, die Freunde mochten doch hereinkommen ...

Benno und Thiebold fuhlten, dass diese von Armgart gesprochenen Worte nur so leise tonen konnten vor Thranen ...

Der Wagen hielt an ...

Schweigend stiegen die Freunde ein ...

Thiebold mit der Entdeckung, die er erst seit einer halben Stunde gemacht: Armgart wird auch von Benno geliebt! ... Benno in einer Aufregung, die mit machtigster Gewalt plotzlich alle seine Gedanken mitten in die Erorterungen zuruckversetzte, die er kurzlich mit Bonaventura gepflogen beim abendlichen Wandeln am Stromesufer ...

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Und wer weiss, ob nicht auch Bonaventura noch stand und in demselben Nachthimmel seine Zukunft suchte und, durchschauert von bangen Ahnungen, der Worte des alten Kirchenvaters gedachte: "Steh' auf um Mitternacht, blick' in das Heer der Sterne und deute dir die tiefe Stille!"

Wenigstens wohnte er, ein Leichenbegleiter in jeder Beziehung, nachdem er dem grossen Conduct der endlich zur Nachtruhe gekommenen "Frau Hauptmannin" am Sonnabend gefolgt war, auch Sonntag Nacht dem Officium und den Vigilien bei, die in der kleinen Kapelle neben dem Kreuzgang der Kathedrale am kerzenerleuchteten Katafalk des verstorbenen greisen Domherrn unausgesetzt bis zum Montag morgen gehalten wurden, wo erst sein Vorganger, in dessen Stelle er rucken sollte, mit seinen "gesammelten Origines-Lesarten" unter die steinernen Vliesen des Kreuzgangs eingesenkt werden durfte; denn der Sonntag "ist des Herrn".

Ende des dritten Buches.

Vierter Band

Viertes Buch

1.

Noch blieb der Winter aus und schon hatte das neue Jahr begonnen ...

An einem milden Novemberabend wurde Graf Truchsess-Gallenberg von seinem kirchenfurstlichen Stuhl mit einem Aufgebot zahlreicher Truppen entfernt in eine ostwarts gelegene Festung gefuhrt mit ihm Eduard Michahelles ...

Keine Hand hatte sich geruhrt, die gewaltige Entschliessung des Landesherrn zu hindern. Diejenigen, die sich fur diesen langst erwarteten Schritt der Regierung zu offnem Widerstande gerustet hatten, wurden an jenem Septemberabend im Gasthaus zum Roland am Huneneck aufgehoben und befanden sich seit Monaten im Gefangniss Stephan Lengenich, Joseph Zapf, ein Arzt, ein Priester, einige Gemeindevorstande, Ackerwirthe, Schreiber, Landleute ...

Die fortdauernd milde Witterung begunstigte aber dasjenige, was Dominicus Nuck den "Treppenwitz" nannte.

Jeden Abend in den Strassen ein zu spat kommender Protest ... Rottirungen, Patrouillen Zusammenstosse einzelne Verwundungen

Die Aufregung hatte sich ganz Deutschland, ja Europa mitgetheilt. Auch im Osten wurde von derselben Regierung ein anderer Erzbischof aufgehoben. Eine wilde Zeit! Sie entfesselte Geister, die der protestantische Furst nicht geahnt hatte und die nach langem glucklichen Frieden ihm die Ruhe seiner letzten Lebensjahre rauben sollten ... Vom Vatican hatte "der Knecht der Knechte" am 10. December in einer Allocution an die Cardinale Blitze geschleudert. Das kirchliche Leben stockte in den Landen, die zunachst betheiligt waren; wie Bann und Interdict, wie der Fluch auf Feuer und Wasser lag es auf der Ordnung des Lebens, allen Handlungen der Kirche, allen Weihen und Segnungen; der apostolische Stuhl hatte keine Stellvertretung anerkannt, die geweihte Hand des Priesters Immanuel fehlte, sie, die allein die Fasten, Ablasse, Dispense, Consense ertheilen konnte; rings waren die Wege des Heils gesperrt, da niemand die Vollmachten Christi besass, die allein fur diese Zeitlichkeit der Schlussel Petri unter Verschluss halt. Die, welche nach dem Willen des Landesherrn den entthronten Kirchenfursten zu ersetzen hatten, die Kapitel, die Administratoren, geriethen in Schwankungen, in Angst und Schrecken uber ihr vom Heiligen Vater verwirrtes Gewissen. Die Lammer flohen vor den Hirten ... Nuck und die Sporenritter und die Hunnius riefen Feuerjo! dass der rothe Hahn auf allen Palasten und Staatskanzleien drohte und das Vaterland in eine Spaltung gerieth, wie wenn Tilly wieder vor den Thoren Magdeburgs stehen sollte.

Nuck's bei alledem von ihm geleiteter "Treppenwitz", seine zu spat gekommene Antwort auf die kuhne That der "Neunmal-Weisen", hatte sich nur seit den Festtagen etwas gemildert ...

Auch hatte am Morgen nach dem heiligen Dreikonigsabend Jodocus Hammaker unter dem Messer der Guillotine geendet.

Der Morder des Frauleins Brigida von Gulpen, genannt Frau Hauptmann von Buschbeck, gestand Dinge, die der Herrschaft "der Achselklappen mit den numerirten Knopfen" und der "Avantgarde des grossen Czernebog" verdriesslich sein mussten, denn er zog vor, mit der Kirche, der er nicht minder gedient hatte, im Frieden zu scheiden. Nuck vertheidigte ihn. Der Morder dankte ihm fur seine Anstrengung, ihn vor den Assisen durchzubringen, mit manchem schmachtenden Blicke, den er aus seinem so kunstvoll beherrschten, doch verzweiflungsvollen Auge auf ihn warf, mit manchem gen Himmel gerichteten Aufseufzer, und nur einmal, als ihm Nuck beim Plaidiren und gerade seine Dose ziehend schaudernd eine Prise verweigerte, die der Freche von ihm zu nehmen begehrte, da zuckten seine weissen Augen unheimlich drohend auf ... doch der Agent beherrschte sich, schonte alles, was die eine seiner beiden Schultern getragen hatte, die kirchliche, und nur in seiner letzten Beichte, die er dem neuen jungen Domherrn, Herrn Bonaventura von Asselyn, gesprochen, mochte er Ruckblicke gegeben haben auf sein Leben und Enthullungen auch uber den Verdacht, ob er einst einen Mann aufhing, der ihn jetzt noch einmal, wie schon fruher vertheidigte.

Nach diesem entsetzlichen Zwischenspiel, das der Armesunder keineswegs durch ubergrossen Heldenmuth zum Volksschauspiel "auf Applaus" machte, war es einige Abende recht still geworden ... Auch war der Carneval abgesagt. Ihr Theuerstes opferte die Stadt, um zu beweisen, dass der Stellvertreter Christi mit Recht diese Zeit den schlimmsten der Propheten verglichen hatte.

Im Englischen Hof, in einem der ersten Hotels der Stadt, waren, wie seit einigen Wochen allabendlich, mehrere Fenster erleuchtet. Die Frequenz der Stadt hatte abgenommen. Niemand mochte dem Ansinnen der Loyalitat, Feste zu geben, entsprechen und da manche Familie auch ihrerseits wieder vor dem Schein der Demonstration sich furchtete und lieber auf dem Lande blieb, so fiel es auf, wenn irgendwo sich Leben zeigte in einer Stadt, der die geheimen Lenker in allem und jedem Trauer angesagt hatten.

Aber auch jene Fenster oben im ersten Stock des Englischen Hofes werden bald nicht mehr an jedem Abend erleuchtet sein ...

Schon ist ein grosser Reisewagen in der Einfahrt sichtbar, der, vorn und hinten bepackt, morgen aufbrechen und die oben wohnende Herrschaft nach Belgien und an den Strand des Meeres entfuhren wird, von wo aus es dann weiter gehen soll nach England ...

Ein Reisecourier ordnet am Wagen. Ein anderer Diener hat die Grafin von Salem-Camphausen, die Mutter des Grafen Hugo, in einem Miethwagen begleitet, in welchem sie noch einige Abschiedsbesuche macht ...

In dem einen der oben von ihr seit zwei Monaten bewohnten Zimmer brennt etwas duster eine grosse Astrallampe auf einem runden, mit einem Teppich bedeckten Tische. Eine andere, hellere, wenn auch kleinere Lampe bescheint ein kleines Schreibbureau, an welchem eine Dame sitzt und mit Emsigkeit die Feder fuhrt ...

Alles still um sie her ... Betrate auch ein Fuss das geraumige Zimmer, dem man die einer Abreise vorangehende Unordnung nicht ansieht, der Schritt wurde durch einen Teppich gemildert werden ... Eine kleine wiener Reiseuhr steht neben der Schreibenden, die zuweilen wie mechanisch auf sie hinblickt und sich fluchtig uber den schnellen Lauf der Zeit zu wundern scheint, obgleich sie darum im Schreiben immer noch fortfahrt ...

Die Dame ist nicht, wie seit dem 20. November alles, was in dieser Stadt der gemeinsamen Stimmung Rechnung tragt, schwarz gekleidet, nur dunkelfarbig ... weit ausgebreitet bauscht sich um sie her ein einfacher seidener Stoff ... ein Spitzentuch, das den Nacken bedeckt, ist herniedergeglitten ... ja an dem zuruckgehenden Ausschnitt des Kleides kann man entnehmen, dass die emsige Schreiberin, um die Brust zu schonen, sich's unbewusst bequem gemacht hat ... Man sieht die Fulle der Anmuth und der Jugend.

Sie blickt auf und athmet wie erschopft ... Die saubern Octavblattchen, die sie vollgeschrieben, zahlt sie und lachelt, da es deren so viele sind ... Dies Lacheln sollte uns nicht fremd sein ... Es hat Aehnlichkeit mit jener Duldermiene, die das Lacheln Armgart's dem Blick der Madonnen Murillo's so ahnlich macht ... An dem seltsamen Glanz der langen Locken, die auf den weissen, durch Zufall entblossten Hals der jetzt Lesenden niedergleiten, erkennen wir Armgart's Mutter, die Oberstin von Hulleshoven, Monika von Ubbelohde.

In der That hat der Winter nie so nahe beim Fruhling gewohnt. Nie ist der letzte Schnee in anmuthigerm Neckspiel auf die ersten Bluten eines Gartens gefallen. Nie hat der Sonnenstrahl zur Osterzeit so schnell die letzten Flocken der noch eisigen Lufte hinweggekusst. Oder mussen wir von einem Hagelwetter sprechen, das grausam seine Eiskorner zuruckgelassen unter Rosen und Lilien? Monika's Locken sind grau.

Monika ist eine Frau mittler Grosse, nicht von ubervollen, aber runden Formen. Ist ihr Antlitz jetzt nur vom Ueberbeugen so gerothet oder tragt es dies frische Incarnat fur immer? Fast mochte man letzteres glauben, wenn man die schwellende Rothe der Lippen vergleicht, die ein wenig sich offnen, weil sie leise vor sich hin das liest, was sie geschrieben ... Ihr Blick ist ernst. Die Hand, weiss und klein, halt die Blatter etwas zu nahe dem Auge. Wer weiss, ob nicht auch diese schonen braunen Augen gelitten haben von viel Thranen, die sie vergossen haben mochte? Bei alledem liegt auf der Stirn ein seltener Friede. Oder ist es nur eine grosse Klarheit, die ihre Vorstellungen zu einem Lichte hindurchgerungen hat, das nun auch diese Stirn so edel erhellt? Eine Stirn, die unharmonisch ist, entstellt ein ganzes noch so zierliches Antlitz. Die Stirn dieser jungen Frau stieg sanft aus den eingesenkten Schlafen und erhob sich nur oben, dicht an den gescheitelt niedergleitenden grauschimmernden Locken, deren an jeder Seite drei bis auf die in dem Lehnsessel sich aufstemmenden Oberarme fielen, zu einem leisen Hervortreten zweier Flachentheile, die in der Mitte durch eine einzige sanfte Linie getheilt waren. Die Rundung des Kopfes, dessen Hintertheil ein unterm Kinn zusammengebundenes Flortuch von schwarzer Seide bedeckte, war der Ausdruck eines Wesens, das die Harmonie und mit ihr die Gerechtigkeit liebte. Die Augenbrauen waren dunkel, nicht von dem Loose des Haares betroffen. Zitterten die Blattchen in der Hand der Lesenden, so war nur die Haltung der Arme, die sich auf die Lehnen des Sessels stemmten, schuld daran, nicht die bangende innere Aufregung, denn mit Ruhe, Fassung, mit dem Ernst eines Denkers uberliest die junge Frau, was sie geschrieben.

Die Blatter lauteten:

"Seit vier Monaten, meine theure Freundin, haben Sie nichts von mir vernommen und vielleicht zu buchstablich hab' ich mein Wort gehalten, Sie zu verschonen mit den Aufwallungen uber halbe und unentschiedene Zustande.

Ich habe nicht in Anschlag gebracht, dass schon seit der Ruckkehr des Obersten die Vorbereitungen getroffen sein mussten, Armgart so bald als moglich wieder nach Westerhof zuruckzurufen. Unmittelbar nach meinem Briefe suchte ich einzutreffen. Kaum hatt' ich von den Zimmern, die Herr von Terschka fur mich bestellte, Besitz genommen, als ich mich in einen Nachen setzte und zur Insel Lindenwerth hinuberfuhr. Ich wiederholte eine der Scenen, deren vor Jahren so viele stattgefunden. Damals, in der seligsten Gewissheit, am Ziele zu sein und mein Kind zu besitzen, es zu uberraschen im Schlummer, es entdeckt zu haben in einer Kohlerhutte, bei einem Forster im Walde, hatten mein Schwager und meine ihm verbundene Schwester den Raub, den sie an zwei Aeltern begingen, schon wieder an einen andern Ort geborgen, nur dass ich diesmal nicht die mir todlichen Worte in einem zuruckgelassenen, immer gleichlautenden Briefe fand: 'Dein Platz ist in der Kaserne beim Olivaer Thor in Danzig; dort wirst du dein Kind finden!' Aber ebenso stand ich wieder wie sonst. Muttergefuhl und Stolz im Kampf. Nach halbstundigem Warten auf Armgart merkt' ich, dass sie nicht mehr auf der Insel war. Die Englischen Fraulein schienen aufs ausserste besturzt; eine der Lehrerinnen war im Geheimniss. Als alles geweckt wurde und ich sehr gern den Nonnen eingestand, dass ich sie fur unbetheiligt hielt am Verstecken meines Kindes, als die Lehrerin ringsum wirkliche Angst uber einen moglichen Unglucksfall bemerkte und gestanden hatte, dass Armgart entflohen war, da hinderte ich selbst, dass man die Schiffer antrieb ihr nachzueilen. Wie sonst aus den Kohler- und Waldhutten ging ich, ich will nicht mehr sagen, mit dem Trotz meiner Jugend, aber doch so vernichtet und auf die erste Hoffnung tief erkaltet, dass ich, wie schon oft im Leben, den Eindruck einer Frau ohne Herz zuruckgelassen haben mag, als ich schweigend auf meinem Boot zum Ufer fuhr.

Am folgenden Morgen besuchte mich die Lehrerin. Der Armen hatte man, als verdachtig, eine Flucht aus dem Pensionat unterstutzt zu haben, sofort gekundigt. Das schon altliche Madchen dauerte mich. Sie sprach ihr Leiden nicht aus, das das gewohnliche verbluhender Jugend und des unterrichtgebenden Tagelohnerns schien, aber ich sah es ihr an und vertraute ihrer Erzahlung. Das Madchen schien mich nicht fur wurdig zu halten, ganz in ihr Inneres zu sehen. Ich war ihr 'die Mutter, die ihr Kind aufgeben konnte'. Erst als sie wiederholt auf mein graues Haar und den Ursprung desselben, den sie etwas unglaubig aus dem Kummer herleitete, zuruckkam und ich jetzt, lachelnd sogar bei allem Leid, ihr sagen musste: Liebe, Sie stellen mich viel zu hoch! Dies Erblinden meiner Haare stammt aus einer Lebensgefahr, in die ich mich einst begeben hatte, als ich mich vierzehn Tage lang versteckte, versehen nur mit einem Korbchen Proviant, ohne Wasser und auf den Augenblick harrend, wo ich die Wahnsinnigen, mit denen ich im Kampfe lebte, uberraschen wollte man fand mich endlich fieberkrank und der Typhus raubt oder bleicht uns das Haar ! da wurde sie mittheilsamer und erzahlte mir, was in Armgart's Seele so vorgegangen, als ware ganz der Geist ihrer Tante Benigna uber sie gekommen, dieser Velledennatur, die der Meg-Merilis Walter Scott's nicht unahnlich ist, ohne dass meine Schwester je den Hochlandsdichter gelesen haben mag. Ebenso will das Kind richten uber mich und den Vater und setzt sich als Preis fur unsere Aussohnung! Die Lehrerin erbot sich zur Vermittelung mit dem Obersten, der so nahe wohnte und in dessen ganzer Art es liegt, dass er nicht einmal den Versuch machte, sich umzusehen, wo er seinem einzigen Kinde begegnen konnte, geschweige es an sein Herz zu reissen. Ich lehnte die dargebotene Hulfe ab und verwies auf das, was vom Obersten mich immer getrennt hat und was uns ewig trennen wird.

Von Herrn von Terschka erfuhr ich dann alle nahern Umstande dieser Flucht. Sie kennen seine unermudete Gefalligkeit. Ich erfuhr die kleinsten Details. Begleitet von zwei ihr bekannten jungen Mannern war das wahnbethorte Madchen nach einer nachtlichen Fahrt auf die Station einer grossen Postroute gebracht worden, wo sie die Diligence bestieg und nach Witoborn fuhr.

Ich konnte ihr nicht folgen. Die Nahe so vieler Feindseligkeit beangstigte mich auch bei Lindenwerth. Ich schrieb einige Worte an den Dechanten und begab mich nach Belgien und Ostende, wo ich die Grafin erwarten wollte, um sie, wie fruher gehofft, mit Armgart, nun vielleicht allein nach England zu begleiten. Die Ankunft derselben verzogerte sich. Ich wartete wochenlang und sah das Meer in allen seinen wechselnden Launen, in seiner Grosse und Gefahr, unheimlich und selbst im Sonnenschein und bei Windstille dem Menschen nicht wohlwollend. Die Jahreszeit wurde rauher, die Sturme tobten, die See ging hohl eine Welle, die schon von weither rollt und uber dem gefurchten Spiegel sichtbar wird wie eine glattgeschliffene riesige Sichel, immer naher kommt, immer machtiger in ihrem weissen Gischt anwachst und dann sich auf den Strand wirft, hat etwas so unbarmherzig Unerbittliches, dass ich selbst vom schutzenden Leuchtthurm aus nicht mehr diesem Spiele zusehen mochte. Ich reiste der Grafin entgegen, die endlich in Frankfurt angekommen war.

Aber schon in der Residenz des Kirchenfursten begegneten wir uns und haben wir hier die sturmischen Tage der Gefangennahme desselben erlebt. Die Gemuther waren und sind noch in einer Aufregung, die den Verkehr mit ihnen peinlich macht, zumal wenn man mit einer Protestantin auftritt, die so entschieden wie die Grafin an ihrem Bekenntnisse festhalt und hier uberall mehr Mistrauen und Feindschaft, als Entgegenkommen findet. Die Rechte ihres Sohns auf die Dorste'schen Besitzungen sind unantastbar; die Processe, die man dagegen aufbrachte, sind in drei Instanzen zu Gunsten des Grafen Hugo entschieden worden. Terschka ist schon nach Westerhof, um die Uebernahme der Guter und die Verstandigung uber Paula's Zukunft zu beschleunigen. Sie kennen meine Verehrung vor der hoheitsvollen Gesinnung dieser ehrwurdigen strengen Matrone. Schon mit ihrem Erscheinen entwaffnet Grafin Erdmuthe jede Feindseligkeit; selbst der gefahrlichste ihrer Gegner, der Procurator Nuck, windet sich vor ihr, als wenn schon ihr Blick etwas Zahmendes und Bandigendes hatte; gerade ihm gegenuber thut die sittliche Macht des festen Willens und der reinen Ueberzeugung auch noth, da er noch bis zur Stunde, obschon alles fur seine Clienten, die Geistlichen, die Kloster, die Stifte, die Landschaft, verloren ist, sich dem Unvermeidlichen nicht fugen will, zumal seit dem 10. December, wo von Rom aus hier alles wie mit unsichtbaren Schwertern bewaffnet ist.

Eine freundliche Erscheinung waren mir die beiden jungen Manner, die an jenem fur mich so schmerzlichen Sonntage Armgart auf ihrer Flucht begleitet hatten. Benno von Asselyn arbeitet bei Herrn Nuck und musste sich leider als ein Gegner der Grafin einfuhren. Doch verstandigte die wurdige Frau sich bald mit dem jungen unterrichteten Manne, der fur einen Neffen des Dechanten gilt, aber nur ein Adoptivsohn seines Bruders ist und eine Spanierin zur Mutter haben soll. Der andere ist ein junger reicher Kaufmann, Namens Thiebold de Jonge, eine heitere, lebensfrohe Natur, etwas beschrankt, aber desto reicher ausgestattet mit jenem Enthusiasmus, der bei allen Dingen immer prasent ist, was man bei den blasirten jungen Mannern dieser Tage nur noch selten findet. Herr de Jonge gestand mir in aller Offenheit, dass er mich nur mit grossem Mistrauen betrachte, denn sein Herz gehore dem Obersten, der ihm vor einigen Jahren in Canada das Leben gerettet. In Wahrheit aber gehort sein Herz nur Armgart. Sie scheint schon fruh das Talent zu haben, die Manner zu verwirren. Herr von Asselyn und dieser junge Kaufmann lieben sie beide und ich weiss nicht, wem sie den Vorzug gibt. Wenigstens scheinen sich die jungen Manner resignirt zu haben, sich ihrem eignen Ausspruch zu unterwerfen.

Naturlich war ich auch ihnen eine ganz herzlose Mutter. Erst seitdem sie zufallig in Erfahrung brachten, dass ich damals, als ich mich von meiner Krankheit erhob und im Spiegel mein graues Haar erblickte (allerdings in der Verzweiflung weiblicher Eitelkeit!) mit allem brach und zu Ihnen in ein Kloster reiste, wo man, wie hier bei den Karmeliterinnen, nicht etwa Naharbeiten fertigt, hochstens ein paar Unterrichtsstunden gibt und die ubrige Zeit im Mussiggang vertandelt, sondern in ein Krankenhaus, in dessen stundlichem Geschaftsgang ich die Vergangenheit vergessen wollte, da milderte sich auch hier ein wenig das Mistrauen und ich muss schon uber mich wachen, nicht etwa mich mit Lorbern zu schmucken, wenn ich von Ihnen und meinem Tode in Ihrem Kloster spreche.

Statt Armgart soll die Grafin nun nach England eine Italienerin begleiten, ein junges Madchen, das die Grafin aus ihren Besitzungen in Piemont kannte und hier wiederzufinden sich wahrhaft gefreut hat. Die Grafin ist die Gute selbst und wurde alles glucklich machen, wenn sie dazu die Mittel besasse. Sie warnten mich vor ihrem Lutherthum! Freundin, seit den langen Jahren, dass ich an Ihren Krankenbetten lebte, hab' ich uber die Religion in jedem Augenblick nachgedacht, nie aber uber den Unterschied der Religionen. Auch Sie, theure Freundin, Sie, Aebtissin der Hospitaliterinnen, die Sie noch zu den Barmherzigen Schwestern alten Stils gehoren, nicht zu den neuen, mit denen Vincenz von Paula den Jesuiten ein Geschenk machte, Sie haben mir ja selbst wie oft gestanden, dass Sie die Zumuthung nicht ertragen wurden, die Ihnen die Romlinge stellen, in Ihr Kloster neue religiose Vorschriften einzufuhren! Eines kann der Mensch nur vollbringen, entweder Gott in der Erfullung seiner Pflicht dienen oder sich ganz der Betrachtung ergeben und ausruhen und phantasiren und traumen. Wenn Sie noch beten und singen sollen, sagten Sie selbst, konnen Sie nicht die Kranken pflegen. Die wahre Religion ist die Pflichterfullung und ein ganzes Versenken nur in sie allein. Das beste Gebet ist eine That, die auf Gottes Beistand deshalb rechnet, weil sie gut ist. Ich hore hier zuweilen die Predigten eines neuen jungen Domherrn, eines Verwandten unsers Benno von Asselyn, der einen ausserordentlichen Zulauf hat und der noch der Last der an ihn gestellten Zumuthungen, namentlich im Beichtstuhl, erliegen muss, wenn er sich nicht Schonung gonnt. Noch neulich sprach er die Worte, die ich nur gewunscht hatte von ihm weiter ausgefuhrt und auf die Gegenwart anders gedeutet zu sehen: 'Wir bewundern und fassen es jetzt gar nicht mehr, wie das Christenthum in den alten Zeiten verherrlicht und bekannt wurde! Nicht nur war es die tagliche Ordnung alles Lebens, des offentlichen wie des gesellschaftlichen und hauslichen, sondern der stundliche Ausdruck jedes Gefuhls, jedes Gedankens, der stete Begleiter des Seufzens im Kummer, wie der Begleiter des Jauchzens in der Freude. Festzuge sah man und sie verherrlichten nur die Vorgange der heiligen Geschichte er strafte damit den kindischen Kummer um den verbotenen Carneval ; man sah Schauspiele wie jetzt und sie unterhielten durch die Geschichte der Passion; jeder Gedanke der Kunst, der Bildung, der Gelehrsamkeit war zu gleicher Zeit ein christlicher Gedanke.' Nun wohl, flusterte ich schon nach der Beendigung dieser Predigt der Grafin zu, die sich entschlossen hatte, diesen Domherrn einmal zu horen (eine merkwurdige Aehnlichkeit desselben mit einer italieschen Bekanntschaft von ihr, auf die sie von der obengenannten jungen Italienerin aufmerksam gemacht worden war, zog sie an und wurde von ihr bestatigt): warum fugte er nicht hinzu, die Kenntnisse haben sich erweitert, die Anschauungen sind umfassender, die Pflichten verwikkelter, die Lebensausserungen mannichfaltiger geworden? Wenn jetzt nicht mehr jede einzelne Lebensthat die christliche Signatur tragen kann, so genugt es ja schon, wenn sie dem Christenthum nicht widerspricht ... Freilich hat auch die gute Grafin ihre Herzensberuhigung nur zu sehr darin gefunden, dass sie nach dem Standpunkte, auf dem sie einmal steht, dem Standpunkt des Grafen Zinzendorf "

Bis hierher hatte Monika von Hulleshoven geschrieben ...

Sie las die Blatter nur deshalb wieder durch, weil sie den Faden ihrer Erzahlung verloren hatte, und eben fand sie ihn, wollte eben weiter schreiben, mittheilen, dass sie trotz des fertigen Gepackes bis zur Stunde noch im Zweifel ware, ob sie morgen nach England mitgehen sollte, als sie im Nebenzimmer die sanften Accorde einer Guitarre horte ... Sie wusste, dass sie von Porzia Biancchi kamen, die schon zur Reise alle ihre eigenen kleinen Gerathschaften geordnet hatte und vielleicht eben noch ihre Guitarre einpackend sich nicht uberwinden konnte, das Instrument, das sie mit Gewandtheit spielte, anzuschlagen ...

Allmahlich wurde aus den Accorden ein Lied und Monika horte nun zu schreiben auf ... Ob sie wol endlich wahr macht, sagte sie sich, was sie uns so oft versprochen, dass sie einmal singen wurde? Ich glaube, sie furchtet sich immer nur vor der Grafin, die die menschliche Stimme nur geschaffen erklart zum Lobe Gottes!

Leise und wie schuchtern erklang zu den angeschlagenen Accorden ein melodischer Gesang ... Porzia hatte eine schone Altstimme ... Monika, um die italienischen Worte zu verstehen, lauschte ...

Indem meldete der Courier einen Besuch und wollte im Nebenzimmer, wo Porzia sang, gleichfalls mittheilen, dass es Marco Biancchi war, ihr vor vier Monaten aus England gekommener Onkel, der in grosser Eile sie zu sprechen begehrte ...

Lassen Sie doch! sagte Monika und bedeutete den Meldenden, die Sangerin nicht zu unterbrechen. Sie wollte den Italiener selbst empfangen ... Der Sprache desselben war sie machtig ... Sie sagte, sie wurde Porzien das Nothige dann schon mittheilen ...

Marco Biancchi kam in grosser Aufregung. Er wollte der Grafin ankundigen, dass er mit ihr zugleich nach England reisen wurde, wo er seit Jahren schon heimisch geworden ...

Monika wusste, dass er von dieser Stadt aus noch weiter ins Innere Deutschlands wollte, dass er fur seine Kunst, Bilder zu restauriren, Auftrage nach Frankfurt und Munchen hatte und zuletzt einen dritten Bruder zu besuchen gedachte, der in Wien lebte und ihr selbst wohlbekannt war als ein dort vielgesuchter Musiklehrer ...

Auf ihr Erstaunen, wie er seinen Plan so schnell hatte andern konnen, gab Marco ausweichende Antworten und bald bemerkte sie, dass seine Ruckkehr nach England keine freiwillige war, ja dass er mit einem langeren Verweilen in dieser Stadt sich einer Gefahr aussetzen wurde ...

Porzia schien so in ihrem Gesang verloren, dass sie die nicht leise gefuhrte Conversation des Nebenzimmers nicht horte ... sie sang und spielte alle die Lieder, die sie schon im Gasthof Zum goldnen Lamm, auf Befehl ihres langst nach Frankfurt zuruckgekehrten Vaters, dem Onkel Marco sogleich nach dem ersten Wiedersehen als Probe ihrer Gaben hatte vortragen mussen ...

Theils das angeborene lebhafte Naturell, theils das Gefuhl von Sicherheit, das in einer in der vaterlandischen Sprache gefuhrten Conversation fur ihn lag, veranlassten das Gestandniss des Italieners, Herr Benno von Asselyn hatte ihn aufmerksam gemacht, dass eine der Sicherheitspolizei angehorende einflussreiche Person ihm dringend anriethe, sofort Deutschland zu verlassen. Er wurde bereits seit seinem ersten Ankommen beobachtet und gelte fur einen Emissar der auf englischem Boden stattfindenden italienischen Conspirationen ...

Fur Monika war es nach dem ersten Ausdruck des Bedauerns und Erstaunens wohlthuend, in Verbindung mit einem, wie sie bald sah, so wohlangebrachten Rathe den Namen Benno's zu vernehmen, der seit einiger Zeit sie nicht wieder besucht hatte, wahrend Thiebold fast alle Tage kam und langst auch fur sie seine gewohnte Schwarmerei zur Schau trug ...

O das ist ja brav von Herrn von Asselyn! sagte Monika und forschte teilnehmend: Wurden Sie sich denn nicht gegen diesen Verdacht haben rechtfertigen konnen?

Die Miene des Italieners wurde eigentumlich von dem Gesange seiner Nichte begleitet ... Es war ein Ausdruck, der zwar zunachst nur der der Verschmitztheit schien und doch mischte sich ihm etwas Elegisches bei, das Monika vollkommen als die Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit erkannte. Ja waret ihr Italiener wirklich nur fahig, die Freiheit zu ertragen! sagte sie. Ihr seid aber wahrhaft ein Volk von entthronten Konigen! Entweder musst ihr herrschen oder in Ketten gehalten werden. Deshalb verstand euch Napoleon so gut! Weil nur Er herrschen wollte, hat er euch mehr mit Fussen getreten, als irgendeine andere Nation!

Italia la regina del mondo! rief Marco und begann, sich in die Stimmung des leisen Gesanges nebenan versetzend, eines der vielen Gedichte zu recitiren, an denen fur dies Thema seine Nation so reich ist und deren Zahl auch jeder einigermassen gebildete Italiener durch die Kunst der Improvisation zu vermehren weiss ...

Deshalb wollt ihr die Freiheit fur euch, unterbrach Monika seinen langen Monolog, um sie wieder den andern Volkern zu entziehen!

Wir wollen nur das Joch der Fremden brechen! rief Marco. Ein Volk von Brudern, von den Alpen bis zum Meere! Ein einziger Bund von Bruderstaaten! Republik oder Monarchie, nur keine Trennung mehr!

Aber dem Schlussel Petri gonnt ihr dabei alle Pforten des Himmels, nur am wenigsten die eurer grossen Roma! Ihr wollt ihn ganz nur zu einem Heiligen machen und aus der Liste der weltlichen Souverane streichen! Aber thatet ihr das, so hat ja eure letzte Stunde geschlagen! Alle katholischen Nationen wurden sich zu einem neuen Kreuzzuge rusten und Rom wurde, wenn es den Kampf aufnahme, zerstort werden.

Das ist schon oft geschehen! erwiderte Marco mit einiger Ironie. Ja, ich weiss, es gibt Italiener, die unserm Glauben untreu geworden sind! Ich gehore nicht zu ihnen. Ich will den wahren christlichen Glauben und ich will, dass er eine grosse Macht besitzt. Aber ein geistiges verjungtes Rom soll herrschen! Der Heilige Vater in Wahrheit ein Vater der Menschheit, erhalten von seinen liebenden Kindern, zunachst von den Romern, die durch ihn ihre alte Freiheit und Grosse gewinnen mussen! Rom, der Sitz des Lichtes! Rom, die Sonne, deren Strahlen die Erde erleuchten! Einst zitterte die Welt vor den Waffen dieser stolzen Konigin, aber schon damals brachten die Imperatoren mit ihren Adlern die milden Sitten und eine Gesetzgebung, die die Freiheit selbst war und das Menschenrecht und die geschriebene Vernunft! Roms Sprache ist die Sprache der Religion, der Wissenschaft, der Denkmaler! In alle Sprachen der Barbaren musste sie eingefuhrt werden, wenn sie die Gedanken der Civilisation aufnehmen wollten, fur welche diese keinen Ausdruck hatten. Roms Bischofe wurden die neuen Befreier der Welt! Der Ring des Fischers druckt das Siegel auf alle Freiheitsurkunden, die noch die Nationen den Handen ihrer Henker abtrotzen werden! Roms Hirtenstab hat die Leibeigenen befreit, die Stadte gegrundet, die Gemeinden geschaffen, die Republiken erleuchtet, sie geschmuckt mit Bildern und mit Denkmalern des menschlichen Geistes! Rom, ohne Waffen, Rom, ein Gedanke, hat allein dem treulosen Corsen ins Auge zu sehen gewagt, muthiger, als Konige und Kaiser, die vor ihm im Staube krochen! Durch Rom wird das Christenthum erhalten bleiben als ein linder Balsam, der das Gemuth von seinen Wunden heilt! Nicht, Signora, das jesuitische Rom mein' ich, das ich hasse, weil die Jesuiten die Freiheit hassen und die Unabhangigkeit der Volker und die wahre Grosse des Menschen ... Ha! Ceccone! Dass Menschen, wie du, dem wahren Rom ein falsches Gewand umhangen durften! Ceccone! Politiker statt Priester, Schergen, die die Patrioten verfolgen, statt sie zu schutzen gegen die Feinde Italiens! Signora! Lassen Sie Italien frei sein von seinen Tyrannen, von seinen Ceccones und die Geschichte wird ein Volk der Grosse finden, Republiken, die sich massigen, ein Rom, das den katholischen Glauben wieder zur Sehnsucht aller Volker macht, auch der abgefallenen!

Das Auge des Italieners leuchtete. Sein weisses Haar schien sich zu strauben. Der rechte Arm begleitete seine Worte wie mit den Gesticulationen der Rednerbuhne ...

Monika folgte mit Aufmerksamkeit und voll prufender Ueberlegung ... Cardinal Ceccone war ein in diesem Augenblick oft genanntes Glied der romischen Curie ... Die Arme auf die Lehne des Sessels stemmend und die Locken schuttelnd, sagte sie: Nein, nein! Es gibt andere Italiener, die an diese Siege der katholischen Lehre nicht mehr glauben wollen!

Ich verachte sie! warf ihr Biancchi entgegen.

Sie berufen sich darauf, dass gerade ein Ceccone den Purpur tragen kann!

Noch las Ceccone keine Messe ...

Nun gut! Aber aus allem, was Ihr mir von Euren Meinungen verrathet, erseh' ich doch, dass Ihr dem Unbekannten zu danken habt, der Euch rathen liess, nach England zuruckzukehren! Was aber Porzia betrifft, lasst sie nicht zu viel in der schonen Bibel lesen, bei der ich sie zuweilen uberrasche und die sie so heilig zu halten scheint, wie ihre Guitarre!

Es ist das Geschenk eines freundlichen Mannes, der schon ein wenig alt ist, sonst wurd' ich glauben, dass sie sich schwer von seinem Lande trennt! sagte Marco und wandte sich mit hoflicher Verbeugung zu Porzia's Thure ...

Ihr glaubt an die ewige Jugend Roms, das schon so alt ist? Dann musst Ihr auch dem Geiste und der Liebe eine Verjungungskraft zuschreiben! Wer ist denn der Verehrer dieser Bibel, in der Porzia so eifrig liest, dass ich fast glaube, sie studirt auch die deutsche Sprache darin, ihm zu gefallen?

Biancchi blickte immer auf die Nebenthur und schien auszuweichen, den Namen zu nennen ...

Der deutsche Name wird fur Eure Zunge zu schwer sein ...

Ein Signore Hedemann ist es! sagte der Italiener festbetonend und verrieth in der prufenden Scharfe seines Blickes, dass ihm die Beziehung dieses Namens wohlbekannt war zu dem Gatten der freundlichen Dame, die so vertraulich und wohlwollend und offenbar von seinen Aeusserungen angezogen mit ihm plauderte ... zugleich wollte er, als guter Anwalt seiner Nichte, die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, uber einen Mann Erkundigungen einzuziehen, der die in St.-Wolfgang und Kocher am Fall angeknupfte Bekanntschaft auch noch in der Residenz des Kirchenfursten fortgesetzt hatte, als er zum Betrieb seiner Ankaufe hieher gekommen und so lange geblieben war, bis Frau von Hulleshoven von Ostende zuruckkehrte, wo die Grafin von Salem-Camphausen Porzia dann beim Wandeln in der Kathedrale entdeckte. Porzia war nach der Abreise ihres Vaters geblieben, um nach Frankfurt erst mit dem Onkel Marco zuruckzureisen.

Welchen Namen nannten Sie? sagte Monika und erhob aufhorchend ihr gebeugtes, in Gedanken verlorenes Haupt ...

Remigius Hedemann! wiederholte der Italiener und setzte frank und frei hinzu: Un intendente del Signore Colonello de Hulleshoven!

Bei dieser Bezeichnung schien ihm das italienische Verhaltniss zwischen Diener und Freund vorzuschweben, das bei Landbesitzern und grossen Adelsfamilien sich dort noch im Sinne der alten romischen Clientel erhalten hat.

Hedemann! sagte Monika erregt und erhob sich ...

Statt dem Wunsche des Italieners entgegenzukommen und ihm nun uber Hedemann weitere Nachrichten zu geben, winkte sie ihm, er mochte jetzt selbst ins Nebenzimmer treten ... aber auch Porzia hatte eben leise ihre Thure geoffnet und die Stimme des Onkels gehort ... der Italiener trat zu ihr ein.

Wie Monika allein war, sammelte sie sich erst langsam von dem Eindruck, den ihr das plotzliche Nennen eines Namens gemacht hatte, der mit ihren ernsten Lebensbeziehungen in so naher Verbindung stand. Hedemann war, solange sie denken konnte, mit ihrer Familie in der unzertrennlichen Verbindung eines sich nie uberhebenden Dieners, Rathgebers und Helfers in aller Noth gewesen ... Dass er und mit ihm der Oberst schon so in ihre nachsten Kreise eingetreten und dass dies zu ihrer Begleitung und Bedienung bestimmte junge Madchen mit einem sie so nahe beruhrenden Manne bekannt war, nahm ihr fast den Athem. Auf und nieder ging sie und konnte zur Beendigung ihres Briefes nicht zuruckkehren. Sie schloss die Blatter, die sie zusammenlegte, zuletzt in ein Reiseportefeuille, das sie mit der ihr ohnehin heute stundlich wiederkehrenden Empfindung betrachtete: Solltest du wirklich fliehen? Solltest du diese Reise nach England mitmachen? Was zagst du? Was trittst du nicht mitten in die Kreise ein, wo du dich so gehasst weisst, und trotzest ihnen wie der Oberst ...? Sie wusste von Benno, dass der Oberst vorhatte, sich in Witoborn anzusiedeln und mit Hedemann sogar einen Industriezweig zu ergreifen.

Voll Erregung klingelte sie dem Courier, liess die grosse Lampe heller herrichten, befahl die Vorrichtung zum Thee, da die Grafin unfehlbar bald zuruckkommen wurde, und entliess Marco Biancchi, der aufgeregt seiner auf das Klingeln gleichfalls sich einstellenden Nichte folgte, sowol mit dem Rath, dem ihm gegebenen Wink baldmoglichst zu folgen, wie mit dem Erbieten, der Grafin von dieser Wendung die von ihm gewunschte Anzeige zu machen. Dass Marco Biancchi trotz aller angeborenen Grosse und Adelswurde seiner Nation Lust zu bezeugen schien, die Reisegesellschaft der Grafin zu vermehren und auf deren Kosten wenigstens bis Antwerpen zu fahren, bemerkte die junge Frau noch nicht. Vielleicht erschien auch dem feurigen Patrioten eine Rucksprache mit dem Kurier eine noch geeignetere Massregel, um zu seinem Ziele zu gelangen. Porzia, sichtlich erschreckt von der vernommenen Gefahr des Onkels, begleitete ihn hinaus.

Inzwischen horte man einen Wagen anrollen ... Monika, den Reiz einer an Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdruckend, trat an die vom Regen beschlagenen Fenster, sah in den dustern, von Laternen matt erhellten Abend, und stellte, als sie die Ruckkehr der Grafin erkannt zu haben glaubte, auch noch die kleinere Lampe auf den grossen runden Tisch, den sie zum Sopha ruckte. Lag dann auch in dem kurzen Blick auf einen Spiegel, in dem sie ihre einfache Toilette ordnete, die Schleifen des Geflechtes, das ihr Haar bedeckte, fester band, die in Verwirrung gerathenen Locken ein wenig aufwickelte, der Ausdruck der Sammlung und der ehrerbietigen Unterordnung unter die hochgestellte Dame, die in der That durch die weitgeoffnete Thure eintrat, so war sie doch in einer Stimmung, wie Armgart damals, als sie mit Benno und Angelika am luftigen Huneneck stand und in den Riesenhauptern der Sieben Berge sieben Propheten sah ungewiss, dem Gegebenen entruckt, "hangend und bangend in schwebender Pein".

2.

Frauen, die nie gelachelt zu haben scheinen, Frauen, die immer ernst, thatig und handelnd ins Leben griffen, wird man darum noch nicht mannlich zu nennen brauchen. Ihre Frauenart bewahren sie in eigenthumlichen, ihrem Geschlecht allein angehorenden Zugen.

Grafin Erdmuthe von Salem-Camphausen war eine Norddeutsche, eine geborene Freiin von Hardenberg. Ihr Gatte wahlte sie, angezogen von ihrer imponirenden Gestalt und untadelhaften Schonheit. Im lutherischen Glaubensbekenntnisse waren sich beide gleich, wenn auch die strenge Form, in der die Grafin das ihrige bekannte, vom Grafen nicht getheilt wurde. Auch trat diese Strenge bei der Grafin erst hervor, als sie, wie Monika damals von sich an Angelika Muller geschrieben, sich selbst zu erziehen anfing. Der Graf lebte meist in Ungarn, wo unter so vielen Protestanten keine Veranlassung gegeben war, sich in der so schwierigen Geisteskraft auszubilden, mit Ueberzeugung in der Minoritat zu stehen. Die Grafin dagegen, die grosstenteils allein in Schloss Salem bei Wien lebte, war mehr in der Lage, ihre Besonderheit zu kraftigen, ja zuletzt bedurfte sie eines Anhaltes gegen den General-Feldzeugmeister, ihren Gatten selbst. Nie herrschte eine Verstimmung zwischen ihnen, aber wo fangt die Bildung des Charakters im Menschen an? Von dem Tage, wo man eine Lucke unter seinen Wunschen und Hoffnungen fuhlt, von dem Tage, wo man irgend worin eine grosse Niederlage erlitt. Graf von Salem-Camphausen hatte auf das Zufallen eines Vermogens an seine Gattin gehofft. Diese Hoffnung scheiterte. Kein Wort des Vorwurfs kam uber seine Lippen, aber die Lucke war da, der Zartsinn der Gattin empfand sie und sie musste sie fullen. Schatze eines frivolen Geistes, die etwa in der Welt blenden konnten, besass sie nicht; ihre Erscheinung hatte durch ihr erstes Kindbett gewonnen, durch spatere Fehlgeburten verloren; ihr einziger Sohn erforderte eine Erziehung und so schopfte sie aus sich selbst so viel, als sie eben vorfand. Ein alter Grund von Religion war in sie gelegt worden, eine pietistische Lebensauffassung. Ihre Erzieher waren Herrnhuter gewesen, zu denen sich auch einige Zweige ihrer Familie ganz bekannten. Diese spater zuruckgedrangte, nicht ganz verklungene Bildung sammelte sich wieder in ihrem Innern und wurde ihr zum Ersatz fur die Welt, die die Verlegenheiten des grossen Hauses bemerkte, fur die Zerstreuungen, die sie nie geliebt hatte, fur die Hulfsmittel der Bildung, die man ihr fur ihren Sohn anbot und die ihr misfielen, fur den Gatten endlich selbst, der trotz seiner hohen Stellung ein sorgloser Lebemann war, einst im Bandigen eines Rosses eine Wette gewinnen wollte, sich uberschlug und den Hals brach. Das Entsetzen uber dies in weiter Ferne von ihr in Erfahrung gebrachte Ungluck schien wie starr auf ihren Gesichtszugen festgeblieben zu sein und die Grafin versteinert zu haben. Ausdruck fur ihre Trauer suchend, fand sie sie nur in den Erinnerungen an die religiose Bildung ihrer Jugend. Sie fand mit ihnen jenen elegischen Trost, der zwar ausruft: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit! der nun aber auch fur immer den ganzen Menschen in den Zustand der Entsagung versetzt. Ein Zuruckziehen von der Welt, ein starres Festhalten an ihrem Glauben schien der vornehmen Gesellschaft, von der die Grafin schon langst kalt und schroff genannt worden, jetzt vollkommen gerechtfertigt.

Der Ort, in dem die Grafin den in Presburg erfolgten Tod ihres Gatten erfuhr, war jenes Schloss Castellungo im Piemontesischen, das sie sich aus ihrem Eingebrachten selbst erkauft hatte, weil ihr die Lage und die rings noch lebende Erinnerung an die alten Waldenser, die Vorlaufer der Reformation, gefiel. Sie hatte sich diese Erwerbung aus ihren eigenen Mitteln zugetraut, weil sie damals mit begrundeter Hoffnung durch den Tod eines Verwandten vermehrt werden sollten. Die Hoffnung schlug aber durch ein Testament fehl und die Grafin besass ein verschuldetes Eigenthum, wahrend der Graf selbst, infolge einer seither mit immer grosserer Dringlichkeit gesteigerten Erwartung, fruher oder spater die grossen Guter der Dorste-Camphausen im westlichen Deutschland zu gewinnen, in seinem eigenen Haushalt keine Ordnung mehr hielt. Dennoch hatte er die Verlegenheit seiner Gattin auf sich selbst ubernommen. Er brachte den Besitz Castellungos fur seine Frau so ins Reine, wie eben sein ganzes ubriges Besitzthum stand. Er hiess der Herr und war es nur dem Namen nach. Die Aeltern der kleinen Bettina Fuld waren es von Schloss Salem und auch von Castellungo mehr als sein Sohn Hugo, der, als der Vater in der Blute seiner mannlichen Jahre so unglucklich endete, erst sieben Jahre zahlte.

In einem Anfall von Mismuth uber die zunehmende religiose Neigung seiner Frau hatte sich der Graf bedungen, dass sein Sohn unter allen Umstanden Soldat werden sollte. Wenn man in einem so entschieden altglaubig regierten Lande, wie bei uns, innerhalb der Gesellschaft vergisst, dass ein Mitglied des Adels zu den Ketzern gehort, hatte er gesagt, so kann das nur geschehen, wenn ihn der Nimbus der Bravour umgibt! Unabanderlich war es, dass Graf Hugo Militar wurde. Die Mutter war in Verzweiflung. Schon ihn aus den Augen zu verlieren, schmerzte sie; nun gar, ihn nicht selbst erziehen, ihn nicht vor den Gefahren der Welt schutzen zu konnen. Graf Hugo besuchte die Militarakademie unter Bedingungen, die ihrer ganzen Stimmung widersprachen. Wenn sie jemals zu einem Lacheln kam, war es in den Augenblicken der Freude, wo Hugo auf einige Zeit der Ihrige sein konnte, nur unter dem Schutze ihrer mutterlichen Liebe stand, bei Ferien, spater bei Urlauben, bei einer langeren Pflege, als er einst verwundet wurde in einem Gefecht gegen turkische Grenzer drei Jahre stand er an der dalmatinischen Kuste und ihr da allein angehorte. Sagten wir, dass an keinem Weibe, wenn wir es auch mannlich nennen, Zuge fehlen, die allein nur dem Weibe angehoren, so ist dies bei der Grafin Erdmuthe die Liebe zu ihrem Sohne. Diese ausserte sich nicht etwa in der regelmassigen Form, wie uberhaupt die Liebe sich gibt; nicht etwa z.B. in der Strenge, die von der Liebe nicht im mindesten ausgeschlossen ist, sondern in einer blinden Vergotterung. Graf Hugo war ein liebenswurdiger Cavalier, aber auch in vielem nur das, was man eben einen Cavalier nennt. Besten Herzens und namentlich ganz den Gefuhlen fur Kameradschaft und Freundschaft zuganglich, fuhrte er ein Leben, das die Mutter unbedingt hatte verwerfen mussen. Aber selbst ihre religiose Strenge, die sie gegen alle ausubte, war fur die Beurtheilung der Dinge, die sie von ihrem Sohn erfuhr, nicht vorhanden. Alles, was nur mit dem Geliebten in Beziehung stand, verklarte sich ihr. Traten ihr die Folgen seines Leichtsinns zu deutlich entgegen, so hatte sie hundert Beispiele der Bibel uber die Langmuth des Herrn, uber seine Geduld mit denen, die er lieb hat, uber die Verirrungen David's und Salomo's und die kunftige Erleuchtung und Gottwohlgefalligkeit auch dieser heiligen Sunder. In jeder Mehrung der Schuldenlast, die schon lange das Haus Salem-Camphausen druckte, sah sie, was die Veranlassungen derselben betraf, einen Beweis mehr nur fur den Satz, dass eben das Gute in dieser Welt sehr schwer zu erringen und zu behaupten ware. Waren die Ausgaben des Sohnes irgendwie auf andere Veranlassungen zuruckzufuhren, als auf die, welche sich in der Hoffnung auf den endlichen Gewinn in dem seit dem Tode des Grafen Joseph zu Westerhof gefuhrten Process sogar bei allem Mangel wieder doch die Verschwendung gestatteten, so wahlte sie gewiss die edelsten. Sie ubersah die grossen Ausgaben fur Pferde, Wettrennen, Spiel, Vergnugungen aller Art, wenn sie die kleinen Ausgaben musterte fur Bucher, Kupferstiche und Mildthatigkeitsbeweise. Liess Graf Hugo ein schones Madchen, das er bei einer Kunstreitergesellschaft in einer dalmatinischen Stadt am Ufer des Adriatischen Meeres kennen gelernt hatte, in Wien ausbilden und erziehen, so verschlang diese, nach ihrer Meinung und Auslegung so "edle Handlung", Tausende. Alles, was in den Rubriken des Leichtsinns stand, ubertrug sie auf die Rubrik des guten Herzens. "Selig sind die Barmherzigen", sagte sie, "denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!"

Vorzugsweise musste diese mutterliche Schwache wunder nehmen in der Beurtheilung auch aller der Verhaltnisse, die sich mit dem Sohn verbanden. Der schone junge Mann stieg in seiner Carriere und befehligte bei wenig uber dreissig Jahren schon ein Reiterregiment. Jenes schwarzbraune Madchen, Angiolina genannt, das er hatte erziehen und uberraschend ausbilden lassen, war seine Geliebte geworden. Ihr blieb sie nur des Sohnes Pflegkind, sozusagen ihre Enkelin. Sie, die oft Wien mit Sodom und Gomorrha verglich und den Zorn des Herrn noch einst in Gestalt von Schwefel und Pech auf die sundige Stadt herniederregnen sah, nahm Angiolina's Besuche an und liess sich durch nichts in der Welt das Bild verwischen von dem Findling, den ihr Sohn hatte "einem Leben der Sunde entreissen lassen". Graf Hugo brauchte ihr dabei nicht einmal zu schmeicheln, brauchte nicht einmal ihr die Hand zu kussen und sie mit chere maman's zu uberhaufen. Alles, was ihn betraf, fand sie in der Ordnung. Selbst wenn Graf Hugo erklart hatte, er wollte Angiolina heirathen, wurde sie sich uberredet haben, ihr Sohn nutze vielleicht mit diesem Opfer nur sich selbst, jedenfalls jenem schonen Madchen, das er auf diese Art vor sittlichem Schaden bewahre.

Besonders seltsam war ihre Anhanglichkeit an Wenzel von Terschka. Dieser Abenteurer, denn anders konnte man ihn nicht nennen, tauchte vor einer Reihe von Jahren plotzlich in ihres Sohnes Nahe auf. Durch Bildung und Erziehung fast Italiener, nahm sie ihn doch als das, wofur er sich ausgab, einen Bohmen und Nachkommen der alten Hussiten. War er auch katholisch, so verklarte ihn in ihren Augen die Erinnerung an Hussens Martyrertod. Wenzel von Terschka war unleugbar bohmisch-deutschen Ursprungs; die Art, wie er fruh nach Italien gekommen, blieb dunkel. Anfangs erschrak die Grafin vor ihm, als sie ihm zum ersten male begegnete als dem intimsten Freund ihres Sohnes, dem er sich durch die trotz der vaterlichen Katastrophe auch bei ihm leidenschaftliche Liebhaberei fur Pferde genahert hatte. Wenzel von Terschka war ein Meister in allen ritterlichen Kunsten. Eine Geistesgewandtheit besass er, der nur ein innerer Mittelpunkt fehlte. Wenn die Grafin plotzlich einen solchen gefunden zu haben glaubte, entsetzte sie sich wol, weil es ein ganz specifisch ihr feindseliger war, geradezu ein priesterlicher; aber, so seltsam dies Gefuhl mit der Lebensweise Terschka's, die an allen Excessen des Grafen, seines intimsten Freundes, theilnahm, in Widerspruch lag, sie gewohnte sich an ein stetes Ueberschauertwerden durch ein gewisses Etwas, als musste sie auf dem rabenschwarzen kurzen Haar des wachsgelben, ausserlich anziehenden und in seinem Wesen klugen, sogar geistvollen jungen Mannes die Tonsur suchen. In Piemont, das damals ganz unter der Herrschaft der Jesuiten stand, hatte sie solche Erscheinungen gesehen, mit ihnen sogar im Kampfe gelegen ... Sie hatte alles aufgeboten, auf ihrem Gebiete das Bekenntniss der Nachkommen Peter Waldus', der vor Luther die Kirche zu reformiren suchte, aufrecht zu erhalten; sie hatte einen seltsamen Einsiedler, einen Deutschen, Bruder Federigo, in einer Hutte, die sich dieser in einem ihr angehorenden Eichenwalde gebaut, wo er dem ringsum wohnenden Volk ein Arzt und weiser Rathgeber geworden, geschutzt, als die Pfarrer von Cuneo und Robillante ihn vertreiben wollten; sie hatte die Konige von Preussen, von England, Niederland und von Schweden aufgefordert, ihr Beistand zu leisten fur den Kampf, den sie ringsum mit Bischofen und Erzbischofen begann, ja mit der Regierung in Turin selbst, um gewisse, den Waldensern gegebene Gewahrleistungen aufrecht zu erhalten. Damals wurde Wenzel von Terschka von ihrem Sohn zuerst genannt und einen Winter in Wien verlebend, sah sie ihn dann selbst und hatte erst ausrufen mogen bei seinem Anblick: Das ist ja ein Jesuit! Jagte er aber dann mit ihrem Sohne die lieblichen Hohen von Baden-Baden herauf, wahrend ihr Wagen an der "Spinnerin zum Kreuz" stand, wo sie den geliebten Sohn aus Bruck, seiner Garnison, her erwartete, und sah sie Terschka's Sorge fur die Rosse, seinen Muth, seine Entschlossenheit, horte sie seine heitern Reden, beobachtete sie die wilden Unregelmassigkeiten, die sich die Freunde in einem achttagigen Aufenthalte bei der chere maman erlaubten, so schwand ihr alle Angst und Sorge und sie uberredete sich schon bei dem zweiten Besuche, dass Hugo doch schon wieder einen ausserordentlichen Takt bewiesen hatte auch in der Wahl dieses seines Gefahrten und dass, wenn Sirach sagt: "Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens; wer Gott furchtet, bekommt einen solchen treuen Freund!" hier vielleicht auch das Umgekehrte eintreffen konnte: Wer einen solchen treuen Freund bekommt, der wird auch lernen Gott furchten!

Wie die Dinge standen, musste die ganze Sehnsucht der Grafin auf die endliche Entscheidung des Processes gerichtet sein, der nicht von dem Kronsyndikus von Wittekind, nicht von Levinus von Hulleshoven im Namen Paula's gegen die Salem'sche Linie angestrengt wurde, sondern von den an der Aenderung der Dorste'schen Verhaltnisse erst secundar Beteiligten, vorzugsweise der Geistlichkeit und der Landschaft. Zwei Jahre lang war ihr der Name Nuck's ein Bote der hollischen Geister. Sie nannte ihn nicht anders als mit einem Namen aus der Offenbarung Johannis, in die sie sich tief vergrubelt hatte, den Doctor Abadonna, den "Engel aus dem Abgrund". Als endlich die Hoffnungen immer lichter wurden, immer mehr das Gewolk, das das Antreten eines so grossen Besitzes verbarg, verschwand, konnte sie der machtig wallenden Erregung ihrer Mutterfreude nicht langer widerstehen. Langst schon hatte sie mit der Lady Elliot in England eine Berathung pflegen wollen uber die Moglichkeit, in Italien die Reformation zu befordern und Rom durch die Bibel zu sturzen. Mit dem ihre ganze Seele erfullenden Verlangen, die Krafte, die England fur eine solche Unternehmung in Bereitschaft halten konnte, selbst einmal durch den Augenschein zu prufen, verband sie nun auch die Reise nach dem Orte, von wo aus sie die Lage des Processes ubersehen, den Triumph der gunstigen Entscheidung geniessen, vielleicht eine Beziehung der Etikette zur Grafin Paula und ihren Umgebungen anknupfen konnte. Hatte sich jene die Religionsbedingung betreffende Urkunde gefunden, die seit zwei Jahren in Westerhof, Neuhof, Witoborn, Wien, Schloss Salem und Castellungo gesucht wurde, dann hatte ihre mutterliche Liebe einen andern Rettungsplan aufgreifen mussen, eine Verbindung Hugo's mit der Grafin Paula eine Auskunft, die auch in der Familie traditionell eine sich von selbst verstehende Thatsache, ein lautes Geheimniss war freilich fur ihr Gefuhl ein entsetzliches Ungluck! Denn Paula war in einem fanatischen Geiste fur ihren Glauben erzogen worden und Hugo sollte dann scheiden von seinen Gewohnheiten, sollte brechen mit allen seinen Verbindlichkeiten, sollte "Opfer" bringen, wie sie etwas nannte, was Monika von Hulleshoven eines Tages einmal leise, ganz leise und schuchtern nur der Grafin eine sittliche Wiedergeburt genannt hatte?

Die kleine schone Frau "mit den silbernen Locken" war erst seit einem Jahre in den Lebenskreis der stolzen, immer nur ernsten und feierlich gestimmten Matrone eingetreten. Sie hatte jahrelang bei einer Jugendfreundin, der inzwischen Oberin der Hospitaliterinnen gewordenen Schwester Scholastika, einer geborenen Freiin von Tungel-Heide, aus ihrer Heimat, im Kloster gelebt und an den beschwerlichen Muhewaltungen derselben theilgenommen. Ihre Gesundheit, ohnehin erschuttert durch die Folge jenes Verstecks (beilaufig bemerkt in einem chemischen Laboratorium ihres Schwagers auf Schloss Westerhof) und durch die darauf folgende Nervenkrankheit fing zu wanken an in dem taglichen Verkehr mit dem zum Kloster gehorenden grossen Spitale. Offen bekannte sie ihrer Freundin Scholastika, da sie kein Gelubde bande, wurde sie in die Welt zuruckkehren, "denn die Pflicht der Selbsterhaltung ginge uber alle Sorge fur Fremde, die nicht auf uns allein angewiesen sind". Es war dies einer der Satze, die zu einem immer mehr von der jungen Frau ausgebildeten System der Lebensphilosophie gehorten. Sie schied aus dem Kloster und verwarf damit zugleich das Klosterleben in seiner uberlieferten Form. Sie sagte schon damals am ersten Abend, wo sie auf der Herrenstrasse im Palais der Salem-Camphausen in einem prachtigen Rococozimmer mit Goldleisten und Spiegelwanden neben der Grafin am Theetisch sass: "Es sollte keine andern Lebenszwecke geben, ausserhalb der Bewahrung unserer eigenen Kraft und unserer Erziehung zur Vollkommenheit! Eine Institution, die mich auch klein, unbedeutend, sklavisch gebunden, krank brauchen kann, ist des Menschen unwurdig. Nur dem sollen wir uns unterwerfen, was unsere Kraft in ihrer Grosse braucht, sie entwickelt, uns die Frische des Willens und der Thatkraft erhalt. Dass gewisse Gedanken in der Welt realisirt werden mussen, nur um als solche zu glanzen, wahrend das Einzelwesen, das zur Realisirung derselben beitragt, dabei gering erscheint, werd' ich nie fur gut finden." Eine Aeusserung, die die Grafin nachdenken liess, sie aber zu dem Worte bestimmte: "Ich finde in diesem Ausspruch Wahrheit, aber Sie drucken sie mit zu vielem Menschenstolze aus. Wir ermangeln alle eines andern Ruhmes als dessen, den wir vor Gott haben." Leicht moglich, dass selbst der Grafin Bonaventura's Auffassung besser gefallen hatte, die wir damals berichteten, als dieser den Pater Sebastus vor dem Goldnen Lamm unter Bettlern sah die Unterordnung gerade der stolzesten Individualitat unter einen allgemeinen, der Menschheit im grossen und ganzen als ein Schauspiel zur Nacheiferung zugute kommenden Begriff. Freilich war Bonaventura von dieser Auffassung schon am Tage darauf nach der Scene beim Kirchenfursten schmerzlich zuruckgekommen.

Trotz dieser Verschiedenheit der Ansichten hatte die Grafin an Monika ein grosses Gefallen gefunden. Sie war ihr ein lebendiger und hochst willkommener Beweis, wie der Katholicismus consequent durchgefuhrt zur Freigeisterei fuhren musse. Sie suchte in ihr eine Proselytin zu gewinnen fur die Lehre von der Wiedergeburt lediglich durch den Glauben. Die Bekanntschaft schrieb sich aus dem Briefwechsel her, der zwischen einem wiener Anwalt Monika's und Schloss Westerhof entstehen musste ihrer Erhaltung wegen. Monika besass ein kleines Vermogen, das der Oberst unangeruhrt gelassen hatte, als er nach Amerika ging. Im Kloster bedurfte Monika nichts, sie liess ihre Zinsen stehen. Jetzt erhob sie Anspruche auf das, was ihr gehorte und ihr noth that. Bereitwillig stellte ihr der Schwager Levin jedes Gewunschte zur Verfugung, ja Tante Benigna, ihre Schwester, wollte zulegen; letzteres lehnte Monika ab. Der regelmassige Bezug ihrer Mittel fuhrte sie durch jenen Advocaten mit Terschka zusammen, der der charge d'affaires aller Finanzsachen seines Freundes war und tagelang mit der Grafin rechnen konnte Graf Hugo behauptete, fur die Zusammenstellung von Zahlen kein Geistesvermogen zu besitzen. Terschka, angezogen von Monika's interessanter Erscheinung, aufmerksam auf die Namen Ubbelohde und Hulleshoven, die taglich in seinen Correspondenzen mit Westerhof und mit Nuck vorkamen, gab der Grafin Kunde von ihr und nun schien es den kunftigen Besitzern der Erblassenschaft des Grafen Joseph standesgebuhrlich, die Schwester und Schwagerin der beiden Namen, die Paula huteten und erzogen hatten, an sich zu ziehen. Die Grafin wollte sogar ein Bewohnen des Palais auf der Herrengasse und bot Monika eine Stellung bei ihr an, die zwischen Freundin und Gesellschafterin die Mitte hielt. Doch auch Graf Hugo und Terschka wohnten zuweilen in diesem Palais und so musste sie die freundliche Aufforderung ablehnen. Doch blieb ein ganz nahes Verhaltniss. Fast taglich, wenn die Grafin in Wien oder auf Schloss Salem wohnte, leistete ihr Monika Gesellschaft. Nur nach Castellungo, wo die Grafin das Fruhjahr zubrachte, war sie ihr noch nicht gefolgt, hatte das aber fur dies laufende Jahr versprechen mussen. Im Grunde hatte diese Beziehung wenig Erhebendes fur Monika; ja die Grafin liess an ihr, wie an allen Menschen, nur an denen nicht, die zu Hugo's Intimitat gehorten, ihren steten Bekehrungs- und Erziehungseifer aus; nie kam ein Scherz, ein Lachen, eine enthusiastische Freude an Kunst oder Natur bei ihr zum Vorschein; das Theater existirte nicht fur sie; alles das entsprach glucklicherweise im allgemeinen auch der Stimmung Monika's und so folgte sie der greisen Frau, die sich schon an sie gewohnt hatte, auf Tritt und Schritt, jetzt auch hierher und vielleicht nach England, obgleich sie fur letzteres noch nicht ganz entschlossen gewesen war und vorlaufig nur bis Antwerpen hatte mitgehen wollen ... Seitdem von Porzia's Onkel Hedemann genannt worden war, fuhlte sie sich von rathselhaften Geistern besturmt, die sie mahnten, ganz zuruckzubleiben und die Grafin morgen allein abreisen zu lassen.

Die hohe Gestalt der Greisin trat ein. Sie war mit einem weiten schweren Pelz bedeckt, den ihr der Diener abnahm. Ihre scharfen mageren Gesichtszuge verhullte ein einfacher Sammethut, den sie noch nicht abgebunden hatte, als sie schon eine Anzahl Briefe, die sie sich selbst vom Postamte mitbrachte, an den Schirm der Lampe hielt und hastig nacheinander erbrach ...

Ohne Brille konnte sie nur mit Schwierigkeit lesen. Sie musste daher innehalten, ihren Hut abbinden und sich's bequemer machen ...

Porzia bediente sie dabei. Monika ordnete die Zurustungen zum Thee ...

Ich komme vom Doctor Abadonna! sagte die Grafin. Ich wollte nicht verfehlen, vor meiner Abreise dem armen, geschlagenen Sohne der Finsterniss wenigstens diese Aufmerksamkeit zu bezeigen! Dem Herrn sei Lob und Ehre; denn Terschka schreibt ja

Nun hatte sie das Futteral ihrer Brille geoffnet, das ihr Porzia auf einen stummen Wink Monika's gereicht, hatte den Eckplatz des Sophas eingenommen, den Tisch sich naher rucken lassen, dann auch die Lampe naher gezogen und die Brille auf ihre vom Feuer der Erwartung glanzenden Augen gesetzt und einen der Briefe geoffnet ...

Der Courier legte mancherlei inzwischen Angekommenes in ihre Nahe, einige Bucherpackete, einige Einkaufe, die schon vorausgeschickt waren, auch ein grosses Papier, in dem sofort Monika, und nicht ohne einen gewissen Anflug von Verlegenheit die Rechnung des Hotels erkannte ...

Alles um die lesende Grafin her war still und bewegte sich auf den Zehen. Nur sie allein sprach sich laut und mit Interjectionen aus, die ihre Zufriedenheit mit allem ausdruckten, was Terschka und ihre andern Correspondenten berichteten. Die Siegesgewissheit uber den gewonnenen Process, wie die Aufregung uber die bevorstehende Reise nach dem von ihr so lange ersehnten England, wo sie acht Wochen bleiben wollte, erhohten die Kundgebungen ihrer Stimmung und weckten eine alte Lebendigkeit ihres Wesens, die sie durch ihre trube Religionsauffassung schon seit so langen Jahren zu dampfen verstanden hatte.

Vor den Dienern schwieg sie. Porzia aber, die ohnehin der Sprache nicht ganz folgen konnte, hinderte sie nicht, an Monika, die sich zuletzt ruhig vor der siedenden Theemaschine niedergelassen hatte und bald auf die Grafin, bald auf die sinnend sich zu schaffen machende Italienerin sah, von den Eindrukken, die sie im Lesen empfing, einzelnes bruchstuckweise mitzutheilen ...

Ja, dieser gute Terschka! sagte sie in abgebrochenen Satzen ... Wenn einer geschickt war, diese Aenderung mit den Verhaltnissen in Westerhof in Gute auszugleichen, so war er es! ... Eine Parcellirung ... im grossten Massstabe ... wie vorsichtig, sich an einen einfachen, uneigennutzigen Mann zu wenden ... einen Juden, Namens Lob Seligmann ... "Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!" ... Aber die Offerten der Fuld's lehnt er ab ... das ist schon! ... Diese Helfer in der Noth haben wir in Wien genugsam kennen gelernt! ... Die Lotterie ist nicht erlaubt, wie bei uns ... Also Verkauf! ... so gern ja so gern ich gewunscht hatte, wir hatten die Burg Gottes aufgerichtet im Lande der Edomiter und das Evangelium gepredigt denen, die noch unter dem Gesetze leben Terschka grusst Sie, Baronin! unterbrach sie sich selbst ...

Monika dankte leise nickend ...

Die Grafin hatte unter der Brille ein wenig aufgeblickt, um zu beobachten, wie dieser Gruss auf die junge Frau wirken wurde ... Ihre Stimme, die schon an sich wohllautend war, nahm einen besondern Ausdruck von Innigkeit an, als sie das Wort sprach: "Terschka grusst Sie, Baronin!"

Ein Purpurroth war auf Monika's Wangen getreten ... Das sah die Grafin wol und seufzte ... Monika gedachte, ob Terschka nichts von Armgart schriebe, wie er schon oft gethan ... doch auch das Seufzen der Grafin, das vollig anderes im Sinne hatte, verstand sie ... sie wich Fragen und Erorterungen aus und hielt fast den Athem an, jetzt aus andern Grunden noch, als deshalb, die Grafin nicht in ihrer Spannung zu storen ...

Diese erzahlte zwischendurch vom Doctor Abadonna ...

Er wand sich doch wie der Furst der Finsterniss ... sagte sie. Kriechend hoflich war er ... wie einst die Verdammten vor dem ew'gen Richter stehen mussen ... Der liebenswurdige junge Herr von Asselyn geht morgen nach Westerhof, um die letzte Abwickelung zu erleichtern ... O mein Sohn! ... Wie gespannt er schreibt! ... Nur so kurz! ... So kurz! ... Was? Angiolina ist krank? Das entschuldigt ihn!

Monika behielt Zeit, die Gedanken zu sammeln, die ihr doch die Brust in fast horbaren Schlagen heben und wieder sich senken liessen ... Geht Benno jetzt nach Westerhof? ... Dem fuhlte sie wie mit Wonne und doch mit Schmerz nach. Fast Eifersucht war es, das sie erfullte, und wieder gedachte sie: Was wird der Blonde, der andere, Thiebold de Jonge sagen, der taglich kommt und heute noch nicht da war? ... Und dabei glitt ihr Blick wieder auf die Rechnung des Hotels, die so lang, so lang schien ... Eine eigene Ideenassociation: Thiebold's Reichthum, ihr kleiner Creditbrief bei dem Hause Piter Kattendyk, die ganz biblische Sorglosigkeit der Grafin in Geldsachen und Thiebold ein Bewerber um Armgart dann aber auch Angiolina, die sie nur einigemal aus der Ferne gesehen ... das schone, allbewunderte Madchen, das mit dem Grafen Hugo nur zu verbunden lebte, kam ihr, als krank gedacht, seltsamerweise wie Benno von Asselyn vor, blassen Teints und wie den fernsten Zonen angehorend ...

Etwas war die befriedigte Erregung der Grafin durch den so kurzen Brief des Obersten, ihres Sohnes, doch gestort worden. Sie erinnerte jetzt an den Thee ... Porzia wollte helfen ... Monika bedeutete sie mit einem Augenwink, auf ihr Zimmer zu gehen ... Gern hatte sie ihr gesagt: Singe wieder deine traurig schonen Lieder! Zaubere uns vor, was alles freudvoll und leidvoll im Menschenherzen liegen kann! ... Der Grafin wurde sie schon damit angekommen sein.

Der Thee entquoll schon dampfend der Maschine, aber die Grafin weilte noch in ihren Briefen

Lady Elliot schreibt voll Ungeduld sagte sie, eine Tasse ergreifend ... Sie ist so gutig und gibt immer ein englisches und ein franzosisches und dann ein deutsches Wort, um meiner Schwache entgegenzukommen, die ihre Sprache nicht versteht ... "Alle Schrift von Gott eingegeben, ist nutze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Zuchtigung in der Gerechtigkeit" 30000 Bibeln in einem Jahre in Irland vertheilt! ... "Konnte man Pater Matthew gewinnen?" Hm! Hm! ... Darin hat sie Recht aber "das Thier mit sieben Kopfen schnaubt und drauet, dass sich darob die Sterne verfinstern", wenn es an die Bibel geht ...

Monika war uber alle diese Anspielungen durch tagliches Erortern vollkommen unterrichtet ...

Auch ein langer Brief vom "Onkel Levinus" lag da, den die Grafin nach einer halben Tasse Thee, die sie schlurfte, mit einer gewissen Scheu uberflog und dann an Monika ubergab, weil er vielleicht mehr fur sie, als fur die Adressatin bestimmt schien ...

Sie wandte sich jetzt dem Rest ihres Thees und in Gedanken verloren einem leichten Geback zu ...

Monika nahm den dargereichten Brief und las ihn mit einer schmerzlichen Miene fur sich, wahrend die Grafin die letzten Briefe durchsah, solche, die ihr aus Schloss Salem und Castellungo von ihren Verwaltern gekommen waren ...

"Wenn es diesen Zeilen gelingen konnte", schrieb der Bruder des Obersten, "Ew. graflichen Gnaden noch vor Ihrer Abreise nach England anzutreffen, ja Ew. Hochgeboren zu bewegen, die Nahe Westerhofs nicht unberucksichtigt zu lassen und uns mit einem Besuche zu beehren, so wurde ich zuvorderst damit den Wunsch unserer lieben Comtesse ausgesprochen haben, dem sich der des Frauleins Benigna und mein eigener ehrerbietigst anschliesst. Die Wege bis zu uns sind bequem oder bieten bei der Milde des Winters keine grossen Schwierigkeiten. Personlich die Gesinnungen wiederholen zu konnen, die ich als langjahriger Freund und Verwalter des Grafen Joseph uber die in Gottes Rath beschlossene Zukunft seiner Besitzthumer immer von ihm vernommen habe, wurde mir zur besondern Genugthuung gereichen. Aus dem Schoose der Familie unserer Grafin, selbst den allerdings jetzt kaum noch den Lebenden angehorenden fruhern Vormund derselben, ihren Onkel, den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof nicht ausgenommen, der, wie Ew. Gnaden wissen, immer einer anderweitigen Auskunft, einer Verbindung beider Linien den Vorzug gab, ist nichts unternommen worden, was diesen gegen die Anspruche des Herrn Grafen Hugo gefuhrten unseligen Process hatte schuren und fordern konnen. Uns lag nur ob, das Vorhandensein jener Urkunde, die christkatholische Religion der jungern Linie verlangend, moglicherweise aufzufinden und auch hierin einen etwa vorhandenen Wunsch der Vorvordern zu erfullen. Die Nachforschungen konnten eine solche nicht auffinden und so gebe denn der gute und gerechte Gott seinen Segen zu der Ausgleichung, die, dank der Einsicht des vom Herrn Grafen ubersandten Vermittlers, Herrn Baron von Terschka, vorzugsweise darauf hinauszukommen scheint: Der letzten Erbin der altern Linie verbleibt Schloss und Hof Westerhof nebst den nachsten Adjacentien auf hundert Morgen in der Runde als standesmassige Abfindung und erbeigenthumlicher Besitz fur ewige Zeiten; alles andere fallt der jungern Linie zu, vorbehaltlich der Rucklaufe, die der Comtesse fur einige Grundstucke und Waldungen offen bleiben. Fur die Regulirung dieser Procedur hat Herr Oberprocurator Nuck uns die Ankunft des Herrn Benno von Asselyn verkundigt. Wir erfreuen uns in Herrn von Terschka eines weisen und wahrhaft discreten Vermittlers, der in allen diesen schwierigen Verhaltnissen seit Monaten Grosses geleistet hat. In kurzem ist er der Liebling der Gegend geworden, womit viel gesagt ist bei einem Volksstamm, der sich schwer anschliesst, ohnehin, weil man der neuen Wendung der Dinge um so mistrauischer entgegensah, als wir uns gerade jetzt infolge des bekannten traurigen Weltereignisses in einer confessionellen Aufregung befinden, die mehr, als ich wunschen mochte, die Gemuther erbittert und ein paritatisches Zusammenleben unmoglich macht." ...

Monika las zwar fur sich; aber die Grafin, die jetzt aufstand und sich einiges an ihrer Haustoilette zu schaffen machte, beobachtete sie und sagte:

Sind Sie an der Stelle, wo der wunderliche Herr mir die Unmoglichkeit des Zusammenlebens mit Ketzern schildert, nachdem er mich doch zuvor eingeladen hat, Westerhof zu besuchen?

Monika musste lacheln, so schmerzlich erregt sie war ... Sie blickte auf das Ende des Briefes, um nach Armgar'ts Erwahnung zu suchen ...

Der Brief lautete im Zusammenhange:

"Comtesse Paula ist glucklich, dass sie Westerhof behalt. Sie druckt Ihnen, gnadigste Frau Grafin, ihre ganze Verehrung aus. Es wurde Sie gewiss erfreuen, eine Verwandte kennen zu lernen, die mit einem selten gebildeten Geiste eine Einfachheit und Gute des Herzens besitzt, die durch keine Verkurzung und Schmalerung ihrer Glucksguter getrubt werden kann, hochstens, dass ihr die Mittel zum Wohlthun verringert sind ..."

Wieder unterbrach die Grafin die im Zimmer herrschende Stille. Sie folgte der Lecture Monika's im Geiste Zeile fur Zeile, so fest hatte sich ihr sofort trotz kurzen Durchfliegens der Inhalt des Briefes eingepragt.

Um Comtesse Paula, sagte sie, gesteh' ich es zu bedauern, dass ich der Aufforderung nicht folgen kann ...

Monika verstand vollkommen, was in diesen Worten liegen sollte. Es war die mutterliche Sorge fur die immer doch noch nicht ganz gewisse Zukunft. Fand sich noch irgendein Hinderniss fur die Ausgleichung des Familienstreits und entging den Salems-Camphausen eine seit funfzig Jahren ihnen immer dringlicher und dringlicher gewordene Hoffnung, von der ihre Ehre und der Bestand ihres Namens auf Generationen abhangig war, so konnte und musste der Fall eintreten, dass Graf Hugo um Paula warb ... Deshalb lag in den folgenden Worten, die die Grafin unter andern Umstanden mit viel grosserer Strenge wurde gesprochen haben, eine bei ihr seltene Milde:

Das arme Kind soll nach allem, was ich hore, immer wieder in ihre Visionen zuruckfallen! Sie ertheilt im magnetischen Schlafe Rathschlage an Kranke! Schloss Westerhof, sagte Nuck, soll von Morgens bis Abends belagert sein von Hulfsbedurftigen, die oft aus weiter Ferne kommen, um sich von ihren Leiden heilen zu lassen! Aus dem wahren Geiste Gottes ist das nicht ... Die Apostel hatten diese Gabe auch, aber um ihres Glaubens willen und bedurften dazu nichts, als nur des Gebets. Sie, Baronin, weiss ich, sagen freilich rundweg, das alles ware Wahn oder die Macht des Willens, der da sagt: Sei geheilt! und der Kranke ist zuweilen geheilt. Der Wille scheint Ihnen allmachtig! Wenn man an sich selber nur glaubt! O, Sie wissen, meine Gute, wie wenig ich von allem halte, was ohne die Gnade Gottes ist! Doch bin ich weit entfernt, den Katholiken die Gnade Gottes abzustreiten, wenn sie sich ihr in inbrunstigem Gebete nahen! Mischen sie aber Thorheiten ein, wie die fursprechenden Engel und Heiligen, nun, so mag der Herr auch das kindliche Lallen der Seele in ihrer unverstandigen Verblendung wol mit vaterlicher Geduld vernehmen, ist nur der Grund da des Vertrauens zu ihm. Sie erinnern sich, dass Ihre Freundin bei den Hospitaliterinnen die heilige Hildegard nannte, mit der ihr Comtesse Paula Aehnlichkeit zu haben schien. Das sagt' ich Ihnen ja noch gar nicht, wie ich bei Bingen das Grabmal dieser sogenannten Heiligen gesehen habe! Ich beschloss, mich etwas genauer uber sie zu unterrichten. Da erfuhr ich denn, dass die ernsthaftesten Manner mit dieser Aebtissin, die so viel Wunder verrichtete, in Verbindung standen, ja ein Bernhard von Clairvaux und sogar der damalige Papst

Sie wunschte ihm Gluck zur Ausrottung der Waldenser! warf Monika ein ...

Wie? rief die Grafin ...

Mit diesen wenigen Worten anderte sich plotzlich der ganze Gedankengang der Grafin ...

That sie das? fuhr sie besturzt fort und hielt im Wandeln durch das Zimmer inne. Sie verliess sich auf die Kenntnisse Monika's, die ihr bei solchen entschiedenen Behauptungen verburgt waren ...

Sie that es in einer Sprache, fuhr diese fort, die sie nur in ihren Visionen kannte, der lateinischen. Ihr Beichtvater schrieb diese Visionen nach und veroffentlichte sie spater; es war ein Pater Gottfried ... Ich habe mich in Mussestunden viel mit dem Leben der heiligen Hildegard beschaftigt ...

Dann war sie eine Betrugerin! wallte die Grafin auf und endete ihre Rede mit dem volligen Gegentheil dessen, womit sie begonnen hatte. Sie hatte darauf hinaus wollen, dass ihr allerdings an der heiligen Hildegard interessant gewesen ware, sich nach ihrem Beispiel die ekstatischen Zustande Paula's zu denken. Nun aber sagte sie: Auch in Westerhof werden es die Pfaffen sein, die die Krankheit des armen Madchens benutzen und sie zur Narrin machen! Ich dorthin reisen! In der dumpfen Luft wurde ich den Athem verlieren! "Es war aber ein Mann mit Namen Simon, der Zauberei trieb und gab vor, er ware etwas Grosses, und sie sahen auf ihn und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, die da gross ist! Da sie aber Philippi Predigten horten von dem Reich Gottes und den Namen Jesu Christi, liessen sich taufen, beides Manner und Weiber."

Monika las weiter:

"Herr von Terschka unterbricht mich und verbindet seine Bitte mit der unserigen, Ew. graflichen Gnaden mochten in der That den Umweg nicht scheuen. Begleitete Sie nicht vielleicht Herr Benno von Asselyn, so wurde Ihnen vielleicht der Domherr von Asselyn, sein Vetter, eine interessante Reisegesellschaft sein. Wir erwarten ihn jeden Tag zu einer kirchlichen Inspection. Auch einigen Worten des Herrn von Terschka, Armgart von Hulleshoven, meine Nichte, betreffend (jetzt zitterte der Brief in den Handen der von ihrem Kinde geflohenen Mutter) geb' ich gerne Ausdruck und bitte Sie, Ihre Begleiterin, Frau von Hulleshoven, meine Schwagerin, zu versichern, dass sowol in meiner langjahrigen Freundin, Fraulein Benigna, ihrer Schwester, wie in mir die Reihe der Jahre den alten Groll geloscht hat. Was Sie auch, gnadige Grafin, uber unser Zerwurfniss erfuhren, beurtheilen Sie es nach dem Temperament von Menschen, die wie unser ganzer Volksstamm ein starkes und unbeugsames Rechtsgefuhl haben. Nur auf der 'rothen Erde' konnten die Vehmgerichte entstehen, jene Selbsthulfe des Volks in einer rechtlosen Zeit ... (Die Buchstaben verwischten sich der Lesenden vor Erregung ...) Es ist wahr, die Ehe zwischen meinem Bruder und Monika schloss sich ohne Ueberlegung. Der Kronsyndikus von Wittekind, Testamentsvollstrecker ihrer Aeltern, wollte Monika zwingen, seinen Sohn Jerome zu heirathen. Sie kannte seine Gewaltthatigkeit und nahm meinen Bruder wie im blinden Ungefahr. Nach einer vierjahrigen Ehe war die Erklarung, sie folge dem Manne nicht in seine neue Garnison, sie besasse keine Liebe fur ihn, ein reiner Trotz der Verkehrtheit. Sie wollte anfangen nach Grundsatzen zu leben. Sie wollte 'wahr' sein gegen sich und andere! Es war der Anfang eines volligen Verwirrens ihres Denkens und Fuhlens, das wir nicht dulden durften. Ihren thorichten Sinn wollten wir durch die Vorenthaltung ihres Kindes, der damals dreijahrigen Armgart, mit Gewalt brechen. Da wir ebenso gegen den Bruder verfuhren, der Armgart fur sich in Anspruch nahm, hatten wir die Ausdauer, einen Kampf mit dem Mutter- und Vaterherzen zu wagen. Und dennoch wurden wir nachgegeben haben damals, als Monika erkrankte, wenn sie nicht, kaum zur Halfte genesen, wie noch im Fieberwahn damals Schloss Westerhof verlassen und in die Welt hinausgerast ware wie eine Irrsinnige! Dass diese That, die nun freiwillig ihr Kind aufgab, ein Anfall der masslosesten Eitelkeit war, die Verzweiflung eines Blickes in den Spiegel und auf ihr ergrautes Haar, wird sie nicht leugnen konnen. Diese wilde Unregelmassigkeit ihres Wesens ist leider auf Armgart ubergegangen. Die Mutter kann versichert sein, dass von unserer Seite nicht das Mindeste geschehen ist, Armgart aus dem Pensionat der Insel Lindenwerth abzurufen. Das thorichte Madchen will sich nur beiden Aeltern zugleich aufgespart haben und fuhrt diesen Gedanken auch jetzt im Stift Heiligenkreuz, wo sie eine Stelle bekommen hat, mit einer Wachsamkeit durch, die jeden Augenblick die Flucht von Lindenwerth wiederholen wurde. Die Aussicht, dass mein Bruder Ulrich sich in Witoborn niederlasst, ruckt immer naher. Ein meiner Schwagerin wohlbekannter Name, Remigius Hedemann, hat, seitdem die Abwickelung der Verhaltnisse unseres beim jetzt so tief gekrankten Geist der Provinz immer unmoglicher gewordenen Landraths ins Stocken gerathen, die Muhlenwerke bei Witoborn erstanden und beide gedenken ein fur den Geist unserer Gegend ganz tolles, ja formlich herausforderndes Unternehmen eine Papierfabrik zu begrunden! Stehen wir ohnehin in unsern Verhaltnissen selbst nicht fest, so wird uns am wenigsten beikommen, in so sich verwickelnde andere einzugreifen. Bruder oder Schwester, beide wurden uns zur Verstandigung gleich willkommen sein! Die Zeit heilt Wunden und mildert Leidenschaften und wir mussen selbst wunschen, dass in diese harten Herzen Besinnung kommt! Von meiner Schwagerin hor' ich durch Herrn von Terschka jetzt so ausserordentlich viel Ruhmenswerthes, dass Benigna sowol, meine langjahrige Freundin, die dem Alter der Versohnlichkeit mit dem, was die Erde bietet, schon so nahe gekommen ist, wie ich selbst, nichts lieber wunschen, als die endliche Beilegung dieses Zwistes, den ja unsere heilige Kirche nicht gestattet so zu losen, wie es die Leidenschaften dieser wilden Menschen wunschen mogen durch Scheidung "

Weiter konnte Monika nicht kommen ...

Die Schlussversicherungen der Ergebenheit uberschlug sie in der Erregung durch diese offene und fur den Charakter ihrer alten Gegner, ihres Schwagers, ihrer so strengen, viel altern und ihr gewissermassen als Erzieherin gegenuberstehenden Schwester, sogar gemuthvolle Sprache ...

Sie stand auf, liess den Brief auf den Tisch gleiten, griff an ihr Herz und trat an das Fenster, um die Stirn an den feuchten Scheiben zu kuhlen ...

Die Grafin unterbrach nicht diesen Seelenkampf ...

Eine lange Pause trat ein, die Monika endlich mit den leisen Worten beendete:

Aus alledem sehe ich, theure Grafin, dass ich besser thun werde noch in dieser Stadt zu bleiben und Sie allein reisen zu lassen! ... Vielleicht erfreut es Sie noch einen Gefahrten zu gewinnen, der bei Porzia sitzen konnte, den Onkel derselben, der genothigt ist, rasch nach England zuruckzureisen! Ich begrusse Sie dann bei Ihrer Ruckkehr hier oder, erlost von allen diesen Kampfen, in Ihrem schonen, sonnigen, glucklichen Castellungo!

Die Grafin sagte zwar: Ja, ja! horte aber plotzlich nur halb ... Sie hatte die Rechnung des Hotels entdeckt und suchte wieder die Brille, um eine nicht unwichtige Frage genauer zu prufen ...

Monika sah, dass die Hohe der Summe, die es hier noch zu zahlen gab, die Grafin erschreckte. Sie hatten an sich einfach gelebt, aber eine Menge anderweitiger Ausgaben hatte die Grafin von dem gefalligen Wirthe auslegen lassen. Vollkommen war ihr die Eigenschaft ihrer Gonnerin gelaufig, den "Nerv der Dinge" und den "ungerechten Mammon" fur etwas zu nehmen, was sich nach Gottes ewigem Rathschlusse allen denen, die ihn lieben, fruher oder spater doch zum besten wenden musse ...

So vertieft war die Grafin in eine unter dem Eindruck des gewonnenen Processes von ihr hervorgerufene ansehnliche Reihe von Zahlen, dass sie nicht mehr viel von Monika's Worten gehort hatte.

Bei alledem wusste sie aber doch, dass in dem Briefe das Wort "Scheidung" stand. Darauf hin sagte sie beim prufenden Oeffnen ihrer Reisekassette:

Paulus spricht: "Der Herr ist der Geist, und wo der Geist des Herrn ist, da ist die Freiheit!"

Sie wollte sagen, wenn bei Monika eine Confessionsanderung stattfande, ware die Scheidung da ... Monika wusste das und stand traumend am Fenster ...

Daruber kam eine Meldung.

Herr Kattendyk! hiess es ...

Ei, Herr Kattendyk? rief die Grafin hocherfreut ...

Die Grafin war so in Vergleichung ihrer Reisemittel mit der Rechnung vertieft, dass ihr selbst die Meldung des Doctors Abadonna eine Besinnung auf den Namen gekostet hatte, aber die Nennung des Chefs der Firma: "Kattendyk und Sohne", an die Monika empfohlen war, vergegenwartigte ihr augenblicklich die gemeinte Personlichkeit ... Sie selbst war an die Gebruder Fuld empfohlen ...

Sehr angenehm! Sehr angenehm! rief sie ...

Die Meldung eines dem "ungerechten Mammon" und den "Schatzen, die Motten und Rost zerfressen" angehorenden Namens wurde sofort angenommen, ja das Eintreten desselben mit einer gewissen Feierlichkeit vorbereitet.

3.

Piter Kattendyk hatte sich vor vier Monaten auf seiner Reise nach Witoborn keinesweges mercantilische Lorbern erobert.

Zwar war er in lebendigster Erregung, wenn auch etwas durchfrostelt und an der Abfassung von Reiseoder Heidebildern durch einen Schlaf verhindert, der "die seiner Constitution nothwendigen zehn Stunden" fast auf die ganze Dauer der Schnellpostfahrt ausdehnte, in Witoborn angekommen und "bei Tangermanns" im besten Gasthof der Stadt abgestiegen; aber der gegenseitige grosse Eifer hatte sich durchkreuzt. Rittmeister von Enckefuss hatte voll Ungeduld die Reise zu seinem Sohne gemacht und Nuck, der helfen zu wollen versprochen, setzte bei seinem Schwager eine so pracise Erfullung seiner Auftrage, soviel Reiselust und Gefallen an einer raschen Benutzung einer neu angeschafften Reisetoilette nicht voraus. Nun waren wol die Besuche, die Piter am Sonnabend bei einigen Advocaten machte, moglich zur Beweisfuhrung fur seinen Geist und seine sociale Stellung, aber eine geschaftliche Verstandigung und die Uebernahme der Forderungen sammtlicher Enckefuss'scher Creditoren konnte erst stattfinden nach der Zuruckkunft des Hauptbetheiligten selbst.

Wir werden die heilige Stadt Witoborn, deren Thurme wir in fruhern Schilderungen nur fernhin aufragen sahen, genauer kennen lernen. So viel durfen wir schon jetzt berichten, dass Piter hier die vollkommenste Gelegenheit gehabt hatte, durch Devotion seiner Mutter Ehre zu machen. Hier lagen so viel Heilige in ganzer Gestalt oder in Partikeln begraben, hier lauteten so viel Glocken zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, hier brannten an allen Ecken und Durchgangen der kleinen unansehnlichen Strassen so viel Lichtchen und standen an und in den Hausern, Kirchen, Klostern so viel schongeputzte Muttergottesbilder, dass er wol seiner Sunden hatte eingedenk werden und geloben konnen, sich die massloseste Selbstliebe und besonders seine strafliche Neigung fur funfzigprocentigen Arakpunsch abzugewohnen.

Indessen beleidigten sein Schonheitsgefuhl die Kuhe und Schafe, die jeden Morgen vom Hirten durch die witoborner Strassen gefuhrt wurden und die Mangel der Strassenreinigung und Beleuchtung. Gleich in der ersten Nacht war er auf topographische Studien ausgegangen und dabei fast in einen offenen, vollig gitterlosen Strom gefallen, der zwar nur hochst schmal, aber mit reissender Schnelligkeit durch die unerleuchteten Strassen schoss. Was half es ihm, dass es spater beim Wirth seines Hotels "bei Tangermanns", wo er der einzige Fremde war, herauskam, dass dies die beruhmte Witobach gewesen war, deren Quellen schon Karl der Grosse mit einem Munster uberbaute? Was half es ihm, dass alle die kleinen Bache, in die er, sich von dem grossen retirirend, bis zum Knie gerieth, als Nebenarme der Witobach bezeichnet wurden? Er erzahlte, dass ihm an einem grossen Thurme, um den eine Anzahl ungeheurer Wasserrader auf die beruhmten witoborner Muhlenwerke schliessen liessen, nicht nur Horen, sondern auch das Sehen vergangen ware. Alles das schmeichelte wol dem Lokalpatriotismus, trocknete aber seine Stiefel und Beinkleider nicht. Im Unmuth uber die hier in Aussicht gestellte geringe Bereicherung seiner Welt- und Menschenkenntniss beschloss er, so lange die Umgegend zu recognosciren, bis der Rittmeister zuruckgekommen sein wurde. Selbst das einzige Weinhaus, das er am folgenden Morgen am Sonntag zum zweiten Fruhstuck seines Besuchs fur wurdig erklaren konnte, musste ihn, wie er versicherte, "melancholisch machen". Allerdings lag es dicht an den alten Munsterthurmen Karl's des Grossen und in ihren durchbrochenen byzantinischen kleinen Fenstern beherbergten sie ein wahres Gewimmel von Raben und Dohlen, die in Schwarmen ausund einzogen und oft wie von Reisen herkamen, jedenfalls von den Bergen hernieder, wo ihn besonders ein fernhin leuchtender Punkt anzog, das den Wittekind's gehorende Schloss Neuhof ...

Piter beschloss nun, sich genauer die Gegenden anzusehen, wo Hermann den Varus schlug und auch einige der vielen daselbst zerstreuten Mineralbader noch einen letzten Rest von "Saison" hatten. Einige dieser Heilquellen kundigten sich ihm, als er in der That mit Extrapost abreiste, bereits durch Leichenwagen an; sie waren beruhmt gegen die Schwindsucht. Andere hatten eine harmlosere Bestimmung, aber die einzigen noch anwesenden Patienten schienen nur noch die Brunnenarzte zu sein, die an jedem Morgen an den Quellen erschienen, um sich zu erkundigen, wer etwa die Nacht angekommen war. Piter, geschmeichelt, dass man ihn fur keinen Leber- oder Nierenkranken halten konnte, zugleich besorgt, darum noch fur keinen Musterreiter zu gelten, bestellte in einem dieser Curhauser Champagner und bewunderte, von selbst voraussetzend, dass es keinen echten gab, die treuherzige Etikette: "Product vaterlandischer Betriebsamkeit." Weiterreisend bekam er die Stimmung und Musse, sich so mit sich selbst zu beschaftigen, dass er sich die Abschiedsscene von Treudchen, dem neuen Madchen seiner Schwester Hendrika, in allen moglichen Variationen ausmalte; denn dass diese allerdings nur in dammernden Umrissen vor ihm stand, war bei dem umflorten Zustande, in dem er sich nach seinem Souper befunden, nicht anders moglich. Gerade aber diese Nebelhaftigkeit des empfangenen Eindrucks gestattete ihm die schonste Ausschmuckung und wie er das freiherrlich Wittekind'sche Vorwerk Eggena, das Stadtchen Ludicke und andere hervorragende Punkte hinter sich hatte und in den Schluchten des Teutoburger Waldes sich ganz nach Belieben, bald an diesem Buchengrunde, bald an jener Tannenhohe, die Niederlage der Romer ausmalen konnte und ihm das Krachzen der Raben, die ihm aus den Munsterthurmen gefolgt zu sein schienen, immerfort das aus der Schule in der That noch erinnerlich gebliebene: "Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!" zu sprechen schien (dem darob sehr verwunderten Postillon hatte er beim Bergan diese Erzahlung als Probe seiner mittheilsamen Gelehrsamkeit nicht vorenthalten mogen), da trat ihm der Gedanke: Wenn du jetzt diese allerliebste Blondine hier neben dir hattest auf dieser geschaftlichen Irrfahrt! mit machtiger Gewalt entgegen. In der alten Postkalesche, einer ausrangirten Beichaise, mass er sogar den Sitz, den Treudchen neben ihm einnehmen konnte. Er deckte auf das weich einladende Leder der Polsterung seinen Plaid und baute der kleinen Gottin im Geiste einen Thron und Altar. Selbst die zierlichen Fusschen, deren weisse Strumpfe er im Geiste als selbstgestrickte bewunderte, legte er eigenhandig auf einen Nachtsack, den auch seine Schwester Johanna behauptete selbst gestickt zu haben. Und weilte dann auch sein reizbarer Sinn, den die "etwas angstliche" grune, classische Waldeinsamkeit ringsum nur noch erhohte, bei dem ausserordentlichen Professor, Dr. Guido Goldfinger, an dem ihm nichts ausserordentlich erschien, als die Selbstverstandlichkeit, wie er, der Sohn des Medicinalraths Goldfinger, so ohne weiteres (weil die drei Hausfreunde eben im Hause alles regierten) sein Schwager wurde, und schossen dann auch seine Gedanken uber drei Schwager zu gleicher Zeit, wie der "Silberbogner Apollo", "fernhintreffende" Pfeile, so kehrte sein an sich liebebedurftiges Gemuth doch immer wieder auf die Vorstellung zuruck: Wenn sich die Romantik dieser hier eben genossenen geschichtlichen Eindrucke, mit denen du deine Freunde in begeisterter Mittheilung uberraschen willst, doch auch durch die Fullung dieses bequemen Eckplatzes mit dem reizenden, anspruchslosen und so "gehorsamen Kinde" vervollstandigen mochte! Die leisen Umrisse, die er von dem neulich Vorgefallenen behalten, zeichnete er kraftiger und kraftiger aus, drappirte das Bild neben sich mit Vielem, "worauf es ihm gar nicht ankommen sollte", mit einem wunderschonen Hut und lyoner Bandbesatz, einem Shawl von damals modischem Krepp de Chine und mit den elegantesten Handschuhen, die Gertrud Ley besonders auch deshalb tragen sollte, um durch das Schonen ihrer vom Arbeiten etwas mitgenommenen Finger sich zu der Dame auszubilden, die man nach seiner Theorie der Geringschatzung des weiblichen Geschlechts "aus jeder Katze" machen konnte. Piter sah in einem "anstandigen Frauenzimmer" nichts als die Wiederholung seiner "ihm hinlanglich bekannten" Schwestern.

Mit solchen theils gemischten, theils sich widersprechenden Empfindungen hatte Piter die Walstatten der alten Romerschlachten, auch die beruhmten Externsteine hinter sich, die ihm die schauerliche Idee von Menschenopfern weckten der anliegende See als Abzugskanal des rinnenden Blutes und ihm in den Basreliefs der spatern christlichen Entsuhnung dieser riesigen Metzgeraltare auch nur eine sehr geringe Vorstellung von der Plastik des Mittelalters gaben einer der Felsen hat ein altes Basrelief , lauter Thatsachen, bei welchen er die Genugthuung schon vorweggenoss, wenn er davon zu Joseph Moppes sprechen wurde, der nur die Musik leben liess, oder zu Aloys Effingh, der allerdings Sinn fur die zeichnenden Kunste, wenn auch zunachst nur fur heimliche Caricaturen hatte, oder zu Weigenand Maus, der kriegslustig und zur Carnevalszeit ross- und marschalluniformsfreudig, fur solche Hunenthaten interessirt sein musste. Thiebold de Jonge, der das Conversations-Lexicon nie mehr citirte, als wenn Benno nicht zugegen war, Der vorzugsweise sollte an ihn glauben mussen, wenn er versicherte, dass man uber "solche Gegenstande" (er meinte ungefahr die Erganzung der fehlenden Bucher des Tacitus) gar nicht mitsprechen konnte, falls man sie nicht "grundlich studirt hatte" er meinte die Dauer eines Schnapses, den er dem Postillon in dem Wirthshause an den Externsteinen geben liess und sein eigenes, mehrfach wiederholtes: "Ungeheuer merkwurdig!" beim Besichtigen der Riesensteine und der Blutlache und der alten Basrelieffiguren ohne Nasen ein Mangel ubrigens, der fur diese gut war, da sie auf diese Art die rein menschliche moderne Bestimmung einer hinter ihnen liegenden kleinen alten Krypte nicht am Geruche merkten. Wie gesagt, nur der Postillon fruhstuckte hier, aber Piter in Detmold. Dort, wo einst Jerome von Wittekind im Certiren stets der erste gewesen war und nicht blos beim Fragen nach, Calefaciebas, erwarmte, ja erhitzte sich auch Piter in einer Weise, die es erklarlich erscheinen liess, dass er, kaum angekommen in Pyrmont, wohin er wollte, gleich spornstreichs an den Grunen Tisch rannte und sich noch an demselben Abend, im wildesten Sturm und vom "schnodesten Pech" heimgesucht, seine ganze Reisekasse sprengen liess.

Wie Piter dann am folgenden Morgen in den Brunnenanlagen den letzten Rest seiner Baarschaft und der Curgaste musterte, auch etwas tiefsinnig uber die Wirkung der hiesigen Gewasser gegen chronische Anfalle von Hypochondrie nachgedacht und dabei einen etwas confiscirten Eindruck gemacht haben mochte, jedenfalls mit einer bei der schon kuhlen Morgenluft stark gerotheten Nase, somit, beide Hande hinten in die Rocktasche steckend, einem Abenteurer und Marodeur der Badesaison nicht unahnlich, machte er die Bekanntschaft eines Barons von Binnenthal, der erst vor wenig Stunden angekommen war vom Westen her, wo ihn ein glucklicher Instinct beseelte, statt nach Belgien zu gehen, ostwarts zu "machen" denn Grutzmacher hatte nur vorgestern, Sonntag Abend, zu viel mit dem Staate, dann mit dem Assessor von Enkkefuss in Betreff des in den Sieben Bergen seine geliebte Mutter besuchenden Hammaker zu thun gehabt, sonst wurde er dem ihm sofort aus dem Fuld'schen Balcon aufgefallenen Herrn die Fahrte nach Westen von einigen schnell avertirten guten Freunden in gruner Uniform haben abschneiden lassen ebenso wie er Herrn und Frau von Guthmann beim Besteigen des Dampfboots vorgestern Abend scharf fixirt und ihnen halblaut "gluckliche Reise" nach Pyrmont gewunscht hatte, wohin auch sie in der That gingen, um unter den letzten Stoppeln der Saison noch einige Kornchen fur ihr demnach den Sicherheitsbehorden schon bekanntes Metier aufzusuchen. Unterwegs machte das Ehepaar, nach dem Erstaunen uber das erneute Zusammentreffen mit Herrn von Binnenthal sich mit ihm Gestandnisse und alle drei vergaben sich das, was die Vergangenheit betraf, in Hoffnung auf eine schonere gemeinschaftliche Zukunft. Sie blieben zusammen und Binnenthal's erste Recherche auf der Morgenpromenade brachte ihn mit Pitern zusammen, diesen dann zu der charmanten Frau von Guthmann, die ihn so fesselte, so fur den Verlust am Grunen Tisch trostete, dass er ein einfaches "Einundzwanzig", en quatre einging, gewann, wieder an den Grunen Tisch hupfte und mit schon leichterm Herzen das Gewonnene nicht nur verlor, sondern auch durch eine Anleihe bei Herrn von Guthmann, der in der Nahe stand, das Verhaltniss desto fester knupfte. Pyrmont endete fur Pitern nach drei Tagen, alles in allem, mit einer Spielschuld von 5000 Thalern, die er in einem sich immer vergrossernden Kreise von Freunden der Frau von Guthmann und der Gottin Fortuna zurucklassen musste. Herr von Binnenthal war bei diesem schnell geknupften Bande der Freundschaft der sogenannte "Schlepper" gewesen. Seine stereotypen Redensarten und die Devise: "Bange machen gilt nicht!" halfen ihm weiter, als andern Menschen ihr Originalwitz. Piter reiste ab von Pyrmont mit den "famosesten Erfolgen bei einer Baronin" "Stoff doch immer" fur die kleinen Soupers und Hinterlassung einer zwei Monate de dato falligen Anweisung auf sein Haus und wandte sich wieder auf Witoborn zu, wo der Rittmeister, in mancher Hinsicht sein Geistesverwandter, ihn schon sehnsuchtigst erwartete.

Mancherlei Arten gibt es, ein Ungluck, das man sich selbst zugezogen hat, zu ertragen. Manche Menschen werden von der empfindlichsten Reue befallen und einige unter ihnen, nicht viele, nehmen sich vor, kunftig sich zu bessern. Andere sind zwar gleichfalls, besonders wenn die einsame Natur ringsumher so feierlich stimmt, fest entschlossen, nun und nimmermehr wieder z.B. bei solchen "Baroninnen" "an den Leim" zu gehen und zu spielen und 5000 Thaler Badesaisonschulden auf ein Haus abzugeben, dessen Soliditat sie selbst reprasentiren; aber die Reue verwandelt sich ihnen in Trotz, Trotz nicht etwa gegen sich selbst, sondern auffallenderweise gegen ganz unschuldige andere. Es ist allerdings kein behagliches Gefuhl, ein grosser Reformator sein zu wollen und als der Reformation hochst bedurftig sich selbst darzustellen. So ein Wechsel auf die Ordre eines notorischen Spielers, acceptirt von einem handelsberuhmten Namen wie Piter Kattendyk, geht durch ein Dutzend Hande und kommt zuletzt im Comptoir seines Hauses wie eine Wundermar an, die alle alten Buchhalter betrachten mit Halsen so lang, so lang "wie die Ganse oder Kameele!" Alle Federn halten inne, alle Prisen stokken, alle Drehsessel knacken und die Miene, die vollends der Procurafuhrer Ernst Delring machen wird, die ist gar nicht die seiner gewohnlichen Reserve, sondern einer still lachelnden Genugthuung, die sogleich zwei Treppen hoher hinaufschleicht und fur die liebende Gattin, vor der es etwa nicht, wie uberhaupt vor keiner Gattin, Geheimnisse gibt, sondern im Gegentheil zur amusantesten Unterhaltung wird. Piter, ernuchtert von der Baronin (bei den spatern "kleinen Soupers" blieb sie naturlich d i e s s e i t s der Dreissiger) phantasieumgaukelt von Treudchen's Unschuld, die im Geiste, von seinem Plaid bedeckt, wieder in seiner Beichaise neben ihm sass, sah alle diese Wirkungen der drei Tage in Pyrmont "als Nachcur" voraus, entsetzte sich, wie tief beschamt er in sein niedliches Comptoircabinetchen, wo er wie ein dirigirender Minister thronte, zuruckschleichen musste, und sagte sich: Naturen, wie die meinige, konnen alles, nur keine Demuthigung ertragen! Auf demselben, inzwischen durch Regengusse etwas veranderten Wege kam er zwar wieder auf Anklange an die Legionen des Varus, indem auch er mit dem Kopfe gegen die Lederwand der Beichaise stossen und die denkwurdigen Klagen des Casar Augustus wiederholen mochte, aber der freie Geist der Forschung, der ihn auf der Herfahrt beseelt hatte, verliess ihn und nach langem grimmigen Grubeln und Sinnen, als er schon dicht bei Witoborn war, wo die Jesuiten oft genug fruher den Satz: Si fecisti nega! in ihren Moralvorlesungen erortert haben mochten, kam ihm ein ahnliches System als bestes Mittel zur Aushulfe: Hast du irgendetwas auf dem Kerbholz, dann sei gerade erst recht impertinent! Diese Theorie gab ihm Muth. Sie gab ihm diesen um so mehr, als gestern Abend noch bei einem kleinen von Frau von Guthmann arrangirt gewesenen Abschiedssouper ein alter danischer Offizier en retraite gesagt hatte: "Respect kriegt der Mensch immer nur erst dann, wenn er auf alles, was er behaupten hort, Au contraire! sagt."

Piter suchte schon lange eine Formel, die, wie die Philosophie einen Satz, z.B.: "Ich gleich Ich!" allen ihren Beweisen vorausschickt, so auch ihm das Rathsel des Daseins und besonders kurzweg die Methode erschloss, wie es z.B. Kaufleute hat geben konnen, die so ausserordentlich bedeutend wurden, dass ihnen nicht viel an einem grossen Namen, sogar an einem Ministerportefeuille fehlte. An seinem Schwager Delring hatte er eine solche vornehme Natur in der Nahe, die mit ihrer weissen Halsbinde zu jeder Stunde einem Regierungsprasidenten aufwarten und mit ihm uber die Wunsche und Bedurfnisse des Lederhandels, uber Binnenzolle und Wasserstrassen beneidenswerth unterrichtet sprechen konnte. Dies Air, das auch einigen andern Chefs grosser Hauser, selbst dem alten Herrn de Jonge, der ein grosser Arbeiter in den Sectionen der Provinziallandtage war, nicht im mindesten fehlte, vermisste Piter allerdings ausserlich an sich keineswegs. Dies englische, respectable und staatsmannische Benehmen, z.B. in den Zahnen zu stochern und die Finger in den Ausschnitt seiner Weste zu stecken oder als Parlamentsmitglied mit dem Hut auf dem Kopf und die Beine lang ausgestreckt einen Minister wie ein Heupferd behandeln, das hatte er an sich schon weggehabt. Nur fehlten die thatsachlichen Unterlagen. Ueber eine gewisse lachelnde Niaiserie, die die Englander Snobbismus genannt haben, kam er bei Fragen uber das statistische Gebiet nicht hinaus. Immer fuhlte man, dass er uber solche Gegenstande, wenn sie besprochen wurden, mehr eine lebhafte Wissbegierde als eine grosse Vertrautheit zur Schau trug, ausgenommen bei Debatten uber Kunst, Stadttheater, Glanzwichse und einige Feinheiten im Liniiren der Comptoirbucher, die er einem alten, verstorbenen Buchhalter verdankte. Da elektrisirte ihn denn jenes pyrmonter Wort! Er fand es "merkwurdig" gleich auf der Stelle. Von den Hohen des im Regen gebadeten Teutoburger Waldes in die witoborner Ebene niederfahrend, beschloss er, zur Probe einmal das System des Au contraire zu versuchen. Ein nicht undiabolisches Lacheln begleitete die Vorstellung: Du kommst nach Hause zuruck, bekennst nicht nur n i c h t deine Unbesonnenheit, sondern bist au contraire noch malicioser denn je! Du erklarst Nuck die ganzliche Verfehltheit seiner Speculation mit dieser Uebernahme der Enckefuss'schen Schuldenmasse und unterbrichst jedes Staunen, das man etwa uber den pyrmonter Wechsel von 5000 Thalern zu erkennen geben sollte, mit einem viel, viel grossern Erstaunen uber die unvernunftigen Handlungen anderer Menschen!

In diesem System, das ihm von etwas Bosheit und viel Desperation eingegeben wurde, verfuhr er sogleich, um nur mit Larm zuruckkommen zu konnen, mit dem Rittmeister von Enckefuss, den er jetzt antraf. Dieser Ungluckliche hatte einen jungen Mann voll "Grossartigkeit" erwartet und fand einen abscheulichen Krakehler, der die Lorgnette einkniff und ihn fast beleidigte. Enckefuss war ihm in seiner gewohnten rosenrothen Laune entgegengehupft, elastisch, frisch geschminkt wie ein Jungling, und nun fand er einen verdriesslichen Taxator, der auf jede Versicherung das Gegentheil anzugeben wusste und den armen Mann binnen einer Stunde um allen Humor brachte. Piter zuckte nur ewig die Achseln und studirte nur im stillen sich seine hubsche Portion Donnerwetters ein, die er auf seine Angehorigen schleudern wollte, eine gehorige Anzahl von Ausrufungen uber verlorene Zeit und Muhe, und es "sollte ihm mal einer wiederkommen und ihn in solche Bockshorner jagen" und da war denn zur Rettung des Rittmeisters keine Verstandigung moglich. Piter schnurrte auf jede Proposition auf wie ein Stacheligel und reiste ab. Der Rittmeister begleitete ihn sehr artig an den Postwagen, blieb aber mit einer traurigen Miene zuruck. Er sah dem Scheidenden, dem Retter in der Noth, lange, lange nach und begab sich besinnungslos in seine Wohnung. Wir wollen gleich hinzufugen, dass er sich nicht todt schoss, sondern einen Brief an seinen Sohn schrieb, zwar mit soldatischem Lakonismus blos seine Fluche aufs Papier werfend, aber doch so voll Verdruss (und besonders uber die Nothwendigkeit, nun doch an den Prasidenten von Wittekind-Neuhof gehen zu mussen der Kronsyndikus stand unter Curatel ), dass der arme, schon lange vereinsamte, einst so stolze Mann seine schwarze Tusche, seine Pinsel, seine rothen Schminknapfchen ganz vergass und nur das Klagen und Kratzen seines alten treuen Pudels horte und leise zu ihm sprach: Beissen sie dich auch so, Caro? und dann die Thuren zuschloss und halb die Fensterladen zuzog und ein altes Kamisol anzog und die Brille auf die Nase, sich selbst auf die Erde setzte und eine Schere nahm und ganz ein Greis geworden seinem allein noch treuen Thiere vor dem Hereinbrechen des Winters in wehmuthiger Betrachtung uber Flohe die Haare schor. So fand man ihn wenigstens da, als er zum ersten male anfing, allerlei wunderliche Reden durcheinander zu sprechen ...

Piter kam im Vaterhause an und uberhaufte Nuck sogleich mit dem ganzen Vorrath grundlich einstudirter Vorwurfe. Er schilderte das Geschaft, das er ihm aufgetragen, als einen neuen Beweis, dass man noch soviel Latein und Griechisch und doch nichts von praktischen Dingen verstehen konnte. Nuck, sehr erschreckt durch die Gefangennehmung Hammaker's, replicirte wenig; Benno und Thiebold freilich besturmten Pitern voll Unwillen. Ihnen antwortete er auf jedes, was sie vorbrachten, mit Au contraire. Fast kam es zum Bruch zwischen Thiebold und ihm. Piter war in einem Grade unumganglich geworden, dass er sogar sich vor sich selbst zu furchten anfing und nur in seinem Verhaltniss zu Gertrud Ley seinem Gemuthe ein letztes Asyl eroffnete. Diese Liebe steigerte sich zur Schwarmerei, besonders seitdem seine Schwester Hendrika, um Treudchen vor ihm sicher zu stellen, ein fur allemal die auf seine Wendeltreppe fuhrende Thur verschloss und sogar den Vorhang des Zimmerchens, das Treudchen bewohnte und das dem seinigen gegenuberlag, Tag und Nacht herabzulassen befahl. Ware nicht die neue Beherrscherin des Hauses gewesen, Lucinde Schwarz (sie wurde es ganz wider Willen und einfach nur dadurch, dass jeder Bewohner desselben, Delrings ausgenommen, die "sanfte, stille, ruhige Seele" zur Vertrauten machte), Piter hatte Sitte und Anstand uber den Haufen geworfen. Aber Lucinde wollte alles Ernstes, dass Piter Treudchen in optima forma heirathen sollte. Sie beforderte diese Wendung der Dinge mit einer Discretion, die deshalb nicht leicht war, weil auch Treudchen, schon um "den jungen Herrn" moglicherweise zu "bessern", seine, wie er selbst sagte, "wahnsinnige" Liebe mit der Kraftlosigkeit eines Madchens erwiderte, das sich die Moglichkeit solcher herzbestrickenden Vorgange innerhalb der ihr bisher ganzlich unbekannt gewesenen und neu aufgehenden Region der Liebe nicht getraumt hatte.

Dem durch die Gefangennehmung des Kirchenfursten geweckten Geiste entzog sich Piter keinesweges. War doch selbst Thiebold wieder nahe daran, zu Feuer und Schwert zu greifen. Auch Benno, der sogar alles so erwartet hatte und der die Kraft der Ghibellinen bewunderte und von Dante's Welfenhass sprach, stutzte ... Die Gefangennehmung wurde eben von der Regierung seltsam motivirt. "Zwei revolutionare Richtungen" sollten sich in den Handlungen des Kirchenfursten durchkreuzt haben, die jakobinische und die jesuitische. So lautete das Manifest der Minister ... Unvermittelt wogten in Benno's Brust die Gegensatze der Ideen hin und her. Nur Freiheit athmen zu wollen, nur die Herrschaft des Gedankens zu begehren, dafur sah er das Leben zu praktisch an. Aber das wirklich Praktische und thatsachlich durch die Welt, wie sie einmal ist, zu Bedingende, das hatte sich fur seine wenigen zwanzig Jahre noch nicht feststellen wollen ... Und rings diese Leidenschaften! Diese Parteinahme nur zu Gunsten einer "Kirche", die doch auch die seine war! Kam nicht selbst Bonaventura uber seinen innern, leise begonnenen Zwiespalt durch diesen viel grossern Bruch wieder hinweg? ... Piter der sah die Thranen seiner Mutter, horte die Klagen seiner Schwestern; die drei Hausfreunde hatten keinen Appetit mehr; Nuck vergab ihm sogar die witoborner Reise und trank mit ihm auf eine glucklichere Zukunft; sogar die zu Tod geangstigte Hendrika, die nur noch kaum zwei Monate zu dem heroischen Entschluss hin hatte, ihr Kind im Glaubensbekenntniss ihres Mannes taufen zu lassen, war am Morgen nach der Gefangennahme des Kirchenfursten in Treudchen's Kammer gewesen und hatte, zwar nicht mit Empfindungen wie damals Windhack in der Dechanei ("Fiat lux in perpetuis!") doch jedenfalls wie vor dem Ersticken sich Rettung suchend den Vorhang bald in die Hohe gezogen, bald wieder niedergelassen ...

Eines aber war Pitern an dem Kirchenstreit und an den Allocutionen und an dem Kampf der Broschuren, vorzugsweise aber an den allabendlichen Zusammenrottungen das Allerunangenehmste. Alle Familienfestlichkeiten mussten abbestellt werden. Wozu hatte er nun das alterliche Haus so umgestaltet und soviel Zerstorungen und Neubauten angerichtet, als um in der Eigenschaft des jetzt mundigen Chefs von "Kattendyk und Sohne" die Saison in einer Weise zu eroffnen, gegen die niemand, selbst nicht die Cirkel der aus Verlegenheit uber den Geist der Stadt fur den Winter ganz nach Paris ubergesiedelten Gebruder Fuld aufkommen konnten! ... Piter fand ein freies Feld und durfte es nicht zu seinen langst vorbereiteten Zwecken benutzen.

Endlich aber schwieg jede Rucksicht. Ende Januar konnte fur seine Schwester Hendrika die Stunde der Entscheidung schlagen. Eine Gesellschaft musste jetzt oder konnte vielleicht den ganzen Winter nicht mehr gegeben werden; wer verburgte den glucklichen Ausgang dieser Entscheidung? Hendrika fuhr in keine Messe mehr, in keine Beichte, selbst dem Strom der ganzen Stadt zu dem neuen jungen Domherrn folgte sie nicht. Es musste ein Anfang in der Entwickelung seiner Grosse, seiner gesellschaftlichen Reprasentation, seiner Laufbahn zum Mitglied irgendeines Comite oder ahnlicher Befriedigungen seines Ehrgeizes gemacht werden, und Piter benutzte die nahe bevorstehende Abreise einiger hoher Herrschaften, von denen allerdings nur Monika speciell an sein Haus empfohlen war, um mit der Art, "wie Er Gesellschaften geben wurde", trotz der allgemeinen Landestrauer hervorzutreten.

Bei einigen Besuchen, die er hier im Hotel schon gemacht, war er auch der Grafin vorgestellt worden. Von dieser hatte er ein Zeugniss bekommen, das, wenn er dasselbe gehort hatte, ihm nicht wenig geschmeichelt haben wurde. Da er unausgesetzt nur das Gegentheil von dem behauptete, was die Damen sprachen, so bekam wenigstens die Grafin von ihm den Eindruck eines geistvollen und unterrichteten jungen Mannes; denn die Frauen sind viel bescheidener, als man gewohnlich glaubt; sie unterrichten sich gern und dunken sich in ihrem Wissen nie so fest, dass sie nicht mit der grossten Aufmerksamkeit und Geneigtheit, sich zu vervollkommnen, zuhorten, wenn ihnen z.B. jemand sagt: Bitte um Entschuldigung, die Ueberfahrt uber den Kanal ist im Januar viel sicherer als im December! oder: Erlauben Sie, ich muss Ihnen aufrichtig gestehen, die Cultur um Witoborn ist auffallend vernachlassigt! Frauen lieben die Schmeichler in der Regel viel weniger als wir glauben und die vornehmen Frauen vollends und gar erst, wenn mit ihnen Menschen sprechen, die sich auf Geld und Gut verstehen! Piter blieb zu seinem Gluck nur zehn Minuten und hinterliess damals einen Eindruck, den die Grafin fast einen "bedeutenden" genannt hatte.

Auch heute genoss Piter drei grosse Vortheile fur hohere Wurdigung. Einmal war er nur funf Minuten mit den Damen allein; es erfolgte eine fernere Meldung. Sodann war Monika in eine tiefe Abwesenheit ihres Ohrs und Herzens und Urtheils versunken. Endlich drittens erhob sie sich sogar und entfernte sich ganz, wie sie sagte, auf einen Augenblick; das war, als Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge gemeldet wurden, die in der Voraussetzung, sie reiste ab, sich ihr und der Grafin zu empfehlen kamen. Und als dann die beiden jungen Manner eintraten, blieb die Grafin mindestens zehn Minuten uber alle drei Anwesenden die alleinige Richterin, bis Monika, nach einem Kampf zur Beruhigung ihres aufgeregten Herzens zuruckkehrte.

Piter war vollkommen so eingerichtet, dass er mit Anstand die Tasse Thee, die ihn die Grafin mitzutrinken aufforderte, hatte annehmen konnen. Seine strohgelb gantirte Hand brauchte sich nur auszustrecken, um im Zulangen ihm ganz schon zu stehen. Eine weisse Weste, inwendig mit einem dunkelrothen Phantasiefutter, dunkelbrauner Frack mit Metallknopfen, schwarze Beinkleider, eine Halsbinde, weiss mit allerlei braunen Sprenkelchen spater flusterte ihm Thiebold zu: "Sonderbare kleine Maikafer das, Kattendyk, ich meine in Ihrer Cravatte!" Sein kleiner Kopf war wohlfrisirt und das blonde Bartchen leise gefarbt und das stumpfe Naschen nicht erfroren, ... er war in Equipage gekommen ... Aber sein System des Au contraire bestimmte ihn sofort die Tasse abzulehnen und etwas naselnd zu sagen:

Bitte recht sehr, gnadigste Frau Grafin! Ich trinke keinen Thee

Es war dies, Kamillenthee ausgenommen, eine Wahrheit.

Die Grafin fand den jungen Kaufherrn wieder von imponirender Eigenheit. Wer sich einbildet, die Grossen verletze dergleichen Selbstandigkeit, irrt sich. Nur die "kleinen Grossen", die Empor- und Herunterkommlinge sind anspruchsvoll; die wahren Grossen sind sogar leicht eingeschuchtert und gerathen viel ofter in Verlegenheit, als wir glauben.

Piter ruckte mit seinem Anliegen hervor. Im Wagen hatte er sich eine Rede stilistisch und rhetorisch zurecht gelegt. In gewandtem, der Vornehmheit wegen immer naselnden Vortrage bat er, dass seinem Hause die Ehre gegonnt werden mochte, bei seiner am nachsten Freitag stattfindenden ersten Soiree auch die gnadigste Frau Grafin und die Frau Baronin von Hulleshoven erwarten zu durfen ...

Da die Grafin von ihrer auf morgen angesetzten Abreise sprechen durfte, kam sie rasch uber das ihr jetzt denn doch aufwallende Gefuhl hinweg, ob eine solche gesellschaftliche Mischung, wie in einem wenn auch grossen Kaufmannshause vorauszusetzen war, ihrem Stande angemessen erscheinen durfte. Seit lange hatte Monika die Grafin nicht lacheln sehen. In diesem Augenblick that sie es ganz grazios. Monika sagte sich: Die seltsame Frau! Wie wohlwollend und fein steht ihr dies Lacheln! Warum verscheucht sie es nur durch ihre stete Furcht vor der Weltlichkeit, der sie mehr angehort, als sie weiss!

Monika selbst, die sich mit der jetzt erst in Staunen ausbrechenden, aber doch allmahlich beipflichtenden Grafin uber ihren Entschluss, doch lieber zu bleiben, verstandigte, nahm die Einladung an. Gegenbesuche von und bei der Mutter Piter's hatten bereits stattgefunden.

Die Verstandigung uber das Zuruckbleiben Monika's gab Pitern Gelegenheit, sich in die Erfolge zu versetzen, die am nachsten Freitag seine Arrangements kronen wurden ...

Auch uber Porzia's Onkel erfuhr die Grafin, jetzt orientirter, wiederholt alles das, was ihr zur Beruhigung dienen konnte, nicht zu einsam zu reisen ...

Piter sprach sein Bedauern aus, die Grafin entbehren zu mussen, ermangelte jedoch nicht, sie bei einer somit einmal beschlossenen Trennung durch seine praktischen Winke uber die Comforts von London wieder wahrhaft zu bezaubern. Es fehlte nichts, dass er ihr nicht auch die Adressen aufgezeichnet hatte, wo sie am besten Cravatten und Zahnbursten und Rasirmesser kaufen konnte. Sein Portefeuille hatte er gezogen, ein Blatt darin ausgerissen und eine Menge Namen aufgeschrieben, die der Grafin bei der Ankunft von Wichtigkeit sein mussten, sogar diejenigen Beamten auf dem Zollhause, die sich am leichtesten bestechen liessen, trotzdem auf Bestechung bekanntlich die Deportation steht. In solchen Dingen konnte Piter hochst charmant und bis zur Herzlichkeit naiv sein. Da schopfte er aus der Fulle seiner Erfahrungen. Die Grafin, die zwar bei Lady Elliot sowol auf dem Lande wie in der Stadt wohnen sollte, horte begluckt zu, wie das Hotel beschaffen war und wo es lag, in dem sie wohnen konnte, wenn sie wollte oder wenn sie musste Piter's Au contraire war auf einige Zeit hochst instructiv.

Benno und Thiebold kamen etwas feierlich. Denn wenn sie den Abschied jetzt auch nur von der Grafin zu nehmen brauchten, so blieben sie doch selbst nicht mehr zu lange in der Stadt, sondern reisten auf Witoborn zu, Benno in Nuck's Auftragen, Thiebold, um die Walder anzukaufen, die Terschka frischweg sammtlich wollte abschlagen lassen, um zu respectablen Summen Geldes zu kommen.

Piter behielt merkwurdigerweise noch die Oberhand ... Die Grafin zeichnete den ihr Nutzlichsten aus. Sie liess sich das weisse Blattchen voll Namen und Adressen schreiben und nebenbei warf Piter auch Erlauterungen fur die beiden Freunde dazwischen, denen zufolge sie noch am Freitag, wenn sie bleiben wurde, der Baronin sich in seinen Salons empfehlen konnten ... Man war uberrascht und alles das gab ihm Suprematie.

Der Bediente servirte den neuen Ankommlingen gleichfalls den Thee. Diese nahmen und Piter, der sonst unter seinen Freunden unter der Herrschaft des ansteckenden Beispiels stand, bekampfte sich dauernd, es heute durchaus nicht zuzulassen. Wahrend jene tranken, konnte Piter sprechen. Jene waren gedruckt, bewegt, sie waren der Mutter eines Wesens nahe, das ihnen so theuer war und ihren Herzen einen so edeln Wettstreit kostete. Die Schwarmerei, die sich in Thiebold's zuweilen leuchtend von der Theetasse zur Nebenthur aufblickenden Augen ausserte, hinderte ihn zwar nicht, Pitern in seiner selbstgefalligen londoner Topographie zuweilen zu unterbrechen und sich z.B. in Betreff guter Handschuhe auch seinerseits auf den Standpunkt des Au contraire zu stellen, aber Benno sah dem daruber sich entspinnenden Wortgefecht mit Schweigen und wie ein Neuling zu. Erst da, als sich jene im Zank etwas massigen mussten und sich in eine halblaute Conversation verbissen, ging er, als der Festere und Hohergebildete, auf ein Alleingesprach mit der Grafin uber, die von Nuck, Terschka und ihrem Sohne begann ...

Benno's Aeusseres hatte sich seit einiger Zeit verandert. Die Dressur zum Waffendienste hatte ihn fruher seiner eigenen Art zu sehr beraubt. Auch auf seiner Wange stand jetzt ein schwarzgekrauselter Bart, der die Mannlichkeit seines Wesens hob und ihm einen ganz besondern Ernst gab ...

Seit meiner Studentenzeit war ich nicht in meiner zweiten Heimat! sagte er. Wenn es in der That zum Abschluss uber die Dorste'schen Walder durch meinen Freund de Jonge kommen sollte, wurden wir noch den Wildstand zu vermindern haben. Herr von Terschka ladet uns wenigstens zu einer Jagd ein, die als ein halber Vertilgungskrieg allerdings ihresgleichen suchen wurde.

Ich bitte Sie! schaltete Piter ein. Sehr wenig Wild dort! Die Rehbocke kann man zahlen!

Schweigen Sie! flusterte Thiebold und corrigirte auf dem Blattchen, das ihm noch die Grafin gelassen hatte, die Orthographie einiger englischer Namen ...

Glauben Sie nicht, fuhr die Grafin zu Benno fort, dass man beim Verkauf sich der Moglichkeit begeben wurde, Gelegenheiten zum Bergbau zu entdecken? Etwa Kohlengruben?

Die Gegend ist eine Hochflache mit einem Muschelkalkrucken! sagte Benno. Torf findet sich in den Absenkungen, manche Gasquelle in den Aufdachungen Bergbau wurde grosse Kapitalien erfordern ...

Rentabilitat wird bestritten! schaltete Piter ein ...

St! war Thiebold's scharfes Wort, das in seiner Theetasse verhallte ...

Graf Joseph hat viel fur die Schulen gethan, hor' ich, sagte die Grafin. Sind die Leute wenigstens in der Landwirthschaft aufgeklart und eignen sie sich die neuen Erfindungen an?

Sehr schwer, Frau Grafin! erwiderte Benno. Indessen ersetzen sie durch Eifer und Gediegenheit in ihrer taglichen Arbeit, was ihnen an hoherer Strebsamkeit fehlt. In der nachsten Nahe von Witoborn freilich ist man durch die Unzahl von Feiertagen bequem, durch die Reste der alten Priesterherrschaft etwas matt und schlaff geworden, auch im Auffassen und Begreifen beschrankt

Erlauben Sie, brach Piter aus, ich habe da so durchtriebene und verschmitzte Menschen gefunden, wie irgendwo!

Wenn Sie doch nur ! unterbrach Thiebold fast ganz laut und bestimmt. Auch hatte Piter beinahe alles vor der Grafin jetzt von selbst verloren. Von diesem antihierarchischen Gestandniss Benno's war sie angezogen. Gern wurde sie das Gesprach fortgesetzt haben, wenn nicht aus Porzia's Zimmer Monika zuruckgekehrt ware ... Monika hatte Porzia im Packen unterstutzt, sich dabei gesammelt und gestarkt.

Wenn nun auch die jungen Manner die Bestatigung erhielten, dass Armgart's Mutter noch zuruckblieb, so mussten sie selber doch schon in den allernachsten Tagen reisen und druckten daruber in herzlichen und von einem gewissen geheimnissvollen Tone begleiteten Worten ihr Bedauern aus ...

Piter machte eine pfiffige Miene. Durch Lucinden war er, wie er es nannte, uber "das Pech" unterrichtet, das Thiebold hatte, einem Madchen zu huldigen, das auch Benno liebte. Aber sich zu empfehlen, bezeigte er keine Lust. Er flusterte sogar Thiebold ohne alle Rancune zu, dass sie sich seines Wagens bedienen konnten und es schon ware, wenn sie den Abend noch in irgendeinem Lokal, z.B. auf dem Hahnenkamp frisch angekommene Austern versuchten ...

Thiebold horte nichts ... Er war ohne Besinnung. Um Monika einen Stuhl zu holen fur den, den er selbst eingenommen hatte, weil er ihn am Tische leer gefunden, flog er nur so ...

Grussen Sie Armgart! sprach Monika mit Festigkeit und schnitt damit alles ab, was etwa durch Reden oder ausdrucksvolles Schweigen uber ihre Beziehungen zu dem Ziel der Reise der jungen Manner angedeutet werden konnte; sie ging sogleich auf die fur eine solche Reise ungunstige Jahreszeit uber ...

So werden Sie vielleicht Ihren Herrn Vetter, den Domherrn begleiten? fragte die Grafin, die gern auf die Verwahrlosung des Volks und Erdbodens durch geistliche Herrschaft zuruckgekommen ware ...

Ich glaube nicht, sagte Benno. Die Amtspflichten, die dem armen Neuling aufgeburdet werden, sind so schwer, dass er vor Ende der Woche nicht frei wird. Und ich hore auch, es ist besser, er kommt so spat wie moglich. Das ganze Stift Heiligenkreuz, alle Damen der Umgegend, Comtesse Paula an der Spitze, sticken einen in 24 Theile getheilten Riesenteppich, der an dem Tage, wo Bonaventura zum ersten male in St.-Libori1 die Messe liest, am Hochaltar ausgebreitet liegen soll. Seit dem Tage schon, wo seine Ernennung auch zum dortigen Archipresbyter bestimmt war, arbeiten sie daran. Inzwischen ist der Kirchenstreit dazwischengekommen und nun musste alles thatig sein, um fur den gefangenen Kirchenfursten Weihnachtsgeschenke zu fertigen. In der Festung, wo er verweilt, soll die Post zu Weihnachten ein ganzes Zimmer voll Packete gehabt haben, die allein nur an ihn adressirt waren. Seitdem sind die 24 Damen zu dem Teppich zuruckgekehrt und arbeiten nun Tag und Nacht daran, dass sie von der Ankunft meines Vetters nicht uberrascht werden.

Piter hatte glucklicherweise soviel Geistesgegenwart, sich zu besinnen, dass die Grafin an dieser Schilderung einigen Anstoss nehmen musste und beendete nicht ganz ein fast heftiges: Erlauben Sie, das ist eine Verwechselung! In unserer Stadt a l l e i n war auf der Post ein ganzes Zimmer voll2 als ihn ein niederschmetternder Blick Thiebold's bedeutete, die Grafin reden zu lassen, die Pitern erst schweigend ansah und dann mit einer ernsten Miene sprach:

Mogen die Damen nur den klugen Jungfrauen gleichen, die ihre Lampen in gutem Zustand hielten, als der Brautigam kam!

Benno fuhlte, dass es Zeit sein konnte, auf diese feierliche Aeusserung aufzubrechen und Thiebold wunschte dies um so mehr, als Piter die "horrible Dreistigkeit" oder Betise besass, unbekummert um ein biblisches Citat die etwas schlecht brennende Lampe auf dem Tische zu fixiren ...

Armgart's Mutter hielt sie noch fest oder setzte doch das Gesprach unwillkurlich fort, indem sie den Amtseifer des jungen Domherrn ruhmte und diesen in Vergleichung brachte mit dem bequemern System des Dechanten, nach dessen Befinden sie sich erkundigte ...

Benno schilderte die mannichfache Aufregung, die es seither fur die Dechanei gegeben hatte. Zwar waren bei Beda Hunnius sammtliche Papiere mit Beschlag belegt und von der Regierung theilweise der Oeffentlichkeit ubergeben worden, doch zwang der Gegendruck der Volksaufregung auch den Dechanten, diesmal seiner Lassigkeit zu entsagen. Die Majorin Schulzendorf kam nicht mehr in die Dechanei. Alles stand auf dem Kriegsfusse. Die dem Morder der Schwester der Frau von Gulpen abgenommenen Werthpapiere hatten ein ansehnliches Vermogen ergeben, das dem Laienbruder Hubertus im Kloster Himmelpfort bestimmt war. Dieser, ohne alle Verwandtschaft, hatte das Geld seinem Kloster zu uberlassen ... Auch daruber gab es vielerlei Aufregungen fur den Frieden des Dechanten, den also nicht mehr allein der nachtliche Ruhestorer Lolo um seine behaglichen Traume brachte ...

Nun, unterbrach Monika die lebhafte Mittheilung, die Piter aus den Abendcirkelgesprachen seiner Mutter erganzen und zu Thiebold's erneutem Verdruss berichtigen wollte; nun, so wird es die hochste Zeit sein, dass der alte liebe Herr sich in Wien bei seinen Freunden und Freundinnen erholt! Wer ihn dort beobachtete, musste immer beklagen, dass die Zeit der Abbes voruber ist ...

Da die Grafin diese Erorterungen zu ignoriren schien und sogar, der peinlichen Erwahnung des Mordes und der neulichen Hinrichtung ausweichend, wieder die Rechnung des Wirthes zu betrachten angefangen hatte, war es in der Ordnung, dass sich alles erhob und Abschied nahm.

Monika reichte Benno und Thiebold die Hand ... Ein magisches Band ist es, das eine Mutter mit dem Manne verbindet, der sein Herz ihrem Kinde weiht! Selbst wird sie daruber noch einmal wieder jung, fuhlt ihr Herz machtiger schlagen und theilt fast alle Empfindungen ihres Kindes. Oft sogar kann eine Mutter darunter leiden, wenn ihr Kind dem Ideal von Gegenliebe nicht entspricht, das ihr selbst davon noch im Herzen lebt. Sie weiss, was Liebe ist, was Liebe sein muss, sein kann und ihr Kind lasst den Mann, der sie liebt, oft launisch, oft nur kalt erwidernd, am Frauenherzen verzweifeln ...

Beiden Bewerbern gab Monika ihre Hand und wunschte ihnen schmerzlich lachelnd eine gluckliche Reise! ...

Blicken wir nur einen Moment noch den sich Empfehlenden nach, so sehen wir, dass, unten angekommen, Thiebold Bennon schon deshalb in Piter's leidenschaftlich offerirten Wagen zog, um ihn zum Zeugen zu machen des Ausbruchs seiner verhaltenen Empfindungen uber Piter's Benehmen. "Kattendyk! Wie S i e sich wieder benommen haben!" Dies Thema wurde variirt in allen Tonarten und sogar ohne Widerspruch; denn Piter rechnete auf vollkommenste Aussohnung und Uebereinstimmung vor dem Austernbret, auf das er seine Gefahrten eingeladen und dessen Annahme nur insofern noch eine Modification erlitt, als Thiebold seine Entzuckungen uber die Nachsicht Monika's und der Grafin, zu denen er vom "Ruffeln" ubergegangen war, zuletzt selbst unterbrach und die Austern auf der Apostelstrasse fur besser erklarte als die auf dem Hahnenkamp. In solchen Dingen gab Piter seinen Freunden nach. So flogen nun alle drei auf die Apostelstrasse, wo, von gleichem Instincte beseelt, auch bereits Joseph Moppes, Clemens Timpe, Gebhard Schmitz, Weigenand Maus und Alois Effingh am runden Tische sassen und, die Eintretenden erblickend, sie mit einem in der That von Herzen kommenden, sturmischen: Hurrah! empfingen.

Vortreffliche junge Manner das! sagte inzwischen wiederholt die Grafin, verlor sich jedoch immermehr in eine jetzt ungestorte Revision ihrer Reisekasse und sprach ihr Bedauern uber den Entschluss der Baronin, sie nicht einmal bis zum Meeresufer zu begleiten, schon nur noch mechanisch aus ...

Ist es nicht auch besser, liebe Grafin, sagte Monika, dass ich die Wohnung so lange behalte, bis ich an Terschka geschrieben habe, Ihre Rechnung durch das Haus Fuld berichtigen zu lassen? Sie werden diese hohe Summe nicht erwartet haben und sie nicht gut entbehren konnen. Reisen wir beide, so musste sie bezahlt werden; bleib' ich zuruck, so hat es Zeit damit ...

Diese Auskunft gefiel der Grafin. Seit vielen Jahren war sie gewohnt, mit dem "ungerechten Mammon" auf eine Weise "Freundschaft" zu schliessen, die durch ihre Bibelauslegung erlaubt und durch ihre Lebenslage bedingt war ... Ihr seht zu stolzen Palasten auf! Ihr beneidet das Loos der Glucklichen, die sie bewohnen!

Die Grafin wollte zeitig zur Ruhe gehen ...

Sie hatte noch etwas auf dem Herzen ...

Anknupfend an den Brief des "Onkel Levinus" begann sie, als gegen neun Uhr die wie zur Schlacht larmende Runde von zwanzig Trommlern in den Strassen voruber war:

Sie wollen Terschka schreiben?

Ja! erwiderte Monika unbefangen ...

Nach einer kleinen Pause fuhr die Grafin fort:

Wie beklag' ich Sie, dass Sie nun wieder so allein stehen wollen in dem feindseligen Streite der Leidenschaften! Glauben Sie an eine Aussohnung mit dem Obersten?

Es gibt Dinge, die kein Gatte vergibt! erwiderte Monika mit halblauter Stimme und fast ahnend, worauf die Grafin zielte ...

Traurig aber, sagte diese, ewig noch einen Theil der Kette zu tragen, von der man sich losriss! Gewiss denke ich mit dem Apostel: "Bist du an ein Weib gebunden, so suche nicht los zu werden. Bist du aber los vom Weibe, so suche kein Weib!" Ich deute das auch auf uns Frauen. Aber in dem Worte Gottes ist das Eine unerlassliche Vorschrift und das Andere weiser Rath. Fast alles, was uns die Apostel, ohnehin Sendboten des Herrn ohne Herd, ohne Familie, uber die Ehe rathen, gehort den weisen Rathschlagen an. Auch standen damals die Frauen nicht auf der Hohe, auf welche sie eben erst spater der Sieg des Evangeliums stellte. Sie waren den Sklavinnen naher, als der gleichberechtigten Bildung und Liebe. Da sie nicht wider den Geist Gottes, sondern nur gegen die apostolische Weisheit geht, ist die Ehescheidung auch keine Sunde. Der Apostel sagt es ja selbst: "Solches sage ich euch aus Vergunst, nicht aus Gebot." Es sind Vorschlage a discretion. Auch spricht Paulus uber die Frauen leider wie aus eigener bitterer Erfahrung und wie aus einem ganz weltlichen Geiste. Fest aber steht des Allmachtigen Wort: "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Die Ehe ist eine Heilsanstalt Ihre Kirche, die sie zum Sakrament machte, ubertrieb das nur. Wie wenig Neigung Sie fur die Irrthumer Ihres Glaubens haben, weiss ich ja! Sie sollten sich Freiheit gewinnen und den Schwankungen eines so haltlosen Lebens entfliehen vielleicht durch eine neue Wahl

Monika sass auf dem Sessel neben der Grafin, die noch auf dem Sopha geblieben war. Sie blickte nicht auf ... Vor dem Allerheiligsten erbebt die Seele und verstummt der Mund ...

Die Grafin ruckte Monika naher und ergriff die kalt gewordene Hand der vielgepruften Frau ...

Ihr Kind hat gegen Sie Partei ergriffen! sprach sie mit weicherer Stimme, als man sonst an ihr gewohnt war. Die Verwandte betheuern zwar freundliche Gesinnungen, aber das sind leere Worte. Das Gesetz spricht Ihre Tochter dem Vater zu. Sie haben Herrn von Hulleshoven, wie Sie immer sagten, blindlings genommen, nur um einer andern Verbindung zu entgehen, und Sie konnten sich nicht an ihn gewohnen. Ihr Herz trug ein Ideal, dem er nicht entsprach. So hatten Sie ja im Grunde nie geliebt. Jetzt, gestehen Sie, Monika Terschka ist Ihnen nicht gleichgultig?

Monika erhob sich. Es lag keine Bestatigung dieser Vermuthung in ihrer Bewegung. Sie musste sich nur erheben, um gleichsam die schwere Last abzuwalzen, die sich mit diesen Worten auf ihre Brust warf ...

Sie wissen, auch Terschka, fuhr die Grafin fort, auch Terschka wurde keinen Anstand nehmen, Ihrem Beispiel zu folgen. Einer alten Familie der Hussiten gehort er ohnehin an. Haben auch viele anfangs geglaubt, er wurde meinen Sohn im Glauben seiner Vater wankend machen und horte ich Warnungen uber Warnungen uber diesen so engen Umgang, so hat sich doch keine der Befurchtungen bestatigt. Terschka unterhalt die loseste Verbindung mit seiner Kirche. Bliebe er der Verwalter unserer neuen Besitzthumer, wer sollte ihn hindern, seiner Liebe ein Opfer zu bringen? Denn dass Sie, Monika, sein ganzes Leben erfullen und von ihm ich brauche das sundhafte Wort angebetet werden, wissen Sie!

Nein, nein! erwiderte Monika mit erstickter Stimme, ging auf und nieder und hielt sich, da sie nicht weiter konnte, am Fenster, wo sie in die Nacht starrte ...

Unerschrocken aber fuhr die Grafin fort:

Leugnen Sie nicht, meine junge Freundin, dass es Sie mit machtigem Reiz erfullt, zu sehen, wie ein noch junger, geistvoller, liebenswurdiger Mann Ihnen huldigt und nur fur Sie zu leben scheint! Anfangs glaubt' ich, als Sie in unsere Kreise traten und so schnell uns alle gewannen, dass auch mein Sohn vor Bewunderung vor Ihnen o! diese unselige Leidenschaft, die ihn fesselt!

Mit einem Schmerzensausdruck, den Monika fur diese Gedankenreihe an der Grafin noch nie vernommen hatte, unterbrach sie sich selbst, hielt inne und stand jetzt selber auf, weil auch in ihren Adern das Blut machtiger zu kreisen begann ...

Monika, selbst des Beistandes bedurftig, wandte sich vom Fenster ab und trat der hohen Gestalt entgegen, deren Hande in der ihrigen zitterten ...

Dann aber fuhr die Grafin gesammelter fort:

Es ist gut, mein Kind! Ich habe mich an diese Schickung Gottes gewohnt! Angiolina bewahrte meinen Sohn vielleicht vor Schlimmerem; denn wie Terschka und er b e g a n n e n das sind Erinnerungen! Aber ein milderer Geist kam uber beide, und das hab' ich immer fur unsern Beruf gehalten, den zu fordern und zu mehren, selbst mit eigener Aufopferung! Ich weiss nicht, ob Salomo mit dem Worte: "Ein holdseliges Weib erhalt die Ehre", auch die Ehre des Mannes meinte; aber meine Erfahrung und sie ist alt lehrte mich, dass ein Weib das ganze irdische und ewige Gluck eines Mannes in Handen haben kann. Seit Hugo und Terschka Sie kennen, Monika, hat selbst mein Wort einen ganz andern Klang fur sie gewonnen! Noch kurzlich schrieb mir Hugo: Mutter, wenn ich doch auch Terschka ganz, ganz glucklich haben konnte! ... Ich weiss es, dass es fur ihn kein anderes Gluck auf Erden geben konnte, als Sie sein zu nennen, Monika!

Die gefolterte junge Frau warf sich, heftig den Kopf schuttelnd, mit weinenden Augen an die Brust der heute so milden Greisin ...

Wir nehmen Abschied, schloss die Grafin; bleiben Sie in dieser Stadt, bis ich zuruckkehre! Wahlen Sie eine kleinere Wohnung! Terschka wird oft heruberkommen mussen! Geben Sie dem Schmerz des vielgepruften Mannes Gehor! Wie hat auch ihn das Leben hin- und hergeworfen, bis er bei einem Wesen angekommen ist, das ihm mit Recht ein kostlicher Schatz erscheint. Sie wissen, wie ich Sie liebe! Ja, Monika, entziehen Sie sich dem Gefuhl nicht, das Sie haben durfen, in manchen Dingen mit sich zufrieden zu sein. Noch fehlt die letzte Hand, die an Ihre Seele gelegt werden muss, die Hand eines Gartners und Winzers in Ihrem Innern, der Ihnen spricht: Der H e r r ist der Weinstock, wir sind die Reben! Das wird kommen. Geniessen Sie das Gluck, so von Menschen geliebt zu werden! Ach, es geht uns einst ein Tag auf, Liebe, wo man jede Freude beweint, die man sich entgehen liess, wo man jedes Herz zuruckhaben mochte, das man von sich stiess ... glauben Sie mir, Monika, auch an mir ziehen oft noch Schatten voruber, die mich weinend ansehen und sagen: Wir hatten uns doch auch finden konnen, warum suchten wir uns denn nicht!

Monika umschlang sturmisch, wie ein junges Mad

chen, die Greisin, in deren Augen sie zum ersten male seit dem Jahre, dass sie sie kannte, eine Thrane glanzen sah. Sie bedeckte die magere Wange, die durre Hand der Greisin mit Kussen. Sie schluchzte selbst, als musste sie all die Thranen mitweinen, deren vollen Strom sich die Matrone, trotz ihrer Erregung, versagte.

Sanft entwand sich die Grafin den Umarmungen

Monika's, kusste die Stirn der jungen Frau, strich leise die grauen Locken aus dem jugendlich schonen, durch die hochste Anspannung und Erregung wie madchenhaft strahlenden Antlitz und ging zur Ruhe.

Auf ihr Klingeln kam Porzia, die noch lange bei ihr

blieb und sich mit ihr uber den Oheim verstandigte.

Monika schlief in einem andern Cabinet ...

Wie aufgeregt sie durch diese Scene war, bewies

sie am folgenden Morgen. Die Grafin kam auf das Besprochene nicht wieder zuruck; sie reiste gegen elf Uhr ab ... Im Wagen fand sie Blumenstrausse von kostbaren Treibhauspflanzen, die ihr Benno und Thiebold hatten hineinlegen lassen.

Monika, nun allein in der grossen Wohnung, die sie nur so lange behielt, bis von Terschka Geldanweisungen gekommen waren, irrte wie am einsamen, ihr so unheimlichen Meere ...

Sie wollte an Terschka schreiben ... Sie konnte es nicht so harmlos, als sie wollte ... Eine Aenderung der Confession ... Scheidung ... Eine neue Heirath ... mit Terschka?! Das waren Gedankenreihen, die wie eine wilde Musik auf sie einsturmten im nachtlichen Fakkelschein, wie ein Chor im Zuge der Korybanten, wie ein Fest unter dem Schwingen des Thyrsusstabes ...

In dieser Angst des Herzens trat ihr durch die Blumenstrausse der jungen Bewerber um Armgart die Erinnerung an Bonaventura entgegen ... Sie wusste selbst nicht, was sie zog, den Pelz uberzuwerfen, sich zu verhullen gegen die scharfer gewordene Winterluft, die am Morgen sich durch Reif angekundigt hatte, der an allen Hausern, Brucken und Baumen sichtbare Zeichen zuruckgelassen, geradezu in die Kathedrale zu gehen dem tiefdunkeln Winkel zu, wo seit vier Monden die Menschen geschart sassen, um zu einem alten Beichtstuhl zu gelangen, in dem im weissen Kleide, das Beichttuch uber sein bleiches Antlitz gezogen, Bonaventura von Asselyn die Beichte horte ...

Seit einem Jahre hatte Monika nicht gebeichtet und noch wusste sie kaum, was sie dem Ohr des Priesters vertrauen sollte ...

Ostermorgenglocken waren es nicht, nicht der heilige, von den Rundbogen einer unsichtbaren Kirche widerhallende Gesang: Christ' ist erstanden! der wie im "Faust" die Seele des Zweiflers, so auch sie zum Glauben der holden Kinderjahre zuruckzog ... Nicht in Wehmuth und Zerknirschung, nicht in Auflosung ihres Willens, nicht in wiedererwachter Liebe und Hingebung fur das Bekenntniss ihrer Jugend betrat sie die Kathedrale ... Es lebte schon lange eine feste, ernste Stimmung in ihrem Herzen. Sie ging wie zu einer letzten Prufung.

Fussnoten

1 Im dritten Buche wurde durch ein Versehen "Ludgeri" gedruckt. 2 Factischer ware allerdings seine Bemerkung gewesen.

4.

In der grossen Kathedrale liegen in den einzelnen Seitenschiffen mehr als zwanzig Altare zerstreut.

In ihrer Nahe befindet sich mit ihren doppelten Eingangen und vergitterten Zwischenwanden eine Anzahl Beichtstuhle.

Einige Schritte von ihnen entfernt stehen Banke, auf welchen sich die Beichtbedurftigen, ehe an jeden die Reihe kommt, dem Gebete widmen konnen. Diese Sitze sind entfernt genug, um weder die Rede des Bussfertigen noch den Spruch des Priesters horen zu lassen, der oft statt der Absolution nur einen allgemeinen Segen ertheilt. Niemals darf es ersichtlich werden, ob Jemand den Beichtstuhl im Stande der Ungnade verlasst.

In einem Gang, der sich von der Sakristei hinter dem Aufgang zur Kanzel, die das kleinere Vorderschiff beherrscht, zum Hochaltare hinzieht und in einem einzigen grossen, drei Altare erleuchtenden bunten Fenster endet, liegen einige Beichtstuhle allein und tief im Dunkeln.

Es ist die einsamste und dem Andrang der Glaubigen gewaltigen, in manchen Tagen einem Marktplatz gleichkommenden Baues.

Um den Schritt der Vorubergehenden zu dampfen, liegen auf dem Fussboden Strohmatten ausgebreitet. Uralte Grabdenkmaler bedecken die eine von der Sakristei ausgehende Wand, hohe Bischofgestalten mit Krummstab und Mitra; ihre Namen sind nur an sonnenhellen Tagen zu lesen, wie an jenem, wo an ihnen Pater Sebastus sich zu gewohnen suchte, wie er, ein Meister des Worts, von einem grosseren Meister, der nun auch wieder den seinigen gefunden, fur einige Tage auf ein einfaches Ja und Nein gesetzt werden konnte.

Nur der letzte dieser Beichtstuhle, dem Hochaltare zu, ist allein von dem bunten Lichte des Fensters ein wenig erhellt, dem er zunachstliegt. Die beiden andern liegen so im Dunkeln, dass sowol die Seele, die hier sich aussprechen will, sich von aller Freude und allem Leid der Welt geschieden glauben kann, wie der horende Priester von der ganzen Heiligkeit seines Berufs sich durchdrungen fuhlen muss, soll ihn nicht, wie wol auch geschieht, gerade die Abgeschiedenheit dieser stillen Zwiesprache auf weltliche Gedanken fuhren ...

Seit vier Monaten war es in diesem dunkeln Gange seltsam lebendig geworden. Die Banke, die dem Beichtstuhl gegenuberlagen, wurden am Dienstag und Donnerstag Morgens und Sonnabends Nachmittags und in der allerersten Sonntagsfruhe von Beichtbedurftigen nicht leer. Soviel Stunden hatte man ausdrucklich von der Kanzel und durch Anschlag an die Kirchenthuren be- oder nur Neugierigen gerade entgegengesetzte Gegend des willigen mussen, um den Zudrang nur einigermassen zu befriedigen ...

Dieser galt nur dem ersten der der Sakristei nahe gelegenen Stuhle ...

Auf dem alterbraunen Holze sass seit vier Monden der neue junge Domherr, dem sogleich Ende September einige Messen und Predigten die Herzen der ganzen Stadt gewonnen hatten. Die hohe Wurde seiner Erscheinung, die Milde seiner niedergeschlagenen Augen, ihr Glanz, wenn er die langen schwarzen Wimpern erhob, die feierliche und wieder so naturliche Art seines Benehmens, der Wohlklang seiner Stimme, alles das hatte ihm sogleich den Antheil derer gesichert, die zunachst nur auf Aeusserliches sehen, vorzugsweise derjenigen Frauen, die auch in ihrem kirchlichen Leben gewohnt sind, immer nach "dem Rechten" zu suchen. Und zu denen dann, die nur vom Aeusserlichen sich angezogen und, wie es in solchen Fallen zu gehen pflegt, sich fast magnetisch beruhrt fuhlten, gesellten sich andere, die auch den Kern dieser lockenden Schale erquickend fanden. Sie mehrten sich von Tag zu Tage. Der junge vom Lande berufene und so schnell beforderte Priester fesselte durch den Geist seiner Vortrage ebenso wie durch den Schwung des Vortrags. Redete er, so waren das fur Predigten bestimmte Vorderschiff und der Chor uberfullt. Vertheilte er den Leib des Herrn, so drangten sich die danach Begehrenden. Und bald auch, da ihm Beichtabnahme erlaubt wurde, war sein Ohr belagert von denen, die das Bedurfniss der Busse und Suhne hatten. Die beiden andern Stuhle waren nur in den Sonnabendnachmittagstunden massig besetzt ...

So hochheilig das Sakrament der Busse gehalten wird, hangt es doch mehr als irgendeine andere Institution der Kirche von der Personlichkeit des Priesters ab. Diese Kirche, die aus dem Gottesdienst alle Zufalligkeiten der Individualitat entfernt wissen will, die ihre Erhabenheit auch darin findet, dass am Indischen Meerbusen und am Fusse der Cordilleren das Heiligste ebenso celebrirt wird, wie in einem Alpenthal der Schweiz oder in der Grabkapelle zu Jerusalem, muss im Beichtstuhl die Abhangigkeit ihrer Wurde von den zufalligen Personlichkeiten ihrer Priester ertragen. Sie kann schon die Aufforderungen, den Beichtstuhl haufig zu besuchen, nur zu Mahnungen, nicht zu absoluten Befehlen machen.

Zum Stolz der Glaubigen auf den neuen jungen Domherrn kam anfangs das Lacheln der Zweifelnden. Die Manner, ohnehin der Beichte abhold, da sie den Frauen eine das Gluck der Ehe nicht eben mehrende Selbstandigkeit gibt und in das innigste Selbander zweier Menschen einen oft rathselhaft spukenden Dritten eintreten lasst, hatten den Reiz zunachst nur in der Personlichkeit des neuen Domherrn gefunden; aber auch sie kamen. Sie kamen, um scheinbar zu bekennen; doch erging es ihnen wie denen, die einst zu Johannes in die Wuste kamen. Sie hatten einen Sonderling erwartet, der Heuschrecken ass und in harenen Kleidern ging, und sie fanden Johannes, den edelsten der Bekenner, Johannes, der, selbst gross, selbst sich Gott verwandt fuhlend, doch auf einen Freund, auf einen Jugendgenossen hinzeigen und sagen konnte: Der ist grosser als du! ... In der Geschichte des Geistes eines ihrer seltensten Kapitel.

Gleich bei seinem Antritt hatte Bonaventura, der die in ihm entstandene gebrochene Stimmung seines Innern zu einer Aenderung seines Berufes nicht mehr ausbilden konnte, vom Kirchenfursten aufbekommen, in seiner Antrittsrede den Text zu behandeln: Petrus, der im Oelgarten, als Judas mit den Herrschern der weltlichen Gewalt kam, dem Herrn sagte: Siehe, Herr, hier sind zwei Schwerter! ... Im Sinne Roms ist das eine dieser Schwerter, das dem Knecht des Malchus ein Ohr abhieb, die seit zwei Jahrtausenden angestrebte auch weltliche Gewalt der Kirche und das andere die unblutige nur kirchliche. Dies Thema war wie eine Versuchung. Viele weltliche Behorden wohnten der ersten Einfuhrung des neuen Domherrn bei. Michahelles hatte darauf gerechnet, dass sich Bonaventura sogleich dem Geiste der beiden Schwerter Petri anschliessen und fur sich ein offentliches Zeugniss ausstellen wurde. Doch lobte spater der Kirchenfurst selbst den jungen Priester um die geistliche Klugheit, dass er die verlockende Aufforderung, gegen die nachgeborenen, mit Titeln und Orden geschmuckten Genossen des Judas Ischarioth zu reden, nicht in zu auffallender Form ergriff, sondern einen Mittelweg einschlug, der allerdings in der Theorie mehr sagen konnte, als der gegebene Text des Lucas sagen sollte, nur in der Praxis weniger. Der Antrittsredner hatte zu den zwei Schwertern des Petrus noch zehn andere hinzugefugt, von denen der Evangelist Marcus erzahlt. Der Heiland hatte, sagt Marcus, die Junger erst aufgefordert, dass "jeder von ihnen sich ein Schwert" zulege und es zum Kampfe kommen lasse; dann aber hatte sich der Herr in seiner Liebe auf ein milderes besonnen und gesagt: "Stecke dein Schwert an seinen Ort; denn wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen! Oder meinst du, dass ich nicht konnte meinen Vater bitten, dass er mir zuschickte mehr denn zwolf Legionen Engel?" Und uber diese "zwolf Legionen Engel", diesen ewigen Entsatz der bedrangten Kirche, nicht uber die zwei oder zwolf unbedeutenden Schwerter, predigte Bonaventura. Mit einer Begeisterung, die ihn in solchen Augenblicken die nagenden Zweifel ganz vergessen liess, schilderte er diesen ewigen Beistand, den in der Weltgeschichte seit dem Sundenfall und dem Verlust des Paradieses das Gute zuletzt doch immer wieder am Guten gefunden hatte. Diese zwolf Legionen Engel, die ewigen Wahrheiten der Weltregierung, die immer wieder die Herrschaft der Bosen gesturzt hatten, waren ihm jene Thatsachen, die mit Schwertern, ofter mit Palmen und klingendem Saitenspiel uber die wildesten Schlachtfelder hinwegrauschten, in Hutten wohnten den Palasten gegenuber, ja in der eigenen Brust der Tyrannen und Bedranger der Menschheit, wo sie nicht selten die Gestalt der Traume angenommen hatten ... Wie die Tyrannen dann gezwungen gewesen waren, schilderte er, einen Joseph zu rufen, der die Traume zum Wohl der Menschheit hatte deuten durfen, oder einen David, der sie hatte beruhigen mussen durch die Zauber der Kunst ... Diese zwolf Legionen Engel schilderte Bonaventura als den Trost und die Zuversicht in jeder Bedrangniss der Menschheit. Alle sahen sie, wie er mit hoch emporgehaltenen Handen die Leiden der Erde schilderte, sahen diese mit Schwertern bewaffneten Engel, horten sie wie mit Posaunen in den Kampf rufen, fuhlten ihr Schmettern und ihr Schwertschlagen und das Drohnen ihrer Schilde in den Luften. Dann aber rief begeistert der Redner die Phantasie von ihrem Fluge zur Erde zuruck, legte die Hand auf die Brust und sprach: Wo anders lage das Schlachtfeld dieses grossen Kampfes des Guten gegen das Bose, das Schlachtfeld, das die eigentliche Entscheidung der Dinge dieser Welt gibt, als in dem Herzen und dem Gewissen und der Furcht Gottes eines "Jeglichen unter uns"!

Was sodann der Kirchenfurst, ganz nach Sebastus' Prophezeiung, zunachst gehofft zu haben schien, als er von einer kleinen Dorfpfarre diesen Priester in die grossen Hallen seiner Kathedrale rief, war schon in kurzer Zeit eingetroffen. Vorzugsweise war es die Belebung des Beichtstuhls gewesen, auf die man gerechnet hatte. Diesen, wie alle Institutionen der Kirche, selbst die veraltetsten, in grossere Aufnahme zu bringen, wurde immer mehr zur Taktik des grossen Feldzugs, dem hier und dort auch andere Kirchenfursten die Oriflammen vorantrugen. Durch den Beichtstuhl war die mehrfach angedeutete Philosophie getodtet worden. Der Beichtstuhl theilt die von Rom empfangene Parole aus. Der Beichtstuhl ist das Mittel, die Fursten wieder in die Busserhemden von Canossa zu jagen. Der Beichtstuhl regelt, erzieht und straft die Leidenschaften und keine mehr als die Liebe und den Hass. Der Beichtstuhl gibt Rathschlage und fur nichts mehr, als fur die Verwickelungen und das Nebeneinander der Menschen und fur kein Nebeneinander mehr, als fur das in der Ehe ... "Aber auch die grosste Kraft der Opposition g e g e n den Beichtstuhl", rief einst Benno, der in Beichtstuhlen das Rathsel seines Lebens begraben glaubte, "liegt ebenfalls in dem, was unserm Jahrhundert das Heiligste geworden ist, in der Ehe und in der Familie. Wie mancher Vater halt seine Tochter von der Beichte zuruck, weil sie dort wie oft! nach Sunden gefragt wird, von denen die Unschuld ihres Herzens und ihrer Phantasie keine Ahnung hat. Der Gatte sieht sein Weib mit Schmerz zur Beichte gehen; denn er kann die Vorstellung nicht verbannen, sie vollzoge einen Act der Untreue, die es zwischen Liebenden auch in geistigen Dingen geben kann "

Bonaventura aber sass an dem grossen Ohre des Dionysius und horte die Bekenntnisse der Menschen noch in dem Glauben, dass er Gutes verrichtete, Wahres und Erlaubtes. Fiel ihm auch immer und immer die lateinische Zuschrift aus Italien ein: Quando quis tibi occurrit er schrieb das, was zwischen dem Kirchenfursten und dem Monche vor sich gegangen, auf Rechnung nur des romischen Wesens. Der Grund des Katholischen selbst schien ihm unerschutterlich. Bonaventura glaubte an die hochste Bedeutung der Beichte ...

Doch schon die erste Erfahrung! ... Es hatte sich verzogert, dass mit seiner Amtseinfuhrung auch zugleich Tag, Stunde, Ort seiner Beichtabnahme verkundigt wurde ... Im Anfang des October erst war diese Angabe gekommen und nicht allgemein sogleich war sie selbst nach dem Anschlag bekannt geworden. So sass er eines Morgens fruh sieben Uhr schon in seinem Stuhl zur ersten Anhorung und war noch allein ... Den Tag vorher hatte er der Einweihung der Kirche in Drusenheim beigewohnt. Das schone Fest stand noch vor seiner Phantasie fast wie ein materiell ihr eingepragtes Bild. Erregten Naturen ist nach einer grossen Anstrengung ein Auge gegeben, wo, wie auf der feinen Silberplatte des Lichtbildes, gegen unsern Willen ein Eindruck ebenso sinnlich haften bleiben kann, wie oft auch das Ohr von einer Melodie nicht verlassen wird, ohne dass wir im Willen haben, sie zu singen ... Ein Beweis fur die Unsterblichkeit der Seele das! sagte sich Bonaventura. Ein Bild, eine Melodie bleibt gegen unsern Willen im Auge oder Ohre haften! Warum hor' ich nur immer noch den Gesang des Veni creator spiritus? Warum seh' ich nur noch immer das feierliche Wandeln der Procession um die neu zu weihende Kirche? Nichts ruf' ich davon; alles kommt von selbst! Die Seele hat ihr Eigenleben und ist von unserm Willen und Bewusstsein getrennt! Sie ist unsterblich!

So sass er sinnend, traumend und sah auch seinen Abschied von St.-Wolfgang ... Die Abwickelung der pfarramtlichen Geschafte war bald voruber gewesen, der kleine Hausrath bald verpackt; selbst den wichtigsten Bestandtheil desselben, die Bucher, ubernahm Renate nach dem Orte der neuen Bestimmung, in das grosse "kaltgrundige" Kapitelhaus zu uberfuhren. Alle Welt sah Bonaventura mit Betrubniss scheiden. War er auch einer von denen, die dem Volke immer, auch bei Gruss und Handschlag, "hochdeutsch" erscheinen werden, so blieben ihm doch Liebe und Anerkennung nicht aus. Die Manner gaben ihm, als er zunachst nach Kocher am Fall zum Trosten des dortigen grossen Leides abreiste, das Abschiedsgeleite und schieden zuerst; eine Viertelmeile weiter folgten noch die Frauen; dann eine fernere Viertelmeile die jungen Bursche und die Madchen, die ihr Abschiedsgefuhl mit Blumenspenden ausdruckten; am weitesten folgten die Kinder, die ein Fahnlein trugen. Diesen schenkte er, beschienen vom Abendroth, abgestiegen von seinem Wagelchen, seinen letzten Vorrath von Heiligenbildern und entliess die kleine Ehrengarde, die ihm so ausdauernd gefolgt war und in der Gluckseligkeit uber die Bilder fast das Gebot der Mutter, ihm die Hande zu kussen, vergass, mit seinem Segen furs ganze Leben und auf Nimmerwiedersehen ... Einen Theil seines eigenen Lebens lasst ein Hirt so zuruck, wenn er von seiner Heerde scheidet ... Dann fand er die Aufregungen in Kocher! Die Ermordung der Schwester der Frau von Gulpen! Den Onkel noch in besonderer Verzweiflung uber die schnelle Erfullung seiner Besorgnisse wegen so enger Kettung des Neffen an die Romlinge! Da Bonaventura schon nicht mehr widersprach, traten um so scharfer die Worte des Dechanten hervor: Wir werden noch zu Derwischen werden! Lies die Sprache unserer Kirchenzeitungen! Vergleiche die Ausdrucke, die im Streite Menschen gebrauchen, die sonst nur um die Passionsblumenkrone der heiligen Muse ringen! ... Beda Hunnius war gemeint. Dieser hatte Bonaventura's Besuch empfangen, verzehrt vom Neide auf die Ehren, die an ihm vorubergingen. Die von Schnuphase ihm in Aussicht gestellte Ernennung zum Ehren-Kanonikus war nicht eingetroffen. Wie hielt er dem Collegen die Theuerung der grossen Stadt entgegen, die Muhen eines solchen Amtes, die Abhangigkeit von den Vorgesetzten, denen man zu nahe geruckt ware! Hunnius gab sich die Miene, als ware der junge Domherr nur zu bemitleiden ... Und in der Dechanei selbst war noch keine neue "Nichte" angekommen und der Dechant verdriesslich uber alles, uber Gott und die Welt. Als Bonaventura von dem Obersten zuruckkam, gramelte er gegen jeden. Ich muss auch den Obersten und Hedemann, sagte er, ernstlich auffordern, die Messe zu besuchen und die Beichte! Warum kommen sie nicht wenigstens zu mir! Wahrhaftig! Ich mache es doch so leicht! ... Glucklicherweise, setzte er hinzu, rusten sich beide, unsere Gegend zu verlassen ... In der Erorterung auch uber Armgart, ihre Flucht, uber das Schicksal der armen Angelika, die nun irgendwo eine neue Stellung finden musste, uber den Process des Hammaker, dessen vorauszusehende Hinrichtung brach der Dechant, als Windhack gerade einige neue Kupferstiche brachte, Ausgrabungen in Ninive darstellend, in die Worte aus: O ich hatte lieber vor zweitausend Jahren leben mogen! Himmel, aber auch damals regierten schon die Romer! Nun, dann war' ich ein Priester des Osiris gewesen, Windhack ein Sternseher auf den Pyramiden und unsere gute Frau von Gulpen da die schone Kleopatra! Nicht wahr, dann hatten wir alle drei die ganze romische Welt schon damals so ruinirt, dass sie nie wieder hatte auferstehen konnen! Wenn dereinst und nur zu bald alles aus sein wird, alles, alles wie gerne kroch' ich da in den ungeheuern Cheops oder in eine von den grossen Sphinxen und erwartete das Jungste Gericht als Mumie! Und Windhack und die Tante legten sich auch als Mumien neben mich! Bitte, warum denn nicht? Hunnius musste zu unserer Einbalsamirung das Raucherwerk liefern; alle Spezereien, alle Myrrhen, Aloes, alles, was in seiner Dichterapotheke an wohlriechenden Krautern gefuhrt wird! Das gabe eine Genugthuung, wenn am Jungsten Tage alles verfallen und Staub geworden ist und wir drei nur krochen aus unsern Cocons heraus, lachend wie die Kobolde, roth und frisch geschminkt, so wohlbehalten, ja hungerig, als waren wir gestern erst bei Major Schulzendorf zu Thee und Abendbrot gewesen!

Alle diese Bilder zogen an Bonaventura voruber, blitzschnell, auch Lucinde und Sebastus mischten sich beangstigend ein sogar ein Schnuphase der menschliche Geist ist ein Vorrathshaus, zu dem der Wille nicht den Schlussel fuhrt und doch sollte des Priesters innere Betrachtung und Sammlung der Beichte selbst gelten. Seine Furcht war: Wirst du auch durch die einfachen Lebensvorgange des Landvolks die Uebung gewonnen haben, dich in die Bekenntnisse dieser Grossstadter zu versetzen? Seine Hoffnung war: Vielleicht nehmen die Stadter kaum so vielen Anstoss an den harmlosesten Dingen wie die Landbewohner! ... Bonaventura war vielleicht in St.-Wolfgang mehr schon der Vertraute der Neidischen und Misgunstigen gewesen, als diese Untugenden in den Stadten eingestanden werden. Schon trug er so schwer, tiefschwer an der Last der Sunden, ja Verbrechen, die in das Beichtohr der katholischen Kirche geraunt werden und oft nie vor die Richterstuhle der Erde gelangen. Selbst auf das Wunderlichste war er vorbereitet. Auf dem Lande war ihm schon vorgekommen, dass ihm im Beichtstuhl eingestanden wurde, man hatte von der in der Communion dargereichten Oblate nur die Halfte im Augenblick der heiligen Handlung verzehrt und sich den Rest aufbewahrt fur eine passende Gelegenheit, um ohne den Priester den Leib des Herrn noch einmal zur Starkung zu geniessen. Man hatte reuevoll gefragt, was von dieser Sunde zu halten sei? Die Weisheit der romischen und spanischen Gewissensrathe antwortete statt seiner: Hatte die Frau, die der Fall traf, in Verehrung vor dem Leib des Herrn so betrugerisch gehandelt, so wird sie losgesprochen; wusste sie aber und kannte die Verbrechen, die sie alle beging (das eigene Ergreifen der heiligen Gestalt mit ungeweihter Hand, das Tragen derselben in ungeweihten Kleidern, den Gottesraub, dass sie sich selbst zum Priester wurde beim Empfangen der allerdings vollig ausreichenden zweiten Halfte, endlich dass sie sich das Allerheiligste reichte im Stande der Todsunde), so hatte sie vier schwere Sunden begangen, fur welche ihr erst nach langer Busse die Verzeihung des Himmels vom Priester verburgt werden konnte ... In solchen Gewissensconflicten ubt sich selbst die Seelsorge eines Landpfarrers ... Und so konnte sich der junge Domherr vertrauensvoll das Haupt in die Zipfel seiner Stola hullen, gefasst das Schiebfensterchen rechts oder links aufziehen und auf das Beichttuch gebuckt horen, welche Vergehungen ihm eingestanden wurden. Sein Herz schlug hoher, als er eben die Hand ausstreckte, um den ersten Beichtbedurftigen zu vernehmen, den er auf dem Holze zu seiner linken niederknieen horte ... O, sagte er sich, wie viele Vergehen hast du doch schon im Keime erstickt! Wie viele Rathschlage gegeben, Rathschlage, den bessern Theil und den Frieden zu wahlen, wenn auch zu einstweiliger eigener Verkurzung! Wie manches Entwendete war still wieder auf den Platz zuruckgelegt worden, von wo es genommen! Wie mancher Arme hat durch dich eine Spende empfangen, er wusste nicht wie und warum und von wem! ... Dem poetischen Wesen Bonaventura's entsprachen Bussformen, wie: Gehen Sie und geben Sie dem ersten Armen, der Ihnen begegnet und dem Sie, auch ohne dass er Sie anspricht, seine Bedurftigkeit ansehen, nach dem Masse Ihrer Krafte, ohne dass es jemand sieht! Gehen Sie in eine Armenschule und steuern Sie fur das jungste der Kinder, die nur in Holzschuhen oder barfuss gehen, eine Gabe! Knieen Sie in der nachsten Messe neben demjenigen in der Gemeinde, der Ihnen nach einem kurzen und nicht auffallenden Umblick in der Kirche durch den Zustand seiner Kleider als der Aermste erscheint! .. Selbst an Treudchen Ley konnte sein liebevoller Sinn denken und an die Geschwister derselben, fur die er im Waisenhause auf diese Art sorgen wollte ... auch an die Kerze, die er einst Lucinden befohlen anzuzunden und niederbrennen zu lassen wahrend des 'innern Gebetes' ...

Da offnet er denn und sieht nicht einen schwarzen Sammethut, sieht nicht ein sich leicht erhebendes, schleierverhulltes weibliches Angesicht ... sein Ohr will nur horen ...

Die Formel der Anrede ist die namliche am Fuss der Cordilleren und im Indischen Archipelagus: "Ich arme Sunderin bekenne vor Gott, dem allmachtigen Schopfer Himmels und der Erden, Jesu Christo meinem Erloser, der heiligen Jungfrau und allen lieben Engeln und Heiligen und Ihnen, Priester an Gottes Statt, was ich seit meiner letzten Beichte gesundiget habe!"

Die Knieende spricht aber diese Formel nicht ...

Eine Ahnung ergreift Bonaventura ... Kaum kann er das Wort der Ermuthigung finden, das ihm sonst so gelaufig ist:

"Unser Herr Jesus Christus sei in deinem Herzen und auf deinen Lippen, damit du alle deine Sunden recht beichtest. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!" ...

Die Beichtende beginnt nicht ...

Er wendet sich, ihr Auge zu sehen ...

Ein Strahl desselben trifft ihn und die in ihm selbst fortdauernde, wenn auch nicht eingestandene Spannung auf Lucinden gibt ihm die vollkommene Befahigung, die Scene zu verstehen, die ihn aufs tiefste erschrecken musste ... Sechs Wochen einer kunstlichen Vernichtung ihrer selbst, sechs Wochen des Schmerzes, der Sehnsucht, der Erwartung hatten Lucinden in einen Zustand versetzt, der sich vergleichen lasst mit der Ansammlung atmospharischer Niederschlage, die durch plotzliches Hinzutreten reiner Luft sich in Feuer verwandeln mussen ... Nur dass fur sie diese plotzliche Erlosung, dies endliche Anredendurfen und Alleinseinkonnen mit dem, den sie zuerst, einzig, allein geliebt und den sie mit ihrem ganzen Leben liebte, den Herzenskrampf in convulsivisches Weinen verwandelte. So erliegt die harteste Natur dem allgemeinen Gesetz. Dann gibt es keinen freien Willen mehr. Irgendwie muss sich die Ueberanspannung der Seelenkrafte helfen. Sie konnen entbehren bis zum Aeussersten; tritt dann sogar die Erfullung ein, gerade dann erst recht bricht die Kraft ... Lucinde war selbst in Verzweiflung uber das, was ihr geschah. Sie hatte keine Scene beabsichtigt. Sie hatte eine Reihe von Sunden, Falschheit, Heuchelei beichten wollen, wollte sich mit keiner Tugend schmucken, wollte nur auf der ganzen Hohe ihres bisherigen Lebens schweben, den Augenblick in voller Seligkeit geniessen, dem Mann ihrer Anbetung so nahe zu sein da weinte sie wie uber zwanzig Jahre eines verfehlten Lebens und gab den nachzuzahlenden Tribut an die vielen Gelegenheiten, wo uber das Schmerzlichste ihre Augen trocken geblieben waren.

Vorgange dieser Art sind im Beichtstuhl nichts Seltenes ... Bonaventura, tieferschuttert, durfte Lucinden Zeit lassen, sich zu sammeln ... Sah er auch wol, dass sich allmahlich schon andere, die an sein Ohr zu kommen begehrten, eingefunden hatten, er bedurfte selbst der Sammlung.

Endlich sprach er:

Rufen Sie den Helfer an, von dem Sie ja wissen, dass wir auf dem Wege zur Busse vorzugsweise zu i h m zu beten haben, den Heiligen Geist!

Keine Antwort ...

Lucindens Schluchzen war jenes, das wir alle an uns kennen, ein Weinenmussen, wo wir sogar selbst sagen: Welche Thorheit ist das nun von dir! Und wir konnen doch nicht anders.

Wann haben Sie zum letzten mal gebeichtet? fragte Bonaventura mit Milde ...

Nur Thranen antworteten ...

Welcher Sunde zeihen Sie sich?

Da er die Frage nach einer Weile wiederholte, war es ihm, als horte er das Wort "aller"! So schnell aber kam es, so erstickt, so entsetzlich aufrichtig fur sein Ohr, dass er eine weitere Gewissenserforschung nicht mehr anzuknupfen wagte. Auch erhob sich Lucinde. Schlank und hoch, wie sie war, ging sie ohne Segen und Absolution von dannen. Eine Flucht war es ... Bonaventura sagte sich: Welch ein Anfang! Was wird da kommen!

Gewiss wurde dieser Theil seiner Seelsorge fur ihn der muhevollste, zehrend an seiner geistigen und physischen Kraft. Wie blickte er in die Tiefen der menschlichen Herzen! In Abgrunde, vor denen ihn Schaudern ergriff! Wie nur allein die Frauen zu ihm redeten! Solche zumal, die sein in der Stola verborgenes Auge kaum sah, denen er aber schon am Rauschen ihrer Kleider anhorte, dass sie der vornehmen Welt angehorten. Der Duft, der ihrem Haar, ihren spitzenbesetzten Taschentuchern, die sie vor die Augen druckten, entstromte, verrieth ihren Stand. Manche dieser Frauen kannte er schon durch dieselbe Atmosphare, dann denselben Ton des Vortrags, dieselben Vorwurfe, die sie sich machten, dieselben Allgemeinheiten, die er zuruckzuweisen pflegte. Viele kamen nur, um dagewesen zu sein. Wem er anhorte, dass sein Beichtbedurfniss nur eine phrasenhafte Aeusserlichkeit, ein Luxus der Gefuhle war, den unterbrach er mit dem Worte der Schrift: "Die Luge aber ist der Leute Verderben."

Das Schmerzlichste war freilich, das Uebel sehen und es doch trotz alles Vorbaues nicht im Keime ersticken konnen. Verbrechen horen und nicht anzeigen durfen! Verbrecher horen und sie nicht einmal ansehen durfen! Ihm war schon in St.-Wolfgang geschehen, dass ihm Bekenntnisse gemacht wurden von einem Knecht, der ihn selbst bestahl. Den Dieb durfte er nicht entlassen, weil jener daraus einen Misbrauch des Beichtgeheimnisses hatte entnehmen konnen.

Die Katastrophe des Kirchenfursten hatte Bonaventura voraussehen mussen und doch erschutterte sie ihn und schloss eine Weile die zwiespaltige Stimmung seines Innern. Als jungster Domherr, eben eingetreten, hatte er im engern Kapitel noch keine Stimme. Die Curie ubernahm die Regierung des erledigten Kirchenthrons. Glucklicherweise blieb der Prasident, sein Stiefvater, fern. Immermehr verblassten bei solchen Aufregungen die Schriftzuge des rathselhaften Briefes, den er wie der Dechant einst empfangen. Anfangs traumte er von ihm, in schlaflosen Nachten traten ihm die lateinischen Worte in Bildern entgegen, wie wenn er das Concil von Trient noch einmal versammelt sahe, noch einmal mitstimmen musste in Kostnitz, ob Huss und Hieronymus zu verbrennen waren ... Bald aber liess ihn die Seelsorge, dieser Beruf so voll ausserordentlicher Muhen, aber auch Belohnungen und Erhebungen, die Versuchungen zum Zweifel vergessen.

Lucinde war nicht wiedergekommen. In der Kirche begegnete er ihr oft; sie schlug die Augen nieder ... Klingsohr war unmittelbar nach seiner Abreise im September vom Kirchenfursten "bis auf weiteres" unter strengste Klausur gestellt worden. Als Bonaventura zuruckkehrte, bewohnte er noch die Zelle im alten Professhause der Jesuiten, durfte sie aber nicht verlassen. Rathselhaft blieb ihm diese fortgesetzte Strenge, uber die er sich bei Michahelles erkundigte und nichts als ein ausweichendes Achselzucken zur Antwort erhielt. Hatte man von Lucinden erfahren? Traute man der Selbstbeherrschung des Monches nicht? War Neues geschehen? ... Klingsohr schien eine Zeit lang als Gefangener nicht seiner geistigen Hulfsmittel beraubt. Artikel schrieb er nach wie vor. Jetzt erst bewunderte Bonaventura in den von ihm grundlicher gelesenen Aufsatzen die Kraft der Darstellung, die nicht immer tauschende Kunst einer Beweisfuhrung, die trotz der tiefsten Demuthigung nicht aufhorte die protestantische Welt zu bekampfen. Klingsohr klirrte an einer Kette, die er dennoch gelassen trug ... Imponiren musste ihm etwas, wenn es ihn uberzeugen sollte, und war es seine eigene Zuchtigung! ... In jener Zeit schrieb er, wo ihm geistesverwandte norddeutsche Philosophen anfingen, mit Bewunderung von Asien und Russland zu sprechen. So tief ausgehohlt sich in sich selbst fuhlend, so in ewiger Verneinung sogleich ohne alle und jede Liebe selbst fur das, dem man doch selbst verwandt ist, so von einigen Schwachen seiner eigenen Partei sogleich erkaltet, bedurften sie eines Ersatzes fur die sie umgebende Schemenwelt. Sie bewunderten die Kosacken. Sie begannen das "Naturwuchsige" zu preisen in jeder Form, wenn es nur nicht Fleisch war vom eigenen Fleisch, Bein vom eigenen Bein, zuletzt nichts, was die Signatur der Bildung trug ... Einem Besuch, den Bonaventura beim Pater Sebastus machen wollte, stellten sich Hindernisse in den Weg und auch das einst so lebhaft empfundene Bedurfniss des Monches, gerade ihm zu beichten, schien vor vielleicht neuerwachtem Hochmuth zuruckgetreten ... Zwei Seelen wohnten in dieser widerspruchsvollen Brust, von denen die eine sich ewig von der andern zu trennen suchte. Oder hatte Klingsohr von Lucindens Schwarmerei fur den "milden Versohner", wie er ihn genannt, gehort? ... Bonaventura harrte vergebens. Aufdrangen mochte er sich nicht. Kein Lebenszeichen kam aus dem alten Professhause. Nach der Gefangennehmung des Kirchenfursten verstummten eine Zeit lang auch die Artikel des Paters. Die Haft, die jetzt hatte durch die gebrochene Macht des Kirchenfursten aufgehoben sein konnen, wurde nun erst recht von der Regierung gegen den Agitator mit der zweischneidigen Feder bestatigt, ja verscharft. Bonaventura bat Benno, sich nach dem Schicksal des Paters zu erkundigen. Nach dem, was dieser in Erfahrung brachte, liess sich annehmen, dass der Monch in Untersuchung war und vielleicht schon in sein Kloster zuruck. Da aber tauchten vor kurzem wieder neue Artikel von ihm auf in dem in diese Stadt verlegten, von der Regierung aufs strengste uberwachten "Kirchenboten". Es war eine Reihe von fortlaufenden religiosen Betrachtungen unter dem Titel: "Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens."

Durch den Beichtstuhl trat Bonaventura in die innersten Lebensbezuge auch solcher Bewohner dieser Stadt, die vielleicht fur uns Interesse haben. Nicht dass wir die Wirthin "Zum goldenen Lamm" belauschen mochten, die gleichfalls nicht umhin konnte, den "schonen" jungen neuen Domherrn mit ihrem bisherigen Beichtvater auf einige Zeit zu vertauschen. Selbst die Sunden, die Eva und Apollonia Schnuphase zu bekennen den tiefinnerlichsten Drang fuhlten, verschweigen wir (das Beichtsiegel ist unlosbar, aber im Reiche der Dichtkunst gibt es keine Geheimnisse) ... Eher wurden wir Walpurgis Kattendyk belauschen mogen, die sich formlich ausdampfte in ihren Sunden, wenn sie an das Ohr des jungen Domherrn gelangte, dem zu Liebe sie den Kanonikus Taube um Schlaf und Appetit brachte. Auch ihre Tochter, die Frau Procurator Nuck, fehlte nicht und jedesmal kam diese in anderer Toilette; sie bekannte jeden Verstoss gegen die Fastenordnung, den sie sich hatte zu Schulden kommen lassen, nie aber eine tiefer gehende Herzens- und Nierenprufung, nie den leisesten Schimmer ihrer Eitelkeit und Verschwendung ... Johanna vollends, ihre Schwester, war so fromm, dass sie fur Zahnweh, das sie befiel, Messen bestellte; aber in ihr Inneres musste erst der "Beichtspiegel" greifen, dies sicher gehende Brecheisen der Verstockung, das ihr die Fragen vorhielt: Warst du nicht hoffartig? Warst du auch mildthatig? Bist du versohnlich, liebevoll, nachsichtig? ... Alle liessen sich von dem jungen, im edelsten Eifer sich hinopfernden Priester den bekanntlich so schmalen und engen Weg deutlich zeigen, von dem geschrieben steht: Ich bin die W a h r h e i t und das Leben! und doch lag ihnen ihr Handeln und Fuhlen immer nur auf der breiten Landstrasse des Alltaglichen. Nicht eine von ihnen gedachte der Schwester Hendrika anders, als mit bitterster Anklage. Namen zu nennen verbietet die Beichtordnung. Doch verstand Bonaventura allmahlich immermehr manche Umschleierung, errieth manche Andeutung und warnte auch hier in dem Conflict wegen "kunftiger Religion" eines Familienmitgliedes vorlaufig, bis er die Verhaltnisse ubersah, mit dem Worte des Apostels: "Verwirret die Geister nicht!" aus der schonsten Schutzrede der Toleranz, die man bekanntlich (oder vielmehr leider n i c h t bekanntlich) in Lessing's "Nathan" nicht so milde, als im Briefe Pauli an die Romer, Kapitel 14 und 15 findet ... Treudchen kam nicht zur Beichte ... Sie musste schon seit lange zu Cajetan Rother gehen.

Auf Weihnacht zu naherte sich die bange Prufung der Reise nach Witoborn und Schloss Westerhof. Der Process Paula's hatte plotzlich eine fur sie ungunstige Wendung bekommen. Der oberste Richterspruch konnte, wie Benno schon lange versicherte, von Nuck's Fechterkunsten nicht mehr parirt werden ... Benno sah den Freund oft, doch seltener, als ihnen beiden Bedurfniss war. Zu sehr nahm Bonaventura sein Amt in Anspruch, zu sehr war auch die Gefangennehmung des Kirchenfursten ein Ereigniss, das auf einige Zeit jedes Urtheil erschreckte und divergirenden Denkern mehr sich zu vermeiden als zu suchen gebot ... Nuck's Federn rauschten von Morgens bis Abends. Die Mittel gab er an die Hand, die gegenwartige Stellvertretung des Kirchenfursten als eine nicht berechtigte darzustellen und so die Schwierigkeiten den "Neunmal-Weisen" noch zu vermehren. Schon war von einer Gesandtschaft der Stadt und Stande nach Wien an den allmachtigen ersten Staatsmann jener Zeit die Rede und leicht hatte Benno zu der Ehre kommen konnen, sie zu begleiten; wenigstens sprach ihm Nuck davon ... Und als Armgart's Mutter in der Nahe und in der Stadt selbst auftauchte, da entdeckte denn auch Bonaventura, was in Benno's Innern uber alles in der Welt die Oberhand behielt, Armgart's liebliches Bild ... Nun war wieder Armgart's nahe Beziehung zu Paula eher ein Hinderniss der vertraulichen Ergiessung, als eine Forderung.

Eines der schwersten Aemter seines Berufs wurde dem jungen Domherrn aufgeburdet, als er eines Tags die Anzeige erhielt, dass der Morder der Schwester der Frau von Gulpen zu einer letzten Beichte uber sein ganzes Leben ihn gewahlt hatte.

Wie kam Jodocus Hammaker zu dieser Wahl? Zum Richtplatz begleitete ihn der Seelsorger des Gefangenenhauses; aber dieser letzte Beistand schloss nicht aus, dass sein Beichtvater ein anderer war.

Warum wahlte er Bonaventura von Asselyn? Er hatte ihm wie Benno als Entlastungszeuge beistehen sollen fur sein Alibi in der Abendstunde, in welcher der Mord geschehen war ... Da aber hatte schon das Blut an seinen Handen geklebt und in dem einsamen Hause am Stromesufer hatte er seinen Raub bei ihm bekannten Hehlern geborgen ...

Benno musste fur Hammaker's Besuche bei der Ermordeten gegen ihn zeugen, wie er gleich anfangs gewollt hatte. An dem Tage, wo Nuck beim Plaidiren dem "alten Freunde" die Prise verweigerte, sass Bonaventura als Zuschauer der Gerichtsverhandlung, lauschend den Worten, die Benno sprechen musste. Der Verbrecher, kokett bis zur letzten Stunde, sah die grosse Ehrfurcht der Menge vor dem Priester ... So fiel ihm bei: Dem willst du dein letztes Testament ubergeben! Dem, der ohnehin der Schwester deines Opfers so nahe steht! ...

Die Verbrechen, die er zu enthullen hatte, gehorten den "reservirten Fallen" an, die vom hochsten Sitz der Kirchenprovinz diesem allein zu horen vorbehalten sind und deren Anhorung an einen untern Geistlichen nur durch besondere Vollmacht uberlassen wird. Benno hatte eine Ahnung, Nuck, als Hammaker's Vertheidiger, wurde Miene machen, diese an Bonaventura zu ertheilende Vollmacht zu hintertreiben, er wurde die Competenz der gegenwartigen kirchlichen Oberbehorde zu solchen Vollmachten bestreiten, wurde erklaren, dass das ganze Land im Augenblicke gar keine kirchliche Regel besasse. Doch gab sich Nuck zufrieden, in des Delinquenten Verlangen zu willigen, selbst auf Gefahr hin, dass die teuflische Seele gegen ihn undankbar blieb bis zum letzten Lebenshauche ... Wie bereute er, ihm den Griff in seine Dose abgeschlagen zu haben! Er, der doch oft im Volkston plaidirte; er, der das Publikum durch seine schlagenden Witze und Spasse bei den ernstesten Dingen belustigte!

Eines Morgens nach der Messe machte sich Bonaventura zu dieser schweren Pflicht auf. Er fuhr in einem Wagen im vollen Ornat seiner Wurde. Als er in eine enge Gasse einlenkte und zu den Eisenstaben der Fenster eines alten Gebaudes aufsah, uberfiel ihn ein Grauen ... In diesen dunkeln Mauern verhallten schon so viele Wuthausbruche der Verzweiflung, so viele Seufzer der bittersten Reue. Hier sassen einst auch jene Verbrecherbanden, die die Lander zwischen der Maas, Mosel, bis zum Main und zum Neckar hinunter unsicher machten, unmittelbar in den folgenden Zeiten, als Schiller das Rauberleben auf der Buhne poetisch verklart hatte. Diese Roller und Schweizer hatten aber wirklich Schufterle, keinen Karl Moor an der Spitze und doch auch manche kraftige und bessere Natur, die im Sinnenleben und durch schlechtes Beispiel zu Grunde ging. Diese Picard, diese Bosbeck haben die Annalen der Verbrechergeschichte aufgezeichnet, wilde, grausame, verwegene Menschen, der Mehrzahl nach Juden, die die angeborene List ihres Stammes mit einem altbiblischen Muthe verbanden. Immer durch die Schrecken der Revolution hindurch, sengten, plunderten und mordeten diese Menschen in Genossenschaften zu halben Hunderten und uber fast ganz Holland und Deutschland hinweg waren ihre Hehler ausgebreitet, ja so weit, dass in fernen Gegenden selbst die Wachter der Ordnung, selbst die Buttel und Hascher ihre eigenen Angestellten waren. Wie sich Napoleon's Herrschaft befestigte, gelang allmahlich die Unterdruckung. Ihrer zwanzig bis dreissig bestiegen oft an einem Tage die Guillotine. Die Kinder gab man unter andern Namen hierhin und dorthin; in Holland schickt man die meisten nach Java ...

Einmal erst hatte Bonaventura Nuck bei seinem Vetter gesehen, dann vor Gericht. Heute begrusste er ihn beim Verlassen des Domes, beim Einsteigen in den Wagen ... Dann musste er ihm nachgefahren sein; denn Nuck stand auch am Wagenschlag, als er ausstieg ... es sprach eine wahre Todesfurcht aus dem sonst so furchtlosen Manne ...

Bonaventura, geleitet von dem Gefangnisswarter, einer Wache und dem gewohnlichen Seelsorger der Gefangenen, einem Kaplan, trat in das finstere Gebaude, stieg eine schmale steinerne Wendeltreppe empor, horte die Schlosser fallen, die Riegel klirren und weichen und stand in einer fast dunkeln Zelle vor einer von einer Pritsche sich aufrichtenden Gestalt, deren linker Fuss durch eine Kette an die Mauer befestigt war.

Grauenvoller Gegensatz! Dieser heutige Morgengruss und jener abendliche vor vier Monaten ... es war als huschte die Fledermaus hin wie damals, als er und Benno so spat noch am Ufer sassen und den im Mondlicht fischenden Knaben zusahen. Dann das Aufhangen des Procurators, seines Vertheidigers, der in einiger Entfernung sogar dem Hinaufsteigenden noch gefolgt war! Jene Mittheilung Benno's! Was konnte hier noch enthullt, was von der Seele abgewalzt werden und zu welchem Nutzen?

Die Thuren blieben offen ... die Begleiter verharrten auf den vordern Gangen ... Einmal horte man noch das Gerausch des Holzzulegens in dem kleinen eisernen Ofen der Gefangnisszelle, einem sogenannten "Hund", der von aussen geheizt wurde ... Dann war alles still ... Bonaventura setzte sich und der Verbrecher kniete vor ihm nieder ...

Wie ein boser, angstlicher Traum war alles das ... ein Traum, an dessen Wirklichkeit der Priester nicht glauben mochte! Und doch sass er selbst da im weissen reinen Gewande der Unschuld, ernst das Haupt senkend, und vor ihm lag eine verfallene Gestalt im grauen Kittel, mit welken, schlaffen Zugen, kahlem Schadel, entkleidet aller Hulfsmittel, Kraft und Unbefangenheit zu lugen, die Hande abgemagert, das Auge weiss, so unheimlich, als konnte noch jeden Augenblick eine ruchlose That in diesem verworfenen Leben lauern, einem Leben, das nach raschem Instanzengang und abgeschlagener Majestatsgnade in einigen Tagen enden sollte.

Nach den ersten mit klopfendem Herzen gesprochenen Gebeten und Ermahnungen, der Gnade Gottes zu vertrauen, gab Hammaker ein Bild seiner Jugend. Er wollte, dass die Welt von ihm erfuhr, er hatte grundlich und fromm gebeichtet. Er wollte, dass sie ihm Theilnahme schenkte, selbst auf dem Richtplatz. So erliess er dem Horer nichts von dem, was in den verstecktesten Winkeln seines Innern lebte. Aller Hohn, alle Verwunschung wird schweigen, dachte er, wenn man erfahrt, wie du dich unterworfen! Mit tonloser, weicher Stimme hauchte der Unselige die Worte hin:

Von meinen Aeltern, die spater zuruckkamen und nichts behielten, als ein Witwenhauschen fur meine arme Mutter, eine Frau von nahe achtzig Jahren, bin ich gut erzogen und studirte die Rechte mit nur zu vielem Beruf dafur. Ich drehte den Spiess um und sagte: Summa injuria summum jus: wo du alles gegen dich hast, gerade da sei dein Spiel! Meine Devise wurde das erst aus Uebermuth, dann aus Noth; wild lebte ich und hatte Bedurfnisse, die Geld kosteten. Schon damals bekam ich einen so ubeln Ruf, dass mir die Niederlassung als Anwalt nur versuchsweise auf dem Lande gestattet wurde. In den Sieben Bergen da druben wohnt' ich ... am liebsten aber war ich hier in der Stadt und nun musst' ich Geld machen. Hatten die Bauern mich todt geschlagen! Um eine Person, die sich an mich hing, hatt' ich zwei Termine versaumt, druber einen Process verloren; erst spater kam's heraus; der Bauer, dem die Sache Geld gekostet, wollte mich todt schlagen. Es ware besser gewesen ...

Schon jetzt verliess den Sprecher die Kraft. Die Reue lasst sich nicht vergebens affen. Sie ubermannt den Heuchler wider Willen ...

Bonaventura ubersah vollkommen diesen Zustand, wie er sich auch sofort beim Eintritt von der geringen Bussfertigkeit des Verbrechers uberzeugt hatte. Er faltete gelassen die Hande und betete, nicht etwa um Vergebung und mit ermunternder Zuversicht auf Gottes Gnade, sondern um Bewahrung eines reinen Sinnes und Schutz vor Heuchelei ...

Hammaker fuhlte, dass er in seinem begonnenen Tone nicht fortkommen wurde ... Er folgte der Weisung des Priesters, sich zu erheben und auf der Pritsche Platz zu nehmen ... Die Kette rasselte an seinem Fusse ... er sank mehr nieder, als er sich setzte ...

Einmal, begann er aufs neue und in dieser Stille klangen die Worte hohl wie aus dem Grabe einmal kam ich an einen Weg, wo ich hatte umkehren konnen! Es war durch einen Monch, der an meinem unseligen Leben nur zu verhangnissvoll zum Racher fur alles Unterlassene wurde ...

Racher ein Monch? warf Bonaventura mit Vorwurf ein ...

Wurden Sie diesen Bruder Hubertus kennen, hochwurdiger Priester, Sie gestatteten mir dieses Wort!

Bonaventura horte den Namen, den er aus der Verhandlung zwischen Sebastus und dem Kirchenfursten schon als den "Bruder Abtodter" kannte. Dieser Name war in den Verhandlungen vor den Assisen oft genannt worden. Es war der Erbe der ermordeten Hauptmannin ...

Ich verlor meine Stelle auf dem Lande, zog in die Stadt und arbeitete bei meinem Freunde meinem Vertheidiger. Nuck hatte mit mir studirt. Er schlug einen andern Weg ein als ich. Aber auch ihn lockte der Sirenensang der Freude

Sprechen Sie von sich selbst! unterbrach Bonaventura den Verbrecher, der mit Gefallen diese Worte betonte ...

Dieser Teufel, sagte sich Nuck draussen, opfert mich um eine Prise! ...

Der Verbrecher knupfte die graue Jacke, die er trug, fester zu, als frore ihn ... Das Geburtsfieber war es, das er sich in diesem Ernste bei der Verstockung seines Gemuths nicht moglich gedacht hatte ... Eine Weile zitterte er sich aus ... nach dem Schauder gewann er neue Kraft.

Ich arbeitete bei ihm, lenkte er ein, und erhielt einen Auftrag, in eine suddeutsche Stadt zu reisen zur Regulirung einer Streitfrage uber geistliche Guter. Ein Monch war bei Nuck, der dieselbe Reise zu machen hatte und dem er mich zum Begleiter gab. Wir reisten zusammen. Vierzehn Tage, die ich mit ihm zubrachte, sind mir unvergesslich der Bruder sprach nicht viel, ass und trank wenig. Ein Laienbruder der Franciscaner war es, er hatte Reisen gemacht, war in Indien gewesen und ein Sonderling. Aus dem Kloster Himmelpfort bei Witoborn hatte man ihn entsendet, um in einem suddeutschen Convicte eine Heilung zu versuchen mit dem Rector desselben, einem Pater Fulgentius. Dieser Ungluckliche hatte die Gewohnheit

Sprechen Sie von sich! unterbrach Bonaventura aufs neue ...

Ich wollte nur sagen, was ein gutes Beispiel thut, ehe ich bei Nuck

Warum behielten Sie das Vorbild der Strenge, der Selbstkasteiung, der Entbehrung nicht stets vor Augen?

Gerade das wurde die Ursache meines Falls ...

Bruder Hubertus?

Eine Handlung von ihm, deren Zeuge ich durch Zufall wurde! erzahlte Hammaker mit einer Art von Behagen. Schon einigemal hatte ich den Bruder in das Convict begleitet, in welchem er einen Auftrag zu erfullen hatte, von dem ich nichts erfuhr. Da ich regelmassig die Aufregung bemerkte, so oft der Bruder kam, verfiel ich auf diese und jene Vermuthung. Keine derselben war so geheimnissvoll, wie mir die spatere Entdeckung zeigte. Es hiess, dass der Bruder bald in sein Kloster zuruckkehren wurde. Eines Abends sah ich ihn, wie so oft, ins Convict eintreten, wo er nicht wohnte. Ich folgte; der Thurhuter kannte mich und hatte kein Arg. In den Gangen der untern Klassen war alles wie sonst. Oben aber war es einsam. Dann hort' ich fernhin ein eilendes Rennen und Laufen, der Thur zu, wo die Wohnung des Rectors lag ...

Ein seltsames Rollen hatte schon einigemal Bonaventura's Aufmerksamkeit erregt. Ueber der kleinen Zelle ging es wie ein sich ankundigendes Gewitter hin ...

Es sind Gefangene, erklarte der Verbrecher, als Bonaventura aufblickte, die an den Fussen Kugeln tragen ... Der Boden ist hohl ...

Wer ihn durchbrechen konnte! lag in dem Blicke, den Hammaker auf die Decke richtete. Seine eigene Kette liess ihn nicht funf Schritte von der Mauer sich entfernen ...

Ich horchte in die Ferne, fuhr er dann sinnend und zerstreuter fort, und horte geheimnissvolles Wispern, ja jetzt wie ein Gehen nur auf den Zehen. Im Kreise von Lehrern und Alumnen stand mein Monch, hielt alle feierlich zuruck, schritt auf die Thur zu, die ich, hinter eine Treppenlehne zurucktretend, sehen konnte, da sie querwarts den langen Gang beendete, offnete und allen bot sich der Anblick eines Mannes, der an einem Fensterhaken sich erhangt hatte! Der Monch ging unerschrocken auf ihn zu, schnitt mit einem Messer, das er aus der Tasche zog, den Strick durch, hielt dann in der kraftigen Linken den Leichnam und rief die Fernstehenden naher. In diesem Augenblick wurde ich gestort und musste mich entfernen ...

Bonaventura hatte auf der Lippe die Frage: War der Ungluckliche der Pater Fulgentius? ... Doch unterdruckte er sie.

Noch am selben Abend, bestatigte der Morder, hiess es, dass der Rector gestorben war. Auch die Art seines Todes blieb nicht verschwiegen, man sprach von Melancholie und ein Arzt von Selbstzerstorungswahn. Ja am Wirthstisch hiess es: Ein Monch hatte ihn davon heilen sollen. Ich musste Abschied von Hubertus nehmen und fand ihn in dem Garten des Klosters, wo er eingekehrt war, im einsamen Wandeln. Rings hohe, graue Mauern, alles still und fast wie auf einem Kirchhof. Rucksichtslos frag' ich ihn: Sie sollen ja soviel vermogen, Sie sollen Hunger und Durst, Frost und Hitze ertragen lehren; konnten Sie denn jenen Mann nicht auch von seinem Wahne heilen? ... Er erwiderte: Ist da der Tod nicht die beste Heilung? ... Dabei stand er still und jetzt erst war es mir, als sah' ich einen Boten des Todes, ein Gerippe. So mager war seine Hand, so hohl seine Wange, so klanglos seine Stimme. Ich furchtete mich vor ihm und glaubte, schluge er die braune Kutte auf, wurd' ich ein Skelet sehen. Doch war der Bruder selbst in Aufregung. Offenbar hatte man von ihm etwas anderes erwartet. Er hatte heilen, nicht bestatten sollen. Auch verschwieg er das nicht. Nie hatte er zu mir so viel gesprochen, wie diesmal in dem einsamen Klostergarten, in den er sich wie gefluchtet hatte. Ja, sagte er feierlich, ich hatte verboten, ihn zu bewachen, ich hatte ihn sein Werk ausfuhren, hatte ihn so lange allein gelassen, bis seine That vollendet war! Denn, Herr ich horchte hoch auf der Erhangte stirbt erst spat! Ich weiss das! Ich habe Hunderte erhangen sehen! Ich habe Menschen gekannt, die sich einschlossen, um die Wonnen dieses Todes zu haben! Denn das wissen Sie nicht, erst wahlt die Melancholie diesen Tod, und dann, einmal ins Leben zuruckgerufen, tritt eine Besinnung ein, wie auf den seligsten Opiumrausch! Bilder, Gestalten sind an dem schwindenden Bewusstsein vorubergegangen, die keine menschliche Hand zaubern konnte! Das Susseste, was die Erde kennt, empfindet und trinkt der Gehangte in langen, endlosen Zugen! Die Scham macht den, an dem man diese Verirrung kennt, einsam irren, aber nichts kommt dem gleich, was diese Scham wieder aufwiegt und sie ertragen lasst! Zur rechten Zeit von der todlichen Schnur befreit, langsam zuruckkehrend zum Bewusstsein, erhebt man sich wie aus einem Traum, den man ewig traumen mochte! Der Greis wird wieder jung, die Matrone eine Braut, der Arme schwelgt in Reichthumern, der Verbrecher ist ein Konig, der Feige ein Held, vor ihm liegt eine Welt auf den Knieen und bietet sich dar, mit ihm zu sterben! Nie hat man so gelebt wie in diesem Tode, nie das Paradies so vorausgenossen, so die Schrecken vergessen, die diese Erde

Ein Grauen durchzuckte die Erinnerung des Morders an das, was ihm so nahe bevorstand ... Er hatte sich erhoben und fiel betaubt zuruck.

Auch Bonaventura hatte sich eine Weile erheben mussen, denn der Anblick der wilden Erregung des Mannes war entsetzlich. Hammaker, aufgerichtet, starrte gierig im Kreise umher; die Gewander des Priesters betrachtete er, als konnte sich eine Schnur an ihnen befinden, die auch ihm diese Hulfe des sussesten Todes brachte. Er streckte sich aus, als liesse sich ein Zipfel am Kleide desselben ergreifen, zur Schnur winden ... die Kette an seinen Fussen fasste er und sank wie ohnmachtig auf sein Lager zuruck.

In der reinen Seele des Priesters wogte ein Feuerstrom. Das ist das geheimnissvolle Rathsel, das Nuck und diesen Elenden verbindet! rief es in ihm, der schon lange immer nur der Erzahlung Benno's gedenken musste von jenem Abend her. Dieser da hat so seinen Wohlthater verfuhrt! Hat so eine Neigung desselben zur Melancholie ausgebeutet! Hat ihn sicher gemacht in dem Vertrauen zu ihm und dann ihn Einmal Einmal nicht wieder ins Leben zuruckgerufen! ...

Alles das stand einen Augenblick klar vor Bonaventura's Augen und doch sagte sein Herz wieder: Es ist unmoglich! So weit kann der menschliche Geist sich nicht verirren!

Hammaker kehrte zur Besinnung zuruck, krummte sich wie ein Wurm, zog die graue Jacke uber der Brust zusammen und fuhr mit stossweisen Zuckungen auf, wie wenn er von eisigem Schrecken geschuttelt wurde ...

Dann sprach er, als Bonaventura sich gesetzt hatte und das Antlitz, wie der Beichthorende soll, in einen Zipfel seines Kleides hullte:

Der Bruder Hubertus sprach: Ich sollte heilen? Zu richten kam ich! Das Gericht Gottes ist unser, wenn wir seine Gebote gelastert gesehen! Wie durfte dieser Ungluckliche leben, leben in solcher Umgebung!

Ich sage nicht, dass auch er die Wonnen dieses Todes suchte; er suchte den Tod selbst. Warum ihm die Hulfe versagen! Warum Schonung einer solchen menschlichen Schwache, die vielleicht Heldenmuth war! Seid mannlich und seid stark! spricht der Apostel ... Nun aber, nach dem Preise seiner That, erweichte sich des Bruders Gemuth und er erzahlte mir, wie er von fruhester Kindheit an Gottes Finger sich nahe gefuhlt, wie er schon als Kind aus Flammen hinuntergeworfen wurde drei Stockwerk hoch, wie er sich ganz aus sich selbst hatte zum Menschen machen mussen, wie ihn dann Verrath und Undankbarkeit verfolgt und so gehetzt hatten, dass er nothwendig zu Gott oder zum Teufel hatte entfliehen mussen ... Er glaubte, sagte er, auf der richtigen Strasse zu sein. Ein Weib, erzahlte er, ein Weib war die Ursache meines tiefsten Kummers ... Sie, sie, die ich

Wer? unterbrach Bonaventura schaudernd ...

Hammaker schwieg ... Seine Hande, die die Hauptmannin erwurgt hatten, zuckten.

Ihr Opfer? fragte Bonaventura wiederholt ...

Wie hatte es ihn nicht reizen sollen, etwas aus dem Leben der Schwester der Frau von Gulpen zu erfahren! ... Doch er war das Gewissen selbst ... Er bekampfte seine Neugier und sagte nur:

Warum zogen Sie nur aus dieser Begegnung mit einem so vielgepruften, wenn auch vermessenen und Gott strafbar vorgreifenden Manne nicht eine heilsamere Lehre fur Ihr Leben?

Die Frauen, das Spiel die Ehre O wenn ich

Haben Sie sonst eine Handlung, die vorzugsweise noch Ihr Gewissen belastet? unterbrach Bonaventura die eitle Selbstbeschonigung ...

Ich log ich betrog

Kein anderes Menschenleben auf Ihrer Seele ?

Der Morder schuttelte den kahlen, hasslichen Kopf ...

Bonaventura sah die Verstockung und wiederholte seine Frage ...

Da rief der Gefangene plotzlich und erhob sich wild und klirrte mit seiner Kette:

Emollit mores didicisse fideliter artes! Das zu verstehen, sprechen zu konnen, Bildung besitzen

O offnen Sie Ihr Herz der Reue! unterbrach Bonaventura diesen Ausbruch eines halb wahren, halb koketten Ehrgeizes. Was Ihnen als einem Studirten auch Gott sein und als was er Ihnen erscheinen mag, ob als Begriff, ob als Wesen welcher Art und Grosse, und waren Sie Pantheist und suchten den Schopfer in sich selbst, dem Geschaffenen, Sie wissen, dass in unserer Brust eine sichere Wahrheit liegt, eine unumstossliche Gewissheit, der Unterschied von Gut und Bose! Was Sie auch mit menschlichem Witze wegzuleugnen suchen von den Grenzen, die zwischen beiden liegen, sie wachsen immer wieder diese Grenzen, wenn Sie sie auch noch so klug niederrissen. Blicken Sie mit Sehnsucht aus dem Dunkel, in dem Ihre Seele lebt, in das Licht, das Licht der Unschuld, das Sie sehen, fassen, ahnen konnen, und nennen Sie dieses Licht Gott! Sprechen Sie zu ihm: O war' ich in deinem Abglanz, umstrahltest du mich, gabst du mir Helle, Warme, wahren Ruhm und wahre Ehre! Lassen Sie durch dies reine Licht der Unschuld alle die wandeln, die in diesem reinen Geiste lebten! Lassen Sie alle hindurchziehen, die Ihre Bildung kennt: Sokrates, Plato Einer ist unter ihnen, der am leuchtendsten steht, Jesus der Gekreuzigte! Mit seinem blutigen Haupte strahlt er und blickt voll Ernst auch auf Sie! Beten Sie zu dieser vielleicht noch einzigen lichten Stelle in Ihrem Innern und bekennen Sie beim Blute Ihres Erlosers, der allen Sundern Gnade vor Gott verhiess, Ihr ganzes Elend und was etwa sonst noch vor Gott und Menschen Sie belastet!

Hammaker faltete die Hande, aber schlaff hingen sie und der Ausdruck seiner Miene war der, als wollte er sagen: Was hilft mir das alles? Der grausige Tod ist und bleibt gewiss! Was ist eine Reue, die von einem Willen kommt, der nicht mehr sundigen kann! Eine Reue uber die Thorheiten der Jugend von einem Greise!

Der Priester uberblickte diese Empfindungen und sagte seufzend:

Nun denn! Ihre einzige gute Stelle ist vielleicht nur noch Ihr Stolz! Wohlan! Warum trieb Sie dieser zu Ihrer Missethat?

Zogernd sprach Hammaker:

Man hat mich beschuldigt

Dass Sie Ihren Freund, Ihren Wohlthater ermorden wollen! Begingen Sie diese That?

Vor den Assisen hatte Hammaker, wie immer: Nein! gesagt. Hier wiederholte er die gleiche Aussage, fugte aber hinzu: Doch wussten Sie das Nahere

Wenn es Sie entlastet von dem Verdachte sprach Bonaventura fast unhorbar ... sonst lehnte er fast die Belastung auch des Procurators ab

Ich handelte vielleicht wie der Monch

Unwurdige Vergleichung! wallte Bonaventura auf ...

Auch Nuck suchte den Tod versicherte Hammaker ...

Die Wonnen des Todes! Sie verfuhrten ihn zu einer Handlung des Wahnsinns! Sie machten ihn sicher, immer sicherer, bis Sie ihn zuletzt beraubten und morden wollten ...

Hochwurdiger Priester! Ja, ich beraubte ihn Als es aber geschehen war that ich, was ich zehn Jahre lang gethan ich hob die Schlinge aus ihrer Angel. Freilich diesmal stieg ich aus dem Fenster warf das Schlusselbund zuruck half ihm nicht zum Bewusstsein durch kaltes Wasser und das Reiben seiner Schlafe zuruck ... ich entfloh ...

Als Morder! Denn Sie durften annehmen, dass er diesmal nicht wieder zum Leben erwachte!

Der Morder schwieg ... Es war eine Bejahung.

Die tuckische List seiner Erzahlung stellte nicht ganz die Aufrichtigkeit aller seiner ubrigen Gestandnisse in Abrede. Er kam auf seine Bekanntschaft mit der Hauptmannin von Buschbeck, auf die Vermittelung ihrer Anliegen wegen ihrer Gelder, ihren bosen, menschenfeindlichen Sinn, er deutete die Beziehungen dieser Frau zu dem Krieger, Jager, dann Monche Hubertus an, Beziehungen, die in Erfahrung zu bringen Bonaventura wiederholt ablehnte, und berief sich fur seine letzte That auf das, was bereits vor den Assisen von ihm bekannt war ...

Der schrillste Nachklang, der durch alle diese Worte hindurchtonte, blieb die Andeutung uber Dominicus Nuck. Sie war eine Rache fur den verweigerten Griff in die Dose ... Vielleicht auch hatte der Morder ein Entkommen durch Nuck gehofft, vielleicht Nuck durchschaut, der ihn am liebsten fur immer aus der Welt geschafft sah. Ein noch Lebender, rastlos und muthvoll in der Gegenwart wirkend, lag da nun in seinem tiefsten Lebensgeheimnisse aufgedeckt vor den Augen eines Priesters, der taglich mit ihm verkehren, taglich harmlos und scheinbar unbefangen mit ihm sprechen konnte, auch so nur mit ihm sprechen d u r f t e ! ... Das sind Burden! sprach es in Bonaventura's Innerstem ...

Zwar wandte er noch die ganze Kraft seiner Beredsamkeit an, die Stunde, die er an diesem dustern Orte verweilt hatte, zu einer fur den Bewohner desselben heilsamen zu machen ... Um den Segen Gottes fur den Unglucklichen betete er, wunschte ihm Muth fur seine letzte Stunde und war im Begriff, mit den Fragen: Haben Sie mir keinen weitern Auftrag auszurichten? An Ihre Mutter? An sonst Zuruckbleibende? eine heilige Handlung abzuschliessen, die ihn selbst mehr erschutterte, als den Verbrecher ...

Lauernd sprach dieser:

Ich konnte noch etwas Gutes thun!

O thun Sie es! Gott wird es Ihnen anrechnen ...

Es war eine That im Werke ...

Ein neues Verbrechen?

Eine Urkunde die ich schreiben liess

Eine verfalschte !

Sie sollte bei einer angelegten Feuersbrunst

All ihr Heiligen! rief Bonaventura. Wer ist davon bedroht? Wen kann ich uber die Gefahr warnen? Ist die Gefahr schon nahe?

Einen Menschen hatt' ich gewonnen ... einen der sich verbergen muss ... den ich nicht nennen kann ...

Ich will ihn nicht genannt horen, ich will ihn mahnen, ohne dass ich ihn kenne! Durch irgendeine Adresse! Reden Sie! Was kann ich thun, ein solches Verbrechen zu hindern?

Hammaker schwieg plotzlich ...

Bonaventura's Eifer riss ihn zu den Fragen hin:

Wer ist es, den die falsche Urkunde benachtheiligen soll? Wer hat Sie selbst zu dieser That uberredet? Wer ist der Leiter dieses Complotts? Reden Sie! Reden Sie! Bei dem Angesichte Gottes, das Sie in wenig Stunden

In diesem Augenblick rollten wieder die Kugeln uber der Zelle hin und vergegenwartigten Hammakern die dunne Bauart der Decke ... Blitzesschnell schienen sich die Gedanken des Morders zu andern ... Hoffnung belebte seine Gesichtszuge ...

Bonaventura stand erwartungsvoll, aber vergebens. Hammaker schwieg.

Reden Sie! donnerte Bonaventura.

Das Gerausch uber ihnen dauerte fort ...

Hammaker sprang auf ... Die Kette riss ihn nieder ... Unverwandt starrte er auf die Decke ...

Wenn dich doch noch Nuck befreite! stand auf seinen verzerrten Gesichtszugen ...

Reden Sie! wiederholte Bonaventura ...

Lassen Sie es, stohnte Hammaker, ohne mich kommt die Sache nicht zur Ausfuhrung ...

Sie verharren in der Luge! rief Bonaventura. Wer ist gedungen? Wer sind die Bedrohten? Eine Falschung? Eine Urkunde? Eine Feuersbrunst?

Hammaker schwieg ...

Bonaventura versuchte jede Kunst der Ueberredung; vergebens ... Hammaker sprach nur dumpf:

Ohne mich kommt nichts zur Ausfuhrung! Ich habe bekannt! Es ist voruber. Ich kann in Frieden sterben ...

Bonaventura musste tiefseufzend nachgeben. Er betete um die Gnade Gottes und entfernte sich in einem Zustande, wie ihn die Marchen erzahlen von Hirten, die in eine Felsenspalte sahen, die Geister belauschten und fur immer verstummten ...

Wie schwer trug seine Seele, als er von dannen schritt!

Auf dem Gange traf er alle, die ihn hinaufbegleitet hatten ... Nuck's Nachkommen wusste er nicht und fand ihn auch nicht mehr ...

Doch am folgenden Morgen klagte sich im Beichtstuhl eine ihm bekannte Stimme aller Leidenschaften, aller Laster der Erde, aber auch der Verbitterung durch Ungluck und des Menschenhasses an ...

In ihrem Tone, in einem tief eingeschuchterten Aufblick zweier scharfer Augen lag eine Angst und Beklommenheit, die Bonaventura wieder auf einen Verbrecher schliessen liessen. Er erkannte die Stimme nicht sogleich.

Erst nach den Andeutungen von seinem Beruf und einem Hinweis auf so manche Verschleierung der Wahrheit, die er sich im Processe Hammaker erlaubt hatte, begriff Bonaventura ... Es war Nuck ...

Entsetzen ergriff ihn ...

Nuck beichtete mancherlei, aber offenbar war er nur gekommen, um zu horen, wie Bonaventura mit ihm sprechen wurde ...

Des Priesters mildes Herz fuhlte sich gedrungen, Nuck's Verzweiflung zu beruhigen. Er deutete an, dass auch fur ihn die Beichte dieselbe Bedeutung hatte, wie sie fur jenen Bischof gehabt haben soll, der, der Sage, nicht Geschichte nach, sich eher von einem Fursten in die Wellen der Moldau werfen liess, als dass er ein Geheimniss verrieth, das er von dessen Gattin unter dem Siegel der Beichte wusste.

Kein Wunder, dass Nuck sich mit neuem Lebensmuth erhob und den Beichtstuhl in einer Stimmung verliess, als konnte er mit seinem einzigen Arme einen der Riesenpfeiler der Kathedrale ausheben.

So viel Kraft lag dem Doctor Abadonna in dem magischen Worte: Rom und sein Glaube.

Winterlich weisse Leichenfelder lagen in Bonaventura's Brust. So ode und schauerlich wehte Schneesturm durch sein Inneres, wie auf der Alpeneinsamkeit, die der Dechant beim Bericht seines Besuches auf dem St.-Bernhard geschildert ...

Auch der Morgue des St.-Bernhard musste er gedenken ...

Muth und Ausdauer sprachen ihm die Stimmen der Augustinerchorherren nicht mehr so beredsam wie einst.

5.

Eine wie eitle Matrone! sagte sich Bonaventura, als er durch das kleine Schiebfensterchen seines Beichtstuhls eine graue Locke unter einem Hute hervorgeglitten auf einem Taschentuche liegend bemerkte.

Ein Matronenhaar in Locken!

Dann aber horte er die klangvolle Anrede und staunte eine Greisin zu finden, die sich einen so reinen jugendlichen Ton der Rede bewahrt hatte ...

Nach den ersten geflusterten Anreden und Erwiderungen stellte er die Frage um die letzte Beichte. Er horte, dass diese in Wien bei dem Beichtvater der Hospitaliterinnen stattgefunden ...

Dann sagte die Frau, die er fur eine Matrone hielt, dass sie gerade deshalb zu ihm gekommen ware, weil sie ihn schon einigemal beim Austheilen des heiligen Abendmahls gesehen und nicht nur die Geduld bewundert hatte, mit der er unter Hunderten beim Ausspenden des Brotes die Worte sprach: "Herr, ich bin nicht werth, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine arme Seele gesund!" sondern wie er jene Worte auch jedem so, als wenn er ihn personlich kannte, gesprochen, jedem so, als wenn sie gerade fur ihn bestimmt waren. Deshalb wage sie, ihn mit sich selbst zu belastigen, furchtend freilich, dass seine Zeit zu gemessen ware ...

Bonaventura hatte die Absicht, Lob und Sorge um seine Zeit mit einer Handbewegung abzulehnen. Da blickte er etwas auf und erkannte unter der damals ublichen Form des Hutes mit langgeschweiften Seiten, die die Wangen verdeckten, ein jugendliches Antlitz und nun in Vergleichung mit den Locken und nach der Erwahnung Wiens war es nur die Oberstin von Hulleshoven aus Benno's zutreffender Beschreibung ...

Noch ehe er vor Ueberraschung mehr als ein ermunterndes und beruhigendes: Bitte! erwidert hatte, sprach schon die Beichtende:

Ich bekenne mich zu der Unruhe, in welche die Seele durch Grubeln und Denken versetzt wird, bekenne mich zum Zweifel an allem, an Gott, dem Erloser, an Kirche und kunftigem Gericht!

Bonaventura verhullte sich in seine Stola und sprach nach einigem Bedenken auf dies schmerzlich entschiedene Wort:

O ihr Heiligen! Sie geben Ihrem Zustand vielleicht viel schneller einen Namen, als Sie ihn noch ergrundet haben! Sie hatten sich des religiosen Lebens vielleicht nur entwohnt. Plotzlich drangt Sie irgendeine Stimmung zu ihm zuruck und nun erschrecken Sie, nicht mehr alles so zu lieben und zu glauben, wie Sie in Ihrer Kindheit es liebten und glaubten. Machen Sie doch diese Ruckkehr nicht zu ubereilt! Vor der Feuertaufe des Herrn kam die Wassertaufe des Johannes! Legen Sie sich doch erst Uebungen zum Uebergange auf! Keine Geisselung des Korpers, keine Entbehrung Ihrer Sinne, nur eine gewisse Ascetik des Denkens. Sehen Sie, gewohnen Sie sich einfach, uberall den Finger Gottes zu suchen. Nehmen Sie nichts mehr, was Ihnen begegnet oder was Sie vom Schicksal anderer, ja vom Leben der ganzen Welt in Erfahrung bringen, in dem leichten Sinne, der nur die Erscheinung als solche betrachtet. Streben Sie vielmehr darnach, alle Erfahrungen, die Sie machen, zu verbinden, ihren geheimen Sinn und Zusammenhang zu ergrunden, ihrer Folgerichtigkeit nachzuspuren und nennen Sie dann das, was Sie sonst in der Sprache des Denkens Zufall, Ungefahr, Wille, eigene Absicht nannten, einfach und kurzweg Gott. Wenn Sie diese Begegnung Gottes in kleinen Dingen stundlich suchten, wurde das Aberglaube werden. Aberglaube kann es sein, die ganze majestatische Grosse Gottes immer auch bei kleinen Leiden und Freuden sich gegenwartig zu denken. Aber jenen Fusstapfen der wandelnden Gottheit nachgehen, die in Ernstem und Wichtigem liegen, gibt Erhebung. Sie werden staunen, wo Sie uberall diese Schritte abgedruckt finden, wenn Sie nur erst anfangen, fur alles das, was die Welt gleichsam namenlos hinstellt, gleichsam mit einem "Man" einfuhrt oder mit einem "Es" ("es wird sich zeigen") oder sonst mit einer Form der reinen Genuge des Menschen an sich selbst, den Herrn der Welt einzufuhren. Versuchen Sie das! Zu einem Gott sich erheben, der ausser uns und unendlich hoch uber uns wohnt, ist allerdings schwer; denn je naher wir ihm da zu kommen suchen, desto entfernter ruckt er. Nehmen Sie also Gott zu Ihrem steten Begleiter, nur dass er einige Schritte vorangeht, nicht immer Ihnen zur Seite, nehmen Sie ihn zum Erfuller aller der Pausen, die Ihnen das Leben lasst, zu der zweiten Person, die in Ihrem Gewissen mit Ihnen redet, zu dem unsichtbaren Freunde, der in einem dunkeln Zimmer, wo Sie uber irgendein Vorhaben bruten, mit Ihnen Rath halt! Ist das von Ihnen eine Zeit lang versucht worden, so werden Sie auch allmahlich wieder anfangen, christglaubig und kirchlich zu denken.

Es ware also der umgekehrte Weg, den ich fruher einschlug, alles, was mir sonst Gott hiess, gerade anders zu nennen! sagte Monika und ihre Gedanken verweilten einen Augenblick bei der Grafin Erdmuthe, die noch gestern beim Abschiede gesagt hatte: "Der Herr schenkt mir ein gutes Reisewetter, etwas Frost und gute Wege!" Nun aber sprach sie: Meine Zweifel uber Gott werden sich wieder beruhigen; schwerer die uber die Kirche und uber die Wahrheit des katholischen Glaubens!

Bonaventura wallte fast auf mit den Worten:

Sie sind so arm an Glauben und sind schon wahlerisch? Sie hungern und dursten und bemakeln schon die Speise, die Ihnen gespendet wird? Wahrlich, die milden Gutthater mussen sich viel gefallen lassen!

Fast bereute er dann sein hartes Wort und blickte deshalb ein wenig auf. Gross und voll senkte sich der Strahl zweier dunkelbrauner Augen auf ihn herab, ein wehmuthiger Zug um den Mund milderte einen Anflug von Bitterkeit in schonen, regelmassigen Zugen. Er musste des Obersten gedenken. Er musste sich sagen: Diese beiden Menschen sind sich so ahnlich und fliehen sich!

Mit sinnendem Ernste, bei dem sich die Augen wieder verkleinerten und die grossen Sterne wie in das tiefste Innere zuruckzogen, sprach Monika:

Ich weiss vollkommen, was wir an unserer Religion besitzen! Sie ist kein Gedanke, der soeben von heute aus dem Haupte eines erleuchteten Geistes sprang. Sie ist eine ehrwurdige Ueberlieferung, eine grosse Weltbegebenheit, aus der wir entnehmen durfen, was wir fur uns nutzbar machen konnen. Ich werfe es den Protestanten vor, dass sie sich die Burde auch des Ballastes an ihrem Lebensschiff viel zu leicht gemacht haben. Ist man Christ, so soll man auch die Geschichte seines Glaubens tragen. Oft hab' ich mir gesagt: An allem, was unsere Kirche festhalt, ist etwas, was uns irgendwie immer wieder versohnt, wenn wir dann auch wieder einer zweiten andern Formel nur mit schwerem Herzen genugen. Dann aber plotzlich tritt doch ein Widersacher in uns auf, den ich nicht den Teufel nennen kann. Unser Herz stosst plotzlich einen Hulfsschrei aus und lechzt nach der Natur. Ich habe nie uber diese Dinge so nachgedacht, als seitdem ich Rechte des Herzens zu haben glaube. Ich bin nicht glucklich vermahlt. Gesetzt, ich wurde noch einmal lieben konnen, unsere Kirche verbote mir das. Wie soll ich da nicht an ihrer Gottlichkeit zweifeln!

Bonaventura blickte bei diesen sicher und fest gesprochenen Worten im Geist auf seinen eigenen Vater, seine eigene Mutter, jenen, der vielleicht noch lebte und sich der Welt entzog, nur um dieser eine zweite Ehe zu ermoglichen ...

Diese zartesten Fragen des Beichtstuhls hatte er erst in seiner jetzigen Wirksamkeit kennen gelernt. Sie kamen auf dem Lande nicht vor. Es gaukelten wol zu allen Zeiten vor seinen Augen die hundert Falle, die die Vorsicht der romischen Casuistik uber die Thatsachen des Ehelebens oft mit einer Nacktheit und Naturlichkeit aufzahlt und niedergeschrieben hat, die nur aus Herzen kommen konnte, die sich zum Colibat verpflichten. In allen diesen spanischen und italienischen Vorwegnahmen der durch die Liebe heraufbeschworenen Gewissensleiden ist jener wahren Empfindung wenig Rechnung getragen, die aus den reinsten Tiefen des Herzens stammt. Bonaventura las im Sanchez, im Bellarmin, im Lambertini die hundert Falle, wo in der dort gebrauchten Sprache Cajus die Rosa liebt, Rosa den Titius, Thatsachen der Liebe, die das Licht des Tages scheut, nicht jener, die nicht erwidern will ohne das offene Bekenntniss ihrer Neigung vor der Welt; nicht jener, die der innern Heiligung des Menschen zum Segen werden kann und die die Kirche zum Fluche macht; nicht jener, die mit Verachtung solche Licenzen zuruckweist, wie sie die Toleranz der Gewissensrathe anrath und nur mit Gebeten und Almosen gebusst wissen will; nicht jener, die nach Neigung wahlen und in der Freiheit, fruhere Irrthumer zu berichtigen, vor glaubigen Seelen sogar durch das Beispiel der Patriarchenzeit geheiligt ist; nicht jener, die uns deshalb nur allein wahrhaft frei macht, weil sie die ewigen und unwiderleglichen Gesetze der Natur zu Gesetzen der Sitte, der Vernunft und des gottlichen Willens erhoben hat ...

Bonaventura's Stocken beangstigte die Beichtende, die es um sich her immer lebhafter werden horte ...

Ich komme wieder! sagte sie, um abzubrechen ...

Sie sprachen von keinem Bunde, den Sie wirklich schliessen wollen, hielt sie Bonaventura, sondern nur von der Beunruhigung Ihres Gewissens, wenn Sie ihn schliessen wollten. Warum begeben Sie Ihr Nachdenken in eine Gefahr, der sich auszusetzen Sie nichts zwingt?

Will man denn nicht das, erwiderte Monika, was uns ein Anhalt des Lebens sein soll, gegen alle und jede Moglichkeit der Anfechtung stark und sicher sehen?

Die Gefahr wird an Ihnen vorubergehen!

Und wenn nun nicht?

Der Priester musste sich's so naturlich denken, dass eine so gestorte Ehe damit enden konnte, dass eine junge, wie er nun horte, mit Vorzugen des Geistes ausgestattete Frau noch einmal eine Bewerbung fand, der sie nicht widerstehen konnte. An Armgart mochte er sie nicht erinnern, da er deren den Aeltern gegenuber durchgefuhrte Gesinnung kannte und der Beichtenden nicht verrathen mochte, dass ihre Person ihm kein Geheimniss war. So blieb ihm nichts ubrig, als die Zweifel, die auch an ihm in diesem Punkte nagten, zu uberwinden und das zu thun, was er in seinem Berufe schon manchmal recht schmerzlich sich mit den Worten gestand: Wir gleichen den Aerzten, die aus Mangel an Erkenntniss und einer wahren Hulfe dem armen Leidenden Wasser gefarbt mit einem rothen sussen Safte, verschreiben!

Ich sehe Sie in dem Zustande, sagte er, den die Schrift den des zerstossenen Rohres nennt und der Sanger des Dies Irae das Cor contritum quasi cinis! Das Herz zermurbt wie Asche! Bekampfen Sie Ihre Stimmungen und halten Sie noch Betrachtungen uber die Kirche davon fern! Fassen Sie die Kirche als ein grosses Ganzes! Dass Sie als Kind am Freitage fasteten, was sagte es denn? Es sagte: Ich gehore einer Gemeinschaft an, die das Vernunftgesetz uber das Naturgesetz erhoben hat! Dass wir der Wildheit die Gesellschaft abrangen, dass wir einen Bund der Gesittung, der Kunste, Wissenschaften, der Ordnung, eine Gesellschaft haben, wo die Tyrannen nicht herrschen, die Rauber, die Morder schweigen und abseits treten mussen, wem anders verdanken wir denn das, als der Zahmung unserer naturlichen Begierden?

Monika schwieg ... Sie beschloss, dem Vernommenen nachzudenken ... Schon der bald sanfte, bald strenge Ton hatte sie erhoben ...

Bonaventura schloss:

Kehren Sie bald, bald wieder! Absolvo te in nomine patris, filii et spiritus sancti!

Er machte das Kreuzeszeichen, zog sein Fenster zu und lehnte sich eine Weile in seinen Stuhl zuruck tief, tief unzufrieden mit sich selbst ...

Aber Ruhe, Kampf der Seele, Sieg gab es da wenig. Die Zahl der Harrenden war angewachsen. Schon meldete sich's am andern Fenster ...

Er zog den Vorhang zuruck. Er that es mit dem Gefuhl: Welch ein Stumper erscheinst du doch bei wirklichen Leiden! Kannst du dies Holz denn verlassen und einem Priester begegnen, ohne dass ihr beide vor einander die Augen niederschlagt?

Schon sprach wieder eine sanfte Stimme die ubliche Anrede.

Auch diese Stimme kam von einem Weibe. Auch sie ertonte aus den Umhullungen eines zwar nicht schonen, aber jugendlichen Hauptes. Ein kostbarer Pelz lag dicht am Gitter und beruhrte fast sein Beichttuch ...

Hochwurdiger Vater, ich bin unglucklich! ...

Der Beichtstuhl, mein Kind, hort nur das Ungluck durch Sunden ...

Ich sundige wider die Gebote der Kirche und doch spricht mein Herz mich frei!

Sollte die Versuchung des armen Leviten nicht enden! Bonaventura erklarte die vernommenen Worte fur einen Widerspruch und wunschte Aufklarung ...

Ich werde in wenig Wochen Mutter sein! Mein Gatte ist Protestant und ich bin zweifelhaft, das Kind in meinem Glauben taufen zu lassen!

Verlangt Ihr Gatte das Gegentheil?

Er verlangt es nicht! Er verdankt seine Lebensstellung mir, er ist die Rucksicht selbst! Dennoch schenkt' ich gern unser seit zehn Jahren ersehntes Kind ganz nur ihm!

Da thun Sie Unrecht! Sie bringen dem einen das, was er nicht begehrt, das kann Grossmuth sein; aber Sie entziehen es einem andern, der darauf Anspruche hat; das ist ein Raub!

Ich bin meinem Gatten Grossmuth schuldig, ich bin ihm Genugthuung schuldig! Und gerade vor meiner Familie, die ihn krankt, zurucksetzt, sich freut, zwischen uns eine Trennung zu wissen! Ich fuhle, dass ich ihm mein Kind schenken muss um der Liebe willen, um der Liebe ein Zeugniss zu geben! Sagen Sie denn auch wie alle andern Priester, dass mein Kind im Jenseits von mir getrennt sein wird?

Die Schrift sagt: "Bei unserm himmlischen Vater gibt es viele Wohnungen." Vertrauen Sie auf seine Gnade, wenn Sie sich nicht noch anders besinnen und von Ihrem Gatten zu Ihrer Religionspflicht zuruckfuhren lassen. Gaben Sie bei Ihrer Verbindung dem Geistlichen, der Sie traute, kein Versprechen uber Ihre Kinder?

Man verlangte es damals nicht! Das ist uber zehn Jahre her ...

... Die Falle der gemischten Ehen kamen jetzt so oft im Beichtstuhl vor. Dennoch horchte Bonaventura auf und gedachte der Zerwurfnisse im Kattendyk'schen Hause, dem Hause, wo Treudchen und Lucinde wohnten ...

Glauben Sie auch, hochwurdiger Vater, fuhr die zitternde Stimme fort, dass ich nicht die Aussegnung erhalten werde?

Die Aussegnung einer Wochnerin bei ihrem ersten Kirchgang ist ein Brauch, kein Sakrament ...

Nach dem Glauben meiner Mutter und Geschwister werd' ich, wenn ich ohne Aussegnung sterben sollte, als ruheloser Geist Nachts mit einer Kerze in der Hand so lange um diese Kathedrale gehen mussen, bis eine andere Lebende sich fur mich aussegnen lasst!

Bonaventura wurde irre, ob ein solcher Glaube in einem gebildeten Hause herrschen konnte. Fast an der Anwesenheit der Frau Hendrika Delring zweifelnd, sagte er:

Welche Thorheit! Nur furcht' ich, dass Sie nach Ihrer Handlungsweise uberhaupt nicht im Schoose unserer Kirche bleiben werden; denn die Gnadenmittel mussen Ihnen entzogen werden!

Eine Pause trat ein ...

Auch Sie sprechen wie Kanonikus Taube! sagte die Stimme ...

Wir sprechen alle, wie die Mutter Kirche spricht! Sie will keines ihrer Kinder sich entzogen sehen und ist streng gegen die, die ihrer Liebe ein neues Kind vorenthalten! Erwagen Sie Ihre kunftigen Leiden! Ihr Gatte ist edel; wie denn wird er von Ihnen ein solches Opfer verlangen!

Hendrika Delring weinte ...

Es wahrte lange, bis sie sich sammeln konnte ...

O diese Welt! rief sie plotzlich heftig aus ...

Warum nur beruhigt Sie der Friede dieses Gottestempels nicht? Warum sprechen Sie in dieser Aufregung? Erzahlen Sie, was Ihnen begegnete!

Schon oft, hochwurdiger Vater, wollte ich zu Ihnen kommen! Ich horte taglich von Ihrer Weisheit und Gute. Neulich noch, als meine Familie sich um mich versammelt hatte, ein Marienbild in meinem Zimmer entschleierte und, indessen alle auf den Knieen lagen, zu ihm ein Gelubde sprach, sie wurden, wenn ich mein Kind nicht im Glauben des Vaters taufen liesse, eine Wallfahrt antreten und in einem graflichen Hause bei Witoborn, wo geistliche Uebungen gehalten werden, sechs Wochen lang sich einschliessen und die Exercitien mitmachen, da schon wollt' ich zu Ihnen kommen nur warf mich die Verzweiflung aufs Krankenlager. Meine Mutter behauptete, wenn ich anders handelte, wurd' ich jetzt Gott um die Erfullung eines Gelubdes betrugen ...

Das ist eine Thorheit! erwiederte Bonaventura entrustet. Wer lehrte Ihre Mutter, dass Gott unserer Opfer bedarf! Ein Gelubde kann einen Werth fur unsere Seele haben, aber nur der Heide kauft seinem Gotzen mit einem Gelubde etwas ab. Eher konnte Ihr Gewissen sich gedruckt fuhlen von dem Vorwurf, die religiose Denkungsart der Ihrigen, vollends einer Mutter zu verletzen ...

Auch musst' ich bittere Thranen daruber weinen und war in meinem Vorsatz wankend geworden! Ein junges Madchen, das in meinen Diensten steht, sprach taglich von diesen Exercitien, an denen sie so gern theilgenommen hatte. Das junge Kind, das ich so lieb habe, vergegenwartigt mir den Glauben, den ich immermehr verliere ...

... Ist das Treudchen? dachte Bonaventura voll Bangen. Treudchens Beichtvater war Cajetan Rother ...

Leider aber lasst der Peiniger meiner Lebensruhe nicht nach! fuhr Hendrika Delring fort. Es ist mein eigener Bruder! Fruher war mein Gatte Fuhrer des Geschafts. Aufrecht gehalten hat er's in schwieriger Zeit. Die Zeit ist nicht mehr gunstig wie sonst, andere uberflugeln den alten Kaufmannsschritt und darauf fusst mein Bruder, um meinen Gatten taglich zu verletzen. Wahrend er selbst sich der sinnlosesten Verschwendung ergibt, wirft er uns die kleinste Ausgabe vor und schon war unser Entschluss reif, ganz aus dem Geschaft auszutreten. Leider ist meine Mitgift, wie es bei Kaufleuten Sitte, nur klein; meine Einnahme hangt von dem Ertrag des Geschaftes ab. Eine ihr entsprechende grossere Summe herauszuziehen, ist immer mit Schwierigkeiten fur unser ganzes Haus verbunden. Darum, weil mein Mann von vorn anfangen musste und auch des Salairs fur die Fuhrung des Ganzen zu entbehren hatte, bekampfte ich diesen Schritt, hielt aber zu meinem Mann und brach mit meiner ganzen Familie. Deshalb auch schenkt' ich ihm im Geist meine Hoffnung, ohne dass der Edle es begehrt. Aber jetzt ist keine Wahl mehr. Mein Gatte muss weichen. Heute in der ersten Fruhe fand eine Scene statt, die jede Aussohnung unmoglich macht. Um das Geringfugigste erhob schon sonst unser Tyrann einen Streit. Diesmal daruber, dass er eine Gesellschaft geben will und zu dem Ende Anspruche macht auf einen Theil meiner Zimmer. Ich verweigerte sie ihm aus Grunden, die eine Hausfrau haben darf. Nicht um eine Ladung Waaren, nicht um einen Werth von Tausenden begann er jemals einen solchen Streit, wie jetzt uber diesen Gesellschaftsabend. Mein Gatte kam hinzu. Das ganze Haus wurde Zeuge eines Auftritts, der nur damit enden konnte, dass wir das Haus und das Geschaft fur immer zu raumen erklarten. Mein Gatte wird eine Stelle suchen, meine Mitgift und ein uns angewiesenes Zehntel vom Reinertrage des Geschafts reicht vielleicht aus, ihn irgendwo zum Associe zu machen. Wir ziehen weg von hier und wenn ich dann an seiner Seite lebe

Nun dann, dann unterbrach Bonaventura das plotzlich stockende Bekenntniss, dann schenken Sie Ihr Kind Ihrer Mutter Ihr Gatte bedarf dann keinen weitern Beweis Ihrer Liebe mehr!

Hendrika schwankte, aber in ihrem Worte: Hochwurdiger Vater, ich zweifle schon an allem ! lag eine Zustimmung ... Der sanfte Ton des Priesters hatte sie uberwunden ...

Das sagen Sie doch nicht! unterbrach Bonaventura. Die Liebe ist ja machtig in Ihnen! Auch Liebe zu Ihrer andern Mutter, zur Kirche, haben Sie noch! Sie ringt nur mit der Gott ja gleichfalls wohlgefalligen Liebe zu Ihrem Gatten. So ist ja ein Ausgang da aus diesem Labyrinth, der Sie vorlaufig vor Conflicten mit der Seelsorge bewahrt! In den Ihnen nun verhangten kunftigen Entbehrungen kann ich nur eine Gnade des Himmels erkennen. Wie glucklich werden Sie sein! Ganz nur Ihrem Gatten hingegeben! Seine Sorgen, seine Erfolge theilend! Ich will Sie in mein Gebet einschliessen! ...

Eine Weile dauerte es, bis Madame Delring weiter sprach ... Sie hatte ihr Taschentuch an ihr Auge gedruckt ... Mit gebrochener Stimme hauchte sie:

Und ist es denn wirklich wahr Und auch Sie, Sie sagen es mein Kind wurde im Jenseits

Sie vollendete ihre Rede nicht. Denn Bonaventura unterbrach sie:

Wir haben eben eine so schone Einigung gehabt, eine Einigung, auf die hin ich Ihnen freudig die Absolution fur Ihre Zweifel ertheile und Sie auf Sonntag zum Tisch des Herrn lade. Warum kehren Sie zu dem alten Unmuth zuruck? Die Kirche hat den Abfall so vieler Millionen Bekenner erleben mussen, sie hat ihn zu einer Zeit erlebt, wo in der That ihr Wesen mannichfach entstellt wurde. Muss sie nun nicht streng sein, die Ihrigen zusammenzuhalten? Darf sie gering denken von dem, was ihre Lehre uber die Stufenfolge und die Ordnung des Heils aufgestellt hat? Eine Sprosse daraus weggezogen und das ganze Gebaude wankt. Zu unserer Kirche zu gehoren ist nun einmal nach unserer Lehre eine Wohlthat. Denken Sie doch nur immer an das, was Sie selbst als Kind glucklich gemacht hat, als Sie die erste Annaherung an die Gemeinschaft mit der sichtbaren Vertretung Ihres Glaubens fuhlten! Diese sanften Klange an einem Palmensonntag, diese heiligen Schauer des Ostertages, diese Wonnen einer hoheren Liebe zu jeder Stunde des hochheiligen Kirchenjahres gonnen Sie sie, ich bitte, auch Ihrem Kinde, dessen Ankunft und weiteren Lebensgang Gott segnen moge!

Nun ertheilte Bonaventura den Segen. Die Beichtende erhob sich langsam ... Ein Diener, der in einiger Entfernung gewartet hatte, sprang hinzu und half ihr beim Aufstehen. Sie ging bis an eines der grossen Portale, wo sie ein Wagen aufnahm.

Zeit zur Besinnung blieb dem Priester wenig ... Ob er mit sich zufriedener war? ...

Aber da half kein Blick nach innen ... Schon wieder musste er das entgegengesetzte Fenster offnen ...

Ein grosser Triumph des Beichtstuhls ist das Herantreten selbst des Hohergebildeten zum Ohr des Priesters. Grosser aber noch mochte man den Triumph nennen, wenn sich ihm die mannliche Jugend in jenem Alter naht, wo die Knabenvorurtheile abgestreift sind und sich sonst der keimende Stolz des Mannes schamt, sich noch an den Gangelbandern der ersten Erziehung zu zeigen. Ein junges Ross zerreisst alle Strange, bricht alle Schranken aber so halbwuchsige Jugendkraft im Beichtstuhl zu erblicken, selbst da sich demuthigend, selbst da sich unterwerfend, das ist eine Glorie der Kirche und des Familienlebens. Alle Abbildungen, die man von dem knieenden heiligen Aloysius von Gonzaga, einem frommen, offen gestanden, etwas blode und geistlos blickenden Pagen am Hofe der bigotten Nachfolger Philipp's II. sieht, bezwecken es, die Liebenswurdigkeit einer ganz noch in Knabengewohnheit sich haltenden Kirchlichkeit auch dem reifsten Junglingsalter einzupragen.

Thiebold de Jonge hatte wirklich, wie er an jenem Morgen nach dem Fruhkaffee Benno "auf Ehre" versichert hatte, neun Jahre lang nicht gebeichtet. Benno wurde nichts dagegen gehabt haben, wenn von diesem "auf Ehre" die jahrliche Osterbeichte ausgenommen gewesen ware; denn diese war, wie damals auch Pastor Engeltraut in Drusenheim gesagt hatte, eine ganz conventionelle "Sundenabwaschung", der man nicht entrathen kann und die sich bei jedem, der keine burgerlichen Unannehmlichkeiten erfahren will, innerhalb der katholischen Kirche von selbst versteht. Aber Thiebold de Jonge war wirklich in neun Jahren ein completter Heide gewesen. Immer traf es sich, dass er zu Ostern irgendwo auf Reisen war; eine mahnende Mutter lebte nicht mehr; sein Vater war "ohne Vorurtheile" und als "Konig der Holzhofe", wie er hiess, in einer Vorstadt wohnend, mit der Gesellschaft wenig in Beruhrung, ausgenommen bei den Provinziallandtagen. Die Gelegenheiten, wo junge Leute Beicht- und Communionzettel brauchen, kamen bei Thiebold nicht vor. Weder brauchte er Stipendien zum Nachholen seiner etwas vernachlassigten Studien, noch liess er taufen. "Ei, wart' du nur, Kerl", sagte ofters sein Vater zu ihm, wenn er die Verwilderung bemerkte, "bis du nur endlich heirathen wirst, dann hort wol die Freigeisterei auf! Aber!" setzte er hinzu, "du wirst wol auch so ein Hans Matz werden, wie " nun nannte er einige reiche altere Herren aus der christlichen Handelssphare, die, wie der "Ober-Chochem" Moritz Fuld, vorzogen, Garcons zu bleiben. Vor vier Monaten erst, als Thiebold so melancholisch und so verspatet von der drusenheimer Partie zuruckkam und einige Tage lang seine besten Leibgerichte stehen liess, setzte der Vater hinzu: "Die Hanne Kattendyk hast du dir nun auch entgehen lassen! Macht sich so ein hungeriger Professor dran! Nannette Schmitz ist freilich noch zu jung! Aber Josephine Moppes, Lisette Maus, Mamsell Effingh und der kleine Schwarzkopf, der mir schon gefallen konnte, Betty Timpe sage mir nur, Kerl, warum schleppst du dich mit den Brudern dieser Mamsells, diesen liederlichen Tagedieben, wenn du nicht reelle Absichten dabei hast!" Von einem adeligen Freifraulein und einer jetzigen Stiftsdame war keine Rede, weil der Sohn dem Vater "mit dergleichen" schon angekommen ware, obschon Thiebold auch hier auf die Lange keine Schwierigkeit gefunden hatte und uberhaupt mit seinem Vater auf mehr als dem Du-Comment kindlicher Vertraulichkeit stand. Der alte de Jonge liess sich von dem jungen de Jonge behandeln, als wenn die Rollen umgekehrt waren, er der Sohn und Thiebold der Alte. Thiebold erzog "seinen Alten" und der Alte hatte sogar Furcht vor dem Jungen und bemuhte sich angstlich, ihm zu Dank zu leben. Es war ein Verhaltniss wie in der verkehrten Welt, was jedoch nicht ausschloss, dass Thiebold mit dem tiefsten Schmerz ausrufen konnte: "Wenn mir 'mal bei Gelegenheit der alte Mann sterben sollte, wusst' ich auf Ehre nicht, wie das fertig bringen!"

Obgleich Thiebold seit vier Monaten sich weder in seiner Toilette vernachlassigte, noch irgendwie auffallend in seiner Ernahrung zuruckging, druckte ihn doch offenbar Melancholie. Seine Paletots gaben wol die Wintermode an, er hatte die Kragen und Aufschlage von schwarzem Sammet eingefuhrt, die seinem frischen, gesunden Antlitz und dem gescheitelten kraftig blonden Haar das schonste Relief gaben; aber selbst die Bewunderung, die noch vorgestern Abend auf der Apostelstrasse sein Pelzrock mit Schnuren, gefuttert mit Marderfell aus dem nordlichen Canada einem eigenen Importartikel hervorgebracht hatte (selbst bei Pitern, der so kindlich gluckselig sich erging, dass er die heute stattgehabte "Mordscene" mit Delring schwerlich schon embryonisch in seiner "furchterlich reizbaren" Seele trug), selbst diese Bewunderung hinderte nicht, dass ein schon seit lange gehegter elegischer Plan kurz vor seiner Reise nach Witoborn zur Ausfuhrung kam. In seinem Innersten hatte er sich auf etwas ertappt, was ihn druckte. Es war etwas, das er am wenigsten seinem angebeteten Freunde Benno von Asselyn und gerade darum dem Domherrn gestehen wollte. Vorgestern, beim Nachhausegehen von der Austernpartie, als er zwischen ein und zwei Uhr unter den nachtlichen Sternen nicht enden konnte, von Armgart's Mutter zu schwarmen und jedesmal Benno, wenn dieser dann auch mit Ekstase anfangen wollte, mit Allotrien in die Rede fiel, hatte er beinahe alle Schleier von seinem Innern wegfallen lassen. Asselyn! rief er; aber da war dieser wieder durch irgendeine ironische Seitenbemerkung "unverbesserlicher ausgebrannter Krater" und so blieb eine "unwiderstehliche Erleichterung seines Busens" in ihm stekken. Heute in der Fruhe zog er seinen canadischen Pelz an, las, um seine Katechismuszeit aufzufrischen, in einem alten Beichtspiegel, den er aus der Bibliothek seiner Mutter als Reisegepack nach dem frommen Witoborn mitnehmen wollte, und beschloss, dem Domherrn eine grundliche Schilderung gewisser Schlechtigkeiten zu geben mit der Bitte, das Nahere davon Benno mitzutheilen, damit ihn dieser nicht verkenne, denn "Eines muss der Mensch haben", sagte er sich, "woran er sich vom Thiere unterscheidet, welches nicht mit Vernunft begabt ist"; ja er setzte hinzu: "Unter gewissen Umstanden ist das Sakrament der Busse eine merkwurdige Geschichte!" ... Zu den besondern Segnungen des Beichtstuhls gehoren namlich die sogenannten "Restitutionen". Der Beichthorende ubernimmt dann die Ausgleichung einer eingestandenen Schuld, ohne dass der davon Betroffene die Ahnung hat, von wannen ihm diese geheimnissvolle Rechtfertigung oder unerwartete Schadloshaltung gekommen ist ...

Fur die sogleich zugestandene neunjahrige Unterlassung des Beichtens erhielt Thiebold Vorwurfe, die er "vollkommen in der Ordnung" fand. Ja fast hatte er ohnehin zur schnellern Orientirung des hochverehrten Priesters uber die "betreffende Personlichkeit", die hier in dem schonen canadischen Pelzrock und mit dem schonsten frisirten Scheitel vor ihm lag, die Erganzung gegeben: "Schauderhaft, selbst fur jene wunderbare Rettung am Sturz des St.-Moritz fand ich keine Veranlassung, irgendjemand anderes zu danken, als dem Obersten von Hulleshoven und einem Ihnen vielleicht personlich nicht ganz unbekannten Ehrenmann Namens Hedemann" ... Trotz dieser zuruckgehaltenen Indiscretionen musste Bonaventura nach einigen weitern Wechselreden den Freund Benno's sogleich erkennen. Nicht wenig war er uberrascht, als dieser von sich eingestand, dass auch er eine Dame liebte, die er nur "leise angedeutet" zu haben glaubte durch offene Nennung ihres Namens Armgart von Hulleshoven.

Ich liebe ein Madchen, bekannte Thiebold, von dem ich vor einigen Monaten erfuhr, dass es auch das "Ideal" eines Freundes von mir ist, fur den ich "sonst mein Leben lasse"! Durch eine besondere "Verkettung von Umstanden" hatten wir zusammen eine nachtliche Reise zu "bestehen", wir drei, die Dame, mein Freund und ich. Die Gegend war reizend, einsam und "wunderschon"! Die Nacht mondhell, die Sterne nein, es war "wirklich" prachtvoll und und "niemand" schlief, "die junge Dame ausgenommen", die, von Anstrengungen "ubermannt", "der Natur ihren Tribut zollte"! Mein Freund und ich, wir "zwei", "verstandigten uns durch gegenseitiges Schweigen". Merkwurdig aber! Je mehr "der Morgen graute", desto "finsterer wurde es"! Der Mond "verschwand" ... Die Berge, die Tannen reizend; aber um vier Uhr Morgens "stichdunkel"! Unsere Begleiterin erwachte! Sie seufzte und erzahlte ihre Traume, die wir "um das feierliche Schweigen zu brechen", ihr auszulegen versuchten! "Aber" an den einzelnen Stationen mussten wir aussteigen, um mit den Posthaltern und Postillonen abzurechnen, denn mein Kutscher war mit meinen Pferden schon auf der ersten Station zuruckgeblieben. Rucksichtsvoll und feierlich, wie wir "gestimmt" waren, liess einer den andern zuerst wieder einsteigen, und zerstreut, wie wir gleichfalls gewesen zu sein "nicht leugnen konnen", verwechselten wir unsere Platze. Da da fuhlt' ich auf einer der letzten Stationen vor Erreichung der "regularen Schnellpost" im Dunkel eines Hohlweges eine zarte Hand in der meinigen ... Die "Handschuhe" meines Freundes waren es nicht, obgleich es mir schien, als hatte er langst auf dem Herzen, mir mit Gefuhl zu sagen: Freund, beruhigen Sie sich! Sie sehen wohl, ich bin der Bevorzugte! Aber nein! Die Handschuhe waren die der jungen Dame. Ein Druck war es, "als wollte sie sagen": O Geliebter, wie dank' ich Ihnen von Herzen! Sie haben mich zeitlebens zu Ihrer Schuldnerin gemacht! Bleiben Sie mir gut mein ganzes Leben lang! ... Herr Gott, ich zitterte! Ich wusste, dass das gar nicht mein Platz hier war und sie mich fur meinen Freund hielt! Ich erwiderte den Handedruck und das mit Beben und mit einer "gewissen Schuchternheit", woraus sie noch um so mehr die "Berechtigung entnahm", glauben zu durfen, dass der von ihr Begluckte mein Freund und nicht ich war. Die Dame legte sich wieder in ihre Ecke "und entschlief aufs neue". Aber das Gewissen brannte mir. Herr des Himmels, der Wagen hielt, und nun musst' ich aussteigen, und der Freund, der "ein wenig geschlummert hatte" und die Worte des lieblichen Engels "uberhorte", folgt und nun diese "beklagenswerthe Verschmitztheit meinerseits"! Ich schlug ja vor, die Platze wieder zu wechseln! Und dies geschah und der Morgen graute immermehr und der Postillon blies und das junge Madchen erwachte "aufs neue". Gott, sie lachelte! Sie lachelte in aller Unschuld. Sie lachelte meinen Freund an, der ihr nun wirklich gegenubersass! Aber "naturlicherweise"! Nicht im mindesten machte dieser Miene, sich an eine Zartlichkeit zu erinnern, "die er nicht genossen hatte". Um meine Verlegenheit zu vermehren, gab die dankbare Freundin unserer Herzen nun auch mir die Hand, als wollte sie sagen: Ganz zu kurz kommen sollen auch Sie nicht, lieber Herr de Jonge! Und dies offenbar viel kaltere Benehmen sah mein Freund nicht ohne Befremden. Schwerlich schrieb er's auf "Rechnung meines Wagens", den er zwar zu loben anfing; aber ich gestehe, dass ich schon damals beschamt war, nicht im mindesten "honnet genug" gewesen zu sein und gesagt zu haben: Erlauben Sie, mein Fraulein; vorhin das bin ich auch gewesen! Kurz, mein armer Freund blieb ohne alle Aufklarung! Ich, ich sonst ein Mensch von "Reellitat", habe aus "Liebesglut" meinen Betrug verschwiegen bis zum heutigen Tage und "ich muss gestehen", diese Luge "entstellt meinen ganzen Charakter". Denn nicht nur nicht wie gesagt sie einzugestehen war alle Tage Zeit sondern auch meine Schlechtigkeiten in diesem "Punkte" nahmen noch zu ...

Bonaventura hatte schon oft Gelegenheit gehabt, sich zu uberzeugen, dass Benno nicht Unrecht hatte, seinen Freund Thiebold de Jonge einen "narrischen Kerl" zu nennen. Diese so wunderlich stylisirten Gewissensscrupel uberraschten ihn daher nicht im mindesten ...

Ich kann sagen, ich habe eine so grundliche Abneigung gegen mich selbst gefasst, fuhr Thiebold fort, dass ich jede Nacht um einige Stunden meines Schlafes "verkurzt" werde. Auch werde ich keine Ruhe finden, ehe es nicht wieder "Tag in meinem Innern" wird! Eines muss der Mensch haben, was seine Religion ist und die Ehrlichkeit, glaub' ich, "spielt dabei keine unansehnliche Rolle".

Welche andere "Schlechtigkeiten" sind es denn sonst noch, die Sie vorhin erwahnten? fragte Bonaventura ...

Die bodenloseste Verstellung! sagte Thiebold und trocknete sich den Angstschweiss von der Stirn. Ich schmeichle namlich meinem Freunde mit der "stereotypen Versicherung", dass die "Palme des Sieges" nur er allein davontragen konne. Regelmassig aber habe ich davon das absolute Gegentheil im Herzen! Ich sage ihm: Asselyn bitte um Entschuldigung! (Fur die unerlaubte Angabe eines Namens ) Ich sage: Freund, Sie sind der Glucklichste der Sterblichen! Im Gegentheil aber erwag' ich meine bessern Umstande, sogar meinen "scheinbaren Adel" und ahnliche "Chancen". Diese "vorhabende" Reise morgen nach Witoborn ist z.B. eine solche schlechte Erfindung meiner Doppelzungigkeit! Nicht im entferntesten liegt fur mich ein Interesse vor, Walder zu kaufen, die an keinem "schiffbaren Wasser" liegen. Nichtsdestoweniger hab' ich dies schlechte Geschaft als eine ausserordentliche "Conjunctur" hingestellt, ja dem Freunde sogar "schmahlicherweise" mein Bedauern ausgedruckt, dass ich ihm durch meine Anwesenheit in Witoborn ein "lastiger Zeuge" sein wurde. Wie gesagt, ich fange an stundlich uber mich selbst zu stolpern und mich dem schaudervollsten Trubsinn zu ergeben aus Desperation uber mich selbst! Hochwurdiger Vater! Ich mochte auf die ehrliche Strasse zuruck! Es wurde mir dies "stellenweise" erleichtert werden, wenn Sie, hochwurdiger Vater, die Gute haben wollten, meinen Freund zu versichern, Sie wussten aus "authentischer Quelle", dass er geliebt wird. Ich wurde dann mit einer gewissen Erleichterung neben ihm meinen Platz im Postwagen einnehmen; denn wir wollen diesmal mit der gewohnlichen Diligence fahren ...

Mit diesem schwungvollen Schluss endete Thiebold's grundlich einstudirte Beredsamkeit ...

Jeder andere, der dieser Flustersprache zugehort haben wurde, hatte sicher seinem Ohr nicht getraut. Aber ein katholischer Priester hort dergleichen Herzensergiessungen taglich. Die Neigung, die man bei Schulkindern das "Anbringen" nennt, wird durch den Beichtstuhl in Bezug wenigstens des "Anbringens uber sich selbst" sogar geschult und erzogen. Und will man ein guter Erzieher sein, muss man zugestehen, dass in dem Anbringen selbst uber andere in der Schule ein Keim liegt, der etwas Gutes enthalt. Es kann ein Wahrheits- und Gerechtigkeitstrieb sein, der nichts Unrechtes sehen oder leiden kann. Ein Kind, dem man das Anbringen unter allen Umstanden verleiden wollte, konnte leicht in Gefahr gerathen, am Guten irre zu werden; denn immer wird es denken: Ei, das Bose ist doch dafur da, dass es entlarvt und bestraft werde; wie hindert man mich denn, das Gute herzurichten? Und der Beichtstuhl hort deshalb mit Geduld alles, was in ihm angebracht wird. Auch behulflich ist er, die Entdeckungen zu fordern und das Gute so wieder einzurichten und einzufugen, dass die, die es verletzten, nicht zu sehr dabei blossgestellt werden. Er legt Strafe und Zuchtigung vorzugsweise fur die innere Gesinnung auf, ubernimmt dann aber furs Praktische gern, wie wol ein liebender Vater auch thut, das von seinem Kind gestohlene Gut wieder an den rechten Platz zu legen, ohne dass der Thater auf ewig zu Schaden kommt. Der Beichtstuhl mochte gern auf diese Art die Harmonie des Lebens erganzen. Und da die Sunden, in allgemeiner Formel ausgedruckt, oft nur Redensarten sind, so muss er zu dem Ende ausfuhrlich die Facta horen, muss wissen, welche Rubrik in der Moral verletzt wurde und welche Arznei zu wahlen ist, ob eine heroische, erschutternde, ein Taraxakum, oder eine sanfte und lind auflosende ...

Thiebold, der sich in dem Augenblick vorkommen mochte, wie der heilige Aloysius, Thiebold, der als "Aufgeklarter" nur festhielt an dem, was "an seiner Kirche wirklich gut" ist "aufgeklart" und "protestantisch" lagen fur ihn und vielleicht auch fur Benno weit, weit auseinander , traf heute nicht den alten guten Herrn, bei dem er angeleitet worden war richtig Beicht zu sprechen. Der Pfarrer von Sancta-Maria an den Holzhofen pflegte in solchen Fallen immer zu sagen: "Geh du man, min lutje Jong (es war ein Friese, wie die Asselyns), dat schall ik wol maken!" Der gute alte Herr arrangirte, was Thiebold von eingeworfenen Fenstern, Naschereien, sogar schon Schulden (bei vierzehn Jahren!) ihm eingestanden hatte. Hier aber musste Thiebold erleben, dass seine noble Gesinnung und die "authentische Quelle" und sein "die Gute haben wollten" nicht den mindesten Anklang fanden ...

Bonaventura verurtheilte ihn zwar nur zu einigen Aves und einigen Spenden, sprach ihm aber das Absolvo erst nach folgenden strengen Worten:

Und konnen Sie mir wirklich zumuthen, dass Ich nun auch noch an dem Gewebe Ihrer Unwahrheiten mit fortspinne? Wollen Sie Ihren Betrug gut machen, den Sie in dem Wagen bei jener nachtlichen Fahrt gespielt haben, so glaub' ich, dass Sie ihn selbst bekennen mussen. Erleichtern will ich Ihnen diese Beschamung allerdings dadurch, dass ich der Meinung bin, Ihr Gestandniss ist zunachst da anzubringen, wo der Betrug stattfand. Zuerst mussen Sie der jungen Dame, die Sie nun ja wiedersehen werden, bekennen, dass Sie es waren, der den Handedruck empfing. Die Tauschung, die Sie begingen, ist freilich eine doppelte. Lassen Sie aber erst das Gestandniss vorangehen, das Sie der Dame selbst zu machen haben, und sagen Sie dann mir, da ich gleichfalls in der gemeinten Gegend sein werde, was sie Ihnen erwiderte; vielleicht wunscht sie den Vorfall jetzt lieber ganz verschwiegen. Soll ihn aber spater Ihr Freund erfahren und ein wirklich dann Ihretwegen besorglicher Fall das so will ich Ihrem guten Willen, Ihrer Neigung, Ihr Gewissen zu entlasten, vor dem Freunde ein Zeugniss geben, das Ihre Hinterlist nicht zu sehr compromittirt oder wol gar eine Aufkundigung der Freundschaft zur Folge hat, wenn nicht Schlimmeres, was ich nicht wunschen mochte; denn Ihre Freundschaft ist dem Freunde schon ein Besitz, den er hat; die Liebe jenes Madchens aber bisjetzt etwas noch Zweifelhaftes. Ich mochte nicht, dass er um Freundschaft und Liebe zugleich kommt ...

Thiebold erhob sich wie angedonnert ... Die Verwickelung wurde immer grosser ... Die ganze Freundschaft mit Benno stand auf dem Spiel ... Und ein Gestandniss seiner offenbaren Heimtucke an Armgart selbst! .. Er sah die vollkommenste Niederlage, die ihm Bonaventura im Stifte Heiligenkreuz bereitete ... Die Vorwurfe Armgart's horte er, horte die offenkundigste Demuthigung in dem kuhlsten: "S i e waren das?" das je auf Erden gesprochen wurde Er wankte nur so hinaus und litt mehr, als sich schildern lasst. Denn seine Bewunderung vor Benno's Vetter war nicht blos hoch, sondern "hochst". Er musste sich gestehen, unter solchen Gefahren und Verwickelungen hatte er sich die Reise nach Witoborn anzutreten nicht fur moglich gedacht.

Ruhe, Erwagung, Sammlung waren Bonaventura nicht vergonnt ... Wie gern hatte er sich jetzt traumerisch verloren in Benno's Liebe, in Armgart's Gegenliebe, die er durch seine Thiebold gegebene Vorschrift prufen, zu vollerem Bewusstsein erheben, zum reichern Schatz fur seinen Freund ansammeln wollte. Er dachte: Vielleicht kannst du eine dem dunkeln Lebensschicksal deines Freundes plotzlich aufgebende rosige Beleuchtung in Witoborn ihm selbst ankundigen! ... Aber schon redete eine andere Stimme ...

Es war eine heisere. Aber eine weibliche, soweit ein sonderbares Naseln und stossweises Schluchzen sie unterscheiden liessen ein Taschentuch musste schon an allen Enden gewechselt worden sein, so feucht war es von dem Jammer der Zerknirschung. Eine Nase wurde dem Horer sichtbar, geschwungen wie der Schnabel eines Geiers. Druberher ein orangegelber, ganz neuer Atlashut, mit schwarzem Sammet besetzt und mit Spitzengarnitur. Es war dem Hute und dem Taschentuche und dem Weinen zufolge eine Dame. Alles Uebrige konnte einem Manne angehoren.

So gewandt wie diese Bonaventura bereits hinlanglich bekannte Seele wusste selten eins die vorgeschriebenen Anreden und Formeln auswendig. Die Frau war erst vor vierzehn Tagen dagewesen, aber schon wieder war sie der Sunden so voll, dass der Beichtvater in sein Examen keine andere Ordnung bringen konnte, als systematisch nach sammtlichen zehn Geboten. Eine Sunderin war es ganz nach dem Schema eines Beichtspiegels. Bei jedem Paragraphen der Moral hatte sie ihrem Innern gleichsam ein "Eselsohr" gemacht. Schon neulich hatte sie unnutzerweise dreizehnmal Gott, siebenmal die Heiligen, siebzehnmal die Nothhelfer angerufen. Die Terminologie des Beichtstuhls und der Curialstyl der Gnadenzustande war ihr so gelaufig, dass man hatte sagen mogen, sie sundigte auf Stempelpapier. Auch einem Diebe konnte man sie vergleichen, der seine Einbruche schon nach demjenigen Strafmass qualificirt, das gerade ausreicht, ihm nach zwei Jahren wieder die Freiheit zu verschaffen.

Dies war eine Frau, die im Entzug des allerheiligsten Sakramentes des Altars lebte. Sie behielt nur noch den Beichtstuhl offen zur Erweckung eines besseren Gnadenzustandes. Der junge Domherr war durch vorher nothwendig gewesene officielle Mittheilung der Sachlage uber eine Frau orientirt worden, die sich alle vierzehn Tage vor ihm geberdete, als ware ihr durch Vorenthaltung des heiligen Brotes die notwendigste physische Speisung entzogen.

Mit solchem Seelenjammer, dem da nun auch ein Priester, ein Mann, der ausserhalb der Ehe leben und dem holden Reiz der Frauen nicht auf sich wirken lassen darf, sein Ohr leihen muss, hatte Bonaventura lieber, wie die Casuisten in diesem verfanglichen Kapitel, lateinisch gesprochen! Aber schon war er auch von St.-Wolfgang her gewohnt, dass sich die Gewissen nach dieser Seite hin mit besonderer Vorliebe erleichterten. Sein Vorganger, Cajetan Rother, hatte den Drang seiner Beichtkinder, Sunden des Fleisches einzugestehen, durch jene geistige Entbindungskunst, die Sokrates in philosophischen Fragen erfunden, sogar noch zu beleben gewusst. Kein Kind hatte er aus dem Beichtstuhl gehen lassen, das er nicht auf sein Geheimstes ausgefragt hatte. Bonaventura schauderte anfangs vor den Mittheilungen, die man ihm machte, und bald liess er vieles, was sich auszuplaudern schon gewohnt war, gar nicht mehr zu Worte kommen. Aber diese Materie blieb darum doch ein Lieblingsthema der reuigen, durch Gestandniss halb sich schon entschuldigt glaubenden Mittheilung. Bekenntnisse dann freilich, wie die von dieser Frau heute schon zum sechsten oder siebenten mal vernommenen, waren ihm noch neu. Diese konnten nur in einer grossen Stadt vorkommen. Sie kamen so gelaufig, so formenfest, als wollte nur ein Gewerbtreibender wie die burgerliche, so hier die himmlische Steuer entrichten, die ihm fur sein Fach die Berechtigung gab, es wie begonnen so fortzusetzen.

Welche Strafen sollte nun Bonaventura einer Frau verhangen, die als eine Gelegenheitsmacherin in Untersuchung gerathen war, ausser dem Stande der Gnade lebte und keineswegs als gebessert betrachtet werden konnte? Einer Frau in glanzendem Staat, Besitzerin einiger Hauser, einer Frau, die in dem Rufe stand, bei sich Gesellschaften zu dulden, wo schon manches junge Madchen um Ehre und Ruf gekommen? Die Polizei und die Kirche kannten Madame Schummel ... Bonaventura erhielt sie gleichsam als eine geistliche Observatin von seinen Vorgangern uberliefert, als eine Frau, die in einer Art Kirchenbann lebte. Schon beim ersten Besuche, den sie ihm im Beichtstuhl machen musste, sprach er zu ihr die Worte des Propheten: "Ich will Haufen Leute uber dich bringen, die dich steinigen und mit ihren Schwertern zerhauen und deine Hauser mit Feuer verbrennen und dir dein Recht thun vor den Augen der Weiber!" Aber diese markdurchschneidenden Worte kamen der Madame Schummel, die wie ein Busser mit der Geissel nicht stark genug zugehauen bekommen konnte, gerade recht. Da sie ihn fortwahrend belastigte, nahm sich Bonaventura vor, bei ihren Allgemeinheiten nicht zu verharren, ihr Reden zu unterbrechen und zu versuchen, ob es nicht auch in dem Leben solcher Bekennenden "Restitutionen" geben konnte ...

Welches ist die letzte Seele, die Sie auf dem Gewissen haben? fragte er sie heute geradezu.

Du mein Gott! .. war die auf den Tod erschrockene Antwort ...

An wessen Seele haben Sie sich zuletzt vergriffen? Gestern? Heute schon? Sprechen Sie!

O du mein Gott! ..

Ich frage!

Bonaventura's Auge erhob sich so drohend, wie wenn er den vollstandigen Kirchenbann uber sie verhangen wollte ...

Frau Schummel verstand die Drohung und fing an zu zittern und sprach:

Jesus Maria Joseph! Zwei junge Herren haben eine Wette gemacht, dass ein gewisses junges Madchen, nicht nicht so nicht so unschuldig sei, wie sie aussahe ...

Und Sie? unterbrach der Priester das Gestandniss einer Frau, die nun hier auch knieen durfte an der Statte, wo eben Unschuld und Sittlichkeit gesprochen! ..

Ich ich kann sagen, dass ich sie ich meine das Madchen begleitet habe auf Tritt und Schritt und sie eingeladen, mich zu besuchen und gewiss gewiss auch wurde sie gekommen sein, wenn nicht ein ein geistlicher Herr, den ich gut kenne es bemerkt und ihr die Bekanntschaft mit mir verboten hatte ...

Ein geistlicher Herr? "Den ich gut kenne!"

Bonaventura erbebte ... Er sah die Wurmer in der Hostie wieder ... Doch bekampfte er sich und gedachte des romischen Katechismus, der Theil II, 5. 9. 51. befiehlt, der Priester soll darauf achten, dass die Sunder im Beichtstuhl so behandelt werden, d a ss s i e immer Lust bezeigen, wiederzukommen.

So denn zwang er sich zur Selbstbeherrschung ...

Ach, weinte Madame Schummel, meine vornehmen Freunde verderben mich! Da kommen sie und schmeicheln mir und bieten Geschenke! Tausend Thaler kann ich haben, wenn ich

Dies ungluckliche Madchen zu Falle bringe ?

Nein, ihre Freundin! Die die mit ihr in einem Hause wohnt ...

In einem Hause? ... Bonaventura wusste kaum, was ihn plotzlich an Treudchen Ley und Lucinden zu denken zwang er wusste kaum, was ihm plotzlich die Besinnung raubte, zwang seine Fragen zu unterbrechen, seinen Entschluss zu helfen lahmte ...

Ich Aermste, ich soll alles moglich machen! schluchzte Madame Schummel. Ich ungluckliche Frau ich

Sie werden alles versuchen, die Preise zu gewinnen, die sittenlose Manner auf diese Verfuhrungen stellen! sagte Bonaventura ...

Nein, da sei Gott fur, hochwurdiger Vater! Die Eine, die Kleine, ei, ich hore ja, die ist furs Kloster bestimmt ...

Treudchen! .. Bonaventura wusste, wie Treudchen von den Klosterfrauen gefesselt wurde, wusste, wie Treudchen ebenso die Schwester Beate furchtete, wie sie die Schwester Therese liebte. Treudchen hatte ihm alles das bei einem Besuch im Kapitelhause, bei ihrer, Renaten angebotenen Hulfe zu seiner neuen Einrichtung selbst erzahlt ...

Mit hochklopfendem Herzen fragte er:

Und die andere ?

Maria, Konigin der Jungfrauen, lass' mich siegen bei allen Angriffen der Feinde meines Heiles! Mein heiliger Schutzengel, bitte fur mich und erlange mir einen grossen Abscheu gegen alle Fleischesluste. Und du, Gott der unendlichen Barmherzigkeit

Schweigen Sie! unterbrach Bonaventura die auswendig gelernte und statt der Antwort auf die scheinbar uberhorte Frage vorgetragene Litanei eines Gebetbuches. Unterlassen Sie jeden Versuch zu diesen fluchwurdigen Freveln und beten Sie die eben von Ihnen begonnenen Worte druben an den Stufen der heiligen Afra-Kapelle! ... Er musste sich sagen sein Amt schrieb es ihm vor der Glaube erleuchtete auch die heilige Afra, die ursprunglich ganz auf den Wegen dieser Frau wandelte, erleuchtete eine Margaretha von Catona, auf welche bis in ihr einunddreissigstes Jahr gleichfalls jene Worte des Propheten passten, die er zum ersten Gruss zur Frau Schummel gesprochen, und die dennoch eine Busserin wurde und nicht nur in ihrem Grabe mit unverwestem Leichnam liegt, sondern sogar im Gegentheil, woruber sie heilig gesprochen worden ist, einen eigenthumlich "angenehmen Geruch verbreitet" ... Und uber Lucindens Lebensgange zu forschen, verliess ihn alle Kraft. Auch war Frau Schummel schon verschwunden ohne Absolution, wie gewohnlich. Auf das Wort: "Heilige Afra", das Bonaventura mit einer segnenden Handbewegung gesprochen, hatte sie selbst im Knieen geknixt und erhob sich. Sie hoffte, mit der Zeit ihr erworbenes Vermogen in ungestorter Ruhe und endlicher Versohnung mit den offentlichen Thatsachen geniessen zu konnen.

Leichtere Falle kamen dann, die Bonaventura's erschuttertem Gemuthe Erholung gestatteten ... Er ubereilte nichts ... er liess jedem Zeit, sich auszusprechen ... Einigen, die zu redselig wurden, sagte er mit Sanftmuth, dass die bewilligte Zeit bald voruber ware, sie mochten ein nachstes mal kommen und dafur sorgen, dass sie vom Messner den Vortritt erhielten.

Soll es denn so sein? rief es wie ein Weheschrei in ihm auf, als dann endlich drei Stunden voruber waren. Darf es eine Institution geben, die uns der Sunde gegenuber nur zu Horenden macht, nur zu Belauschern dieses bunten, entsetzlichen Lebens? Soll das Bedrangte nicht sofort Entsatz erhalten von jedem, der davon nur die leiseste Kunde vernimmt? Soll eine in Erfahrung gebrachte Wahrheit nicht sofort laut verkundigt, ein Verbrechen durch uns zur Bestrafung gebracht werden? ...

Wie viel Hulfeschreie verhallten nun schon so in seiner Brust! ...

Wozu das alles! seufzte er ... Wozu? Wozu?

Ein feierliches Hochamt in einem entlegneren Theile des grossen Baues hatte begonnen ... Niemand kam mehr, um an sein Ohr zu gelangen ... Aber noch sass er, als blutete er aus tausend Wunden ... Ein Erzittern, ein fieberhaftes Frosteln fuhlte er bis tief in sein Allinnerstes ...

Im Begriff sich jetzt zu erheben, faltete er sein Tuch zusammen. Schon hatte er den Drucker der Thur in der Hand, um sein enges Gefangniss zu verlassen, schon sah er im Geist gewohntermassen den Messner vor sich, der voll Ehrfurcht und mit einem nie so reich gewesenen Ertrag von "Beichtpfennigen", wie sich jetzt ein solcher seit der Erhebung dieses gefeierten Priesters zum Domherrn ergab, ihn empfing und zur Sakristei geleitete ...

Als er mit einem Fusse schon aus dem Beichtstuhl war, bemerkte er, dass der Messner einen Zuspatgekommenen, der an der linken Seite des Stuhles knieete, entfernen wollte ...

Es war ein Mann aus dem untersten Volke, mit einer Blouse uber dem Rock. Ein Filzhut bedeckte das nicht sichtbare Antlitz ... nur ein krauses, struppiges, rothlich blondes Haar sah er. Der Betende schien sich nicht wollen storen zu lassen ...

Bonaventura winkte dem Messner und trat in den Stuhl zuruck ...

Machtig schollen die Klange des Hochamts, heute sogar, wie oft, begleitet von einer Instrumentalmusik. Sie wogten durch das hohe Gewolbe und dennoch blieb in diesem entlegenen, dunkeln Winkel die geflusterte Zwiesprache innerhalb des Stuhles deutlich vernehmbar.

Eine heisere, fremdartig betonende Stimme war es, die mit ihm sprach ...

Bald erkannte er, dass sich ihm ein ruheloses Gemuth offenbaren wollte ...

Er erkannte, dass er mit einem Verbrecher sprach ...

Eine Zeit lang horte er ruhig zu. Der Ton schien von einer nicht ganzlich verwahrlosten Seele zu kommen, aber auch von einem Gemuthe hochster Beschrankung ... Der Mann sprach von einer unterirdischen Erscheinung, von einem Marienbilde unter der Erde, das ihm oftmals zurufe: Thue Busse! ... Es hatte ihm schon einmal die Warnung vor einem Manne gegeben, der dann auch richtig neulich hatte den Kopf hergeben mussen ...

Hammaker? sprach Bonaventura zu sich ...

Der Mann erzahlte, er ware unter Verbrechern aufgewachsen, hatte bitter gebusst, lange Jahre in Frankreich in Kerker und Banden gelebt, sich im Vaterland "etabliren" wollen immer war das Deutsche von franzosischen Worten unterbrochen aber neue Verfuhrung ware gekommen, selbst das Heiligste hatte ihn nicht zuruckgeschreckt er hatte ein Grab erbrochen ...

Bonaventura bebte auf ...

Nun erscheine ihm auch, sagte die Stimme, der Todte, den er auf die nackte Erde geworfen, und fordere von ihm zuruck, was er ihm genommen, und doch ware es nichts gewesen, qu'une bagatelle Schriften, die er nicht lesen konne ...

Bonaventura horte schon nicht mehr ... Die Sinne vergingen ihm ... Bei der ersten Ahnung, mit einem Verbrecher zu sprechen, hatte er sein Antlitz ganz verhullt, hatte die ganze, volle Vorschrift der Regel des Beichthorens auf sich wirken lassen und sich so verborgen, dass der Gestandige in seinem Muthe nicht wankend werden sollte ... Nun diese neue Entdekkung! War das Bickert, der Knecht aus dem Weissen Ross? Der Leichenstorer, den die Hascher seit Monaten suchten? Bickert, der mehr gefunden im Sarge des alten Mevissen, als Bonaventura dem Onkel Dechanten vorgelegt? Schriften, die an seinen Vater erinnern konnten

Hinauszusturzen aus dem Beichtstuhl, den Verbrecher festzuhalten, Hulfe zu rufen das war sofort sein Gedanke aber Innocenz und Hildebrand, wie schultet ihr euere Reisige! Ein katholischer Priester wird erzogen, in der Beichte von Ravaillac zu horen, dass er den Konig von Frankreich ermorden wolle. Er wird, ahnlich wie Pater Cotton, der Jesuit, gethan, auf diesen ihm vorgelegten Fall antworten: Ich werde den Konig warnen, werde stundlich um ihn sein, werde den Todesstoss statt seiner empfangen; aber dem Morder kann ich nur seine Sunde vorhalten und ihm ins Gewissen reden seine That gehort Gott seine Person kenn' ich nicht ...

Die Beichte zu s p r e c h e n , nennt die Kirche das schonste und grosste Heldenthum des Menschen. Petrus weinte bittere Thranen, Magdalena wand sich zu den Fussen des Heilands, Augustinus gestand in seinen Bekenntnissen die Verirrungen seiner Jugend ... Aber nicht minder gross ist das Heldenthum des Beichth o r e n s ... Christus horte noch die Beichte eines Morders, der am Kreuze neben ihm hing, wahrend sein eigenes Leben verschmachtete und der unbussfertige Schacher ihn lasterte ...

Und dennoch, dennoch riss unsern Freund die kindliche Liebe hin ...

Unglucklicher! rief er fast in die schmetternden Klange des Hochamts hinaus. Was fuhrt dich gerade zu mir? Wisse! Ich, ich bin der Pfarrer des Friedhofs gewesen, den du entweihtest in Sanct-Wolfgang!

Das rothblonde struppige Haupt erhob sich einen Augenblick und sank, zuckend unter einem grauen Hute sich verbergend, kraftlos nieder ... Der Spatling hatte diese Fugung des Zufalls nicht erwartet ...

Uebersende mir die Schriften, von denen du sprichst! Die Ruhe meines Lebens hangt von ihnen ab! ... Ach, gewiss auch die Ruhe deines Lebens! Weisst du doch, selig sind die Todten, denn sie werden Gott schauen! Vor seinem allwissenden Antlitz wird der von dir in seinem Grabe Gestorte auch fur deine Seele bitten! Ist deine Reue eine wahre, ist diese Anfechtung zur Ruckkehr in alte Schuld die letzte gewesen, dann kniee nieder vor der allerseligsten Jungfrau, wenn sie dir wieder erscheint in den Hohlen, wo du vor dem Arme der Gerechtigkeit dich verbirgst, bekenne ihr deinen Trieb zur Besserung, und willst du die vollste Aussohnung mit Gott auch nur einmal, einmal erproben, in dem Genuss seines heiligen Leibes, o, so will ich dir das allerheiligste Sakrament des Altars nicht entziehen, will dir die Erweckung durch den Mitgenuss seines gekreuzigten Leibes nicht versagen Oder hast du noch irgendeine andere Schuld auf deiner Seele ?

Der Verbrecher athmete schwer und erhob sein Haupt nicht wieder ...

Es war Bonaventura, als horte er ein Murmeln: Ich hatte

Du hattest? O rede! Du hattest?

Ein ein Engagement

Wozu? Zu einer ruchlosen andern That? Sprich! Vertraue mir!

Ein Feuer

Solltest du anlegen? Ha! Eine Urkunde eine falsche Urkunde in dem Tumulte irgendwo niederlegen! Wo? Wo? Sprich!

Es ist voruber

Schon geschehen? Ihr Heiligen!

Nein, Herr, nein!

Aber es wird geschehen!

Nein, Herr, nein

Wen soll ich warnen? Rede!

Der Verbrecher schwieg ...

Rede!

Keine Antwort erfolgte ... Der Verbrecher murmelte ein Gebet ...

Nun denn, sagte Bonaventura nach einer Weile, so sei dir dies Vorhaben vergeben, wenn es unterbleibt und du es um Jesu willen bereust! Aber auch dies noch! Mein Name ist Bonaventura von Asselyn! Meine Wohnung im Kapitelhause! Sende mir die Schriften, die dir nichts nutzen konnen! Nie, nie will ich dich erkennen! Ich sah dich ja nicht, ich will dich nicht sehen, ich spreche dir Befreiung deiner Schuld und schliesse das Gitter, dass du dich ungestort entfernen kannst! Beim Tisch des Herrn will ich dich, falls du dein Vorhaben unterlassest und mir die Schriften schickst, anlacheln wie dein Freund wenn ich dir das Brot des Lebens reiche! Absolvo te in nomine patris, filli et spiritus sancti! Amen!

Bonaventura machte das Zeichen des Kreuzes

zog das Fenster zu ... und erhob sich ...

Als er sich zitternd entfernte, war niemand mehr

gegenwartig, selbst der Messner nicht ...

Das Hochamt tonte fort ...

Wie eine Geistererscheinung war, was er erlebt

hatte ... Er wankte dahin wie wesenlos ... wie ein Hauch der Lufte ...

In dem ihn umrauschenden Gewuhl des Lebens,

unter den sich drangenden Menschen, die ihm auswichen, hinter dem Messner, der ihn in einiger Entfernung erwartet hatte und sich ihm anschloss und Platz machte, dass er hindurchkonnte zur Sakristei, war sein Sein das, was nach einem griechischen Dichter wir alle sind, nicht ein Schatten nur, nur eines "Schattens T r a u m ".

Bei alledem sprach ihm, als er sich umkleidete, sein Gewissen: Hast du dich nicht von deinem personlichen Interesse fortreissen lassen? Blieb nicht ein Vorhaben zu wenig eingestanden, das viel wichtiger ist, als jenes Blatt Papier? ... Wickert war ein Bundesgenosse Hammaker's ... Eine Feuersbrunst stand vor seinen Augen und wollte nicht weichen ...

Benno holte ihn ab, um ihn in seine Wohnung zu begleiten und von ihm Abschied zu nehmen ...

Was musste nicht alles sein Mund verschweigen!

Er wusste nicht, was ihn bestimmte, zu sagen:

Seid auf Schloss Westerhof nur wachsam! Tag und Nacht haltet doch Obhut! ...

... Wie bangte er der Hoffnung entgegen, die Rathsel jenes Sarges von St.-Wolfgang gelost zu sehen!

6.

Piter's Gesellschaftsabend ruckte naher ...

Eine Aenderung seines Programms durch die mit Delring und seiner Schwester Hendrika stattgefundene Scene konnte man "von ihm nicht verlangen".

Selbst seine Mutter und seine andern Geschwister waren schon zu weit in den Zurustungen ihrer Toiletten vorgeschritten, als dass eine so bedenkliche und fur alle daran Betheiligten tief erschutternde Wendung der Dinge, wie Delring's Austritt aus dem Geschaft und die Aufgabe seiner Wohnung im schwiegeralterlichen Hause, etwas darin hatte andern konnen. Die Commerzienrathin weinte zwar bittere Thranen, aber sie hutete sich wohl, dass eine derselben auf die schweren silbergrauen Moireestoffe fiel, welche sie taglich zweimal bei ihrer Schneiderin anpasste. Die Equipagen ihres Hauses sowol wie die des Procurators rasselten durch die Strassen mit einer Eile, als konnten plotzlich in der Stadt alle schinirten Sammete, aller Gros de Naples, alle Stoffe zu Borduren und Blonden aufgekauft werden.

Die obern Zimmer blieben von Hendrika Delring fur den Abend verweigert. Piter hatte dort eine "Retraite" fur seine Freunde arrangiren wollen, wo sie in gemuthlicher "Nonchalance" sich gehen lassen konnten; er wollte, das war seine Idee, hochsten Salon und tiefsten Austernkeller fur jenen Abend vereinigen. Gesang und "geistreiches" Gesprach sollte die Cigarre und einen kleinen "Ulk" nicht ausschliessen. Die Wendeltreppe eignete sich so prachtig fur diese gemuthliche Mischung! Indessen war dies Arrangement nicht zu ermoglichen und Johanna, seine jungste Schwester, seine alteste, Josephine, die Frau Oberprocurator, sammtliche Hausfreunde gaben Pitern diesmal unbedingt Recht, wenn er von einem "denn doch kolossalen" Eigensinn sprach, und nur seine von ihm gebrauchten Kraftausdrucke angstigten sie, besonders vor Fraulein Lucinden, deren hohe Bildung und schuchterne Sittsamkeit taglich hier im Hause Redensarten zu horen bekam, die sie bei soviel Frommigkeit nicht hatte voraussetzen sollen.

Nur vor Dominicus Nuck hatte Piter einige Furcht. Dieser Sonderling war noch immer im Stande, ihn zuweilen wie einen zehnjahrigen Knaben zu behandeln. Eine Burgschaft fur den Bestand des Geschafts konnte dem klugen Manne Piter's Alleinherrschaft nicht erscheinen. Letzterer ahnte das und besorgte Erklarungen, um so mehr als Nuck schon lange ein Gegner dieser projectirten Gesellschaft war. In Sack und Asche sollten wir gehen, hatte er zu seiner Frau gesagt, und dieser Mensch thut den Neunmal-Weisen den Gefallen und will illuminiren lassen! ... Seine Gattin hatte seit lange keine so wortreiche Unterhaltung mit ihm gefuhrt. Sie hatte schon um dieser seltenen Vertraulichkeit willen auf ihres Gatten Zorn uber den "dummen Jungen", wie Piter schon eine hubsche Reihe von Jahren bei ihm hiess, eingehen sollen; aber die Hohe ihrer Volants an einer wundervollen Rosatoilette nahm sie so in Anspruch, dass sie nur immer das Rauschen ihres Eintritts in den Salon horte und den Moment bedachte, wo sie sich an dem festlichen Abend zum erstenmal niederlassen wurde, nicht zu nahe am Ofen und nicht zu dicht unterm Kronenleuchter; denn die Arme litt bei solchen Abenden an einem krankhaften Echauffement und hatte dann vor Zorn uber sich selbst und den Schopfer, der sie ins Leben gerufen, schon manchen kostbaren Facher zerknittert, dieser Rothe gedenkend, die ihr die Stirn, die Nase und besonders die Ohren mit einer unheimlichen Ziegelsteinfarbe uberzog.

Die "Religion" war in der That einige Tage lang im Kattendyk'schen Hause suspendirt. Piter bekam in allen Punkten Recht, selbst wenn er seine Meinungen des Tages einigemal wechselte und sich selber widersprach. Auch ein ganz besonders malicioser Antagonist gegen ihn fehlte glucklicherweise, der ausserordentliche Professor Guido Goldfinger, Johannens Verlobter, der erst zu dem Gesellschaftsabend selbst ankommen wollte. Dieser junge Mann machte mit einer glanzenden Heirath sein Gluck, war aber fur dies Gluck von seinem Vater, dem Medicinalrath, formlich erzogen worden. Gerade die Sicherheit seines Benehmens gab ihm den ausserordentlichen Vorsprung bei der Mutter und bei Johannen. Auf der vielfach angedeuteten Universitat lehrte er Naturwissenschaften vom rechtglaubigen Standpunkte. Er bewies wissenschaftlich, dass es Pflanzen gabe, die die Marterwerkzeuge in ihrem Kelche schon von Anbeginn ebenso hatten tragen mussen, wie die Propheten bereits von allen Einzelheiten im kunftigen Leben des Messias wussten. An einer "Heiligen Botanik", schrieb er, in der alle in der Bibel vorkommenden Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge behandelt wurden. Wenn sein kurzes, schneidendes Wesen in den Abendgesellschaften (von seinem von drei bis vier Zuhorern umsessenen Katheder kam er wochentlich einmal heruber) Pitern gegenuber Stickstoff, Sauerstoff, Polaritat und ahnliche schwierige Fragen zu sehr accentuirte und daruber Piter "unangenehm" wurde und vor solchen "Kindereien, die er sich schon in der Schule abgelaufen hatte", sich nicht im mindesten zu angstigen erklarte, falls der Professor ihn rundweg anfuhr: "Das verstehen Sie nicht!" so sagte der alte Sanger Ignaz Potzl, indem er dann einmal von den Bologneserhundchen die alten magern, sie streichelnden Hande abliess, mit halblautem Seufzer: "O Ysop, Ysop! wann wirst du an die Reihe kommen!" Darunter verstand Potzl, wie alle Anwesenden aus dem engern Familienkreise wussten, den letzten Artikel der "Heiligen Botanik"; denn erst mit dem Abschluss dieses grossartigen Werks, das auf Kosten der Commerzienrathin gedruckt werden musste, sollte die Hochzeit stattfinden. Leider stand der Professor erst bei der Wurzel Jesse, bei der er sich, wie er mit sardonischer Galanterie hinter seiner blauen Brille hervor Johannen zuflusterte, deshalb so lange aufhalten musse, weil ihn zu sehr der Buchstabe I fesselte.

Am empfindlichsten war Pitern der Eindruck, den sein Bruch mit Delring auf Treudchen machte. Sie selbst hatte der Scene nicht beigewohnt, nach der sich ihre Herrschaft in den Beichtstuhl des "neuen Heiligen" Bonaventura von Asselyn fluchtete, aber sie erfuhr alles Geschehene, als sie von einem Einkaufsausgang nach Hause kam. Lucinde hatte ihr schon lange den Rath gegeben, Pitern etwas zu tyrannisiren. So oft er ihr nun seitdem auf der Treppe begegnete, wobei eine rasche Handbewegung, manchmal das Verlangen, ihm einen Knopf am hingehaltenen Hemdarmel sofort auf der Treppe anzunahen, schon zur Gewohnheit geworden war, zeigte sie ihr Schmollen. Piter hatte jetzt nur zu viel mit seinem "Programm" zu thun, sonst wurde ihm dies Ausweichen unertraglich gewesen sein. Schon weckte er durch seine Leidenschaft Spott und "Hohngelachter" und Zweifel des Neides, besonders bei den stillen Charakteren Weigenand Maus und Aloys Effingh, die schon vor langerer Zeit uber seine Entzuckungen die harmlosen, aber bedeutsamen Worte fallen liessen: Nur nicht zu uppig, Kattendyk! ...

Lucinden schonte Piter um Treudchens willen. Auch sprachen ja Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge mit einer hochst respectvollen Scheu von der Gesellschafterin seiner Mutter. Benno war zu gewissenhaft, um die fur Bonaventura's Lebensstellung nicht passende Leidenschaft Lucindens zu verrathen. Auch musste er anerkennen, dass durch die fast schimpfliche Entfernung aus der Dechanei Lucinde vollkommen berechtigt war, auch ihm gegenuber jenen Humor aufzugeben, dessen Ausbruche ihn erst damonisch abgestossen, zuletzt gefesselt hatten. Die Wahrheit des einen Wortes, das Lucinde Benno beim ersten Begegnen am Theetisch der Frau Walpurga zugeflustert hatte: "In Kocher am Fall hab' ich Bitteres erlebt!" durfte er nicht anzweifeln. Wohl bemerkte sein scharfes Auge, dass Lucinde auch hier schon mit dem ganzen Hause und den Schwachen desselben spielte; aber Koketterie war es nicht, als sie ihn eines Abends bat, sich ihres vernachlassigten Latein anzunehmen; sie wolle, sagte sie, die Bekenntnisse des Augustinus, die Geschichte seines Lebens-Trahimur, in der Ursprache lesen. Zu Thiebold's Erstaunen uber dies "Zauberweib" kaufte ihr Benno ein Lexikon, verschaffte ihr Uebungsbucher und musste sich gestehen, dass die Art, wie sie ihm dafur das Geld schickte und ihren Dank in einem Briefe bezeigte, einen graziosern Geist verrieth, als er ihrer Schroffheit zugetraut hatte. Das Geld kam auf der "Schreibstube" Nuck's an und war dort in seiner Abwesenheit dem Principal ubergeben worden. Als Nuck die Veranlassung dieser Geldsendung aus dem Kattendyk'schen Hause erfuhr und mit eigenthumlich zwinkernden Augen auch den ihm von Benno dargereichten Brief gelesen hatte, erfuhr letzterer, dass die Wirkung, die Lucinde hervorbrachte, immer allgemeiner wurde. Wo man nur auf das Kattendyk'sche Haus zu sprechen kam, wurde nach Lucinden gefragt. Schon erschien sie allen, den Frauen etwas unheimlich. Auch Manner brauchten zuweilen den Ausdruck, sie hatte zu viel Geisterhaftes. Nur uber ihre beispiellose Frommigkeit waren alle ubereinstimmend. Eines Tages erfuhr Benno von Thiebold, dass Nuck an dem seit einiger Zeit haufiger von ihm besuchten Theetisch seiner Schwiegermutter Lucinden halblaut ein Wort gesprochen hatte, das dieser die seit einiger Zeit immer nur bleichen Wangen purpurn uberfarbte. Es war von einer schon zunehmenden Gewohnung Lucindens an das Leben im Hause und in der Stadt die Rede und von ihrer fruhern ubergrossen Verschuchterung. "Sie sind eine Jerichorose!" hatte Nuck geflustert. Thiebold verstand diese Vergleichung nicht. Im Benno wollte er "nachschlagen", was sie bedeute. Als ihm Benno die Erklarung gab: Eine Jerichorose ist ein rankenartiges Gewachs mit einer wunderbar gestalteten und duftenden Blume, die zeitweilig ganz ledern, welk und verkommen aussehen kann, legt man sie aber in heisses Wasser, so quellen ihre Blatter auf und sind, wenn sie auch seit Jahr und Tag vertrocknet schienen, plotzlich wieder so frisch, als wenn die Blume zum ersten mal bluhte ... da wetterte Thiebold uber den Ausserordentlichen, der gerade zugegen gewesen war und die Jerichorose nur "lateinisch", d.h. gelehrt gefasst und gesagt hatte: Die heilige Botanik hat es mit zweierlei Jerichorosen zu thun. Die eine ist die der Legende: Maria auf der Flucht nach Aegypten steigt von dem Esel und da, wo ihr Fuss den Wustensand beruhrt, spriesst die Jerichorose auf. Die andern sind diejenigen Rosen von Jericho, die bei Sirach vorkommen in der fur die heilige Botanik so classischen Stelle ... Viel lieber hatte Thiebold gewunscht, man hatte verweilt bei der vollstandigern Beziehung dieser Vergleichungen auf ein Wesen, das fur die ganze gebildete Gesellschaft der Stadt immermehr einen eigenthumlich verschleierten Reiz gewann.

Der verhangnissvolle Festtag erschien ... Die Vorbereitungen zu dem Abend sistirten bei Pitern den ganzen geschaftlichen Ex- und Import. Heute galt es den Triumph seiner durchbrochenen Mauern, neugeschaffenen Kamine, portierenverdeckten Thuren. Auch hatte er schon in der Dienerschaft seit lange manche Reformen angebahnt. Die alten hatte er zwar nicht entfernen konnen, aber sie fur den einzufuhrenden bessern Ton "unschadlich gemacht". Kathrine Fenchelmeyer behauptete sich in der Kuche, trotzdem dass Thiebold eines Abends gesagt hatte: "Eigentlich mit G e i s t kochen kann nur ein Mann!" eine Behauptung, woruber ein funfstundiger Streit unter den Freunden entstand, der fur Pitern so interessant und anregend wurde, dass er sich das neue Buch "Geist der Kochkunst" kaufte. Ueberhaupt gab er viel Geld fur diejenige Literatur aus, die ihm in schonen Einbanden hinter einem Glasschrank zu besitzen nothig schien, um jenes gewisse Etwas eines der Kaufleute zu gewinnen, die so "merkwurdig beschlagen" sind in allem, was die Zahl der Stecknadeln anbetrifft, die eine birminghamer Maschine in einer Stunde hervorbringen kann. Auf jedes Buch, das fur Delring's Bibliothek vom Buchhandler im Comptoir abgegeben wurde, setzte er ein anderes und nicht immer Werke uber Cavalierperspective, "Diatetik der Seele", Blumauer's "Aeneide", die "Jobsiade" und ahnliche classische Schriften, die unter den Freunden bewundert wurden, auch Mac Culloch und Reisebeschreibungen in Vorder- und Hinter-Asien. Kathrine hatte fur den Abend einen Koch zu Hulfe genommen Piter entliess sie nicht, weil unter den Freunden trotz aller Bewunderung vor den Speisen, die man in Paris bei Very finden konnte, feststand, dass Sauerkraut, Erbsen und Durrfleisch nirgends so "famos" zubereitet wurden, wie bei ihm. Auch uber die richtige Art, den Wein einzuschenken, trug im kleinen Kreise Joseph Moppes manchmal formliche Abhandlungen vor. Wehe den neuen Dienern oder den am Freitag zu Dienern avancirenden Hausknechten auf die engagirten Lohnbediente war eher Verlass wenn sie beim Einschenken der Weine nicht der Theorie entsprachen, die Piter ihnen kurz vor Eroffnung der Flugelthuren noch einscharfen wollte. Ob ihn die Scrupel wegen der "trauernden Religion" nicht bestimmen sollten, dass die Diener sammtlich schwarzbaumwollene Handschuhe statt weisser anzogen? In dem Austernkeller neulich hatte man diesen Piter'schen Gedanken erst bewundert, dann ihn aber doch fallen lassen. Weigenand Maus hatte sogar gesagt: "Wehe dem Kaufmann, der uberhaupt Religion hat!" "Sie meinen eine andere Religion, als die des ehrlichen Mannes?" polterte Thiebold auf, der an seine "vorhabende" Beichte dachte. Gebhard Schmitz, der Dialektkunstler, um etwaigem "Streite" vorzubeugen, fiel mit einem allgemeine Acclamation erweckenden Worte ein: "Meine Herren! Ich sage, wehe dem Kaufmann, der jetzt eine andere Religion hat, als die judische!"

Piter stand nun wie Napoleon vor einer Schlacht. Er hatte sich auf alles vorbereitet, sogar das Verdriesslichste, auf Absagebriefe. Sein lebhafter Geist sah sogar sammtliche Lampen nicht brennen, horte Cylinder zerspringen, horte stockende Gesprache. Aber er suchte allem zu begegnen durch Reservevorrathe; sogar von Anekdoten hielt er sich ein kleines Lager in Bereitschaft. Aus dem "Demokritos" hatte er sich einige Bonmots gemerkt, manche feine Antwort memorirt, die er anbringen wollte, wenn es seinem rastlosen Ehrgeize gelang, irgendwo die ihr entsprechende Frage zu provociren. Die ganze Stadt wusste den Vorfall mit Delring. Wie hatte er da die Arme zu verschranken und sich hinzustellen als die sturmfeste Mitte eines grossen Ganzen! Und diese mindestens in zwanzigfacher Anzahl kommenden jungen Madchen, denen er zeigen wollte, was ein "Herr der Schopfung" ist! Sein Bartchen war allerliebst gefarbt, das dunkelblonde Haar unternehmend gebrannt, die Hemdauslage zeigte das kunstvollste Steppmuster. Sie hatte Thiebold entzucken mussen, der zu sagen pflegte: "Was bei den alten Griechen, wie Benno von Asselyn versichert, einst die Bader gewesen sind, das ist bei uns die weisse Wasche." Nur Piter's Schneider liess ihn mit einem fast auf dem Leib ihm angenahten Frack noch bis sechs Uhr warten. Fast war er das Atelier des Mannes geworden und seine Haut nahe daran, durch das gewissenhafte Probiren mit festgenaht zu werden. Aber um sechs Uhr konnte er "auf Ehre und Seligkeit" die Ankunft des Frackes gewartigen. Das ganze Haus war geheizt, sogar die unten durch Glas verschlossenen, teppichbelegten, blumengeschmuckten Treppen. Nur so auch konnte es geschehen, dass Piter von drei Viertel auf sechs Uhr an in Hemdarmeln Trepp' auf Trepp' ab lief.

Berechnend, ob das zu fruhe Anzunden der vielen Kronenleuchter und Wachskerzen nicht zu zeitig durfte "Friedland's Nacht" eintreten lassen, durchschritt er die oden, fast gespenstischen Zimmer, leise verfolgt von einigen bereits gekommenen Lohnbedienten, die sich nutzlich machen und Vertrauen erwecken wollten ... Die Mutter, die Schwester waren noch tief in ihrer Toilette zuruck ... auch Fraulein Schwarz war nirgends sichtbar .... Treudchen Ley's Erscheinen liess sich in keiner Weise voraussetzen ...

Wie fehlte ihm diese holde Ermunterung! Wie sehnte er sich nach einem Druck ihrer weichen Hand und ihrem gewohnlichen: "Ach, Herr Piter !" Wie erschopft war er bereits von den Anstrengungen des Tages!

Guten Abend, Kattendyk! lautete es hinter ihm her, als er sich eben lassig in einen seiner neuen Fauteuils warf ...

Es war Joseph Moppes ... Bester! Haben Sie etwa Weiss aufgelegt? Sie sehen ja gottsjammerlich aus! sagte der Freund und ging mit Noten rasch voruber in die hintern Zimmer ...

Finden Sie das? antwortete Piter hinter ihm her. Mit Apathie stand er auf und betrachtete sich beim Schein des Lichtes, mit dem er die Zimmer durchmusterte, in einem oberhalb eines seiner neugebauten und heute zum ersten mal probirten, leider etwas rauchenden Kamine angebrachten Spiegel ...

Ich kenne das an solchen Abenden! Nehmen Sie doch einen kleinen Cognak! rief Moppes von hinterwarts her. Moppes legte mit diesen Worten auf das Pianoforte die Noten zu dem projectirten "Bouquet" des Abends ...

Piter gefiel sich ausserordentlich im Spiegel. Er fand sein languish interessant und bewunderte seine weissseidene Cravatte, seine weissseidene geblumte Weste, die gesteppte Brustauslage mit blitzenden Brillanten .... Aber wirklich er war zu blass und zog deshalb an einem Schellenzuge und liess sich einen kleinen Cognak kommen. Jedem andern wurde er gesagt haben: Au contraire! Ein Glas Wasser wird mir gutthun! ... Seinen Freunden trotzte er nicht. Ihnen nicht, die immer so recht das trafen, was dem Manne ein schmeichelhaftes Lustre gibt ...

Sie haben Recht, Moppes! sprach er hinhauchend und immermehr beruhigt uber die Epoche machende Wirkung dieses Abends ...

Der kleine Cognak kam. Piter trank ihn. Moppes ruckte und schob hinten am Pianoforte ...

Auch der Frack kam. Der Schneider brachte ihn nicht selbst; der Arme ruhte erschopft auf seinen schwer errungenen Lorbern. Aber der Frack sass vortrefflich. Jetzt gedachte Piter liebevoll auch seines Freundes, der im Dunkeln die Arrangements fur die musikalischen Genusse traf, und rief mit elegischer Gelassenheit:

Stossen Sie sich doch nicht, Moppes! ... Donnerwetter, brullte er dann; steck' doch einer fur drinnen Licht an!

Alles rannte ...

Teufel! schrie er wieder. Nicht den Kronenleuchter!

Alles zitterte und nur eine Girandole von drei Kerzen wurde angesteckt ...

Piter sah sich im Spiegel und ausserte:

Joseph soll doch auch fur Moppes oder warum denn nicht lieber gleich Joseph soll die ganze Cognakflasche schicken!

Inzwischen rief Moppes:

Bester Freund, das Feuer hier lassen Sie nur ausgehen! Denn erstens wird es schon von der Beleuchtung formidabel heiss und zweitens werden die Menschen eine Hollenhitze geben! Wir bedanken uns, in einer solchen Atmosphare zu singen! Ohnehin muss ich heute verdammtermassen Katarrh haben!

Piter hatte sich zwar sehr auf den malerischen Effect der Glut von den feinsten entschwefelten Candlekohlen etwas eingebildet worauf bildete er sich nicht etwas ein! doch goss er naher tretend ganz gern eine der nachststehenden Wassercaraffinen, die er hier und da mit einem Kranz von Glasern hatte aufstellen lassen, geradezu in die Storung der beruhmten Quartette hinein. Nun gab das freilich einen nicht angenehmen Dunst, der sich mit Entschiedenheit dem unzweifelhaft sehr rauchigen der Kamine anschloss. Moppes riss daruber voll Zorn die Fenster auf; aber Piter bat mit einem gewissen schmachtenden Ton um Verzeihung und lachte innerlich, er wusste nicht woruber. Er schenkte sich und dem Freunde von dem inzwischen gekommenen Cognakvorrath eine fernere Herzstarkung ein ... Warum wollt ihr denn nicht hinten im Saal singen, ihr lieben Leute? fragte er mit einer traumerischen Gelassenheit und dabei hin- und herziehend an seinem Frack und sich am Knacken der Nahte erfreuend ...

Ein Mannerquartett bedarf eines engern Raumes! Wir singen ohnehin Schweizerecho! Hier etabliren wir uns!

Damit ordnete Moppes einen Tisch und legte viele andere schon vorausgeschickte Noten zurecht ... Immer rauspernd und seinen Katarrh verwunschend lehnte er den Bescheid auf den ihm servirten Cognak ab, was Pitern nicht hinderte, sein zweites Glas zu nehmen und es zu leeren auf das classische Gelingen des von Moppes entworfenen musikalischen Programms ... Auch kam eben ein grosser Kasten an mit einer Ventiltrompete, die ein beruhmter Kunstler blasen sollte ... Auch das Pianoforte, zur Begleitung der gegenwartigen Primadonna des Stadttheaters, wurde von Moppes anders geruckt und gerade so, wie es heute fruh Piter's Schwester, Johanna, die musikalisch war, fur zweckmassiger erachtet hatte. Ihr hatte Piter gesagt, dass sie sich erstens nicht lacherlich machen mochte und das Publikum ennuyiren mit ihren hundertmal gehorten Etuden, dann aber, dass sie den Flugel ruhig da stehen lassen sollte, wo er ihn hingeruckt hatte, allen Widerspruchen uber Schallwirkung und Resonanz mit bruderlicher Liebe ein einfaches: "Raisonnir' nicht!" entgegensetzend. Moppes aber bestatigte gerade das, was Johanna Kattendyk gesagt hatte. Still fur sich hin empfand Piter eine Art Beschamung und musste lacheln namlich uber die Autoritat, die er selbst in verkehrten Dingen hatte. Er war in der That ein Tyrann. Das schmeichelte ihm und befriedigt nahm er einen dritten Cognak.

Moppes plauderte viel Gutes uber die Sangerin. Sie war eine jener Provinz-Malibrans, die niemand mehr zu wurdigen wusste, als Lob Seligmann. Funf Louisdor bekam sie fur den Abend und Piter beschloss, ihr sechs zu schicken. Die Sangerin war beruhmt in der Kunst, bockgerechte Triller zu schlagen. Ihre Stimme gab man auf, aber man ruhmte ihre "Schule", besonders die Kunst, in einem Septett in die Untiefen eines spurlos verlorenen Ensembles mit einem einzigen muthig eingesetzten hohen Cis Hulfe und Rettung zu bringen. Ausdrucklich bedungen war die Arie: "Ocean, du Ungeheuer!" aus Weber's "Oberon".

Piter nickte zu allem, lachelte, schlankelte, auf einem Stuhle sitzend, mit den zierlichen Beinen und spielte mit dem Krystallstopsel der schongeschliffenen Cognakflasche ... Die Sehnsucht nach der achten Stunde sprach sich in einem gewissen Blicke aus, der wie der eines Sehers in die Flammen eines inzwischen nun doch "zur Probe" angezundeten Kronenleuchters gerichtet war. Er gedachte vielleicht, als Moppes von jener Arie sprach, Pyrmonts und was sonst schon auch fur ihn im Leben "ungeheuerer Ocean" gewesen war ...

Moppes befand sich noch nicht in Toilette. Seine Hingebung an Piter's Abend war bewunderungswerth. Bekanntlich war der erste Kufer seines Hauses, Stephan Lengenich, als Unruhstifter eingezogen und nicht unwahrscheinlich hatte sich Joseph den Katarrh in den Kellern seines Hauses geholt. Ihn sich in der Hand mit dem Stechheber unter den Fassern zu denken, hinderte an dem ihm schuldigen Respect nicht das Mindeste. Sechs weisse Zwillichhandschuhe griffen gleichzeitig nach der Thur, um sie Herrn Moppes junior zu offnen, als dieser ging. Er entschlupfte einem ihm nachgerufenen sentimentalen: Komm nicht zu spat! und liess nur noch das Wort zuruck, das er auszurichten fast vergessen hatte, Thiebold de Jonge wurde nicht kommen, mit Benno von Asselyn ware er heute fruh abgereist ...

Piter, auf Absagen vorbereitet, fand die Nichtachtung seines Abends gerade von dieser Seite doch "sonderbar" und erhob sich in gereizter Stimmung. Aufs neue einschenkend, wenn auch nicht trinkend, nahm er, um seinen Aerger zu verwinden, die Heerschau uber seine Truppen ab. Er hatte eine Armee commandiren konnen, so machtig rollte es durch seine Adern. Seine imperatorischen Anweisungen gingen auf die Beleuchtung, auf die Bedienung beim Thee, auf die Stille wahrend der Musik, auf die Tische der Whistspieler in einem der hintersten Zimmer, auf das Arrangement der kleinen Gruppen, denen das Nachtmahl zu serviren war, und vorzugsweise auf die Vermeidung aller plumpen Formen des Einschenkens. Obgleich die Zuhorer zu allem, als wenn sein Gesagtes sich von selbst verstunde: Ja wohl, Herr Kattendyk! erwiderten, konnte er doch nicht umhin die Moppes'sche Theorie mit Feuer zu wiederholen:

Einschenken und einschenken ist ein Unterschied! rief er. Der Stand des Herrn und Dieners unterscheidet auch die Art, wie man die Flasche angreift! Beim Beginn eines Diners oder Soupers, aufgepasst, greift der Herr, wie der Diener, die Flasche immer am untern Leibe an! Verstanden? Der Herr legt alles das machte er an der etwas schwierigen Form der Krystallflasche nach den Zeigefinger bis an die Taille der Flasche, das ist sein Vorrecht! Untersteh' sich das jedoch von euch Niemand! Verstanden? S o darf Ich einschenken tretet heran! Ich als Herr! Ruhe! Mit dem Zeigefinger darf ich die Flasche drucken! Das bedeutet Nonchalance, "Gerngegeben" und eine gewisse Massigung, gleichsam als wollt' ich sagen: Es kommt weder mir noch meinen Gasten darauf an, ob sie Wasser oder Lafitte trinken! Ihr aber Ihr habt den Zeigefinger an die andern drei Finger hinuberzulegen; sonst sieht's aus, als wenn ihr euch hier zu Hause fuhlt ... Das war fruher so, Joseph, lasst den Alten vor! Guten Abend, Joseph! , fruher, wenn V a t e r Gesellschaft gab! Verstanden? Diese Vertraulichkeit von Dienstboten: "Bitte, Herr Timpe oder bitte Herr Schmitz oder bitte Herr de Jonge, greifen Sie doch zu! Warten Sie, Herr Effingh, ich hole Ihnen noch ein Stuck Rehrucken! Oder: Nehmen Sie das, Herr Maus, das ist ein hubsches Mittelstuck!" Und dann so hineinlangen, Joseph, und wol gar Herrn Moppes selber etwas vorlegen! Joseph, Joseph, Joseph! Die Zeiten sind gewesen, Joseph! ... Und den Hals einer Flasche greift ein Diener n i e an! Nie! Nie!

Ja wohl, Herr Kattendyk! rief der Chor im sturmischen Einklang ...

Alle diese Bemerkungen hatten, da sie durch energische Demonstrationen unterstutzt werden mussten, naturgemass das Leeren eines vierten der allerdings nur kleinen Glaser zu Wege gebracht ...

Eben war Piter im Begriff, seine ihm inzwischen vogelleicht gewordene, wie mit Schwingen begabte luftige Gestalt noch einmal die hintere Wendeltreppe hinaufzuschnellen, als die Diener die Thuren aufrissen und einen Mann eintreten liessen, von dem allen bekannt war, dass er in die vornehmsten Gesellschaften, auf Balle, Diners und Soupers immer nur im grauen Ueberrock kam, Herrn Dominicus Nuck.

Eine gedrungene, breitschulterige Gestalt war es, anfangs der Funfziger, mit grauem, kraus verworrenem Haar, das in der Mitte eine kleine Glatze zeigte. Die starken Backenknochen, Schlafe, Kinn, alles bezeugte eine gewaltige Kraft, die durch eine scheinbare Lassigkeit gemildert wurde. Die dunkelbraunen Augen lagen in den von langen, fast zottigen und gleichfalls schon ergrauten Brauen beschatteten Hohlen mit einem unheimlich und tief versteckten Feuer. Die Haut des Antlitzes war von Blatternarben entstellt. Nuck musste sich jeden Morgen selbst rasiren; die Barbiere hatten eine zu gefahrliche Operation, um mit ihrem Messer durch die vielen Hugel, Verhacke und Versenkungen seines Gesichtsterrains hindurchzukommen. Und doch gab es einige Zierlichkeiten an dem vielgefurchteten Manne. Kleine Fusse, weiche Hande, ja sogar unter dem immer gleichen grauen Ueberrock mit silbernen Knopfen nur weisse Westen und uber diesen weisse Battisthalstucher, weit und bauschig um den Hals geschlungen, diesen Hals, der allerdings empfindlich sein durfte nach dem bekannten Verhaltniss mit Hammaker.

Nuck sah sich spahend um und erwartete wahrscheinlich seinen jungen Schwager noch nicht zu finden, der eben einige Korbe voll Wein von einem der in Livree gesteckten Hausknechte noch in die hintern Zimmer tragen lassen wollte, wo bereits die zahllosen Glaservorrathe aufgehauft waren. Piter hatte sich nach dem Vorfall mit Delring vor dem Wiedersehen des Schwagers gefurchtet. Da der Schwager aber auch gegen diesen Gesellschaftsabend gewesen war und dennoch eben in eigener Person erschien, fasste er Muth und begrusste ihn mit einer schmunzelnden Vertraulichkeit ... Nuck, der ihn nicht erwartete, fuhr fast vor ihm zuruck und sagte im Volksdialekt der Stadt: Guten Abend, Piterchen!

Nuck's Cynismus ging bis zur Verachtung aller Bildung, durch deren Geringschatzung er viele Menschen um so zutraulicher machte. Selbst vor Gericht sprang er oft, zum Jubel der Zuhorer, in den Volksdialekt uber, wo ihm der Sieg dann fast nie fehlschlug. "Wir Gelehrte" betonte er den Processfuhrenden nie anders, als ob er damit sagen wollte: Wir Esel. Bei alledem vernachlassigte er nichts, was zur Bildung gehort. Er kaufte Bucher und las sie sogar. Er schrieb vortreffliche Broschuren uber die gelehrtesten Fragen des Privat- und Lehnrechts und las Nachts oft bis zum fruhesten Morgen wer sollte es glauben Romane. Dann schlief er bis elf Uhr und eilte in seine Termine. Eine Gewohnheit, die er vor langern Jahren einmal angenommen hatte, Tag in Nacht und Nacht in Tag zu verwandeln, konnte er nicht durchfuhren; zwei Jahre lang war das Mittagessen sein erstes Fruhstuck und das Nachtessen sein Mittagsmahl gewesen.

Sind das deine Reservebataillone? sprach er im gemuthlichsten Schlendrian und mit Belacheln der glanzenden Vorrichtungen und der nun schon immer vollstandiger sich entwickelnden Beleuchtung ...

Piter, entzuckt von der friedlichen Gesinnung des ihm zuweilen so aufsatzigen Schwagers, offerirte von diesen Bataillonen und schenkte vom feurigsten Burgunder eine vorlaufige Vedette ein ...

Nuck bemerkte davon nichts ... Er burstete seinen Hut, der heute sogar ein neuer war, und sah nur nach rechts und links, horchte und spahte, ob ausser Pitern und den Dienern nicht vielleicht sonst jemand in den glanzenden Zimmern war ...

Dies Benehmen nahm Piter fur aufrichtigste Zustimmung und offerirte die Glaser zum Anstossen.

Jetzt aber nahm Nuck doch eine feierliche Miene an und sagte mit einem nicht unangenehmen Organ:

Piter, Piter! Eine Schande! Freude und Jubel hier, wo die Welt in Trauer lebt!

Aber schon blatterte er dabei in den Noten und schien so abwesend, dass Piter diesen Gegenstand fur abgemacht erklaren konnte und dem Schwager wiederholt sein Glas Burgunder anbot ...

Nuck lehnte nicht ab. Er nippte ein wenig. Piter, gluckselig, sich heute nicht als Knabe von dreizehn Jahren, sondern als Mann und vollkommen ebenburtig behandelt zu sehen, schuttete sein ganzes Glas hinunter ...

Mama noch bei der Toilette? fragte Nuck forschend und bemerkte jetzt, dass Piter von einer eigenthumlichen Elasticitat war. Piter hielt sich, da die Dinge dieser Erde ihm plotzlich etwas wirblich zu werden schienen, an einer Stuhllehne ...

Recht, mein Sohn! sagte Nuck, der jemand, den er offenbar zu suchen schien, nicht fand und sich entfernen zu wollen die Miene machte; Recht, dass du in deinen Leiden dich trostest!

Leiden? Wie so?

Verlierst oben die schone Nachbarschaft!

Hahaha! ... lachte Piter hell auf und schenkte wieder ein ... Das angstliche Kapitel wegen Delring behandelte ja der Schwager ganz harmlos ...

Nuck's Augen gingen wie Feuerrader. Beim kleinsten Gerausch sah er auf die Eingangsthur ...

Da die Bediente nicht zu nahe waren, liess er die Worte fallen:

Mit Delring ... hor' mal ... Das ist ja ein curioser Spass von dir!

Von mir? Wie so? fragte Piter trotzig und griff mit der linken Hand in den Ausschnitt seiner Weste und mit der rechten zum Glase ...

Nuck schien sich nicht im mindesten argern zu wollen. Er machte sogar Miene schweigend wieder zu gehen. Dennoch konnte er nicht umhin, noch fallen zu lassen:

Delring hm austreten? Piterchen, Piterchen! Welche Garantieen gibst du denn deinen Geschwistern?

Garantieen?

Delring glaubst du, geht nach Bremen und wird da ein Geschaftchen mit Cigarren oder Europamuden etabliren? Ich meine, er bleibt doch wol hier, fangt ein eigen Geschaft an, nimmt unsere besten Verbindungen mit; Farbholzer sind seine Lieblingsbranche; die Lederhandler von Malmedy besucht er personlich Wie gesagt, ich dachte, es ware besser es bliebe beim Alten und die kleine allerliebste Blondine kochte dir nach wie vor Kamillenthee, wenn dir schlecht ist, Piterchen

Spott verbitt' ich mir! rief Piter und griff zur Flasche, um einschenkend zu zeigen, dass der Schwager mit einem Manne sprach ...

In der That! Ein gemuthlicher Junge warst du von je! fuhr Nuck ohne Schonung fort. Und zum Berge Karmel liess' ich das hubsche Ding an deiner Stelle doch auch nicht so oft gehen! Pfarrer Rother entdeckt so viel Sunden an ihr, dass er vorzieht, ihr jetzt die Beichte bei sich zu Hause abzunehmen!

Piter hatte sein gefulltes Glas jetzt nehmen und es vor Zorn uber eine Thatsache, die ihm selbst schon lange hochst befremdlich war, an den Kamin werfen mogen ...

Die Splitter und die schonen gelbseidenen neuen Sessel bedenkend, trank er es lieber aus, setzte es dann aber kraftiglich auf den Sims und stand wie ein Lowe ...

Nuck brach ab von diesem reizbaren Gegenstande und kam nur auf seine Besorgnisse wegen Delring's Austritt zuruck ...

Gib dem Hofrath ein gutes Wort! sagte er ...

Nimmermehr! antwortete Piter, versohnt durch ein Stichwort auf den Schwager ...

Ich will es statt deiner thun! Du weisst, ich bin sonst kein Freund von dieser geleckten Sorte

Ich v e r j a g ' ihn ja nicht!

Dir war' es lieber, er lebte dir nahe genug, um dich immer bewundern zu konnen! Indessen Piterchen ich trau' dem Zeitgeist nicht

Wie so?

Unserm ganzen Jahrhundert nicht! Wenn ihr einmal alle so dasasset, ihr altehrwurdigen Firmen, mit ein paar Commissionen und Speditionen und zuletzt trotz eurer Alongenperruken nichts weiter hattet, als ein paar Feuerversicherungsagenturen !

Hahaha! Kommt bei uns nicht vor! versicherte Piter und wurde immer sicherer durch die gemuthliche Sprache des Schwagers, der uberhaupt in neuerer Zeit, schon seit der Gefangennehmung Hammaker's, vielfach verandert war und erst seit der Hinrichtung desselben wieder etwas aufthaute ...

Weisst du, Sohnchen, sagte er, ohne darum aufzuhoren nach der Thur zu lauschen; weisst du, ich habe immer eine fatale Ahnung von einer ungeheuer Weltverschworung der Juden gegen die Christen! Pater Sebastus schrieb das einmal in seinen fruheren Artikeln, die mir immer aus der Seele kamen! Jetzt ist der arme censurirte Chrysostomus nicht mehr wiederzuerkennen, falls die anonymen "Stufen-Briefe vom Kalvarienberge des Lebens" von ihm sind. Ahasver, siehst du, das ist, sagte er einmal Rothschild! Der alte Kurfurst von Hessen namlich, weisst du, Piter, der mit dem Zopf Kerl, trink doch nicht so viel! ... Piter hatte wieder eingeschenkt vor Behagen uber eine so gelehrte Unterhaltung, deren er gewurdigt werden konnte ... Jener Kurfurst, der sein durch amerikanischen Menschenhandel erworbenes Geld dazumal in Frankfurt am Main von dem alten Amschel und ich glaube einem Backer Binding auf der Fahrgasse hat vergraben lassen, als Napoleon so gern draus wieder Soldaten geschmolzen hatte fruher, verstehst du, Piter, war umgekehrt das Geld aus Soldaten geschmolzen worden! also Hast doch "Kabale und Liebe" schon gesehen ? also der alte Stammhalter der morganatischsten aller Dynastieen sag' ich Piter, was morganatisch ist, das musst du doch wissen?

Piter war in vollkommener Harmonie mit dieser Behandlung, die ihm die Ehre wissenschaftlicher Erorterungen gonnte. Und da sich bei ihm jetzt Denken mit der Hitze der Beleuchtung von aussen und der Erwarmung von innen verband, so stand er, wie eingeweiht in alle Geheimnisse der Erde und der Conversations-Lexika und nickte bejahend. Er war vollkommen jetzt der "grosse Charakter", der er auch zu bleiben gedachte, auch wenn er wirklich von sich hatte eingestehen mussen, dass ihm als Ehegattin "ein Madchen aus dem Volke" lieber ware als eine dieser bleichsuchtigen, musikklimpernden, wespentailligen

Bitte! unterbrach Nuck seine derartigen Gedanken und zog Handschuhe an er war ohne welche eingetreten Bitte, wenn ich dir etwas Bekanntes sage! Frau Morgane war die wunderschonste Dame an Konig Artus' Hofe und von dieser Dame mocht' ich die morganatischen Ehen, die Ehen der Mesalliancen, verstehst du? lieber ableiten Denn vielleicht war Frau Morgane ihrer Herkunft nach auch gleichsam aus Kocher am Fall in diesem F a l l , siehst du, darin liegt bereits die ganze Andeutung, Piter; nicht in deinem, sondern in dem kurfurstlich hessischen Fall, mein' ich! Und wenn andere dann glauben, morganatisch kame von dem alten gothischen Worte Morgan, welches, wie du weist, so viel heisst als: beschranken, namlich z.B. ein Morgen Acker, d.h. eine Schranke, ein Theil Ackers Nicht etwa, versteh' mich recht, als wenn ich die Menschen b e s c h r a n k t nennen wollte, die nicht den ublichen Vorurtheilen folgen, und als ob der Westfalische Friede Recht gehabt hatte, der schon Anno 1648 sagte: Alle alten Herkommen in der Ehe sollen bleiben, sublatis omibus quae bellicorum temporum injuria irrepserunt confusionibus confusionibus! Verstehst du, Piter? Confusionibus!

Nuck's Betonung dieses letzten Wortes in seiner ganzen verworrenen Spottrede war bedeutungsvoll. Denn eben jetzt hatte er keinen Zweifel mehr, dass Piter in hohern Spharen schwebte. Eben sah er die Cognakflasche wegraumen und bemerkte eine Verwirrung in des ihm im Geiste folgenden Schwagers Gesichtszugen, eine Verwirrung, die die Folge seiner eigenen anakoluthischen Rede sein konnte, aber auch die des auf Cognak gesetzten Burgunders freilich aber auch die Folge eines plotzlichen heftigen Klingelns, mit dem sich bei Gesellschaften oder beim Ausfahrenwollen der wichtige Moment anzukundigen pflegte, wo Mutter und Schwester die allerletzte Hand an ihre Toilette legten. Dann war nur noch im Ruckstand, dass uber die bereits fertige Frisur, die bombenfesten Corsets, die steifen Unterrocke sanft und vorsichtig das elegante Hauptkleid herabgelassen wurde. Schon war es halb acht Uhr und durch dies Klingeln wurde regelmassig der Moment bezeichnet, wo die Mutter und die Tochter sofort in die geschmuckten Raume treten konnten, kuhn, unternehmend, erwartungsvoll und sich dann nur verdriesslich umsehend, wenn nicht sogleich auch schon die Hausfreunde da waren und sie mit einem bewundernden Ah! empfingen ...

Pitern war das seit Jahren impragnirt ... Bei diesem Klingeln besann er sich auf die ungeheuere Aufgabe, die er heute zu losen hatte. Reprasentant des Hauses! Eine Vision ging ihm auf aus dem Reich jener Erinnerungen, denen zufolge er schon an einem solchen Abend unter hundert Menschen gewesen war, ohne dass er sich auf das Mindeste, was andere und sogar, was er selbst gesprochen, hatte besinnen konnen ... Und wie nun das Klingeln auch bei der Schwester wiederholt wurde, wie er die Bewegung um sich her zunehmen, das Laufen und Rennen bemerkte und im Augenblick nicht wusste, welche gelehrten Ansichten er soeben ausgesprochen hatte, da erinnerte er sich, wie er einst auf einem Dampfschiff aus dem ruhigen Spiegel der Themse plotzlich in die Hebungen und Senkungen des Meeres einfuhr und sich rasch in seine Koje erster Klasse zuruckzog. Auch jetzt ging er "still und bewegt" und ohne ein Wort zu reden in die hintern Zimmer und suchte mit mancherlei ihn erschrekkendem Tastenmussen die Wendeltreppe, die ihn zu seinem at home fuhrte, wo er beschloss, sich um Gottes und aller Heiligen willen vorher noch eine kleine kurze Rast und Sammlung zu gonnen.

Nuck sprach zwar noch etwas von Delring, von einem Familienconvent und sogar von Knabenstreichen hinter ihm her, aber Piter vernahm nichts mehr; er ging auseinander wie eine Morgenluft witternde Nebelgestalt ...

Nuck begab sich an den Eingang zuruck und vermied allein zu sein mit seiner Schwiegermutter, die er hier so unter vier Augen am wenigsten gesucht hatte. Die Garderobe war im Parterre. Dort hatte er einen alten Mantel abgelegt, in dessen Umhullung man, wenn er so an den Hausern dahinschlich, nicht einen Mann vermuthet hatte, der ein Vermogen leicht von einer Viertelmillion besass und aus seiner eigenen Thatigkeit noch Jahreseinnahmen von zehntausend Thalern ...

Auf dem Vorplatz blieb er einige Augenblicke und sah in einen kleinen Corridor hinaus, auf welchen drei bis vier Zimmer ausliefen. Eine Thur, die hinterste, fuhrte zu der Gesellschafterin der Schwiegermutter, Lucinde Schwarz ... Auf das Erstaunen des alten Joseph, der doch hoffte, dass er wiederkame, sprach er kein Wort. Aber seine Augen waren Feuerzungen. Doch auf diese Sprache verstand sich Joseph nicht. Ein paar Schritte machte Nuck auf den Corridor hinaus. Dann kehrte er um und hielt sich an dem Treppengelander ... Jetzt bellten die Bologneserhunde an einer der Thuren und kratzten, um hinauszukommen; denn unten horte man schon den immer gemuthlichen Ton des alten Potzl, der bereits von unten herauf mit den Hunden sich neckte. Auch der Medicinalrath kam und noch ehe sich Nuck von dem biedern Handedruck Potzl's freigemacht hatte, war auch der Kanonikus schon da, der trotz Kirchentrauer und Kaiser und Papst am Whisttische unter keiner Bedingung fehlte ...

Nuck sagte allen, er kame wieder und hatte nur seiner Frau zu Gefallen sammtliche Kamine wollen ausloschen lassen ... Er beruhigte die Ankommenden, dass "Lieb Mutterchen" so nannte die Commerzienrathin Potzl ; "Lieb Tochterchen" so der Medicinalrath ; "Lieb Schwesterchen" so der Kanonikus; noch nicht in den Zimmern ware, und stieg die Treppe nieder, begleitet vom Joseph, dem er, als dieser dem Kutscher, der heute als Garderobier fungirte, beim Ueberwerfen des Mantels half, nur die einfache Frage vorlegte:

Kommt denn ich meine die Mamsell oben na die Gesellschafterin kommt denn die nicht auch heute in den Trubel?

Herr Oberprocurator! sagte Joseph und eine Miene, die er machte, deutete die Sehnsucht dieses Frauleins nur zu uberirdischen Dingen und ihre ausserordentliche Frommigkeit an ...

Der Portier stand im Thorweg in einer Gala, wie wenn sein Stab mit dem goldenen Knopf heute Fursten zu empfangen hatte.

Nuck ging kopfschuttelnd und druckte sich an den Hausern entlang wie mit verstortem, ruhelosem Gewissen ...

Die Wagen, die die Gaste in sein schwiegeralterliches Haus fuhrten, rasselten an ihm voruber. Ihn konnte man oft an solchen Abenden, wo dort alles in Festesglanz strahlte, im dustersten Winkel einer kleinen Schenke sehen, wo er Rettiche verzehrte und ein Glas einfachen Biers trank ...

Heute aber huschte er in eine alte finstere Kirche, wo beim Schein weniger Lichter eine Abendandacht gehalten wurde. Nicht weit vom Weihbecken erwartete ihn eine Dame, die ihn an eine Todtengruftkapelle zog und ihm im Dunkeln einige geheimnissvolle Worte flusterte ... Die Dame trug einen orangegelben Hut mit schwarzem Sammetbesatz ... Das Gesprach war nur kurz und schien ihn verdriesslich zu stimmen ...

Als Nuck allein war, ging er tiefer in die dunkle Kirche; dann setzte er sich, seinen Mantel weit um sich geschlagen und den Kopf auf ein Betpult niederlegend, in einen der leeren Stuhle, tief brutend und versunken in vielleicht die frommsten Gedanken.

7.

Unter den rauschendsten Acclamationen hatte bereits die Bassposaune das beruhmte Lied an die Rose geblasen und ein sturmisches Dacapo veranlasst ...

Schon waren die enormen Schwierigkeiten der Arie "Ocean, du Ungeheuer!" von einer alle Wande und Stockwerke durchschneidenden Stimme uberwunden worden ...

Lange war es uber neun Uhr. Schon kam das Eis und noch immer sass in ihrem saubern Zimmer mit dem kleinen Porzellanofen und dem weissen Sopha und dem Bettschirm Lucinde, ohne dass sie sich hatte entschliessen konnen, in die menschenuberfullten Raumlichkeiten hinuberzugehen ...

Einmal schon war, athemlos, die Commerzienrathin dagewesen und hatte sie wie im Sturm ermahnt, doch endlich, endlich zu kommen, da alle Welt schon vor Verlangen nach ihr brenne ...

Zweimal war Johanna dagewesen, einmal sogar in Begleitung des Ausserordentlichen, der die "Jerichorose" um ihre Kenntniss der lateinischen Sprache ebenso wie um ihre Botanik bewunderte; denn Lucinde kannte alle Krauter des Waldes, alle Bach- und Wiesenblumen ... Ein schoner Strauss, den ihr Treudchen verehrt hatte, lag zu ihrem Eintritt in die Gesellschaft schon bereit ...

Auch die Frau Oberprocurator Nuck, die schon im Hause hin- und herrannte nur nicht hinauf in den stillen obern Stock zu ihrer Schwester um sich abzukuhlen von dieser "wieder unertraglichen Hitze" in den Zimmern sie war die erste, deren Liebe nach Pitern suchte, um ihm Vorwurfe zu machen , auch Josephine Nuck war bei dem "guten Fraulein" gewesen, um sie zu ermahnen, doch bald zu kommen; denn sie entbehrte zu schmerzlich die Bewunderung, die das Fraulein vor ihrer Toilette aussprechen sollte; ein Bedurfniss, das nicht im mindesten auch den Tadel ausschloss. Denn Josephine horte es gern, dass sie einen Fehler gemacht hatte mit dieser Farbe oder mit jenem Besatz oder mit jenen gemachten Blumen, die auf ihrem Kopfputz sich nicht gut ausnahmen oder ihrem z.B. so leicht echauffirten Teint nicht stunden. Dann hatte sie doch einen Grund fur ihre gesellschaftliche Verstimmung. Dann konnte sie doch in einer Ecke, nicht am Ofen, sondern dicht am Fenster, das sie zuweilen offnete, mit dem Facher in der Hand sitzen und uber ihre Putzmacherin und ihre weibliche Bedienung klagen, als wenn es nur eine Verschworung der ganzen Welt und vorzugsweise ihrer eignen geschmacklosen Umgebung ware, wenn sie nicht ebenso brillirte, wie die jungen Frauen und Madchen, die da alle lachend und bunt und schonheitsstrahlend in den belebtesten Gruppen sassen ...

Lucinde nahm ihr zu ihrer innigsten Freude und Dankbarkeit heute ein Uebermass von Blumen von den Schlafen hinweg, fuhrte sie an ihren kleinen Spiegel, leuchtete und bewies ihr, dass sie sich jetzt viel vorteilhafter ausnahme. Der nun gleicherweise wiederholten Aufforderung, doch bald auch zu kommen, erwiderte sie ein einfaches: Ich komme, ganz gewiss! und doch entsank ihr wieder der Muth, als sie allein war ...

Nicht der religiose Grund, den sie seither alle Tage gegen diese Gesellschaft vorgeschutzt hatte, fehlte ihr, sie stand an ihren Ofen gelehnt in vollstandigster Toilette. Treudchen war eine ganze Stunde bei ihr gewesen und hatte sie geschmuckt wie eine Braut etwa eine Braut, die sich zu einer Zeit vermahlt, wo sie um irgendeinen Anverwandten zu trauern hat. Ihr Kleid, bestehend aus einem leichten, wallenden, aschgrauen Stoff mit reichem schwarzen Spitzenbesatz, war ein Geschenk der Commerzienrathin. Das dunkelbraunliche Incarnat der offenen Arme und des Halses wurde durch diese Farbe gemildert, die auch ihre ganze, einer Creolin ahnliche Erscheinung minder scharf heraustreten liess. Das Haar war nach vorn einfach getheilt, nach hinten sammelte es sich in zwei schweren runden Flechten, die in Kreisform aufgebunden, von einem schwarzen Sammetgewinde bedeckt waren. Unter den beiden Rundungen der Flechten quollen hinter jedem Ohr bis in den Nacken vier Locken hervor. Es war zum ersten mal wieder, dass sich Lucinde wie seit lange nicht gegeben hatte; sie hatte es in der Gewalt, aufzufallen oder ganz zuruckzutreten.

Der reiche Spitzenbesatz am obern Rande des Kleides erlaubte in blossem Halse zu erscheinen. Auch war der obere Arm von einem offenen Spitzengehange halb verdeckt. Die kleine Juwelenschnalle auf einem schwarzen Sammetband, das den Hals bedeckte, war ein Weihnachtsgeschenk der Frau Oberprocurator. Ein Armband von einem als Schlange ausgearbeiteten blutrothen Korallenzweige, reich mit Goldverzierung, hatte sogar Piter geschenkt.

Silbergraue lange Handschuhe lagen auf der Sophalehne. Sie waren schon von ihr anprobirt gewesen und wurden wieder ausgezogen. Treudchen hatte Lucinden schon fast bis an den Eintritt in den Saal begleitet und wieder war sie zuruckgegangen. Treudchen durfte oben beim einfachen Thee ihrer Herrschaft nicht fehlen; sie musste Schlag acht Uhr von ihrer Gonnerin sich trennen und konnte ihr: Bitte! Bitte! Gehen Sie doch! Ach! die Menschen werden Augen machen! nicht ofter wiederholen ...

Die Furcht, die Lucinden zuruckhielt, unter die Menschen zu treten, beruhte auf dem Gefuhl, dass sie sich in einer Weise elektrisirt fuhlen wurde, die ihrer ganzen bisherigen Haltung und wahren Stimmung widersprach. Nur mit Noth erwehrte sie sich schon lange der Huldigungen, die bei dem regen Verkehr im Kattendyk'schen Hause nicht fehlen konnten. Im Personal des Bureau gab es Blicke, die sie verfolgten; unter Piter's Freunden, in den Kirchen, auf der Strasse erregte sie Aufsehen. Oft auch schon meldete sich in ihrem Blut die Zeit von Hamburg und Kiel. Nicht, dass sie eine gewohnliche Gefallsucht gehabt hatte, nicht, dass ihre Sinne gluhten ihre Sinne schienen kalt. Ihr erster "Kindskopfwahn", wie sie ihn nannte, der sie hatte bestimmen konnen, mit Oskar Binder nach Amerika gehen zu wollen, hatte ihr eine ganze Gattung von Mannern verleidet. Wenn sie sich sagen musste: An welchen Faden hing schon oft deine Zukunft! und sie sich gestehen durfte, dass sie in alle diese Lagen fast ohne Bewusstsein und wie nur von einem Instinct der Selbsterhaltung und einer das Hochste anstrebenden Zukunft gefuhrt wurde, bangte ihr vor dem Gedanken, jemals wieder so nahe an Abgrunde zu treten ... Klingsohr, dessen dauernde Anwesenheit in dieser Stadt, mogliche Beziehung zu Bonaventura sie oft in Verzweiflung brachte, Klingsohr war ein Phantast gewesen. Die merkwurdige Erscheinung, dass die Verirrung, die diesen beinahe rettungslos dem Trunk zugefuhrt hatte, mit einer Abneigung gegen Frauen verbunden zu sein pflegt, zeigte sich schon in Kiel, wo er moralisiren konnte. In jener schauerlichen Nacht auf Schloss Neuhof bestanden seine Zartlichkeiten im Knieen wie vor einem Gnadenbilde, im Kussen der Locken, des Kleides, in Eingebungen einer Phantastik, die seinem Wesen entsprach, dem Leben nicht in der Wirklichkeit, sondern im Ertraumten und Schattenhaften. Jerome von Wittekind beruhrte Lucinden nicht. Sie war ihm eine Erscheinung aus dem Reiche der Marchen. Klingsohr's Entmannung, wie wir seinen Zustand nennen mochten, war nicht die Verrucktheit des tollen Kammerherrn und des Paters Ivo, nicht die Empfindung gluhender, nur sich beherrschender Liebe, sondern das Bedurfniss, das er mit seinen hamburger Freunden theilte, sich auf den Trummern der Unschuld ein letztes "reines Gnadenbild", eine Madonna, eine Laura, eine Beatrice zu dichten ...

Sie furchtete sich vor der Gesellschaft, weil in ihrem Innern ein Vulkan tobte. Sie glaubte nicht langer sich verleugnen zu konnen. Unterdruckte sie auch seit Monaten ihren Spott, ihren Humor, selbst ihre Kenntniss des Pianos, nur um nicht in Versuchung zu kommen, ein Allegro zu spielen, so wusste sie, was in ihrer Brust wuchs und ausbrechen musste und nicht langer zu halten war. Dass man immermehr ihrem vergangenen Leben nachspuren wurde, erfullte sie mit dem Gelust, sich vertheidigen zu wollen. Halt aber an dich! Halt an dich! sagte sie sich oft und das aus Furcht, dass sie plotzlich so nicht mehr fort konnte. So andachtig besuchte niemand die Messe, so fur unwurdig der Communion erklarte sich niemand (freilich musste sie sich den Genuss versagen, da sie seit der geschilderten Scene nicht wieder beichtete), so sittsam blickte niemand auf der Strasse nieder, so bescheiden ausserte sich niemand in Gesellschaft, so geringschatzend sprach niemand von seinen Anspruchen auf Anerkennung, so gelassen gab sich niemand einer etwaigen Anspielung auf sein fruheres Leben preis. Sprach man selbst bei Frau Walpurga von jener schonen Stadt mit den Wachparaden und den beruhmten Wasserkunsten, ja sogar von dem Aufenthalt der ermordeten Frau von Buschbeck daselbst, von bosen Dienstherrschaften, von leichtsinnigen jungen Commis, von dem dunkeln Geiste, der auf dem Hause WittekindNeuhof ruhte, von dem Monche Sebastus, der noch immer in der Stadt verweilte und das alte Professhaus der Jesuiten nicht verlassen durfte, von seinem Vater, dem Deichgrafen, von dem gefangenen Kufer Stephan Lengenich, von einer nahe bevorstehenden Auflosung des Kronsyndikus, von dem Stiefvater des Domherrn von Asselyn, ja von Hamburg, Kiel; und plauderte selbst der "gemuthliche" Potzl einmal von einer Schauspielerin namens Konstanze Huber, die die Jungfrau von Orleans nur bis zum dritten Act durchgefuhrt hatte was war ihr das alles! Sie sass und nahte oder las dabei , sie erhob sich auf jeden Wunsch der Commerzienrathin oder Johannens, liess ihr goldenes Kreuz aus der Brust gleiten und sprach mit leiser und zuruckhaltender Stimme von den geistlichen Exercitien und der Wallfahrt, die die Commerzienrathin fur die gluckliche Entbindung ihrer Tochter Hendrika und die rechtglaubige Taufe ihres Enkelkindes gelobt hatte ... Mit Beredsamkeit sich vertheidigen, gewahrt oft ein schones Schauspiel; mit Beredsamkeit sich anklagen kann ein schoneres sein. Schweigen aber, schweigen, um sich zu vertheidigen, ist Heldengrosse; und schweigen vollends, schweigen um sich anzuklagen, Martyrerglorie ... Was sind alle diese Vergehen, lag in Lucindens Mienen, deren ihr mich anklagt, wenn die Seele, wie der Rhein, der unter dem Bodensee hindurchzieht, aus geringen und unbedeutenden Anfangen nach kurzer Lauterung wieder und dann wie gross und majestatisch hervorbricht! Aus der Fremde that sie wie nur in die Heimat gekommen, aus der Luge zur Wahrheit, aus dem Irrthum zur Erkenntniss. In der grossen Gemeinschaft der Kirche durfte kein Glaubiger zu dem andern sagen: Deine Vergangenheit schandet dich! Die Tag- und Jahresgebete, die Abendandachten, der Rosenkranz, der englische Gruss, die Anbetung des allerheiligsten Sakraments, das heilige Messopfer, alles das ist eine Kette, die zu Leibeigenen Gottes und durch das Erlosungswerk zu Kindern seiner Liebe macht. Lucinde kannte diese Formeln. Sie waren an sich fur sie todt; sie belebten sich aber im Hinblick auf eine Entscheidung, die endlich kommen musste kommen sollte.

Der Mann, den sie ein Jahr lang in der Stadt, wo sie katholisch geworden, angebetet, den sie zwei Jahre vergebens zu vergessen gesucht hatte, den sie in St.-Wolfgang, in Kocher am Fall, hier mit gluhend aufschlagenden Flammen des Herzens wiedersah, wollte jetzt nach Westerhof reisen zu Paula. Sie wusste das seit einigen Tagen und da hatte sie erklart, zu dieser Gesellschaft, fehle ihr die Stimmung. Gebeten hatte man sie, sich zu uberwinden ... Wol stand sie in ihrem kleinen, schon von ihr und Treudchen sofort wieder aufgeraumten Zimmer wie ein Wesen, das nicht schuchtern eintreten konnte bei so auffallender Erscheinung. Es riss und zog auch in der That an ihr, die Wahrheit ihrer Natur zu enthullen. Wie hob sie's, den gesenkten Kopf zuruckzuwerfen, zu lachen, die acht schonen Locken im Nacken zu schutteln, die freie, gescheitelte Stirn zu erheben, statt Wehmuth um die Lippe Stolz und Bitterkeit zu zeigen, aus den Augen das Feuer einer unter der Asche drohend glimmenden Leidenschaft hervorbrechen zu lassen ... War sie nicht wie auf der Flucht? Wie gehetzt von Gespenstern? Nie, nie liebt' ich diesen Klingsohr, der jetzt hier vielleicht gegen mich zeugt! hatte sie in die Welt, in die Messe hinausrufen mogen, wenn sie Bonaventura celebrirte. Im "Kirchenboten" des Beda Hunnius, mit dem sie ihre Correspondenz nach der Katastrophe des Kirchenfursten hatte abbrechen mussen, las sie die "Stufenbriefe". Klingsohr schrieb sie allerdings nur fur Lucinden. Es waren Empfindungen, wie sie Abalard, nach der ruchlosen That seiner Feinde, an Heloise geschrieben haben konnte ... Aber wenn nun Bonaventura gar nach Westerhof ging! Nach Schloss Neuhof, Kloster Himmelpfort, wo ihre ganze Vergangenheit mit ihm zusammentreffen konnte ... Taglich musste sie von der "Seherin von Westerhof" horen! ... Selbst der kuhle Benno konnte nicht in Abrede stellen, dass vernunftige Menschen von Paula's Visionen und Heilungen mit Bewunderung sprachen. Jetzt wollte Bonaventura nach St.-Libori reisen und daruber war kein Zweifel einen Seelenbund erneuern, der furs Leben geschlossen wurde, wenn Paula, wie man vermuthete, nach dem Verlust ihres Processes den Schleier nahm ... Lucinde kannte die Gluckseligkeit, die den heiligen Franz von Sales mit Frau von Chantal vor und nach der Stiftung des Ordens der Visitandinen verband. Sie wusste, dass Fenelon, der sanfteste der Priester, Seelenbundnisse mit Madame Guyon und Fraulein von Maisonfort hatte. Sie wusste, dass selbst der strenge, so trockene und pedantische Bossuet von einer Frau von Cornuan, deren Geistesbildung etwa der der Commerzienrathin Kattendyk gleichkam, in einer Weise belastigt wurde, die zuletzt trotz alles ihm von dieser Frau verursachten Aergers ihm zum Bedurfniss werden konnte, also, wie Lucinde gelegentlich bitter vor sich hinsprach ebenso gut wie die Ehe war ... Ein Wort, das der Ausserordentliche einmal sprach, nun wurde mit dem Domherrn von Asselyn auf Schloss Westerhof der wahre "Doctor ekstaticus" erscheinen, machte sie zittern vor Eifersucht ... Stundlich stand sie auf dem Sprunge zu Bonaventura und ihm zu rufen: Reise, doch erst morde mich!

An demselben Abend war sie damals die "Jerichorose" gewesen. Sie verstand zum ersten mal gewisse durchbohrende Blicke des Oberprocurators, eines Mannes, vor dem sie sich anfangs entsetzt hatte, weil er ihr gewesen wie ein Gebilde von Eis. Alles scharf, kantig, schneidend an ihm. Doch fiel ein Sonnenstrahl nach dem andern auf diese Erscheinung und liess sie immermehr in allerlei Regenbogenfarbenlicht, wenn auch wie aus tausend Eiskrystallen, leuchten. D e r Mensch ist ja merkwurdig! sagte sie sich. Und als sie alles vernommen, was die Welt von Dominicus Nuck wusste, als sie ihn vor Gericht den Morder vertheidigen sah, der ihm selbst schon einmal hatte aus Leben gehen wollen, als sie den Blick beobachtete, mit dem Nuck die vielbesprochene Prise verweigerte, erschien ihr seine Hasslichkeit, sein Cynismus, seine Charakterkraft uberraschend. Klingsohr's Narben im Antlitz hatten sie nie gestort. Wie war sie nicht in dustere Lebenslabyrinthe eingedrungen! Sie wusste, dass jener in Serlo's Papieren erwahnte Advocat, der bei dem Strafgericht des Bruders Hubertus uber den Pater Fulgentius nicht zu entfernt gestanden, der hingerichtete Morder ihrer Hauptmannin war. Schaudernd uberliefen sie die Ruckerinnerungen an alles, was sie von den Verirrungen des menschlichen Geistes schon in Erfahrung gebracht. Die Leichenschminkerin stand ihr oft mit Blumen wieder vor einer Todten und redete: Bist du nun auch erlost, armes Weibchen? Lache, lache, armes Kind, das zu gut war fur diese Erde! ... Diesem Nuck konnte sie seit der "Jerichorose" nicht mehr begegnen, ohne dass es ihrem Innersten war, wie dem Knaben im Erlkonig. Sie sah sich fortgerissen in Nacht und Wind und stiess einen Hulferuf aus vor einer Hand, die unsichtbar sie umfing; ein Leids fuhlte sie, das ihr angethan, ein so tiefes Weh, dass nur das einfache Voruberstreifen des grauen Mannes an ihr, sein Blick zu ihr empor nothig war, um sie einer Ohnmacht nahe zu bringen. Gespenstisch war schon die Stille, die eintrat, wenn sein magisches Wesen vorubergezogen.

Noch mehr! Schon seit mehreren Tagen war ihr seltsam gewesen, dass eine Frau, die immer hochst elegant gekleidet neben ihr in der Messe auf einem der gemietheten Stuhle kniete, sie anredete, am Tage darauf sie sogar verfolgte auf einem Gange, den sie in die Rumpelgasse machen wollte. Eine Judin, Namens Veilchen Igelsheimer, hatte in den ehrerbietigsten Ausdrucken an sie geschrieben, sie kenne, wie sie wisse, den Pater Sebastus. Der Aermste sasse krank und elend und zwar um ihretwillen in einer Haft, aus der ihn weder die jetzt machtlose geistliche Behorde erlosen konnte, noch die weltliche erlosen wollte; ob sie nicht ihre einflussreichen Verbindungen, besonders die Fursprache des Oberprocurators Nuck in Anspruch nehmen wollte, um den Unglucklichen vielleicht freizubekommen oder wenigstens ihm die Ruckkehr nach dem Kloster Himmelpfort zu ermoglichen, worein die weltliche Behorde der vielen Untersuchungen wegen, in welche auch der Pater verwickelt ware, nicht willigen wollte, oder ob sie vielleicht sonst etwas Durchgreifenderes zur Erlosung des Armen ersinnen konnte; sie mochte ihr die Ehre gonnen und sie unter ihrem armen Dache besuchen ... Dieser Brief hatte Lucinden vollends aufgeregt. Klingsohr zuruck nach Kloster Himmelpfort? Zugleich mit dem ihm vielleicht schon lange nahe stehenden Bonaventura? O dass eine Vergangenheit so furchtbar lastend auf dem Weibe ruht! ... Sie hatte die Zuschrift der Judin mundlich beantworten wollen ... Da war ihr die fremde Dame nachgegangen und ermuthigt durch die verdachtigen Umgebungen der Rumpelgasse, sprach sie Lucinden in einer Weise an, die diese so erschreckte, dass sie ihren Vorsatz, die Judin zu besuchen, aufgab. Die Frau sagte ihr Schmeicheleien uber ihre Schonheit. Sie lud sie zu sich ein, forderte sie sogar auf, sofort bei ihr Chocolade zu trinken. Lucinde wies die Frau zuruck. Wer stellt dir so nach? Wer verdachtigt dich? ...

Endlich noch mehr! Heute plauderte Treudchen von der offenbar ganz gleichen Bekanntschaft, die auch sie mit einer sie verfolgenden Frau gemacht hatte ... Treudchen erzahlte, dass der fromme Pfarrer Rother, der die Frau vor seinem Hause auf sie warten gesehen, ihr jede Beziehung zu ihr verboten hatte. Auch ware sie von ihr seitdem unbehelligt geblieben ...

Warum gehst du nur so oft zu diesem Pfarrer? fragte Lucinde sinnend ...

Denken Sie sich, das fragte mich neulich jemand anderes auch! Der Herr Oberprocurator! ... Die Pfarrei vom Berge Karmel liegt frei auf dem Platz und wie ich oben beim Pfarrer bin, zeigt er mir in der Ferne noch einmal die Frau, wie sie an einer Ecke gerade mit dem Oberprocurator spricht ...

Mit Nuck ?

Mit Herrn Nuck! Und heute fruh begegne ich ihm und da sagt' ich ihm, dass ich ja so gern auch bei den Damen auf dem Romerwege bin, weil ich meine Geschwister im Waisenhause habe ...

Lucinde horte der Erklarung kaum zu; denn Nuck, Nuck im Gesprach mit jener Frau! Dies Bild weckte ihr eine Vorstellung, die sie eiskalt uberlief ... So unwurdig denkt dieser Mann ? Gehort auch er zu jenen "Bemitleidenswerthen", denen es eine unheilbare Krankheit geworden, an Frauentugend nicht mehr glauben zu konnen? Muss es nicht elend in einer Seele aussehen, die vielleicht ein unwiderstehliches Bedurfniss der Liebe hat und den trugerischen Schein davon nur auf solchem Wege finden kann? ... Oder stellt man dir Fallen und wiederholt sich der alte Unglaube an das, was du dir doch "bei alledem" konnte sie selbst hinzufugen bewahrt hast? ...

Da kam denn Josephine Nuck und Lucinde musste sich sagen: Freilich, ein Mann von Geist und Leidenschaft und ein solches Weib!

Dustere Falten zog die Stirn, die sich nun unter dem rauschenden Gewuhl heiter und sorglos zeigen sollte ...

Nachdem hatte Treudchen so viel von der grossen Begebenheit des Hauses, vom Zank mit Delring zu erzahlen, dass das Gesprach von diesen dunkeln Gegenstanden abkam ... Lucinde mochte die "obere Gesellschaft" nicht. Hendrika hatte die Abneigung aller Frauen gegen sie, eine Abneigung, die Lucinde fur einen Beweis der "Gewohnlichkeit" erklarte. Delring war ihr der Reprasentant jener "blonden" norddeutschen Weise, die ihr soviel Schmerzen und Demuthigungen bereitet hatte. Sie stellte ihn in die Reihe der hamburger "Respectabeln". Sie vermied seine "kalten" "wasserblauen" Augen, die ganz den Tausenden von Augen glichen, vor deren tugendhafter Kritik sie sich einst nach dem Tode Jerome's von Wittekind in der Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens und seiner plattdeutschen Schwestern hatte drei Tage lang verbergen mussen.

Das Rufen und Klingeln und der zunehmende Larm im Hause unterbrach zuletzt alles weitere Gesprach mit Treudchen und mit sich allein ... Endlich brach sie alles, was sie besturmte, ab, fasste sich Muth, zog ihre Handschuhe an, nahm ihr Bouquet und schlupfte in das vordere Zimmer, wo im lebhaftesten Gesprache Herren standen, die sogleich Chaine machten, um die uberraschende Erscheinung hindurchzulassen.

Der erste, der sich der hohen Gestalt "erbarmte" denn Erbarmen kann man wol die erste Begrussung und Anrede eines in menschenuberfullte Raume Neueintretenden nennen , war der alte Potzl, der die beiden Bologneserhundchen, die bei der Gesellschaft nicht fehlen konnten, unterm Arm hielt. Auch der Medicinalrath, ein kleiner dicker Herr, sprang hinzu und nun ware alles zuruckgewichen vor dieser koniglichen und fremdartigen Gestalt, wenn nicht Frau Nuck, die am feucht beschlagenen Fenster sass, sie erblickt und sogleich nur fur sich in Beschlag genommen hatte, um sie hinter den Gardinen zu fragen, ob sie noch immer so echauffirt aussahe? ...

Ein Flor von Jugend und Schonheit und Pracht der Toiletten war zugegen ... Dennoch machte Lucinde einen Eindruck, der die Aufmerksamkeit aller auf sie gezogen haben wurde, wenn nicht gerade jetzt der Stolz der Stadt, das beruhmte Moppes'sche Quartett, intonirt und die Stimmung des Flugels mit einem angegebenen Accord in Einklang gebracht hatte. Alles rannte, um zum Sitzen zu kommen. Die Krystalle in den Kronenleuchtern wackelten vor dem Sturm. Alles musste still sein ... nur der Ausserordentliche sprach uber die Bassposaune noch seinen Satz aus. Er widersetzte sich einer naturlichen Erklarung des Wunders, dass die Mauern von Jericho durch Posaunen waren niedergeblasen worden. Denn Beamte aus dem ghibellinischen Heerlager, rationalistische Zweifler, fehlten keineswegs und der alte Herr de Jonge hatte fur seinen leider abwesenden Sohn die Neckereien ubernommen. Wahrend man mit Fanatismus dem Ausserordentlichen zischte und Lucinde sich still fur sich selbst sagte: Vielleicht bestanden die Mauern von Jericho aus nichts, als Garten von Rosen! und nach dem Manne der echauffirten Frau sich umschaute, die neben ihr sass und die Ueberfullung mit Menschen verwunschte, die nicht einmal moglich machte Pitern zu entdecken, entfaltete sich das Bouquet des Abends. Waren es auch nur immer dieselben "Gute Nacht!" und dieselben "Schlaf wohl!" und dieselben humoristischen "Speisezettel", die die Sanger vortrugen, die Thatsache stand fest: Beim letzten Hauche konnte man den entsprechenden Accord des Flugels anschlagen und nicht um eine Viertelnote waren diese jungen Kaufleute in ihrem Vortrag gesunken, woruber die alten regelmassig in Enthusiasmus ausbrachen. Wie regierten sie aber auch mit strenger Gewalt die Musikzustande der Stadt! Wie bestimmten sie den Erfolg jeder Oper, jeder neuen Messe! Was sie verwarfen oder guthiessen, fiel oder stand in der offentlichen Meinung.

Lucinde blieb hinter den Gardinen und beobachtete ... Sie kannte solche Gesellschaften nur aus Kiel und aus der Zeit ihres dreijahrigen Wirkens im orthopadischen Institut, wo es genug vornehme Beziehungen gegeben hatte ...

Die Wonne des Entzuckens machte niemanden lebendiger, als die Commerzienrathin. Glich sie schon sonst in ihrem ganzen Leben einem jener kleinen Wurmchen, die auf einer flachen Tafel hin- und herrennen, stutzen uber nichts, links und rechts schwenken und da wieder hinlaufen, wo sie eben hergekommen sind, wie erst heute! Trotzdem dass ihr Kopfputz, eine Art Turban mit purpurrothen Sammettroddeln und goldenen Fransen, ihr die feierliche Haltung eines Schlittenpferdes vorschrieb, drangte sie sich durch alle Bravis und Dacapos, durch alle Erfrischungen und Staats- und Kirchengesprache hindurch mit wiedererwachtem Jugendmuth. Blieb auch ihr Shawl an einigen Frackknopfen der Herren, an einigen der aufgestellten Rhododendren oder am Kettchen eines neuen Halsbandchens ihrer Hunde hangen, sie war uberall und nirgends und zuletzt auch bei Lucinden, die sie hervorzog und auf die Stirn kusste. Sie flusterte ihr zu: Wie lieb' ich Sie! Aber ich muss Sie vorstellen! Und noch ehe sie eine Antwort bekam, war sie schon wieder bei einer andern Gruppe und eigentlich suchte sie auch nur immer Pitern und sagte das auch laut. Aber obgleich die Gesellschaft schon zwei Stunden beisammen war, entbehrte doch niemand den Schopfer dieses brillanten Abends. Die jungen Herren, seine Freunde, hatten mit den jungen Damen zu thun und der Ausserordentliche machte die Honneurs des Hauses, so klein er war, mit einer Entschiedenheit, die imponirte.

Wiederum hatte man in einer Extra-Arie die beruhmte Schule und die Bocktriller der Sangerin bewundert ... Lucinde war endlich von dem beschlagenen Fenster erlost, aus Umgebungen, wo sich einige Beamte und gemassigte Commerzienrathe, die einen ghibellinischen Orden im Knopfloch trugen, durch den Gesang der Primadonna nicht hatten hindern lassen, von den Zeitlaufen zu flustern ... Pamphlete, die in Belgien gedruckt waren, wurden erwahnt; Vorgange im Kapitel spannten ihre Neugier; der Severinusverein hatte mit einem evangelischen Handwerkerverein gestern eine blutige Schlagerei gehabt; Plakate in einem eigenthumlichen alten Drucke, "Himmelsbriefe", waren von den Strassenecken abgenommen worden; die Worte: Rom, Gesandtschaft, wiener Staatskanzlei fielen ... Lucinde konnte nicht verweilen, da sie der Gegenstand allgemeiner Neugier wurde und aus einer Vorstellung in die andere kam.

Sie selbst suchte nur Benno. Als sie horte, der fehle und ware schon nach Witoborn, entsank ihr jede Kraft und Sammlung ... Denn mitten unter all diesen Huldigungen blieb, was sie auch an Mannern sah, nur Grund zur Vergleichung mit Dem, fur den sie leben und sterben wollte ...

Die Commerzienrathin zog sie in einen Kreis, wo sich eine lebhafte Debatte entsponnen hatte ...

Eine Dame, der sie hier vorgestellt wurde, sass in einem kleinen Eckdivan, umgeben von einer Anzahl Herren und Damen, die sich ebenso an der Erscheinung wie an der Conversation dieser Frau zu erfreuen schienen. Sie trug ein hellfarbiges, mit seidenen Streifen durchwebtes einfaches Tullkleid und daruber eine grosse schwarze Atlasmantille, mattblau gefuttert, fast wie einen Shawl, aber auch wieder wie eine herabhangende Toga, mit Schnuren auf der Brust und an den Aermeloffnungen. Die ebenfalls blaue Auslage des rundgezackten schwarzen Kragens verdeckte fast den Hals und gab diesem eine eigenthumliche Einfassung, wie wenn er neckisch sich in ihm versteckte. Das Merkwurdigste fur alle Umstehenden war der Kopf dieser schonen Frau, der halb der Jugend, halb dem Alter angehorte. Aus einem Halbhaubchen von schwarzem Flor, besetzt mit blauen Blumen, quollen eine Anzahl grauer Locken hervor.

Die Commerzienrathin sprach von "der Frau Baronin". Dass Lucinde vor Armgart's Mutter stand, musste sie sich erst selbst allmahlich entnehmen.

Lucindens Erscheinen fiel auch hier auf. Jemand, der der Dame am nachsten sass, sprang sogleich auf und bot ihr zuvorkommend seinen Sitz. Ein paar feurig durchbohrende Augen warf er dabei auf Lucinden, die errothete. Der Gefallige vergass fast, dass er es war, der das Wort fuhrte und dass alle bisher an seinem Munde gehangen hatten.

Mit einer fremdartigen Betonung, aber ausserordentlich gelaufig und einschmeichelnd erzahlte er Vorgange, die Lucinde sogleich als auf die Grafin Paula sich beziehend erkannte. Das waren Wetterschlage in ihr Herz ... Die Lage des Camphausen'schen Processes war ihr gelaufig genug, um zu begreifen, dass der Sprecher jener Bevollmachtigte der wiener Erben, Herr von Terschka war, jener Terschka, der einst schon in Kiel sie gesehen und damals durch eine Debatte uber ihre Nase die nachtliche Scene mit dem Kronsyndikus veranlasst hatte ...

Terschka wiederum, in dessen Ohr noch bei dem Worte: Fraulein Lucinde Schwarz! die Bezeichnung: Eine ultramontane Emissarin! von der Villa der Gebruder Fuld nachklang und der sich seitdem gleichfalls auf die Tage von Kiel besonnen hatte, Terschka begleitete alles, was er sprach, mit Blicken, die sich zwischen Lucinden und Monika theilten.

Monika sass in tiefem Ernst und spielte zerstreut mit ihrem Facher. Terschka war vor wenig Stunden angekommen, um noch die Grafin vor ihrer Weiterreise zu begrussen. Ohnehin zu spat eingetroffen, musste er in dieser Nacht wieder zuruck ... In seinem ganzen Wesen lag die Elasticitat der Aufregung, die fur Monika vollkommen verstandlich gleichsam ausdruckte: Auch nur eine Stunde in deiner Nahe verweilt und ich bin uberreich belohnt!

In dem Bericht uber die ausserordentlichen Heilungen, die man Paula verdankte, fiel bei Erwahnung der Gesichte, die Paula sahe, das Wort:

Der Teppich, auf dem der Domherr von Asselyn als Archipresbyter zu Sanct-Libori nachstens die erste Messe lesen wird, stellt eine Vision der Grafin vor. Der sogenannte Philosoph von Eschede, Doctor Laurenz Puttmeyer, hat diese Vision gezeichnet und vierundzwanzig Stiftsdamen und Freifraulein der Umgegend stickten bisher Tag und Nacht daran. Das Ganze ist jetzt vollendet und sieht sich an wie eine Offenbarung Dante's ...

Fur Lucinden lagen in jedem Worte dieses Berichts durchbohrende Nadeln und Stacheln des Neides und der Eifersucht ...

So wurden wir ja, nahm eine ihr wohlbekannte Stimme die Rede auf, die Erscheinung der heiligen Hildegard noch einmal haben, die bekanntlich schon ebenso viel von der Natur wusste, wie Alexander von Humboldt, und noch dazu in einem viel wahreren Geiste ...

Der Sprecher war der Ausserordentliche. Mit einem artigen Grusse an Lucinden hatte er sein: "Bekanntlich" gleich im Ton als "unbekannterweise" gegeben und fuhr deshalb docirend fort. Er ahnte nicht, dass zufallig eine anwesende Person im Leben jener Heiligen, deren "Physik" seit einiger Zeit durch die Bekenner der "frommen Naturwissenschaften" bekannter geworden, sehr heimisch war ...

Sie kennen Bingen, meine Herrschaften? fuhr der Professor mit hochliegender Stimme fort. Sie kennen den hochst vortrefflichen Scharlachberger der Beste Klopp und die Lokalerinnerungen an Kaiser Heinrich IV.? In der Nahe dieser gegenwartigen Victoria-Hotels und Bellevues lag sonst das Kloster Disibodenberg, dessen Aebtissin vor achthundert Jahren Hildegard gewesen ist, die Tochter eines adeligen Vasallen der Grafen von Sponheim. Schon im dritten Lebensjahre hatte sie Visionen. Sie gab ihr Erbe auf, schenkte es der Kirche, wurde Benedictinernonne und lebte schon hienieden im Geruch der Heiligkeit. Sie sah den Himmel offen, heilte, that Wunder, schrieb, ohne die Sprache gelernt zu haben, im entzuckten Zustande Latein. Sie war eine Gotterleuchtete, die nach allen Richtungen hin Spuren ihres Geistes zuruckliess. Ich nenne nur ihre Einsichten in die Naturwissenschaften. Sie hat vom Bau des menschlichen Korpers, von den Kraften der Luft, des Wassers und Feuers mehr gewusst, als die atomistische Physik des achtzehnten Jahrhunderts!

Lucinde dachte bebend an Paula ...

Die Frau aber mit den silbernen Locken, die sich von der Hitze des Zimmers losten und lang in ihren Ueberwurf hinunterglitten, den sie jetzt offnen musste, erwiderte plotzlich scharf und bestimmt:

Die heilige Hildegard war im Gegentheil beinahe eine Vernunftglaubige!

Alles horchte auf ...

Wie so? fragte der Ausserordentliche, stutzig uber den Muth der Interpellation und ein in dieser Gesellschaft gebrauchtes anstossiges Wort ...

Monika erwiderte:

Jede Zeit hat ihre eigene Art, den Antheil fur edlere Dinge auszudrucken. Was in unserm Jahrhundert die Philosophie ist, war vor achthundert Jahren das Christenthum ...

Bitte! Erlauben Sie! unterbrach der Professor hocherstaunend ... Aber ein Gluck fur den Vater, dass dieser in einem hintern Zimmer am Whisttische sass. Sonst hatte er erlebt zu horen, dass die allgemeinste Spannung uber die gelehrte muthige Frau seinem Sohn, seinem Stolz, ein zischendes St! rief und das in einem Kaufmannssalon ...

Frau von Hulleshoven fuhr bei der im Zimmer eingetretenen lautlosen Stille fort:

Wenn eine Zeit voll Barbarei der Wunder bedarf, um sich dem gottlichen Weltplan zu fugen, so geschehen auch Wunder. Der Mensch macht seine eigenen Thaten dann selbst dazu und lasst immer nur Gott die Ehre. Die Eingebungen einer Hildegard kamen aus der Sphare, ja geistigen Sprache her, die damals allein verstanden wurde und allein wirkte. Das Christenthum in der Bedeutung, wie wir es jetzt zu citiren pflegen, ist dabei ganz unwesentlich!

Das ist ja offene Ketzerei! warf der Gegner dazwischen, lachelnd freilich und noch verbindlich ... Aber wieder musste er erleben, dass ihm gezischt wurde. Man zischte auch uber das harte Wort gegen eine Dame ...

Nennen Sie es, wie Sie wollen! fuhr mit einem eigenthumlich bittern Lacheln die jugendliche Sprecherin fort. Ich verweise Sie nur auf die vielen Bestatigungen, die Hildegard fur meine Behauptung gegeben hat. Sie hat bei ihren Visionen immer nur das praktische Leben und die Besserung der Sitten im Auge gehabt. Hildegard war eine kleine schwachliche Person, immer kranklich, jedenfalls von einer somnambulen Anlage ...

Grafin Paula ist schlank wie eine Tanne! warf Terschka hinein, artig doch offenbar in der Absicht, Monika zur Massigung zu mahnen ...

Diese fuhr jedoch fort:

Hildegard sah Erscheinungen, Engel und sie heilte. Aber ihre Visionen waren von einer strafenden und ermahnenden Tendenz. Ihre Heilungen erfolgten nicht ohne Beistand ihrer Krauterkunde und die Beobachtung des menschlichen Korpers. Sie ermahnte den Papst, der kranken Kirchenzucht zu helfen. Sie gerieth in Streit mit dem Erzbischof von Mainz uber die Beschuldigung, einen Excommunicirten auf dem Gottesacker ihres Klosters bestattet zu haben. Sie machte sogar Reisen. Dass sie dabei nur die Kloster besuchte, lag im Charakter einer Zeit, wo es noch keine Victoria-Hotels gab und eine Frau mit einigen weiblichen Begleiterinnen nicht auf Ritterburgen ubernachten konnte. Die Kloster waren fur jene Zeit vortrefflich. Sie waren die Herbergen, die Gasthofe jener Zeit. Sie besuchte Paris. Denken Sie sich eine Reise nach Paris in jener Zeit! ... Eine Reise nach Paris fur eine Frau!

Auf einer Reise nach Paris wurde man jetzt allerdings nicht mehr in Klostern absteigen! warf eine Stimme hinter der sich mehrenden dichten Gruppe ein ...

Nuck's Stimme! sagte sich Lucinde, als alles lachte ...

Sie und die Sprecherin waren der Mittelpunkt geworden und Terschka's Augen liessen weder von ihr, noch von Monika ...

Monika fuhr in dem Gemurmel der Freude, den volksthumlichen Nuck zugegen zu wissen, fort:

Wie vernunftig, wie praktisch diese Heilige war, beweist auch der Umstand, dass sie zwar bis in ihr achtzigstes Jahr Wunder verrichtet haben soll, aber im Tode ganzlich damit aufhorte ...

Ein Gefluster und Lacheln ...

Bitte! unterbrach der Professor der glaubigen Naturwissenschaften. Der Erzbischof von Mainz verbot der Todten ausdrucklich, noch Wunder zu verrichten!

So viel Ghibellinen hatte Piter eingeladen, dass jetzt sogar die Welfen uber diese Aeusserung mitlachen mussten ...

Man muss das anders erklaren! erwiderte Monika, wahrend der Ausserordentliche sich im Kreise rundum schaute und strafende Blicke nach allen Seiten austheilte. Es ware manchmal sehr schon, wenn man die Reize des Niederwaldes und die Aussicht vom Victoria-Hotel auf Rudesheim auch den Englandern in Bingen verbieten konnte. Der Zudrang zum Grabe der Heiligen wurde so gross, dass man den daraus entstehenden Unordnungen steuern musste. Deshalb verbot der Erzbischof der todten Aebtissin die Wunder. Und die Heilige erschien dann dem Erzbischof von Mainz und erklarte ihm, sie wollte ihm auch noch im Tode gehorsam sein. Das war aber lediglich eine Ironie der vortrefflichen Frau; sie hatte ihr Lebtag so viel Aerger mit den Vorgesetzten der mainzer Erzdiocese gehabt, dass sie ihnen auch noch im Tode gelobte, ihren Willen zu thun.

Ein schallendes Gelachter brach aus ...

Die Entrustung des Ausserordentlichen steigerte sich so, dass sie jetzt schon von Johannen, seiner Verlobten, heimlich beschwichtigt werden musste ...

Lucinde, die nur ruhig beobachtete, wurde mehr aufgethaut sein, wenn sie nicht fast physisch gefuhlt hatte, wie Nuck, den sie nicht sah, sie beobachtete ...

Aber, fuhr die scharfe Frau zur Mehrung ihres Triumphes fort, aber auch wahrhaft liebende und geistvolle Freunde hat die Aebtissin gehabt! Das mussen Sie schon darum zugeben, weil sie des Lateinischen unkundig war, nur im magnetischen Zustande etwas davon wegbekam und doch soviel Schriften gerade in dieser Sprache hinterlassen hat. Ein einfacher Beichtvater, von dem die Welt nur weiss, dass der Treffliche Pater Gottfried hiess, war ein so treuer Freund ihrer Seele, dass er alles niederschrieb, was sie in den Wolken gesehen zu haben vermeinte, und es dann noch spater mit ihr ausarbeitete. Dieser bescheidene Monch war also noch etwas mehr, als Goethen sein Eckermann. Er war der Geist einer Frau, die keinen Korper, nur eine Seele gehabt zu haben scheint. Gottfried selbst stand unter dem Eindruck ihrer Bezauberung. Er horte seine Freundin, die auf dem Bette lag, phantasiren. Sie dictirte ihm die Briefe an die, die ihren Rath begehrten. Sie sprach deutsch und sein Ohr horte und seine Feder schrieb Latein. Er ubersetzte nichts, er schrieb die Gesichte seiner Freundin gleich in seiner geistigen Muttersprache nieder. Das war gerade so, wie Plato den Sokrates Dinge sagen lasst, die er nie gesprochen und die Plato darum doch nicht log. Aus Sokrates' Geiste dichtete Plato seine Dialogen; die Dichter lugen nicht, wenn sie auch noch soviel erfinden. Oder glauben Sie nicht, dass Sokrates somnambul war? Jeder grosse Geist ist somnambul. Jeder Genius hat einen Damon wie Sokrates. Jeder Heroe handelt unzurechnungsfahig. Diese Hildegard war die einzig mogliche Diotima des Mittelalters. Aber welche Thorheit, wenn man noch jetzt in ihrer alten Sprache lallen wollte! Ich mochte wol wissen, wenn man die Grafin Paula fragte, was Hildegard gefragt wurde, als der Dechant Philipp von Koln an sie schrieb, ob sie in ihren Visionen nichts uber den kolner Klerus gesehen hatte? ...

Ueber den kolner Klerus? rief man durcheinander ... Lucinde lachte mit in den Chor hinein. Sie fuhlte Schadenfreude uber eine Gegnerin Paula's ...

Gewiss, gewiss! sagte Monika. Die Nonne von Dulmen hatte schwerlich auf diese Frage wie Hildegard geantwortet! Sie hatte ohne Zweifel alle Domherren von Koln fur kunftige Heilige erklart!

Ein neuer Sturm ...

Aber Hildegard? Was sagte sie denn? drangte man ... Die Zahl der Umstehenden nahm immermehr zu ...

Hildegard antwortete zuvorderst: Der ewige Gott, der da ist, war und sein wird, wird alle Runzeln der Zeit ausglatten! Wer ist dieser Gott? fahrt sie fort. Die Sonne ist das Licht seiner Augen, der Wind sein Gehor, die Luft sein Geruch, der Thau sein Geschmack. Der Mond ist Gottes Uhr, die Sterne sind sein Denken, denn in ewigen regelmassigen Kreisen dehnt sich alles Denken ... Hat wol die Nonne von Dulmen jemals die Gottheit so erhaben definirt? Sie sah nur Nagelmale und blutende Heilandswunden!

Eine Todtenstille trat ein ...

Man wurde Hildegard jetzt fur eine Pantheistin erklaren! bemerkte Terschka vermittelnd, wahrend der Ausserordentliche vor Staunen und Befremdung uber diese Sprache in aller Blicken zu lesen suchte ...

Noch mehr! fuhr Monika unerschrocken fort. Die heilige Hildegard war Vulkano-Neptunistin, schon achthundert Jahre vor den Theorieen Cuviers uber die Bildung der Erdrinde. Sie sagt an jener Stelle, Gott sprache: Steine hab' ich aus Feuer und Wasser gegossen und die Erde aus Feuchtigkeit und Keimkraft dargestellt. Ich habe Gewolbe ausgeweitet, welche die Korper tragen, um dieselben her befindet sich die Feuchtigkeit zu ihrer Befestigung. Hatten die Wolken nicht das Feuer und das Wasser, so wurden sie wie Asche sein ...

In das Erstaunen der Zuhorer und der Bewunderung vor dieser seltsamen, jetzt fast feierlichen jungen Frau, mischte sich wieder von hinterwarts her die helle und scharfe Frage aus der Menge:

Aber bitte, bitte! Was sagte sie uber die kolner Geistlichkeit?

Lautes schallendes Lachen ...

Es war wieder die Stimme des geliebten, popularen Redners ... Lucinde sah ihn nicht ...

Sie vergleicht die Wurde der Geistlichkeit zuerst den hochsten Erscheinungen in der Natur! fuhr Monika fort und eklipsirte den Ausserordentlichen heute bis zur vollstandigen Nullitat. Abel, Noah, Abraham, Moses, alle waren Priester gewesen, sagte Hildegard, und hatten in Gottes Haushaltplan der Schopfung eine grosse Rolle durchgefuhrt; die vier Propheten waren wie die vier Weltgegenden zu betrachten, die die Erde begrenzten. Und die kolner Geistlichkeit nun von der, sagte sie, die ich wiederhole wortlich die blase schlecht auf der Posaune der Gerechtigkeit ...

Die Erinnerung an die Bassposaune erzeugte ein fortgesetztes Gelachter. Denn selbst die Welfen waren mit den jetzigen Kundgebungen ihres plotzlich uber den Kirchenstreit eingeschuchterten Kapitels nicht im mindesten einverstanden ...

Eine Posaune, fuhr Monika, als die Zuhorer sich beruhigt hatten, fort, ist ein so erhabenes Instrument, dass es seine Intervallen haben muss. Bei aller Verehrung vor dem Talente, das uns vorhin die sussesten Arien auf ihr vorgetragen hat, wurden Sie doch von diesem erhabenen Instrument keinen Walzer horen wollen (Piter hatte allerdings gerade einen Strauss'schen Walzer auf der Bassposaune als die Girandole des Abends und den Uebergang zum gemuthlichen "Ulk" bestellt gehabt). Die kolner Geistlichkeit aber blies sozusagen die Posaune der Gerechtigkeit in diesen Sechszehntelnoten, d.h. wie die Heilige sagt, "ohne Einhaltung passender Zeiten" und manchmal gar nicht und manchmal im "Uebermasse" und manchmal heftig und dann ganz abbrechend, kurz ohne jede wahre musikalische Empfindung ...

Ein allgemeines beifalliges Murmeln deutete an, dass man diese Ungleichmassigkeit des priesterlichen Wirkens vollkommen verstand ...

Sie will sagen, fuhr Monika fort, ihr ubt euer Amt gedankenlos, seid streng aus Gewohnheit, verhangt Strafen ohne zu uberlegen, wie die Falle sind! Ihr seid, schreibt sie, eine finsternissathmende Nacht, ein Volk, das aus Ueberdruss an zu vielem Licht nicht langer darin wandeln mag! ("Ueberdruss an zu vielem Licht" Lucinden fiel ein Schlaglicht auf den gefangenen Klingsohr.) Sie tadelt die kolner Handwerksmassigkeit in der Uebung des Priesteramts. Auch die Sunden der Leidenschaft fehlten nicht und doch wolle man daselbst "die Ehre der Heiligkeit ohne Anstrengung" gewinnen. Sie vermisst das reine Feuer und den Duft der Lieblichkeit ...

Das Gemurmel wurde so gross, dass der Ausserordentliche sich dem Beifall anschliessen musste und sogar fur die Bemerkung: Und vergessen Sie nicht, gnadige Frau, dass die Heilige selbst in Koln gewesen ist! Beifall erntete ...

Um so mehr also! erganzte Monika. Und sollte man nicht glauben, dass sie schon die Neigung der Kolner fur Mannergesang und Carneval gekannt hat, wenn sie ich bitte die lieblichen Sanger von vorhin um Vergebung sagt: "Ihr aber seid schon durch jeden fliegenden weltlichen Ruhm uberwunden, sodass ihr euch sogar als singende Possenreisser hinstellt!"

Bravissima! rief glucklicherweise das ganze Quartett selbst; es war vom Erfolg seiner Lieder im hochsten Grade befriedigt ... Moppes gab das Signal ... Monika sprach auch so lachelnd, dass sie nicht verwunden konnte ... Ihre grauen Locken hatten etwas so lieblich Elegisches, dass jeder entwaffnet war ...

Terschka freilich wurde immer unruhiger und wechselte wieder Blicke mit Lucinden, die aufs neue durch Nuck's Stimme erschreckt wurde ...

Und die Kaufleute! Die Kaufleute! rief Nuck, gleichsam den Uebermuth der Kaufleute, die hier so viel auf Kosten anderer lachten, strafend ...

Sie spricht nur von der Geistlichkeit! fuhr Monika fort. Die Pfrunden wirft sie ihnen' vor, wenn sie sagt: "Wegen eures Reichthums unterweist ihr eure Untergebenen nicht und gestattet nicht einmal, dass sie bei euch Belehrung suchen, indem ihr sprecht: Alles konnen wir nicht ausrichten!"

Wiederum ein schallendes Gelachter ... Selbst der Kanonikus war vom Spieltisch vorgekommen, zog in dem allgemeinen Jubel seine Dose und fand die Moral auch jetzt im hochsten Grade noch anwendbar. Denn wie oft war nicht gerade erst kurzlich bei der Ernennung eines so jungen Domherrn, wie Bonaventura, in der engeren Curie gesagt worden: "Alles konnen wir nicht ausrichten!" ... Die Commerzienrathin stand in der Nahe. Sie war vielleicht die einzige, die nicht wusste, wovon die Rede war, aber sie lachte mit, da sie den Kanonikus lachen sah.

Ich will die dann folgenden Rugen gegen die mangelnde Sittlichkeit der kolner Geistlichen nicht wiederholen! fuhr Monika fort. Auch sind mir die Ausdrucke entfallen. Nur die ganz besonders uberraschenden, die ich noch kurzlich las, weil meine Reise mich auch nach Koln fuhren soll, pragte ich mir mit Vorliebe ein. So macht sie der kolner Geistlichkeit den Vorwurf der diplomatisirenden Nachgiebigkeit ...

Aha! murmelten die Fanatiker ...

Das Predigen und Lehren, das starke Zeugen fur Gottes Gesetz ware dort nicht an der Zeit mehr!

Aha! Aha!

Ja, dass die Heilige dann den Kolnern die Reformation prophezeit, ist allbekannt ...

Wie? fragten die Ghibellinen staunend ... Unter den Welfen verbreitete dies Stichwort sofort eine angstliche Stille.

Terschka winkte Monika ... Aber sie fuhr fort:

Nein! Nein! Furchten Sie nichts! In diesem Punkt ist die heilige Hildegard so beschrankt wie die Nonne von Dulmen und wahrscheinlich auch wie die "Seherin von Westerhof" ...

Terschka wurde immer unruhiger und sprach mit seinen flammenden Augen: Massigung! Massigung!

Trotz des Schweigens, das nun eintrat, fuhr Monika fort:

Wo ist jetzt wol eine Ekstatische, die so den Papst, die Erzbischofe, die Domherren und Priester strafte, wie diese Aebtissin! Aber leider in Einem war sie schwach. Sie lebte in einer Zeit, wo es der Ketzer schon genug gab, in einer Zeit, wo man die Albigenser und Waldenser in Frankreich und in den piemontesischen Thalern mit Feuer und Schwert vertilgte. Die Glaubensgerichte konnten nur den ketzerischen Lehren, aber bekanntlich nicht den vortrefflichen Sitten der Ketzer beikommen. So ergibt sich Hildegard in diese Gewissheit, dass auch die kunftige grosse Reaction gegen die kolner Geistlichkeit zwar vom Teufel ausgehen, aber ein ausserordentlich klug gewahltes Gewand tragen wurde. Sie sagt, das Volk wurde diesen gemassigten, in Zucht und Ehren lebenden n e u e n Predigern allerdings anhangen. Der Teufel stunde mit verborgenem Leuchter, dass man ihn nicht sehen konne, und sprache: Ha, ha! Da glauben sie immer, ich musste in Gestalt von Thieren, von Drachen oder von Fliegen kommen! Aber ich mache mich auch einmal den Propheten "ein wenig ahnlich!" Nun will ich machen, dass man tugendhaft nicht blos scheinen, s o n d e r n a u c h s e i n k a n n u n d doch nicht in Gott lebt!

Und ehe man noch uber die Scharfe dieser Reden sich sammelte, wiederholte Monika:

Tugendhaft s e i n , nicht etwa blos scheinen, sondern s e i n , und d o c h nicht von Gott stammen!

Monika wollte die Verurtheilung dieser Verblendung.

Aber der Ausserordentliche rief:

Das ist ja ein erhabenes Wort! Das ist ja die Selbstherrlichkeit Ihrer Philosophie! Trefflich! Trefflich! Darin findet die Heilige die kunftige Holle der kolnischen Geistlichkeit! Die scheinbare Logik der Kirchenverbesserung ist es ja, die scheinbare Tugend ihrer Bekenner, die scheinbare Aehnlichkeit mit den Propheten, die scheinbare Grosse der, wie man sich ruhmt, reiner erkannten Schrift, dies ewige Frosteln in der gemassigten Temperatur des Rationalismus, das zu sehen, das der Menschheit genugend finden zu sollen, ja allerdings das kann und muss fur jede rechtglaubige Seele schon auf Erden die Holle sein!

In ein Murmeln der Ghibellinen hinein entgegnete Monika:

O haufen Sie nicht soviel Schmach uber das arme kleine kranke Mutterlein, das da in seiner binger Klosterzelle so Grosses und so Entsetzliches traumend lag! Wer weiss, ob ihr treuer, mit ihr alt gewordener Freund, der Benedictiner Gottfried nicht zitterte vor dem, was sie sah und er gehorsam der Hocherleuchteten nachschreiben sollte! Immer hatte sie den schonsten, liebenswurdigsten Wahrheitsdrang, den es nur in einem Frauenherzen geben kann, aber dass sie vor einem andern Lehrsatze erschrickt, als dem, in dem sie unterrichtet wurde, das ist die Unreife ihrer Zeit. Und dass sie noch so gerecht ist und dem Teufel einraumt, ein so guter Schauspieler zu sein! Die Ketzer sind tugendhaft, sagt sie, aber traut dieser Tugend nicht! Diese Tugend stammt nicht einmal aus Verstellung das schreibt sie wortlich nein, der Teufel gab den Albigensern und Waldensern, die Innocenz III. mit Feuer und Schwert vertilgt wissen wollte und deren er allein bei Schloss Castellungo im Piemontesischen Hunderte verbrennen liess, die Kraft, wirklich tugendhaft zu sein, wirklich die Sitte der Frauen zu schonen, wirklich enthaltsam zu sein, aber der Teufel erfullte nur die "Luft mit solchen Geistern", dass sie sagten: O wir sind heilig und vom Heiligen Geiste durchgossen! Das Volk wird sich, fahrt sie fort, an ihrem Wandel erfreuen, wird ihnen folgen; sie werden sogar die guten Streiter der rechtglaubigen Kirche s c h o n e n , horen Sie, s c h o n e n d.h. diese Unglucklichen werden, wenn sie einmal ein klein, klein wenig Macht haben, gegen Andersdenkende liebevoll und tolerant sein ... aber alle diese Beweise von Milde und Gute sieht die arme kleine ungluckliche gebrechliche Frau nur als Lugen an; alles muss der Teufel gemacht haben, alles, alles, was sie beinahe schon liebt, schon bewundert! Ist das nicht entsetzlich? Die Albigenser und Waldenser wurden mit Feuer und Schwert vernichtet, sie starben in den Flammen mit einem Hosianna, sie waren liebevolle Vater, treue Gatten, zartliche Gattinnen, aufopfernde Mutter, gehorsame Kinder; aber d a ss sie alles das waren, das hatte der Teufel nur so in die Luft "gezaubert"! Gezaubert! D a s die Welt glauben zu machen, war von Seiten Roms gewiss die grosste Zauberei!

Die junge Frau hatte sich erhoben ...

Zwar stand ihr die Leidenschaft, mit der sie ihre Ueberzeugungen aussprach, herrlich schon ... Ihr Auge blitzte voll gottlichen Feuers ... Ein Zug des Schmerzes um die beredten Lippen gab ihrem Vortrage und der Geltendmachung ihrer Kenntnisse soviel Ueberzeugtes und Ueberzeugendes, dass sie die Konigin des Abends gewesen ware, wenn nicht eine angstliche Stille ihrer Rede gefolgt ware, alles auseinander ging und Terschka, aufspringend, bemuht gewesen ware, wenigstens scherzend die Stimmung wieder in den fur diese Stadt und solche Gesellschaft angemessenen Geist hinuberzulenken. Sie sind krank! flusterte er ihr heimlich zu'; dann rief er mit schnell sich fassender Geistesgegenwart:

Gnadige Frau, das erinnert mich ja ganz an eine Aeusserung Ihres Frauleins Tochter! Fraulein Armgart bekam durchs Loos an dem Teppich fur den Domherrn von Asselyn einen Theil zu sticken, auf dem ein hasslicher Drachenkopf abgebildet ist. Erst war sie daruber ganz ausser sich! Hernach sagte sie, dass sie den Drachenkopf schon ganz lieb gewonnen hatte und sie nun wohl einsahe, wie man sich so auch durch langern Umgang an den Teufel gewohnen konnte!

Der noch gebliebene Kreis ging auf Terschka's gute Laune ein und rasch fuhr er fort:

Ja, meine Damen! Das wird ein Prachtstuck werden! Es ist, wie gesagt, eine Vision der Grafin! Der Korper des heiligen Liborius wurde aus Frankreich hierher herubergebracht zum Geschenk von Kaiser Ludwig dem Frommen. Dem Schrein voraus, erzahlt die Legende, zog wunderbarerweise ein Pfau, der sich der feierlichen Procession angeschlossen hatte und nicht weichen wollte. Der Vogel des Stolzes wurde der Vogel des Triumphes. In der Vision der Grafin ist er riesengross und schlagt ein majestatisches Rad durch alle Himmel und uber die Erde und uber die Holle. Der Regenbogen ist es, den die letzten Augen seines Schweifes bilden. In den Ecken sitzen geflugelte Lowen und Leoparden und tief unterwarts Drachen und Lindwurmer. Nach Comtesse Paula sollte der Pfau, der der Verherrlichung des heiligen Liborius gewidmet ist, auf seinem Haupte die dreifache Krone tragen. Da man aber vom hochwurdigsten Sitz des Heiligen Vaters leicht ein unehrerbietiges Bild darin hatte sehen konnen, substituirte man als Haupteszierde des Pfauen ein Kreuz ...

In dem Geplauder fing man an sich zu zerstreuen ...

Eine Furcht vor einer so uber alles Mass hinausgehenden Meinungsausserung wie bei Monika schien sich der Meisten bemachtigt zu haben und der Ausserordentliche triumphirte ...

Da es zum Souper zu gehen schien, erhob sich auch Lucinde, die sonst in der Laune war, zu jedem Fiasco, das jemand machte, schadenfroh zu lachen ...

Die Grafin las den Dante! sagte sie zu Monika und suchte durch ein Lacheln die hier verfehlte Wirkung ihrer Vertheidigung der Reformation zu zerstreuen ...

Mit Ihnen! erganzte Terschka, sich schnell einmischend ...

Sie hatte allerdings mit Paula zusammen italienisch gelernt ...

Lieben Sie Dante? fuhr Terschka fort ...

Lucinde schuttelte den Kopf ... Es war ihr in ihrem Leben von Klingsohr so viel uber Dante gesprochen worden, dass sie ihn schon deshalb nicht mochte ...

Recht, mein Fraulein! sagte Monika, bitter lachelnd uber die Welt der Vorurtheile. Auch ich mag ihn nicht, diesen finstern Italiener ...

Der Professor kam, um den Wirth zu machen, mit Tellern und offerirte verbindlich und ironisch ...

Wen? fragte er ... Wen mogen Sie nicht leiden?

Dante, Dante! sagte Terschka ...

Wie? lautete ein ironisches Erstaunen; Dante nicht, der den Papsten doch fluchte?

Sie lieben ihn also! Und warum? entgegnete Monika und stellte den Teller sich zur Seite auf einen nahe stehenden Tisch, da sie nicht essen mochte und sich zum Gehen rustete ...

Weil Dante fur seine Zeit der grosste aristokratische Dichter war! Und fur unsere Zeit ist er der katholischste!

Damit entschlupfte er triumphirend ...

Ich mag ihn nicht, grollte Monika duster vor sich hin, wahrend Terschka einen Tisch arrangiren wollte und sie zuruckhielt ...

Fast ware sie geblieben, als sie aus Lucindens Munde durch folgende Worte uberrascht wurde:

Ich finde an Dante peinlich, sagte das ihr jetzt erst auffallende schone junge Madchen, wie er sich muht, Martern zu ersinnen, die er seine Gegner erleiden lasst! Weil ihn seine Mitburger aus Grunden nicht mochten, ruft er die Fremden zu Hulfe, will Italien mit Feuer und Schwert von den Ghibellinen und den Deutschen verwustet haben und lasst alles, was ihm personlich oder seinem Princip misgunstig scheint, in der Holle gemartert, gesotten und gebraten werden. Eine grellere Einbildungskraft hat es noch nie an einem Dichter gegeben, als sich hinzusetzen und zu grubeln) welche Qualen dem oder jenem seiner Feinde einst zu Theil werden wurden! Und wen wirft er nicht alles in seine Holle! Einen Brutus, einen Cato, einen Cassius! Ueberall wittert er Unordnung in seinem Sinn und Freiheit und was darunter die florentinischen Gilden verstanden haben mogen, die nur seinen hohen Werth nicht anerkannten, nicht seine gelehrten Verse mochten, in die er, wie er sagte, seine Feinde lebendig einmauern wollte. Beatrice liebte er, nur um ein Ideal fur seine Phantasie zu haben; im Leben und als Person war sie ihm vollig gleichgultig. In der That, wenn ich die wie mit Gift geschriebenen Verse Dante's lese, diese lang hingezogen sich ringelnden Terzinenschlangen und Molche, diese dem Verstand abgequalten Bilder und Allegorieen, zu denen man, um sie zu verstehen, dicke Commentare lesen muss, so konnt' ich mich wie eine welfische Lowin fuhlen, die mit dem demokratischen Hass eines Vorstehers der florentinischen Schustergilden dem Adler der Ghibellinen den Kampf anbieten konnte. Ich sympathisire dann mit den Monchen, die auf den Zinnen der italienischen Mauerthurme gegen die Ghibellinen kampften

Ein Savonarola war unter ihnen! fiel Monika voll Staunen und gesteigerter Theilnahme ein ...

Potzl, der Trager der Bologneser, unterbrach eine fast leidenschaftliche Annaherung Monika's und sprach heimlich mit Lucinden ...

Monika fuhr inzwischen fort:

Und da muss ich wieder Mutter Hildegard eine wunderbare und liebliche Poetin nennen. Die blickt auch in die Holle, aber sie schmort und kocht und foltert die Gottlosen doch nicht so greulich, wie dieser Dante, dessen Bild mit seiner langen Nase und dem dicken uber die Kapuze gezogenen Lorberkranz ich nie sehen kann, ohne an ein altes Weib zu denken ...

Lucinde wurde zur Commerzienrathin abgerufen, die bei ihrem fortwahrenden Patrouilliren und dem dutzendmal wiederholten Worte: "Haben Sie denn auch ein Glas?" naturgemass jetzt uberall auf Pitern zuruckkommen musste. Das Muttergefuhl und die Sorge der Hausfrau siegte uber die Liebe zu den Bolognesern und zu den Hausfreunden und zu hundert Fremden, mit denen sie Conversation begann und nach funf Worten wieder abbrach. Lucinde bekam den bestimmtesten, ja von "Verzweiflung" dictirten Auftrag, eine Recherche nach der jetzt constatirten "ja furchtbar angstlich werdenden und ein Ungluck ahnen lassenden" Abwesenheit Piter's anzustellen.

Sie musste sich besinnen, dass sie hier im Hause eine Dienende war ...

Monika sah, dass Terschka ihr einige Schritte folgte ...

Wer ist das schone, seltsame Madchen? fragte sie, als er zuruckkehrte ...

Sie stand allein und Terschka nutzte seinen Vortheil. Zwar machte er ihr ernstliche Vorwurfe, doch wurden sie von der Glut seiner Huldigungen gemildert ...

Monika horte nur wenige seiner Worte, riss sich los und trat wie fliehend aus dem Zimmer ...

Der Abend rauschte und wogte dahin ...

8.

Die Worte der geistesstarken jungen Frau, die Widerspruche zweier Pole im Katholicismus die grosste Abhangigkeit und doch eine eigenthumliche Freiheit hatten Lucinde in alle Gedankenreihen gesturzt, die ihr vorzugsweise schon oft bei Serlo's Memoiren entstanden waren ...

Aber mehr, mehr als alles, was sie zu einer wurdigen Denkerhohe, zu der auch sie so viel Berechtigungen in sich trug, emporheben und ihr den oft bitter errungenen, aber tiefinnerlich begluckenden Stolz, in solcher Hohe einsam zu stehen wie Alpenhaupter, erhaben uber die alltagliche Denkweise der Menge, hatte einflossen konnen, qualte sie ihr eigenes Geschick ... Paula Bonaventura Hildegard der Benedictiner Gottfried alles das uberwaltigte und lahmte jeden Aufschwung ...

Ein grosser Unterschied zwischen Monika und Lucinden! Monika eine Frau und liebend das Gute um des Guten willen. Lucinde ein Madchen den meisten ihrer Gesichtspunkte fehlte Ernst und Festigkeit und das Gute liebte sie nur, weil das Gute in den meisten Fallen das Klugere ist. Monika entsagte schon lange dem Leben und stellte sich entschieden auf sich selbst. Lucinde suchte einen Anhalt. Nicht von Hause aus sass Neid in ihrer Brust, aber er nistete sich mit der Zeit durch ihr Ungluck ein. Die Unglucklichen sind neidisch. Sie werden sich immer sagen, dass sie sich ebenso berechtigt glauben zum Gluck wie die Glucklichen .... Seltene, Edelste deines Geschlechts, ich habe dich lieb, ich bewundere dich, nimm mich in deine Freundschaft auf! Das konnte Lucinde nicht zu Monika sagen. Sie fuhlte die anziehende Kraft dieser Frau, sie sah ihr liebliches Kind in ihren Zugen wieder und doch hatte sie nicht einen Schritt thun konnen, ihr mehr zu huldigen, als ihr Geist verdiente. Die Geringschatzung der katholischen Lehren wurde sie wenig gestort haben ...

Schon auf der Treppe zu Delrings hinauf, wo sie etwas von Pitern zu erfahren hoffte, lachten sie die gewohnlichen Larven ihres Innern an und sagten von der Frau in den silbernen Locken: Sie ist mit ihrer Familie verfallen! Sie hat unter den Vorurtheilen derselben zu leiden! So jung noch, so schon, und sie soll entsagen! Herr von Terschka ist ihr Anbeter! Vielleicht gar Graf Hugo! Was sprach sie nur von Castellungo? Von den Waldensern, die auch damals den Hedemann so interessirten? ...

Rein und glaubig war nichts in ihrem Sinn. Nur wo sie unbedingte Liebe und Hingebung fand, wie bei Treudchen, da legte sie die Waffen nieder ...

Im obern Stock schien alles wie ausgestorben. Der lebendige und rauschende Abend hatte auch die Delring'sche Dienerschaft angezogen und Treudchen mochte zum Thee genugt haben ...

Lucinde hielt ihre Kleider, um sich durch das Rauschen derselben nicht horbar zu machen.

Oben fand sie alle Thuren offen. Sie schlich sich naher. Das Ehepaar schien noch nicht zur Ruhe gegangen. Treudchen war nicht zu finden. Delrings waren ohne Zweifel in dem kleinen Boudoir, wo das Pianino stand und die verhullte Madonna. In das leise geoffnete Wohnzimmer blickte Lucinde. Noch brannte hier eine Astrallampe, die, von einem grossen dunkelrothen Tuberosenkranz von Papier gedampft, ein magisches Licht auf Bucher und Nahwerk fallen liess. In der hier herrschenden Stille lag ein geisterhaftes Etwas, gleichsam als lebte schon das Kind, um das soviel Kampf und nach Lucindens Meinung unnutzer Streit gefuhrt wurde. Aber die Stille wurde gespenstischer und gespenstischer ... Die Lauschende erschrak ... Ihr alles vom Gegentheil auffassender grausamer Sinn sah das erwartete Kind plotzlich statt in der Wiege auf der Bahre ... Sie fuhr zuruck, als wehte sie ein Eishauch des Todes an ...

Um Treudchen zu finden, musste sie hinterwarts, dem Hofe zu.

Alle Zimmer waren hier dunkel ...

Endlich kam sie furchtsam und erschreckt an Treudchen's Kammer, die sie rasch wie Hulfe suchend offnete.

Unfehlbar hatte sie jemand, der drinnen war, horen mussen, so leise sie die Thur auch aufklinkte.

Treudchen aber, die wirklich drinnen war, lehnte sich gerade zum Fenster hinaus, weit, weit hinaus ... sie hatte in den Hof fallen konnen ...

Erschrocken trat Lucinde naher und wollte sie am Sturze hindern ...

Treudchen klammerte sich mit der linken Hand am Fensterrahmen fest und jetzt sprach sie sogar hinaus ...

Nun zog sich Lucinde zuruck in die dunkle Vorkammer ...

Herr Kattendyk! Herr Kattendyk! wisperte Treudchen zu den Fenstern Piter's, in welchen sich ein leiser Lichtschimmer entdecken liess ...

Jetzt kehrte sie vom Fenster zuruck und sprach mit weinerlicher Stimme vor sich hin:

Jesus Marie! Er verschlaft den ganzen Abend! ...

Ein dumpfes Gemurmel von Menschenstimmen liess erkennen, dass unten die Thur zur Verbindungstreppe mit den Zimmern Piter's offen stand, vielleicht der Hitze wegen. In diesen hintern Zimmern wurde gespielt ...

Lucinde kampfte mit sich, ob sie Treudchen belauschen oder mit einem plotzlichen: Guten Abend! erschrecken sollte ...

Treudchen's Angst schien sich zu mehren, als sie an die Verbindungsthur trat, die seit einigen Monaten fur immer geschlossen war. Der Schlussel steckte; soviel Vertrauen hatte ihr Madame Delring geschenkt; aber die Thur zu offnen war ihr streng verboten ...

Nun seufzte sie:

Er ist nicht in der Gesellschaft! Er schlaft! Jesus, Marie, Joseph! Und kein Mensch kummert sich um ihn!

Sie liebt ihn wirklich! sagte sich Lucinde mit einem vornehm herabblickenden Mitleid ...

Kein Mensch kummert sich um ihn! wiederholte Treudchen halb weinend. Und der Abend geht voruber, der sein Stolz sein sollte! Was macht man nur!

Am offenen Fenster rief sie wieder:

Herr Kattendyk!

Druben blieb alles still ... Licht war im Zimmer, das sahe man ...

Lucinde sagte sich: Wenn ich einmal eine recht gute Handlung in der Welt begehe, soll es die sein, dich zur Frau Piter Kattendyk zu machen ...

Das Lachen, Reden, Tellerklappern, Glaserklingen von unten her nahm immermehr zu ...

Treudchen fasste einen Entschluss. Sie trat an die Thur, sah durchs Schlusselloch, erfasste den Schlussel, drehte entschlossen einmal, zweimal um, druckte die Klinke auf und herein stromte eine blendende Lichtfulle, stromte in die matterhellte Kammer so strahlend, so feenhaft festlich, dass Lucinde unwillkurlich wieder in ihre Vorkammer zuruckhuschte ...

Treudchen wagte sich vorwarts. Die Fulle des Lichts fiel auf ihre angstbleichen schonen Zuge. In Anmuth hob sich lichterhellt die liebliche Gestalt von dem dunkeln Vordergrund ab. Auf den Zehen schlich sie an die Thur Piter's, die von innen durch einen Drucker, von aussen durch einen Schlussel zu offnen war, einen Schlussel, der leider nicht steckte ...

Tiefseufzend offnete sie das Corridorfenster, lehnte sich auch da weit hinaus und rausperte laut, um horbar zu werden. Dann rief sie wieder:

Herr Kattendyk!

Fur Lucinden war dieser Beweis der Liebe Treudchen's ein Genuss. Noch viel langer hatte sie jetzt lauschen mogen. Sie hatte die Absicht, nach einer Weile hervorzuspringen und sie zu kussen. Sie war in Treudchen verliebt; diese kritisirte sie doch nicht! Und Treudchen's Lebenslage glich der ihrer eigenen ersten Jugend ...

Nun aber wollte sie ernstlich Larm machen, um Pitern zu wecken.

Eben kehrte Treudchen zum Schlusselloch zuruck und wisperte die angstlichsten und dringendsten Rufe ... Da tonte vorn in den Delring'schen Zimmern eine Klingel; sie wurde zwar nur einmal, aber laut schallend angezogen.

Wie der Blitz schoss Treudchen an Lucinden voruber und verschwand mit einer Schnelligkeit, die es unbegreiflich machte, wie sie zu gleicher Zeit noch die Thur ihres Zimmers anziehen konnte. Ehe Lucinde sich uber die Storung hatte orientiren konnen, war sie im Dunkeln; auch das Licht Treudchen's war vom Zuge ausgegangen.

Lucinde ware gern in diesem Dunkel geblieben ... mit sich allein ... mit dem Chaos in ihrer Brust ...

Der Befehl der Commerzienrathin war jedoch zu entschieden ... Sie offnete und wollte stark an Piter's Thur pochen, hinter der der Lichtschimmer immer matter und matter zu werden anfing. Das offene Fenster storte sie. Sie war in blossem Halse und hochergluht ...

Eben, wie sie das Fenster schloss, horte sie von unten her das leise Betreten der Corridortreppe ...

Da sie nichts zu furchten hatte, druckte sie Treudchen's Thur ganz zu und wollte sich ans Werk machen, in allem Ernst zu entdecken, ob der "junge Herr" anwesend war oder nicht.

Da sprach von der untern Treppe eine mannliche Stimme herauf:

Fraulein, was haben Sie denn nur fur ein Interesse, der Gesellschaft den Abend zu verderben?

Es war die Stimme des Oberprocurators ...

Lucinde wandte sich, tieferbebend ...

Nuck stieg eine Stufe hoher ...

Ihr Herr Schwager verschlaft den Abend, der sein eigenes Werk ist! hauchte sie und suchte nach Unbefangenheit. Sie hoffte, Nuck wurde gehen.

Nuck stieg aber hoher und sprach:

So wird er, wie hier auf Erden jedes grosse Genie, auf seinen Nachruhm angewiesen sein!

Wir erleben aber von ihm die heftigsten Vorwurfe, fuhr Lucinde sich ermuthigend fort ... Es benahm ihr den Athem dies Naherkommen des gefurchteten Mannes ... Auch hat mich Frau Commerzienrathin beauftragt, ihn auf alle Falle zu rufen! setzte sie tonlos hinzu ...

Wenn er nun aber hier nebenan gefesselt sitzt bei dem kleinen Madchen, dessen Schutzengel Sie geworden sind?

Nuck stand mit diesen schmeichlerisch betonten Worten oben und vertrat Lucindens in dieser lichthellen Einsamkeit vollends blendender Erscheinung den Weg, als sie kraftlos wieder bei Piter anklopfen wollte ...

Bitte! Bitte! sagte er sicher und ruhig. Wirklich! Lassen Sie doch den Burschen traumen! Beschamungen sind zuweilen eine gute Cur und ohne ihn geht alles noch einmal so gut. Er wurde das Leben der heiligen Hildegard viel besser gewusst haben, als die kleine uberspannte Frau ... nicht wahr?

Lucinde war wie gefangen durch die immer entschiedenere Annaherung. Sie wusste schon nicht, wie sie entkommen sollte ...

Sie fliehen vor mir! rief er ihr nach, als sie ihm mit rauschendem Kleide voruberhuschte, und suchte sogar ihre Hand zu haschen ...

Selbst eine Rose, wie Sie, muss duldsam sein fur jeden Wurm, der aus ihrer Blute Duft saugen will! sprach er mit einem funkelnden Blicke ...

Ja! sagte Lucinde mit gepresster Stimme und vor Angst scherzend und auf seine graue, unfestliche Kleidung deutend, ein Wurm sind Sie! Ein rechter Actenwurm!

Madchen! rief Nuck wie im plotzlichen Sichselbstvergessen, dann aber sich massigend ... Er war wie um zehn Jahre junger geworden durch dies tete-a-tete. Seine dunkelbraunen Augen leuchteten. Am Gelander der Treppe musste er sich halten, um sein aufgeregtes Zittern zu verbergen ...

Das wusst' ich doch, sagte er und vertrat ihr wieder den Weg, dass Sie das nicht sind, was Sie bisher geschienen ...

Ha! wallte Lucinde auf und stand wie fragend nach der Bedeutung dieses Wortes. Allmahlich gewohnte sie sich an das gehorte Wort und gedachte ihrer aussern Erscheinung, die wol Nuck gemeint haben konnte und die heute eine festliche war ... Ja sie ergluhte, da sie ihren Schatten sah und die Locken, die in ihrem Nacken wogten ...

Erfuhren Sie das von ? sagte sie bei alledem mit erwachendem Muthe und deutete abbrechend auf die Strasse hinuber ...

Von wem? fragte Nuck, staunend und unschuldig wie ein Kind.

Seine Augen schossen zwar einen durchbohrenden Pfeil auf die Fragerin, die ihrerseits im Ton angedeutet hatte, was sie uber die Frau vermuthete, bei der sie hatte Chocolade trinken sollen; doch lag zugleich etwas um Vergebung Bittendes in seinem Tone. Endlich, wie ein Jungling, der zum ersten mal von Liebe spricht, sagte er leise und zitternd:

Lucinde! Ich bete Sie ja an!

Lucinde sah einen Mann vor sich, der aller Welt ein Riese an Willenskraft und Macht erschien. Ihr gegenuber schien er ein Kind, die Demuth selbst zu sein ...

Lucinde lachte laut auf mit jenem hellen Lachen, das ihr niemals schon gestanden ... Seit Monaten hatte sie nur in Treudchen's Gegenwart und fur sich allein so lachen konnen ...

Befehlen Sie uber mich! Strafen Sie mich! Gebieten Sie mir etwas! Ja, ich bin Ihnen Genugthuung schuldig fur mein gewagtes Wort! sagte Nuck und bot der ihn Verhohnenden die Hand ...

Lucinde hatte fast das Bedurfniss, ihr spottendes Lachen wieder gut zu machen. Fast scherzend und schon wie um ihn festzuhalten sagte sie, sich rasch auf die von Veilchen Igelsheimer erhaltene Mahnung besinnend und ihren Vortheil nutzend, vielleicht Klingsohr irgendwie fur immer aus ihrer Lebensbahn zu schaffen:

Ganz recht, Herr Oberprocurator! Sie konnen mir einen Gefallen thun! ... Sie kennen den Monch Sebastus?

Ihren ehemaligen Verlobten, Doctor Klingsohr ...

Lucinde hatte diese Wendung nicht erwartet. Sie brach erblassend ab und wollte gehen ... Es war ihr Fluch, dass ihr uberall die gespenstische Vergangenheit entgegentreten musste ...

Nuck vertrat ihr aber den Weg, streckte die Arme aus und hauchte leise, wie zerflossen von Inbrunst und Leidenschaft:

Madchen! Was fliehst du! Ich kenne ja dein ganzes Leben!

Lucinde blickte ihn finster und von der Seite an, indem sie die Thur zu Treudchen's Zimmer fest in der Hand hielt ... Sie bot ein Bild des Schreckens, der Entrustung und jener Schonheit, die dem Charakter eigen ist ...

Rolle deine gewitternden Augen nicht! Lache nicht uber mich mich, den Narren im grauen Haar ! Pater Sebastus ... Ja, ganz recht! Dem geht es schlecht! ... Was wunschen Sie, Fraulein Schwarz, dass ich fur ihn thue?

So sprang er in einen ganz gewohnlichen Ton der Artigkeit zuruck, hielt diesen Ton aber nicht fest, sondern rief sogleich hinterher:

Angebetete!

Lucinde hatte sich in ihre Lage gefunden und fing an sich zu beherrschen.

Warten Sie nur, sagte sie, nun weiss ich etwas, was eine Dame, die fortwahrend uber Hitze klagt, endlich einmal abkuhlen wird! ...

Sie sagte das so voll Uebermuth, dass Nuck neue Hoffnung schopfte. Mit elegischem Blick hauchte er:

O, das war grausam!

Sein Blick dabei gen Himmel wollte ein ganzes verfehltes Leben malen ...

Lucinden graute vor diesem Blick ... Es war gar kein menschlicher ...

Was kann ich fur den Monch thun? fragte Nuck sich sammelnd ...

Kann man ihm nicht die Freiheit geben?

Die Ruckkehr in sein Kloster?

Lucinde stockte ...

Sie wollte sagen: Gerade das am wenigsten!

Sie sind an ewige Gelubde nicht gewohnt! sprach er. Es wird ihm besser sein bei Pater Ivo und Bruder Hubertus ... Oder ... Ja! Ganz recht, Sie wollen ihn nicht gern in der Gegend von Witoborn. Nicht bei Schloss Westerhof, wohin Sie Ihre ganze Sehnsucht zieht! ... Wallen Sie doch nicht auf, Fraulein ... Gut! Erst erfahren wir, ob er entfliehen will? Will er wieder Protestant werden? Nein? Oder was? Weltpriester? Er hat die Weihen nicht! Halt! Das ginge! Das wurde ihn aus Ihren Bahnen schaffen! ... Ha! Blitzt es schon wieder? Wie schon steht Ihnen dieser Zorn! ... Madchen Gut, nach Belgien schicken wir ihn, wie ich manchen dahin schicke, Alte und Junge! Sie verstehen? Er darf sein Ordenskleid wechseln, falls er Jesuit werden will! Lassen Sie ihn nach Luttich gehen! Dann sind Sie ihn los ... Aber so bleiben Sie doch! Warum zurnen Sie denn? ... Hm! Ich besorge alles! Empfehlungen, Wagen, Pferde ... Nach Luttich! Nicht wahr? Nicht nach dem Dusternbrook, wo Sie ihn zum ersten mal sahen? ... O, o! ... So bleiben Sie doch!

Lucinde folgte allen diesen Reden in der hochsten Aufregung. Bald stand sie auf der Flucht, bald wieder wie gebannt von dem damonischen Manne, der ihr ganzes Leben kannte und so tief in ihrer Seele las ...

Nuck fuhr fort:

Allerdings! Dieser Mann konnte sich grosser bewahren, als durch Betteln! Soll ich ihn nach Rom schicken? Es gibt auch da eiserne Gitter denn das muss er! Bussen muss er bitter fur eine solche Flucht! Das ist die Stufenfolge auf seinem Kalvarienberge des Lebens! Ein lebhafter Briefwechsel hin und her, lange Lauterung, lange Prufung; aber besser, er setzt sich die viereckte Mutze auf und predigt; besser, als bei den Barfussern zu verkummern ... Fragen Sie ihn, ob er zu den Jesuiten will? Ich besorge alles ...

Lucinde sprach sinnend und des Mannes staunend:

Ich werde Ihnen schreiben

Schreiben! In Zeiten, wie die jetzige, schreibt man nicht.

So schick' ich zu Ihnen ...

Schicken! In Zeiten, wie die jetzige, kommt man selbst ...

Lucinde fuhr zuruck; denn Nuck trat mit einer Keckheit auf sie zu, dass sie jetzt fast alles hatte abbrechen mussen ...

Darum beherrschte er sich und flusterte:

Madchen! Madchen, hore mich jetzt! Du hast in der Welt nichts unversucht lassen wollen! Versuche noch eines! Die Liebe solcher Manner, zu denen ich gehore! Wir zahlen einundfunfzig Jahre, aber unsere Leidenschaft zahlt neunzehn! Wir geben nur, wir opfern nur; wir markten nicht mehr, wir lieben nicht mehr um unserer Eitelkeit willen, wie Oskar Binder liebte! Ha! Sei doch klug, Madchen, und erschrick nicht ewig vor dir selbst! Sei, was du bist! Das Bedurfniss der Hingebung ist am Manne nie reiner, nie aufrichtiger, nie selbstloser, als wenn schon alle Hoffnungen und Illusionen hinter ihm liegen! Lucinde! Ich baue dem Gluck, das Sie mir gewahren, ein goldenes Haus! Niemand soll es sehen ... in Luften soll es schweben, wie die Hutte von Loretto! Wollen Sie anderes? Befehlen Sie! Ich breche mit allem, was Sie stort, thue alles, was Sie bedingen! Reisen wir? Nach Paris? Nach Rom? Nach Mekka! Ich bete Sonne und Mond an, wenn du es verlangst, Madchen!

Lucinde hatte die Thur in der Hand, die sie offnete und wollte entfliehen ...

Bleibe! rief Nuck ausser sich ...

Sie wandte sich ... Da fuhr sie entsetzt zuruck ... Wie sie in des wilden Mannes Augen sah, waren diese ohne Stern. Ein einziger weisser Glanz ...

Nuck, den unheimlichen Eindruck, den er machte, ahnend, bestatigte ihn fast, indem er tonlos sprach:

Ich bin unglucklich!

Wieder hatte in dem untern Stockwerk Musik begonnen. Man sah, dass eben in dem Zimmer Piter's das Licht ganz erloschen war ... Die unten gefuhrten Gesprache horten auf ...

Lucinde sprach zitternd und wegen der Stille kaum horbar:

Ich muss zur Gesellschaft!

Nuck gab sie nicht frei ... Ebenso leise flusterte er:

Sie lieben, Lucinde, ich weiss es ...

Die Musik kam vom Spiel auf dem Flugel ... Lucinde dachte, sie musse vergehen ... den Schlag ihres Herzens hatte man horen konnen ...

Sie lieben einen Menschen, der ein Gott ist! fuhr Nuck flusternd fort. Das wird Sie nicht glucklich machen!

Lucinde hielt sich, um nicht zusammenzubrechen ...

Warum verschwenden Sie Ihre Kraft, Ihre Jugend, Ihren Geist an diese Schwarmerei? Sie lieben ein Phantom, Sie lieben Serlo's Geist zucken Sie doch nicht ewig vor meiner Kenntniss Ihres Lebens, die ich mir aus rasender Leidenschaft verschaffte. Es sind ja keine Dolchstiche, die ich gegen Sie fuhre Serlo's Geist, der in einem neuen Korper wohnt? Hat dieser Priester etwas von Serlo? Ich wunschte, Serlo's Geist sprache Ihnen aus dem meinigen oder hab' ich nichts mit ihm gemein? ... Sie schutteln Ihr schones Haupt! ... Diese schonen Locken! ... Lucinde! Was wollen Sie in diesen Verhaltnissen? Schwingen Sie sich auf! Wissen Sie, dass Sie eine grosse Rolle spielen konnten? Dass die Vater der Gesellschaft Jesu thatkraftige Freundinnen brauchen? Wollten Sie denn nicht an unserm Kreuzzuge theilnehmen, wie mir Beda Hunnius geschrieben? Hassen Sie nicht auch diese numerirten Knopfe und bunten Achselklappen? Diese kluge, durchsichtige, polizeiliche Welt? Ein Sturm wird uber die Erde kommen und sie in ihren Grundvesten erschuttern! Verbunden Sie sich uns! Wenn nicht in der Liebe, im Hasse! Ha! Du kannst hassen, Madchen! Mehr als lieben! ... Siehst du, wie dich das traf! Lachen musst du jetzt? ... Hor' es, hor' es! Ich habe immer eine Fackel in der Hand, noch einmal die Welt in Brand zu stecken. Kannst du Gift mischen, Madchen?

Fur Fliegen!

Kannst du stehlen?

Kirschen!

Falsch schworen?

Lernt sich von Euch!

Falsche Handschriften machen?

Lucinde verstand kaum noch sein immer gedampfteres Flustern ...

Wenn ich nun Paula zwange den Grafen Hugo zu heirathen und dein Gott nicht mehr mit ihr straucheln konnte?

Das verstand Lucinde und blieb starr ...

Wenn sich nun die Urkunde fande, die die Erbberechtigung des Grafen Hugo ausschliesst! Wenn adelige Conduite mit sich brachte, dass Paula dem Getauschten in Wien dafur ihre Hand gibt, wodurch sogar eine Conversion zu hoffen ist der Mann folgt dem Weibe ! Und wenn dann Paula nicht in ein Kloster ginge, nicht mit Herrn von Asselyn die mystischen Nachte seraphischer Liebe feierte, wie die Heilige von vorhin mit dem Benedictiner Gottfried? Ja, wenn vielleicht deine e i g e n e Hand, Madchen, im Westerhofer Archiv

Bei diesen von Lucinden deutlich verstandenen, gierig aufgesogenen, sie mit halber Besinnungslosigkeit erfullenden Worten trafen plotzlich zwei Thatsachen zusammen, die sie bestimmten, einen Schrekkensschrei auszustossen ...

In seiner Sinnenglut hatte sich Nuck Lucinden so genahert, dass nicht nur wieder seine Augen vollig weiss und ohne Stern erschienen, sondern auch unter dem weiten weissen Tuche, das seinen Hals bedeckte, ein anderer Anblick sie erschaudern liess. Rings unter der Binde ging ein blutigrother Streifen hin, der sie sofort an Hammaker's That erinnerte ...

Und in demselben entsetzlichen Augenblick, in der offenbaren Aufforderung zu einem Verbrechen, gab es plotzlich unten eine larmende Unterbrechung des Klavierspiels ...

Was ist? horte man wie aus einem Munde rufen. Dann folgte ein larmendes Durcheinanderlaufen, ein Klingeln, ein Schreien im Hofe und zugleich von der Strasse her ein Dahersprengen von Cavalerie ...

Nuck horchte auf und ordnete rasch die Binde an seinem Halse ...

Ein Alarm! wandte er sich. Da der Larm zunahm, bedeutete er Lucinden ruhig zu sein und beugte sich horchend uber die Lehne der Treppe ...

Das Dahinsprengen der Cavalerie wurde lebhafter ...

Lucinde stand kraftlos ...

Ohne ein anderes Wort zu sprechen, als: Also morgen, Freundin! Klingsohr geht nach Belgien! Morgen! Schicken Sie! Schreiben Sie! Thun Sie thun Sie, was Sie wollen und was Sie wunschen! Ich unterziehe mich allem, aber Vergebung, Vergebung Freundin! Und Wiedersehen! ... entfernte sich Nuck uber die Stiege und ging schneller nach unten zuruck, als er gekommen.

So plotzlich ward ihm seine Selbstbeherrschung, dass Lucinde starrte, ihn so verschwinden zu sehen als ware hier oben nicht das Mindeste vorgefallen.

Sie schwankte in Treudchen's Kammer zuruck ...

Diese war ohne Licht ... Halb ohnmachtig sank sie auf Treudchen's Bett ...

Wol eine halbe Stunde mochte sie so gelegen haben, besinnungslos, allem Erlebten nachdenkend, unbekummert um den Larm um sich her, auch um den auf der Strasse, der sich seit dem November so oft wiederholte, als endlich Treudchen erschien, mit einem Licht in der Hand ...

Jetzt erst entdeckte sie Lucinden und war nicht wenig erschrocken sie hier und wie krank zu finden ...

Wissen Sie denn nicht? fragte sie erregt ...

Lucinde antwortete nichts ...

Treudchen erzahlte, dass die ganze Gesellschaft auseinander ware ... Schon ware am Marsthor geschossen worden ... Die beiden Handwerkervereine lagen in blutigem Streit ... Das ganze Militar schon stunde unter Waffen ... Jetzt ware es ruhiger, wenigstens konnten die Wagen wieder durch und holten die geangstigten Herrschaften ab ... Die Meisten hatten sich zu Fuss gefluchtet ... Unten ware niemand mehr ...

In der That war auf der Strasse und unten alles ruhiger ...

Lucinde erhob sich und sagte:

Ich wollte den jungen Herrn abrufen! Seinen ganzen Abend scheint er verschlafen zu haben! Da kommt der Joseph! Weckt ihn jetzt! Er schlaft gewiss! Gute Nacht, Treudchen!

Sie entfernte sich und schwankte dahin wie ein verstorter Geist ... Joseph hatte ihr ein Licht gegeben. Sie ging, halb wie Psyche mit der Lampe vom schlummernden Amor, halb wie Lady Macbeth vom ermordeten Duncan.

Mit dem Joseph kam dann auch noch der Hausknecht ... Unten gingen die Klingeln der Commerzienrathin und Johannens ... Man klopfte an Piter's Thur. Jetzt erfolgte Antwort. Er erschien. Piter hatte geschlafen. Er orientirte sich, brach in Staunen, in Zweifel, noch einmal in Zweifel, dann in Verwunschungen aus, Schwure um Rache am ganzen Menschengeschlecht und zunachst an seiner Familie. An die Moglichkeit dessen, was "ihm passirt war", vermochte er nicht zu glauben ...

Treudchen behielt den meisten Muth und die meiste Fassung. Sie ging Pitern leuchtend voraus, half bei der Zuruckstellung der Speisen, bei dem Loschen der Beleuchtung. Da die Commerzienrathin von einem Fieberanfall gesprochen, unterstutzte sie die Bedienung derselben in ihrem Schlafgemach. Ueber Pitern konnte sie der Mutter Beruhigung geben. Zu den "etwa Erschossenen" gehorte er nicht ... Er hatte nur "seinen eigenen Abend" verschlafen ...

Halbtodt war Piter darum doch und um ihn her sah es aus wie auf einem Leichenfelde ...

Der Ueberblick unserer aus festlichem Schmuck zur Alltaglichkeit zuruckkehrenden Wohnraume hat schon an sich etwas Gespenstisches ...

Piter aber glich einem marodirenden Adler auf einem Schlachtfelde ... Alles war vor dem ersten Ausbruch seiner Wuth geflohen ... Es konnte nicht zweifelhaft sein, dass er seine Eroffnung der Wintersaison, die Honneurs, den Empfang der Frau von Hulleshoven zum Gelachter der ganzen Stadt verschlafen hatte. Da lagen die Noten, da stand der Kasten mit der Bassposaune, da waren Lichter niedergebrannt, da gab es die vorausgesehenen Oelflecken, silberbeschlagene Korke lagen auf den Tischen, die Stuhle waren in Unordnung, der gebohnte Fussboden mit Staub bedeckt und ohne Glanz, die Oefen erkaltet die Fruchte seiner Saat hatte man ohne ihn geerntet.

Er raste und suchte ein Opfer. Messer sah er liegen und ergriff eines ... dann schleuderte er's fort; er nahm's wieder, denn eine Stimme hinter ihm her sprach von einem Aufruhr. Ha! ... der Sprechende rannte von dannen ... Der Hausknecht war es ... er hatte den Schmerz des Kutschers anbringen wollen, der als Garderobier in dem larmenden Aufbruch ohne Trinkgelder geblieben war.

Endlich aber kam eine tiefe Beschamung, ja sogar eine Wehmuth uber Pitern. Ach, er sah aufgedeckt die grosse Verschworung der Menschen gegen seinen Verstand, sein Herz, seinen Fleiss, seine Thatigkeit, seine Autoritat, seine blosse Existenz als Mensch! Er ergriff einen der Klingelzuge, um zu lauten, als sollten die Todten zum Jungsten Gericht auferstehen ... Dann aber besann er sich und es fing ihn an leiser und leiser zu frosteln ... In den Spiegeln sah er ein kreideweisses Antlitz, eine weisse Halsbinde, eine weisse Weste, einen neuen Frack und das war Er. Diese Gewissheit erfullte ihn mit einem Gefuhle, als sprachen tausend Stimmen: Schon manchen Jammer nach einem Trinkgelag hast du erlebt, aber noch nie einen solchen, wie heute, nach so wenigen Glasern Cognak, die so verderblich nur wirken konnten, weil ihnen grosse geistige und physische Anstrengungen vorangegangen! ... Wo waren seine Anekdoten, die er aus dem "Demokritos" auswendig gelernt! Wo seine witzigen Antworten, zu denen er die Fragen zu provociren soviel Schlauheit anwenden wollte! ... Zuletzt uberkam ihn selbst ein Lacheln ... Es war dies jenes Lacheln, wo der Mensch bei aller Eitelkeit doch nicht umhin kann, sich zuweilen komisch vorzukommen. Wir verrathen dies Lacheln nicht oft. Aber es kommt zuweilen. Dies Lacheln ist die Folge der Erkenntniss, dass andere Menschen manchmal nicht Unrecht haben, wenn sie unsere Handlungen einer uns plotzlich selbst keinesweges mehr bestochen vorkommenden Kritik unterwerfen ... In diesem Lacheln liess Piter den Klingelzug fahren und versparte sich das Jungste Gericht bis auf den folgenden Morgen ... Er hoffte auf den ermuthigenden Eindruck, den ihm die Helle des Tages machen wurde.

Nun hatte er viel darum gegeben, wenn er jetzt noch das einzige Wesen, das ihm nicht widersprach und dem Er nicht widersprach, bei sich gehabt hatte ... Er schlich sich still in die hintern Zimmer zuruck, ahnte das morgen ihn uberschuttende Gelachter seiner Freunde, die ihn so ignoriren konnten, ja er sagte sich: De Jonge der, der ware der einzige honnete Mensch gewesen, der mich vermisst hatte! Musste auch gerade de Jonge fehlen! ... Nun ging er uber die knarrende Stiege mit den Empfindungen, die jener Held hatte, der gesprochen: "Was sind Plane, was sind Entwurfe!"

Und auch ihm wurde es wie Melodram, als er seufzend sich unter seine Decke streckte:

"Susser Schlaf! Du losest die Knoten der strengen Gedanken. Eingehullt in gefalligen Wahnsinn versinken wir und horen auf zu sein!"

Ringsum alles still. Auch im Hofe. Die Lichter erloschen ...

Am spatesten erlosch das Licht an den Fenstern, wo Lucinde wohnte.

9.

"Nein, es ist ein S kondol! Nicht mol eine Loterne ist eingeschlogen!"

Diese am folgenden Morgen von Herrn Jean Baptist Maria Schnuphase in der Nuck'schen "Schreibstube" gesprochenen Worte liessen eine zwiefache Deutung zu je nachdem ...

Entweder konnten sie sagen: Alle Truppen waren auf den Beinen, um eine einfache harmlose Schlagerei zwischen dem katholischen und evangelischen Handwerkerverein zu verhindern! Oder: Man hat auf einige, die nicht weichen wollten, doch nur blind gefeuert und keiner wagte auch nur den geringsten Widerstand!

Wie sehr aber statt des ungleichen Kampfes der Faust der G e i s t des "Treppenwitzes" im Vortheil war, ersah Schnuphase aus den wenigen Worten, die Nuck nur mit ihm wechseln konnte. Nuck ersuchte ihn, heute und morgen zu jeder Stunde einen Wagen und zwei tuchtige Pferde, die etwas aushalten konnten, in Bereitschaft zu halten, um eine noch nicht naher bezeichnete Person, am Tage oder bei Nacht und Nebel, aufzunehmen und sie an einen gleichfalls erst naher zu bestimmenden Ort zu uberfuhren ... Diese bedeutungsvollen, Herrn Jean Maria in "Extose" versetzenden Worte er fruhstuckte bei solcher Stimmung schon um zehn Uhr auf dem "Hohnenkomp" waren heute das ganze Zwiegesprach zwischen den Gesinnungsgenossen. Selbst den leisen Einwand, den Herr Maria machte, morgen Abend reise Domherr von Asselyn nach Witoborn und es zieme sich eine "Demonstrotion", bei der er nicht fehlen durfte schnitt Nuck ab. Denn schon ging und kam es wieder um ihn her und rauschte und flusterte und lachte und seufzte ... Wieder waren romische Breven angekommen, die den Verwesern des Kirchenstuhls sagten: Wir haben euch zwar gestattet, die heiligen Handlungen zu vollziehen, haben aber auch gehort, dass ihr eure Administration in einer Weise fuhrt, die fur euern ruhmwurdigen gefangenen Oberhirten im hochsten Grade beleidigend ist! Schon waren die Cabinete der Fursten gespalten. Eine geheime Deputation der Fanatischen wurde vorbereitet an den damaligen Lenker der europaischen Geschicke an der Donau. Ein geheimer Congress hatte auf dem Stift Neuburg bei Heidelberg die Abgeordneten aller Kirchenhaupter des vaterlandischen Sudens zu gemeinschaftlicher Berathung vereinigt. Der Norden bereitete sich zu einer Versammlung in der Nahe Witoborns vor. Die Vater der Gesellschaft Jesu kamen naher und naher, in mancherlei Trachten und Gestalten. Andere wieder begaben sich von hier zu ihnen, Kinder sogar, junge Leute, die Michahelles hatte erziehen lassen fur die Weiterbildung in Luttich ... So war auch Tonneschen Hilgers neulich, der Schifferknabe von der Insel Lindenwerth, zu den Jesuiten expedirt worden ... Nuck hatte so viel zu thun, dass er nur in dringenden Geschaften zu sprechen war, eine Dame, wie er sagen liess, ausgenommen, die Gesellschafterin seiner Schwiegermutter, Fraulein Lucinde.

Eine hohe weibliche Gestalt sah man dann in den ersten Fruhstunden in die Rumpelgasse eintreten. Sie war blau verschleiert, in einem schottisch carrirten Mantel; ein Pelzmuff bedeckte die Hande ... Gegen Morgen hatte das Wetter plotzlich umgeschlagen und war kalt geworden. Einer der kleinen Kanale der Stadt war sogar mit einer dunnen Eisdecke uberzogen. Eine dichte Menschenmenge stand, um ein Wunder zu sehen. Auf dieser Eisdecke hatte sich eine Figur gebildet, die man allenfalls fur ein Kreuz nehmen konnte. Durch diesen Anlass zu neuer Aufregung hindurch, betrat Lucinde das enge Stadtviertel, wo der Frost unter den Tritten der Fussganger schon wieder aufgeweicht war und es wie immer werkeltagig aussah, obgleich die Juden Sabbat hielten ...

Lucinde kannte durch Treudchen alles, was Lob Seligmann uber Veilchen Igelsheimer erzahlt hatte ...

Freilich die Bildungsquelle, die ihr bei diesem Madchen nach des entzuckten Lob Versicherung hatte fliessen durfen, hatte Treudchen nicht benutzt; sie hatte eine hochgebildete Freundin naher, vorzugsweise aber auch Nonnen und einen Geistlichen, die sich mit Vorliebe und langsamer Schulung ihrer Seele annahmen ...

Aber Lucinde hatte darum doch alles erfahren, was Veilchen betraf. Sie wusste die Liebe derselben zu jenem Leo Perl, der Lucinden selbst von der HasenJette als ein weiland Michel Angelo'scher Moses dargestellt worden war; sie kannte den Antheil, den an dem Uebertritt desselben der Dechant und, wie sie aus den gegebenen Andeutungen nicht bezweifeln konnte, sogar der Kronsyndikus hatte; sie kannte ihre jetzige Thatigkeit in dem antiquarischen und carnevalistischen Geschaft ihres Verwandten, eines zweiten Bruders der Hasen-Jette, ihre Kenntniss von alten Munzen; sie wusste, dass sie es war, die jene Ahasverusscherze trieb mit romischen Kaisernasen, die in Gansemagen den Rost der Jahrhunderte ansetzten. Endlich wusste sie, dass Klingsohr durch die Zutraulichkeit Veilchen's gewagt hatte, hier sein Ordenskleid abzulegen ... Der Verrather des Monchs war der von Angst und dem kunstlichen Schein der Unbefangenheit nachtlich umgetriebene Jodocus Hammaker gewesen. Von Serlo's Kindern und ihrer Mutter hatte sie nur einmal einen Brief, die Bitte um Geld erhalten, dann nichts wieder von ihnen vernommen, weder Empfangsanzeige, noch, "wie sich von selbst verstand", Dank ...

Alle diese Eindrucke sammelnd und in sich zurecht legend, von der Erinnerung an den gestrigen Abend umschlungen wie mit gluhend ehernen Armen, aufathmend nach Hulfe uber die schon im Dom bei der Messe vernommene Kunde, dass Bonaventura morgen Abend reise, nach Witoborn reise, wohin die mogliche Ruckkehr auch Klingsohr's ihre Pein vermehrte, voll Entschlossenheit, bis zum morgenden Tag es uber ihr ganzes Leben zu einer letzten Entscheidung kommen zu lassen, bestieg sie einige Stufen, die in eine dunkle Hausflur fuhrten, in welcher zur linken der Eingang in das heute feiernde Geschaft "Nathan Seligmann" lag.

Trotz des Sabbats waren die Vorladen dreier Fenster, die in die dunkle Gasse fuhrten, doch halb und halb geoffnet geblieben. An einigen alten Basen und Majolikaschusseln, an einigen alten Kupferstichen, einigen Dominos und Masken sah man, dass sich hier das Geschaft Nathan Seligmann's befand, der sich auch anderweit als kein zu strenger Rigorist in der Feier des Sabbats zeigte; denn die Thur ging mit lautem Klingeln auf und am Spalt eines der angelehnten Fensterflugel stand ein der Hasen-Jette ziemlich ahnlich gebauter, starker und kraftiger Mann und putzte an einer Blechhaube die Rostflecken ab. Ringsumher lagen die Embleme eines vollstandigen Ritters ...

So dunkel es war, fand sich die entschlossen Eintretende bald in dem grossen Zimmer, an das sich weitere mit Gegenstanden aller Art uberhaufte Alkoven und Gange und Mauerschranke anschlossen, zurecht. Die ganze Herrlichkeit der mit ihrem Carneval gleich hinter Rom und Venedig kommenden Stadt war hier beisammen, soweit die Minderbeguterten sich erst leihweise das entnahmen, was die der Sphare Moppes, Maus, de Jonge angehorenden Matadore sich selbst anfertigen liessen. Den Helm, den Nathan Seligmann eben putzte, hatte Weigenand Maus im letzten Carneval getragen; der Geschaftsgang brachte es mit sich, dass das einmal Gebrauchte um ein Billiges an die Juden ging.

Nathan Seligmann schien tief in Gedanken verloren und die Zeit selbst zum Gegenstande seiner Betrachtungen gemacht zu haben, denn ein Carneval fand in diesem Jahre nicht statt. Traurig hingen um ihn her die Hanswurste, die Schellenkappen schienen seiner verdriesslichen Miene zu klingeln wie Sterbeglocklein, das Lachen der Masken war so todt wie nach Klingsohr das stehen gebliebene Lachen in den Gesichtszugen der alten Voltairianer im Kapitel. Viel unfreundlicher und unwirscher war die Art des in einen des Sabbats wegen feinen blauen Oberrock gekleideten Mannes mit darubergezogenen grauen Schmutzarmeln, als die seines coulanten, weltkundigen und musikliebenden Bruders Lob, der sich zu seiner schon von Geburt weichen Seele eine so asthetische und feinfuhlende Bildung erworben hatte.

Der Sabbatbrecher blickte auf Lucinden, indem er ein klein wenig in seiner Arbeit innehielt. Das eine Auge schloss er blinzelnd, eine Geberde, die er an Geschaftstagen noch vervollstandigte bis zu einem ganzlichen Bedecken seiner beiden Augen mit der Hand, um druber wegfahrend durch eine offen gelassene Spalte zwischen den Fingern hindurch gleich sich zu orientiren, wess Geistes Kind ihn besuche, ob er viel oder wenig fordern, Echtes oder Unechtes vorlegen durfte ...

Die Hoffnung, Lucinde wurde auf Veilchen's Schreiben eingehen, hatte man wol schon aufgegeben. Doch war der Besuch eleganter Damen fur Seligmann nichts Neues. Nur mit Lassigkeit fragte er nach dem Begehren ...

Lucinde verlangte Fraulein Veilchen zu sprechen und noch ehe sie geendet hatte, wand sich im Hintergrunde eines dunkeln Ganges aus einem Gerust von Schweizer- und Tirolertrachten, tressengestickten rothen Miedern und Huten mit Spielhahnfedern und Gemsbarten eine Person hervor, die sie an die alte Garderobiere von damals erinnerte, als sie die drei ersten Acte der Jungfrau von Orleans spielte und nach Serlo's Anweisung so sicher und fest die Worte glaubte sprechen zu konnen: "Mein ist der Helm und mir gehort er zu!" Veilchen war nach Lob's Erklarung schon am Geist. Der Geist musste allerdings ihren Korper verklaren und gab auch den blauen Augen etwas durchsichtig Glanzendes. Sonst war die eine Schulter etwas hoher als die andere und der Wuchs so zuruckgeblieben, dass Lucinde, hier von Theatererinnerungen angeregt, fast an die jetzige Baronin, fruhere Sangerin Henriette Montag in Kiel erinnert wurde.

Ich wusste doch, dass Sie kommen wurden! sprach die kleine Gestalt mit weicher, klangvoller Stimme und verrieth, dass sie sogleich Lucinden erkannt hatte ...

Nathan orientirte sich jetzt ...

Statt aber seine Hoflichkeit nachzuholen, schloss er nun auch noch das andere Auge. Durch eine ganz kleine Spalte blinzelte ein Strahl sehr gemachter Freundlichkeit hindurch. "Die Kinder sind wie die Bruder der Mutter!" sagen die Juden. David Lippschutz hatte nicht die freundliche Bonhommie seines Onkels Lob, eher die Miene wie Onkel Nathan. Seine Witze: "Ein Frederic d'argent" und sein kritisches: "Warum sitzt Moses?" waren mit demselben murrischen und blinzelnden Zusammendrucken der Augen gesprochen worden ...

Um so freundlicher war das kleine Veilchen ...

Als sie sich aus der Region der grunen Alpenwiesen und der Sennerhutten herausgewunden hatte, deutete sie auf eine Thur, die Nathan bereits nicht ohne Beweise einer aus seiner prufenden Miene sich entwickelnden argerlichen Stimmung geoffnet hatte, und liess Lucinden naher treten ...

Ein Gemach empfing sie, das ebenso ein Comptoir sein konnte, wie ein Vorrathsmagazin feinerer Verkaufsgegenstande und sogar ein Boudoir. Hell war es nicht. Eine schwarze hohe Brandmauer stand nicht funf Fuss weit von den beiden Fenstern entfernt, die ohne Gardinen sein mussten, nur um etwas Licht hereinzulassen. Und doch stand da ein Schreibbureau, worauf Handlungsbucher, stand ein Tisch mit ausgebreiteten Kupferstichen und einer langen Verwickelung von Spitzen, die nicht etwa zu Veilchen's Handarbeiten gehorte Handarbeiten existirten nicht fur sie sondern zu ihrer Kunst, Neues in Altes zu verwandeln. In einer Tasse mit Kaffeesatz endete die lange Spitzenverwickelung. Eine andere gebraunte Garnitur hing zum Trocknen an einem der beiden Fenster. Ja, auch die Kupferstiche schienen durch Kaffee gezogen. Ein Bucherschrank war voll alter Bucher ...

Aber Sie sollten das Fraulein oben in unsere Stube fuhren! sagte Nathan mit erzwungener Artigkeit und dem Bewusstsein oben ersichtlichen sabbatlichen Comforts ...

Veilchen raumte schon einen Sessel ab und fiel ein:

Hab' ich eben auch gedacht! Aber fur Sie ist heute kein Sonntag! Wenn Sie es nicht verschmahen

Lucinde sass nicht nur schon, sondern war auch schon in voller Erorterung der Angelegenheit, die sie hergefuhrt hatte. Gemuthliches Auszupfen einer neuen Bekanntschaft fehlte ihr zu jeder Zeit und vollends in der Stimmung, in der sie kam ... Bonaventura reiste Nicht ein Schloss, die Welt in Brand zu stecken dazu hatte ihr Nuck gestern den Muth gegeben ...

Auf einen Wink Veilchen's entfernte sich Nathan und legte die Thur an, ohne sie ganz zu schliessen. Dieser Besuch war fur ihn aufregend, fur Veilchen schien der Eindruck Lucindens erschreckend zu sein ...

Inzwischen hatten sich Lucindens Augen an das Dammerlicht gewohnt. Sie erkannte, dass die kleine Judin zwar regelmassige, fast plastische Gesichtsformen hatte, doch schon uber die Funfzig zahlen musste, so dunkel auch noch ihr Haar glanzte, das nach Lob's Vergleiche der Seide glich. Die zwei langen Locken, die ihr fast uber die Augen weg herabhingen und die Nase in gewaltiger Scharfe hervortreten liessen und ihr das Ansehen eines talmudischen Gelehrten, eines Bocher, gaben, hatten eher etwas Starres, gerade so wie die Haare Lucindens in ihrer ersten Jugend waren, als sie ihren schonsten Schmuck nur noch mit Wasser aus den Bachen von Langen-Nauenheim pflegte ...

Auch ein hochst anmuthiges und fast madchenhaftes Lacheln hatte Veilchen um ihren schongeformten Mund. Wohlwollend nickte sie zu allem, was Lucinde mit Ernst und grosser Kalte sprach. Dabei hielt sie ruhig die Hande in ihrem Schoose und hatte eine Miene der Spannung und Angst, die schon verrieth, dass sie von Lucinden keinesweges Gutiges und Wohlwollendes fur ihren alten Freund voraussetzte. Daruber, dass der Monch eine fruhere Liebe der stolzen jungen Dame gewesen, die da vor ihr sass, konnte bei ihr kein Zweifel sein. Bei der Erorterung uber das aus des Monches Kutte gefallene alte gestickte Portefeuille war die Ursache der Metamorphose, die er sich hatte zu Schulden kommen lassen, nicht verschwiegen geblieben ...

Mit der ihr eigenen kurzen und schneidenden Bestimmtheit fragte Lucinde:

Woher wissen Sie denn, dass ich eine Verpflichtung habe, fur den Pater zu sorgen?

Zu sorgen, mein Fraulein? sagte Veilchen lachelnd und verbindlich. Hab' ich geschrieben: zu sorgen? Ich habe gebeten um einen Beweis menschenfreundlicher Gesinnung! Und die Frau vom vierten Stock im Goldenen Lamm hat mir's ja auch gesagt, Sie konnten ein Engel sein!

Nicht Lacheln weckte dies: "Konnten" in Lucindens Mienen, sondern dusterer senkten sich ihre Augenbrauen und jede ihre Mienen verrieth, dass diese Erinnerung an ihr fruheres Leben ihr peinlich war und das Geschaft, das sie hierher gefuhrt, rasch vorubergehen musste ...

Hat der Pater mich selbst bezeichnet als die, die ihm helfen konnte? fragte sie ...

Dass Gott verhute ...

Ist seine Haft so streng?

Ein Mensch kann die Luft entbehren, wie ich selbst sie entbehre! Wie Sie mich da sehen, Fraulein, hab' ich seitdem, dass ich unsern neuen Tempel kennen lernen wollte, nicht die Rumpelgasse verlassen. Aber der Pater liegt in Ketten und Banden seines Geistes! Krank ist er am Korper wie an der Seele! Er muss zu Menschen, die ihn lieben! Einer war anfangs hier, dem er gern geschrieben hatte, ja erst sogar hatte beichten mogen; dann liess er es, weil er erfuhr

Veilchen stockte und blickte halb zur Seite, halb prufte sie Lucinden, die hocherrothend sie sehr wohl verstand ...

Anfangs? zuckte es in ihr glucklich auf. Denn dass nur Bonaventura gemeint war, sah sie an dem Blick der Judin. Also anfangs nur? grubelte sie. Keine spatere Beziehung? Und erfuhr ? Was erfuhr? Dass ich Bonaventura liebe?

Wer ist dieser Eine? fragte sie kurzweg ...

Der neue Domherr von Asselyn! bestatigte die Judin ...

Lucinde schwieg eine Weile hochergluht ... Dann fuhr sie, wie bestatigend, fort:

Ich sah den Pater mit dem damaligen Pfarrer von St.-Wolfgang ofters zusammen gehen ...

Lucinde wollte mit diesen Worten sagen: Haben sie sich damals beide verstandigt, wie ein grausamer Zufall mich zwischen beide gestellt hat? Oder hat man Klingsohrn von anderer Seite zugetragen, was auch schon Nuck uber mich wusste? Sind die Umstande, die mit deiner schimpflichen Entfernung aus der Dechanei zusammenhangen, schon hierher unter dies armselige Dach gedrungen und von hier aus vielleicht auch Klingsohrn bekannt geworden?

Die Judin vermied, das, wie sie wohl sah, ausserordentlich reizbare junge Madchen zu verletzen, zog sich klug in ihre Bescheidenheit zuruck und sagte ausweichend:

Es gibt Menschen, die sich vermeiden, gerade deshalb, weil sie sich lieben!

Wie? wallte es in Lucinden uber dies dunkle Wort auf; weiss auch sie schon, dass meine Liebe zu Bonaventura eine ungluckliche ist?

Sie sagte:

Der Pater und der Domherr meinen Sie? ...

Oder, fuhr scheinbar nichtachtend Veilchen fort, weil die Wahrheit, die einzugestehen dem einen eine grosse Seligkeit ware, dem andern Schmerzen bereiten konnte ...

Lucindens Auge leuchtete immer forschender auf ... In ihrem Blicke lag: Will sie denn sagen, dass Klingsohr Bonaventura deshalb nicht sehen und durch Mittheilungen kranken will, weil er glaubt, Bonaventura liebe mich? ...

Die Judin fand sich in den Eindruck ihrer doppelsinnigen Reden und fuhr fort:

Es gibt doch Menschen, die taglich mit Warme von der Liebe sprechen konnen, und sie selbst sind kalt ?

Lucinde horchte ungewiss ...

Sie fuhlen wol die Liebe denn die Liebe ist unabweisbar aber sie haben nicht den Muth, sie sie zu geniessen

Zu bekennen! verbesserte Lucinde und suchte endlich aus diesen Andeutungen Klarheit zu gewinnen.

Meinen Sie? sagte Veilchen. Die Liebe ist doch ein Genuss ein Egoismus, ein schoner Egoismus!

Die Liebe ist Selbstentausserung ...

Die Religion lehrt das, aber die Philosophie sagt: Die Liebe ist das Bedurfniss, sich von seiner eigenen Person erlost zu wissen und die Wonne zu geniessen, dass wir darum doch in einer andern Bestand haben! Ein Priester kampft gegen diese unendliche Freude, die in der Liebe liegt, durch seinen Beruf an und noch mehr! Wenn die Liebe die grausamste Eitelkeit genannt werden muss, weil der Mensch verlangt, dass ein anderer gleichsam statt seiner lebt und mit fur sein Leben die Kosten bezahlt die Kosten, die manchmal uber des andern Beutel gehen so kommt es, dass die weichsten Menschen kalt erscheinen, blos weil sie bescheiden sind ! Bescheiden! Fraulein! Sie wollen den andern nicht in Unkosten versetzen ...

Die Judin lachelte, Lucinde nicht ...

Sie erklarte sich nach dieser eigenthumlichen Dialektik Bonaventura's Kalte aus dessen edlerer Natur, die sich bekampfe und sich ein Gluck versage, das ihm doch, wie sehr ihn auch Paula fesselte, in der Huldigung liegen durfte, die er von Lucinden nun schon seit Jahren erfuhr ... Er m u ss dich endlich lieben und war' es aus Mitleid! war ihre Lebenshoffnung ...

Inzwischen hatte es draussen geklingelt. Nathan steckte seine zusammengekniffenen Augen, die wieder Freundlichkeit ausdrucken sollten, durch die Thurspalte ...

Excuse! sagte er mit einer Andeutung seines Weltschliffs und uberreichte Veilchen einige Blatter Papier mit den Worten:

Eben kommt das von Es hat Eile! Der Druckerbursche wartet!

Der Druckerbursche? sagte sich Lucinde und gedachte des Abends bei Beda Hunnius ...

In der That war es auch sogar eine Nummer des Kirchenboten. Diesmal aber nicht die Censur, sondern die Correctur, wie Veilchen sogleich erlauterte, wahrend sie in dem Blatte las und nach einigem Besinnen leise buchstabirte ...

Ist das eine Zeichensprache? fragte Lucinde ...

"Ich bin elend !" buchstabirte Veilchen ...

Wer schreibt das?

"Ich bin elend! Hul fe! Zu Hu bertus! Zu Hubertus!" ... Weiter nichts heute! sagte sie, schlug das feuchte, von dabei gezeichneten Correcturen begleitete Blatt zusammen und gab es dem lauschenden Seligmann, der es verdriesslich entgegennahm ... Veilchen druckte jetzt selbst die Thur zu ...

Zu Hubertus? Lucinde verstand, was sie befurchtete. Aber wenn sie auch sagte: Schreibt das der Monch in Druckfehlern? so lag in dem Scherz ihre Ungeduld ...

Veilchen erklarte, dass Sebastus infolge seiner masslosen Polemik und seines Zusammenhangs mit dem aufruhrerischen Treiben des Tags von der Regierung verhindert wurde, mit Irgendjemand zu correspondiren, ausser durch die Hande des Untersuchungsrichters. Nur eine in den Schranken sich haltende literarische Thatigkeit war ihm verstattet geblieben. Die Manuscripte mussten im Geschriebenen censirt werden. So konnten nur die Correcturen zu Hulfe genommen werden, um den Pater mit der Aussenwelt in Verbindung zu erhalten. Mit Veilchen zu correspondiren, war ihm Bedurfniss geworden nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen. Sie gab an, dass nicht etwa in den Correcturen zur Seite (mit Druckfehlern ist nicht zu spassen! schaltete sie auf Lucindens scheinbaren Scherz ein. Ein Arzt hat einmal einem Patienten, der sich gewohnte, sich aus popularen Heilbuchern selbst Recepte zu verschreiben, gesagt: "Sie sterben noch einmal an einem Druckfehler!"), sondern im Text eine Verstandigung dadurch ermoglicht wurde, dass beide die Buchstaben, die zu ihren Mittheilungen gehorten, mit einem kleinen, fast unsichtbaren Punktchen bezeichneten. Die Zusammenstellung derselben ergab einen Sinn. So jetzt diesen Hulferuf, der Lucinden von ihrem Sessel aufgetrieben hatte und sie fragen liess:

Sollte es denn so schwierig sein, ihn aus dieser Haft zu befreien?

Doch!

Man konnte den Wachter bestechen

Unmoglich!

In irgendeiner Verkleidung sollte er das Professhaus verlassen ... Einen Wagen wurden Sie ja besorgen konnen ...

Ich? Bitte, Fraulein! Sie haben die Verdriesslichkeit des Herrn Seligmann bemerkt?

Ich finde, dass Herr Seligmann nur sehr neugierig ist! sagte Lucinde, sich umblickend ...

Denn eben ging die Thur und wie gleichsam von selbst wieder auf ...

Es ist seine Angst, sagte Veilchen, dass wir uns wieder in Dinge einlassen, die uns die grosste Verantwortung zuziehen konnen!

Und doch wagten Sie das Verleihen eines burgerlichen Kleides an einen Monch?

Wohin kommt man nicht, wenn man von der verkehrten Welt sein Geschaft hat! Oben hangt das ganze Mittelalter, Fraulein! Die Angst, die wir mit der zuruckgebliebenen braunen Kutte gehabt haben, mocht' ich nicht zum zweiten male erleben!

Lucindens Sinnen liess Veilchen Zeit, zu erzahlen:

Als der Pater damals ein burgerliches Kleid von uns geliehen, blieb ich bis spat in die Nacht hinein auf. Der Pater kommt endlich zuruck und verlangt nach seinem Gewande. Er langt darnach, greift in die Taschen und vermisst ein Portefeuille. Denken Sie sich meine Besturzung! Ein Franciscaner ist ein Bettler, seine Brieftasche konnte keine Schatze enthalten, auch war der Verdacht unserer Unehrlichkeit nicht vorhanden der Pater traute mir, lieber Gott, seitdem ich meine Verschwiegenheit mit einem Scherze beschworen hatte, bei dem Gotte Spinoza's! ein Wort, das man freilich zu manchem Monche sagen kann und er versteht's nicht. Also in der Brieftasche lag nichts, als ein einziger Streifen Tuch, den er eine ewige Belastung seiner Seele nannte und den er besitzen musse, wie Magdalena den taglichen Anblick ihres sundigen Antlitzes in einem Spiegel, sagte er, oder in einem Bache oder in dem Wasser, in dem sie sich wusch, oder in den Augen der Menschen, die sie verachtend ansahen. Alles boten wir auf, die Tasche zu finden. Vergebens! Die Zeit drangte. Der Pater musste sich entfernen. Er erklarte am folgenden Morgen wiederkommen zu wollen. Inzwischen muss ich langer schlafen, als gewohnlich, da ich die Nachtruhe versaumt hatte, und am folgenden Morgen ist zufallig der Bruder des Herrn Nathan im Geschaft und muss sogar am Fussboden drinnen die Tasche finden. Die beiden Bruder untersuchen sie und entdecken nichts als einen Streifen Tuch. Herr Nathan hatte die Nacht nicht gewacht, wie ich, wusste nichts von dem Verlust; und wie die Manner in allen Dingen schwacher sind als wir, denkt er, seinem Bruder konnte er schon ein Geheimniss verrathen und erzahlt ihm den Vorfall mit dem Monch und will ihn dann erst schworen lassen, als er's schon verrathen hat. Inzwischen hat der Bruder langst den Gedanken gehabt, dass gerade ein Streifen Tuch einem Mann an seinem Ehrenkleide fehlte, einem gewissen Kufer Stephan Lengenich. Und wie er nun erst gar den Monch nennen hort, braust er auf, er, der sonst so milde, grundgutige Mann, rennt davon wie ein schnaubendes Thier und ruft: Hilf deinem Nachsten, soviel du kannst! Der wuthende Mensch hatte seinen Vortheil und eine Befriedigung fur seinen Hochmuth und eine Befriedigung fur seine Rache. Der Monch hatte ihm eine Beleidigung zugefugt. Eben aber auch darum kommt er schon wieder zuruck, schon wieder in sich gegangen, und bringt den Kufer mit. Aber der kommt gar erst mit Augen wie ein Pardelthier! Die Tasche hatte ihm der Lob noch nicht gegeben, aber er haschte danach, wie ein Fisch nach dem Wurm! Jetzt meine Angst um diese wuthenden Menschen! Der Kufer war einmal angeschuldigt worden, den Vater des Monchs ermordet zu haben; Gott im Himmel! Dieser Streifen Tuch war von dem Kleide des Mannes abgerissen gewesen, der es gethan haben muss. Und wie sie den Namen nannten und ich wieder fragte und noch einmal fragte: Der! Eben der! da da vergingen mir doch die Sinne

Noch jetzt sank Veilchen in ihren Sessel zuruck und zitterte ...

Aber auch Nathan kam hereingesturmt und rief zornig mit polternden Worten:

Sie wollen sich wieder krank machen!

Veilchen schuttelte, seine Sorge ablehnend, den Kopf ...

Noch ein Gluck, dass ich in Ohnmacht fiel, sagte sie; die Manner erschraken daruber und legten ihre Wildheit ab ...

Nathan rumorte im Zimmer ...

Lucinde stand wie vor einem Vorhang, den eine geisterhafte Hand von ihrem eigenen Leben zuruckzog ... Die Brieftasche des Abschieds einst in Luneburg! ... Stephan Lengenich, dem sie selbst einst scherzend die Worte gesprochen im Dusternbrook: "Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen vom neuen Tuche !" ... Auch das wusste sie von Treudchen, dass eben diese Judin durch den Dechanten und den Kronsyndikus um Leo Perl, die Hoffnung ihres Lebens, gekommen war ...

Sie sagte:

Eher hatten Sie sich ja selbst dem Kufer verbunden mussen! Denn auch Sie, hor' ich, gehoren zu den Vielen, die den Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof vor Gott anklagen durfen!

Veilchen blickte auf und ihr leidender Blick winkte Nathan zu gehen ...

Nathan that es, aber mit dem misgunstigsten Seitenblick auf einen Besuch, der soviel traurige Erinnerungen weckte ...

Ich hore, fuhr Lucinde fort, dass Sie die Hoffnung Ihres Lebens, die Liebe des Doctor Leo Perl verloren haben, weil er aus rathselhaften Ursachen Christ wurde!

Christ? Priester! berichtigte Veilchen ...

Lucindens Zucken verrieth die gleiche Empfindung.

Und warum ward er es? Warum gab er Sie auf? fugte sie hinzu ...

Veilchen, bereits gesammelter, steckte sich ihre beiden Locken an zwei Haarnadeln zuruck, die sie eine Weile im Munde behielt. Schon um deswillen musste sie schweigen ...

Drangen Sie denn nie in dieses seltsame Geheimniss?

Veilchen schuttelte den Kopf ...

Auch jede Ahnung fehlt Ihnen? Seltsam! Ich habe in der Nahe des Kronsyndikus gelebt! Ich kenne einen Neffen des Dechanten, den jungen Benno von Asselyn ... Man konnte vielleicht forschen ... War Leo Perl von der Wahrheit des Christenthums uberzeugt?

Veilchen zuckte die Achseln und befestigte ihre Locken ...

Er hat den Domherrn von Asselyn getauft, fuhr Lucinde fort ... Auch eine hier jetzt lebende Frau von Hulleshoven getraut, hor' ich ... Einen strengen, exemplarischen Lebenswandel soll er gefuhrt haben ...

Ich hort' es ... sprach jetzt Veilchen ...

Nie wieder hatten Sie eine Beziehung zu ihm ?

Seine letzten Bucher waren in Kocher am Fall geblieben. Als man sie ihm ins Seminar nachschicken wollte, liess er sie an mich ubergeben ... Da stehen sie! Sie sind das Letzte ...

Fur Lucinden konnte zunachst in dieser Mittheilung nur die Anerkennung der gewaltigen Kraft liegen, die das Christenthum auf die Ueberzeugung eines geistvollen Mannes hatte, der ihr eine Liebe opfern konnte ...

Und diese Beziehung der Freude des Kufers zur Trauer Ihrer eigenen Erinnerungen was brachte sie zu Wege? fragte sie ...

Zunachst die Besinnung meines Verwandten, des Herrn Lob Seligmann. Der Mann hat Gefuhl! Er erinnerte sich meines Lebens und wurde mein Beistand! Die Rache gab er auf!

Welche Rache?

Ich sagt' es nicht? Er war von dem Monche am Tage vorher beleidigt worden. Der Pater ist voll Heftigkeit und vor den Narben in seinem Antlitz kann man erschrecken! Herr Lob Seligmann beschwichtigte den Kufer und ich gewann wieder meine Kraft. In Gute hab' ich mit ihm mancherlei besprochen und er liess mir die Tasche und er versprach zu schweigen ...

Das konnen Sie nur durch eine flammende Beredsamkeit erreicht haben! sagte Lucinde und gedachte der schauervollen Tage auf Schloss Neuhof, der Lisabeth, ihres eigenen Verhors, ihres Schwurs ... Den Kufer kenn' ich und die That auch, um die es sich handelt ... Was sagten Sie ihm, das ihn so entwaffnen konnte?

Wieder kam jetzt Nathan herein und machte sich schaffen, um die aufregende Unterhaltung zu storen ...

Veilchen wurde nun selbst uber ihn verdriesslich ...

Mir scheint, Herr Seligmann, sagte sie, Sie suchen den gestrigen Tag!

Ich suche das nachste Jahr! fuhr Seligmann zornig auf. Wo werden Sie sein, wenn Sie nicht aufhoren, Ihre Nerven zu maltratiren!

Meine Nerven sind mein! sagte Veilchen hinter dem Zornigen her; mit irgendeinem Gegenstand, den er scheinbar gesucht hatte, war er wieder gegangen ... Ja, Fraulein! fuhr sie zu Lucinden gewandt fort: Ich sprach, was ich eben sprechen konnte. Die Leidenschaften kenn' ich und ich schilderte die Rache. Ich sagte, dass alles gut im Menschen ist, was ihm zum Bedurfniss wird seiner Selbsterhaltung, falls seine Selbsterhaltung die andern nicht krankt und die Erkenntniss Gottes befordert. Ich sagte: Grossmuth und Edelsinn sind die einzige Waffe gegen die Leidenschaften! Ich bewies dem Mann, dass es sich um die Ehre eines Geistlichen handelt! Ich schilderte ihm die Leiden eines Priesters und einer ewigen Entsagung! Ich sah, dass der grimmige Mann ein Ohr fur meine Rede hatte, und da gab ich ihm die Hand und sprach: Auch mein Feind war der Mann, der in wilder Blindheit eine grausame That gethan hat, die sich Gott wie seine andern Thaten wird gemerkt haben! Ich sagte ihm, dass ich gehort hatte, der Mann ware ein Greis jetzt, voll Kummer, und verschwendete an die Armen und die Priester, dass sie ihm haben seinen eigenen Sohn zum Wachter setzen mussen! Dann sagt' ich ihm, dass ich dem Pater einen Schwur gethan, der mehr als meine Ehre, der die Ehre Gottes selber ware!

Bei dem Gotte Spinoza's? warf Lucinde unglaubig lachelnd ein. Wer ist dieser Gott? fuhr sie fort, den Kopf aufstutzend ... Den Hut hatte sie gar nicht abgenommen ...

Das kann ich nicht sagen! erwiderte Veilchen. Aber jedenfalls ist es auch Ihr Gott! Es ist der Gott des Mannes, den ich liebte! Es ist der Gott, der in nachtlichen Stunden aus den Sternen zu uns sprach, wenn wir im schonen Garten der Dechanei Arm in Arm spazieren gingen damals bewohnte sie der Herr Dechant von Asselyn noch nicht ! Es ist der Gott, in dem die Seele des Geliebten sich damals mit der meinigen vereinte! ...

Und dennoch verliess Leo Perl diesen Gott? fragte Lucinde ...

Nathan offnete wieder die Thur und wisperte:

Warum mocht' ich doch, dass der Kirchenfurst heute begnadigt wurde und den Schwarzen Adlerorden noch dazu kriegte mit Brillanten?

Nun? fragte Veilchen und machte eine Miene der Spannung auf einen "Witz" trotz ihrer feuchtschimmernden Augen ...

Weil uns dann die "Gecken" hier keine Zeit lassen wurden zum Schwatzen; bitte um Vergebung, mein Fraulein!

Sie sehen, mein Fraulein, sagte Veilchen aus ihren Thranen heraus, als die Thur rasch geschlossen wurde, er ist unglucklich uber den abgesagten Carneval und furchtet, dass er neben seinem Geld auch noch den Kopf verliert, falls wir uns wieder mit der Kirche einlassen ohne Kanonen. Verlangen Sie also von uns nichts mehr! Der Kufer sitzt im Gefangniss und hat sich vor der Regierung compromittirt ... Der Pater kam damals zuruck und bekam seine Tasche und ich hab' ihm erzahlt, was damit vorgefallen. Wenn der Kronsyndikus todt ist, dann will er dem Kufer dienlich sein. Ich weiss nicht, was ihm muss sein Vater aus dem Grabe fur wunderliche Sachen zugerufen haben ... Nun ist das schon vier Monate her ... Der Monch kam noch einige male, wurde aber verrathen und seitdem ist er ganz gefangen und dass ich mit ihm durch die "Stufenbriefe vom Kalvarienberge des Lebens" correspondire, ist jetzt alles, was wir noch wagen konnen. Aber Herr Nuck! Herr Nuck! Der ist allmachtig! Sprechen Sie ja mit Herrn Nuck! Der Pater ist krank, Sie horten es! Er sehnt sich nach seiner Heimat zuruck, manchmal zu einem Monche, den er Vater Ivo nennt, manchmal zu einem andern, Bruder Hubertus ... Nun Sie sahen es ja vorhin ... Was soll ich ihm schreiben, mein Fraulein?

Lucinde stand traumend und blickte finster und voll Mismuth ...

Wie denn schreiben Sie ihm? fragte sie ...

Durch die nachste Correctur! Mit Punktchen ...

Lucinde vergegenwartigte sich die Worte, die Nuck zu ihr gesprochen: Ueberreden Sie ihn, nach Belgien zu gehen! Sie mochte von Klingsohrn nicht langer ihre Bahnen durchkreuzt sehen und um sich zu dem kalten Entschlusse, ihn fur immer aus ihrem Leben zu verweisen, zu ermuthigen, sagte sie sich sogar, dass die geistige Verkommenheit desselben jeden erschuttern durfte, der seinen Geist, seine Kenntnisse, seine Kraft als besser verwendbar zu schatzen wusste ...

Die Judin stand erwartungsvoll und wie bittend ...

Sie waren nicht geneigt, die Zelle des Paters zu besuchen? fragte Lucinde.

Mein Fraulein! lehnte erschreckend Veilchen ab ...

Herr Seligmann nicht ?

Dieser antwortete selbst durch ein heftiges Rumoren nebenan ...

Lucinde wusste, dass es sich hier um eine geistige Aufrichtung Klingsohr's handelte, die kaum anders, als von ihr selbst kommen konnte ... Sie bedachte einen Brief, den sie etwa schreiben konnte ...

Die Augen der kleinen Judin leuchteten hoffnungsvoll ... Eine Pause trat ein ...

Aus vielen Grunden, sagte dann Lucinde, nachdem Veilchen als die einzigen Personen, die man allenfalls zu dem Pater liesse, den Arzt, Medicinalrath Goldfinger, oder einen Geistlichen oder vielleicht den Drukkerburschen genannt und hinzugefugt hatte, dass der Wachter des Hauses auch bei diesem vielleicht nicht in der Zelle zugegen bleiben wurde aus vielen Grunden wunscht' ich, dass der Pater aus seiner Lethargie erwache ...

Das ist herrlich! rief Veilchen ...

Ich wunschte, fuhr Lucinde grubelnd fort, dass er seine Muthlosigkeit aufgabe, dass er sich fur seinen nun einmal gewahlten Beruf erkraftigte ...

Ja! Ja! ...

Ich wurde ihm rathen, mit allem, was ihn hier bedrangt und ihn auch kunftig in Fesseln halten wird, lieber fur immer zu brechen und vielleicht ins Ausland zu fliehen ...

Stellen Sie ihm alles das vor ...

Ich? Wie kann das ich? ...

Sie meinen um die Vergangenheit

Das hinderte nicht ...

Schreiben Sie es ihm ... Ich schicke sogleich in die Druckerei ... Der Bursche ist ein guter Junge und pfiffig ... Haha! Kaplan Michahelles hatte den auch in eine Druckerei gegeben ... Hernach soll er nach Belgien und Jesuit werden ...

Jesuit? Ist Ihnen das ein so gleichgultiges Wort, dass Sie lachen?

Hab' ich die Welt zu verbessern?

Ihre Duldsamkeit scheint grosser, als Ihr Wahrheitseifer!

Was ist Wahrheit?

Mindestens ist die Wahrheit das Gute!

Was ist Gut?

Suchen Sie nicht, was wahr, gut und gerecht ist?

Was ist Recht?

Sie anerkennen nicht Recht oder Unrecht?

Recht geht so weit wie Gewalt!

Wie einmal das Leben ist! Aber

Im Himmel auch! Gott ist nicht weiter allgerecht, als er allmachtig ist!

Lucinde musste lachen uber dies Wortspielen ...

Was ist Ihnen die Tugend? fragte sie, jetzt sogar zutraulicher geworden ...

Ah! Die Tugend ist mir viel! Die Tugend ist die Erkenntniss Gottes!

Sie kehren, seh' ich, alles um, was wir Christen glauben! Haben Sie vielleicht auch keine Freiheit des Willens?

Wenn Sie hungert, mussen Sie essen! ... Richtig, Sie w a h l e n die Speisen! Aber Sie wahlen Speisen, die Ihr Appetit Ihnen vorschreibt!

Jetzt begreif' ich, sagte Lucinde lachend, wie Sie uber sich bringen, falsche Medaillen in die Welt zu setzen und die Spitzen da in Kaffee zu tranken, nur damit man glauben konnte, Maria von Medicis hatte sie schon getragen ... Horen Sie! Ich nenne das Betrug!

Ein hartes Wort! sagte Veilchen erschreckend. Dann aber setzte sie mit einem gewissen elegischen Tone hinzu: Mein Fraulein, was ist die Kunst? Ein falscher Schein! Was ist das ganze Leben? Eine Mummerei! Wer dreissig Jahre in solchen Possen lebt, wie ich hier unter den bunten Rocken, nimmt die Possen der Erde fur ihren Ernst! Ich kehre alles um! sagen Sie? Ganz recht! Sie lieben! So sagen Sie? Ich sage: Sie glauben, dass Sie geliebt werden ...

Keine gluckliche Lebensauffassung! seufzte Lucinde. Ihr Spinoza, glaub' ich, war krank ...

Das war er ...

Er entsagte und entbehrte ...

Zu sehr ...

Er schuf sich eine Philosophie fur die, die nichts mehr wollen und nichts mehr wunschen ...

Er liebte die Freiheit ...

Eroberte sie sich aber nicht ...

Wer die Erkenntniss hat, hat alles ...

Das bestreit' ich! Sehen Sie, da gebe ich einen einzigen reellen Genuss fur alle Schatten der Erkenntniss!

Geschmackssache! ...

Auch Wahrheitssache! Eine einzige Reliquie, die ein Glaubiger kusst, ist, wenn man einmal Religion haben will, mehr werth als Ihr Gott, der wahrscheinlich die ganze Welt sein wird oder die Natur?

Der Monch sagte dasselbe ... Ich lass' es ihm ... wer Religion braucht ...

Fraulein! Fraulein! Ich wunschte die Spitzen da nicht in dem Kaffee zu sehen!

Veilchen zog ihre Haarnadeln aus, liess ihre Locken fallen, stutzte das Haupt auf und sagte traumerisch:

Spinoza sagt einmal: "Einen Mann hort' ich mir neulich zurufen: 'Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen!' Der Mann versprach sich nur. Er wusst' es nicht. Wozu sollt' ich ihn erinnern, dass er sagen wollte: Sie meinen, Ihr H u h n ist in den Hof geflogen! Er irrte sich, aber ich verstand ihn ja." So rufen uns alle Religionen zu: Da ist Ihr Hof in den Huhn geflogen! ... Machen die Religionen gute Menschen, wozu diese Sprachfehler corrigiren? ... Ebenso gibt es ganz vernunftige Menschen, die keine antiken Spitzen, wie die da, die Elle zu einem Viertel-Brabanter-Thaler nehmen! Sie wissen vollkommen, was echte Spitzen, die noch Maria von Medicis getragen hat, fur einen Werth haben! Lassen Sie uns getrost die falsche Grammatik der Erde sprechen. Wenn hier in der Stadt die Herren von der Regierung und die alten Offiziere sagen: Gott straf mir! so wissen wir alle, sie meinen: Gott straf mich! Gott und was und wen wird wol einst die Ewigkeit strafen!

Die Welt w i l l Wunder und Ahasverus macht sie ihr! resumirte Lucinde ...

Sagte der Franciscaner auch!

Ihr racht euch an der Welt, die euch verstiess! Ihr macht sie verkehrt, lacht dazu und lasst sie laufen ...

Sagte der Franciscaner auch! ... Je nun, mein Fraulein, Sie haben vielleicht Recht! Ich gebe mich nicht fur vollkommen aus. Glauben Sie mir, wenn man die Welt nicht lieben kann und nicht hassen mag, da ist es am besten man fuhrt dem Nathan Seligmann sein Geschaft, wie ein armes Madchen, das verlassen und kranklich in der Welt stand und nichts zu erwerben wusste, vor dreissig Jahren es vorgefunden ... Ja, ja, Sie haben vielleicht Recht, der Franciscaner sagte auch, in dem einzigen kleinen grunen Streifen Tuch da lage der ganze Unterschied zwischen seinem Gott und dem Gott Spinoza's!

Lucinde grubelte uber dies Wort und hatte daruber vielleicht noch gestritten. Aber Nathan unterbrach aufs neue die Unterhaltung der beiden im Denken, nicht im Fuhlen verwandten Frauen und bewies somit vollstandig, dass die Philosophie des klugen, aber willensschwachen Madchens seit dreissig Jahren vorzugsweise von seiner Tyrannei bedingt wurde. Seinen Helm und seinen Panzer warf er, als wenn sie von Eisen waren und keine Beulen bekommen konnten. Seine bunten Geckenkleider und Tirolerhute trug er hin und her, nur um damit seinen Wunsch auszudrukken, dass Veilchen zu dem Ziele kame, die ganze Beziehung seines Geschafts zu Staat und Kirche ein fur allemal abzubrechen und die Sorge fur den Monch in Lucindens Hande zu legen ...

Lucinde betrachtete schon lange nachdenklich die bunte Herrlichkeit um sich her und sagte:

Wenn ich wusste, wie ich selbst den Pater sprechen konnte

O, das ware das Beste, Fraulein! O erbarmen Sie sich seiner! Lassen Sie ihn noch einmal Ihre schone Hand kussen! Ja, Sie, Sie konnen ihn erheben, Sie konnen ihm neue Kraft verleihen ...

Fur sein ganzes Leben mocht' ich ihm einen Rath geben

Man wird Sie nicht zulassen! ... O das ist traurig!

Ziehen Sie diesen Rock an! sagte Seligmann, sich wieder vorwitzig einmischend und hielt ihr eine braune Monchskutte entgegen ...

Aber Herr Seligmann! rief Veilchen vorwurfsvoll ...

Der Storenfried entfernte sich ...

Er hat nicht Unrecht ! entgegnete Lucinde ...

Veilchen blickte mit Staunen ...

Hat jener Druckerbursche wol meine Gestalt?

Himmel! triumphirte Veilchen und schlug die Hande zusammen und freudestrahlend begreifend blickten ihre Augen und die Stimme dampfend sprach sie:

Eine ganz neue blaue Blouse hab' ich Eine kostbare schwarze Sammetmutze mit einem Schirm im Abenddunkel Da konnten Sie wahrhaftig !

Der Wachter des Hauses wurde mich begleiten ...

Lucinde wich nur einer allzu hastigen Zustimmung aus ...

Nein! Oder schutzen Sie Eile die Censur vor die Censur! Diesmal soll die Abscheuliche segensreiche Fruchte tragen!

In Lucindens Innern sagten tausend Stimmen: Aber wurdest du entdeckt! Aber kame auch diese neue Demuthigung auf dein grosses Schuldbuch! ... Ebenso viel andere Stimmen sprachen: Ist es nicht ohnehin dein Letztes! Der morgende Tag muss fur dich fur Paula fur Nuck fur alles, alles auf ewig entscheiden! ...

Die Judin flusterte fort und fort, malte die Gefahrlosigkeit des Unternehmens, beschrieb den Eingang des alten Professhauses, die Lage der Zelle des Monches, alles, was sie von dem jungen Burschen wusste, der Jesuit werden sollte, wie Tonneschen Hilgers auf Lindenwerth die Vater der Gesellschaft Jesu sind in ihren Collegien ihre eigenen Handwerker und eine von einem Laienbruder dirigirte eigene Buchdruckerpresse zu besitzen muss fur sie uberall eine grosse Annehmlichkeit sein Sie versprach, Lucinden umzukleiden ... sie zu begleiten bis an die Pforte ... sie draussen wieder zu erwarten ...

Lucinde horte und horte und stand im Kampf der Entscheidung uber ihr ganzes Dasein ...

Die Judin betheuerte ihre Verschwiegenheit, versprach, Herrn Nathan in nichts einzuweihen ... Sabbat war es; sie wurde von Nathan verlangen, dass er den Abend zum Nachtgebet in den Tempel ginge und der "gemuthlichen Borse" beiwohnte, die sich nach demselben in der Vorhalle zu versammeln pflegte ... Wahrend sie so fortflusterte, drangte sich in die verworrene Musik im Innern Lucindens ein einziger melodischer Accord, der zuletzt die Oberhand behielt. Diese sanfte Harmonie, die sie zuletzt sogar wie mit Opferfreudigkeit erfullte, entwickelte sich aus verworrenen Anfangen und sprach nach und nach: Du hoffst noch einmal auf deinen unglucklichen Genius! Lasst er auch dies Werk scheitern, dann dann gibt dir vielleicht dein religioser Ruf die Rechtfertigung, dass du eine That vollbringen wolltest, die einem Streiter der Kirche zu Hulfe kommen sollte oder ! Nein, nein, in hoc signo sie sprach sich's lateinisch in diesem Zeichen wirst du siegen, selbst unterliegend! Gelingt aber die Flucht, auch dann verlangst du von Bonaventura morgen die Beichte, die erste und vielleicht die letzte! Auch das mag er horen, entschuldigen verurtheilen! ... In einem Briefe hatte sie schon in erster Morgenfruhe Bonaventura vor seiner Reise noch um eine Generalbeichte gebeten.

Rasch brach sie ab und versprach, in der Abenddammerung, um die funfte Stunde, wiederzukommen ...

Eine Secunde und sie war gegangen.

Als Veilchen Igelsheimer allein mit Herrn Nathan Seligmann war, uberschuttete sie diesen mit den bittersten Vorwurfen, verweigerte ihm alle Auskunft, schmollte ernstlich und versparte sich bis nach dem Mittagsessen den Antrag auf den Tempelbesuch, den er in den Abendstunden machen sollte ...

Und ihre Spitzen und ihre Medaillen und die alt sein sollenden Kupferstiche sah sie wirklich mit Unmuth an und murmelte vor sich hin:

Spinoza war krank? Er liebte und wurde nicht erhort und ging dann hin und schrieb uber die Liebe, als ware sie eine mathematische Figur ... Beweisen will er das menschliche Herz wie die zwei rechten Winkel bewiesen sind, die sich in jedem Dreieck von selbst verstehen ... Ha, dies muthige, tollkopfige Madchen! Ihr schwarzer Kopf! Ihre feurigen Augen! Ihr trotziger Schritt! Die kann alles, was sie will ! Und sie glaubt an die Freiheit des menschlichen Willens! Die konnte mich ja fast irre machen! War' ich ein Mann, dann gewiss!

Es war ihr, als wenn der Gott Spinoza's dem Menschen die Thatkraft, den schonen Wahn, der allein das Oel zur wahren Flamme des Lebens gibt, die ganze tausendjahrige Poesie geschichtserzeugender Irrthumer nahme ...

Nur eine Weile war's ihr so. Sie kehrte bald in ihr sanftes, lachelndes Dulden zuruck.

10.

Im siebzehnten Jahrhundert war es, wo sich der Jesuitismus zu jener Alleinherrschaft innerhalb der katholischen Kirche erhob, durch die sein Sturz mehr herbeigefuhrt wurde, als durch die Philosophie der Aufklarung. Die ubrige Geistlichkeit, die der weltlichen sowol wie der Ordenssphare, lieferte im stillen die Materialien zu jener Verfolgung, die sich zum Sturz der auch von ihnen gehassten machtigen Staatenlenker und Gewissensrathe verschworen hatte.

In jener Zeit des hochsten und ubermuthigsten Triumphes entstanden die grossen Kirchen und Collegien, die auf den Namen der Jesuiten gehen und nach dem entarteten italienischen Geschmack, der damals herrschte, gebaut worden sind. Es war die Eleganz der gewundenen Bandschleife eines Zopfes, die glatte Dressur des uber den Kamm gestrichenen Haares, die Form der gebogenen Schnalle an den Schuhen, die auf die Windungen, Rundungen, Cannelirungen, Fenstersimse und Portale der Architektur ubertragen wurde. Das Innere der Kirchen wurde mit Marmor und Gold uberkleidet. An den Altaren erhoben sich gewundene Saulen, umgeben von schwebenden Engeln, die die gemuthlichen Wirkungen, die sonst die Malerei hervorgebracht hatte, jetzt auch durch die Plastik versuchten. Alles sollte sinnlich, erfassbar, wie wirklich und leibhaftig in die Augen fallend erscheinen. Blumen wurden in halb erhobener Arbeit bunt an die Decken und Wande geheftet, plastische Heiligenbilder schmuckten sich mit Farben und mit wirklichen Kleidern. Man wollte das Wohlgefallen aller Sinne gewinnen. Sogar die Glocken auf den nicht mehr zu hohen, nicht mehr zum Himmel anstrebenden Thurmen erhielten einen eigenen Rhythmus. Die Jesuitenglocken schlagen in kurzathmiger, schnellaufender Hast eine zwei- oder dreitonige musikalische Figur an, deren endlose Wiederholung, wie eine jener alten Litaneien, die man in Abendmetten vom Chor anstimmt, die Seele zuletzt so verwirren und betauben kann, wie die Begleitung mit Trommel oder Pfeife asiatische Tanzer und Schamanen.

Aber in den ersten Anfangen der Verbreitung des von Loyola gestifteten neuen geistlichen Ritterordens war das Auftreten desselben bescheidener ...

In der Residenz des Kirchenfursten gab es eine stattliche Jesuitenkirche mit marmornen Portalen. Ihr gegenuber lag das Collegium der Vater in jenem Styl, in dem unter Ludwig XIV. gebaut wurde. Beide Sitze der alten, von Ganganelli gesturzten Herrlichkeit gehoren nicht mehr den Jesuiten, auch seitdem das Jahr 1848 ihnen fast allein Erfolge der Freiheit gegeben hat.

Ihr fruheres altestes Professhaus liegt in einem entlegenern Theile der Stadt und hat das Ansehen eines massigen Klosters ...

Ein Hofraum ist von drei Seiten mit einem zweistockigen Gebaude umgeben, von der vierten Seite mit einer hohen Mauer, in der sich das Eingangsthor befindet. Eine kleine dustere Kapelle unter hohen breitastigen Baumen liegt an der Pforte von aussen; von innen, ehe man den grasbewachsenen Hof betritt, muss man erst an der Wohnung des Pfortners voruber. Ein kleiner Thurm mit durchbrochenem Glockenstuhl und einer alten heisern, schon lange geborstenen Glocke bezeichnet die Stelle, wo sich noch jetzt eine damals nur fur die Vater bestimmte Kirche befindet. Das Dach des dreigeschenkelten Hauses ist von Schiefer; die Fenster sind winzig klein; ein neuer weisser Kalkanstrich steht in grellem Contrast zur Verfallenheit des ganzen Gebaudes, das sowol durch die vorliegende vergitterte kleine unzugangliche Kapelle, in welcher der mit Immortellen und gemachten Blumen und bunter Madonna verzierte Altar etwas von dem Gespenstischen eines Wachsfigurencabinets darbietet, wie durch die ringsumher stehenden uralten Baume auf seinem etwas hoch gelegenen einsamen Platze einen unheimlichen und dustern Eindruck gewahrt.

Dies alte Professhaus dient jetzt noch zu allerlei geistlichen Zwecken. Es ist nicht in allen seinen Zellen bewohnt. Hier in dem einen Flugel scheint es eine Art Krankenhaus zu sein; denn ein hustelnder langer, hagerer Greis, den nicht mehr die Tonsur unter dem Sammetkappchen als Geistlichen erkennen lassen wurde, offnet ein Fenster und halt die Hand in die rauhe Abendluft hinaus. Seit Jahren ist er heiser, kann nicht mehr die Messe singen und fand, da er seine Pfarre aufgeben musste, hier im alten Jesuiter-Professhause seine Versorgung. Dort jener gegenuberliegende Flugel deutet auf eine Strafanstalt. Einige Fenster sind vergittert und wiederum ist es ein Geistlicher, der einen Moment eine lange Pfeife durch die Eisengitter steckt und sich den mit Schnee gemischten, in Glatteis ubergehenden Regen nicht verdriessen lasst. Ein Irrsinniger ist es nicht, aber die ganz klaren Gedanken kommen ihm selten. Seine Stelle musste er verlieren, weil er in die Messe zuweilen deutsche Zwischenreden mischte, den Wein beim Namen des Gewachses nannte, bei Austheilung des heiligen Brotes ein: Wohl bekomm's! mit einfallen liess, auf der Kanzel Wirthshausanekdoten erzahlte und in den Beichtstuhl mit der Pfeife im Munde ging. Nicht so schlimm ist er, wie sein Nachbar links, den man ganz absperren musste, weil er kein weibliches Wesen erblicken kann, ohne mit ihm Gesprache anzuknupfen, die selbst einem Laien nicht gestattet sind. Sein Nachbar rechts wieder ist ein so heilloser Flucher, Schworer, Handelsucher und Wirthshausmatador, wie nur ein geborener Bauernsohn sein kann, der, wenn er wieder in ein Amt kommen sollte und auf seiner Pfarre dem Oberforster, dem Amtmann, dem Schulmeister begegnet und nicht den Gruss so geboten bekommt, wie er ihn verlangt, den Leuten den Hut vom Kopf schlagt. Noch jetzt geht er im Zorn aus Rand und Band und kann schon lange nur durch Hunger gezahmt werden ... Strafkloster und Strafanstalten gehoren dieser Kirche ausschliesslich an und sind in solchem Grade eine stillempfundene Demuthigung ihres Priesterstandes, dass man sie gern eingehen liesse. Man bedient sich dazu des Vorwandes, dass unter den Geistlichen neuen Stils keine Vergehen so arger Art mehr vorkamen ...

Der mittlere Bau, an welchem sich im Sommer vom Grase des Hofes empor hier und da einige Weinranken auf der weissgetunchten Wand hinziehen, hat einige freundlichere Zimmer, ein Refectorium und nach der entgegengesetzten Seite zu sogar ein schmales Gartchen, das indessen schon lange von einer alten hohen Mauer, der Brandmauer anderer Gebaude, begrenzt wird. Hier finden oft arme durchreisende Geistliche ihr Unterkommen. Mancher von ihnen wird auch zu irgendeiner Verantwortung berufen; andere kommen in eigenen Geschaften und scheuen die Ausgabe in einem Gasthofe ...

Die Ordnung in einem solchen Hause aufrecht zu erhalten, ist keine geringe Aufgabe. Nicht nur gehoren dazu Fleiss und Umsicht, auch Unbestechlichkeit, Pflichtgefuhl jeder Art und physische Kraft. Fur die Reinlichkeit sorgt eine alte Frau, die durch ihre Kleidung sich als zum Geschlecht der Grazien gehorig ausweist; sonst wurde man sie den Mannern und solchen zugerechnet haben, die ohne Gefahr fur ihre Gesundheit bei Schleusenarbeiten in Morast leben konnen. Dies zarte Wesen ist die Hanne Sterz. Nur ein Auge hat sie, ist lahm, kocht aber leidlich. Die Elasticitat ihres rechten Fusses hat sie von einem unglucklichen Eingeklemmtwerden in einer der Zellenthuren auf der Strafseite des Professhauses, da, wo Entbehrung selbst uber Macbeth-Hexen hergefallen ware. Frau Hanne Sterz zahlt schon siebzig Jahre und verdient den Beistand, der ihr seit einigen Monaten durch einen ihrer Anverwandten wird, einen groben, rothhaarigen Knecht, den man den Joseph nennt. Ueber Hanne Sterz aber und dem Joseph steht der eigentliche Verwalter des Hauses, ein ehemaliger Soldat, den die Regierung installirt, ohne ihn vom Gehorsam auch gegen die geistlichen Behorden zu entbinden, die eine Art Jurisdiction und Disciplinargewalt in diesen Mauern ausuben konnen. Aber Herr Kratzer muss der Regierung von jedem Misbrauch dieser Befugnisse der Curie Anzeige machen und die Rapporte uber die im Professhause befindlichen Einwohner und deren Befinden allwochentlich abliefern. Denn Falle wie die, dass man in die unterirdischen Gefangnisse geistliche Strafgefangene wirft, sollen nach dem Willen der Regierung nicht mehr vorkommen. Kratzer fuhrt die Schlussel zu den unterirdischen Gangen der Stadt. Er hat dafur zu sorgen, dass sie nicht misbraucht werden. Langst ist es der Plan der Regierung, sie zu verschutten. Bis dahin muss Kratzer sie so reinlich halten, als es die Ratten und sich einmundenden Kloaken erlauben. In diesem Amte unterstutzen den "Castellan" die herculischen Schultern irgendeines vom Staat besoldeten Knechtes. Joseph ist einer der vielen, die Kratzer schon in diesem Amte als Beistand hatte. Er selbst scheint einer jener alten ergrimmten und ewig verstimmten Invaliden ohne Weib und Kind. In dem kleinen Hause an der Pforte, die er wie ein Cerberus hutet, wohnt er. Grutzmacher ist andern Glaubens als Kratzer; hatte er den Kameraden im Sommer so am offenen Fenster, im Lehnstuhl sitzend und rauchend und mit unveranderlich murrischer Miene in dem weissbebarteten Antlitz immer auf dieselbe Stelle im Hofe, immer auf dieselbe kleine bunte Winde oder Kresse in dem sechs Fuss breiten Gartchen, das er um sein Hauschen herum angelegt hat, blickend gefunden, er wurde ihn entschuldigt und gesagt haben: Die Menschen verstehen gar nicht diese furchtbare Mudigkeit eines alten ausgedienten Militars!

In zwei der kleinen Zellen des Mittelbaues wohnt seit einiger Zeit Pater Sebastus. Anfangs war er nur hier in Herberge. Seit einigen Monaten ist er ein Gefangener. Taglich erwartet er eine Entscheidung, wann und unter welchen Umstanden er zum Kloster Himmelpfort bei Witoborn zuruckkehren darf. Er ist krank, will keinen Arzt, liest und schreibt nur und grubelt. Seine Petitionen an die Curie und die Regierung enthalten schon lange nur noch die Bitte, rauchen zu durfen. Diese verwies dafur auf jene, jene auf diese, und so bettelte der Monch noch vor Weihnachten den Castellan nur um Cigarren an ... Jetzt entsagt er auch diesen ... Die Censurstriche konnen ihn zuweilen noch lebendig machen und die Druckfehler. Kratzer, der oft den Burschen mit den "Stufenbriefen" begleitet, ahnt nicht, dass sie mehr enthalten, als Betrachtungen uber die Busse, die Sunde, die Erlosung.

Bei alledem ist Sebastus beim Eintritt in sein dreissigstes Lebensjahr der Alte geblieben ... Ja! und: Nein! hatte er drei Tage lang zu Bonaventura gesprochen. Als er aufs neue die Rumpelgasse besuchte, erhielt er Gefangenschaft; dennoch geisselt er sich wirklich, wenn sein Guardian im Kloster Himmelpfort: Miserere! ruft. Er gibt Sokrates, Plato, Aristoteles, Firdusi, Shakspeare, Milton, Spinoza, Goethe, Harry Heine noch immer hin, wenn nur Gregor und Innocenz bleiben; besonders seit der Gefangennehmung des Kirchenfursten, der ihm die Springprocession nach Echternach mitzumachen hatte anbefehlen konnen; er wurde, abgekuhlt vom ersten Schrecken, den Mann doch eine "Natur" genannt haben. Raubte man ihm alles, doch blieb das volltonende Latein des Breviers, der majestatische Klang des "Dies irae" und "O salutaris hostia"!

Ueber Lucinde und Bonaventura weiss er durch Veilchen Igelsheimer schon seit den Tagen, als er noch der Aussenwelt angehoren durfte, dass jene schon seit lange diesen Priester kennt, durch ihn immer entstellt das Gerucht bekehrt wurde, fur ihn nur lebt ... So beichtet er denn auch diesem nicht, einem Priester, der ihn in seiner tiefsten Erniedrigung kennen gelernt hat ... Zur vollen hingegebenen Freundschaft fehlte ihm wahre Demuth; ohne eine gewisse Unterwerfung gibt es keine Freundschaft.

Und dann! Wer freilich mag auch sehen, wie ein Herz, das wir selbst einst besassen, einem andern gehort! ...

Von Tag zu Tag wachst das physische und Seelenleid des Gefangenen, dessen Einsamkeit nur der Besuch der Kirche im Kloster, einigemal die Besuche des Untersuchungsrichters (man vermuthete in Klingsohrn den Verfasser einiger in Augsburg und Wurzburg erschienenen Broschuren), der Arzt unterbrechen ... Weihnacht ist voruber ... Die Hinrichtung Hammaker's kann Sebastus in keine Verbindung mit seinem eigenen Leben bringen ... Es kehren die alten geistesschwachen und geisteszagen Stimmungen wieder ... die Hande zittern ... mager und durr liegt er in der braunen Kutte und barfuss auf einem alten Sopha ... Alte Lieder summt er, dichtet neue, findet die Reime nicht mehr und bedarf dringend den Mechanismus des Klosters, bedarf der Hand des Bruders Hubertus, der ihn z.B. um jede Mitternacht aus seinem Schlafe emporhob und ins Chor der Kirche zum Singen trug dies schwere Amt, das der heilige Franciscus erfunden hat, um im Kloster nichts in der Welt nachst Gott mehr lieben zu lassen, als den Schlaf, nichts mehr ersehnen zu lassen, als den Schlaf, nichts mehr erstreben zu lassen, als den Schlaf.

Eine traurige Winterszeit ... Es regnet, es sturmt ... Nur die dumpfen Schlage der Thurmuhren unterbrechen die bange Oede eines Aufenthalts, den des Monches schroffer Sinn noch einsamer macht durch Ablehnung alles Umgangs mit den ubrigen Bewohnern des Hauses. Wenn die Dunkelheit schon fruh sich niedergesenkt hat auf den truben Tag, wenn zwei machtige Hunde in ihren Hutten sich baumen und gegen die gewaltige rings von einem kleinen Eisenverschlag umgitterte Thorglocke bellen, die draussen von einem Einlassbegehrenden gezogen wird; wenn die grossen Holzpantoffeln der hochaufgeschurzten Hanne Sterz im Hofe klappern oder Joseph beim Schein einer Laterne das Holz spaltet, das in den Oefen der Bewohner dieses traurigen Ortes flackern soll; oder wenn Kratzer selbst eine grosse eisenbeschlagene Thur aufgehoben hat, die in einem Winkel des Hofes platt auf der Erde liegt und in jene Gange fuhrt, zu deren Reinigung ein Kampf mit einem Heer von Ratten gehort, das die Stufen heraufspringt und sich blitzschnell in alle Locher des Hofes vertheilt, wahrend hinter den Eisengittern die gefangenen oder geisteskranken Leviten: Hatz! Hatz! rufen und die Hunde zur Verfolgung reizen, dass die sich heulend an ihren Ketten aufbaumen und den zottigen Hals blutig reissen ... dann uberrieseln Klingsohrn dustere Schauer Erinnerungen an die Tage von Neuhof, Hoffnungen auf Witoborn Wonnen o du Thor eines Wiedersehens mit Lucinden ... Dass er zu den Todten gehort, weiss er und besingt es. Hat er sich auch unter dem Leichenstein der ewigen Gelubde ein scheinbares Leben zu ertraumen verstanden, Lucinde sollte zu diesen Traumen nicht mehr gehoren. Sie kann mit ihrem, "wenn sie will", so verfuhrerischen Lacheln keinen seiner Wunsche mehr bestricken; sie kann mit ihren gaukelnden Phantasieen keine Bilder von Freiheit und Liebesgluck mehr wecken. Das ist voruber schon lange schon vor seinem Begrabniss. Doch es reizte ihn doch stundlich auch sie hat sich in den Schoos einer Kirche gefluchtet, die einen erstorbenen Willen machtig wiederbeleben, klaffende Wunden heilen, schmerzlichste Lucken wenigstens mit "Poesie" erfullen kann ... Das hatte er gern einmal sehen und horen mogen, wie Lucinde zu dem goldenen Kreuz auf ihrer Brust gekommen, das er in der Kathedrale gesehen, wie sie den Rosenkranz beten, was sie sagen wurde von der Welt und wie sie zuruckdachte auf alte Zeit und wie sie sich ausnehmen wurde in der Messe, im Beichtstuhl, selbst mit der Liebe zu einem Priester im Herzen, der sie ja, das sagte er sich von Bonaventura, nie erhoren kann ! Dann winkte ihm Loreley von kahlem Felsgestein, verlockte ihn und andere Knaben, bettete den Bethorten in der kuhlen Tiefe ... Mit fieberschwangern Gluhwinden der Wuste uberhauchte es ihn dann und krank wurde er an jenem orientalischen R a g l , der den in der Sahara verschmachtenden Pilgern Stadte mit blinkenden Minarets und Baume voll goldener Fruchte zaubert, in deren Schatten, in deren ertraumtem Genusse sie sterben.

Wieder auf seinem Sopha liegt Klingsohr mit nackten Fussen ausgestreckt ... Wieder wird es Abend ... Schon brennt eine armliche Blechlampe auf einem mit Papieren bedeckten Tische matt und duster ... Das Bellen der Hunde hort er, den Larm, den zuweilen die wilden Bewohner des Hauses machen; oft huscht es im Gange an seinen beiden Thuren voruber in einer Nebenkammer schlaft er ; traurig zieht ein alter Klosterspruch durch sein tief hulfsbedurftig an Hubertus gerichtetes Sehnen, der Spruch, den ihm dieser einst wie ein memento mori gesprochen: "Wir Monche kommen zusammen und kennen uns nicht! Wir Monche leben zusammen und lieben uns nicht! Wir Monche sterben zusammen und beweinen uns nicht!"

Funf Uhr schlagt's ...

Da und dort blitzt das Licht der jenseit der hohen Mauer angesteckten Laternen auf. Ein kalter Regennebel umhullt die nachsten Umgebungen, die kleine Kapelle vor dem Eingang und die halb verwitterten Baume. Die Hunde beginnen ein Wimmern, das ihnen mit eintretender Dunkelheit eigen ist und vielleicht der Erwartung des Mahles gilt, das ihnen Joseph bereits in irdenen Schusseln bringt. Kratzer studirt an einem Dreierlicht mit der einem alten Militar eigenen Grundlichkeit die frisch angekommene Abendzeitung, die uber den gestrigen "Krawall" neue Einzelheiten, neue Warnungen und Verordnungen der Regierung enthalt ...

Da wird heftig die Glocke gezogen ...

Joseph unten erhebt sich nicht von den Hundehutten, ruft die Hanne ...

Diese will eben in das Haus des Castellans mit einem Trunk Weins aus dem Keller hinken denn zu Krieg und Frieden, zu neuen Avancements und neuen Orden trinkt Kratzer gern seinen Vesper-Schoppen ...

Hanne Sterz offnet ...

Ein junger Mensch in einer blauen Blouse und mit schwarzer Sammetmutze, bedeckt von einem alten Regenschirm, kommt mit einer Druckermappe unterm Arm und begehrt den Pater Sebastus zu sprechen ...

Censurstriche! sagt die fast rauhe Stimme rasch und entschieden ...

Joseph blickt etwas von den Hunden auf, deren Bellen er beruhigen muss ...

Hanne Sterz bringt von Herrn Kratzer ein: Passirt! ... Herr Kratzer will sich die gemuthlichste Stunde des Tages, die Stunde des Schoppens und der Welthandel und der neuen Versetzungen in der noch immer heissgeliebten Armee nicht storen lassen ...

Der junge Mensch wagt sich im Finstern an die Treppe, die er schon kennen muss, schlagt den Regenschirm ein, reisst die Thur der Treppe auf, druckt sie wieder an sich und schopft auf der ersten Stufe Muth und Fassung aus hochklopfender Brust ...

Im ersten Gange rechts die zweite oder dritte Thur, Nr. 16 und 17 gleichviel! ... So hatte es in der Anweisung auf der Rumpelgasse geheissen ... Die Begleitung Veilchen's hatte sie abgelehnt ...

Die Treppe ist erstiegen, die Thur gefunden ... Die Zahl in der Dunkelheit nicht zu lesen ...

Ein Moment der Besinnung ... Angeklopft ... Kein Herein!? ... Was thut's? ... Lucinde tritt ein und entdeckt an der truben Lampe, dass auf dem Sopha jemand zusammengekauert liegt, der sich nicht erhebt, vollig antheillos bleibt, bis er die Mappe von dem Ankommling entgegengereicht erhalt ...

Nun greift danach eine knocherne Hand, einer Kutte sich entwickelnd ...

Lucinde sieht das verfallene Antlitz Klingsohr's, sieht die rothen Narben auf den blassen Wangen, das kurzgelockte rothliche Haar, die fast endlose Stirn, die Tonsur ...

Sie hat ihre Sammetmutze in der einen, den Regenschirm in der andern Hand ... Auf dem von der Luft und der Eile gerotheten Antlitz liegen die dunkeln Flechten ihrer Haare dicht zusammengebunden. Ihr Hals ist von einem rothen Tuch umschlungen. Unter der hellblauen Blouse ist sie mit einem groben, aber neuen Tuchkittel bekleidet; ihre Beinkleider sind trotz der Jahreszeit neuleinene; darunter hat sie sich sorglich vor Erkaltung gesichert. Die Fusse sind mit Halbstiefeln bekleidet. Ihr Wuchs entspricht dem eines sechzehnjahrigen Junglings, ihre Zuge sind in der That mannlich. Ware nicht die Beweglichkeit, die Unruhe und Aufregung der Haltung gewesen, man hatte an den aussern Eindruck glauben durfen.

Die Censurstriche des Assessors von Enckefuss erkannte sonst Klingsohr sogleich an der rothen Dinte. Heute entdeckte er nichts und entzifferte nur eine etwaige Botschaft Veilchen's ...

Sie schrieb ihm in der That:

Ueberbringer ist Fraulein Lucinde Schwarz

Das Blatt entsank seinen Handen ... Er sprang auf und starrte wie vor einem Geiste ... Er ergriff die Lampe und leuchtete Lucinden entgegen und diese erleichterte die Erkennung, indem sie kurzweg sprach:

Klingsohr! Sie sehen, welches Opfer ich Ihnen bringe! Ich habe von Ihrer Gefangenschaft, Ihrem Seelenschmerz, Ihrem Korperleiden gehort, von Ihrer Sehnsucht nach dem Kloster zuruck! Konnen Sie es moglich machen, dass Sie diesen Ort verlassen, so soll von morgen in der Fruhe an unausgesetzt bis Abends ein Wagen dort druben in der Allee halten, um Sie aufzunehmen, Mittags ausgenommen, wo die Pferde zu wechseln haben!

Es waren dies Ergebnisse eines Briefes an Nuck und eines Besuches des Herrn Maria bei ihr ... Sie sprach diese Worte wie eine soldatische Meldung.

Klingsohr stand nur und hielt sich am Tische, horte nur, betrachtete nur den schonen Knaben ... Das, was er allein begriff, war die Anrede nicht mehr mit dem alten "Du" ...

Auf einen Sessel, Lucinden dicht zur Seite, musste er sich niederlassen ... seine Schwache ubermannte ihn ... eine schmerzliche Lebenslage ohnehin, wenn sich Menschen, die in so naher Beziehung standen, wiedersehen, das Band, das sie einst vereinte, gelokkert finden, das Wort, das einst so warm gesprochen, kalt, die Vergangenheit ausgeloscht von einer neuen, inhaltreichern, und berechtigtern Gegenwart! Wenn dann auch Klingsohr die alte Zartlichkeit der Empfindung nur im Zittern seiner Stimme verrathen wollte er war ein Monch ...

Lucinde empfand mehr Abneigung als Ruhrung.

Glucklicherweise hatte sie Eile und konnte damit ihre Grausamkeit verdecken ...

Klingsohr! fuhr sie fort. Man muss mit Ihnen Mitleid haben! Einflussreiche Leute gibt es, die Ihnen wohlwollen, Ihren Geist schatzen! Wie konnten Sie gerade diesen Orden wahlen, der Ihnen eine vollige Entsagung vorschreibt, Ihnen nichts mehr zu sein oder zu werden erlaubt?

Klingsohr uberlegte von dem Gesagten nichts. Er horchte nur der so wohlgeordneten Rede und dachte: Bist du denn das Madchen vom Dusternbrook, von den beiden Apfelblutenzweigen, vom Fest der Damonen in jener Nacht, du, die Mondscheinwandlerin am Alsterufer, die Reiterin am Busen der Baltischen See?

Eine schreckliche Last, die auf Ihnen liegen muss! fuhr sie fort. Ich verstehe Ihren ganzen Lebensuberdruss

Seit unserm Abschied in Luneburg! hauchte er endlich tonlos ...

Auch Lucinde horchte seinem jetzigen Redeton ...

Noch immer, weisst du, hab' ich die Hand der Serlo'-schen Kinder in der meinen! sagte er leise. Vor einigen Monaten sah ich sie hier wie Marionetten springen!

Lucinde wollte den Uebergang in elegische Tone, die Klingsohrn, wie sie horte, noch immer zu Gebote standen, hindern ...

Dennoch begann sie vom Vergangenen, wenn auch im kuhlsten Tone:

Ich habe mich oft gefragt, Klingsohr, was Sie damals wol bewegen konnte, so den Kronsyndikus zu schonen!

Schenkte er mir nicht Lucinden? ...

Klingsohr sprach dies in der zarten Dampfung, die ihm eigen war, wenn er Stellen aus eigenen oder fremden Dichtungen sprach ...

Das ist es nicht allein! sagte sie. Steht Ihnen Ihre Mutter immer noch so rein und unbefleckt, wie damals vor Augen?

Derselbe Engel! ...

Das Gesprach schien nun so in der Erorterung der Vergangenheit fortgehen zu konnen, aber plotzlich trat Lucinde ans Fenster ...

Es hatte geklingelt ... Draussen fuhr schneidend der Wind, rissen die Hunde an der Kette ...

Ich muss eilen! brach sie mit einem angstlichen Blick auf das feuchtbeschlagene Fenster ab ... Also, was sag' ich Ihren Freunden? Wohin wollen Sie fliehen?

Drei Worte nur und dann in den Tod! rief Klingsohr, faltete die Hande und hielt sie empor, wie fur sich betend ...

Lucinde entsetzte sich uber diese Geberde ...

Die Hauspforte hatte einen heimkehrenden Bewohner eingelassen ... Sie liess sich beruhigter auf einen harten Sessel nieder ...

Lucinde! rief Klingsohr voll Feuer ...

Vom Kronsyndikus sprechen Sie! lenkte sie auf Massigung zuruck ...

Warum ich den Kronsyndikus schonte? sprach Klingsohr sich sammelnd. Sieh, Lucinde, hier in meinen "Stufenbriefen vom Kalvarienberge des Lebens" steht: "Gerechtigkeitubt sich nur im Kampfe gegen sein eigenes Ich! Wer zu dem erhabenen Bau der Pyramiden voll Bewunderung emporblicken will, muss der blutigen Geissel nicht achten, die einst die im Sonnenbrand verschmachtenden Volker zwang sie zu bauen! Wie erstirbt in den Gemuthern immermehr jener Geschichtssinn, der das Erbe der Vorvordern nur mit der Absicht antritt, es ebenso den Enkeln zu hinterlassen! Voll Andacht betrittst du die Stelle, wo einst ein grosser Mann athmete; bewunderst den Federzug, den eine Hand fuhrte, die wir mit schauerndem Entsetzen so gleichsam lebendig sehen, die Hand, die Reiche sturzte, Schlachtenplane schrieb! Um wie viel denkwurdiger ist der Griffel Klio's, sind die Runen, in denen Saturn schreibt " ... Doch, lies das selbst, unterbrach er seine Feierlichkeit, sank auf seinen Sessel und hauchte leise: Ich werde nicht allem Worte geben konnen, was damals mein Inneres durchschnitt! Auf der einen Seite die Leiche eines Vaters, auf der andern ein Morder, von Angst und Reue gefoltert! Haargestraubt sass der Freiherr mir gegenuber, bekannte die Uebereilung. Im Wortwechsel am Dusternbrook war ihm die Hand an den Hirschfanger gerathen; der Vater wandte sich zum Suchen eines Steins oder Holzes als Gegenwehr; die Waffe fuhr aus, fuhr in die unbeschutzteste Stelle am Nackenwirbel, dahin, wo jede Verwundung todlich ist. Der Zorn des Feindes war mit dem stromenden Blute verraucht; die Erinnerung der Freundschaft sogar stieg in dem zum Tod entsetzten Freiherrn wieder auf. Die Wildheit seines Wesens was ist sie denn? Ein Uebermass der Selbstwerthschatzung dieser Naturen. Sie kennen ihr menschliches Mass so gut wie andere. Soll ich's sagen? Ich empfand Mitleid mit ihm. Mehr noch! Ich nahm Partei. Ruchlos mag es erscheinen Meine erste wissenschaftliche Arbeit war eine Betrachtung uber die Politik der Bienen. Wir sollen dem Geiste leben, auch dem Geiste in der Natur; aber schon die Natur hat nicht alles gleichgestellt. Ich liebe die alte Regelung der Geschichte, liebe die Stande, liebe die Unterschiede, die die Modephilosophie ausgleichen will. Spinoza, ihr erster Tonangeber, loste, was bunt und farbig im Leben bluht, in aschgraue Einerleiheit auf, die er die Substanz oder Gott nennt. Schon Kant aber lehrte uns, auf unser Ich und das innere Gebot zu lauschen. Wie viel mehr ein Glaube, wie der unsere! Die Personlichkeit, die sich in der Geschichte austragt, ist mein Gesetz! Verblendet von deinem Bilde, bestochen vom Glanz der Versprechungen des Kronsyndikus, befangen durch seltsame Marchen, die von meiner Mutter gehen, dazu der Gedanke: Das ein Enkel Wittekind's? Der Gedanke: Wollte Gott, es ginge gross noch und hochherrlich und in jedem Sinn hochfreiherrlich her im bureaukratisch geknechteten Vaterland! Ich beweinte meinen Vater, beweinte mich; was konnte es helfen, dass ihm der Kronsyndikus Ehre und Freiheit zur Suhne brachte! Des Freiherrn Schuld wuchs mir zur tragischen. Wenn ich auch zagte, wenn ich auch das Herrscherwort des Gewissens horte nenne so diesen durren Kantischen konigsberger Imperativ wenn ich auch im kleinen Schacher und Handel mit dem Schicksal, im Versteckspiel mit der Entlastung der Brust mir den Streifen Tuch, der von des Freiherrn Jagdrock abgerissen, zu bewahren vorbehielt, ich mochte die weltliche Justiz nicht zur Siegerin machen uber Poesie ... Lucinde, das ist aber mein Leiden! Ich will den Gottern ein gigantisches Schicksal abtrotzen und dennoch musst' ich Jerome todten, dennoch musst' ich dich verlieren, dennoch musst' ich

Lucinde unterbrach seine gesteigerte Aufregung. Aufs neue erschreckt sprang sie ans Fenster ... Der Wind jagte durch die Baume und liess den schrillen Ton der Laternen pfeifen, die an ihren eisernen Haltern hin- und herschwankten ... Auf dem Gange rauschte es dahin daher mit schwerem Fusstritt ... Auch Klingsohr horchte auf ... Denn deutlich wurde die Stimme Kratzer's vernehmbar, der dem rumorenden Knechte zurief:

Ist denn der Bursch noch immer oben?

Klingsohr! sprudelte Lucinde in machtigster Erregung auf und ihr Ton nahm vor Angst eine grossere Warme an ... Ein Wort! Ich, ich verstehe gewiss Ihren Uebertritt! Jagte mich denn nicht selbst das Schicksal und hetzte mich so lange, so furchtbar, bis ich

Lucinde! jauchzte Klingsohr auf und hob die beiden halbnackten Arme aus seiner braunen Kutte ihr entgegen ...

Beide Convertiten hatten vielleicht nie so die Kraft ihres neuen Bekenntnisses gefuhlt, so im Vergessen ihrer Gewissensbisse wieder sich riesig erstarkt gefuhlt ...

Aber Lucinde gewann eher die Besinnung und die kalte Erwagung, als Klingsohr ...

Doch warum dieser Orden? fuhr sie fort. Warum dieses Gewand der Busse und Entsagung? Das ist ja deine ungluckliche Natur, dass du jedem Ding, das dein eigen geworden, sogleich die andere Seite abgewinnst! Erkennst du die schonste Lage, in der du dich befindest, zu tief, so qualen dich schon ihre Mangel! Immer gefiel dir die Sache, die du selber triebst, aber sie misfiel dir, wenn du sie auch unter den Handen anderer sahst! ... Ist der Beruf eines Bettelmonchs deiner wurdig? Kannst du so deine That eines Vatermordes denn Hehler wie Stehler! vergessen? So diese That suhnen? ... Lehne den Vorwurf nicht ab! Auch mich beschuldigen oft desselben Verbrechens die gespenstischen Schatten von Vater und Geschwistern. Trotze jedoch unserm Menschenloose! Bleibe gross! Ringe dich hoher und hoher! Flieh nach Belgien! Nach Luttich! Deine Gonner bieten dir die Hand! Kannst du dies Haus verlassen, der Wagen fuhrt dich, wohin du willst! Werde Jesuit ...

Klingsohr hatte sich erhoben, ging mit seinen Sandalen zwar unhorbar auf und nieder aber die schone, muthige, beredsame Sprecherin hatte ihn in Flammen versetzt ... Im Begriff war er, sie an sich zu reissen und mit seinen Kussen zu bedecken ... Zu ihren Fussen mochte er sich werfen, die schlanke Gestalt umschlingen ...

Lucinde ahnte diesen sich mehrenden Sturm seines Innern, deutete, um ihn durch Vorsicht zu beschwichtigen, auf einen anrollenden Wagen und fuhr fort:

Ich finde dich ganz so, wie Serlo dich beurtheilte! Du glaubtest, sagte dieser seltene Mensch, andere zu beherrschen und warst der Sklave nur derer, die dich bewundern! Ohne den Wind, den du selber um dich her machtest, warst du sogleich auf dem Sande! Sturme glaubtest du zu beschworen, die die Welt erschuttern, und du warst doch nur der Mann des Sturms im Glase Wasser! Kleine Huldigungen konnten dir zur Abschlagzahlung fur die grossten Erwartungen dienen, in denen du dich tauschen liessest! Wahre Erfolge warst du so wenig gewohnt, dass man dich mit Kupfer statt mit Gold befriedigen konnte!

Nein! rief Klingsohr wild und ergriff einen Riegel des Fensters, als konnte er diesen vom Holze reissen vor beleidigtem Ehrgefuhl ...

Nimm von mir die Lehre, fuhr Lucinde lachelnd fort, die sich auf die bitterste Erfahrung auch meines Lebens begrundet, dass wir zu Grunde gehen, wenn wir uns kein Ziel mehr stecken! Im Kloster konntest du zwei Ziele haben: Priester zu werden, du bist es nicht, dann ein Heiliger! Beides aber wird deiner Natur mislingen. Tritt aus diesem Cirkel, in dem du lebst, heraus! Geh nach Belgien! Unterwirf dich den Strafen und Bussen, die man anfangs uber dich verhangen wird! Bei der Beurtheilung des Dranges, der dich trieb, deinen Ueberzeugungen mehr zu nutzen, als du im Kloster Himmelpfort vermochtest, wird man etwas deinem Geiste Naturliches in dieser Flucht finden und dir in Rom Verzeihung erwirken!

Fur Klingsohr war schon Melodie, sich so von Lucinden nur das alles gesprochen zu vergegenwartigen. Dann aber auch regte sich sein Ehrgeiz. Langst schon zwang man ihn, sich aufzugeben. Und nun sollte er von ihr, von ihr wieder neu aus den Trummern seines Lebens zu einem "Titanengebilde" zusammengestellt werden, von ihr, deren Hand einst dies Bild zuerst zerschlagen hatte? Gonnte sie denn der Kirche wirklich, forschte sein trunkener Blick, einen Streiter wie ihn? Hatte sie noch so viel Theilnahme, dass sie ihm in seinem Jammer beistand und die Verwerthung seiner Fahigkeiten erleichterte? Klingsohr glaubte in der That nur aus ihrem Munde die Sprache eines Philosophen zu horen, der alles in der Welt an seinem rechten Platze wunschte, keine Fahigkeit unbenutzt, jede Bestimmung der Natur von den Umstanden eingeholt. Bei der fernern Besprechung des von ihr vorgeschlagenen Planes bewunderte er die gereifte Einsicht eines Madchens, dessen Entwickelung er selbst gefordert, zu solcher Hohe des Charakters bildsam sich nimmermehr vorgestellt hatte. Schon war er gefangen von ihren Vorschlagen, uberredet von den Erleichterungen ihrer Ausfuhrung, geblendet von den Mitteln, die ihr in unbegrenzter Anzahl zu Gebote zu stehen schienen ... Er versprach es, sich aufzuraffen ... Morgen in erster Fruhe sollte ihm der Druckerbursche Kleider bringen ... In der Abenddammerung wie jetzt wollte er entschlossen auf das Hofthor zugehen, den Schlussel, der von innen steckte, umwenden, und noch ehe man ihm nachsah, versicherte er, dass der Wagen ihn schon aufgenommen und entfuhrt haben konnte ... Diese Verstandigung war, als wenn ein in Schutt begrabener Brand durch den Hinzutritt von Luft sich aufs neue entzundet. Die Flammen der Jugend schlugen empor, alle Wahngebilde der Selbsttauschung wirbelten in flockigen Feuerzungen ... Ich dich lassen! rief er wie einst. Ich dich nicht wiedersehen, Lucinde! Mein Geschick ist und bleibt, zu sterben am gebrochenen Herzen durch deine Untreue, deine Falschheit, deine Luge Himmelsbote, vergib, dass ist dich lastere! Lucinde! Lucinde! Liebst du wirklich jetzt

Sie entwand sich seiner Frage, seiner Beruhrung ...

Nur den Saum deines Kleides lass mir! Ganymed! Gotterknabe! Bist ja nur mein Bruder! ... Ach Lucinde! Zu wissen, dass dein Herz, deine Liebe einem andern, einem Mann gehort, der die Himmel deines Besitzes nicht ahnt verschmaht wol gar ?

Plotzlich unterbrach Lucinde seine ihr tief schmerzliche und theilnehmende Rede ...

Es war ihr eben gewesen, wie wenn mit einem Eisenstab an die Thorpforte geklopft wurde ... Dann klingelte es heftig ...

Sie sprang auf und sah in den Hof hinunter ...

Jemand leuchtete mit einer Laterne im Hofe Ankommenden entgegen ... Statt eines traten zwei Manner herein. Die Thorpforte blieb offen ...

Wer kommt da? fragte Lucinde, schon erstarrt, den gleichfalls vollig Besinnungslosen ...

Ihre Worte erstickten im Schrecken vor dem Zuruckspringen eines scheuen Pferdes und dem Horen eines metallenen Klanges, der von einer Waffe zu kommen schien ...

Auch eine geschlossene Chaise liess sich aus der sparlich erhellten Dunkelheit als draussen vorgefahren erkennen ...

Wem gilt das? fragte Lucinde ...

Klingsohr wollte das Fenster offnen ... Sich langsam sammelnd sprach er vom andern Flugel des Hauses, in den man vielleicht einen wahnwitzigen Priester brachte oder aus dem man den, der das Haus schon lange beunruhigte, abholte ...

Dem Joseph war unten die Laterne ausgegangen und hellauf gellten die ihm von Kratzern uber seine Ungeschicklichkeit gemachten Vorwurfe. Frau Hanne wurde gerufen und im selben Augenblick, wo gerade einer der Bewohner des Hauses heimkehrend durch die offene Pforte eintreten wollte, sprengte der Reiter ihm in den Weg und fragte nach seiner Befugniss, hier einzutreten ...

Es war ein Gensdarm ...

Was wird?! fragte Lucinde verzweifelnd und die Worte: Wenn ich entdeckt wurde! erstarben schon auf ihren Lippen ... trotzdem, dass sie auf mogliche Entdeckung vorbereitet und auf alles gefasst gekommen war ...

Klingsohr beruhigte sie und horchte ... Die beiden Civilisten hatten mit Kratzer schon den Mittelbau betreten. Schon horte man sie auf der Stiege reden, ohne dass durch die langen Corridore der Inhalt ihrer Worte verstandlich werden konnte ...

Mich hier treffen mich erkennen! Nimmermehr! rief Lucinde. Auf ewig war' ich verloren!

Alle ihre Fassung war hin ... Schon hatte sie die Thur ergriffen und sogar ihren Regenschirm wie zum Schutz in der Hand ...

Man geht druben hinuber! beruhigte Klingsohr, der sich in die Storung nicht finden konnte ... Oder geh', geh'! sprach er ihr nach, da sie schon ging. Man wird dich durchlassen. Hier nimm die Papiere! Muth! Muth! Morgen geh' ich nach Belgien! Wir sehen uns wieder!

Lucinde stand plotzlich, einer Ohnmacht nahe ...

Lucinde! Hast du mich nicht neu belebt? Und du willst zagen? Hore ruhig! Was du mir rathst, ist nichts Kleines. Ich werde ein Verrather an meinem Orden! Ich busse drei neue furchtbare Jahre meines Lebens! Man wird mich in Kerker und Peinen der entsetzlichsten Art werfen! Ich kenne, was ein Fluchtling aus einem Orden in einen andern zu bestehen hat! ...

Lucinde horte nicht mehr ...

Nummer Sechzehn? sprach sie nach aussen das Ohr spitzend einem Worte nach, das sie gehort zu haben schien ...

Mechanisch sprang sie an die Seitenthur, die zu Klingsohr's Schlafcabinet fuhrte ...

Klingsohr konnte sie nicht halten und in der That schon nahten sich die Schritte der Ankommlinge und schienen wirklich nur seine Thur zu suchen ...

Instinctmassig druckte Lucinde die Kammerthur an und tastete im Dunkel nach dem Ausgange, der gleichfalls auf den Corridor fuhrte. In demselben Augenblick, wo sie bei Klingsohr eintreten horte und voll Furcht nach der Thur griff, um nach einem Schlussel zu fuhlen, schloss sie auch schon, da sie einen Schlussel vorfand, leise auf, druckte die Klinke nieder und wollte davonhuschend sich entfernen ...

Beim ersten Schritt aber, den sie hinaus that, sah sie einige Schritte weiter den zuruckgebliebenen Kratzer mit dem zweiten der Angekommenen, in dem sie sofort an seiner Montur einen Commissar der Polizei erkannte ...

Belebte sich auch ihr Muth, jetzt an dem Castellan voruberzugehen und trotzig das Freie zu gewinnen, so entschwand er im selben Momente. Wie der Blitz trat sie zuruck, als sich die Thur bei Klingsohr geoffnet hatte und nun auch Kratzer von einem Manne mit hereingerufen wurde, den sie sofort aus Kocher am Fall und von ihrer Reise dorthin erkannte, dem Assessor von Enckefuss. Nun wurde sie der Commissar sicher nicht haben ungefragt vorubergehen lassen. Auch stand ihr noch jener am Thor wachende Gensdarm mit dem Anspringen seines Rosses vor Augen ...

Bebend hielt sie den Thurdrucker in der Hand und lauschte der geoffnet gebliebenen Nebenthur, wo sich eine lebhafte Erorterung entspann, die jeden Augenblick durch das Eintreten des Assessors auch zu ihr konnte unterbrochen werden. Ihre Lage war so verzweifelt, dass sie sich mit unwillkurlicher Ideenverbindung in ihren schrecklichsten Lebensmoment zuruckversetzt fuhlte, den, wo sie einst bei den Worten: "Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder!" den hohnischen Beifall eines versammelten Publikums vernahm ...

Mit den lauten und absichtlich betonten Worten: Das Gepack eines Bettelmonchs, meine Herren, ist leicht! trat Klingsohr der Thur naher, gleichsam um zu verhuten, dass man die Kammer betrat ...

Man verhaftet ihn! sagte sie sich zitternd ... Er muss den Wagen besteigen ...

Mit dieser schneller gedachten, als sich selbst ausgesprochenen Vermuthung, hatte Lucinde den Muth oder die Furcht, die Thurklinke noch einmal leise niederzudrucken und auf den Corridor mit einem hurtigen Blick hinauszuspahen. Im selben Moment kam Joseph mit der neu angezundeten Laterne. Der Commissar wandte ihm das Antlitz zu, ging ihm sogar einige Schritte entgegen. Nun hielt sie keine Besorgniss zuruck. Mit einem einzigen Sprunge war sie aus dem Zimmer, huschte den Gang hinunter, tiefer in die vom sich annahernden Lichtstrahl nicht getroffene Dunkelheit hinein und hielt sich augenblicklich, ohne das Gerausch, das sie bei alledem hatte machen mussen, fortzusetzen, in der Thurboschung einer der andern Zellen ...

Fest angedruckt harrte sie der Dinge, die kommen wurden.

11.

Im Leben der Seele ist es eine eigene Erfahrung, dass sie in Momenten ihrer hochsten Anstrengung Erleuchtungen wunderbarer Art erlebt.

Wie vorhin Lucinde in schwindelnder Angst das Lachen eines Theaters horte, wie hundert Vorstellungen vom Schicksal Klingsohr's, dem zerstorten Plane seiner Flucht, ihrer eigenen Gefahr, dem nun gewissen neuen Herabsturz von der Hohe, auf der sich ihr Lebensschicksal befand, ja der sofortigen Gewissheit, ein Opfer Nuck's zu werden, ihr Inneres fiebernd durchliefen, sah sie plotzlich nichts weiter vor sich, als den Tag, wo sie im vorigen Jahre den St.-Wolfgangberg hinauffuhr, die Stunde und den Moment, wo der Knecht aus dem Weissen Ross am Fuss der Maximinuskapelle vor ihr herging und lauernd von dem Begrabniss des alten Mevissen in St.-Wolfgang sprach.

Denn als sie aus der Thur auf den Corridor hinausgespaht hatte, fiel gerade der Schein der von dem Knecht hochgehaltenen neu wieder angezundeten Laterne so grell auf seine Zuge, dass sie im Moment des Hinausschlupfens sich sagte: Das ist ja jener Knecht, der den Sarg erbrochen hat! ... Ebenso schnell wusste sie den Namen Bickert und ebenso schnell baute sie auf diese Entdeckung, deren Wahrscheinlichkeit wuchs, einen Plan der Rettung.

Noch schien man, mit der Verhaftung Klingsohr's beschaftigt, ihrer nicht wieder gedacht zu haben. Von Secunde zu Secunde, wo sie es wagen zu durfen glaubte, machte sie einige Schritte weiter zu einer nachsten Thur, an die sie sich andruckte. Glucklicherweise waren diese Zimmer ohne Bewohner. So lebendig es auch inzwischen im ganzen Professhause geworden war, so zahlreich am entgegengesetzten andern Ende des Corridors Neugierige aus den Zellen kamen und einer gewaltsamen Abfuhrung des Paters Sebastus mit Staunen zusahen, in ihrer nachsten Umgebung blieb es still. Schon war sie an einer Stiege angekommen, die einen Stock hoher ins Dach, hinunter ins Erdgeschoss fuhrte ...

Eben zogert sie, ob sie den letztern Weg wahlen soll oder nicht, eben sieht sie Klingsohrn aus seinem Zimmer schreiten, barfuss, barhaupt, ohne andere Habe, als die Kratzer, in ein Bundel zusammengelegt, hinter ihm hertragt; da scheint plotzlich die ganze Aufmerksamkeit von funf Menschen zu gleicher Zeit auf die Erinnerung an sie allein gerichtet zu sein ...

Das Herausschreiten aus der Zelle Nr. 16 war nun schon ein Suchen nach ihr ...

Die Worte: Noch ein Bursche war da? Wo? Wann? Noch eben hier? Niemand ist doch hinausgegangen! schollen durcheinander. Das Offenstehen der zweiten Thur wurde ebenso schnell als Zeichen heimlicher Entfernung erkannt und nun war sie schon mit behendem Fuss die abwarts fuhrende Treppe hinunter ...

Die nachkommenden Schritte, das Suchen der Rufenden horte sie, als drohte ein Welteinsturz ... Herr von Enckefuss gebot mit lauter Stimme, alle Ausgange zu besetzen ... Ihr klang es wie Todesurtheil. Der Commissar fing an, rasch nacheinander alle Klinken der oben liegenden Zellen niederzudrucken ... Wie ein laufendes Gewehrfeuer klang es ... Kratzer's Ehre war im Spiel. Klingsohr hatte versichert, dass der Bursche nicht mehr bei ihm war.

Lucinde lag an die Mauer gelehnt. Ein kalter Schweiss trat auf ihre Stirn ... Die Stiege brachte sie offenbar vollends ins Verderben, denn unten war der Raum abgeschlossen. Die einzige Thur, die in ein Souterrain fuhrte, wich keiner der Anstrengungen, die sie machte, sie zu offnen. Sie musste zuruck, musste ihren Verfolgern in die Hande fallen ...

Schon horte sie Schritte und mit Verzweiflung warf sie sich wieder auf die Vorstellung: Kame jetzt der Knecht! War' es wirklich jener Bickert! Konnte, musste er dich nicht retten? ... Er tragt die Schlussel! Ich hore sie klirren! Oeffneten sie vielleicht diese Thur? ...

So stand sie mit gluhenden Augen, krampfte sich mit der einen Hand an die Lehne der Treppe und blickte von der untersten Stufe empor, um, wenn wirklich der Knecht kommen sollte, ihn mit der andern festzuhalten. War er es, schaffte er nicht Hulfe, so riss sie ihn mit ins Verderben ...

Ja, die groben Fusstritte des Knechts waren es, die immer naher kamen... Er fluchte und tobte laut, lachte, schien seine Dienstbereitwilligkeit im allerglanzendsten Lichte zeigen zu wollen...

Lucinde kampfte vor Spannung und Furcht gegen ein Ohnmachtigwerden...

Geh' nach unten! rief Kratzer... Hanne! Hanne... Ich suche oben! Licht!

Auch die Hanne antwortete mit einer lauten Lache...

Der Commissar versicherte dazwischen, seinen Augen trauen zu durfen... er hatte Niemanden hinausgehen sehen... Glucklicherweise klang diese Stimme noch ziemlich entfernt...

Nahe aber, ganz nahe sprach in dem landesublichen, fast kunstlich betonten und Lucinden nicht gelaufigen Dialekt der Knecht des Professhauses fortwahrend durcheinander. Sie verstand nur: Hier vielleicht! Da! Im Ratzenfange!... Dann tappte Jemand die Treppe niederwarts und ringsum verbreitete sich ein Lichtschimmer...

Lucinde liess, jetzt sich ergebend, den Feind naher kommen, immer naher... sie machte sogar ein leises Gerausch, nur um ihn vollends niederwarts zu locken. Auf diese Art brachte sie ihn dicht an die verschlossene Kellerthur.

Wie er jetzt triumphirend vor ihr stand, jauchzte ihr Herz auf, es war ihr kein Zweifel mehr: Es war der Leichenrauber! Derselbe halb verschmitzte, halb stumpfsinnige Ausdruck des Antlitzes! Dieselben lauernden Mienen, wie damals unter dem Nussbaum, als Bonaventura die Grabrede sprach!

Ha, ha, ha! lachte der Ankommling grell auf...

Aber mit dem Rufe: Bickert! sprang sie dem sich zu einem Triumphgeschrei, das alle herbeilocken sollte, eben Anschickenden entgegen...

Da hielt der Mensch inne... Schon der Anruf seines Namens entsetzte ihn...

Dieb! Leichenrauber! Kennt Ihr mich nicht mehr aus St.-Wolfgang? fuhr sie mit tonloser, aber energischer Stimme fort...

Der Verbrecher taumelte zuruck... Er erkannte auch die Verkleidung...

Geht hinauf! fuhr Lucinde mit unterdruckter Stimme, doch fest und bestimmt fort. Sprecht, hier war' ich nicht! Oder ich rufe laut Euern Namen, Euer Verbrechen! Ich reiss' Euch mit ins Verderben! Fort!

Der Mensch taumelte wie angedonnert zuruck und stammelte helllaut hinaus ein wiederholtes:

Da ist niemand! Da nicht da ist niemand

Nun horte man die Stimme des Assessors, hinter ihm den Ruf des Commissars:

Ist denn also unten ein Ausgang?

Bewusstlos halb vor Freude, halb vor erneuter Furcht sank Lucinde an die Kellerthur und halb auf den Fussboden zuruck. Sie wusste nicht mehr, wo sich halten...

So lag sie einige Secunden...

Dass dann Schlussel rasselten, horte sie... dass eine Thur aufflog, dass sie plotzlich von tiefster Finsterniss umgeben war, dass sie die eine Hand ausstreckte, um sich zu halten und nur die Thur wieder fasste, die ebenso schnell wieder zugedruckt und geschlossen wurde... alles das war ein einziger bewusstloser Augenblick. Erst das Gefuhl, der nachsten Gefahr entronnen zu sein, rief ihr die entschwundenen Lebensgeister zuruck. Sie hatte aufjubeln mogen vor Freude, aber auch sich ausweinen in Thranenstromen vor Jammer der Seele, von den Thorheiten ihres Herzens getrieben, sich in solche Lagen gewagt zu haben ...

Rings um sie her blieb alles dunkel und still ...

Eine dumpfe, feuchte Luft wehte sie aus der Tiefe an ...

Bei einigen Schritten, die sie, sich langsam erhebend und behutsam tastend, versuchte, bemerkte sie, dass sie sich beim Anfang niederwarts gehender steinerner Stufen befand ...

Dass sie vor der nachsten Gefahr, in ihrer Verkleidung erkannt zu werden, jetzt geborgen war, schien ihr bei der Verschmitztheit Bickert's fast gewiss zu sein.

Wie aber, wenn sie nur der einen Gefahr entronnen war, um einer andern entgegenzugehen? ... So in diesem Dunkel und im Beginn jener unterirdischen Gange, von denen sie so oft gehort hatte, kam sie durch eine nahe liegende Gedankenverbindung auf die Vorstellung des Lebendigbegrabenwerdens. Sie sah sich selbst in jenen Leichentuchern, die einst ein Rauber entweihte, den gerade i h r e wuhlerische und unruhige Phantasie verfuhrt hatte, in ihnen Schatze zu suchen. Wie, wenn sie der Verbrecher, der die Entdekkung furchtete, aus Rache, mindestens aus Furcht nicht mehr ins Leben zuruckliess? Wenn sie ohnmachtig und vergeblich an dieser Thur rutteln musste? Wenn sie hier den Tod der Verzweiflung sterben sollte, schon am Ende ihrer die dunkelste Zukunft ihr schon immer zu bergen scheinenden Lebensbahn?

Eine Gefahr des Augenblicks konnte Lucinden ganz beherrschen, wie jedes andere zagende Weib. Hatte sie aber Zeit, sich erst auf eine Gefahr zu rusten, so lag volliges Verzweifeln nicht mehr in ihrer Natur. Auch gleich das Schlimmste festzuhalten war nicht auf die Lange ihre Art, wenn auch sogleich im ersten Schrecken hohnisch alle Damonen sie anlachten, die im Benehmen der Menschen gegen uns und noch mehr in den Situationen, namentlich fur die, die nicht das beste Gewissen haben, liegen konnen. Sie malte sich aus, was draussen geschah. Man wird mich vergebens suchen, die Polizei entfernt sich mit Klingsohrn das Bellen der Hunde horte sie Kratzer wird Befehl erhalten, die Haussuchung fortzusetzen, Bikkert wird meine Entdeckung furchten und vielleicht mein Bundesgenosse werden, vielleicht aber auch ...

Wieder befiel sie Furcht ...

Unter der Blouse war sie glucklicherweise warm gekleidet. Kuhl fuhlte sie sich nur angeweht, so lange sie erhitzt blieb. Ihre Stirn trocknete sich allmahlich, sie gewohnte sich an die Luft, die sogar uber die steinernen Stufen von unten her warmer heraufstromte. Schon entdeckte sie, dass man etwa mit acht Stufen im Beginn eines ausgemauerten Raumes war, der auch noch einen andern Ausgang haben konnte; denn unten umhertastend fuhlte sie wiederum neue Stufen. Es lag hier jene Oeffnung, die in den Hof ging. Ein scharfer Zugwind, der aus einem entgegengesetzten Winkel kam, schien auf andere Oeffnungen zu deuten. Vielleicht begannen dort die Gange, die, wie man sagte, fast unter der ganzen Stadt hinliefen und in jenen Palast mundeten, in welchem einst die hohen Kirchenfursten, als sie noch souveran waren, oft von ihren eigenen Unterthanen belagert wurden. Jetzt waren diese Gange theilweise verschuttet, doch nicht ganz. Ein Zusammenhang sollte noch immer z.B. mit dem "steinernen Hause" des Herrn Maria statthaben, auch hie und da eine Thur sich befinden, die in Kirchen und geistliche Wohnungen fuhrte.

Alles das stand gespenstisch vor der Phantasie der ungeduldig Harrenden ...

Sie stieg die Stufen wieder hinauf, die an die von Bickert verschlossene Thur fuhrten ...

Eine halbe Stunde mochte vergangen sein, als sie endlich Gerausch vernahm ... Es waren die Schritte eines Mannes, der sich vorsichtig naherte ... Die Thur wurde aufgeschlossen ... Auch ohne Licht sah ihr an die Dunkelheit inzwischen gewohntes Auge ihren fraglichen Retter vor sich stehen.

Eine Weile erst wie prufend sie anstarrend bedeutete er sie, jedes Gerausch zu vermeiden ... Im Hause ware alles im Glauben, sie musste sich irgendwo versteckt haben. Wenn sie nicht um Mitternacht, bis wohin er wiederkehren wurde, von einem naher von ihm bezeichneten Fenster an einer Strickleiter hinuntersteigen wollte, wurde sie erst am folgenden Tage entfliehen konnen, wenn vielleicht Kratzer ausginge und Frau Hanne in der Kuche beschaftigt ware. Das Hausthor ware bis dahin heute verriegelt und der Schlussel von Kratzern selbst schon abgezogen worden ... Ein Steigen uber die Mauer war der wachsamen Hunde wegen nicht moglich ...

Nimmermehr! rief Lucinde. Ich muss fort! Fort! Sogleich!

Sie erbebte bei dem Gedanken, wie sie ihr Ausbleiben im Kattendyk'schen Hause entschuldigen sollte ...

Bickert, der plotzlich eine ganz andere, auffallenderweise mit franzosischen Brocken gemischte Sprache redete, als vorhin und als sie auch auf dem St.-Wolfgangberg von ihm gehort zu haben sich erinnerte, Bickert erklarte, dann ware kein anderer Ausweg moglich, als hier durch die unterirdischen Gange ... Die Schlussel hatte er, sagte er ... Wollte sie, so konnte er sie an die nachste Oeffnung fuhren, durch die sie vielleicht ins Freie kame ... Mais nun wandte er sich mit einer drohenden Geberde, ergriff ihren Arm und sah ihr mit aufgerissenen Augen ins bleiche Antlitz ...

Seid ruhig! antwortete sie. Rettet mich und ich schwore Euch Verschwiegenheit! ... Dann wiederholte sie, wie sehr sie Eile hatte ... Schaudernd blickte sie in die Tiefe, die sie wie ein Grab anstarrte ...

Furchten Sie sich nicht! wiederholte Bickert. Aber schworen sollen Sie mir unten am Muttergotteskreuzweg, dass Sie mich nicht denunciren!

Am Muttergotteskreuzweg? wiederholte Lucinde ...

In einer guten halben Stunde sollen Sie so gut nass werden, wie jetzt jeder andere draussen schon wieder regnet es

Lucinde bemerkte erst jetzt, dass sie bei all diesen Momenten des Schreckens ihr vollig unbewusst sowol den alten Regenschirm, der Veilchen gehorte und leicht eine Entdeckung hatte herbeifuhren konnen, wie die Druckermappe krampfhaft in den Handen festgehalten hatte ...

Bickert wollte wissen, wie sie zu dem Pater kame, und lachte hohnisch und zweideutig ... Aber bei alledem gingen sie schon vorwarts ... Er voran ...

Lucinde nahm die Frage nach dem Pater nur insoweit auf, als sie sich erkundigte, was mit ihm geschehen ware ...

Sie haben ihn au collet genommen, sagte Bickert, sie haben ihn in den Wagen gesetzt, monsieur le commissaire nebenan und so um die Stadt herum! Ich denke, sie fahren ihn in sein Kloster zuruck, von wo er hergekommen. Pst! ... unterbrach er sich selbst, blieb stehen und horchte auf, als wenn sie gestort werden konnten ...

Lucinde hielt sich an der feuchten Mauer ...

Ich will Ihnen lieber etwas zu soupiren bringen, sagte er nach einer Weile; und auch einen alten Mantel ... Sie werden Angst kriegen vor vor und bleiben die Nacht lieber hier

Wovor Angst? Nimmermehr! hielt ihn Lucinde zuruck ... Ich furchte nichts!

Bickert untersuchte seine Schlussel und tastete vorwarts ... Mit einem Streichholzchen machte er Licht und zundete eine kleine Laterne an, die er aus der Tasche zog ... Rings sah man, wie in einem Bergschacht, nur feuchte Wande; doch konnte man bequem und aufrecht stehen ...

Inzwischen ging Bickert wieder voran ... Lucinde folgte klopfenden Herzens ...

Plotzlich hielt er inne und sagte mit furchterlicher Drohung: Mais : Wissen Sie, dass Sie mein Verderben ganz allein gewesen sind?

Lucinde wich entsetzt zuruck ...

Sie haben mir's in den Kopf gesetzt ... o mon Dieu! Ich war auf einem so rasonnablen Wege ...

Fast die Zahne knirschend stand er mit geballter Faust vor ihr ...

Lucinde blieb starr und sprachlos ...

Ein Gefuhl der Erlosung sprach sich erst in einem laut ihr entschlupfenden Ah! aus, als Bickert im Gehen fortfuhr:

Und das Beste ist, der Pfaffe aus St.-Wolfgang ist hier, und ich komme neulich in seinen Confessional und sag' ihm alles. Ich selbst! Sapristi!

Lucinde horte nur, ohne zu verstehen ...

Aber ich erhielt mon fait! Ich hatte in Frankreich zwanzig Jahre Galeere! Warum blieb' ich nicht rasonnabel!

Lucinde blieb hinter dem entsetzlichen Menschen zuruck. Sie uberlegte, ob sie folgen konnte ...

Courage! Courage! rief er. En avant! Das erste mal hatt' ich auch noch keine Courage! Die Ratz meinen's besser als sie aussehen! Stossen Sie sich nicht! Warten Sie! Das Licht brennt mechant!

Lucinde war ohne Athem. In kurzen fiebernden Schlagen klopfte ihr Herz. Sie sah, wie Bickert die Glaser seiner Diebslaterne heller putzte ... Und der Mauerspalt wurde immer enger und enger ...

Ihrem Pater, au prisonnier, hab' ich auch einmal hier den Weg gezeigt Wenn der jetzt wusste, dass Sie Figurez vous! Ich beichte dem Pfarrer und habe versprochen, ihm alles, was ich damals auf dem Kirchhof aus dem halben Geripp herauswickelte zu schicken! Qu'avez vous?

Ein Schrei des Schauders entfuhr aus doppeltem Anlass Lucinden ...

Bickert blieb stehen ...

War's eine? lachte er ...

Er meinte eine Ratte ... Schon horte man ein Huschen und hastiges Dahinspringen ...

Worauf tritt man denn hier ewig? fragte Lucinde, wieder uber eine andere Erfahrung erbebend ...

Der Fuhrer beleuchtete den Boden ...

Das war gut! sagte er. Da liegen sie! Tous creves! ... Nehmen Sie nur nichts mit von dem Biscuit, das hier auf dem Boden liegt! Die dicken Kerle, messieurs les rats, haben gedacht: Das legen wir noch zuruck fur ein andermal! Die Ratz sind hier immer satt ... weil es todte Katzen und Hunde genug hier gibt ...

Lucinden war es, als athmete sie Gift und Pesthauch aus der Luft ... Jetzt blieben ihre Vorstellungen haften bei dem Gedanken an die "Frau Hauptmannin", an Hammaker, an das Schaffot, an Nuck's grauenvolle Rede ...

Die Wanderung durch einen kaum drei Fuss breiten und sechs Fuss hohen Gang glich in jeder Beziehung dem Besuche eines Bergwerks. Die Wande oben und zur Seite waren gemauert, aber so feucht, dass sie von Schimmel und Schnecken bewachsen waren. Der Boden unten war festgetretene Erde, aber schlupfrig zum Ausgleiten. An Stellen, wo die Decke eingesturzt war, musste man uber die Trummer hinweg und den Kopf bucken. Die Luft war schwul und giftig, sodass die Wanderer sich wol Muth durften einflossen lassen durch die zuweilen von Mauersteinen hervorgebrachte Form des Kreuzes, vor dem auch Bickert regelmassig sich verbeugte ...

Wenn wir nur erst an die grossen Keller kommen, rief er, so haben wir bessere Luft!

Dabei larmte und polterte er fort und fort und huschte vor sich hin. Diese Vorsicht galt den Ratten, die auf die Art vor ihnen hergejagt wurden ...

Die Ueberzeugung, der Verbrecher vertraute ihrer Verschwiegenheit und hatte nichts Uebles im Sinn, gab Lucinden Muth und schon nahm sie ihr Erlebniss von seiner abenteuerlichen Seite. Ihr jedesmaliger Aufschrei, wenn sie auf ein Opfer des kurzlich gestreuten Giftes trat, wurde beiden schon zur Unterhaltung ...

Der Gang erweiterte sich und zeigte an einigen Stellen runde, stark vergitterte Oeffnungen. Eine derselben war so gross, dass man in einen Keller sehen konnte, in den Bickert hineinleuchtete ...

Da, sagte er, da mocht' ich manchmal die Eisenstangen ein wenig poliren er meinte feilen Sehen Sie die grossen Fasser! Die gehoren Monsieur Moppes. Ich glaube, sie werden aufgespart fur die Gerechten beim Jungsten Gericht!

Lucinde kannte Herrn Moppes junior, seinen Humor und seine vortreffliche Stimme. Noch gestern hatte im Kattendyk'schen Hause sein Genius geleuchtet ... Welch ein Unterschied der Situation! Gestern sie mit ihm im Salon und heute sein Name ihr hier gesprochen unter der Erde! ... Auch des Stephan Lengenich gedachte sie ... Sie folgte mit beklommenem Athem ...

Jetzt kamen die Stellen, die schon lange Veranlassung gegeben hatten, diese Gange theilweise zu verschutten. Sie kreuzten sich auf eine gefahrliche Weise mit den Kanalen der Stadt. Schon war vorgekommen, dass diese oberhalb sich hinwegziehenden Rinnen durchgebrochen waren und die tiefer liegenden Gange uberfluteten. An diesen Stellen befanden sich Stutzgeruste und doch rieselte es von oben herab, ja Bickert sagte, dass man bei grossen Regenwettern bis ans Knie im Wasser stunde, von dem man dann weder wisse, wo es herkame, noch wie es abflosse ...

Der Weg durch die Stutzbalken konnte den Beherztesten erbeben machen. Man musste sich hindurchzwangen mit Gefahr, eine der Palissaden einzureissen. Dabei waren die Moppes'schen Keller noch nicht zu Ende ...

Eine Ermuthigung lag in dem Anblick einer kleinen uralten Gottesmutter, die in der That an einer Stelle, wo der Gang sich in zwei Theile spaltete, in einer Mauernische stand. Bickert beleuchtete sie mit der Laterne. Er schien nicht die Empfindung Stephan Lengenich's zu haben, dass dies alte Steinbild Lucinden glich ... Und doch hatte in einem Punkt der alte Geisterseher Recht ... In dieser schauerlichen Einsamkeit war der Anblick des wohlerhaltenen alten Steinbildes wenigstens wirklich, als wenn man ihm Leben hatte zuerkennen mussen. Die Augen, der Mund, die Stirn unter dem weit uber sie hinfallenden Schleier hatten auch eine gewisse Aehnlichkeit mit Lucinden. Das Kind auf dem Arm der kleinen Figur schien wie lebendig, ja wie sprechen zu konnen. Lucinde fuhlte selbst, wie machtig der Eindruck war, der einen Rauber bestimmte, hier die Mutze abzuziehen, die Laterne auf den Sims der Nische zu stellen und den steinernen Saum des Kleides der hier in dunkeln Grabesgruften wie mit Bewusstsein wachenden Gruppe zu kussen ...

Dann bekreuzte er sich und liess Lucinden naher treten ...

Wenn ich damals auf dem Cimetiere in St.-Wolfgang, sagte er, diese hier im Sarge gefunden hatte, ware ich schon fruher zur Erkenntniss gekommen ... Es ist mein Fluch, dass ich Bickert heisse, eigentlich Picard, Mademoiselle! Das ist die alte Chochemfamilie, die ihre Vettern am Galgen hat paradiren sehen, la bonne famille de Damian Hessel und manchem andern da oben am Hundsruck! Sie haben alle den Schwur gehabt, nie Blut zu lecken, und doch sind sie durch die Luft und mit dem grossen franzosischen Balbiermesser aus der Welt gegangen. Ah! Ah! ... Nun treiben sich die Enkel und Nachkommen umher, haben sich auch umgetauft, wie mein Vater selig schon, der mit funfundzwanzig Jahren travaux davonkam und mich heilig machen wollte wie einen Kanonikus. Aber es liegt im Blut und erst die da sehen Sie, jetzt wird sie sprechen! Die da sagt mir immer hier unten, wo mich die alte Jeanette unterbrachte eine Connaissance von meinem Vater selig Picard! Picard! sagt sie, dein Grossvater war zwar ein Jude, aber in deiner Grossmutter Dina Jakob und Rebekka, ihrer Schwester, war Stolz; beide haben auch darum, aus Eifersucht und Rache, selbst ihre Manner an den Galgen gebracht. Vom Grossvater und vom Grossonkel hast du's, dass du noch immer den Hahn nicht krahen horen kannst, ohne an Brecheisen und Rennbaum zu denken! Aber nimm dich zusammen, Picard! Komm zu mir, so wird es gehen und du wirst noch Rathsherr werden in Groningen, wo deine Ahnen wohnten!

Lucinde hatte einen Augenblick der Ruhe nothig ... Sie lehnte sich an das Marienbild und horte den Worten des Raubers schauernd zu ... Auch ihr sprach das Bild ...

Das Wunder belebter Statuen und augenbewegender Bilder beruht, wenn auch nicht immer, doch meist auf der Einbildungskraft und dem Zauber der Kunst. Wem wurde ein lange betrachtetes Bild nicht zuletzt mit dem Auge geblinkt haben! Welcher gemalte oder richtig plastisch geformte Mund wurde nicht leise zucken, den man beobachtet im Zusammenhang mit allem ubrigen, was an einem Bilde oder an einer Statue dem Leben abgelauscht wurde? Einem Kunstler sprach die Sixtinische Madonna: Komm' in mein Himmelreich! Er hatte deutlich die Worte gehort, dieser beruhmte Kupferstecher, der Linie um Linie die majestatische Himmelskonigin mit dem Grabstichel wiedergeben wollte. Der Wahnsinn umnachtete sein Gemuth fur immer; der Glaube ist eine Umnachtung fur den Augenblick.

Die schauerliche Einsamkeit hier unter der Erde, die edle Gesichtsform des Bildes, die Beleuchtung durch die wenigen Lichtstrahlen der Laterne, die Stimmung und Pradisposition des Gemuths, alles kam zusammen, dass auch Lucinde auf Verlangen des grauenvollen Menschen feierlich bei diesem Bilde betheuerte, den Zufluchtsort, den hier ein Verbrecher im alten Professhause gefunden, nie zu verrathen.

Noch mehr ... Bickert hob an der Madonna einen Stein auf, zog ein schmuziges Bundel hervor und sagte:

Ich mag nicht mehr an die Galeere! Ich wollte hier im Lande Pferdehandel treiben! Mais ich kam auch da wieder auf falsche Fahrte. So wurd' ich Knecht im Weissen Ross. Niemand kannte mich. Ich simulirte einen ganz andern Menschen. Es ging mais! Da mussen Sie kommen, Mademoiselle, Sie n'ayez peur! Siebenundvierzig bin ich jetzt, Mademoiselle. Ich ginge lieber nach Amerika, wenn ich das Geld dazu hatte! Verdienen konnt' ich's schon, aber der Weg kam un peu trop etroitement da vorbei, wo neulich Monsieur Hammaker gehabt hat un tres mauvais accident

Kannten Sie auch den? hauchte Lucinde, aufs neue erbebend ...

Monsieur Hammaker sah mir gleich den alten Picard an wie ich il y a cinq mois hierher bin geflohen und ich sass ihm vis a vis im Trankgasschen und mir schmeckte nicht der Heurige. Den Posten hier verschafft' er mir durch die ihm bekannte Madame Jeanette, eine alte Freundin meines Vaters. Er verlangte blos als don gratuit von mir eine kleine Affaire den rothen Hahn auf ein Schloss a peu pres zwanzig Meilen von hier

Westerhof? rief Lucinde entsetzt ...

Comment ? fiel Bickert uberrascht ein und hielt das Bundel, als wollt' er es Lucinden ubergeben, die schon vor Abscheu nur vor seinem Aussehen die Hand zuruckzog ...

Sapristi, wo wissen Sie Ich kenne einen, der alle Tage auf mich wartet! Tausend Thaler, und dann nach Amerika! sagte Monsieur Hammaker, und auch zusammen wollten wir gehen. Aber er hatte noch nicht genug, le petit maitre, er wollte Extrapost. Die hat er bekommen! Als ich ihm die Nacht begegnete, wo er in die Sieben Berge machen wollte mit einem sehr hubschen Koffer, sagt' er mir: Adieu Picard! Folgen Sie mir bald! Machen Sie nur ein compliment an an

Den Oberprocurator Nuck ?

Diacre! Woher wissen Sie ? Mademoiselle! Ich ging nicht. Ich dachte, er wird mich zum Hause hinauswerfen, wenn ich um die tausend Thaler komme fur Reisegeld! Mais Neulich, da zog ich an der Klingel ich hatte das Leben hier nein, nein, denken Sie nur nicht Marcebillenstrasse Aber es stand wieder einmal quarante sept mit mir. Hier das Leben unter den Ratten, die schlechte Kost, die Furcht; ich dachte: Du verdienst dir dein Reisegeld, gehst erst in den Dom und sagst's en confession Ich bin versucht, wollt' ich sagen, ein gross Feuer zu legen und ein Papier so war le mot d'ordre dans une bibliotheque und ich that' es gern; wer kann hier leben! Unter den Ratten! Hunde futtern! Hanne Sterz um den Bart gehen! Einen Bart hat sie, Mademoiselle! ... Da knie' ich im Confessional und fange an zu sprechen und sage meine Sunden und ich sehe auf und ...

Ihr seht den Domherrn von Asselyn!

Einen Geist, der mir spricht: Was enthielt damals der Sarg? ...

Gestanden Sie es ihm?

Da! Nehmen Sie, Mademoiselle!

Jetzt griff Lucinde nach dem Bundel in heftigster Bewegung. So abschreckend feucht das Tuch war, sie empfand keinen Widerwillen mehr ...

Plaudern werden Sie nicht! wiederholte Bickert und beleuchtete unheimlich die Gestalt und aussere Erscheinung der Verkleideten ... Und eine wiederum ballend erhobene Faust deutete die Moglichkeit seiner Rache an ...

Dann aber sagte er:

Gut! Geben Sie das

An den Domherrn von Asselyn

Im Kapitelhause

Und was enthalt es?

Eine Schrift kein Geld nur eine Schrift in Latein tant je crois

Damit ging er weiter ...

Und die Reise nach Amerika? Schloss Westerhof? Das Papier? rief sie hinter ihm her ...

Der Knecht horte nicht die verhallenden Worte und ging voraus ...

Lucinde folgte athemlos ... Sie hatte das kleine Bundel in ihre Mappe gezwangt und sich dabei aufgehalten ... Mit dem Schirme tastete sie, um dem Schimmer der Laterne zu folgen ...

Noch einige hundert Schritte in dem links sich erstreckenden engern Gange ging es so fort.

Dann standen sie an einer kleinen, mit verrosteten Eisenklammern beschlagenen Thur ...

Bickert gab Lucinden die Laterne und zog sein Schlusselbund ...

Leise steckte er einen mit wunderlichem Zierrath versehenen alten Schlussel in das noch wohlerhaltene Schloss ...

Mit knarrendem Tone ging noch ein Riegel zuruck und die Thur offnete sich ...

Halten Sie sich an mich! sagte der Fuhrer und stieg einige sich windende steinerne Stufen in die Hohe, wahrend die Laterne zuruckblieb ...

Bald kam eine zweite Thur ...

Bickert horchte ... Er wollte lauschen, ob niemand in der Nahe war ...

Wo kommen wir hinaus? fragte Lucinde, von den Anstrengungen erschopft ...

Statt zu antworten scharfte Bickert sein Ohr nur noch vorsichtiger ...

Jetzt war es Lucinden, als horte sie einen heiligen Gesang. Es war wie ein Strom klingender Luft, der auf sie niederwallte. Die Tone schwollen und erhoben sich. Wie aus erquickenden Quellen ringsspruhender Staub, so rieselte sie es an ... Nach so langer dumpfer Stille wurde ihr der Ton fast zum Licht, das Licht zur Welle, Geistiges wie leiblich sie Beruhrendes ... Sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten ...

Les chanteurs! Es ist die Domschule! flusterte Bikkert und offnete ...

Es stromte wie Lobgesang des Lebens auf sie ein ...

Hier jetzt den Corridor hinauf, dann a travers la maison!

Bickert drangte Lucinden schon vorwarts ...

Nach einem noch einmal weniger drohend, als schon hoffnungssicher gesprochenen: Mais Mademoiselle ! stand sie plotzlich allein ... Bickert war verschwunden.

Ein schmaler Gang zwischen zwei hohen Mauern fuhrte Lucinden in einen grossern, mit Quadersteinen gepflasterten Hof und aus diesem uber einige Stufen in ein alterthumliches Haus. Auch auf der grossen Diele war alles wie von Musik erfullt. Links von ihr sangen die Chorschuler Uebungen. Ein altes Klavier begleitete die Accorde ...

Eine Weile lauschte sie ...

"Deposuit potentes de sede et exaltabit humiles!"

Dazwischen sprach ein Priester Erlauterungen ... Die Stimme war ihr fremd ... Aber die Worte klangen ihr in der Tonart des Gesanges ... kein Dur folgte auf Moll, kein Allegro auf ein Andante ... selbst die Belehrungen uber die zu machenden Pausen, die gegeben wurden, waren nur der Aushall des verklungenen Tones ... Alles, alles war ihr Harmonie ...

Gern hatte sie glauben mogen, es wurden ihr die beiden Arme zu riesigen Flugeln, die sie hatte ausbreiten mogen, die wieder errungene Freiheit zu erproben ...

Aber nur wie eine verscheuchte Fledermaus huschte sie durch die Flur und an die Hausthur. Diese war unverschlossen ... Sie war im Freien, im Regen mit ihrem Bundel, aus dem sie ein zerknittertes starkes Papier herausfuhlte ...

Musstest du diese Schrecken erleben, um das zu erlangen, was du vielleicht brauchst, um morgen mit ihm zu sprechen, vielleicht zum letzten mal Dies fuhrt dich bei ihm ein, auch wenn er dir die Beichte abschlagt!

Sie hatte sogleich zu Bonaventura fliegen mogen ... Fast hatte sie ihre Knabentracht vergessen.

Sie breitete den Schirm aus und schoss auf einen Fiaker zu ...

In die Rumpelgasse! rief sie. Zu Nathan Seligmann!

Die Adresse war bekannt ...

Eine Viertelstunde darauf war sie bei Veilchen Igelsheimer, die um sie auf den Tod gezittert hatte. Ihre Begleitung an das Professhaus hatte sie abgeschlagen. Veilchen erfuhr zu ihrem Entsetzen, dass alles gescheitert war und Lucinde nur mit Lebensgefahr ihre eigene Freiheit gerettet hatte ...

Zu Aufklarungen fur das "trotz Spinoza verzweifelnde" Madchen, Aufklarungen, die Lucinde auch ohnehin schwerlich gegeben hatte, blieb keine Zeit ... Sie gab ihre Kleider zuruck, nahm die ihrigen, entleerte die Mappe, die sie Veilchen liess, riss das schmuzige Tuch Bickert's fort und wollte eben die Einlage, einige Bogen Papier in amtlichem Briefformat, einstecken ...

Da erblickt Veilchen die Aufschrift und ruft:

Gott im Himmel!

Was ist? fragte Lucinde, halb schon im Gehen ... Herr Nathan war noch nicht wieder daheim ...

Das ist das ist ja die Handschrift

Veilchen offnete die Bogen, die Lucinde jedoch zu gleicher Zeit schon wieder zurucknahm, nur um sie rasch zu bergen, weil sie Eile hatte ...

Nur einen Blick, Fraulein! ...

Was haben Sie? fragte Lucinde drangend und auf dem Sprunge ...

Schon gab Veilchen die Bogen zuruck, wie mit einem Schauder Ein Siegel, das neben dem Namen stand, der die Bogen unterschrieben hatte, schien ihr die Besinnung zu geben ...

Lucinde sah ein Kirchensiegel das Bild des Gekreuzigten ...

Sie forschte nicht langer ... blieb ihr doch die volle Musse eigener Untersuchung und die Gelegenheit der Wiederkehr ... Sie hatte nicht Zeit, sich von dem wie bewusstlos ihr nachblickenden Veilchen die Ursache ihres Schreckens erklaren zu lassen ...

Eine Stunde spater sass sie zum Thee bei der Commerzienrathin, die vor Ungeduld nach ihr "fast vergangen war". Denn seltsamerweise blieb sie heute allein ... Aus Furcht vor Pitern liessen sich selbst die Hausfreunde nicht sehen. Das Haus war von seinem beginnenden Strafgericht in Belagerungszustand erklart. Johanna hatte von ihrem in aller Fruhe abgereisten Verlobten schon per Expressen einen Brief voller Vorwurfe uber die Frau Oberstin, die ubrigens gestern schon vor dem plotzlichen Tumult gegangen war ... Dann kam die Frau Oberprocurator angefahren und brachte die Kunde, dass morgen Abend der Domherr von Asselyn nach Witoborn reise und eine Demonstration der Huldigung stattfinden wurde mit Blumen, Gedichten, ja personlicher Anwesenheit seiner Verehrer ... Ob die Mutter ginge? Was man dazu anzoge? ... Endlich horte man Pitern sich larmend in den Hinterzimmern ankundigen ... Alles zitterte ... Zum Gluck horte man zu gleicher Zeit den Besuch des Oberprocurators von der andern Seite ... Lucinde hatte keine Antwort aus dem Kapitelhause vorgefunden. Sie erhob sich, schutzte Kopfweh vor, schoss an Nuck voruber und fluchtete sich auf ihr Zimmer.

Hier ergriff sie einen Bogen Papier, eine Feder und schrieb die Worte:

"Hochwurdigster Domherr! Ich beschwore Sie! Wenn Sie nicht einen Seelenmord begehen wollen, so bitt' ich um Antwort wegen meiner Generalbeichte!

Lucinde."

Sie convertirte, klingelte und schickte einen Diener mit diesen Zeilen ins Kapitelhaus an den Domherrn von Asselyn wie schon heute in der Fruhe ...

Schlug ihr Bonaventura den Empfang ab, so hatte sie ein letztes Mittel. Den Auftrag Bickert's ... Nach allem, was sie von Benno uber den Eindruck wusste, den damals die im Sarge des alten Mevissen gefundenen Dinge auf Bonaventura gemacht hatten, durfte sie annehmen, dass dieser sie dann unmoglich zuruckweisen wurde, wenn sie an ihn ein drittes Schreiben richtete mit der Bitte, ihm wenigstens noch die Dinge, die ihr der Knecht aus dem Weissen Ross gegeben, personlich einhandigen zu durfen ...

Nun klopfte es ...

Nuck meldete sich ...

Ich bin krank! sagte sie an der Thur, rasch verschliessend schaudernd vor dem Manne, bei dem fur Bickert tausend Thaler harrten und der ihr selbst

Sie wissen ? sprach schon Nuck dringender.

Nichts! Nichts!

Der Pater ist gefangen ...

Darauf schwieg sie ...

Man fuhrt ihn in sein Kloster zuruck ...

Doch! doch! sprach sie bebend, aber nur fur sich ...

Darf ich ? Ich bitte dringend ...

Schrieben Sie doch nicht dem Pater? ...

Sie schwieg ...

Wenn man Ihren Brief mit Beschlag belegt hatte! Oder wie verstandigten Sie sich mit ihm? ...

Sie athmete auf, wie kein Verdacht vorlag, dass sie selbst zu Sebastus gegangen ...

Bestellen Sie die Pferde ab! Sonst nichts! Gute Nacht! sagte sie, sich ermuthigend, und brach kurz ab.

Nuck's murmelnde Stimme horte sie nicht mehr ... auch sein Fortgehen verhallte ...

Dann holte sie das verwitterte, nicht zu alte Schreiben, einen langen Brief in lateinischer Sprache, unterzeichnet "Leo Perl".

Nun verstand sie den Schrecken der Judin ...

Sie las und las ... ubersetzte und stockte endlich ...

Um den Brief vollig zu verstehen, musste sie nach dem Worterbuche greifen, das ihr Benno gekauft hatte ...

Daruber schlug es elf ...

12.

In einem der grossen, "kaltgrundigen" Zimmer des Kapitelhauses herrschte am folgenden Tage eine feierliche Stille ...

Es war im Studirzimmer Bonaventura's ...

Der Abend hatte sich niedergesenkt ... Zwei Lichter brannten ... In dem grossen eisernen Ofen, der von aussen geheizt wurde, horte man das Zulegen neuen Holzes ... Nicht Renatens sorgende Hand war es, es war die eines Hausdieners, der zu diesem Amt fur die Herren des Kapitels bestellt war.

Auch nicht im Nebenzimmer sass Renate ... Der Domherr hatte die alte treue Dienerin gebeten, nach allen schon langst getroffenen Zurustungen seiner Abreise auf Witoborn, die fur die neunte Stunde bestimmt war sein einfacher Sinn und seine gemessenen Mittel wollten sich mit gewohnlicher Postgelegenheit begnugen erst um acht Uhr von einem Geschaft zuruckzukommen, das er sie ersuchte, sich ausserhalb des Kapitels zu machen. Sie hatte schon lange fur Benno's Abwesenheit sich eine Durchsicht seiner Wasche, eine grundlichere Anordnung seiner Wohnung vorgenommen; diese vollzog sie, obgleich es Sonntag war, schon von vier Uhr an und gegen acht erst wollte sie zuruckkehren ...

Bonaventura kannte die Abneigung der alten Frau gegen Lucinden und wollte jeden Conflict vermeiden ... Als Lucinde zum zweiten mal geschrieben, verwilligte er ihr, was sie begehrte Aber nur auf seinem Zimmer konnte er eine Generalbeichte abnehmen ... Er rustete sich zu einem schweren Kampf, zu einer grossen Prufung An die Seltsamkeit, dass sich auf seinem Zimmer Seelenkampfe solcher Art ausringen, ist der katholische Priester gewohnt. Lucinde hatte nicht nothig gehabt, ihr letztes Mittel zu ergreifen

Mit der Abenddammerung war sie in Begleitung des Messners gekommen ... Durch die hohen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheiben, durch eine grune Hecke von Epheuranken, die den Schreibtisch von dem Fenster schied, brachen die blutrothen Strahlen der Sonne, die den ganzen Tag sich nicht hatte sehen lassen und nur am Abend noch einmal sich zeigte zum kurzen Willkomm ... Im Ofen prasselten die Flammen, die an der metallenen Wolbung einen singenden Ton gaben ... Alles das begleitete die nur bei katholischen Priestern und Aerzten mogliche seltsame Scene, dass eine Liebende zu dem sie verschmahenden Manne ihrer Liebe selbst zu gehen wagt.

Schweigend hatte Bonaventura Lucinden, die verschleiert kam und den Hut nicht abnahm, angedeutet, dass sie sich setzen mochte ...

Nach seinem Brevier langte er dann mit zitternder Hand, gab dem Messner, der sich wieder entfernte, einige geschaftliche Anweisungen und suchte sich durch diese und jene kleine Zurustung die Sammlung zu geben, die ihm fehlte ...

Lucinde schwankte bewusstlos ...

Als er sich wandte, sah er, dass sie selbst schon einen Fussschemel ergriffen hatte und auf diesem knieete ...

Dass es eine Entscheidung fur sein ganzes Leben galt, ahnte er ...

Ueber eine Stunde lang verharrte Lucinde in dieser knienden Stellung und lehnte jede Erleichterung ab ... Bonaventura sass vor ihr und horte nur ihrem dumpfen, doch vernehmlichen Gemurmel ...

Das obenerwahnte feierliche Schweigen war eingetreten, als die Reihe ihrer Bekenntnisse zu Ende war ...

Bonaventura kannte aus der Stadt her, wo er Priester, Lucinde katholisch geworden, eine Menge von Thatsachen, die zu dem Leben der Gesellschafterin der Comtesse Paula gehorten; aber in einer solchen Vollstandigkeit wie heute lag das Leben des, wie es schien, von einem unheilbaren Wahn bethorten Madchens niemals vor ihm ... Sie hatte nichts verschwiegen, was sie belasten konnte, nichts, als ihre Liebe zu dem Manne, vor dem sie knieete ... Sie war grausam, rucksichtslos gegen sich selbst ... Sie klagte sich an, wo selbst andere noch entschuldigten ... Alles, was ihr Leben an Widerspruchen bot, leitete sie aus ihrer Todsunde her, die die Kirche "Acedia", die "Tragheit des Herzens", die Indifferenz fur Liebe und Hass nennt ... Sie gab ein Lebensbild von sich, das alles enthielt, was wir wissen. Nur eine einzige grosse Stromung der Empfindung in ihrem Innern nannte sie nicht, doch war sie ersichtlich aus einem Lebenslauf, von dem sie andeutete, dass er ewig in der Irre gegangen, ein einziges grosses Ziel verfehle und rettungslos verloren scheine ...

Auch von Klingsohrn gestand sie alles. Sie klagte weder ihn, noch den Kronsyndikus an, nannte uberhaupt, was nicht gestattet ist, nicht die Namen, Bonaventura wusste sie aber und erganzte selbst, was verschwiegen wurde ...

Ein seltsames Bild diese Zwiesprache, unglaublich fur die, die ausserhalb des romischen Lebens stehen!

Ein Mann, vor dem sich ein Weib in Liebe windet, blickte wie ein Gottgesandter streng und sich beherrschend zu ihr nieder. Er sah eine Nachtwandlerin an schwindelnder Klippe dahinwanken, zitterte mit den Gefahren, die von Lucinden nur uberwunden wurden durch immer wieder bekannte neue Schuld ... er blieb fest und stark.

Von Serlo hatte er noch nie so Ausfuhrliches vernommen, wenn er auch aus fruhern Gestandnissen wusste, dass er selbst es war, der Lucinden anfangs eine auferstandene Wiederholung desselben erschien ... Zwei Jahre des Aufenthalts im orthopadischen Institut wurden erzahlt, Jahre der Selbstbildung, aber nur jener "Bildung, die die Kraft geben sollte, Welt und Menschen abzuwehren, zu hassen, zu beherrschen" ... Die Reise nach Kocher, die Erfahrungen in der Dechanei, die Verstellung im Kattendyk'schen Hause ... alles bis zu den neuesten Vorgangen, ja den Vorgangen des gestrigen Tages, alles, alles wurde erzahlt, nur noch die Rettung durch den unterirdischen Gang verschwiegen, um der lateinischen Urkunde und ihres Letzten willen ...

Religios blieb von beiden Seiten die Farbung des Ganzen, der Ton alles dessen, was gesprochen wurde, ein heiliger ...

Ist das Leben, wie die sittlichen Atomisten sagen, eine millionenfach fortgesetzte und ineinander verwundene Kette von Selbsttauschungen, dann darf es wunder nehmen, wie unser moralisches Scheinleben sich dennoch gleichsam ablosen kann von unserer ersichtlichen korperlichen Hulle. So fliesst das Licht der Sonne und des Mondes um die dunkle Erde, so leuchtet der Phosphor an unsern Handen, die ihn nicht fuhlen. Zwei Menschen, korperlich vor einander zitternd, bebend vor einer Beruhrung, wenn zufallig der Saum des Schleiers nur ein Blatt des Breviers streifte und ihre innerste moralische Welt doch wie ein fast sichtbarer geistiger Aether um sie her und hin und wieder fliessend. Diese Worte, diese Gestandnisse, diese Accorde wie von einer unsichtbaren Musik sollten nicht in eine Weltordnung den Weg bahnen, wo die millionenfache Tauschung aufhort und der Geist, auch wenn vom Korper getrennt gedacht, wonnigste, seligste Wahrheit bleibt? ...

Lucinde hoffte das schon fur diese Erde ...

Doch Bonaventura blieb ein Priester voll Hoheit. Er vertrat die Religion. Er glich einer Kirche, in die man, innerlich noch so weltlich gesinnt, doch ausserlich voll Demuth und zur Ehre des Hochsten eintritt. Auch horte er im Geiste die Worte, die ihm und dem Monch Sebastus vor wenigen Monaten der Kirchenfurst von der Milde des Heilands zur Magdalena gelesen ...

Dass sich etwas, was liebestollste Zudringlichkeit war, hier in einer Form aussprach, die schon zum Wahnwitz geworden, konnte er nicht verkennen ... Er hatte Lucinden im Lauf der von ihr in dusterm Unmuth und wahrhaft schmerzensvoll bekannten Leiden, die sie durch ihre eigene unausgesetzte Thorheit und moralische Hulflosigkeit uber sich heraufbeschworen, gebeten den Hut abzunehmen; sie that es mechanisch und legte den Hut neben sich auf den Fussboden. Ihrem Haar entglitt eine Flechte, die nicht genug befestigt war. Lang und schwer hing diese Haarflechte nieder. Lucinde merkte nichts von diesem Schein der Verwilderung ... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbsttauschung zu Hulfe ... Sie wand sich wie Magdalena.

Bonaventura wusste nun: Dies irrselige, schone Frauenbild bekennt alles das, nur um dich in die Kreise ihres Lebens zu zwingen, von dir Worte der Liebe zu horen, vielleicht jetzt nur deine Hand kussen zu konnen und stumm zu gehen ... Sie will jetzt, wo du reisest, nur vielleicht einen Briefwechsel mit dir fuhren, nur, wenn du wiederkehrst, mit ihren Blicken dich umwerben, mit ihrem Lacheln dich umschmeicheln durfen ... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben, dass man sagt: Dieser Geweihte ist ein Heiliger; strauchelte er, so wurde er es nur mit jenem Madchen konnen, das bei jeder Messe, die er liest, immer an demselben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken sitzt ...

Bonaventura wusste, dass er straucheln konnte, wenn Lucinde Paula war ... Jene hatte mehr Geist, mehr Wissen, mehr Thatkraft und fur die Meinung anderer vielleicht selbst mehr Schonheit, als diese ...

Doch wirkte Lucinde auf ihn, wie er einst auf einen Scherz Benno's gesagt hatte, feuermagnetisch. Sie wirkte abstossend durch Ueberkraft und eine zu grosse Willensstarke ...

Er blieb bei seiner Priesterpflicht.

Aeusserlich wollte Lucinde nur einen Rath haben, wie sie nach einem so geschilderten Leben und innerlich ganzlich zerstorten Dasein nicht die Lust am Leben und an sich selbst verlore, zur Wahrheit kame, die Luge und Verstellung miede, sich an fremdem Gluck erfreuen, vor allem in der von ihr gewahlten Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden konnte ...

Eben die Religion verschleierte alles.

Bonaventura hatte sie zuletzt aufgefordert, sich zu setzen ...

Auch das that sie wie Magdalena und stutzte das Haupt ...

Jetzt fuhlte sie die losgegangene Flechte. Sie steckte sie errothend auf, wahrend Bonaventura die beiden Kerzen anzundete ...

Endlich sprach er ihr mit einer Stimme, die auch nur ihm angehoren konnte:

Meine verehrte, liebe, theure Freundin! Wie, wie lange kennen wir uns doch nun schon! O, glauben durfen Sie mir dass ich oft, oft wie oft! uber Sie nachgedacht, uber Sie mit Gott geredet habe! Was Sie mir vielleicht vor einigen Monaten schon sagen wollten dies Neueste da, der Besuch Ihres fruhern Verlobten in Knabenkleidern, nun, das ist eine Waghalsigkeit, die auf Rechnung Ihres abenteuerlichen Sinns kommt, ein Kampf gegen die Obrigkeit, den ich nicht billigen kann, ein Vergehen, das die gute Absicht des Helfenwollens entschuldigt Ihre wahren innern Peinen erfahre ich erst jetzt. Und dass Sie jenes Neueste hinzufugten, das nehm' ich fur einen Beweis Ihres Vertrauens zum Priesterthum. Sie vermissen, sagen Sie, eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und Lebens. Das ist ein schones, ernstes, fur Ihre ganze Zukunft entscheidendes Wort! ... Die Fehler Ihrer ersten Jugend will ich nicht rugen. Sie haben die Liebe nicht gekannt. Sie haben sie von andern nicht erfahren; ich ruge nicht, dass Sie sie auch nicht erwiderten. Auch Ihren machtigen Ehrgeiz will ich nicht tadeln. Es war vielleicht der Trieb nur des Wachsthums zum Bedeutenderen. Dass ein Baum gen Himmel anstrebt, ist ein Preis Gottes, kein Preis seiner selbst. Ein armes Madchen vom Lande gingen Sie durch eine seltene Schule der Erfahrung, die Ihnen bald weh that, bald schmeichelte. Immer wollten Sie mehr sein, als was das Geschick Ihnen zu sein anmuthete; Sie rangen sich gewaltsam auch vielleicht deshalb empor, weil Sie einen Trieb hatten, geistig mit sich zufriedener zu sein, als dies mit sich Tausende von Menschen sind. Die Fahigkeit, einen Klingsohr glucklich zu machen oder gar zu erziehen, konnten Sie damals nicht besitzen. Auch Ihr Leiden mit Serlo, Ihre Demuthigung, als Sie die Buhne betreten wollten, waren Suhnopfer fur manche Schuld der Uebereilung, fur manche Herzlosigkeit und Eitelkeit. Als Sie dann den Uebertritt zu unserer Kirche vollzogen, da begann vorzugsweise Ihr innerster Bruch. Immer schon musste ich tadeln, dass Sie diesen Schritt nicht aus innerm Bedurfniss thaten ... Richtiger, Sie thaten ihn aus Bedurfniss, doch machten Sie sich uber die Mahnung Ihres innersten Herzens, uber dies Gebot Ihres guten Genius, der Ihnen bei diesem Schritt zur Seite stand, kein Gestandniss. Nun schwanken Sie zwischen Freiheit und Abhangigkeit, zwischen Religion und Unglaube, ja sogar zwischen dem Guten und dem Bosen Ihre Natur, furcht' ich und sprech' es offen aus, wird Sie niederwarts ziehen, wenn Sie sich nicht mit einer gewaltigen Gegenmacht rusten! Andere (Bonaventura dachte an die Scene beim Kirchenfursten), andere wurden Ihnen rathen, Ihrem Geiste zu mistrauen. Das will ich nicht. Es ware ja entsetzlich, wenn dem Geiste sich nicht das Gute gesellen konnte. Eines aber mocht' ich Sie fragen und ich fasse damit, glaub' ich, Ihren ganzen Zustand zusammen : haben Sie sich je vergegenwartigt, was die Kirche mit so mancher ihrer grossen und uns gerade von andern Religionen unterscheidenden Lehren sagen will, zum vorzuglichen und Ihnen insbesondere zweckdienlichen Beispiel erwahn' ich unsern Mariencultus?

Lucinde war von dem Ton dieser innigen Rede wonnig durchrieselt. Den Sinn der Worte behielt sie nicht, nur ihren Klang. Erst bei Erwahnung des Mariencultus stutzte sie. Sie gedachte des noch ruckstandigen Bekenntnisses ihrer Wanderung durch den unterirdischen Gang und des von Picard empfangenen Auftrags ... Das Marienbild am unterirdischen Kreuzweg stand wie mahnend vor ihrer Seele ...

Sie kennen die Lauretanische Litanei? fuhr Bonaventura voll Gelassenheit fort, still zu seinen guten Genien betend ...

Die Lauretanische Litanei! dachte sie und plotzlich fuhr durch ihr Innerstes ein Streiflicht ihrer Doppelnatur. Die Gottesmutter hat in dieser Litanei Bezeichnungen, als da sind "Gefass der Andacht", "geistliche Rose", "elfenbeinerner Thurm", "goldenes Haus", "Arche des Bundes". Heute in der Fruhe, als noch Bonaventura's Ja! nicht gekommen war und sie in die Messe sturmte, wo eben die Lauretanische Litanei gesprochen wurde, hatte sie sich in ihrer aufgeregten, gottfeindlichen Stimmung gesagt: Namen sind das ja, wie das Verzeichniss zu einer Auction oder als sah' ich die Fenster der Trodler in Seligmann's Rumpelgasse!

Die seligste Jungfrau, fuhr Bonaventura in Sanftmuth fort, die Ihr fruheres protestantisches Bekenntniss nur in ihrer Menschennatur kennt, nennt die Litanei unter anderm die mystische Rose. Mag sie von denen, die sie als solche sehen mogen, in dieser Eigenschaft als ein liebliches Symbol alles Unaussprechlichen verehrt werden, Ihnen gegenuber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieser Litanei vor, dass uns die heilige Frau ein Spiegel sein solle. Gerade Sie mocht' ich fragen: Wie ist Ihnen das nur? Wenn Sie nach einem solchen Leben, wie Sie es mir geschildert haben, jetzt an Maria denken, zu dieser aufblicken, sich mit dieser ganz einig, ganz verbunden, ganz Freundin zu sein wunschen, was empfinden Sie da?

Lucinde blickte im Geist aus das kleine, in unterirdischer Einsamkeit stehende Muttergottesbild und musste schweigen ...

Maria, fuhr Bonaventura fort, mag Ihnen in Ihrer menschlichen Gestalt erscheinen, wie sie will; die Evangelisten haben nichts verschwiegen, was die Vernunftkritik gegen sie deuten kann. Halten Sie sich aber an das, was Maria durch das Christenthum erst selbst geworden ist, wie denn uberhaupt die Tradition und das lebendig fortwirkende Leben innerhalb der christlichen Gemeinschaft eine der immer frisch zustromenden Quellen unseres Glaubens ist. Maria wurde schon der allerersten christlichen Zeit eine Mutter, so gross, so verklart, dass sie ohne Sunde empfing, die Verehrung vor der Frauenreinheit Maria wird noch dahin kommen, dass die Kirche dem Verlangen nicht widersteht, sogar von ihr zu sagen, dass sie selbst ohne Sunde empfangen wurde. Das sind Dogmen des Bedurfnisses, Dogmen der Huldigung und der nicht versiegenden Liebesstrome innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaft selbst. Wir wissen, wer die heilige Anna, die Mutter Maria's war, wir kennen die Schleier, die auf ihrer Verbindung mit dem heiligen Joseph ruhen; aber alles das schwindet gegen das, was Maria in den wilden Geburten der Geschichte wurde. In der Barbarei der Zeiten! In der rohen Entwurdigung der Frauen! Immer schwebte sie da in den Luften als ein unentweihtes Symbol des Fraueuthums. Der gluhende Spanier und Provencale mag sie wie eine Geliebte verehrt haben, der Slawe wie eine Mutter, der Germane vielleicht am kuhlsten nur wie eine Schwester: immer war es Maria, die die Wildheit zahmte und der Leidenschaft die todliche Waffe aus der Hand schmeichelte. Die Civilisation der Sitten ist durch sie gewonnen und erhalten worden. Und erst in unserer Zeit! Der Mariencultus ist nicht mehr die Burgschaft der mildern Sitten; jetzt ist er der lebendig gewordene reine weibliche, sittliche Sinn. Gerade die Reinheit Maria zu verehren drangt es diese unreine Zeit, die Zeit der Frivolitat, der Emancipation von der Sitte, die Zeit des fast ins Allgemeine mitwirkend und mitstimmend aufgenommenen Frauenberufes, die Zeit der Nivellirung der Familie und Erziehung. Und nun, nun frag' ich Sie: Finden Sie den Weg zwischen Ihrem Innern und diesem Frauenbilde, das Sie ja in jeder Kirche sehen konnen, ganz frei und ungehindert? Fuhlen Sie sich so, dass Sie den ob milden, ob strengen, immer sittlich reinen Blick unserer Himmelskonigin nicht zu furchten brauchen? Konnen Sie, als Weib, als Jungfrau, zur Mutter mit dem Kinde aufblicken und sagen: Das Leben hat mich viel umgetrieben, ich war mancherlei und erlebte noch mehr, aber du, du kannst nichts gegen mich haben! Du wurdest mich nicht aus deinem himmlischen Hofstaat verweisen! Ich fuge hinzu, liebe Freundin, ich fand immer, dass die Frauen voneinander mehr wissen, als wir Manner. Untereinander beurtheilen sie sich strenger, als wir ahnen. Sie durchschauen die weibliche Eitelkeit und Koketterie leichter als wir. Sie lassen sich nichts ungerugt hingehen, dulden keine Verschonerung und Ausschmuckung, die wir Manner, geblendet vom Frauenreiz, immer noch in Bereitschaft haben. Jeder Blick einer Frau, die ihr Geschlecht beurtheilt, sagt: Was wir Frauen uns sein mussen, das wissen wir schon! ... Und so denn also im Chor der seligen Jungfrauen denken Sie sich die Konigin des Himmels und prufen Sie sich, was die Allerseligste sagen wurde, wenn unter Tausenden nun auch Sie zu ihr hintraten und sie baten, in ihrem Hofstaat eine Ehrenstelle im weissen Kleide erhalten zu durfen, eine Ehrenstelle durch die Reinheit des Herzens, die wahre, geistige Schonheit, die Lauterkeit des Gemuths! Konnen Sie ein solches Bild der allerseligsten Jungfrau festhalten? Konnen Sie, ruckblickend auf Ihr ganzes Leben, von sich sagen: Maria! Mit dir bin ich einverstanden! Maria! Du bist es mit mir! Maria hat nichts gegen mich?

Lucinde, von Bonaventura gefuhrt wie ein Kind, schlug ihre Augen anfangs nieder. Jetzt schlug sie sie auf, als suchte sie das von ihm geschilderte Bild an den bunten Stuccaturen der Decke des Zimmers ...

Ihre Augen leuchteten ... aber wie mit irrem Stern ...

Sie schuttelte ihr Haupt ...

Was trennt Sie von diesem Bilde? fragte Bonaventura mit gesteigerter Innigkeit und eher wie gewonnen durch diese aufrichtige Verneinung, als abgestossen. Liegt nicht Ihr ganzer neuer Glaube in ihm? Liegt nicht Demuth, Unschuld, Entsagung, jede weibliche Tugend und Ehrlichkeit in diesem Bilde?

Als wenn die Luft, die Lucinde gestern bei einem solchen Bilde geathmet hatte, wieder sie zu ersticken drohte, stand sie auf, machte einige Schritte und sagte, sich wieder setzend:

Was ich von Maria sehe, ist alles starr und todt und wie von Stein!

Blicken Sie das Bild nur lange, lange an! bat Bonaventura im liebevollsten Ton. Es wird sich beleben! Es wird sprechen, es wird der Sammelpunkt Ihres ganzen Menschen werden! Geht es nicht, steht etwas dazwischen, so werden Sie nichts mehr thun wollen, was nicht auch diesem Bilde gefiele! Sie werden sich vor ihm eine Magd erscheinen, selbst wenn Sie eine Krone trugen! Sie werden Ihren Geist unterdrucken, wo nur Ihr Herz nothig ist! Sie werden, sogar leidend, sich nicht mit andern in stolze Vergleichung bringen! Und will es so nicht gehen, wie Sie es gern im Leben mochten, immer vergegenwartigt Maria, was ein Weib erfahren, was ein Weib uberwinden muss, ohne sich zu rachen! Sie vergibt! O sie vergibt auch Ihnen vieles, denn sie kennt die Schwache des Weibes; aber sie vergibt nicht alles. Sie wurde nicht jede Ihrer Bitten am Throne ihres Sohnes auszusprechen ubernehmen. Sie besitzt die Schwache einer Mutter, sie kann von dem Kind ihrer Liebe Fehltritt uber Fehltritt vernehmen und vergibt ihm; aber in vielen, vielen Dingen verlangt sie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube, dies ganze, ich sage nicht mystische, sondern einem Spiegel gleichende Verhaltniss zwischen Maria und einem weiblichen Herzen ich glaube, Sie kennen es nicht und darin, darin liegt Ihr ganzes Ungluck!

Dumpf vor sich hin sprach Lucinde einen Einwand ... Bonaventura kannte die Berechtigung dieses Einwandes aus seinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt noch mehr, seitdem ihm so nahe bevorstand seine Mutter wiederzusehen ... Warum sagte nur Jesus: Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen? hatte Lucinde gemurmelt ...

Bonaventura erwiderte:

Maria ist keineswegs die letzte Richterin uber unsere Seele! Sie ist nur eine Vorstufe zum Gottesthron und allerdings die ihm nachste! Aber ich glaube nicht, dass die Seele jedes Mannes an ihr Urtheil verwiesen ist; sie richtet auch nicht, sie bittet nur. Nur mocht' ich wiederholt wissen: Sind die Sunden und Irrthumer, die Sie mir heute gebeichtet, die eines weiblichen Herzens, das mit der allerseligsten Jungfrau einen innigen Freundschaftsbund schloss? Mir scheint es, dass Sie vorzugsweise Eine reine, wahre Freundschaft schliessen sollten, diese mit unserer Mutter Maria! Welch ein unschuldiger, edler, froher Sinn wurde Sie plotzlich heiligen! "Maria stand auf, ging eilends uber das Gebirge in das Haus des Zacharias und grussete Elisabeth" ... so steht in der Schrift

Und sich unterbrechend erhob sich Bonaventura wie in innigster Freudigkeit rasch, schlug den Vorhang von einem Buchergestell zuruck, suchte eine kurze Weile nach einem Buch, fand es, kam wieder, schlug es auf, blatterte und las eine schnell gefundene kurze Erlauterung uber den Gruss Mariens an Elisabeth, uber den Gruss der Jugend an eine Matrone, uber den Inhalt der Rede, die Maria wol Elisabeth gegenuber gehalten haben mochte, uber die Darbringung solcher Empfindungen und Seelenstimmungen, die ihr dafur das Wort der greisen Gonnerin eintragen konnten: "Du bist gebenedeiet unter den Weibern!" Bonaventura las diese Betrachtung aus einer Blumenlese geistlicher Erweckungen und wollte keine Erbauung. Er wollte Lucindens Geist anregen, nicht blos ihr Herz. Er wollte ihr die sittliche Schonheit als das Ziel auch einer reinen Phantasie hinstellen ... In warmsten Worten schilderte er den Zustand dieses "Gebenedeiten am Weibe". Ueberall wurde eine Gebenedeite freundlich empfangen, uberall wie der kommende Mai begrusst; in jeden Streit brachte sie Friede, in jedes Leid Trost; ihre Schritte waren gesegnet; wo sie hintrate und war' es in der Wuste, bluhte eine Blume auf wie die Jerichorose unter den Fussen Maria's, als sie mit dem Kinde gen Aegypten floh ...

So deutete Bonaventura die "Jerichorose" ...

Dann ertheilte er Lucinden einige leichte Bussubungen, liess sie knieend seinen Segen empfangen und wollte nun von ihr Abschied nehmen ...

Lucinde stand zwar auf, zog ihren Shawl uber die Schultern, hatte sich ihren Hut wieder aufgesetzt, schickte sich an zu gehen ... sie war jedoch wie gebannt ...

Die Glocken der Kathedrale lauteten zu einem Kirchenfest ... Schon sechs Uhr schlug es ...

Wie sie schon nahe der Thur sich befand, die unmittelbar in den Corridor fuhrte, stand sie plotzlich still ...

Bonaventura trat hinzu. Er glaubte zu sehen, dass sie sich entfarbte ...

Was ist Ihnen? fragte er ...

Lucinde erwiderte nichts, doch hielt sie sich an der Epheulaube ...

Bonaventura glaubte, dass ihr unwohl war und ging an einen am Fenster stehenden Tisch, auf dem Wasser stand ...

Sie winkte ablehnend und starrte in die inzwischen hereingebrochene Dunkelheit zum Fenster hinaus ...

Bonaventura sah, dass sie von seiner Rede, seinem Zuspruch nicht befriedigt war, dass sie etwas vorhatte und mit sich kampfte. Doch mied er die Saiten des Seelischen und des Gemuthes noch einmal wieder anzuschlagen. Er sprach beruhigend von der Lebhaftigkeit der Gegend draussen und stand, als wollte er eines der Lichter ergreifen und ihr auf den Corridor leuchten ...

Sie reisen nach Witoborn? begann Lucinde, schon uber diese Andeutung, als furchtete sie vielleicht nur die Dunkelheit draussen, gereizt ...

Noch heute! ... erwiderte Bonaventura, sichtlich befangen durch ein Wort weitern Gespraches, das nicht durch sein Amt veranlasst wurde ...

Lucinde sah diese Formlichkeit, diese plotzliche Kalte und hauchte:

Schon so bald!

Dabei blieb sie vor dem Epheu stehen und pflucke gedankenvoll ein einzelnes welkes Blatt ab ...

Wer hatte an dieser Handlung erkennen mogen, dass sich die ganze seit Monaten angesammelte Fulle der Spannung wieder auf ihre Brust wie riesig anstemmte und in irgendeiner Weise helfen wollte; sie hatte die Befriedigung des Gemuths nicht so gefunden, wie sie gehofft ... Sie wollte und hoffte nur ihre Liebe ...

In einigen Stunden ... sagte Bonaventura, jetzt sogar drangend ...

Dieser sein plotzlich immer kalterer Ton reizte sie mehr und mehr und schon war es nur ein Hauch, mit dem die erstickte Stimme sprach:

Grussen Sie Grafin Paula! ...

Bonaventura antwortete durch ein ausseres Zeichen ...

Lucinde fuhr fort, wie bewusstlos in dem Epheu nach welken Blattern zu suchen ... Da sie deren nicht zu viele fand, brach sie auch schon die grunen ab ...

In Bonaventura's Innerm drangte sich jetzt Unmuth, sogar eine Aufwallung des Zorns, doch suchte er nach Geduld und Selbstbeherrschung ... Paula's Sehergabe soll Wunder wirken! fuhr Lucinde fort, zitternd und nicht von der Stelle konnend ... Ich wunschte wohl, Sie frugen sie, was fur mich noch alles in den Sternen steht! Das wurd' ich die Sterne der eigenen Brust fragen! sagte Bonaventura lachelnd und machte Miene, um Schonung seines Epheus zu bitten ... Schon das langere Verweilen Lucindens verdross ihn ... Sie merkte nichts von dem, was sie that ... Sie brach Blatt um Blatt, zerknitterte das Gebrochene, warf es weg ... sie war im Geiste bald in der Ebene von Witoborn ... bald gedachte sie des Picard'schen Auftrags, das Schreiben Leo Perl's abzugeben ... Grussen Sie Herrn von Asselyn, Ihren Vetter Benno! sagte sie wie spottweise und nur um zu sprechen und sich zu sammeln ... Bonaventura versprach die Ausrichtung dieses Grusses und ging von dem Tisch, wo er gestanden. Er machte in der That Miene, sich mit hoflicher Neigung des Hauptes in sein Nebenzimmer zuruckzuziehen ... Lucinde machte sich durch Scherze Muth zum Bleiben und gefiel sich darin, durch das Zerrupfen des Epheus auch die ihr wohlbekannte Pedanterie der katholischen Geistlichen, die uberhaupt mit den Jahren jede ehelose Lebensweise annimmt, schon an diesem jungen Mann zu reizen ... Schon in St.-Wolfgang hatte sie ihn ja im Geist fruh vergrameln und verzarteln gesehen ...

Er soll sich huten, sagte sie, Armgart nicht zu schwesterlich zu lieben! Das kann dann im Ernst so kommen! Auch Frau von Hulleshoven, ihre Mutter, konnte Armgart zuvorkommen, einen gewissen Herrn von Terschka zu wahlen ...

Bonaventura horte schon nicht mehr. Seine Entrustung nahm immermehr zu und auch sein Kampf; denn jedes Wort, das Lucinde sprach, war ersichtlich nur eine Verschleierung der Rede: Du Thor, warum umschlingt mich nun nicht dein Arm? Warum lassest du mich nun jetzt so hingehen, wie ich gekommen bin?! Voll Seligkeit lag' ich trotz Mariens in deinen Armen ...

Herr von Terschka, fuhr sie den Epheu zerzupfend fort, nimmt jede Religion an, die die schone junge Frau mit ihren koketten Locken von ihm verlangt! Aber sie hatte die Conversion gar nicht nothig! War' ich in Rom und flusterte nur zwei Worte mit den Cardinalen der Sacra Dotaria, sie sollte ohne weiteres geschieden werden! ...

Warum scherzen Sie uber so ernste Dinge! fragte Bonaventura verdrossen doch staunend ...

Kein Scherz! ... Ich lernte neulich die Frau kennen! Ihre Seele ist aus heisser Luft gewoben! .. Wer mochte glauben, dass auf der Heide von Witoborn solche Blumen wachsen! .. Sie kennen ja dies Geschlecht mit dem ewig gleichen Perpendikel des Herzens! .. Ein Schlag wie der andere! Bim bam! .. Es ist ja wahr auch Ihre Heimat ist's!

Bonaventura sah Lucinden ganz so wieder, wie sie sonst und noch zuletzt in seinem Pfarrhause gewesen war ...

Das muss ich doch noch sagen, ich liebe nur den katholischen Glauben, wenn er die Seele zum Muthe entflammt! fuhr sie in einer Aufregung, die sie nun nicht mehr bemeistern konnte, fort ... ich liebe ihn, wenn er die Menschen aus der Gewohnlichkeit erhebt und ihnen Flugel gibt! Dort?! Dort ist wirklich alles nur Aberglaube und so vieles, so vieles auch hier

Bonaventura, seine vorhergegangene tief vom Herzen gekommene Ansprache verhohnt, kalt abgewiesen fuhlend, athmete horbar vor immermehr zunehmender Entrustung ...

Schon war Lucindens ganze Hand voll gruner abgerissener Epheublatter ...

Sie werden auch Schloss Neuhof sehen? sprach sie, noch wie harmlos, aber doch, da sie nun gehen musste, aller Fassung beraubt ...

Ohne Zweifel! sagte Bonaventura kalt ...

Auch den Kronsyndikus? ...

Man erwartet seine Auflosung ...

Das bedaure ich! ... Ich wunschte, Sie frugen ihn nach seiner zweiten Frau, die noch in Rom leben soll ... Und ob die alten Stammers wol noch im Parke hausen? Und Bruder Hubertus werden Sie sehen auch Klingsohr

Nicht unmoglich ...

Wenn ich einmal Paula im magnetischen Schlafe sahe, wollte ich sie etwas fragen Aber es ist ja wahr Immer, wenn ich an ihr Lager trat, wissen Sie wol noch, horte die Posse auf ...

Bonaventura stand auf gluhenden Kohlen ...

Nur einmal glaubt' ich selbst, dass sie im Traum wahr sprechen konnte ... Einmal! ... Am Tage Ihrer Weihe! Warum aber auch thaten Sie ihr das!

Der bitterste, schrillste, ja ein frecher Hohn war es, mit dem Lucinde diese Worte sprach ...

Und Bonaventura nahm die Kriegserklarung auf ...

Er ergriff das Licht, ging an die Thur, die zum Corridor fuhrte, und machte die Miene, als wollt' er ihr ruhig hinausleuchten ...

Jetzt blieb Lucinde stehen und verwustete erst recht den Epheu ...

Schonen Sie diese unschuldigen Blatter! rief er ...

Lucinde liess alle Blatter, die sie gerade in der Hand hatte, zu Boden sinken und suchte Bonaventura's Auge ...

Der Priester versuchte ihren Blick auszuhalten ...

Sie starrte ihn an wie die Walkyre ...

Er stellte den Leuchter auf den Tisch zuruck, um sich aus ihrer Nahe entfernen zu konnen und ins Nebenzimmer zu gehen. Die Augen niederschlagend und sich den letzten, entscheidenden Rest von Selbstbeherrschung gebend, den er solcher Herzenshartigkeit gegenuber noch besass, hauchte er an der Thur des andern Zimmers mit erstickter, aber deutlicher Stimme:

Fraulein! Da ich so wenig uber Ihren ungluckseligen Sinn vermag, so mocht' ich ein fur allemal gebeten haben Sie suchen sich fur jeden kunftigen Fall Ihres Beichtbedurfnisses einen andern Freund Ihrer Seele !

Eine kurze todliche Pause folgte auf dies sich im Sprechen mildernde, aber doch mit dem entschlossensten Aufdrucken der Nebenthur endende kategorische Ersuchen, nie wiederzukommen und sich fur immer einen andern Beichtvater zu wahlen.

Lucinde verstand das todlich entscheidende Wort.

Bald auch machte sich ihr Seelenzustand in einem furchtbaren Ausbruch Luft ...

Kein Lachen stiess sie aus, auch kein Weinen ...

Es war ein Ton, der sich ihr, wie sie an der Thur stand, vom Herzen losriss, ohrzerreissend, von Lachen und Weinen eine Mischung, unerhort fur den Priester, der wie in Betaubung stand und sich bei alledem sagte: Jetzt oder nie! Es muss ein Ende sein! ...

Nie von ihm gesehen war auch das, was er jetzt sehen musste ...

Lucinde lag plotzlich am Boden, hingestreckt wie eine Leiche ... dicht an der Thurschwelle lag sie wie leblos ... vollig starr ... beide Arme lagen zu ihren Haupten weit ausgestreckt, ihr ganzer Korper war wie gelahmt ...

Erst wollte der zum Tod Erschrockene sich dennoch entfernen ...

Dann musste er bleiben ... Der Gedanke, dass Lucinde an einem plotzlichen Krampf erstickt ware, erfullte ihn mit Entsetzen ...

Er beugte sich zu ihr nieder, rief sie an ... ergriff ihren rechten Arm, der wie gefuhllos hing ... der Hut lag im Nacken, der Shawl war ihr von ihren Schultern geglitten ... kein Glied mehr bewegte sich ...

Erst als Bonaventura sich erhob, an den Tisch eilte, auf dem das Wasser stand, sein ganzes Taschentuch eingetaucht hatte und zuruckkehrte, um ihr die Stirn und Schlafe zu befeuchten, regte sie sich und suchte aufzustehen ...

Sie lehnte dabei seine Hulfe ab, druckte ihren Hut fest und in die Worte der Besturzung, die er sprach, hinein erhob sie ihre Stimme, faltete die Hande, blieb in ihrer knieenden Stellung und rief:

Maria! ... Ich wage es doch, dich anzublicken! ... Gib mir Kraft, mein Loos zu tragen, wie du das deinige ertrugst! ... Sieben Schwerter durchbohrten deine Mutterbrust und du sahst doch noch die Herrlichkeit deines Sohnes! ...

Dann sprang sie auf, riss ihren Hut herab, stand wie wahnsinnig, erhob den Arm und flusterte fast heiser:

Auch ich werde sie sehen! Gott hat die Zukunft meiner Liebe, das Gluck und die Lebensruhe des grausamsten aller Menschen in meine Hand gegeben! ...

Dabei bebten durch die blendenden Zahne hindurch die von ihr wiederholten Worte Bonaventura's:

"Einen andern Freund Ihrer Seele!"

Vielleicht wurde Bonaventura in einem Versuch der Aussohnung von Lucinden geschieden sein, wenn ihn die rathselhaften Worte, die sie sprach, nicht aufs neue erschreckt, der furchtbar betonte Sinn der Drohung, der in ihnen lag, nicht befremdet hatte ...

Ja, sagte sie wie geisterhaft zu dem sie Anstarrenden; das hat Gott in meine Hand gegeben! Wie Ihr Schatten werde ich Ihnen durch Ihr Leben folgen Herr von Asselyn!

Wahnsinnige! rief Bonaventura aufs neue ermuthigt ...

Ja, setzte sie fast lachend ihre Rede fort, ich bin die Ursache, dass das Grab erbrochen wurde, in dem der letzte Begleiter Ihres Vaters bestattet war ...

Bonaventura horchte auf und starrte dieser neuen Gedankenreihe ...

Ich, ich kenne den Verbrecher! Ich, ich besitze, was er im Sarge gefunden hat!

Sie Sie besitzen was ich seit jeder Stunde ?

Keine Verletzung der Beichte! unterbrach sie bitter hohnend ... Ich kenne den Verbrecher ohne Ihre Andeutung! Mir gab er, Ihnen das Gefundene einzuhandigen. Der Muth des Mannes regt sich in Ihnen? Sie glauben, mir das Geheimniss entreissen zu konnen? Suchen Sie! Mit allen Haschern der Erde ... Sie finden Ihr Lebensgeheimniss nicht ... das halte ich!

Bonaventura, in ausserster Verwirrung, sprach fast zitternd durcheinander:

Ich kenne den Hass dessen Sie fahig sind ... aber Sie durfen beruhigt sein ... durch die Gerichte werd' ich ihn nicht nahren ...

Schmeicheln Sie? Wandeln Sie dahin, wohin Sie Ihr Geschick ruft! In die Thaler, auf die Berge! Lassen Sie die Mitra auf Ihr Haupt setzen, wie Paula prophezeite ich habe das Geheimniss, Sie in jeder Stunde des Tages, in jeder der Nacht an mich zu erinnern!

Ich furchte dich nicht! Damon! Was konntest du besitzen?

Ein Bekenntniss!

Von meinem Vater? Er ist die Liebe selbst!

Nicht von Ihrem Vater!

Von meinen Angehorigen? ... Meiner Mutter?

Nicht von Ihrer Mutter!

Die Ehre meines Namens befleckt kein Bekenntniss der Erde!

Die Ehre Ihres Namens!

Die Ehre eines Angehorigen? Ha, meines Vetters Benno?

Lucinde stockte, dann sprach sie:

Auch das nicht!

Lucinde! Ich habe Sie zu allen Zeiten einen Teufel nennen horen! Sind Sie denn wirklich ein Geist der Holle ?

Ein Mann im rothen Haare sass in Ihrem Beichtstuhl! antwortete sie kalt dem fast bittenden Tone ... Er bekannte Ihnen, dass er eine Schrift in lateinischer Sprache gefunden ... Furchten Sie nicht, dass ich die Hulfe eines andern in Anspruch zu nehmen hatte, um sie zu entziffern Ich erzahlte Ihnen ja heute, von wem ich alles Latein gelernt!

In ihrer Stimme zitterte fast eine Thrane ...

Betrifft die Schrift ? fragte der Gefolterte. Aber er wusste selbst nicht mehr, in welchen Verhaltnissen er forschen sollte. Dunkel war ihm ja nur ausser dem Tode seines Vaters eine, eine geheime Stelle in seinem Innern sein Beruf !

Nichts betrifft die Schrift, was Sie hindern kann, alle Prophezeiungen von Westerhof wahr zu machen! fuhr Lucinde fort und fasste sich allmahlich. Werden Sie Bischof, Erzbischof, setzen Sie sich die dreifache Krone aufs Haupt ! Ein Wort von mir entwerthet Ihr Dasein! Ein Wort von mir nimmt Ihrem Segen die Kraft! Ein Wort von mir, und was Sie bluhend glauben, muss verwelken, was Sie fur die Ewigkeit geschaffen wahnen, muss untergehen!

Wahnsinn! Wahnsinn! rief Bonaventura ausser sich ...

Dann sprechen Sie das Wesen Ihrer Kirche aus ... erwiderte sie und wollte gehen ...

Ihrer unserer Kirche!? ... Die Urkunde hangt mit meinem Glauben zusammen?

U n s e r m Glauben! ...

Mit der Wahrheit dieses Glaubens?

Mit dem ganzen ganzen Bau der Kirche!

Ein Hohnlachen schien ringsum von den Wanden widerzuhallen ...

Bonaventura wandte sich, um sein Bewusstsein nicht zu verlieren ... Die Stirne brannte ihm ... Die zitternde Hand fuhr uber die dustern Furchen hin und wischte die Vorstellungen ab, die sich aus ihr wie leibhaft zu sammeln schienen ... Schon wieder die kaum beruhigte Seele in Aufruhr versetzt? Schon wieder eine Mahnung des Zweifels? ... Wieder das Herz im Tumult wie damals, als der rathselhafte Brief aus Italien gekommen, der ihm von Fehlern der Kirche, von Huss, Savonarola, Arnold von Brescia gesprochen?

Und wie er sich wandte, um in Gute mit Lucinden sich zu verstandigen, sogar sein hartes Wort: Sie sollten sich einen andern Beichtvater suchen! vielleicht zu mildern, mehrte sich sein Entsetzen ...

Lucinde war verschwunden ...

Die Stelle, wo sie noch eben wie eine Botin der Holle gestanden, war leer.

Das Auf- und Zugehen der Thur, nichts hatte er in seinem Schrecken und der tiefsten Verlorenheit in sich selbst vernommen ... Sie war nicht da.

Selbst, als er die Thur aufriss und in die hellerleuchteten Corridore blickte, fand er nirgends eine Spur mehr ...

Nun war alles wie ein Traum.

Seine Geister rasten ...

Wahnsinniger! riefen sie ihm ... Was trotzest du mit deiner Tugend? Was mordest du dich und andere? Trittst Bluten der Menschlichkeit mit Fussen und gewinnst nur blutige Dornen dafur? Bist du nicht ein Thor mit deinem entsagenden Herzen! Lugst du nicht selbst, indem du einem Madchen, das dich liebt, doch nur um einer andern Liebe willen kalt bist, die, verboten wie sie ist, doch in deinem Herzen thront? Thor, der du den erquickenden, berauschenden Trank der Leidenschaft nicht zu kosten wagst! Wagst? Ha, ein Schatten, ein Schatten bist du, ein Spiel der Tauschung! Ein Gedankenschemen ohne Wahrheit! Ein mit bunten Kleidern behangtes Nichts! Ein Mensch ohne Leben, ohne Zeugniss fur den Schopfer, der dir den Athem seines eigenen zeugungskraftigen Daseins in die Seele blies! ... O, ware sie geblieben, riefen die Leidenschaften in ihm fort und fort, eine Secunde noch, vielleicht ware die Maske gefallen und das Spiel, das erheuchelte, zu Ende gewesen! Der Welt hatt' ich, und wenn im Arme eines Teufels, gerufen: Unmoglich, unmoglich ist die Kirche, weil das Priesterthum unmoglich ist!

Zwischen dieser rasenden Nachwirkung einer in Liebe und Hass so gleichbestrickenden Frauenleidenschaft jammerte es tief wehmuthsvoll in ihm: Was kann sie von dir besitzen? Was wissen? Von deinem Vater? Von uns allen ?

Noch kampfte es in seinem Innern, als schon manche Mahnung wieder an seinen Beruf sich ihm naherte, manches Wort von ihm mechanisch gesprochen werden musste, Renate kam, plauderte und ihm Fragen stellte, die er beantwortete, ohne zu wissen wie ...

Dann sah er den Hauswart, sah seine Koffer holen und in den Wagen tragen, mit dem er zur Post fahren wollte ...

Abschied nahm er von Renaten, von seinem Zimmer, von seinen Buchern, von seinem zerstorten Epheu, dessen zerrissene Blatter wie seine Ideale lagen ...

Im Hof fand er den Wagen, in den er einstieg, geschmuckt mit bunten Kranzen, hoch den Sitz mit Blumen belegt ...

Er sah Manner mit Fackeln, die ihm Abschied sprachen, Frauen, die mit den Taschentuchern winkten und wehten ...

Als der Wagen durch das grosse Portal fahren wollte, umringte ihn ein Chor von Knaben, die ihn mit einem Lobgesang begrussten ...

Er erkannte die Kattendyks, seine Beichtkinder, auch Treudchen Ley, sogar im Scheine hochgehaltener vierflammiger Kirchenlaternen einen kleinen Mann, schwarz und weiss angethan, Herrn Jean Baptiste Maria Schnuphase, der eine feurige Rede hielt ...

Auch die Frau in silbernen Locken schien ihm an einem Pfeiler zu stehen und sinnend und traumerisch ihm nachzublicken ...

Ringsum offneten sich die Fenster im Hofe und die sonst so gramlichen alten Bewohner des Hauses ihm waren sie freundlich, ihm lachelten sie Abschied und frohes Wiedersehen! denn, wie Klingsohr gesagt hatte, "die gottinger Ritter des Guelphenordens fuhlten die Transfusion des jungen Blutes in ihren Adern" ...

Der junge Domherr, leichenblass, sprach der zahlreich versammelten Menge Worte des Dankes, Worte der Wehmuth ...

Was er sprach, sprechen konnte, stand mit dem Schmerz des Abschieds im Einklang ...

So kam er grussend, handwinkend auf die Post, wo er von allen Blumen nur einen kleinen Strauss zuruckbehielt und ihn in den engen Postomnibus mitnahm, der nun erst wieder auf das kleine Stuckchen schon benutzter Eisenbahn fuhr ...

Unmittelbar mit eigenem Fuhrwerk zur Eisenbahn zu fahren, war keinem gestattet, der mit der Post spater weiter wollte. Im Posthof musste man sich sammeln und dort wurden die Namen aufgerufen ... So war das Ghibellinenthum. Pracis, hochst geordnet, ganz nach dem militarischen Geiste Grutzmacher's und Schulzendorf's und wie Thiebold de Jonge bei den Freunden Piter's berichtet hatte, der Generalpostmeister (Bundestagsgesandter) sprach einst wirklich das historische Wort gegen Einfuhrung der Eisenbahnen: "Mit solchen Neuerungen hort die Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf!" ...

Benno's Kampf lag eben in diesem unvermittelten Gegensatz so vieles Hochherrlichen am Ghibellinenund so manches Hochherrlichen am Welfenthum ...

Wie sehnte sich Bonaventura nach dem Geist eines Dritten, das uber diesen Gegensatzen versohnend schwebte !

Er fuhr von dannen tief unglucklich das Rathsel der Welt im Herzen.

Ende des vierten Buches.

Funfter Band

Funftes Buch

1.

"C.M.B.

Caspar, Melchior, Balthasar.

... Diese Namen der heiligen drei Konige aus dem Morgenland schrieb die alte Zeit uber Thur und Schwelle eines jedes Christenhauses, um dem Heiland daraus eine Weihnachtskrippe zu bereiten.

Aber sie konnen noch mehr sagen, die heiligen drei

Konige aus dem Morgenland! Sie konnen euch zurufen: C.M.B.: C reuzige M eine B egierden! C hristus M ein B ekenntniss! C hristus M eine B ahn! C ommunicire M it B edacht! C abalen M ussen B rechen! C abinetsweisheit M acht B ankrott!"

In dieser harmlos zeitgemassen Weise war in der ur

alten Archipresbyteriatskirche zwischen Witoborn, Stift Heiligenkreuz und Schloss Westerhof, am heiligen Dreikonigstag gepredigt worden vor einer aus Hoch und Niedrig bestehenden Gemeinde, die auch deshalb so zahlreich vertreten war, weil alles erwartete, der von vierundzwanzig Damenhanden gefertigte Wunderteppich, die vom Doctor Laurenz Puttmeyer gezeichnete Vision der "Seherin von Westerhof", wurde heute vom Pfarrer Norbert Mullenhoff geweiht werden. Diese "Weihe" musste dem ersten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen.

Aber noch drei Wochen vergingen, bis diese heilige Handlung vollzogen werden konnte. Die Damen hatten fur den Kirchenfursten zu viel zu sticken und damit jenen Mullenhoff'schen "Bankrott aller Cabinetsweisheit" zu beweisen ...

Armgart war mit ihrem Drachen, den sie, wie Terschka an jenem Abend bei Piter Kattendyk berichtet, durch "langern Umgang lieb gewonnen hatte", fast die erste fertig und hatte sich bereits wieder in zwei "Vielliebchen" verloren, die sie fur Thiebold und Benno fertigte, eine Cigarrentasche und einen Aschenbecher ... Nur ihre ubrigen Mitfraulein im Stifte zogerten so lange mit Ablieferung ihrer Einzeltheile der grossen Arbeit, die dann Jean Tubbicke, nicht Schneidermeister, sondern man staune des Fortschritts zu Witoborn! "Maitre-tailleur" in der alten Priesterstadt und sogar der Sohn eines Messners, des alten Messners Tubbicke hier zu Sanct-Libori selbst, nach Puttmeyer's Zeichnung zusammenzunahen hatte.

Armgart sass am Dreikonigstag gleichfalls in der Kirche.

Ach, sie deutete sich diese akrostichische Nutzanwendung von C.M.B. aus dem Munde des jungen so schlagfertigen Geistlichen, der noch nicht zu lange aus dem Seminar gekommen war und schon auf zwei Pfarren fungirt und seines reformatorischen Eifers wegen zwar uberall Spectakel gehabt, aber dennoch diese hochst vortreffliche Pfarre auf den DorsteCamphausen'schen Gutern bekommen hatte, in ihrer Weise ...

Ihr sprachen Caspar Melchior Balthasar: Herr! C rone M ein B eginnen! ... Dass sie dabei "Crone" mit einem C schrieb, entsprach den Witoborner alten Gesangbuchern. Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem Standpunkte mehr von 1738 als von hundert Jahren spater. Die wunderherrlichen Gedichte der Annette von DrosteHulshoff, dieser edeln, anschauungsreichen Sangerin, die, wie Benno von Asselyn gelegentlich zum Verdruss der Tante Benigna von Ubbelohde beim Thee auf Westerhof gesagt hatte, auf dem Parnass auch das Heidekraut und die Buchweizengrutze aussaete, diese Gedichte kannte Armgart; aber mit Andacht las sie seit Kindesbeinen nur die Poesie auf den Kreuzwegstationen und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres Stiftes Heiligenkreuz. Denn dort war sie eingetreten. In der That hielt sie jetzt Markt mit ihren Naturaleinkunften (in diesem Winter freilich erst Einen eintraglichen mit zehn Schinken, zehn Wursten und zehn Speckseiten) ... Ueber ihrer Thur stand: O Libori, o Antoni, zwei Gefass der Heiligkeit, Dass wir mussen euch begrussen, heisset uns die

Schuldigkeit!

O Libori, o Antoni, steht uns bei am letzten End', Dass nicht sterben und verderben! Fuhret uns in Jesu

Hand'!

Welches ist Armgart's "Beginnen"? ... Wir konnen vorlaufig nur sagen: Noch mehr, als sie schon sonst war, ist sie Grublerin geworden. Stundenlang konnten ihre braunen Augen in die innersten Wande ihrer kleinen, ahnungsvollen Gedankenwelt zuruckschauen. Stundenlang konnte sie ihre bekannten weissen Vorderzahnchen ohne Bedeckung der schmerzlichverzogenen Lippen lassen, wenn sie uber etwas grubelte, was ihr seltsam schien. Und was erschien ihr nicht seltsam! Noch jetzt, wenn von der Erblassenschaft der Dorste'schen Besitzungen, von dem Grafen Joseph, ihrer geliebten Paula Vater, als von dem E r b l a s s e r die Rede war, konnte sie sich fragen, ob denn dies schmerzliche Wort nicht eigentlich zu sprechen ware: E r b l a s s e r und den im Tode tief Erblassenden, leichenweiss erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen sollte? Eine E r b s k e t t e nahm sie noch jetzt fur eine Kette, die man von geliebten Personen, etwa einer theuern Mutter, e r b t , nicht als Kette von Kugelchen, so gross wie Erbsen. Wenn der Onkel Lesterhof vom Untergang der westfalischen Herrschaft und von Napoleon's Sturz in Russland sprach und die Schlacht bei M o s a i s k erwahnte, traumte und grubelte sie, wie doch nur mit dieser Begebenheit das zuweilen in Kunstgesprachen und bei schonen romischen Brochen vorgekommene ahnungsvoll poetische Wort M o s a i k zusammenhangen konnte. O, schon das achtjahrige Kind liess sich nicht nehmen, dass in dem auf dem Finkenhof, einem Wirthshause in der Nahe zuweilen gesungenen Liede: "Freut euch des Lebens, weil noch das L a m p c h e n gluht!" keine Lampe, mit der ja ohnehin kein Mensch springen wurde, sondern ein springend erhitztes L a m m c h e n gemeint ware. Zwolfjahrig schon, wo sie noch nicht ahnte, dass sie selbst einst in Lindenwerth wohnen wurde, auf das jene Ritter-Toggenburg's-Sage vom angestarrten Fenster der Geliebten in Wahrheit einst gegangen sein soll, sprach sie Schiller's, aus einem Schulbuch ihr bekannt gewordenes Gedicht: "Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz!" nie anders, als: "Rittertreue, Schwesterliebe !" Druckte doch beides das ihr Schonste und Herrlichste im Leben aus: Ritterliche Treue und schwesterliche Liebe.

Drei Wochen darauf wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht. Das war ein festlicher, hoch katholischer Sonntag! ... Hier in viel rauherer Gegend, als in der Residenz des Kirchenfursten, war es zwar schon vollstandiger Winter und der Schnee lag fusshoch und darunter hatte kurz vor seinem Fallen etwas Frost alles Flach- und Hugelland mit seinen Walleinschnitten und Hecken gehartet und gefestet ... Jetzt erst recht zeigte sich die Isolirung, die hier den Charakter des Zusammenwohnens bildet ... Der Bauer auf seinem Kamp, der Junker auf seinem Hof schliesst sich ab, wie wenn dies Land, gleichfalls nach Benno's fruherer Aeusserung, ein Meer ware und seine Wohnungen Inseln oder Schiffe ... Ringsum hat jeder bei sich in nachster Nahe gleich, was er bedarf. Selbst im Bauernhause liegen sogleich mit der Viehstall und der Backofen. Den Wald opferte man nicht ganz, sondern behielt eine gute Strecke davon als Grenzmarke der Aecker. Nirgendwo findet man hier die langen Ackerfeldfurchen, die in unubersehbarer Einformigkeit nur von vollstandigen Dorfern abgelost werden. Hier ist das Dorf aufgelost in Hofe, die auch jetzt im Schnee, der scheinbar alles nivellirt, an den rauchenden Schornsteinen sichtbar sind. Man glaubt eine unterm Schnee nach allen Orten hin sich offnende unabsehbare Kraterwelt zu erblicken. Gegen Osten hin ragen einige alte Thurme auf, wie wenn sich eine Citadelle dort erhobe. Das ist Schloss Westerhof. Gegen Suden zu zeigt ein ganz buckelig geschnorkelter, mit Schiefer belegter Thurm (was man heraussehen kann, da der Schnee nicht von allen Seiten an den Rundungen festhielt) das Stift Heiligenkreuz. Und inmitten dieser grossen Rundsicht, welche Berge, Walder, Seen, die Witobach, an der das thurmreiche Witoborn liegt, mehr ahnen, als deutlich unterscheiden lasst, liegt dann am Fusse einer kleinen Anhohe die alte einst byzantinisch angelegte, jetzt hochst zopfig uberbaute Kirche von grunlichem Sandstein Sanct-Libori. In nachster Nahe gehort dazu ein Stuckchen Wald, der nur die Einfriedigung eines Kamps ist, dessen Inneres zwei stattliche moderne Hauser bilden, das des Pfarrers und das des Schullehrers von Westerhof ... Aber diese ganze Winterlandschaft ist heute belebt, wie im erwachenden Fruhling! Sieben bis acht Schlitten stehen unten vor dem Kalvarienberg des Aufgangs, davor schellenklingelnde Rosse mit langen fliegenden Decken ... Die putzigen Turkenkopfe auf den Schnabeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in der Runde an. Dazwischen die Bauern und die "Kotter" und die Knechte in Pelzkappen; die Frauen trotz der Kalte in all den wunderlichen Hauben und fliegenden Aufsatzen, die der Tracht jener Gegend eigen sind; die alten Mutterchen mit grossen weissen Kragen, die sie halb den so sehnlichst vom Adel erwarteten Barmherzigen Schwestern ahnlich machten; in der Hand der reichen Bauerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch, ein Rosenkranz am Gurtel, auf der Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen ...

Die Weihe ist endlich voruber ... In den Schnee hineinblickend musste die sich zerstreuende Gemeinde nur bunte Flecken sehen, wie wenn man in die Sonne geschaut, so prachtig war der Teppich gewesen, der vorm Hochaltar hoch an rothen Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerschein eines Fensters im Mailander Dom. Violett und gelb und blau und rubinroth strahlten die bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem auch dazu gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsschimmer prachtig erleuchtet. Norbert Mullenhoff predigte in seiner jungkatholischen Weise. Wieder knupfte er an Caspar Melchior Balthasar an und sagte, die wilden Thiere des Teppichs da, die waren auch in dem Land heimisch, von wannen jene Morgenlandskonige gekommen. Dann schilderte er diese Morgenlandskonige gelegentlich im Gegensatz zu den Abendlandskonigen. Jene waren theilweise, sagte er, schwarz von aussen, diese sind nicht selten schwarz von innen. Jene brachten dem Heiland kostliche Geschenke, diese beraubten nicht selten den Heiland noch und bestohlen ihn und plunderten ihm das Stroh aus seiner durftigen armen Krippe, der Kirche. Jene hatten sich auf einen einzigen Stern am Himmel verlassen, diese ertheilten Hunderte von Sternen auf die Brust ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der Irre. Dann sagte der Redner: Auch der Pfau, der den heiligen Liborius geleitet hatte, ware ein solcher himmlischer Stern gewesen! Man sollte doch nur Hinblicken auf sein geschwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe funkelte! Zwolf Augen sassen in dem Rand des Rades und hatten gewacht uber den Weg, den der Heilige damals durch die Heiden hindurch hatte nehmen mussen, um gerade hieher nach Westerhof zu kommen, wohin ihn seine ganze Sehnsucht zog! Jetzt musste freilich die Kirche, um wie dieser Heilige durch alles noch herrschende Heidenthum hindurchzukommen, viel kleinere und bescheidenere Vogel zu Fuhrern wahlen, leider vor allem nur die schuchterne Taube. Glucklicherweise ware diese aber denn auch nichts Kleineres, als eben der Heilige Geist selbst. Und so wollten auch sie, zaghaft und schuchtern, die gute Sache des ewigen Gottes und seiner Heiligen in dieser Welt der Gewalt vertreten, wollten flicken an den Schaden, so gut es ginge mit Menschenkraft, wollten die Kirche ausbauen, wo sie allzu schadhaft wurde; denn die Kirche Gottes, sagte er mit einem jetzt etwas sonderbar blinzelnden Blick auf den Dorste'schen Kirchenstuhl auf dem Chore ihm gerade gegenuber, die ist nicht byzantinisch, nicht gothisch, nicht Renaissance, nicht Rococo gebaut, sondern einfach blos felsenfest! Das hat Sanct-Paulus bereits den Korinthern anzuhoren gegeben, fuhr er fort, die sich auf ihre Saulenknaufe und Saulenordnungen bekanntlich so viel eingebildet! Warum wurde sonst Sanct-Paulus gerade in der zweiten Epistel an die K o r i n t h e r Kapitel 5 uber das wahre christliche Bauwesen seine Meinung abgegeben haben?

Aufrichtig gestanden, diese Bemerkungen des Pfarrers waren Anzuglichkeiten. Aber man war dergleichen an dem jungen, frischen, noch ganz studentisch aussehenden Mann von etwa dreissig Jahren in der Gegend schon gewohnt. In dem graflichen Stuhl im Emporchor verstand man sehr wohl, was gemeint war mit dem Blick auf Terschka, auf Levinus von Hulleshoven, Armgart's Onkel, der die Dorste'schen Guter verwaltete ...

Und trotz des feierlichen Tages, war das erste Wort, das Norbert Mullenhoff nun in der Sakristei, mit beiden Armen sich zum Erwarmen auf die Schultern schlagend, sprach:

Nein hier eine wahre Hundskalte das!

Zahneklappernd trat er an einen in der Sakristei stehenden eisernen Ofen, der auf drei Schritte allerdings eine Gluhhitze verbreitete, aber nicht den ubrigen Raum erwarmte. Das Rohr entliess den Dampf durch eines der grossen Rundfenster ...

Ich sagt' es ja gleich, Herr Pfarrer! Die neue Thur, die Sie durchaus durchgebrochen haben wollten begann der alte Messner Tubbicke, Vater des maitretailleur ...

Schweigen Sie! sagte der Geistliche und entkleidete sich ...

Der Messner war ein alter hagerer Mann mit einer rothen Flachsperruke. In seinem langen rothen Rock sah er selbst wie einer der auf den Dorfern wandelnden heiligen drei Konige aus, die mit ihrem: Wir sind die Konige aus Morgenland, ho, je! an den Thuren bettelten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die lange Lichtputze, mit der er in der sich nun entleerenden Kirche die Altarkerzen ausloschen wollte ...

Wirklich, Herr Pfarrer, diese neue Thur, die sonst nicht da war begann Tubbicke aufs neue ...

Wollen Sie wol schweigen! wiederholte Mullenhoff aufstampfend und zog sich seine Messkleider aus. Ein fur allemal, Tubbicke, rief er dem Alten nach, wenn ich vom Allerheiligsten komme oder von der Kanzel herab, so sollen Sie mich nicht eher anreden, bis ich Sie gefragt habe!

Gut, gut, gut! antwortete der Alte brummend und kopfschuttelnd uber seinen neuen Vorgesetzten ... der fur sich weniger malicios, als sozusagen eher burschikos fortbrummte:

Diese Sucht von den Messnern, uberall mit uns umzugehen, als wenn der ganze Gottesdienst ein blosser Spass gewesen ware! Schon wie die Barbiere kommen sie des Morgens zu Gott und kramen in der Sakristei ihre Neuigkeiten aus!

Nun pfiff sich sogar Mullenhoff eine leichte Weise und genoss im Stillen seinen Triumph, in die Predigt hinein eine Ruge des graflichen Bauwesens eingeflochten zu haben ...

Tubbicke kam zuruck ...

Tubbicke! sagte der Pfarrer, etwas versohnlicher gestimmt. Dass wir uns so wenig verstehen!

Sechsundsiebzig! war die Antwort ...

Ja, Tubbicke, Sie sollten sich einen Beistand halten! Wenn Ihr Sohn nicht in Witoborn maitre-tailleur ware Schande, Schande auch uber diese neubackene Aefferei!

Ei, mein Sohn war in Paris, Herr Pfarrer!

Deshalb will er kein deutscher Ziegenbock mehr sein? Es ist ja wahr! Er tragt einen Bart, der Kerl, so lang wie ein Kameel!

Herr Pfarrer, junge Leute

Vierzig Jahre alt ist der communistische Mucker! Tubbicke, Tubbicke! Ich hore, dass Ihr maitre-tailleur auf dem Finkenhof verkehrt! Ich sage Ihnen, rathen Sie ihm Gutes! Der Finkenhof und alles, was wir hierorts von Sodom und Gomorrha noch im Nest haben, hat an mir einen schlimmen Aufpasser! Warten Sie ab! Sitzt auch noch der Kirchenfurst in Ketten und Banden, der Sieg ist unser! Wir haben unsere Kraft fuhlen gelernt! Nun muss es von Grund aus in Na, ich denke doch, sagte Tubbicke, der Herr ArBald darauf hielt denn auch wirklich der Archipres

weissagt

v o n

sein

L u t h e r b i s T u c h o l s k y

L e i d e n " gab die Veranlassung zu diesem Thema, das Bonaventura sonst wol vermieden hatte. Er m u ss t e daruber predigen. Er sagte, wir wussten alle selbst unser kunftiges Schicksal, wenn wir uns nur mehr gewohnten in Gott zu leben, d.h. auf die innere Stimme in uns selbst zu horen.

Auch nach diesem ersten Gottesdienste und wahrend Bonaventura (wie sich wol denken lasst) tief schweigsam und von seinen neuen Eindrucken erschuttert in der Sakristei sich entkleidete und ringsum die Bevolkerung aufgeregt, urtheilend, vergleichend, erwartungsvoll sich zerstreute, polterte Mullenhoff, der gewissermassen nur Bonaventura's Vicar war, wieder uber die baulichen Grillen des Barons Levinus ...

Fur sein chemisches Laboratorium weiss er nicht genug Geld auszugeben! sagte er. Ja, Herr von Asselyn, melden Sie ihm das! Diese Thur hier muss neu gebaut werden! Es ist wahr, ich habe sie verlangt, aber sehen Sie nur, wie der Schnee hereinfegt! Eine Doppelthur muss es sein! Und uberhaupt, was hoff' ich nicht alles von Ihnen!

Bonaventura verstand kaum etwas von Tubbicke's dienstgefalliger Erlauterung ... Fruher war die Sakristei ohne eigenen Eingang gewesen. Der Pfarrer musste durch die Kirche gehen. Mullenhoff hatte erst eine Thur durchbrechen lassen. Nun lag sie ihm doch dem Wind und dem Wetter zu offen ausgesetzt ...

Als noch der Eingang durchs Schiff war, hat hier ein Cardinal celebrirt ! ausserte Tubbicke ...

Schweigen Sie! bedeutete Norbert und reichte dem Domherrn eine Prise ...

Tubbicke ging auch heute wieder in die Kirche, um die Lichter zu loschen ...

Mullenhoff sprach hinter ihm her:

Nicht wahr, der Meinung sind Sie doch auch, Domherr? Malt muss das Reinigen der Kirche mit dem Nachsten anfangen, was nur unser Kehrbesen trifft! Dieser Tubbicke ist wie die Messner sammtlich sind! Ich sagte ihm schon neulich: Tubbicke, sitzt das Wachs noch nachsten Freitag an den Leuchtern auf der Epistelseite, so nehm' ich mit eigner Hand vor dem Introito ein Tuch und putze die heiligen Gefasse selbst vor der ganzen Gemeinde rein!

Bonaventura, in tiefen Gedanken, lachelte und sprach:

Dann konnen Sie ja mit dem Apostel sagen: Es sind Gefasse des Zorns!

Bonaventura sah am alten Tubbicke, er hatte die gewohnliche Krankheit der Kirchendiener (wie auch Lucindens Vater als Schulmeister), sich mit dem lieben Gott auf einem ganz besonders kameradschaftlichen Fusse zu wissen. Auch Tubbicke war wie ein alter guter Kammerdiener der Heiligen. Die Livree der Mutter Gottes trug er, wie wenn er die hohe Frau einst als Kind auf seinen Knieen geschaukelt hatte. Christus war ihm fast wie der "junge Herr" in seiner Himmelsfamilie und die wechselnden Geistlichen waren ihm nur neuangeworbene Hofmeister, die manches gar nicht in der Weise verstanden, wie die Tradition des hochgraflich himmlischen Hofstaats es mit sich brachte. Das war nun gerade der Anstoss, den Mullenhoff nahm. Ich glaube, Sie dunken sich wol einen Liturgiker, hatte er dem Alten gleich nach seiner ersten Messe gesagt, als dieser ihm bemerken wollte, dass seit neun Jahrhunderten in der Liborikirche die Communicanten erst dann knieeten, wenn sie an die Communicantenbank kamen, vorher durften sie stehen. Nach Mullenhoff mussten sie g l e i c h knieen und zwar u t r o q u e genu! wie er donnerte. Und von dem Tage an, wo Tubbicke sich bei wiederholter Anfechtung seiner alten Art, die Glaubigen zu ordnen und zu scharen und bei erneuetem Rufe: Utroque genu! die Bemerkung erlaubt hatte: Na, Herr Pfarrer, Sie werden sehen, dass die Bauern sich beklagen, weil die Jungens auf die Art zu viel Hosen zerreissen! da war offene Fehde zwischen beiden. Tubbicke vertheidigte das alte Herkommen und die Schwache aller Creatur, Mullenhoff aber das Gesetz, den hochheiligsten Buchstaben und die neukatholische Reform.

Bonaventura musste zuletzt sogar des erneuerten Streites lachen. Als wenn Tubbicke alle gegen ihn in seiner Abwesenheit erhobenen Anklagen gehort hatte, brachte er den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn stumm seinem Vorgesetzten, drehte ihn vor den Augen desselben rundum und schloss ihn ebenso schweigsam in einen Schrank.

Mullenhoff hatte darauf seinen langen wattirten Winterrock angezogen und den Hut aufgesetzt ... Einen Stock, den er sonst trug, hatte er sich vor seinem Dechanten geloben mussen abzulegen, weil schon vorgekommen war, dass er bei Vorwurfen, die er zufallig ihm im Felde Begegnenden machte, ihn zur Unterstutzung benutzte. Bonaventura hullte sich in einen Pelz. Auf ihn wartete ein Schlitten, der ihn nach Schloss Westerhof bringen sollte, wo er taglich zu Mittag speiste.

Als Tubbicke die neue Thur aufschloss und den Schnee wegstiess, bat Mullenhoff seinen Vorgesetzten:

Herr von Asselyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von Hulleshoven, dass ich auch meinen eigenen Eingang haben muss in die Hofkapelle auf dem Schloss!

Herr Domherr, ein Eingang ist in die Hofkapelle, erlauterte Tubbicke; aber er fuhrt durch andere, verschlossene und hochst wichtige Zimmer

Ein durchbohrend strafender Blick Mullenhoff's verwies ihn zum Schweigen ...

Ich will die Schlussel zu diesen Zimmern haben! sagte er zu Bonaventura mit scharfer Bestimmtheit.

Herr Pfarrer, dieser Eingang fuhrt erst durch die Bibliothek und durch das Archiv! Der Baron hat ja nichts davon horen wollen ...

Mullenhoff beherrschte sich ...

Ich will, sprach er wie mit einem Martyrerblick auf Tubbicke und jedes Wort betonend, ich will auch in die Sakristei der Schlosskirche meinen eigenen Eingang haben! Wenn dieser durch das Archiv fuhrt, so gebuhrt mir um so mehr ein Schlussel zu demselben, als die Urkunden und Kirchenbucher der Pastorei gleichfalls in demselben aufbewahrt werden!

Der Patron ist, soviel ich weiss, dafur verantwortlich! sagte Bonaventura.

Seit neun Jahrhunderten! setzte Tubbicke hinzu ...

Schweigen Sie! brach Mullenhoff jetzt aus mit kindlich gemassigter Stimme aber, als furchtete er, zum blutdurstigen Tiger zu werden, fuhr er zu Bonaventura gewandt fort:

Ich bitte, Herr von Asselyn! Es ist mir nicht angenehm, in meiner burgerlichen Tracht erst durch die Kirche zu gehen und dann hinterm Altar erst Toilette zu machen. Ich will, dass die Gemeinde, auch selbst die vornehmste, mich gleich nur in meinen Priestergewandern sieht. Der Schlussel zum Archiv soll von mir wie ein Heiligthum verwahrt werden.

Bonaventura setzte sich mit dem Versprechen in den Schlitten, die Sache nach Wunsch zu ordnen, wenn es irgend thunlich ware ... Noch standen Menschen draussen, die den so lange Erwarteten noch einmal sehen wollten ... Mit einem Blick des Neides sah ihm Mullenhoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies die Umstehenden, sich nun nicht langer aufzuhalten.

Norbert Mullenhoff war ein noch zelotischerer Geistlicher als Beda Hunnius. Dieser hatte in seinem reformatorischen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf mit der Protestantischen Welt vor Augen, jener gehorte schon ganz den jungen Geistlichen der Michahelles'schen Richtung an, die in Allem eine Wiederherstellung des alten kirchlichen Lebens wagten und die Axt nicht blos an die Zweige, sondern an die Wurzel selbst legen wollten. Norbert Mullenhoff war ein Priester im Geist des Kirchenfursten. Ein Bauernsohn, zeigte er die ganze Kraft, Energie und Selbstgenuge, wie sie hier zu Lande den Nachkommen der alten Sachsen eigen ist. Sein Aeusseres druckte einen ursprunglichen Beruf zur Thatigkeit, zum Krieger, Geschaftsmann, Arbeiter auf einem Felde des muthigen Bewahrens aus; aber trotz seiner gewolbten Brust, seiner Stimme wie ein Lowe, war er zum Geistlichen bestimmt worden, wie bei diesen Bauern Sitte ist, die selbst bei Vermogen nicht unterlassen konnen, eines ihrer Kinder der Kirche zu weihen. Zwar machte Norbert den ganzen Weg, der in diesem Falle Herkommen ist, durch Stipendien, Freitische, Freibucher, Freiwohnungen hindurch, nahm dies aber alles wie etwas, was sich von selbst verstand. Die Priesterweihe gibt einer solchen Natur ein Bewusstsein, als ware sie gefeit gegen alle Anfechtung der Welt. Aus diesem levitischen Stolz heraus fing die Zeit uberall an ihre Kirchenreformen zu befordern. Aus den jesuitisch geleiteten Seminaren kommen die jungern Geistlichen wie endlich losgelassene junge Streitstiere. Sie bohren die Erde auf mit ihren Hornern, rennen im Kreise rundum und scheuen den Kampf mit Konigen und Kaisern nicht. Leider gehoren zu denen, vor denen sie keine Furcht haben, auch die Konige und Kaiser des Denkens und der Wissenschaft. Norbert Mullenhoff war als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in Witoborn, jetzt hier als Pfarrer zu Sanct-Libori, wie Beda Hunnius, nicht nur im Stande, von einer "hundsfottischen Art" zu sprechen, den lieben Herr Gott beim Benetzen der Brust mit Weihwasser um das Symbol des eigenen demuthigen Kreuztragens zu "betrugen", indem man nur zwei "zimpferliche, schandbare Punktchen" machte, statt sich das ewige "Stigma des Heils" und "die Signatur der Erlosung" mit zwei "grundlichen Querbalken" auf die Brust zu drukken ... er verwarf Poesie und alle Zauber der Bildung. Er verwunschte "die Niedertracht der Sentimentalitat", sprach von einem nur um unserer gnadenreichen Gottesmutter willen zu duldenden "Weibsvolk", donnerte gegen den "vornehmen Kirchenpobel", der wahrend der Messe nicht knieen wollte oder, wenn er knieete, nur so eine leise Andeutung machte, als ware "Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht", vor der eine hofliche Verneigung genuge. "O diese kniesteifen Heiden!" rief er dann wol, wieder zu den Bauern zurucklenkend, aus; "man sollte sie nur sehen, wenn sie Kegel schieben und dabei die Beine wie mit Oel geschmiert ausgratschen konnen dass dich! als hatten sie's von den Possenreissern gelernt auf dem Liborimarkt zu Witoborn!" Sanft und lieblich und wie mit Lerchentrillern aufsteigend schilderte er dann wieder ein wahrhaft frommes Leben, das alle Ceremonien wie ein gutgeartetes Kind mitmachte; aber gleich schlug er wieder mit Hammern drein, wenn es "klapperdurren Vorurtheilen" galt oder "fadenscheinigem Tagesruhm". Wie der heilige Augustinus sagte er: "Die Menschen lieb' ich, aber ihre Irrthumer schlag' ich t o d t !" eine Procedur, gegen welche selbst Onkel Levinus im Abendgesprach auf Schloss Westerhof geltend machte, dass der Herr Pfarrer auf die Art denn doch wol auch manchmal in die Lage jenes Baren kommen konnte, der auf der Stirn seines schlummernden Herrn die storende Fliege mit einem schweren Steine und somit ihn selbst erschlug.

Mussen Sie sich denn ewig in alles mischen? fuhr jetzt Mullenhoff heraus zu dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und demselben Hause wohnte ...

Es wurde, da Tubbicke zu erwidern liebte, unfehlbar zu lebhafterer Discussion gekommen sein, wenn nicht eben aus den kahlen, schneegepuderten Gebuschen jemand herausgetreten ware, der, halb dem davonfliegenden Schlitten nachschielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden hoflich begrussend, mit scheuer Unterwurfigkeit einen Brief in die Hohe gehalten hatte, den sofort der Pfarrer ergriff ...

Der Fremde sprach mit etwas fremdartigem Accent:

Erlaubnis, Herr !

Er deutete auf den Alten, dem der Brief bestimmt war ...

Mullenhoff las die Aufschrift und gab den Brief an Tubbicke ...

Er musterte schon den Fremden von oben bis unten ...

Von Ihrem Herrn Sohn in Witoborn wenn ich die Ehre habe Herrn Tubbicke ? sprach dieser mit einer eigenthumlichen Betonung ...

Mullenhoff ging weiter und murmelte:

Aha! Vom maitre-tailleur !

Auch die andern schritten, sich ihm anschliessend, dein Pfarrhause zu und der Messner suchte mit den Worten: Von meinem Sohn? Was ist denn nur? Was soll es denn? eifrigst nach seiner Brille ...

Ich werde lesen! wandte sich Mullenhoff und erbot sich, den Inhalt mitzutheilen, da Tubbicke nicht sofort die Brille finden konnte ...

Bitte, Herr Pfarrer sagte dieser zogernd ...

Einige Raben krachzten, flogen auf und schuttelten den Schnee von den Zweigen, auf denen sie gesessen hatten, und gerade auf den Brief ...

"Liber Vater!" las schon Mullenhoff und unterbrach sich sofort: Schreibt der Kerl "Lieber" ohne E! "Lieber Vater! Dieser uberbringer" "Ueberbringer" klein! "ist ein guter Freund zu mir!" "Zu mir"! Das ist wol ein Ueberbleibsel aus Paris? "Es ist ein gelernter Friseur" Sieh! Sieh! Das Wort schreibt er richtig! "und sucht ein Enkagement" Heidengugguck! Der Franzos! "wo moglich bei grossen herrschaften als Bedienter" Klein die "Herrschaften", obgleich er sie "gross" nennt; Bedienter gross! Reiner Communismus! "Lieber vater" Sanct-Libori! Was ist hier das Schulwesen vernachlassigt! "Konnten Sie es machen, so recom man " Brich dir den Hals nicht! "tiren Sie ihn auf das Schloss" als La La Lagay! ... Geyer! Als Lakai! ... "Tante Schmeling" Aha! "Lasst grussen und sorgen Sie doch bei Dem Sie wissen schon von wegen!" Das bin ich? "Fanchon ist recht krank, wenn's nur nichts auf sich hat" Wer ist Fanchon? Eine Hundin, die geworfen hat von wegen der Schmeling ?

Jesus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen!

Ist Fanchon krank? wandte er sich zu dem Ueberbringer ...

Dieser war theils mit gespanntester Aufmerksamkeit der Vorlesung des Briefes, theils den Zwischenreden des gestrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand sich nicht sogleich zurecht ...

Mein Herzblattchen?! Steht denn nichts weiter im Briefe, Herr Pfarrer? ... rief Tubbicke ...

Fanchon! Fanchon! Hat den Namen hier ein christlicher Pfarrer gegeben?

Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind ist mein Augapfel!

Der Fremde, der einen wassergrunen Winterrock von langhaarigem Flaus trug, eine tief in die Augen gedruckte Pelzkappe, einen rothen Shawl um den Hals geschlungen, Pelzhandschuhe und Filzuberschuhe an den Fussen, gab die Auskunft, dass er eigentlich auf einer Reise nach Polen begriffen ware, aber gern auch hier bleiben wurde, wenn er Condition finden konnte Herr Tubbicke ware eine alte Bekanntschaft von ihm aus Paris er hatte ihm seine Fursprache empfohlen fur die Herrschaft auf dem Schlosse er konne "frisir", sprache franzosisch, konne auch Pferde "dressir'" Fanchon hatte sich erkaltet, lage im Bette aber Madame Schmeling hatte gesagt, dass es nichts auf sich hatte ...

Doctert die also auch, die holdwertheste! liess Mullenhoff einfallen ...

Schon war er weiter voraus, wahrend der alte Tubbicke seinem Schutzbefohlenen still die Schulter klopfte und das Seinige zu thun versprach, ihn auf dem Schlosse zu empfehlen ...

Frau Schmeling aber war eine Landhebamme, mit der Mullenhoff gleichfalls im offenen Kriege lebte. Die Frau war an sich die Religiositat selbst. Sie vertheilte Bilder, Amulette und Rosenkranze zur Unterstutzung aller der Zustande, die auf ihre Hulfe angewiesen waren; sie rieth jedem, zur heiligen Barbara zu beten wahrend eines Gewitters, zu Sanct-Florian und Sanct-Antonius gegen Feuer, zu Antonius II. gegen Wasser, zum heiligen Dionysius gegen Kopfschmerzen, zum heiligen Blasius gegen steifen Hals, zur heiligen Lucia gegen Augenleiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen, zum heiligen Dominicus gegen Fiebersfrost, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreissenden und ihre Gebarenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebarzte im Himmel den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus, aller der Marienbilder nicht zu gedenken, die unter jenem alten Gemauer, in dieser alten blitzzerschlagenen Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft fur die wichtigsten Vorkommnisse im Frauenleben hatten und durch ein "gestiftetes" Lichtchen gerade ebenso zu sympathetischen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goethe lebende Bildung sich manchmal auch mit Sympathie die Rose vertreiben lasst. Alles, was nur zum christlichen Heidenthume gehorte, war in uppigster Blute bei Frau Schmeling und todt zu schlagen hatte sie angerathen jeden Ketzer, der bei einer Procession vor dem hochwurdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen. Aber uber alle diese Dammerungszustande fehlte der Frau, wie der ganzen Bevolkerung, das theoretische, klare, formelle Bewusstsein. Sie meinte, trotz aller Aves und Rosenkranze liesse sich die Lust am Leben lieben. Die jungen Bursche hier ringsum, stattlichen Aussehens, waren drei Jahre im Kriegsheere gewesen und brachten frohliche Welt, Leben und Lebenlassen heim. Nun sollten auf Mullenhoff's und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Junglingsbund und ein Jungfrauenbund gestiftet werden und sich alles verpflichten, nicht zu fluchen, nicht zu trinken, nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu besuchen. Da war Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden. Ohne den Finkenhof gibt es keine Geburten mehr! fuhr sie Mullenhoff an, als sie gelegentlich von einer Nothtaufe, die sie verrichtet hatte an einem sterbenden Kinde, Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte, dass die Musikanten auch Menschen waren und auch etwas verdienen mussten. Ja sie liess sich bei ihren sechzig Jahren nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und mit "sittenlosem Weibsbild" tractiren. Sie sagte, dass es Familienvater genug gabe, die ihren Sohnen lieber statt Taschengeld die Erlaubniss ertheilten, sich's im Kegelspiel selbst zu verdienen, genug Familienmutter, die mit sechs bis sieben stattlichen Tochtern gesegnet waren und den Tanzboden fur die beste Gelegenheit halten m u ss t e n , sie loszuwerden ... Von dieser Frau konnte Mullenhoff nichts horen, ohne im hochsten Grade gereizt zu werden.

Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten, als der alte Tubbicke schon mit einer der Magde, die fur ihn und den Pfarrer sorgten, daruber einverstanden war, dass der Freund seines Sohnes vorlaufig gleich zu Mittag bleiben sollte ...

Mullenhoff fand Briefschaften vor und liess den Ankommling ausser Acht ...

Es war dies aber ein williger Mann, dieser Herr Dionysius Schneid aus Strasburg, der sich jeder Arbeit unterzog. Einen Beistand bedurften der alte Tubbicke und die Kathrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloss, sondern hier in seinem geistlichen Hause von Sanct-Libori oben im ersten Stock; zu den jetzt doppelt nothwendigen Hulfsleistungen fehlten die Hande ... Aber war auch der Herr Dionysius Schneid schon etwas steif und schwerfallig, so war er doch keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schlosses fur die Pferde oder im Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur Hulfe in der Kuche oder selbst zur Pflege einer herrschaftlichen Garderobe ja er wurde zuletzt auf das Schloss empfohlen und dort wirklich angenommen.

Wenn auch fur Westerhof grosse Veranderungen bevorstanden, an Leben und Bewegung fehlte es nicht, und besonders da gerade jetzt, an demselben Sonntage, nach der Heimfahrt von der Kirche, alle Herrschaften, die in der Kirche gewesen waren, von der wenn auch nicht uberraschenden, doch gerade fur Schloss Westerhof nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden, dass in verwichener Nacht der Onkel der Comtesse Paula, der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof, gestorben war.

2.

Am Mittwoch nach diesem Sonntag Quinquagesima war es, als die stille kalte Winterluft auf Meilen in der Runde von leisen Klagetonen erzitterte ...

Der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof sollte gegen Mittag begraben werden ... Die Glocken aller Kirchen ringsum waren an diesem Trauertage betheiligt ...

Denn welchem Heiligen, welchem Altar war nicht eine Spende zugeflossen von Schloss Neuhof herab in den letzten Lebensjahren seines Besitzers?

Der alte lange klapperdurre Herr hatte die wunderderliche Grille gehabt zu glauben, dass er im Leben jedermann beleidigt hatte. Er trachtete danach, sich vor seinem Tode auch mit jedermann auszusohnen. Tage lang stand er oben in den Bergen an den Fenstern seines hochherrlichen Schlosses Neuhof, winkte den Vorubergehenden und warf ihnen blanke Thaler hinunter, nur damit sie sagen sollten: Ganz gehorsamsten Dank, Excellenz! Schon lange waren Wachter bestellt, die seiner Verschwendung Einhalt thun mussten. Es kam vor, dass die Fenster vernagelt wurden, wenn er zu heftig rief: Das ist ja Jerome's Testament! Leute, so lasst doch meinem Sohn seinen Willen! Ich hab's ihm vom Seinigen zu geben versprechen mussen, schon damals, als er die Bachstelze nicht heirathen konnte ! Die Lisabeth allein, die noch immer oben war, konnte ihn begutigen. Sie gab ihm die Versicherung, die Bachstelze liefe ja schon langst in der Welt mit andern ... Dann nahm er sich zusammen ... Er wurde zuweilen so ruhig, dass man ihm seine Freude gewahren konnte, eine Staatskutsche anspannen zu lassen, vier Pferde davor, Kutscher und Vorreiter in Galalivree, und so hinauszufahren in die Gegend. Alle seine Orden trug er dann, sass am offenen Schlage und nickte jedem. Fuhr man durch den Dusternbrook, an der Eiche voruber, wo er den Deichgrafen erstochen hatte, nach Kloster Himmelpfort, wo er einst Klingsohrn untergebracht, nach Schloss Westerhof, wo er ehedem der Beherrscher aller Verhaltnisse, Vormund Paula's gewesen war, durch Witoborn, wo der Rittmeister von Enkefuss an seinen Schlag trat und ihm so lange von den Flohen seines Pudels sprach, bis der Sohn des Kronsyndikus, der Prasident, zuletzt seine ganze Verschuldung arrangirte: so lachte zwar jedermann, aber der vornehme, alte, weisshaarige Herr mit den riesigen Augenbrauen nahm alles fur Wohlwollen, grusste und griff in die Tasche, um auch die Freundlichkeiten zu bezahlen. Er glaubte durch Geld alles machen zu konnen. Seine Wachter nahmen ihm das Geld ab und erklarten, es spater berichtigen zu wollen, womit er sich auch zufrieden gab. Von seiner Vergangenheit erschreckte ihn nichts. Er konnte im Dusternbrook die alte im Absterben begriffene Eiche sehen, an der sein Opfer niedergesunken war, und blieb sich in seiner immer zufriedenen Haltung gleich. Das Gedachtniss verliess ihn fast ganzlich. Wenn es da und dort in voller Helle noch dies und jenes Vergangene beleuchtete, knupfte er Handlungen daran, die mit den Verhaltnissen in keinem Zusammenhange standen. So erkannte er vollkommen wieder jenen Pfarrer von Eibendorf, Herrn Huber, der nach Witoborn als Pfarrer der dortigen kleinen, aber gut dotirten evangelischen Gemeinde versetzt war. Bei diesem liess er oft seinen Vierspanner vorm Hause halten, liess sich von den Kindern, wenn Herr Huber selbst nicht da war, die Harmonica spielen, die seinen Sohn Jerome so oft beruhigt hatte, fragte sogar Madame Huber nach der Bachstelze und ubergab kurz vor seinem Tode dem Pfarrer ein Testament mit dem heimlichen Bedeuten, es ware seine wahre letzte Willensmeinung und nach seinem Tode durfte nichts anderes vollzogen werden, als was er in diesen Blattern niedergeschrieben hatte. Er ertheilte darin Pensionen an alle Welt, ja an Namen, die schon lange in seiner Gegenwart niemand mehr nannte. So an den Bruder Hubertus, "meinen ehemaligen Jager, obgleich er mir viel Wild gestohlen", jahrlich 10000 Thaler; an Dr. Klingsohr, "wenn er exemplarisch lebt und seiner Mutter Ehre macht, ein fur allemal 100000 Thaler"; an eine gewisse Lucinde Schwarz, "aus der Familie derer, die das Pulver erfunden haben", "alle Kleider von meinen ehemaligen Maitressen, wenn sie dieselben in der Komodie brauchen kann"; an den Musikus Stammer "das Gnadenbrot und eine ehrenvolle Versorgung, wenn er sammtliche Kinder von mir anstandig erziehen und unterrichten will"; ... dem Kufer Stephan Lengenich "geb' ich 100000 Thaler, unter der Bedingung, dass er die Lisabeth heirathet und die Hochzeit auf dem Finkenhof ausgerichtet wird, wo ich alles freihalten werde" ... "Anspruche meiner zweiten Frau erkenn' ich nicht an; auch wenn sie heiliggesprochen werden sollte" "ihre Kinder soll Leo Perl erziehen, aber wehe ihm, wenn er sie beschneiden lasst. Mein Freund, der Dechant von Asselyn burgt mir dafur. Die Pension seiner Schwagerin, der Buschbeck, kann dafur verdoppelt werden" ... "Meine Dosen und Bilder vermach' ich meinem Freunde dem Dechanten Asselyn, aber ich wunsche, dass er weniger mit Juden, als mit Heiligen umgeht" ... "Seinem Bedienten Windhack hat er auf jeden Stern im Himmel in meinem Namen einen Thaler zu legen, was Freiherrlich Wittekind'sche Kameralverwaltung berichtigen wird."

Pfarrer Huber schickte dies verworrene Geschreibsel an den Sohn des Testators und Universalerben, den Prasidenten ...

Die Untersuchung uber die Ermordung des Deichgrafen war ein Jahr lang auf falscher Fahrte gefuhrt worden. Eine energische, gegen den Kronsyndikus gerichtete Wiederaufnahme hinderte die mannichfach vertheilte Gerichtsbarkeit des hier einschlagenden, an mehrere Souveranetaten vertheilten Terrains. Zuletzt trat der Geisteszustand des Schuldigen jeder Feststellung eines sichern Urtheils entgegen. Im Volke stand die Thaterschaft des Kronsyndikus fest und Sagen gingen genug von einem Galgenrade, das er auf seinem Boden hatte aufstellen mussen, von einem Strick, den ihm der Konig unter seinem Ordensbande um den Hals zu tragen befohlen, von Geisterspuk und mitternachtigem Grauen aller Art. Der ringswohnende Adel ignorirte etwas nicht Erwiesenes; aber auch ohnehin war der Umgang mit dem schon lange gekennzeichneten Manne seit Jahren abgebrochen. Bei alledem fehlte, des Prasidenten und der Verwandtschaft mit den Dorstes wegen, nicht ein ausserer Antheil an dem Leichenbegangnisse. Der Kronsyndikus wurde im Familienbegrabniss der reichen Klosterkirche Himmelpfort beigesetzt. Dem Trauerzuge, der ihn von Schloss Neuhof abholen sollte, wohnte der Adel der Umgegend bei. Die Frauen, vorzugsweise die Damen des Stiftes Heiligenkreuz und die weiblichen Bewohner des Schlosses Westerhof, horten gleichzeitig eine Todtenmesse, die in Sanct-Libori gehalten wurde. Das unausgesprochene, aber laute Geheimniss uber diesen wilden Nachbar lag seit Jahren schwer und druckend auf allen Gemuthern und wohl empfand man mit athemloser Beklemmung, wie ein einziger Mensch so einen ganzen Landstrich und tausend Herzen in Beunruhigung hatte versetzen konnen. Im Mittelalter war alles das gewohnlich. Auch jetzt noch hatte man ein Gefuhl, dass im Lutterberge, dem Fegfeuer des dortigen Adels, eine Seele vergebens auf Erlosung harrte. Nach Armgart's uns bekannten Zeichnungen flog hier ein geflugeltes Kreuz im Gottesherzen nicht aufwarts, den Flammen der gottlichen Liebe zu, sondern kopfuber geradeswegs zur Holle.

Da ein ganzer Volksstrom zum Gebirge hinaus war, um dem prachtigen, von den Franciscanern begleiteten Leichenconduct beizuwohnen, so war die Kirche nur wenig besucht und ausschliesslich von der vornehmen Welt. Zu dieser Sphare stand Norbert Mullenhoff Bonaventura war beim Leichenbegangniss in einem gleichsam nur hinter dem Rucken derselben strengen und schroffen Verhaltniss. Hinterrucks hatte er alle Floskeln von "breiweicher Sentimentalitat", "Empfindungsruhrei", "Stunden der Andachtspinselei", "Lavendel-Christenthum", immer in Bereitschaft, aber ein Schwindel uberkam ihn, davon etwas in unmittelbarer Gegenwart der hier ohnehin hochst andachtig gestimmten Vornehmheit selbst anzuwenden. Und heute war ihm formlich beklommen zu Muthe; denn er hatte eine Einladung nach Witoborn erhalten zu einer hochfrommen Frau von Sikking, die mit ihm eine Berathung anstellen wollte uber die auf Ostern hin zum ersten male hier zu Lande zu versuchenden "Exercitien". Ein ganzer Kreis vornehmer Glaubigen von nah und fern wollte zusammentreten und in einem von Frau von Sicking bewohnten, zwischen Witoborn und Westerhof gelegenen Landsitz zum ersten male vierzehn Tage lang bei verschlossener Eingangspforte desselben unter geistlicher Oberleitung religiosen Uebungen obliegen. Die Dame entschuldigte ihre Nichtanwesenheit in der Kirche und bat den Herrn Pfarrer bei ihr zu Mittag zu speisen und das Nahere gemeinschaftlich zu besprechen ...

Mullenhoff war von dem Wohlgeruch des feinen Billets ganz betaubt und verrichtete seinen Gottesdienst mit einer Zerstreuung, die ihm sogar die Anwesenheit des Schulmeisters als Messners statt Tubbikke's gleichgultig machte, ja ruhig mit anhoren liess, dass der Schulmeister berichtete: Tubbicke's Herzblattchen liegt auf den Tod; er ist nach Witoborn und will, wenn nichts hilft, nach dem Schloss und die Grafin um Hulfe bitten! ...

Grafin Paula, die Kranke durch Gebet und Beruhrung heilte, war in der Kirche anwesend. Armgart sass neben ihr, das ganze Stift und Tante Benigna. Ja er horte, dass der Zeichner des Teppichs, Herr Dr. Laurenz Puttmeyer, der beruhmte "Philosoph von Eschede", auch der Messe heute zuhorte, die auf dem von ihm gezeichneten Teppich gelesen wurde ... Einigemal verklingelten sich die Ministranten ... aber Mullenhoff liess alles geschehen ... Er dachte nur an die Einladung der Frau von Sicking, an Exercitien mit Hohergebildeten ...

Nach der Messe war es schon elf Uhr, die Baronin erwartete ihn um zwei; er eilte etwas zu fruhstucken und dann rasch noch etwas die bekannte Anleitung zu Exercitien von Ignaz Loyola durchzusehen ...

Es war schon still und einsam um die Kirche her. Der Schulmeister begleitete ihn und erzahlte, dass Tubbicke schon den "Bruder Strasburger" auf dem Schlosse untergebracht hatte. Mullenhoff horte nichts, zog nur das zarte Billet aus der Tasche und athmete seinen Duft ein ... Frau von Sicking war eine der gottseligsten Witwen der Gegend, noch hochst anmuthig, sehr reich und sehr selbstandig ... Er musste mit sich kampfen, in der Praxis dasselbe zu bleiben, was er mit der vornehmen Welt in der Theorie war.

Da geschah es zum Gluck, dass die Kathrein sagte:

Herr Pfarrer! Der Meyer ist da, der Moorbauer, der Finkenmuller, der Hennicke und auch der Leyendekker!

Kathrein musste das zweimal berichten ...

Nun besann er sich.

Es waren die Mitglieder des Kirchenconvents und des Rugengerichts ... Die Manner waren gekommen, weil heute doch die ganze Gegend feierte ... Es galt dem nun uberall in Deutschland beginnenden ersten Ausbau des kirchlich-sittlichen Lebens und wenn auch Mullenhoff gern gehabt hatte, sein Vorgesetzter, der Domherr, ware bei dieser Scene zugegen gewesen, so ergriff er doch die Gelegenheit, den gefahrlichen Schwindel, den ihm das Esbouquet der Frau von Sikking verursachte, jetzt mannlich zu bekampfen, ass sein Fruhstuck, geruhrte Eier mit Schinken, hieb in das schwarze Brot hinein, trank einige Zuge kraftigen Biers und trat in sein Empfangszimmer, wo ihn aus dem ehrerbietigen Grusse von funf Mannern "der verstockte Geist des ganzen Jahrhunderts" zum Kampfe herausforderte ...

Aha! Aha! rief er, mit der Serviette in der Hand und sich noch den Mund wischend, als er eintrat und die stehenden Manner aufforderte, sich zu setzen ...

Er fand funf Manner, den Meyer von Westerhof, den Finkenmuller, der das Wirthshaus zum Finkenhof hielt, den Moorbauer und zwei andere aus der Gemeinde, nicht zu gewaltige Gestalten, eher schmachtige, mit tief herabhangendem Haar uber den kleinen Stirnen, im Auge eine etwas ungewisse und scheue Lebhaftigkeit ...

Der Meyer uberreichte ein langes Schreiben, worin er alle Punkte aufgesetzt hatte, die sie nach langem Streit endlich von ihrem Pfarrer beherzigt wunschten ...

Mullenhoff nahm das Papier, als ware es ein alter schmutziger Lumpen, und fragte:

Wer hat das gesudelt?

Der Meyer stockte, sagte aber zuletzt:

Der Schreiber vom Herrn Landrath!

So? Also an ketzerisches Volk wendet man sich hier? ...

Damit schnitt er sich eine Feder zum Zahnstochern ...

Der Schreiber ist ja katholisch! ... hiess es.

Und er schrieb's bei mir ... erganzte der Finkenmuller ...

Aha! Aha! Drum riecht das Papier so nach Taback und Branntewein! ... Nun gut! ... Wir werden's ja sehen ... Was steht denn nun hier?

Im Grund war Mullenhoff froh, wieder auf die Art in sein rechtes polemisches Fahrwasser zu kommen ...

Er las das Geschriebene und begleitete jeden Satz mit einem ironischen: Ei, ei! Sieh! Sieh! Auch gut! Bravo! ... Allmahlich kam er in ein lauteres Lesen und trug vor:

"Und da wir Leute von Westerhof doch wenigstens bei unserer gnadigsten Gutsherrschaft verbleiben werden und keine Gefahr ist, bei der grossen und bevorstehenden Umanderung der Verhaltnisse mit den andern Gutern an die fremde Linie zu kommen, so stehen wir auch fur unsere Rechte und Pflichten ein. Wenn auch hochgrafliche Gnaden sollten den Schleier nehmen und ihr gottseliges, wunderbares Leben im Kloster zu beschliessen wunschen, so hat uns Herr von Hulleshoven doch versichert, dass er die Verwaltung wie bisher fortfuhren und sorgen wurde, dass rechtglaubige Seelen hier an ihrem ewigen Heil keinen Schaden nehmen. (So? unterbrach sich der Lesende dafur kann der Herr von Hulleshoven sorgen?) Auch hat der Herr Referendar Benno von Asselyn alles geordnet, was bei diesen Aenderungen sowol der Landschaft wie der Kirche an Rechten vorbehalten bleiben muss, selbst bis auf das Waldleseholz in dem von Herrn Thiebold de Jonge verkauften Walde, wo Herr von Terschka sich bereit fanden zur Abkaufung mit einer namhaften Summe ein fur allemal, die nun unsern Armenkassen zugute kommt. Herr von Asselyn hat im Namen des Herrn Oberprocurators Nuck nicht nachgelassen, dass der Finkenhof nach wie vor 47 Thaler 20 Groschen 7 Pfennige jahrlich an das Rochusspital in Witoborn zu entrichten hat, was Finkenmuller nicht auftreiben kann, wenn ihm der Tanz abgesagt wird "

Aha! Da platzt die Bombe! schloss vorlaufig der Pfarrer und stocherte die Zahne.

Ja, das kann ich nicht! polterte der Finkenmuller seine so lange verhaltene Stimmung rundweg und bestimmt heraus ...

Mullenhoff las wieder fur sich und langsamer. Er stopfte sich dabei in aller Gemuthlichkeit eine Pfeife, wahrend der Bogen auf dem Tische lag und von seinen feurig lebendigen Augen in weitester Distanz gelesen wurde ...

"Funftens, begann er dann wieder, ist der 'Pfaffe von Ystrup' ein Lieblingstanz der Leute, der seit hundert Jahren hier zu Land getanzt wird. Sechstens sind die Junglings- und Jungfrauenbundnisse schon deshalb eine reine Unmoglichkeit, weil jedes Gemeindeglied nicht blos einer, sondern schon mehreren Bruderschaften angehort und mit der grossten Ruhe zog Mullenhoff schon den Rauch seiner Pfeife an der Fleiss und die Arbeit schon genug darunter leiden. Siebentens wollen die Musikanten auch leben und fallen sie, wenn sie nahrungslos sind, der Gemeinde zur Last. Achtens bitten wir, den buckeligen Stammer vom Kirchenbann zu befreien, damit wieder that er einige Zuge der Kruppel sich sein Brot verdienen kann, seitdem er von Schloss Neuhof weggejagt und nun eigentlich hierher gehort, wo er geboren ist. Neuntens bitten wir, nicht immer die Frau Schmeling ungebuhrlich auf der Kanzel zu nennen (jetzt stellte Mullenhoff die Pfeife als verstopft hinweg: diese Hebamme reizte ihn am meisten), da die Frau ehrlich ist und alle, die hier leben, durch sie in die Welt gekommen sind! Zehntens ersuchen wir den Herrn Pfarrer, unter allen Umstanden auch ins Rugengericht und den Kirchenconvent zu treten, damit wir von dieser ganzen neuen Reformation nicht den Aerger allein haben."

Ist das nun alles? sagte Mullenhoff und holte sich aufs neue die Pfeife, die er wieder anzundete.

Ja! war die einstimmige Antwort der Manner ... Sie lautete fest, aber doch treuherzig. Und durcheinander gingen die Versicherungen der sich Erhebenden, dass sie alle in Gute und in bester Hoffnung auf ein schones Zusammenwirken und kraftiges Zusammenleben hierher gekommen waren ...

Ruhe! sprach Mullenhoff mit aller Fassung, machte sich einen Fidibus, zundete wieder an und fuhr dann in den Intervallen des Rauchens fort:

Dass ich mich nur nicht vergriffen habe und da euere Staatsschrift nahm ? Nein! Gott sei Dank! Na, setzt euch jetzt wieder! Also das ist denn nun auch etwas, dergleichen zu erleben in einer Zeit, wo die Gesalbten des Herrn in Kerkern schmachten, der Heilige Vater in Rom auf die Treue seiner Kinder zahlt und diese Herrschaften hier in die Hande der Unglaubigen kommen sollen!

Nicht Westerhof! fiel man einstimmig auf den sich fast fur uberwunden gebenden Ton des Pfarrers ein ...

So! entgegnete Mullenhoff und zog den Brand seiner Pfeife an. Manner, ihr redet, wie ihr's versteht! Geht die Comtesse ins Kloster, wie lange macht denn der Herr von Hulleshoven noch, der fur euere Seelen gutsagen will? Wird ihn nicht der Aerger um seinen Bruder und die Schwagerin, die hierher ziehen und sich gegenseitig zum Tort leben wollen, schon unters Grab bringen? Wer burgt uns, dass sich die Zustande hier uber Nacht nicht sammtlich andern! Leute, Leute, nehmt ein Beispiel an den Vornehmen selbst! Wisst ihr's denn nicht schon? Vierundzwanzig steinreiche Herren und Damen wollen sich jetzt einschliessen und vierzehn Tage lang nichts thun, als hier fasten und beten!

Herr Pfarrer, die, die nicht zu arbeiten brauchen, die konnen das wollte der Moorbauer einschalten und that es auch halb ...

Bitte ! unterbrach Mullenhoff, als wenn er denn doch allein jetzt das Wort hatte ...

Der Moorbauer schwieg und blickte scheu zu Boden ...

Vom Tanz fuhr Mullenhoff fort mit wechselnden Zugen aus der Pfeife vom Tanz kommt alles Elend der Gemeinden her! Herr Gott im Himmel, sollte man glauben, dass in einem Lande wie dem unserigen, wo die Schuler der Apostel selber gewandelt sind und wo wir bis auf den heutigen Tag den Ruhm behauptet haben, uns Gottes Augapfel nennen zu durfen von wegen unsers Zusammenhaltens gegen Ketzer und Ketzergenossen, doch das tollste und lustigste Leben sich erhalt und die Schenken nicht leer, die Tanzboden zerstampft werden, dass nur die Dielen so krachen! Hunde sind das, die der bessern Mahnung entgegenbellen aus euern verstockten Herzen; selbst dann schon wieder bellen, wenn ihnen der Mund noch nicht trocken ist von dem gesegneten Leibe des Herrn, den sie Vormittags genossen! Nachmittags auf dem Tanzboden ist alles, alles, alles verdaut! Schandlicher Frevel, zu sagen, dass ja David auch getanzt hat vor der Bundeslade, wie ich schon einmal von Euch, Finkenmuller, habe horen mussen! David hat getanzt, das ist wahr; aber David war lange Zeit ein Konig, wie meist die unserigen auch sind, zum Gotterbarmen! David war ein solcher Sunder, dass Gott nur um der allweisen Absicht willen, gerade aus seinem Stamm das Heil der Welt zu erwecken, diesen gekronten Rauber, diesen purpurgekleideten Morder, diesen ruchlosen Ballettanzer so lange hat leben lassen! Es ist wahr, David ging dann in sich und hat spater die lieblichen Psalmen gedichtet zum Lobe des Herrn, aber nur als die furchterlichste Reue und Busse uber ihn gekommen war und ihn das zerknirschendste Beichtbedurfniss an das Ohr gottgesalbter Priester trieb und er in jammervollster Trauer sich auf dem Beichtschemel wand und ausrief: Herr, wo soll ich mich vor dir verbergen? Flieh' ich gen Abend, so bist du da, und flieh' ich gen Morgen, so bist du auch da! ... Menschen! Manner von Westerhof! (Mullenhoff legte nun die Pfeife weg) Was hat denn den heiligen Johannes um seinen Kopf gebracht, als der sundenvolle, gottverfluchte Tanz! Herodias, diese Tochter Belials, tanzte sie nicht so wollustig vor dem Auge des kindesmorderischen Herodes, dass ihr dieser saubre Souveran jede Gnade gestattete, die sie sich erbitten wurde? Und was that diese wurdige Tochter ihrer Mutter, die die Maitresse des Herodes war und formlich zur Nachfolgerin ihrer Mutter erzogen wurde? Diese Creatur verlangte nichts schlechteres, als ein heiliges Martyrerhaupt! Gerade wie ein neues Kleid oder wie jetzt solches Gelichter von den neuen Herodessen Anstellungen fur ihren Bruder oder ihren Buhlen im Steuerfach oder im diplomatischen verlangen wurde! Du Gekreuzigter! Warum verlangten die beiden Weibsbilder gleich ein Martyrerhaupt? Weil der gebenedeite Freund unsers heiligsten Erlosers in der Wuste predigte, dass die Juden Busse thun, nicht mehr fluchen, saufen, Karten spielen und tanzen sollten! Fragt doch nur einmal euere Tochter, fragt doch nur einmal euere Weiber, euere Magde, wenn sie im Finkenhof gerast haben und mit den Burschen zur Seite gehen mit blutrothen Wangen, fragt sie, ob sie nicht mit Freuden auf einer Schussel auch den Kopf ihres Pfarrers herumprasentiren konnten, wenn sie auf sein Geheiss dem Pfaffen von Ystrup, euerm jahrhundertjahrigen Allerheiligsten, entsagen sollten? Und wozu streichen denn die Teufel ihre Violinen? Wozu saet denn der Versucher die Tone wie Hanfsamen aus? Was will er denn fangen in seinem Tanzbodenstrich? Vogel fur die Holle! O dann kommen die Madchen, etwa funf Monate nach so einem "Pfaffen von Ystrup", in den Beichtstuhl! Sonst schlank wie die Pfeifenstiele, jetzt wie die Bassgeigen, weil die Sunde zu Tage kommt! Dann, dann mochten sie nicht Euern Tanzboden, sondern Euere Muhlsteine haben, Finkenmuller, um sich in der Witobach zu ersaufen, da wo sie am tiefsten ist!

Der Finkenmuller wurde gereizt, zerdruckte seine Kappe und sagte, seines Amtes war' es, die Rechte beisammen zu halten, die auf seinem Gute hafteten. Ihm konnte die Muhle genugen; aber da er beim Erwerb des Finkenhofs das Recht zu schenken und aufspielen zu lassen mit bezahlt, auch Steuer und Zehnten darauf genug zu geben hatte, so wurde er erst auf seine Abfindung anzutragen haben, falls das durchginge, dass hier die jungen Leute jetzt in den Kirchen vor dem hochwurdigsten Gut formlich beschworen sollten, nicht mehr zu tanzen ... Mullenhoff loderte so auf, als wurde schon das hochwurdigste Gut als blosses Wort in solchem Munde verunreinigt. Er schwieg, sah sich aber um, wie nach einem Donnerkeil aus Rom. Da suchte der Meyer zu vermitteln ... Wie denn auch den Leuten erst zu beweisen ware, sagte der Meyer mit seiner Stimme, dass sie etwas Unehrbares trieben! Die hohen Herrschaften tanzen alle und geschieht's in Ehren, Herr Pfarrer, so kann dabei auch keine Sunde sein ... Und der Moorbauer berief sich sogar auf den Widerspruch aller Mutter, selbst der ehrbarsten ... Die Vater, meinte er, wissen wol, der Tanz sei des Teufels Jahrmarkt; aber wie wollte man nur allen den jungen Weibsen die Lust daran nehmen? Sie brennten ja doch eben zu versessen darauf! Es ist nun einmal so! rief der funfte, der Bauer Leyendecker; die Leute schinden sich in der Woche sechs Tage und am siebenten wollen sie aus dem Joch heraus! Es hat alles seine Zeit, Herr Pfarrer! Das Beten hat seine Zeit und das Vergnugen hat seine Zeit! In diesem Land ist denn doch unserm lieben Herrgott und seinen Engeln immer nur wohl gebettet gewesen!

Seid ihr nun fertig? sagte Mullenhoff mit einer lange mit sich selbst ringenden Massigung und Geduld ...

Ja! riefen alle einstimmig und trotzig ...

Ich will euch sagen, Leute, lenkte Mullenhoff etwas ein; lasst uns in Gute reden! Die heiligen Kirchenvater, Chrysostomus an der Spitze, die kann ich hier nicht citiren! Es ist wahr, sie alle sind furchtbar gereizt gegen den Tanz. Es mag sein, weil manche von ihnen noch jenen schauderhaften Tanzen zu nahe gelebt haben, mit denen die Heiden ihre Gotzen, die Venus, den Jupiter, die Minerva und ahnliche Affenschande verehrt haben. Aber glaubt ihr denn nicht, dass unter dem Unkraut in den Herzen der jetzigen Jugend, unter der Spreu auf der Tenne noch so viel edler Weizen liegt, dass man ein solches Frauenzimmer oder nehmt's mir nicht ubel euere eigenen Weiber und Tochter, in aller Gute nehmen und ihr sagen kann: Kind, ein Wort im Vertrauen! Sieh Griete, Anne Marie, so ein Bursch wie der Siebdrat oder der Heikerling oder wie die Schlingel heissen, die kurzlich ihre drei Jahre abgedient haben und immer noch mit dem rothen Streifen an ihren Mutzen hier herumlaufen und selbst so in die Kirche kommen, in die Kirche, wo nur Eine Cocarde und Eine wahre Landesfarbe herrschen soll, das durchstochene Herz und das Blut unsers gnadenreichsten Erlosers Jesu Christi! ich sage, wenn ihr sagen wolltet: Griete, Anne Marie, Gott, Gott, diese heiligen Taufnamen! wenn dir nun so ein Schlingel im Felde begegnete, in dem hochwallenden Gotteskorn oder im heiligen Walde nein, den hauen uns die Lutheraner hier nachstens auch noch ab! oder hinterm Gartenzaun und wollte dich nur so um die Hufte fassen, wie er's auf dem Tanzboden thut Madchen, konntest du das denn leiden? Wurdest du nicht uber den Buben ausser dir sein? Wurdest du nicht uber die Schlenker, die man machen muss beim "Pfaffen von Ystrup" Brust an Brust und Mund an Mund in den Boden versinken vor Scham? Und wurdest du diesen Schlingeln mit den rothen Streifen an den Mutzen nicht hinter die Ohren schlagen, dass ihnen Horen und Sehen vergeht? Nun sieh, wurd' ich als Vater sagen, dergleichen duldest du nun alle Sonntage! Marie Anna, Magdalena, du, die niemand zweideutig ansehen darf, wenn sie im Felde schanzt und zuchtig sich schon die Kleider halt, nur wenn der Wind geht, du mein holdseliges Kindlein, du putzest dich Sonntags, behangst dich mit Ketten und Schaustucken, setzest dich in den Finkenhof auf die Bank und lungerst mit gierigem Blick, ob dich denn nicht auch jemand nehmen mag oder ob du wol gar sitzen bleibest und das Blut, hui! das spritzt dir formlich vor Ungeduld aus den Wangen, wenn immer mehr antreten und du noch vacant bist! Gott, bei deinen hochheiligen Wunden, wurd' ich doch so ein geliebtes theures Kind, die Freude einer Mutter, das Nestkuchlein eines Vaters, so ein Bild der Unschuld und holdlieblichen Sitte, beschworen, dass sie sich vergleichen mochte, wie sie daheim sitzen konnte am Spinnrad, eine zuchtigliche Maid, sanft und lieblich und unschuldsvoll wie eine Taube ... Und, mit dem Bilde vergleicht dann diese Landler und diese Schottischen! Wie die Rocke fliegen! Wie der Boden kracht! O Familienvater! Schildert ihnen doch das um des enthaupteten Johannes, um dieses ersten Pfarrers a u c h in einer Wuste, willen! Schildert den Eindruck, wenn nun spater die Bursche anfangen von Bier und Taback und Branntewein zu gluhen und die susse Unschuld des Herzens, der zarte jungfrauliche Leib euerer liebsussen Magdelein, deren Kindeslallen euch ach! so inniglich erquickte, in die Arme solcher Buben sinkt! Schildert ihnen, was diese beweinenswerthen Lummel nun die Dreistigkeit haben in ihr keusches Ohr fur Gift zu traufeln! Wie sie sich hinsetzen, euern Tochtern das klebrige Glas vollschenken lassen und Hand in Hand sie auffordern, mit ihnen erst durch Redensarten hindurchzuwaten, durch den Pfuhl der Erinnerungen und Erfahrungen, die sie aus ihren gottesvergessenen lutherischen Garnisonen mit heimgebracht haben, aus der Plage der allgemeinen Militarpflicht, die ihr schon so oft zu allen drei Teufeln, wo sie herstammt, hingewunscht habt! Unsere Bursche sind schon, herrlich gewachsen, wie ihr selber noch die strammsten Manner seid! O, so kommt es, sie standen fast alle bei der Garde! Nun kehren sie wieder aus der Residenz selbst, wo diese Unglucklichen leben mussen ohne die trauliche Verbindung mit unserer gnadenreichen Mutter, wo sie nur durftig geniessen die heilige Zehrung, die Herzenserleichterung am Ohr eines geweihten Priesters, ja wo eine jammervolle Veranstaltung unserer Neunmalweisen sogar moglich gemacht hat, dass diese armen Tropfe, diese guten lieben Kerle, euere Sohne, euere Neffen, euere jungern Bruder, wol gar in die Kirchen der Ketzer commandirt werden und ihr treues Herze, ihr manchmal doch noch reines, unverdorbenes Gemuthe die Weisheit solcher Geistlichen von einer Kanzel herab horen mussen, deren wir ja sogar jetzt einen in Witoborn haben Gott im Himmel erbarme dich! einen "Priester" mit sieben lebendigen Kindern! ... O, ich beschwore euch, Familienvater, thut das Eurige, euere Kinder und Kindeskinder, an die ihr mit Stolz denken konnt, nicht zu verkaufen an den, der ausgeht, sie zu verschlingen! Uebernehmt, obschon nicht geweiht, das Amt des Priesters! Sprecht am brennenden Kienspan in jeder Hutte von der Sunde, die ja schon darin liegt, nur etwas zu wagen, was moglicherweise Sunde w e r d e n konnte! Grabt es ihnen im Bilde vor, das Grab der Unschuld und Tugend! Sagt ihnen: Wandle, Mensch Mensch, wandle dort, wo du wunschen mochtest einst dein Sterbebett hingestellt zu haben! Kannst du, o Jungfrau, o Jungling, dir unter Gefahr einer Todsunde nur v o r s t e l l e n , dass der Tanzboden dein Sterbebett ware? Kannst du dir denken, dass an diese Stelle ein Priester hinkame und dir das heilige Oel brachte? Kannst du dir denken, dass die Gliedmassen deines Leibes dir dort gesalbt werden konnten zum letzten Pfade an die Pforten der Ewigkeit? ...

Langst schluchzte der Meyer ... Diesem kam die Wehmuth am ersten zu und sie war ihm naturlich. Sie war ihm das schon von der Anstrengung seiner Nerven und dem starkern Druck derselben infolge seiner schwierigen Zwischenstellung zwischen Gemeinde und Pfarrer ...

Auch der Moorbauer wandte sich ab ... Auch die beiden andern ausserten Bedurfniss, sich ihre Nasen zu putzen und suchten nach ihren blauen Sacktuchern ... Nur der Finkenmuller blieb kalt und wagte ein:

Bitte, Herr Pfarrer

Schweigen Sie! fuhr ihn Mullenhoff an, ganz aus der sanften Rolle fallend ...

Als der Finkenmuller dann schwieg, fiel er auch gegen ihn wieder in den sanftesten Ton zuruck und fuhr fort:

Soll denn die Heiligung der Sitten nur moglich sein da druben in den Berg- und Fabrikdistricten, wo die lutherischen Pastores nichts vom Christenthum kennen als die Bibel, und von ihren eigenen Weibern und Kindern so in Anspruch genommen werden, dass sie fur euer Seelenheil keine Zeit mehr ubrig haben? Sollen wir nicht zeigen, was gerade wir vermogen aus u n s e r m Grunde, der da ist der Fels Christi? Sollen sie uns verspotten um unsern heiligen Liborius und sagen: Seht, soviel Kinder kommen ausserhalb der Ehe bei uns und soviel bei denen! Schlagt mir den Tanzboden ein, sag' ich, oder ich prophezeie nichts Gutes fur unsere Mutter Kirche! Finkenmuller! Geh in dich! Denke, dass die Gemeinde dir ein Opfer bringen wird! Sie wird dir den Ausfall deiner Einnahmen ersetzen! Sie wird den Jungfrauen- und Junglingsbund nicht abhalten, dennoch bei dir einige Stunden des Sonntags der Erholung und der Freude zu widmen! Ich schlage vor, dass jedes Mitglied in eine Buchse einen Groschen wirft zur Abkaufung des Tanzes! Der heilige Augustinus, der auch erst ein lasterhafter Heide war, ehe er zur Erkenntniss kam, wird diese Spende segnen! Die heilige Afra wird sie segnen, sie, die einst Spiel und Tanz zu Augsburg in ihrem Hause zur Anlockung der Sunde hatte und durch den heiligen Paullinus bekehrt werden musste, wird sie segnen! Es ist wahr, der heilige Franz von Sales hat unter gewissen Umstanden den Tanz gestattet. Aber so innig ich ihn sonst verehre, den frommen Bischof, ich furchte, er lebte in zu vornehmen Verhaltnissen, um sich (Mullenhoff stockte jetzt etwas) einen Zustand, wie den um Witoborn herum vergegenwartigen zu konnen ... Er kannte diese Menschen nicht, die jetzt aus dem ihm auffallenderweise sehr werthen Paris kommen ... Er kannte Menschen nicht, die dort die Theilung der Guter proclamiren, diese Handwerksburschen, die keinen Hof sehen konnen, ohne zu sagen: Aber der Garten dazu ist mein! keine Kuh, ohne zu sagen: Aber das Kalb gehort mir! keine Henne, ohne zu sagen: Aber die Eier legt sie fur mich! Haben wir nicht etwa auch schon solches Volk unter uns? Maitres-tailleurs und ahnliche Schneider?

Schneid hiess der neue Hausknecht, der in Schloss Westerhof eingetreten und dem Meyer noch nicht ordentlich gemeldet war ... Jean Tubbicke burgte fur ihn ...

Mullenhoff hielt eine Secunde inne. Da fand der Finkenmuller Zeit, einzuwerfen:

Ich bin aber gewiss, der Herr Archipresbyter

Was sind Sie gewiss? unterbrach Mullenhoff. Ich, ich, auch ohne den Archipresbyter, ja ohne den Heiligen Vater in R o m , hatte die Macht, im Beichtstuhl zu strafen! Ich konnte denen, die in den Stand der Ehe zu treten gedenken, nur eine stille Messe lesen, wenn sie nicht das Versprechen zur heiligen Dreieinigkeit ablegen wollen, auf ihrer Hochzeit nicht tanzen zu lassen! Ich thu' das nicht. Ich will euch in Gute gewinnen. Hier ist das Buchlein uber die Stiftung der Bundnisse. Da habt ihr zwanzig Exemplare zur Vertheilung. Zu nachsten Ostern ist alles in Ordnung. Am Charsamstag halt der Bund eine Procession und lasst nur die Buben stehen und lachen und die losen Weiber und die Hebammen an der Spitze, wir werden die Lasterer schon auf die Knie bringen, wenn in der Mitte der Jugend Ihr, Finkenmuller, selbst die Fahne tragt und ich gleichfalls hinterher gehe, die Hand mit dem hochwurdigsten Gute!

Vor diesem magischen Wort schwiegen nun wol die Manner ... Der junge Kampfer siegte ... Alles blieb still ... Mullenhoff holte von einem Bucherbret zwanzig kleine Broschuren und zahlte sie ihnen ab ...

Herr Pfarrer ... sagte der Meyer inzwischen. Sie sehen, wir werden das Unserige thun! Es wird einen schweren Kampf kosten! setzte er seufzend hinzu. Schon heute, wo infolge des Leichenbegangnisses alles auf den Beinen ist, schon heute sollt' es auf dem Finkenhof zwar ein bischen lebhaft werden

Dem Lutterberg zu Ehren! meinte Mullenhoff im Zahlen. Ja, was werden die Teufel heute im Lutterberg rumoren!

Aber tanzen lass' ich heute nicht! sagte der Finkenmuller. Aber in Zukunft

Ja habt doch nur Muth, Leute! unterbrach Mullenhoff; habt doch Muth! Das Uebrige macht das Rugengericht und der Kirchenconvent !

Ja, Kirchenconvent und Rugengericht ! riefen alle durcheinander ... Es war ein Thema, dessen Erorterung noch im Ruckstand blieb ...

Nun? lautete Mullenhoff's erwartungsvolle Frage ...

Sie haben das Rugengericht eingefuhrt, Herr Pfarrer, sagte der Meyer, und ziehen sich nun selbst zuruck? Schieben uns nur so vor? Jeden Ersten sollen wir zu Gericht sitzen und wenn die Weiber uns auslachen und die jungen Bursche uns den Buckel voll Schlage androhen und wir nicht wissen, wie wir unsere Autoritat aufrecht erhalten sollen, wollen Sie im Feld spazieren gehen oder in Ihren Buchern studiren? Nein, mit Vergunst, Herr Pfarrer! Wenn das Rugengericht sich halten soll und ich habe nichts dagegen, wenn wir sorgen, dass nicht jeder Plunder an den Landrath oder die Gerichte kommt so mussen Sie den Vorsitz fuhren, Herr Pfarrer!

Und Sonntags Nachmittags mussen Sie die Kirche dazu hergeben! fielen alle ein ...

Erst wollte Mullenhoff ironisch ausweichen. Aber auf das Wort "Kirche hergeben" rief er, als sollte man es hundert Schritt weit horen:

Ich bin das ewige Gericht und sitze zur Rechten des Schopfers Himmels und der Erden!

Nein, setzte er dann den auf den Tod Erschrockenen hinzu, gebt euch nur getrost diese Autoritat selbst!

Die aber das das konnen wir nicht!

Wird kommen, wenn ihr selbst nicht mehr bis Elf im Finkenhof unter den Zollnern sitzt!

Halten wir uns von den Leuten apart, Herr Pfarrer, so vermogen wir erst gar nichts! sagte Hennicke ...

P r o Deo! rief Mullenhoff mit feierlich lauter Stimme. Nicht P e r Deum! So fangt jedes Concordat an und ich will euch das ubersetzen ... Glaubt ihr, guten Leute, dass ihr dem allmachtigen Schopfer nichts anderes schenken konnt, als was ihr von ihm ausdrucklich zum Geben e m p f a n g e n habt? Wollt ihr ihm denn gar nichts geben von dem Eurigen, von euerer eigenen Tugend, von euerer eigenen Moral, euerer eigenen Gerechtigkeit? Konnt ihr nichts, nichts beisteuern zur Herstellung der Ordnung in der Welt? Ihr lieben Leute, diese Opfer bringt getrost aus euch selbst! Schenkt dem Gekreuzigten euere eigene Kraft, nicht immer die, die ihr erst seinen Stellvertretern auf Erden verdankt! Ein Seelsorger soll sich nicht in die weltliche Auffassung euerer Handel mischen. Nur v o r a r b e i t e n sollt ihr seinem Wirken, sollt ihm in die Hand arbeiten, sollt

Wir sollen nur so vorm Schuss stehen, Sie hinter unserm Rucken! rief der Finkenmuller, der wieder Oberhand gewinnen wollte und der Groschenbuchse am verschlossenen und doch von ihm neulich frischgedielten Tanzsaal nicht recht traute ...

Wenn ich u n s i c h t b a r unter euch bin, antwortete Mullenhoff, schon siegestrunken, aber doch scheinbar gelassen und milde, so ist das fur euch eine Schande, Manner? Ich werde, wenn wir auf unserm Wege fortgehen und wir die Bundnisse erst haben, nicht verfehlen, das Rugengericht im Beichtstuhl zu unterstutzen. Ich werde auch die schwierige Aufgabe, die wir die V i s i t a t i o n nennen, nicht von mir weisen. Ich werde nicht zuruckbleiben hinter meinem Amtsbruder in Borkenhagen, der zu den gottverlorenen, ungluckseligen Menschen, dem im Kirchenbann lebenden alten Hedemann und seiner Frau, sich nicht die Muhe verdriessen lasst wochentlich einmal zu gehen, anzupochen, an ihren Herd sich zu stellen und sie zu bitten, an den heiligsten Ort der Welt zuruckzukehren und von dem Tisch des wahren Brotes und von der Ruhe in geweihter Erde sich nicht mit Gewalt auszuschliessen. Ihr wisst, wie grillig diese alten im Kirchenbann lebenden Leute sind, und wisst, warum?

Ja wohl, Herr Pfarrer!

Die Schuld traf

Den Pfarrer Langelutje sagte der Finkenmuller ...

Den Landrath! betonte Mullenhoff mit berichtigender Scharfe. Sogleich fuhr er wieder sanfter fort: Es soll mir ein Stolz sein, wenn solche VerstocktWenn Sie nur wenigstens, Herr Pfarrer, sagte der Auch das nicht, lieb' Vaterchen! Ich bedanke mich, h e i t wollte er blos andern geben, sich den M i t e i n t r i t t ins Paradies zu erwerben. Und in dieser gottlichen Gute ahmen ihm jetzt seine geweihten Priester sowol beim Rugengericht wie beim Kirchenconvent und noch in vielen andern weltlichen Dingen nach. Ihr konnt alle Tage so heilig werden, wie Simon von Cyrene es wurde, der dem Heiland das Kreuz tragen half! Weist, ich bitte, die Gelegenheit dazu nicht ab! Kennt ihr den Fluch, der jenen Schuster traf, der das Ausruhen auf den Stationen des heiligen Kreuzwegs unterbrach und frech die beiden Kreuztrager anschnauzte, was sie hier vor seinem Laden halt machten und ihm die Kundschaft verjagten? Bis zur heutigen Stunde haben die Juden infolge dieses Schusters auch noch keine Ruhe gefunden; sie irren innerlich noch immer umher, wenn sie auch ausserlich in Witoborn allerlei Seelen und einige Landrathe im Sack haben. Jeder Jude, den ich sehe, und sang' er noch so schon, wie der, der neulich hier mit dem Herrn von Terschka die Guter vermass und eine gottlose Arie nach der andern pfiff, kommt mir wie eine unbegrabene Leiche vor. Der Kirchenconvent, das seid ihr! Wer die Gemeinde als Spieler und Vagabund belastigt, nicht zum Abendmahl kommt, schlechte Bucher liest, den lasst getrost e u e r e Entrustung fuhlen und wenn es zehnmal die meinige ist und es euere Schwager oder Vettern sind, die es trifft! Ich kenne das. Auf meiner ersten Pfarre ja, da s a ss ich im Kirchenconvent. Was geschah? Jede Strafe musste i c h dictirt haben! Der Meyer dort war Soldat gewesen und ein wahrer Profoss an Zorn und Strafwuth. Fur jedes Zuspatkommen bei der Messe hatte er einen Louisd'or verlangen mogen, von denen zumal, wo er wusste, dass sie dergleichen Waare im Kasten haben. Begegnete er dann so einem um lumpige funf Groschen Gestraften, so grusste er ihn schon von weitem als Herzbruderkamerad und schuttelte ihm die Hand und sagte: Bruderlein fein, wie leid that mir's doch neulich wieder mit den funf Groschen, aber nun bohrte er einen Esel in die Luft und mit einer Kutte druber und gleichsam als wenn siehst du, der Pfaffe druben, der hat's decretirt, hat nicht eher nachgelassen! Ja, der Kerl hasste seinen Schwager so, dass er ihn uber den Weg hatte vergiften konnen, und nun sollte ichs immer gewesen sein? Nein, solche Niedertracht lass' ich bei uns nicht aufkommen ... Ihr richtet! Ihr straft! Und dann muss ich euch auch noch in aller Aufrichtigkeit sagen: Die Beweise der Wurdigkeit, die ihr habt, in meiner Gesellschaft zu sitzen, musst ihr mir erst noch geben. Ich schatze euch als Manner von Rang und Ansehen, aber der Taback, den ihr manchmal raucht, ist nicht meine Sorte. Ich meine das in aller Gute und anders als hier in der Pfeife ( er nahm diese jetzt wieder ) aber es ist mir bereits schon vorgekommen ich will nichts von euch sagen dass Jockel, wenn er einmal wegen Schwachung citirt wurde den Vorsitzenden Pfarrer anzulachen die Frechheit hatte und sagte: Wir sind allzumal Sunder und brauchen einen und denselben Doctor! Nein, unsern Willen sollt ihr thun; das versteht sich; aber aus euerer eigenen Entschliessung! So machen wir's von jetzt an auch alluberall! Auch im Grossen, auch in Staatsangelegenheiten. Das nennt man Concordate. Ihr Leute! Pastoralk l u g ist gut. Leider aber, wie die Welt nun einmal ist, muss man auch manchmal ein Bissel pastoralp f i f f i g sein!

Damit lachte Mullenhoff sich selbst so vergnugt Beifall, dass auch die Bauern um ihn her lachen mussten und der Meyer meinte:

Na, wir kommen schon zusammen, Herr Pfarrer! Geben Sie ein bischen nach und wir auch ein bischen alles mit Bedacht und ohne uns und Ihnen etwas zu vergeben! Neulich noch rieth uns Herr von Terschka selber dazu, dass wir uns ganz nach Ihnen richteten!

So? sagte Mullenhoff, sich im Lachen massigend ...

Ja, fuhr der Moorbauer fort, wir sollten fur den Bund die Auszeichnung einer Medaille einfuhren, dann wurden alle beitreten!

Da hatte er Recht! meinte Mullenhoff und setzte hinzu: Nun, der ist ja wenigstens noch von uns!

Und dann sagte er auch, sollten wir mit dem Domherrn sprechen! Der wurde allem schon das rechte Schick geben ...

Nun ist's genug! sagte Mullenhoff kurzweg und that, als wollte er gehen. Das Lob des Domherrn mochte er nicht horen ...

Die Manner offneten die Thur. Erst wollte der Moorbauer hinaus, der am nachsten stand ...

Wie er sich verbeugte, fiel er fast, sah dann hinter sich und entdeckte etwas, das auf der Flur draussen stand und beinahe von ihm umgeworfen wurde ...

Auch Hennicke stolperte schon ...

Was steht denn da? fragte Mullenhoff aus seinem innersten Vergnugtsein heraus ...

Die Manner traten in die Stube zuruck und blickten auf einen Korb, der dicht an der Thurschwelle stand und verdeckt war ...

Was soll denn das da? sagte Mullenhoff und suchte nach seiner Bedienung.

Der Korb sah seltsam aus. Niemand hatte recht den Muth ihn wegzuheben. Er war oben offen und hatte ein kleines Schirmdach, das mit rothem Zeuge verhangt war ... Man hatte glauben mogen, es war ein Korb, wie man ihn auf Wiegen befestigt ...

Mullenhoff, blutroth schon, sah die verlegen lachelnden und zuruckweichenden Manner an ...

Kathrein! rief er laut. Was steht denn hier im Wege?

Eine Magd, die das kanonische Alter hatte, eine jungere, die nicht beim Pfarrer, sondern bei ihr diente, kamen herbei und verwunderten sich "des Todes" uber den Korb ...

Alle hatten die Ahnung, dass sich jemand ins Hans geschlichen und an der Thurschwelle des Pfarrers ein Kind ausgesetzt hatte ...

Zornentbrannt und doch voll tiefster Verlegenheit riss Mullenhoff die rothen Vorhange des Korbes auf und richtig! in Betten versteckt, lag mit weissem Haubchen ein Kind, wie sich jedoch die Kathrein sofort uberzeugte, kein lebendes, sondern ein allerliebstes, niedliches Wachspuppchen ...

Unter Gelachter zog sie es hervor ...

Die Manner wagten nicht in das Gelachter mit einzustimmen, sondern hielten die Hand vor den Mund und entfernten sich rasch, um erst draussen, wie man zu sagen pflegt, "loszupruhschen" ...

Das ist das ist ja ein niedertrachtiger Streich ein Streich nur von der Schmeling! rief der Pfarrer. Meyer! schrie er diesem nach. Sie untersuchen das! Melden's gleich dem Landrath! Er soll euern Schreiber schicken! Auf der Stelle! Da seht ihr nun euere Zucht und Ordnung! Ich werde das Schandstuckchen von euch auf die Kanzel bringen!

Der Meyer stand verlegen an der Hausthur ...

Es wurde gefragt und geforscht, ob man denn nichts erblickt, niemanden im Hause gesehen hatte ...

Den Jean Tubbicke, den buckeligen Stammer, den Perrukenmacher Schneid, alle Verdachtigen rief Mullenhoff der Reihe nach auf ... In Witoborn sollten alle Korbmacher, alle Puppenverkaufer, alle Handler mit Betten und rothem Kattun Haussuchung bekommen ... Dann wieder fiel ihm die Lacherlichkeit des ganzen Vorfalls auf. Schaumend warf er die Thur hinter sich zu und schrieb nun selbst an die Polizei in Witoborn. Hatte er nur den Tubbicke gehabt, um seinen Zorn ganz auslassen zu konnen!

Erst allmahlich kehrte ihm die Ruhe zuruck beim Blattern in den Exercitien Loyola's und beim Wiederlesen des Billets der Frau von Sicking ... Dann ordnete er seine Toilette, rustete sich mit einigen "geistreichen Gedanken" fur das Diner und ging, ganz ein Papst Hildebrand vom Dorfe, mit festem Schritt hinaus in den frischen Wintertag.

3.

Inzwischen lugte auch auf Augenblicke freundlich die Sonne hervor aus der unermesslichen Wolkendecke, die ab und zu sich ihrer Schneeansammlungen aufs neue entledigte.

Da, wo die Sonne verborgen gestanden, bekam der Himmel das Ansehen, als war' er ganz von geschliffenem Achat, von durchsichtigem, gelbrothlich geflammtem ...

Um die Kirche her standen die Baume in ihrem weissen Krystallschmuck. Im Sommer konnte man sich hier, wenn rings die Ulmenaste wogten und ihre langen Schatten warfen, an einen alten Opferhain erinnert fuhlen. Jetzt war es licht ringsum. Schon unter den gefrornen Eiszapfen, die wie die Orgelpfeifen uber dem Portal des Ausgangs der Kirche hingen, sah man weit in die schneeverhullte Ebene hinaus, wo die Wintersaat schlummerte, die Hasen dahinschossen, die Krahen einsam auf rauchenden Dachern stolzierten ...

In einer grossen, etwas alterthumlichen, nicht aus Hoffart, sondern des Schnees wegen von vier Pferden gezogenen Kutsche sass Paula im Fond mit Tante Benigna, auf dem Rucksitz Armgart und der Doctor Laurenz Puttmeyer, der Philosoph von Eschede, langjahriger Verlobter der jetzt in Paris bei den Fulds weilenden Angelika Muller. Der plotzlich gekundigten Lehrerin von Lindenwerth hatte die kleine freundliche Bettina Bernhard Fuld diese Stellung als Reisebegleiterin und Gesellschafterin bei sich angeboten und Angelika sie angenommen ...

Ein so enger Raum! ...

Und wie machtig dehnt sich doch die Lebensbeziehung einer jeden dieser vier Personen in die Welt aus, weit, weit uber diese winterliche Flache und das Echo der wieder beginnenden Glocken hinweg! So aber ist das Leben in seiner Wirklichkeit. Auf der Buhne, da treten Helden durch weit aufgerissene Flugelthuren ein und die Spannung steht, wie eine sich verbeugende Kette von Kammerherren und Lakaien, um einen Fursten oder Bettler, wenn gerade das Interesse auf einem Bettler ruht, auf die Scene treten zu lassen. Im Leben aber ist so ein gefeierter Philosoph wie Puttmeyer plotzlich da wie unsereins! Dieser grosse Mann, fur den nun sogar am Ufer der Seine ein treuliebend Herz Propaganda macht und ihn jetzt sogar in einem Bankierhause Wechsel auf die Zukunft ziehen lasst, auf diesen unerschopflichen Reservefonds aller unverstandenen Geister der Gegenwart, sass hier vollig unerkennbar, tief verloren in einen Mantel, Muff, Shawl und Fusssack

Laurenz Puttmeyer war heute ein vollig von den Todten Erstandener ... Eschede ist ein kleines Stadtchen und Puttmeyer bewohnte daselbst zwei Zimmer im Erdgeschoss seines eigenen alterlichen Hauses. Ins grune Freie, einen Hausgarten, ging er nur, wenn ihm sein Hund und seine Katze die Nelkenbeete verwusteten die Nelke war ihm die liebste Blume; sie hat eine schone Symmetrie und an ihrem Stengel erhebt sich die geschlossene Knospe in einer konischen Gestalt. Und hatte nicht auch sein eigenes ganzes Wesen das eines grossen alten Katers? Armgart wenigstens meinte gleich heute in der Fruhe, als ihn eine grafliche Kutsche von Eschede brachte, es fehlten ihm nur an dem glattrasirten Kinn und der langen Oberlippe ein paar spitzabstehende Harchen und Hinz ware fertig. So berichtete sie auch schon neulich, als sie zum ersten mal des Doctors Bekanntschaft machte. In Lindenwerth wurde oft Puttmeyer's Portrat den Madchen als Medaillon in Aquarell gezeigt. Da hatte er noch blonde Haare, eine scharfe, nicht gar zu spitze Nase, graue, entschlossene Augen, eine blauliche Farbung des abrasirten Barts und eine ungeheure weisse Halsbinde, in der sich ein vornehm spitzes Kinn verstekkte. Nun aber in Wirklichkeit spielte bei dem schon tief Vierzigjahrigen alles grau in grau. Der Doctor war ein Sonderling geworden. Man erzahlte von dem Sophahocker, dass er eine Wasserflasche, die dem Sonnenstrahl ausgesetzt war und die gegenuberliegenden Gegenstande als Brennspiegel entzundete, nicht etwa aus dem Sonnenstrahl heraustrug, sondern mit einem Makulaturbogen seines Werkes: "Christus und Pythagoras", umhullte, blos weil er zu trage war, um aufzustehen und einen Schritt weiter mit seinen schongestickten Angelika-Pantoffeln zu schlorren und die Flasche in den Schatten zu setzen. Ins Freie ging Puttmeyer dann nur noch jeden Abend, wenn er das beste Hotel von Eschede "bei Schonian's" und jeden Sonntag die Kirche besuchte. Seine Verehrerinnen mussten ihn in seiner Wohnung aufsuchen. Und diesen Mann mobil zu machen, das war Armgart gelungen! Gleich nach ihrer Flucht aus Lindenwerth hatte sie ihn wie eine verschuttete pompejanische Ruine entdeckt. Sie hatte die unendliche Liebe und Dankbarkeit, die sie fur ihre Lehrerin besass, fur die Arme, die ihretwegen so hart bestraft wurde, auf den Freund des Herzens derselben ubertragen und mit jener dem jugendlichen Alter so schon stehenden Liebesubertreibung in ihm aller Welt den Propheten nachgewiesen, der in seinem Land verkannt wurde, wahrend die wissenschaftliche Welt von Alexander von Humboldt in Berlin an bis zum alten Windhack zu Kocher am Fall voll von seinem Ruhme ware. Ruhm verbreitet sich, hatte Angelika oft genug gesagt, in concentrischen Kreisen. Wie auf dem Wasserspiegel die erregte Wellenlinie erst in der Nahe des hineinfallenden Steines klein, dann wachsend und wachsend und in ihrer wahren Grosse erst in ihren aussersten Nachschwingungen sichtbar wurde, so auch die Anerkennung des Genius, zu dessen wahrer Wurdigung dann ja oft auch die Steine gehorten. Niemanden hasste Armgart so, wie einen gewissen Philosophen Namens Joseph Schelling, der so unersattlich nach Ruhm ware, dass er auch noch den Lehrstuhl Hegel's, den bis dahin ein unbedeutender Schuler bekommen, einnehmen und dadurch gleichsam beweisen wollte, dass er von Hegel nicht uberwunden worden. Das war in Eschede ein Aufsehen, als eines Tages eine graflich Dorste'sche Kutsche ins Thor fuhr und ein Livreebedienter nach dem Doctor Puttmeyer fragte! Und schon am Abend, wo Puttmeyer nicht "bei Schonian's" erschien (wo sich regelmassig vier oder funf Stammgaste einfanden), wusste es die ganze Stadt, dass Fraulein Armgart von Hulleshoven auf Stift Heiligenkreuz den Doctor aufgesucht, ihm eine Vision der Seherin von Westerhof erzahlt und ihn veranlasst hatte, diese zu zeichnen, auszutuschen und mathematisch in vierundzwanzig Theile zu zerlegen zum Muster eines Teppichs. Fur den Doctor war dieser Auftrag gewesen, wie wenn man bei einem Drechsler in Witoborn ein Linienschiff fur die englische Marine bestellt hatte. Er hatte seine katergrauen, etwas gelbgesprenkelten und schon ganz tageslichtscheu gewordenen Augen aufgezogen, wie wenn der Cultusminister bei ihm ware vorgefahren gekommen in Begleitung des Oberprasidenten und ihn zum Mitglied der Akademie gemacht hatte. Er konnte von Stund an nicht mehr regelmassig denken, nicht schlafen; er verjungte sich, als kamen seine alten Tage wieder, wo seine Ideen zum ersten male uber das vaterlandische Heidekraut flugge ins Land aufstiegen wie Marzlerchen und alle Drechselbanke der adeligen Hofe ringsum seine mystischen Dreiecke, Kubusse und Konoiden darstellten. Puttmeyer zeichnete den Teppich, mass ihn, klebte ihn in natura zusammen, wie einen Drachen voller Drachen. Das erschutterte dann sehr seine Gesundheit. Erst heute hatte man ihn konnen aus Eschede abholen lassen. Er war wie der selige Nikolaus von der Flue, den die Eidgenossen aus den wilden Bergen holten, um ihre Streitigkeiten zu schlichten, und den man tragen musste, weil er das Gehen verlernt hatte. Alles war ihm neu. In Witoborn behauptete er viel mehr Thurme zu sehen, als sonst, wahrend doch einige abgetragen waren. Die Vogel, die am Wege im Schnee hupften, betrachtete er, als waren es neue Species, die inzwischen der Schopfer geschaffen. Und dass es sich so treffen musste, an diesem Tage waren sammtliche Manner der gewahlteren Gesellschaft ins Gebirge nach Schloss Neuhof! Nun konnte er doch sowol in Schloss Westerhof, wie in der Kirche und jetzt wieder auf der Ruckfahrt, so recht geniessen, als zweiter Frauenlob, mitten unter dankbaren nur weiblichen Handen und Herzen gehegt zu werden. O that das wohl! Gleich einem alten Papagaien hatte er gegurrt und gegrammelt vor Behagen, als ihm die Frauen und Fraulein auf dem Chor vor und nach der Messe so viel Zuckerbrot in Worten gaben, seine Gute, seinen Geist, seinen Geschmack lobten. Wie der grosse Pfau des Libori wedelte er! Noch stand ihm das einfache Familiendiner im Schloss, fur den Nachmittag die Ruckfahrt nach Eschede und fur einen der nachsten Tage noch eine grossere Huldigung bevor. Bei einer Jagd, die in dem von Terschka fur Thiebold de Jonge bestimmten Walde gehalten werden sollte, einer Jagd, deren Honneurs der Trauer der Dorste's wegen ein nachbarlicher Graf Munnich ubernommen hatte, sollte Puttmeyer den Damen, die auf Munnichhof die heimkehrenden Nimrod's erwarteten, sein philosophischmathematisches System in der Art erklaren, wie er dies alle Jahre einmal in Eschede that, durch Ombres chinoises, d.h. Transparentfiguren in einem dunkeln, weihrauchgefullten Zimmer.

Und Tante Benigna! Die vielbesprochene Schwester Monika's! Die sogenannte Meg-Merilies sitzt da mm auch vor uns! ... Wie beurtheilt ihr doch die Menschen immer nur nach dem, was sie euch zu euerm eigenen zufalligen Nutzen oder Schaden sind! Die Mutter Monika's, die Grossmutter Armgart's konnte Tante Benigna, Fraulein von Ubbelohde, allerdings sein; aber von einer Hexe, von einer Kindesrauberin hatte sie gar nichts. Wie lange lag auch jener furor saxonicus schon hinter ihr! Ein schwarzer Trauer-Sammethut mit Kreppbandern zeigte das Antlitz einer funfzigjahrigen Jungfrau, deren Augen etwas ermudet waren, die Lippen weit mehr bedacht eine kleine Zahnlucke als heroische Entschlusse zu verbergen ... Onkel Levinus, ihr Schwager, war ihr Verlobter, mit dem sie sich zu verheirathen vergessen hatte. Sie setzten beide ihren Brautstand mit der immer gleichen Courtoisie fort, die schon bei ihrem ersten Verspruche stattfand. Sie lebten unter Einem Dache, fuhrten die gleichen Geschafte, die Verwaltung der Guter des Grafen Joseph, zankten sich nicht selten, aber die wirkliche Ehe war in Vergessenheit gerathen. Ob das traurige Beispiel von Bruder und Schwester sie erschreckte? Ob sie Reue hatten uber ihre wilde Einmischung in diese ungluckliche Ehe? Ob sie in der Erziehung Armgart's sich hinlanglich verbunden fuhlten? Moglich; aber Tante Benigna war keine MegMerilies. Ein Kind nimmt geistige Grosse fur physische und erinnert sich seines kleinen alten Lehrers immer in der Gestalt eines Riesen. Monika war zwanzig Jahre, als sie Benigna zum letzten male sah und ihre um so viele Jahre altere Schwester stand ihr noch immer in der Leidenschaft vor Augen, von der sie damals gegen sie beseelt war. Wie war aber auch Benigna zusammengegangen! Es ist ein ganz massig gebautes, fast anspruchsloses Wesen. Sie kichert verlegen, wenn von Levinus von Hulleshoven als ihrer ersten und einzigen Liebe die Rede ist, wie eine jede andere alte Jungfrau in gleicher Lage auch gethan haben wurde. Langst war diese Beziehung unter die Dinge gerathen, deren Losung der Mensch dem Jenseits uberlasst. Tante und Onkel, beide hatten so viel mit ihren Aemtern und nachst diesen auch mit sich selbst zu thun, dass es zu keiner Wiederanknupfung an die alte Zeit mehr kam; beide vertrockneten in sich selbst. Die Zeit, die Onkel Levinus an der Verwaltung erubrigte, gehorte der Gelehrsamkeit, den Alterthumsstudien, den Entdeckungsreisen ins Innere Afrikas und seinem chemischen Laboratorium. Die Zeit, die Benigna erubrigte, gehorte der "Erziehung" Paula's und Armgart's, die indessen umgekehrt beide mehr die Tante erzogen. Benigna ist allerdings reizbar, sehr streitsuchtig, gutmuthig wol, aber erst nach Anfallen heftiger Strenge, uberfromm und sittenrichterisch bis zum Unschonen. Wenn sie dann von allem erschopft Abends in den Sessel sinkt, schlaft sie freilich so gut ein wie andere; ja sie spricht sogar im Traume, nie jedoch etwas Geistreiches. Die beiden Pfleglinge haben sie ganz in der Gewalt; Armgart mit List, Paula mit Gute; und manchmal entwickelte auch sie Neckerei. Trotzdem dass Tante Benigna heute aus ihrem Mantel ohne Pelz ("man muss sich nicht verwohnen") und ihrem Hute ohne Schleier ("Schade was fur eine rothe Nase!") gedankenvoll in die Gegend schaut und immerfort an den beschlagenen Fensterscheiben wischt, um zu sehen, welcher Gottesfriede und welche nachstjahrige Erntehoffnung auf der Wintersaat ruht und am wievielten Chausseestein man sich befand, hatte sie doch ganz gern auch ein bischen den Doctor geneckt. Denn sein Frack war doch auch gar zu altmodisch! Wie hatte man ihn in Eschede "eingemummelt"! Wie eine alte Meerkatze sass er da unter seinen Tuchern und Pelzen ... Da aber Armgart die Ernsteste im Wagen blieb, musste Tante Benigna schon ihre Nekklust zugeln und stumm den Gedanken Audienz geben, die sie hinlanglich qualten diese Entausserung des alten Besitzes, die Zukunft Paula's, die Leiden und Visionen derselben, der Zustrom so vieler Menschen, die die "Seherin" beunruhigten, und die Sorgen wieder um diese gar "nicht zu berechnende" Armgart, um die Nahe ihrer Schwester, um die Ansiedelung ihres Schwagers in Witoborn, sein "unstandesgemasses" Fabrikproject mit Hedemann, endlich auch die unruhige Zeit, die Aufregung der Gemuther, die Zankereien des neuen Pfarrers mit den Gemeindegliedern, und dazu der Pferdestall, die Kuhe, die Schafe, die Schweine, die Fruchtpreise, alles, was zwar schon in die Verwaltungssphare des Onkel Levinus hinubergriff, von diesem jedoch oft so gefahrlich vernachlassigt wurde, wenn er hinter seinen Tiegeln und Retorten kauerte oder eine Entdeckung machte von fossilen Thieren in einem Kalksteinbruch oder ihm ein alter Romerhelm uberbracht wurde, uber dessen muthmasslichen ehemaligen Besitzer er sammtliche Bucher des Tacitus wieder noch einmal frisch durchlesen musste und dann Abhandlungen schrieb und sich in gelehrte Streitigkeiten mit Provinzblattern verwickelte.

Armgart, wie gesagt, ging auf die Necklust der Tante nicht ein ... "Herr! Crone Mein Beginnen!" sprachen, wie tief innenwarts gewandt, ihre braunen Augen. Auch bei ihr war der Hut von durchbrochenem schwarzen Flor. Ihr dunkelbraunes Haar sah man wenig und auch uber das heute wachsweisse, nur am Naschen etwas von der Kalte gerothete Antlitz zog sie zuweilen rasch einen schwarzen Schleier, den sie trotz des "Schade was" der Tante trug. In ihrer Brust gab es wilde Kampfe; auf ihrem Antlitz furchtete sie, die Spuren davon zu verrathen. Gleich nach ihrer Ankunft von Lindenwerth hatte sie am Altar der Stiftskirche zu Heiligenkreuz der Gottesmutter gelobt: "Nicht Vater! Nicht Mutter! Beide!" Das fuhrte sie durch. Das nahte sie in ihren Drachen. Das stickte sie in ihre Cigarrentasche. Das hakelte sie in ihren Aschenbecher sie verlor diese Vielliebchen, weil sie nur dem Gedanken lebte, dass die Mutter oder der Vater in jeder Stunde kommen konnten. Auch sie wischte mit dem weissen Tuche, das sie, als konnte sie plotzlich weinen, immer in der Hand hielt, das beschlagene Fenster neben sich ab. Sie that es, um sich zu uberzeugen, ob kein Gespenst ihrer Furcht oder Hoffnung hereinschaute ... Wie anbetend blickte sie dabei zuweilen zu ihrer lachelnden Freundin Paula hinuber, zuweilen auch wieder in den geflammten Achat am Himmel. Dass es fur gewisse Seelen und gewisse Zustande Engel gab, ganz so wesenhaft sichtbar wie die kleinen dicken Jungen, die in der alten Kirche zu Sanct-Libori den Baldachin uber dem geschmacklosen Hochaltar hielten, das war in dieser Sphare eine ganz vollendete Thatsache.

Und Paula, die wir nun auch hatten wiedersehen sollen, nur im Concert der Spharen, nur so, wie sie in Bonaventura's nachtlichen Traumen auf klingender Luft schwebte da sitzt nun auch die "Seherin" in der Ecke eines altfrankischen Wagens (die Staatskutschen waren beim Leichenbegangniss), fahrt hoch auf bei jedem Verlassen des gefrorenen Gleises und bekommt dann von der Seite einen Ruck der Tante und fast die Beruhrung der Nasenspitze des Doctors ... Es ist so, wie das Leben auch die Kaiser und die Konige auf die Erde eintreten lasst, ohne Krone, auch die kunftigen Heiligen ohne allen Heiligenschein. Aus ihrem weiten schweren schwarzen Sammetpelzmantel und dem schwarzen Sammethute heraus ist jetzt nur das langliche edle Antlitz Paula's ersichtlich. Es besitzt den scharfsten Ausdruck aller Schonheitslinien. Die Nase ist geschwungen; die Augen sind dunkelblau, hochgewolbt, beschattet von vollen Brauen und Wimpern, die im Gegensatz zum goldgelben Haar des Hauptes schwarz wie mit Kohle gezeichnet sind. Die Stirn ist klar und frei, das Kinn ist oval, der Mund lachelnd und die Lippe sonst rosig, heute nur von der Kalte der Kirche etwas erblasst und auch das Antlitz bleich. In Paula's Art, das sehen wir auch jetzt aus den eigenthumlich langgesponnenen Faden ihres Blickes, lag etwas von den Geisterjungfrauen, die zwischen Tag und Nacht im Nebel uber die Erde schreiten. Sie wurde nicht selbst gesucht haben eine Velleda zu sein und im heiligen Hain des Irminsul zu opfern, aber die Volker ringsum hatten sie an den Altar gefuhrt und ihr Iphigeniens Opfermesser in die Hand gedruckt. Wenn sie ihr Auge mit den seltsam schwarzen langen Wimpern aufschlug, da zog es jede Weltlichkeit empor und wiederum blieb das Geistigste, das sie anregte, doch nicht ohne einen Reiz fur die Sinne. Kaum gibt es Bestrickenderes, als allein schon der Blick auf dies Naturspiel: goldblondes Haar und auf den Augenbrauen und Wimpern ein dunkelstes Schwarz.

Paula's Sinn war so mild, so gutig. Und immer nahe stand der Armen jener Traumgott mit dem Mohnblumenkranz, der nur sanft, sanft die Hand uber ihre Augen zu streifen brauchte, und sie entschlief mit rathselhaften Organen, mit denen wir andern nicht schlafen. Dann sprach sie in verworrenen Worten, sah Entferntes mit geschlossenem Auge, horte selbst das Ticken einer Uhr in entlegensten Raumen. So krank sie sich bei dieser zweifelhaften Gabe des Geschickes fuhlte und so unendlich mud sie mit ihrem schlanken Wuchs dahinwallte uber die Erde (gegen ein Huftleiden hatte sie einst lange im Streckbett gelegen): dennoch war ihr Sinn selbst nicht zu ernst oder feierlich. Ei, jetzt am wenigsten, wo Wonnetage ihr aufgegangen waren; erst die Ankunft Benno's von Asselyn, den sie noch wenig kannte, der aber ein Vorlaufer Bonaventura's war; und dann dieser selbst! Kein Wunder, dass sie trotz der Messe, trotz der Trauer um ihren Oheim, trotz der etwas lauernd grubelnden Miene der Tante Benigna, trotz Armgart's seit einiger Zeit gar nicht mehr wiederzuerkennender Art und ewig verstorter Abwesenheit, uber den Anblick des Doctors Puttmeyer lachelte und hochst freundlich blicken musste. Schon den ganzen Vormittag war sie durch ihn heiter gestimmt ...

Sie kannten ja den unglucklichen Sohn des Onkel Kronsyndikus, Herr Doctor? begann sie mit sussmelodischer, wenn auch leiser Stimme und sprach das fast im Neckton ...

Der Doctor erkundigte sich bei jeder Frage immer erst mit einem: Wie befehlen ? Taub war er nicht, es war ihm nur ermuthigender, jede Frage zweimal zu horen und inzwischen sich die Antwort zu formuliren.

Als die Frage von Armgart, die wie ein dienender Cherub zu den Fussen ihrer Heiligen sass, wiederholt war die Tante musste sich schon lange innerlich sagen: Passen Sie doch besser auf, mein bester Herr! bestatigte Puttmeyer diese Bekanntschaft in einer eigenthumlichen Vortragsweise. Er pruhstete nicht gerade, rausperte und schnurrte auch nicht, aber sein Stimmchen war hochst fein und konnte erst durch mancherlei Manover zu hinlanglich ausreichendem Athem kommen ...

Durch seine Mittheilungen gab es dann Ruckblicke auf manches Dustere und Schauerliche, das lieber in diesem Kreise vermieden gewesen ware. Der Monch Sebastus wurde erwahnt, der krank lag im Kloster Himmelpfort, wohin ihn die Regierung hatte zuruckbringen lassen. Das Pentagramm und die Tannenfahne (Tanfana), beides Symbole der gottinger Bierhauser, kamen zur Sprache und bei Gelegenheit der Thaten des Kronsyndikus und der ewigen Ruhe desselben ruhmte Puttmeyer wieder Armgart's Symbolik des Fegefeuers. Die Tante war es, die streng mit ihrem schwarzen Handschuhfinger das niederwartsfahrende geflugelte Kreuz am beschlagenen Fenster ohne alle Rucksicht hinmalte.

Eine Pause trat nun ein. Armgart durchlebte sie im Geist auf dem Nachen von Lindenwerth. Benno stand mit dem Hut in der Hand sie grussend, wie sie abfuhr vom Huneneck ... Sie seufzte tief auf ... An ihrem Aschenbecher zog sie mit den Schmelzperlen ebenso auch schon manche Thrane auf ... Sie sah kaum hin, als Puttmeyer ihre Symbolik so unausgesetzt lobte und ausfuhrlicher noch als im Briefe an die gute Angelika sprach:

Ja, Ihr Herz Gottes, mein sehr geehrtes gnadigstes Fraulein, ist ist eigentlich der bedeutungsvolle Kreis! Der Kreis ist hm! unser inhaltreichstes Symbol! Der Kreis druckt die Welt selbst aus, das All, wie schon die Alten die geringelte Schlange hm! noch tiefsinniger aber das Ei als den Urgrund alles Seins bezeichneten. (Die Tante replicirte im Geiste, dass doch die Huhnereier oval waren ...) Die Kugel das runde Ei der S c h l a n g e (das war fast wie ein Treffer auf den errathenen Einwand der beruhmten Wirthschafterin) ist das Vollkommenste oder richtiger die Vollkommenheit selbst, der Begriff, die Monade, das Atom. Es ist hm! die ganze Einheit, die an den Dingen ihr wahres Wesen ausdruckt! Denn ob nun ein Weltball oder eine Kegelkugel hm! eine Kegelkugel (die Tante dachte hier an den Finkenhof und die Reformen des eifernden Pfarrers) es ist dieselbe Idee der harmonischen Beziehung eines Mittelpunktes hm! zu millionenfacher gleichzeitiger Entfernung. Was Sie sehen, meine gnadigsten Herrschaften, der Schnee da hm! der Vogel, der bereifte Baum, der Rauch eines Hauses, alles hm! ist die Wirkung einer Ursache, die wiederum zu einer andern Ursache als ihrem Mittelpunkte zurucklenkt und so geht das ganze Dasein hm! centripetal auf ein Inneres, aber auch immer wieder hm! centrifugal auf ein Aeusseres, eine grosse Rundflache aller Dinge. Die Allheit die Allheit dieser Strebungen ist das Sein in Gott. Die Gottheit ist die Kugel und alle Seelen sind hm! Spharoiden. Das Suchen des Mittelpunktes der Welt gibt den Radius. Wohl dem, der den langsten gefunden hat! Den, der der durch den Mittelpunkt der Welt geht! Dessen Denken ist hm! gleich Gott selbst!

Die Tante fand das alles im Grunde sehr schon und so beim Fahren zwischen Sanct-Libori und Westerhof auch hochst merkwurdig, indessen meinte sie doch, um eine gewisse Opposition, die sich in ihr regte, nicht ganz zu unterdrucken: Oder sein G l a u b e n , Herr Doctor? ... Dann wandte sie sich, weil sie, namentlich fur die hasslichen Schlangeneier noch irgendeine scharfere Eruption ihrer andern Ansicht von alledem haben musste, zu Armgart und sagte:

Armgart, Armgart! Was traumst du nur ewig!

Da Armgart kaum zuhorte, sagte Paula, die die dem Doctor ungunstig werdenden Gedanken der Tante errieth:

Liebe Tante, das Kreuz ist nie so schon verklart worden, wie vom Herrn Doctor Puttmeyer!

So? sagte die Tante fast verachtlich. Die K u g e l kann ich fur nichts so Grosses halten!

Puttmeyer streckte Nase und Kinn aus seinem Shawl hervor und erwiderte:

Ist nicht hm! meine Gnadigste der Apfel des menschlichen Auges Bitte, gnadigste Comtesse! wandte er sich dann, die Rucksichten der Etikette abwagend, sogleich wieder zu Paula, die zuerst gesprochen. Das Kreuz ist auch eben nur die O f f e n b a r u n g der Kugel ...

Nein, nein, nein, nein! rief die Tante. Gott ist k e i n e Kugel ...

Armgart nahm noch immer keine Notiz. Sonst wurde sie schon langst gesagt haben: Aber ich bitte dich, liebe Tante! Das sind ja gar keine Gegenstande fur dich! ... Paula blickte auf Armgart. Sollte sie denn nun heute Armgart's Rolle ubernehmen und statt deren polemisiren? ... Sie sagte ganz heiter:

Ei, Tantchen, das sind ja doch nur Bilder !

Ei, das weiss ich sehr wohl ! Ich bin nicht so dumm! ... fuhr die Tante auf ...

Mein gnadiges Fraulein, beschwichtigte Puttmeyer, wenn ich beim Grafen Munnich die Ehre haben werde, mein System an Beispielen zu erlautern, so zweifle ich nicht an Ihrer hm! gewogentlichsten Zustimmung ... Gott hm! ist die Idee des Kreises, die Radien und Diameter sind die Begriffe hm! des Lebens. Die Linie ist das Gegentheil des Kreises, das ewig hm! Continuirliche, die Ausdehnung, der Raum und die Zeit. Nun sind aber nur diejenigen Linien vollkommen, die einer Wesenheit angehoren und die hochste Wesenheit kann nur sein hm! im Mittelpunkte eines Kreises zu stehen d.h. wie man ja schon im Leben sagt, ins Schwarze zu treffen (Die Tante dachte hier an die bevorstehende grosse Jagd mit allen ihren Sorgen und moglichen Unglucksfallen.) Denken Sie sich Linien, die da- oder dorthin gehen hm! an der Flache der Kugel oder ein wenig in sie hinein, Tangenten, Sekanten, alles ohne den Urgrund, der da ist: Dem Mittelpunkt anzugehoren! Alle Strebungen des bunten Lebens mussen im Mittelpunkt sich durchkreuzen und so ist das Kreuz hm! auch recht der eigentliche Ausdruck der geoffenbarten Gottheit und im Grunde wieder die Kugel, d.h. Gott selbst ...

So aufmerksam Paula zuhorte, so interessirt sich jetzt endlich auch Armgart etwas dem Gesprache zuwandte, schuttelte die Tante doch den Kopf und fand diese fromme Wendung, die der arme Denker erst in einem Nachtrag seines Systems gegeben habe, als er wegen "Christus und Pythagoras" beinahe excommunicirt worden war, keineswegs katholisch und uberzeugend ... Wir haben auf unsern Altaren, sagte sie sogar mit Feinheit, das Kreuz mit zwei Balken, einem langen und einem kurzen, die doch eher dem Oval, als der Kugel entsprechen ...

Aber Tante, die Griechen! Der heilige Andreas! warf jetzt fast argerlich Armgart hinein ...

Ach, das weiss ich selbst! lehnte im selben Tone die Tante ab und verbat sich den Schein, als wenn sie nicht wusste, dass das griechische Kreuz, wie das Kreuz beim Johanniterorden, zwei ganz gleiche Schenkel hatte ...

Der Einwurf ist ganz richtig! begutigte Puttmeyer die gereizte Stimmung und vergass keinesweges, dass ihn Drohungen auch mit dem papstlichen Index einst gezwungen hatten, seine Philosophie urkatholischer zu modeln. Das griechische Kreuz ist in der That unvollkommen! sagte er. Es druckt nur die Gottheit Christi a l l e i n aus! Wir Alle wissen aber und bekennen es nicht blos in der christkatholischen Lehre hm! dass Gott der Herr die Knechtsgestalt annahm. Demnach ist der langere Balken hm! die Gottnatur, der kleinere Querbalken aber die irrende, menschliche hm! mittelpunktlose, die durch die Kugel nur ein gewohnliches Segment macht. Gerade nur an einem solchen Segment konnte der Heiland rufen: Mich durstet! Nur an einem solchen Kreuze, das halb dem Weltall, halb dem kleinen Jerusalem und dem Jahre 33 nach hm! Christi Geburt angehorte, halb dem Gott, halb dem Menschen, konnte Jesus fur uns leiden! Jener Doppelquerbalken der grossen Wurdentrager und des Papstes, ein Symbol, das gleichsam der dreifachen Krone entspricht und das wir auch auf das Haupt hm! des Pfauen im Teppich gesetzt haben (Puttmeyer malte ans Fenster ein ), ist die Einigung beider Auffassungen, der griechischen und romischen, des Christus des Dogmas und der Concilien, und des Christus der Osterwoche, des leidenden. Uralt ist schon die Ahnung unsers christ-katholischen Kreuzes bei allen Volkern. Der Hirtenstab in den Handen des Osiris, der Stab des Hermes, der die Seelen geleitet, der Hirtenstab des Pan, der seinerseits sogar schon das All bedeutete ... Das All, meine gnadigsten Herrschaften hm! und dazu der Stab des guten "Hirten"! Wie nahe kam da schon die gerade Linie der Ahnung, dass nur noch die grosse Veranstaltung zum Kreuze fehlte! Moses hm! schlug schon mit einem Stab aus Felsen Wasser! Aesculap, der Gott der Heilkunde, tragt einen schlangenumwundenen Stab! Ja im fruhgebrauchten Zeichen der Venus, des Sternes der Liebe, sind der Kreis und schon das Kreuz verbunden . Das ist dann hm! der freundliche Morgen

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und Abendstern, der Stern des Morgenlandes, der die Wahrheit halb schon ahnte, die dann an der Krippe Jesu erst ganz vernommen wurde, diese Wahrheit, die, wenn man sie ganz bezeichnen wollte, einem R a d e gleichkame, ich meine, dieser Figur: . Die druckt die ganze Schopfung aus!

Alle schwiegen ... Theils vor Bewunderung, theils vor Nichtverstandniss, theils aber auch vor Schauder an dem Bilde des Rades, das Puttmeyer an die Fensterscheiben malte ... Armgart und Paula kannten die Sage von dem Rade auf dem Schloss des Kronsyndikus ...

Puttmeyer begriff das eintretende Schweigen nicht. Er war gewohnt, solche tiefkatholische Philosophie lebhafter applaudirt zu horen. Dennoch hob ihn bald wieder die Aussicht auf den vornehmen Comfort des Schlosses und auf das Mittagsmahl ...

Noch war das Schloss nicht ganz erreicht. Man sah es aber schon. Schloss Westerhof lag auf einer kleinen Insel. Ohne Zweifel war die Brucke, die jetzt von einem Heiligen gehutet wurde, in alten Zeiten eine Zugbrucke gewesen und hatte zu einer Burg gefuhrt, von welcher noch jetzt vielleicht die vier starken Ekkthurme des Schlosses herruhrten. Der Herrensitz der grossen Gutermassen der Dorste-Camphausen stammte aus der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts und war jedenfalls nach den Verwustungen des Dreissigjahrigen Krieges neu auf alten Trummern erbaut. Von allen Seiten mit hohen Pappeln geziert, bot das Schloss nicht etwa einen Prachtbau dar; Glanzliebe wurde nicht dem Charakter der Gegend entsprochen haben. Vier bewohnbare Thurme erhoben sich an den vier Ecken eines Quadratgebaudes, oben sich zuspitzend zu einem schieferbedeckten Runddach mit kupfernem Knauf. Zwischen diesen vier Thurmen gingen vier gleichmassige Seiten von zwei Stockwerken und zwolf Fenstern der Lange nach, im zweiten Stock an jeder Seite ein Balcon von altem kunstlich gewundenen Schmiedeeisen. Ein dritter Stock verengte sich in einen Giebel, der gleichfalls spitz zulief und in einem Knopfe endete, sodass das ziemlich regelmassige Gebaude acht Spitzen hatte und recht gut auch einem Kloster entsprochen hatte. Die Wirthschaftsgebaude lagen weiter ab und ausserhalb der Insel, die ihrerseits gross genug war, auch noch an der Hinterfronte des Schlosses einen parkartigen Garten zuzulassen, der sich jenseit einer zweiten Brucke verlangerte und jetzt schon manche Anlage aus dem Schnee heraus unterscheiden liess, zumal wenn sie aus Tannen bestand.

Endlich fuhr der Wagen uber den hartfrierenden, knirschenden Schnee und die steinerne Hauptbrucke; die Rosse standen und dampften vor dem Portal, einem kleinen, dem Geschmack des Ganzen vollig entsprechenden Schnorkeldache, das von zwei kurzen Saulchen getragen wurde. Zwei grosse Hunde sprangen den Rossen entgegen. Nun galt es, sich aus den Pelzen herauszuwinden ...

Da aber hatte Tante Benigna schon bemerkt, dass der Schnee auf Paula plotzlich eine eigenthumliche Wirkung zu aussern anfing. Schon lange ermudeten ihre Augen. Und so theilnehmend Paula lachelte und mit der ganzen Lieblichkeit ihres Antlitzes den Worten des Doctors lauschte (dachte sie doch immer, was wol Bonaventura zu all diesen Philosophemen sagen wurde!) allmahlich wurde ihr Blick truber und immer abwesender. Erst schien nur der Schnee sie zu blenden, die schwarzen Wimpern sanken nieder und hoben sich nur leise; als man aber am Schloss war, hatte auch Armgart schon die Entdeckung gemacht, dass Paula in dem ihr eigenen halb wachen, halb schlafenden Zustande war. Sie verrichtete alle Functionen wie mit vollem Bewusstsein, gab Antworten auf jede an sie gerichtete Frage, nahm Armgart's Hand, die sie fuhrte, streichelte auch die Hunde, die in allen moglichen Stellungen sie umkreisten, springend, kratzend, als galt' es, unter den Strohmatten auf der Treppe, die schon beschritten wurde, oder an den Ritzen der dunkelbraun gestrichenen hohen Thuren, die auf die Corridore hinausgingen, nach Mausen zu jagen. Die Tante dampfte alles, was storen konnte. Erst als Puttmeyer auf der Treppe eine Anzahl von Kranken sah, Mutter mit Kindern, Blinde, Lahme mit Krucken, Bittende mit Briefen in der Hand, da verstand er, dass ihm heute auch noch das hohe Gluck zu Theil werden sollte, Zeuge der vielbesprochenen ekstatischen Zustande der jungen Grafin zu sein!

Am geheimnissvollen Schleier der Isis zu stehen ist nichts Kleines. Puttmeyer's Athem, ohnehin nur kurz, stockte vollends. Mechanisch liess er sich von dem Diener seiner Umhullungen entkleiden. Fast hatte er auch sein grosses weisses Halstuch abbinden lassen, das einer schutzenden Ueberbinde ahnlich sah. Die rasche Hulfe eines jungen, in eleganter Toilette hinzuspringenden Mannes schutzte ihn vor dem Misverstandniss und dem Verlust eines schonen Knotens, den ihm die Frau Steuerinspector Emminghaus mit eigener Hand heute fruh gebunden hatte ...

Der junge hulfreiche Mann war Thiebold de Jonge ... Mit seinem nur "scheinbaren Adel" hatte er sich nicht an dem Leichenbegangniss betheiligen wollen. Tante Benigna ersah mit sichtlichem Wohlgefallen, wie der vorzugsweise von ihr gern gesehene und ein fur allemal geladene Gast sich schon wieder nutzlich machte ...

Paula wurde von Armgart gefuhrt ... Hoch und schlank schritt sie dahin. Den schweren Sammetmantel hatte man ihr schon abgenommen. Sie war unter ihm in schwarze Seide gekleidet. Alle Thuren wurden aufgerissen. Die Diener kannten schon, wie sie sich in solcher Lage zu benehmen hatten ... Paula schwebte formlich ... Die Frauen fuhrten sie in ihre Zimmer. Puttmeyer, voll Staunen und die Hande faltend, blieb mit Thiebold allein. Thiebold hatte fur eine seiner gewohnten geistreichen Aeusserungen, die in diesem Augenblick lautete: "Nicht wahr? Doch merkwurdig?" nie so viel Zustimmung gefunden.

Im grossen Vorsaal, der etwas duster war, da ein uber ihm befindlicher Balcon ihm das Licht nahm, befand sich an der Thur das Weihwasser ...

Tante Benigna und Armgart hatten sich beim Eintreten trotz der Aufregung durch Paula's Zustand benetzt; Paula war vorubergegangen ...

Vom Vorsaal schritt man zur Rechten in ein geraumiges, wenn auch nicht zu grosses Wohnzimmer. Hier war alles mit Teppichen belegt. Die Vorhange waren von gruner Seide. Ein Flugel stand aufgeschlagen, auf dem ohne Zweifel Thiebold eben einige Fingerubungen gemacht hatte, denn mit so wenig Virtuositat, wie er sie besass, hier Effect zu machen, hatte er sich nicht fur moglich gedacht. Sopha, Stuhle, alles war mit gruner Seide uberzogen. Die Etageren und kleinen Schranke waren von dunkelbraunem Holze und in gothischen Formen. Die Bilder stellten Scenen aus dem Leben der Apostel und Heiligen dar. An frommen Buchern und Provinzialzeitungen war kein Mangel ...

Puttmeyer kampfte nicht wenig, wie er es anstellen sollte, uber Dinge, die hier so leicht genommen wurden, sein ganzes Erstaunen auszudrucken. Er kannte Erfahrungen dieser Art nur aus Buchern. Er hatte Abends "bei Schonians", wo er jeden Abend seine zwei Glaser Gerstenschleim trank, oder an seine ihn besuchenden Verehrerinnen sich, wenn er um Erklarung angegangen wurde, dahin geaussert, dass das klare und intellectuelle Leben des Menschen die Centripetalitat, d.h. das Streben zum Mittelpunkt ware, aber das Gefuhls- und nervose Leben die Centrifugalitat. Er hatte oft geaussert, dass man einer solchen Verruckung und Umkehrung dieser Thatigkeit, wenn sie auch Krankheit ware, getrost nachgeben und der grossen Weltseele naher zu kommen suchen sollte. Da die Visionen der Grafin keineswegs recht in die christlichen Anschauungen passen wollten, da sie, wie Armgart's Mutter noch vor kurzem bei Piter Kattendyk etwas zu vorschnell geglaubt hatte, keineswegs immer mit Christus und der Gottesmutter "im Jenseits" verbunden zu sein behauptete, so hatten die Priester ringsum noch keine besonders entschiedene Meinung uber sie aussprechen mogen. Aber die hohe Stellung der Grafin hinderte ein Einschreiten dagegen. Dann war von der Residenz des Kirchenfursten, als noch Michahelles allmachtig war, die Weisung gekommen, an den Vorfallen nichts zu storen, sie gehen zu lassen, wie sie gingen, und erst die Ankunft des Domherrn und Archipresbyters von Asselyn abzuwarten, der Bericht erstatten sollte. Umsomehr konnte Puttmeyer die Ansicht von bosen Damonen und einem unheiligen Zustande bekampfen; vollends da, als er horte, dass Paula vorzugsweise von grossen unermesslichen bunten Ringen sprach, durch die allemal erst ihr geistiges Auge hindurchdringen musse, wie durch ein grosses, riesig aufgezogenes Perspectiv ... Und als Armgart ihn zum ersten male besuchte und die Rede von Paula's Visionen war, hatte sie ihm gesagt: Des Magnetiseurs bedarf sie nicht. Der Onkel macht sie durch einfache Beruhrung hellsehend. Vor Jahren durfte der ehemalige Porteepee-Fahnrich von Asselyn, jetzige Domherr, nur in der Nahe sein, so fuhlte sie den Strom, der ihr durch die Fingerspitzen wie in gluhenden Tropfen abfiel, und was man sie fragte, sah und horte und las sie. Erst sind's immer grosse bunte Ringe, die sie sieht, dann sind's grune Wiesen, daruber leuchtet Violett- und Rosaschein und nun begegnet ihr alles, was diesseit und jenseit der Erde lebt, sowol die grossen Jagdhunde des Onkels, wie die Heiligen Gottes, sowol Tantens verlegte Ueberschuhe, wie Konig David mit seiner Harfe!

Thiebold stellte dem Doctor sich selbst vor und ausserte im Macenaston seine Freude, einen so "beruhmten Dichter" personlich kennen zu lernen ... Benno hatte ihm einige Erlauterungen uber ihn gegeben und gern hatte er schon a la Piter Kattendyk gesagt: Speisen Sie bei mir!

Ich habe bereits so vieles Schmeichelhafte von Ihnen gehort und "gelesen"! fuhr er fort. Und besonders von Fraulein Angelika Muller! Haben Sie lange keine Nachricht von dieser Vortrefflichsten? Ich habe immer gerechnet, Ihre Verbindung bald annoncirt zu horen. Herr Doctor, Herr Doctor! Ich sollte meinen, es ware Zeit ...

Puttmeyer konnte so raschem Redestrom nicht folgen, wodurch Thiebold veranlasst wurde aufs neue auf Angelika zuruckzukommen und den Geist, das Gemuth, vorzugsweise aber die himmlische Geduld dieser Einzigen zu ruhmen ...

Puttmeyer bestatigte alles das, seufzte tief auf und sagte wiederholentlich:

Laissez passer! Laissez passer! Laissez passer!

Wie so? entgegnete Thiebold mit elegischem Blick und fuhr sich mit den bei Ankunft des vierspannigen Wagens wieder von ihm angezogenen weissen Handschuhen in sein in Witoborn, wo er mit Benno bei Hedemann wohnte, schon frisirtes Blondhaar und verschluckte eine sentimentale Wendung, die etwa sagen wollte: Auch du musst dich ja an verklungene Hoffnungen gewohnen! ... Denn Armgart war sonderbarerweise auch ihm das nicht mehr, was sie einst gewesen ... Ein Rathsel umspann die Freundin, ein Rathsel, "glucklicherweise", konnte er in seiner "Bosheit" sagen, auch fur Benno ...

Ein Diener trug eben eine sonderbare Last an ihnen voruber ... Es war ein Kissen voll kleiner Gegenstande, wie Nadeln, Ringe, Brochen, Gebetbucher, Rosenkranze, Crucifixe ... Der Diener ging damit schnell, aber fast auf den Zehen in die noch offenstehende Thur, durch welche man Paula in die innern Gemacher gefuhrt hatte ...

Auf Puttmeyer's Erstaunen gab ihm Thiebold eine Erklarung. Der Zudrang zu Paula's Wunderkraft nehme immer mehr zu. Der Onkel Levinus verbote zwar die Abgabe der hundert Dinge, die die Grafin nur einmal zu beruhren brauchte, um sie heilkraftig zu machen, auch Tante Benigna nahme Rucksichten auf Paula's Gesundheit und Ruhe und dennoch besasse man die Freundlichkeit und "stellenweise" die Schwache, der Aufregung der ganzen Provinz und der Zeit ohnehin "Rechnung zu tragen" ... In der That hatte oft ein Schreiber in der Rechenei der graflichen Guter unausgesetzt mit dem Zurucksenden solcher Dinge zu thun und obgleich der exacte Sinn des Onkels jedem dabei schreiben lasse, er bedauerte diese Gegenstande so zuruckschicken zu mussen, wie sie gekommen waren, liesse sich der Volksglaube doch nicht nehmen, dass diese Gegenstande von der wunderthatigen jungen Grafin, der Seherin von Westerhof, wirklich beruhrt worden waren. Man empfange ablehnende Antworten und doch waren schon die Briefe den Leuten geweiht und wirkten auch. Im ganzen Lande stunde fest, dass eine von Grafin Paula beruhrte Wachskerze nur angezundet zu werden brauchte am Bette eines Leidenden und alsbald wurde sein Uebel verschwinden ...

Puttmeyer thaute vor dieser mittheilsamen Suada auf ... Auch er erzahlte von Armgart's Besuch ... Fraulein Armgart von Hulleshoven, sagte er, erzahlte mir, dass die Comtesse vor allem an sich selber glaube. Sie sagte mir: Wie sollte meine Freundin denn diese eigenthumliche Kraft sich deuten, die ihr ganzes Sein immer wie aufwarts zieht? Es ginge ja durch ihr Inneres, und das ganz korperlich, manchmal ein Strom quer uber den Rucken hinweg, als musste sie sich beugen und, wenn sie wollte und dabei an Gott dachte, theilte sich dieser Strom und liefe in die Arme und Fingerspitzen aus, aus denen es ihr dann wie heisse Tropfen perlte! Schon als Kind hatte ihre susse Freundin diesen Strom gehabt und oft zu Fraulein Benigna, ihrer Erzieherin, gesagt: Tante, ich konnte mich ruckwarts biegen wie ein Ring und so mit dem Kopf auf die Erde kommen! Und einmal doch ich bitte Sie Herr Baron

Bitte recht sehr! versicherte Thiebold seine Discretion und errothete uber seinen "scheinbaren Adel" ...

Puttmeyer wollte nur entschuldigen, dass er so viel allein sprach ...

Einmal, Herr Baron, war Fraulein Benigna, die die Wirthschaft des Grafen Joseph fuhrte, voll Verzweiflung zu diesem in sein Studirzimmer gesturzt und hatte ihn gerufen, zu Hulfe zu kommen. Da sahen sie Comtesse, so schlank und lang sie schon war, mit aufgelostem Haar auf der grunseidenen Decke ihres Bettes stehen, im langen spitzenbesetzten Hemde und hochaufgerichtet wider die Wand, dicht zwischen dem Weihwasserkessel, dem Crucifix und dem Bilde ihrer Mutter sich anstemmend und gegen die Wand sich so furchtbar drangend, als wollte sie die Mauer eindrukken ...

Thiebold strich sich die Frisur, als fuhlte er, wie sie sich "vor Horreur" straubte ....

Ja, Herr Baron! fuhr Puttmeyer erregt fort. Fast unglaublich, aber Fraulein Armgart versicherte es. Der Mond stand gerade gegenuber und schien Comtessen ins Antlitz. Comtesse war bei volliger Besinnung und sagte nur immer: Ich muss das so! Die Aerzte sprachen damals, wie ich wol verstand, von der Entwickelung des weiblichen Lebens und konnten nur Vorbaumassregeln anempfehlen, wenn die Anfalle sich wiederholten ... Aber sie kamen wieder mit allen Schrekken von Bewegungen, die oft aller uns gelaufigen Gesetze von der Schwere und Centripetalkraft der Dinge spotteten. Das kranke Madchen konnte sich gegen die Wand abstemmen und in der Schwebe mit ganzer Korperschwere erhalten. Somnambulismus fehlte damals noch. Vielmehr stellte sich in ihrem funfzehnten Jahr eine starke Reaction des Korpers in seinen Muskeln und sozusagen irdischern Theilen ein. Der Gang wurde trage, hangend, Comtesse fingen zu hinken an. Nun kamen sie auf die beruhmten Streckbetten einer suddeutschen Stadt. Das zweijahrige Liegen in einer fast ununterbrochen gleichen Lage schloss ihr allerdings wol die Pforten des Phantasielebens auf; doch bald trat immer deutlicher Clairvoyance hinzu. Sie kannte ihren Zustand. Sie hielt ihn so werth, dass sie, wie Fraulein Armgart versicherte, in der Beichte sich der Eitelkeit anklagte. Da ihr Befinden, einige vorubergehende Storungen ausgenommen, kein eigentlich krankes war, wenn sie sich in ihrer gewohnten Weise erhielt, so blieben von ihr die Zumuthungen kunstlich magnetischer Einwirkungen fern. Sie hatte ihre bestimmten Zeiten des Schlafes, bestimmte Bedingungen, wie den langen Anblick des Wassers, des Metalls, des Schnees, die ihr ein waches Traumen verursachten. Dann durfte nur der Herr Baron von Hulleshoven leise einmal mit der Hand uber sie hinstreifen und sie antwortete auf jede Frage, die er an sie richtete. Sonst wirkt, hor' ich, alles auf sie, was sie lieb hat, selbst das Anstreifen ihrer grossen Doggen! Sie ist im Bann des Wohlbefindens bei gewissen Menschen ebenso, wie im Bann des Schmerzes bei andern. Hort sie von Hoffnungen, die auf sie gerichtet werden, so nimmt sie ihr Brevier, liest die entsprechende Tagzeit und glaubt, ihr Gebet musste geholfen haben; wenigstens zoge es sie, sagte Fraulein Armgart, mit ganzer Seele zu den Leidenden hin ... Seit einiger Zeit vollends soll die Heilkraft und die Sehergabe ausserordentlich geworden sein ...

Hier wurde Puttmeyer's formlich in einen reissenden Strom gebrachte Rede von demselben Diener unterbrochen, der eilends und erschreckt zuruckkehrte, das Kissen mit den Gegenstanden von vorhin noch auf der Hand ...

Was ist? fragte Thiebold ...

He spreekt! sagte der Diener auf plattdeutsch und eilte besturzt voruber ...

Sie spricht? ... wiederholten beide ...

Thiebold, mit jenem Vorwitz, "den auch nur er haben konnte", zog den Doctor, der sich straubte, naher, beschritt die offene Thur, kam durch ein Zwischenzimmer, fand wieder eine Thur offen, dann einen schwersammetnen blauen Vorhang, luftete diesen und liess ihn plotzlich sinken ...

Es war ein kleines Durchgangscabinet, noch vor Paula's Schlafzimmer ... Hier lag die Schlafende auf einem Ruhebett und sprach in vernehmlichen Worten.

4.

Dies Vorcabinet war ein Neubau, der eine fruhere Unterbrechung der Wohn- und Schlafzimmer durch einen Gang verhinderte und verdeckte. Von einem obern Zimmer hatte es ein durch gedampftes Glas hereinfallendes Kuppellicht ...

Das Schlafzimmer daneben war fast dunkel, aber die dunkeln Schatten leuchteten bunt. An den Fenstern prangten praktikable bunte Laden von bleigefugten, schon zusammengestellten alten Kirchenfenstertrummern ...

Es sah hier aus wie der Eingang in eine Kapelle ...

In dem Vorcabinet, beschienen von dem matten Kuppellicht, lag Paula, vollig angekleidet auf einem Ruhebett ... Die Haare glanzten golden ... Ihre Augen waren geschlossen, ihre Blicke lachelten ... Armgart stand zu Paula's Haupten, selbst geisterhaft wie eine Botin aus jenem Traumreich, von dem einst der griechische Sanger sagte, es hatte zwei Ausgangspforten, eine von Elfenbein, aus dieser kamen die unwahren Traume, eine von Horn, aus dieser kamen die zutreffenden ... Die Tante hielt Paula's Hande ...

Thiebold wagte nicht einzutreten, zog sich aber auch nicht zuruck und winkte vielmehr dem Doctor, der so kreideweiss war, wie seine Halsbinde ...

Deutlich horte man die langsam und hellgesprochenen Worte:

O die liebe, liebe, liebe Sonne! ... Wie glitzert das im Schnee ... Ein Brillant auf jeder Tannenspitze ... Ach, ach! ... Das ist ein Schatz im Dusternbrook ...

Im Dusternbrook?

Puttmeyer glaubte, die Seherin ware in dem Reiche der ewigen Kreise, Tangenten und Sekanten Der Dusternbrook lag nur drei Meilen von hier ...

St! sagte aber Thiebold schon, nur auf eine Ahnung hin, Puttmeyer konnte sich erlauternd oder anzweifelnd bewegen ...

Puttmeyer schluckte nur seine Angst hinunter und hielt sich an einen Stuhl, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren ...

Nun kommen sie! fuhr die Traumende fort ... Wie sie so lieblich singen, die Monche! ... Silberbeschlagen ist der Sarg ... Laienbruder tragen ihn ... Die Armen! Wie die Fusse so nackt durch den Schnee mussen! ... Alle singen: Dona eis pacem ... Wie heisst das, Fraulein Schwarz? ...

Die Traumende schwieg ...

Thiebold stand schreckergriffen. Er glaubte, "versichert sein zu durfen", dass die Grafin drei Meilen weit das eben stattfindende Begrabniss des Kronsyndikus sahe; aber was sollte dann Fraulein Schwarz, die doch wol niemand anders sein konnte, als ihre fruhere Gesellschafterin, jene Lucinde, der Benno ein lateinisches Worterbuch gekauft hatte? War denn diese bei dem Begrabniss zugegen?

Puttmeyer schlich athemlos einen Schritt naher ...

Die Grafin sprach schon wieder laut, doch etwas unverstandlicher ...

Erst allmahlich unterschied man die Worte:

Die Wagen nehmen ja kein Ende ... Ich zahle schon dreiundzwanzig ... in dem ersten hinter den Franciscanern sitzt der Prasident von Wittekind ... Neben ihm der Domherr ...

Wieder eine Pause ...

Dann der Onkel mit Benno ! fuhr Paula fort ...

Wieder schwieg sie ...

Es geht so langsam ... Den Schnee schutten die Bauern auf ... Da lauft ein Reh uber den Weg ... Alles ringsum Wald ... Aber die Menschen ... Singen die und sie lauten auf dem Schlosse ... Der Zug kann jetzt nicht durch ... Jetzt schweigen die Monche ... Einer singt ... Pater Ivo ... "Maria, Maienkonigin! Dich will der Mai begrussen!" ... Der Mai in diesem Winter! ...

Puttmeyer kannte ja auch den Mariensanger, den Grafen Johannes von Zeesen, der mit seinem Husch! Husch! die Melusinen verjagte ...

In der dritten Kutsche ... fuhr Paula den Bebenden fort zu erzahlen ... da sitzt der Herr von Terschka ... Bei ihm der Landrath ... Wie jung ist der heute wieder! ... Herr von Enckefuss ist ganz geschminkt und schon frisirt ... Die Monche singen ... Wie scheint die liebe Sonne auf den silbernen Sarg! ... Ein Kissen liegt auf ihm mit allen Orden des Onkels! ... Wie funkelt das! ... Vierzehn Monche sind es ... Zwei fehlen ... Sebastus und Hubertus fehlen ...

Sebastus? sagte, seinem Temperament verfallend, Thiebold halblaut ...

Den seh' ich ja jetzt auch! ... hauchte Paula, als wenn sie Thiebold's Frage gehort hatte und alle, auch wol drinnen die Frauen, mochten denken: Den Sohn des Mannes sieht sie, der erschlagen wurde von dem Todten, den sie eben begraben?

Der liegt recht krank! fuhr Paula fort. Er liegt im Krankenkammerchen von Himmelpfort ... Ach, das ist da eng und klein! ... Durch ein Gitter ... Da kann er in eine andere Zelle sehen, nicht acht Schritte lang ... Das ist die Kapelle der Kranken ... Funf Schritte breit ist auch die nur ... Maria von altem bunten Holze ... Neben ihr d a h i n also legen sie ihre Weihnachtskrippchen? ... Ein Oechslein ... ein Eselein ... wie zum Spiel fur Kinder ... Gebt sie ihm doch! ... Geht das Eselchen nicht durch das Gitter? ... Es geht ... Armer Pater, spiel' mit dem Krippchen der Franciscaner! ...

Lange blieb es jetzt drinnen still ...

Tante Benigna sprach endlich laut und betonte die Worte so scharf, als konnte Paula dadurch verhindert werden, ferner ihren Geist ausserhalb der korperlichen Hulle dahin schweifen zu lassen ...

Armgart aber schien das hochste Verlangen zu tragen, vom Leichenbegangniss mehr zu wissen ...

Nein! Nein! Komm! sagte die Tante mit Entschiedenheit ...

Lass sie doch, Tante! bat Armgart ...

Sie traumt das nur so komm! ... Sie sieht es nicht ...

Die Tante hatte schon die Vorhange ergriffen und bedeutete die Manner, sich nicht den Zwang anzulegen, zu leise aufzutreten; man durfte getrost ganz laut sprechen ...

Schon wollte sich entfernend Puttmeyer in Andacht, Thiebold in Bewunderung ausbrechen, als Armgart, die sich nicht trennen konnte und jetzt weit uber dem mit einer seidenen Decke belegten Ruhesopha hingestreckt lag und das in glatten Scheitel gewundene Haar der Freundin streichelte, hastig winkte und die Tante bedeutete, Paula schiene einen heftigen Schmerz zu fuhlen ...

Schnell wandte sich die Tante ...

Da sie gleichfalls zu sehen glaubte, dass sich Paula durch irgendetwas erschreckt fuhlen musste, kehrte sie zuruck ...

Der Vorhang, der die Manner von dem Gemache trennte, fiel wieder zu; aber sie horten die angsterfullte Stimme der Traumenden in kurzen Satzen die Worte ausstossen:

Wer stort nur da die Ruhe des Todten? ... Der Zug halt ja ... Wer spricht? ... Das ist die Eiche, an der ... Wer spricht nur immer und predigt so laut? ... Ha! ... Herr von Terschka springt aus dem Wagen ... Die Monche schweigen ... Benno ... Gensdarmen ... Der Jude ...

Merkwurdig! rief Thiebold, dem das Traumsprechen Paula's an sich nicht neu war, und ergriff die Hand des zitternden Doctors, dem der Angstschweiss auf die Stirne trat. Was mag denn nur vorgefallen sein? ...

Nichts mehr wurde horbar ... Man vernahm ein Murmeln der Grafin, ein unverstandliches Sprechen, wie durch die Zahne ... Dann war alles still.

Die Tante kam heraus und sagte, scheinbar voll Beruhigung und doch voll Besturzung:

Sie ist erwacht!

Jetzt in einem Augenblicke flusterte Thiebold ...

Wo ich, konnte die Tante fur sich hinzusetzen, schon die Freude habe zu sehen, wie dieser liebenswurdige junge Mann formlich schon unter dem Umstand leidet, seinen Hut nicht holen und sich bei etwas Vorgefallenem nutzlich machen zu konnen ... Wie ganz anders das, als einst z.B. mein Levinus war! ...

Im Erwachen weiss sie nichts mehr von dem, was sie im Traumschlaf gesehen? fragte Puttmeyer im Gehen und athemlos vor Beklemmung ...

Kein Wort weiss sie dann! bestatigte die Tante. Sie konnen sich denken, wie diese Dinge uns aufregen. So besonders lebhaft sprach sie seit lange nicht wieder, und wir glaubten schon den hochsten Grad erreicht zu haben ... Sie werden sehen, dass sich unser Engel nach einigen Minuten erholt hat und am Arm ihrer Freundin eintritt, als wenn nichts geschehen ware ... Was mag nur die plotzliche Storung gewesen sein! Und gerade da, an der verhangnissvollen Eiche? ...

So kamen sie in das behagliche Wohnzimmer zuruck ...

Und Sie durfen in der That annehmen, meine Gnadigste, begann Puttmeyer, dass das alles

Na naturlicherweise! fiel Thiebold ein und erklarte es fur "selbstverstandlich", dass die Herren, die gegen Abend zuruckkommen wurden, alles das als wirklich so vorgefallen bestatigen wurden ...

Puttmeyer musste bedauern, dass die weite Entfernung Eschedes ihn zwang, unmittelbar nach dem Diner sich schon in den Wagen zu setzen, der ihn heute fruh abgeholt hatte, und wieder in sein Stadtchen zuruckzufahren ...

Die Tante war inzwischen mit der Nachfrage um das Diner beschaftigt. Die Storung des Leichenbegangnisses nahm sie allmahlich fur etwas wirklich Vorgekommenes, vielleicht doch nur Unverfangliches. Sie wusste, sagte sie, wie schreckhaft Paula ware und wie schon die geringste Abweichung von dem, was in der Ordnung, sie in Verwirrung bringen konnte ...

Thiebold schwebte hoch uber der Erde. Er erzahlte eine Anzahl von Geschichten, die ihm die alten Holzvermesser seines Geschafts, die Forster und Holzschlager auf seinen Reisen als glaubhafte "Ahnungen" versichert hatten. Er behauptete, in Canada englische, aus Schottland geburtige Soldaten gesehen zu haben, die am zweiten Gesicht krank waren; krank, betonte er, wenn man krank eine so wunderbare Gabe nennen konnte, die sogar ansteckend sein soll; ja in der That, Herr Doctor ! Thiebold versicherte, dass ihm Hedemann erzahlt hatte, wenn in einer schottischen Compagnie nur ein einziger Geister sahe, sahen bald alle welche. Selbst der Oberst von Hulleshoven, der doch gewiss ein Mann ohne Vorurtheile ware, hatte dies versichert

Nun kam die Tante von einer Inspection des jenseit des grossen Empfangssaales gedeckten Tisches zuruck und Thiebold musste von dem hier bedenklichen Obersten schweigen ...

Die Tante reichte Puttmeyern den Arm ... Thiebold bedeutete, auf Paula und Armgart warten zu mussen. Die Tante bat ihn zu kommen; die jungen Damen wurden nicht ausbleiben ...

In der That erschien, als die drei Vorausgegangenen in einem fast im Styl eines klosterlichen Refectoriums angelegten, rings mit kunstvoll ausgelegten hohen Schranken und krystall- und silberbeschwerten Buffets versehenen Zimmer an ihren Stuhlen standen, Paula, gefuhrt von Armgart.

Beide kamen wie aus der Marchenwelt. Paula wie eine Fee, Armgart wie ein ihr dienender Elfe. Jene in heiterer Sicherheit, ahnungsvoll im Besitz ihres Reichthums und in der Fulle ihrer Gaben, sie ohne Anspruch auf Dank verschenkend ... Diese der Erde angehorender, minder zuverlassig, eher wie das Licht des Mondes gehalten gegen den Strahl der Sonne ... Beide hatten Kranze auf ihren schonen bleichen Hauptern tragen sollen, Paula von himmelblauen Winden, Armgart von grunem Epheu ... Armgart klammerte sich an ihre Freundin, wie wenn diese das Geheimniss auch i h r e s Lebens hielt ... Paula, selbst so hulfsbedurftig, selbst so schwankend bewegt von ihrem innerlich bangen, ausserlich zwar noch immer glanzenden, aber doch ungewissen Geschick, bewegt von ihrer stillen Liebe, bewegt von ihrem Naturlose, das sie sogar von dem, was ihr eben geschehen war, selbst nichts wissen liess, schwebte sicherer dahin als Armgart, die fast mit scheuem Gewissen zur Erde blickte ...

Das Mittagsmahl stand in seltsamem Gegensatz zu dem eben Erlebten. Suppe, Rothwild, Auerhahne, grunes Kraut und Kastanien und hinter jedem Stuhl vielleicht ein abgeschiedener Geist! In einem Winkel des Zimmers auf einem Fusssessel, vielleicht mit der Trauerhaube die Schwester des Kronsyndikus, Paula's langst verstorbene Mutter ... Vielleicht Graf Joseph, der eben an einer alten, neuvergoldeten RococoWanduhr die zufallig schnurrenden Gewichte aufzog ... Wer hatte nicht ausser sich vor Staunen fragen mogen: Wie ist dir denn nun das, du Heiligste deines Geschlechts? Wie fuhlst du dich nur? Was sahst du denn am gespaltenen Eichbaum? Wer predigte nur so laut? Kann das wirklich derselbe Mund sein, der vorhin ein wunderbares Ferngesicht erzahlte und der jetzt so den silbernen Loffel leert, wie wir, vollig harmlos von des Doctors bedauerlicher Abreise spricht und sogar Armgart neckt, die "ein Buch uber Philosophie zu schreiben scheine; denn so, wie sie sich seit einigen Tagen umgewandelt hatte, das konnte nur eine Gelehrte, die freilich auch von Angelika soviel Mathematik gelernt hatte" ...

Thiebold war glucklicherweise der Mann, der jetzt uber die schwierigsten Fragen wie uber schwindelnde Bruckchen hinwegschlupfte, dabei jeden niederfallenden Knauel einer Bemerkung episodisch aufhob und ein seltenes Gemisch von geselligen Tugenden zur Bewunderung der Tante bot, die solchen Mannerschlag in der Welt fur unmoglich gehalten hatte. Puttmeyer versank in ein stillbeschauliches Grubeln ... er sah Paula starr an, verwechselte sein Messer mit der Gabel, nahm zum Braten zu gleicher Zeit Compot und Salat und beging all die Diatfehler, vor denen ihn seine Verehrerinnen in Eschede beim Abschied so ernstlich gewarnt hatten. Thiebold hatte dabei ganz nach Moppes' und Piter's Theorie die Art, den Wein einzuschenken, als war's Wasser. Da fand kein Nothigen statt, kein Abwarten, ob ein Glas schon ganz geleert war; wie er in sein Haar griff, um seinen Scheitel zu ordnen, ebenso leicht griff er an die Flasche. Die Tante fand das alles entzuckend. Sie lebte auf in dem heitern Anblick, wie die beiden Madchen wol ein halb Dutzend mal dieselbe Geberde machen mussten, die Hand auf ihre Glaser zu legen und dem Einschenkenwollen zu steuern, wahrend Thiebold ebenso oft dann, ohne sich in seinen Reiseberichten uber Amerika, Paris, London und Kocher am Fall storen zu lassen, die Wassercaraffe ergriff und die Wasserglaser der Damen bedachte. Er ist allerliebst! sagte ihr zwischen Paula und Armgart hin- und hergehender Blick ... Nur Ein Diener konnte dabei bedienen, da zur Vertretung der graflichen Wurde beim Leichenbegangniss fast die ganze Dienerschaft abwesend war und der neuhinzugetretene Dionysius Schneid fur ein unmittelbares Bedienen der Herrschaften zu wenig Geschick zeigte ...

Im Strom seiner Mittheilungslust und einer bei dem Gefuhl, "mit Geistern zu Mittag zu speisen", hochst naturlichen Aufregung gerieth Thiebold wiederholt auf Armgart's Aeltern. Er konnte diese Erwahnungen nicht langer zuruckhalten; denn bald hatte er vom Obersten eine entschlossene That, bald von der Oberstin eine uberraschende Aeusserung zu berichten. Die Tante ermuthigte ihn auch, sich keinen Zwang anzulegen, denn diese Veranderung hatte allerdings stattgefunden: sie war vollig geneigt zur Versohnung. Ihre Sorge um Armgart wurde zu gross; im Stifte Heiligenkreuz konnte des jungen Madchens Bleiben nicht sein. Sie hatte bisjetzt die schlechteste Stelle, jahrlich nur zwanzig Thaler baar und kaum sechzig in Naturalien. Die Verhaltnisse in Westerhof wurden zu schwankend; die Ansiedelung des Obersten von Witoborn mit dem auf die Hedemann'schen Muhlenwerke gerichteten Plane war vor der Thur; Onkel Levinus wurde je alter je grilliger; Tante Benigna sah demnach ganz gern, dass Thiebold ihre Schwester und ihren Schwager zugleich pries ... Thiebold wurde dabei auch von ihr nur immer Herr v o n Jonge genannt ... In ihren auf Armgart gerichteten Blicken lag: Wie benimmst du dich nur heute wieder gegen diesen besten aller deiner Bewerber!

Thiebold erzahlte von Hedemann, von seiner Lebensrettung, von den Muhlenwerken und von Hedemann's Vettern ...

Ich war in Borkenhagen ... mit meinem Freunde Benno von Asselyn zugleich, der Sie wissen ja wol, in dem Dorfe da geboren und erzogen worden ist ...

Geboren? warf die Tante lachelnd und fast verachtlich ein ...

Ganz recht! verbesserte sich Thiebold. Wie kann ich vergessen Mein Freund ist

Ein Spanier ja wol? unterbrach den Einschenkenden Puttmeyer, den seine Freundinnen trotz seiner Verborgenheit au courant aller Verhaltnisse der Gegend hielten und den der Wein und die Geisterwelt seltsam anregten ...

Das doch wol eigentlich nicht! berichtigte die Tante mit einem mysteriosen Lacheln. Sie musste auf die Schussel, die eben herumgereicht wurde, niederblicken, weil aus Paula's Augen ein bittender Blick sie traf ...

Ein prachtiger Spaziergang! fuhr Thiebold fort. Selbst im Winter! Wir suchten im Wald bei Borkenhagen, in den Vorgebuschen von Schlehdorn, erst den Finkenfang, dann die Wolfshohe und einen grossen dort befindlichen Ebereschenbaum, der in Benno's Jugenderinnerungen ubrigens wird ja nachstens dort die grosse Jagd stattfinden eine merkwurdige Rolle spielt bitte, gnadigstes Fraulein, genirt Sie die Sonne? ...

Schon war's ein Strahl der abendlichen Sonne, der der Tante ins Antlitz fiel ...

Thiebold war schon aufgesprungen, um den Vorhang niederzulassen ...

Man bat, sich nicht zu incommodiren ...

Puttmeyer wunschte gelegentlich den Tag der Jagd zu wissen, seiner Transparentbilder wegen ...

Wir schreiben Ihnen das! sagte die Tante und fuhr, auf Thiebold gewandt und zugleich argerlich uber ein Ergluhen Armgart's, als von Benno die Rede war, fort: Dann waren Sie gewiss auch auf dem armseligen Hof der narrischen verwilderten Alten, der dicht beim Walde vor Borkenhagen liegt?

Allerdings! rief Thiebold vom Fenster zuruckkehrend ...

Armgart aber fiel mit leuchtenden Augen ein: Armselig? Das war ehemals der schonste Bauernhof zwischen Borkenhagen und Witoborn! Die Stalle voll Vieh, dabei funf Pferde und die Scheuern voll Korn ... Auf dem Hof hat Benno reiten gelernt! Da hob ihn Hedemann zuerst aufs Pferd! Die Alten schenkten ihm sogar ein schwarzes Fullen! Wie ich im letzten Herbst hinkam und sie daran erinnern wollte, wiesen sie mir freilich die Thur ...

Aus dieser Mittheilung ersah man, dass Armgart in der ganzen Gegend zu hospitiren pflegte und uberall den Bruder Gutentag machte ...

Alte, verdrehte, abscheuliche Menschen sind's! rief die Tante. Ruchlose sogar!

Warum hast du sie nicht lesen und schreiben gelehrt? entgegnete Armgart ...

Ich? Ich? Wie so ich? Soll das eine Anspielung auf mein Alter sein? erwiderte die Tante und lachelte selbst sogar der Feinheit ihrer Bemerkung, ohne darum ihre zornige Aufwallung zu mildern ...

Tantchen! bat Paula und reichte ihre schone, lange, ovale weisse Hand uber den Tisch zur gereizten Verlobten des Onkel Levinus hinuber, wahrend Armgart's Antlitz gluhte und ihre starren Lippen sich nicht regten, eine so absichtlich verkehrte Auslegung ihrer Bemerkung zu berichtigen ...

Diese Menschen, fuhr die Tante fort, sind die starrkopfigsten Bauern, die nur je hier zu Lande gelebt haben! Gottesverachter sind sie geworden! Ich gebe zu, sie wurden schlecht behandelt

Von einem Geistlichen! schaltete Puttmeyer gar nicht mehr zaghaft ein ...

Auch vom Landrath! erganzte die Tante. Solcher Trotz dann aber auch gleich! Das kann auch nur bei uns vorkommen! Ich seh' und erleb' es ja taglich! Jetzt wieder der Streit um den Tanz im Finkenhof! Bitte, Herr von Jonge, was man Ihnen auch erzahlt hat und was Sie in Borkenhagen mit Herrn von Asselyn er heisst nur so, es ist ein Adoptivname gesehen haben mogen, glauben Sie mir, diese Leute sind wie die Buffel! Und die Hedemanns von je die obstinatesten! Den kunftigen Herrn Papiermuller nannten sie schon vor Jahren Herrn Remigius Dickschadel!

Auf solche aus dem Munde der Tante, die ja selbst einen Kopf wie von Eisen besass, uberraschend genug kommende Worte, stand seit Jahren fest, konnte keine Einrede gewagt werden. Paula's Auge richtete sich auf Armgart, deren Inneres vor Parteinahme zu Gunsten Hedemann's und ihres an Hedemanns Namen betheiligten Vaters aufloderte. Die braunen Augapfel gingen hin und her, die Lippen offneten und schlossen sich, die zitternden Finger drehten aus dem frischen witoborner Weissbrot kleine Vierundzwanzigpfunder wie zu einem Bombardement auf alle Welt ...

Gnadigstes Fraulein! wandte sich Thiebold zur Tante, ich weiss nicht, ob ich gut unterrichtet bin ... Ich weiss nur so viel ... Als Freund Hedemann nach Amerika ging, war der Abschied von den Aeltern auf ewig und Hedemann liess zwei alte Leute in schonem Besitzstand zuruck. Damals hatte der "so unglucklich geendete" Klingsohr, genannt der Deichgraf, die Ablosungen des ganzen Regierungsbezirks zu reguliren. Auch die alten Hedemanns wollten sich freikaufen. Auf ihrem Besitzthum haftete die Verpflichtung, dem Gutsherrn, zufallig dem Landrath, dem dieser Besitz von seiner Frau her gehorte, einen gewissen Theil des Ertrages enfin, wie viel kurz, ihm regelmassig zu zehnten! Zank hatte es schon um dieser Abhangigkeit willen genug gegeben; denn nicht einen Baum durften die Hedemanns abhauen ohne den Willen des Gutsherrn ...

Das liegt in den Verhaltnissen! sagte die Tante ...

Ich glaube das! Nun aber kam nach einem gewissen Leo Perl der Pfarrer Langelutje, der sich schon auf andern Pfarreien den schlechtesten Ruf erworben hatte und mehr Vieh- und Fruchthandler, als ein Seelsorger war ...

Daruber ist allerdings nur eine Stimme! gestand die Tante ...

Die alten Hedemanns, erzahlte Thiebold immer wie forschend, ob er recht berichtet ware, waren mit ihrem Gutsherrn in Spannung und bedienten sich des Pfarrers, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Der neue Pfarrer erbot sich dazu aufs bereitwilligste ... Die Hedemanns cedirten ihm in aller Form die Ablosung und gaben ihm die nicht unerheblichen Summen zur Realisation des Loskaufs. Gut, das Geschaft ist gemacht; die alten Leute, die froh sind, mit dem Landrath in keine directe Beziehung gekommen zu sein, bieten auch dem Pfarrer eine Erkenntlichkeit an. Er schlagt sie nicht aus. Er nimmt sich eine Kuh aus dem Stalle ...

Und noch dazu die beste! schaltete die Tante ein ... Sie wollte jetzt schon Versohnung mit Armgart und begann nachzugeben ... Er hat sie am Strick gleich selbst sich mitgenommen!

Inzwischen, fuhr Thiebold fort und schenkte wieder ein, indem er die schmollende Armgart fixirte ... inzwischen liessen die alten Leute, die, wie fast alle ringsum, Geschriebenes nicht lesen konnten, doch einmal von einem hausirenden Juden die Ablosungspapiere durchsehen. Es war an einem Sonntag Vormittag. Beide, der alte Mann und die alte Frau, sassen bereits in Toilette, um zur Kirche zu gehen. Die Glokken lauteten. In dem Augenblick studirt der fremde Rathgeber heraus, dass in den Papieren in Worten geschrieben eine viel kleinere Summe steht, als sich der Pfarrer von den Hedemanns hatte auszahlen lassen. Nicht wahr? Sie waren von ihrem Seelsorger um zweihundert Thaler und ihre beste Kuh geprellt worden. Diese Menschen, von einer grossen Verehrung vor allem, was geistlich ist, glaubten dem Juden nicht. Sie gingen mit ihrem Papier zum Kamp hinaus, um in der Kirche, gleich nach dem Gottesdienst, den Pfarrer selbst zu fragen. Da begegnet ihnen die Kutsche des Landraths. Hedemann's Vater grusst und halt nickend sein Papier empor. Herr von Enckefuss lasst halten und fragt, was es gabe? Die alten Leute tragen ihren Gegenstand vor. Der Hausirer steht in einiger Entfernung. Und jedenfalls merkte Herr von Enckefuss gleich, was die Uhr geschlagen hatte. Um aber den Pfarrer zu schonen, fuhr er den Juden an, hiess ihn sich hier augenblicklich zum Teufel zu scheren bitte um Entschuldigung! und behauptete rundweg zu seinem eigenen Nachtheil, der Schein lautete wirklich auf die Summe, die der Pfarrer von ihnen verlangt hatte ...

Puttmeyer erganzte:

Es war gerade die Zeit, wo der Rittmeister eine noch viel grossere Unthat aus Gutmuthigkeit verborgen gehalten hatte! ...

Die Tante setzte mit Rucksicht auf die noch immer finstere Armgart hinzu:

Sein Herr Sohn ist dafur um so strenger! Der bringt ja alles heraus! Den Kirchenfursten, den hat der junge Enckefuss verhaften helfen! Den Hammaker hat er auch entdeckt! Den Pater Sebastus hat er hierher gefuhrt! Nur den Leichenrauber von Sanct-Wolfgang hat er noch nicht aufgetrieben ...

Diese Zwischenplauderei war zunachst dazu bestimmt, Armgart's gute Laune zu gewinnen ... Dann fing aber auch die Tante schon an, ihren Unmuth auf die Bedienung abzulenken. Sie horte draussen sprechen, horte die groben Tritte des die Speisen aus der Kuche herzutragenden Dionysius Schneid und zischte um Ruhe ...

Paula begleitete die Rede und das Benehmen der Tante mit Blicken auf Armgart, die so viel sagen wollten als: Narrchen, sei doch lieb!

Nun hort' ich so! fuhr nach einer Discretionspause Thiebold fort. Die alten Hedemanns blieben in der Sache zweifelhaft. Da der Hausirjude das Blinzeln des Landraths wohl verstanden und sich aus dem Staube gemacht hatte, gingen die alten Leute an die Kirche, nicht in sie hinein. Sie sahen von der Thur aus den Pfarrer im Messornat, wie er das Hochheiligste segnete; sie mussten vor innerm Groll umkehren. Mit dem tiefsten Zweifel in ihrer Brust vergruben sie sich in ihrem einsamen Kamp und liessen, anfangs vor Ungewissheit, vor Ahnung, dann vor sicherer Zuversicht, dass der Pfarrer sie betrogen hatte, mit der Zeit alles lassig gehen. Den Pfarrer anklagen? Ihn unglucklich machen, die Religion schanden ? Das ist diesen Leuten nicht gegeben. Sie bebauten noch ihr Feld, hatten auch noch Knecht und Magd; aber ein Tiefsinn kam uber sie, der sie von der Welt nichts mehr horen und sehen lassen wollte. Noch einmal wagten sie zum Schulmeister zu gehen sie bekampften sich, da ihnen wieder die Scheu vor einem geweihten Priester kam ... So ging der Lebensmuth der alten Leute hin. Sie liessen Hab und Gut in Verfall kommen. Einmal rief die alte Mutter Hedemann die Schulkinder an und liess sich heimlich von denen die Urkunde vorlesen. Sie horte leider die Wahrheit; ein Betrug war's von zweihundert Thalern. Sie verschwieg ihn ihrem Alten. Zur Kirche ging nun keines mehr und Langelutje, den man meist nur in grossen Wasserstiefeln sah, auf den Markten hinter seinem Knechte stehend, beim Fruchtverkauf, der hinderte sie darin auch nicht. So in Mistrauen und Unmuth kamen die alten Leute zuruck. Sie entliessen den Knecht, die Magd, bestellten ihren Acker nicht mehr, brachen ihr Holz am Wallheck nicht mehr, liessen ihr Vieh sterben und verderben und behielten nichts, als was zum nothdurftigsten Unterhalt diente. Sie saen jetzt nur, was sie selbst brauchen. Jahraus jahrein besteht ihre Mahlzeit aus Bohnen, die sie in Wasser abkochen und uber die sie Milch giessen. Nur zu diesem Bedarf werden die Kuhe abgemolken ...

Abgemistet wurde schon lange kein Stuck Vieh mehr! erganzte die wirthschaftskundige Tante. Alles verdarb! Sie zogen ein gefallenes Thier aus dem Stalle und liessen es einfach vorm Hofe liegen. Die Nachbarschaft machte dann dem Larm der Hunde ein Ende, die sich um das Aas stritten. Nie brauchten sie noch Licht oder Oel; im Winter sitzen sie um den Feuerherd, den sie mit ganzen Baumen heizen, die sie an ihrem Wall fallen, ins Haus hereinziehen, auf den Herd legen und nun langsam abschwehlen lassen. Oft liegt das eine Ende vom halbbelaubten Baume noch draussen im Freien, vom Schnee uberschuttet. Als sie in ihrer Kleidung so weit verfielen, dass sie die Lumpen mit Stroh umbanden, um sie vor dem Herabfallen zu schutzen, legten sich die Nachbarn drein. Sie fanden zwei halb schon zu Kindern gewordene Menschen, die in innigster Uebereinstimmung mit sich selbst an ihrem Wahn festhielten, dass die Welt kein Vertrauen mehr verdiene und nichts uberflussiger ware als die Religion. Man zwang ihnen dann Beistand auf, eine Aufsicht, die dann und wann den Schmutz aus ihrer verfallenen Wohnung entfernt. Der Alte sitzt und raucht aus einer Hollunderpfeife, deren Spitze und Rohr und Abguss und Kopf er sich selbst geschnitzt hat und die immer kleiner wird, weil die paar Zahne, die er hat, sie nach und nach fast ganz "aufmummeln". Taback ist sein einziger Luxus. Geld kennen sie nicht. Wer ihnen etwas liefert, Brot, das sie nicht mehr backen, Bohnen, die sie nicht mehr saen, den verweisen sie auf das, was ringsum auf ihrem Eigenthum noch wild wachst. Aber an dem Langelutje kam dann freilich alles heraus. Er sitzt im Jesuiten-Professhaus der Residenz des Kirchenfursten. Wohl kamen bessere Geistliche, aber die alten Leute wiesen jeden ab, der sie auf ihrem verfallenen Hofe besuchte. Sie fluchteten zuletzt zur Kuh in den Stall, bis selbst unser Herr Norbert Mullenhoff mude wurde, auf dem brennenden Baumstamm am Herde zu sitzen und ihnen zu predigen ... So fand Hedemann seine Aeltern, als er im Herbste hier war. Naturlich hatte er dann Zank mit dem Landrath. Wie's jetzt mit den alten Leuten aussieht, weiss ich nicht ... Die Leute leben im Kirchenbann.

Ware Monika zugegen gewesen, ihr flammendes Wahrheitsgefuhl hatte ohne Zweifel ausgerufen: Gerade aus Liebe zur Religion, gerade aus Verehrung vor der grossten Frage der Menschheit geschah dieser A b f a l l von ihren ausseren Formen! ... Und auch in Puttmeyer schurte der Wein und sein vor Jahren tiefgekrankter Denkerstolz den Ausbruch ahnlicher Empfindungen ... In Thiebold wirkte Benno's Urtheil nach, der bei Erzahlung dieser Verhaltnisse gesagt hatte: Jetzt versteh' ich, Hedemann, warum Sie die Bibel lieber lesen, als das Brevier ...

Armgart aber rief von ihrem Standpunkte: Ja, so muss man die Welt verachten konnen! Was hilft es, die schlechten Menschen anklagen? Aergern man muss sie und beschamen! Beschamen durch unser Ungluck, das man sie zwingt mit anzusehen! Ich gehe doch noch in Witoborn zum Bischof und bitte ihn, von diesen so grossen, so echt frommen, so unubertrefflich vornehmen Menschen den allerdings nur zu gerechten Bann zu nehmen!

Man schwieg jetzt ... Es war das Mahl voruber ...

Auch wurde die Tante von einem Anliegen des Dieners in Anspruch genommen ...

Der Diener flusterte ihr etwas in plattdeutscher Sprache ...

Er brachte das Gesuch des alten Kirchendieners Tubbicke, der draussen harrte ...

Die Tante errothete ... aber "Herr, sprich nur ein Wort und meine kranke Seele wird gesund!" sagte der Blick, den sie auf Paula richtete ...

Diese bemerkte den Ausdruck eines der ihr schon bekannten Anliegen ... Sie horte das Leid des Alten, der um Hulfe fur sein Enkelchen bat ...

Paula erhob sich ... Ihre Hand zitterte ... die blauen Augen wurden tiefdunkel ... Aus den Falten ihres weiten schwarzseidenen Kleides nahm sie einen kleinen Rosenkranz von einfachen bunten Steinkugelchen, betete einen Augenblick leise, wahrend alle ihrem Beispiel folgten, kusste das Amulet und reichte es hin ... Armgart ergriff es in leidenschaftlichster Erregung und sturzte damit hinaus ...

Die Tante nahm Puttmeyer's Arm, um sich von ihm in das grune Wohnzimmer fuhren zu lassen ... Sie sah im Gehen auf die Uhr ... Es war schon gegen vier ... Dunkel war es geworden und der Diener sagte, dass auch der Wagen schon bereit stunde fur Eschede. Thiebold hatte Paula gefuhrt ... Eine druckend feierliche Stimmung umspann die kleine Gesellschaft, eine Stimmung, die sich mehrte durch Armgart's Zuruckkunft ...

Der Alte war zu glucklich! rief sie. Das Kind wird genesen!

Paula war weiss geworden wie eine Wachskerze ... Sie riss sich los. Sie hatte Thranen im Auge und verschwand ... Gern ware Armgart ihr nachgesturzt, aber die Tante befahl, dass sie blieb. Auch kam der Kaffee, den sie in silberner Maschine zu machen und zu credenzen hatte. Die Tante sank in einen der ringsum stehenden grunseidenen Fauteuils ... Ihr "Nick-Viertelstundchen" kam ...

Und Puttmeyer sollte nun so, unter solchen wunderbaren Eindrucken, seinen ganzen Menschen zurucklassen? Er verzweifelte fast ... Doch musste er nach Eschede ... Der Weg war zu weit und auch dort wohnten Seelen, die er nicht angstigen durfte! Mochte er auch von diesen nach allem, was er heute hier erlebt, fuhlen wie Armgart, als sie im letzten Herbst im Nachen zu Angelika gesagt hatte: Eine derselben wurde als geflugelte Kaffeekanne dem Fegfeuer zufliegen, eine andere als geflugelter Strickstrumpf! er musste sich losreissen ... Auch sein Hund und seine Katze mochten nicht wenig nach ihm kratzen und winseln ... Lassen Sie sich nur recht oft bei uns sehen! sagte ihm die Tante schon wie zum Abschied. Geben Sie Ihr Vergrabensein auf, Herr Doctor! Solange wir auf Schloss Westerhof noch hausen werden, sind Sie uns immer willkommen! Adieu, Herr Doctor! Grussen Sie in Ihrem nachsten Brief die die gute liebe Angelika ...

Die Tante wurde auch schon in ihrer Art somnambul und schlief schon halb. Laurenz Puttmeyer stand da, wie ein vierzigjahriges Kind. Er sah sich um, um beim Abschied nichts zu vergessen. Es that noth, dass Thiebold ihm in die Hand gab, was er mitnehmen musste, seinen Hut, seine Handschuhe, von denen sich nur einer in seinem Frack, der andere noch druben im Speisezimmer befand, und nun empfahl er sich wirklich. Thiebold und Armgart, die sich ihren noch im Vorzimmer liegenden Pelz uberwarf, begleiteten ihn ... Schon horte man das Schellenklingeln der Pferde ... Schon war der Schlag geoffnet ... Man hatte dem Gaste vorsorglich noch ein heisses Kohlenbecken in den Wagen gestellt ... Man gab ihm noch eine Wildschur des verstorbenen Grafen Joseph zur Benutzung mit ... Puttmeyer war im Losreissen von dem merkwurdigsten Tage seines Lebens in einer Verwirrung, die ihm sogar den Streich spielte, dass er ein splendides Trinkgeld statt dem Diener Thiebolden in die Hand steckte ... Und Thiebold nahm den Thaler und sagte sich mit verklarter Ruhrung: "O das kann kommen! Bei gewissen Stimmungen ist dem gebildetsten Menschen nichts unmoglich!" Er gab das Geld feierlich dem Diener ... Schon rollte der Wagen dahin und Thiebold, der in blossem Kopf stand, war nicht wenig geneigt, Armgart zum Hinauffuhren den Arm zu bieten ... Schon aber war diese vorausgesprungen ... Und Thiebold, als er dem fluchtigen Reh langsam nachfolgte, dachte: Jetzt, jetzt endlich findest du wol den langersehnten, immer vergeblich gesuchten Augenblick, sie allein zu sprechen und jene Gestandnisse zu machen, die dir Bonaventura in der Beichte anbefohlen hat! ... Er fasste sich Muth, obgleich so vieles, so vieles in Armgart's Benehmen gegen ihn sowol wie gegen Benno anders geworden war.

Oben befand sich noch die Tante unter dem magnetischen Einfluss ihrer Verdauung ... Sie trank zwar den von Armgart bereiteten Kaffee, der bekanntlich wach erhalten soll ... Ihr aber machte er die Wirkung, im Lehnsessel Reden zu halten, die etwa in folgender anakoluthischer Verwickelung sich vernehmen liessen und endlich ganzlich abbrachen:

Nun, lieber Herr von Jonge! Nun aber, bitte, bitte, lieber Herr von Jonge, nun spielen Sie uns etwas! ... Ich hatte doch den alten Tubbicke noch etwas fragen sollen ... Bitte, Herr von Jonge! ... Armgart! Noch eine Tasse vielleicht, Herr von Jonge? ... Die Schlussel zum Archiv jeden Sonntag aus der Hand lassen, das geht nicht, Herr von Mullenhoff von Jonge! ... Bitte, Mozart ... Das Kind von dem jungen Tubbikke ! Bitte, Herr von Jonge, spielen, spielen! Nein, man muss sagen, Mullenhoff geht in vielem zu weit! ... Ich liebe so die Musi ! ... Die Jagd ... Transparente Bilder von ... Wenn nur unsere Herren bald gesund und wohlbehalten von Neuhof zuruckkommen! ... Die Musik! ... Was sie nur erlebt haben mogen am Dusternbrook Bitte, Herr von Jonge! Die Die Sona Pathe tique von van van von Beetho

Damit war das Gangliensystem der Tante bezwungen. Sie entschlief, ohne ihre Rede ganz beendet zu haben.

Die Sonate pathetique zu spielen wurde sich Thiebold in seiner Vaterstadt nie getraut haben. Die Gegenwart einer Johanna Kattendyk, einer Josephine Moppes, einer Lisette Maus, einer Betty Timpe hatte ihn unrettbar dem "Fluche der Lacherlichkeit" preisgegeben. In diesem hochadeligen Hause aber, dem, wie in vielen tausenden solcher katholischen Herrensitze Europas, principiell die Bildung des 19. Jahrhunderts halbwegs immer fremd bleibt, gestattete man ihm jede freie Variation uber das grosse Meisterwerk, jede Zuthat aus den seinen Fingern noch gelaufigern Cramer'schen Etuden. Thiebold spielte wirklich etwas, wie die Sonate pathetique. "Ein Genuss fur Gotter!" sagte er sich selbst voll Bescheidenheit. Er war in jeder Beziehung froh, dass Benno fehlte.

Armgart stand an der Kaffeemaschine ... Endlich blies sie die Flamme aus ... Es wollte damit nicht so schnell gehen, wie sie wollte ... Thiebold brach mitten in seinem schonsten ad libitum ab und sprang hinzu ... Mund gegen Mund gerichtet, endete die Flamme ...

Thiebold seufzte und wurde kuhner und kuhner durch das Bewusstsein, dass sich hier einer gemuthlichen Familienscene ein beliebiger Rahmen geben liess ... Die Tante schlief ... Paula blieb fern ... Sollte er wieder spielen? ... Fraulein! sagte er leise. Ich habe Ihnen durchaus eine Mittheilung zu machen ...

Armgart betrachtete ihn kalt und doch war ihr die "Liebe" schon lange ein Begriff geworden, so klar, so verstandlich wie sonst nur der Glaube ... Sie furchtete, Thiebold wollte von seiner Liebe sprechen ... Sie wollte sich eben deshalb gleichgultig zeigen ...

Spielen Sie! sagte sie. Ich lese indessen ...

Nein, ich muss Sie sprechen! betheuerte Thiebold mit gedampfter Stimme. Ein Befehl in der Beichte verlangt es! Der Domherr will es!

Armgart mass Thiebold mit weitgeoffneten Augen ...

Wirklich, Fraulein Armgart, ich schwore Ihnen das beim Heil meiner Seele!

Auf so hochheilige Versicherung hin winkte Armgart leise mit der Hand, deutete auf die Thur und ging mit Seufzen in den Vorsaal.

Ein Blinzeln des Auges sagte, Thiebold sollte folgen.

Nehmen Sie Ihren Mantel, Herr de Jonge! sagte sie, sich im Vorsaal wendend und auf des Zogernden Nachkommen wartend ...

Thiebold blickte erstaunt auf sie nieder ...

Auch sie ergriff ihren Ueberwurf und hullte sich in ihn mit Thiebold's Hulfe ein. Dann druckte sie ihm seinen Hut in die Hand ...

Sie ging entblossten Hauptes zum Corridor hinaus ...

Wohin fuhrt sie dich denn? sagte sich Thiebold mit gesteigertem Befremden ...

Draussen war die vom Hofe hereinfallende Beleuchtung am Tage schon immer eine halbdunkle. Jetzt war der Abend hereingebrochen und in den langen Corridoren hatte man sich als Fremder ohne Licht kaum noch zurecht finden konnen ...

Fuhrt sie dich auf ihr Zimmer? sagte sich Thiebold, als Armgart sich links gewandt hatte und in einem dunkeln Gange voranschritt, auf welchen fast klosterlich eine Menge Zimmer, grosstentheils an den Thuren mit Hirschgeweihen geschmuckt, hinausgingen ...

Sie kamen an Zimmern voruber, die der Tante und Paula gehorten, an Lauftreppen, die fur die Dienerschaft bestimmt waren, an einem der vier Eckthurme, in dem auch Armgart ein eigenes Wohnzimmer hatte ... Sie wohnte halb im Stifte, halb hier ... beide Wohnungen schmolzen auf so eigenthumliche Weise zusammen, dass sie im Grunde nur eine bildeten ... in Heiligenkreuz lag oft ihre Schere und hier ihr Fingerhut ... dort arbeitete sie an der Cigarrentasche, hier an dem Aschenbecher ... dort lag zuweilen ein Schuh oder ein Strumpf, der durch einen andern, der hier sich befand, erst ein Paar bildete ... seit Weihnachten erst besass sie infolge des entschiedensten Verlangens und nach mannichfacher Prufung und Berathschlagung Schiller's Werke ... da sie Tag und Nacht darin las, so lagen sie halb in Heiligenkreuz, halb hier in ihrem Thurm. Wenn sie zwischen Heiligenkreuz und Westerhof hin- und herfuhr oder auch zu Fuss ging, begleitete sie ein Bundel von Sachen, das sie hin- und herschleppte. Oft wurde sie von der Tante dafur "Trodelliese" genannt ...

Als Armgart aber auch nicht beim Eingang in ihr Zimmer anhielt, sagte Thiebold stehen bleibend: Ja aber, mein Fraulein, was wird denn nun? ...

Er musste seine Verwunderung abbrechen und folgen ... Armgart eilte vorwarts ... sie war tief in sich verloren und schlioss nur zuweilen gelegentlich ein offen stehendes, in den Hof fuhrendes Fenster. Die Wanderung war jetzt rechts gegangen in einen andern Corridor des grossen Geviertes ... Hier kamen die Zimmer des Onkels, sein Laboratorium ... Auch an diesem wo oft der Stein der Weisen gesucht wurde und in der Retorte sich als Resultat nur ein Pfund Berliner Neublau ergab, dessen Anfertigung ebenso viel Thaler kostete, als Groschen hingereicht haben wurden, den Gegenstand in Witoborn beim Kramer zu kaufen an zwei Ritterharnischen, die vor des Onkels Thure Wache haltend im Dunkeln gespenstisch genug aussahen, ging Armgart voruber, sprang dann eine Treppe hinunter, wandte sich im Erdgeschoss einem neuen Gange zu und fuhrte Thiebold an den im untern Stockwerk befindlichen Bureaustuben, am Archiv, an der Bibliothek voruber zu einer hohen Thur, die den Eingang in die Schlosskapelle bildete ...

Wohl gingen Magde, Schreiber an ihnen voruber, wohl sah man uber den grossen, mit Sandsteinquadern gepflasterten, jetzt mit zusammengeschaufeltem Schnee bedeckten Hof hinweg im Eingangsportal wieder die hier schon gewohnten Hulfesuchenden: Armgart hielt sich bei niemand auf und huschte in die Kirche, die dem Bedurfniss der frommen Bewohner- und Dienerschaft des Hauses immer offen stand ...

Dieser Raum war nun erst vollig dunkel ...

Armgart blieb an der Thur stehen, liess den vor Erstaunen sprachlosen Thiebold eintreten, legte den hohen Thurflugel wieder an und ging durch den schmalen Gang der Sitzreihen, voraus zum Altar. Dort knixte sie, wie in der Ordnung, vor dem Erloser, und sagte zu Thiebold, der auf zwei Schritte hinter ihr stand:

Nun, Herr de Jonge! An diesem heiligen Orte Was ist es, was Sie mir zu sagen haben!

Mein Fraulein, stotterte Thiebold, befremdet von so viel Feierlichkeit und befangen durch die Einsamkeit des weihrauchduftenden Ortes, Sie uberraschen mich! In der That ...

Herr de Jonge! Sie wissen noch nicht, dass ich mein ganzes Leben unter die Befehle der allerseligsten Jungfrau gestellt habe! Ihr will ich vertrauen, was ich auf dem Herzen habe! Von ihrem Rath hangt all mein Thun, all meine Entschliessung ab. Was wollen oder was sollen Sie mir mittheilen?

Armgart hatte sich vor diesen feierlichen Worten auf die erste Bank dicht am Aufgang zum Altar niedergelassen und kniete ...

Allmahlich gewohnte sich Thiebold's Auge an das Dammerlicht der auch am Tage wenig erhellbaren Kapelle ... Die heiligen Gegenstande, die er rings erblickte, milderten die Weltlichkeit seiner Absichten, obgleich an sich diese "die reellsten" waren und nichts Geringeres bezweckten, als Armgart seine ganze Verhandlung mit Bonaventura zu erzahlen ...

Thiebold sah nun, dass die Betende zitterte. Den Kopf hatte Armgart aufs Pult gelehnt. So lag sie wie eine dem Himmel Angehorige ... Thiebold hatte sich schon vor ihr selbst niederwerfen mogen; es lag ein so bestrickender Reiz in dein exaltirten Wesen, so viel Zauberisches in dieser gleichsam vor sich selbst entfliehenden, sich mit Gewalt massigenden und doch ergluhend genug, man sah es, vorhandenen Leidenschaft, dass Thiebold nur durch die geringe "hohere Ausbildung seiner Gefuhle" verhindert wurde, seiner begeisterten Stimmung die einer solchen Situation entsprechenden Worte zu geben.

Fraulein von Hulleshoven! sagte er aber, sich dennoch einen Schwung gebend. Die unvergessliche Reise von Drusenheim die Reise durch die Siebenberge diese Nacht dann mit Extrapost ! O ich erinnere mich nie etwas Aehnliches oder ich erinnere mich allerdings ... oder Sie vielmehr erinnere ich das ist namlich der bewusste Gegenstand an den Moment, wo ich Ihnen gegenubersass und Sie mir die Hand gaben Wissen Sie noch?

That ich das? sagte Armgart und blickte die neben dem Erloser stehende Madonna an, als lase sie alles, was sie zu sprechen wagen durfte, erst von deren Zugen ab ...

Das heisst, sagte Thiebold und ruckte auf der Bank etwas naher, das heisst, liebenswurdigstes Fraulein, Sie setzten ohne Zweifel damals voraus, dass Ihnen

Ich setzte nichts voraus! sagte Armgart. Ich war in einem Zustand volliger Betaubung ...

Einmal doch ging Thiebold seinem Ziele, Bonaventura's Auftrag zu erfullen, naher, einmal doch schienen Sie vollig und sehr, sehr zurechnungsfahig als Sie namlich mit Innigkeit mir oder vielmehr ja mein Freund und ich Sie wissen Benno von Asselyn liebt Sie, und auch ich ich kann bei Gott und auf Ehre! ich kann allerdings nicht leugnen

O nicht das, Herr de Jonge! hauchte Armgart und hielt die Hand wie zur Abwehr ...

Hatt' ich eine Ahnung gehabt, dass mein Freund Sie in sein Herz geschlossen hat, nie wurde ich selbst Ihnen soviel Beweise meiner Hochachtung gegeben haben, meiner aufrichtigsten Fraulein, ich kann wol sagen, stellenweise wahnsinnigen ...

O nicht das! Nicht das! wiederholte Armgart ...

O Sie kennen die Liebe nicht, diejenige, mein' ich, die Ihr Anblick in einem Mannerherzen entzundet, in einem Herzen, das im Stande ist wie gesagt einem Freunde zu Liebe selbst die schmerzlichste Entdeckung seines Lebens

Was befahl Ihnen der Domherr mir zu sagen? unterbrach Armgart ...

O mein Fraulein! O ich bin zu tief beschamt! O, im Wagen damals glaubten Sie, leugnen Sie es nicht, Benno, der, der sasse Ihnen gegenuber! Ja, in der "Verschwiegenheit des Dunkels" ergriffen Sie Ihre Hand wenigstens, Ihre Handschuhe waren es die Hand Asselyn's, druckten diese voll Innigkeit, ja es fehlte nicht viel, was ich dem Domherrn nicht einmal sagte Ich beichtete ihm namlich meinen Betrug dass namlich Ihre Hand die seinige ans Herz zu drucken vermeinte worauf wie gesagt aber Sie waren im starksten Irrthum! Namlich der von Ihnen Begluckte war ich! ... Und, weit entfernt nun, mein Fraulein, dem Gluck eines von mir aufrichtig geschatzten Freundes oder vielmehr eines meiner "besten Bekannten" entgegenzutreten, mocht' ich nur eine Antwort auf die Frage haben: Soll ich ihm nicht das aufrichtige Gestandniss machen, mein angebetetes, liebenswurdiges Fraulein, uber das, was in jener Nacht zwischen uns allen dreien vorgefallen ist, soll ich es ihm nicht sagen, ihn aufklaren ? ...

Nein! rief Armgart ... Nein! wiederholte sie, und noch einmal sprach sie mit fester Stimme: Nein!

Thiebold wusste nicht, wie ihm geschah ... Er musste sich vor Schrecken uber diese leidenschaftliche Ablehnung unwillkurlich umsehen ...

Ich soll nicht ? stotterte er ...

Nein! war die wiederholte Antwort, die sie nur abbrach, weil am Tabernakel hinter dem Altar plotzlich ein Gerausch gehort wurde. Es schien eine Thur gegangen zu sein ...

Dennoch nahm Thiebold nach einigem Aufhorchen die Rede wieder auf und war sogar geneigt, in sein Erstaunen den Vorwurf der Undankbarkeit gegen Benno zu mischen "von ihm selbst sollte allerdings keine Rede mehr sein" aber Fraulein, Sie misverstehen mich! Oder vielmehr im Gegentheil ... Der Domherr wunscht, dass ich die Wiederherstellung der Wahrheit und Benno's Gluck befordere! Er selbst will es ubernehmen, Benno dann zu sagen

Nein! Nein! Nein!

Aber ich beschwore Sie soll denn alles, was gewesen ist, ausgeloscht ?

Ja!

Die Fahrt durch die Berge gar nicht stattgefunden ?

Nein!

Benno glaubt aber in Ihrem Herzen

Nichts soll er glauben

Das ist ja unglaublich! Geradezu furchterlich! Ich habe ja mit Benno ein ganz freundschaftliches Abkommen getroffen, dass blos Ihre eigene Entscheidung

Nun sprang Arm gart auf ...

Ein Ton war beiden zu gleicher Zeit vernehmbar geworden, der ganz in der Nahe dem Schliessen eines Schlussels oder dem Zufallen eines Schlosses entsprach ...

Da ist ja jemand! rief Armgart mit erstickter Stimme.

Und schon war auch Thiebold aufgesprungen. Mit drei Satzen war er auf der Erhohung des Altars und starrte abwechselnd auf die beiden Vorhange, die zur Seite hingen ...

Hinter dem Altar war's! rief ihm Armgart nach ...

Thiebold hob links die rothen Vorhange auf ... Er sah den Raum, der die Sakristei bildete ...

Wer ist hier? donnerte Thiebold, wild gereizt wie er war, in das Dunkel hinein ...

Armgart, bei aller Angst mit schnell gefasstem Entschluss, sprang an den zweiten Vorhang, als wenn ihre schwache Kraft einen hier Durchschlupfenden zuruckhalten konnte ...

Auf Thiebold's Rufen folgte keine Antwort ... Deutlich aber vernahm man immer noch ein polterndes Gerausch, das die Anwesenheit irgendeines lebendigen Wesens bestatigte ...

Es wird eine Katze sein! sagte endlich Thiebold mit dem ganzen, uberstromenden Ausdruck seiner Wehmuth, wahrend Armgart sich bereits in gleicher Stimmung auf einen Geist vorbereitet hatte ... Sie stand starr und hielt krampfhaft den Vorhang in ihren Handen fest ...

Thiebold ging im Dunkeln mit wiederholtem: Wer ist hier? um die Hinterwand des Hochaltars herum ...

Stossen Sie sich nicht! rief Armgart mit elegischem Schmelz. Dort steht Schrank an Schrank ...

Es waren die Schranke zur Aufbewahrung der Opfergerathschaften und Messgewander ...

Thiebold kam auf der andern Seite Armgart entgegen und versicherte, nichts gesehen zu haben ...

Er ging dann noch einmal zuruck. Armgart folgte sogar ... An einer Thur, die zum Archiv fuhrte, ruttelten beide ... sie war verschlossen ... An den Schranken ruttelten sie ... alles war unversehrt ...

Wie beide auf der andern Seite wieder herauskamen und Thiebold das Erstaunen uber Armgart's Erklarung und ihre den beiden Freunden nun schon wahrend ihrer ganzen Anwesenheit in der Gegend bewiesene Kalte in feierlichstem Ernste wieder aufnehmen wollte, Armgart sich ihm entzog und fast entfloh, wurde die Aufmerksamkeit auf ein anderes Gerausch gelenkt, das sich leichter erklaren liess ...

Peitschen knallten, Schellenbehange von Rossen klingelten, alle Hunde des Schlosses bellten ...

Sie kommen von Neuhof zuruck! rief Armgart wie erlost ...

Jetzt hatte Thiebold viel darum gegeben, wenn die Ruckkunft des Onkels und Terschka's sich noch um eine Viertelstunde verzogert hatte ... Sich selbst gab er auf, nur in der That die Liebe zu seinem Freunde hiess ihn noch reden ... Er hatte schneidende Vorwurfe, bittere Vermuthungen auf seinen Lippen ...

Im ganzen Schlosse wurde es mehr und mehr lebendig ...

Kommen Sie! rief Armgart. Sie sind's!

Damit drangte sie zur Thur ...

Die Ruckkehrenden waren es in der That, und Thiebold hatte sogar eine Ahnung, Benno und Bonaventura wurden mitkommen; ersterer vielleicht um ihn abzuholen und auf seinem Heimgang nach Witoborn zu begleiten ...

Er konnte Armgart nicht zuruckhalten, nicht um Aufklarung bitten, keines seiner aufgeregten Gefuhle weiter aussprechen ... Schon gingen im Schlosse an allen Flanken die Klingelzuge ... Man horte das Anfahren der grossen vierspannigen Kutsche, des Staatswagens der Dorstes, und einer zweispannigen kleinern, die fur Terschka und Benno bestimmt gewesen war ...

Thiebold, mit ausserstem Schmerz das Verschwinden einer schonen Lebenshoffnung wie fur ewig furchtend, hatte wenigstens nur noch Armgart's Hand ergreifen mogen und er that dies auch und hielt sie fest und bat und flehte um Aufklarung ...

Lassen Sie! sagte Armgart. Das Wort war fast verletzend, vornehm sogar. Sie war plotzlich wie gereift zur Jungfrau ...

Aus allen seinen Himmeln gesturzt, von Armgart's Kalte wie mit Eisesluft angeweht, folgte Thiebold mit langsamem Schritt ...

Im Hofe da war es lebendig ... Die Hunde sprangen und rissen an den Ketten, an die sie zur Nacht gelegt wurden ... Laternen wurden emporgehalten ... Hin und her rannten die mitgekommenen Diener ... Mit Lichtern kam der Diener, der bei Tisch servirt hatte, von der Stiege herunter und rief nach dem neuen Hausknecht, den niemand bemerken konnte ...

Vorm Portal hielten die Wagen. Schon standen in der grossen Eingangsflur, sich aus ihren Pelzen herauswickelnd, in schwarzen Fracks und weissen Halsbinden und Trauerhandschuhen der Onkel Levinus von Hulleshoven, Baron Wenzel von Terschka und in der That auch Benno ...

Bonaventura fehlte ... Es liess sich annehmen, dass er im Trauerhause bei seinem Stiefvater zuruckgeblieben war.

5.

Armgart lag, als musste sie irgendwo ihr sie uberwaltigendes Gefuhl aufs machtigste ausstromen, im Arm des Onkels ...

Sie kusste ihm den Reif von seinem grossen graublonden Bart, in dem sich ein Antlitz verbarg vergleichen wir's nur geradezu mit einem menschlich gemodelten Thierkopf; denn gibt es gutmuthigere Augen als die des Pferdes oder eines treuen Hundes? Stirn, Backenknochen, Nase (mehr konnte man vor dem Barte nicht sehen) waren hart und massiv, aber die wasserblauen Augen, ohnehin von der Fahrt und der Kalte feucht, glanzten so scheu, so gut, so treuherzig, wie rugt den Vergleich! die Augen der grossen Bulldoggen an den Ketten im Hof. Armgart umschlang ihn mit einer Innigkeit, als sollte alles, was durch das Gesprach in der Kapelle sich in ihrer Brust vom Gefuhl einer mit Gewalt abgelehnten Liebe gesammelt hatte, doch jetzt Einem zugute kommen ...

Benno grusste einfach und schuttelte dem gewissensscheuen, im Laternenschimmer vollends geisterbleichen Thiebold die Hand ...

Terschka war schon unterwegs, die Tante zu begrussen, die allen auf halber Treppe entgegenkam, wahrend sich oben auf dem Corridor auch Paula sehen liess, vor der schon einer der mitgekommenen Diener mit einem silbernen Leuchter von mehreren Flammen stand und ihre zu allen Zeiten feierliche Erscheinung wurdevoll beleuchtete.

Gesund und wohl? konnte man freudigst und ungehindert fragen ...

Alles glucklich abgelaufen? fragte man schon weniger ungehindert ... Denn in Gegenwart Paula's mochte man nicht verrathen, dass sie eine Storung des Leichenbegangnisses im Dusternbrook gesehen hatte daruber war keinem von den Zuruckgebliebenen ein Zweifel, dass wirklich dort etwas vorgefallen sein musste ...

Oben im Vorsaal liessen die Manner ihre schweren Bekleidungen und fanden, links sogleich durch das Esszimmer schreitend, in einem heute noch gar nicht geoffnet gewesenen, inzwischen geheizten gemeinschaftlichen grossen Wohnsaale im linken Thurm die Zurustungen zum Thee.

Das war denn ein traulicher Raum. Ein grosser runder Tisch, hochst kunstvoll ausgelegt, war nur in der Mitte mit einer kleinen Damastdecke belegt ... Auf diesem stand schon die siedende Theemaschine ... Nahtische waren dicht noch an diesen Tisch geruckt mit weiblichen Handarbeiten ... Eine grosse, mit einem Blechschirm bedeckte Ampel mit mehreren Flammen, die mit metallenen Ringen an der Decke befestigt war, beleuchtete das ganze, rings mit Gemalden geschmuckte, teppichbelegte Zimmer ... Die weissen Fenstervorhange waren niedergelassen ... die Gardinen waren zugezogen ... das Feuer in einem hohen Kamin prasselte ... es war eine Statte des Friedens ...

Onkel Levinus schritt, umschlungen von Paula und Armgart, wie ein von langen Reisen Zuruckgekehrter daher ... Es war ein untersetzter, stammig gebauter Herr ... In seinem Lacheln lag sogar etwas List, jene List, die der Ausdruck des Geistes ist, den dieser immer dann hat, wo er sich waffen- und harmlos gibt. Der Junggesell zeigte sich in der chevaleresken Begrussung der Tante, die ihm auch ihrerseits ganz holdseligst entgegenkam und jetzt nicht das Mindeste verrieth von ihren gewohnten Misbilligungen z.B. seiner Methode, die Merinoschafe aus Spanien einzufuhren, seines Bohrens auf Steinkohlenlager, die sich nicht fanden, seiner Gestutsveredelungsversuche und ahnlicher Dinge, die sie seit Jahren an dem phantastischen und kostspieligen Wirthschaftsfuhrer controliren musste ...

Terschka fragte nach dem Postpacket, das sie mitgebracht hatten von Witoborn ... Armgart wurde sogleich von der Tante bedeutet, es aus dem Wagen zu holen ...

Schon sprangen drei Manner zu gleicher Zeit, den Auftrag ihr abzunehmen ... Thiebold nicht am sichersten ... Benno schon in beschleunigterer Hast ... Terschka der Flinkste ...

Armgart hielt indess alle zuruck, bat, sich zu ruhen, und ging allein ...

Benno, von einer der Tante an ihm ganz ungewohnten Eleganz, wie ein Hochzeiter, zog die Handschuhe aus und strich sich vor innerer Erregung den schwarzen Bart und sein lockiges Haar ...

Und der Onkel erzahlte schon:

Bonaventura's Mutter war auf dem Schlosse noch nicht anwesend, aber das grosse Dejeuner dinatoire, das man zur Starkung bei den weiten Distanzen der Wohnorte aller Geladenen mit voller Genugthuung antreffen durfte, war hochst kostbar gewesen ... Man hatte das Mahl im Stehen eingenommen ... um ein Uhr brach endlich der Zug auf ... Die Segnungen hatte dann dem Sarge der Geistliche des Sprengels gegeben, in dem das Schloss liegt ... Dann hatten die Monche den Sarg in Empfang genommen, an der Spitze der neue Provinzial, Pater Maurus, Nachfolger des verstorbenen Henricus ... Die Beisetzung im Kloster selbst war ohne Feierlichkeit erfolgt ... Bonaventura hatte dabei etwas zu sprechen keine Veranlassung ... Im Kloster Himmelpfort hatten sich alle Eingeladenen und nur aus Rucksicht um die Dorstes Gekommenen getrennt ... Bonaventura war noch mit einem der Wagen des Prasidenten zuruckgeblieben, um im Kloster den Pater Sebastus zu besuchen ... Dann hatte er wieder nach Schloss Neuhof umkehren und erst morgen im Kreise von Westerhof erscheinen wollen ...

Paula horte diesen Mittheilungen mit Aufmerksamkeit und Ergebung zu ...

Benno erganzte:

Besonders geistlich sind die Gedanken der Leidtragenden nicht gewesen! ... Der Landrath machte curiose Spasse ...

Ja, sagte der Onkel, Spasse, die fur eine Kindtaufe gepasst hatten! ... Niemand ging jedoch besonders darauf ein ...

Die Verabredung zur Jagd ist zu Stande gekommen? fiel Thiebold zerstreut ein ...

Graf Hovden, die Hakes, Graf Munnich und andere beauftragten uns, mit der graflichen Jagerei Rucksprache zu nehmen, sagte Terschka, und die Leute meinen, dass gerade heute Abend noch im Finkenhof das Jagdpersonal versammelt sein wurde ... Herr von Asselyn schlug vor, heute Abend den Umweg uber den Finkenhof zu machen ... Ich begleite ihn und so bringen wir alles in Ordnung!

Gut! Gut! sagte der Onkel und deutete die Autoritat an, die vorzugsweise Terschka hier gebuhrte. Der Weg ist ja nicht weit ...

Die Tante war inzwischen wieder ungeduldig geworden uber Armgart, die erklart hatte, die Post allein besorgen zu konnen, und nun nicht wiederkam ... Sie schien auch schon zu bemerken, dass die Manner in der That etwas im Ruckhalt hatten ...

Terschka sprach mit Paula und war die Artigkeit und Rucksicht selbst ...

Die zuruckgekommenen Diener, die in ihrer etwas altfrankischen Staatslivree, Grun mit Gold, geblieben waren, arrangirten den Thee ... Die Herren setzten sich ...

Wie still, begann der Onkel mit einer wohltonenden, aber nur leisen und, wie dem Forscher ziemt, nur prufenden Stimme ... wie still kann nun so ein wildes Menschenkind werden! Wie lange hat doch dieser Mann in der Welt rumort! Es ist dein Onkel, Paula! Aber der hat die Spanne Zeit, die ihm der Schopfer gemessen, benutzt wie sein unverausserliches Eigenthum! Ein schauerlicher Augenblick, als wir in dem dunkeln, schneeverschutteten Grunde an dem hohlen, blitzzerschlagenen Eichbaum voruberkamen, wo einst der Deichgraf Klingsohr gefallen! ... Ja, vorher schon! ... Ich erstaunte, im Dickicht ein gewisses Kreuz wiederzufinden, das, solange der Kronsyndikus noch im Gebrauch seiner gesunden Sinne war, an jener Stelle nie stehen durfte ... Bruder Hubertus scheint es gewesen zu sein, der es wieder aufgerichtet hat ... Er ist von seiner Reise zuruck ...

Terschka, immer die Thur fixirend, durch die Armgart zuruckkehren musste, und eine Tasse Thee entgegennehmend, sagte:

Ich bin nun fast ein halbes Jahr in der Gegend, horte soviel vom Bruder Hubertus und sah ihn heute zum ersten mal ...

Er ist erst jetzt von Wanderungen heimgekehrt, die ihn bald in dieses, bald in jenes Kloster seines Ordens, oft bis in die Schweiz hineinfuhren, erwiderte Onkel Levinus. Gleich beim Anblick des Kreuzes, vor der Storung an der Eiche, dachte ich mir: Jetzt muss wol der Knochenmann wieder dasein!

Welche Storung? fragte schon vor dem "Knochenmann" die Tante und sah Thiebold an, der seinerseits zu der vom herabfallenden Lampenschimmer wie verklarten und nur auf die Erwahnung Bonaventura's harrenden Paula mit gedankenverlorener Andacht blickte ...

Ja! fuhr der Onkel fort, das war, um es nur zu sagen, ein recht verdriesslicher Augenblick! Ein formliches Todtengericht! Ich zitterte fur den Prasidenten, der neben dem Domherrn sass und die Scene erleben musste! Auch der Landrath, wie uns Herr von Terschka spater mittheilte, soll sich furchtsam in seine Ecke gedruckt und vergessen haben, dass gerade seine Autoritat hier am Platze war ... Wer weiss, wie lange diese Scene gedauert hatte, ware nicht Herr von Terschka zum Wagen hinausgesprungen und hatte die gehemmte Ordnung des Zuges wiederhergestellt ...

Tante Benigna's Augen hafteten an denen Thiebold's ...

Bruder Hubertus unterstutzte Sie endlich, Herr Baron! schaltete Benno ein, den Terschka's gespanntes Warten auf Armgart zu storen schien ... Man hatte von ihm, soviel ich hore, diese Grossmuth kaum erwarten sollen ...

Welche Grossmuth? fragte Terschka. Was hat es mit dem Bruder fur eine Bewandtniss?

Das zu erklaren, fuhr der Onkel fast frauenzimmerlich errothend fort, mochte

Die Tante wusste, dass die "Gegenwart der Damen" hinderlich war und fiel sogleich ein:

Welche Storung fiel denn nur vor?

Paula sass jetzt, als besanne sie sich auf einen Traum, den sie vor langer, langer Zeit gehabt haben konnte ... Auch Benno sah sie auf das Wort des Onkels mit einem ehrfurchtsvollen Blicke an. Sie machte den Eindruck, als waren unter dem Schutz ihrer weit ausgebreiteten Cherubsflugel alle Dinge der Erde rein und unentweiht ...

Der Zug musste im Dusternbrook eine Biegung machen, erzahlte der Onkel, sodass wir auch im Wagen alles mit ansehen konnten, was vor uns mit dem Sarge geschah. Vier Laienbruder trugen ihn. Voraus gingen der Provinzial Maurus und die Monche und alle sangen. Hintennach folgten die Dienerschaften von Schloss Neuhof, die Vorstande der Wirthschaft, die Beamten der Wittekind'schen Verwaltung. Dann erst kamen die Kutschen. Wie der Sarg an der bekannten Eiche voruberkam, empfing ihn an dem zum Zusehen bequemsten Platze eine dort versammelte Menschenmenge ... Bauern, Knechte, Weiber, Kinder, alles dicht geschart ... Zufallig machten die Gesange der Monche eine Pause ... Da ertonte anfangs eine Geige ... In lustiger Melodie fiedelte irgendjemand, den man nicht sah, und gerade aus dem Menschenknauel heraus ... Erst konnte man an einen Bettler denken, der die Gelegenheit nutzen wollte, auf die Art zu einem Almosen zu kommen ... Bald aber horte man eine laute Stimme rufen: Schweig, Todtengraber! Hier erst noch drei Hande voll Erde!

Ihr Heiligen! rief die Tante erstaunend, da auch der Onkel im Erzahlen feierlich die Stimme erhob ...

In demselben Augenblick ging die Thur auf und Armgart kam zuruck ...

Sie kam ohne die Brief- und Zeitungsmappe ...

Niemand fragte jetzt danach, so ergriffen war noch alles von dem eben Mitgetheilten ...

Thiebold klarte Armgart rasch uber das auf, wovon die Rede war ...

Diese horte wie geisterhaft und abwesend zu ...

Schweig, Todtengraber! wiederholte der Onkel. Hier erst drei Hande voll Erde! rief die Stimme. Da trat eine hohe, kraftige Gestalt in grauem Mantel aus der Menge, hielt einen Gegenstand hoch empor, zog den Hut, als wenn er die Raben ringsum, die grauen Wolken, die kahlen zackigen Zweige, die Trauerkutschen grussen wollte, und rief: Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof! Nimm zu deinem himmlischen Ehrenkleid auch noch diesen Orden mit! Ein ab instantia absolvirter Morder empfiehlt dich der Gnade Gottes, des Heilands und der allerseligsten Jungfrau! Erschein' am Tage des Gerichts mit diesem grunen, damals nicht verbrannten Fetzen Tuche

Die Frauen blickten starr auf den Onkel, der alle diese Worte mit Feierlichkeit nachsprach ... Die Tante war vor Entsetzen halb aufgestanden ...

Benno berichtete weiter; denn dem Onkel stockte schon die schwache Stimme ...

In diesem Augenblick, sagte er, wo wir alle die gleichen Empfindungen haben mussten, wie Sie sie jetzt allein vom blossen Berichte haben, war die Scene bereits von Herrn von Terschka unterbrochen worden ...

Doch nicht! doch nicht! sagte dieser von einem Nachdenken auffahrend ... Noch ehe ich aus dem Wagen war, um die Storung zu unterbrechen, war schon ein anderer Zwischenfall eingetreten ... Die Geige

Bitte! erganzte Benno. Erst horte man einen schreckhaften Schrei ...

Aber auch Paula erhob sich jetzt ... Armgart hatte nicht Platz genommen, obgleich ihr Terschka und Thiebold einen Stuhl holten, wie sie eintrat ...

Ganz recht! bestatigte der Onkel. Man erfuhr, dass im Dienstpersonal ein Frauenzimmer ohnmachtig geworden war. Es war das die Lisabeth, die Beschliesserin von Schloss Neuhof ...

Dann war das ja wol jener Kufer? schaltete die Tante mit Entsetzen ein ...

Stephan Lengenich! bestatigte der Onkel. Wir erfuhren es spater. Die Verwirrung des Augenblicks liess sich nicht ganz ubersehen, weil inzwischen der Zug schon weiter ging und die Monche schon wieder sangen. Aber den Anblick alles Spatern hatten die doch noch, die nur langsam nachfuhren. In die Rede des damals ungerechterweise angeklagten Kufers hinein ertonte wieder die Geige. Ihr Spiel war so frech, so teuflisch, so voll Hohn fiel sie ein in die furchtbare Rache des Kufers, die sie gleichsam unterstutzen wollte, dass jedermann dem nur danken musste, der sich plotzlich auf den Geiger warf, ihm sein Instrument aus den Handen schlug und ihn, da er Widerstand leisten wollte, fast mit Fussen trat. Das war dann niemand anders, als unser alter guter Freund, der Bruder Hubertus ...

Benno und Thiebold mussten sich mit Besorgniss Paula nahern, die wie in Erstarrung wieder in ihrem Sessel sass, wahrend die Tante an die Thur eilte, um sicher zu sein, dass in diesem Augenblick der Erorterung mislicher Familienverhaltnisse die Diener nicht hereinkamen ...

Ja, das Mass ist geruttelt und geschuttelt voll, sagte der Onkel tiefschmerzlich und die Hande gefaltet auf den Tisch vor sich hinlegend, das Mass der Ehrenkrankung, die seiner Familie ein wilder und entsetzlicher Mann hinterlassen hat! So ging es doch mit ihm fast funfzig Jahre hindurch! So klagen ihn todte und lebendige Zeugen an! So offnen sich die Graber, um ein Geheimniss nach dem andern ans Tageslicht zu bringen! Paula! Du gutes, gutes, treues Kind

Auf diese liebevolle Anrede, die dem Schmerz galt, den Paula um die Ehre ihrer Familie, um Mutter und Vater empfinden musste, hatte sie sich rasch aus dem Zimmer entfernt ... Armgart flog ihr wie ihr Schatten zu hulfreichem Troste nach ...

Nun erzahlte die Tante den theilweis hocherstaunenden Mannern Paula's Traumgesicht ... Alles was sie gesehen hatte, wurde von den Mannern bestatigt ...

Wild, wild war der Anblick dessen, was an der Eiche geschah! sagte der Onkel, der seinerseits an diese Visionen schon gewohnter war. Da musste sie wol erwachen ... Der Geiger war der Taugenichts, der alte buckelige Stammer! Rachen wollte er sich fur die Verweisung aus dem Schlosse durch den Prasidenten ... Der Kufer hatte den Fetzen Tuch, der einst vom Deichgrafen dem Kronsyndikus abgerissen war und so lange nicht gefunden werden konnte, wenn es uberhaupt der echte war, auf den silberbeschlagenen Sarg, mitten unter die Ordensinsignien gelegt! Als er das gethan, taumelte der Mann es war auf den Schrei der Lisabeth wie ein Kind und wurde von dem anwesenden Lob Seligmann gehalten, dem Juden, der ihn zu kennen schien. Herr von Terschka, Sie werden ja wol das Nahere von dem drolligen Musikschwarmer erfahren konnen! Aber dem Geigenspieler ging es schlimm. Hubertus zertrat ihn fast; obgleich Stammer der Bruder des Madchens war, um das auch der Bruder Abtodter den Kronsyndikus so bitter hasste ...

Die Tante, die den Onkel in der weitern Mittheilung der Geschichte des Monchs Hubertus nicht storen wollte, entfernte sich, um nach Paula zu sehen ... Es kamen jetzt Bestandtheile eines Soupers, auch einige Flaschen Wein, die sie den Mannern uberliess ...

Der Abtodter, hort' ich, nennt man ihn? fragte Terschka kopfschuttelnd, als die Diener fort waren ...

Man nennt diesen Monch so in den Klostern und im Volke! erklarte der Onkel. Sein eigentlicher Name ist Buschbeck ...

Buschbeck! wiederholte Terschka befremdet und wiederholte lange sinnend: Buschbeck? Buschbeck? ...

Terschka's eigenes, allen hier unbekanntes Leben schien mit diesem oder einem ahnlichen Namen eine Beziehung zu haben ...

Der Onkel erzahlte mit gedampfter Stimme und rasch die Abwesenheit der Frauen nutzend:

Auch Sie, Herr von Asselyn, werden sich ja wol aus Ihrer auf Hof Borkenhagen verlebten Jugend des Forsters Buschbeck nein, Sie mussten ihn schon nur als Monch gekannt haben

Es muss jener Laienbruder sein, sagte Benno, der dem alten Hedemann einmal ein Pferd mit Sympathie curirte ... Dreizehn Haupthaare von einem Scharfrichter in einem Teig von Weizenmehl und Oel eingegeben und das Pferd erhielt sich ...

Der Glaube macht selig! lachte Thiebold, der sich allmahlich zu finden und schon wieder zu serviren anfing ...

Aber der Onkel entgegnete:

Warum? Die Geheimnisse der Natur sind unergrundlich!

Terschka, immer sinnender und ein anerkannter Virtuose der Reitkunst, fiel ein:

Die Hauptsache an dem Mittel werden das Oel und vielleicht auch die Haare gewesen sein! Wann kam denn dieser Mann hier in die Gegend?

In den Jahren vor den Befreiungskriegen, etwa 1808, erzahlte der Onkel. Es war ein schlanker und gewandter Mann, der bei den Hollandern in Java gedient hatte ...

In Java! sprach Terschka leise und sein sonst schon immer wachsbleicher, fast gelblicher Teint nahm eine eigenthumliche Farbung an ... Er verlor in dem Grade seine gewohnte Elasticitat, dass er jetzt ganz als der Vierzigjahrige erkannt werden konnte, der er war, wahrend sonst der viel jugendlichere Benno fast alter aussah, als er ...

Er ruhmte sich mancher geheimen Jagerkunst und manchem galt er fur einen Freischutzen! fuhr Onkel Levinus fort ... Aber sein Lebenswandel war achtbar und stimmte wenig mit dem Ton, der damals auf Schloss Neuhof herrschte, wo ihn der Kronsyndikus anfangs zum Revierforster machte ... Es gab einst eine wilde Zeit auf dem Schlosse da, das wir heute so still und gespenstisch sahen! ... Freiherr von Wittekind war durch die Verfuhrungen des damaligen kasselschen Hofes in ein Leben der tollsten Liebeshandel gerathen. Immer hab' ich gefunden, dass Manner bei einer solchen Lebensweise zuletzt von ihrer Sinnenglut formlich unterjocht werden. Jeder Gedanke verwandelt sich ihnen in Unlauterkeit, jeder Blick auf ein Weib in Begehrlichkeit, jede Voraussetzung uber die Tugend des Menschen in den frechsten Glauben an schlechte Moglichkeiten. Damals war auf dem Schlosse eine Person allmachtig, ein Frauenzimmer zweideutiger Herkunft eine gewisse

Benno befreite den Onkel von der Verlegenheit, ganz offen uber eine ominose Beziehung zur Dechanei zu sprechen ...

Legen Sie sich keinen Zwang an! sagte er. Frau von Buschbeck hat fur die Dechanei nie existirt ... Hochstens, dass jetzt ihre Schwester mit dem alten Windhack ihr Privaterstaunen austauscht, wie das hubsche Vermogen der Ermordeten, doch an zwanzigtausend Thaler, an den Bruder Hubertus testirt wurde. Die Stifter und Kirchen sind betrogen worden! Hammaker's Vertraulichkeit mit der Alten beruhte auf den Codicillen, die er moglich zu machen wusste, um die durch Nuck und unter Zeugenassistenz zweier Herren Schnuphase und Klingelpeter getroffenen gottseligen Bestimmungen fur den Fall ihres Todes wieder aufzuheben ...

Terschka war uber die Ermordung der sogenannten Frau Hauptmann von Buschbeck unterrichtet und lauschte mit der grossten Spannung ...

Diese ausserordentliche Zartlichkeit einer Person, fuhr der Onkel fort, die nicht einen, nein mehrerlei Teufel im Leibe gehabt haben muss, diese auffallende Anhanglichkeit an den Monch Hubertus ist eine Folge der Eitelkeit, da sich Brigitta von Gulpen durchaus als die Frau Hauptmann von Buschbeck geberden wollte ... Als Hauptmann war der hollandische Lieutenant Buschbeck verabschiedet worden; er war nicht von Adel, auch nicht etwa schimpflich entlassen; aus eigenem Antrieb hatte er und leider vor Erreichung seines hohern Pensionsgrades seinen Abschied genommen. Man sagt, weil ein dunkler Schleier gehoben wurde, der auf seiner Vergangenheit ruhen soll ... Ich kenn' ihn nicht ... Man spricht ja wol von ihm, es ware ein Scharfrichterssohn? ...

Auf diese Frage, die der Onkel an sein eigenes Gedachtniss richtete, wurde Terschka's Auge das des Falken ...

Diesem Fremdling, der in einer erwerbslosen Zeit, mude des damals nur noch eintraglichen Kriegsdienstes, hingehalten mit seiner nur geringen Pension, die einfache Stelle eines Forsters annahm, schenkte die damalige Wirthschaftsfuhrerin des Freiherrn, Fraulein Brigitta, ihr Herz. Sie war feurigen, lebhaften Sinnes, hasslich dabei wie eine Fledermaus. Der Fremdling konnte sich ihrer Zudringlichkeit nicht erwehren; der Kronsyndikus that nie etwas umsonst und wunschte auf diese Art von einer Person befreit zu sein, die ihm uber den Kopf wuchs. Der Abenteurer mag aus Willensschwache und verblendet von glanzendern Anerbietungen, zugleich berauscht von der Wildheit des damaligen neuhofer Lebens, Zugestandnisse gemacht haben, die er spater bereute. Seinen spatern Aeusserungen zufolge will er niemals ein Weib geliebt haben, als nur einmal eine Tochter eines seiner Waldhuter, ein allerdings auffallend schones Kind, Hedwig Stammer hiess sie, schlank, hochgewachsen, die Schwester dieses Buckeligen, den er heute mishandelt hat ...

Nach einer Pause des Erstaunens uber diese Zusammenhange fuhr der Onkel fort:

Hedwig Stammer wurde im stillen seine Liebe und bald entdeckte diesen Treubruch, wie sie es nannte, die Megare auf dem Schlosse. Sie ersann eine Rache, zu teuflisch um sie nur nachzudenken, wenn nicht die Umstande Begunstigungen zur wirklichen Ausfuhrung des Unglaublichen gegeben hatten. Die Leidenschaften des Kronsyndikus kannten keine Grenzen. Keine Tugend war ihm heilig. Kein Weib, dem er irgend sich glaubte nahen zu konnen, liess er ohne Anfechtung. Dabei begunstigte ihn sogar das Gluck, ohnehin sein Reichthum und, wie das in solchen Fallen geht, die Courage. Ihm schien ein Widerstand unmoglich und so vermessen war seine Menschenverachtung, dass er sich an die Unschuldigsten wagte, ja durch Umtriebe aller Art es oft dahin zu bringen wusste, dass diese plotzlich in irgendeiner Weise wirklich von seinem Willen abhangig wurden. Hatte der Mann auf einem Throne gesessen, er wurde den grossten Tyrannen beizuzahlen sein ...

Ein Blick auf die Nebenthuren und ein Lauschen nach einem fernen Gerausch druckte die Furcht des Onkels aus, die Frauen mochten zuruckkommen ... Dem fast ubersiedenden Wasser im silbernen Kessel sprangen Benno und Thiebold zugleich bei durch Mildern der Flamme ...

Ich will es kurz fassen! fuhr der Onkel sich eilend fort. Der Kronsyndikus hatte sein Auge auf die Frau des Deichgrafen Klingsohr geworfen. Die Vertraute seiner Luste, die Gulpen, unterstutzte seine Hoffnungen, weil ihn Unmoglichkeiten unertraglich im Umgang machten. Mit Verachtung zuruckgewiesen, entbrannte er in nur noch wilderer Glut. Da entdeckte die Gulpen die Neigung ihres sogenannten Verlobten und schmiedete einen Hollenplan. Durch verstellte Handschriften machte sie die Deichgrafin, wie sie hiess, zur Correspondentin des Kronsyndikus. Die Eitelkeit des Frevlers war einer volligen Sinnlosigkeit fahig. Taumelnd in seinen Hoffnungen, die ihm leider nur selten fehlschlugen, glaubte er der Versicherung der Gulpen, die Deichgrafin warte nur eine Reise ihres Mannes ab, um ihn zu erhoren. Dann wurde sie selbst einmal aufs Schloss kommen. In einer Nacht, wo kein Stern am Himmel stand, der Kronsyndikus gegen Mitternacht von einem Gelage heimkehrte, wisperte ihm das Scheusal zu: Die Deichgrafin ist da! Sie bleibt auf die Nacht bei mir zum Besuch, das Wetter ist zu schlecht Wo? ruft der Trunkene und folgt in rasender Begier dem Weibe, das ihn an ihrer knochernen Hand im Dunkeln geleitet. Plotzlich ist ihr Licht erloschen, alles ringsum finster. In einer engen, dunklen Kammer trifft er eine schlanke, sich eben entkleidende Gestalt, wirft sich auf sie und erst wenige Minuten spater, als es zu spat war, erkennen zwei Menschen ihren grauenhaften Irrthum ...

Die Manner sassen erstarrt ... Es bedurfte von Seiten des Onkels kaum einer Erklarung, welche Rache hier ein weiblicher Bosewicht vollzogen hatte, der denn auch das Leben durch die Schlinge eines Morders verlassen sollte ... Dennoch erklarte der Onkel das Vorgefallene ausfuhrlicher:

Brigitte von Gulpen hatte Hedwig Stammer, die sie todlich hasste, allmahlich an sich gelockt und sicher zu machen gewusst ... In ihrer Waldwohnung suchte sie sie ofters auf, erklarte, die Untreue des Hauptmanns brache ihr zwar das Herz, doch wolle sie sein Gluck nicht hindern ... Sie befahl nur dem Madchen, die Besuche, die sie ihr, um ihren guten Willen zu zeigen, machte, dem "Herrn von Buschbeck" zu verschweigen ... Sie versprach eine glanzende Ausstattung, die Unterstutzung des Kronsyndikus und lockte das arme Kind immer mehr und mehr an sich ... Eines Abends, da sie es so veranstaltet hatte, dass Hedwig einen Auftrag im Schlosse auszurichten hatte, behielt sie sie bei sich, erzahlte von dem "Herrn von Buschbeck", Hedwig's Geliebten, der noch diesen Abend aufs Schloss kommen musste und mit dem Kronsyndikus von einer Jagdpartie zuruckkame. Es regnete, es sturmte. Sie versprach, Hedwig's Ausbleiben uber Nacht sogleich bei den besorgten Aeltern ansagen zu lassen und brachte sie in eine Kammer, wo sie zur Nacht ruhen sollte. Das arglose Ding, das bis zwolf Uhr vergebens gewartet hatte, entkleidet sich, lasst, da die Gulpen noch erst gute Nacht zu sagen zuruckzukommen erklarte, die Thur offen, loscht auf Befehl das Licht, weil die Gulpen von den Wunderlichkeiten des Kronsyndikus und seiner Strenge gegen Untergebene spricht, und nun sturmt die Gulpen plotzlich herein, ruft: Buschbeck ist da! Er kommt ... Hedwig fahrt auf, rafft ihre Kleider zusammen Genug, drei Tage hielt sich das Weib, dem seine Rache nur zu gut gelungen war, vor der Wuth des Forsters, dem die Getauschte, noch in der Nacht vom Schlosse entfliehend, sich sogleich entdeckte, verborgen ... Buschbeck wurde sie ermordet haben ... sie wusste das ... Der Kronsyndikus, damals noch sein eigener Gerichtsherr, verfugte gegen den Forster, der ihn personlich anfiel, erliess sofortige Verhaftung, dann Dienstentlassung. Lachend verzieh er der Gulpen, nannte noch spater, als in der That zufallig die in aller Unschuld abwesende Deichgrafin eines Sohnes genas, diesen, den jetzigen Monch Sebastus, seinen wahren Sohn, d.h. den Sohn seiner Einbildung, seinen Sohn im Geiste. Hedwig Stammer verfiel in ein Nervenfieber und starb. Den sogenannten Hauptmann von Buschbeck wollten die franzosischen Gensdarmen zwingen, Kriegsdienste zu nehmen oder die Gegend zu verlassen. Er fluchtete sich nach Kloster Himmelpfort, wo ihn der damalige wurdige Guardian Henricus beschutzte, vollends als er nach dem Tode Hedwig's in den Orden trat. Das bose Weib konnte sich nicht langer im Schlosse halten. Reich ausgestattet an Geschenken, fur ihre Lebenszeit gesichert durch eine Pension, zog sie von dannen. Sie stellte sich so wahnsinnig verliebt in ihren Verlobten, dass sie alles, was sie von seinen Sachen als Andenken nur ergattern konnte, mitnahm, javanische Pfeilspitzen, chinesische Gotzen, grosse ausgestopfte Vogel ... Die Stammers wohnten dann spater in einem Pavillon des Schlossparks und hatten das Gnadenbrot vom Kronsyndikus, der seine Jugendthorheiten spaterhin, wie das so geht, wenn die Kraft nachlasst, zu bereuen anfing ... Und schon einmal wurde ihm der Geiger zum Verhangniss. Dieser Taugenichts war es, der den Tod seines Sohnes Jerome dadurch veranlasste, dass er diesen, der zur Pflege in einem Dorfe jenseit des Gebirges beim Pfarrer Huber, der jetzt hier in Witoborn steht, die Nachricht von der nach Hamburg gerichteten Flucht eines gewissen fremdartigen, schonen Madchens anzeigte, das damals wiederum auf Schloss Neuhof, wenn auch freilich unter andern Verhaltnissen, auftauchte

Bis zur ganzlichen Vollendung seiner Erzahlung gelangte der Onkel nicht, denn in diesem Augenblick kehrten die Frauen zuruck ...

Tief erschuttert schwiegen die Manner ...

Was ihnen auf die Lippen ein ernstes Schweigen legte, war nicht blos das Entsetzen uber das Vernommene, nicht blos bei Terschka der mannichfache, fast personliche Antheil, den er an allen diesen Berichten zu nehmen schien, nicht blos bei Benno die Verbindung alles dessen, was er uber Klingsohr und Lucinden wusste, und der Nachhall des grauenhaft damonischen Wortes des Kronsyndikus: Im Geist ist doch Heinrich Klingsohr mein Sohn! nicht blos bei Thiebold die Ruckerinnerung an jenen Morgen, wo eine so bose Uebelthaterin ermordet gefunden wurde, und an die ihm noch unbekannte Wendung, die das Testament der Ermordeten genommen hatte (Bruder Hubertus sollte in der That das Geld angenommen, aber zu bestimmten Zwecken cedirt haben) das ernste feierliche Schweigen wurde noch mehr hervorgerufen durch den Gegensatz, in welchem die reine, lichtumflossene, weiblich verklarte Gegenwart der Wiedereingetretenen zu dem Unreinen stand, das durch menschliche Leidenschaft wie aus einem Schwefelpfuhle heraufbeschworen so im Leben ans Licht treten kann.

Die endlich von der Tante mitgebrachte Postmappe, aus der sie schon ihre eigenen Briefe und die fur Paula herausgenommen hatte, bot Gelegenheit, dass sich die Empfindungen sammelten und eine Stimmung des Friedens und wenigstens ausserlichen Behagens wiederherstellte ...

Auch von Puttmeyer's Besuch erzahlte jetzt die Tante ... Das lebhafte Interesse, das daran der Onkel nahm, wurde an einem ebenso lebhaften aussern Ausdruck dafur nur durch die weit ausgebreiteten Zeitungen und das fortgesetzte Mahl verhindert ...

Auf Schloss Westerhof war man sonst, was die Zeitereignisse anlangte, immer ziemlich spat hinter ihnen zuruck. Die neuen franzosischen Ministerien wurden gewohnlich erst bekannt, wenn sie schon wieder abgedankt hatten. Man hielt die Zeitungen der nahe liegenden Stadte, las sie aber nur von hinten her nach vorn, erst in den Familiennachrichten und dann erst in der politischen Rubrik und diese uberschlug man oft auch ganzlich ... Paula durfte sogar keine Zeitung fruher lesen, ehe nicht die Tante sie censirt hatte; denn schon lange kam es vor, dass Berichte: "Aus Witoborn" oder: "Von der Witobach" uber die "Seherin von Westerhof" oder uber die "Dorste'sche Erbschaftsfrage" schrieben. Seit dem Kirchenstreit war eine etwas grossere Leselust eingetreten. Die Tante, Paula, Armgart, das Stift Heiligenkreuz schwarmten fur den abgesetzten Kirchenfursten. Onkel Levinus entzog sich dem gemeinsamen Geiste der Provinz um so weniger, als fur ihn zwar nicht, wie bei Professor Guido Goldfinger, schon der Schopfer in der Erschaffung der Pflanzen und Blumen das katholische Princip voraus signalisiren wollte, doch die Geschichte, vorzugsweise die der alten Hindus, ihm entschiedene Tendenzen zum romischen Glauben verrieth. Oft schon hatte er mit dem Bruder Hubertus uber den Glauben der Chinesen gesprochen und sah uberall die Anknupfungspunkte der Missionare verfehlt. Er konnte oft auf einige Monate ganz die Chemie, leider auch die Oekonomie vergessen, nur um die Dreieinigkeit nicht in den Glauben des Confucius hineinzutragen, sondern sie "ganz evident" aus ihm heraus zu entwickeln. Eine Reise nach Aethiopien, zunachst um daselbst dem wirklichen Vorhandensein des bekanntlich nur im englischen Wappen und in der Bibel vorkommenden fabelhaften Einhorns nachzuforschen, dann aber auch um sich uber alles zu orientiren, was mit dem Cultus der "schwarzen Madonna" bis zum Volkervater Ham zuruck zusammenhing, ware ihm schon bei geringerer Liebe zur Bequemlichkeit eine seiner bedeutendsten Lebensaufgaben gewesen ... Den Ghibellinen gegenuber sagte auch er, wie hier alle: "Religion muss apart sein!" d.h. in keine Verbindung und Abhangigkeit mit der sonst verburgten politischen Loyalitat treten.

Der Erorterungen uber das Neueste in diesen Streitigkeiten gab es genug ...

Terschka schwieg dazu ... Er sah in seine Briefe, die zahlreich waren ...

Einen schien er darunter zu vermissen. Er betrachtete die Poststempel und fragte:

Ist das die ganze heutige Post?

Armgart fiel ihm in die Rede und begann mit einer plotzlich aufleuchtenden, fur die Stimmung des kleinen Kreises fast unpassenden Lebendigkeit und jetzt auch zu Benno gewandt, dessen schmerzlich fragende Blicke sie anfangs gemieden hatte:

Wann soll die Jagd sein? Ich gehe mit! Nicht auf Munnichhof zu den Transparenten, nein! Ich schiesse mit den Mannern um die Wette! Lassen Sie mir den Pancraz als Leibschutz, Herr von Asselyn!

Armgart! lautete der einstimmige Verweis aus des Onkels, der Tante und Paula's Munde ... Alle blickten dabei von ihren Briefen und Zeitungen auf ...

Warum denn nicht? fuhr Armgart mit gluhendem Antlitz fort. Kann ich nicht schiessen? Ich hab's vom Heydebreck gelernt! Soetbeer und Pancraz konnen bezeugen, dass ich vor Weihnachten auf dem Wege zum Stift im Niederholz ihnen begegnete, dem Pancraz die Flinte aus der Hand nahm und einen Hasen traf, der unfehlbar mir uber den Weg gelaufen ware! Ich wollte kein Ungluck haben ...

Die Manner mussten auflachen uber diese eigene Art, dem Schicksal seine bosen Vorbedeutungen mit Gewalt zu vereiteln ...

Die Tante sah nur kurz vom Brief einer guten Freundin auf und bemerkte:

Deshalb entdeck' ich auch in deinem Zimmer immer die meisten Spinngewebe! Du denkst, Spinnen bon espoir. Ich aber denke, jedes Ungluck, das sich nur durch Wildheit und Unordentlichkeit abwenden lasst, muss man getrost ertragen!

Auch dieses Streiflicht auf Armgart's nicht eben besonders punktliche Natur blieb nicht ohne ein Lacheln der Manner. Nur, dass sie hatten hinzufugen mogen: Aber lass uns doch uber dich lachen, du susser Narr! Gerade dein Koboldsgeist ist's ja, der andern so himmlischer Abkunft erscheint! Rumore, wie du willst, verschleppe Bucher und Nahtereien und Federn und Dintenfasser; gerade darin liegt uns ja dein bestrickender Reiz! ... Armgart fasste jedoch dies Lacheln nicht so. Duster blinzelte sie die Reihe herum und musterte, wer sich zu lachen erlaubt hatte ... Vorwurfsvoll blickte sie besonders auf Thiebold, dem sie sogar laut sagte: Das amusirt Sie wol? ... Benno's Blick hielt sie nicht aus ... An Terschka huschte ihr Auge noch scheuer voruber ...

Benno sah das ganze seit Wochen so befremdliche Wesen und staunte ...

Inzwischen sprach die Tante von den Ombres chinoises und jetzt mit der grossten Schonung. Sie ruhmte die Philosopheme Puttmeyer's ebenso, wie sie sie heute fruh verworfen hatte ... Sie kam darauf durch ihre Lecture ...

Ich lese da eben einen Brief von der guten Angelika Muller aus Paris! schaltete sie ein. Was ist die in neuen Verhaltnissen! ... Die Fulds sehen die Minister und die beruhmtesten Namen bei sich ... Ei, Herr von Terschka, Madame Fuld lasst sich Ihnen empfehlen ... Und ob Sie nicht im nachsten Sommer wieder auf ihrer Villa erschienen? ... Die neue Erweiterung des Gartens, des Pavillons, wurde ganz nach Ihren Ideen gebaut werden, schreibt Angelika ... Und wann Sie denn nach Wien reisten? liesse Madame Fuld fragen ... Ei, ei, Herr von Terschka, welches Interesse von einer so jungen und gewiss hochst liebenswurdigen Frau!

Armgart fixirte Terschka aufs lebhafteste, als er dies Lob der Frau Bettina Fuld bestatigte ... Paula musste ihre Hand auf Armgart's Scheitel legen, wie gleichsam um ihre sturmenden Gedanken zu beruhigen ...

Jede Lucke des nicht im wohlthuenden Zusammenhange bleibenden Gesprachs gehorte naturlich wieder Thiebold ... Mit seiner immer lebendigen Theilnahme, mit seiner Empfanglichkeit fur alles und jedes fullte er sie ... Die Tante uberhaufte ihn mit Thee, Zwieback, kalten Fleischspeisen und einem "Herr v o n Jonge" nach dem andern. Er war eben der Liebling ihres Herzens. Als endlich die Rede fiel, dass die Manner wirklich noch auf den Finkenhof gehen und mit dem graflichen Jagdpersonal die versprochene Rucksprache nehmen wollten, und Benno und Thiebold erklarten, sie wurden von dort auf einem kurzern Wege zu Fuss nach Witoborn zuruckkehren, protestirte die Tante mit Beseitigung aller ihrer noch unbeendigten Lecture entschieden und behauptete, eine solche Gefahr vor Schneeverwehungen nimmermehr zuzugeben ... Die jungen Manner versicherten, dass der Schnee frore und ihnen diese Wanderung den grossten Genuss gewahren, ja Bedurfniss sein wurde. Auf die immer und immer wiederholten Einwendungen der Tante wurde zuletzt Armgart ausfallend und fand es sonderbar, Mannern ihren Willen zu nehmen. Sicher hatte dies kuhne Wort dann die wechselnde Ebbe und Flut im Gemuth der Tante zum Ueberstromen der letztern gebracht, ware nicht der Onkel gleicher Meinung gewesen und hatte erklart, wie man nur den jungen Herren ein Vergnugen rauben konnte. Dabei that er, als wenn ja auch nur s e i n aufopferndes jahrelanges Leben hier unter den Frauen auf Schloss Westerhof schuld daran ware, dass er nicht die anstrengendsten Entdeckungsreisen nach Cochinchina unternommen hatte.

Paula's Schweigen gebot den Aufbruch zu beschleunigen ... Es war ihnen allen schon geschehen, dass die Leidende eben noch theilnehmend ihren Gesprachen lauschte und plotzlich auf eine Anrede im Traum erwiderte ...

Als die Manner gegangen waren Thiebold mit bedeutsamen Seufzern, Benno vergebens auf den Handedruck hoffend, der ihm von Armgart sonst immer so unbefangen geworden, Terschka fast von ihr ausgezeichnet durch manche beflissene Frage, manche lebhaft erwidernde Antwort uberschuttete die Tante Armgart mit all dem Mismuth, der sich in den gespannten Zustanden ihres Gemuths seither angesammelt hatte. Von Tage zu Tage nahm die Reizbarkeit und Ungeduld Benigna's zu. Ein angstlicher Blick in die Zukunft verdusterte ihr alles, was sie umgab, und schon lange war es immer nur Armgart, die der Blitzableiter aller ihrer Verstimmungen werden musste.

Nein, je alter, desto unertraglicher wirst du doch, Armgart! rief sie und das noch in Gegenwart des Onkels. Seit du von Lindenwerth zuruck bist, erkennt man dich nicht mehr! Verkehrt warst du schon immer; aber so vorwitzig, wie jetzt deine Aeusserungen sind, so keck, wie ich dich z.B. vorhin druben im Durchstobern der Postmappe fand, bist du nie gewesen! Hat es das Fraulein Muller versehen, die in ihrer Geduld und Nachgiebigkeit sich jetzt sogar den Sitten eines vornehmen Judenhauses in Paris fugt, oder ist dir die Stiftsdame zu Kopf gestiegen oder ich weiss es nicht, was die Schuld tragt! Die Jagd mitmachen! Hasen schiessen, die einem uber den Weg laufen konnten! Wahrhaftig! Ich habe gar keine Geduld mehr fur dich!

Nun, nun, nun, nun ! beschwichtigte der Onkel fortlesend ...

Und Paula bat schmeichelnd:

Tantchen!

Armgart aber stand wie das Lamm Gottes, das die Sunden der Welt tragt. Alles Weh der Erde legte sich um ihren mit lachelnder Duldung geoffneten Mund ...

Deine Mutter war aber ebenso! fuhr die erzurnte Schwester derselben fort. Und dein Vater, der nicht minder! duckte sie den aufblickenden Onkel nieder. Von einer Jagd kam auch deren erste Uneinigkeit. Monika wollte auch schiessen konnen und ging mit auf die Jagd und als Ulrich einigemal fehlschoss, lachte sie und hielt es ihm mit Spott vor. Ein Mann kann vom Weibe viel ertragen, aber ihm unritterlich zu erscheinen, reizt. Zumal bei einer solchen Empfindlichkeit, wie bei allen diesen Hulleshovens! Ja, versteck' dich nur jetzt so hinter Paula! Geh nur so herum und thu', als wenn du deine Rechtfertigung wie eine verlorene Stecknadel im Zimmer suchtest! Auch liesest du nichts, du arbeitest nichts, die Vielliebchen werden wol nach einem Jahre fertig sein, Musik horst du kaum, geschweige dass du sie wieder vornimmst; ganz wie deine Mutter war, die auch noch jetzt, "hoch in den Dreissigen", ein reines Kind sein soll! Auch an dir wird die Familie wenig Freude erleben ...

Armgart, statt zu reden, hob die gefaltenen Hande gen Himmel ...

Paula besanftigte die Tante, die jedoch von Armgart selbst unterbrochen sein wollte, um versohnt zu werden. Armgart blieb still. Keine Schmeichelkusse, keine Liebkosungen, keine Scherze, nichts gab sie wie sonst. Ebenso erblasst, wie vorhin hochergluhend, ging sie im Zimmer hin und her, machte sich mit ihren glanzend aufgeschlagenen Augen dies und das zu schaffen und sagte nur zur "factischen Berichtigung":

Die Mutter ist funfunddreissig Jahre!

Der Onkel wollte jetzt auf sein Zimmer und Frieden und die Stimmung der Gute zurucklassen. Das neue Aufbrausen der Tante unterbrach er durch ein lautes Vorlesen eines der erhaltenen Briefe. Dabei hielt er seine linke Hand in die Hohe. Er wollte, dass sie Armgart ergriff und als Ablenker ihrer Stimmung benutzte. Armgart sah die freundliche Geberde und sturzte auch auf die Hand zu, kusste sie und druckte sie heftig an ihr Herz.

Jetzt empfand die Tante den Neid ihrer "Liebe". Dieser Neid ausserte sich in Thranen, die ihr auf die Wange rollten ...

Des Onkels fest vorlesende Stimme hinderte noch die Ruckkehr zu den sich schon in Gute losenden Empfindungen; vorlaufig war es Paula, von der die Tante ans Herz gezogen wurde ...

Die Grafin Erdmuthe von Salem-Camphausen dankte (nach des Onkels in alle diese aufgeregten Stimmungen eines hochgestellten, edlen, doch von seinen vielen Erlebnissen tief erschutterten Familienkreises beschwichtigend einfallendem Bericht) auf das von ihm erhaltene Schreiben aufs verbindlichste. Sie war glucklich in England angekommen, wohnte auf dem Lande bei Lady Elliot und wunschte ihrerseits nur den friedlichsten Fortgang aller der Dinge, die Gottes Rathschluss uber das Schicksal beider Linien verhangt hatte. Erst bei einigen religiosen Anzuglichkeiten und der Erwahnung der Krankheitszustande der jungen Comtesse horte der Onkel im lauten Vorlesen, das er zur Dampfung des Streites wortlich begonnen, auf ...

Die Tante benutzte die nun entstehende Pause und knupfte an London Betrachtungen uber Paris und wurde sich selbst auf Aethiopien, China und die Chemie eingelassen haben, wenn das Gesprach nur ausdruckte, wie sehr "ihr Herz" bei alledem unter Armgart's Trotz und verharteter Gesinnung litt ...

Der Sturm der Gemuther war indessen voruber ... milderes Wetter stellte sich ein und endlich schlug es neun, wo man auf dem Lande schon an die Nachtruhe denkt ...

Der Onkel erhob sich zuerst und erklarte wiederholt, noch arbeiten zu mussen ... Die Tante plauderte von einigen Anmeldungen ihrer Freundinnen zu den Exercitien, die Pfarrer Mullenhoff auf Betrieb der Frau von Sicking arrangiren sollte ...

Der Onkel erwiderte:

Aber der rauhe Mann eignet sich doch gar nicht zu dergleichen! Die indischen Fakirs sind keine Braminen! Im Ganges gibt es mancherlei Bader! Ich hoffe, dass er nichts unternimmt ohne den Domherrn, seinen Vorgesetzten ...

Die Tante, mit dem unendlichsten Bedurfniss nach Einverstandniss, stimmte vollkommen diesen Aeusserungen bei. Auch sie fand Mullenhoff's Weise so ubertrieben, so aufreizend, dass es fur die Religion selbst Gefahr brachte ...

Und der Onkel fiel ein:

Wie ich immer gesagt habe ...

Wie Sie immer gesagt haben ... bestatigte die Tante ...

Den Finkenhof kann man den Leuten nicht nehmen ...

Den kann man ihnen nicht nehmen ...

Man macht dem Mann alles nach Wunsch ...

Und doch ist ihm nichts recht ...

Den eigenen Eingang zur Sakristei in unsrer Kapelle geb' ich ihm auf keinen Fall ...

Wie werden Sie denn! ...

Seine Manieren sind unglaublich! Mitten in der heiligen Messe putzt er an den Leuchtern und schuttelt den Kopf uber den alten Tubbicke ...

Den guten alten Tubbicke ...

Armgart kam jetzt wirklich zur Gruppe, die der Onkel, die Tante und Paula bildeten, mit hinuber ...

Die Schulkinder, fuhr der Onkel fort, lasst er eine Stunde lang knieen, um ihnen seine sogenannte Kniesteifigkeit zu vertreiben!

Zu Lichtmess will er Unterricht geben im richtigen Tempo des Rosenkranzgebetes!

Diese Harmonie braucht der Himmel nicht, wenn's nur in unsern Herzen keine Dissonanzen gibt!

Wer jetzt ein Blumenstockchen in eine Kapelle stiftet, von dem will er vorher die Anzeige haben, ob er auch keine Alfanzereien bringt!

Und ich denke, wenn ein liebend Gemuth einen Tannenzweig brachte oder ein thonernes Lammchen ...

Es ist das gewiss auch eine kindliche Gabe!

Ei, es hat sogar einen ernsten Sinn und erinnert an manchen bedeutungsvollen Mythus, der bereits bei denen alten Aegyptern als eine Vorahnung zu betrachten war zu manchem heiligen spatern Gebrauch!

Die Tante gahnte nun zwar, sagte aber:

O Sie sollten ihm das alles einmal auseinandersetzen, lieber Hulleshoven!

Der Onkel kusste jetzt Armgart ... Das susseste Einverstandniss schien hergestellt ... Nur Eines fehlte noch, dass auch die Tante mit Armgart sich ausdrukklich aussohnte ...

Aber dieser feierliche Moment blieb nach der Entfernung des Onkels aus ...

Paula ging ... Die Diener waren schon zugegen ... Armgart sprang sofort hinter Paula her und schloss sich ihr an ... Die Tante blieb allein ... Sie blieb es einige Minuten ... Niemand kam zu ihr zuruck ... Thranen traten der alten Jungfrau in die Augen und mit einem Gefuhl des Vorwurfs, das ihr uber diese und ahnliche Dinge sagte: Deine S t r a f e das fur die alte Zeit! ging sie auf ihr Zimmer.

Armgart! sagte inzwischen Paula, als sich diese ihr anschloss und ihre schlanke Hufte krampfhaft umfasste. Du solltest bei der Tante bleiben!

Wenn ich in meinen Thurm gehe, poch' ich noch einmal bei ihr an und sag' ihr gute Nacht! flusterte Armgart ...

Sie liess den Diener, der leuchtete, vorangehen ...

Armgart durfte nicht mehr in Paula's unmittelbarer Nahe schlafen wie sonst. Seit ihrer Ruckkehr von Lindenwerth hatte beide die Tante getrennt ... Aber Abends noch eine Weile mit Paula, wenn diese sich wohl fuhlte, zu plaudern, liess sie sich, so oft sie in Westerhof verweilte, nicht nehmen ...

Die Vorhange des Schlafzimmers Paula's waren schon zuruckgelehnt ... Im Vorgemach, wo ein kleiner Ofen stand, der geheizt wurde, half Armgart die geliebte Freundin entkleiden ... Oft sprach Paula schon im Gehen und Stehen Dinge, die "einer andern Welt angehorten" ... Dann brachte sie Armgart zur Ruhe, rief einem Kammermadchen, das in der Nahe schlief, und trennte sich nicht eher von beiden, als bis Paula in volligen Schlummer versunken war ...

Heute leuchteten Paula's Augen hell auf ... Eine stille Sehnsucht lag in ihnen ... eine Sehnsucht, die Armgart vollkommen verstand ...

Sturmisch warf sich Armgart der Freundin, die zu ihr herniederblickte, an die Brust und rief mit erstickter Stimme: Ach! Ach! Was sind wir doch unglucklich!

Meine gute Armgart! erwiderte, dies Wort ablehnend, die altere Freundin. Warum unglucklich? ...

Paula's Leben war ja ein einziges Schmerz-, oder ein einziges Wohlgefuhl, sie wusste es selbst nicht zu unterscheiden ... Sie liebte einen Priester; sie hatte auch das sichere Gefuhl, wieder geliebt zu sein ... Gestandnisse hatte es fruher nicht und auch jetzt noch nicht gegeben ... Vor Armgart aber war alles das nicht mehr geheim ... Selbst wenn Armgart zu viel Scheu gehabt hatte zu sagen: Du liebst den Domherrn! stand es doch schon lange ohne Worte zwischen ihnen fest ... Selbst das stand fest, dass sogar Paula's etwaiger Eintritt in ein Kloster eine Art hoherer Vermahlung mit Bonaventura sein konnte ... So flossen noch die reinen Gedanken, die Jungfrauenseelen mit der Liebe verbinden, gleichviel, ob zu Besitz oder zu Entsagung, bei beiden mit ihrem religiosen Pflichtgefuhl ineinander ...

Seit einiger Zeit trat Armgart freilich immermehr aus dem Bann des harmlosen Traumens heraus ... Lag das an der Flucht aus der Pension in Lindenwerth? ... Oder jetzt an dem Zusammenleben mit so vielen liebebedurftigen jungen und alten Madchen im Stift? ... Lag es an ihrer eigenthumlichen Schwankung zwischen den Bewerbungen Benno's und Thiebold's? ... Sie regte schon seit lange jeden Abend die Phantasie ihrer Freundin auf. Auch heute durch Klagen uber des Domherrn Ausbleiben ... uber Thiebold's Fragen, die sie andeutete ... uber Benno, "der sich so sicher dunkte" ... und endlich stockte sie ...

Paula fragte befremdet:

Du hast heute etwas ?!

O konntest du doch fur mich in die Zukunft sehen! rief Armgart wie aus tiefster Seele heraus ...

Lass das! Lass das! erwiderte Paula schmerzerfullt.

Armgart hob ihre Augen bittend auf ... Das Weisse darin blitzte wie Email, wie feuchtes Silber ...

Paula wandte sich, als unterlage sie schon diesem Glanz und Schimmer und Armgart's Bitten ... Lass uns beten! sagte sie ... beten gegen Versuchung!

Paula! hauchte Armgart. Morgen musst du mir sagen ich frage dich

Nimmermehr! rief Paula. Ich verbiete dir alles! ... Und wie wild erregt von einer Furcht, die sie plotzlich in allen ihren Geistern vor sich selbst ergriff, fuhr Paula fort: Ihr seid so grausam gegen mich! Ihr todtet mich noch!

Paula! bat Armgart ...

Ich kann ja so nicht fortleben! sprach Paula zitternd vor Aufregung. Lasst mich doch sein, wie ihr alle seid! Jesus Maria! Es sprengt mir noch das Herz! Geht das so fort, muss ich wunschen, jenes Madchen kehrt zuruck, das allein gehindert hat, dass ich im Traume sprach! Wenn sie kam, wich jede Kraft von mir! Ich will ja nur sein, wie alle andern Menschen sind ...

Armgart wusste, dass Lucinde gemeint war, jene Lucinde, in deren unmittelbarer Nahe Paula mit der Zeit ganz von ihrer Ekstase zuruckkam, doch mit grossem damit verbundenen physischen Schmerz, den auch Armgart damals an der Maximinuskapelle selbst empfunden haben wollte, als sie Lucinden nach den Beschreibungen Paula's sofort erkannte ...

Beide Madchen standen lange schweigend und in Wehmuth verloren ... Ob sich ihnen wol vergegenwartigte, dass Paula genesen konnte, wie alle Aerzte sagten, durch die Liebe? Ob sie wol ahnten, dass Bonaventura auch da von sich sagte, was er, zwischen Lucinde und Paula in der Mitte der Versuchungen stehend, am Abend jener Beichte verzweifelnd ausrief: Ein Priester bist du! Ein Mensch ohne Leben! Ohne mannliches Zeugniss fur deinen Schopfer! ... Das alles lag nur dunkel in ihnen. In allen jungen Madchenherzen, ehe das Los uber sie geworfen ist, zittert nur ein schmerzlichsusses Ahnen von ihrem zukunftigen Geschick. Bald leiser, bald sturmischer meldet sich die Sehnsucht, die Pforte der Zukunft geoffnet zu sehen. Oft ist es wol plotzlich ein jugendlichschoner Gott, der aus dusterm Nebel heraus, wildfremd, wie das herrlichste Ebenbild der Mannesschone, mit riesiger Umarmung die Harrende umfangt; oft liegt aber auch nur ein odes, trauervolles Einerlei auf ihrem unbestimmten Innern und alles, was ihr wird und was sie beginnt, ist ihr wie Ohnmacht und todte Dammerung.

Da rief der Wachter wieder die Stunde ...

Schlaf wohl! hauchte Paula und druckte Armgart an ihr Herz ...

Armgart wollte anfangs gehen ...

Aber, zur Thur des Vorgemachs angekommen, blieb sie stehen, fuhr sich mit der Hand uber die Stirn und rief:

Paula! Paula!

Was hast du? sprach diese, sie wieder naherziehend ...

Ein "Du musst mir !" presste sich von Armgart's Brust ...

Ich begreife dich nicht Was muss ich?

Armgart zog einen Brief aus der Brust und sagte:

Paula! Diesen Brief an Terschka den hab' ich aus der Mappe zuruckbehalten ... Ich gebe ihn nicht eher ab, als bis du ihn gelesen hast!

Armgart! rief Paula und zitterte ... Sie ergriff vorwurfsvollen Blicks den aus der Residenz des Kirchenfursten gekommenen Brief und fragte:

Von wem ist er?

Von meiner Mutter! ... Was hat Terschka mit meiner Mutter! Sie lieben sich! Paula, Paula! Das ist mein Tod!

Armgart! sagte Paula beruhigend ...

Nur Ein Ziel meines Lebens hab' ich! fuhr Armgart in zitternder Erregung fort. Meine Aeltern auszusohnen! Sonst will ich nichts! Wusstest du nur, wie ich neulich in Witoborn war! Ich war bei Hedemann! Ich liess mir eine Stunde lang vom Vater erzahlen! Ich lieb' ihn mehr, als meine Mutter nein, ich liebe auch meine Mutter mein Gelubde hat der Himmel und ich will es vollziehen und war's durch meinen Tod ... Armgart faltete die Hande und hielt sie empor zu einem Crucifix, das an der Wand hing ...

Warum soll aber Terschka nur nicht deiner Mutter schreiben und sie an ihn? fragte Paula, entsetzt uber den fanatischen Ausdruck der Gefuhle Armgart's ...

Wie, entgegnete Armgart; dieser lebhafte Briefwechsel? Diese Begeisterung, wenn er von ihr spricht? Neulich seine schnelle Reise, um die Grafin zu begrussen? Nur ein Vorwand war es, um die Mutter zu sehen! O, schon im Huneneck sah ich an der Eile, mit der er die Zimmer bestellte, wie er sie liebt! Und sie, sie sie konnte ! Dieser Brief ist von ihr Paula, du, du sollst ihn lesen!

Paula verwies Armgart ihr Ansinnen mit Unwillen; denn sie wusste wol, was Armgart meinte ... Sie wusste, dass der Brief nicht erbrochen zu werden brauchte; sie wusste, dass sie alles lesen konnte, was man ihr im Hochschlaf aus ihr Nervengeflecht legte ... Ob auch uneroffnete Briefe? ... Versucht war es nicht ... Hier glaubte man nicht an die Unmoglichkeit.

Wie eine unreine Versuchung wehrte Paula Armgart's uberredende Geberde ab. Sie sagte schmerzerfullt, doch entschieden:

Gute Nacht, Armgart! ... Misbrauche mein Ungluck nicht! ... Ich verbiete es dir! ... Es muss ein Ende damit werden ... Gott wird mich erlosen ... Sei gut, Armgart! ... Sei gut! ... Und nun, gute Nacht!

Damit verschwand sie hinter dem Vorhang, den sie wieder fallen liess, und schloss die Thur zu ihrem Schlafgemach ab ... Wieder tonte das Horn des Wachters ...

Armgart ging zogernd auf ein Zimmer weiter zuruck ... Sie horte noch, dass sich Paula sogar einriegelte ... Dann trat sie durch eine Nebenthur auf den kalten Corridor ...

Ein Diener folgte und begleitete sie mit einem Licht in ihren Thurm ...

An dem Zimmer der Tante ging sie voruber, ohne dass sie es merkte. Ein ausserster Entschluss kampfte in ihr, ein tiefes Sinnen beherrschte ihr ganzes Sein ... Krampfhaft presste sie den Brief, den sie in ihr Busentuch gesteckt hatte ... Schon hatte sie den Finger an das Siegel gelegt ... schon zuckte die Hand, es aufzureissen ... Sie dachte an den Beistand der Beichte, der sie leichter uber die Folgen eines solchen Vergehens hinwegfuhren wurde ... an Bonaventura ... an Benno ...

Da verliess sie allmahlich der wilde Muth ...

Der Diener stand und harrte ihres Befehls ...

Legt das in Herrn von Terschka's Zimmer! hauchte sie. Es ist ein Brief fur ihn, der vergessen wurde ... Der Diener nahm den Brief und wandte sich den Zimmern Terschka's zu. Armgart verschwand in ihrem Zimmer.

6.

Drei Manner, in Mantel gehullt, schreiten in die Winternacht hinaus ...

Nicht mondhell ist sie; nur sternenlicht ... Und weithin uber das wellige Land liegt mitleuchtend die Decke des Schnees ...

Grabesstill rings die Welt ... Schlummernd alles Erdenloos ... Wer flusterte sich nicht: Gibt es denn geheimnissvolle Krafte, die schicksalsmachtig uber Raum und Zeit und das Herz in unserer Brust gebieten? Und wer antwortete nicht: Ihr stilles Huten glaubt man jetzt zu horen ... Winterlandschaftsstille ist Friedensmahnruf Sehnsuchts- Ahnungsweckruf ...

Anfangs noch hallte zwischen Terschka, Benno und Thiebold der erlebte Tag und Abend nach. Man bewunderte die Kraft der Vision, die sich so in die Vorgange des Leichenconductes hatte versetzen konnen. Benno musste Thiebold zuruckhalten, der eine naturliche Erklarung, die Terschka gab, nicht wollte gelten lassen. Terschka hatte gesagt: Wer die Gegend und die Verhaltnisse kennt, wurde sich die Scenen, die heute vorfallen konnten, auch ohne ein Wunder haben ausmalen konnen! ... Aber die Unterbrechung? entgegnete Thiebold ... Benno antwortete statt Terschka's: Ich will der Natur nichts von ihren Tiefen nehmen. Aber ich glaube doch, dass wir uns durch die Gewohnheiten des Daseins in geistigen Dingen zu sehr die Sinne abstumpfen, wie in leiblichen. Ein bis in sein Alter mit den einfachsten Speisen Aufgezogener ist empfindlich fur jede Veranderung seiner Nahrung. Ebenso gewohnen wir uns durch Misbrauch unserer seelischen Krafte die Feinfuhligkeit des geistigen Spursinns ab. Bei der Ankunft am Dusternbrook musste die junge Grafin etwas Unerwartetes voraussetzen; sie dachte an die Eiche, sah sie und nahe lag das allen Bekannte.

Von Armgart wurde nur bei Gelegenheit der Hasen gesprochen, deren Spuren sich an kleinen Eindrucken links und rechts im Schnee auf den Aeckern verfolgen liessen ... In Thiebold und Benno dammerte die Ahnung, dass Terschka es war, um dessentwillen sie von Armgart vernachlassigt wurden ... Ja, beim Weidwerkgesprach wieder sah man Terschka's blendende Eigenschaften. Auch Benno und Thiebold verstanden sich darauf, aber nicht so, wie er, der die Jagd verfolgen konnte bis auf alle Vorzuge neuer Entdekkungen aus den Gewehrfabriken von Suhl und Luttich. Von Terschka sah man taglich das Erstaunenerregende. Der schmachtige bleiche, immer bewegliche Fremdling war ein Reiter, der im Sturm dahinflog. Manches Ross, das den Koller hatte, bestieg er und bandigte es wie ein Beschworer. Noch neulich, wie ein dem Grafen Munnich gehorendes Thier sich unter ihm schmiegte, wie es die mit seiner Linken machtig geschwungene Reitgerte uber den Kopf hinweg fuhlte, sich krummte bis zur Erde und den Kopf fast in den Schnee bohrte, dann wieder aufschnellte, mit beiden Hinterfussen sich ebenso rasch auf die Kruppe setzte, dann davonflog pfeilgeschwind und fast wie mit Scham, sich uberwunden zu sehen da war das ein Schauspiel voll Vernichtung fur Benno und Thiebold; Armgart stand dicht in der Nahe und sagte nur immer: Nein, nein, ich habe gar keine Furcht fur Herrn von Terschka! ...

Nach einer halben Stunde war der Finkenhof erreicht. Versteckt lag er unter Baumen und Wallhekken. Eine Muhle, ein Tanzhaus, eine Kegelbahn, ringsum Nebengebaude; ein grosses Anwesen. Den Finkenmuller hatten Schank und Mehlsack reich gemacht inmitten mannichfachen Elends. Auf der Saline, bei den Kalkofen, in den Moorbrennereien wurde schnell baares Geld verdient, ebenso schnell auch glitt es wieder weg und meist im Finkenhof, wo Sonntags die bekannte falschgestimmte Trompete landlicher Musik von vier Uhr Nachmittags bis zehn Uhr zu Tanz und Jubel zu locken nicht mude wurde.

Anfangs schien es auf dem Finkenhof stiller, als man erwartete. Schon besorgte man, die grafliche Jagerei nicht anzutreffen. Man hatte sie aufs Schloss rufen konnen. Terschka weilte aber gern unter den hiesigen Menschen; sie hatten ihn mit Hass empfangen; schon waren alle fur ihn eingenommen ... Wir kommen zu spat! sagte er und deutete auf manchen Heimkehrenden, der an ihnen voruberging und grusste ... Dann fragte er sie ... Es hiess: Die Jager sind da, Herr Baron!

Nun bogen sie vom Fahrweg ab und sahen den Finkenhof hell und belebt. Der jeden Morgen frisch aufgeeiste Bach schien zu dampfen. Die Kegelbahn hatte Licht. An den wie mit Fett bestrichenen Fensterscheiben hatte man Scenen aus dem vaterlandischen Rekrutenleben an die gegenuberliegende Wand gemalt erblicken konnen: "Fritze riecht zum ersten male Pulver" oder: "Fritze macht die erste Bekanntschaft mit blauen Bohnen", alles im Stil von Krahwinkel ausgefuhrt ... Im Tanzsaal ist's still; aber im Wirthshaus sitzen Menschen genug und Gesang sogar gibt es. Benno sagte: Ihren Volkstanz stampfen sie! Den lustigen Pfaffen von Ystrup! Und schon horte man:

He, he! Der ist zu arm,

Dass Gott erbarm'!

He, he! Der ist zu dick,

Hat kein Geschick!

Behalte die Besinnung, wer kann, der da eintritt in

diesen Dampf und Dunst von Hitze und Taback und Bier und Branntwein! Unter einem Heiligenbild an der Seite des Flurs hangt eine Lampe, eine ewige sogar; Fidibus von dunnen Holzspanen liegen daneben: man kann sich Pfeifen und Cigarren an ihr anzunden. Die drei Gaste thun es, um ein Antidoton zu haben gegen die Dunste, die ihrer drinnen harren. Was jedoch starkt das Ohr, diesen Gesang zu ertragen, der mit einer Festigkeit, wie wenn man Holzblocke in die Erde rammt, den Eintretenden entgegenbraust? ...

Jetzt ertont das "He, he!" plotzlich schwacher und die Pfeifen gleiten einen halben Zoll aus dem Munde. Man erkennt die Eintretenden. Eine Magd, zu gleicher Zeit an zehn Fingern zehn Bierglaser in der Schwebe haltend, blinzelt um den Weg zu weisen mit den Augen dahin, wo die hochgrafliche Jagerei sitzt, hinter einen Ofen von einer so pagodenhaften Dimension, dass Onkel Levinus uber die gelegentliche Aeusserung studirt haben wurde, zwischen den Oefen der witoborner Heide und den alten Bauten der Indier zu Dschaggernaut fande ein urweltlicher Zusammenhang statt.

Und wahrend nun hier mit dem Oberforster, mit dem Wild- und Hegemeister, mit dem Jagdzeugmeister und einem Unterforster des letzten Grafen von Dorste-Camphausen die Vorbereitungen verabredet wurden, die zu einer grossen Vertilgungsjagd in einem von Thiebold de Jonge um 80000 Thaler gekauften Walde seufzend hatte er draussen die mangelnde Flossgelegenheit am Muhlbach erwogen gehoren sollten, zu einer Jagd, die unter den scheinbaren Auspicien des nachsten Nachbars, Grafen Munnich auf Munnichhof gehalten werden sollte; wahrend die Zahl der Treiber, der Hunde, die Vorrathe des Jagdgeraths besprochen und von Benno mit lebhafter Orientirung die Schauplatze seiner geheimnisvollen Jugend unterschieden wurden, der Zehnterwald von der Birkenschonung, die Knuppelheide von der borkenhagener Saustiege wahrend dann auch noch der Finkenmuller, der Meyer, der Moorbauer ehrerbietigst in den Kreis eintraten, verfolgen wir einen Ankommling, der langsam daherhumpelnd noch spat von Witoborn heruberkommt ...

Es ist ein kleiner Mann, nicht unkraftig gebaut. Zwischen den Schultern tragt er die Last eines Bukkels und unter den Armen, in ein Tuch gewickelt, einen langlichen Gegenstand, den man an einem hervorstehenden Fiedelbogen fur eine Geige halten darf ... Der weisse beulenreiche Hut ist tief uber den Kopf gestulpt, den ein Pflaster am Auge entstellt ... Ein grauer Mantel, angezogen wie ein Militarmantel, schutzt den Wanderer auf seinem Wege, den er nur langsam fortsetzen kann, da er heute aus den Handen des Bruder Hubertus eine schlechtere Testamentszahlung vom Kronsyndikus bekommen hat, als ihm dieser in dem beim Pfarrer Huber in Witoborn niedergelegten letzten Willen zugedacht ...

Es ist Stammer, der Geiger ...

Alle wissen schon sein Ungluck und jeder, der ihm begegnet, lacht seines Hinkens und seines Pflasters ... Besonders gram ist ihm dabei niemand; Mullenhoff hatte schon Recht: Dies Volk hat zu lange die Milde des Krummstabs gefuhlt und liebt Zechen und wildes Aufschlagen auf den Tisch und alle Sunden, die freilich dann so viele Wachter des Himmels, wie Witoborn einst zahlte, auch wieder leichter vergeben konnten. Sie fehlen wol bei keiner Procession, sie werfen sich vor jedem Altar nieder, lassen sich jeden Besuch im witoborner Munster und jeden Kuss auf einen Reliquienschrein vom Kuster schriftlich bescheinigen, um damit einst vor Gottes Thron oder bei einem Anliegen um freies Brennholz aus einem geistlichen Walde auftreten zu konnen; aber nirgends wird auch noch soviel wildes Naturrecht geubt, nirgends soviel Holz schon von selbst gestohlen, nirgends soviel Wild im Mondlicht in die Busche geworfen, mit Zweigen uberdeckt und bei guter Gelegenheit harmlos von einem voruberfahrenden Heuwagen abgeholt, nirgends wird dem damals nur langsamen Vorschreiten des Zollvereins und der nahen "Grenze" soviel Vortheil abgeschmuggelt fur Kattun, Zucker, Kaffee, nirgends ein Hader mit dem Gutsherrn so listig gefuhrt ... Stammer fiedelte ihnen in alles das seine lustigen Weisen hinein oder sprach sogar uber die alte und die neue Zeit in offner Rede und setzte einen Refrain drauf, eine Strophe gesprochen und eine gespielt, bis der Gensdarm kam oder der Meyer oder der Finkenmuller und die Schwanke des bosen Alten verbot, dessen lasternder Mund schon einst ein halbes Kind, Lucinde damals, aus ihrem Pavillon verbannt hatte nach dem Tode des Deichgrafen.

Mancher redet den Geiger an ... Er knirscht fast mit den Zahnen vor Wuth ... Mitleid wird ihm nicht; Alle wissen's doch, boshaft ist er und Bruder Hubertus "der Abtodter" ist der endlich zuruckgekehrte Liebling der ganzen Gegend; die Kinder werden dem frommen Bruder doch wieder mit der dampfenden Schussel entgegenkommen, wenn er sich mit seinem Topfe naht; er wird die Pferde und die Kuhe und die Menschen heilen und sieht er auch aus wie der leibhafte Tod und ist sein Lachen ein Grinsen wie aus einem Knochengesicht, die Madchen furchten ihn nicht, wenn er ihnen einsam im Kornfeld begegnet ... sie wissen, dass er ihnen doch Briefe schreibt nach der Garnison, wo ihre Liebsten weilen, dass er ihnen doch heimlich Botengange ausrichtet zu allen Husaren, die in Witoborn stehen ...

An einem Kreuzweg sieht der racheschnaubende Stammer einen Mann, der des Weges nicht kundig scheint und nicht weiss, ob er geradeaus gehen oder lieber links sich wenden soll ...

Landsmann! ruft der andere den Geiger an ... Wo ist die Route nach Libori Pfarrhaus ?

Stammer zeigte nach rechts:

Gerade da, wo Ihr herkommt! Oder dort druben herum, wenn Ihr erst noch auf dem Finkenhof einheizen wollt! Es macht kalt!

Der Verirrte war ein stammiger Mann mit Pelzkappe und Duffelrock und rothem Comfortable um den Hals und hatte die Hande in den Seitentaschen ... Er kannte den Namen des Finkenhofes und fragte:

Geht Ihr dahin?

Auf zwei Beinen. Sind Sie fremd in der Gegend?

Aus Strasburg

"O du schone Stadt!" sang der Geiger mit verbissener Lustigkeit. Ich bin ein Musikus, und Sie ?

Von Metier Perrukenmacher!

Mocht' ich Ihnen meine gelben Haare verkaufen! Eine Hand voll schlug ich heute umsonst los! Dass dich! Und jetzt ?

Dionysius Schneid sah inzwischen das Pflaster uber der Nase seines Auskunftgebers, bedauerte ihn, plauderte allerlei Schnickschnack und klimperte zur Antwort auf die letzte Frage in der Tasche mit den Worten, Geld halt' er genug, um bis nach Polen zu kommen ... einstweilen war' er hier in grafliche Dienste getreten auf Schloss Westerhof, wenn auch noch ohne Livree; heute Abend wollt' er sich den Rest seiner "Bagage" aus dem Pfarrhause holen, wo ihn auf einige Tage der alte Tubbicke "logirt" hatte ...

Sind Sie doch nicht gar der grosse Prophet, den immer Herr Tubbicke junior aus Paris erwartet? Der, der die Welt wie ein Stuck Tuch zerschneiden soll und jedem einen Fetzen gibt ja so! mir (sagte Stammer innehaltend und nach einer wunden Stelle seines Leibes greifend, die ihn schmerzte) schon meinen Fetzen von einem adeligen Jagdrock

Dionysius Schneid verstand nicht diese in den Bart gemurmelte Anspielung auf die Ursache der Schmerzen, die dem Geiger durch vielleicht zu schnelles Gehen gemehrt wurden ... wol aber begriff er vollkommen die Anspielung auf die Communaute, die ihn einst mit dem jungen Tubbicke in Paris bekannt gemacht hatte ...

Ha, ha, ha! fiel er mit grobem Gelachter ein. Diese Propheten stecken jetzt alle in Prison! Einer kriegt soviel Wasser und Brot wie der andere! Das ist die Theilung der Propriete!

Dionysius Schneid, der sich dem seinen Witz ganz freundlich begrinsenden Geiger befreundete, schien auf dem Schloss Urlaub fur die ganze Nacht genommen zu haben und ging in den Finkenhof mit. Das Lachen der Vorubergehenden uber den Buckeligen reizte seine Neugier nur noch mehr und am Finkenhof angekommen sah er, welchem verwogenen alten Knaben er folgte. Stammer zog, obschon ein tiefer Verdruss an ihm nagte, seine Geige aus dem alten Tuch, nahm seinen Fiedelbogen und hielt feierlichen Einzug mit schlenkernd ausgeworfenen Beinen, frech und ubermuthig einen Geschwindmarsch streichend, den er schon auf der Schwelle begann ... Ein schallendes Lachen empfing beide Ankommlinge ...

Auch Dionysius Schneid liess die brennenden Augen vergnugt im Kreise rollen. Das Lachen und Gluckwunschen belustigte ihn ... Die jungen Bursche sprangen auf und tanzten hinter dem Geiger her ... Die Alten streckten ruhig fortrauchend die Beine vor, um ihn zum Fallen zu bringen ... Stammer wich aus, warf seine gelbweissen langen Haare mit kecker Geberde hinterrucks und marschirte gerade auf den Tanzsaal zu ... Dieser war nicht geheizt, aber einige Bursche sprangen doch an, ergriffen die Magde, die aufwarteten, und wurden wenigstens einmal mit blosser Begleitung einer Geige den Pfaffen von Ystrup gestampft haben, wenn nicht der Meyer, der Moorbauer und der Finkenmuller selbst gekommen waren und eingedenk der Gelobnisse, die sie heute dem Pfarrer gegeben, und trotz der vielbelachten, allgemein verbreiteten und alle guten Vorsatze entkraftenden Nachricht, nachstens wurde bei Herrn Mullenhoff getauft werden, Ruhe geboten hatten ...

Stammer vermittelte die neue Bekanntschaft mit solchen, die sich, wenn ein anderer Geld zeigte und "anfahren" liess, ihrerseits auch nicht "kohlen" liessen ... Die Hauptsache war Kartenspiel ... Guthmanns und Herren von Binnenthals gibt es auch im Bauernstande und aus "Schafskopf" kann man verhaltnissmassig ebenso geprellt werden, wie Piter in Pyrmont auf "Einundzwanzig" ... Stammer berechnete schon seinen Antheil, als er Herrn Dionysius Schneid mit ein paar Salzsiedern bekannt gemacht hatte, die im glucklichen Kartenspiel Meister waren ...

Inzwischen hatte das Geschaft der "Herren vom Schlosse" hinter dem urweltlichen Kachelofen schon voruber sein konnen. Indessen "ein Wort gibt das andere" und wo sich einmal Thiebold's Zunge festgehakt hat, kann sie sobald nicht wieder los. Aus einer loblichen Popularitatsbestrebung hatte man sogar dem Finkenmuller nicht abgeschlagen, von ihm, naturlich gegen Zahlung, drei "steife Grogs" anzunehmen, die er ihnen als die vorzuglichste Leistung seiner Grossmagd offerirte. Die Aussicht, dass Herr de Jonge den Wald kaufte, in dem nachstens zum letzten male gepirscht werden sollte, eroffnete dem ganzen Jagd- und Waldhutpersonal glanzende Aussichten auf Schlag- und Holzvermessungstrinkgelder. Bedauern, dass im Zehnterforst die Hirsche zum letzten male junge Tannenkeime knuspern sollten, war eine hier unbekannte Sentimentalitat. Nur der Meyer ausserte von der kunftigen Bestimmung dieses Forstes zu Eisenbahnschwellen einige fromme Seufzer, die an Mullenhoff's Predigten erinnerten, der die Locomotive darzustellen pflegte wie die vom Teufel entfuhrte Braut der Holle, voran Satan mit einer Peitsche aus lichterlohem Kometenfeuer, hintenauf hockend Drachen und Ungethume der Unterwelt und in den Waggons fahrend Juden und Judengenossen, Gotteslaugner, Consistorialrathe, Offiziere und Gensdarmen, alles was zum Leben des neunzehnten Jahrhunderts gehore ... Ja auch Benno seufzte: Der Zehnterwald! Kein Holz hatt' ich so lieb, wie das! Stellen gab's da, die fur's Edelwild ein Paradies waren! Busche an kleinen Wassern, wie gemacht fur die Brunst, einsam wie Mutterschoos!

Brauchte da ein Jager wol aufs Blatten zu schiessen? fiel als leiser Wehmuthsaccord vom Hegemeister ein ...

Nein, sagte der Oberforster, wischte sich aber nur das "neu angefahrene" Bier aus dem greisen Barte, keine Thrane, der ganze Forst gab schon einen Ton von sich, auf den die Rehe von allen Weltgegenden hereinkamen!

Den Ton des Schweigens! sagte Benno fur sich und horchte auf die Terschka'sche lebhaftere Seitendebatte, wo man vom Dusternbrook sprach, als von einem Geholz, wo seit Menschengedenken kein Hund "ein Wild stellte".

Das fuhrte denn auf das heute von Allen Erlebte ...

Man legte sich freilich die Rucksichten auf, die der An- und Abstand geboten ...

Man lachelte nur, munkelte, stopfte sich "mit Verlaub" eine neue Pfeife und wartete auf den, der die meiste Courage hatte, um mit der Rede durchzubrechen ...

Des Kufers Stephan Lengenich entsannen sich alle von vor Jahren ...

Auch Lob Seligmann war jedem bekannt. Der hatte den Kufer zuruckgehalten, als dieser seine "Entlastung" feierlich vollzogen ... Dann war Lob auf den Schrei der Lisabeth und die Storung durch den Geiger und den Monch, wahrscheinlich auf Schloss Neuhof zuruck verschwunden, wo ihn schon der Prasident von Wittekind zu schatzen begann ...

Das nun war der Augenblick, wo man die Geige Stammer's horte und vor dem grellen Lachen, mit dem sein Eintreten empfangen wurde, sein eigen Wort nicht verstand ...

Nach dem, was Onkel Levinus uber die alten Dinge von Schloss Neuhof erzahlt hatte, mussten die drei Herren vom Schloss wol angenehm uberrascht und begierig sein, sich diesen Geiger naher anzuschauen ... Schon wurde seine Charakteristik gegeben ...

Er ist im Kirchenbann ...

Ein alter Kerl von fast sechzig Jahren schon ...

Putzig ist's, wenn er allein spielt! Immer erzahlt er dazwischen eine Luge, wie Eulenspiegel ...

Oder auch manchmal eine Wahrheit! sagte der Oberforster und betrachtete wie mit einer Auffoderung, den Geiger naher zu rufen, Herrn von Terschka ...

Terschka gab den Ausschlag, dass man sich allerdings eine solche Erscheinung nicht entgehen lassen sollte ... Benno erneuerte gern eine Bekanntschaft aus seiner fruhesten Jugend ... Und so war denn Thiebold schon aus, ihn zu holen ...

Umringt von denen, die sich nicht zu Dionysius Schneid und zum Spiele hielten, erschien der heute so ubel zugerichtete, langhaarige Buckelige ... Trub beschienen ihn die wenigen Oellampen, deren Lichtstrahlen vollends ermatteten durch den Qualm der Pfeifen und Cigarren ... Der Dunst des Ofens zwang die drei Herren vom Schloss, von diesem mit ihren Schemeln abzurucken ... Der Finkenwirth bediente allseitig und entfernte von den Honoratioren die Nachdrangenden. Er that das wie mit Kammerherrenanstand ...

Stammer schlenderte naher und grusste trotzig ... Seine kohlschwarzen Augen lachten verschmitzt die vornehmen Frager an. Seine dunnen Beine verneigten sich fast wie mit einem frauenzimmerlichen Knix ... Dann legte er beide langen Arme, die die Geige und den Fiedelbogen hielten, auf den Rucken, als wollt' er sagen: Nun, was soll's?

Terschka, der hier das Wort fuhrte, sagte nicht ohne Wurde, aber in seinem fremdartigen Dialekt:

Ei Sie! Ei Sie! Sie haben halt das Ungluck, hor' ich, dem Herrn Pfarrer nicht zu gefallen!

Ich gefalle mir selbst nicht! Sehen Sie nur! Der liebe Gott hat mich nicht richtig wachsen lassen! ... Das war mit einem Herumdrehen des Ruckens die Antwort ...

Sie haben, fuhr Terschka nach dem Lachen fort, hor' ich, sehr ein grosses Talent! Auf der Geige konnte der Paganini von Ihnen lernen, sagt man! Ich wurde an Ihrer Statt mein Publikum nicht gross genug haben konnen; selbst der Herr Pfarrer durfte mir nicht fehlen, wenn ich einmal eine gute Sonate spielte ...

Man murmelte und lachelte auch ihm ... Stammer's Gedanken weilten zwar jetzt mehr bei dem Kloster Himmelpfort, als bei Sanct-Libori, doch stellte er sich demuthig ...

Schliessen Sie Frieden mit Herrn Mullenhoff, fuhr Terschka, seiner Stellung eingedenk, fort. Er meint es gewiss gut mit euch allen! Auf Ordnung und gute Sitte muss halt auch die neue Herrschaft sehen! Ein Junglings- und ein Jungfrauenbund ist gar so ubel nicht und schliesst die Freude keineswegs aus. Dass die Musik an sich Gott wohlgefallig ist, zeigt euch Sonntags jede Messe! ... Ihr aber, Stammer, sollt ja zur Geige allerlei Schnurren vortragen konnen! Nun, wenn Ihr in Euere Lugen ein paar Korner Wahrheit einmischen wollt, soll's uns noch einmal so lieb sein! Trinkt und fangt dann mit einem Gespass an!

Benno und Thiebold mussten dieser Weise, sich hier unter den Leuten vornehm und zugleich popular, streng und doch tolerant zu geben, "leider" ihren ganzen Beifall schenken ...

Knick! Knack! drehte Stammer inzwischen die Wirbel seiner Geige, probirte die Saiten mit dem Fiedelbogen und begann mit einigen Laufen seine hier landbekannte Art der Improvisation ...

In einem singenden Tone sprach er:

Ein kleines Kind bin ich im Wald geboren An einem schonen, schonen, wunderschonen Sommertag

Mit rascher und gesprachsweiser Stimme setzte er hinzu:

Im Juli war's wo freilich die Tage anfangen kurzer zu werden ... ich glaube, darum bin ich auch zu kurz in die Welt gekommen ...

Die Leute lachten ... Stammer liess den Fiedelbogen langsam uber die Saiten gleiten und sprach dabei:

Ach! Was ist nicht alles jetzt langer geworden! Die Tage sind's am allerersten; auf die Art weil man so desto langer arbeiten muss! Sonst aber waren nur die Dreigroschenbrote langer und die Elle war's und dick wurde jedermann nicht blos die Wirthe ...

In ein Lachen uber den Finkenmuller wirbelte der Improvisator einige Laufer hinein, zog dann wieder, als es stiller wurde, einen einzigen, langsamen und klagenden Ton und sagte:

O du schone Zeit! Du liebe Zeit! Ja, hatte man sonst im Winter, wie jetzt, kein Brennholz, so ging man blos zu einem heiligen Domherrn! Ach, auch das war in der schonen Zeit nicht 'mal nothig! Man brauchte blos seine Frau zu schicken oder seine Tochter und alles war in Ordnung ...

In das gesteigerte Lachen, dem sich selbst die "Herren vom Schloss" anschliessen mussten, fiel ein wildes Dideldei der Geige wieder als Refrain ein ...

Da liegt nun das Jagerkindlein in der Wiegen! fuhr er wieder, als sich alles beruhigt, mit elegischem Tone und halb singend fort. Ich war meiner Mutter ganze Lust! Milch gab sie mir von unserer Ziegen

Im leichten Tone setzte er mit raschem Sprechen den Lachenden hinzu: Kein Wunder, dass sich fruh der Bock in mir regte ...

Neues Lachen ... der alte Possenreisser machte einen zweideutigen Bockssprung ...

Elegischer aber fuhr er fort und fixirte die Jager, die sich ihm gleichgultiger zeigten:

Es war noch nicht die Zeit, als wir zum ersten male hier zu Lande horten: Straf mir Jott! Wat soll mm so en Junge werden? Er kann nickt Kammmacher, Stellmacher, Siebmacher, Korbmacher, Raschmacher, Schuldenmacher kein Jager nicht werden ...

Die Jager liessen sich den Scherz gefallen ...

Lassen wir ihn das Schonste auf der Erden, einen Musikus beim furstbischoflich witobornschen Stadttrompeter werden! ...

Eine wilde musikalische Figur folgte ...

Der Stadttrompeter, setzte er dann wieder parlando zum singend Gezogenen hinzu, hatte damals die Wassersucht, was sonst keine Leibkrankheit der Musikanten ist. Dennoch lernt' ich von ihm noch zu guter letzt die Flote, die Clarinette, Waldhorn, Trompete, Violine und Guitarre, welche letztere ich sogar schon wieder einem Fraulein auf Schloss Neuhof beibringen konnte die Stunde ein Mass Bier und ein ubers andere mal sechs Pfennige ...

Niemand von den "Herren vom Schloss" erwartete wol, dass diese sentimentale Guitarrenspielerin die raffinirte Morderin der Schwester des Geigers war, die spater wirklich auch selbst Ermordete ...

Fraulein von Gulpen hiess die Dame! sagte Stammer. In stillen Abendstunden, wenn der Kronsyndikus in Kassel war, lockten wir die Fledermause ans Fenster und spielten und sangen: Guter Mond, du gehst so stille! bis eines Tages unterm Fenster ein Jager anbiss. Schon war er nicht. Eine grosse Kaffeetrommel, in die man ihn in Java einsperrte, hatte ihn braun gebrannt !

Alle wussten sogleich, dass Bruder Hubertus gemeint war und sahen voraus, dass sich der Buckelige vor den Herrschaften an ihm rachen wurde uber die Mishandlung, die ihm heute in ihrer Gegenwart angethan war ... Terschka, Thiebold und Benno fuhlten die Schauer der Erinnerung an die Erzahlungen des Onkels Levinus ...

Einige kuhne musikalische Figuren, die des Geigers jetzt ausbrechenden Zorn verriethen, wurden gestrichen als Zeichen, dass er an seine Pointe kam ... Er fuhr singend fort:

So ging es her zu jener Zeit heidi! ... Auf Schloss Neuhof heidi! heidi! heidi! ... Viel Herrn und Damen ei, ei, ei! ... Musik und Tanz und Gasterei! ... Und Parlez-vous francais, Musje? ... Italienerinnen "Nix versteh!" ...

Blos unser Geld verstanden sie setzte er parlando hinzu, und das kraftige deutsche Wort: "Tar Teifel!" ... Eine war so gut wie die zweite Baronin und sagte nur immer: "Tar Teifel!" ... Ihre Reitpeitsche hieb hui! uber alles weg, was ihr in den Weg kam. Eine Sangerin war's aus Rom ! "Nix versteh", als "Tar Teifel!" und nur "viel Geld", "gute Geld", "schwere Geld" und Brillante aber "von die echte" ! "Tar Teifel!" fluchte sie zu Wagen und zu Pferde! Aber schon war sie ! Und lachen konnte sie ! Auch uber mich und sogar uber den schonen Mann aus der Kaffeetrommel!

Wilde Variationen fielen wieder ein ... Unfehlbar war eine Rache an Hubertus das Ziel ...

Alle betrachteten Terschka, um gerade an ihm, an der Hauptperson des Abends, die Wirkung dieser Possen zu beobachten ...

Da ist denn aber gekommen fuhr Stammer mit pathetischem Nasenton fort der grossmachtige Winter Anno Zwolf und (so ein einziges "und" zog er schon wie eine lange, lange Note) und da sind die Fuchse die Wolfe die Franzosen sind gekommen und dass Gott erbarm'! man hatte seinem Feind nicht abgeschlagen ein Stuck Pumpernikkel, was ihm sonst nur eine Brotsorte von Stein gewesen war ... Sakkernungdedio! Da zog auch Herr von Bosbeck einmal einen Tuchrock an

Buschbeck! verbesserten einige Stimmen ...

Terschka horchte immer mehr auf ...

Die Hitz' bei zwanzig Grad, unter Null war ihm denn doch zu arg und ob er gleich 'ne Haut hat wie Leder, gegerbtes Rindsleder, der Herr von, Bosbeck ...

Buschbeck! verbesserten schon ihrer mehr ...

Die hat er, eine Haut von Buffelleder! Ich hab' sie oft genug selbst gesehen ... Eines Tages sah ich sogar an Bosbeck's Arm

Buschbeck! schrieen die Zuhorer ...

Bosbeck ? wiederholte Terschka fur sich ...

Bosbeck ist sein Name! rief jetzt kreischend der Geiger voll Tucke und auf der Hohe seiner Rache angekommen. Es ist ja ein Vetter von dem Bosbeck selig, der in Groningen am Galgen hing ...

Terschka schauderte ersichtlich ...

Die Umstehenden schwiegen ... Dass es mit des Monches fruherem Leben nicht geheuer war, wussten alle ...

Sah' ich denn nicht, krachzte der tuckische Geiger, sah ich denn nicht auf dem Leder hier am Arm, wo andere Menschen, sogar die Buckeligen, hochstens ein ehrliches Muttermal haben ein Galgenrad eingebrannt? Ganz wie damals beim Liborius Pollmann, bei Dominicus Klapproth, Jean Picard und wie sie alle heissen, die dazumal das Geld flussig zu machen wussten rund ist ein Rad und rund ist die Welt und

Nun fiedelte und sang der Geiger eine wilde Melodie ...

Da unterbrach ihn aber ein Larm, der sich aus einem hintern Winkel erhob ...

Schlagt den Hund todt! rief man dort aus kreischenden Kehlen durcheinander ...

Alles, noch starrend und murmelnd und flusternd uber die unglaubliche Mahr, dass der fromme Bruder Hubertus auf seinem Arm konnte ein Verbrecherzeichen eingebrannt haben, wandte sich ungern ...

Der Finkenmuller sah eine Rauferei und rannte schon fast den Geiger nieder und warf sich dazwischen.

Die Spieler hatten den von Stammer mitgebrachten Fremdling zu Boden geworfen ... Sie, die gehofft hatten, einen reich mit Geld Ausgestatteten prellen zu konnen, waren es von ihm geworden ... Geschuppt hat er! hiess es, und zwei bekannte liederliche Bursche rangen mit dem Voltenschlager, der sich wehrte, hielten ihn auf den Boden nieder, wahrend andere den Finkenmuller zuruckhielten und durcheinander schrieen: Wie er abhob, sahen wir's! Schon da, als er mischte! Daumen hat er wie ein Dieb! ...

Ruhe! rief der Meyer und machte den Herrschaften Bahn ...

Terschka's aufgeregtes Herantreten, Thiebold's Zuruckhalten der beiden Salzsieder, Benno's energisches Bedeuten um Ruhe unterbrach die Fortsetzung der Kunste des Geigers und des Kampfes, welcher letztere sich sogar durch einen zufalligen Umstand plotzlich in Heiterkeit aufloste ... Herrn Dionysius Schneid entglitt unter den Fausten seiner uberlegenen Angreifer ein Schmuck seines Hauptes, eine pechschwarze Tour, die uber einen plotzlich sichtbar werdenden, kurzgeschnittenen rothhaarigen Schadel geklebt war ... Das dann zu gleicher Zeit noch hineingeworfene Wort des hinzutretenden Geigers: Es ist ja ein Perrukenmacher! machte selbst Thiebold und Benno lachen, und so erhob sich der Strasburger und benutzte den Moment, sich so schnell wie moglich zuruckzuziehen und heimlich zu entfernen ...

Der Wachter draussen rief die zehnte Stunde ... Alles beruhigte sich jetzt, gedachte der Heimkehr und liess zunachst die "Herrschaften" durch, die sich jetzt empfahlen ...

Die Jager gaben ihnen noch eine Weile das Geleite ...

Der Meyer, der Moorbauer blieben zur Kritik des Abends zuruck. Da sie bestatigten, dass Herr von Terschka plotzlich in ein auffallendes Schweigen verfallen war, wurden dem Geiger vom Finkenwirth fur seinen frechen und lugnerischen Ausfall auf den Liebling der Gegend und einen Mann Gottes die bittersten Vorwurfe gemacht. Als Stammer entgegnen wollte, warf ihn der Wirth ohne weiteres zum Hause hinaus ...

Draussen an den sich kreuzenden Wegen zerstreute sich dann alles ...

Benno sagte zu Thiebold: "Tar Teifel!" Den rothen Kerl muss ich doch schon irgendwo gesehen haben?

Auch Terschka horte dies, glaubte aber die Rede ware von dem Brandmal des Hubertus ... Darf er denn solange ausserhalb seines Klosters leben? fragte er, nahm, als sein Irrthum berichtigt, seine Frage bestatigt worden, Abschied von Benno und Thiebold und ging mit dem Oberforster und dem Wildmeister dem Schlosse zu ...

Die Schlage der zehnten Stunde erklangen von allen Seiten her durch die stille Nacht ...

Die nachst horbare Uhr war schon die von Schloss Westerhof ...

Selbst vom schneebedeckten Jesuitenthurm in Witoborn horte man in der nachtlichen Stille das bekannte hastige Jesuitenlauten ...

Und ode wie die Winternacht, war die Stimmung der Freunde ... Was sie jetzt hatten aussprechen konnen, war schon in diesen Tagen so oft gegenseitig ausgeschuttet worden ... O wie war Armgart so seltsam geworden! Wie lag es winterlich auf dem Herzen der Freunde! Erstorben alle Bluten, verklungen alle Freuden, begraben die schonste Maienzeit des Lebens! ... Der Scherz mit den "Vielliebchen" war die letzte Erinnerung gewesen an den Ton vergangener Stunden ...

Thiebold's Art und sein schlechtes Gewissen litten es freilich nicht, dass er so ganz zu allem Herzleid schwieg. Seine Zunge wurde nicht mude bald die Geister des Jenseits, bald die Vicinalwege des Diesseits zu besprechen, bald den Doctor Puttmeyer, bald die Jagd, bald das unheimliche, vielleicht gar nicht existirende Brandmal auf dem Arme des Monches Hubertus, bald den Rauber Bosbeck eine Jugenderinnerung bald die Guitarrestunden der ermordeten Frau Hauptmann zu erlautern ... Alles, was er damit nur sagen konnte, lautete im Grunde seines Herzens: Was hebt uns ach! mit so lustigen Schwingen in die kalte leere Luft und lasst uns schweben wie Fieberkranke, die da jammern des gefurchteten jahen ewigen Niedersturzes! Was geht vor in diesem Chaos des Erdenlebens, im dunkeln Rath der Gotter, die die Menschenloose zu ihrer Freude mischen! Wohin wandeln wir! Was geschieht! Wie nur so angstvoll klopfen unsere Herzen, wie so bang mahnt unsere Ahnung! Geister halten, fuhren uns aber wohin geht ihr Weg, wo ist das gluckliche Ziel?

Nach einer Wanderung von einer halben Stunde horten sie das Rauschen der beruhmten Muhlen von Witoborn. In ihren Donnerton versank alles, was Thiebold nur sprach, um richtiger, wenn auch sehr prosaisch zu sagen: Ist es denn moglich, dass man uns, uns diesen Terschka, einen Mann von vierzig Jahren vorziehen kann!

Benno lebte hier auf dem Schauplatz der ersten Erinnerungen seines dunkeln Lebens schon seit Wochen wie im Traum. Seine Ruckkehr zur Schreibstube Nuck's stand nahe bevor. Er schloss auch mit diesem Tage ab, wie schon seit lange mit seinem ganzen Leben. Seine Entsagung war eine um so schmerzlichere, als er sich die Philosophie gebildet hatte: Was du dir unsers Daseins fur wurdig haltst, musst du dir h i e n i e d e n zu erringen suchen! ... Die erfahrungslose Jugend baut sich ja schneller Systeme, als das geprufte Alter. Gehen diese Systeme hervor aus "Enttauschungen" und "gescheiterten Hoffnungen", dann zerfallen sie wol leicht wieder in Trummer; aber jaher ist ihre Dauer, gefahrvoller wird sie fur das Herz, wenn sie aus jener Jugendstimmung entstehen, die wenig erwartend vom Jenseits auch vom Diesseits nur mit bitterer Verachtung spricht, von ihm am wenigsten noch etwas hofft, zu seinen Gunsten am wenigsten noch etwas unternimmt ...

Eine volle, freie, erhebende Stunde mit Bonaventura hatte Benno noch nicht finden konnen.

7.

Auch fur Bonaventura war dieser Aufenthalt eine Ruckkehr auf den Schauplatz seiner ersten Jugend.

Auch ihn zog hierher eine Liebe und eine frohbange Sehnsucht ... Er kannte Paula als Kind, dann kannte er sie mit dem Ausdruck jungfraulich erster Reife ... Jetzt erwartete er nach allem, was er von ihr wusste, ein Bild voll elegischer Hoheit, eine gefangene junge Konigin, die in einem einsamen Schlosse wandelt, hoheitsvoll und tief hilfsbedurftig zugleich.

Die Beklemmung, in Paula's seltsam bedingtes Lebensdasein einzutreten, wuchs mit der Nachwirkung dessen, was in der Residenz des Kirchenfursten noch in den letzten Augenblicken von ihm erlebt werden musste. Die Begegnung mit Bickert im Beichtstuhl, die Hoffnung auf Ruckgabe der im Sarge des alten Mevissen gefundenen Papiere Lucinden's Erklarung, dass dieser Schatz in ihren Handen war wie durchrieselte ihn da mit schuttelndem Frost die Erinnerung an die aus ihrem Mund gekommenen schonungslosen Drohungen! Eine Rachegottin umschwebte sie ihn auf allen Wegen. Das Schwirren ihrer Eumenidenflugel glaubte er zu horen, das Leuchten ihrer geschwungenen Fackel in dunkler Nacht zu sehen. "Der ganze, ganze Bau der Kirche!" Dies tiefhohnende Wort hallte durch seine Seele wie Grabesruf. Was konnte der treue Diener seines Vaters aufbewahrt, was von diesem zum Aufbewahren erhalten haben, das an sein Dasein eine so grosse Thatsache, den Bau der Kirche, knupfen liess und nicht ganz zerstort, ja vielleicht ausdrucklich einem Grabe einverleibt werden sollte?

Der ganze Bau der Kirche! ... O da war er denn nun in diesem heiligen Witoborn! Hier hatten Bischofe gethront und den Krummstab als Scepter gefuhrt und nicht Eine bedeutsame Erinnerung an deutsche Grosse, Kraft und Bildung war zuruckgeblieben. Kleinliche Hauser, armliche Strassen, in entlegener Gegend, in einer halben Wuste ein glanzender Palast, die Residenz dieser Bischofe, jetzt eine Kaserne. Nichts vom Vergangenen zuruckgeblieben, als eine Unzahl Kirchen, ein dusteres Jesuitenstift, Gefasse von Silber und Gold in den Truhen der Sakristeien, Monstranzen mit Edelsteinen, Fahnen und Baldachine von kostbarer Stickerei. Hier und da fand sich eine bessere Erinnerung aus der Zeit der Aufklarung. Einige Priester hatten in dem Geiste des Onkels Dechanten gewirkt. Einiges war geschehen fur Priesterbildung, Jugendunterricht und wurdigere Gottesverehrung aber der neue romische Geist uberbaute schon seit lange alles wieder mit seinem kunstlichen Mittelalter. Am Markt, in den Laden der Hauptstrassen waren die Schaufenster besetzt mit Monstranzen, Kelchen, Crucifixen, Madonnen aus Alabaster und Bronze, Erzeugnissen einer Industrie, deren Spuren sich bis dahin verloren, wo man sogar dem Salon einen gewissen koketten kirchlichen Ausdruck jetzt zu geben versuchte. Eine Procession hier, eine Procession dort. Bruderschaften fast fur jeden Tag der Woche in Bewegung. Manner, Weiber, Kinder mit Lichtchen in den Handen, mit Fahnenwimpeln, Kreuzen, Messner und Chorknaben dazwischen in bunten Gewandern, singend und sprechend mit allen jenen Dissonanzen und unsichern Rhythmen, die ihm seine Glaubensvirtuositat fruher als so ruhrend erscheinen liess. Jetzt sah er in diesem Kirchgang so vieler Manner an Wochentagen nur die Versaumniss ihrer Arbeit. Ehe er nach dem Pfarrhause zu Sanct-Libori fuhr, war er "Bei Tangermanns" abgestiegen. Ihm gegenuber hatte ein Kapuzinerkloster eine Kirche, vor der in einem Aufputz wie fur Kinder eine kleine Madonna in naturlichen Kleidern von Sammet und Seide auf offener Strasse stand.

Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno, Thiebold, Hedemann. Erstere beide wohnten in einem Mullerhauschen, das etwas entlegen lag vom donnernden Gerausch der schon von Hedemann selbst betriebenen Muhlen. Das Wiedersehen war hocherfreut. Bei Benno sogar mit ironischem Lacheln, als es der Frage galt nach dem ersten Besuch auf Westerhof; bei Thiebold mit der scheuen Befangenheit eines schuldbewussten Schulers vor seinem Lehrer; bei Hedemann mit jener bekannten immer mehr sich bei ihm ausbildenden, lachelndstrengen Sicherheit des Bibelglaubens; Hedemann hatte in der That ketzerische Grundsatze aus England und Amerika mit heimgebracht und wurde in ihnen durch die Erfahrungen, die seine greisen Aeltern mit dem Pfarrer Langelutje gemacht, in Gedankengangen bestarkt, die zu irgendeinem, vielleicht fur ihn verhangnissvollen Ziele fuhren mussten. Dass der Domherr nicht in Witoborn blieb, wusste man. Bonaventura wollte seinen nominellen Pfarrsitz selbst einnehmen und schon war nach einem Wagelchen geschickt worden, ihn an seinen eigentlichen Wohnsitz zu fuhren, den er einem alten Brauche gemass bis gegen Ostern einnehmen musste. Benno bedauerte diese Trennung. Er schilderte das Haus "Bei Tangermanns" als einen unterhaltenden Rest altdeutscher Gastfreundschaft, der indessen die Trinkgelder und modernen Preise nicht ausschlosse. Seht nur, sagte er, dies alte Mauerwerk mit bunten pariser Tapeten beklebt! Goldleisten uber wurmstichige Balken! Parquetfussboden neben grunen Kachelofen! Thiebold setzte hinzu: Lastern Sie nicht! Das beste ist ein patriarchalischer Weinkeller, aus dem man nur leider allein durch Schmeichelei einen Niersteiner Gelbsiegel bekommen kann! Der alte Tangermann hat auf seiner Weinkarte alle nur moglichen Cabinetsauslesen und Domprasenze, gibt sie aber nicht her, wenn man sie nur so einfach bestellt, wie wahrscheinlich unser Freund Piter Kattendyk gethan hat, als er von witoborner Kratzer sprach! Erst sagt der Kellner regelmassig: Der alte Herr Tangermann hat den Schlussel! Erst muss man an Herrn Tangermann's Stube klopfen, muss erst seine ausgestopften Vogel bewundern, die herrlichen Aquatintas an den Wanden, die Napoleonischen Ruhrscenen aus Fontainebleau und Sanct-Helena bewundern, ehe man das Gesprach auf seine Jahrgange bringen und ihn geneigt stimmen kann, eine Probe heraufzuholen, die dann aber dennoch keineswegs zu einem altpatriarchalischen, sondern ganz modernen Preise abgelassen wird, wie nur in irgendeinem Victoriahotel! Und Hedemann setzte hinzu: In der Kunst, dem alten Tangermann diese guten Stunden abzuschmeicheln, ist niemand bewanderter gewesen als der Landrath von Enckefuss!

Dieser Name gab dann Fernsichten in die betrubenden Eindrucke des Kirchenstreites ... Fernsichten auch auf Schloss Neuhof, auf Bonaventura's Stiefvater, seine Mutter, ja zuletzt auf Klingsohr, von dem man wusste, dass er gewaltsam nach dem Kloster Himmelpfort zuruckgefuhrt worden ... Ein Leben im Gasthof stort dann freilich jeden Schmerz ... Hier ein Zimmer, wo ein Trauernder weint, nebenan eins, wo ein Musterreiter die neuesten Modearien singt Letzteres geschah wenigstens der kleinen Gesellschaft. Nur Zufall war es, dass ein gewisser Mann nebenan, der sich eben rasirte, die Namen seiner Nachbarn nicht zu erfahren begehrte und, verloren in die taglichen Geschafte, die ihn erst mit Herrn von Terschka, jetzt schon mit allen umwohnenden Adeligen verbanden, ja schon auf Schloss Neuhof riefen, sich nicht als Lob Seligmann aus Kocher am Fall seinen alten Bekannten zu erkennen gab ... Und doch wie sang er sich selber vorm Spiegel an: "Dies Bildniss ist bezaubernd schon!" wie jodelte er, wenn er plotzlich von Extrapostideen befallen wurde, das damals neue: "Ho, ho! So schon und froh! Der Postillon von Lonjumeau!"

Im Pfarrhause bei Norbert Mullenhoff fand Bonaventura zwei Zimmer schon fur sich hergerichtet, Zimmer, in deren Ausstattung er die liebende Sorgfalt aller der Menschen erkannte, die ihn hier namentlich auf den Adelssitzen voll hoher Spannung erwarteten. Es waren zwei einfache Wohnzimmer eines allerdings neugebauten massiven Hauses, aber mit einem Comfort ausgestattet, der alle Spuren trug vorzugsweise vom nahen Westerhof und vom Stifte Heiligenkreuz. Die Namen Paula, Benigna, Armgart glanzten unter allen, die der alte Tubbicke als die Stifterinnen dieser Herrlichkeiten nannte ... Norbert Mullenhoff stand mit scheuer Spannung in der Nahe. Er hatte die ihm eigenthumlich derbe Courage mehr nur nach unten hin; nach obenhin nur dann, wenn er der Masse gegenuberstand ... ein einzelnes gesticktes Damentaschentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte ihn nicht blos im Salon, sondern sogar im Beichtstuhl stutzig machen.

In diesem Mullenhoff fand sich Bonaventura bald zurecht. Es war die Richtung, die Michahelles auch bei ihm vorausgesetzt hatte, die neue Richtung einer fast burschikosen Verachtung alles dessen, was mit Bildung und Aufklarung verbunden ist. Mullenhoff's jeweiliges grelles Auflachen, wenn er einen seiner Einfalle selbst doch auch allzu schlagend fand, charakterisirte ihn sofort; denn nichts charakterisirt uns mehr, als die Art, wie wir lachen. Hier fehlte selbst die Koketterie, die doch Beda Hunnius noch mit der Poesie trieb. Diese jungkatholische Richtung renommirt mit der Verachtung jeder Beziehung ihrer taglichen Denk-, Rede- und Thatigkeitsweise mit dem, was dem Geist der Aufklarung angehort. Gleich die Fruhstucksbutter, die seine Aufwarterin zu einem zweiten Fruhstuck fur ihn und seinen Gast hereinbrachte, schob Mullenhoff mit den Worten zuruck: "Nehm' Sie die Butter mit! Ganz frische soll's sein! Die da riecht toleranzig!"

Schon bei diesem Fruhstuck erschienen die zuvorkommenden Besuche des Herrn Levinus von Hulleshoven, des Herrn von Terschka, des Grafen Munnich und immer mehr zunehmend einer Anzahl von Adeligen und Geistlichen, die sammtlich in stattlichen Kutschen kamen ... Selbst die drei altesten Stiftsdamen von Heiligenkreuz fuhren vor ... So schnell hatte sich die Kunde von des jungen Domherrn endlicher Ankunft verbreitet. Die Raumlichkeit wurde fast zu klein; die Gaste, die den Langstersehnten begrussen wollten, konnten nur eine kurze Weile bleiben.

Ueber die Zeit sprach man, uber den Kirchenfursten. Durch alles, was Bonaventura von Aeusserungen eines erschreckenden Fanatismus vernahm, tonte wie ein Grundaccord immer der gottbegnadete Zustand Paula's hindurch. Selbst die Erbfolgefrage verschwand dagegen. Es fielen Fragen, wie die: Ob die Grafin kurzlich nicht wieder "die Besuche ihres gottlichen Brautigams" empfangen hatte? Dabei beobachtete man nicht nur die Mienen des antwortenden Onkel Levinus, sondern schon das Errothen des Domherrn. Man hatte von Bonaventura die Vorstellung eines Fanatikers, eines parteinehmenden Zeloten, der, wie Michahelles angedeutet hatte, seine bereits allen bekannte seelische Beziehung zur Ekstatischen zu einem noch festern Seelenbunde knupfen, die noch unbestimmt tastende Gefuhls- und Anschauungswelt derselben regeln, ihre Visionen und Heilkrafte zu einem vollgultigeren Zeugniss fur die wiederum prophetisch gewordene Zeit und den Triumph der Kirche verwandeln wurde ... Er sah diese Gleisnerblicke, dies susse Lacheln, horte dies bedeutungsvolle Seufzen, das bei allem Schein der Demuth mit einem festen und sichern Gange auf ein gemeinschaftliches Ziel losging, uber das man sich nicht einmal in offen ausgesprochener Verabredung und Gestandnissen befand ... In einem stattlichen Wagen, zwischen dem Onkel Levinus und Terschka, fuhr Bonaventura dann auf Schloss Westerhof.

Die Prufung, Paula im kleinen Kreise oder gar allein wiederzusehen, wurde ihm beim ersten Grusse nicht. Er fand gleich ganz Westerhof in festlicher Bewegung. Die Damen der Gegend, vorzugsweise das Stift Heiligenkreuz, waren in Toilette versammelt; Paula stand umgeben von jungen Madchen, von Frauen und Matronen ...

Einen Schritt trat sie hervor und reichte ihm die Hand ... Endlich Traum und Erfullung ... Schmerz und Seligkeit ... und wiederum doch nur Seligkeit und Schmerz!

Mit den Jahren waren beide gereifter geworden ... Sie erbluht zur hehren Jungfrau ... Er ein Mann Ein Mann? Ein Priester! Angewiesen, Segen zu ertheilen, anderer Gluck zu heiligen und selbst zu entbehren ...

Rings ein Reden und Grussen und ein Durcheinander der Bewirthung ...

Aber Paula war es doch! ... Ihr Seelenfreund von vergangenen Tagen war es doch! ... Ihr Errothen und das seine ... ein Roth war es, als beschiene beide die Sonne in ihrer heiligsten Fruhe, Aufgangsglanz vom Osten, vom fernsten Ganges her ... War das noch Winter um sie her? ... Zwei Seelen grussten sich, die da weilten, wo die Nachtigallen sangen ...

Armgart fuhlte das schon ahnungsvoll und schwarmerisch mit ... sie hielt Paula, um dass sie vor Ueberseligkeit nur nicht schwankte ... Wie Epheu schlang sie sich um ein lebendig gewordenes Marmorbild ...

Die Geisterjungfrau sprach ... Sie sprach mehr als je ... Was sie sprach, horte Bonaventura, er verstand es nicht ... Auch Armgart plauderte noch ihm unverstandlich ... Wie im Wirbel stand er ... Armgart sah den Vielbesprochenen zum ersten male ... Die einfache Tracht! Nur ein langer schwarzer Ueberrock; altmodisch der Schnitt; die Weste hochgehend, wie die Regel will; das Haar entstellt ... Nichts, was anziehen konnte, als die Gestalt nur und der edle Ausdruck des Hauptes ... Armgart starrte dem allen und horchte seinen Worten, deren Klang ihr sofort wie Melodie erschien, denn was Paula liebte, liebte sogleich auch sie ...

Der Himmel offnet zuweilen durch Engelhand seine Pforten ... Dann stromt einen Augenblick uberirdischer Glanz uber die Menschen und ringsum ist auch zuweilen dann wirklich die feierliche Andacht da und das heilige Verstandniss ... Ha diese kluge Welt! ... Sie wusste schon alles ... Ein einziger geisterhafter Augenblick sprach schon im stillen zu allen: Er kennt diese tiefblauen Augen, kennt den feuchtschimmernden Glanz derselben, die dunkeln Augenwimpern, die wie die Schwingen auch der Seele Paula's nicht unruhig flatterten, sondern ruhig uber ihrem blauen Himmel thronten ... Nun staunt er doch wol, dass diese Augen sich noch immer schliessen und mehr noch als sonst schon in die Ferne sehen konnen? ... Und ziert dich denn noch immer dieselbe Schuchternheit, du vornehme Jungfrau, derselbe zagende Muth, der alles duldete, selbst wenn die bose Lucinde, von der hier mancher wusste, ihre Stellung vergass und Befehle ertheilte, wo sie deren nur zu empfangen hatte? ...

Verstandigungen des Herzens konnten nur im Blikke liegen ... Einen Schleier nach dem andern, der das kaum ja auch Auszusprechende verhullte, wob schon gleich wieder das Leben in der buntesten Fulle seiner Anregungen ... Da gab es zu besprechen! Die nachste und entfernteste Zukunft Paula's! Die Zeit selbst mit ihren ringsum ertonenden verworrenen Stimmen! Und die Prophetengabe der Herrin des Schlosses, auf deren Namen wol noch mehr Wunder und Voraussagungen gingen, als in Wahrheit begrundet waren, wie war das angstlich! Auffallend erschien, dass mit Bonaventura's Ankunft in Paula ein gehobener Schwung kam, der die Kraft des Geistes uber den Korper zu starken schien. Schon am ersten Tage hielt sich die Leidende uber der versammelten Menschenmenge empor, erlag nicht dem Druck derselben, der sonst sie in solcher Lage immer plotzlich entschlummern machte. Und das nahm zu, wurde besser von Tage zu Tage. Sie erlag seltener der rathselhaften Krankheit ihrer Nerven. Was so mancher im stillen schon von der Ehe gesagt hatte, sie ware ein Ausweg, der die Grafin vollig heilen wurde, zeigte sich dem Scharferblickenden annahernd. Statt einer Steigerung der Neigung zum Traumschlaf trat anfangs eine Minderung ein.

Die erste Messe zu Sanct-Libori, die erste von der Kanzel gesprochene "Application" kennen wir. Sie riefen auch hier die Wirkungen hervor, die von Bonaventuras Auftreten unzertrennlich scheinen. Der Kreis von Bekanntschaften, der ihn schon wie gefangen nahm, wuchs. Seine Oberaufsicht uber den Gang der kirchlichen Angelegenheiten in diesem Sprengel war mehr eine formelle Pflicht. Bonaventura erkannte dann auch zu sehr die Heftigkeit seines untergebenen Pfarrers, um mit einem Naturell zu streiten, das nicht zu andern war und sogleich auch fur seine Unarten als Vorwand heilige Namen hatte. Ironie half ihm gegen Uebertreibungen. "Denken Sie das?" "Ziehen Sie das also wirklich vor?" Von Witoborn's Geistlichen und Monchen kam Bonaventura regelmassig heim wie aus einem Kriegslager.

Die stillen Abendstunden auf Schloss Westerhof waren dann gluckselige Momente. Terschka, Benno und Thiebold theilten sie, und da Armgart nicht immer zugegen war, blieb Paula der alleinige Mittelpunkt. Armgart wurde allerdings auch fur Bonaventura mit der Zeit befremdend. Sie wanderte zwischen Westerhof und Heiligenkreuz, oft ganz allein, ohne die mindeste Furcht, selbst wenn sie durch einen ansehnlichen Wald gehen musste. Bonaventura sprach von ihrer Mutter und von ihrem Vater mit gleicher Unbefangenheit. Eine Parteilichkeit fur Benno entdeckte er nicht, mehr noch fur Thiebold, am meisten fur Terschka, der ihm gleichfalls neu und nicht sogleich erklarbar war. Terschka nannte Armgart eine Cactusblume. Der Onkel erlauterte: "Brennendroth und von einer schonen Zeichnung, aber gewachsen auf einem gefahrvoll stachlichten Stamm!" ... Nun geht es so, dass Menschen, die gerade das Bedurfniss haben, sich aneinander anzuschliessen und sich einen hohen Werth einzugestehen, doch nur durch Reibung und Aneinanderstreifen sich nahern. Bonaventura hatte noch nichts von Thiebold's Busse vernommen und nur ewig Terschka und Terschka hort' er ? Ware das moglich! sagte er sich. Armgart, ein Madchen wie ein Thautropfe, und dennoch, dennoch eine so schnelle Wandelung ? Hier lag ein Rathsel vor und er erklarte sich's aus der Schwache des weiblichen Gemuths und zurnte ihr und strafte sie schon oft oder "trumpfte sie ab", "duckte" sie, wie es die Tante Benigna mit wahrer Genugthuung nannte ... freilich nur durch ein Lacheln oder eine kurze ironische Zwischenfrage.

Ehe hier tiefere Blicke und Verstandigungen folgten, kam dann die bange Fahrt zum Schlosse Neuhof, an dem Tage, als es hiess, der Kronsyndikus ist im Arm seines plotzlich angekommenen Sohnes, des Prasidenten, verschieden. Die schuldige Rucksicht verlangte, dass Bonaventura den zweiten Gatten seiner Mutter auf diese Nachricht sofort besuchte. Dass die Mutter nicht mitgekommen, wusste er. Er traf am Montag den Prasidenten in der ganzen Erregung, die ein langst vorausgesehener Fall, dessen endliches Eintreten man sogar den Umstanden nach wunschen musste, zuletzt doch hervorzubringen pflegt. Sein Stiefvater war auffallend gealtert. Er begrusste Bonaventura mit all der scheinbaren Herzlichkeit, die ihm zu Gebote stand. Seine Gesundheit erklarte er nicht fur die beste, sprach von Reisen nach dem Suden, von seinem Abschied, den er nehmen wollte, von den Schwierigkeiten, die sich bei Abwickelung seiner Erbschaft ergaben, von dem Mistrauen, das ihm infolge des Kirchenstreits hier um seiner amtlichen Stellung willen entgegentreten wurde. Er brachte Nachrichten vom Kirchenfursten, der in seiner Gefangenschaft sich mit Ruhe in sein Schicksal ergabe, ware er sich doch bewusst, Anlass einer Aufregung gewesen zu sein, die seinen Grundsatzen jetzt zugute kam; er rauche seine Pfeife, ginge auf den Wallen der Festung spazieren und wunsche nicht einmal die politischen Demonstrationen, die der Adel der diesseit und jenseit des grossen Stromes gelegenen Provinzen beim Landesfursten unternahme "sie konnten ja nur in jenem revolutionaren Sinne gedeutet werden, den er nie befurwortet hatte; denn die Kirche hatte nichts mit der neuen Richtung des Lamennais gemein, sie ware alt genug und konne immer noch warten und warten bis ihr die geistige Hulfe kame" ... Von der Mutter sagte der Prasident, sie wurde auf dem Schlosse, das sie nie besucht hatte, gleich nach dem Begrabniss eintreffen. Der Prasident war kalter, wortkarger und verschlossener denn je geworden.

Am Begrabnisstage sass Bonaventura in dem Trauerwagen neben dem Stiefvater. Wohl sah er, dass selbst diese starren Zuge erregter wurden, als sich der Zug dem Dusternbrook naherte. Als die Scene an der Eiche vorfiel, erblasste der Prasident; das Wort erstarb auf seinen Lippen; in eine Ecke gedruckt wartete er ab, bis sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, als die Storung voruber war und ihm Bonaventura zu seiner Beruhigung die leisen Worte sprach: "Paulus sagt: Der Tod ist der letzte Feind! Nun wird ja Friede sein!" ... Zum Kloster Himmelpfort gehorte eine grosse, nicht ungefallige, lichthelle Kirche. Sie lag an der Spitze eines der Winkel, die durch ein grosses Viereck gebildet wurden; durch eine Mauer gebildet, die das Kloster einschloss. Das Kloster selbst, ein zweistockig Gebaude, mit einem Thurmchen versehen, gehorte dem siebzehnten Jahrhundert an, die Kirche dem achtzehnten. Ringsum standen Obstbaume; im Innern des Klostergartens waren die Beete mit Stroh belegt und deuteten eine freundliche Vegetation fur den Sommer an. Hinter einem dieser kleinen Fenster, die ringsum das viereckige Gebaude erhellten, wohnte Klingsohr. Ihn sah man nicht unter den Franciscanern, die den Sarg begleiteten. Auch den Bruder Hubertus, auf den Bonaventura nach allem, was er uber den "Abtodter" durch Klingsohr und Jodocus Hammaker wusste, begierig sein musste, konnte er weder beim Beginn des Zuges noch jetzt entdecken und an der verhangnissvollen Eiche war gerade ihm der Anblick entzogen gewesen, den die andern Wagen ungehinderter hatten, der Anblick, wie plotzlich unerwartet auftauchend Hubertus mehr der Storung durch den Musikanten, als der Anrede des Sarges durch einen andern Storer der Todtenruhe, durch den Kufer, ein Ende machte ... Die Kirche diente als Erbbegrabniss vieler ringsum wohnenden Adelsfamilien. Bilder sah man, Seitenaltare und Beichtstuhle, keine Saulen oder Bogen. Der Hochaltar war im Stil der Franciscanerkirchen; jeder Orden hat seine eigene Weise, seine eigene geistige und physische Farbe sogar, die er seinen Kirchen anhaucht. Bei den Franciscanern ist alles braun, massig vergoldet, hier und da ein blaues Band etwa an einer Maria, ein weisser Schimmer etwa von der Taube, die uber dem Tabernakel schwebt; regelmassig steht der Ordensstifter vor dem Crucifix mit dem bekannten ekstatischen Liebesblick der Ergebenheit, mit seiner auf das Herz gelegten linken Hand; der Fussboden ist von Stein, die Wande sind weiss, nur hier und da vom Russ der Lichter angeschwarzt; das Ganze einer solchen Franciscanerkirche ist dem Volk eingehend durch eine gewisse altfrankische Einfachheit wie die Heimlichkeit alter, von Grossaltern ererbter, braungebeizter Mobeln mit geschweiften Bogen und bronzenen Schlussellochern und Ringen an den Schubladen ... Hier war es, wo der Kronsyndikus in die Gewolbe gesenkt wurde ... Das uber ihn Unausgesprochene, doch von allen Gefuhlte verklang in dem Brausen einer stattlichen Orgel ... Der Provinzial- Guardian fand auf dem bereits auf dem Schlosse von Weihduft uberraucherten Sarg auch jenes Stuckchen Tuch nicht mehr, das wol in den Schnee gefallen sein und im Schmelzen desselben an der Fruhlingssonne vermodern wird ...

Da Bonaventura Klingsohr besuchen wollte, behielt er eine der Trauerkutschen zuruck ... Der Prasident versprach, bald auf Westerhof zu erscheinen und dann auch sogleich in Begleitung der bis dahin vielleicht angekommenen Mutter Bonaventura's.

Der ehemalige Graf von Zeesen, der jetzige Pater Ivo, wurde von Bonaventura bald entdeckt ... Klingsohr hatte ihm ja im vorigen Jahre seine Geschichte erzahlt ... Er wusste, dass seine ehemalige Verlobte als Schwester Therese bei den Karmeliterinnen wohnte ... Ein hagerer, blasser Monch kam mit einem Weihwedel daher und wehte durch die Luft, als staubte er auch diese rein ... Die Gaste, das Gesinde, die nachdrangenden Landbewohner hatten die Kirche verlassen; nur einige Arbeiter blieben, die uber die Oeffnung, in die der Sarg des Kronsyndikus hinuntergelassen, wieder die Steinplatte zu legen hatten ... Nach drei Uhr war es ... Die Bruder hatten auf dem Schlosse eine Art "Fruhstuck im Stehen" eingenommen ... Ob wol da noch Pater Ivo das Brustbild seines alten Freundes Jerome erkannt hatte? ... Dort summte er, ohne aufzusehen, Lieder zum Lobe Maria; auch hier that er es ... Niemanden blickte er dabei an, niemanden gab er Antwort ... Er lebte nur sich und Maria ... Sein Eigenthum war an die Landschaft gegeben worden fur eine Irrenanstalt, deren die Provinz immer dringender bedurftig wurde ... An der Oeffnung, in deren Tiefe der silberbeschlagene Sarg blinkte, mussten eine Menge Melusinen sitzen ... wie huschte er dahin daher mit seinem Wedel und jagte die Unheiligen fort!

Es ist Pater Ivo! sagte ein junger Monch, auf Bonaventura zutretend. Er ist irr', wie Sie wol sehen, Herr Domherr!

Der junge Monch nannte sich Pater Quirinus ... Er hatte ein Bund Schlussel in der Hand, wollte erst die Schranke schliessen, in welche der Guardian seine Messopferkleider, die Monche die Requisiten der Raucherung des Sarges und die Tucher gelegt hatten, auf denen er ausgestellt gestanden hatte; dann galt es, das Hauptportal der Kirche zu schliessen fur die Arbeiter und Betbedurftigen gab es einen allen Bewohnern der Gegend bekannten kleinen, versteckten Nebenausgang.

Bonaventura sah sich erkannt, sprach sein Verlangen aus, den Pater Sebastus zu besuchen, und willigte gern ein, die Erlaubniss dazu so lange abzuwarten, bis Pater Quirinus sein Amt beendet hatte ...

Er begleitete ihn auf seinem Rundgange hinter der Sakristei ...

Mit der grossten Unbefangenheit sagte der junge, frisch und bluhend aussehende Mann und mit einer ganz gewohnlichen Sprechweise:

Unser Bruder Hubertus ist nicht zugegen! Er kam gerade recht von einer Reise, um die unverschamte Storung durch den Musikanten abzutrumpfen! Viel lugt man auch uber den Kronsyndikus! Wir hier mussen ihn schatzen! Manches, was Sie hier an Gold und Silber sehen, haben wir in seinen letzten Tagen von ihm bekommen!

Dem fur einen Geistlichen fast zu resoluten jungen Mann erwiderte Bonaventura:

Als sich der Verstorbene vor einigen Jahren sein Erbbegrabniss neu herrichten liess, widersprach, hor' ich, der selige Provinzial Henricus und schrieb deshalb nach Rom ...

Ganz recht! erwiderte der junge Monch. Cardinal Ceccone schickte durch Vermittelung des Ministeriums den Spruch der heiligen Ponitentiarie. Der Kronsyndikus legte eine Generalbeichte ab, die an unsern Ordensgeneral nach Rom gegangen ist. Seitdem kam der Befehl, ihm keine der geistlichen Wohlthaten zu entziehen ...

Der junge Monch machte Anstalt, Bonaventura alles zu zeigen, was die Kirche an alten Bildern, kostbaren Gefassen und gestickten Gewandern besass ...

Bonaventura liess es geschehen ... Konnte er sich doch indess in die Vorstellung finden, diesen abgerissenen Fussboden dort im Zusammenhang mit Rom zu wissen! Cardinal Ceccone, der politische Lenker der Geschicke des Kirchenstaats der Grossponitentiar und Oberinquisitor der ganzen katholischen Welt der General der Franciscaner drei hochste Wurdentrager der Kirche betheiligt an dem aufgedeckten Leben des Kronsyndikus! Dort vielleicht alles enthullt, was hier der Welt ewig unbekannt blieb! Dort vielleicht alle Schleier hinweggezogen, die seit Jahren uber dem Leben auf Schloss Neuhof hingen! Dort vielleicht auch die Grunde bekannt, warum seit Jahren der Dechant nur mit dem Ausdruck des grossten Mismuths seines alten Freundes, des Kronsyndikus gedachte! Dort auch vielleicht ein Zusammenhang es durchzuckte ihn das so mit jenen Drohungen, die Lucinde gegen ihn selbst auszustossen gewagt?

Der junge Monch entfaltete kostbare Messgewander, warf sich sogar eine "Kasel" um und zeigte mit wohlgemuther Freude, wie schwer sie an echtem Golde war ...

Die ist noch nicht zu alt! sagte er. Die verstorbene Frau von Wittekind hat die kostliche Arbeit, die in Paris gemacht wurde, vor vierzig Jahren gestiftet ...

Das war die Schwiegermutter seiner Mutter ...

Pater Ivo ging leise singend voruber, huschte mit dem Weihwedel und jagte die Geister fort ...

Pater Quirinus sah ihm lachend nach, wahrend Bonaventura in Ruhrung stand ...

Beim Oeffnen der ubrigen Schranke und dem wiederholten Anlegen der kostbaren Gewander durch den jungen Pater erkannte Bonaventura einen oft vorkommenden Fehler seiner geistlichen Bruder, Eitelkeit auf ihren malerischen aussern Schmuck beim Cultus. Die Monche von Kloster Himmelpfort lasen ringsum in kleinen Kapellen die Messe ... Rom halt die Menschheit doch an tausend Faden! sagte sich Bonaventura ...

Als der junge Monch eine Anzahl Gefasse aus dem Verschluss doppelter und dreifacher Schlosser hervorholte, fragte er ihn:

Warum traten Sie in den Orden?

Es war mir die beste Versorgung! erwiderte der junge Mann ... Ich bin armer Aeltern Kind, wollte studiren, brachte mich kummerlich durch und hatte keinen Muth, auf die Universitat zu gehen. Ich wollte ins Postfach, meldete mich und wurde wegen Ueberfluss von Meldungen nicht angenommen. Eine Braut, die ich hatte, wollte nicht langer warten und heirathete mir vor der Nase weg einen andern. Das verdross mich. Ich wusste nicht, was anfangen, und ging ins Kloster. Zwei Jahre war ich Novize. Jetzt hab' ich die Weihen und bin versorgt.

Sie wollen nicht hoher hinauf? Haben keinen Ehrgeiz? fragte Bonaventura, erstaunt uber diesen Mangel an Empfindung bei einem doch so traurigen Geschick ...

Nein! war die unbefangene Antwort ...

Also gibt Ihnen der Schmerz uber die Tauschung durch Ihre Liebe diese Kraft, so zu entbehren und zu entsagen? ...

Meine Braut handelte vernunftig! Ich hatte erst zehn Jahre auf eine Anstellung bei der Post oder im Steuerfach warten mussen! Jetzt hab' ich mein Brot; fur mich freilich nur allein, aber das kann man ertragen ...

Wahrenddessen schloss der junge wohlgenahrte Pater einen Schrank nach dem andern auf und zu, knixte erst vor jedem geweihten Gegenstande, zeigte ihn dann, schloss ihn wieder mit einem Knix ein, alles nach derselben Cadenz und mit der grossten innern Befriedigung.

Bonaventura konnte sich in eine solche Weihelosigkeit nicht finden. Er mochte noch immer glauben, dass hier ein Schmerz uberwunden und fur die Zufriedenheit an diesem Berufe vielleicht auch Pater Hubertus' Abrichtung gesorgt hatte ...

Auch Ihnen hat zu dieser wohlgemuthen Ergebung in manche Entbehrung gewiss der "Bruder Abtodter" verholfen? fragte er ...

Pater Quirin lachte ...

Na ja! sagte er. So kennen Sie also auch den alten Knaben? Er konnte sich lange nicht in den Frieden finden, den die Kirche mit seinem alten Feinde schloss, mit dem Kronsyndikus! Allen ist aufgefallen, dass er doch gerade heute zuruckkehrte und sogar fur Ordnung sorgte. Knochen hat er wie Eisen aber mich brauchte er nicht zu bandigen! Ich thue hier, was ich muss. Wir haben alle unsere leidliche Bequemlichkeit. Ich zeige Ihnen das Refectorium ...

Entbehren Sie gar nichts? fragte Bonaventura im Weitergehen ...

Gewiss nichts! antwortete Pater Quirinus und kusste mit gemachter Andacht eine Monstranz, die uber und uber mit Edelsteinen besetzt war und nur bei den hochsten Veranlassungen aus diesen wohlverwahrten Schranken genommen wurde.

Diese gleichbleibende Gelassenheit streifte in Bonaventura wiederum alle Bluten ab. Er konnte sich nicht finden und erinnerte wenigstens an den Zauber der Freundschaft und des Zusammenlebens in einem Kloster ...

Aber auch dem erwiderte der junge Mann:

O nein! Wir sind hier zusammen keine Freunde! Es ist auch gut so! So wie wir uns aneinander anschliessen, fangen wir an uber unsere Verhaltnisse Gedanken zu haben; dann verbittern wir uns vieles, woruber wir jetzt nicht grubeln. Jeder ist besser fur sich!

Diese Freundschaften kommen also doch vor?

Selten! lautete die Antwort, wahrend sich der Monch umsah und jetzt leiser sprach. Sowie sich zwei Bruder allzu sehr aneinander schliessen, im Garten zu oft zusammen spazieren gehen, sowie man bemerkt, dass sie bei Tisch zusammensitzen wollen oder auch auf der an der Thur des Guardians hangenden Tafel uber unsere Wochenverrichtungen zu haufig zusammenzukommen suchen, so werden die Leute getrennt.

Das ist ja eine Grausamkeit, wallte es in Bonaventura auf ... Der einzige Trost der Einsamkeit der freundschaftliche Austausch der Gedanken und Gefuhle! Der Ruckblick auf ein vergangenes Leben! Die gemeinschaftlichen Trostungen an den Quellen des Wissens und des Denkens! ... Aber er durfte alles das nur durch Seufzen ausdrucken und sagte sich im stillen: O die Menschennatur ist doch im Durchschnitt ganz so wie bei diesem jungen Manne! Was ist bei Tausenden ihre geistige Meinung? Ihr Bedurfniss nach Erhaltung, Ernahrung, Unterkunft! Solche Institutionen wie die Kloster glaubt' ich auf Felsen gebaut und ich sehe: Einen Beutel mit Geld in der Hand und sie lassen sich wie Kartenhauser umblasen!

Durch einen Seitengang kam man aus der Sakristei in das Kloster. Ein Kreuzgang von allein, morschem Holz fuhrte zu ihm hinuber. An der Wand der Kirche hingen, allemal einer Oeffnung an der andern, in einen mit Schnee bedeckten Garten hinausgehenden Seite gegenuber, Bilder, die von einem Tuncher verfertigt schienen und Wunder des heiligen Franciscus vorstellten. Jedes derselben war geistlos. Schon aus der Jahreszahl 1707 konnte man den Geschmack sowol der Malerei, wie den Stil der Unterschriften erkennen. An die Poesie eines winterlich romantischen Klosterkreuzgangs, wie ihn unser L e s s i n g gemalt hat, war hier nicht zu denken. Eine holzerne Gitterthur fuhrte ins Kloster. Pater Ivo schlenderte leise singend in einem der langen Gange und Quirinus sprang fast wie ein Tanzer mit seiner langen Kutte voraus, um dem Provinzial-Guardian Maurus die Meldung zu machen ... Einstweilen trat Bonaventura in das Refectorium. Es ahnelte einem Wirthshauszimmer auf dem Lande mit alten Holzpfeilern, machtigem Ofen, Stellagen zum Aufschichten der Essgerathschaften. Von hier aus sah man durch kleine Scheiben in den innern, strohbedeckten Garten ...

Bonaventura sehnte sich, ein Wort der Ermunterung mit Sebastus zu sprechen ... Aus Lucindens Beichte wusste er ja, dass er hatte nach Belgien entfliehen wollen ... Sie hatte ihm sogar die Ueberredung, dass Sebastus zu den Jesuiten hatte entfliehen wollen, nicht verschwiegen ... Daran nun zu erinnern war Bonaventura freilich verboten ... Alles, was er etwa Lehrreiches, Warnendes oder Ermunterndes gerade uber diesen Punkt mit dem Convertiten hatte sprechen konnen, musste ausdrucklich unterbleiben ... Als Beichtvater durfte er nicht mehr von ihm wissen, als was Sebastus selbst voraussetzen konnte ... Er musste unwahr sein.

Die in Reihe und Glied aufgestellten steinernen Bierkruge der Monche musternd, horte er Quirinus' Ruckkehr ...

Dieser kam besturzt. Er sagte, der Pater Sebastus hatte eine Pon verwirkt und sollte niemanden sprechen; der Provinzial wurde sogleich selbst erscheinen und sich dem Herrn Domherrn entschuldigen ...

Bald auch kam Pater Maurus. Aeusserlich war er nicht zu unterscheiden von allen andern Monchen. Man kann in Rom auf der Via Appia in einem Omnibus mit Bauern aus Tivoli fahren, hat neben sich einen einfachen Monch in weissem Kleide sitzen und weiss nicht, dass es der grossmachtige General der Dominicaner ist ... Pater Maurus war ein hoher, starkknochiger Mann. Seine buschigen und schwarzen Brauen lagen trotzig uber den funkelnden Augen, die sich den Ausdruck der Unterwurfigkeit gaben. Immer erstarb sein Lacheln ebenso rasch wie es kam. Eher glich dieser Monch einem Gefangnisswarter als einem Boten des Friedens.

Pater Quirinus zog sich zuruck ... Der Provinzial und der Domherr setzten sich auf die nachsten Holzschemel ...

Vergebung, Herr Domherr, sagte der Provinzial, wir haben mit dem Pater Sebastus einen schweren Stand! Die Regierung lieferte ihn uns aus der Residenz des Kirchenfursten zuruck mit dem Bedeuten, ihm jede schriftstellerische Thatigkeit zu untersagen, jede Theilnahme an unserm gegenwartigen traurigen Kampfe. Die Weisung war uberflussig, da der Pater ohnehin erkrankte und uns eine Zeit lang ernste Besorgnisse einflosste. Seit einiger Zeit geht es ihm besser; doch liessen wir ihn in der Krankenstube, weil er, in seine Zelle zuruckgekehrt, seine Pflicht, Nachts zwolf Uhr aufzustehen und in den Chor zu gehen, um zu singen, wie jeder andere hatte erfullen mussen. Heute in aller Fruhe besuchten ihn zwei Fremde, ein Jude und jener Mensch, dem wir vor wenig Stunden den frechen Auftritt im Dusternbrook verdankten. Ich nehme Ihr Vertrauen in Anspruch, Herr Domherr! Denken Sie sich die Verabredung! Jenes Stuck Tuch, das der Storenfried auf den Sarg zu legen wagte, bekam er von unserm Pater, dem Sohne des damals unglucklich, wie man jetzt sicher weiss, nur im Wortwechsel und nach offener Gegenwehr Gefallenen. Dafur verlangte er von jenem Juden, wie von dem Kufer Stephan Lengenich ist sein Name die Mittel zur Flucht ...

Wie erfuhren Sie das? war eine Frage, die Bonaventura mehr aus Schreck aussprach, als in Voraussetzung, dass die Gesprache, die im Krankenzimmer gehalten wurden, belauscht werden konnten ... Erst als er Pater Quirinus an der zufallig aufgehenden Thur des Refectoriums stehen sah, kam ihm die Vorstellung, dass seine Frage ohne Beantwortung bleiben konnte ...

Wir wissen es, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit verdrossenem Blick auf die Thur. Wir wussten es schon in der Fruhe. Ich hatte mir eine ernste Ermahnung als einzige Busse vorgenommen. Seitdem jedoch durch des Paters Mitwirkung eine heilige Handlung gestort, eine ganze Familie, der er selbst fruher so oft bekannt hat Dank schuldig zu sein, durch sein Zuthun unverantwortlich compromittirt worden ist, hab' ich ihm statt des Krankenzimmers die Strafzelle angewiesen. Ich kann nicht wunschen, dass Sie ihn in seinem gegenwartigen Zustande sehen.

In welchem Zustande? fragte Bonaventura mit gesteigertem Bangen und folgte der Bewegung des Provinzials, der sein Ohr spitzte, als vernahme er irgendwoher einen Ruf ...

In der That horte man in dumpfer weiter Ferne einen Ton wie einen Schrei um Hulfe ...

Bonaventura musste aufspringen und sich an dem Schemel halten ... Das ist er? sagte er und deutete auf das Fenster, von wo der gellende Schrei gekommen war.

Er ist es! Ja! sprach der Provinzial mit kalter Ruhe ... So tobt er in seiner Strafzelle und spricht wild durcheinander ... Ich lass' ihn binden, wenn er nicht schweigt ...

Lassen Sie mich zu ihm! bat Bonaventura ...

Herr Domherr, diese Wohlthat ware unverdient ... Er wurde auch Sie anfahren wie ein wildes Thier ...

Nein, nein, wir kennen uns!

Sie wurden uns die Zuchtigung storen, die ein Pater verdient, der aus seinem Kloster entfliehen will!

Bonaventura stand mit schwindendem Bewusstsein. Er sah Abgrund und Nacht um sich her und bei alledem auch die fernwirkende, trugerisch lockende Gewalt Lucindens! ... Sie hatte den Monch, ihren ehemaligen Geliebten, in Knabentracht besucht! Ihr Lacheln, ihre muthige Rede hatte ihn "um ihn aus meinen Bahnen zu entfernen", hatte sie ihm frank und frei gebeichtet zur Flucht uberredet ... Sie hatte seinen Muth, seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung seines immer noch reichen, wenn auch verirrten Geistes ... Eine Gelegenheit zur Flucht bot sich vielleicht ... So, wie er jetzt die grassliche Stimme horte, die der eines Ertrinkenden glich, klang ihm in der Erinnerung sein eigener Seelenaufschrei, als an jenem Abend der Abreise ihn plotzlich Lucinde verlassen hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste ... Zu ihr! Zu ihr! klang es aus Sebastus' Munde in sein Ohr ... Besinnungslos ergriff er seinen Hut und bat wiederholt:

O lassen Sie mich zu ihm!

Herr Domherr! lehnte der Provinzial fast vorwurfsvoll ab ... Wenn er sich beruhigt hat! Morgen! setzte er hinzu ...

So bitt' ich grussen Sie ihn von mir! hauchte der liebevolle Priester, seufzend uber die Nothwendigkeit, den Formen und Satzungen seiner Kirche sich ergeben zu mussen. Sagen Sie ihm, dass ich in dieser Gegend weile, dass ich den ersten ruhigen Augenblick, den Sie mir anzeigen werden, benutzen und zu ihm kommen will! Versprechen Sie mir's!

Sehr gern, Herr Domherr! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit, als handelte es sich um die Anzeige eines in vollig naturlicher Weise eintretenden harmlosen Ereignisses ...

Und Bruder Hubertus? drangte Bonaventura, jetzt schon im Gehen ... Vermochte der nicht sonst so viel uber ihn?

Auch das ist ein Mitglied unsers Klosters, erwiderte der Provinzial, im Gehen verbindlich die linke Seite nehmend, mit dein wir viel Geduld haben mussen! Er war in Angelegenheiten einer Erbschaft, die er machte, verreist ...

Bonaventura trug als Beichtpriester eine solche Last von Thatsachen in seinem Gedachtniss, dass er nach einem Verhaltniss fragte, das er doch schon ofters, von Benno sowol wie von Hammaker, fast vollstandig erfahren hatte ... Er fand sich allmahlich zurecht und unterbrach die Erlauterungen des Provinzials:

Ganz recht! Ich weiss! Er wird das von einer Ermordeten geerbte Geld dem Kloster geben ...

Doch nicht! war des Provinzials verdriessliche Antwort. Dieser Hubertus hat wunderliche Seiten. Im Vertrauen gesagt, er hat einen etwas dunkeln Ursprung. Man sagt geradezu: Seine Angehorigen sind auf dem Richtplatz gestorben! An einem Tage, wo eine Gaunerbande, zu der er als Knabe gehoren musste, aufgehoben, das Haus, in dem sie sich vertheidigte, genommen und angezundet wurde, soll unser Bruder sagt man, und sei es auch unter uns, Herr Domherr! zwei Stock hoch aus dem Fenster gesprungen sein, in jedem Arm mit einem Kinde ... Glucklich kam er mit den beiden Kindern zur Erde nieder, entrann den Flammen, entrann der Verfolgung, machte einen abenteuerlichen Lebenslauf, wurde ein an sich ganz vortrefflicher Mensch, exemplarisch in seiner Auffuhrung, nur storende Seltsamkeiten hat er. Als Jager des Kronsyndikus erlebte er einen bittern Verdruss und wurde deshalb Monch. Mancherlei leistete er schon unter Pater Henricus, meinem Vorganger. Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, die zwanzigtausend Thaler, die er von jener Frau Buschbeck sie nannte sich schon nach seinem Namen, wahrend sie doch nur eine gewisse von Gulpen und seine Verlobte war ererbte, wenn irgendmoglich, dazu anzuwenden, sie den beiden Kindern zukommen zu lassen, die er einst aus dem Feuer rettete, falls sie sich entdecken liessen. Sie waren ihm, nachdem er sie im stillen erzogen hatte, abgenommen worden. Jetzt correspondirt er nach Holland, Frankreich, Italien, um ihre Spur zu finden. Ich schrieb nach Rom, ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubniss ertheilen kann, scheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt hinauszuwandern. Bis die Antwort da ist, gestattete ich ihm vorlaufig auf eigene Verantwortung die Reise nach Holland, von der er jetzt zuruckgekommen.

Unter diesen Mittheilungen waren beide, in der Ferne wieder von dem leise singenden Ivo verfolgt, an die kleine Thur gekommen, die den verborgeneren Eingang zur Kirche bildete.

Hier stand Bonaventura's Wagen ...

Mit einem Abschied, den der Provinzial nahm, als wenn ein Offizier von seinen untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militar eine einfache conversationelle Mittheilung gemacht hatte, bestieg Bonaventura seinen Wagen ... Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Prasidenten fur den Stiefsohn des Hauses zuruckgelassen worden ... So fuhr Bonaventura in schon heraufgezogener Dammerung von dannen.

O ihr Kloster, seid ihr denn Zufluchtsstatten des Friedens und der reinen Menschenliebe?! ...

So tonte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura's Inneres, als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr, hin- und hergeschleudert auf den Furchen der Feldwege, die zuruckzulegen waren, um in kurzerer Frist auf Schloss Westerhof zuruckzukommen, wohin der Kutscher ihn glaubte fahren zu mussen ...

Erst nach einer Stunde, wahrend durch sein Herz alle schrillen Accorde des Zweifels, alle klagenden der Wehmuth zogen, entdeckte er in der allmahlich ganz hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers, klopfte ihm und befahl die Richtung zu nehmen nach Sanct-Libori ins Pfarrhaus ... Wie sollte er Frieden bringen in die stille Abendgemeinschaft des Schlosses! Wie den schrecklichen Ruf nicht verrathen, der immer noch wie ein: Zu Hulfe! an sein Ohr tonte ! Ein anderer Ton schloss sich an, ein hochfeierlicher, wie am Tage des Gerichts einst die Lufte Stimmen tragen werden ... jenes Wort, das ihm einst der Onkel in Kocher am Fall gesprochen an dem schonen goldenen Sommermorgen: "Wenn ich mich zuweilen in unserer katholischen Welt umsehe, ist's mir doch, als sahe ich in alten Verliessen die Gebeine der Geopferten modern."

Und bei alledem schwatzte nun schon Norbert Mullenhoff wieder, dass er den Ankommenden mit Sehnsucht erwartet hatte, bot Pfeifen, Cigarren, Vesperbrot, Unterhaltung durch Zeitungen, Broschuren, durch seine eigene werthe Person, und legte ihm zuletzt sogar "mit Schuchternheit" einen Versuch vor, wie die "Exercitien" der Frau von Sicking zu organisiren waren ... Von dem an seiner Thur heute fruh ausgestellten Wachskindchen schwieg er wohlweislich, weil er nichts verrathen mochte von einer Gegnerschaft, die in der Gemeinde mehr seine Person als sein System traf.

Bonaventura, erschopft, geduldig an sich schon, nahm das Papier, um es in Musse durchzulesen. Er blieb eine Stunde auf seinem Zimmer. Um sich zu sammeln, schrieb er Briefe, las Rechnungen, zerstreute sich mit Zeitungen ... Zuletzt bereute er, doch nicht nach Westerhof gefahren zu sein ... Selbst fur Thiebold's schwaches Klavierspiel ware er jetzt dankbar gewesen ...

Beim gemeinschaftlichen Abendimbiss, den er nicht ablehnen konnte, musste er dem Wirth, der fast immer allein das Wort fuhrte, auf alle Gebiete der Seelsorge und Liturgik folgen, ihm sogar in manchem Recht geben. So z.B. als er gegen die Einmischung der Dilettantenmusik in den Cultus sprach und sagte:

Ueberhaupt, Herr Domherr, wenn ich hore, die Stiftsdamen von Heiligenkreuz wollen nachste Ostern wieder in der Messe mitsingen, da weht mich schon ein Grauen an! O diese Eitelkeit! Diese Eifersucht! Diese Pratension! Jenes Fraulein will ein Solo singen, diese alte Comtesse nicht minder, nun kommt der Singdirector aus Witoborn und bringt mir diese Botschaft und jene; die eine ist heiser, die andere hat sich krank geargert; gerade wie bei der Komodie! Und was spielt das Altarsakrament dabei fur eine Rolle! Wie die Affen mussen wir stehen und warten, bis die Damen nur auf dem Chore einzufallen die Gnade haben! Sursum corda! ruf' ich und diese Weibsen halten mir kein Stichwort! Hat sich bei einer die Spitzenmantille verschoben, so kann die heilige Wandlung warten, bis der Schaden wiederhergestellt ist! Da bin ich fur unsere einfachen Kapelljungen! Sagen Sie selbst, das ist doch frisch, landlich, geht zu Herzen. Freilich muss auch da so ein Heidenkerl, so ein Cantor, nicht dabei sein und wunder thun, als wenn unser Herrgott im Himmel zunachst nur fur die Unterbringung der Instrumentalmusik zu sorgen hat!

Bonaventura musste des Eiferers lacheln, der in manchem Recht hatte, wenn er auch die neuromische Reaction wie einen Landsturm organisirt haben wollte ...

Mir ganz recht, sagte Mullenhoff, wenn wir, wie in Frankreich und Belgien, nun recht bald endlich auch die Jesuiten kriegen! Sie brauchen ja nur manchmal zu kommen, manchmal zu predigen und konnen dann immer wieder abziehen. Die Pfarrer hatten keinen Nutzen davon, sagen unsere aufgeklarten und faulen Collegen? Im Gegentheil! Die Jesuiten lassen durch ihre Predigten so viel Schrecken zuruck, dass uns das auf Monate lang zugute kommt. Machen sie's zu arg, so konnen wir Pfarrer immer sagen: Seht ihr, so fegen euch andere; seid froh, dass ihr an uns so sanfte Flederwische habt! ... Sie waren ja auch fruher Pfarrer auf dem Lande? setzte Mullenhoff hinzu und schenkte wacker ein ...

Gewiss, gewiss! antwortete Bonaventura zerstreut und deckte sein Glas mit der Hand ...

Mullenhoff erzahlte seine Verhandlung mit den Gemeindevorstanden, seine Reform des Finkenhofs, seine Stiftung des Junglings- und Jungfrauenbundes, seine Gewohnheiten beim Beichthoren, seine Uebungen im richtigen Rosenkranzsprechen und seine Heilung der "Kniesteifigkeit" ...

Bonaventura's Lacheln und Schweigen nahm er fur volle Zustimmung und beklagte nur, dass, "im Vertrauen gesagt", ihn der Umgang mit den vielen Vornehmen oft in argste Verlegenheit setze ... Aufrichtig gesagt, warf er halb ernst, halb im Scherz ein, obgleich ich heute den Tanz zur tiefsten Holle gewunscht habe, so sollten wir doch im Seminar wirklich etwas tanzen lernen! Blos des Anstands und einer gewissen Manier wegen!

Die Jesuiten lehren's ja! sagte Bonaventura ... Aber wie wollen Sie dann nur, fuhr er fort, bei solcher Scheu die Exercitien halten mit so vielen vornehmen Herrschaften? Ueberhaupt, wie denken Sie sich denn diese Uebungen?

Die Exercitien dauern vier Wochen! sagte Mullenhoff. Die Herrschaften, einige zwanzig, wohnen fur die Zeit alle bei Frau von Sicking! Jeder Tag hat seine bestimmte Regel! Alle geistlichen Handlungen und Erweckungen kann ich allein nicht verrichten; Sie werden auf dem Papier, das ich Ihnen gab, finden, wie ich mindestens noch drei bis vier Priester als Aushulfe hinzunehmen muss ... Ich nehme sie mir aus Witoborn. Manche Rucksichten muss ich freilich dabei beobachten. Dem Provinzial von den Franciscanern darf ich die Ehre einen Vortrag zu halten nicht entziehen, sogar ein Gebet zum Schluss muss ich mir vom Bischof selbst erbitten. Mir, auf dessen Sprengel die ganze Veranstaltung fallt und der ich dadurch das Recht habe, die Sache zu leiten und zu beobachten und mir dies Recht auch nicht nehmen lasse, mir behalt' ich die Montags- und Donnerstagserweckungen vor. Apropos! Ich habe mir eine methodische Schilderung des Fegfeuers, der Holle und des Paradieses vorgenommen ... Eine zeitgemasse und moderne Holle ...

"Und nun, du beneidenswerther Verdammter, wird ein Sendbote Lucifer's dir entgegentreten", sprach Mullenhoff sogleich aus dem Kopfe, wahrend Bonaventura, seinem Ohr nicht trauend, noch mit dem Lachreiz kampfte ... "im gluhenden Widerschein der Majestat Seines Herrn und wird dir die 'Stunden der Andacht' zeigen, die du in den Zeiten deiner Denkglaubigkeit das Buch der Bucher nanntest! Hast du auf Erden geglaubt" Der Sprecher stockte, zog ein Concept aus der Rocktasche und las dem Gaste, der nicht wusste, wie ihm geschah:

"Hast du auf Erden geglaubt, im Schatten einer Laube, von Bienen umschwarmt, unter dem Duft von Hollunderbluten dich vor dem wahren Hochaltar und dem Sanctissimum deines Schopfers zu befinden, besonders wenn du dazu noch aus diesem deinem Buch der Bucher ein Kapitel uber die Unsterblichkeit der Seele gelesen hattest, und gingst dann hin und begossest deine Blumen, etwa wie wenn du selbst ein solches Lob deines Schopfers warest, aber kein anderes heiliges Nass brauchtest, als deinen sentimentalen 'Thautropfen', keinen andern Kelch, als die Giesskanne deiner angebeteten 'Natur' dann, dann, du beweinenswerther Denkglaubiger, sollst du, umschwarmt von feurigen Hornissen, dein geliebtes Buch, die 'Stunden der Andacht' wiederfinden als 'Jahrhunderte der Qual', sollst sie auswendig lernen ruck- und vorwarts, sollst sie in alle Sprachen ubersetzen, selbst in die, die du nicht gelernt hast, und wehe dir, wenn ein Jota fehlt, wenn von dir ein Zeitwort falsch angewendet, eine Feinheit fremder Sprachen unbeachtet geblieben ist!" ...

Das ist ja mehr, als Nero und Busiris! rief Bonaventura in die Hande schlagend ...

"Da kommen sie denn", fuhr Mullenhoff ungehindert fort, "diese Schmachtenden, diese Zartlichen, die uber einen Kafer weinen konnten, den ihr Fuss im Grase zertrat, und keinen Blick, geschweige eine Thrane dafur hatten, wenn sie stundlich ihren Gott, ihren Heiland und seine Gebote mit Fussen traten! Jene Schmachtenden, die ein Marienwurmchen liebkosen und bewundern konnen und Maria selbst nur fur eine ganz gewohnliche Mutter wie andere auch halten! Jene Empfindsamen, die mit Freimaurermoral alle Todsunden zuflicken, alle Risse der Herzen mit phrasenhaftem Kalk und Mortel zu verschmieren wissen! Ihre ruchlosen Devisen: 'Thue recht und scheue niemand!' oder 'Wir glauben all' an Einen Gott!' die werden mit Flammenschrift an dem Vorhof desjenigen Theiles der Holle stehen, der gerade diesen PatentSeelen extra bestimmt ist! Riesengross werden die Buchstaben sein, die die Teufel mit dreizinkigen Gabeln schuren mussen, damit sie ganz so brennen, wie sie im Munde dieser Freimaurer lebten und nicht etwa lauten: 'Thue recht und scheue dennoch Gott und seine Heiligen!' oder: 'Es ist nur Ein Gott, in dem allein das wahre Heil!' O, des Jammerns dann, wenn diese Freimaurerseelen zu dem Gekreuzigten, dessen einflussreiche Stellung bei Gott sie nun wol erkannt haben werden, aufblicken und auch vor diesem dann um Titel, Orden und Beforderungen schmachten, aber der feurige Osiris mit dem Ochsenkopf ihnen nachlauft, sie zu umarmen als seine agyptischen Bruder. Oder wenn ihre Logenschwester Isis, die holde Mutter Natur, i h r e gnadenreiche Allerseligste, ihnen zuruft: Hebt meinen bekannten Sais-Schleier! und sie sehen dann ihre geliebte Mutter aus hundert Brusten deren Wohlthaten spenden, feuerspeiende Berge, Erdbeben und daherbrausende, aus den Schienen gegangene Locomotiven! Alle ihre Mittler und Erloser werden ihnen zuwinken mit den Wohlthaten, die diese spenden konnen Buddha mit der Kunst, hundert Jahre auf einem Beine zu stehen, Sesostris mit Pyramiden, die erst auf ihren Leibern das sichere Fundament bekommen sollen! Selbst ihr letzter Prophet, Nathan der Weise, wird ihnen anbieten von den Waaren, die er gerade aus Damascus mitgebracht hat, vorzugsweise jenen Mantel mit dem rothen Templerkreuze, einen Mantel von Blei, so schwer, dass sie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben sollen, die sie hienieden mit ihrem

verschlissenen

Humanitatsgarderobenstuck der Liebe bemantelt, beduldungelt und betoleranzelt haben" ...

Genug, genug! rief Bonaventura; ich furchte mich vor meiner Nachtruhe! ... Er deutete auf einen Wachter, der auch hier die zehnte Stunde abrief, und entfernte sich mit einem einfachen, alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zustimmung und Beifall ironisch abschneidenden: Gute Nacht! ...

Jeden Morgen las Bonaventura die Messe. Bald in Sanct-Libori, bald in Heiligenkreuz, bald auf dem Schlosse. Dann besuchte er auch wol die Schule, war viel in Witoborn, wo ihm die schuldige Rucksicht gebot, diese oder jene hervorragende Personlichkeit zu besuchen. Beichtabnahmen hielt er nicht, so sehr auch mancher danach Verlangen trug.

Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war, wo vor den Stiftsdamen von ihm die Messe gelesen werden sollte, fand er, als die heilige Handlung voruber und er schon im Begriff stand, sich in der Sakristei zu entkleiden, Thiebold, der ihm die gestrigen Erlebnisse schildern wollte, soweit sie die ihm in der Beichte von Bonaventura vorgeschriebene Pflicht betrafen ...

Thiebold hatte vorausgesetzt, dass er dem Domherrn diese Mittheilungen in der entsprechenden seelsorglichen Form zu machen hatte, und suchte ihn deshalb im Messornate auf. Schon sehr zeitig musste er mit seinem Einspanner aus Witoborn ausgefahren sein.

Der Cantor fungirte fur den alten Tubbicke, dem diese Fruhwege schon auch sonst zu beschwerlich wurden ...

Auf eine Weisung, die der Cantor erhielt, beide allein zu lassen, begann Thiebold die Mittheilung all des Rathselhaften, das ihm Armgart gestern in der Kapelle angedeutet hatte, und wollte horen, ob nun doch noch eine Verpflichtung bestunde, seinem Freunde Benno die "stattgefundene Tauschung" mitzutheilen ...

Bonaventura erwiderte nach ernstem Sinnen uber die Worte Armgart's:

Ich glaube, lieber Herr de Jonge, dass Sie jetzt besser thun, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Ziehen Sie vor, Ihren Fehler durch desto innigere Beweise der Freundschaft fur unsern guten Benno wieder gut zu machen! Armgart will nicht, dass Benno etwas von ihren fruhern Empfindungen erfahrt? Dann um so besser, wenn ihn die gegenwartigen des jungen Madchens nicht enttauschen. Zu jung und unklar noch in sich selbst scheint sie mir zu sein, als dass ihr Herz schon in dem Grade fur irgendjemand sollte entschieden haben, um etwas auf die Beweise ihrer Gunst zu bauen. Ein Madchenherz in diesem Alter ist eine unbekannte Insel, die der Seefahrer mit Zagen betritt, ungewiss, was sie birgt; bald hoffend, bald getauscht geht er vorwarts, bei jedem Schritt entdeckt er Unerwartetes und findet sich erst nach langer Zeit in ihm zurecht. Zunachst wird das Wiedersehen ihrer Aeltern sie ganz in Beschlag nehmen. Ich hore, dass beide sich bald in dieser Gegend einstellen werden ...

Der Oberst wenigstens! fiel Thiebold ein. Ich weiss es fur bestimmt von Hedemann ... Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier sein. Schon liegt Hedemann's Gesuch an die stadtische Behorde von Witoborn vor, vorlaufig die Wasserkraft der Witobach auf Handpapier gehen zu lassen ... Die Aufregung, die in der Stadt dieser Antrag hervorgebracht hat, ist ridicul ... Alles intriguirt dagegen ... In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren! Eine Erfindung des Satans fordern! ... Entschuldigen Sie, Herr Domherr, ich erzahle nur, was ich von Benno und von Offizieren "Bei Tangermanns" gehort habe ...

Bonaventura begriff, was sich von einem so dumpfen Geiste, wie er ihn hier uberall vorfand, voraussetzen liess, und fugte hinzu:

Aber auch Frau von Hulleshoven hat die Absicht, ihren Gatten nicht allein sich in die Lage versetzen zu sehen, Armgart so nahe zu kommen. An dem Tage, wo der Oberst in Witoborn eintrifft, ist sie hier im Stifte, wo sie eine Verwandte der Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien, ein Fraulein von Tungel-Appelhulsen, aufzunehmen versprochen hat ... Verrathen Sie jedoch nichts davon! Sie kennen Armgart's Phantasie

Ihr Gelubde! Die Aeltern sollen sich vereinigen oder niemand gewinnt sie ...

Bonaventura schuttelte den Kopf ... Noch immer die Grille, die er schon aus den in Kocher am Fall gelesenen Briefen kannte ...

Thiebold versprach auf viel mehr, als "nur auf Ehre" sein unverbruchlichstes Schweigen uber die von zwei Seiten auf Armgart anruckende Prufung und bot dann dem Domherrn seinen Einspanner an. Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den Damen Besuche machen. Er erklarte, dann zu Fuss nach Westerhof zu gehen, wo er wie fast taglich zu Mittag speiste. Tante Benigna hatte ihn von dem Fruhboten, der jeden Morgen in die Stadt geschickt wurde, schon wieder einladen lassen, ihn, nicht Benno. "Wir sind es Terschka schuldig", sagte sie zum Onkel Levinus, der gegen die steten Zurucksetzungen Benno's bescheidene Bedenken erhob, "dass wir auf den Bevollmachtigten Nuck's keinen zu grossen Werth legen."

Bonaventura musste den Vorstellungen Thiebold's nachgeben, schon aus Rucksicht auf den Gaul, der hier bis Mittag hatte im Freien zubringen mussen; Thiebold war im Stifte so beliebt, dass er bei einem Morgenbesuch leicht in die Lage kam, gleich zu Mittag, nicht selten zum Nachtessen zu bleiben ... Es war eben Thiebold's Talent, alle Menschen zu gewinnen ... Er wusste nicht nur einige Dutzend Pfanderspiele, sondern liess auch Garn und Seide auf sich abwickeln ... Dabei seine bequeme Pratensionslosigkeit in Bildungssachen! Er machte gar kein Hehl daraus, dass er bei weitem weniger wusste, als Alexander von Humboldt. Wenn eine von den Damen dichtete (und es waren nur funf oder sechs darunter, die, nicht etwa eine Ausnahme machten, sondern ihr Dichten nur nicht eingestanden), so bewunderte er jeden Vers, jedes Bild, hatte nie dergleichen gehort oder gelesen und war ein Zuhorer so voll Aufmerksamkeit, dass er schon eine ganze Sammlung von Liedern im Portefeuille beisammen hatte, die sein Freund Joseph Moppes componiren und Aloys Effingh mit Illustrationen versehen sollte.

Fluchtig noch erfuhr Bonaventura von Thiebold die wiedergekehrte Visionsgabe Paula's und von dem witoborner Kutscher die Genesung der kleinen Tochter des Herrn Jean Tubbicke durch einen Rosenkranz, den sie gestern gesegnet hatte ... Im Pfarrhause fand Bonaventura die Bestatigung. Der alte Tubbicke empfing ihn mit freudestrahlendem Antlitz. Die kleine Fanchon lag nach Aller Meinung im Sterben, als der Grossvater mit dem Amulet kam. Man legte es dem athemlosen, fiebergluhenden Kinde um den Hals; es stellte sich Schweiss ein, das Fieber liess nach und schon berichtete der maitre-tailleur Jean Tubbicke, der im Pfarrhaus selbst zugegen war, von einer vortrefflichen und starkenden Nacht. Herr Jean Tubbicke kam, um beim Pfarrer aufs entschiedenste gegen den Verdacht zu opponiren, dass es Tante Schmeling ware, die an seiner Thurschwelle Kinder aussetzte. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Mullenhoff entliess ihn mit den Worten: "Affenschanderisches Volk! Grutzkopfige Dummheit, wenn du nun gar noch auslandische Bettelpfennige fur hollandische Dukaten nimmst! Lallst deine edle deutsche Muttersprache halb schon nur, wie ein blokendes Kalb, und willst noch auf Zeisigart franzosisch zwitschern und niedlich thun mit Elefantenbeinen? Ei, dass dir doch uber Nacht die Engel vom Himmel dein maitre-tailleurSchild vom Fenster nahmen! Siehst du denn nicht, was ein altchristliches Gebet fur Gnade im Gefolge hat? Gehst du nicht endlich in dich, Gutertheiler, so hangt in dem Schild noch das Bret zum Sarge deiner Fanchon uber deinem Hause!"

Schlimm, schlimm, schlimm! brummte nur immer im Gehen vor sich hin der alte Tubbicke, entrathselte dem Domherrn den Zusammenhang dieses Zanks und kam auf die Grafin und seinen zunachst Gott, dann ihr darzubringenden Dank zuruck ...

Bonaventura litt unter allen diesen Mittheilungen ... Auch Thiebold's Erzahlung von der Vision der Schlafenden bewies, dass Paula's ekstatische Zustande doch wieder zuruckkehrten. Noch hatte er keinem derselben seit ihrem Wiedersehen beigewohnt ... Mit bangem Herzen eilte er nach Westerhof. Einen vollen, vollen Tag hatte er ohne Paula sein konnen! ... Der scharfe Wind erfrischte seine Wange. Die kahlen Pappeln, Buchen und Erlen am Wege achzten ... Er druckte den Hut auf die Stirn. Seinen warmgefutterten Winterrock fest an sich ziehend, schritt er sehnsuchtbeflugelt dahin ... Da lagen nach einer kleinen Stunde die vier Thurme des Schlosses! Weissschimmernd der graue Schiefer an den Stellen, wo der Wind den Schnee abgetrieben! Hinter den Fenstern dort oben das susse Mysterium, wo Frauen von zarter Sitte und holder Anmuth wohnen! Gar nicht gedenken konnte er, wie ihm Paula's Dasein doch nur so war, wie dem Baume sein Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder schwindet, immer ein anderes ist und doch dasselbe, tausendfach immer nur Eines, Wirklichkeit und doch nur ein Begriff. Ware das edle Gemalde der Grafin nicht wie auf Goldgrund gemalt gewesen er ware vielleicht verloren gewesen. Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit, wie sie Armgart besass, irgendeine lachelnde Caprice, wie Lucinde, und der Erscheinung Paula's ware jene Leibhaftigkeit verliehen gewesen, die herausfordert. Ihm aber war sie so wie Andern; auffallend musste erscheinen, dass die auch jetzt doch noch so reiche Erbin nicht von Freiern umgeben wurde, Paula konnte sich nur entweder selbst verschenken oder sie musste verschenkt werden; ein Werben um sie, ein sie Liebenmussen oder Liebenwollen schien bei einer so geistig vornehmen Natur kaum aufzukommen.

Vor dem Schlosse fand Bonaventura, wie um diese Zeit fast immer, eine Anzahl Wagen. Zu den vielen Rucksichten der Etikette gesellte sich die hier stets genahrte Neugier und dann war gestern beim Leichenbegangniss so vieles vorgefallen, woruber man seine Gedanken austauschen musste; ja auch die neue Kunde war schon uberall hinausgegangen, die Grafin hatte das Leichenbegangniss selbst gesehen und ein von ihrem Leib genommener Rosenkranz hatte ein Kind in Witoborn vom Tode gerettet. Auf den Treppenstufen sah Bonaventura wieder die Zahl der Gichtbruchigen und Blinden und Hulfsbedurftigen wie sonst ...

Armgart kam ihm auf der Treppe entgegen und theilte den Harrenden Amulete aus, die Paula beruhrt hatte. Diejenigen unter seinen Arzneien, deren Heilkraft verburgt ist, kann der Apotheker nicht mit grosserer Zuversicht verabfolgen, als hier Armgart, nicht einmal mit Verlegenheit vor Bonaventura niederblikkend, eine Anzahl kleiner Kissen austheilte, deren sie und die Stiftsdamen tagein tagaus eine Anzahl verfertigten. Diese Kissen waren fingerlang, fingerdick, von weisser Seide, innen mit Baumwolle gefuttert, von aussen bildeten lose und weite Stiche ein rothseidenes Kreuz ... Paula beruhrte sie nur und sie sollten heilen. Armgart theilte diese Kissen aus mit einer Zuversicht, als musste sie jeden Zweifel daran fur teuflisch erklaren ... O gut, rief sie dazwischen dem Domherrn entgegen, dass Sie kommen! Paula schlummert! Reden Sie mit ihr! Alles steht erwartungsvoll! Sie spricht wie gestern! Aber da sie niemand zu fragen wagt, antwortet sie nicht zusammenhangend! Der Onkel verbietet es andern! Sie, Sie, Domherr, Sie konnten endlich ein Machtwort sprechen! ...

Bonaventura stand voll Zagen ...

Als Armgart die Leidenden entlassen hatte, ergriff sie Bonaventuras Hande, von denen die eine, schon wahrend des Beobachtens der Scene des Austheilens der Kissen, ihres Handschuhs sich entledigt hatte. Halten Sie doch die Leiter, auf der Paula gen Himmel steigt! sagte sie, beide Hande ergreifend. Warum thun Sie's nur nicht! Alles sehnt sich danach und niemand mehr als Paula selbst! Oder gab es keine heilige Theresia, sah Franz von Assisi nicht den Himmel offen? Nicht die heilige Brigitta? Erleuchtete Gott nicht Katharina von Genua und nun erst gar die von Siena? Horen Sie, was Paula redet und fragen Sie dann selbst!

Was soll ich fragen! sprach Bonaventura wie gefangen ... Alles wurde still umher ... Herrschaften und Diener waren in den innern Gemachern und standen ohne Zweifel um Paula's Lager ... Armgart hielt fort und fort seine Hande ...

Eine Handbewegung nur von Ihnen! Diese weisse Hand auf ihr Herz gelegt! Eine sanfte Frage nur von Ihrem Munde! O kommen Sie!

Armgart! lehnte Bonaventura, voll Mismuth ohnehin gegen Armgart, ab; Armgart kusste ihm jetzt selbst seine Hand ...

Fragen Sie nach meinem Vater! Nach meiner Mutter! Ob es wahr ist, dass sie jede Stunde hier eintreffen konnen! Fragen Sie, ob die Zukunft uns alle, alle unglucklich macht!

Bonaventura blickte finster. Er horte zwar im Geist die Worte des Herrn, der durch Prophetenmund, Joel 2,28. 29 spricht: "Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht der Herr, da will ich von meinem Geist uber alles Fleisch ausgiessen. Und euere Sohne und Tochter werden weissagen, euere Junglinge werden Gesichte schauen und euern Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen. Ja auch uber meine Knechte und Magde will ich in jenen Tagen von meinem Geiste ausgiessen und sie werden weissagen" ... Dennoch wollte er mit der Hand uber Armgart's Stirn streichen und ihr sagen: "Madchen, lass doch nur treu und wahrhaft dein eignes Herz reden und du hast deine Zukunft gewiss!"

Nun aber ergriff Armgart blitzesschnell einen Ring an des Zogernden Hand ... Es war der Trauring seiner Mutter, jener, den der Onkel Dechant in dem Leichenhause des Sanct-Bernhard gefunden hatte, jener Ring, der als Erkennungsmittel vor dem entstellten Korper seines Vaters gelegen, derselbe Ring, von dem Bonaventura ahnlich wie Lucinde von Bickert's Schrift, gesagt hatte: In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche! Und noch ehe er wusste, was geschehen, hatte Armgart den Ring schon ihm abgezogen und war mit ihrem Raube davongeeilt ...

Sie eilte in den Vorsaal, dessen Thur sie offen liess ...

Bonaventura, besturzt uber ein Vorhaben, das er nicht sogleich begriff, folgte ... Die wenigen Anwesenden, die aufgeregt in dem grunen Nebenzimmer standen, grussend, wandte er sich Armgart zu, die mit ihrer Eroberung noch eine Weile sinnend vor dem Onkel Levinus stand, als wollte sie von diesem erst die Erlaubniss haben, Paula mit dem Ringe zu magnetisiren ... Dann aber, ohne seinen fragenden und zurnenden Blick zu erwidern, ging sie rasch durch die offen stehenden Thuren dem von der ubrigen Zahl der Besucher schon umstandenen Schlummerlager Paula's zu ...

Es waren so viel Frauen zugegen, der Verkehr durch alle geoffneten Zimmer hindurch war so gehindert, dass Bonaventura's Eintreten die Aufmerksamkeit nicht fand, wie sonst ... Aller Augen waren auf Paula gerichtet ... Auch einige geistliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura, den andern zu folgen ... Mit einer Empfindung, als waren die Engel vom Himmel gegenwartig, drangte sich alles dem Vorzimmer zu vor Paula's Schlafgemach ...

Hier lag sie auf dem Ruhesopha ... Die Vorhange waren zuruckgezogen; einige Stiftsdamen standen um sie her, Armgart knieete vor ihr und steckte eben leise, nur von Bonaventura beobachtet, seinen blinkenden Raub an den Ringfinger der linken Hand Paula's ... Teppiche milderten jedes Gerausch der Umstehenden ...

Paula schien in der That Reden vor sich hin zu murmeln ...

O das ist schon! sagte sie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft angehauchtes Antlitz begann zu lacheln. Sie schien die Annaherung eines magnetischen Rapportes zu fuhlen, ja schien sie wie eine geistige Nahrung einzusaugen ...

Wie wird es so licht und so hell jetzt! ... sagte sie plotzlich lauter und wie begeistert. Von der Sonne! ... Alles! Alles! ... Auch ihr Leib ist Licht! ... Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern!

Wem? fragten einige. Auch Bonaventura mit wehmuthumschleierten Augen ...

Onkel Levinus erlauterte mit gedampfter Stimme und trotz der Gewohnung an diese Erlebnisse doch erzitternd:

Das wird der Hochschlaf! Immer, wenn sie den hohern Grad des Hellsehens erreicht, spricht sie von sich selbst als von einer dritten Person! Es ist dann, als schritte ihr Geist aus dem Korper heraus, sodass sie sich selbst sieht. Das Tropfeln aus den Fingerspitzen ist der Anfang ...

Tante Benigna bemerkte jetzt den Ring an Paula's Finger, wagte aber keine Frage oder Einsprache zu thun und bangte nur, wie alle ...

Paula schwieg eine Weile, als wartete sie das Entgleiten des elektrischen Fluidums aus ihren Fingerspitzen oder die weitere Annaherung Bonaventura's ab ...

Auch Terschka trat inzwischen zu den angstlich Harrenden ... er grusste Bonaventura und die, die er heute noch nicht gesehen hatte ...

Wie ist das so schon! fuhr Paula in kurzen Satzen fort ... Ach, die herrlichen Blumen! ... Rosen um dunkle Cypressen! ... Die gehen ja hoch hinauf bis ins grune Laub! ... An den Blattern zittern Thautropfen, die die Sonne bescheint! ... Die sanfte Datura! ... Die stolze Magnolika! ...

Der Onkel schaltete bedeutsam ein:

Die absolute Wesenheit der Dinge! Erst kommt sie durch Blumen, dann durch bunte Ringe und Kreise! Es ist zuletzt die Welt des reinen Seins ohne Zeit und ohne Raum ...

Paula fuhr jedoch im Gegentheil fort:

Ein herrliches Schloss! ... Mit einer Fahne auf dem Thurm! ... Wald und Berg! ... Immer hort sie ein Glocklein, das nicht aufhoren will! ...

Onkel Levinus sah sich um und deutete mit stummem Blick nach oben. Er wollte sagen: Sie hort die Harmonie der Spharen ...

Hirten kommen aus den Thalern, fuhr Paula fort, und steigen zum grunen Wald hinauf! ... Wie in der Kirche ist's unter den Baumen! ... Die Baume werfen so lange Schatten! So lange! ... Vor grossen Kirchenfenstern schimmern so die grunseidenen Vorhange! ...

Onkel Levinus lachelte die Geistlichen und die Damen an, als wollte er sagen: Die langen grunen Schatten sind die Urbilder der Dinge! Die ewigen Grundformen! ... Und Tante Benigna bedauerte im stillen nur die Abwesenheit Puttmeyer's ... Auch Thiebold's, der zum Essen kommen sollte und durch die anwesenden Stiftsdamen abgesagt worden war, weil er heute wieder, wie so oft, dort zuruckbehalten wurde zum Vierhandigspielen mit mindestens drei bis vier der Stiftsfraulein die Reihe herum ...

Und Armgart, die noch immer knieete, wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick auf Bonaventura und langte mit dem Arme, als sollte er naher treten, Paula magnetisiren und sie ausdrucklich um ihre Anschauungen befragen ...

Bonaventura stand in scheuer, schmerzlicher Befangenheit ...

Paula aber that dem Onkel Levinus heute nicht den Gefallen, bei dem reinen Sein der Dinge zu bleiben, sondern fuhr fort:

Bienenstocke sieht sie zwischen den machtigen Baumen! ... Das sind Kastanienbaume! ... Sie kennt sie! ... Die bluhen schon! Die rothen Pyramiden! Und die Mandelbaume, die bluhten gar schon ab! ... Die Bienen umschwarmen sie! ... Und immer, immer lautet die Glocke ... Nun sucht sie die Glocke ... sie hangt ja an einem Ast der Baume, dicht vor der Hutte von Moos! ...

Onkel Levinus schien betroffen, dass sich in der Sphare des reinen Siderismus heute soviel tellurische Ueberbleibsel finden sollten ...

Es ist ja fast wie in Italien! ... bemerkte inzwischen Terschka ...

Italien! ... Dies Wort genugte den Damen im Grunde noch mehr, als das reine Sein ... Was fuhrte die Seherin nach Italien? ... Paula konnte mit irdischen Augen bis nach Italien sehen? ...

Die Messe liest er nicht! ... sprach Paula nach einer Weile, wahrend alles lauschte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Versetzung der Anschauungen Paula's nach Italien, sondern nur ins Geisterreich selbst glaubte ... Mit ganz lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt: Wer? ...

Der Eremit! antwortete Paula ...

Sieht sie denn einen Eremiten? fuhr der Onkel fort, mit scharfer Betonung, etwa in der Art, wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht ...

Mit weissem Bart! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams ... Ein heiliger Gesang wallt herauf ... Sie tragen Fahnen

Es ist eine Procession! wagte sogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu aussern. Vielleicht war auch er geneigt, eher an die Sphare des reinen Seins, als an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis fur die Rechtglaubigkeit des Himmels zu finden ...

Sie sieht keine Bilder, keine Fahnen ... antwortete Paula ... Sie kommen in der Hand mit Buchern ... Grosser sind sie als die Breviere ... viel grosser ...

Triumphirend blickte der Onkel um sich. Die Geistlichen und die Frauen erhielten wieder einen Anhalt fur das Jenseits; denn ohne Zweifel waren diese grossen Bucher, wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst, doch Schriften der Kirchenvater oder Missalien, die Paula in den Handen der rechtglaubigen, geisterhaften Gestalten sah ...

Sie lesen in den Buchern! ... fuhr die Schlafende fort ... Der Mann mit weissem Barte erklart sie ... "Gott ist ein Geist", spricht er, "und die ihn anbeten, mussen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!" Die sanfte Stimme! ...

Bonaventura stand athemlos. Sein Blick fiel auf Terschka, der ihm voll Erstaunen zuflusterte:

Ich glaube die Gegend zu kennen ...

All die Blumen und die Kafer und die Bienen summen! ... Wie grun ist das! ... Smaragdgrun! Wie wenn in unserm Buchenpark die ersten Fruhlingslauben sich wolben ... Aber das sind nun Eichen! ... Tief unten ist alles so milde, so weich und sanft ...

Wer ist der Redner? fragte Onkel Levinus scharf ...

Die Frauen erwarteten keine andere Antwort, als: Gott der Herr selbst!

Sie kennt ihn nicht! ... sagte Paula ...

Das Sprechen in der dritten Person hatte etwas Gespenstisches, das niemanden mehr bewegte als Bonaventura. Armgart's fortgesetztes Bitten lehnte er mit der Hand ab. Doch kaum sah Armgart dies Vorstrekken seiner Hand, so erhob sich das phantastische Madchen, ergriff sie und wollte ihn dem Lager naher ziehen ...

Bonaventura machte nun in der That ein Kreuz uber die ganze Lange der in schwarzer Seide gekleideten, in ruhrender Halbbewusstlosigkeit daliegenden, fieberhaft angehauchten Gestalt der Grafin und trat wieder zuruck ...

"Herr, wie so lange!" sprach jetzt Paula mit erhohter Kraft. "Auf, schlage ihn, denn das ist der Tag, an welchem der Herr hat ubergeben deinen Feind in seine Hand!" Die Hand auf das Buch halt er! ... Halt es hoch empor! ... "Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin!" "Der Odem Gottes weht uber die Lande!" ... Sie kann jetzt nicht horen ... Die Frauen weinen ... Die Manner reichen sich die Hande ... Jetzt jetzt Ein Kelch geht um ...

Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula's Vision ... Ein Kelch geht um? Das musste eine Versammlung von Ketzern sein! ... Das war die gemeinsame Empfindung ...

Sie trinken alle daraus! fuhr Paula mit Bestimmtheit fort ...

Einige der Frauen, die sich gesetzt hatten, erhoben sich ... Andere, die standen, mussten sich nach Sesseln umsehen. Die Geistlichen blickten fragend bald auf Bonaventura, bald auf den Onkel Levinus, der gewissermassen fur alle diese Dinge die Verantwortlichkeit zu ubernehmen hatte ...

Es ist, sagte Paula nicht die Messe

In Bonaventura's Innerm war es, als fuhlte er die Erde unter sich wanken ... Paula sprach wie seine innersten Gedanken aus ...

Das Buch ist die Bibel! sagte Paula ...

Der Schrecken vermehrte sich ...

Der schone Pokal! ... Von rothem Krystall! ... Wie Blut? ... Ja er sagt: "Noch wird es in Stromen fliessen, bis deine Burg, o Herr, Zion, deine Zinne, erobert ist!" ... Er ergreift den Kelch ... Die Hand ist so weiss ... wie der Schnee der Alpen ... dort oben ...

Langst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnissvollen Brief, den er empfangen, die Einladung, einst unter den Eichen von Castellungo zu erscheinen, dort ein neues Martyrium anzutreten, das der verbesserten Kirche ... Und wie dann Paula selbst ihre eigene schone weisse Hand emporhielt und sein Ring, der Trauring seiner Mutter, zu aller Erstaunen an ihrem Ringfinger blitzte, konnte er sein Herz nicht langer bewaltigen ... Aller Anwesenden uneingedenk, entsetzt uber die Vergleichung der weissen Hand mit dem Alpenschnee und wieder doch von der frohen Hoffnung neu beseelt, dass sein Vater nicht in die Abgrunde der Lavinen sturzte, nicht in der schaudervollen Morgue des Sanct-Bernhard vermoderte, nicht auf dem Friedhof zu Sanct-Remy auf dem Wege nach Aosta begraben lag, wiederholte auch er die Frage:

Wer ist der Redner?

Da schwieg anfangs Paula ... Dann aber, zum Zeichen, dass sie Bonaventura's Stimme wohl erkannt hatte, sagte sie, und sagte das wie vor Ueberraschung wonnig belebt:

Du fragst sie?

Alle des Du's staunend sahen auf Bonaventura ...

Schon aber sprach Paula weiter:

Es ist kein Greis! Weiss ist sein Haar, schneeweiss, aber seine Haltung noch wacker ... Wer es ist? ... Er ahnelt dir! ...

Bonaventura zitterte ... Armgart ergriff seinen Arm krampfhaft ... doch uberselig ...

Paula fuhr fort:

Seine Hutte gefallt ihr ... Druben aber liegt das Schloss ... Die Fahne hat ihre Farben ... ihr Wappen ...

Wessen? fragte Terschka mit nicht mehr zurukkzuhaltender Spannung ...

Paula schwieg jetzt ... Der Ton dieser Stimme storte sie ...

Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde selbst und sagte mit dieser stummen Geberde, die Schlossfahne truge die Farben der Dorste-Camphausen selbst ...

Dann ist es Schloss Castellungo! sagte Terschka mit hochstem Erstaunen. Der Eremit ist ein Deutscher, namens Federigo! Ich kenne ihn! Eine religiose Sekte, die von Comtesse Erdmuthe dort beschutzt wird, hat sich jetzt, wie so oft, um ihn versammelt! Ich ware begierig, ob in diesem Augenblick, wo allerdings dort in dem schonen piemontesischen Thale der Fruhling schon in vollster Blute steht, in der That eine der von ihr geschutzten Gottesverehrungen stattfande! Erfahren kann ich das und werde mich darum bemuhen ...

Terschka naherte sich dem Ruhebett ...

Paula aber betete jetzt ... Sie sprach Worte, die minder auffallend klangen ... Maria und die Heiligen fehlten nicht ... Endlich schwieg sie ganz ... Einen Reiz, sie noch aus ihrem beginnenden, nun wirklich naturgemassen Schlummer wach zu rufen, konnte nur eine Grausamkeit unerlaubter Neugier sein. Die Tante winkte, dass Paula der Ruhe bedurfte ...

Die Frauen gingen zuerst ... Die Geistlichen folgten ... Onkel Levinus begann von Grafin Erdmuthe und ihren Reformen ...

Terschka entzog sich zwar dem fur seine Stellung bedenklichen Gesprach, blieb aber mit Armgart zuruck, die ihn festhielt und sich von Castellungo erzahlen liess, uber das eines Abends Benno und Thiebold so harmlos gesprochen hatten, dabei sogar Porzia's gedenkend, als einer Schulerin des Bruders Federigo und vielleicht einer kunftigen Gattin Hedemann's. Die Moglichkeit, dass Paula nur eine Reproduction der Phantasie gegeben hatte, lag nahe. Nur bewunderte Terschka, wie richtig alles zutraf, und Armgart ihrerseits staunte und grubelte, warum gerade jetzt Paula auf diese Anschauung kam. Sinnend und den Trauring betrachtend, den sie wieder zur Zuruckgabe an den Domherrn an sich genommen hatte, liess sie sich Castellungo so genau schildern, dass Terschka am Fenster hinter den Gardinen bei ihr stehen bleiben und flustern musste ... Sie kehrten lange nicht zu den Uebrigen zuruck ...

Und doch war inzwischen neuer Besuch gekommen ... Wenn Bonaventura annehmen wollte, dass der Trauring seiner Mutter es war, der diese Kette von Anschauungen veranlasst hatte, wenn er im Bruder Federigo sich seinen Vater denken, in der an ihn gerichteten lateinischen Einladung eine Andeutung des vaterlichen Unwillens finden wollte uber die Wahl seines Berufes und einen Drang der Sehnsucht des vaterlichen Herzens auf ein Wiedersehen, dem dann eine Erorterung uber die Ehe als unauflosliches Sakrament der Kirche folgen musste so fehlte, um ihn in die hochste Verwirrung zu versetzen, nur das noch, was ihm jetzt geschah ...

Der Regierungsprasident von Wittekind stand im grunen Zimmer und war eben erst angekommen ...

Zuckte der Schmerz der gewissen Ueberzeugung in Bonaventura: Dein Vater lebt noch und entzog sich nur der Welt, weil unsere Kirche nicht scheidet so stand er dem Manne gegenuber, der die Hand einer Frau besass, die seine Mutter war und die vielleicht in Bigamie lebte ... Noch mehr ... Der Prasident sprach zum Onkel Levinus, zur Tante Benigna und zu Bonaventura zugleich gewandt:

Ich furchtete ihre Aufregung und liess druben eines der geheizten Fremdenzimmer aufschliessen ... Gehen Sie zu ihr und begrussen Sie sie lieber erst unter vier Augen!

Wen? konnte Bonaventura nicht mehr fragen; denn schon bestatigte der Prasident dem Ahnenden:

Ihre Mutter! Sie ist gestern Abend angekommen! Wir suchten Sie eben im Pfarrhause auf und horten, dass Sie hier sind Die Sehnsucht der vortrefflichen Frau kannte keine Grenzen mehr! Wir fuhren hieher! Sie verlangt nach Ihnen! Machen Sie sie glucklich!

Bonaventura verliess das Zimmer, gefuhrt von Tante Benigna und dem Onkel.

8.

Bonaventura's Herz uberfiel ein Krampf, der ihm die Unterstutzung seiner Fuhrer zur Nothwendigkeit machte ...

Im Vorsaal stand einer der zur glanzenden Livree noch mit Emblemen der Trauer geschmuckten Diener des Prasidenten ... Er stand bereit, ihn in das Zimmer zu geleiten, wo ihn seine Mutter erwartete ...

Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen! hatte es einst in des Sohnes Brust gerufen ...

Wieder riefen ihm wilde Stimmen dies Wort, aber es waren nur noch Stimmen der Erinnerung ... Seine Brust trug schon zu schwer an tausend, tausend Burden des Lebens und des Urtheils, zu schwer, als dass ihm noch die alte rigorose Strenge verblieben ware ... Auf Paula vorhin sich niederwerfen, sie durch Kusse aus den Banden der damonischen Machte wach rufen wenn er das gekonnt hatte! ... Alles hatte ihn gezogen, es zu wagen nun durfte er doch in die friedenbringenden Arme eines Weibes sinken ...

Mit uberstromender Ruhrung war er dem Diener gefolgt, der ihn weiter auf den Corridor hinausfuhrte ... Die andern Begleiter, die heilige Weihe des Augenblicks erkennend, liessen ihn allein vorschreiten ... Der Diener offnete eine der Thuren, uber denen alte Wappen und Jagdtrophaen hingen ...

Bewusstlos, nichts von der Umgebung, selbst nicht sogleich die Mutter ganz wiedererkennend, lag Bonaventura an einem Frauenherzen ... Er, der Mann, weinte wie ein Kind ... die Statte durfte er geweiht nennen, wo er die Thranen uber all die Empfindungen niederlegte, die seit dem immer hoher und hoher sich steigernden Reichthum seiner schmerzlichen Lebenserfahrungen sich in ihm ansammelten ...

Die Mutter selbst war fast befremdet von der Weichheit seiner Stimmung ...

Sie hatte solche Begrussung nicht erwartet nach der Abneigung und dem strengen Urtheil, das ihr vom Sohn uber ihre zweite Vermahlung bekannt war. Sie wusste eben nicht, wie im Menschenleben oft ein aufgesammeltes Bedurfniss sowol der Liebe, wie des Hasses demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt, der uns dann gerade zuerst begegnet und so begegnet, dass nur ein geringstes Wegnehmen von der schweren Last des Vorraths in unserer dafur zu eng gewordenen Seele das Nachsturzen auch alles ubrigen bedingt ...

Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn ... Ihr Haar war noch dunkel ... Ihr Auge besass eine energische Scharfe ... Beim Lacheln der Freude, das sich in die Ruhrung mischen durfte, zeigte ihr Mund noch wohlerhaltene Zahne ... Das Schwarz ihres Kleides stand ihr, wie wenn sie es auch zur Hebung ihrer reinen weissen Haut hatte gewahlt haben konnen ... Die Finger waren wohlgerundet ... Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und abgeschlossen Sicheres ... Besass sie etwas ursprunglich Kaltes, so wurde dies durch die ergreifende Situation jetzt nicht ersichtlich ...

Sieben Jahre! ... begann sie ... Und du, mein Bona, mein Priester! ... Und Domherr schon! ... Und doch bist du immer, immer so kalt gewesen deiner Mutter?!

Schon war Bonaventura gefasster ... Er setzte sich mit der Mutter auf ein kleines Kanapee ... Es war ein rings mit alten Landschaftsbildern geziertes, behaglich enges Zimmerchen ... Umher blieb es still und ohne Storung ...

In jungen Jahren haben wir immer viel heroischere Ideen als im Alter! sagte Bonaventura niederblikkend ...

Nennst du dich alt, mein Sohn! erwiderte die Mutter und streichelte die Wange des Errothenden ... Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Thema der bisherigen "Kalte" wieder aus ...

Vom Onkel Dechanten, von Frau von Gulpen, von der alten Renate, von Bonaventura's Hausstand, von Benno war die Rede ... Frau von Wittekind lebte in vollig neuen Verhaltnissen, hoffte nun aber eine innigere Anknupfung derselben wieder an das alte Vergangene ...

Wird der Prasident auf seinen Posten zuruckkehren? fragte Bonaventura ...

Nein, mein lieber Sohn! sagte die Mutter. Die Guter, die der Vater hinterlassen hat, sind so umfangreich, die Bewirthschaftung ist in den letzten Jahren, wo die Wunderlichkeiten des Alten uber alles Mass gingen, so vernachlassigt worden, dass es Wittekind's ganzer Kraft bedarf, um alles auf der gebuhrenden Hohe zu erhalten ...

Dann gibt er eine glanzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf! sagte Bonaventura. Oft hatte man geglaubt, gerade seine Hand wurde stark genug sein, das Gubernium der aufgeregten westlichen Provinzen zu ubernehmen ...

Wir haben daruber ernste Berathung gepflogen! entgegnete die Mutter. Meinem Gemuthe widersprach schon lange die falsche Stellung, in die er seinem Glauben gegenuber gerieth! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und sich dem Geist anschliessen, der in diesen Gegenden herrscht. Es liegt darin fur mein Herz eine tiefe Beruhigung!

Soweit ich unsern Volksstamm kenne, wird es einige Muhe kosten, das gegen ihn herrschende Mistrauen zu widerlegen! sagte Bonaventura aufhorchend. Zumal, da Herr von Wittekind Bonaventura konnte nicht "Vater" sagen in dem Rufe steht, seine fruhere Stellung ganz mit Ueberzeugung ausgefullt zu haben ...

Wohl! sagte die Mutter. Wittekind ist eine praktische Natur, wie in gewissem Sinn es auch sein Vater war ... Er liebt den Ruhm, vielleicht nur den Ruhm als gerechte Belohnung seiner Thatigkeit. Doch gibt er, soweit es geht, in vielem mir nach. Schon lange litt ich unter seinem Eifer fur Administration und Beamtenthum. Jetzt hat er eine entsprechende Beschaftigung und wird, soweit ich ihn kenne, mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn, die auch seinem Gemuth eine grossere Ruhe geben muss. Denn ebenso gut und weich kann er sein, wie er grossmuthig und aufopfernd schon zu allen Zeiten war ...

In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura's Vater, an seine Flucht, seinen Tod ...

Als Bonaventura schwieg, nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf ... Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung, die, so schon nach der ersten Ruhrung des Wiedersehens kommend, uberraschen konnte:

Du bist reifer geworden, mein Bona! Du hast die Welt schon in anderm Lichte gesehen, als damals, da der Eindruck meiner Wiederverheirathung dir so befremdlich war! O, nenne mich keine Schuldige! Beurtheile mich nicht so hart, wie der damalige Generalvicar, der gefangene Kirchenfurst, der Wittekind hasste, weil er zu den Organen der Regierung gehorte! Als wir von der nahen Auflosung des Kronsyndikus horten und da schon hierher reisen wollten, besuchten wir den strengen Mann in seiner Festungshaft. Er war von einem Spaziergang aus den Wallen zuruckgekehrt und eben wollt' er die Tabackspfeife, die er unbekummert um den Brand, den er in der Christenheit angezundet hat, immer noch frohgemuth fortraucht, wieder fullen, als ihm der Vater Wittekind und ich gemeldet wurden. Dieser Besuch musste ihn nicht wenig uberraschen. Ich hatte Sie in andern Beziehungen wiederzusehen erwartet, Herr Prasident! sagte er, als er unserm Beileid staunend zugehort. Dieser Schritt wird Sie in eine schiefe Stellung bringen, wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmachtigter der Regierung besuchen! Wir benahmen ihm diese irrthumliche Voraussetzung und erklarten, dass wir Frieden zu schliessen gedachten mit denen, mit welchen uns Geburt, Abstammung und gleiche Ueberzeugung in eine Reihe stellten. Er erwiderte: Es wird vielen so gehen, dass sie zur Erkenntniss kommen, und darum preis' ich mein Loos und will es gern ertragen! Ich bin zum Eckstein geworden! Die Bauleute wollten mich verwerfen; aber ein neues Gebaude wird uber mir errichtet werden! Ein segensreiches und vielleicht fur ganz Deutschland! Er entliess uns gutig. Deiner gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz machtig uberwallenden Prophezeiung, dass Gott dich zu grossen Dingen erlesen hatte ... Schon war' es im Werke, dich als Gesandten der Curie nach Wien zum apostolischen Nuntius zu schicken ... Du staunst daruber? ... Das wusstest du nicht? ... O, ich erkenne deine ganze Natur ... in deiner Bescheidenheit! ... Mein Sohn! Mein, m e i n Sohn! ... So sei auch versohnt und nimm die Vergangenheit so licht und rein, wie der schone Sonnenstrahl dort druben glanzt uber dem blendenden Schnee!

So zart und doch wieder so klug und gewandt in ihrer Denk-, Rede- und Gefuhlsweise stand fur Bonaventura die Mutter gar nicht mehr in seinem Gedachtniss. Wie hatte sich bei ihr das Vergangene verwischt! Ihm kam bei dem Bilde des Schnees, das sie brauchte, sofort die Erinnerung an den Tod seines Vaters ... Mit Bezuglichkeit wiederholte er: Ueber dem blendenden Schnee! ... Erst allmahlich verstand die Mutter diese Wiederholung und Betonung, seufzte dann tief auf und fuhr fort:

Die gnadenreiche Mutter sei mein Zeuge, dass ich an einen Abgrund erst gefuhrt wurde durch die Umstande, nicht durch meine eigene Schuld! Die Worte des heiligen Sakramentes der Ehe sagen: "Und er soll dein Herr sein!" Dies Wort, mein lieber Sohn, ist nicht allein darum gesagt, dass die Gattin ihrem Gebieter gehorsame, es ist auch darum gesagt, dass der Gebieter ihr wirklich ein H e r r sei! Jede Frau hat das sehnsuchtige Bedurfniss, in ihrem Manne auch wirklich den Fuhrer, den berathenden Freund, ja selbst in zweifelhaften und schwierigen Fallen einen befehlenden Herrn zu haben. Mir war das dein Vater nicht. Im Gegentheil, ich, ein alternloses Fraulein Besitzthumer hatten ja die W e h r f o r d e r s , mein Geschlecht, nicht und meine Erziehung war unvollstandig ich wurde der Gebieter fur ihn! Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrschen, nur durch die Umstande, die ihn unfahig machten, das Ruder selbst zu fuhren. Diese Asselyns sind ein herrliches, edles Geschlecht gewesen; es ist schmerzlich, dass dieser alte Friesenstamm aussterben muss Benno kann doch nur den Namen fortfuhren. Franz, der Dechant, ist die Herzensgute selbst, aber wie leichtsinnig! In seiner Jugend war er fahig die Bahnen der Geistlichen zu wandeln, die in Frankreich den Untergang der Religion verschuldet haben. Der zweite, Max von Asselyn, Benno's Adoptivvater, war ein tapferer, ritterlicher Held, ein Offizier von seltener Bravour, aber ganz so abenteuerlich, wie dies in unserm traumerisch eigensinnigen Volksstamm liegt. Was er unternahm, war befremdend. Bracht' er wol aus dem Kampf, wie andere, gerechte und nach Sitte erworbene Beute mit? Aus Spanien sah ich viele deutsche Offiziere, die dort unter Napoleon kampfen mussten, mit mancherlei merkwurdigen Dingen heimkehren. Ein Wehrforder, Vetter von mir, brachte aus einem Kloster Bilder mit, aufgerollt wie Landkarten er hat sie zu enormen Preisen verkaufen konnen. Max brachte entweder von einer Nonne oder einer man sagt in seinen Armen gestorbenen Geliebten einen Sohn mit Benno, den er wenigstens sein nannte, wenn nicht in das Dunkel, das deinen Vetter umgibt, noch ein vollig anderer Lichtstrahl fallt und Max nicht einmal Benno's Vater ist. Der dritte Asselyn, Friedrich, mein Gatte, glich den andern nicht an Leichtsinn, aber an leichtem Sinn. Die Verlockung der Welt that ihm nichts, aber die Zerstreuung alles. Nichts wurde bei ihm zum festen Vorsatz; eine Sorglosigkeit, die an sich ihm liebenswurdig stand, machte ihn zum harmlosesten Kostganger der Schopfung. Ja, mein Sohn, was Fritz sein nannte, gehorte sogleich auch allen. Jede Schuld, die ihn druckte, bezahlte er in dem Augenblick, wo er konnte, uneingedenk, dass ihn sein guter Wille in neue Verlegenheiten sturzte. Die drei Bruder thaten ihr geringes Erbe zusammen, damit es Max bewirthschaftete. Dieser verband sich dazu mit einem jungen Oekonomen, Hedemann, einem Bauernsohn. Die Nachwehen des Kriegs waren verderblich; 1817 war ein Hungerjahr. Max starb. Die Verlassenschaft wurde von den beiden Brudern verkauft und damit nur ein Kaufer, der sich fand (es war der jetzt so heruntergekommene Rittmeister von Enckefuss) dazu erschien, borgten sie wieder selbst fur diesen bei andern! So geschah alles, um hier nichts zu haben und da nichts! Nun gehort alles Unsrige hier den Munnichs. Wie gesagt, gute Menschen, diese Asselyns, aber ! Sieh, dein Vater wurde Regierungsrath. Sein Gehalt war gering. Er verschwendete wol nichts, doch die Unregelmassigkeit seiner Berechnungen sturzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere. Der jetzige englische Oberst von Hulleshoven, gleichfalls ein Sonderling, junger als dein Vater, schloss sich ihm damals an, theilte ihm Liebhabereien mit, wie sie noch jetzt sein Bruder hier in den Thurmen dieses reichen Schlosses nach Wohlgefallen verfolgen kann; denn hier bezahlen die reichen Dorstes seine Thorheiten. Dein Vater ging ebenso mit Begeisterung auf alles Neue ein; er wurde sich und seine Familie zu Grunde gerichtet haben ohne einen endlich denn doch wohlthuender wirkenden Freund, als jene Hulleshovens waren. Dies war Friedrich von Wittekind. Bald wurde der der Zahlmeister des Hauses. Dein Vater verwies mich selbst an ihn, um mit ihm zu rechnen! Wie sie beide Friedrich hiessen, so wurden sie fast Eine Person! Dein Vater war im Stande, eine Thur zu offnen und zu sagen: Ah, ihr seid es! Ihr rechnet! Ich store euch? ... Wir sassen dann und rechneten in der That. Ehrgeizig war ich und mochte nicht, dass ein Makel auf unserm Hause haftete. Das, das, mein Sohn, ist ein hochst gefahrvoller Zustand fur ein weibliches Herz! Ein Weib ist bedurftig der Liebe, gewiss! Aber ebenso sehr will sie auch die Werthschatzung der Menschen. Und noch mehr, sie will Hochachtung empfinden vor ihrem Mann. Die geregelte Ordnung ist fur ihren Sinn etwas Unerlassliches. Ich gestehe, dass ich wohlthuend beruhrt wurde, wenn ich Wittekind nur eintreten sah, ihn, der damals nicht viel hatte, der mit seinem damals geizigen Vater in Kampf lebte und selbst kaum das Nothigste erhielt, wahrend, wie nur leider jetzt zu erwiesen ist, die grossten Summen auch schon damals fortgingen, um die Folgen des fruhern Leichtsinns jenes Gewaltthatigen zu verdekken; die jetzt offen liegenden Papiere seines Nachlasses gewahren grauenhafte Einblicke in seine moralischen Verschuldungen ... Kurz, mein Sohn, die Augenblicke, die ich im Anfang meiner Ehe, dich unterm Herzen, dann dich auf meinen Armen tragend, auf dem kleinen Hof Borkenhagen zubrachte, wo du geboren und getauft wurdest Gott, noch immer steht mir der damalige Pfarrer Leo Perl, ein getaufter Jude, vor Augen! diese Augenblicke, sag' ich, waren die glucklichsten meiner Ehe! Als diese Besitzung in andere Hande kam, ich immer in der Stadt bleiben musste, dein Vater aus Schulden, Wuchernoth nicht mehr herauskam, wurd' ich moralisch das Weib seines Freundes, der ihm helfend zur Seite stand. Alles war Wittekind, alles entschied der. Der rechnete, der sorgte ... Reisen, die dein Vater machen musste Dienstreisen, weil er die damalige Regulirung der Kloster, die Einziehung herrenlos gewordener geistlicher Bibliotheken und Archive unter sich hatte wiesen mich auf Monate ganz an Wittekind. "Lass dir doch von Fritz geben!" hiess es in den Briefen ... Guter Sohn, Asselyn erkannte diesen gefahrlichen Zustand erst, als es zu spat war. Ich hatte mich an den Freund, der Freund hatte sich an mich gewohnt. Nimm an, mein Sohn, du sassest im Beichtstuhl und hortest das Bekenntniss einer beladenen Seele ... Denn eine Last trag' ich allerdings, eine schwere Last, eine kummervolle, die mir die Ruhe meiner Nachte raubt! ... Ach, Asselyn entfernte sich ohne Zweifel doch nur deshalb um den Freund und die Gattin glucklich zu machen. Fast muss ich ja glauben, dass der Gute, um uns in unserm Bund nicht zu hindern, sich selbst den Tod gegeben hat!

Die vielleicht noch grossere Strafe, der Mutter zu sagen: Und wenn der Vater noch lebte? Wenn ihn soeben Grafin Paula im Thal von Castellungo als Eremiten und den Freund glucklicher Hirten und Ackerbauer gesehen hatte? ... Bonaventura besass nicht den Muth, diese Strafe der Mutter aufzuerlegen, so sehr ihn die klare, schneidende, vernunftbewusste Selbstrechtfertigung der noch jetzt anmuthigen Frau herausforderte, so sehr ihm wieder jetzt der Vater entgegentrat in der ganzen Liebenswurdigkeit seines traumerischen, von dieser Gattin gewiss nie verstandenen und sicher so nicht, wie verdient, begluckten Sinnes ... Doch auch die Schwache besass er nicht, der Mutter die Vorstellung etwa von einem Selbstmord des Vaters ganz auszureden. Und sie schien es sogar gern zu horen, dass sein Vater, wenn auch durch Selbstmord wirklich todt war. Meinst du nicht? fragte sie halb zagend, halb zuversichtlich ...

Ich glaube es! war seine Antwort ...

Die Mutter stand auf. Ihre Haltung schien sagen zu wollen: So mussen wir uns Fassung geben, eine Genugthuung durch die Religion!

Die umsichtige Frau bat den Sohn, doch einige Tage auf Schloss Neuhof zuzubringen, sich inniger dem Prasidenten anzuschliessen, ihre Aussohnung mit dem Geist der Gegend zu bewirken, die Opferspenden zu vermitteln, die auch sie bereit waren uberall zu geben, wo dadurch ihr guter Wille in das rechte Licht trate ... Endlich sagte sie noch:

Wittekind wird mannichfachen Rath und Beistand in seinen verwickelten Angelegenheiten bedurfen. Er war zweifelhaft, ob er sich deshalb an Benno wenden sollte! Ich rieth ihm dazu! Dein Urtheil zoge er aber vor, sagt er ... Wer ist hier dieser Herr von Terschka, von dem ich soviel reden hore?

Der Bevollmachtigte des Grafen Hugo von SalemCamphausen, des Erben der Guter der im Mannsstamm ausgestorbenen Dorstes ...

Ein geschaftskundiger, kluger Mann hor' ich ...

Ein vielseitiger, gewandter wenigstens ...

Es ruhmte ihn uns ein Jude, ein Gutermakler ... Ich hore, Benno macht den letzten Versuch, die Rechte des Grafen Hugo anzuzweifeln ...

Nur moglich das, wenn eine Urkunde entdeckt wurde, die dem Dorste'schen Familienstatut Kraft erst geben soll, wenn die Erben unsere Religion bekennen ... Sie fehlt und wahrscheinlich nur deshalb, weil sie niemals ausgestellt wurde ...

Es sind viele Urkunden in jener Zeit verschleppt worden, als nach Uebergang dieser Lande in westfalische und dann in unsere Herrschaft, die geistlichen Stifter und so viele Kloster eingingen! War zufallig ein Pergament besonders schon geschrieben, so schickte es dein Vater in das Museum der Hauptstadt, in die Bibliothek des Konigs ... Dort fand ich schon manchen herrlichen Schatz wieder, den dein Vater uns vor Jahren gezeigt hatte, wenn er aus Witoborn oder sonst einer geistlichen Gegend heimkehrte ...

Bonaventura's Gedanken mussten jetzt wol auf Bikkert gerichtet sein ... Zwei druckende Vorstellungen: Die gefalschte, bei einem Brand vielleicht hier, auf diesem Schlosse einzuschleppende Urkunde und Lucindens Eroberung aus dem Sarge in Sanct-Wolfgang! Beichtgestandnisse, die er nicht verrathen durfte ... Sie machten ihn zum Mitleidenden zum Mitschuldigen ...

Die Mutter sah seine Abwesenheit ... Sie bemerkte mit gedampfter Stimme:

Besonders ist Wittekind in eine Sache verwickelt, die nur innerhalb der geistlichen Sphare bleiben soll! Ich kenne sie selbst nicht vollstandig. Sie hangt mit einer grossen Verirrung des Kronsyndikus zusammen und reicht in ihren Folgen sogar bis nach Rom. Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall soll dabei eine Schuld zu tragen haben. Oft hab' ich schon gedacht: Hinge wol Benno's Herkunft damit zusammen? Aber wie er als Kind schon nicht dem Onkel Max ahnelte, so noch weniger dem Onkel Franz Wittekind schuttelt daruber vollends den Kopf ... Nun, ich werde ja auch Benno wiedersehen und mit ihm plaudern! ... Wir mussen wol jetzt zur Gesellschaft, Bona! Ich erbebe, die junge Grafin zu sehen, die so seltsame Zustande hat! Eie lag eben jetzt, wie ich hore, im Hochschlaf? Ich zittere vor Beklemmung! Was sah sie nur?

Ein Bild der Phantasie! sprach Bonaventura mit stockendem Athem zu der schon ganz in das gewohnte Gleis ihres Lebens wieder zuruckgekehrten Frau. In Gedanken verloren hatte er der letzten Rede seiner Mutter schon nur noch halbe Aufmerksamkeit geschenkt und nur zur Andeutung, dass Benno des Dechanten Sohn sein konnte, gelachelt ... Mutter, hatte er fast gesagt, wie wenig wurde Der Anstand genommen haben, Benno die frischen Wangen zu klopfen, ihm seinen schwarzen Bart und sein lockiges Haar zu zupfen und zu sagen: Junge! "Nichten" haben wir genug in der Dechanei gehabt, aber noch nie einen so echten "Neffen", wie du bist! Das ist eine falsche Fahrte! ... Nun aber gingen beide aus dem Zimmer und wandten sich nach vorn ...

Die Mutter hing sich in den Arm ihres Sohnes. Man sah, dass sie ausserlich beide sich angehorten. Den Wuchs und die hohe Gestalt hatte Bonaventura von dieser klugen und vorsichtigen Frau; das Herz vom Vater ...

Sie sagte: Mein Heiliger! zu ihm, lachelte und trat mit ihm in den Vorsaal.

Die Vorstellungen und Begrussungen wahrten eine Weile und dann zerstreute sich alles ...

Bonaventura blieb zum Mittag ... Paula erschien wieder als ware nichts gewesen ... Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwischen von einer andern Gedankenreihe in Anspruch genommen und thaten geheimnissvoll. Frau von Sicking hatte ihnen geschrieben. Sie hatten viel geflustert und gerade am meisten, wenn Armgart nicht im Zimmer war. Diese merkte dann bald, dass etwas auf sie Bezugliches im Werke war. Als sie den Namen der Stiftsdame Tungel-Appelhulsen flustern horte, die sich der Bekanntschaft mit ihrer Mutter ruhmte sie war die zweite Partie, die Jerome von Wittekind hatte machen sollen und war damals nur durch den Calfactor "Turck" und den Zorn ihrer Mutter uber ein verdorbenes Kleid darum gekommen sagte sie geradezu: Meine Mutter ist da! Die Tante fuhr sie daruber heftig an. Sie schwieg. Jetzt bekam auch Terschka durch einen Expressen aus Witoborn einen Brief und empfahl sich so rasch, dass er nicht einmal bis zum Ende des Mahls blieb. Armgart sass darauf wie besinnungslos. Noch ehe die Tante sich zu ihrem "Nicker" eingerichtet hatte, war sie verschwunden. Lange nach ihr zu suchen war man nicht gewohnt. Fehlten ihr vielleicht noch zu ihren "Vielliebchen" Nahseide oder Perlen, so ging sie, wusste man, zu Fuss nach dem Stift und scheute die einsamste Wanderung von fast zwei Stunden nicht. Onkel und Tante fuhren nach dem Kaffee in der That mit eigenthumlichem Geheimthun zu Frau von Sikking und liessen Bonaventura mit Paula allein ...

Allein Paula und Bonaventura

Allein, allein zwei Seelen, die sich lieben!

Allein, allein ! Wenn auch der Liebe Ja,

Allein, allein doch ist der Himmel da!

Bei allen andern wurde es nach Jahren geheissen haben: Weisst du noch, damals an jenem Nachmittag im grunen Zimmer? Wir sprachen vom Wetter, besahen Kupferstiche da rief ich plotzlich: Himmel, wie voll die Hyacinthen bluhen! ... Ich zahlte ihre Glocken, weil ich Angst hatte, dass wir uns beim Besehen der Bilder zu nahe anstreiften! Und ich glaube gar, ich stellte mich dennoch kurzsichtig, nur um mit der Stirn dein goldenes Haar zu beruhren! ... O, wie Feuerglut war es in meinem ganzen Sein und du, du wusstest, jetzt ist der Stoff erschopft, jetzt ist die Unbefangenheit beim Gesprach voruber beim Gesprach uber was nicht alles, ich glaube uber die alten Krater feuerspeiender Berge bei Kocher am Fall, uber die byzantinische Baukunst, uber die Philosophie Puttmeyer's! Gleich hattest du etwas anderes; auf die Musik die Bucher, auf die Bucher die Natur, auf die Natur die eben hereingebrachten Zeitungen! ... Und du erschrakst nicht einmal, als vom Diener an die Thur geklopft wurde ... So tandelten wir den Tag hin bis zum Abend, bis zur sussesten Dammerstunde, wo endlich mein Auge kein anderes Licht begehrte, als das in deinen Augen strahle, endlich ich auch das so tollkuhn sagte, ganz so vom "Licht in deinen Augen" ... Da erbebtest du, brachst zusammen und Armen! ...

Armer Priester! ... Diese Stunde schenkte dir wirklich der Himmel! Er gab sie in ganzer, seligster Fulle! Er rief auch an diesem Nachmittage Paula nicht in die Sterne zuruck, liess sie nicht wachend traumen, nicht mit geschlossenen Augen sehen ... Sie blieb auf der Erde, in deiner Nahe, im lebendigsten, warmsten Anhauch deines Athems und du erstauntest sogar, dass Paula nicht entschlummerte, obgleich deine Hand an ihrem seidnen Kleide hinfuhr, oft auch zufallig? wirklich sie selbst beruhrte ... Du durftest dir sagen: Dir, dir ist sie beschieden! Du wurdest sie durch die Liebe erlosen konnen von den magischen Banden, die sie gefesselt halten! ... G o t t w o l l t e d i e E h e und gerade die Deine mit ihr! ... Alles, alles traf zu ... Auch bis zur Abenddammerung, bis in die erste Stunde nachtlichen Dunkels hinein hattet ihr das volle selige Gluck des Alleinseins ...

Und dennoch, du armer Levit, was durftest du wagen? Was zu gewinnen hoffen? ... Gingst du am Flugel voruber und lehntest die Epheuranken zuruck, die den goldgerahmten Spiegel beschatteten, so sahst du deinen langen Priesterrock! ... Sahst du in die geoffnete Kupferstichmappe und pruftest das Zeichen des alten Meisters, das unter dieser Radirung, unter jenem Holzschnitt versteckt und unleserlich stand, so musste dir erinnerlich werden, dass Paula an deinem vorgebeugten Haupte bemerkte, wie die Schere dir die Mitte deines schonen Haares geraubt! Dem Schicksal konntest du sprechen: Des reinen Herzens Natur ist es, nicht alles zu wollen und viel entbehren zu konnen; aber auch zu grausam nimmst du, o Verhangniss, uns beim Wort und gewahrst uns wirklich nichts! ... Paula's Wesen musste Bonaventura ohnehin zu entweihen glauben durch eine zu sturmische Werbung. So unterblieb alles ... Situation und Wille, Charakter und die Liebe selbst schmiegte sich unter die Tyrannei des Gelubdes.

Und doch allein, allein zwei Seelen, die sich lieben! .. Wie bestrickend schon, wenn sich Paula selbst beurtheilte uber das, was die Welt an ihr so voll Andacht bewunderte! Sie hatte eine Heuchlerin sein konnen und sie war es nicht. Sie hatte eine Despotin sein konnen und sie war es nicht. Sie war willenlos, eine durch sich selbst und andere Gefangene. Und so galt ihre Liebe Bonaventura auch nur, wie ein Priester sich lieben lassen darf in Andacht, in geistiger Schwarmerei ... Sie hatte wie diese Erziehung ist, die von Schiller und Goethe nichts weiss nicht viel gelesen, nicht viel gesehen. Sie konnte uber ihren Kreis hinaus an schwierigen geistigen Dingen nicht lange theilnehmen; sie stand bescheiden zuruck, allem Hoheren im Zustand jungfraulicher Ueberraschung zugewandt. Aber diese Weise stand ihr hoheitsvoll. Zu ihren Fussen sprossten Lilien, ihr Haupt trug eine Himmelskrone, ihre Schultern bedeckte ein langer, himmelblauer Mantel mit goldenen Sternen. Sie wusste nur das alles nicht von sich selbst. Sie konnte lachen und weinen mit Armgart, sie konnte furchtsam sein wie Tante Benigna, sie konnte mit dem Onkel Levinus an die Moglichkeit, Gold zu machen, glauben. So lebte sie hin ... Nun aber mit Bonaventura's Nahe wuchs ihre Kraft. Sie fing an, sich uber sich selbst Rede zu stehen. Seit seiner Ankunft trat sie in allem und jedem mit festerm Willen auf. Das zu wissen begluckt ein zagendes Herz ohnehin und gibt ihm Muth, sich uber das Geheimste wahr zu sein ... O wie die Liebe so stark macht! ... Paula fuhlte es machtig ... Sie hatte heute vielleicht zu ihrer Absicht, ins Kloster zu gehen, gedankenlos nein und sogar ja! sagen konnen. Sie konnte alles, konnte selbst ein Gelubde ablegen und vielleicht es betrugen, wenn nur Bonaventura sie an sich gezogen und mit einem Kuss ihr den Muth seines, seines Lebens gegeben hatte.

In diesem stillen Zimmer, durch dessen Scheiben eben das Abendgold floss, unter diesen Epheuranken, deren grune und welke Blatter den Priester an einen andern Abschied, den von Lucinden, erinnern mussten, uber die Saiten eines geoffneten Flugels hin, dessen Resonanz von jedem durch die Zimmerwarme noch am Leben erhaltenen Insekt leise erbebte standen sich zwei Menschen gegenuber, die die Natur zum gegenseitigen Besitz bestimmt hatte. Gregor VII. hielt den Arm dazwischen. Wo ist denn nun bei dieser eurer Satzung des Colibats die Verklarung der Weiblichkeit, sie, die doch die Marienbilder in der aufgeschlagenen Kupferstichmappe verherrlichten, diese Bilder, die Bonaventura, Lucinden gegenuber, selbst einst so begeistert gedeutet hatte! Verunreinigt wird der Priester vom Weibe? Sein Opferdienst am Altar in den gestickten Kleidern vergangener Jahrhunderte macht ihn geschlechtslos? "Die Eunuchen des himmlischen Hofstaates sind wir!" sagte ihm oft schon der Onkel Dechant. "Trugen wir eine reine Liebe zu einem Weibe im Herzen, unsere Hand wurde ja unrein, den Kelch zu beruhren! Unrein, um die Oblate zu segnen! Die Nahe des Weibes zerstort die Kraft des Opfers! Und wenn wir auch gestern beichteten, dass wir die thierische Natur mit aller Entfesselung der Leidenschaften in gemeiner Beruhrung austobten: diese Sunde ist uns heute vergeben. Nur keine reine, nur keine dauernde, offene Liebe zu einem Weibe im Herzen und so an den Altar getreten! Gatte, Vater wie kann eine solche Hand noch die Geheimnisse der Wandlung vollziehen! Frauenwurde, so denkt Rom uber dich!" ...

Eines der Marienbilder nach dem andern vergegenwartigte Bonaventura den Abschied von Lucinden ... Paula hatte schon ofters nach ihrer fruhern Gesellschafterin gefragt, Bonaventura hatte einsilbige Antwort gegeben ... Benno, Thiebold und Terschka ruhmten sie ... Jetzt glich ihr eine der von den Kunstlern meist so willkurlich erdachten Madonnen und Paula sagte dies auch ...

Bonaventura blieb die Antwort schuldig ...

Paula fuhr fort:

Denken Sie sich, wie ich damals nach Westerhof zuruckkehrte und von Lucinden sprach, kannte sie ja hier jedermann! Ja ich selbst hatte sie schon als Kind gesehen, wie sie auf Neuhof wohnte und eines Tages dort auf einem goldenen Kahne ruderte! ... Als die Leute lachten, fluchtete sie in einen Taubenschlag! ... Sie wusste, dass ich aus dieser Gegend war, und nie verrieth sie ihre Bekanntschaft mit dem Kronsyndikus oder mit dessen Sohn oder mit dem Landrath oder mit dem Monche Sebastus, dem jungen Doctor Klingsohr, der um ihretwillen, sagt man, die Religion wechselte und ins Kloster ging ... Sie ist jetzt in Ihrer Stadt und Sie sehen sie oft?

Ich lebe nur fur dich, Paula! ... In Bonaventura's Herzen riefen das tausend Stimmen ... Die Lippen sagten nur:

Zuweilen seh' ich sie!

Arglos fuhr Paula fort:

Auch sie war damals erst katholisch geworden! Alles das wusste niemand! Aber hatt' ich Furcht und Angst vor ihr! Wissen Sie noch, als ich Italienisch mit ihr lernte, da konnte sie Latein !

Du aber sprichst in Zungen der Engel! riefen wieder die Stimmen; Bonaventura nickte nur still bejahend ...

In der Mappe sahen beide einen Holzschnitt der altdeutschen Schule, wo Jesus im Hause des Lazarus weilt und Maria Magdalena ihm die Fusse wascht ... Dies kleine Bild, voll Wahrheit und Lieblichkeit, liess beide eine Weile verstummen ... Beim Umschlagen der Blatter ruhte ihre Hand dicht, dicht an der seinen ... Er fuhlte die elektrischen Tropfen, von denen Paula im Schlafe behauptete, sie glitten ihr aus den Fingern und verloschten auf dem Boden. Ihm verloschten sie im Blut seines Herzens. Warum ergriff er nicht die sanfte, weiche Hand? Warum stieg er nicht auch mit ihr in den goldenen Nachen des Ideals, auf dem sie wurdiger ruderte, als Lucinde! In ein "Taubenhaus" hatte diese sich gefluchtet!

Paula sagte:

Wissen Sie wol, dass ich oft Sehnsucht habe, Lucinden wiederzusehen? Ihr Geist war oft hart und grausam, aber stark. Sie konnte Muth einflossen, wie ein Mann. Auch unterbrach sie mein Leiden und liess mich dann sein wie andere sind ...

Aber mit den grossten Schmerzen! schaltete Bonaventura ein ...

Ich litt dabei, das ist wahr! sagte Paula. Die Aerzte meinten: Sie hob die Nervenstromung auf. Ich hatte todliche Schmerzen in ihrer Nahe! Alles that mir wehe jedes Wort, jede Bewegung von ihr! Aber ich sehne mich doch ach! so heraus aus diesem Doppelleben!

In das Eine, Eine Doppelleben der Liebe! ...

Die Stimmen wieder sprachen auch das ... Die Arme thaten sich auf, um Paula zu umfangen, sie an sich zu ziehen ... Und doch sprach Bonaventura nur schuchtern:

Was bekummert Sie jetzt daran?

Sonst schon war es Paula's Klage: Der Hochmuth! Die Selbstuberschatzung! Auch jetzt wiederholte sie diese "Furcht vor sich selbst" ...

Bonaventura sprach:

Stolz sein auf das, was uns die Vorstellung einer grossern Vollkommenheit unserer selbst gibt, das ist keine Sunde. Jesus nannte sich den Sohn Gottes! Aber auch Trubsale werden Sie haben! Wissen Sie, dass Ihre heutige Vision Anstoss erregte? Als ich mit meiner Mutter zur Gesellschaft zuruckkehrte, war man befremdet, wie Sie mit Theilnahme bei einem Bilde verweilten, wo Sie einen Gottesdienst sahen, bei dem der Kelch von Allen getrunken wurde! ...

Was sah ich denn? fragte Paula traumerisch und erhob geisterhaft ihr Haupt ...

Herr von Terschka behauptete, einen Eremiten, der in der Nahe des Schlosses Castellungo die Landbewohner zu einem Gottesdienst versammelt, der dort wahrscheinlich unter dem Schutz der Gutsherrin, der Grafin Erdmuthe, wirklich gehalten wird ...

Ich verweile oft bei jenem Schlosse! sagte Paula ... Man hat mich schon gefragt, ob ich nicht in Salem, nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken konnte, die so emsig von den Feinden der Salems-Camphausen gesucht wird ... Benno erzahlte davon; auch Terschka, obgleich dieser es nur mit leicht erklarlicher Zuruckhaltung that ... Noch immer wird diese Urkunde gesucht ... Der Procurator Nuck hat an Benno geschrieben, er mochte in Gegenwart Terschka's und des Onkel Levinus noch einmal die Archive von Witoborn und Westerhof durchsuchen lassen ... Beide sind auch bereit dazu ... Und so verlasst mich, seh' ich, die Angst der Seele selbst in meiner Traumwelt nicht. Sie zeigt mir wider Willen die Gegenden, wo mein Schicksal entschieden wird ...

Ihr Schicksal? Paula! Welche Zukunft furchten Furchten? Hoffen Sie? ...

Diese Worte sprach Bonaventura wirklich. Sein Innerstes wogte im Brand der Liebe und der Eifersucht ...

Nichts, nichts mehr hielt er zuruck von der Saat seiner Thranen, die ausgegangen war seit Jahren in den einsamen Stunden der Nacht und der Verzweiflung ... Seine Augen leuchteten ... Seine Arme hoben sich ... Ein Fruhling des reinsten, gottlichsten Menschenthums schien um ihn her zu bluhen und zu spriessen ... Er bebte ... schwankte ...

Und auch Paula zitterte ... Eben noch waren ihre tiefblauen Augen aufgeschlagen und blickten gen Himmel, den Augen einer Seherin gleich ... Jetzt senkten sich die langen schwarzen Wimpern ...

Aber ach! nur Katharina von Siena war es, die Heilige, die vor Bonaventura stand ... Sein zages, nazarenisches Herz erinnerte sich schon wieder: Dieser Blick gilt dem Himmel, dem Kloster! Er gilt deinem Stande! ...

Doch nur einen Augenblick beherrschte er sich so ... Bald fuhlte er neubelebende Wonne ... eine Wonne seltsamster Glut, seltsamster Gedanken, seltsamster Verirrungen sogar! Franz von Sales, der Heilige, stand vor ihm, vor dem ja auch einst eine Frau von Chantal kniete ... Eine Gattin, eine Mutter verliess ihre weltlichen Lebensbeziehungen, um dem Heiland zu dienen, dessen einziger Apostel ihr dieser Bischof von Genf erschien! Und auch dieser nannte sie seine Philothea! Wo ist die Grenze der gottlichen Andacht und der Anfang menschlicher Liebe in den Briefen, die sie sich geschrieben haben? Ihr Gebet ging vielleicht wirklich empor zu Gott, doch sie beteten zusammen! Sie stiftete ein Kloster, er hutete es ... Sie starb, Franz von Sales segnete den Sarg ... sein Inhalt verweste nicht ... nach hundert Jahren offnete man ihn ... da war alles Asche ... nur das Herz war unversehrt geblieben ... Dies Herz ... Kann es geirrt haben in jenem Irrthum? ... Gelogen in jener Luge? Paula, Paula meine Sinne schwindeln solltest du mir wirklich vielleicht gehoren konnen gerade, gerade durch den geistlichen Stand? ...

Das war ein furchtbarer, frevelnder, romgeborener Gedanke ... ein Gedanke der Sunde, der Luge gegen Natur und Gelubde ...

Aber dieser Gedanke und sollten die Donner um ihn her rollen und Blitze zucken durchzitterte ihn doch ... Seine Pulse flogen, seine Lippen bebten ... schon wagte er das bedenklichste aller Worte, das er in solcher Stimmung nur sprechen konnte:

Paula wenn sich die Urkunde fande wenn Sie dann, wie man allgemein glaubt sich entschliessen mussten wirklich Ihre Hand einem Manne zu geben der doch nur aus Standesrucksichten

Paula hatte diese Worte eben abwehren wollen ... Sie wollte sie abwehren fast wie verkorperte Wesen, die schon eine Handbewegung zuruckstossen konnte ... Sie hielt, am geoffneten Flugel sich mit der Rechten haltend, die Linke dem Sprecher, dessen Athem schon ihren Mund beruhrte, bebend entgegen ... ein Moment noch und der Bund der Herzen war geschlossen ... ein Abgrund geoffnet, der Vorhang seines Allerheiligsten zerrissen, der "Bau der Kirche" zertrummert ...

Da trat eine Storung ein ... Draussen gingen lebhaft aufgerissene Thuren ...

Jetzt erst erkannten beide, dass es um sie her vollig Nacht geworden war ...

Armgart trat sturmisch herein ... Sie kam im Hut, mit Pelzuberwurf, von der frischen Luft wie ein rosiger Apfel gerothet ... Sie war zwei Stunden Weges nach Heiligenkreuz zu Fuss gegangen und schon wieder zuruck ...

Hinter ihr her kam Terschka ... gleichfalls in einem Pelzrock, den ein grunes Schnurwerk zierte ... Sporen klirrten an seinen Fussen ... er riss eine Jagdmutze ab ...

Terschka hatte, das erfuhr man, Armgart auf Heiligenkreuz, wohin gerade auch ihn jener Brief aus Witoborn abgerufen hatte, angetroffen und sie wieder zuruckbegleitet zu Fuss uber den gefrorenen Schnee hinweg ... Sein Ross musste erst der neu angenommene Dionysius Schneid (dem sein Verkehr auf dem Finkenhof eine ernstliche Verwarnung zugezogen) aus Heiligenkreuz zuruckholen. Terschka hatte es stehen lassen, weil er nicht neben Armgart reiten mochte, wahrend sie zu Fusse ging. Sie erklarte, ihn unterwegs sprechen zu mussen; sie war in einer unbegreiflichen Aufregung. Auch das Fraulein von Tungel-Appelhulsen war in der That bei Frau von Sicking ... Es geht etwas vor! sagte sie sich ... Es geht etwas vor! wiederholte sie drohend ... Sie wollte wieder nach Westerhof zuruck. Da hiess es, Thiebold ware noch im Stift und konnte sie begleiten ... Nun erst recht hatte sie nicht bleiben mogen ... So ging sie mit Terschka, der gekommen war, mit dem Verwalter einige dringende Rucksprachen zu nehmen ... Hatte Terschka gesagt: Setzen wir uns doch beide aufs Ross und jagen nach dem Schloss der Frau von Sicking! sie hatte es gethan ... Dass sie ermudet ware, unmoglich den Weg zu Fuss machen konnte, wollte sie nicht horen ... Terschka erzahlte alles das jetzt wieder, erzahlte es dem uberraschten Paar und war dabei in einer Aufregung, die beiden nicht entgehen konnte, und ubersah die ihrige ... Armgart verschwand auf ihrem Zimmer ... Alles das bemerkte auch Bonaventura, begriff es aber nur halb; ihm fehlte jede Sammlung; selbst musste er entfliehen ... Zwei Worte noch an Paula, die ihn mit holdseligst verlegenem Lacheln, mit jener Vertraulichkeit wie fur alles, was ein Weib auf Erden und im Himmel dem Manne nur sein kann, ansah, und er war verschwunden.

Hinaus sturmte er in die schon hereingebrochene Nacht ... Nichts von einem Wagen, dessen Anerbieten man ihm nachrief, horte er ... Schon war er unten an der Hauspforte ... Wie die eisige Luft seine heisse Wange streifte! Wie er fast die Locken, die er s o n s t trug, noch im Winde flattern fuhlte! ... Ein Geist des Trotzes, der Herausforderung an die Ordnung aller Dinge war uber ihn gekommen ... Er hatte das Gelander der kleinen Brucke einreissen mogen, an das er sich halten musste, als er den hartgefrorenen, glatten Weg beschritt ... So flog er dahin ... Erst allmahlich wurde es in ihm ruhiger ... Jetzt hatte er Musik horen mogen, rauschende, vollgestimmte allmahlich wurde ein einziger susser, sanfter und wenn den Tod bringender Accord seine ganze Empfindung ausgedruckt haben ...

So kam er im Pfarrhause an. Es war tiefdunkel; sein Zimmer nicht erwarmt; Mullenhoff nicht anwesend. In dessen Zimmern wartete er so lange, bis oben bei ihm die erwarmende Flamme loderte ...

Wie todt standen doch die Bucher da an den Wanden! Wo er hinsah, war von Strafe, vom Kirchenbann die Rede ... Er horte im Geist das schutternde Gelachter Mullenhoff's, wenn er seinen eigenen Einfallen applaudirte, und lachte selbst ... Er horte, wie ihn sein College jetzt nennen wurde: Salonschlupfer, Lavendelseele ... Er lachte ... "Lieber konnen sechs Strassenlaternen eingehen, als ein ewiges Licht in einer Kapelle!" Das war heute fruh ein Mullenhoff'sches Wort gewesen, das ihm beim Schimmer der ihm jetzt vorangetragenen Lampe einfiel ... Er lachte ... Und oben, oben in seinem Zimmer fand er zu seiner gluckseligsten Ueberraschung dann einen Brief aus Kocher am Fall vom Onkel Dechanten ...

Nie noch hatte er so nach den geliebten Zugen gegriffen ... Nie noch war ihm so viel Musik entgegengerauscht und so viel Duft entgegengeweht, wie heute aus dem feinen Papier, aus den zierlichen halb arabischen Buchstaben dieser Handschrift, aus dem langen, reichen Inhalt ... Wie begluckend stimmte das alles zu dem Bilde Paula's, das nicht von seiner Seite wich ... Die Magd brachte den Thee ... Die Lampe verbreitete einen tieftraulichen Schimmer (Lampe, Service, Sofa, alles kam von Schlossern und Hofen der Umgegend und war von ausgesuchter Gediegenheit) ... Paula sass neben ihm im Geiste und sprach mit ihm im Geiste und ihr Schatten huschte an den Wanden geschaftig sorgend hin und her; er hatte eine Geisterehe geschlossen ... Als er allein war, sprach er leise mit seinem Weibe, redete es an und sagte: Paula! Meine susse, susse Paula! ... Dann schlug er sich an die Stirn, aber so sundigte er fort und fort er horte nicht auf an sie zu denken, ihrem Athem zu lauschen, ihre Hand zu streifen, hinaus in die Luft, ins Leere Kusse zu geben was sollte ihn denn erschrecken, jetzt, wo er die Dechanei um sich hatte, des Onkels Devise horte: "Ich mach's doch so leicht!" Die grunseidenen Dekken und Gehange in dem Arbeitszimmer der Dechanei sah er; die sanften Rollenthuren gingen, wie wenn Frau von Gulpen eintrat oder Windhack einen Besuch oder eine Constellation des Himmels meldete ... Er las las, wie wenn eine neue "Nichte" ihm und dem Onkel Klavier spielte ...

Lieber Alter! schrieb der Onkel. So bist Du denn auf dem Schauplatz Deiner ersten Jugend angekommen und grubelst vielleicht, ob in den alten Kirchenvatern das Schlittschuhlaufen verboten ist! Ich habe Dich sonst oft genug auf dem Ententeich zwischen Borkenhagen und Westerhof dahingleiten und unserm alten Friesenursprung durch graziose Zickzacks Ehre machen sehen Nun siehst Du, die Apostel wussten nichts von zwanzig Grad Kalte, wie konnten sie vorschreiben, ob ein junger Domherr Schlittschuhlaufen darf u.s.w. u.s.w. Sage nur: Wie platt, wie rationalistisch oberflachlich ist das wieder! Gut! ... Ich beneide Dich zuvorderst um diese Triumphe, die deine Rechtglaubigkeit feiern wird, vorzuglich unter denen Weibsen! ... Fuhlst Du's denn endlich, wie schon diese Veranstaltung Gottes ist, dass es Wesen gibt, die an der ganzen Weltgeschichte unbetheiligt bleiben und Alexander, Julius Casar und Innocenz III. nur auffassen unter dem Gesichtspunkt, ob solche Leute den Kaffee theurer machen, die Verlobungskarten seltener, die laufenden Moden durch plotzliche Trauergarderoben unterbrechen und dergleichen? Bewundere diese Geistesgegenwart, mit der mitten in unsern Schmerz hinein und wahrend die Manner noch ohne jede Sammlung stehen, die Frauen schon wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben! Sieh, so haben mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt, die zwar von ihrer leiblichen lies nicht etwa: lieblichen Schwester nichts geerbt hat, aber dennoch "Schanden halber" bereits in das zweite Stadium des aussern Schmerzes, in den grauen mit Violettschleifen eingetreten ist! Studire Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz! Zwanzig weibliche Wesen, die ohne Zweifel Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des Satzes erinnern werden: Mulier est hominis confusio!

Ich sehe Dich aber auch, lieber Sohn, wie Du Dich endlich aus Blumen und gestickten Tragbandern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen feurigen Wagen des Elias besteigst, zunachst die Stufen des Altars und der Kanzel zu Sanct-Libori, dann wol auch die Treppen zu den Regierungscollegien, wo Du "Gutes wirken" willst! Ach, mag Dir's dabei nur nicht so ergehen, wie mir damals, als ich wirklicher Dechant war und ein lutherscher Regierungsrath mir unter eine Rechnung fur Oel, Wachs, Wein und Salz beim S a l z e regelmassig beischrieb: "Ich frage wiederholt: Gehort denn in die Cultusrechnungen auch die Naturalverpflegung der Herren Pfarrer?" Wusste der Kerl nicht, dass zu unsern Taufen Salz gehort! Er glaubte, die Rechnung der Kochin hatte sich in die fur das Cultusministerium verirrt. Ich schrieb damals an den Rand: "Salz ist ein gutes Ding; so aber das Salz dumm wird, womit soll man wurzen! Luca 14, 34." Du freilich wirst durch solchen "Druck" auf unsere "arme" Kirche nicht zum "Rechtglaubigen wider Willen" gemacht werden; denn nur Romlinge sehen nicht ein, welche verbesserte, wahrhaft glanzende Lage gegen fruher wir bei alledem in partibus infidelium haben ... Doch nichts vom Kirchenstreit! Was sagst Du zu dem noch immer unter polizeilicher Aufsicht stehenden Hunnius? Neulich rief er vor einer Gemeinde, die leider nicht die zu Sanct-Hedwig in Berlin war, sondern nur die Stadtkirche in Kocher am Fall, sage die Stadtkirche in Kocher am Fall!: "SanctPaulus war seines Zeichens ein Teppich-, kein Schleier-Macher!" Diese seine Anspielung auf Professor Schleiermacher in Berlin fiel naturlich bei uns ganz auf den Weg.

Bona, ich warne Dich nur, Deinem Diocesanklerus nicht etwa in jugendlicher Begeisterung Conferenzen vorzuschlagen, schriftliche Arbeiten zum Circulirenlassen, Lesecirkel, eine Archipresbyteriatsbibliothek und ahnliche Reformphantastereien, die uns arme Einsamkeitsschlucker und Trubsalblaser erheben, zerstreuen und bilden sollen! Du dringst damit nicht durch! Stelle Dich blind und taub fur alles, was Du sehen und horen wirst! Unsere Kirche bessert sich einst, aber nur durch grosse Revolutionen. Bis dahin emancipire sich ein jeder fur sich, mache sich zu einem kleinen Privat-Pantheon der gesunden Vernunft und soll ich Dir rathen, suche Dir in Witoborn hochstens nur die alleraltesten Priester heraus, alte sacularisirte Benedictiner, einen alten Kapitular, der vielleicht ein armseliges Zimmerchen im Seminar bewohnt, nur um seine Einkunfte fur ein paar Schwestern zu sparen. Da wirst Du vielleicht noch einen oder den andern Menschen finden von Gemuth, von herzverklartem Geist, von lieben alten plauderhaften Erinnerungen an eine Zeit, wo Lessing seinen "Nathan" auch fur uns gedichtet hat und mancher junge katholische Priester lieber eine schone luthersche Predigt von Spalding und Reinhard ablas, als selbst eine viel weniger schone schrieb. Da ist im alten Jesuitenstift ein Gang, wo alle Generale der Jesuiten abgebildet sind! Sieh sie Dir an! Einer schaut pfiffiger aus, als der andere; die Spanier sind besonders schlau, die Deutschen von einer klaglichen Unverbesserlichkeit, sammtlich, wie es scheint, aus der dummsten Gegend Deutschlands, aus dem Innviertel; nur einen sieh Dir recht an, der hat eine furchtbar lange Nase, scheint mir jedoch der gutmuthigste von allen. Die Nase ist ganz nur die Ablagerungsstatte fur die Schnupftabacksdose. So sah der alte Rector dort aus, als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von mir, ein ehemals judischer Gelehrter, den ich in Paris kennen gelernt hatte, dort convertirte und ins Seminar trat ... A propos, solltest Du unsern harmonietrunkenen Herrn Lob Seligmann von hier sehen: die HasenJette lasst ihn grussen und von seinem Davidchen anzeigen, dass dessen Beine sich starken und sein Geist von Tag zu Tag dem des jungen Samuel ahnlicher wird ... Findest Du unter den Priestern einen solchen kleinen alten dicken Mann mit langer Nase und einer Schnupftabacksdose in der Hand, dann gruss' ihn von mir, er kennt mich gewiss. Der alte Rector freilich ist jetzt todt ...

Sonst wenn Du arme Kaplane siehst, fur die das Wort Stolgebuhren bisher nur erst im Examen vorgekommen ist und die am "Freitisch" bei ihrem Pfarrer verhungern mussen, nun, immerhin, lege fur mich aus, Bona, falls Du auf anstandige Art einige ihrer druckendsten Schulden tilgen willst und wende ihnen Messstipendien zu, soviel nur Seelen am Vorhof des Himmels schmachten, und lass die armen Tropfe nicht herumlaufen und um Messen betteln und bei jedem Sterbefall lungern, ob auch fur sie ein Knochen von den zweihundert gestifteten Erlosungsbitten a 10 Silbergroschen abfallt! Und findest Du am Munster in Witoborn auch so arme, blasse, heisere Vicare, die statt der bequemen Domherren Brevier singen mussen und schon um den letzten Ton in ihrer Kehle gekommen sind (konnte doch Lob Seligmann aushelfen!), so zeig dem Bischof die stummen Opfer Roms und seufze immerhin in meinem Namen vorlaufig wenigstens um deutsche S p r a c h e statt lateinischen G e s a n g s !. . . Lebt denn dort noch die Quart? Muss denn auch da jeder neuernannte Pfrundner den vierten Theil seines Einkommens dem Bischof zinsen? O wurde das Geld doch angelegt fur eines Priesters alte Tage, wo er freudlos, ohne liebende Hand, die fur ihn sorgt, ohne ein Herz, das seine gramelnde Laune ertragt, in das Eremitenhaus ziehen muss oder in einen alten Professhof kommt, diese Invalidenhauser der romischen Armeen, wo es zwar keine Stelzfusse, aber arme ungluckliche Seelenkruppel genug gibt! Bona, Bona nun komm' ich doch in die Reformen! Man sagt, unterm Mikroskop ware unser reinstes Quellwasser voll garstiger Infusorien und Windhack behauptet das auch und verleidete sich dadurch schon zu lange das Wasser und trinkt fast zu viel vom Kocherer Wein ; aber an dem Sold, von dem der Priester sein Dasein bestreitet, lasst man ihn taglich zu schaudervoll sehen, wo er herkommt, lasst ihn zu nass aus allen Taufbecken in unsere Hand gleiten, wo auch noch jeder Seufzer oder Fluch der Armuth frisch am Gegebenen klebt ... Schule und Kirche mocht' ich doch so lange, bis die Heiden oder andere Apostel kommen und eine neue Religion bringen, vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit sehen.

Priesterwurde! Das lass ich vorlaufig gelten! Aber sieh' Dich nur recht um und uberzeuge Dich, wie jetzt nur ein ganz gewohnlicher Unzufriedenheitsstoff, der in der Welt lagert und sich gern moglichst loyal und ohne zehn Jahre Festung austoben mochte, diesen neugepredigten Anhalt an Rom sucht! Der Jakobiner versteckt die rothe Mutze unter der Kapuze, der Provinzialgeist stemmt sich wider die Centralisation, den katholischen Plattdeutschen beschamt das vornehme Air des luther'schen Hochdeutschen, der Jurist vom Code Napoleon will nichts vom Landrecht, die Fursten im Suden furchten die Kraft der Fursten im Norden; blos das, das, das gibt den feurigen Teig des jetzigen Umschwungs wie bei der Bildung der Erdrinde. Die Jesuiten und Jesuitengenossen kennen das alles und kneten den Teig und machen sie auch nur kleine Agnus Dei daraus, all ihre Susslichkeit riecht nach Pech und Schwefel ... Du wirst Geistliche bei Witoborn sehen, die so liebfromm sind, dass sie sich nicht mehr die Zahne putzen, blos, weil sie furchten, dabei Morgens, ehe sie nuchtern Messe zu lesen haben, etwas Wasser zu verschlucken! ... Und worauf beruht diese Dumpfheit des Geistes bei den Bessern? Auf dem Glauben, dass man Vater, Mutter und Heimat kranke, wenn man irgendwie vom Althergebrachten abgehen wollte! Dem Gemuth schliessen sich auch hierin Eigensinn und Eitelkeit an. Man glaubt, dass man von der Aufklarung wegen ausserlicher Dinge verspottet werde, wegen seiner Aussprache, wegen seiner durftigen Gegend, wegen der Zuruckgebliebenheit seiner Stadte ... Nun trotzt man, doch auf seinen einsamen Hofen und Kampen die Lerche so gut trillern horen zu konnen, wie im schonsten Schweizerthal, trotzt, dass man in seinen durftigen Stadten doch manches liebe mit wildem Wein bewachsene Haus kenne, manches Fenster, wo Madchenkopfe auch hinter Blumen herausschauen, wenn auch hier die Liebe nur plattdeutsch sprache ... Und so halt man denn mit Zahigkeit g e r a d e fest an seinem Zopf! Das ist mit unserer Kirche uberall so, seitdem die Reformation in dem stattlicheren Gewand der Wissenschaft und Bildung einhergehen durfte. Ueberall erscheint die Ketzerei den Leuten als eine Verhohnung nicht etwa des Glaubens, man gibt bedenkliche Schaden an ihm zu, sondern als ein Geringachten der vielen anderweitigen Gemuthlichkeiten, die sich fur den Menschen an seine Jugend, an seine liebe alte Grossmutter anknupfen ...

In Deutschland, lass mich in einem Briefe, wie ich ihn seit Jahren so lang nicht schrieb, fortfahren, in Deutschland sollte nun die Bildung und die gemeinsame Geschichte unsers Volks langst diesen Zwiespalt aufgehoben haben! ... Aber jetzt sieh, wie gesorgt wird, dass der Bruch ein ewiger bleibt! ... Du wirst im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verstecktes und bestaubtes Exemplar vom Goethe, zwei oder drei Exemplare vom Schiller finden, dagegen alle Blumenlesen, alle nervenangreifenden Krauterapotheken unsers Beda Hunnius ... Ich weiss nicht, ob es in Westerhof jetzt besser ist. Graf Joseph ging uber Stolberg's Horizont nicht mehr hinaus. Levin von Hulleshoven ist ein geistvoller, unterrichteter Mann, schrullenhaft jedoch und hochst afterklug. Die Sicherheit, mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden verstand, wahrend ihm jeder Backofen, den er bauen liess, zusammenfiel, wird sich bei seinem Leben unter lauter Frauen nicht gemindert haben. Abenteuerliche Gelehrsamkeit ist alldort ein besonderes Steckenpferd. In jedem Dorf wirst Du die rechte Stelle finden, wo Hermann den Varus schlug. Ist es zweifelhaft, wo das Midgard der Asen lag, wird man immer gegrundete Vermuthung fur ein Torfmoor bei Eschede oder eine Wiese bei Ludicke haben. Dieser hinter Vaterlandsliebe sich versteckende H o c h m u t h ist allen Deutschen eigen! Er kommt bei keiner Nation so vor, nur Levinus wurde vielleicht hinzusetzen: "Bei den Tschippewaern" ... Noch immer sitzen gewiss die Frauen dort und lauschen solchen Orakelspruchen und auch Manner genug gab es, die vor der Weisheit des Barons von Hulleshoven den Hut abzogen ... Die Kunst ist bewunderungswurdig, mit der der Mensch versteht sich eine Gemeinde zu bilden! Selbst Windhack versteht das. Windhack und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Vertrauen, sondern die Fischer, die Zollner, die Teppichmacher, nicht die Plato und Schleiermacher doch genug von diesem Kapitel

Ich komme auf Westerhof zu sprechen, weil ich mochte, dass Du Deine liebevolle Versohnlichkeit anwendest, um eine Ausgleichung herbeizufuhren zwischen dem Ehepaar Ulrich und Monika. Ich hore, dass die Comtesse Paula Wunder verrichtet und in die Zukunft sieht. Bisjetzt hab' ich noch in allem, was ich davon erfuhr, zu viel Aberglauben der dort landesublichen Sorte gefunden. Du wirst wol so gut sein, mich daruber ins Klare zu setzen; denn an und fur sich hab' ich allen Respect vor den geheimnissvollen Ein- und besonders den Ausgangspforten aus unserm rathselhaften Dasein Sonst wurd' ich Dich bitten, das schone junge, Dir theure Wesen zu ersuchen, sich bei den Schicksalsmachten zu erkundigen, was uber diese Verwickelungen beschlossen ist. Was wir hier so aus unsern sichtbaren Gestirnen entnehmen konnen, ist die kurze und bundige Absicht des jungern, minder gelehrten, doch willensstarkeren Ulrich von Hulleshoven, nachster Tage nach Witoborn zu kommen, auf Westerhof ein kurzes und bundiges Wort zu sprechen und sein Tochterlein Armgart an sich zu nehmen. Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Nest auch die Mutter und wird, wie sie mir schreibt, nicht verfehlen, das zu beanspruchen, was ihr gehore. Da konnten denn also diese zwei Menschen sich gegenubertreten und nach meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene auffuhren, dass sich zwei Leute gerade deshalb nicht verstehen, weil sie aus einem und demselben Stoff geschaffen und gerade fureinander bestimmt sind. Denn in der ersten Liebeszeit sucht man sein Gleichartiges Du kennst das nicht in der zweiten Liebeszeit sucht man sein Gegentheil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den richtigen Instinct der ersten Liebe wieder zuruck und will nur das, was unserer Natur gleichartig ist. So ging es diesen zwei Menschen. Ein Zufall verband sie und sie gehorten sich einander. Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an ihren harten Kopfen. Jetzt scheinen sie vollkommen reif, sich gerade so zu lieben, wie man sich eben noch liebt, wenn man Kinder hat, die schon selbst wieder von Liebe sprechen. Auch das trifft zu: Jede Liebe, die sich in spatern Jahren noch bewahren soll, muss eine andere Nahrung haben, als die der erste Jugendlenz schon allein in seinem schonen Blutenduft findet. Ein Drittes muss sie haben, um dessentwillen sie da ist, um dessentwillen sie sich bewahrt, nicht blos die ubliche "Brucke" der Liebe zu den Kindern, sondern eine Idee und ware es die E r z i e h u n g dieser Kinder, eine Erziehung hoherer Art, eine mit Bewusstsein und Gedanken. Immer hab' ich gefunden, dass zuletzt doch in den gleichen Ideen eine unendliche Bindkraft liegt. Zwei Feinde, die sich auch nur Einmal in einer gleichen Idee begegnen, konnen sich versohnen.

Bis zu Maria Verkundigung bleibst Du wol noch in der dortigen Gegend; zur Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen. Ich werde bald meine dreijahrige "schwere Arbeit" antreten und auch meine "Visitation" an der Donau halten. Frau von Gulpen zittert schon wieder, mich Windhack allein uberlassen zu sollen, sich zu denken, dass ich bei meinen alten Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere, ein a tout in der Linken, ein "ich passe" auf den Lippen ... So ging ich am liebsten heim! ... Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht, ich weiss es; ich habe die Ahnung, dass ich noch viel bose Ungewitterwolken sich entladen sehen soll. Der Oberprocurator Nuck bot mir eine Commission an, die ich ablehnte. Cardinal Ceccone kommt von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau. Ihm und dem grossen Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfursten und die Zukunft Deutschlands ans Herz legen. Don Tiburzio Ceccone zu sehen ware mir von Werth; aber von seinem Munde dann auch horen zu mussen, was geschehen soll, um in das Vaterland Leibnizens und Kant's die Luft hinuberzuleiten, die man in den Horsalen des Collegio Romano athmet das konnte mein a tout beschleunigen. Uebrigens droht mir bei alledem eine gewisse Beziehung zu Rom. Auch Dir durfte sie nahen, wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollte ich lese soeben, wahrend ich dies schreibe der Kronsyndikus ist gestorben! ...

Ruhe seiner Asche!

Sorge, dass bei allem, was jetzt etwa zur Sprache

kommen konnte, n u r P r i e s t e r z u g e g e n s i n d ; denn darin hatte Benno Recht: Der Beichtstuhl

Genug fur heute! Grusse ihn von mir meinen

armen Zigeunerknaben! Wer weiss, ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredsam werden muss, wenn er mir, so wie Du im letzten Sommer, aus Grabern der Vergangenheit alte Erkennungszeichen unserer Sunden bringt ! Hast Du nichts mehr von dem Leichenrauber vernommen? ... Grutzmacher und Schulzendorf sind recht verdriesslich uber verfehlte "Pramie" ...

Spat Abend ist's geworden Musik hor' ich schon seit lange nicht mehr Die Tante correspondirt mit ihrer "Familie" und will mich durch eine noch immer nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten "Nichte" uberraschen. Diese letzte ... kam, hor' ich, um Deinetwillen! ... Bona, Bona, i c h hatte die nicht von mir gestossen ... Drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die Chronik der Dechanei wie mit Flammenschrift ... Selbst den Tod des Lolo (von dem Du wol noch nichts weisst) schreibt die Tante auf Fraulein Schwarzens Rechnung ... Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsrathe lasen und belachten alle diese mit Beschlag belegten Briefe ... Um so stolzer erhebt sie ihr Haupt ... Ich hore, sie beherrscht das ganze Kattendyk'sche Haus und niemand mehr, als den Oberprocurator ...

Deine Liebe muss also goldene Locken tragen? Muss im Mondlicht wandeln? ... Seltsam! Seltsam!

Zerreiss diesen Brief n i c h t , s o n d e r n verbrenne ihn! Man hat Falle, dass zerrissene Briefe immer noch gegen uns zeugen konnen, falls man auf den Gedanken kame, nach unserm Tode uns heilig zu sprechen ... Ich glaube, Petronella setzt alles, was sie hat und doch noch zu erben hofft, daran, mir nach meinem Tode diese unverdiente Ehre zuzuwenden ...

Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben ... Der Tod des Kronsyndikus versetzt mich in wehmuthige Aufregung ... Lebe wohl, Bona, und denke nur immer, auch wenn Du vielleicht in diesen Tagen nicht das Beste von mir vernehmen solltest, ich war schwach schwach um der Liebe willen Und so fortan wie bislang Dein treuer Onkel.

So erheiternd auch anfangs die Stimmung dieses Briefes auf Bonaventura wirken durfte, der Schluss regte zu Besorgnissen und befremdlichem Nachdenken auf ...

Dennoch verweilte er nicht zu lange bei den truben Schatten, die mit diesen Gedankenreihen in sein Inneres fielen. Zu sehr hatte er das Bedurfniss des Glucks und jede Vorstellung nahm bald wieder die holdeste, freundlichste Gestalt an ...

So endete der glucklichste Tag seines Lebens.

9.

In ahnlichen, doch zugleich vom tieflastenden Druck der Furcht beschwerten Stimmungen hielt sich auf seinem Zimmer ein Mann, in dessen Inneres wir zum ersten male einblicken wollen.

Nicht lange hatte Armgart in der schwebenden Pein der Ungewissheit uber den Onkel und die Tante zu verharren brauchen ... Einige Augenblicke spater, nachdem Bonaventura gegangen, kamen sie von der Gegend auf Witoborn zuruck ...

Armgart's sturmischen Fragen nach dem Ort, wo sie gewesen waren, nach den Nachrichten, die sie mitbrachten, wurden schroffe Antworten zu Theil. Als sie von einer Verabredung sprach, die hinter ihrem Rukken getroffen worden, um sie dem Vater zu uberliefern, schwieg man ... Aber auch sie verstummte plotzlich; denn Wenzel von Terschka sprach, um einen moglichen Zwist im Keime zu unterbrechen, von ihrer Mutter ...

Er nannte Monika von Hulleshoven die Seltenste ihres Geschlechts, einen Edelstein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menschen, in deren Nahe er hier zu leben so glucklich ware, eine Denkerin ohne die Runzeln der Stirn, die dem Gedankenleben zu folgen pflegten und die Leichensteine der Schonheit wurden, eine Gelehrte, ohne dass man an ihren Fingern die Dinte sahe, eine Priesterin an den Altaren einer noch unausgesprochenen Religion, die alle Menschen verbinden und glucklich machen wurde ...

Auf dies uberraschend enthusiastische Wort ermunterte Paula, die selbst noch wie berauscht war von ihrem geschlossenen Bunde mit Bonaventura, den Sprecher fortzufahren ...

Armgart unterbrach ihn aber und sagte aufwallend:

Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloster keine andere Religion gefunden haben, als die des dreieinigen Gottes!

Auf diese entscheidende Aeusserung trat eine Stille ein und kein behagliches Gesprach liess sich heute mehr anknupfen ...

Nach dem Thee trennten sich alle ...

Als Wenzel von Terschka auf seinem Zimmer war, machte es ihm der Diener so zurecht, wie der "Rittmeister" seither gewohnt war immer den Abend noch zuzubringen ... Vor Mitternacht ging er nie zur Ruhe ... Zwei Zimmer mussten erleuchtet sein ... Auf drei, vier Tischen mussten Lampen stehen; denn auf jedem lag ein Actenstoss von diesem oder jenem Inhalt zu verzweigt war die Geschaftsthatigkeit, der er sich zu widmen hatte ...

Geschaftlich war ihm seither alles vortrefflich gegangen ... Er konnte seinem Gonner und Freunde Grafen Hugo, er konnte der Mutter desselben, jetzt auch schon an Monika Berichte voll erfreulicher Ergebnisse schicken. Die letzten Chicanen, mit denen Nuck noch drohte, waren durch seinen Bevollmachtigten, Benno, gemildert worden. Benno verfuhr mit Entschiedenheit, vermehrte jedoch die Schwierigkeiten nicht. Die Parcellirung war von der Regierung genehmigt. Lob Seligmann hatte die einzelnen Bestandtheile taxirt und schon Angebote vermittelt. Seligmann war hin und her; fur seine Geschaftsthatigkeit hatte er eine neue Provinz erobert; kehrte er nach Kocher zuruck, so blies er sich schon jetzt das Horn einer Extrapost fur die letzte Station, auf der er diese kleine Prahlerei sich gestatten wollte ... Endlich wurde eine bedeutende Geldsumme sogleich flussig durch die an Thiebold de Jonge verkauften Waldungen ... Nach Ostern konnte der neue Besitzstand vollstandig angetreten werden.

Anfangs war in diesem Kreise Terschka der, der er uberall gewesen. Ein Mann von vierzig Jahren und doch noch jugendlich; eine Natur, unheimlich manchem, weil er niemanden Stand hielt, doch erweckte er auch niemanden Furcht oder Besorgniss. Man konnte ihn nur nicht festhalten. Etwas Unstetes lag in seinem ganzen Wesen. Gefallig war er gegen jedermann. Seiner schmachtigen, zierlichen, gewandten Gestalt stand es, da einen Strickknauel aufzunehmen, dort einer Cigarre Feuer zu geben und dabei doch schon wieder einen Befehl zu ertheilen, den er halb schon selbst ausfuhrte. Thiebold fand ihn sogleich superlativ. Terschka schoss einen Vogel im Fluge, selbst im wahrenden Reiten. Seine Kunst, die Pferde zu zugeln, war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Dennoch sagte Benno gleich, nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte: Dieser Mann ist nicht schlecht und doch hat er kein gutes Gewissen! ...

Von der verfehlten Begrussung der Grafin Erdmuthe war Terschka ganz in der Aufregung zuruckgekehrt, die der letzten geheimen Zwiesprache zwischen Monika und der Grafin entsprach, die den Uebertritt derselben zum Lutherthum und eine Vermahlung mit Terschka wunschte. An dem Abend bei Piter Kattendyk hatte er ganz wieder in das Innere dieser jungen Frau blicken konnen, die sich, wie Luther sich aus Rom die Reformation, so aus einem Kloster die Freiheit des Denkens geholt hatte. Er begleitete sie, noch vor dem Auflauf in den Strassen, noch vor dem militarischen Conflict mit den Vereinen, in ihr Hotel, musste aber Abschied nehmen, da seine Ruckreise eines Gerichtstermins wegen unerlasslich war ... Nun schrieb er ihr ... Sie antwortete ... Es waren Briefe der Convenienz, wirkliche oder gesuchte Geschaftsanfragen ... Monika antwortete kurz und wich Dem aus, was ihre Empfindungsweise hatte misdeuten konnen ... Terschka hatte keine Berechtigung, auf das Herz dieser Frau zu rechnen ... Eine Frau empfindet bald, ob eine Werbung aus dem tiefsten Bedurfniss des Herzens oder nur aus der Phantasie entspringt ... Letzteres schien bei Terschka der Fall. Diese seltsame Naturerscheinung, silbergraue Locken auf einem halben Madchenantlitz, korperliche Reize verbunden mit einem durchaus geistigen Leben Terschka hatte sich in den Strudeln der Welt genug umgetrieben, um diese Verbindung neu und anziehend zu finden. Wie Terschka auch jugendlich aussah, im Grunde war er ermudet. Vielleicht hatte er eine edlere Ruhe finden mogen. Vielleicht hatte er gern die Waffen der List und der Kuhnheit, die er zwanzig Jahre lang gefuhrt, niedergelegt zu den Fussen einer Liebe, die ihn dann immerhin hatte tyrannisiren mogen. Vielleicht hatte er das Bedurfniss, gut zu sein oder sehnte sich nach Erhebung. Frauen, die in sich gefestet sind, vermogen viel. Schon Grafin Erdmuthe, die Terschka und ihr Sohn, Graf Hugo, vielfach betrogen hatten, hatte ihn gemildert, gezahmt und als dann eine Monika in diesen Lebenskreis eintrat, empfand Terschka fur sie wie fur ein Wesen, das ihn, so sagte er auch schon in Wien, von sich selbst befreien konnte und neugeboren werden lassen ...

Seit einigen Tagen kam in Terschka's Wesen etwas, was Benno's Wort vom bosen Gewissen zu bestatigen schien ... Vollends seit der Ruckkehr vom Leichenbegangniss, seit dem gestrigen Abend im Finkenhof war Terschka wie zerstort ... Er unterzog sich seinen taglichen Geschaften, er rechnete unten im Rentamt mit den Beamten, sorgte fur die Vorbereitungen der grossen Jagd, war heute wieder fruh in Witoborn, Nachmittags in Heiligenkreuz gewesen, besorgte seine Briefe, wurzte das Gesprach mit Anekdoten, sprach uber die Schweiz, Frankreich, Italien in Rom war er mehr zu Hause, als er zu gestehen liebte aber seine Satze waren abgerissen, seine Uebergange unvermittelt, seine Antworten zerstreut ...

Gleich gestern Abend, wo er vom Finkenhof heimgekehrt war, hatte er sein Zimmer zugeschlossen, die Lampen, die er angezundet fand, ausgeloscht bis auf eine, hatte die Vorhange niedergelassen, als konnten die Pappeln von draussen verratherisch hereinlugen, hatte seine Kleider abgezogen, sich vor den Spiegel gestellt, das Hemd zuruckgeschlagen, den Aermel aufgestreift und auf den linken Arm in dem Moment sein Auge gerichtet, wo es klopfte ... Erbebend stellte er die Lampe nieder, liess den Aermel herabgleiten und rief: Wer da? ... Ein Diener brachte ihm den Brief, den Armgart hatte unterschlagen wollen ...

Nur allein dieser Brief konnte ihn zerstreuen und beruhigen ... Er erbrach ihn, las ihn, las ihn wieder ... Es waren nur einfache Berichte uber die Summen, die die Grafin im Hotel zu bezahlen hatte ... Mittheilungen uber ihren Aufenthalt, den Monika nicht mehr verlangern wollte, obgleich sie ihn in einem bescheidneren Zimmer des Hotels genommen hatte ... Nachrichten uber die Ankunft der Grafin in London und die erste Bekanntschaft mit Lady Elliot ... Kleine Neckereien auch uber Lucinde, die Monika naher kennen gelernt hatte und die sie ihm um so mehr empfahl, als ihre Schonheit und ihr Geist an jenem Abend ihn ja, wie sie schrieb, sofort gefesselt und an eine gluckliche Vergangenheit erinnert hatte an jenen Pferdeankauf im Holsteinischen fur Hugo's Regiment Aber nicht ganz fand Terschka seine Heiterkeit wieder ... Gestern und auch heute nicht ... Der Bruder Hubertus konnte nickt erwahnt werden, ohne dass er errothete ... Soviel er auch heute in der Gegend umherstreifte, er konnte ihm nicht begegnen ... er wunschte das und furchtete es wieder ... Zum Kloster Himmelpfort zog es ihn und wieder jagte es ihn gespenstisch aus dessen Nahe ...

Zu den Besorgnissen, die ihn erschreckten, kam die Entdeckung, die im Benehmen Armgart's lag ... Warum hielt sie ihn heute so fest nach Paula's Vision? ... Was wollte sie uberhaupt schon seit lange mit ihm? ... Errieth sie seine Liebe fur ihre Mutter? ... Mistraute sie dem Briefwechsel, von dem sie sich unausgesetzt erzahlen liess? ... Heute war das auf der Wanderung von Heiligenkreuz mit ihm ein Ton gewesen, der ihn vollig befremden musste ... Dass Thiebold und Benno um Armgart warben, sah er, und ein keineswegs zu scharfes Auge gehorte dazu, sich zu sagen, dass letzterer der Bevorzugte war ... Und dennoch, dennoch begann Armgart seit einiger Zeit ihm eine Theilnahme zu schenken, die ihn zu verwirren anfing ... Was hat nur das seltsame Madchen? sagte er sich ... Auf der Wanderung heute kam sie von der Mutter ab und sprach wie im Traum, bis Terschka ihr geschworen hatte, er wisse nichts von der Nahe ihrer Mutter ... Selbst heute Abend ihr: "Gute Nacht, Herr von Terschka!" wie klang das so suss und herbe zugleich, so innig und doch so beklommen, so absichtlich und doch so zuruckgehalten! ...

Heute wieder schloss sich Terschka ein, was er sonst nie that ... Wieder konnte er erschrecken vor jedem unerwarteten Gerausch ... Dem Diener, der ihm die Zuruckkunft des Rosses von Heiligenkreuz meldete, sagte er bei Gelegenheit des Namens Schneid: Ist das Der, der gestern auf dem Finkenhof unter dem Schutz des buckeligen Stammer erschien und falsch gespielt haben soll? ... Er horte aber nicht weiter auf die Mittheilung, dass Baron Levinus dem Vagabunden nur noch eine dreitagige Frist als Probe seiner Haltung gestattet hatte ... Bonaventura hatte auf Bitten des alten Tubbicke selbst ein Furwort fur den ihm unbekannt gebliebenen, ja ihn vermeidenden Fremdling eingelegt ...

An Monika hatte Terschka jetzt schreiben wollen. Er wollte ihr Vorwurfe machen, dass sie beabsichtigte, wie er von andern horen musse, in die Gegend zu kommen, ohne ihn in Kenntniss zu setzen. Verdien' ich Ihr Vertrauen nicht? hatte er sagen und sein ganzes Gefuhl ausstromen wollen ... O, ich ahne es, Sie werden sich mit Ihrem Gatten verstandigen! Ihr liebliches Kind wird Sie beide verbinden! Die Hoffnung meines Lebens ist dahin! ...

Nie hatte er so zu Monika gesprochen ... Sollte er es heute wagen? ... Heute? ... In den Stimmungen, die ihn seit einigen Tagen erfullten! ... In diesen aufgeweckten Erinnerungen, in den qualendsten seines Lebens? ... In Ahnungen, Schreckensaussichten, die ihm plotzlich gekommen waren bei Nennung des Namens Bosbeck? Bei Erwahnung jener beiden Knaben, die Hubertus einst aus dem Feuer rettete?

Erzahlen wir von Wenzel von Terschka die Wahrheit.

1798 war er geboren und in der That ein Bohme und in der That vom Adel, wenn auch vom armsten.

Sein Vater, einer herabgekommenen Familie angehorend, diente zur Zeit der franzosischen Revolutionskriege im osterreichischen Heere und stand bei Kinsky-Ulanen in jener Heerabtheilung, die anfangs unter Wurmser, spater unter Erzherzog Karl gegen die franzosische Republik am Neckar, Rhein, an der Mosel mit abwechselndem Glucke focht. Seines Adels und Alters ungeachtet war seine Stellung nur gering. Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete die Functionen eines Regimentsquartiermeisters. Ihm, der auf dem Marsche immer fur die sichere Unterkunft der andern sorgen sollte, begegnete es, dass er bei einem Ueberfall selbst von seinem Regiment abgeschnitten und gefangen genommen wurde. Die franzosischen Armeen hatten sich damals in Nassau und bis nach Hessen hin festgesetzt, der Gefangene blieb am Rhein in der alten Stadt St.-Goar. Seine Lage war hart und zog sich in die Lange ...

Es war die Zeit des Rastadter Gesandtenmords, der die Welt mit Entsetzen erfullte man furchtete Rache an jedem gefangenen Oesterreicher ... Der Quartiermeister von Terschka war verheirathet. Seine Frau gehorte dem niedern Burgerstande an. Ursprunglich war sie eine wohlhabende Backerswitwe in einer bohmischen Stadt, die in zweiter Ehe ihr Geschaft verpachtet hatte. Die wenig gebildete, kaum halbwegs deutsch sprechende Frau besass reichlich die Mittel, um dem, wie sie zu ihrem Schrecken in Erfahrung brachte, gefangenen Gatten zu folgen, setzte sich auf die Post, reiste an den Rhein, kam in St.-Goar an, verfiel jedoch, kaum im Wirthshaus abgestiegen, vor Anstrengung und Aufregung in eine Krankheit, die ihr und beinahe auch einem Kinde, das sie unterm Herzen trug, das Leben kostete ... Obgleich sie schon in zwei Monaten Mutter werden musste, hatte sie sich dennoch diese Reise zugetraut ... Sie erlitt eine Fruhgeburt und sah ihren Gatten, der von der oberhalb der Stadt gelegenen Festung herbeieilte, nur wieder, um fur dies Leben von ihm Abschied zu nehmen ... Die Wache, die ihn begleitet hatte, stand voll Ruhrung. Es war ein herzzerreissender Anblick ... Die schon an Jahren vorgeruckte Frau erlag dem Opfer ihrer Liebe. Wenzel, wie die Nothtaufe das kaum athmende Kind nannte, war ein Siebenmonatkind. Daher die eigenthumliche Unfertigkeit und scheinbare Unreife in seinem ganzen Wesen ... Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an sich, besorgte das Begrabniss der Mutter, der Vater schrieb um Mittel nach Bohmen ...

Eine schmerzliche Zeit verging dem Gefangenen auf der Festung Rheinfels, die oberhalb des Stadtchens St.-Goar liegt. Der Rastadter Gesandtenmord schien die Aussicht der Ranzionirung zu vereiteln und liess eine Abfuhrung ins Innere Frankreichs erwarten. Die aus Bohmen erhofften Gelder blieben aus. Der Krieg wuthete am Main und bedrohte sogar schon Thuringen ... Die Hebamme war keine besonders wohlwollende Frau. Sie hatte Noth mit dem schwer zu erhaltenden Kinde und drang auf eine Verpflegung bei andern Leuten, zu der dem Vater die Mittel fehlten ...

Ein Mitgefangener horte das Seufzen und die Klagen des unglucklichen Kriegers, horte das Schreien seines Kindes, das man ihm zuweilen brachte, und schlug ihm durch die Wand, die ihn von seinem Nachbar trennte, eines Tages vor, das Kind an seine Frau zu ubergeben, die heimlich unten im Orte wohne, selbst nur ein Kind hatte und einem zweiten gewiss bis auf weiteres eine treue Mutter sein wurde ... Fur die Heimlichkeit des Aufenthalts seiner Frau in dem Orte gab er Grunde an, die so stichhaltig schienen, dass der Tiefgebeugte kein Arg hatte ... Terschka bewegte sich freier, als der Mitgefangene, der kein erwiesener Verbrecher war, sondern nur wegen mangelnder Legitimation, doch streng gehutet, gefangen sass ...

Die Noth und die Hoffnung auf baldige Ranzionirung bewogen Terschka's Vater, auf den Vorschlag einzugehen. Er erkundigte sich nach seinem Nachbar und nun erfuhr er freilich, dass es ein Mann war, den man fur einen Gauner hielt. Es war ein Jude. Man vermuthete, dass sein angeblicher Name Sontheimer schwerlich sein rechter ware, setzte aber hinzu, dass man sich auch irren konnte. Dass seine Frau im Orte lebte, wusste niemand und da Sontheimer zu dringend gebeten hatte, dass sie nicht genannt wurde, schwieg der Kriegsgefangene und liess sein kaum lebensfahiges Kind an den ihm von seinem Nachbar naher beschriebenen Ort, eine enge, dunkle Gasse dicht am Rhein, bringen ... Wie die Umstande waren, war das ein Gluck fur den Kriegsgefangenen, der durch eine so traurige Verkettung von Umstanden um seine Freiheit, um sein Weib kam und noch obenein die Sorge um ein Kind vom Schicksal auferlegt erhielt! ... Haus und Herd gab es damals fur Tausende nicht mehr ... Mit den Armeen zugleich zogen die Bewohnerschaften zerstorter und geplunderter Ortschaften mit Weib und Kind und wo sich Waaren und Gelder hingefluchtet hatten, da lauerte die Nachstellung und der Ueberfall jener Verbrecherbanden, die wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen verwusteten nordwestlichen und sudlichen Deutschland ...

Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft, obgleich der dazu nothigen Mittel entblosst, an Flucht ... Auf der Festung hatte er freieren Aus- und Eingang, als die andern ... Der Jude Sontheimer wurde nicht ins Freie gelassen, sondern wie der gefahrlichste Verbrecher gehutet, ohne dass man ihm etwas vorwerfen konnte ... Seine wilden Fluche erschreckten oft seinen Nachbar ... Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in solchen Handen ... Besuchte er aber dann wieder Sontheimer's Frau, so fand er ein schones junges Weib, das ihn zwar nur halb verstand (sie war eine Hollanderin); aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten so lebhaft auf ihr Gemuth ein, dass sie oft Thranen, vergoss ... Da wurde ihm freilich klar, dass es mit Sontheimer nicht richtig stand; er forschte dahin und dorthin, suchte, ob sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte ... Aber noch blieb ihm jede Hulfe vorenthalten ... Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Judin bestachen ihn ... er liess sein Kind um so mehr in ihrer Pflege, als sie auch die hingebendste war ... Es kostete bei der schwachlichen Gesundheit des winzigen Knableins nicht wenig Aufmerksamkeit, sein Leben zu erhalten ... Diese Pflege wurde ihm in so wilder Umgebung, bei diesen Durchzugen und Einquartierungen von niemand anders gleich liebevoll und uneigennutzig geleistet worden sein ...

Allmahlich entdeckte der Gefangene durch die Wandgesprache die wirkliche Gefahrlichkeit seines Nachbars ... Der Jude beschwor eines Tages den Krieger, den Gefangnisswarter niederzuschlagen und ihm die Schlussel zu rauben ... Wurden sie auf diese Art frei, so wollte er ihn "furstlich belohnen" ...

Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Verdacht der Sicherheitsbehorden ... Die Welt war damals von Schrecken erfullt vor jenen grossen Verbrecherbanden. Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von Strasburg bis zum Niederrhein alle zerstreuten Elemente des Gaunerthums und der Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise durch die uberwiegende Theilnehmerschaft der Juden wurde bewiesen, wie es sich an der christlichen Gesellschaft racht, wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck, in der Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsubung erhalt. Man zitterte vor Abraham Picard, der unter hundert Verkleidungen und tauschenden Entstellungen seiner Person immer den Handen der Justiz zu entschlupfen wusste und von Holland bis zum Spessart mit seinen Genossen und uberall versteckten Helfershelfern raubte und sengte ...

Mit sich kampfend, was zu thun seine Pflicht war, stand der Kriegsgefangene verzweifelnd zwischen dem Verlangen, die Behorden auf die Gefahrlichkeit seines Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der Sorge fur sein Kind ... Voll Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rathe ziehen ... Von seiner ihn immer begleitenden Wache gefuhrt, kam er in die Stadt und in jene dunkle Gasse. Er sucht die Pflegerin seines Kindes, tritt in ihr Zimmer und findet die Judin entflohen ... Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage verschwunden ... Ausser sich, hielt er jetzt mit keiner seiner Enthullungen, wenigstens uber die heimlich in der Stadt anwesende Frau des Gauners zuruck. Sontheimer wurde mit ihm confrontirt. Er sturzte auf den Verbrecher zu, den er zum ersten mal in ganzer Gestalt sah, verlangte Auskunft uber den Ort, wo sich sein Weib verborgen haben konnte und horte nun, wie dieser kecke, wilde, trotzige Mensch, von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster gesteckten Kopf gesehen hatte, sich mit einer Verschlagenheit herauszureden wusste, dass er aus Furcht vor Rache an seinem Kinde Anstand nahm, noch alles Fernere zu gestehen, was ihm Sontheimer zugemuthet hatte. Listig sagte dieser: Es ist nicht mein Weib gewesen, sondern das Weib eines andern, der mir schuldig ist und den ich in Nimwegen verklagen muss, wenn ich auf freiem Fuss bin! Lasst mich ziehen! Ich heisse Sontheimer, bin ein ehrlicher Mensch und werde euch die Frau in Nimwegen zeigen, wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt!

Geschrieben wurde nun freilich hin und her. Aber gerade dem Niederrhein zu und in Holland wuthete die Kriegsfurie. Stadte geriethen in Brand; in nachster Nahe waren die Bauern der Lahngegend, Hessens, am Main bis zum Spessart hinauf als Landsturm organisirt, mitten in die von der Batavischen Republik heraufziehenden Heere hinein konnte sich der osterreichische Krieger noch weniger wagen, selbst wenn er entfloh. Aus Sontheimer war nichts mehr herauszubekommen. Auch da nicht, als endlich der Kriegsgefangene frei und mit vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zuruckgegeben wurde. Er durfte nicht etwa in seine Heimat zuruckkehren, er musste nach Italien gehen, wo gerade Suworow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen fuhrte. Mit blutendem Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an, liess bei dem "Maire" von St.-Goar die Erkennungszeichen des fluchtigen Weibes und seines Kindes zuruck, bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten, wenn ihnen eine Kunde kame oder wenn der Jude Sontheimer entlarvt wurde, und ging uber Mainz nach Baiern, von dort uber den Vorarlberg nach Tirol und Italien, wo er in der blutigen, fur Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand.

Abraham Picard, der gefurchtete Rauber war es selbst gewesen, der bald nach der Entfernung des unglucklichen Kriegers in seinem Gefangniss auf dem Rheinfels ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch der Schrecken des Landes blieb. Jene junge Frau war in der That nicht sein Weib, sie war seine Schwiegertochter. Ihr Mann, sein Sohn Heyum Picard', verschaffte ihm zuletzt die Mittel zur Befreiung, nahm aber schon vorher sein Weib zur Sicherung mit sich hinweg. Abraham starb auf dem Schaffot, als die gemeinschaftlichen Massregeln aller Regierungen diesem Raubwesen ein Ende machten. In den Niederlanden bildeten sich Freiwilligencorps, um den in ihren Schlupfwinkeln verschanzten Raubern formliche Treffen zu liefern. Oft nach einer Gegenwehr, deren Heldenmuth einer bessern Sache wurdig gewesen ware, fielen die Haupter der Gefangenen bei den Franzosen unter dem Beil des Henkers, bei den Hollandern wurden sie gehangt, manche kamen fur Lebenszeit auf die Galeere. Den nur Verdachtigen oder den unzurechnungsfahigen Kindern der Verbrecher brannte man Erkennungszeichen auf die Haut, um sie controliren zu konnen und ihrer Verstellungskunst zeitlebens sicher zu sein. Die Kinder gab man unter die Obhut beaufsichtigter Familien.

Auf diese Art wuchsen Wenzel von Terschka und Jean Picard zusammen auf in einem hollandischen Dorfe hart an der deutschen Grenze ...

Die Mutter des letztern erlag den Anstrengungen und den Misshandlungen ihres Mannes Heyum Picard schon vor dessen Gefangennahme auf franzosischem Gebiet und seiner Abfuhrung auf die Galeeren von Brest. Sie hinterliess ihren Pflegling sowol, wie ihr eigenes Kind der Aufsicht eines altern Knaben, der bei einem Muller Namens Sterz in Arbeit stand Hanne Sterz, die wir von den unterirdischen Gangen des Professhauses in der Residenz des Kirchenfursten kennen, war einst das Weib eines Hehlers, der auf einer einsam gelegenen Muhle den Gaunern in die Hande arbeitete. Mittel zum Unterhalt fehlten nicht, sogar die reichlichsten gab es. Dieser altere Knabe hiess Franz Bosbeck und gehorte jener Familie des Jehu Bosbeck an, eines Christen und ehemaligen Offiziers, den sein dissolutes Leben bis in die Beruhrung mit den verworfensten Kreisen der Gesellschaft fuhrte und der sogar seinen christlichen Glauben abschwur und Jude wurde. Als seinen und seines Bruders Jan Frevelthaten ein endliches Ziel gesetzt wurde, als eine mit beispielloser Kuhnheit ausgefuhrte Flucht aus einem Thurm in Nimwegen, wo Jehu Bosbeck neunzehn Monate mit den Fussen in Wasser stand, das Signal zu einer gemeinsamen Verfolgung auf Tod und Leben wurde, zogen sich alle zerstreuten Familienglieder, die thatigen und die nur hehlenden, in einem Versteck zusammen, einem Meierhof, der einem Mitverschworenen gehorte. Hier wurden sie umzingelt. Es gab einen Kampf, wie im offenen Kriege. Von Kugeln durchbohrt sanken die Verbrecher, die sich mit Verzweiflung wehrten. Ueber Leichen hinweg sturmten die Corps der Freiwilligen. Die Flammen ergriffen das ganze Anwesen. Das Hauptgebaude, ein stattliches Wohnhaus, war durch die gefullten, in Brand gerathenen Fruchtscheuern eine einzige Feuersglut. Da war es, wo der vierzehnjahrige Mullerbursch Franz Bosbeck, ein Verwandter des Hauptfuhrers, zwei Stockwerke hoch aus den Flammen sprang, in jedem Arm einen Knaben, Wenzel von Terschka im linken, Jean Picard im rechten ... Wohlbehalten kam er auf den Boden; die rauchenden Trummer verbargen ihn in ihrem dampfenden Gewolk, er entfloh, rettete sich zu jener Muhle zuruck und als auch diese in Asche gelegt wurde, irrte er mit seinen beiden jammernden Pflegebefohlenen, abwechselnd bald den Einen, bald den Andern tragend, hinaus in Nacht und Verzweiflung ... Terschka war damals funf Jahre alt, Picard etwas alter ...

Noch zuweilen schreckte Terschka die Erinnerung an diese fruhesten Lebenseindrucke wie ein Fiebertraum. Heute waren es wilde, leidenschaftverzerrte Gesichter, wie sie Rembrandt und Honthorst malte, die er bei Laternenschimmer wurfeln, Karten spielen, zechen sah ... Dann wieder sah er Gold- und Silbergerath aufgehauft, Sacke mit klingender Munze getragen ... Wieherndes Lachen schallte daher dahin. Plotzlich angstliche Ausrufe des Schreckens uber Verrath ... Dann blinkende gezuckte Messer, geladene Pistolen ... er horte fluchen aus einer Mischsprache von Hollandisch, Deutsch, Judisch und Franzosisch ... Nichts aber hatte sich unausloschlicher ihm eingepragt, als jener Schreckensaugenblick des Brandes, des Hulfejammerns, des Sprunges aus dem Fenster. Alles das stand noch oft vor seiner Seele und doch war es ihm schon lange, als konnte es nicht gewesen sein und ware nur die mit der Wirklichkeit verwechselte Erinnerung einer Erzahlung. Aber das Schreckenvolle dieser Erinnerungen wurde durch ein auch ihm eingebranntes Mal immer wieder neu bestatigt. Er erhielt dies Mal ein Jahr nach jener Flucht. Zwar hatte sie ein der Hehlerbande zugehorender Scharfrichter aufgenommen. Ein Jahr wohnten sie am Fusse eines Hochgerichts. Hier, wo die Gerippe todter Pferde im Hofe moderten, hier unter den abscheuerregenden Vorkommnissen des Abdeckens, hier unter den Zurustungen von oft massenhaften Hinrichtungen lebten die drei Fluchtlinge, bis sie dem Scharfrichter zur Last fielen und von ihm der Regierung ausgeliefert wurden. Diese gab ihnen den Stempel und lieferte den altesten zu Schiffe nach Java; den zweiten gab sie nach Frankreich, wo sein Vater in Brest auf den Galeeren sass; den dritten gab sie einer zufallig in Rotterdam anwesenden Kunstreitergesellschaft. Auch diese Trennung von seinen beiden Gefahrten war Terschka unvergesslich. Der gutmuthige Franz Bosbeck weinte zwar nicht, wie er und Jean Picard thaten, aber er schied von seinen Pfleglingen mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes.

Wenzel von Terschka war von seinem achten Jahre an bis zum funfzehnten Kunstreiter. Er kannte im allgemeinen seine Herkunft, sie wurde ihm sogar nach den Untersuchungsprotokollen und den Aussagen des Heyum Picard gerichtlich bescheinigt: aber noch lag die Welt in allgemeiner Kriegsnoth und eine Eroberung der Vater- und Heimatsrechte setzte damals, als Napoleon mit Oesterreich im Kriege lag, fur ein unmundiges, so wenig empfohlenes Kind niemand durch. Halb Europa durchzog Wenzel von Terschka mit einer hollandischen Kunstreitertruppe. Bald war der Knabe der Liebling der Gesellschaft des beruhmten Jan van Prinsteeren und auch der Liebling des Publikums. Seine Behendigkeit und Gewandtheit ubertraf alles. Im bunten Kleide auf dem Rosse, in Paris, in London, in den Seestadten erregte er Bewunderung, bis er einst in Amsterdam Ungluck hatte und ein Bein brach ...

Der grosse Volkerkrieg gegen Frankreich begann jetzt, die Truppe loste sich auf. Ein aus Java heimkehrender Schweizersoldat nahm den langsam Geheilten mit sich nach seiner Heimat, nach dem Canton Unterwalden ...

Zu Stanz war es, am Vierwaldstattersee, wo 1816 fur die neue Befestigung der restaurirten italienischen Staaten schweizerische Mannschaft geworben wurde. Wenzel von Terschka, achtzehnjahrig, nahm Handgeld von den romischen Werbern, die, wie dies fur Neapel geschah, so auch fur den Kirchenstaat, eine ansehnliche Truppenmacht zum Schutz fur unzuverlassige, erst neu hergestellte Zustande zusammenbrachten. Als Lanzenreiter ging er nach Rom ...

An Gelegenheit, sich auszuzeichnen, fehlte es dem ausserlich zwar unscheinbaren, aber mit einer wunderbaren Elasticitat begabten Jungling nicht. Seine Reitkunst ubertraf alles. Auch Muth und personliche Tapferkeit waren ihm nicht abzusprechen, obgleich seine Weise von der seiner fester und sicherer auftretenden uberwiegend schweizerischen Kameraden abwich. Die Schweizersoldaten sind in der Fremde das volle Abbild der heimischen Cantonalzstande; ihre Mannszucht ist von einer unerbittlichen Strenge; der Verkehr der aus den alten Landesgeschlechtern gewahlten Offiziere mit den Gemeinen ist ein streng geschiedener, das Hinaufrucken in hohere Stellen ein den letztern vollig unmogliches. Indess wurde Wenzel von Terschka Instructor der Reitschule. Voll Unmuth uber die Dienststrenge jedoch und von einem sein Gemuth durchwuhlenden Ehrgeiz getrieben offenbarte er sich dem Geistlichen der Truppe. Dieser gehorte den Schweizern selbst als Feldprediger an und erwarb ihm keine Erhorung seiner Wunsche um hoheres Avancement. In dem deshalb immermehr sich steigernden Unmuth verlebte Terschka auf dem schonen classischen Boden qualvolle Jahre. Die taglichen Uebungen auf der romischen Campagna, in der Sonnenhitze, auf den durftigen, schon vom Rosseshuf so vieler Kriege und Volkerwanderungen zerstampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflachen stimmten ihn oft zur Verzweiflung. Er versuchte den Uebergang zu den Truppen, die inzwischen von der papstlichen Regierung selbst organisiert wurden; aber sein empfangenes Handgeld verwies ihn in die Reihen der Krieger, bei denen er nun einmal stand. Zuletzt reclamirte er seine Unterthanenschaft beim kaiserlich osterreichischen Botschafter, durch dessen Kanzlei ihm auch die von ihm erbetenen Eroffnungen uber seine in Bohmen befindliche Familie und sein mutterliches Vermogen zukommen sollten. Aber der strenge geregelte Gang des ganzen romischen Lebens, diese sich uberall dort (wie in einem weitlaufigen Palast, wo an jeder Treppe von Schildwachen uns eine strenge Zuruckweisung wird, wo jede Thur ihre feierliche Aufschrift und ihr drohendes Wappen uns entgegenhalt) beklemmend und angsterweckend gebende Geschaftsform verwies ihn immer wieder auf seine Kaserne, die nicht fern vom melancholischen Forum lag, unter den Trummern der denkwurdigsten Vorwelt, nahe an jenen epheuumwucherten grossen Thermen, die man nicht sehen kann, ohne an die grausamen Zeiten zu denken, wo unter dem Namen der Gladiatoren Hunderttausende in abgesteckten Lagern kostbar gemastet wurden, um als Frass fur die wilden Thiere oder, waren es Pratorianer, fur den nicht endenden grausamen Krieg und die noch grossere Grausamkeit der anstrengendsten Fussmarsche von Indien nach Britannien zu dienen. Oft kam ihm unter den einsamen weidenbewachsenen Hugeln beim Fernblick auf die blauen Gebirge, beim Ahnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres der Gedanke an Selbstmord, an Flucht, Desertion; denn zuletzt schreckte ihn selbst der gewaltsame Tod durch die strafende Kugel nicht mehr.

Da erloste ihn von einem ihm immer qualvoller werdenden Schicksal der Monotonie, der Abhangigkeit im Dienstzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein neuer Unfall. Nicht das Bedurfniss nach Vertiefung seines regen Geistes war es, das ihm Augenblicke des wildesten Einsetzens seines ihm verhassten Lebens gab; nur vorzugsweise der gebundene Ehrgeiz, nur die gebundene Leidenschaft tobte sich aus, als er zum zweiten male ein Ungluck zu Ross erlebte und von einem fur unbezahmbar geltenden Neapolitaner in der That abgeworfen wurde und fur todt auf dem Platze blieb. Sein Wagemuth war durch Umstande herausgefordert, die fast an die Zeiten seines Kunstreiterthums erinnerten. Die Schweizertruppen hatten sich 1821 ausgezeichnet bei Unterdruckung der Aufstande des Montferrat und Piemont. Don Tiburzio Ceccone, der jungere Spross einer Familie der Nobili, war als Vorsitzender der Prevotalhofe gegen die carbonarischen Verschworungen in kurzer Zeit zur hochsten Wurde, zum Cardinalat, gelangt. 1819 war er, wie eine dunkle Sage ging, wie Holofernes von Judith, so von einem fanatischen Burgermadchen Namens Lucrezia Biancchi fast ermordet worden und 1823 sass bei einem Besuche, den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer-Lanciers zur Anerkennung ihrer geleisteten Dienste machte, neben ihm ein Kind von vier Jahren, bildschon wie es hiess, seine, "Nichte", wie Andere sagten, sein eigenes, das Kind jener Lucrezia Biancchi, die noch im Kloster der "Lebendigbegrabenen" lebte ... Neben beiden in angemessener Entfernung, nahe genug, um auf keine Anrede des stolzen, uppigleidenschaftlichen, noch jugendlichen Herrn im schwarzen Kleide mit den rothen Strumpfen die Antwort schuldig zu bleiben, sass, zwar nicht mehr in erster Jugendblute, aber immer noch in der Schonheit romischer Imperatorenmutter und wie eine gekronte Heroine die Herzogin von Amarillas, eine fruhere Sangerin Fulvia Maldachini ... Ringsumher sassen Wurdentrager des romischen Hofes, alle auf einer mit bunten Teppichen belegten, mit Blumen geschmuckten Estrade und den Reitkunsten der Arena zuschauend ... Die Grafin Erdmuthe von SalemCamphausen wurde zu dem Anblick gesprochen haben: "Offenbarung Johannis 16: Und ich sahe das Weib sitzen auf einem rosinfarbenen Thiere und sie war bekleidet mit Scharlach- und Rosinfarbe und ubergoldet mit Golde und Edelgesteinen und Perlen und hatte einen Becher in der Hand voll Greuel und ich sah das Weib trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu"

Wie anmuthig aber, wie freundlich, wie unschuldig machte sich das alles in der Wirklichkeit! Lachen und frohliche Lust auf den Mienen, so rein wie der tiefblaue Himmel uber ihnen, in dem nur wenige rosige Wolkchen wie kleine Montgolfieren schwammen! ... Die Trompeten schmetterten ... Das storte eine Nachtigall nicht, die in den Syringenbuschen nebenan sich einsam glaubte unter ringsum liegenden zertrummerten alten Saulenschaften ... Wie schwatzte man durcheinander! ... Sorbetti gingen im Kreise, die der Koch Ceccone's bereitete, dann und wann mit seiner weissen Tellermutze hervorlugend hinter einem improvisirten teppichbehangenen Verschlage ... Terrassenartig stiegen rings die Hugel hinan und aus Villa und Kloster und hinter alten Tempelsaulen und Thermenbogen guckte die abgesperrte Neugier in das tieferliegende Bild der Arena, der schnaubenden Rosse und der Quadrille, die die besten Lanzenreiter ausfuhrten auf Rossen, die zu tanzen schienen ... Neue kleine goldene Scudis waren gepragt worden mit dem Bildniss des Stellvertreters Christi, zierliche kleine Halbdukaten, mit beziehungsreicher Inschrift aus der Reversseite fur den neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens ... Eine ganze Buchse voll davon ruttelt die kleine Olympia, wie man die vierjahrige Nichte nannte, und plaudert und plaudert, wieviel das Kriegsministerium jedem als buona manchia verabfolge, der die schone Quadrille jetzt zu Pferde tanze ... Kein Sirocco weht ... Leichte milde Fruhlingsluft nach langem Regen ... Ein Duft ringsum, wie herubergefachelt aus den Garten der Hesperiden ... Und nun macht Ceccone sogar Witze und spricht, wenn die Rosse sich nicht nach Sitte auffuhren, zu einem Mitglied des diplomatischen Corps auch von Hesperidenapfeln ... Fragt dann rasch die Frau des spanischen Gesandten ihren Mann: Qu'est-il qu'il a dit? so citirt Eminenz selbst mit grazios lachelnder Miene und so, wie auch nur ein Cardinal lacheln kann, einen Vers aus Guarini's Schafergedichten ...

Luft, Sonne, Licht, Farbe Gluck und Wonne ringsum aber Wenzel von Terschka's Solo mislang doch. Sein Neapolitaner war nicht so leicht gebandigt, wie die Revolution des Generals Pepe. Der kuhne Reiter liegt auf dem Boden und alle halten ihn fur todt ... Dort herauf ragt das Coliseum, wo in solchen Fallen die alten Opfer ruhig aus den Schranken hinweggetragen wurden und der Romer gleichgultig zur Tagesordnung, einem neuen Kampfer, uberging. Ein Kreuz entsuhnt jetzt die wilde Statte und was schuldigst du auch ewig nur Rom so ungebuhrlich an, du greise waldensische Herrin von Castellungo! das Carrousel hort auch hier sogleich auf ... Man tragt den fur todt Erklarten in das Ospizo de Benfratelli ... Die halbe Buchse voll Paolis wird vorlaufig sogleich fur ihn allein bestimmt ... Die andere Halfte der buona manchia erhalten die andern ohne weitern Gladiatorenkampf ... Die Herrschaften brechen auf und fahren von dannen ... Ecclesia abhorret sanguinem "Die Kirche will kein Blut" ...

Wie wurde der Instructor der Reitbahn bemitleidet! ... Man erfuhr: Drei Rippen waren ihm gebrochen ... das Uebrige zur Besinnungslosigkeit that die Erschutterung ... Nun horte man vollends noch, dass der Ungluckliche einen adeligen Namen trug ... Die besonderste Obhut nahm ihn in Schutz ...

Drei lange, traurige Monate lag Terschka bei den Benfratellen und war endlich geheilt. Er erklarte, kein Ross mehr besteigen zu konnen ... Er erbittet seinen Abschied und erhalt ihn auch ...

In der That schleicht er siech und elend in Roms Gassen am Stabe dahin ...

Aus Bohmen hatte Wenzel von Terschka die Kunde erhalten, dass die Verlassenschaft seiner Mutter schon vor Jahren in Concurs gerathen war, Brand hatte ihr unversichertes Eigenthum entwerthet ... auch dachte er nicht mehr gern an Verwandte, die Backer waren. So voll Ehrgeiz steckte er, dass es ihn fast argerte, als der Laienbruder der Benfratellen, der ihn spazieren fuhrte, an dem kleinen deutschen Friedhofe, der dicht an der Peterskirche liegt, sagte: Sehen Sie nur, Herr, fast alle Deutsche, die hier begraben liegen, sind Backer gewesen! Das Backen haben die Romer erst wieder aus Schwaben und Baiern gelernt! Alle diese alten Bilder an den Grabmalern sind deutsche Backermeister!1... Terschka sah kaum hinuber ... Er blickte nur zu den Zimmern des Papstes hinauf, zu den Zimmern des Cardinals Ceccone, der im Vatican ein Stockwerk hoher als der Papst wohnte ... Den Priestern, die im Hospital dienen, erklarte er endlich, als er vollig geheilt war, mit zagender Schuchternheit, dass er wol Lust verspurte, in den geistlichen Stand zu treten ...

Der Orden der Jesuiten war noch nicht lange wiederhergestellt und besonders zu ihnen zog es Terschka, da er sich die Kraft zu einem still beschaulichen Leben nicht zutraute. Er war nun funfundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel gelernt, ausser den lebenden Sprachen. Aber sein Geist war machtig entwickelt gleich seinem Korper er, der zwei Monate zu fruh ins Leben gekommen! Sein Wunsch war ein Wagniss, das ihm mislingen konnte; aber er zeigte sich listig. Er hatte den Muth, an die kleine Olympia zu schreiben und ihr in dem schnell erlernten Italienisch durch ein Sonett zu sagen: "Du susse himmlische Kleine! Sei mein Schutzengel! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg, die mich nicht wieder, wie irdische, im Stich lassen sollen! Ich will fur dich beten bei Ignazius von Loyola, der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der Gottesmutter so nahe steht, hilf mir auch auf diesen Weg, du susser Engel! ..." Olympia, die Tochter jener Lucrezia Biancchi, die sich opferte, um den "Hass des Menschengeschlechts", wie die Carbonari den obersten Richter der Prevotalhofe nannten, zu todten, hupfte mit diesen Zeilen zur Herzogin von Amarillas, ihrer Erzieherin, ihrer Hofdame, wie man sagen konnte Tiburzio Ceccone lebte auf furstlichem Fuss und erzog das Kind der im Kloster der Vivi sepulti lebenden Mutter, die den Tod verwirkt hatte, wie sein eigenes was gab es da nicht alles zu verschweigen und mit Schleiern zu bedecken! ... Die Herzogin zeigte dem Cardinal Abends beim Thee die in leiblichen Versen vorgetragene Bitte des jungen Schweizerlanciers, der Cardinal mit seinem feurigen Casarenkopf lachte und Wenzel von Terschka, dessen Antecedentien man noch nicht vollstandig kannte, klopfte eines an die Pforte des Collegium al Gesu ...

Kommt ihr niederwarts vom ehemaligen Capitol, lasst zur Rechten jene Kapuzinerkirche liegen, wo eine kleine holzerne Figur, in die Gewander eines Wickelkindes eingeschlagen, "Bambino" genannt, als Jesuskind gegen alle Anfechtungen des Lebens angerufen, ja sogar aus der Kirche in Procession abgeholt wird zu Sterbenden oder zu Wochnerinnen, so steht ihr an einem kleinen Platz vor einer Kirche, die die reichste in Rom, nicht die geschmackvollste ist ... Die Facade, die innere Ausschmuckung gehort der Kunstepoche Bernini's. Wagen uber Wagen rollen bei ihren Stufen vor, Bettler in langen Reihen beruhren die seidenen Gewander der vornehmsten Damen und reissen den Eintretenden an der Thur grosse lederne Decken auf, die Vorhange bilden. Drinnen empfangt dich ein mystisches Dunkel, Weihrauch, Lichterglanz, eine stickige Luft von Tausenden. Nirgends wird so laut gebetet, so sicher gesungen, so feurig gepredigt in Rom wie hier. Marmor und Gold sind verschwendet, Grabmaler stehen mit Statuen von grossen Meistern geschmuckt, kostbare Kapellen laufen ringsum; sie haben die bequeme Einrichtung, dass sie unter sich durch Thuren zusammenhangen und als trauliche Winkel dienen, in denen man hinter einem Pfeiler flusternd verweilen oder einer im Schiff zu laut daherschallenden Kanzelrede in aller Stille folgen kann. Am ostlichen Ende liegt eine kleine Ausgangsthur. Sie fuhrt den Durchgehenden auf steinernem Fussboden in einen Nebeneingang man sieht einen dustern Hof, in welchen Fenster eines grossen todtenstillen Gebaudes hinausgehen, das sich dicht an die Kirche anlehnt. Kein Gefangniss ist es, obgleich die Fenster vergittert, ja theilweise mit Bretern vernagelt sind; es ist das Colleg der Jesuiten ...

Terschka's Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert. Ein Oberer empfing ihn, legte ihm Fragen vor und wiederholte diese Fragen noch einmal, nachdem sie schon beantwortet waren. Sonderbar, er fragte nach Dingen, die in vollem Gegensatz zu dem standen, was er ja soeben aus Terschka's Antworten gehort hatte. Sonderbar, dieser hatte gesagt: Ehrwurdiger Vater, ich hatte bereits bemerkt ! Ein andermal: Wenn ich schon gestand, keine todte Sprache zu kennen, so kann ich doch nicht Griechisch wissen ! Terschka ging ... Der Obere nickte ihm freundlich nach ...

Niemand liess sich aber bei ihm wieder sehen. Er wohnte noch immer bei den Benfratellen ... Er war vergessen ... Wochenlang ...

Tag um Tag verging ... Terschka gerieth ausser sich. Die Benfratellen klarten ihn auf. Der Obere hat Ihren Charakter prufen wollen! Sie sind ungeduldig! Nur deshalb stellte er sich Ihnen vergesslich und schwachsinnig, um zu sehen, ob sich bei Ihnen eine heftige Selbststandigkeit Ihres Wesens zeigen wurde ...

Terschka verstand jetzt das Benehmen des Obern. Voll Verzweiflung uber sich selbst wollte er wiederum an die kleine Olympia schreiben ... Thun Sie das ja nicht! hiess es allgemein ... So geh' ich noch einmal zu dem Obern! ... "Er wird Sie abweisen! Warten Sie in Geduld!" ... Vier Wochen wartete Terschka. Dann rief man ihn in der That wieder ... Er hatte "Geduld" bewiesen ...

Ein anderer Oberer erschien und lobte Terschka, dass er sich beherrscht und nicht gemahnt hatte. Auch er fragte vielerlei und Terschka antwortete schon viel ruhiger und mit grosserer Vorsicht. Nur als der Obere sagte: So bleiben Sie denn jetzt gleich hier! und Terschka erwiderte: Ehrwurdiger Vater, ich habe erst meine Sachen zu ordnen! da veranderten sich die Gesichtszuge des Examinators ... Wieder hatte Terschka nicht bestanden. Wieder hatte er einen andern Willen als man vorausgesetzt ... Er ging, seine Verkehrtheit schon ahnend.

Und neue vier Wochen verstrichen, die er warten musste!

Der Novize seufzte, aber er war schon demuthiger geworden. Sehnsuchtig ging er an dem Collegium voruber, sah zu den Fenstern des riesigen Gebaudes auf; jede Wallung, anzuklingeln und sich in Erinnerung zu bringen, unterdruckte er und als man dann ihn endlich wirklich rief, schlich er ruhig und ergeben in das ihm angewiesene Zimmer ...

Man gab ihm ein Neues Testament, den Thomas a Kempis und Rodriguez uber die Gesellschaft Jesu. Er konnte kein Latein. Er musste dies und alles ganz von vorn erlernen in seinem funfundzwanzigsten Jahre! Aber alle Besuche, die er von zwei zu zwei Stunden bald von diesen, bald von jenem Ordensgliede empfing, verliessen ihn mit dem Zeugniss, das sie den Oberen ablegen konnten, der junge Noviz besasse Geist und seltene Welterfahrung. Ausserordentlich schien er gefallen zu haben. Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen, das er schriftlich beantworten musste. Er konnte es deutsch oder italienisch thun ...

Schon in dieser Aufforderung zur vollstandigen Darlegung seines Lebens lag fur ihn ein Anlass zu mancherlei Besorgniss. Sein Leben enthielt so gefahrvolle Dunkelheiten! Das Mal am Arme! Sein erster Beruf war der einer schnoden Schaustellung seiner Person gewesen! Wie konnte er auf eine kunftige Priesterweihe hoffen! Er verzweifelte; denn zum Erfinden von Ausreden und Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern schon ganz den Muth. Fast war es ihm auch, als kame man hier am siegreichsten durch, wenn man sich in allen Lagen ein fur allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt und so bloss darlegte, wie man wirklich war ...

Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wunsche zu sein, als er in dem gedruckten Formular auf eine Stelle stiess, wo es hiess, dass er sechs Monate noch ausserhalb des Hauses der Gesellschaft leben musste und erst sechs verschiedene anderweitige Proben durchzumachen hatte! Er traute seinen Augen nicht. Wieder ein halbes Jahr seines Lebens verlieren? Von jetzt an es war zur Zeit der Sommermitte bis zu Weihnachten wieder in einen halben Zustand zuruckversetzt, wieder auf sich selbst angewiesen, auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens? Er hoffte auf Erlass dieser Bedingung und glaubte an eine in diesem Statut nur so enthaltene und ausser Uebung gekommene alte Formlichkeit. Man holte dann das Blatt ab. Drei Tage vergingen. Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle theil, schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied, das ihm zusagte, herausgefunden, da wurde ihm mit freundlichster Miene angekundigt, dass er auf sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen hatte: einen Monat sollte er bei den Schulern des Collegium germanicum wohnen, einen Monat in San-Michele Kranke pflegen, einen Monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen in der Runde seinen Unterhalt durch Betteln suchen; dann zuruckkehrend sollte er im Collegium taglich einen Monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgrunden der Religion unterrichten, im sechsten Monat sollte er allen Predigten beiwohnen, deren in den hundert Kirchen Roms drei oder vier taglich und zu verschiedenen Zeiten gehalten wurden und daruber Referate geben und bei allen diesen Proben zu gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache erlernen ...

Aufschreien hatte Wenzel von Terschka mogen vor Verzweiflung, aber schon band er sein Bundel und schickte sich an, ruhig die Vorschrift zu erfullen. Sein Auge blinzelte etwas; er hatte schon bemerkt, dass wie beim Opfer Abraham's der Wille hier manchmal fur die That genommen wurde; er hatte schon bemerkt, dass man allmahlich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten versteht. Und in der That, man liess ihn zwar aus seiner Zelle schreiten, wies ihn aber doch nur zwei Stockwerk hoher, um ihn zu jenen deutschen Knaben und Junglingen gelangen zu lassen, die in Rom zu Priestern erzogen werden. In dem machtigen Gebaude war auch fur diese Platz. Ein Rector empfing ihn, lachelte seines Alters, sprach ihm Muth zu und alles das in deutscher Sprache; Pater Xaver war aus dem Innviertel. Ein rothes Kleid mit einem schwarzledernen Gurtel musste Terschka anlegen, wie seine Genossen. Um funf Uhr musste er aufstehen, das Sakrament in einer Kapelle besuchen, dann in einer Zelle Betrachtungen lesen, sie auswendig lernen, hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes Fruhstuck nehmen, zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu sprechen waren; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des Abends, wo im Nu sammtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schuler auf hartem Lager sich dem Schlaf empfehlen mussten. So erst acht Tage lang. Dann aber wurden die Vorschriften leichter. Gluckliche Hoffnung, die ihn beseelte, er wurde die funf ubrigen Monate erlassen bekommen! Sie erfullte sich theilweise und in erfreulichster Art. Er brachte sie sammtlich bei den deutschen Junglingen zu, deren Unterricht er zu theilen hatte. Schon die Scham, unter Knaben ohne Bart verweilen und Latein von vorn beginnen zu mussen, beflugelte seinen Lerneifer. Er, der das Leben schon in allem kannte, was der naturliche Mensch mit Ungestum zu fordern pflegt sass hier auf der Schulbank, doch sein Kleid und sein physischer Bau liessen ihn dabei wenigstens ausserlich so jung erscheinen, wie die neunzehnjahrigen ...

Seltene, aber gluckliche Stunden waren es, wenn die rothgekleidete Schar in den ihr eigenthumlich angehorenden Weinberg wandern durfte, um dort einen Nachmittag, meist ballschlagend und wettlaufend zuzubringen. Dieser Weinberg lag nicht weit von seiner ehemaligen Kaserne, auf den Hohen des Monte Colio, dicht an einer Kirche, die von aussen die merkwurdigste, von innen die abschreckendste aller romischen Kirchen ist. Gerade den deutschen kunftigen Priestern hat man die Rotunde des heiligen Stephanus gewidmet, einen alten, sehr denkwurdigen Bau, der mit Bildern grauenhafter Art geschmuckt ist. Ausschliesslich scheint sie dem Martyrium gewidmet. Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der heiligen Agathe auf der Erde; ein Tiger krallt seine Tatze in das Fleisch eines nackten Junglings; der heilige Hippolyt wird, mit seinen Fussen an fluchtige Pferde gebunden, dahingeschleift es ist eine blutige Anatomie, eine Morgue, in deren Anschauung gerade die deutschen Junglinge in Rom Erholung finden mussen! Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewahrte Besuch in den Garten des Heiligen Vaters auf dem Quirinal. Die blauen, gelben, grauen Jesuitenschuler erfreuten sich damals dieser Gunst noch ofter, als die rothen; jetzt lernt man auch die Bedeutung dieser rothen Junglinge schatzen. Wie berauschend, wie ewig an Rom fesselnd, bei Sonnenglut in diesen herrlichen, haushohen, kuhlen Boskets von geschnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco, ein Kegelspiel, zu spielen! Unter dieser Fulle von Oleandern, bluhenden Aloes und Cactus! Unter diesen zahllosen Orangenbaumen, deren Bluten die Luft mit berauschendem Duft erfullen! Ringsum tobt und wogt das larmende Rom, die Wagen fahren, die Brunnen schaumen auf diesem hochgelegenen Hugel verbirgt sich hinter einer chinesisch absperrenden hohen Mauer, dicht an dem Palast der zweiten Residenz des Heiligen Vaters (der Lateran, die dritte, ist ein Stiefkind der Papste geworden), ein Garten, geschmuckt mit allen Reizen der Natur. So dicht gezogen und beschnitten sind die edelsten Platanen, dass es unter ihnen bei gluhender Mittagshitze kuhl ist, Springbrunnen platschern, die Lacerten schleichen unter den grossen, bis zum Boden wuchernden Feigenblattern dahin, Marmortische und Sessel laden zur Ruhe in den erquickendsten Schatten, den jene zwei Stockwerk hohen geschnittenen engen Myrten- und Ligusterhecken hervorbringen helfen sie sind in der Breite so schmal, dass man fast nur allein, nicht im Selbander durch sie hindurchschreiten kann. Hier reinigte die balsamischste Luft alle vier Wochen einmal die Brust vom erstickenden Schulstaub. Terschka, der Mann, der schon auf einer ansehnliche Hohe des Lebens Angekommene, der mit Erinnerungen schon fur ein halbes Leben Ausgestattete, konnte hier eine Weile vergessen, dass er wieder zum Kinde geworden, konnte die marmornen Hermen bewundern, die rings von Epheu und Myrte umschlossen in den Boskets standen und oft Frauenbilder der alten Romerzeit von seltener Schonheit darstellten. Zwei dieser Hermen erklarte er in still unterdruckter, noch nicht abgeschworener Liebesglut fur die Herzogin von Amarillas und das kunftige Jungfrauenbild der Olympia. Sie sind noch jetzt von jedem zu finden vor dem kleinen Casino des Papstes, dicht in der Nahe der Treibhauser, unter Gruppen von Aloes, zwei weibliche Kopfe voll Starrheit, Verwegenheit und jener Sphinxschonheit, die Terschka in seinem spatern Leben nur zweimal wiedersah, bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden unter den Offizieren in Kiel sagte er's damals ...

Nachdem Terschka nach zweijahrigen Studien ins Collegium wieder hinunterzog, gaben seine Generalbeichten mancherlei Anstoss. Sein vergangenes Leben widersprach den Anspruchen, die die Kirche an die Unbescholtenheit ihrer Priester macht. Sie duldet keine Entstellung des Rufes wie des Korpers, keine schwachlichen, krankhaften Gestalten, nichts, was irgendwie dem Makel der Welt verfallen ist und etwa dem Geist das Uebergewicht verleiht auch Pater Sebastus hatte nicht die Weihen empfangen. Aber Wenzel von Terschka bot alles auf, sich Erhorung zu verschaffen und eine Vergessenheit der Jahre, wo er als Kind und Knabe unter Raubern und Gauklern lebte. Eine thatkraftige Natur muss zu einem Ziele, das sie sich einmal gestellt hat, irgendwie hindurch. Sie bereut vielleicht spater die Anstrengungen, die sie machte, um des nicht befriedigenden Lohnes willen; aber den Werth des Lohnes, wenn man auch schon seine Geringfugigkeit ahnt, erwagt der nicht, dem eine Laufbahn Muhen macht und dessen Kopf voll Ehrgeiz steckt. Selbst den schon unbedingt gegen ihn entscheidenden Anstoss des Brandmals auf seinem Arme, das durch nichts hinwegzutilgen war, das jeder chemischen Beize, jeder blutigen Operation widerstand, uberwand seine Geduld, sein inbrunstiges Bitten, zuletzt seine Intrigue; denn so unmoglich es fast war, ausserhalb des Collegiums einen Briefwechsel zu unterhalten, Terschka ubersandte wieder einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtete wieder ein Sonett an Olympia Maldachini ...

Die Kleine, die als Italienerin von funf Jahren schon so entwickelt und willensstark war, wie eine Deutsche von acht, setzte ihrem heiligen Georg Schild und Lanze durch ...

Die Vater lachelten und schienen eigenthumliche Plane zu haben.

Terschka erhielt die Sottane, den schwarzen Leibgurt, die schwarzen Strumpfe und Schuhe ... sein Haupthaar wurde geschoren.

Ecco un nuovo fratello! rief eines Tages bei Tische der Novizenmeister den ubrigen Novizen zu ...

Grafin Erdmuthens Ausruf hatte damals Recht gehabt ... Terschka war Jesuit.

Fussnoten

1 Thatsachlich.

10.

Funf Jahre vergingen dann ... Terschka zahlte schon dreissig, als er Profess der drei Gelubde wurde, der Armuth, der Keuschheit, des Gehorsams. Nun wurde er Priester aller Weihen. Zwei Jahre spater, kurz nach der Julirevolution, legte er das vierte Gelubde ab, Gehorsam dem Heiligen Vater, unbedingtes Sichverwendenlassen fur jeden ihm auferlegten Zweck. So stand er auf dem Gipfel seiner Wunsche.

Und keineswegs war er unbefriedigt. Der Autodidakt liebt sein Wissen, das er sich muhsam errungen hat. Er liebt es mit mehr Begeisterung, als ein von fruher Jugend an dafur Geschulter. Und welche Bewahrungen gab es nicht! Dienen musste er unausgesetzt, knechtisch dienen, aber zugleich konnte er nach andern Richtungen hin oft auch schon souveran befehlen ... Jede Stufe der Unterwerfung mehr auf der einen Leiter gab auch zugleich auf einer andern eine Stufe der Erhohung. Er besuchte die Horsale der wenige Schritte vom Collegium entfernt liegenden Universitat. Hier, wo Hebraisch und Physik nicht nur in demselben Auditorium, sondern oft auch von demselben Lehrer vorgetragen wird, legte er den Grund zu einer Fulle von Thatsachen, die sein Inneres machtig hoben. Und diese Erweckung, diese stete Gegenstandlichkeit und Bewusstheit des Denkens! Schon die Anleitung zu den "Vorspielen" des Geistes oder zur "Erleuchtung"! ... Bonaventura kannte sie, diese Kunste der "geistigen Lesung" und der "Vorspiele"! ...

Eine Betrachtung z.B. uber das Verjagen der

Wechsler aus dem Tempel musste so geordnet sein:

Erst ist der einfache Stoff zu lesen; dann schlagt im

Collegium plotzlich eine Glocke mit dem ersten Schlag derselben stellt man sich rasch einige Schritte vom Betpult entfernt, denkt sich Gott und die Heiligen u n m i t t e l b a r gegenwartig, fallt auf die Knie, kusst die Erde und beginnt die lebendigste P h a n t a s i e v o r s p i e g e l u n g eines Tempels, eines erhabenen Baues mit Saulen, mit einer, wie beim Pantheon halb eingebauten, halb in der Vorhalle aufgeschlagenen Reihe von Buden ... Das Geld klimpert, die Wechsler, wie sie nur auf der Via Condotti oder auf dem Corso stehen mit ihren Napoleond'ors und Papierscheinen, Wucherer mit Habichtnasen, wie sie nur unter den Tuchhallen am Eingang des Ghetto zum Kauf einladen, bieten ihre Waaren an, ubervortheilen, schreien schreien in die Messe der Santa-Maria Monticelli hinein, in die Klingel des Ministranten ... Nun erscheint der Heiland, das Haar von Lichtglanz umflossen, die Farbe des Rocks ist roth, der Ueberwurf blau, die Junger stehen neben ihm ... Niemand von den Schreiern weicht aus, niemand achtet die Andacht derer, die der heiligsten Procession sich schon verneigen ... Da ergreift Christus vielleicht einem Tempelvogt (Ausmalung seiner Tracht) die Geissel, wirft die Tische um, das Geld rollt weit auf die Strasse hinaus, das Volk wagt nicht einmal es aufzuraffen, der heilige Zorn ist wie Donnerrollen, sein Auge wie Feuerlohe ... "Mein Haus ist ein Bethaus und ihr macht es zur Mordergrube!" Das schallt dann in die Welt hinaus ... Nutzanwendung ... endlich Gebet ... So ist nach Jesuitenanleitung jeder Vorfall der heiligen Geschichte zu erfassen, so zu umschreiben, so in seine kleinsten Bestandtheile zu zerlegen und die G e d a n k e n ordnung nur innerhalb der Ruhestationen des s i n n l i c h e n Vorgangs zu wahlen ... Die Wechsler: das ist die Sunde; der Augenblick der Reinigung: das ist die Busse; der Zustand nachher im Tempel: das ist die Erlosung ... Endlich die Vergleichung mit der Gegenwart und die Nutzanwendung auf das innere Herz ... bis das Ganze im "Colloquium mit Gott", mit Gebet, schliesst ... In dieser Weise wollte auch Mullenhoff versuchen, die Exercitien auf dem Schloss der Frau von Sicking einzurichten.

Fur Wenzel von Terschka gab es immer mehr Bewahrungen. Selbst seine ritterlichen Kunste boten dafur Gelegenheit und wurden sogar absichtlich und ausdrucklich befordert. Die jungen Vater bestiegen zwar nicht selbst das Ross, aber sie voltigirten; Reck und Barren, wie bei den Turnern, fehlten nicht. Auch beaufsichtigten sie da und dort die Erziehungsanstalten. Hier besonders bewunderte man den "Pater Stanislaus"! ... "Stanislaus" nannte sich Terschka nach dem heiligen Stanislaus von Kostka, jenem jungen Polen, dessen erster Lebensschmerz damit begann, dass er von seinem Hofmeister und seinem alteren Bruder 1564 gezwungen wurde, zu Wien im Hause eines Lutheraners zu wohnen. Dieser junge Heilige wurde vom Beten und Nachtwachen, wie der heilige Aloysius, das Beichtvorbild unsers Thiebold, elend, kam von allen Kraften und naherte sich dem Tode. Da konnte er die heilige Wegzehrung nicht erhalten, weil sie der lutherische Wiener nicht in sein Haus gebracht haben wollte ... Nun erschien dem Knaben die heilige Barbara mit zwei Engeln zur Seite und brachte ihm die ersehnte Speise. Doch sollte er nicht sterben. Maria kam in jeder Nacht und setzte das Jesuskind auf die Decke seines Bettes und sagte ihm jedesmal, wenn er mit diesem gespielt hatte: Stanislaus, tritt in die Gesellschaft Jesu! Stanislaus von Kostka fand fur seinen Wunsch in Wien nirgends Gehor. Der Provinzial der Jesuiten verlangte eine vaterliche Bescheinigung. Der Vater, ein Senator der Krone Polens, schrieb von seinem Schlosse Rostkau im Posenschen, dass er diesen Beruf seines Sohnes nimmermehr wunschen konne. Stanislaus flehte den apostolischen Nuntius an. Vergebens. Er mochte klopfen an welche Thur er wollte, niemand erwies ihm damals in Wien die Gnade, ihn Jesuit werden zu lassen ... Da rieth ihm der Provinzial: Wandere gen Rom zu Franz Borgia, unserm General selbst! ... Also that er. Er entsprang seinem Hofmeister, seinem Bruder, zog Bettlerkleider an und ging uber Augsburg zunachst nach Dillingen ... Hier im Jesuitenkloster musste er bei Tisch bedienen und die Stuben kehren. Canisius, der beruhmte M o r a l l e h r e r der Jesuiten, entliess einen seinem Vater entsprungenen Sohn vollig einverstanden gen Rom ... Franz Borgia empfing ihn dort voll Gute und schutzte ihn vor dem Zorn des polnischen Senators, der jetzt die Diplomatie zu Hulfe nahm, um sein Vaterrecht zu behaupten ... Stanislaus wurde Priester. Er war ein Muster jener "sussen Andacht", die ein Antlitz wie mit Rosen verklaren kann. Ihm musste befohlen werden, nicht zu lange zu beten. Das wiederholte sich und wurde sein Todesstoss ... An den Folgen der Wehmuth, dass man so oft seine Andachtsglut unterbrach, starb der Jungling, achtzehn Jahre alt. Man sprach den Martyrer des verweigerten Betens heilig. Wenzel von Terschka hatte als Slawe ein Vorrecht auf seinen Namen, als es bei seiner Priesterweihe gerade drei Bewerber um den Namen Stanislaus gab. Dafur musste er in der Kapelle San-Andrea, dicht in der Nahe der schonen Garten des Quirinals, drei Nachte an dem Bild seines Heiligen wachen, an jener Statue, die den sterbenden Jungling Stanislaus von Kostka darstellt, der Korper von weissem, die Kleider von schwarzem, das Bett von gelbem Marmor ...

Eines Tags wurde Terschka zum General der Jesuiten, einem Hollander, gerufen und erfuhr dort in hollandischer Sprache folgende, ihn machtig ergreifende Anrede:

Pater Stanislaus! Die Stunde ist gekommen, wo Sie durch Bewahrung im Dienste Ihres Ordens Ihre Schuld der Dankbarkeit abtragen konnen!

Der Pater verneigte sich ... Er ahnte einen schon seit lange mit ihm bezweckten Plan ...

Es sind Ihnen grosse Indulgenzen zu Theil geworden! fuhr der General fort. Sie haben Wohlthaten von der Kirche erfahren, die zu den seltensten Fallen gehoren! Der Empfehlung Ihrer Gonner werden Sie zeitlebens verpflichtet sein ...

Terschka verneigte sich tiefubereinstimmend. In den letzten Jahren war die besondere Protection des Cardinals Ceccone nicht mehr sichtbar gewesen, aber er bedurfte sie auch nicht, da seine Anschlagigkeit anfing, sich alle Wege zu bahnen, und er selbst mit seiner Lage zufrieden war ...

Ich liess einen Rath uber Sie halten! begann der General aufs neue. Man sprach fur Sie und auch, wie es das Gesetz will, gegen Sie! Eine Stimme gab den Ausschlag, die, dass Sie vermoge Ihres ganzen Naturells dem Orden am besten dadurch dienen wurden, wenn Sie in die Welt zuruckkehren! Ein Redner das wurden Sie nicht; zur Gelehrsamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe; Ihr praktischer Sinn ware es, in dem sich alle Ihre Vorzuge und Ihre Fehler zu einer moglichst guten Nutzanwendung vereinigten!

Terschka's schon grundlich jesuitisch gewordenes Naturell grubelte, wer wol sein Anklager gewesen sein mochte ... Dergleichen war schwer zu erforschen. Seiner schmiegsamen Natur gelang es vielleicht. Doch wusste er, diese Contra mussten ja bei einem Gericht stattfinden, Fehler mussten mit Gewalt aufgesucht werden, nur um der Gerechtigkeit nichts zu vergeben ... Taglich wurde man so geubt im Beurtheilen der andern ... Gingen zwei Jesuiten spazieren, so musste einer vom andern berichten, was sie unterwegs gesprochen hatten ...

Fassen Sie keinen Groll gegen irgendjemand! fuhr der General fort, der die in Terschka's Innerem sich entwickelnden Gedankenreihen ubersah. Scheiden Sie von uns allen wie von Ihren Freunden! Auch nicht einer ist, der Ihnen nicht Gerechtigkeit widerfahren liesse; nur sind die Gaben mannichfach vertheilt und je mehr Ihnen der eine vom Einen nahm, desto mehr musste er Ihnen vom Andern lassen! Vorzugsweise besitzen Sie Ein Talent das Talent, sich beliebt zu machen! Viele versuchen sich darin. Nie aber sah ich so gluckliche Erfolge, wie bei Ihnen! Sie werden in Wahrheit von uns allen vermisst werden ...

Pater Stanislaus lachelte bescheiden und harrte voll Spannung ...

Der Auftrag, der Ihnen ertheilt wird, hangt mit unsern Missionen zusammen ...

Mit unsern Missionen! ... Terschka erwartete ein Reiseziel jenseit des Meeres ... Seine Wunsche waren indifferent, doch schien die Aussicht, jenseit der Meere oft grosse Gefahren bestehen zu mussen, nicht besonders lockend ... Dennoch beherrschte er sich ...

Jetzt lachelte sogar der General. Er musste Pater Stanislaus bewundern, der nicht eine Miene verzog oder sonstwie seinen Verdruss zu aussern wagte ...

Ich meine die innere Mission, setzte der General hinzu, die Verherrlichung unsers Ordens in der Sphare der Luge und des Abfalls! Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Norden, von dem Sie herkamen! Zunachst auf den grossen deutschen Kaiserstaat! Erinnern Sie sich, dass kurz nach dem Schisma, das die Kirche dem abgefallenen Augustinermonch verdankt, Oesterreich zu sieben Achttheilen zu sieben Achttheilen! von Rom abgefallen war! In Wien konnte ein Lutheraner sagen: In mein Haus lass' ich nicht die heilige Wegzehrung bringen! ... Durch uns ist das Kaiserreich in den Schoos der Kirche zuruckgefuhrt worden! Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach ... Sei Ihnen vorlaufig diese Mittheilung uber Ihre kunftige Verwendung als Anlass zur Prolusio empfohlen ...

Damit war Pater Stanislaus fur heute entlassen ...

Zur Prolusio ! ... Zum Vorspiel der Phantasie ! Aber wie nahm das Wort des Generals auch jetzt den ganzen Menschen gefangen! ... Terschka war Monch, Jesuit, Priester geworden, um sich aus einem Leben aufzuschwingen, das seinem Ehrgeiz nicht entsprach. Adeliger Geburt und dennoch musste er dienen ... dienen in einer Stellung, die ihm keine weitere Erhohung fur die Zukunft darbot ... Er ergriff den geistlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar. Nichts hatte er gewusst, als fremde lebende Sprachen, er wurde durch den Orden ein Mann hoherer Bildung. Dass es andere Bildungsformen in der Welt gab, als die ihm gerade hier zu Theil wurden, ahnte er, aber er musste wol die vorziehen, die gerade das aus ihm machten, was er fur jetzt anders nicht hatte geworden sein konnen. In der That besass er keine Rednergabe. Selbst in der Schule bewahrte er sich nicht. Aber in der Erziehungsanstalt, die durch das Collegium geleitet wurde, gab es vielerlei von ihm glucklich beaufsichtigte Unterrichtsgegenstande; Reiten, Tanzen, Fechten wurde gelehrt. Das ja hat die Erziehung durch Jesuiten so begehrt gemacht. Eitle Schaustellung und Unterhaltung der Phantasie war von jeher und ist die Grundlage der Erziehungsanstalten, die Jesuiten leiten ... Terschka lernte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen, die ihn wahrhaft blendete. Was nur im Menschen uber den schwierigen philosophischen Unterschied zwischen "Gut" und "Bose" schlummert, hier fand er Ausspruche dafur voll Kuhnheit und blendenden Schimmers. Der Wille wurde in dem Grade von der That getrennt, dass beide in eins zusammenfallen konnten und dennoch unterschieden wurden. Der Wille konnte rein und schuldlos bleiben, er konnte die That unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht sein, sondern nur ein Ergebniss der Natur. So haben nicht die Materialisten unserer Tage die Willensfreiheit geleugnet, wie die Moral der Jesuiten schon lange die That zum Ergebniss der Umstande macht. In den mislichsten Situationen deckt sie dem Willen immer noch den Rucken. Listig und verschlagen, wie Terschka's Sinn von Natur war wenn nicht so sehr aus Wohlgefallen am Bosen, doch aus dem Bedurfnis seine Kraft zu uben, und um der Voraussetzung willen, dass eben Bildung, diese ersehnte Bildung, zur Wehr und Waffe des Geistes werden musste und es mit sich brachte, uberall Widerstand zu leisten lernte er, Bildung ware die Kunst, sich das Leben spielend und ohne den mindesten Schein einer Gewalttatigkeit dienstbar zu machen.

Welche Vorstellungen weckte jetzt die "Prolusio"! Eine Mission nach Oesterreich! Der Abfall von der Kirche! Die verschiedenen Mittel und Wege, die einst eingeschlagen wurden, um sieben Achttheile einer grossen Bevolkerung wieder in den alleinseligmachenden Schoos der Kirche zuruckzufuhren! Seine eigene Herkunft war vielleicht eine hussitische! Welche Studien weckte diese Anregung auf dem Gebiet der Geschichte, welche auf dem Gebiet der menschlichen Seele! Pater Stanislaus brannte auf die Enthullungen, die ihm wurden zu Theil werden. Ja er dachte sich einen tief angelegten Plan entweder auf Bohmen oder Ungarn, wo es noch Protestanten genug gab ... Verstand musste zu seiner Aufgabe gehoren; denn das durfte er sich sagen, von seinem Namensheiligen hatte er nichts, was im mindesten auch seinem Antlitz einen rosigen Verklarungsschimmer gegeben hatte; wenn er betete ihm war der Befehl, nicht zu lange zu beten, niemals gegeben worden.

Erst nach vierzehn Tagen machte der General der Ungewissheit des jungen Professen ein Ende ...

Ihre Vorfahren, sagte er, eine Ahnung Terschka's bestatigend, als beide wieder allein auf der einfachen, allen andern Wohnungen gleichen Zelle des Generals waren, Ihre Vorfahren waren Hussiten! Abtrunnige waren auch sie schon vor Luther! Wir haben aber deren in Italien noch fruhere! Es sind die Waldenser! Sie leben noch jetzt mit immer wieder nachwuchernder, unzerstorbarer Kraft im Piemont! Eine Grafin von Salem-Camphausen, die hinterlassene Witwe eines osterreichischen hohen Militars, Protestantin, beschutzt sie von einem ihr angehorenden Schlosse Castellungo aus! Es liegt zwischen Cuneo und Robillante, in dem bluhenden Thal, das sich von der Alpenstrasse des Col de Tende abwarts senkt! Die Umtriebe dieser Frau uberschreiten alles Mass! Sie hat die Konige von Preussen, England, Schweden und Holland aufgerufen, den Waldensern grossere Freiheiten zu gewinnen, als sie unter einer rechtglaubigen Bevolkerung in Anspruch nehmen durfen! Gelang es schon in alten Tagen, das schone Salzburg zu entvolkern und seiner reichsten Unterthanen zu berauben, die man zuerst mit dem Gift der kaum uberwundenen Ketzerei verdarb und dann mit Geld und Gut in die protestantischen Lande lockte; gelang es erst in unsern Tagen, sogar aus dem altglaubigen, so gottgetreuen Tirol Colonieen nach dem uns gleichfalls wieder zuruck zu erobernden Schlesien zu entfuhren: wie soll es werden, wenn mit Hulfe Englands immer weiter auch in das Herz Italiens hinein rechthaberisches Bibellesen und streitsuchtiges Dogma sich verbreitet? Dem Frevel dieser deutschen Grafin ist ein Ziel zu setzen! Fur ihre Dreistigkeit gebuhrt ihr ebenso eine Zuchtigung, wie ein Vorbau den Erfolgen, die sie erringt oder erringen konnte ...

Die Aufregung des Generals war so gross, dass er aus der italienischen Sprache wieder in sein heimatliches Idiom verfiel. Terschka konnte, wie er wusste, mit volligem Verstandniss folgen ...

Diese gefahrliche Frau, fuhr der General fort, hat einen Sohn, der in diesem Augenblick bei einem kaiserlichen Reiterregiment noch als Lieutnant steht ... Er wird aufsteigen. Sein Glaubensbekenntniss ist das seiner Mutter. Sein Name ist ein hochgefeierter, wenn auch seine Mittel gemessen sind. Binnen kurzem durften ihm bedeutende Reichthumer zufallen; denn eine zweite, rechtglaubige Linie, im Innern Deutschlands, ist im Begriff auszusterben. Es existirt nun zwar eine alte Urkunde, der zufolge die Bedingung, unter der die wiener Linie diese grossen Besitzungen der andern Linie antritt, die Religion der aussterbenden sein musse ... Diese Urkunde findet sich leider nicht. Sie wird seit Jahren gesucht ...

Terschka horchte nur immer ... Ein eignes Urtheil zu fallen wurde er nicht aufgefordert und fallte selbst keines ... Er wartete auf die genauere Angabe des Gegenstandes, auf den er zu achten hatte. Von der Weisheit der Vater seines Ordens war er vollkommen uberzeugt ...

Der General verweilte jedoch nicht bei der Urkunde, sprach nicht von der Kunst jenes deutschen Convertiten Caspar Scioppius aus der Pfalz, der sein ganzes Leben an die Verherrlichung der Kirche gesetzt hat und seinerseits einer der beruchtigsten Falsarien war. Unter der Autoritat von Kaisern und Konigen und mit dem Titel eines Grafen von Clara-Valle falschte er im 17. Jahrhundert Stammbaume und Urkunden, veranlasste Processe dadurch und entschied sie. Vierzehn Jahre lebte er in Padua bei verschlossenen Thuren, aus Furcht, von seinen Gegnern, die zufallig Jesuiten waren, ermordet zu werden ... Er hasste sie und sie hassten ihn, nicht ihrer Moral wegen, nicht seiner Falsa wegen, sondern weil sie ihm sein Latein corrigirt hatten und er ihnen vorwarf, dass im Gegentheil sie keins schreiben konnten ...

Terschka lauschte mit athemloser Spannung; aber auch heute blieb die ihm gestellte grosse Aufgabe wiederholt nur im Stadium der Prolusio ...

Der General sagte:

Findet sich die Urkunde, so ist ein Familienabkommen getroffen, dass die letzte Erbin der Dorste-Camphausen sich mit dem letzten Erben der Salem-Camphausen vermahlt eine Rechtglaubige mit einem Ketzer! Findet sie sich nicht, und alle Zeichen sprechen dafur, so fallen an eine ketzerische Familie unermessliche Reichthumer, in eine rechtglaubige Provinz kommt ein ketzerisches Element, das Scandalum jener Vorgange im Piemont findet reichere Nahrung und das alles von einer Seite her, wo sich die Kirche einer solchen Storung am wenigsten versehen sollte, aus einer Gegend, wo die Wohlthaten der Rechtglaubigkeit ein Gemeingut sind und Maria Theresia sich bis auf den letzten Augenblick straubte, jene gottlose Vernichtungsbulle unseres Ordens, die That eines unglucklich Verblendeten, der glucklicherweise nur im Auftrag der uns schutzenden und glorreicher wiederherstellenden Vorsehung handelte, auch in i h r e n Staaten zu vollziehen!

Mit dieser Anregung der Phantasie wurde Terschka aufs neue entlassen ... Ueber die Andeutung jenes Widerstandes der Kaiserin Maria Theresia gegen die Bulle: Dominus ac redemptor kam er bald hinweg ... Maria Theresia gab der Aufhebung der Jesuiten erst dann ihr Placet, als man ihr, um sie von der Gefahrlichkeit, Wortbruchigkeit und Ungeistlichkeit der Jesuiten zu uberzeugen, von ihrer letzten einem Jesuiten gesprochenen Beichte aus Madrid eine Abschrift schickte ... Terschka wusste, dass der Orden diesen Verrat auf eine Intrigue der uber ihren Fall frohlokkenden Dominicaner schob ... Aber welche Fulle der Beziehungen doch! Welche Aussichten der Bewahrung! Was sollte geschehen, was von ihm gefordert und unterstutzt werden? Welche Hulfsmittel, welche Verbindungen gab es fur ihn? Wohin hatte er die Reise zu richten? Zu jener so muthvollen, herausfordernden Grafin? Zu jener jungeren Paula? Sollte die Urkunde gesucht werden? Sollte die gemischte Ehe gehindert oder, wie so oft, in dem Sinne "dirigirt" werden, dass der junge Offizier seine Confession anderte? ... Allmahlich trat in seine Combinationen immer mehr das Bild dieses jungen Kriegers ein. Er malte sich ihn aus in allen seinen Lebensbezugen. Es uberkam ihn eine Ahnung, dass er vielleicht in dessen Nahe geschickt werden sollte ... Diese Ahnung betrog ihn nicht. Der General eroffnete ihm nach einiger Zeit, dass er in die Nahe des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geschickt werden sollte. Mitwirkungen und Erleichterungen wurden ihm genannt werden. Seine Aufgabe leitete sein Souveran in folgender Weise ein: Wir wunschen, dass Graf Hugo katholisch wird! Die Rucksichten auf seine Mutter und ihre Umtriebe, auf jene Provinz und die Erbschaft, im eventuellen Falle auf die Ehe, sind die nachsten und dringendsten Aufforderungen, drohenden Gefahren zu begegnen. Zuletzt ist das Werk auch schon an sich ein wohlthatiges. Doch ist es nicht leicht. Wir haben uber den jungen Krieger Nachrichten, die fur eine grosse Verehrung seiner Mutter sprechen. Solange sie lebt, wurde er ihre Irrthumer schonen und schwerlich ihr die Strafe zufugen, die sie schon um ihrer Umtriebe willen gegen den Bischof von Cuneo und das Kapitel von Robillante verdient! Auch denkt der Orden nicht an ein plotzliches und schnell errungenes Resultat. Wir arbeiten in allem nicht fur die Minute, sondern fur das Jahr; ein Jahrhundert bedarf es, um durch Tropfen einen Stein auszuhohlen Sehen Sie die Statue des Sanct-Peter auf dem Vatican! Wer mochte glauben, dass man einen Fusszehen von uralter felsenfester Bronze so allmahlich hinwegkussen kann! Es gehort dazu eben ein Jahrtausend. Ihre Aufgabe geht in eine weite Fernsicht. Sie durfen sich Zeit dazu nehmen. Sie durfen Ihr ganzes Leben daran setzen und mussen es, um die Absicht nicht zu verrathen, die Sie mit Ihrer Handlungsweise verbinden Sie legen Ihr geistliches Kleid ab! Der Orden dispensirt Sie von jeder Rucksicht auf Ihren Stand! Sie bleiben, was Sie sind nie verwehend ist der Duft des heiligen Oels, das Sie salbte! Aber selbst das Zeichen der Demuth auf Ihrem Haupte mussen Sie schwinden lassen Sie erhalten ein Patent als ein auf unbestimmte Zeit beurlaubter Rittmeister in papstlichen Diensten! Denn gerade darin, dass Sie diesem Anschein, ein Krieger gewesen zu sein, auch wirklich zu entsprechen verstehen, lag liegt der Grund, warum gerade Sie zu Ihrer Aufgabe gewahlt wurden ...

Wenzel von Terschka stand betaubt ... Darum hatte man an seiner Vergangenheit keinen Anstoss genommen ... Darum gleich anfangs keine Erinnerung an seine vergangene Laufbahn ... Die Aussicht, mit der Erhebung, mit der Bildung, die er jetzt empfangen, ein weltliches Leben aufs neue, wenn auch nur zum Schein beginnen zu konnen, machte ihn schwindeln ... Der Stand, eine hohere gesellschaftliche Stellung, als die sein Vater bekleidete alles wieder aufs neue, wenn auch in anderer Art, anerkannt ... Gehoben und gehalten von unsichtbaren, machtigen Handen Er vermochte kaum sich zu sammeln und dem in aller Wurde, mit feierlichem Ernst, ja mit Fanatismus ihm geschilderten Plane in allen seinen Einzelheiten zu folgen ...

Es ist unwahr, wenn man behauptet, Ignaz von Loyola oder seine Schuler hatten gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Dies Wort findet sich nirgends in ihren Constitutionen. Aber der Dechant von Sanct-Zeno, Franz von Asselyn, sagte schon einst zu Bonaventura, als dieser uber ein Pamphlet eiferte, das die "Geheimen Verordnungen" der Jesuiten neu wieder abdrukken liess: "Du hast Recht, mein Sohn, diese Schrift ist eine Luge, die seit zweihundert Jahren entlarvt ist! Ich weiss es, ein polnischer Jesuit schrieb diese Monita secreta aus Rache an dem Orden, der ihn ausstiess, weil Hieronymus Zaorowski zugellos und unsittlich war und die Strafe seiner Obern verdiente. Nie haben diese Anleitungen zur Erbschleicherei, zur Verfuhrung jugendlicher Gemuther, zur Bereicherung des Ordens, zur Verhetzung der Ehen, Verhetzung des Staatsfriedens, in den Gesetzen der Gesellschaft gestanden, aber die Monita secreta sind ein Codex ex post! Sie sind die niedergeschriebene Praxis des Ordens! Sie sind die Tradition neben dem Grundtext! Der Talmud, wie mein alter Freund Leo Perl gesagt haben wurde, die Mischna und Gemara neben der Thora! Jener rachsuchtige Pole erzahlte scheinbar als verlangte Vorschrift, was sich nur durch die Verderbnis des Ordens allmahlich als selbstverstandlich in ihm festgesetzt hatte. Ich nehme ja einige glanzende Erscheinungen des Ordens aus. Aber die Gefahr desselben ist darum dieselbe, die Gefahr, die schon in seinem eigenen Wesen liegt, sogar in einer an sich geistvollen und denkwurdigen Eigenthumlichkeit desselben ... Die Jesuiten konnen fur sich ein grosses Verdienst in Anspruch nehmen. Sie konnen sagen: Ihr alle habt bisher nur den Christen im Auge gehabt; wir sind die ersten Priester gewesen, die auch dem Menschen ihre Aufmerksamkeit schenkten! Die Seele ist es, die ein Lieblingsstudium dieses Ordens wurde. Die Jesuiten, zu allen Zeiten von einem brennenden Ehrgeiz getrieben, wagten es, mit der Philosophie einen Wettkampf einzugehen. Sie wollten dem Christenthum die grossten Glorien erwerben, selbst die, einen Cartesius uberflussig zu machen Da mussten sie denn wol in die Arena des Denkens steigen! ... Und nun dachten sie den Menschen. Sie dachten ihn in der ganzen Schwache, die uns Priestern durch den Beichtstuhl gelaufig wird. Sie dachten ihn mit jener unsaglichen Geduld und Liebe, die wir fur die Ausubung unsers Amtes gerade nach dieser Seite hin stundlich empfinden mussen. Sie dachten ihn in jenen steten Momenten der Reue, der Halbheit, der innern Wehmuth, die Grosses will und doch in der Ausfuhrung wieder der Natur unterliegt, und so entstand ihr beruchtigtes System der Erwagung, der Rucksicht, der Entschuldigung, der halben und der Viertel-Sunde, jener sogenannte Molinismus, der sich zuletzt noch unter dem Einfluss der von Paris und Versailles ausgehenden galanten Courtoisie und sentimentalen Veredelung fruherer Roheit und Brutalitat der Hofsitten in eine Moral der ewig lachelnden und achselzuckenden Duldung verwandelte und in die Absicht, in die Intention, in den Ruckhaltsgedanken die moralische Verantwortlichkeit setzte, ganzlich die hohere und wahre Sittlichkeit preisgebend!" ... Fur Wenzel von Terschka gab es kein anderes Denken, als das in den Formen dieses Molinismus ... Dass die Absicht des Ordens, den Grafen Hugo von Salem-Camphausen katholisch zu machen, eine hochst lobliche war, bezweifelte er nicht. Er harrte der Anleitung, wie er gerade als papstlicher Rittmeister en retraite ein solches Ziel fordern sollte ...

Der General sprach:

Sie erhalten eine Liste von Affiliirten in Wien! Geldmittel nicht im Ueberfluss; denn es wird sogar nothig sein, dass Sie Schulden machen! Sie sollen eben suchen, sich dem jungen Grafen auf die naturlichste Art zu nahern! Sein Sinn ist offen und leicht. Das gemeinschaftliche Band konnte Ihr altes Metier sein! Die gleiche Vorliebe fur P f e r d e durfte die Gelegenheit zur ersten Anknupfung geben. Stellen Sie sich ihm nach kurzer Zeit als in Ihren Mitteln gebunden vor. Thun Sie das so, dass Sie dabei nicht allzu entblosst erscheinen, so wird er Vertrauen fassen! Sind Sie dankbar, so haben Sie sein Gemuth gewonnen. Ihre Vergangenheit war abenteuerlich genug. Sind Sie auch daruber zum Grafen Hugo leidlich aufrichtig, so bindet die Offenheit. Von Ihrem Priesterstand darf naturlich nicht die Rede sein ... sogar sehr, sehr selten von der Religion!

Terschka fand alles das in der Ordnung. Er fand, dass man auf diese Weise einen hochgestellten jungen Mann, von dem man eine Ruckkehr zur Kirche wunschte, am besten beobachten liess. Und als er nur noch zweifelnd aufhorchte, als er horte, wie doch die Religion als Gesprachsstoff zwischen ihm und Grafen Hugo ausgeschlossen sein konnte sagte der General:

Man kann die Ruckkehr zu unserm Glauben mit Gewalt fordern, man kann sie aber auch von selbst entstehen lassen aus einem still sich meldenden Bedurfniss unsers Gemuthes. Aus welchen Stimmungen wahlt man nicht das Gewand des Monches! Sie, Bruder Stanislaus, traten in den Orden zunachst aus Ehrgeiz. Bei Gelehrten ist es oft der Ueberdruss an der Unfruchtbarkeit ihrer Forschungen. Fursten und Standespersonen wechselten den Glauben infolge der Reue uber ihr vergangenes leichtsinniges Leben. Graf Hugo liebt das Vergnugen. Vielleicht kommen Stunden der Erschopfung, die dem Heil seiner Seele gunstig sind. Diese benutzen Sie zu leichten und ganz wie zufalligen Erweckungen. Wir lassen Ihnen zu dieser Beobachtung Zeit. Leben Sie so harmlos mit ihm wie Sie wollen! Gehen Sie auf alle seine Verhaltnisse ein! Geben Sie uns nur dann und wann Bericht; das Uebrige findet sich ...

Mit diesen dunkeln, nur der Ahnung von einem zuckenden Streiflicht erhellten Andeutungen verliess der Pater die Zelle des Generals, in drei Tagen das Collegium, in acht Tagen Rom. Seine Vorbereitung zur Rolle eines papstlichen Rittmeisters machte er in dem Gasthofe der Croce di Malta.

Vorher hatte er sich gern noch dem Cardinal Ceccone empfohlen ...

Er wagte deshalb beim General eine Anfrage, erhielt die Erlaubniss, bat im Vatican um eine Audienz und erhielt sie bewilligt bei der Herzogin von Amarillas, bei der der Cardinal jeden Abend nach englischer Sitte den Thee trank ...

Die stolze Romerin, die einst in Rollen wie Semiramis geglanzt hatte, vor Jahren in Paris einen spanischen Herzog heirathete, der bald starb, und die dann in ihrer Vaterstadt anfangs mit gemessenen, spaterhin reichen Mitteln ein Haus machte, empfing ihn allein und mit dem Stolz einer Frau, die allenfalls auch eine der Kaiserinnen hatte sein konnen, die sie ehemals spielte ... Es war der Kopf jener Herme aus den Garten des Quirinals ...

Sie war in Deutschland bekannt und unterrichtete Terschka in der Art, wie man die Deutschen behandeln musse ... Fest und bestimmt! sagte sie. Denn dies Volk ist voll List und Verschlagenheit! Dies Volk ist um so gefahrlicher, als es sich die Miene der Ergebenheit und Treuherzigkeit gibt! Nie hab' ich eine falschere Nation gefunden, wie diese und ich bin viel gereist ! Ohne Charakter ist sie in allem! Ich habe die schonsten und vornehmsten Frauen gesehen, die dem Konig Hieronymus den Hof machten und seine Gunst zu gewinnen suchten. Und dabei ruhmen sich diese, besonders in der vornehmen Sphare so gesinnungslosen, unpatriotischen Deutschen fortwahrend ihrer Treue und Ehrlichkeit!

Terschka kannte Deutschland wenig und liess sich belehren ...

Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungsmassregeln, ohne zu wissen, in welchen Auftragen er nach Deutschland zu reisen hatte ...

Erst jetzt, in den gegenwartigen Stimmungen Terschka's, kam ihm die Erinnerung, dass die Herzogin von Amarillas damals sicher von einer Gegend sprach, die mit der, in welcher er sich jetzt befand, die namliche war ... Sie hatte damals Namen genannt, die seinem Gedachtniss erloschen waren ... Immer sinnender, immer vor sich hinbrutender hatte sie gesessen, das Haupt auf die vergoldete Lehne eines hohen Rococosessels gestutzt, ja nicht einmal bemerkend, dass Olympia in einem seidenen Kleide durch die Zimmer rauschte, die "Nichte" des Cardinals, ihre Schutzbefohlene ... Dem jungen, inzwischen herangewachsenen, wenn auch nur kleinen Madchen, das ihr dunkelschwarzes lockiges Haar mit einem goldenen Reifen umschlungen hielt und einen fast gehassigen, medusenhaften Ausdruck des Kopfes bekommen hatte, war die Erinnerung an den Tag in der Reitschule ganzlich entschwunden ... Die Herzogin erinnerte sie daran ... sie erwahnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte, die ja Pater Stanislaus aus dem Collegium an sie geschrieben hatte ... Olympia machte eine spottische Miene und wandte sich kalt und gleichgultig ab ...

Inzwischen wurde der Cardinal gemeldet ...

Wenn in Rom ein Cardinal einem Privathause die Ehre seines Besuchs ertheilt, muss ihm die Herrin desselben mit zwei Wachskerzen auf silbernem Leuchter entgegengehen und ihn wie einen Fursten schon an der Treppe empfangen ...

Tiburzio Ceccone, der noch jugendliche, lebensmuthige Lenker der Gerechtigkeit im Kirchenstaat, erschien als ein noch immer schoner, imponirender Mann in der Tracht der Cardinale, wenn sie ausserhalb ihrer Functionen sind, im schwarzen Habit habille mit rothem Vorstoss, rothen Knopfen, kurzen schwarzen Beinkleidern, langen rothen Strumpfen, rothem Sammetkappchen, daruber ein langer schwarzer Krampenhut, auf dem Rucken ein schwarzes Abbemantelchen ...

Der Cardinal entsann sich vollkommen des Paters Stanislaus und erkundigte sich mit forschend zusammengedrucktem Auge nach dem Ziel seiner Reise ... Die Befangenheit Terschka's, der ihm ausweichend antworten musste, mochte er sehen, doch machte ihn seine Liebe zu Olympia so zerstreut, dass Terschka reden konnte, was er wollte er wurde nur zu allem wie abwesend genickt haben ... Offenbar war er uber Terschka's Mission im Unklaren. Er pries die Fortschritte der Gesellschaft Jesu, namentlich im Kaiserstaate, und sprach von einer Stadt an einem grossen Flusse, wo ihre Hauptniederlassung sein sollte. Die Herzogin glaubte gleichfalls eine solche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu kennen, nannte aber den Fluss nur klein. Sie verstandigten sich beide in der Geographie Deutschlands wie uber ein Land, das im Grunde ein einziger grosser wuster Wald ware, bewohnt von einem Geschlecht von Menschen, die an Unbildung und dabei, wie die Herzogin wiederum hinzufugte, an Verschmitztheit ihresgleichen suchte. Sie ihrerseits schien Witoborn an der Witobach, der Cardinal Linz an der Donau im Auge gehabt zu haben Deutschland war ihnen beiden ein und dasselbe Sibirien.

In Gnaden entlassen, empfahl sich Terschka, reiste ab und nahm bereits in Venedig seine neue weltliche Tracht an. Ueberall producirte er den Pass, der ihn als einen beurlaubten papstlichen Rittmeister bezeichnete. Sein Talent, sich in seine neue Rolle zu finden, musste bald sogar ihn selbst uberraschen. Hatte er nicht annehmen mussen, dass, wie gewohnlich, ihm ein Wachter gestellt ware, der alle seine Schritte beobachtete, er wurde seine Freiheit in vollen Zugen genossen haben.

Bald fand sich eine Gelegenheit, die Bekanntschaft des Grafen Hugo zu machen.

11.

Die erste Begegnung mit dem damals schon dreissigjahrigen Grafen Hugo fand in Bruck an der Leitha statt, wo dieser in Garnison stand.

Wir schildern sie nicht, da sie sich schon aus allem entnehmen lasst, was wir von Terschka's personlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Grafin Erdmuthe wissen.

"Das ist ja ein Jesuit!" hatte der edlen Frau sofort bei der ersten Bekanntschaft mit diesem neuen Freunde ihres Sohnes eine innere ahnungsvolle Stimme gerufen. Ein Beweis auch zugleich, dass Terschka damals noch ganz die Weise des Paters Stanislaus hatte.

Damals war Terschka noch hoflich bis zum Unterwurfigen, zart bis zum Sussen. Er sprach und horte zugleich auf das, was neben ihm von andern gesprochen wurde, und billigte es zwischen seine eigene Rede hinein, wenn er sie auch doch inzwischen fortsetzte. Er vertheidigte nichts, was irgendjemand unangenehm beruhren konnte. Er sprach von seiner Jugend mit einem verklarten Blick gen Himmel und folgte der Phantasie der Grafin bis auf die Anfange der Hussiten, bis auf die Trommel aus Ziska's Haut, bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquisten all diese Vielseitigkeit und Nachgiebigkeit lernt sich aus der Kunst der "Prolusio". Geistig war er so biegsam, wie er nun auch wiederum korperlich werden konnte. Seine Reitkunst war die magische Kraft, die bald den jungen Offizier und dessen Kameraden an den papstlichen Rittmeister ausser Diensten fesselte.

Nach einem halben Jahr empfand Terschka wol die vielen Bedenklichkeiten, die sich aus dieser Verbindung fur seine Gelubde ergaben. Ueberhaupt welches war das Ziel, auf das er zusteuern sollte? Der Graf hing sich an ihn mit der ganzen Innigkeit, die jungen Mannern in jener Zeit eigen ist, wo hunderterlei Vorkommnisse ihrer frohlichen Lebenslust Rath, Beistand, bald Schmeichler, bald Warner bedurfen. Bald schon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terschka unternehmen. Terschka wurde der Vertraute aller seiner Liebes-, Ehren- und Geldhandel. Terschka's Klugheit, seine im Grunde schuchterne und masshaltende Denkweise, seine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushulfe. Dann sich aber dabei selbst freihalten von den Einflussen eines solchen Umgangs, vermochte der Genosse nicht langer. Es gab Spiel- und Trinkgelage, Abenteuer, wie sie Boccaccio geschildert hat: wie sollte der Priester sich verhalten? Er bat seinen Vorstand in Rom um eine Beruhigung seines Gewissens.

Aus allem, was er erfuhr, trat ihm klar entgegen, dass ihn die oberste Ordensgewalt aller Rucksichten und Pflichten des Gewissens entband. Der Rittmeister Wenzel von Terschka sollte mit dem Grafen Hugo von Salem-Camphausen zwar nicht ganz nach den Worten des Mephisto verfahren:

"Umgaukelt ihn mit sussen Traumgestalten!

Versenkt ihn in ein Meer des Wahns!"

sollte ihn nicht absichtlich in die Verderbniss locken, damit er auf der letzten Stufe des erklommenen Tempels der Freude niedersinke mit erschopfter Kraft und Terschka in der Gewalt hatte, dann das eroberte Opfer dem Schoos der Kirche zuzufuhren (oft hatte die Kirche diesen Triumph erlebt) aber begleiten durfte ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt, durfte leben wie er, lieben wie er; nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen. Mitten in diesem Taumel sollten die Ruhepunkte, die schon fur den Grafen zuweilen eintraten, dann und wann fur harmlose Erweckungen benutzt werden; Erweckungen, die jedoch nur gelegentlich, ganz nur wie zufallig und absichtslos einzustreuen waren ... So wenigstens beschied man ihn ...

Wie jedoch der menschliche Geist einmal ist, so kann er, wenn auch noch so geschult, niemals fur sich gutsagen, wo ihm das Gluck der freien Bewegung zu Theil wird. Terschka lebte mit dem Grafen Hugo bald von seinem Zogling Dirigirte. Vollkommen hatte er mit der Zeit verstanden, was er sollte; er hatte Winke und Anweisungen erhalten, die in zweifelhaften Fallen sogar eher das Schlimme, als das Gute zu wahlen anriethen und so war er dem naturlichen Zuge seines fast gleichalterigen Freundes gefolgt, ergab sich ihm mit voller Anhanglichkeit, liebte ihn und liess sich von ihm beherrschen, statt dass er ihn beherrschte. Die Berichte, die er nach Rom einsandte, wurden unwahr. Terschka gab Zusicherungen uber Richtungen des Gemuthes, in die sein Zogling verfallen ware, die jeder Begrundung entbehrten. Nun kam die Furcht der Obern, der junge Graf konnte in solcher Stimmung wol gar in die ascetische Richtung seiner Mutter verfallen. Kannte man auch ohne Zweifel im al Gesu das deutsche Sprichwort: "Der Weg nach Rom geht uber Herrnhut!" so wurde doch die ganze Bemuhung verfehlt gewesen sein, wenn der Graf sich zuletzt in die Leitung seiner Mutter begeben und deren separatistische Entschiedenheit angenommen hatte. Demnach ertheilte man die Zustimmung zu dem Bedenken, ob Terschka die Kraft des weiblichen Princips, das den Grafen in leichterer Weise beherrschen konnte, verstarkte. Damals war ein eigentumlicher Collisionsfall im Leben des vornehmen Cavaliers eingetreten. Jene Angiolina, die er in der dalmatinischen Stadt Zara bei einer Kunstreitergesellschaft gesehen hatte, war von ihm in einem gemuthlichen Zuge seines Wesens, das von plotzlichen Einfallen beherrscht wurde, vor acht Jahren ihrer Truppe abgekauft und in eine Pension gegeben worden. Das elfjahrige, bildschone Madchen hatte er dann und wann wiedergesehen, stets mit einer machtigen Erregung seines Gefuhls. Immer uberraschender, immer reicher entfaltete sich die Bildung Angiolina's. Einmal gab er sie weit fort aus seiner Nahe, nur um sich nicht hinreissen zu lassen und nicht seinem Gefuhl zu folgen. Die Neigung Angiolina's fur ihren Wohlthater war die gleiche. Auch sie floh die Bestrickung ihres Herzens, wenn der schone junge Mann im glanzenden Harnisch vor ihr stand, das sonst so feurige Auge in milder Dampfung auf sie niedersenkend. Einige Jahre lang wahrte dieser Kampf. Terschka wurde der Vertraute. Er nahm zuletzt Partei fur den Gedanken, ein so reines Bild nicht zu zerstoren. Graf Hugo hegte ihn selbst und litt doch darunter. Oft warf er sich dem Freunde an die Brust und rief: Ich kann nicht ohne sie leben! Von Rom kam eine dunkle Weisung, die fast an das Wort der Schrift erinnerte, dass ein Sunder dem Himmel lieber ware, als zehn Gerechte ...

Pater Stanislaus sah das Mass der kunftigen Reue sich mehren, wenn Verhaltnisse eintraten, die nicht auf die Dauer so bleiben konnten. Die "Prolusio" malte es ihm aus: Endlich verlasst doch ein so vornehmer Herr seine Geliebte wieder vielleicht war es eine Verbindung wie die Ehe die Grafin Paula verlangt nicht nur ihre standesmassige, sondern die volle, auch sittliche Hohe ihrer Rechte als Gattin der im stillen gedemuthigte Gatte wird schwacher und schwacher und muss der Gattin zuletzt ein Opfer bringen, jenes, das, wenn auch stumm, die Gattin und die Kirche verlangen ... Aqua Toffana das der Jesuitenmoral! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntniss unserer Natur gezogen! Wo ist da noch Sunde, wenn das Leben des einzelnen nur ein Theil einer grossen Maschine wird, die wiederum nicht ein einzelner dirigier, sondern ein grosses Ganzes, das Anfang, Mitte und Ende immer zugleich im Auge hat! Damit die Olive das klare, fliessende Oel wird, muss nicht nur ihre saftige Hulle, auch ihr Kern zerstampft, auf der Muhle zermalmt werden; was kummert dich die zerstorte schone Frucht, wenn aus ihr ein Hoheres hervorgeht, das der Einzelne, haftend an der fluchtigen, wenn auch schonen Erscheinung, gar nicht ahnen kann? Und es gibt eine Linie, die, trotzdem dass sie nur Einem Pole zustrebt, doch schwankend ist wie die Magnetnadel, die Grenze zwischen "Gut" und "Bose". Die Uebergange sind oft schroff; ganz deutlich unterscheidet sich das Oel vom Wasser; aber ebenso oft auch rinnen sie ineinander und das schwache Herz, der Sunde schon verfallen, glaubt immer noch unter der Herrschaft reiner und gerechtfertigter Instincte zu stehen! Shakspeare sah die Jesuiten erst entstehen. Sein Richard III., der im Stande war ein Weib am Sarge ihres ermordeten Gatten fur sich zu gewinnen, hatte jenen Basiliskenblick, der erstarren macht und jede moralische Entschlussnahme todtet. Klingsohr, der, eben von der Leiche seines Vaters kommend, in einer dunkeln Nachtstunde von einer wild tyrannischen, imponirend damonischen, seinen Idealen vom alten Feudalgeist des Mittelalters entsprechenden Natur uberredet wird, sie zu schonen da gehen die schwindelnden Wege im Nachtleben des menschlichen Gemuthes, die niemand sicherer zu wandeln weiss uber Dorn und Klippe, fest an der Hand haltend den, den sie fuhren, als die Jesuiten ... Wie sollst du dich dem Menschen nahen? Der Orden sagt: Ut si non bene ei succedant negotia!1 Oder: Etiam optima commoditas est in ipsis vitiis!2 Was hier zunachst nur vom Gewinn des Gemuths fur die Gottseligkeit uberhaupt gesagt worden ist, wurde es auch von jedem Gewinn fur die Kirche selbst.

So lebte Terschka seit einer Reihe von Jahren als taglicher Begleiter, Secretar, Geschaftsfuhrer seines wirklich von ihm geliebten Freundes, des Grafen Hugo von Salem-Camphausen. Sorglos durfte er auf alles eingehen, was zu dessen Lebensverhaltnissen gehorte. Er durfte die Mutter des Grafen auf Schloss Salem und in Castellungo besuchen. Er durfte sich dem grossen Process widmen, durfte reisen im Interesse desselben, durfte die Anhanglichkeit an seinen Freund ohne jeden Eigennutz zur Schau tragen. Der Orden rechnete nicht auf das funf- oder sechsunddreissigste Lebensjahr des Grafen, er begnugte sich mit einem Schritt, den dieser vielleicht erst in seinem sechzigsten, siebzigsten that. Die Stunden kommen dann schon, wo ein alter Podagrist verdriesslich uber die Welt wettert, die jung bleibt, wahrend ihm selbst die Zeit das Haar gebleicht; die Stunden, wo man an einem kalten Winterabend bei Schneegestober im warmen Zimmer sitzt, Anekdoten von der Vergangenheit durchspricht, die nicht mehr zunden wollen, und dann sagt: Terschka, Terschka, ich fange doch manchmal an zu moralisiren: was ist nun wol das Leben! Und dann zuckt ein solcher mit ihm altgewordener, nun auch weisshaariger Freund, der das Gnadenbrot des Protectors isst, die Achseln, spricht mit feinem Lacheln von der Ruhe, die ihm denn doch zuletzt sein Glaube gewahre, und hat einen Kreis von alten Chorherren, von alten devoten Damen, wo er seine Abende behaglich zubringt und auf die der alte Freund eifersuchtig wird. Nun einmal das schon kuhnere Wort hingeworfen: Wenn man denn doch einmal positive Dinge glauben will, lieber Graf, so soll man es auch ganz; lieber alles oder gar nichts! Und das wird dann oft entscheidend ... Daraufhin schrieb einst die Grafin Erdmuthe aus Castellungo, dass Lady Elliot sie besucht hatte und voll Verzweiflung aus Rom gekommen ware: vierzehn Englander hatten zu gleicher Zeit in der Katakombe San-Calisto das Abendmahl nach katholischem Ritus genommen eben auch deshalb: "Wi ll m a n e i n m a l p o s i t i v e D i n g e glauben, dann auch gleich ganz; s o n s t l i e b e r g a r n i c h t s !"

Terschka genoss das wiener Leben wie dafur geboren und erzogen. Er war der Matador der Gesellschaft und heiterer, als Graf Hugo, der mit den Jahren trubsinnig, nachdenklich und nur noch stossweise von seinem alten Humor erheitert wurde. Terschka hatte seine Rolle nicht vergessen, aber sie erschreckte ihn eher wie die Mahnung an ein leicht herauskommendes Verbrechen, an dem er betheiligt war, als wie an eine ernste und ihm werthe Pflicht. Er konnte erbeben vor einem Brief mit geistlichem Siegel. Oft war es ihm in Abendstunden, wenn er uber die Platze Wien's eilte, als wenn in den dunkeln Schatten ihm eine verhullte Person folgte. Die ganze Kette seines Lebens bis zu seinen ersten Anfangen lag dann vor ihm. Gedenke deines Mals am linken Arm! rief ihm einst Nachts im Novembersturm eine Stimme an der uralten Kirche Maria zur Stiegen ... Es war eine Gaukelei seiner erhitzten Phantasie. Er kam von Angiolina, wo es gluckliche, unterhaltende Abendstunden gab ... Dann sturzte er in den Beichtstuhl der Piaristen zu MariaTreu, auf den er von Rom aus angewiesen war ... Kehrte er von der Josephstadt ins Innere Wiens zuruck, so war es ihm oft, als musste ihm aus einem der Fiaker, die an einsamer Stelle hielten, unterm lachenden Sonnenschein ein Unbekannter plotzlich winken, ihn zum Einsteigen auffodern und ihn mit sich zurucknehmen geradeswegs nach Italien in die unterirdischen Kerker, die es im al Gesu gab ... Oft auch wunschte er's, wenn sein Gewissen zu heftig zu schlagen, seine Furcht zu heftig ihn zu erschuttern begann.

Fur Terschka war der geistliche Stand nur das gewesen, was Andern die Schul-, Gymnasial- und Universitatsbildung uberhaupt. Nur durch Sklaverei hatte er zu einer schoneren Freiheit gelangen konnen. Aber die Kette liess ihn nicht. Er zog sie uberall hinter sich. Er zog sie mit den Jahren schwerer und schwerer, unmuthiger und unmuthiger. Durch die ihm gestattete Freiheit trat er in eine lebhafte Welt der Discussion ein. Das war damals ein Geist der Freiheit, der Opposition gegen die Herrschaft des allmachtigen Staatskanzlers, eine Lust am Verbotenen und Versagten bis in die hochsten Kreise hinauf, ja bis in die der Unterdrucker selbst, die heimlich mit dem liebaugelten, was sie offentlich verfolgten. Wie konnte er gegen die Mode des Tags Einspruch thun? Er scherzte mit den andern, lachte mit den Spottern, vertheidigte nichts, was zumal, war' es gerade von ihm festgehalten worden, uber seine wahre Lebensstellung hatte Verdacht erwecken konnen. Doch nicht ungestraft wandelst du unter den Palmen! Du lernst die susse Luft der Freiheit lieb gewinnen! Die erquickenden Schatten laden dich zum traulichen Huttenbauen ein! ... Terschka kampfte mit sich, ob er die Fessel, die ihn hielt, nicht einst brechen, seinem Freund und der von ihm hochverehrten ehrwurdigen Mutter desselben ganz und fur immer sich offenbaren sollte.

Die Bekanntschaft der "Frau in silbernen Locken" vermehrte bis zur Unwiderstehlichkeit in seiner Brust den Drang, diesen Entschluss zu ergreifen. Die Liebe als reine, gelauterte Flamme des Herzens kannte er nicht. Er war ein Wildling gewesen, ein Wanderer der Heide, ein Gaukler, ein Zigeuner. Je schreckhafter er auf das zuruckblickte, was er einst war, je gewissensbanger er an seine unwiderruflichen Gelubde dachte, desto ungestumer wuchs sein Verlangen, in allem und jedem das reinigende Feuer der Bildung auf sich wirken zu lassen und die Schlacken der Seele von sich zu werfen. Gerade Monika's religioser Freimuth durfte ihn fesseln. Frauen von Geist und Grazie kannte er genug, Allen war er werth; seine immer gleiche Weise war jeder weiblichen Natur willkommen, besonders da, wo sie im Mann vorzugsweise nur einen Ableiter ihrer Laune zu haben wunscht. Monika's Geist aber war positiv. Sie hatte Ueberzeugungen und konnte Partei ergreifen. Die Menschen sind so dumm, so dumm! Mit einem Zorn konnte sie das ausrufen, dass ihre Augen Funken spruhten. Terschka hatte nur immer zu beruhigen und in die Bahn des Hergebrachten zu lenken. "Sie sind der ewige Leimer und Versohner!" sagte sie dann wol. "Sie vermahlen den Grossturken mit der Republik Venedig! Was ware die Welt geworden, hatte es nicht Frauen von Gesinnung gegeben! Perikles lernte Reden erst halten von Aspasien! Die Kraft der Romer lag in ihren Gattinnen und Muttern! Die Frauen haben das Mittelalter vor dem Uebermass der Barbarei bewahrt! An jeden grossen Namen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts knupft sich eine Frau, die fur ihn kampfte, mit ihm litt, seinen wankenden Muth befeuerte! Napoleon herrschte noch heute, wenn er einer Frau von Geist, vielleicht der Stael, die ihn liebte sie hasste ihn wenigstens nur aus Liebe hatte vergeben konnen, dass sie hasslich war!" Graf Hugo sagte eines Tages in seiner trockenen und einfachen Art: "Das vergibt sich schon, meine gnadige Frau, wenn man nur eine solche hassliche Frau nicht dann auch sogleich wiederlieben soll!" Die Mutter fand den Beruf der Frauen fur grosse Eingriffe ins Leben vollkommen bewiesen durch die Schrift. Sie pries nicht die immerhin etwas zweideutige That der Judith, wol aber die der Deborah, die alles Volk zum Kampfe wider Sissera auffoderte, ja jene Jael sogar, die dem Sissera, als er schlief, einen Nagel durch den Kopf trieb; nur hatten diese Frauen alle dabei Gott die Ehre gegeben, was man von den atheistischen Gonnerinnen der "Herren Rousseau und Voltaire" nicht sagen konne. "Chere maman", sagte Graf Hugo scherzend und voll Artigkeit den Dampf seiner Cigarre zum offen stehenden Fenster hinausblasend, "il y en a encore beaucoup de femmes, die uns den Kopf 'vernageln'! Mais, chere maman, sie mussen hubsch sein!" Terschka vermittelte und kam auf Napoleon zuruck, auf Josephine Beauharnais, auf die Liebe eines einfachen und rein weiblichen Weibes "Pah", sagte Monika, "Josephine Beauharnais war empfindlerisch und verstand sich nur in turkische Shawls zu drapiren!"

Hatte Terschka, den Schwur vergessend, der ihn gefangen hielt, die Liebe Monika's gewinnen konnen, er wurde sich zu allem entschlossen haben, was zur vollstandigen Erreichung seines Glucks gehort hatte. Traten Beide zur Confession der Grafin Erdmuthe, ihrer Gonnerin, uber, so war ihre Verbindung moglich. Aber Monika vermied seine Bewerbung. Sie verstand sie nicht oder gab sich den Schein, sie nicht zu verstehen. Sie wich den Beweisen seiner Gefalligkeit aus. Es gab etwas, was sie von ihm zuruckschreckte. Nur die stete Ruckkehr der Grafin auf ein gewisses, wenn auch nur angedeutetes und erst kurz wieder vor ihrer Reise nach England offen behandeltes Kapitel fing an sie zu beunruhigen. Sie floh vor einer Aufregung ihres Innern, die ihr unheimlich wurde; sie floh der Gefahr entgegen, Armgart in die Gewalt ihres aus Amerika zuruckgekehrten Gatten ubergeben zu sehen. Terschka folgte. Er folgte sogar in der Absicht, Kocher am Fall zu besuchen. Er wollte diesen vielbesprochenen, noch in rathselhafte Nebel und Schleier gehullten Ulrich von Hulleshoven kennen lernen. Aber die Erbschaftsfrage rief ihn zu bald nach Witoborn. Hier lebte er jetzt seit einem halben Jahre, in dem ganzen, ausserlich mit bewunderungswurdiger Virtuositat verdeckten Zwiespalt seines zerrissenen Innern, in der steten Angst vor einer Mahnung aus Rom, im Kampf mit Entschliessungen, die dann fur ein ganzes Leben gelten mussten. Und wie war er jetzt so nahe geruckt allen massgebenden Momenten seiner Vergangenheit; seiner nachsten in der ausserordentlichen Katholicitat der Gegend seiner entferntesten in den plotzlichen Entdeckungen, die er uber den Laienbruder Hubertus machen musste! ...

Hatte er eine Ahnung, dass sich ihm bald die machtige Hand, der er nimmermehr glauben durfte entronnen zu sein, mit Riesenkraft nahen wurde, so sollte sie sich in der That erfullen ...

Er verbrachte eine schlaflose Nacht ...

Am folgenden Morgen begann er seine gewohnliche Thatigkeit. Er klopfte an die Thur des Onkels Levinus, plauderte und rauchte mit ihm, liess sich von seinen alten Zauberbuchern, an die der Onkel nicht glaubte und die er dennoch mit hoher Andacht studirte, von seinen chemischen Praparaten erzahlen, scherzte sogar uber einen Homunculus, den der Onkel am Ende doch noch in der Retorte als seinen Erben und Fortpflanzer des Namens Hulleshoven hinterlassen wurde ... er war dann einige Stunden im Rentamt, begrusste die Damen nach der Toilettenzeit, begegnete auch schon wieder im Schlosse Thiebold, der wegen des inzwischen schon auf morgen angesetzten grossen Jagdfestes gekommen war und mancherlei uber seinen Ankauf zu besprechen hatte, spater begegnete er Benno, der den Nicht-Einladungen der Tante zum Trotz doch ab und zu plotzlich auf dem Schlosse erschien, da auch fur ihn im Schreibamt des untern Geschosses Veranlassung zu Nachfragen genug gegeben war ... Allen diesen Begegnungen zeigte Terschka seine gewohnte heitere und zuvorkommende Art und doch war sein Inneres in ratselhafter Unruhe ...

Armgart, bleich und angegriffen, begegnete ihm wieder mit der Postmappe und liess ihn selbst seine Briefe suchen ...

Wiederum war ein Brief von ihrer Mutter darunter. Doch war das Couvert nicht mit ihrer Handschrift geschrieben. Der Poststempel zeigte auf einen Ort, der nur noch wenige Meilen entfernt war ...

Als wenn Armgart die richtige Ahnung hatte, dass dieser Brief, den Terschka befremdet an sich nahm und betrachtete, die Ankunft der Mutter verdecken sollte, fixirte sie den Empfanger ...

Oeffnen Sie ihn doch! sagte sie mit Bestimmtheit. Es ist doch wol nur ein Brief von meiner Mutter nicht wahr?

Wie kommen Sie darauf? Sie sehen, die Handschrift

Und jetzt freilich las Terschka am wenigsten ...

Ich weiss alles! sagte sie und warf die Mappe auf einen Tisch, der in der Nahe stand, und eilte davon ...

Terschka stand besturzt. Ein Diener, der des Weges kam, hob einige herausgefallene Briefe und Zeitungen auf und trug die Mappe auf Terschka's Geheiss zum Onkel Levinus ...

Auf seinem Zimmer sah Terschka, dass Armgart recht hatte. Monika war in einer der nahe gelegenen kleinen Stadte angekommen und deutete an, dass sie hoffte, in kurzem auf Westerhof zu sein. Sie machte Terschka nicht zum Vertrauten ihrer Absichten. Sie schrieb ihm nur um einer Einlage der Grafin willen, die diese ihr mit besonderm Couvert abzusenden aufgetragen hatte; es war eine unbedeutende Sache, in der die Grafin schrieb sie wollte eben nur Monika zwingen, mit Terschka in Verbindung zu bleiben; sie war in ihrer Art eine ebenso fanatische Proselytenmacherin, wie die Jesuiten auch. Monika's Begleitschreiben wich allem aus, was ihr Terschka uber das nachste Geschaftliche hinausgeschrieben hatte, ja es war formlich ...

Terschka ging im Zimmer auf und nieder. Er verbarg den Brief und sagte sich: Vergebens! Vergebens! Diese Hoffnung erfullt sich nicht! Das ist ein Traum gewesen, der nur in meiner Phantasie gelebt hat! Dahin ziehen dich deine Sterne nicht! ...

Nun musste ihn Armgart's Wesen befremden. Er hatte ihm anfangs nicht viel nachgedacht. Seit einigen Tagen bildeten sich ihm in seinem Innern Gedankenreihen daruber. Liebt dich denn wol gar dies seltsame Madchen? sagte er sich schon seit langerer Zeit. Sie wollte von ihm reiten lernen. Er hatte damit auch begonnen und sich uberzeugt, welche Geister sich in ihrem Innern befanden gebunden und wie entfesselbar! Heute war ihr Benehmen wieder zu auffallend gewesen ... Es flammte und brauste in seinem Innern ... So kalt die Luft ging, er musste das Fenster aufreissen ... Traume, Wahngebilde der berauschendsten Moglichkeiten umgaukelten ihn ...

Da klopfte es an sein Zimmer und Benno war es, der nur fluchtig hereinschaute ...

Bester Baron, sagte er mit dem ihm eigenen ironischen Lacheln, das seine Lippen vorzugsweise Terschka gegenuber umzog; wissen Sie schon, das Obertribunal hat gestattet, dass Nuck's Verlangen, noch einmal die Archive von Westerhof in Ihrer und meiner Gegenwart untersuchen und nach seiner verdammten Urkunde kramen zu durfen, genehmigt wird! Herr von Hulleshoven hat dafur den nachsten Montag bestimmt. Ist es wol da auch Ihnen genehm?

Auf sein: Mit Freuden, Herr von Asselyn! war Benno schon verschwunden ...

Es lag in Terschka's Charakter, nicht zuruckzubleiben, sondern trotz der grossten Aufregung einem Besuche zu folgen und ihm die Begleitung zu geben. An die Cadenz der Hoflichkeit, die in der Jesuitenerziehung gelehrt wird, war er gewohnt ...

Wie er hinaustrat, war Benno auf einer der kleinen Lauftreppen verschwunden ...

Nun aber sah er am entferntesten Ende des Corridors eine seltsame Gruppe ...

Dort stand Armgart und reichte eben Thiebold de Jonge die Hand ...

Thiebold kusste diese Hand und sie liess es geschehen ...

Fast schien es, als hatte Thiebold auch einen bunten Gegenstand, den er in Handen hielt, mit Kussen bedeckt ...

Armgart schien sogar zu weinen ... Darauf deutete ein Taschentuch in ihrer Hand ...

Schweigend standen beide eine Weile in sich verloren; dann raffte sich Armgart auf, winkte mit der Hand ein Lebewohl und verschwand ...

Thiebold sah ihr lange nach, zog jetzt gleichfalls sein Taschentuch, trocknete sich halb die Augen, halb trotz der Kalte, wie im heissesten Sommer, die Stirn und wandte sich, ohne aufzublicken, gleichfalls einer der Lauftreppen zu, die aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss fuhrten ...

Was ist das nur? sagte sich Terschka und schritt weiter, als musste er Armgart anreden ...

Denn schon, schon fassten ihn die Geister der Versuchung. Eben noch hatten ihn die wenigen Worte Benno's uber die Urkunde mit furchtbarer Macht an den Augenblick erinnert, wo sein General vor ihm stand und ihm sagte: Fande sich die Urkunde, die fur die Antretung der Erbschaft unsere Religion bedingt, so wurde sich das ganze Verhaltniss andern, die Grafin wurde durch einen Familienpact den Grafen Hugo heirathen mussen und die Aufgabe fur uns wurde eine leichtere werden! Man riefe ihn dann vielleicht nach Rom zuruck ...

Aber dieser wie Donnerton auf ihn einbrechenden Gedankenreihe konnte er nicht volles Gehor schenken, die Mittelstufen derselben wankten, Seligkeit und Qual rangen wie im Titanenkampf ... Es zog ihn vorwarts und vorwarts ... Was sollte dieser Abschied von dem jungen Thiebold sagen? Warum nur stand vor ihm der liebliche Engel so seltsam bewegt? ... Wie verklart diese Augen! Wie ganz dem Bild ihrer Mutter gleichend! Sie aber noch die wirkliche Jugend, das wirklich bluhende Leben kein Silberschnee des Haares, der die Jugend Lugen strafte ... Und Terschka's Abenteurernatur wurde entfesselter. Losgebunden regte sich die Seele des Emporkommlings, der sich an alles halt, was ihn erheben und fortreissen kann. Eine der Krallen des apokalyptischen Thieres nach der andern, der "Probabilismus" und die siebenkopfige jesuitische Moral des: "Besser ist besser!" packte ihn in furchtbarster Gewalt ... Taumelnd folgte er ...

Er kam an das Ende des Ganges, der, da das Schloss im Geviert gebaut war, hier nur der Anfang eines im rechten Winkel sich einsetzenden neuen war ... Hier sah er, dass Armgart ein in den Hof gehendes Fenster geoffnet hatte und hinunterwinkte ...

Dem ihm zunachstliegenden Fenster sein Auge zuwendend sah er, dass es nun auch Benno war, den sie mit schwacher, erstickter Stimme anrief ...

Benno unten verstand sie nicht sofort ...

Nun winkte sie ihm heraufzukommen ...

Benno eilte auf die erste der kleinen Treppen, die in den Hof gingen ...

Terschka zog sich zuruck ...

Offenbar, sagte er sich, hat sie mit de Jonge eben eine Scene gehabt, die sie mit Asselyn ganz ebenso wiederholen will ...

Schon war Benno oben, schon hatte er dessen zwar leicht, aber doch ohne Zweifel tieferbebend Armgart dargebrachten Morgengruss vernommen ... Armgart erwiderte nichts ... Terschka horte nur das Klappen einer Thur ...

Er trat dann wieder vor ... Armgart und Benno waren verschwunden ...

Das Zimmer, in das sie hatten gehen mussen, kannte er. Es war dasselbe, in dem neulich Bonaventura seine Mutter wiedergesehen. Nichts hielt ihn, am wenigsten die Moral seiner Bildung und Erziehung, zu versuchen, das Gesprach Benno's und Armgart's zu belauschen ...

Die Schlussel der Zimmer standen ihm zu Gebote. Mit wenig Sprungen war er beim Onkel Levinus, schutzte das Interesse an einem alten Stammbaum vor, der in einem grossen Speisesaal hing, nahm die Schlussel von der Wand, schloss etwa funf bis sechs Thuren entfernt von der, hinter welcher jenes Gesprach stattfand, einen Saal auf, schloss wieder hinter sich zu und ging vorsichtig und langsam durch die entweder offen stehenden oder nur leise aufzuklinkenden Verbindungsthuren hindurch bis zu dem Nebenzimmer des Fremdenstubchens ...

Auch dort trennte ihn von dem Gesprach nur eine Thur, an die er sein Ohr legte ...

Es war kalt und schauerlich still in allen diesen alterthumlichen Raumen, von denen einige mit grosser Pracht ausgestattet waren ...

Ihn kummerte nichts ... Er horchte nur ...

Fussnoten

1 Wenn es ihm in seiner ausseren Lage gerade schlecht geht. 2 Auch aus den Schlechtigkeiten selbst heraus entwikkelt sich manchmal ein guter Anlass zur Bekehrung.

12.

Schon tief in seinen Erorterungen musste das junge Paar vorgeruckt sein.

Dennoch staunte Terschka, eine scheinbar so ruhige Conversation zu vernehmen ...

Nein, nein, sagte Armgart mit so leiser Stimme, dass auch nur Sein feines Gehor geschickt war folgen zu konnen nein, nein, wissen Sie wol, lieber Freund, damals in Lindenwerth, als Sie uns zum ersten male besucht hatten? Es war ein Fruhlingstag. Die Syringen bluhten, die Nachtigall sang. Das Pensionat wanderte in die Sieben Berge. Sie, Asselyn, gingen mit uns und als wir in eine Schlucht kamen, die sich so wunderschon offnete, ganz grun war sie und verlor sich dann in Felder mit goldenen Repssaaten da hiess es, dies Thal ware die Aue und da sagten Sie blos: Hartmann von der Aue! ... Wer ist das? fragte ich ... Ein Minnesanger! sagten Sie und setzten hinzu: Kennen Sie das Gedicht vom armen Heinrich nicht ?

Eine Pause trat ein ... Benno schien sich zu besinnen ...

Vom armen Benno! sagt' ich wol warf er leise und bedeutungsvoll ein ...

Nein, nein, erwiderte Armgart, diesem Tone ausweichend, vom armen Heinrich, dem zu Liebe sich einst eine fromme Jungfrau geopfert hatte ... Sie wollten's mir erzahlen und die dummen Madchen kamen dazwischen mit ihren Eseln wissen Sie noch, sie wollten sammtlich Esel reiten und die Steigbugel waren zu lang ?

Werden Sie denn morgen mit bei der Jagd sein? unterbrach Benno, der noch nicht zu ahnen schien, was Armgart Ernstes mit ihm vorhatte ...

Ich weiss es nicht! antwortete sie. Die Tante sieht soviel Gefahren ... Auch ist Paula heute wieder aufgeregter, denn je ...

Benno schien nur zuzuhoren ...

Die Tante hatte den Munnichs versprochen, den Puttmeyer'schen Bildern beizuwohnen ... Ich wenigstens konnte mit zu diesen trotz der Trauer ... Aber ich weiss es noch nicht ... Erzahlen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom armen Heinrich!

Liebe Armgart, begann Benno, dieser arme Heinrich war ein schwabischer Ritter, der in den heiligen Krieg zog und das Ungluck hatte, statt mit grosser Beute nur mit einer schweren Krankheit heimzukehren, die kein Doctor heilen konnte! Man nannte die Krankheit die Miselsucht. Ritter Heinrich war nicht einmal jung, vielleicht nicht besonders liebenswerth, er war ein guter Guts- und Grundherr. Einem seiner Vasallen, seinem Meyer, wie das altdeutsche Gedicht sagt, bluhte ein Tochterlein, den Namen hab' ich vergessen wollen wir sie Armgart nennen?

Gewiss! antwortete Armgart und sprach dies ganz aus schwerem Herzen und voll ernster Zustimmung ...

Nun gut! Des Meyers Tochterlein, Armgart, hort von dem Leid des guten Ritters, der nach Salerno gereist war, wohin man damals reiste seiner in medicinischen Angelegenheiten beruhmtesten Universitat wegen ... Salerno liegt in Italien ...

Ich weiss! sagte Armgart auf Benno's nicht ganz harmlose Erklarung. Aber ihr: Ich weiss! war ohne jede Empfindlichkeit. Klarchen im "Egmont" konnte, abschliessend mit dem Leben, ihr elegisches: "Weisst du, wo meine Heimat ist?" nicht ergebener sprechen ...

Nun kommt eine Botschaft aus Italien! fuhr Benno fort, der Ritter konnte genesen, hiess es, wenn eine Jungfrau rein sich fande, die fur ihn in den Tod ginge. Ich kann im Augenblick nicht sagen, liebe Freundin Sie mussen den Domherrn fragen, der in diesen Gedichten heimischer ist, als ich ob der Ritter das Blut der Jungfrau trinken oder in seine geoffneten Adern aufnehmen sollte ... Letzteres ist auf der Universitat Gottingen neulich, das heisst umgekehrt, vorgekommen; ein junger Student hat sich dazu hergegeben, sein Blut durch Transfusion in die blutleeren Adern einer jungen hinsiechenden Frau hinuberleiten zu lassen ... Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch Studentenblut ... Wird sie ihn nicht ewig lieben mussen?

Scherzen Sie nicht, Asselyn!

Sie glauben nicht daran? Dann glauben Sie auch nicht, wie zwei Freunde es machen mussen, die scheiden und sich in der Ferne treue Kunde geben wollen? Gesetzt wir beide! Ich reise nachster Tage ganz aus Ihrer Nahe und wer weiss, auf wie lange! ...

Asselyn! unterbrach Armgart mit einem sanften Tone, setzte aber, sich sogleich beherrschend, hinzu: Wie machen es zwei Freunde, wenn sie sich trennen und sich voneinander Kunde geben wollen? ...

Sie ritzen sich gegenseitig eine Wunde, fullen das tropfelnde Blut einer dem andern in die seinige und lassen so sie heilen! Reist nun der eine gen Amerika und der andere gen Asien, so konnen sie sich ohne alles Briefporto, ohne alle Telegraphie im Nu verstandigen. Der eine will dem andern sagen: Ich grusse dich von ganzer Seele! da nimmt er nur eine Stecknadel und sticht auf die geheilte Wunde. Im Nu fuhlt der andere an derselben Stelle den Stich. Jetzt gibt er Acht; dieser erste Stich war nur ein: Hab' Acht! Nun nimmt er ein Blatt Papier, einen Bleistift und zahlt die fernern Stiche, die er fuhlt. So kommen bestimmte Buchstaben zusammen und zwei auf diese Art blutsverbundene Freunde konnen uber tausend Meilen weit im Nu sich sagen: Es geht mir wohl! Ich liebe dich immer und ewig! Ich sterbe! ...

Benno! ...

Es dauerte eine Weile, bis Terschka Weiteres horte ... Sein Herz schlug so laut, dass es ihm selbst horbar wurde ...

Endlich schien Benno sich gefunden zu haben ... Wenigstens horte Terschka die Worte:

Zwanzig Meilen nach dem Westen, da gibt es ja noch Postverbindung! Oder wollen Sie etwa weiter noch nach dem Osten?

Vielleicht ...

Wohin?

Nach Wien!

Terschka horchte auf ...

Mit Ihrer Mutter! sagte Benno gelassen ...

Armgart schwieg ...

Mit wem? fragte er dringender ...

Erzahlen Sie mir von der Tochter des Meyers! war Armgart's ausweichende Antwort ...

Mit wem? drangte Benno ...

Wie liess sie ihr Leben fur den kranken Ritter?

Mit wem? wiederholte Benno und rief diesmal so laut, dass Armgart ihn um aller Heiligen willen um Ruhe bat ...

Was that die Jungfrau? sagte sie dann ...

Fragen Sie den Domherrn! antwortete Benno mit horbarer Erregung und voll Bitterkeit. Ich glaube, sie sollte sich auf den Secirtisch der Anatomie legen und sich von den Professoren zerschneiden lassen! Das Madchen, ein zweites Kathchen von Heilbronn, reiste richtig nach Salerno, bietet sich auf der Anatomie zu jedem Experimente an Die Professoren erstaunen und, wie beim Opfer Abraham's schon der Wille fur die That gewirkt hatte, so wird auch hier der Ritter gesund und heirathet die Tochter seines Meyers ...

Das ist dumm! wallte Armgart auf ...

Wegen der Mesalliance? Oder erwarteten Sie den Opfertod?

Gewiss! ... Das Schicksal ist auch wol so gnadig, wie ihr Poeten! Wo etwas Notwendiges von den Umstanden vorgeschrieben wird, geschieht es auch! Das steht in den Sternen!

Armgart! Sie wollen so eigensinnig sein, wie manchmal denn doch die Liebe Gottes n i c h t ist? Welchen Opfertod suchen Sie denn?

Armgart schwieg ...

Sprechen Sie, Armgart ! Was wollen Sie in Wien ? Ich beschwore Sie! ...

Benno errieth nicht, welche Gedankengange in Armgart schlummerten, welchen Opfertod sie meinte ... Dass aber Wien und Terschka zusammenhing, das musste ihm gewiss sein ... Terschka horte, dass er eine Rede abbrach, die aus seiner machtigsten Aufwallung zu kommen schien. Wie mit einer sich beherrschenden Stimme sprach er:

Ich denke, Sie leben nur der Vereinigung Ihrer Aeltern?

Das thu' ich auch! In wenigen Tagen werden sie verbunden sein!

Wer sagt Ihnen das?

Meine Ahnung!

Was der Mensch getrennt hat, kann kein Gott wieder zusammenfugen! Selbst Sie nicht, Armgart!

Atheist!

Konnen Sie wissen, was sich Ihre Aeltern vorzuwerfen haben?

Nichts haben sie sich vorzuwerfen! Und wenn ! Die Kirche scheidet nicht! Sagten Sie nicht oft, Vater und Mutter beide sind Menschen voll Hochherzigkeit und Edelmut? Und sie sollten sich nicht angehoren? Nicht ewig?

Liebe erzwingt sich nicht! Das das seh' ich ja!

Die Liebe ist ein Wahn!

Armgart!

Nur Gott ist die Liebe! Gott sagt, wen und was die Liebe wahlen soll! ... Ha, Sie sprechen von Gluck, Benno? Thorheit, Thorheit menschlicher Schwache, die nur in Befriedigung ihrer eiteln Wunsche Beruhigung findet! Wohl! Schon muss es sein, herrlich zu leben, das geb' ich zu, wenn das Herz erreicht, wonach es verlangt ... Aber auch stuckweise es hinzugeArmgart! rief Benno ausser sich voll Erstaunen ... Willst du mitleidig sein mit diesem jungen Mann, M u t t e r z u t r e n n e n , auf einem Irrthum beruht? ...

Armgart! Armgart! Ich beschwore Sie, was geht in Ihnen vor? rief Benno ...

Ich lebe einem Gelubde! ...

Himmel, kann denn irgendeine That Gott wohlgefallig sein, die Ihr Herz Gefahren aussetzt, fur die keine, keine Himmelskrone Sie entschadigen wird?

Lasterung!

Wem wollen Sie Ihr Herz, Ihre Hand zum Opfer bringen? Warum, warum nur lieben Sie Terschka?!

Kein Aufschrei Armgart's erfolgte ... Alles blieb still ... Lange, lange blieb es still ... Terschka begriff nicht, warum beide plotzlich schwiegen ...

Allmahlich begann Benno zu sprechen ... Er sprach so leise, dass Terschka nicht folgen konnte ... Dem Schlusselloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er nicht, ungewiss, ob die nebenan herrschende Stille nicht jede seiner Bewegungen verrathen konnte ... Vor seiner Phantasie stand Benno in diesem Augenblick, als musste er Armgart an beiden Handen halten, musste ihr tief in die Augen blicken, musste mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit seines Herzens enthullen und ihr sagen: So sollst du hinschwinden, schoner Traum meines Lebens, und wer, wer konnte dich fesseln! Wer konnte dir werther sein, als ich!

Die Worte, die Terschka allmahlich dann unterschied, lauteten:

Armgart! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt, in denen man, wie wir so oft in den Garten des Enneper Thals nach den schwellenden Fruchten uber uns n i c h t langten, ebenso auch sein Gluck dahinziehen lasst unerstrebt, so bin ich es! ... Aber bleiben Sie nur, Armgart! ... Ich wurde schon ruhiger, seit ich wusste, dass auch ein Freund Sie liebt! ... Denn wie wollen Sie es nennen, wofur die Sprache nur Ein Wort hat! ... Sie erklarten vorhin dem Freund ohne Zweifel mit derselben Bestimmtheit, wie mir, dass Sie aus unserm Leben auszuscheiden wunschen und unsere Bewerbungen ferner nicht mogen ... Nun denn! Ich nehme den Aschenbecher, wie er, der Frohlichere die Tasche fur schnell verkohlende Cigarren! ... Wer Ihr Herz besitzt, ich sagte es vorhin ... Herr von Terschka wird eine grosse gesellschaftliche Stellung einnehmen, wird Sie in das schone Wien entfuhren, dort werden Ihnen Gluck und Reichthum lacheln! ... Fliegen Sie mit ihm zu Ross dahin in flatterndem Gewande! ... Aber nehmen Sie ein Wort von mir zum Abschied! ... Ich bin Ihnen nichts mehr und nun nun bin ich mir noch weniger, als schon seit lange ... Ihre Tante hat recht, mich wie einen Zigeunerknaben zu behandeln, den man nur aus Barmherzigkeit aufnimmt ... Ich bin ein verflogener Vogel und passe fur euere Kafige nicht ... Doch ich werde Sie wiedersehen; das weiss ich ... Wissen Sie, Armgart, dass ich auch Das sicher und fest weiss dass ich Sie trotz Ihrer von unserm Glauben gebotenen Himmelskronen ich weiss nicht warum! unglucklich finden werde? ... Und Sie bejahen das ? ... Aber auch Ihr ratselhaftes Martyrerthum wird Sie nicht befriedigen! Es gibt Naturen, die nicht aus Erdenstoff geschaffen scheinen und die dennoch mehr den Gesetzen der Erdenschwere unterliegen, als die gemeinen! Ihre Mutter schon rettete sich nur durch eine Flucht ganz aus der Welt heraus vor Gefahren, in die nun auch Sie sich begeben wollen; Ihre Mutter wird von Tausenden verurtheilt, ohne dass sie es verdient; sie wird verurtheilt und sie leidet darunter ... Auch Sie, Sie, Armgart werden den Beifall der Menschen vergebens suchen, wenn Sie ihn nicht mehr finden konnen ... Ich erschrecke vor Ihrer Zukunft!

Armgart erwiderte leise und sprach lange. Terschka konnte nichts verstehen, als dass sie nur vom Beifall Gottes und von ewiger Trennung sprach ...

Endlich wurde alles still ...

Die Thur ging ... Noch horte Terschka nur ein plotzliches, heftiges, aus tiefster Seele kommendes Schluchzen ...

Armgart musste allein sein ... Ihr Weinen wurde zuletzt so heftig, dass es sein Innerstes durchschnitt ...

Anfangs wollte er hinubersturzen, sich ihr zu Fussen werfen, die Liebe, die wirklich nur ihm, ihm geweiht sein konnte, ablehnen, wollte die Wahrheit bekennen, dass er Priester ware, ein gerade in ihren Augen todwurdiges Verbrechen begehen wurde, schon an ihren Besitz auch nur zu denken Dann aber erschreckten ihn erst die Thranen Armgart's ... er konnte ihr Weinen nicht mehr horen ... Er verlor die Besinnung ... Leise schlich er auf den Zehen durch die Zimmer zuruck, kam zum grossen Speisesaal, offnete die Thur, die in den Corridor fuhrte ... Alles war still ... Niemand wol hatte ihn beobachtet ... Durch ein Fenster in den Hof blickend, entdeckte er Thiebold und Benno, wie beide schweigend, vernichtet, erstarrt zur Erde blickend zum Portal des Schlosses hinausgingen, wahrscheinlich um gemeinschaftlich nach Witoborn und in ein neues Leben zuruckzukehren ...

Die Mittagsglocke lautete, die alles in dem kleinern Speisezimmer vereinigte ...

Tischgenossen, die der Zufall brachte, gab es in dem gastfreien Hause genug ...

Nun schon trat Armgart hinter Terschka hervor ... Tief verweint waren zwar noch die Augen ... Doch rang sie schon nach Unbefangenheit ...

Herr von Terschka, sagte sie mit leiser Stimme, ich will Nachmittag nach Heiligenkreuz ...

Der Wagen ist schon fur die Damen bestellt! sagte er ... Wie musste er sich beherrschen, nicht ihre Hand zu ergreifen ... Nicht in die Augen konnte er ihr sehen ...

Es sind mir ihrer zu viel ...

So bestell' ich zwei Wagen ...

Ich will zu Fuss gehen ...

Es wird Abend werden, ehe Sie fortkonnen ...

So konnen so konnen Sie mich ja begleiten ...

Damit stand Terschka allein ...

Auf dies Wort "begleiten" kampften Himmel und Holle ...

Terschka begriff vollkommen, was in Armgart vorging ... Sie hatte ein Gelubde gethan, um den versohnten Aeltern anzugehoren. Sie glaubte: Er ware ein Hinderniss dieser Versohnung ! Die Mutter ware im Begriff, i h n zu lieben ! Deshalb Deshalb ! Wie Gluhstrom fiel es auf ihn: D e s h a l b reisst sie mich mit Gewalt von einer eingebildeten Liebe ihrer Mutter los und will mich selbst gewinnen Die Moglichkeit, dass ein solcher Gedanke in ihr entstehen, dies Ertodten ihrer Neigung zu Benno moglich sein konnte, ubersah er ... Armgart war katholisch! ...

Sollte er nun dies Wahngebild sich immer weiter ausbilden, immer verheerender im Herzen der lieblichen Jungfrau um sich greifen lassen? Um sich greifen lassen auf Grund einer Voraussetzung, die das sah er ja beschamt in Betreff Monika's eine vollig unbegrundete war und auf Verwickelungen hinausfuhrte, die nie zu losen schienen ?

Im Abenddunkel sah seine Aufregung ihn mit Armgart allein dahinschreiten durch die Winterlandschaft ...

Im Geist sah er Armgart neben sich, im Pelz die Hande bergend, deren eine er vielleicht, von seinem Gluck uberwaltigt, verwegen ergriff beim Eintritt in den dichtern Tannenforst ...

Im Geist horte er, was sein Uebermuth, sein Leichtsinn ihr zu sagen wagen wurde: Wie hab' ich Sie einst schon gesucht an jenem sturmischen Regentag, als die Jugend von Lindenwerth zur Villa in Drusenheim kam! Wie zog mich Ihre Flucht Ihnen nach! Den schnellsten Renner hatt' ich satteln lassen mogen vor Eifersucht, nur um der Dritte sein zu konnen unter denen, die in Ihrer Nahe weilen durften ...

Dann sah er Eulen auffliegen, die den Schnee von den Aesten verschutteten, auf denen sie gesessen ... Rehe, Hirsche Unthiere, sah er aufgescheucht vom Vortreiben zur morgenden grossen Jagd, durch die Gebusche brechen ... Der Mond stieg am aussersten Rand des Horizontes empor ... Ausmalen musste er sich, wie er wurde Abschied nehmen mussen an der Allee, die nach Heiligenkreuz fuhrt, und wie er wurde zuruckkehren, wenn sein alter, gewohnter Lebensubermuth ihn ubermannt hatte ... Toll, toll wurde er in die Nacht hinauslachen, bis plotzlich aus den Buschen an jedem Seitenwege ein Bote seines vergangenen Lebens trate Jean Picard, sein Gespiele Franz Bosbeck, sein Lebensretter van Prinsteeren, der ihn einst zuerst aufs Pferd gehoben jener Schweizersoldat, der ihn mit in die Alpen nahm er horte das Stampfen der Rosse in der Kaserne der Lanzenreiter zu Rom sah die Benfratellen, wie sie ihn in das Spital an der Tiber trugen dann hatten sie alle, alle Todtenhemden an und Larven uber dem Antlitz; es war die Bruderschaft della Morte ...

So noch fiebernd, so in Jesuitenart schwankend, so im zagenden Begriff zur Gesellschaft einzutreten, erschutterten ihn zwei Thatsachen, die dann noch zu gleicher Zeit auf ihn eindrangen ...

Um ihn her war es plotzlich seltsam lebendig geworden ...

Er sah, dass es die Anzeichen einer neuen Vision der Grafin waren ...

Er horte, dass Stimmen des Erstaunens durcheinander gingen ...

Er sah Bonaventura kommen ... sah diesen von Tante Benigna, von Onkel Levinus in hastigster Aufregung begrusst, sah das Erbleichen des Domherrn, als ihm die Mittheilung wurde, dass Paula im Hochschlaf lage und von den schmerzlichsten Anschauungen gefoltert wurde ...

Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Corridor, der zu seinen Zimmern fuhrte, im weitesten Hintergrunde und grell von einem Sonnenstrahl beleuchtet einen Monch ...

Ein Lebender war das, der da herkam, aber seine funkelnden Augen schienen zwei Flammen aus den Hohlen eines Todtenkopfs zu sein ... Die Kiefern des Mundes bewegten sich ... Sie lachelten ihm von weitem so freundlich, dass die Grubchen auf den Wangen sich ausfullten wie mit Blumen unter Leichensteinen ... Ein langes, weites, braunes Gewand hing wie uber einem Skelet, das lassig, doch absichtsvoll daherschritt ...

Herr von Terschka? riefen Diener im Hintergrund ... Ist dort! sagten andere und schossen an ihm voruber ...

Ahnend stand Terschka an der Schwelle des Eintrittsaales am Weihebecken ...

Der Monch naherte sich ...

Zugleich sprach voll Schrecken Bonaventura, der neben Terschka stand: Um Gott, was sieht sie? ...

Eine Feuersbrunst! riefen mehrere Stimmen vom grunen Zimmer her ...

Unter Terschka wankte der Boden ...

Der Monch kam naher und naher ...

Voll Schmerz und Verzweiflung liegt sie! erzahlte man durcheinander ... Sie sieht ein Hans in Flammen! Sie furchtet zu verbrennen! Kommen Sie! Helfen Sie, Herr Domherr!

Aber auch der, der einst Terschka aus den Flammen gerettet, kam naher und doch schien der Corridor sich weit, endlos zu erstrecken bis zu den Corridoren und Kerkern des Al Gesu in Rom ...

Jetzt hielt der gespenstische Bruder einen Brief empor, der nur an Terschka gerichtet sein konnte, denn auf ihn, ihn blickte unverwandt das freundliche Nicken des Todtenhauptes ...

Es ist das Schloss, das brennt! berichteten neue Stimmen und riefen Bonaventura, dessen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte, als sollte er Hulfe bringen und Paula beruhigen ...

Das ist Hubertus! sagte sich Terschka und an seinem Arm brannte das Mal in lichterlohem Feuer ...

Bonaventura war aus dem Vorsaal in das grune Zimmer getreten wie ein Hulfebringender, wie ein Rettender vor dem Tod in Feuersgluten, die er um sich her, seiner Ahnungen eingedenk, durch die Fenster hereinbrechen, rings das Gebalk ergreifen, eine Welt in Asche legen sah ...

Und auch Terschka sollte folgen ... Onkel Levinus erwartete es und harrte ...

Doch der Monch, was will der Monch? ...

Bruder Hubertus! sagte Onkel Levinus, ihn erkennend und nach obwaltenden Umstanden erfreut begrussend. Sie kamen schon zurecht, um auch hier aus Flammen zu retten? Die Grafin hat eine schwere Vision ...

Bruder Hubertus trat lachelnden Mitleids naher, verbeugte sich, zuckte die Achseln, als wisse er gegen solche Offenbarungen der Gottheit keine Hulfe, und ubergab an Terschka, diesen immer mit seinen Augen wie verschlingend, den Brief, den er ihm schon so lange entgegenhielt ...

Terschka ergriff den Brief ... Das Siegel war geistlich noch kam es nicht aus Rom ... Pater Maurus, der Provinzial der Franciscaner, schrieb ihm nur unter dem grossen Siegel seines Klosters ...

Terschka erbrach und las ...

Jetzt zog ihn der Onkel, um das ihm wichtiger Scheinende in den Zimmern drinnen nicht langer zu versaumen ...

Ich werde kommen! hauchte Terschka gelblichbleich war er geworden wie der von der Wintersonne gefarbte Schnee auf den Feldern ...

Noch einmal wandte er sich zu dem an der Thurschwelle harrenden und mit gluhenden Augen ihn durchbohrenden Boten und sagte:

Ein Brief fur mich schreibt Ihr Guardian ware im Kloster angekommen wissen Sie nicht woher?

Mit einer Miene, die das seligste Gefuhl ausdrukken sollte: Bist du denn, Mann mit dem mir so theuren Namen, mit der ahnungsvollen seltsamen Gestalt, bist du denn wol gar verwandt mit dem Kinde oder selbst ? sprach dieser ein Wort, das dann fur Terschka's Ohr erklang wie die Posaune des Weltgerichts:

Aus dem Kloster der Piaristen zu Maria Treu in Wien!

Terschka verschwand jetzt ... Nicht zusammenbrechend, nicht niedergeschmettert von einem Wort, das ihm lauten durfte: Deine Stunde ist abgelaufen! sondern wie mit einem Muth auf Leben und Tod ... Er dachte an Armgart.

Der Monch stand noch immer und sagte nur zu den Dienern staunend:

Wenzel von Terschka !

Von den Vielbeschaftigten konnte dem Greise niemand Gehor geben.

Die Schlusskapitel dieses funften Buchs erfolgen im

Anfang des s e c h s t e n Bandes.

Sechster Band

Funftes Buch

Fortsetzung und Schluss

13.

Noch in derselben Nacht schlug das Wetter um. Zum Schnee gesellte sich Regen. So begann die Jagd schon ganz mit Bestatigung der truben Ahnungen, die Tante Benigna um die Nachtruhe gebracht hatten; Paula sah am Tag zuvor eine Feuersbrunst und zusammensturzende Gebaude, die sie nicht zu nennen vermochte ...

Terschka war heute schon in aller Fruhe aufgebrochen und hatte zum Schloss Munnichhof, wo sich die Mehrzahl der Mitglieder des grossen Jagdfestes versammeln wollte, einen Umweg uber Kloster Himmelpfort gemacht ...

Noch am Abend hatte er Armgart nach dem Stift Heiligenkreuz zuruckbegleitet, war spat wiedergekommen, dann beim Thee nicht erschienen ...

Bonaventura hatte sich unmittelbar nach der Vision entfernt ... Mit leicht erklarlicher Aufregung hatte er Paula gefragt, welches Gebaude sie brennen sahe, und von ihr keine Antwort erhalten ... Ja er magnetisirte sie, um ihr Auge zu scharfen ... Sie verfiel dadurch in einen desto sanftern Schlummer, aus dem sie Niemand mehr wecken mochte ...

Onkel Levinus gehorte einer Familie an, die in den fruhern geistlichen Zeiten die Landoberjagermeister der Furstbischofe von Witoborn gewesen waren. In jagdgemassen Traditionen war er aufgewachsen. Aber von dem Ideal eines Nimrod stand er so weit entfernt, dass Tante Benigna vollkommen Recht hatte zu befurchten, man konnte statt der erlegten Hirsche und Rehe auch allenfalls ihn selbst, den weiland Candidaten des Erblandoberjagermeisteramts, auf dem Beutewagen nach Hause fahren. Wie sie ihm die Pelzkappe darreichte, den Fusssack seinem Leibschutzen Soetbeer auf die Seele band, ja sogar diesem zuflusterte, wenn der Baron einen feuchten oder zu langen Stand im Walde bekame, den Fusssack bei der Hand zu behalten; wie sie das Lederfutter untersuchte, in welchem die prachtvoll damascirte Doppelflinte geborgen lag, da hatte nur die fruhere Armgart gefehlt, um diesen Abschied aus dem Tragischen ins Komische zu ubersetzen.

Onkel Levinus bewegte sich in seinem Jagdcostume, zu welchem sich noch die Wildschur gesellte, wie ein "Pelzmartel" zur Weihnachtszeit. Aus Bar und Zobel konnte man ihn kaum herausfinden. Das Gesicht war erkennbar nur an zwei Brillenglasern, ohne die er heute behauptete keinen Rehbock zu treffen. Bei seinen Fabrikationen von Berliner Blau, Starkemehl, Pottasche und kunstlichen Dungererden hatte er nie die Brille nothig; nur auf die Jagd nahm er sie mit, um den Spott, der ihn als Abkommen so vieler furstbischoflicher Erblandoberjagermeister unfehlbar heute treffen wurde, durch ein "kurzes Gesicht" zu mildern. Und dann war Graf Munnich als ein "schussneidischer" Cavalier in der ganzen Gegend bekannt. Der ist eifersuchtig auf jeden Schuss, der nicht aus seiner Buchse kommt! sagte der Onkel mit einem Ton, als fielen heute mindestens durch seine Kugel ein Dutzend Rehe ...

Eine Jagd in einem Walde, der im Fruhjahr nicht mehr sein wird! seufzte Paula beim Abschied ...

Ja, alles wird weggeschossen, was Haar oder Federn hat! renommirte der Onkel ...

Bitte, bitte, Baron! fiel die Tante argerlich uber einen so gefahrlichen und herausfordernden und noch dazu, sie wusst' es ja, nur affectirten Ton ein; bitte, sehen Sie nur zu, dass man Ihre Pelzmutze schont!

Die Tante liess es noch zweifelhaft, ob auch sie zu den Transparentbildern Puttmeyer's, die Nachmittags den Damen der vornehmen Jager gezeigt werden sollten, kommen wurde ... Sie wusste, es gab nachher ein stattliches Jagdbanket, und die Trauer Paula's gestattete weder ihr, noch Paula, sich in diesem Grade in die Zerstreuungen des Weltlebens zu mischen ... Von Armgart, sagte sie, liesse sich erwarten, dass sie mit den Stiftsdamen auf Schloss Munnichhof zu Puttmeyer's Triumphen kommen wurde; diese hatten drei Equipagen aus Witoborn bestellt ... Zwei Stiftsdamen, Fraulein von Merwig und Fraulein von Absam, gehorten sogar zu den Jagerinnen und waren beruhmt durch ihren Muth und ihre Fehlschusse ...

Mit der Versicherung des Onkels, dass man sich verlassen konnte, er wurde sich weder zu lange an dem Banket, noch an dem selbst in dieser frommen Sphare nach den Jagdpartieen ublichen hohen Spiel beteiligen, entzog er sich endlich dem beklommenen Abschied ... Das leichte, trotz des Schneeregens offene und freie Jagdwagelchen rollte von dannen.

Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig. Die Brillenglaser des kuhnen Jagers beschlugen; oft verlor er den Athem, wenn der Wind umsetzte und Leibschutz und Kutscher, die vor ihm sassen, nicht mehr als Windfang dienen konnten. Dennoch wurde er nicht mude, Jagdanekdoten theils selbst zu erzahlen, theils sich erzahlen zu lassen, Anekdoten, die bis in die glanzendsten Zeiten seiner Familie hinaufreichten und dem Ausspruch: Ecclesia sanguinem abhorret! keineswegs entsprachen; denn immer handelte sich's darum, wie Se. hochfurstbischoflichen Gnaden dazumalen entweder selbsten die Sau abgefangen oder sich von einem sichern Standorte aus Flinte auf Flinte, bereits geladen, hatten darreichen lassen und die herbeigetriebenen Rehe und Hirsche zum "Plaisix Serenissimi" zusammengemordert hatten ...

Gegen zehn Uhr war man auf Munnichhof ...

Auf diesem stattlichen Herrensitze, der noch mit Zugbrucken und einer Anzahl Lunetten fur noch vorhandene alte eiserne Boller, mit Wallen und in einem grossen ringsumher gehenden Arm der Witobach mit vorgeschobenen Eisbrechern oder sogenannten Ducs d'Alba ausgestattet war und im Innern des Hofs in die Blute und Herrlichkeit des siebzehnten Jahrhunderts zuruckversetzte, fand man den grossten Theil der Gesellschaft wieder, die neulich dem Freiherrn von Wittekind dei letzte Ehre gegeben hatte ...

Der Hof war belebt von dem Jagdzeug des Grafen, das mit den Contingenten der benachbarten Herrschaften, vorzugsweise dem grossen Jagdpersonal der Dorstes vermehrt worden war. Da standen die Wagen fur die Jagdtheilnehmer und fur die gemachte Beute. Treiber und Jagdbursche hielten die Schweisshunde an der Leine und mancher von letztern trug noch am Halse die "Korallen", einen Stachelring, nach dessen Abnahme man voraussetzen konnte, das gereizte Thier wurde um so gieriger an die wilde Arbeit gehen. Der musikalische Theil der Jagd war durch einige horngeschickte Jager, vorzugsweise durch die in Jagdcostume gekleideten Trompeter der Husarengarnison von Witoborn vertreten, ja sogar ein Bajazzo fehlte nicht der buckelige Stammer hatte sich vom graflich Dorste'schen Oberforster ein Costum erbettelt und blies aus Leibeskraften mit den ubrigen. In seiner grunen Mutze mit einer Feder sah er aus wie ein Heusprengsel und die Grafin von Munnich, eine fromme Dame, die ohne eine kirchliche Busse nicht ins Theater ging, musste im Kreise ihres Besuchs wider Willen uber ihn lachen, als sie auf einen Balcon hinaustrat, der in den Hof ging, angelockt von einem Horusolo, das jedoch des Guten zu viel that und in Dissonanz verendete ...

Zu der Blute des Adels, zu jungen und alten im Bann der hiesigen Anschauungen lebenden Cavalieren, auch Offizieren der benachbarten Garnisonen, hatte sich schon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen gesellt. Amazonenhaft traten nur einige wenige auf. Mit Spannung erwartete man vorzugsweise die Damen aus dem Stifte ... Die Fraulein von Merwig und von Absam blieben ohne Zweifel schon auf dem fur den Beginn der Jagd abgesteckten Standorte zuruck, an dem sie voruberfahren mussten und wo sich alle diejenigen einfinden wollten, die erst uber Munnichhof einen Umweg gemacht hatten ...

Terschka war nicht zu sehen ... Jeder fragte nach ihm ... Fest stand, dass ihn seine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperson des Tages machen wurde ... In der That schon mit "Schussneid" sagte das Graf Munnich, ein schlanker, von Kopf bis zu Fuss jagdgemass gerusteter Herr, dessen Aufregung unter den zwanzig bis dreissig Cavalieren die lebhafteste war ...

Benno und Thiebold sollten gleichfalls kommen ... Letzterer als baldiger Herr des heute und bis zum Fruhjahr zum letzten mal vom Jagdruf widerhallenden Waldes ... Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um so weniger widerstehen konnen, als er nach den gestrigen schmerzlichen Erfahrungen fur Benno's ihn "jetzt angstigenden" Trubsinn und den minder gefahrlichen eigenen die erheiternde Wirkung eines solchen Vergnugens geltend machte, auch "nicht leugnen" konnte, dass ihm ein vom jungen Tubbicke in Witoborn schleunigst nach dem Modejournal angefertigtes Jagdcostum nicht ubel stehen musste ...

In dem grossen Ahnensaal, in welchem neben den bis weit uber den Westfalischen Friedensschluss hinausreichenden Familienportrats die wunderbarsten Hirschgeweihe hingen, solche sogar, die mit Baumasten verwachsen waren, nahm man ein Fruhstuck ein. Dann ware man, da die, welche noch fehlten, aus dem gewahlten Schiessstande im Warten ungeduldig werden konnten, unfehlbar aufgebrochen, wenn sich nicht die Scene auf eine eigenthumliche Art durch das Eintreten einer Personlichkeit geandert hatte, deren Erscheinen hier Niemand erwartete.

Ein magerer Herr in mittlerer Statur, in der sogenannten Armeeuniform, die Brust mit Orden bedeckt, trat ein ... Hinter ihm folgte ein Jager, der, wie alle Leibschutzen, die Flinte seiner Herrschaft trug ...

Der Landrath! ging es mit einstimmigem Murmeln durch die Reihen der aus ihren schon wieder angezogenen Pelzrocken und Ueberwurfen kaum erkennbaren Physiognomieen ...

Niemand war besturzter, als der Wirth, Graf Munnich selbst ...

Was ist das? rief er erstaunt und allen horbar ...

Bald stellte sich heraus, dass den Landrath von Enkkefuss Niemand eingeladen hatte ...

Noch mehr ... Der feierliche Aufzug des in dieser Sphare schon lange durch die Zeitereignisse Proscribirten hatte etwas Beangstigendes ... Dass dieser weiland "schone Mann", ein alter Cavalerieoffizier, sich mit der grossten Beflissenheit seinen Bart, sein Haar gefarbt, ja sogar die Runzeln seines fast fleischlosen und nur aus Haut und Knochen bestehenden Kopfes weggemalt hatte, uberraschte Niemanden. Auch heute hatte er seine allbekannte Toilette, dieselbe Chevalerie mit den Damen, dasselbe stramme Auftreten mit den hohen Stulpstiefeln, dieselben Scherze, die man an ihm gewohnt war ... Aber in so seltsamer Ubertreibung kam alles an ihm zum Vorschein, dass man annehmen musste, entweder hatte er bereits seinem vormittagigen Lieblingsgetrank, dem Curacao, stark zugesprochen oder er befand sich in allem Ernst in geistiger Unzurechnungsfahigkeit ...

Sofort bildete sich eine Phalanx gegen den Vertreter der Regierung, gegen den Mann, der einen Bruder des Kirchenfursten im Duell erschossen hatte, gegen den Freund des Kronsyndikus, gegen den Vater des Assessors, des jetzigen Rathes von Enckefuss ... wiederum sah man die grosse Kluft des Vaterlandes und immer peinlicher wurde die Verlegenheit fur den Jagdherrn ... Allgemein stellte man ihm in ergrimmter Aufregung die Zumuthung, er solle den unberufenen Eindringling bedeuten, dass sein Eintreffen auf Schloss Munnichhof ein Misverstandniss ware ... Sogar die Grafin besass den Muth, die Bedenklichkeiten ihres inzwischen zaghafter gewordenen Gatten zu uberwinden und mit der Wurde ihrer aussern Erscheinung, mit dem Hochgefuhl ihres Zusammenhangs mit dem Trager der dreifachen Krone, den Landrath auf ein Misverstandniss aufmerksam zu machen ... sie wollte sagen, dass sie sich ein Gewissen daraus gemacht haben wurde, den Herrn von Enckefuss "mit Elementen" zusammenzufuhren, "die i h m hochst unangenehm sein mussten" ...

Jetzt aber erfuhr sie durch die Dienerschaft, Herr von Enckefuss ware durch die Nichteinladung zu einer Jagd, an der jeder Adelige der Gegend theilnahme, in einem Grade beleidigt worden, dass man ihn seiner fur nicht mehr machtig halten konnte. Stundlich hatte er die Einladung zur Jagd abgewartet, hatte sein Schiesszeug hervorgesucht, es selbst geputzt, seinen Hund angeredet: Sie danken dich ab, Caro! Sie werfen dir einen Knochen vor, Caro! Sie setzen dich ausser Brot, Caro! Dann ware seine Ungeduld gestiegen, immer hatte er gefragt: Keine Einladung vom Grafen? Keine von Baron Levinus? Keine von Herrn von Terschka? Seit gestern hatte er dann eine Miene angenommen, als ware die Einladung wirklich erfolgt. Nun hatte er seinem Bedienten befohlen, sich als Jager anzukleiden. Auf die Einrede, er irre sich, die Einladung fehle, hatten die heftigsten Zornausbruche geantwortet, sodass man zuletzt vorgezogen, zu schweigen und sich in alles zu fugen. In diesem Zustand erschien er und scheinbar nicht im mindesten stolz. Er sprach leutselig mit allen, wie wenn sie seine besten Freunde und Bekannte waren ... Ein angstlicher Waffenstillstand zwischen zwei feindlichen Lagern ...

Hinein in die Unentschlossenheit, was nun zu beginnen ware, in den unheimlichen Eindruck des so ausserordentlich sichern, ja frohlichen Benehmens des Landraths ertonten die Signale des Aufbruchs, die Ruden schlugen an, johlten und heulten vor Jagdungeduld, die Jager klatschten mit den Peitschen, der Zug kam in Bewegung, noch ehe man den Landrath entfernt hatte. Auch jetzt folgte er wohlgemuth und setzte sich auf einen der Wagen, gerade wie wenn er dazu gehorte. Da sein Diener nicht jagdkundig war, blieb derselbe zuruck. Es schloss sich dafur dem Landrath ohne weitere Weisung einer der jedem Jagdtheilnehmer zum Beistand beorderten Jager an ...

Die Fahrt dauerte nicht allzu lange. Bald gelangte man in den von hohen Tannen und Buchen bestandenen Wald ... Es war die letzte grosse Jagd in einem Walde, der hundert Jahre bedurfte, um das wieder zu werden, was er war ...

An einer Eichenschonung stand unter zwanzig Mannern, die hier schon zu Fuss und zu Wagen harrten, einer, der sich in stillem Traumen das auch sagte und rings um sich blickend nachfuhlte. Wie wenig liegt ein seiner Sinn in den Auffassungen der Menschen! Wie gehen sie ruhig an Thatsachen voruber, an denen ein anderer mit Schmerz verweilt!

Benno war es, der auch das sich sprach ... In einen einfachen kurzen Militarmantel, grau mit rothem Kragen, war er gehullt, einen Mantel, den er uber seiner gewohnlichen Kleidung trug. Fest an den Huften war der Mantel zusammengeschnurt und hob gefallig seine schlanke Gestalt; ein schwarzer burgerlicher Hut bedeckte sein blasses, leidendes Antlitz ... Ueber Thiebold musste er lacheln, der in einiger Entfernung einen Kreis um sich hatte, dem schon wieder in bester Laune von ihm seine amerikanischen Abenteuer und sein beruhmter Sturz in den Sanct-Moritz erzahlt wurden ...

Fur Benno's Jugendtraume gaukelten hier die kleinen Elfen des Waldes daher dahin ... Noch einmal hielten sie unsichtbar ihren letzten Reigen unter den grunen Tannen, schwangen sich zum letzten mal auf den Nacken des Wildes, um ihm einen Weg durch das Dickicht zu bahnen vor seinen Verfolgern ... zum letzten mal waren die kleinen Seen, die sich hier und dort im Walde fanden und zu denen sonst im Mondlicht die Hirschkuhe ihre Kleinen zur Tranke fuhrten, von den Schatten hoher Baume bekranzt ... Bald sollten diese Lichtungen, die sich unter der schmelzenden Schneedecke so geheimnissvoll und traulich im Holze offneten, dem Winde preisgegeben sein, der uber die zuruckgelassenen todten Stumpfe der verkauften Stamme fegte ...

In einem Wald, den ein leichtsinniger Verschwender vor der Zeit lichtet, glaubt man oft Banket gehalten zu sehen von Junkern und geputzten Damen bei musicierenden Eichhornchen und brummenden Borkenkafern und taktschlagenden Spechten in den Zweigen ... Hier, da der Wald zu Eisenbahnschwellen benutzt wurde, brauste die Locomotive daher und schnaubte und pfiff so teufels- und aufklarungsgemass, wie nicht blos Norbert Mullenhoff gesagt hatte, sondern selbst Onkel Levinus wiederholte, der, je besorgter er jetzt wurde, desto mehr zu sprechen anfing ... Benno war von ihm aufs freundlichste begrusst worden ...

Levinus plauderte schon deshalb, um sich dem Jagdhumor zu entziehen, der auf der Fahrt vom Schloss Munnichhof und hier bei dem Halloh der ersten Begrussung sich auf seine Kosten zu entwickeln begann. Man fragte ihn, welche Nummer seine Brille hatte, wie viel Wild er heute wurde am Leben lassen, ob er es unter einem Sechszehnender thun wurde und so fort in jenem jagdublichen Schrauben, das bei allen schon in vollem Gange war ...

Ich kenne euere Pfiffe! rief Onkel Levinus. Ihr wollt uns nur sicher machen durch euere schlechten Witze! So wild werd' ich darum doch noch nicht, dass ich mich vor Zorn mit dem ersten besten Stand begnuge, der mir angewiesen wird! Das ist so eine Ihrer bekannten Finten, Graf Munnich, uns im Spass alles ubersehen zu lassen! Wir Landesoberjagermeister kennen das!

Man befand sich auf einer mitten im Walde liegenden Flache, die auf einige hundert Schritte weit von Knieholz unterbrochen wurde und sich zur Aufstellung einer doppelten Schutzenreihe, auf jeder Seite zwanzig, hinter Busch und Baum, vortrefflich eignete. Eine Freifrau von Stein, die schon vom Schloss mitgekommen war, liess sich in einem Tragsessel von zwei Bauernburschen ins Holz tragen; eine schon bejahrtere Frau von Bockel-Dollspring-Sandvoss watete selbst durch den Schnee mit Wasserstiefeln, die ihr bis an die Kniee gingen ...

Die Wagen waren inzwischen nicht weit vom Eingang in den Forst zuruckgeblieben ...

In der Ferne und immer naher kommend horte man schon ein Rasseln und Schlagen in den Buschen und der Oberforster versicherte, es ware die hochste Zeit, die Posten einzunehmen ...

Noch war keine rechte Einigkeit da, denn Terschka fehlte. Alle spahten nach ihm; nicht blos Onkel Levinus, nicht blos Benno und Thiebold, die hinter zwei machtigen Erlenbaumen, die gabelformig aus der Erde geschossen, zusammenstanden, Platz genommen hatten ... Terschka's Jagdkunst schien allen bestimmt, den Preis zu gewinnen ...

Da er ausblieb, wollte man beginnen ...

Der Onkel bedeutete die Signalisten und rief:

Diese Eile ist wieder nur eine euerer verdammten Finten! Statt mit Vorsicht und Bedacht die Platze anzuordnen, wird nun alles mit Hast ubers Knie gebrochen! Schweigt! Schweigt! sag' ich. Die verdammten Intriguanten haben alles abgekartet!

Endlich horte man nur noch Ein Signal blasen; es kam aus der Ferne ...

Das wird Terschka sein! hiess es ...

Terschka kam in der That auf einer Jagdchaise dahergebraust und schon vor ihm allgemeiner Jubel! zogen im erweichenden Schnee drei Wagen voll Heiligenkreuzer Stiftsdamen, die eben Terschka einholen wollte ...

Das war ein Grussen jetzt und Rufen und Lachen und Spotten ... Aus dem Gewirr der Regenschirme und Pelze und Schleier entwickelten sich zwei Jagerinnen, Fraulein von Merwig und Fraulein von Absam ... Und nun ertonte plotzlich noch eine Salve von Bravis und schallendem Handeklatschen ... Noch eine dritte Amazone sprang vom Wagen ... Es war Armgart von Hulleshoven.

Thiebold und Benno trauten ihren Augen nicht ... Sie riefen zum Erstaunen des Onkels diesem hinuber und jetzt nicht im mindesten zu dessen Schrecken ... Levinus dachte nur an sich ... Seine Stimmung wurde immer wilder und (vor Furcht) kuhner: er lobte Armgart und verdammte alle Stubenhocker ...

Benno und Thiebold betrachteten sich mit stockendem Herzblut ... Es war Armgart ... Armgart, die trotz ihrer gestrigen Thranen aus dem einen der drei grossen offenen Omnibus, der mit den andern zum Schloss Munnichhof weiter fuhr, heraussprang und von Terschka's Armen aufgefangen wurde ...

Sie trug einen blauen engen, gefutterten Tuchrock uber einem grauseidenen Kleide, einen grauen runden Hut mit wallendem blauen Schleier, dunkle Handschuhe und einen carrirten blau-grun-rothen Plaid rings um ihre Schultern geworfen ...

Ihr Antlitz war geisterblass ... Ihr Ausdruck, ihr Lacheln liess ihre zwei weissen Zahnchen blinken, wie immer, wenn sie traumerisch abwesend war ... Sie grusste Niemanden, blinzelte nur zu den beiden weissen Erlen hinuber, wo Benno und Thiebold standen, und ging wie ein Opferlamm willig dorthin, wohin sie Terschka stellte ... Ihr ganzes Wesen war gebunden, ihr Wille, des Menschen edelste Kraft, lag vor dem Altar der Gottesmutter ... Das ist die katholische Macht des "Gelubdes".

Der Onkel rief ihr ein Willkommen zu und allerdings sprach er noch drohend:

Na ja! Ich dachte mir doch gleich so etwas! Das wird schon werden mit der Tante! Jetzt nur Vorsicht! Vorsicht, Herzenskind!

Benno sagte voll Grimm und Verzweiflung zu Thiebold:

Eine formliche Erklarung wird das heute! Eine offentliche Vorstellung vor der Gesellschaft! Sehen Sie nur, wie alles flustert!

Auch Thiebold "war im Begriff, ausser sich zu gerathen"; aber hinter jedem der Jagdtheilnehmer stand ein Jager und bediente das Schiesszeug man musste etwas vorsichtig sein und that besser, zu schweigen ...

Pancraz! rief aber auch Terschka wild auf und ein Jagerbursche, in der grun und gelben Livree der Dorstes, sprang hinzu und bot Armgart die Flinte, offenbar schon im Einverstandniss und nach gestern Abend mit ihr getroffener Verabredung ...

Sie nahm sie, wie wenn ihre Hand aus einer Urne ein Todesloos zog ...

Trara! Trara! Trara! begann es jetzt uberall und Halloh! Halloh! An die Platze! rief man ...

Nun lief alles und stellte sich erwartungsvoll ... Der mittlere Plan war leer ... Zwei Jagerreihen zogen sich vierhundert Schritt entlang ... Am aussersten Ende stand der immer laut perorirende Landrath ... Ein Rascheln, ein Knacken horte man jetzt ... Siehe da! Funf Hirsche brachen aus der rechten Flanke des Quarres, das die Gesellschaft bildete ... Die Hunde, die noch an der Leine gehalten wurden, winselten ... Die Thiere standen noch Keinem schussrecht ...

Da plotzlich ruft eine Stimme es war die des Grafen: Tire haut!

Tire haut? ... Alles lachte ...

Der Larm der Treiber hatte die gefiederten Bewohner der Baumkronen in Aufregung gebracht, aber der Onkel hatte ganz Recht, als er heftig lospolterte:

Was sind das fur Sachen! Dieser verdammte Munnich! Nur die Aufmerksamkeit will er vom laufenden Wild ablenken durch die Vogel, die heute gar nicht in Betracht kommen! Es sind nur Flederwische da oben!

Doch uber ihn her viel Schnee von einem abstiebenden Auerhahn ...

Pancraz sagte: Herr Baron! Oben "steht Alles ein"!

Wahrend Armgart uber den technischen Ausdruck von "einstehendem" Geflugel vom Onkel eine Belehrung zugeflustert bekam, erscholl es Piff! Paff! ... Von allen Seiten ... Vier Hirsche lagen; der funfte war durchgebrochen ...

Aber auch der Auerhahn sturzte herab ... Diesen hatte Terschka geschossen ...

Daruber gab es Verwirrung genug. Man hatte nun die Hunde losgelassen. Verwundet war das funfte Thier entflohen. Auf dem Schnee sah man die Schweissspuren. Einige Hundert Schritt von der andern Flanke der Plane, die man bestand, stutzte der Hirsch, machte, von den Treibern der andern Seite empfangen, Halt und wandte sich zuruck. Nun stellte ihn die Meute und der Zunachststehende war berufen, das Thier zu schiessen ...

Es waren gerade Benno und Thiebold ... Thiebold, "vorwitzig, wie auch nur ich sein kann", schoss schoss fehl ... Jetzt legte Benno an wollte losdrukken ... Paff! Im Nu schon sank das Thier, von einer Kugel getroffen, die vom aussersten Ende der Jagdreihe kam ... Der Landrath hatte geschossen ... Aus einer Entfernung, wo ihm zum Schuss jede Berechtigung fehlte ...

Daruber gab es denn einen gewaltigen Larm ... Diese Anmassung war gegen alle Regel ... Die Kugel hatte fehltreffen, Jemanden verwunden, todten konnen ...

Zornig schrie man durcheinander ... Dem Onkel wurde es immer wirrer zu Muthe ... Das fortgesetzte Knallen der Buchsen an andern Orten brach neues Wild durch die Nahe der Schiessstande, das Pfeifen der Kugeln, Armgart's ihm jetzt doch "tollkuhn" erscheinende Anwesenheit, alles mahnte zur Vorsicht und in leibhafter Gestalt sah er Tante Benigna neben sich, die mit den angstlichsten Warnungen ihn beschwor, sich um aller Heiligen willen in keine Gefahr zu begeben ... Jetzt auch bemerkte er die geheimen Instructionen, die sein Leibschutz Soetbeer mitbekommen ... Hatte Soetbeer v o r dem jetzigen Durcheinander etwas von "Fusssack" merken lassen, wurde der Onkel es ihm schon gegeben haben; nun, in dem Geknatter und dem Pulverdampf, liess er alles zu seinem Besten geschehen ...

Ein Rehbock kam mit zwei Riekchen und ging dicht an ihm voruber ... Der Rehbock kam erstaunt und nicht einmal besonders geangstigt "dahergestapelt", wie Fraulein von Merwig rief die Familie des Frauleins hing nach dem Onkel unfehlbar mit dem Geschlecht der alten Merovinger zusammen der Bock schien zu wissen, dass wenigstens die beiden Rieken, die ihn begleiteten, sonst vor dem Schusse sicher sind, da man Weibchen nicht schiesst; es galt aber einen Vertilgungskampf. Unter dem Beileid der kunstgerechten Jager brachen auch diese zarten Thierchen zusammen und mit so vielen Kugeln, dass sich daruber neuer Streit erhob ...

Armgart war schon in fieberhafter Erregung gekommen ... jetzt stand sie zitternd und hielt sich an Terschka, der nach dem Meisterschuss auf den Auerhahn nicht mehr schoss und nur links und rechts spahte, vorzugsweise hinuberschielend auf Benno und Thiebold ... Benno gehorte plotzlich zu den wildesten Jagern ... Jede Ladung suchte er so schnell wie moglich los zu werden ... Thiebold bat ihn wiederholt, sich zu massigen ... Nach seinem Fehlschuss hatte er die Courage verloren ... Armgart kam ihm vor, sagte er, als wollte sie das Ziel aller Kugeln sein ... Und doch schien sie ein uberirdischer Geist, den keine Kugel treffen konnte ...

Inzwischen fuhr der Landrath fort, eine Unvorsichtigkeit nach der andern zu begehen. Eine seiner Kugeln ging dicht am Handgelenk der Frau von BockelDollspring-Sandvoss voruber ... Die Fraulein aus dem Stifte, ohnehin gegen ihn tendenzgereizt, sprachen uber den "tollen Mann" in Ausdrucken, die keineswegs verriethen, dass auch sie zu den Dichterinnen im Stifte gehorten ...

Auf der Jagd, in der Hitze des erregten Blutes, wahlt man die Ausdrucke nicht und so horte der Landrath eine Beleidigung nach der andern ...

Seltsam jedoch, er brach auf alles, was ihm von nahe und von fern zugerufen wurde, in Gelachter aus ... Man wurde ihn fortgewiesen haben, wenn nicht jetzt auf ein gegebenes Signal der Stand geandert worden ware, um mehr ostwarts zu ziehen. Dem Oberforster am des Wildes zu wenig ... Auf Rechnung des Windes schrieb er's ... Nun trat alles aus den Buschen hervor und zog weiter ...

Onkel Levinus aber war entschieden dafur, dass man erst den Mann entfernte, "durch den hier heute noch ein Ungluck entstehen wurde" ... Alle die, welche schlecht geschossen hatten, unterstutzten seine Meinung ...

Meine Damen! rief der Landrath im Dahinwaten uber die Plane, wo inzwischen schon das gefallene Wild von dem dazu bestimmten Jagdpersonal schnell ausgeweidet wurde ... Amor schiesst blind, immer blind und trifft doch! Haha! Hier soll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten? Korn und Visir! Ein Blinzeln von so schonen Damenaugen und ich gehore gleich zu den lumpigsten "Schneidern", die's nur geben kann Meck! Meck! Meck! Meck!

Die Amazonen, selbst die hinter Terschka einherschleichende und Benno und Thiebold wie ihr Gewissen vermeidende Armgart nicht ausgenommen, waren Kennerinnen der Jagd genug, um zu wissen, wie von ihm dies Meck! Meck! spottweise gerufen wurde, weil schlechte Schutzen "Schneider" genannt werden. Fraulein von Merwig hatte den bestandigen Beinamen des "Frauleins von Anflicker", den sie von ihrer Leidenschaft fur die Jagd und ihrer geringen Trefffahigkeit furs Leben zu behalten furchten musste. Doch schon aus dem Aerger, den sie uber diesen Spottnamen empfand, konnte man sich denken, wie verletzend es wirkte, dass nun der Landrath allen Jagdgenossen unausgesetzt sein hohnisches Meck! Meck! nachrief ...

Die gutmuthigsten Naturen konnen auf der Jagd, besonders wenn die Fusse kalt werden und die Hande lieber in den Pelzhandschuhen staken, als harrend am kalten Lauf der Flinte, einen determinirten Anflug von Malice bekommen. Jetzt riefen sogar schon die fruher schweigsamern Stimmen: Ungebetene Gaste wirft man zur Thur hinaus! Andere: Werft das Gescheite (das Eingeweide) in den Busch fur die Fuchse! Andere wandten sich zu den Damen: Meine Damen, Sie sprechen von Amor? Wir haben allerdings einen blinden Passagier unter uns!

Graf Munnich wollte keinen Eclat und bot alles auf, den Frieden zu erhalten ...

Daruber kam man an den neuen Stand, den der Oberforster bereits angeordnet hatte. Es war wieder eine Plane, hier rings nur von Tannendickicht umgeben ...

Leider hatte sich der Oberforster verrechnet ...

So lange man auch harrte, so lange auch die Treiber rasselten und mit ihren Knutteln an die Baume schlugen, keine "Pfote kam heraus" zuletzt einen einzigen Hasen ausgenommen, dessen Erscheinen ein allgemeines Gelachter erregte ...

Lampen schoss in naturlicher Grossmuth als zu geringfugige Beute Niemand, sondern durch die Stande hindurch wurde der Geangstete hin- und hergewiesen, bis er den Damen fast so nahe zugetrieben wurde, dass sie ihn an den Ohren hatten fassen konnen ...

Wieder storte der Landrath dies komische Intermezzo durch seinen aufgeregten Eifer. Er schoss den Hasen dicht vor den Fussen Armgart's nieder und hatte diese, die sich nichts gewartigte, leicht verwunden konnen ...

Daruber brach der Unwille der ganzen Gesellschaft in helle Flammen aus ...

Armgart lag halb bewusstlos an einen Fichtenstamm gelehnt; die Flinte, die sie, ohne zu schiessen, in der Hand gehalten, war ihr entfallen; Benno und Thiebold waren auf halbem Wege ihr zu Hulfe gesprungen, ja setzten sich selbst daruber dem nachsten Schusse aus ...

Ueber alles das entstand eine Scene der hochsten Aufregung ...

Sie mehrte sich, als der Landrath vorsprang und rief:

Wer raisonnirt hier? Ruhe! Ich befehle! Ich!

Jetzt stand er wuthschaumend auf der Mitte der Plane ...

Ein gemeinsamer Ruf unterbrach ihn:

Er ist verruckt! Haltet ihn! Bindet ihn!

Wirklich schlug der tolle Mann um sich, drohte mit seiner Doppelflinte, deren einer Lauf wahrscheinlich noch geladen war, und wurde ein Ungluck angerichtet haben, wenn nicht Jemand hervorsprang, ihm die Arme zu halten. Man hielt Benno und Terschka zuruck, auf die Jager rechnend. Eine leicht erklarliche Scheu vor der ersten Verwaltungsbehorde der Gegend hielt die Nachststehenden noch eine Secunde ohne Entschluss

Da theilten sich die Busche und mit dem Rufe: Pax vobiscum! sprang mit auffliegender Kutte ein Franciscanermonch auf den Plan, hielt mit einem Arm die Flinte des Landraths und griff mit dem andern so geschickt beide durch die Luft fuchtelnden Hande des ungeberdig Drohenden und Rasenden, dass dieser zwar mit schaumbedecktem Munde sich fest und aufrecht erhielt, aber auch bewegungslos verharrte, nur noch machtlos seinen Bandiger anstarrend ...

Bruder Hubertus war es, der selbst weiland ein Jager gewesen und den entweder das Gebell der Hunde, das Knattern der Flinten oder Terschka's Anwesenheit angezogen hatte im Kloster hatte er sich vor wenig Stunden ihm zu nahern gesucht und war von Terschka schnode abgewiesen worden ...

Die Gesellschaft, ausser sich uber den Vorfall, umringte die Gruppe und rief dem Monch, der wie der bandigende Tod dastand:

Bewachen Sie ihn! Fuhren Sie ihn fort!

Ich will Ihnen Leute zurucklassen! rief Graf Munnich ...

Der Monch schuttelte den Kopf, sich verburgend, er wurde schon allein den Unglucklichen in Sicherheit bringen ...

Inzwischen bliesen auf ein gegebenes Zeichen die Horner ... Schon zog sich die ganze Gesellschaft in den dichtern Wald ... Armgart gefuhrt von Thiebold Terschka war im Augenblick, da Hubertus erschien, verschwunden ...

Still und stiller wurde es ringsum ... Die Signale nur horte man, die den Treibern die Veranderung der Stellung ankundigten und die von diesen fernher wieder beantwortet wurden ...

Ein einziger schreckenvoller Augenblick ... Jedermann eilte, ihm zu entfliehen.

14.

Wie in nachtlicher Waldeinsamkeit zwei kampfende Hirsche sich ihre Geweihe so ineinander gebohrt haben konnen, dass sie sich nicht mehr auseinander zu winden wissen, die Kraft der Stirnen nachlassen fuhlen und beide ermattet und zum Sterben bereit, ja wie im Tode zuvor noch versohnt, zu gleicher Zeit hinsinken, so standen sich der Monch mit dem Todtenkopf und ein Irrsinniger gegenuber ...

Immer schwacher und nachgiebiger wurde der Widerstand des Wutschaumenden, der barhaupt, ohne seine herabgefallene Mutze, dastand mit schweissbedeckter Stirn. Zuletzt begann er, wie aus einem Traum erwachend, in Ohnmacht zu sinken ...

Der Monch fing ihn mit ungeschwachter Kraft auf. Er hielt ihn unbeweglich in seinen Armen ... Kein Laut, keine Anrede kam aus seinem Munde ... Der Landrath brach zusammen und verlor die Besinnung ...

Einsamkeit ringsum ... Nur die dustern Tannen stille Zeugen des schreckhaften Auftritts ...

Beide Manner auf dem schmelzenden Schnee stehend ... Hubertus in Sandalen, der Nasse und Kalte nicht achtend, der Rittmeister mit Koth bespritzt bis zur Achsel ... Ein Gegensatz zu dem sich weitab verziehenden Larm der Jagd, zu dem Knallen der Buchsen, zu dem Bellen der Hunde, zu dem noch jeweiligen Durchbrechen des Wildes, das scheu und stutzend hielt, der den Muth und die Geistesgegenwart eines Helden herausforderte ...

Den Arm des Landraths liess der Monch noch immer nicht. Er wollte ihn, wenn er zur Besinnung kam, verhindern, zu entfliehen und der Gesellschaft wieder nachzurennen; denn dass er mit einem Mann zu thun hatte, der das Licht der Vernunft verloren, horte Hubertus bald an dem, was der Ungluckliche allmahlich zu sprechen begann ...

Ich bin der Landrath ! sagte er erwachend ...

Wohl! Wohl! Herr von Enckefuss! flusterte der Monch mit milder und beruhigender Stimme ...

Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich kenne Sie sehr wohl! fuhr der Rittmeister nach einer Weile fort ...

Grosse Ehre, Herr Landrath!

Sie sind der Doctor Klingsohr!

Pater Sebastus jetzt!

Wie konnten Sie sich unterstehen, mich von meinem Freunde Wittekind fortzuschicken? Das war ja mein bester, einzigster Freund! Und der wollte doch sonst das Pfaffengesindel nicht! Lass mich, Kapuziner!

Der Monch bedeutete den Rittmeister, der den Grafen Munnich mit dem Kronsyndikus verwechselte, auf dessen Jagden er fruher den Matador gemacht, mit nickenden Zustimmungen ...

Nicht wahr? Ich bin eingeladen? fragte jetzt der Landrath kleinlaut ...

Diese Worte wiederholte er ofter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann stolz fort:

Mein Vater hat die Schlacht bei Belle-Alliance gewonnen! Sagst du auch: Wellington? Landesverrather! Man muss euch hier alle niederschiessen! Alle! Eher kommt keine Ruhe und kein Patriotismus ins Land!

Beide gingen dabei schon furbass ... Manchmal noch rangen sie, manchmal zankend, manchmal beruhigt still stehend ... Der Monch ermudete nicht, durch Eingehen auf die Vorstellungen des kranken Mannes ihn zu besanftigen ...

Der Tobende rief:

Ich werde euch zeigen, welche Verwandte ich habe! Ihr sollt euch wundern, wer meine Protection ist! Der Konig hat schon mehr als dreissigmal mit mir gesprochen! Betteln kann ich so gut wie andere, aber ich gebe keine funfzig Procent! Auf Spiel, da steht jetzt Strafe ... Haha! Tangermann! Zimmer 15! Leutenant von Barnekow und Rittmeister von Enckefuss nehmt euch in Acht! Rittmeister a. D. ... Ade! ... Soll ich denn mit Gewalt ein Muller werden?

Dies letztere Wort sprach der Verwirrte plotzlich fast weinerlich ...

Ermuntert zur Nachgiebigkeit wurde er durch den Zuspruch des greisen Monchs, der bald die Milde, bald die Energie selbst war, ihm in allem Recht gab, ihn in dem Glauben bestarkte, dass er der vornehmste, geachtetste und arrangirteste Mann der Provinz ware und doch wieder festhielt, wenn er ungeberdig um sich schlug ... Hedemann, sagte Hubertus, das, das ware ja der Muller, aber auch noch ein Oberst konnte hier ein Muller werden, setzte er plaudernd hinzu ...

Fehlte irgendetwas, um dem in seinem Wesen einfachen, ja trotz seiner Kraft kindlichen Monch das Vertrauen des Unglucklichen zuzuwenden, so war es die Erwahnung seines Sohnes ...

Auf das Kichern und Lachen, mit dem der Landrath ein Dutzend mal auf die Erwahnung des Obersten hintereinander: Papiermuller! Papiermuller! rief, hatte er einen uneroffneten Brief hervorgezogen und stolz gerufen:

Na da kuck' einmal! Das ist von meinem Sohn!

Von Ihrem Herrn Sohn? hatte kaum der Monch wiederholt und von seiner letzten Reise her dessen hoffnungsvolle Carriere geruhmt, so leistete der Landrath keinen Widerstand mehr, sondern ergab sich ruhig, folgte und sprach, auf den Brief deutend, mit Behagen:

Ja, mein Sohn, der ist in drei Jahren Minister! Den Adlerorden, den hat er schon er darf ihn nur noch nicht zeigen! Alles weiss mein Junge ... Und wenn du schweigen kannst, Pfaffchen, sollst du horen, was mir mein Sohn geschrieben hat! Das ist die Handschrift, die an ihm der Konig so sehr liebt! Sein Konig! ... Das kennt ihr hier zu Lande gar nicht, was es heisst: M e i n Konig! ... "Helft Leute mir vom Wagen ab" (sang er mit leiser Stimme), "mein Konig trank daraus!" ... Lies, Alter, und siehst du, der Bindestrich immer wie ein Grundstrich und der Grundstrich immer wie ein Bindestrich ... Das hilft nun nichts! Etwas Apartes muss der Mensch haben!

Mit der feierlichsten Wurde seine Autoritat behauptend offnete er den vielleicht kurz vor dem Verlassen seiner Wohnung empfangenen amtlichen Brief und liess, wahrend er ihn vorlesen wollte, den Monch mit einsehen ...

Nicht dass der Alte in der braunen Kutte neugierig war ... Ihm genugte, dass diese Gedankenreihen den Wahnwitzigen zerstreuten und dass er hoffen konnte, ihn so allmahlich zum Meyer von Borkenhagen, dem nachsten Ort, zu fuhren, wo er gedachte ein Fuhrwerk anspannen zu lassen, um den Kranken nach Witoborn in seine Wohnung zuruckzubringen ...

Plotzlich aber fiel ihm in dem Briefe, der eiligst und offenbar unter dem Siegel amtlicher Verschwiegenheit geschrieben war, ein Zeichen auf, vor dem ihn Schauder ergriff ...

War in dem Briefe von ihm selbst die Rede? ...

Stammer (der als der Jagd unwurdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg geblieben war) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt Hubertus trug jenes bekannte Verbrecherzeichen auf seinem fleischlosen Arme ... Was sollte das jetzt ? Er sah dies Zeichen abgebildet in diesem Brief ...

Der Landrath hielt, wie ein Fernsichtiger, den Brief so weit von sich zuruck, dass Hubertus wahrend des Vorlesens mit einsehen konnte ...

Aber merkwurdig, der Irrsinnige las etwas vollig Anderes, als was im Briefe stand ...

Nur die Ideen las er aus ihm heraus, die in seinem Kopfe lebten, wahrend Hubertus sogleich bemerkte, dass der Inhalt ein hochwichtiger und ihn personlich betreffender war ...

Der Landrath las: Lieber Vater die Canaillen helfen einmal nicht Dieser Kattendyk ist und bleibt ein Esel Nuck hat Dir den Tod geschworen Deine Widersacher triumphiren! Halt' aber aus, bis ich ans Ruder komme Dann kann es mir und Dir nicht fehlen und Du zahlst es auch dem Prasidenten heim, gegen den Du viel zu lange zu stolz gewesen bist! Warum lassest Du Dir Dein Schweigen nicht bezahlen? Warum schonst Du Rauber und Morder und thust es umsonst? Weil Du zu stolz bist? Ha! Cavalier vom Tschako bis zum Sprungriemen! Lernt uns von Anno 13 kennen, einen Rittmeister von den braunen Husaren! Landfriedensbrecher! Ihr Romlinge! Die Cocarde erkenne ich euch ab! ... Auf die Jagd bekommst Du Deine Karte so gut wie hier jeder andere von Distinction! Monsieur le Baron d'Enckefuss est invite a la chasse!

Mit dem Brief salutirte der Rittmeister an seiner wachsledernen Mutze, die Hubertus ihm von der Erde genommen, dann getragen und allmahlich aufgesetzt hatte ... Seine schwarzen Augen funkelten, die rothe Nase gluhte, die Tusche seiner Gesichtsfarbe hatte sich im Regen verwischt und floss um den jetzt in seiner Grauheit sich verrathenden Bart. Jeder, der im Walde dahergekommen ware und hatte die beiden schreckhaften Gestalten gesehen, ware bebend zuruckgewichen ...

Aber auch Hubertus hatte sich jetzt an dem Wankenden halten mogen ... Sein Geist war machtig in der Kraft des Willens, nicht in der Combination ... Erst ohne Verstandniss blickte er in die Schrift, die ihm der Landrath entgegenhielt, bald aber las er im klarsten Zusammenhange, die Pausen des Landraths nutzend, Folgendes:

"Lieber Vater! Eine Nachricht von Wichtigkeit, die ich Dir personlich mittheile, damit Du Dir ganz allein das Verdienst dieser Entdeckung erwirbst und die Krankungen, die der Parteigeist uber Dich verhangt, durch Deine Thatigkeit beschamen kannst! Ein Verbrecher, der zwanzig Jahre in Frankreich auf den Galeren lebte, ist in unsere Gegend gekommen und hat sich sogleich bei seinem ersten Auftreten in seiner ganzen Gefahrlichkeit gezeigt. Auf einem Kirchhof hat er einen Sarg erbrochen. Ein halbes Jahr hat er dann verstanden, sich in unserer Stadt an einem noch unbekannten Orte verborgen zu halten. Bei den Unruhen, die noch taglich in unserer Stadt uber die Verhaftnahme des Kirchenfursten sich wiederholen, wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel steht er im Solde Nuck's, dieses verschlagenen, heimtuckischen Menschen. Hammaker, der uns allerdings seit Jahren das Nuck'sche Treiben beaufsichtigte, wollte erfahren haben, dass dieser Kerl in Eure Gegend gehen wurde, um daselbst etwas auszufuhren, was Hammaker nicht zu wissen behauptete. So viel weiss ich, dass Jean Picard oder Jan Bickert (Hubertus stockte im Lesen und hielt sich an den vorstehenden Zweigen eines Busches) auf dem Wege in Eure Gegend ist, reich ausgestattet mit Geld. Suche auf Grund des nachfolgenden Signalements hinter eine mogliche Verkleidung zu kommen: Jean Picard ist gegen funfzig Jahre, spricht schlecht deutsch, gut franzosisch, hollandisch, hat mittlern Wuchs, rothliches Haar und eine stark orientalische Physiognomie. Auf seinem linken Arm befindet sich das Zeichen der franzosischen Galeren T.F.; auch soll sich, wie von der Verwaltung der Galeren in Brest geschrieben wurde, der hollandische Verbrecherstempel (Hubertus starrte der Abbildung des Zeichens) auf ihm eingebrannt finden. Schliesslich mach' ich Dich aufmerksam, dass auch soeben in grosster Eile von hier eine Dir vielleicht von fruher her nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz auf Witoborn gereist ist. Beobachte die Schritte derselben! Um so mehr, als ich vermuthe, dass ihre plotzliche Abreise im Zusammenhang mit irgendeinem wahrscheinlich auf Nuck's Anstiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard steht. Lucinde Schwarz wird Dir dicht in der Nahe sein und bei einer Frau von Sicking wohnen, an die sie von hier aus empfohlen ist. Beobachte sie und ihren Umgang und lass besonders das Schloss Westerhof bewachen, da ich eine Ahnung habe, dass sich gerade dort etwas ereignen konnte, was nicht in der Ordnung ist! Lieber Vater, in Eile ... Dein treuer Sohn E."

Schon auf eine blosse Anerkennung der vortrefflichen Handschrift des Briefes hin konnte der Monch ihn ganz an sich nehmen und behalten ... Seine knocherne Hand zitterte, als er den Brief in seine Kutte steckte ... Er, der sonst so schnell Gefasste, hatte die Besinnung verloren ...

Denn seit Monaten suchte er ja zwei Menschen, deren Andenken ihm in dem Augenblick aufs lebhafteste entgegengetreten war, als er die Anzeige erhielt, eine ermordete Frau hatte ihm ein Vermogen von zwanzigtausend Thalern hinterlassen ... Langst hatte er der Erinnerung an jene Entsetzliche sich entwohnt ... Sein Leben lag ihm nur noch im fluchtigen Augenblick ... Nur in Gesprachen mit dem Pater Sebastus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild verklungener Tage auf ... Sebastus sagte noch kurzlich in seiner Krankenzelle zu ihm: Hubertus! Sie mussen in Java gelernt haben Liebestranke brauen! Gewiss hatte die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt! Denn zeitlebens dachte sie nur an Sie und ich will nicht hoffen, fuhr Sebastus fort, dass Ihre Erbschaft das Ergebniss einiger Giftmorde ist, in denen ihrerseits Frau von Buschbeck ihre Force gehabt haben soll! ... Hubertus, hocherstaunend, lehnte die Antretung der Erbschaft nicht ab ... Die grausame Zerstorerin seines Lebensglucks war durch die Hand jenes Mannes gefallen, der ihn einst in jenen Convict begleitet hatte, wo er am Pater Fulgentius ein so ernstes Strafgericht gehalten, indem er den, der den Tod zu lieben vorgab, auch wirklich nicht verhinderte aus dem Leben zu gehen. Damals noch war dieser hingerichtete Jodocus Hammaker ein junger Mann von Bildung, von Talent gewesen, ein Mann von angenehmen, gefalligen Formen ... Wie, hatte er gedacht, wie hatte ein solcher Mann so verwildern, so zum Morder werden konnen! ... Das weckte ihm sein eigenes vergangenes Leben, eine Junglingszeit, wo auch er am schaudervollen Rande des Verbrechens so gefahrvoll fur seine Seele dahingeschritten ... Gedenkend des Tages, als er dem Morder Jodocus Hammaker im Klostergarten von seiner Vergangenheit, von seinem Sprung aus einem brennenden Hause erzahlte, kam ihm mit wehmuthvollen Klangen die Erinnerung an die beiden Kinder, die damals seiner Obhut anvertraut gewesen, diese Kinder, die Gott durch ein Wunder, durch seinen Muth errettet wissen wollte, diese Kinder, von denen er sich, als man ihn nach Java schickte, mit so bitterm Kummer seines jungen Herzens getrennt hatte ... Wo mochten sie wol sein? ... Das beschaftigte den "seltsamen Heiligen" in seiner Klostereinsamkeit wie schon sonst seit Jahren, so jetzt aufs neue und lebendiger denn je ... Was war aus ihnen geworden? ... Wie, wenn sie im Elend, auf dem Weg des Verbrechens lebten? ... Er erhielt diese ansehnliche Summe! Er mochte sie seinem Kloster nicht geben, seitdem der ihm und allen verhasste Pater Maurus Guardian und sogar Provinzial geworden ... Wie, dachte er, wenn ich das Geld annahme, meine alten Pflegebefohlenen zu entdecken suchte und es ihnen zukommen liesse, falls sie's bedurfen sollten oder dessen wurdig waren? ... Diese Vorstellung erfullte den Greis mit solcher Lebhaftigkeit, dass er in der Einsamkeit der Kloster, auf den Wanderungen, die er im Auftrag des Provinzials zu machen hatte, stundlich darauf zuruckkam: Wo lebt wol Wenzel von Terschka? Wo Jean Picard? ... Vor einem halben Jahr hatte er auf einer dieser Wanderungen die Nachricht uber jene Erbschaft zuerst empfangen ... Gerade war er in Ordensauftragen in Belgien gewesen, ging nach Holland, kam eben aus Groningen zuruck, hatte von Jean Picard nichts vernommen, als dass er nach einer Reihe von Jahren von Brest fortkam und in Paris verschollen sein sollte; von Wenzel von Terschka nichts, als dass er nach seinem Unfall in Amsterdam nach der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war ... Nun begegnete er plotzlich vielleicht beiden! ... Hier! Hier dem einen in einer vornehmen, glanzenden Stellung! Dem andern auf dem langst von ihm geahnten Wege des Verbrechens! ... Wenzel von Terschka war allerdings ein Name, der, wie er schon gehort hatte, in Bohmen so haufig war, wie die Namen Wilhelm von Schulz oder Heinrich von Schmidt in Deutschland sein konnten ... Aber die seltsame Aehnlichkeit der Zuge mit denen jenes Kindes, das er bis zum funften Lebensjahre gekannt hatte, als er an der einsamen Muhle des Mullers Sterz, dann bei einem Scharfrichter zwischen Zutphen und Deventer mit den Knaben lebte ... Allerdings, dieser vornehme Cavalier, der in so geheimnissvoller Weise heute mit dem Pater Maurus eingeschlossen war im einsamen Bibliotheksaale des Klosters, der fur diesen Zweck eigens hatte geheizt werden mussen dieser stand ihm keine Rede, lehnte jede Frage nach seiner Geburt und Jugend und nach Angehorigen seiner Familie ab ... Jetzt aber wirklich Jean Picard! Der lebte! Lebte hier! ... Ein Mann mit dem Verbrecherstempel, den er auf Terschka's linkem Arm bei der Jagd hatte entdekken mogen ... Und um so mehr! Diesem Picard gesellte sich der Name jener Lucinde, die er auf dem von ihm gemiedenen Schloss Neuhof selbst zwar nie gesehen hatte, die er aber in allem kannte, was sie dem armen, gebrochenen Pater Sebastus, dem weiland Doctor Klingsohr, so werth gemacht hatte und noch machte ... Auch sie in der Nahe! ... Sie, um derentwillen Sebastus noch jetzt in seiner Strafzelle klagte ... um derentwillen er, vor seiner Ruckkehr aus Holland, mit einigen Fremden, die ihn besuchten, eine Flucht verabredet hatte ... Sie in Verbindung mit Verbrechern! ... Unmoglich, unglaublich! ... War sie in der That bei jener vornehmen Frau von Sicking, so beschloss er, soweit ihm die Ueberraschung, soweit ihm die Sorge um den Kranken, den er fuhrte, jetzt schon einen Entschluss, den er zu fassen hatte, moglich machten, zunachst Lucinden aufzusuchen, ihr diesen Brief zu zeigen, ihr nach Jean Picard Fragen vorzulegen, ihr die Pflicht vorzuhalten, ihn jetzt zu unterstutzen, soweit seine Kraft reichte, Verbrechen zu hindern, in denen dieser Ungluckliche nur zu heimisch zu sein schien ...

In solchen Stimmungen, solchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte mit seinem Klosterfrieden verlor er um den Kranken, den er fuhrte, die Obhut, und Sorge nicht aus dem Auge ...

Das seltsame Paar hatte den Wald verlassen und entfernte sich von dem immer mehr verklingenden Larmen der Jagd ...

So manches Reh war an ihnen vorubergesprungen ... In den kahlen Zweigen der Baume rauschte es von den aufgescheuchten Bewohnern derselben ...

Schon war es Ein Uhr ... Die Jagd dauerte bis gegen Untergang der Sonne. An einer bestimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbiss im Freien getroffen. Vor funf Uhr rechnete man nicht auf die dann im Schloss zu geniessenden Leistungen der graflich Munnich'schen Kuche, wahrend bis dahin die sich ansammelnden Damen der Jager von Puttmeyer's Transparentbildern unterhalten werden sollten ...

Immer ruhiger, immer stiller und hinfalliger wurde der Landrath. Hubertus musste bedacht sein, den Frierenden, fieberhaft Zitternden unter Dach und Fach zu bringen ... Der Regen mehrte sich. Auf dem an manchen Stellen spiegelglatten Boden war kaum noch fortzukommen ... Kaum hielt sich der Landrath noch aufrecht ... Hubertus musste mehr ihn tragen als fuhren ... Der Wille des Kranken, aus Ueberreizung zur Ohnmacht Zusammensinkenden, Zahneklappernden ausserte sich nur noch durch Zeichen ... Ein so unendlich wehmuthiger Ausdruck war trotz der entstellten und beschmutzten Gesichtszuge aus ihnen herauszulesen, dass man wohl annehmen konnte, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen Manne hatten die fortgesetzten Krankungen seines Ehrgefuhls, die er nun schon seit Jahren und besonders seit den letzten Monaten erfuhr, das Herz gebrochen.

Der dem Walde nachste Kamp war dem Monche als der armseligste in ganz Borkenhagen bekannt ...

Hier wohnten jene im Kirchenbann befindlichen Aeltern Hedemann's ...

Dass gerade auch der Landrath es gewesen, der diese mit ins Elend gebracht hatte, wusste Hubertus ...

Er sah sich in der Gegend um ... Niemand war da, der ihm den ohnmachtigen Mann abnehmen und in ein Obdach tragen konnte, das er als Angehoriger der Kirche nicht betreten sollte ...

Er wagte jedoch die Sunde auf Rechnung der vielen, die er bald zu beichten haben wurde, wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln, die nun plotzlich durch Nennung des Namens Terschka und den Brief, den er in seiner Kutte trug, seinen ganzen Menschen erfullten ...

Eine kleine Anhohe ging es hinauf, die zu dem Erbe Hedemann's fuhrte, zu den Alten, die fur die Bestellung desselben seit Jahren nichts mehr gethan hatten ...

Da lag ihnen schon das Staket, das sonst das wie tief in die Erde gekrochene Haus einfriedigte, in einzelnen Theilen im Wege ... Am Brunnen, den kein Stroh vorm Erfrieren des Wassers schutzte, lagen die Eimer leck oder eingefroren ... Eine Leine hing von einem der wenigen noch umstehenden Baume zum andern; einige weisse Fetzen an ihr, aussehend vor Frost wie Vogelscheuchen, die gespenstisch im Winde flatterten ... Aus dem Hause drang ein blauer stickiger Qualm. Die Thur stand offen; ein Birkenstamm versperrte den Eingang, der vor Rauch kaum zu gewinnen war ... In der Kuche am Herd sassen auf dem im Kamin brennenden Baum die beiden Alten. Hedemann's Mutter spann, der Vater schnitt Dauben und Klammern ein Erwerb, den er auf Drangen des Meyers ergriffen, als der Sohn in der Fremde nicht ahnte, wie ubel es mit den Aeltern stand; ein Erwerb, den er fortsetzte, obgleich er nun es nicht mehr nothig hatte; ein Verlassen oder Verbessern ihres Kamps konnte Hedemann zwar ebenso wenig bewirken, wie ihnen eine Bequemlichkeit durch eine Magd oder einen Knecht anbieten ... am Nothigsten aber fehlte es ihnen nicht mehr ...

Der Monch wusste schon, dass er keinen Gruss bekam, dass ihn ein dumpfes Murmeln hinwies, sich das zu nehmen, was er begehrte ...

Selbst der ungewohnte Anblick, ein Monch, der einen kranken vornehmen Herrn, den Landrath selbst, hereintrug und auf einen Futterkasten setzte der Landrath fieberte und war besinnungslos nichts konnte diese Leute aus ihrer welt- und menschenscheuen Fassung bringen ... Die Alte spann, der Greis schnitt seine Dauben ...

Hubertus fand jedoch Hulfe ...

Wie er an den Herd gehen wollte, um den grossen Kessel abzuhenken, in dem sich immer in diesen Bauernhausern das heisse Wasser befindet (er hoffte Butter und etwas Brot zu finden, um dem Kranken eine Suppe zu bereiten), bemerkte er in der gespenstischen Stille eine dritte Person in der Ecke des Kamins. Ein Mann sass da, uber ein Buch gebeugt, in dem er las. Wie aus einem Traum erwachend fuhr der Leser auf und sah erst jetzt, was wahrend seiner Zerstreuung geschehen war ...

Den Landrath erkannte Remigius Hedemann sogleich; denn dieser war es, der hier bei seinen Aeltern gesessen und inzwischen in seiner Lecture sich nicht hatte storen lassen ... Er las in einer italienischen Bibel ...

Was ist das? fragte er, sich erhebend und voll Staunen den Rittmeister von Enckefuss betrachtend. Hat der Landrath ein Ungluck gehabt?

Der Monch erklarte in Kurze den Zustand des Leidenden und bat, sich seiner annehmen zu wollen ... Er wollte indessen, nach weiterer Besinnung, lieber zuruck auf Munnichhof und den Diener des Landraths rufen mit einem Wagen, der den Unglucklichen nach Witoborn in seine Wohnung fuhren konnte ...

Nun half Hubertus dem unerwarteten Beistand, den er gefunden, um den Besinnungslosen auf ein Strohlager zu tragen ...

Sein Auge fiel dabei auf das starke Buch in kleinem Format. Er hielt dessen Sprache fur Latein und druckte sein Erstaunen aus uber die Gelehrsamkeit, die Hedemann aus Amerika mitgebracht ...

Da ist es kein Wunder, sagte er, dass Ihr in Witoborn Papier machen wollt!

Lachelnd erwiderte Hedemann:

Thut Busse und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen!

Im Anordnen des Ruhelagers erwachte der Landrath, besann sich jedoch weder auf die Lage, in der er sich befand, noch auf die Personen, die ihn umgaben. Seinen Bedienten verlangte er und seinen Pudel. Den letztern sah er deutlich vor sich und lachte, wie kahl er den Kerl geschoren hatte ... Er hielt die Finger spielend in die Hohe, als liesse er die Flocken durchgleiten, die er dem Thier kurzlich weggeschnitten ... Es waren die bekannten Geberden eines Sterbenden ...

Hubertus versprach, Hulfe so schnell wie moglich zu schicken ... Thut wohl euerm Feinde und so ihn hungert, speiset ihn! sagte auch er mit Bibelworten, das Verhaltniss des Landraths zu dieser Hutte andeutend ... Zu seinem eigenen Nachtheil hatte ja der leichtsinnige Landrath diese Leute einst in ihrem patriarchalischen Glauben an die Heiligkeit des geweihten Priesterthums irre gemacht ...

Hedemann nickte diesem Wort, warf einen Blick auf die Kleidung des Monchs und sagte, zunachst wol nur mit einer Andeutung des Kirchenbanns, in dem seine Aeltern lebten:

Darin sind wir ja einig! ...

Der Landrath blieb bei seinen Feinden ... Hedemann pflegte den Sterbenden und gedachte jenes Tags nicht mehr, wo ihn und Porzia Biancchi dessen Sohn beleidigt hatte im Wirthsgarten der Landstrasse von Sanct-Wolfgang nach Kocher am Fall ...

Seine Mutter spann; sein Vater schnitzelte Dauben ...

Wahrend Hubertus, beruhigt jetzt uber das nachste Schicksal des Landraths, dessen Diener und Wagen auf Schloss Munnichhof zu suchen eilte und uberlegte, wie er in Witoborn es versuchen wollte, sich bei Frau von Sicking einzufuhren; wahrend er uberlegte, wie er Schloss Westerhof umspahen, Jean Picard entdecken, ihn vielleicht an einem Verbrechen hindern sollte hatte sich auf Schloss Munnichhof immer zahlreicher jener Kreis der Damen gemehrt, die gleichfalls von Runen und von Zeichen, gleichfalls von Kreuzen und von Radern sich ergreifen lassen wollten, freilich in einem andern Sinne, als der unbekummert um Schnee und Regen dahinschreitende, tief den Todtenkopf in seine braune Kapuze hullende gute alte Laienbruder ... Die Simultankirche, worin wir alle zu Einem Gott beten, war in einer Bauernhutte geweiht durch Nachstenliebe und vielleicht im Schloss des Grafen durch einen Denkergeist?

Doctor Laurenz Puttmeyer erschien gegen drei Uhr auf Schloss Munnichhof so feierlich, wie wenn er die erste Vorlesung auf dem endlich ihm uberlassenen Lehrstuhl Hegel's zu halten gedachte ...

Noch kunstvoller als neulich hatten die Musen und Grazien von Eschede die Schleife seines weissen Halstuchs gebunden ...

So grundlich rasirt war er, dass man der Meinung hatte sein konnen, die Natur hatte ihn in das Geschlecht der Blaubarte versetzen wollen; denn offenbar war er mit dem frisch rasirten Kinn in die Kalte gegangen, wovon der Mensch bekanntlich blau wird ...

Auf der sauber gefaltelten Hemdauslage strahlte eine echte Brillantnadel; die weisse Weste, obgleich etwas gelblich durch zu langes Kommodenliegen, war mit einer schweren Uhrkette garnirt ... Die elegantesten gelben Handschuhe, die nur in Eschede waren aufzutreiben gewesen, sassen, wenn auch mit etwas zu langen Fingern, doch das Feierlichste versprechend, auf seinen Handen, die heute das Ewige, das Unergrundliche hinter olgetranktem Papierrahmen sichtbar und anschaulich machen wollten ... Alles was der Doctor jener Curatel, unter der er stand, hatte abtrotzen konnen, schmuckte ihn heute, auch der grosse Siegelring mit einem prachtigen Karneol, der freilich unter dem Handschuh etwas die Naht gesprengt hatte ...

Von einigen zwanzig vornehmen Damen wurde er mit jenem ironischen Lacheln begrusst, das die vornehme Weltbildung dem der hohern Lebensformen ungewohnten Gelehrten immer bereit halt. Indessen war dies Lacheln, wenn auch satyrisch, doch nicht boshaft. Man liess die hohe Wissenschaftlichkeit des Doctors um so mehr gelten, als man ja in ihm eine eigenthumliche, unter den besondern Bedingungen dortiger Landschaft stehende Denkergrosse besass. Seine mathematische Philosophie interessirte Jung und Alt in den gewahlten, hier die ubliche Landstrasse deutschen Dichtens und Denkens ganzlich vermeidenden Kreisen und er schatzte sich glucklich, heute einen kurzen Ueberblick seines Systems den vornehmsten und angesehensten Damen der sonderthumlichsten Gegend des deutschen Vaterlandes geben zu konnen. Die Grafin Munnich versicherte dem Denker von Eschede, dass er in dem jenseit des hohen Ahnensaals liegenden Zimmer bereits alle Vorbereitungen getroffen finden wurde, die er in einem umstandlichen Kanzleischreiben an die Frau Grafin sich erbeten hatte: Ein dunkles, ganz verhangenes Zimmer, ein Gerust, einige Napfchen mit Oel, eine grosse Flasche Spiritus. Das Uebrige brachte er selbst mit und bat sich nur die Erlaubniss aus, vorlaufig die Vorbereitungen treffen zu konnen, bis er die hochgeehrten gnadigsten Damen abrufen wurde ...

Diese Spannung wahrte nicht lange. Bald wurden die Damen abgerufen und paarweise schritten sie dem glucklichen Seher nach. Lachend und doch beklommen ging es durch den Ahnensaal, wo schon aufs einladendste die Tafel zum grossen Jagdbanket gedeckt wurde ...

Puttmeyer war so erfullt von seiner Aufgabe, dass ihm vollig entging, wer unter den Damen zugegen war ...

Es waren jungere und altere, hohe und kleinere Gestalten, alle in gewahlter Kleidung, mit Trauerzeichen alle um den Kirchenfursten ... Paula, Tante Benigna, Armgart sie alle glaubte Puttmeyer zu sehen ... So verwirrt war er, dass er eine Grafin und Freifrau mit der andern verwechselte ...

Noch brannten in dem Zimmer, das sie alle betraten, einige Kerzen ... Man musste sich wenigstens orientiren konnen, wo man Platz nahm ...

Als dies geschehen, erloschen auch diese Kerzen und alles war stichdunkel ...

Kichernd und scherzhaft um Ruhe zischend und sich rauspernd sassen die vornehmen Frauen ... Puttmeyer rumorte, wie ein Puppenspieler, hinter einem grossen transparenten Rahmen, der sich allmahlich zu erhellen begann ...

Zuweilen schien ihm eines seiner Lichtchen umzufallen ... Die Grafin rief dann, ob er nicht Beistand nothig hatte? ... Nein! nein! Meine Allergnadigste! antwortete er ... Dennoch horte man ihn entweder mit sich selbst oder mit einem Gehulfen sprechen ... Eine zarte, schuchterne Stimme schien die des letztern zu sein ... Himmel! hatte Armgart, wenn sie hier gesessen hatte, gewiss gedacht, vielleicht steckt Angelika hinten, die gluckliche Angelika! Wenn sie diesen Augenblick, diese hohe Anerkennung ihres Geliebten erlebte!

Das Zimmer war uberheizt und die Damen bekamen schon eine eigenthumliche Exaltation von den Ausstromungen des Ofens ...

Nun mischte sich noch Weihrauchduft in den fruhern, der etwas stark auf Verbrauch von Oel und Spiritus schliessen liess ...

Die Stimmung wurde immer erregter ... Man schwieg jetzt schon deshalb, nur um sich beherrschen zu konnen, und harrte der kommenden Dinge ...

Endlich klingelte Puttmeyer und mit einer nach Festigkeit ringenden Stimme sprach er:

Meine hochgraflichen hmhm! und hochfreiherrlichen Gnaden! Hmhm! Ich bin glucklich den Entwickelungsgang meines Systems Ihnen in einer Reihe von Bildern so anschaulich machen zu konnen, dass Sie selbst prufen mogen, ob wol meine Lehre hmhm! Ihre uberzeugte Zustimmung findet! Denken Sie dabei nur immer, dass das, was in Gott Ein Moment ist, im Denken durch Raum und Zeit seine hmhm Ruhepunkte haben muss! Auch unser hmhm! christlicher Glaube zerlegt Gottes Grosse in ein Vorher und Nachher; denn wie wurden wir sonst die Lehre von den hmhm! sieben Schopfungstagen haben?

Ein Murmeln der Zustimmung ging durch den Saal ... Dann folgte tiefste Stille ... Die Weihrauchdufte mehrten sich und jetzt begann sogar zu aller Ueberraschung etwas vollig Unerwartetes, eine ganz wunderbare Musik ...

Wo kam diese Musik her? Leise anschwellend hoben sich die Tone wie auf Aeolsschwingen. Was hatte der Zauberer von Eschede fur ein Instrument mitgebracht? Es war keine Flotenuhr, kein Klavier, keine Orgel ... Es war von allen etwas ... Das Zimmer bebte von Wohllautsschwingungen, die die Luft zur klingenden machten ... Brausend schwoll es an, so machtig und doch dann wieder so lind und lieblich, dass davon die ganze Seele erfullt sein durfte ...

Und Niemand war erstaunter, als die Gebieterin des Schlosses selbst, die nicht hoch genug versichern konnte, dass sie kein Instrument besasse von solcher Wirkung, ja das eben vernommene nicht einmal zu nennen wisse ... Wenn Puttmeyer Orphische Urworte lehren wollte, konnte die Vorbereitung des Gemuths nicht machtiger getroffen werden ...

Als die Tone verklungen waren, einer immer sanft dem andern sich entwindend, da erblickte man plotzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem tiefsten Grunde sei's des Himmels oder des Meeres entwickelten sich leise Schatten, die allmahlich die Form einer Unzahl sich durcheinander rollender und sich einander durchschneidender Kreise annahmen ...

Puttmeyer sprach mit erhohter Begeisterung:

Musik ist das Leben des Alls! Denn das All besteht aus zersprengten Atomen, die sich suchen, sich finden sich abstossen, verfolgen! Sehnsucht und Liebe, demzufolge auch Abneigung hmhm! und Hass ist die Seele des Alls ...

Die Kreise bewegten sich auch theilweise zuruck und es entstand ein Chaos so flimmernder Schatten, wie wenn das geschlossene Auge im Blutandrang ein Durcheinanderwirbeln von zahllosen Staubatomen sieht ... Dazu begann das seltsame Instrument in lebhaftern Rhythmen eine entsprechende Begleitung ... Nicht schrill oder in mistonender Malerei seinem Wesen entsprachen nicht so grelle Ausdrucksformen wol aber in Klagelauten, wie aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes und aus der wehmuthigsten Verkennung der Liebe empor ...

Inzwischen schilderte Puttmeyer das aus dem Wirbeln der Atome sich ergebende Streben alles Geschaffenen und des Denkens uber alles Geschaffene zum Kreise und die Transparenttafel verwandelte sich allmahlich in einen lichten Kreis, die blaue Farbe ging in eine rothe uber ... Die Frauen beanstandeten nicht im mindesten, was Puttmeyer, in immer flussiger gewordener Rede, uber das Symbol der Liebe, uber den Ring, uber die Schlange, selbst uber die Schlangeneier sprach ... Das Auge sah in allem nur die herrlichsten Fata Morganen der Ahnung ...

Ueber die Musik, die zuweilen schwieg, hatte sich jetzt von einigen Damen, die eingeweiht waren, herumgeflustert, dass sie auf einer Ueberraschung beruhte, die man der Grafin bereitet ... Mit dem protestantischen Pfarrer Huber war jenes schone alte Instrument, die Harmonica, nach Witoborn gekommen und, wie der Sinn der Frauen nun einmal ist, bald hatte sich verbreitet, dass dies Instrument zwar in der Art, wie man es handhaben musse, nicht eben schon zu nennen ware, in seiner Wirkung aber nur hochstens von dem seelenvollen Schmelz des Violoncells erreicht wurde ... Jedermann begehrte es zu horen ... Man wusste, der "Pfarrer", die "Frau Pfarrerin" wenn diese heiligen Worte so zu gebrauchen nicht Entweihung war die schon herangewachsenen "Kinder" desselben spielten jenes Instrument mit grosser Fertigkeit; aber weder des Mannes Haus zu besuchen war den hiesigen Verhaltnissen angemessen, noch auch der "Wurde" desselben zuzumuthen, dass er selbst oder seine Angehorigen sich mit seinen Leistungen bei ihnen horen liessen ... Um so grosser die Ueberraschung, dass Puttmeyer das Allersehnte moglich gemacht hatte ... Schon erzahlten die Flusterworte, dass die Verehrerinnen des Doctors in Eschede diese musikalische Illustration der Philosophie ihres Schooskindes zu seinem grossern Effecte durchgesetzt hatten, sie, die Armgart in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickstrumpfen verglichen hatte! ... Der "Prediger", wie man hier zu Lande Herrn Huber lieber nannte, hatte zu dem Vorschlag gelachelt, als er an die ihm schon durch seinen fruhern Pflegbefohlenen, den Freiherrn Jerome von Wittekind, bekannte Philosophie der Drechselbank erinnert wurde; er hatte eingewilligt in den Transport des Instrumentes und es heute mit Puttmeyern in einem verdeckten Wagen und sogar mit seiner Tochter abgesandt, die in der Kunst dies Instrument zu spielen ihn und seine Gattin schon ubertraf ...

Puttmeyer empfand nicht die Genugthuung, die seinem verketzerten Werke: "Christus und Pythagoras", durch diesen jetzt gern gesehenen Bund mit den Ketzern wurde. Ach, er war schon zu sehr in seiner steten Furcht vor Sakramentsentziehungen, dann auch in seinem Magisterium eingerostet, um von sich noch gegenwartig zu haben, dass unter dem alten Schlafrock seines freudlosen verkummerten Daseins doch noch immer die jugendlich schone Psyche seiner Denkfreiheit mit bunten Schmetterlingsflugeln verborgen lebte ... Nicht ganz passte auf ihn ein Wort, das Onkel Levinus neulich mit stolzem Bewusstsein bei Gelegenheit einer muthigen That sprach, die von einem deutschen Professor gekommen ... "Sind wir auch noch so verirrt in den Labyrinthen der Metaphysik, sind wir auch noch so vergraben im Sand, der die Eingange zu den Pyramiden verschuttet, haben wir sogar als mit Orden umschnurte Geheimrathe uns ganz verloren in Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen Gluckspilzen, plotzlich ruft uns irgendein Signal an unsere stolze Fahne zuruck und wir kampfen doch wieder fur die Freiheit und die Unabhangigkeit des Denkens, wir wissen selbst nicht wie!" ... Leider galt dies begeisterte Wort nur einer in d i e s e m Kreise uberraschenden grossen That eines deutschen Gelehrten ... Dr. Guido Goldfinger hatte aus Anlass des Kirchenstreites (richtiger seiner nah bevorstehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunsches der Mutter wegen, dass die Tochter bei ihr blieb) seine ausserordentliche, ohnehin unbesoldete Professur niedergelegt ...

Aber edler, viel hoher stand Puttmeyer ... Er emporte sich nicht gegen seine Unterdrucker, zu denen auch die Geistlichen gehort hatten; er liebte die Kirche, die ihn auf den Index zu setzen gedroht; aber stolz fing er denn nun auch von sich zu reden an ... Wer wurde seines Selbstvertrauens haben spotten mogen! ... Auch die Frauen blieben im Bann seiner mystischen Zeichen und nahmen einen flammenden Triangel fur die Dreieinigkeit, nahmen ein dunkelgluhendes Kreuz fur die Offenbarung der Liebe, sahen die Offenbarung des Alls im Atom, des Ewigsten im Zeitlichsten ... Kommen und Gehen, Werden und Schwinden sind ja ohnehin Gedanken, die dem Frauendasein so urgegenwartig sind ... Sie umspannen jetzt wie immer ihre Herzen wie mit magischen Faden ... Und selbst Frau von Sicking, die frommste der Frommen, hatte nicht geahnt, dass diese Stunde sie ebenso feierlich stimmen wurde, wie ihr nur je zu Muthe war im Moment der "Wandelung" beim heiligsten der Opfer ...

Andachtsvoll horte man selbst manchem Scherz Puttmeyer's zu, selbst dem, dass das doppelte Dreieck, Pentagramm genannt, den magischen Zeichen der Zauberer angehore, auch dem Gotte Gambrinus, setzte er lachend hinter dem muthmachenden Oelpapier hinzu, der damit in Gottingen anzeige, wo gutes Bier feil ware, "worin jedoch nur ein tiefes Symbol des Fruhlingsanfangs lage, ein Hausthur-Gedenkzeichen des Hexensabbats auf dem Brocken, da ja am 1. Mai der Hexen Ausritt stattfande, und zwar" hier hatte den Doctor eine seiner Escheder Gonnerinnen allerdings ein wenig am Frackschoos zupfen sollen "auf dem Bock, welches Thier denn auch sothanerweise bis gen Munchen hin im innigsten Zusammenhang geblieben ware mit dem ersten Labetrunk am ersten Tage des Wonnemonds" ...

Puttmeyer erhob sich aus diesen Gedankenreihen, die den Onkel Levinus zu einem Streite uber Bock und Eimbock oder Eimbeck und Eimbecker Bier veranlasst haben wurden, in eine reinere Hohe, als er, angeregt wahrscheinlich von Gottingen und der gerade pausirenden Harmonica und einem Blick auf die Pfarrerstochter von Eibendorf, mit stolzem Selbstbewusstsein fortfuhr:

Heureka! meine Damen, ich habe gefunden! rief einst Pythagoras, als er seinen beruhmten Satz vom Quadratinhalt der Schenkel des Dreiecks entdeckte! Heureka! soll auch der Titel meines nachsten Werkes sein? Zu Gott hoff' ich, dass sich mein Losungswort weiter verbreiten wird, als, wie ich heute erst erfuhr, in jene Berge druben, wo ein treuer Anhanger meiner Lehre, Jerome von Wittekind, den Dank fur die ihm durch sie gewordene Anregung auf einen einfachen steinernen Wurfel schrieb ... Mit der Anerkennung neuer Ideen, meine Damen, ist es zu allen Zeiten gewesen, wie mit diesem Gedenkstein ... In einem dichten, unzuganglichen Walde erschallt ihr erstes Echo, wie auch jenes Heureka! in der Nahe des Ortes Eibendorf sich jetzt nur noch ausjubelt ins Ohr der Einsamkeit, an einem nur von Schilf und Blumen umstandenen stillen See ... Kein Nachen fahrt dahin auf diesem See, kein Fischer steht an seinem Ufer ... Ein solches einsames Heureka! ist nur anfangs fur die Wildniss da, fur einen Vogel, der auf ihm sich ausruht, fur eine Lacerte, die sich ihr Lager im Moose gesucht hatte, das seinen Sockel uberwuchert ... Die Zeit kommt dann aber doch, wo auch eine grosse und bequeme Landstrasse zu einem solchen einsamen Steine hinfuhren wird! ...

Die Frauen murmelten Beifall ... Die Musik begann ihre anschwellenden Tone ... Puttmeyer rustete sich zu seiner Mystik der Kegelschnitte ...

Vom Denkstein bei Eibendorf hatte ohne Zweifel die Tochter des Pfarrers ihm auf der Herfahrt erzahlt ... Von jenem Heureka!, das Jerome von Wittekind einst auf den Wurfel schrieb, den er an der Stelle errichten liess, wo er sein Elfenkind, Lucinde, im Riedbruch gefunden ...

Als Lucinde dort auf ihrer Flucht vor Oskar Binder ohnmachtig unter den Farrenkrautern und Glockenblumen zusammengesunken war, glitt allerdings eine Lacerte uber sie hinweg, die sie damals nicht mehr fuhlte ...

Hatte sie aber das Thier noch uber ihre Hand gleiten gesehen, sie wurde ohne Zweifel so aufgesprungen sein, wie eben unter den Zuhorerinnen sich eine Dame erhob mit einem Ausruf, als wenn ihr der Athem versagte und wirklich eine Schlange sie stache ...

Die Dame hielt sich zwar an ihrem Sessel, beruhigte die erschreckenden Frauen mit einer Handbewegung, sprach, zum Sitzenbleiben auffordernd, ein: Bitte! Bitte! schwankte jedoch der Thur zu und verliess das Zimmer ...

Lassen Sie! sagte Frau von Sicking, als die Damen und vorzugsweise die Herrin des Schlosses von einem nothwendigen Beistand sprachen ... Es ist die Mamsell, mit der ich gekommen bin! ...

Man glaubte sich auf die Versicherung der Dame, die sie eingefuhrt, verlassen und beruhigen zu durfen ...

Die seraphischen Klange der Harmonica tonten indessen fort und Puttmeyer erlauterte ...

15.

Lucinde war es, die sich aus dem qualmenden dunstigen Zimmer so plotzlich entfernt hatte ...

Sie floh in den grossen, nun schon dunkelnden Speisesaal ... gejagt von Empfindungen, die zu, zu krampfhaft an ein Herz sich pressten, von dessen lauten Schlagen sie furchtete, sie konnten noch in der rings sie umgebenden Stille vernommen werden ...

Nicht dass sie so uberwaltigend die Form des Vortrags, ihr Inhalt und die Andacht dieses vornehmen Auditoriums ergriff. Das sind Narren! sagte sie sich ... Nicht dass sie von Wehmuth ergriffen war beim Anhoren der Harmonica, die ihr einen doch immer holdverklungenen Jugendmarchentraum zuruckrufen musste. Sie war im Stande, in dem Herangewachsensein der Kinder des Pfarrers, dessen Namen sie einst angenommen hatte, als sie die Buhne betrat, verdriesslich nur den Gradmesser ihres eigenen Aeltergewordenseins zu sehen ... Nicht dass sie Jerome so ruhrte, der um ihretwillen Erschossene, Jerome, der sie anbetete wie eine Heilige, Jerome, der ihr, ihr jenes Heureka! der dankbarsten Erinnerung im einsamen Walde gerufen hatte ... Alles das waren Anwandelungen einer ihr fremden Sentimentalitat ... Sie lebte nur der verzehrenden Sorge um das Allernachste.

Schon mit klopfender Brust war sie auf dem Schlosse Munnichhof erschienen ...

Schon mit dem grossten Widerwillen war sie in jenes dunkle Zimmer getreten ...

So gefasst und ruhig sie erschien, als Frau von Sikking sie als eine ihr aus der Residenz des Kirchenfursten Empfohlene einfuhrte und der Herrin des Schlosses vorstellte, sie trat auf einem Boden hier auf, der unter ihr wankte ...

Dennoch richtete sie sich hoch und majestatisch auf, als beim Vorstellen ihr Name genannt wurde und die Anwesenden die schlanke Gestalt, die in Trauer gehullt war, musterten, das bleiche, errothende Antlitz anziehend fanden, ein goldenes Kreuz, das unter einer Trauerecharpe von Spitzen auf der Brust blinkte, fur ein Zeichen von Frommigkeit nahmen. Jenes Madchen, das in dieser Gegend vor langern Jahren, auf Schloss Neuhof, eine abenteuerliche Rolle gespielt und das gewiss einige unter den Anwesenden schon einmal gesehen hatten, erkannte niemand ... Diese schwarzen Augen schienen die Glut der heiligsten Andacht zu bergen ... Dieser etwas trotzige Mund schien nur im Beten geubt ... Lucinde sprach wenig und setzte sich zu den in immer grosserer Anzahl sich sammelnden Damen wie ein Wesen voll Bescheidenheit, eine Burgerliche, die den Abstand ihrer Stellung von der der andern erwog, obgleich diese gnadiglichst anzudeuten schienen, dass man auch durch Gesinnung geadelt sein konnte ...

Die Namen Neuhof, Asselyn, Benno, de Jonge, Stift Heiligenkreuz, Paula, Armgart, Kloster Himmelpfort gingen an ihr voruber, ohne dass Jemand ihren Antheil bemerkte ...

Selbst wie sie die Lehne ihres Sessels ergriff, als die Stiftsdamen, die von Heiligenkreuz kamen, Fraulein Benigna von Ubbelohde und Grafin Paula um ihr Fernbleiben von Puttmeyer's "chinesischen Schatten" entschuldigten und von ihrer gestrigen angstlichen Flammenvision erzahlten, bemerkte Niemand das Beben der zusammengepressten Lippen, Niemand die Verlegenheit des Lachelns; auch nicht da, als Frau von Sicking sagte: Ja, ich hoffe Sie morgen auf Westerhof vorstellen zu konnen!

In dem luftleeren Zimmer, wahrend der Bewunderung und des Lauschens auf die Orphische Weisheit des Sehers von Eschede, hielt es sie nicht langer ... Sie musste aufstehen, gehen, reden konnen ... Als ihr Beispiel, wie dies der Nervenschwache der Frauen geschieht, ansteckte, als bald eine zweite, bald eine dritte Dame entfloh, huschte sie noch aus dem dunkeln Speisesaal mit seinen blendend weissen Gedecken, seinen Glasern, Schusseln, Tellern, hinaus in das erste beste Zimmer, dessen Thur ihr zunachstlag ...

So betrat sie ein bereits zum Kartenspiel hergerichtetes, behagliches, trauliches Cabinet ...

Auch hier war es dunkel; aber sie hatte noch die Vorhange herablassen, hinter sich zuriegeln mogen, so sehr fuhlte sie das Bedurfniss, sich in der Einsamkeit zu den Aufgaben zu sammeln, die sie auf diesen fur sie so gefahrvollen Boden hergefuhrt hatten ...

Jetzt, wo sie sich erschopft auf ein Sopha niederwarf, jetzt knickte sie zusammen. Jetzt war sie so, wie sie schon seit einiger Zeit sich zu geben pflegte, ohne es zu wissen ... Etwas Spinnenhaftes hatte sie bekommen, Mageres, Lauerndes, von "Schmerz Gekrummtes", wie sie's nannte, wenn man deshalb ihr Vorwurfe machte ... Ihr hoher Wuchs sowol, wie die religiose Rolle, die sie mit immer grosserer Uebung, Gewohnung, ja sogar schon Einverstandniss spielte, brachten es mit sich, dass sie zu den vielen mittlern und kleinen "erbarmlichen" Wesen dieser Erde den Medusenkopf niederbeugte ... Unter den dichten dunkeln Flechten ihres schwarzen Haares, die sie wie ein Turban umgaben, heute das Werk der Kammerjungfer der Frau von Sicking (hier hatte sie nicht Treudchen, die ihr schon zuweilen hochaufstaunend weisse Harchen auszog), spitzte sich ihr Ohr und lauschte so, wie ihr Nuck argerlich einst gesagt hatte, "jung-hexenhaft, dass man mutatis mutandis" sie verstand ja diese Bedingung "an die alte Frau Buschbeck denken konnte, wenn diese mit mir oder mit Hammakern vom Anlegen ihrer Kapitalien sprach!" ... Dann freilich konnte sie sich auch wieder aufrichten und sich besinnen auf ihre bluhenden zwanziger Jahre ...

Lucinde war zu Frau von Sicking empfohlen worden durch Nuck und die hochvornehmsten Kreise der Devotion ...

Sprach etwas gegen ihre Vergangenheit, so war sie ja eine Convertitin ...

Auch Frau von Sicking war in gleicher Lage ... Eine Nachkommin des tapfern Ritters, der mit dem Schwert, wie Ulrich von Hutten mit der Feder, gegen Rom sein Leben einsetzte, verliess sie den mit soviel Thranen und blutigen Opfern erkauften Glauben ihrer Vater ... Sie gehorte jenem Kreise der Gottseligkeit an, der sich jetzt so weit uber Europa verbreitet, einem Kreise, in den einzutreten Lucinde das unwiderstehlichste Verlangen trug, seitdem sie wusste, dass auch Bischofe und Erzbischofe auf weichen Teppichen dahinschreiten und mit Behaglichkeit die Freuden der Geselligkeit mit andachtsvollen Seelen geniessen konnen ... Frau von Sicking war reich ... Sie hatte ein Haus bei Witoborn, eine Besitzung im Suden Deutschlands, Absteigequartiere in allen geistlichen Stadten Deutschlands und Belgiens ... Ihre Correspondenz erstreckte sich nach Rom wie nach den entferntesten Missionen des Sacre Coeur, nach Pondichery und Guadeloupe ... Ihr Reisen, ihr Kommen und Gehen, ihr Correspondiren konnte man Intrigue nennen ... Dennoch lag auf allem, was sich an ihren Namen knupfte, ein diesen Schein mildernder Duft von Andacht, von Beforderung des Menschenwohls, von Veredlung dieser Zeitlichkeit ... Jetzt waren die "Exercitien" ihre Parole ... Der Andrang dazu war so gross, dass Frau von Sicking uber die Aufnahme wie eine Ordensmeisterin schaltete ... Der ostensible Grund, warum Lucinde Schwarz bei ihr erschien, war die flehentlichste Bitte der Frau Commerzienrathin Kattendyk, doch auch sie und ihre Tochter an diesen Exercitien theilnehmen zu lassen ... Lucinde war autorisirt, im Namen der Commerzienrathin die grossten Opfer, die nur verlangt wurden, in Aussicht zu stellen, wenn sie das Gluck und die Ehre haben konnte, an dieser vornehmen "Andacht zum Kreuze" theilzunehmen ...

Seit gestern war Lucinde noch zu keiner Fassung gekommen uber die Ruckkehr in diese Gegenden, auf den Schauplatz, wo Bonaventura weilte, ohne Zweifel, wie sie ahnte, im gluckseligsten Bunde mit ihrer fruhern Pflegbefohlenen Paula ...

Noch sah sie mit dumpfer Starrheit durch das Fenster die vom Abendroth beschienenen weissen Hohen, auf denen Schloss Neuhof lag, wo der Kronsyndikus nicht mehr lebte ... Diese Kunde erschutterte sie nicht, lockte ihrem Herzen keine Ruhrung ab ... Sie sah einen gewonnenen Vortheil mehr und wahrhaft trostlich erklang es ihr zu horen, als Frau von Sicking sprach: Die Frau Prasidentin von Wittekind scheint die Rolle in Vergessenheit bringen zu wollen, die ihr Gatte seither als Beistand der Regierung gespielt! Man ist hier entschlossen, nicht sofort auf ihre Wunsche einzugehen! Nur die Rucksicht auf ihren edeln Sohn, den Domherrn, kann die Gesellschaft bestimmen, ihren Empfindungen nicht schon jetzt einen entschiedenern Ausdruck zu geben! ... Selbst der blitzende Punkt dort in der Ferne, ein vergoldetes Kreuz auf der Kirche vom Kloster Himmelpfort, wo Klingsohr verweilte, beschaftigte sie nicht ... Diese weisse, mit Abendschatten sich fullende Ebene, auf die sie einst so sehnsuchtsvoll von Schloss Neuhof herniedergeblickt hatte wie in ein Land der Freiheit und des ungebundenern Gluckes, als das war, das sie dort in einer nur scheinbar glanzenden Abhangigkeit hielt, bot nichts, was ihr Auge gesucht hatte, als das Schloss Westerhof, das indessen hinter den Waldern nicht zu sehen war ...

Bei Bonaventura's Abreise hatte Lucinde den Vorsatz gefasst, nur der Rache zu leben ... Ohne dass sie den Oberprocurator, den allmachtigen Dominicus Nuck, einweihte in alles, was dieser von ihrem Herzen theilweise selbst schon wusste, theilweise errieth, war sie mit ihm vertraut geworden, denn seine Huldigung gab sich so masslos, dass sie den Ausbruchen derselben schon deshalb entgegenkommen musste, um sein Benehmen der Gesellschaft nicht zu auffallend erscheinen zu lassen ... Er kannte ihre Liebe zu Bonaventura und musste diese schonen ... Sie duldete seine von unreinern Wunschen scheinbar plotzlich frei gewordene Leidenschaft unter der Bedingung, dass Nuck sie wie eine anderweitig Vermahlte betrachtete ... Bonaventura wurde ihr bald wieder der alte Gott und nur noch die Tempel schwur sie zu zertrummern, in denen andere ihm huldigten. Von jener Urkunde, mit der sie ihn sein ganzes Leben lang, wie sie gedroht, in Schach zu halten vermochte, sprach sie nicht zu Nuck ... Der Schmerz und die Zeit hatten ihre Rachegefuhle gegen Bonaventura gemildert ...

Nuck wurde fur sie ein psychologisches Rathsel ... Sein Lebensuberdruss war jene Krankheit, die sich bei allen jenen Menschen findet, die etwas anderes thun, als sie denken ... Konige haben wir gesehen, die geistesschwach wurden, weil sie eine Welt von schonen Gedanken, Planen und Entwurfen in sich trugen und keine Menschen fanden oder suchten, die sie bei ihrer Ausfuhrung unterstutzten. Der Muth, der schon zum Brechen mit den Rucksichten, die uns binden, bei ihnen nicht vorhanden war, fehlte vollends fur alles Uebrige, was das Leben begehrt; ein geknickter Genius spielt zuletzt mit Puppen, die er an- und auszieht ... Und dann dann wissen: Das ist unwahr! und es dennoch befordern darum befordern, weil die Luge einem andern zu Schaden kommt, den man hasst ! das untergrabt vollends die innerste Seele, wenigstens deren Ruhe ...

Nuck konnte zu Lucinden auf ihrem kleinen Cabinet oder wenn sie ihn selbst, scheinbar in Auftragen, in dem Zimmer besuchte, das zum Garten der Seminaristen hinausging wenn sie vor ihm auf seinem unheimlichen Sopha sass, unter dem verhangnissvollen Ringhaken an der Decke ganz wie der verzweifelnde Serlo sprechen: Es ist nichts mit unserm Hoffen und Glauben! Erde wird Erde! Wir dungen die Zukunft! Apostel oder Morder omnes una manet nox! (alle erwartet eine und dieselbe Nacht!) ...

Dennoch ging ein Mann mit solchen Ansichten in die Kirchen und Kapellen, buckte sich im Beichtstuhl und kreuzigte sich in der Messe ...

Nuck konnte spotten uber die Priester, konnte in seiner cynischen Art von reichen, wohlgenahrten Pfrundnern, die Lucinde in seinem Vorzimmer antraf, sagen: "Sehen sie nicht aus wie die rothen Fettapfel, die die gebratene Gans 'Kirche' in ihrem Steisse tragt!" ... Sprang auch Lucinde bei solchen Worten auf, entfernte sich, so nahm sie doch das staunende Gefuhl mit: Dennoch kampfst du wie ein Lowe, offen und heimlich, fur die Wiedereinsetzung des Kirchenfursten? ...

Nuck konnte so laut lachen uber die Verlegenheiten der Regierung, dass es gellend dahinschallte in den Zimmern seiner Schwiegermutter, die er jetzt jeden Abend besuchte ... Das wird die Lernaische Schlange! rief er. Einen Kopf hauen sie herunter und zwei wachsen wieder! Ha, ha! Die Zeiten sind voruber, wo die Schusterjungen, wenn sie in Berlin in einem Winkel am koniglichen Opernhaus ihre Bedurfnisse befriedigen wollten, von den Gensdarmen horen konnten: "Wozu ist denn da druben die katholische Kirche?!" ...

Solche Cynismen milderte die Lokalsprache, deren sich Nuck bei seinen Bildern bediente ...

Die Frauen protestirten durch Aufstehen und heftigste Vorwurfe ... Bald aber setzten sie sich wieder und lachten uber den Sonderling, der dann in die susseste Courtoisie verfallen und den Liebenswurdigen spielen konnte ... Das graue Ungeheuer! nannte ihn, mit Wohlgefallen, seine eigene Schwagerin Johanna Kattendyk ... Guido Goldfinger, ihr Verlobter, applaudirte ihm, wenn Nuck in seinen seltnern politischconservativen Anwandelungen polterte: "Aufklarung! Aufklarung! Kaum hat der dumme Bauer gehort, dass die Sternschnuppen nicht von Gottes Lichtputze kommen, wenn der Alte, im Flurhypothekenbuch der Menschheit vertieft, sich nur deshalb die Sternenlichter putzt, um ihre Sunden in desto deutlicherm Lichte zu sehen, so denkt er ja gleich: Nun all' gut, nun auch gleich Mistforke und Heugabel in die Hand genommen und auf die Zoll- und Rathhauser gesturmt, wo die unbezahlten Steuerrester und Schuldverschreibungen liegen!" Bei alledem jubelte er jeder Nachricht von einem Pobelauflauf, wenn er nur die "Neunmalweisen" in Verlegenheit setzte ...

Ein solcher Zustand der Seele wird zuletzt haltungslos, die Widerspruche heben sich auf, nichts bleibt ubrig, als was Nuck in seinen geheimsten Stunden war, ein Verzweifelnder, tief Lebensuberdrussiger. Nachtlich konnte er umherrasen, in seinen grauen, alten Mantel gehullt. Frau Schummel war dann die Vertraute der Phantasieen seiner entfesselten Sinne; Bedurfnisse hatte er, deren Befriedigung an einem Abend ein Vermogen kostete ... Plotzlich aber stiess er wieder alles von sich und predigte Busse und konnte an Selbstmord denken ... So uberraschte ihn einst Hammaker und brachte ihn auf die uns bekannten Verirrungen des scheinbar sich Erhangenwollens ... In vertrautester Stille konnte er um diesen Hammaker klagen: "Was war denn nun das fur ein Ungluck, dass er den bosen Drachen umgebracht hat? Die naturliche Vergeltung ist das ja hier schon auf Erden! Jene hatte andere auf der Seele, diese hatten wieder andere und den Hammaker hatte dann auch schon Einer gerichtet!" ...

"Madchen, kannst du lugen?" "Kannst du falsche Handschriften machen?" "Kannst du Feuer anlegen?"

So hatte Nuck zu Lucinden gesprochen an jenem Piter'schen Festabend. Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Jean Picard wusste sie etwas von einer gewissen That, fur die dieser durch Hammaker war gedungen worden. Nuck war nie wieder auf diese Zumuthungen, ein Verbrechen zu unterstutzen, zuruckgekommen. Einiges hatte er von Lucindens Besuch im Professhause und von ihrer damaligen Todesangst in Erfahrung gebracht die Erwahnung der "Spinozistin" Veilchen Igelsheimer brachte sie darauf ... Aber uber alles Andere, was von ihm zum Gewinn des grossen Processes der Dorstes verbrecherisch unternommen werden konnte, waren seit Benno's Abreise nach Witoborn die Schleier der Vergessenheit gefallen ...

So schien alles still und friedlich ... Lucinde wurde die Vertraute des Hauses, die Freundin, die T o c h t e r , wie oft die Commerzienrathin ihr zuflusterte vorzugsweise, wenn sie der Mesalliance gedachte, die ihr durch Piter drohte. Denn Piter liess nicht von Treudchen. Au contraire seit seinem verungluckten Abend war er entschiedener, denn je, darauf bedacht, sich durch ganzliche Nichtubereinstimmung mit dem, was die gesunde Vernunft von ihm erwartete, allen Menschen so gefahrlich wie moglich zu machen ... Der uns bekannte Entschluss Ernst Delring's, aus dem Geschaft auszutreten und die Stadt zu verlassen, wurde auch durch ein Ereigniss erleichtert, dessen betrubender Verlauf von Tieferblickenden geahnt werden konnte ... Lucinde war nach Witoborn in Trauerkleidern gekommen ... Das Hauptmotiv, mit dem sie das Herz der Frau von Sicking im Interesse der Kattendyk'schen Bitte zu ruhren hoffen konnte, war Mutterschmerz und Geschwisterliebe ... Hendrika Delring war nicht mehr ...

Die sanfte, gute, liebevolle Frau, die Treudchen Ley einst so herablassend zu schmucken verstand; die so tief beklommen dem Gebet zugehort, als Treudchen niederkniete zur zuruckgesetzten Madonna; die dann gleichfalls die Hande faltete uber der Hoffnung ihres Gatten, dem sie ihr Kind nach dessen ganzer Zukunft schenken wollte; Hendrika Delring, der von Piter tyrannisirte Fluchtling in den Beichtstuhl Bonaventura's, hatte die Schmerzen der Geburt nicht uberstanden ... Ihr schon den Jahren nach auf solche Proben seiner Kraft nicht mehr angewiesener Korper leistete Widerstand; um die Mutter zu retten, musste das Kind geopfert werden; bald darauf entwich auch ihr die Kraft, ein letzter Hauch des versagenden Athems und sie ging hinuber in ein Land, wo ihr die Taufe ihres Kindes keine Leiden mehr bereitete ...

Das Leben i s t so! sprach Lucinde zu dem in Thranen verzweifelnden Treudchen, das sich bis zum letzten Augenblick treu bewahrt hatte, sich nicht hatte nehmen lassen, die Todte zu entkleiden, zu waschen, sie fur die Bahre zu schmucken ... Gerade das, worauf die meisten Vorbereitungen getroffen werden, gerade das, dessen Eintritt ins Dasein uns nicht hoch genug beschaftigen kann und an das wir all unsern Muth, all unsern Verstand, unser ganzes Herz setzen, das tritt n i c h t ein!

Lucinde sprach dies einem Urtheil in Serlo's Papieren uber eine Dichtung nach. "Der Held m u ss t e sterben! Wie kann man denn soviel reden und handeln lassen, um dem Misgeschick vorzubeugen, wenn das Misgeschick nicht wirklich ein Ungethum ist, das Menschenkraft nicht uberwindet? Die Gotter strafen jede Einmischung in ihre Rechte. Das ist traurig, aber gar nicht so niederdruckend, wie es scheint. Wenn der Vorhang fallt, wenn die Menschen wieder an ihren abendlichen Kartoffelsalat gehen und sie hochvergnugt scheinen, dass nicht Gott, sondern die Birch-Pfeiffer die Welt regiert und die guten Seelen zuletzt doch 'sich kriegen', so glauben sie's im Grunde nicht. 'Romeo und Julia' kann kein Schauspiel sein. Der Tod der ist zuletzt doch etwas Susses fur uns und die einzige Schonheit, die eine That ins Grosse verklart. Ware der Tod nicht, wir unternahmen nichts mehr, was unserm gottlichen Ursprung Ehre macht. Es ist, als forderte uns ein Preis heraus, je hoher die damit verbundene Gefahr ist. Was waren wir, wenn das Schone auf Erden sich halten konnte! Gerade der unterliegende Kampf gegen das Verhangniss zieht uns himmelan!"

Acht Tage nach dem Begrabniss Hendrika's wurde der Edeln ein Opfer gebracht, das reiner gen Himmel stieg, als alle Seelenmessen fur sie, die auf Jahre hinaus von der Mutter gestiftet wurden. Treudchen Ley, die noch nicht ihr Trauerjahr um ihre Mutter voruber hatte, kehrte in die theilweise schon geminderte volle Trauerkleidung zuruck. Tief verharmt war sie schon lange; ihr schones blondes Haar verrieth nichts mehr von der alten gefallsamen Pflege. Schon lange nagten die bittersten Schmerzen an ihrer Ruhe. Piter hatte einem geheimen Familienconvent nicht beigewohnt. Als er das Resultat desselben erfuhr, das Beziehen des obern Stocks durch Goldfingers Johanna sollte sich noch vor Beendigung der "Heiligen Botanik" verehelichen erklarte er das ganze obere Stockwerk fur sich allein zu bedurfen, fur seinen nachstens zu eroffnenden Hausstand, und niemand anders, als "ein einfaches, bescheidenes Madchen aus dem Volke", keine "Staatsdame", wurde er heirathen. Ein Widerstand dagegen war deshalb auch schwierig, weil die ganze Familie Treudchen liebte und sie schon lange wie eine Verwandte behandelte. Da verschwand eines Tages Treudchen. Sie hinterliess die Kunde, dass sie bei den Karmeliterinnen war. Man konnte annehmen, dass sie den Schleier nahm. Cajetan Rother, der Beichtvater der Damen vom Romerweg, kam selbst zur Commerzienrathin und erklarte, schon lange truge das junge Madchen die schwarmerischste Liebe zur seligsten Jungfrau im Herzen und wurde der Majestat ihres gottlichen Sohnes jedenfalls die Huldigung bringen, eine Braut Christi zu werden ...

Mitten in dem furchtbaren Revolutionsausbruch, den diese Nachricht im Kattendyk'schen Hause zur Folge hatte Piter drohte nicht weniger, als die Kathedrale bis auf den letzten Stein zu schleifen traten die Veranlassungen ein, die Lucinden bestimmten, sich selbst zur Dolmetscherin der Wunsche zu machen, die die Commerzienrathin in Betreff der vielbesprochenen neuen Unternehmung der Frau von Sikking hegte ...

Eines Tages kam sie aufgeregt in das Toilettenzimmer ihrer Gebieterin und erklarte mit angstentstelltem Antlitz, sie wollte selbst nach Witoborn reisen, um jene Bussfrage zu ordnen ...

Wally Kattendyk, hocherstaunt, weinte Thranen der Ruhrung uber diesen edeln Entschluss, kusste Lucindens Stirn und Wange und druckte sie an die eben im Schnuren begriffenen Corsetverschanzungen ihres Herzens ...

Noch am selben Abend wollte Lucinde abreisen, unmittelbar nach jenem Besuch des Herrn Cajetanus Rother ...

Nuck war Rothern auf der Treppe begegnet ... Er kam mit einer Anzahl in den Bart gemurmelter Vermuthungen uber die seltsam geheimen Zusammenhange der dieser Flucht Treudchen's zum Grunde liegenden Ursachen ... Piter war noch auf dem Polizeiamt und requirirte eine Hulfe, die ihm nach der Bulle De salute animarum nicht werden konnte, wenn Gertrud Ley auf ihrem Willen bestand und von ihrem Vormund in Kocher am Fall, einem ehrlichen Handwerker, die Zustimmung zum Eintritt ins Kloster brachte ...

Da horte Nuck von der Reise, die die nicht anwesende Lucinde beabsichtigte ...

Nach Witoborn? fragte er staunend. Das ist ja seltsam! setzte er hinzu und suchte Lucindens Zimmer ... Am Vormittag war sie zweimal bei ihm gewesen, ohne ihn zu finden ... Er hatte gerade beim Gericht plaidirt ...

Als Nuck eintrat, fand er Lucinden vollstandig zur Reise gerustet ... Erst wollte sie mit einem Wort aufwallen, dann beherrschte sie sich und sank auf einen der mehreren Koffer nieder, die rings um sie her standen ...

Was ist denn, mein Fraulein? fragte er mit hoch aufgerissenen Augenbrauen ...

Ich reise nach Witoborn! ... war die leise verhauchende Antwort ...

Hor' ich ja mit Befremden, erwiderte Nuck ... Und mit Extrapost noch dazu? ... Im Hof unten steht Mutters Reisewagen ... Joseph begleitet Sie doch? ... Und nicht einmal das? ... Nur die Pferde fehlen noch? ... Liebste Freundin, welche Eile ? Alles das der Exercitien wegen ?

Lucinde sass, die Hande aufgestutzt ... Ihre Hand hielt die Bander eines Reisehuts, der beinahe auf der Erde schleifte ... Allmahlich hob sie von unten her den Blick und durchbohrte mit prufender Scharfe die vollig ruhigen Zuge des Oberprocurators ...

Sie waren bei mir, um Abschied zu nehmen ? fragte dieser voll erhohten Erstaunens ...

Zweimal ... antwortete sie scharf betonend und doch durch seine Ruhe in ihrer Elasticitat schon nachlassend ...

Gestehen Sie, wandte sich Nuck ihr naher, es ist die Eifersucht, die Sie so machtig ergreift! ... Sie haben von den Erfolgen des Domherrn gehort ... Tagelang ist er mit Grafin Paula ... Er magnetisirt sie ...

Lucinde hielt die Hande uber die Augen, als blendeten sie die Lichter, die auf dem Tische standen ...

Haben Sie schon vom Tod des Kronsyndikus gehort? fuhr Nuck fort. Ich horte, dass er sterben wird! Furchten Sie, von seinem Testament ausgeschlossen zu sein?

Lucinde schwieg ...

Der Prasident von Wittekind ist nach Neuhof gereist ... Hatten auch Sie noch so viel Theilnahme fur den alten Tyrannen, ihn noch einmal sehen zu wollen?

Lucindens Erinnerungen liefen geisterhaft an ihrer Seele hin ... Sie sah den Kronsyndikus in Hamburg aus dem Wagen steigen, als er sie, schon damals leichenblass, bei den Geschwistern Carstens aufsuchte ... Sie sah ihn in jener Nacht in Kiel, wo er gespenstisch mit dem Degen in der Hand von seiner zweiten Frau sprach ... Dann aber drangte sich in die Theilnahme fur ihn sein Schweigen, als sie mit Serlo's Familie umherirrte, darbte und vergebens auf seine Hulfe hoffte ... Sie zeigte sich zu seinem moglichen Tode ohne jede Theilnahme ...

Nun, in Nuck's Benehmen keine Bestatigung ihrer Ahnungen findend, erhob sie sich und ging entschlusslos im kleinen Zimmer auf und nieder ...

Wollen Sie Klingsohrn das Mittel mittheilen, das ich Ihnen neulich sagte, um ihn aus dem Kloster zu bringen?

Alle diese Namen beruhrten Lucinden nur schmerzlich und trugen ihm ein: O schweigen Sie! nach dem andern ein ...

Ihr Reisegrund war in der That einer, den sie ihm nicht mitzutheilen wagte ...

Am fruhen Morgen, als sie in die Messe gehen wollte, hatte sie eine Entdeckung gemacht, die sie mit eisigem Schrecken uberlief ...

Am Posthof hatte sie voruber mussen und war eines Briefes wegen in diesen eingetreten ...

Da stand ein Eilwagen, der soeben bespannt wurde ...

In Begriff einzusteigen sah sie in Pelzen, mit Handtaschen, Fusssacken, sechs bis acht Passagiere harren ...

Eine dieser Gestalten fiel ihr auf und noch mehr fiel sie, wie sie sogleich sah, diesem Reisenden selbst auf ...

Kaum hatte sie einen prufenden Blick auf einen Mann in einem wassergrunen Flausrock, mit einem rothen Comfortable um den Hals, geworfen, als sich derselbe auch sofort abwandte und die Hande schnell aus den Rocktaschen zog, in die er ruhig sie gesteckt hielt ...

Sie sagte sich: Das ist ja Bickert! ... Daruber konnte kein Zweifel sein ... Wuchs, Gesichtszuge waren unverkennbar, nur das Haupthaar ein anderes ... Sonst roth, war es jetzt dunkelschwarz und lockig ...

Sie musste stehen bleiben und wandte sich, um den Verbrecher naher in Augenschein zu nehmen ...

Jetzt, sah sie, entdeckte er, dass auch sie ihn erkannt hatte, und immer mehr vermied er nun, ihr ins Angesicht zu sehen ...

Einen Augenblick that sie, als entfernte sie sich; doch nur um wieder zuruckkehren zu konnen und sich vor die auf den Thuren befestigten Tarife zu stellen und scheinbar diese zu lesen ...

Jetzt wurde das Gepack der Reisenden gebracht ... Sie horte: "Nach Witoborn!" ...

Ihre Brust klopfte ... Sollte sie den Unglucklichen anreden, der ihr seine Nichtentdeckung, dem aber auch sie kurzlich eine grosse Hulfe und Rettung ihrer Ehre verdankte, ihn, der sie mit jenen Papieren aus dem Sarg des alten Mevissen, wie sie wenigstens glaubte, zur ewigen Herrin uber Bonaventura's Schicksal gemacht hatte? ... Sollte sie ihn fragen, ob er es ware, der nach Witoborn reiste? ...

Da fiel ihr seine Mittheilung uber Hammaker's Antrage, sein Wort vom "rothen Hahn auf ein Schloss" ein, sein: Sapristi! als sie in dem unterirdischen Gang selbst von Westerhof, selbst von Nuck begonnen hatte ...

Noch wogte ihre Angst um ein Verbrechen, in das sich nun Nuck doch noch einliess, noch wogte die Furcht, hier so langer stehen zu bleiben, als die Namen der Passagiere aufgerufen wurden ... Der, der ihr Jean Picard schien, stieg mit der Bezeichnung: "Herr Dionysius Schneid" in den Wagen ... Sie hatte sich's wohlgemerkt; der Name wurde zweimal gerufen ...

Nun blies der Postillon ... Der Verbrecher fuhr von dannen ... Unter dem Eingang der Post druckte er sich in eine Ecke, um nicht beim Voruberfahren ganz aus nachster Nahe beobachtet zu werden ...

In erster Aufregung flog Lucinde zu Nuck, um aus seinem Benehmen zu erkennen, ob sie sich wirklich ihn, ihn selbst im Zusammenhang mit dieser Reise denken musste im Postbureau wurde ihr bestatigt, dass Herr Dionysius Schneid aus Strasburg seinen Platz bis Witoborn genommen hatte

Dann sagte sie sich: Nein, wie kannst du Nuck an Dinge erinnern, die von seiner Seite nur ein einziges mal und auch da nur so fluchtig und scherzhaft hingeworfen wurden? ... Sie wusste, um was es sich in jenem zu Nuck's tiefstem Verdrusse verlorenen Process handelte, jenem Process, der Paula's Lebensschicksal entschied. Sie wusste, dass mit dem Fund der Urkunde Paula zwar ihr Erbe erhielt, aber auch das von einer durch die ganze Verwandtschaft festgehaltenen Etikette gestellte Ansinnen, sich mit dem um seine Hoffnungen betrogenen Grafen Hugo zu vermahlen ... Ihrer Rache konnte an sich nichts Susseres geboten werden als dieser schadenfrohe Hinblick auf Bonaventura's Schmerz, und dennoch zu machtig wirkte entweder noch die Liebe und Sorge fur ihn in ihrem fur alles Uebrige abgestorbenen Herzen, um nicht zu erschrecken bei dem Gedanken, dass um den grausamen, sie "mit Fussen tretenden" Mann soviel Wildes sich begeben konnte, oder sie gedachte der Gefahr eines Frevels, der leicht dem Scheitern ausgesetzt sein konnte und sie selbst vielleicht in neue Wirren sturzte ... Schon war wiederholt ihr Name bei der Veroffentlichung der Beda Hunnius'schen Briefe genannt worden ... Sollte sich der Fluch ihres Daseins immer greller und greller erfullen? ... Sollte sie durch diese wirkliche Ausfuhrung geheimer Thaten auf die Bahn des Verbrechens hinubergefuhrt, ihrer Bekanntschaft mit Bickert uberwiesen, um ihrer Erlebnisse auf dem Professhause willen wol gar dem offentlichen Gerichte preisgegeben werden? ... Sie wunschte die Folgen der That mit heissester Begier, zitterte aber vor ihrem Mislingen ... Und nun ergriff sie die ihr eigene namenlose Angst, die sie immer hatte vor jeder Katastrophe, ehe sie da war. Flugel hatte sie sich geben mogen, den Verbrecher einzuholen, ihm nicht von der Seite zu weichen, ihn von seinem Vorhaben zuruckzuhalten ... Noch einmal ging sie zu Nuck, fand ihn aber wieder nicht ...

Die Ruhe des Nuck'schen Hauses, die Ordnung des Geschafts, der Reichthum, dem sie auf Tritt und Schritt begegnete, sagten ihr wol: Thorin, Thorin, wessen haltst du einen Nuck fur fahig! Fur wahnsinnig wurd' er dich halten, sprachst du davon! ... Und bin ich's vielleicht nicht selbst? ... Seh' ich mich nicht ewig mit Hammaker auf dem Schaffot, seh' ich mich da nicht mit meinen Brudern, mit Oskar Binder, mit meiner Hauptmannin alles so, wie ich's so oft traume! ... Die Stimmung einer wie von Furien Verfolgten und wie der hochsten Gewissensangst kam uber die in sich haltlose und so tief ehrgeizige Seele ... Und um nur etwas zu thun, was den Augenblick festhielt, betrieb sie ihre Reise, schutzte Grunde der Eile vor, liess alle Anstalten wie zu einer Flucht treffen ... Sie glaubte wenigstens darin das Beste zu thun, dass sie, selbst wenn keine Verstandigung mit Nuck moglich war, doch in die Nahe des Verbrechers zu kommen suchte, um seinen Arm zu ergreifen und ihm zuzurufen: Die ewigen Machte ziehen mich durch dich noch nicht rettungslos hinunter!

Das "Hessenmadchen" die halbe Bauerin das war sie geworden! ... Geworden durch Schonheit, Ehrgeiz, Geist und "Ungluck!" ... Sie sah Nuck in ihrem kleinen Zimmer jetzt an wie eine Verzweifelnde ... Ihm aber erschien sie bei alledem eine Zauberin; nur die rothen Kleider, die phantastischen Zeichen fehlten um ihre Schultern, der goldene Stab in ihren Handen; er hatte sie zur Priesterin welcher Religion sie wollte gemacht ...

Schon sprach er, mit heissen Seufzern sich ihr nahernd:

Sie sind krank! Lucinde!

Sie fuhr zuruck, als vergiftete sie sein Athem ...

Sich sammelnd bat er sie, sich zu beruhigen und die Pferde abbestellen zu durfen ... Seine Augenbrauen zuckten hin und her ... Er offnete das Fenster, sprach in den Hof hinunter und bestellte die Pferde ab ...

Lucinde liess nun alles geschehen ...

Kommen Sie! Was haben Sie? Sprechen Sie aufrichtig mit mir! Ich kann alles horen! begann er ...

Diese gleisnerische Ruhe war so entwaffnend, dass sie, als glucklicherweise die Thur aufging und die Commerzienrathin, Johanna, die Hausfreunde herbeigeeilt kamen und staunend von dem veranderten Reiseplan sprachen, einwilligte zu bleiben, zustimmte nach vorn zu gehen und ihre Furcht und ihr Bangen fur den Augenblick beschwichtigte ...

Nuck folgte mit Ingrimm ... Er war gestort worden in einer langst ersehnten Stunde ... Doch scherzte er alles hinweg und sagte, dass er es so weit zu bringen nie geglaubt hatte, sich wieder an Thee zu gewohnen ...

Einige Tage vergingen Lucinden auf den Anblick der Harmlosigkeit des schreckhaften Mannes in einem Zustand scheinbarer Beruhigung oder der Abspannung ... Monika von Hulleshoven machte Condolenzbesuch und nahm Abschied, um ebenfalls auf Witoborn zu reisen ... Lucinde hatte sich der Hand dieser kleinen freundlichen und mit Ruhrung von Hendrika Delring sprechenden Frau anklammern und rufen mogen: Nimm mich mit! ... Doch Monika's Blick war ihr kalt und streng und es schien, als wollte auch sie schon nach seither ofter erfolgter Begegnung sagen wie fast alle Frauen : Wir gehoren nicht zusammen!

Ihre Furcht erwachte aufs neue ...

Zu schreiben an Nuck wagte sie nicht ... Taglich hatte Nuck das Princip wiederholt, das sie schon bei der ersten Unterhaltung von ihm gehort: Nicht schreiben! ...

Schon nach drei Tagen war ihr Zustand vollig rathlos ...

Als sie gerade in den obern, schon von Delring verlassenen Zimmern des zweiten Stockes etwas raumte, kam ihr eines Morgens Nuck entgegen. Es war wie zufallig. Hier, in den schallenden Zimmern, ohne Tisch und Stuhl, hier wagte er, nicht achtend der Erinnerung an eine Sterbestatte, auf der sie standen, eine Scene herbeizufuhren, wie die erste gewesen an jenem Piter'schen Festabend und wie sie neulich ihm gestort worden war ...

Lucinde unterbrach ihn aber und sagte:

Wollen Sie mich wieder auffordern, das auszufuhren, wofur Hammaker Bickert gedungen hat, der in diesem Augenblick vielleicht im Begriff ist, Ihren Process durch Mord brennerei zu entscheiden?

Nuck sah sie mit seinen weit aufgerissenen weissen Augen an ...

Schon ertrug sie diese Augen, die ihr fruher so entsetzlich gewesen ...

In diesem Augenblick ? Was reden Sie da? sprach er ...

Lucinde wiederholte ihre Frage ...

Hammaker? Wer ist Sie kennen was wer ist Bickert?

Diese Frage war eine heuchlerische. Die ersten Reden jedoch, die Nuck in unterbrochenen Satzen ausgestossen hatte, schienen in der That unverstellt gewesen zu sein ...

Bickert, sagte Lucinde, jede Fiber in seinen Bewegungen beobachtend, Bickert ist jener Kirchhofrauber des Dorfes Sanct-Wolfgang ... Ich entdeckte ihn hier bei jener Gefahr im Professhause, von der ich Ihnen noch nicht alles erzahlt habe ... Aber Sie, Sie hat er mir genannt als den Mann, der ihm die Mittel geben wurde, fur immer nach Amerika zu entfliehen, wenn er staunen Sie nur! zuvor auf einem Schlosse Feuer angelegt und bei dieser Gelegenheit eine falsche Urkunde

Himmel! unterbrach sie Nuck ... Die Wande haben ja Ohren ! Was sprechen Sie da? ..

Sprachen Sie nicht einst selbst so zu m i r ?

Ich? ... Zu Ihnen? ... Wann?

Nuck stand besinnungslos ...

In wessen Auftrag ist Dionysius Schneid nach Witoborn gereist? fuhr Lucinde mit uberlegener Ruhe fort ...

Dionysius Schneid ? Wer ist das?

Nuck zeigte eine unverstellte Befremdung, war aber zugleich in eine Aufregung versetzt, die ihm, dem Kalten, Ruhigen, Allem gleichgultig Zuwartenden den Schweiss auf die Stirne trieb ... Kein Stuhl war im Zimmer, auf den er sich hatte niederlassen konnen ... Er taumelte zum Fenster hin, um sich dort zu halten; zufallig ergriff er eine noch zuruckgebliebene Vorhangschnur und liess diese sofort aus den Handen gleiten, stohnend:

Ich hielt meinen Schutzengel von der Reise zuruck! ... Ich fange an zu ahnen ! Jesus Maria! ... Ja, ja! ... Sie mussen fort, fort, sogleich! ... War' es denn moglich! Ich sah nichts, nichts als Ihre Liebe zum Domherrn ... Sogar die todten Schatten Serlo und Klingsohr beneid' ich noch ! Fort! fort! In diesem Augenblick!

Jetzt noch mehr erbebte Lucinde vor dieser Angst des sonst so muthigen Mannes ...

Wenn ich an jenem Abend, fuhr er mit ungewissem Stammeln und grauenhaftem Auf- und Abgehen seiner Kinnladen fort, uber die Urkunde scherzte; wenn ich die Urkunde nannte, die zu Ihrer Freude Paula zur Grafin von Salem-Camphausen machen konnte, so geschah's im Taumel der Freude, Sie allein zu sehen, Sie in Ihren Geheimnissen zu uberraschen, Sie zu sehen an einem so berauschenden Abend in Ihrem Glanz, in Ihrer Schonheit ... Konnen Sie glauben, dass ich in meinem Hass so, so weit gehen konnte ? Aber ja, Sie haben Recht ... Ich Wahnsinniger, ich habe einst zu einem solchen Plane gelacht ... Ich habe drei verzweiflungsvolle Monate meines Lebens uber dies Lachen hingebracht ... Drei Monate, wo Hammaker unter den Verhoren der Richter stand ... Damals kam kein Schlaf uber meine Augen ... Ich irrte umher, scherzte und lachte, aber unterm Damoklesschwert ... Hammaker war muss ich es doch zugestehen! ein Hollenbrand ... Fur seine verlorene Ehre, fur die Bildung, die er besass, rachte er sich am Menschengeschlecht ... Wie er mich auf dem Gewissen hat, daruber beicht' ich Ihnen, Lucinde, Ihnen doch nur wenn wir beide in Rom sind ... Lassen Sie mir dies Bild in der Wuste meines Lebens! ... Hammakern liess ich schon seit lange fur sich gewahren und suchte nur von ihm loszukommen ... Merkte er diese Absicht, dann konnt' ich sicher sein, einen neuen Anschlag von ihm zu gewartigen ... Er war der dunkle Schatten meines Lebens Und so unzertrennlich blieb er von mir, dass ich ihn sogar vor Gericht noch vertheidigen musste! ... Die ungluckselige Dose! ... Dass ich sie auch gerade ziehen musste und ihm in sie den Griff verweigern! ... Eine Holle grinste mich gleich an aus seinem Racheblick ... Ich sehe sie ist jetzt losgelassen ...

Nuck musste sich halten ... Er war zu erschuttert Lucinde dachte an Serlo, der einen Abend hatte zubringen konnen, zu rathen, wen wol Goethe in seinem "Clavigo" im Sinne gehabt, als er Carlos sagen lasst: "Ich, der ich dabei war, als dem Ersten der Menschen die Angsttropfen auf der Stirn standen" ? Lucinde hatte unter den vielen Beispielen verzweifelnd Ueberfuhrter oder unerwartet vom Schicksal Geaffter, die Serlo aus seinem Leben nennen konnte, jetzt den Oberprocurator Nuck anfuhren konnen ...

Eines Tages, fuhr Nuck in stammelnder Rede und so, als wurde schon durch seine Erzahlung der Moment des Handelns versaumt, fort eines Tages, als ich uber die fehlende Urkunde in dem grossen Processe klagte, sagte Hammaker, der ein Jurist war, seltene Kenntnisse besass: Nuck! Spielen wir doch ein bischen Pseudo-Isidor! Sie verstehen das nicht ...

Doch! sagte Lucinde. Der heilige Isidorus von Sevilla hat die Regeln aufgeschrieben, nach denen sich allmahlich euer kirchliches Recht bildete! Ein Geistlicher in Mainz, Benedictus Levita, gab hierauf diese noch einmal heraus, gefalscht aber durch Zusatze, die der Macht der Bischofe uber den Klerus gunstig waren. Um nun wieder die Bischofe sicher zu stellen vor den Folgen jener Verfalschung, liessen diese durch neue Falschungen dem ersten Bischof in Rom die hochsten Ehren. Ohne diese Lugengewebe des falschen Isidorus von Sevilla gab' es keinen Papst in Rom, keine dreifache Krone, die die Welt beherrscht, auch keinen Orden vom goldenen Sporen

Nuck reichte gezwungen lachelnd mit der zitternden Hand zu Lucindens Stirn hinauf, als wollte er sagen: Werth bist du selbst eine Krone zu tragen! ... Mit einem Gemisch von Huldigung, von gemachter Frommigkeit und Ironie warf er die Worte hin: Bei alledem sind Sie eine grosse Ketzerin! ... Dann fuhr er fort: Ja! Hammaker sprach von diesem Pseudo-Isidor, der allerdings Rom gross gemacht hat und Rom gedeihe doch! Gedeihe durch eine Luge! sagte der Schurke. Ich lachelte lachelte ohne Arg ... Ich beschwore Ihnen dies! Ich beschwor' es bei Ihrer Liebe zum Domherrn denn an etwas anderes in der Welt glauben Sie doch nicht! Hammaker veranstaltete alles, was ich zwar nur so obenhin, aber doch schon von Entsetzen ergriffen plotzlich zu ahnen begann ... Immer hatte er etwas, was bald zu meinem Gluck, bald zu meinem Verderben ausschlagen konnte ... Alle Kenntnisse besass er, die dazu gehorten, eine falsche Urkunde im Geschmack alter Zeit aufzusetzen, sie aufs zierlichste zu copiren, sie mit chemischen Mitteln wie wurmstichig zu machen, sie mit Kaffeesatz zu braunen ... Nur durch einen Act der List oder Gewalt konnte diese Urkunde in die Archive kommen ... Ich ahnte ein Vorhaben dieser Art, das mich ewig zu seinem Sklaven machen musste ... Das wollte er denn auch ... Indessen ich beruhigte mich ich sah ja sein nahes Ende ... Im Gefangniss war' ich gern einmal auf meine Furcht zuruckgekommen, nur hatt' ich immer Feuer an den Sohlen, so oft ich mit ihm reden musste ... Noch jetzt sehen Sie Nur an ihn zu denken und nicht schon handeln ist gefahrlich Sie mussen reisen, Lucinde ... heute, heute noch! ...

Lucinde stand mit klopfendem Herzen, ein Bild zwar des Schreckens, aber doch schon gefasster, da sie die Mitfurcht eines so machtigen Dritten hatte ...

Vielleicht irr' ich mich in den Voraussetzungen uber die Verkleidung jenes Picard ... sagte sie ...

Nein, nein! Hammaker hat mir diesen Dank furs Leben hinterlassen wollen! Nun weiss ich es fur gewiss! Folge mir auch d u ! riefen die Teufel in seiner Brust, als er aufs Schaffot musste ... In meinen Gefangnissgesprachen mit ihm deutete ich auf jene fruhern Aeusserungen uber den falschen Isidorus hin ... Da fuhr er auf und sagte hohnisch, dass ich ihm denn doch auch zu viel Devotion fur meine Interessen zutraute ... Fur meine Interessen? fragte ich forschend, musste aber schweigen und sehen Sie da, wie ich mit ihm stand jedesmal dass ich bei ihm war, hatte ich Gift bei mir und wollte es ihm anbieten ... Einmal machte ich davon eine Andeutung ... Da sprang er auf mich zu und erschlug mich fast mit der Handschelle ... Ich entfloh, die Wache kam herein ... Ich horte die nichtswurdigsten Worte hinter mir hergerufen ... Er glaubte nicht an seine Hinrichtung er wollte die Buschbeck nur im Ringen, nur im Vertheidigungsstand gegen eine Wuthende erwurgt haben ... Voll Rache, auch gegen mich und meine scheiternde Vertheidigung, bestieg er das Schaffot. Seitdem athmete ich auf und ahnte nicht, dass er mich nach sich zieht ... Neulich merkt' ich etwas davon zum ersten male ... Ein Mensch kommt zu mir und stellt sich mir vor als ein von Hammaker Gedungener

Den Den mein' ich! ... bestatigte Lucinde ...

Als ein Mensch, der von mir tausend Thaler bekommen wurde, wenn er auf Schloss Westerhof bei Witoborn im dortigen Archiv Feuer anlegte ... Bei dem dann entstehenden Tumult sollte er eine Urkunde, die er wohlverwahrt bei sich zu Hause hatte, in das Archiv bringen ... Ich stand erstarrt ... Mich endlich ermannend fuhr ich dem wusten Menschen an die Gurgel und wollte die Wache rufen ... Daruber wieder entsank mir der Muth ... Ein Verdacht, ein Flecken wurde immer geblieben sein ... So redete ich dem stumpfsinnigen, der deutschen Sprache kaum machtigen Menschen zu, bat ihn vernunftig zu sein, solche Nichtswurdigkeiten nicht zum zweiten male gegen mich auszusprechen und gab ihm hundert Thaler zur sofortigen Abreise ... Wie bereu' ich die geringe Summe, die ich gegeben! Auch die Drohungen, die ich ihm nachrief! Ich fahre sofort auf das Polizeiamt! sprach ich ihm die Thur weisend; ich werde Sie anzeigen und beobachten lassen! ... Da erst besann ich mich: Hammaker wird ihm gesagt haben: Gelingt es oder nicht, so sind tausend Thaler mehr oder weniger fur Nuck's Furcht eine Bagatelle! Ewig kannst du auf die Art von ihm ziehen! Jedenfalls mehr, als wenn du in Westerhof uns, heute oder morgen, beide angabest und zum Dank dann doch auch mit ans Eisen musstest! ... Ich hore alles das! ... Lucinde, wir erleben eine grosse Demuthigung ...

Nuck brach fast zusammen. Er kam zu keiner Besinnung mehr, steckte mit seiner Furcht aufs neue Lucinden an, die an manche Beruhigung sich halten wollte, drangte in sie, abzureisen, Bickert aufzusuchen und durch ihre Beredsamkeit, naturlich auch durch so viel Geld, als sie nur mitnehmen wollte, den Verbrecher von seiner That zuruckzuhalten ...

So reiste sie noch am selben Abend ab und kam nach Witoborn in der leidenschaftlichsten Erregung ...

Nur zu bald erfuhr sie hier, wo sich ein gewisser Dionysius Schneid befand ... Schon auf Westerhof! ... Schon am Ziel seiner gewinnsuchtigen und frevlerischen Absichten! ... Wie aber naherst du dich ihm? Wie rettest du dich vor Schimpf und Schande ... Im Geist sah sie sich durch alle diese Vorgange auf der Bank vor den Assisen ...

Willenlos hatte sie sich heute schmucken lassen ... Willenlos war sie nach Munnichhof gefahren ...

Paula hatte schon eine Vision von einer Feuersbrunst gehabt! ... Das horte sie dann ... Sie sah in Puttmeyer's Bildern immer nur Brand und Brand ... Sie musste sich selbst wie schon aus den Flammen losreissen ...

Brutend, wie sie an Dionysius Schneid kommen sollte, sass sie in dem dunkeln Zimmer, zum Tod vernichtet ...

Entsetzt fuhr sie zusammen, als ein Bedienter den Kopf durch die Thur steckte und sie nach ihrem Namen fragte ... Vor ihren Blicken standen gleich Hascher und Richter ...

Der Bediente sagte, ein Monch, ein Laienbruder hatte bei einigen Dienern, die von Witoborn mit gekommen waren, nach dem Fraulein gefragt und zu seinem Erstaunen gehort, dass sie selbst hier anwesend ware ... Ob er sie sprechen durfte? ...

Wer? fragte sie halb ablehnend, halb nicht begreifend ...

Ein Bruder Hubertus! Ein frommer guter Alter ... Aus dem Kloster Himmelpfort druben ...

Hubertus? ...

Den Namen kannte sie ja ...

Aus Serlo's Erinnerungen sah sie den Pater Fulgentius vor sich, den Hubertus einst gerichtet hatte ...

Sie wusste auch, Hubertus war der ehemalige Verlobte ihrer Hauptmannin ... Der "Bruder Abtodter" war's, der Klingsohr zum Pater Sebastus gemacht hatte ...

Naht sich schon wieder die Kette, die dich ewig an das Vergangene schmiedet? rief es verzweifelnd in ihrem Innern ...

Sie wollte den Monch abweisen ...

Doch, noch ehe sie erwidert hatte, offnete sich die Thur und ein dunkler Schatten huschte herein.

16.

Vor der Unschonheit des Anblicks, der sich ihren Augen darbot, ergriff Lucinden ein Schauder ...

Das waren keine Zuge, die dem Leben angehorten ... Jene Chinesenkopfe, die sie einst im verschlossenen Zimmer der Buschbeck gesehen, traten ihr entgegen ... So lacheln Mumien ...

Was wunschen Sie? fragte sie indessen mit sich sammelnder, ablehnender und hoffartiger Kalte ...

Sie erwartete eine Botschaft von Klingsohr und konnte sich darum noch weniger zur Freundlichkeit stimmen ...

Mein geehrtes Fraulein begann Hubertus mit seinem im wunderlichen Tonfall gesprochenen fremdartigen Dialekt und unterbrach sich dann schon selbst, um sich erst zu versichern, ob seine Rede unbelauscht blieb ...

Lucindens Schrecken mehrte sich ...

Was wollen Sie? sprang sie voll Furcht und Unwillen auf ...

Dunkler und dunkler war es geworden ... In einem Kamin, sah Lucinde erst jetzt, leuchteten noch halbglimmende Kohlen ...

Mein Fraulein, begann der Monch aufs neue und mit Milderung seiner auffallenden Hast, Sie wohnen ja wol bei Frau von Sicking ?

Ja! Warum? ...

Sie heissen Lucinde

Schwarz was fragen Sie danach?

Ich mochte wissen, ob Ihnen der Name eines gewissen Jean Picard bekannt ist? ...

Lucinde musste sich am Rand des Kamins halten ... Da war das todliche Wort gefallen ... Das Geheimniss ihres Innersten ausgesprochen ... Die Welt wusste schon alles! ...

Der Alte sah die Vermuthung des Briefes bestatigt ...

Allmahlich zog er aus der innern Tasche seiner Kutte das Papier ... Vor Aufregung lachelte er selbst ... Konnte eine so schone, junge Dame mit Verbrechern bekannt sein? ... Bei seinem Lacheln gingen ihm die Winkel seines Mundes fast bis zum Ohr ... Es war nicht zu unterscheiden, ob der schreckliche Monch ihr Vorwurf oder Theilnahme bezeigte ...

Lucinde stohnte mit schwerem Athem:

Jean Picard? ... Den Namen hab' ich einmal nennen horen ... Ja! ... Was soll es mit ihm? ... Er hat auf einem Kirchhof einen Sarg erbrochen ...

Der ... Der! Ganz recht! ... erganzte der Monch, entfaltete den Brief und prufte Lucindens Benehmen, das sich vergebens zu fassen suchte ...

Wissen Sie, wo er ist? Sie wurden den Behorden mit der Angabe einen Gefallen thun! sagte sie kleinlaut ...

Hubertus legte die Hand an den Knochen, der sein Kinn war, und betrachtete von unten her, forschend und mistrauisch, die kalte Ruhe, die sich ihm gegenuber so als vollig sorglos zu geben suchte ... Ob diese Ruhe gemacht war, unterschied er nicht ... Der gute Bruder hatte ein edles Herz, hatte viel erlebt, doch seine Geistesgaben waren nicht die hervorragendsten ...

Fraulein, sprach er, als Lucinde so erwartungsvoll fragend stand ... Hier ist ein Brief an die Behorden in Witoborn ... Der Regierungsrath von Enckefuss wunscht, dass Sie ja Sie, Fraulein von seinem Vater, dem Landrath, um Ihre Bekanntschaft mit diesem Jean Picard befragt werden ...

Lucinde hatte von Serlo einen Grundsatz angenommen. Dieser hiess: Droht dir eine Gefahr, und du weisst es und sie naht endlich, dann denke dir nur immer gleich die ganze Fulle des Elends! Lass nichts von beschonigenden Mittelstufen, von moglichen bessern Erwartungen aus! Sage gleich: Alles ist verloren! Und bricht dann doch nicht alles so herein, wie du furchtetest, so hast du ja gleich eine kleine Abschlagzahlung wieder auf das Gluck! ...

So sah sie sich jetzt, wo schon die Sicherheitsbehorden ihr Geheimniss wussten, geradezu bereits in Ketten und Banden ... Sie sagte sich: So wandelst du hin! So wird dein Loos sich erfullen! Das wird aus einem Weibe, wenn "es die Liebe nicht findet" ...! So war dir's, als du auf der Buhne scheitertest! ... So war dir's, als dir in der Dechanei gekundigt wurde! ... Nun sieh nur zu, was kommt! ...

Der Monch betrachtete das ihm durch Klingsohr so wohlbekannte Madchen voll Staunen und Mitleid ... Kreidebleich, wie der Rand des Kamins, stand sie und bemerkte nicht, dass ihr der Alte mit seiner knochernen Hand den Brief selbst zu lesen gab ... Die Augen gingen ihr tief innenwarts ...

Lesen Sie's nur selbst, sagte der Greis und sprach dies schon wie strafend ...

Zu dunkel ist's! antwortete sie, wollte lesen und konnte nicht ...

Sie wandte sich, weil ihre Hande zitterten und hauchte:

Sagen Sie doch selbst, was darinnen steht!

Hubertus theilte ihr den Inhalt des Briefs im kurzen Zusammenfassen mit ...

Lucinde horte ihr Todesurtheil ... Sie sah Flammen um sich her und konnte nicht entfliehen ... Sie horte Sturm lauten von den Thurmen und rannte sinnlos mit den andern ... Grutzmacher, der Wachtmeister aus Kocher am Fall, stand vor ihr mit seinem Signalementbuch und sprach sein: Na Paschol, Mamsell! ... Eine Emissarin hiess sie den Behorden schon lange ...

So stand sie wie eine Statue ...

Bei alledem sagte sie:

Dummheit! Ich sehe da die ganze blonde blauaugige Weisheit des Herrn von Enckefuss! ... Wie kommen denn Sie Sie, ein Klosterbruder, dazu, von diesen Menschen in Criminalsachen gebraucht zu werden?

Der Landrath kennt diesen Brief noch nicht! sagte Hubertus. Auch soll er seinen Inhalt nicht erfahren Darauf geb' ich Ihnen mein Wort falls Sie mir sagen, Fraulein, wo ich Jean Picard finde!

Lucinde wandte staunend ihr Antlitz ...

Und was geschah? Da lag das Papier schon auf dem halb im Verkohlen begriffenen Feuer des Kamins ...

Der Monch hatte es eben hingeworfen und das plotzliche Wehen des Kleides, das entstanden war, als Lucinde hoffnungsbelebt einen Schritt zuruckfuhr, brachte den Zugwind, an dem sich das Papier entzundete und langsam zu verbrennen anfing ...

Ich begreife Sie nicht ! flusterte sie und fuhlte bereits jene Serlo'sche "Abschlagzahlung wieder auf das Gluck" ihre Augen blitzten wie ein Sonnenstrahl aus Wolken ...

Mein Fraulein, begann der Monch, mag dem sein wie ihm wolle, und was Sie auch mit solchem Volk zusammenbringt, ich gebe Ihnen den Schwur beim Patron meines Ordens, dass ich diesen Teufel kneble, binde, geradezu aufhange, wenn ich ihn finde, um ihn von seinem Lasterleben zuruckzuhalten ... Sagen Sie mir nur, wo ich ihn entdecke diesen Jean Picard! ...

Waren denn das Worte der Verstellung? ... War denn dieser muthige, entschlossene Ton die Sprache eines Feindes oder Bundesgenossen?

Der Greis richtete jene Miene auf sie, die, das erkannte sie jetzt, Lacheln sein sollte ... Sie vertraute dem innigen Ton der heftigen Rede des Alten und fragte mit Wonneschauern glucklicher Hoffnungen:

Was haben denn aber Sie fur ein Interesse an solchen Verbrechern, die, wie Herr von Enckefuss glaubt, meine Freunde sein konnen?

Bei Sanct-Franciscus! rief Hubertus ... Das ist, denk' ich, keine Kleinigkeit, wenn man in Liebe an Jemand jahrelang denkt, ihn wiedersehen will und wiedersehen muss und gerade im selben Augenblick von ihm erfahrt, ein Dieb, ein Rauber ist's geworden, wie die andern waren ... Sehen Sie diesen Picard milder an, so weiss ich nicht, warum, Fraulein. Ich habe in jungen Jahren ein paar gute Korner in den Schurken gelegt ... sind die so schlecht aufgegangen? So ganz der Apfel beim Stamm geblieben? Zwischen zwei Baumen mach' ich im Wald eine Hangematte aus ihm und lass' ihn nicht eher zur Erde, als bis er vor Gott mir ein besserer Zeuge wird! Das schwor' ich Ihnen!

Wie kuhlender Regen nach wochenlanger trockener Hitze uberrieselten diese Worte Lucindens Furcht und Bangen ... Sie sah eine Moglichkeit, den Verbrecher von seinem boshaften Plane, Nuck zu Geldzahlungen zu zwingen, zuruckzubringen ... Aus ihrer unterirdischen Wanderung mit Bickert entsann sie sich seiner Scheu vor einem Madonnenbilde, entsann sich seines Ganges in den Beichtstuhl Bonaventura's ... Vielleicht war er nicht nur einer Drohung, sondern selbst einer Mahnung zum Besseren zuganglich ... Es lebte in ihm jene Ideenverwirrung, die die moralische Milde des Katholicismus in den Kopfen der Masse anrichtet ... Sie sundigt und beichtet und beichtet und sundigt ... Der Bravo lasst den Dolch weihen, der gedungen ist, einen andern zu morden ... Die gemachte Beute wird mit der Gottesmutter und mit den Heiligen getheilt ...

Um ihre Freude nicht zu verrathen, schwieg sie und redete auch da noch nicht, als Hubertus mit immer dringlicherer Eile fortfuhr:

Sie kennen ihn! Sagen Sie mir aufrichtig, ohne Furcht: Wo ist er? Verlieren wir keinen Augenblick! Ich will ein Wort mit ihm reden wie Jungstes Gericht!

In Lucindens Innern zog es wie eine himmlische Musik auf ... Hubertus erschien ihr schon ... Sie hatte ihn kussen mogen ... Aber auch schon lachen vor innerstem Krampf und namenloser Freude ...

Sagen Sie mir es nicht? Mir? Mir nicht? Was sollte auf Westerhof geschehen? ...

Lucinde zuckte zusammen ...

Reden Sie? Ich bitte!

Ich will Ihnen vertrauen! sprach sie. Auch ich mochte den verirrten Menschen schonen! Eine elende Vorspiegelung hat ihn bestimmt, hieher zu reisen und ein Verbrechen auszufuhren, das ich Ihnen nicht anzugeben weiss, das aber gute unschuldige Menschen ja mich selbst in peinliche Lagen bringen kann! Versichern Sie sich seiner Person! Haben Sie Einfluss auf ihn, so konnen Sie mir und manchem, der Ihnen dafur ewig danken wird, keinen grossern Dienst erweisen, als wenn Sie ihn, wie Sie nur irgend konnen, unschadlich machen! Ich wunschte, Sie waren nicht so geldscheu, wie dies Klosterbruder zu sein pflegen! Geld scheint das einzige Mittel zu sein, diese wuste Seele zum Bosen oder vielleicht ebendeshalb auch noch zum Guten zu lenken und wenn ich Ihnen aus meinen Mitteln

Das lassen Sie nur! unterbrach Hubertus. Sehen Sie, wie sich alles treffen musste Dem Schurken hielt ich zehntausend Thaler in Bereitschaft ! Sie staunen? ... Noch mehr! Das ist Geld, an dem Ihre eigenen Thranen haften, Fraulein! Ja Ihre! Ihre! ... Geld, das Sie, Sie mit erwerben halfen durch Hunger und Entbehrung! Jene Erbschaft der ermordeten Frau, die auch Sie auf dem Gewissen hat fiel ja mir zu ...

Lucinde war es nicht gewohnt, etwas von ihren Thranen zu horen ... Und wie sich der ewig Ungluckliche des Glucks entwohnen kann und dessen Annaherung gar nicht mehr mit voller Beseligung fuhlt, so entwohnt sich auch das Herz, das man ewig kalt und empfindungslos nennt, der Anerkennung seiner bessern Gefuhle ... Sie war mehr erstaunt als geruhrt uber diese Worte ... Sie erschrak sogar uber sie; sie erinnerten an Klingsohr ...

Woher wissen Sie das? fragte sie ...

Durch Pater Sebastus! bestatigte Hubertus und musterte Lucinden mit dem ganzen Ruckblick auf alles, was er uber sie wusste und nach dem Eindruck, den sie ihm machte, jetzt wohl fur glaublich halten konnte ... O wusst' er, fuhr er mit freundlichem Nicken fort, dass Sie in seiner Nahe sind! Darf ich's nicht dem Armen sagen?

Wem? fragte sie ausweichend und befremdet ...

Heinrich Klingsohr! ...

Wir sprechen von den Gefallenen, nicht von den Erhohten! sagte Lucinde mit einer der ihr gelaufig gewordenen devoten Wendungen ... Sie finden den, den Sie suchen, auf dem Schlosse Westerhof! Unter dem Namen "Schneid" hat er dort eine Stelle gefunden ... Sein Aeusseres Seit wie lange schon sahen Sie ihn nicht?

Ich habe das Merkzeichen meiner Kinder ... Und schon in Westerhof! ... Was wollt' er dort? ...

Warnen Sie ihn!

Warnen? ... Damit halte ich mich nicht auf! ... Ich trag' ihn auf einen Thurm und werf' ihn hundert Fuss tief, wenn er nicht Ordre hort! Ist aber an ihm noch zu flicken, so schaff' ich ihn nach Bremen und von da aufs Schiff und mag er dann nach Amerika gehen ...

Lucinde sagte sich selbst: Werde nur nicht ubermuthig, seit du siehst, dass dich der Himmel noch liebt!

Hubertus begann eine Frage, die er nun auch noch nach Terschka richten wollte, unterbrach sich aber, weil in der Ferne die Jagdhorner ertonten ...

Also Westerhof! wiederholte er ... Schneid! ... Und Sie Sie Wilde, Wilde! Warum soll ich nicht den Pater Sebastus grussen?

Einem Kloster ziemt kein Frauengruss! sprach sie mit Lacheln ...

Der Arme sitzt in Haft ... Wie hatt' ich ihm gegonnt, nach Luttich zu entfliehen ...

So vertraut war Hubertus mit Klingsohr ...

In Haft? fragte sie ...

Wenn ihn nicht heute der Domherr von Asselyn frei bekommt ... Ja! ... Der wollte ein Wort fur ihn beim Provinzial einlegen ...

Lucinde sah im Geist zwei, drei Rader gehen und sich selbst in ihrer Mitte ... Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alles rollte rundum und nichts war fest ...

Noch einmal rief sie dem schon Abschiednehmenden und immer vor sich hin: "Schneid!" "Schneid!" Murmelnden und richtete lachelnd die Frage an ihn:

Wissen Sie nicht irgendeinen hohlen Baum? Eine vom Blitz erschlagene Eiche?

Im Dusternbrook! Gewiss!

In diesen Baum soll Klingsohr entfliehen! ...

In einen Baum? ...

Ich denke ... Wo mochte der Pater am liebsten sein?

Wo Sie sind oder in Rom!

Nun gut! ... Der Weg nach Rom fuhrt durch jenen hohlen Baum Aber die Jager kommen ... Ein andermal! ...

Was Jager! Auch ich war einer hier und in den Wildnissen Javas! Was Entbehrung und Anstrengung heisst, das kenn' ich ... Ich bin von Schlangen gebissen worden und Malayen sogen mir das Gift aus den Wunden ... Selbst lernt' ich Gift aus einem frisch gebrochenen Schlangenzahn saugen und keine Schlange mehr hatte seitdem Gewalt uber mich ... Doch ja! Eine Eine freilich! ... Aber was soll's mit dem Baum? Ich verstehe nur erst halb und halb ...

Lucinde wiederholte Nuck's Rath ...

Die Regel Ihres Ordens, sprach sie schnell und wie zwischen Thur und Angel, gestattet Ihnen Veranderungen Ihrer Lage, aber nur mussen Sie vom Strengen zum Strengern ubergehen! Flieht der Pater in einen Baumstamm, lebt dort als Einsiedler, ertragt die Harte des Winters, bleibt in Sturm und Regen, hutet sein Crucifix und kummert sich nicht, wer oder was ihn ernahrt, so hat kein Kloster Gewalt uber ihn; das Bedurfniss grosserer Gottseligkeit ist heilig. Kommt dann aber der Fruhling kommen die Schwalben

Ha! So entfliehen wir nach Rom!

Nach Rom? Auch Sie?

Auch ich!

Nun gut! Aber ohne Sandalen! Ohne Kapuze! Statt des Stricks mit dem Stachelgurtel! ... Nach der Regel des heiligen Petrus von Alcantara, die Sie vorgeben mussen, in Rom annehmen zu wollen ... Seinen getreuen Alcantarinern wird Sanct-Franciscus Verzeihung gewahren ... Die Prufung ist gross ... Aber wo seh' ich Sie wieder? ... Man kommt! ... Morgen in der Fruhe im Munster von Witoborn ...

Damit drangte sie den staunenden Bruder aus dem Zimmer, zog die Thur sofort wieder an sich und eilte die Reste des Briefs zu zerstoren, ihr Haar, ihre Kleider zu ordnen und sich zur Ruckkehr in die Gesellschaft zu sammeln ...

Ihre Brust athmete auf ...

Kann denn fur dich, riefen tausend frohlockende Stimmen, noch ein Wunder geschehen? Selbst das Gefuhl der Versohnung mischte sich in ihren Jubel. Wurde das Verbrechen unterdruckt, so zog keine unerbittliche Hand mehr Paula von Bonaventura's Seite ... Auch das glaubte sie jetzt wunschen zu konnen. Mit erleichtertem Herzen, hoffnungsvoll kehrte sie in den jetzt schon von Kerzenlicht widerstrahlenden Saal zuruck ...

Das ganze Schloss war inzwischen in Bewegung gekommen ...

Hornerschall, Peitschenknallen, Hundegebell horte man schon in nachster Nahe ... Die Jagd kehrte heim ... Jubelndes Halali wurde geblasen schon bis in den Schlosshof herein ...

Die Frauen standen im Saale und zum Empfang der Manner geschart ... Von Puttmeyer's Kunsten waren sie noch alle wie Traumbefangene; der Glanz der Lichter, der Duft der Speisen rief sie in eine nicht minder behagliche Wirklichkeit zuruck ...

Der Erfolg der Jagd war zuletzt der lohnendste gewesen. Das erlegte Wild kam in einer langen Wagenreihe an hoch bedeckt mit Tannenzweigen. Sammtliche Treibleute, die den Tag uber und schon gestern meilenweit mitgewirkt hatten, standen im Schlosshof und empfingen ihren Lohn fur die gehabte Anstrengung. Man zahlte mit Geld und anerkennenden Worten. Der Graf hatte grosse Treffer von sich zu ruhmen und war in bester Laune, denn der gefurchtete Terschka hatte weniger geleistet, als man erwartet; Terschka trug den Tannenschmuck an der grunen Mutze ohne jede Berechtigung zur Ueberhebung.

Nun auch traten der Dorste'sche Oberforster und seine Gehulfen, der Wildmeister und die Leibschutzen mit den bisher zuruckgehaltenen Glossen der echten Jagerpraktika hervor und erklarten jeden Schuss, wie er hatte sein mussen, berichtigten jedes Misverstandniss, deuteten an, wie man jenen Rehbock, diesen Spiesser hatte sogleich da oder dort aufs Blatt nehmen sollen ... Alle aber waren darin einverstanden, dass die Freude und das dann zuletzt doch nicht ausgebliebene Gluck erst eingezogen waren, als der Landrath entfernt worden ...

Laut gesprochen wurde uber diesen Zwischenfall nicht mehr viel; der Damen wegen flusterte man nur; der Landrath musste ja fur "tollgeworden" gelten. Ueber etwa dabei Versaumtes beruhigte einer den andern, seit man von Hubertus' glucklich getroffenen Anordnungen und der Abholung des Landraths aus einem Bauernhause durch sein Fuhrwerk und seinen Bedienten wusste ...

Der Hinblick auf die Vorgange im Hof hatte fur die Frauen ein abschreckender sein sollen, denn das letzte erlegte Wild wurde hier von den Jagern ausgeweidet. Lunge, Herz, Leber, das Feiste in den Wammen, alles fiel den jagdkundigen Helfern zu nach Jagerrecht. Sorglich wurde weder hievon abgewichen, noch von den Trinkgeldern, die man dem in die Hand steckte, der das Tannenreis an Hut oder Mutze flocht. Der Anblick, an sich schon wild, machte sich malerisch schon durch die angesteckten Fackeln. Rings die alterthumlichen Wande und Galerieen. Schon allein das Getreibe der Hunde, die fur die lang zuruckgehaltene Gier jetzt durch ihren Antheil belohnt wurden, war eine Aufgabe fur die Vereinigung der Talente eines Snyders und Rubens.

Dann wurde der Ruckblick auf die Geschichte des Zusammensturzes dieser Thiere, die mit ihrem Blut den Boden bedeckten, mit einem Stimmeneifer begleitet, als handelte es sich um die grossten Begebenheiten der Welt. Jeder stutzende Seitensprung eines Bockleins wurde noch jetzt belacht, nicht etwa weil die "nobeln Passionen" Empfindungslosigkeit mit sich bringen, sondern weil der Mensch an der Ausubung seiner Hoheitsrechte uber die Natur doch zuletzt eine berechtigte Freude haben darf. Die Spottreden waren nicht mehr so scharf gesalzen, wie im Beginn. Hatten doch auch die jedem einzelnen mitgegebenen Jager, des Tannenzweigs, d.h. Trinkgelds wegen, dafur gesorgt, dass zuletzt jeder auch noch so lateinische Jager gleichsam wie von Samiel's Hand eine sicher treffende Freikugel bekam, und sollte sie auch nur in der diabolisch vermessenen Sicherheit bestanden haben, mit welcher unter funf auf zwanzig fallenden glucklichen Schussen einer sicher auf den von ihnen secundirten Herrn gerechnet wurde. Dieser glaubte es dann selbst und je dunkler es wurde, desto weniger Widerspruch auch bei den andern. Onkel Levinus strahlte vor Genugthuung und Zufriedenheit. Auch die Amazonen, selbst Fraulein von "Anflicker", alle hatten getroffen und zeigten im Hof ihre Opfer ... Nur Armgart erklarte mit aller Offenheit, sie hatte nichts erlegt ... Sie war die einzige, deren Zahne vor Frost klapperten ... Sie suchte fiebernd den Ofen und hockte da wie ein Wurzelmannlein ... Terschka und Thiebold machten sich standig um sie zu schaffen ... Benno sah man nicht mehr. Zu Thiebold's Leidwesen hatte er sich zu Fuss auf den Weg gemacht und war mit lassig ubergeworfener Flinte auf Witoborn zu hinausgeschritten in die stille Nacht ...

Der Graf war der hoflichste Wirth ... Die Jager, die jetzt bei der Bewirthung halfen, gingen mit Tellern, Flaschen, Servirbretern an ihm voruber, als wenn er heute fruh keinen einzigen von ihnen bei Seite genommen und wirklich gesagt hatte: Gegen Baron von Stein, gegen Graf Mengdenberg hab' ich nicht die mindeste Lust grossmuthig zu sein! Wie sie mir, so ich ihnen! Lasst sie nur immer in Busche treten, wo sie nicht mehr ein noch aus wissen! ... Aber auch nach d i e s e r Jagdpraktik folgte jetzt Behagen, Genuss, Erholung ... Die Gattinnen, Tochter und Schwestern der Nimrods wurzten nicht nur das Mahl durch ihre Erzahlungen uber den allgemein mit Verehrung begrussten Doctor Puttmeyer, der sich hier wie ein aufgeschreckter Gnom des Waldgebirgs ausnahm, vorher sein Hemd gewechselt und das gute Fraulein Huber sogar ohne Dank fur ihr Spiel hatte abreisen lassen (sie blieb nicht beim Mahl, trotz der Bitte der Grafin), sondern sie hinderten auch den Ausbruch allzu wilder Naturlichkeiten, die Wahl allzu sorgloser Wortbezeichnungen, das Erzahlen allzu derber Anekdoten.

An Gesundheiten fehlte es nicht. Der Graf liess seine Gaste leben, die Gaste liessen Graf und Grafin leben. Dann kam der Toast, der immer neu ist, wenn auch der gewohnlichste von allen, auf die Damen ...

Unter diesen fand sich eine muthige Seele, die Freiin von Bockel-Dollspring-Sandvoss, die in ironischer Weise die Philosophinnen leben liess ...

Diese rachten sich und liessen durch Mengdenberg die Amazonen leben ...

Die Amazonen brachten wieder einen Toast auf Doctor Puttmeyer aus; es war Fraulein von "Anflikker", die ihn sprach. Man nahm diesen Toast mit Jubel auf. Er ubertonte das Wohl aller andern um so mehr, als inzwischen die Husarentrompeter heraufgekommen waren und ihre Instrumente lustig in den Saal herein erschallen liessen. Fanfaren folgten auf Fanfaren, ein Jagdstucklein aufs andere; der grune Heuschreck Stammer fehlte nicht und machte seine landbekannten Possen. Dann erhob sich der Oberforster, der an der Tafel theilnahm, und hielt eine Rede, die sogar theilweise an Thiebold gerichtet war, eine Rede, die sich in die altdeutschen Urwalder verlief, in einigen Sumpfen stecken blieb und endlich nach langen Umwegen, wo man wunder dachte wo er herauskommen wurde, unter Thranenanflug bei seiner theuern, liebwerthesten, gnadigsten, jungen Herrschaft anlangte, bei der Comtesse Paula ...

Das gab dann einen Sturm von Beifall ... Alle Glaser klangen ... Auch das Glas Armgart's, die zwischen dem Onkel und Terschka sass, erklang ... Wie ihre Augen sich gefeuchtet hatten, bemerkte Niemand ... Grafin Paula auf Westerhof erschien allen wie in der Glorie einer Schutzheiligen des Landes ...

Lucinde sass in einem Kreise von Offizieren ... Schon fing sie an allgemeines Interesse zu erregen ...

Terschka hatte sie sogleich erkannt und wollte Armgart auf sie aufmerksam machen ... Diese aber redete, um ihr Seelenleid, den ganzen Jammer ihres wahnbethorten Herzens zu verbergen, mit Puttmeyer, der ihr gegenuber sass, und entschuldigte ihre Nichtanwesenheit bei seinem Vortrag, der, sie sprach das im vollen Glauben, ja "so entzuckend schon" gewesen sein sollte ...

Puttmeyer horte indessen nur halb ... er wollte den ihm dargebrachten Toast erwidern und es ist ein eigener Zustand im Menschen, wenn er, so zu sagen, einen Toast im Leibe hat. Oder wie anders soll man die Lage nennen, die nicht unahnlich sein muss der Sehnsucht nach einer glucklichen Niederkunft? Sage man was man will, Steckenbleiben ist bitter und Geistesgegenwart ist nicht Jedermanns Sache, am wenigsten derer, die Geist haben. Da sitzt so ein toastschwangerer Mensch und die Speisen werden ihm servirt und er nimmt mit dem Loffel, was er mit der Gabel greifen soll, tief abwesend ist er und lebt nur in der Repetition der schonen Dinge, die er sagen mochte. Nun begegnet ihm noch das Ungluck, dass ihm links ein Nebenmann fortwahrend die Flammen der Begeisterung schuren will, mit dem Messer an ein Glas zu schlagen droht, zum Zeichen, dass hier Jemand sprechen wolle. Um Gottes willen noch nicht! ruft der verzweifelnde Demosthenes dazwischen, wahrend er, statt sich in Musse sammeln zu konnen, wieder zur Rechten von einer ungluckseligen Plaudertasche ins Gebet genommen wird, die ihn nichts ahnend uber alles ausfragt, uber den Kirchenstreit, den Kirchenfursten, uber Roms Allocutionen, Concordate, Exercitien, Barmherzige Schwestern, Hoffnungen auf neue Kloster und Jesuiten ... Eine Erklarung: Beste gnadigste Frau Grafin, schonen Sie mich, ich habe einen Toast im Leibe! kann ein Mensch von Geist unmoglich abgeben, da ein Toast nur immer die Schopfung eines fast bewusstlosen, genial improvisirenden Mittheilungsdranges sein soll. Ein verzweiflungsvoller Zustand das! Um so mehr, wenn der rechte Moment vorubergehen kann, der, wo die Toaste, die nach vielen andern kommen, ihre Zundkraft verlieren ...

Puttmeyer hatte die Grafin Munnich zur Linken, das Fraulein von "Anflicker" zur Rechten, Armgart sich gegenuber. Klopfte auch Jene nicht, einen "Zustand" an ihm bemerkend, vorschnell mit dem Messer an ihr Glas, so glaubte doch die Dame zur Rechten alles aufbieten mussen, den hochberuhmten Denker so zu unterhalten, wie es einer Dame auch ihres vielseitigen Rufs geziemte; denn Fraulein von Merwig-Anflikker, eine Jungfrau in den Vierzigen, war von einem Unternehmungsgeist, der in allen Gebieten Courage zeigte, in der Musik, in der Plastik, in der Poesie, in der Declamation nichts fehlte, als der Erfolg ...

Puttmeyer! Puttmeyer! Wahre deinen Vortheil! Gleiche dem Maikafer, den der gluckliche Knabe uber die Hand laufen lasst! Im besten Bewundern seines schwarzen oder braunen Halsschildes, seiner behaarten Fussschienen, fliegt er dem Beobachter plotzlich auf und davon! Fraulein von Merwig-Anflicker reisst die Debatte an sich und dich mit hinein! Sie muss ja streiten, streiten bis zum Unschonen sie stritt schon sogar einmal bis zu einem nur muhsam beigelegten Pistolenduell ... Die Offiziere necken sie heute uber den Tisch hinweg mit ihrer Kunst zu reiten und ein feinerer Kopf unter ihnen spricht in Anspielung auf die ungedruckten Gedichte des Frauleins vom Hufbeschlag des Pegasus und vom Riemzeug und vom Geschirr der Sonnenrosse ... Nun erwidert sie:

Die Hufeisen des Pegasus sind dem Huf des Gotterpferdes v e r k e h r t angeschlagen! Wer seinem Wolkenflug nicht folgen kann, wer ihn nur zu wurdigen weiss, wie der Aermste mit geknicktem Flugel auch wol uber die Sandflachen der Erde dahinjagen muss, den fuhrt seine Spur immer gerade nur auf die entgegengesetzte Seite hin, als wohin ihm die nichtsnutzige Kritik im Sande nachtrottet!

Das war ein Wort der Kraft und erntete nicht wenig Zustimmung und zerstreute nur leider Puttmeyern, den das sympathische Wort: Nichtsnutzige Kritik vollends aus dem Kreisen seines Toastes brachte ...

Aber die Sonnenrosse? rief Onkel Levinus und hob sein Romerglas und genoss heute die ganze Freiheit seiner ungeschlossenen Ehe ... Wie Sonnenrosse eingeschirrt werden, fuhr er begeistert fort, das kann man nur wissen, wenn man Aurora auf ihrem Gespann von einem Berg der Alpen begrusst hat oder vom Capitol in Rom oder von einem Vorgebirge Griechenlands! Da hort man die Sonnenrosse, wie sie angeschirrt werden! Da sieht man's, wenn die ersten gelben Lichter uber die dunkelblauen Wellen im Ost wie von einem Wind heraufgetragen erscheinen, das Meer geweckt wird aus nachtlichem Schlummer, dann sich alles purpurn und violett und blau malt! Immer unruhiger jauchzt das Meer der Sonne, wie einem Brautigam entgegen! Was Correggio, Guido, Raphael gemalt haben, sieht man jetzt! Neptun, Jo und Jupiter und Europa! Tritonen! Alles blast und spritzt Wasserstrahlen uber sich her und auf Delphinen schwimmt ein Brautzug mit Blumen und flatternden Bandern! Nein, meine Herren und Damen, im Suden haben die Sonnenrosse gar keine Eisen an den Hufen. Nur hier, hier bei uns, hier wo sie ihren feurigen Wagen uber die traurigen Eisschollen des Philisterthums schleppen mussen, hier, hier muss wol die alte Westerhofer Schmiede dran!

Hurrah! Das gab eine Erregung ...

So konnte Onkel Levinus sprechen, wenn durch sein eigenes Philisterthum der Genius hindurchbrach ... Der Adel wusste, was er an dem Manne besass. Er druckte ihm aus, was zu besitzen ihm Beruhigung gewahrte, wenn man Schiller und Goethe ablehnt. Da waren ja Denken und Dichten, Wahrheit und Schonheit auch vertreten; wozu brauchte man die protestantische Welt? Auf Freiherrn Levinus von Hulleshoven war die ganze Provinz stolz; nur musste er nicht von Rom, Griechenland und Jerusalem gleich auch nach Abyssinien und Cochinchina reisen ...

Deshalb kamen die Horner gerade recht, die ein lustiges Jagdlied schmetterten ...

Schon war das reiche Mahl fast zu Ende, schon war der heute so auffallend schweigsame Terschka in der Nothwendigkeit, auf Rom sowol, wie auf den Hufbeschlag der Pferde Rede zu stehen hatte er doch alle Offiziere durch seine Kenntniss des letztern, wie die Damen durch seine Kenntniss des erstern oft genug gefesselt als Puttmeyer endlich, endlich an sein Glas klopfte. Beim fortgesetzten Gefulltwerden desselben hatte er bemerkt, dass seine Sinne plotzlich zu schwindeln anfingen und der Augenblick zu kommen drohte, wo der Mensch von Einsicht erkennt, dass er keinen Toast mehr bringen soll ...

Allgemeines Bravo und Klopfen an die Glaser ...

Puttmeyer steht auf ... Es war ein Moment, wo ihm der Boden unter den Fussen wankte. Hinter einem Transparent im Dunkeln hatte er stundenlang sprechen konnen jetzt aber musste er seinen ganzen Menschen aufbieten, um sich zu behaupten. Danken wollte er fur das ihm gebrachte Hoch, wollte wiederum, wie sich's erwarten liess, seiner Philosophie eine anerkennende Zukunft prophezeien ... Armgart sah durch ihre in Thranennebeln flimmernden Augen hindurch die sonnenbeschienene Warte des Geyerfels, von der Angelika Muller einst in einer schonern Stunde gesprochen: Da mochte man predigen! ... Schon war Puttmeyer's: Hochzuverehrende Damen und Herren! uber seine Lippen, die etwas im Tone Schnuphase's sprachen; schon hatte er wiederum zum Beginn seiner eigenen Verherrlichung gelegenheitsgemass gesagt: "Wie aus dem Wald, in welchem die edle Waidmannskunst vor wenigen Stunden, bald zum letzten mal ehe die Axt des Holzschlagers die alten Stamme niederlegen wird, ihr frohliches Jagen erschallen liess, in kurzer Zeit sich die Grundlagen einer jener Eisenstrassen erheben werden, welche das Gaslicht der Aufklarung auch endlich in unser Land, in das Land der Bootier"; und schon war nach dem sturmischen Jubel auf dies ironische Sichselbstverspotten durch ein Stichwort, mit dem die fragliche Provinz nicht selten bezeichnet wurde, und nach dem Wehen der Damentaschentucher, die in diesem Augenblick zu Kriegsfahnen wurden fur den neueroffneten Kreuzzug gegen Ketzer- und Beamtenthum Puttmeyer im Begriff, seinem "einsamen Denkstein" und seinem: "Heureka!" auch vor den Mannern eine genugthuunggebende Zukunft zu verheissen, als die Lacerte am Riedbruch auch in diesem Augenblick wieder dahinhuschte, wieder eine Dame aufsprang, wieder wie zur Flucht, und wieder Lucinde, die schon Allbeobachtete, nach der Thur suchte ...

Diesmal war aber die Storung nur das Signal eines allgemeinen Aufbruchs ...

Im Saal waren die Fenster nicht verhangt gewesen. Durch eine grosse dreigetheilte Balconthur hindurch hatte man einen erschreckenden Anblick ...

Feuer! riefen schon draussen Stimmen zu gleicher Zeit ... Feuer! wiederholte man von den Corridoren ... Ein Nordlicht ist's! rief Jemand im Saale, zur Beruhigung auffordernd ... Der gluhrothe Schein konnte nur einem Brande angehoren ...

Eine Weile Todtenstille ... Der Schein war im Suden ...

In Witoborn ist's! riefen die einen ...

In Heiligenkreuz! die andern ...

Auf Westerhof! schrie Armgart und sturzte wie aus einem Traum erwachend, der den Tag uber dumpf auf ihr gelegen, und mit fanatischer Erregung zur Thur hinaus ...

Die Rede und der Abend waren zu Ende. Puttmeyer stand an der Tafel, wie ein kalt gewordenes Gericht und konnte sich nicht finden. Es war ihm, als ware ihm plotzlich auch sein eigener Verstand so davonund zur Thur hinausgelaufen ...

Die Beruhigungen des Wirthes und der Diener konnten Niemanden mehr zuruckhalten ...

Ein breiter gluhrother Schein blieb quer uber dem schneebedeckten Rucken eines Tannenwaldes liegen ...

Am Zittern des Scheins sah man, dass die Flamme vom Winde bewegt wurde. Bald war der Schein starker, bald schwacher; die Bewegung kam, wie in regelmassigen Pulsschlagen. So unheimlich sah es sich an, dass die Frauen schon die Erscheinung fuhlten, wie wenn die intermittirende Bewegung vom eigenen Herzen kam ...

Die Phantasie der einen machte sich durch Aufschrei Luft, die andern gingen wie in der Irre. Jede Natur, mochte sie sich eben auch ganz in der Beherrschung gegeben haben, die Bildung und Ueberbildung mit sich bringen, warf jetzt die Fesseln ab. Die schweigsamste wurde beredt, die lauteste verstummte. Schluchzen horte man, Trostworte ... Alle aber riefen: Die arme Grafin Paula! Und sie hat es vorausgesehen! ... Levinus, Armgart, Terschka und Thiebold waren schon verschwunden ...

Noch ehe diejenigen, die auf das obere Stockwerk und das Dach geeilt waren, zuruckkehrten und die Nachricht brachten, es schiene in der That entweder das Schloss Westerhof oder die Liborikirche oder das Stift Heiligenkreuz zu brennen, war der Saal entleert ...

Im Hof drangte sich ein Gewuhl kaum zum Durchkommen ... Die Pferde, die Spritzen wurden aus den Stallen und Remisen gezogen ...

Viele Herren, selbst Fraulein von Merwig setzten sich auf eine der Spritzen, um nur rasch an Ort und Stelle zu kommen ...

Dabei fehlten die Diener, die Jager, die Magde. Viele hatte schon der magische Reiz, den jede Feuersbrunst ausubt, angezogen, trotz der ernsten Warnung des Grafen, die Jedem verbot sich ohne Erlaubniss zu entfernen ...

Frau von Sicking war unter allen die verlassenste ... Doch war ihr Besitzthum glucklicherweise nicht genannt worden ... Sie liess sich von Jedem, der noch nicht im Besitz seiner Pelze, Mantel, Fusssacke war, Bericht erstatten von der gestrigen Vision Paula's und sah sich zuletzt nach ihrer bei alledem doch fast zu auffallend schreckhaften Begleiterin um ... Wo ist mein Fraulein? rief sie ...

Ein Jager sagte, das Fraulein ware wie ein angeschossener Vogel gewesen plotzlich verschwunden ... Man suchte sie ... Lucinde war nicht zu finden ...

Mit Verdruss uber "diese doch merkwurdigen Sonderbarkeiten", aber mit interessanten Thatsachen fur ihre weitverzweigte Correspondenz bereichert, fuhr Frau von Sicking allein nach Hause.

17.

Friede! ... Linder, sanfter, himmlischer Friede! ...

Du, der du Stirnen kuhlst, die noch vom Kampf des Lebens ergluhen, lindernden Balsam traufelst auf Herzen voll Kummer deine heiligsten Tempel baut dir Mutter Natur!

Doch du segnest auch jedes bescheidene Dach, wo das Echo des schallenden Marktes verhallt, wo nur der Pendelschlag der Uhr fernklingendes Scharfen der Sichel Saturn's! uns in die grunen Matten versetzt, in die zeit- die raumlosen, die Paula's geschlossenes Auge erblickt! Segnest dem ermudeten Wanderer sein Lager mitten auf Landstrassen! Segnest dem zum Tod ermatteten Krieger noch am Abend der verlorenen Schlacht, unbekummert um des Siegers Ueberfall, mitten auf dem Weg seiner Triumphe, die Schlummerstatte! Zahllos sind die Wohnungen des Friedens auch noch auf dieser streitbewegten Erde ...

Traulicher jedoch spinnt sich nicht die Spinne in ihr Netz, als es die Liebe versteht. Gluckliche, die erlaubte Liebe, die sieht sich noch zuweilen um und beobachtet die Welt, ob sie auch bei so viel Gluck noch steht, beobachtet die Menschen, ob sie auch neidisch sind ... Aber die ungestandene, die verschwiegene Liebe hat Ohr und Auge verloren ... Sind da Sterne vom Himmel gefallen, sind Thurme eingesturzt, war ein Erdbeben indessen der Lampe milder Schimmer das Antlitz der Geliebtesten beschien, indessen die Weisse ihrer Hand wetteifernd mit den Spitzen, an denen sie stickte, glanzte? Das Ohr horte nichts. Schwirrte ein Kafer in ihrer Nahe, fiel eine zierliche Rolle aus ihrem Nahtisch zu Boden das waren Weltbegebenheiten ...

So in traulicher Stille und Verlorenheit der Gedanken sass Bonaventura in diesen Stunden bei Paula ...

Nicht allein waren sie heute Tante Benigna kehrte beiden im grunen Zimmer den Rucken und schrieb und las an einem geoffneten Schreibbureau ...

Sollte Armgart wirklich zur Jagd sein? Und: Wenn nur kein Ungluck geschieht! ...

Das waren die beiden einzigen Worte, die, viertelstundlich wiederholt, die Liebenden storten ...

Bonaventura hatte seit vorgestern Abend den Weg zur Erde nicht mehr zuruckfinden konnen. Er schwebte in Luften. Verpflichtungen gab es nach allen Seiten hin, nach Schloss Neuhof zur Mutter, nach Himmelpfort zu Klingsohr, Briefe und geschaftliche Mahnungen drangten, auch Mullenhoff's, seines polternden Wirthes Zumuthungen; Sorge druckte ihn um Benno, auf dessen dunkles Leben der Brief des Onkels so seltsam neue Streiflichter hatte fallen lassen, auch ein langst bezweckter langerer Besuch bei Hedemann, alles das drangte auf ihn ein aber er entschied sich fur nichts, er entschloss sich zu nichts, es zog ihn nach Westerhof ...

Gestern gegen Mittag hatte Paula die Vision von den Flammen gehabt ... Er sah und horte ihr angstvolles Ringen mit der unheimlichen Anschauung und musste sie, da sie der Ruhe bedurfte, verlassen, gefoltert von den Bildern, die Paula sah. Es waren Bilder des Brandes und der Zerstorung. Es waren Bilder, die ihn an seine Beichtgeheimnisse, seine stummen schweren Burden, erinnerten Burden, deren er sich nicht entledigen durfte ohne andere anzuklagen ... Sprechen durfte er wol: Terschka ist mir verdachtig! Oder: Wenn Nuck etwas im Schilde fuhrte! ... Aber das war auch alles ... mehr zu sagen war ihm nicht erlaubt; denn bei genauerm Hinweis wusste jeder sogleich, er stellte Beichtbekenntnisse bloss ...

Der Tag war so ode hingegangen, so einsam ... Sein Herz klopfte ... Wem sollte er sich vertrauen? Bei wem Beruhigung suchen! ... Ziemten seine Empfindungen dem Priesterherzen? ... Und hatte er sich vielleicht auch zu Benno, der selber litt, aussprechen durfen, er raumte dem Stifter des Colibats, Gregor VII. ein, dass kein Gefuhl uns in der That mit grosserm Egoismus erfullt, als die Liebe ... Doch, setzte er hinzu, vielleicht nur die ringende, die kampfende, nicht die gluckliche Liebe ... Auf seinem Zimmer schloss er sich ein und las in seinen mitgebrachten Buchern erst im Augustinus, dann in seiner geliebten "Trutz-Nachtigall", schrieb auch selbst in sein "Sunden-Brevier", wie er ein kleines Buchlein seiner geheimsten Gedanken nannte: Ich kann es nicht sagen was jeder doch weiss! Ich kann es nicht tragen und trag's doch so heiss! Ich kann es nicht finden was uberall liegt! Ich kann es nicht binden und hab's doch besiegt! Ihr Sterne behutet's? Das dank' ich euch nicht! Dich schelt' ich, o Mond, der sein Schweigen nicht

bricht!

O Sonne, o Sonne! Mit strahlender Miene Sag' du es der Welt, welcher Konigin ich diene! So im Lied sich trostend und erhebend, voll Ahnung in den Fruhling sich versetzend, in Wonneschauern schon die erste Lerche sehend, die im Felde aufsteigt, wirbelt, immer hoher und hoher sich schwingt, schrieb er:

Lerche, schwebst im blauen Feld,

Willst gen Himmel dringen?

Ist's dein Ton, der so dich halt?

Tragt dich so dein Singen?

Voglein, Voglein, wusstest du,

Wie beim stillen Wandern

Durch die grune Sonntagsruh'

Du voransteigst andern

Wie in deinen Jubel sich

Andrer Jubel mischen,

Sich in deinem Sangesstrich

Mit im Blau erfrischen

Folgend deinem Schwebeflug

Hoch und hoher steigen

Droben wurdest bald genug

Du als Stern dich zeigen!

Es kamen Briefe aus seinem Kapitel ... Es kamen Anfragen, ob er nicht eine Mission nach Wien ubernehmen wollte zur Begrussung des dort erwarteten Cardinals Ceccone ... ob er auch seine Stimme mitgabe zu diesem Protest und zu jenem Begehren ... Es kamen Mullenhoff's Exercitien und die lacherlichste Scene von der Welt denn schon wieder hatte man dem Pfarrer von Sanct-Libori einen Streich gespielt, schon wieder ein Neugeborenes an seiner Thur ausgesetzt, diesmal ein Lebendiges sogar, nur kein Kind, sondern ein frischgeworfenes Katzchen, das mit einem Haubchen und wie ein Wickelkind eingeschlagen und befestigt bei erster Morgenfruhe in einem Korb vor seiner Hausthur wehwinselte ... In dem darob entstandenen Larmen erst erfuhr Bonaventura, dass diese Verspottung bereits ahnlich neulich vorgekommen. Er suchte den Pfarrer zu trosten, der diesmal kleinsilbig wurde und das Toben und Androhen mit den Gerichten der Kathrein, dem alten Tubbicke und den Hausangehorigen verwies ... Dabei versicherte Tubbicke aufs bestimmteste: Es ist nicht die Schmeling! ... Bonaventura erfuhr, dass man fur diese Streiche eine Hebamme im Verdacht hatte, die Mullenhoff offentlich des "Teufels Grossmutter" genannt haben sollte ...

O brachte doch der Cardinal Ceccone, stohnte Mullenhoff, seinen Zorn mit einem Stuck harten Schinkens beim Fruhstuck hinunterwurgend, o brachte er doch eine grossmachtige Kette von einigen hundert Meilen im Umfang, dass man unsere deutsche Wildniss wieder an Roms Gesetz und Regel binden konnte! Nein! Frau von Sicking sagte mir gestern, und eine junge Dame, die soeben aus der Residenz des Kirchenfursten bei ihr eingetroffen ist, bestatigt mir's, dass die Curie Sie entsenden will, Hochgeehrtester, den Cardinal zu begrussen nein, Sie werden einer solchen Ehre und Gelegenheit, bald Bischof in partibus, mindestens Weihbischof zu werden, nicht ausweichen! Die ganze germanische Kirchenprovinz bittet fur Sie trotz Ihrer Jugend um das Pallium, wenn Sie ihr erwirken: Petri beide Schwerter! Oder wenn nur das eine, doch dies auf beiden Seiten geschliffen! ... Daran reihten sich einfach, wie der Pfeffer zum Schinken, in Mullenhoff's Reform: Bischofsrecht uber jedes Amt in Schule und Kirche! Keine Stelle vergeben, wenn nicht durch die Hirten Christi! Kein Amt, keine Pfrunde, keine Strafe, keine Belohnung mehr aus weltlicher Hand! Keine Berufung mehr auf weltliches Gesetz! Wer innerhalb der Kirche wagt, weltliches Gesetz gegen Geistliche anzurufen, excommunicirt! Priester sind jetzt schon zu erziehen von Kindesbeinen an, damit hernach kein Mangel ist! Religion auf keiner Schule mehr, als durch uns! Kein Placet, kein Transeat, kein Cabinetspass fur den Willen Roms! Gottesdienst uberall, im Tempel und im Freien: Congregationen, Bruder- und Schwesterschaften nach Bedurfniss! Kloster mit ganzer und halber Regel! Selbstbeschauung, wer nur Lust hat, sich, sei's als Eremit allein, im Spiegel seiner Nacktheit zu erblikken oder im Bund mit andern in den Exercitien! Verkehr zwischen Rom und jeder Hutte von Baumzweigen, "wo nur ein stumpernder Sanct-Antonius oder Sanct-Hieronymus" beten will! Jeder Heller endlich, der der Kirche gehort, nur von unserer eigenen Regula de Tri verrechnet! ...

Alles das tobte die Verzweiflung aus, dass er Mutter Schmeling nicht sogleich unter den Hexenhammer einer geheimen, sicher wirkenden Inquisition bringen konnte ...

Unter den Zeitungen, Briefen, Visitenkarten, die Renate geschickt hatte, fiel Bonaventura die Traueranzeige uber den Tod Hendrika Delring's auf. Er widmete ihrem Andenken die innigste Theilnahme. Er vergegenwartigte sich die Wirkungen dieses Schicksalsschlags, der das Kattendyk'sche Haus betraf. Schon so frei, schon so entfesselt von seinen fruhern Anschauungen war er, dass er sich sagte: Also ein Zeugniss fur die Liebe weniger in der Welt! ... Von Lucindens Nahe hatte er keine Ahnung ...

In Witoborn fand er um Mittag alles von der Jagd erfullt und von den Nachrichten, die schon uber den Landrath eingelaufen waren ... Er selbst musste sich geistlichen Auftragen widmen und konnte deshalb auch nicht zum Kloster Himmelpfort, so gern er wollte ... Dann musste er jedenfalls die in Westerhof heute so verlassenen Damen besuchen ... Onkel Levinus und Terschka konnten moglicherweise erst spat Abends zuruckkehren ... Gegen vier Uhr fand er Westerhof einsam und still ... Die Dienerschaft war grosstentheils zur Jagd ... Die Beamten sogar feierten sie wohnten ringsum zerstreut in den entlegneren Wirthschaftsgebauden ... Zwei Diener waren daheim geblieben und Dionysius Schneid war seines Ungeschicks wegen kaum zu rechnen ... Nur an weiblichem Personal war kein Mangel ... Er horte sogleich, dass Paula heute wieder wohler war ... Wie immer musste er sich erst Bahn brechen durch Hulfebegehrende, die sich auch von ihm die geistliche Segnung, die er im Vorubergehen spendete, nicht entgehen liessen ...

Jetzt erst zweimal vierundzwanzig Stunden nach der Frage: Und wenn nun doch noch die Urkunde gefunden wurde und wenn man dann verlangen wurde, dass Sie das Opfer brachten, die Hand des Grafen Hugo zu nehmen? ... sahen sich die Liebenden wieder ...

Paula's Antwort lag in den stummen Gegenfragen der Begrussung: Und jetzt erst seh' ich dich wieder? Ist denn noch alles so, wie an jenem Abend? War es kein Traum? Haltst du Wort, Wort dir selbst und mir? ... Deutlich sprachen dies die ersten Grusse; doch mildernd und dampfend musste sich Tante Benigna's Nahe einmischen, ja Bonaventura's eigner Anblick. Der Gruss, einem Geistlichen, den die Kirche gezeichnet hat, dargebracht, verstand sich so von selbst zur Entsagung ... Sofort fiel eine susse Bangigkeit auf Paula's Herz und auch in Bonaventura's Zugen schmolz sein erstes frohes Lacheln zum mildesten Ernst ... Grade aber auch heute musste die Tante nichts unterlassen, was den Eindruck der Wurde eines Priesters mehrte und seine Erscheinung mit allen Glorien der Heiligkeit umgab ...

Sie begann bald die Nahe Monika's und Ulrich's von Hulleshoven einzugestehen ...

Jene hatte an sie selbst geschrieben und der heute so stille Abend war bestimmt, ihr zu antworten ...

Von Ulrich lag ein Brief an seinen Bruder vor ... Benigna durfte alles an Onkel Levinus Gerichtete offnen ... es war schon vorgekommen, dass ein vortheilhafter Verkauf von Schweinen, der Hauptbranche dortiger Viehzucht, versaumt worden war, weil Onkel Levinus einen Brief nicht erbrach, den er fur die Abfertigung eines Recensenten hielt, mit dem er uber alte romische Helme in Streit gerathen war ...

In diesen Briefen wurden an Schwester und Bruder die gleichen Anspruche auf Armgart gestellt ... Tante Benigna las Monika's Brief

"Liebe Schwester! Ich schreibe Dir im Vertrauen auf jene Versicherung Eurer Versohnlichkeit, die Levinus der Grafin Erdmuthe gegeben! Ist es Euch genehm, so erschein' ich auf Westerhof. Armgart verlasst auf ein Jahr das Stift, begleitet mich nach Wien, Italien; ich lasse sie zuruckkehren, wenn ihr der Aufenthalt im Stifte Vortheile bringt, die sie nicht verscherzen durfte ... Wollt Ihr Ulrich den Vorzug lassen, so kann ich Euch keine Beweise meiner grossern Wurdigkeit geben. Mein Herz kampfte, ob ich nicht in einer langern Zuschrift das Urtheil meines Kindes gewinnen sollte; ich entschied dagegen. Darf ich, wie ich war und wie ich bin, in Euerm Kreise erscheinen und hab' ich Euern Beistand, dass die Erziehung einer Tochter der Mutter gebuhrt, und stellt sich Armgart gehorsam und ergeben einem Auge dar, dessen bei ihrem Anblick vielleicht ausbrechende Thranen sie fur keine Selbstanklage zu halten berechtigt ist, so hab' ich das Gluck meines Lebens erreicht! Entscheidet!"

Paula klagte diese Sprache der Kalte und des Hochmuths an ... Sie, die sonst so Gutige und Milde, sagte:

Welche Selbstzufriedenheit! Mir ist's ein Wunder, wie nur immer Herr von Terschka die Tante so ruhmen kann ...

Bonaventura blickte nieder. Er durfte nichts von einer nahern Bekanntschaft mit Monika aus dem Beichtstuhl verrathen ... Doch stand ihm versohnend das Bild des Abschieds vor Augen, den auch die Frau in silbernen Locken am Portal des Kapitels ihm gewinkt hatte, als Schnuphase seine Rede hielt ... Darauf hin sprach er wie bekannt von ihr und sagte:

Verburgt sich so denn Herr von Terschka fur sie ?

Ueberschwenglich spricht er von ihr

Die Tante schwieg ... Sie hatte diese Neigung Terschka's wohl bemerkt ... Und Bonaventura gedachte der Fragen, die Monika uber die zweite Liebe einer Geschiedenen an ihn gerichtet, aber auch des Vorzugs, den Armgart dem Fremdling zu geben schien und den er annahm dieser Zweideutige ...

Die angstliche Stille, die entstand, auch in Bonaventura, der sich sagte: Das Leben eines katholischen Geistlichen ist so ein ewiges Niederblicken! unterbrach Benigna durch die Vorlesung des Briefs von ihrem Schwager ...

"Lieber Bruder!" schrieb der Oberst. "Die Grusse, die Dir im Herbst schon Hedemann brachte, wiederhol' ich und bald soll, denk' ich, mein Handschlag folgen! Ich ware schon bei Euch gewesen, aber ich suchte auf Bergbau mein Heil zu grunden und erwartete etwas von Kocher am Fall ... Indessen reichen die Mittel nicht aus fur Versuche, die zuletzt ohne Lohn bleiben. So will ich denn nach Witoborn. Meine Pension ist nicht gross, wir hatten keine Wunden zu taxiren; man hat in England noch immer das System, die Wunden zu messen; zwei Zoll tief 5 Pfund mehr; drei Zoll tief 10 Pfund; ganz kalt dann allerdings werden Witwe und Kind gut bedacht. Ich komme leider heil und gesund und muss mich tummeln. Monika wird mir hoffentlich meinen Frieden nicht storen, den ich fur mein Herz langst geschlossen habe. Ich bin in den Jahren, wo uns das Leben zuruft: Lass alles das der Jugend! Was ich noch Rest von dieser Jugend habe, das hatt' ich gern an Armgart gehangt; aber die glaubt, hor' ich mit Erstaunen, der Mutter zu nahe zu treten, wenn sie mir den Vorrang gibt! Nun hat sie gar ein Gelubde gethan Seltsame Welt, deren Anschauungen ich mich jenseit des Meeres entwohnt habe! Als guter Soldat will ich einstweilen den Waffenstillstand ehren, wenn er nach beiden Seiten hin aufrichtig gehalten wird. Empfiehl mich Schwagerin Benigna und dank' ihr in meinem Namen fur alles Gute, was sie Armgart erwiesen. Mein Sinn ist, sagt Ihr, Eigensinn; ich kenne, was von uns Brudern ich vom Vater, Du von der Mutter hast. Zuletzt ist aber das Leben so, dass wir, beim Zuruckblicken auf unser Rechtgehabthaben, doch mit Trauer an unsere Schwachen, beim Zuruckblicken auf unsere Irrthumer, immerhin doch an unsere Kraft erinnert werden. In Frieden und guter Hoffnung!"

Benigna las diesen Brief in einem Ton der Angst und Sorge, der seinem so versohnlichen Inhalt widersprach. Auch sie war mit der Zeit so angesteckt von der Krankhaftigkeit der ganzen Sphare, in der sie hier lebte, dass sie ihre eigene resolute Weise verloren hatte und sie nur noch zuweilen bei aufloderndem Poltern geltend machte. So sicher und fest, wie in diesen beiden Briefen, war auf Westerhof lange nicht gesprochen worden.

Paula, gedenkend des neulichen Abends, wo Armgart den an Terschka gerichteten Brief ihrer Mutter zuruckbehalten hatte, sagte mit derselben Zuversicht wie damals: Sie versohnen sich beide! Und Armgart hat es zur seligsten Jungfrau gelobt, dass auch sie nicht eher ruhen will! Die Sehnsucht beider nach ihrem Kinde wird das harte Eis der Herzen brechen! Was konnte noch dazwischen liegen? ...

Der Vermuthung Armgart's, auch ihre Mutter liebe Terschka, hatte sie gleich anfangs nicht nachleben mogen; Armgart's neue Gedankengange kannte sie nicht ...

Sie war befremdet uber Bonaventura's Schweigen ... Diesem hatte freilich Monika von Ehescheidung und zweiter Liebe gesprochen ...

Inzwischen sagte, Bonaventura's stillen Schmerzblick nicht beachtend, die Tante:

Ich schreibe beiden: Kommt und versucht Euer Heil! Armgart ist kein Kind, das sich regieren lasst! Ihre Stellung auch im Stift macht sie selbstandig ...

So und ahnlich schrieb sie fort und liess dem Flustergesprach der beiden Liebenden Raum ... Freilich blieb Bonaventura ein Priester und Paula eine Leidende ... Wie die zarte Gestalt, die Kunstlerhand aus Alabaster schuf, nur mit ausserster Vorsicht von prufenden Handen beruhrt wird, so schonungsvoll musste sich von selbst jedes Wort, jede Bewegung geben in Paula's Gegenwart ... Der Athem eines so rathselhaften Mundes; der feuchte Glanz eines Auges, das so geisterhaft in die Ferne sehen konnte! ... Ware nicht das Gefuhl gewesen: Risse ich dich mit machtigem Arm an meine Brust und bedeckte deine Lippen mit Kussen, du wurdest dem Leben angehoren, das uns alle bindet, den Sinnen, die die Schranken unserer gemeinsamen Natur sind! es hatte Bonaventura wohl bange werden durfen in dieser unheimlichen, spukhaften Umstrickung von Faden, die Geisterhande um Paula zu spinnen schienen ... Oft erschrak er, wenn die sanften schwarzen Wimpern sich uber die blauen Augen senkten und das unendlichste Behagen in den edlen Formen des jungen Madchens ihre Neigung auszudrucken schien, sanft zu entschweben in jenes dunkle Zwischenland zwischen Wachen und Traum, zwischen Leben und Tod, jenes Land, das hier den Menschen das Jenseits erschien ... Die weissen Hande sanken dann nieder in den Schoos ... Das ganze Sein der Kranken schien Nahrung einzusaugen, die aus der Luft ihr zustromte, ja aus Bonaventura's Athemzugen ... Der unwiderstehlichste Reiz des Frauenthums, die hingegebene willenlose Schwache, benahm ihm die Sinne ... Ware in der wahren Liebe nicht der Vorbau des Herzens immer machtig, dass es sich sagte: Entweihe Deine Gottheit nicht! Lass sie rein und unberuhrt von deinen sturmischen Wunschen! Lege deine Schatze fur noch seligere Zukunft zuruck! er wurde sich nicht haben halten konnen, mit seinen Armen diese seltsame Welt an sich zu ziehen und zu zwingen, sich zur Menschheit zu bekennen ...

So kam schon die siebente Stunde ... Tante Benigna schrieb immer noch und storte die Liebenden nicht ... Sie wusste und sie wusste nicht, sie sah und sie sah nicht; sie war ganz in den ihr unbewussten Fesseln eines Idealanfluges, der, ob sie auch beim "Aufarbeiten ihrer Rester" am Schreibbureau Ganse, Enten, Schweine und Ochsen addirte, sie doch dabei wie ins Paradies versetzte, wo ja auch wildes und zahmes Gethier so fromm und heilig um den noch unberuhrten Baum der Erkenntniss wandelte ...

Tiefe Stille ... Nur die Tante sagt viertelstundlich:

Wo nur Armgart bleibt! ... Wenn die Jagd nur kein Ungluck bringt! ...

Plotzlich fallt ein so seltsam heller Schein ins Zimmer ... Die beschlagenen Fensterscheiben klirren leise ... Anfangs beachtet niemand den Schein und das Klirren ... Jetzt dringt ein Geruch ins Zimmer, der selbst der Tante, die an die Consequenzen der Landwirthschaft gewohnt ist, zu fremdartig vorkommen sollte ... Aber sie nimmt Anstand, dem Besuch zu verrathen, worauf man im Landleben alles gerustet sein musse ... Sie schweigt und rath auf die Kuche und das verbrannte Nachtessen ...

Nun aber wird der Schein zu licht ...

Alle drei erheben sich zu gleicher Zeit ... Da hort man schon das Klirren von zerspringenden Fensterscheiben ... Das ist Feuer! ruft die Tante und greift an den Klingelzug ...

Schon sturzen die Madchen den todtblassen Damen entgegen sprachlos ... Statt ihrer spricht der in Gluhrothschimmer getauchte Vorsaal ...

Es brennt ?! wollte die Tante ausrufen ... Der Ton erstickte in ihrer angstgeschnurten Brust ...

Doch schon war sie hinaus ...

Bonaventura hielt Paula ... Die Madchen hatten schon inzwischen gesagt, dass die Kapelle brenne ...

Menschenstimmen ... Rufen, Schreien ... Das Laboratorium! horte man. Das Archiv! ... Zusammenkrachendes Gebalk, eingeschlagene Thuren ... Bonaventura, halb bewusstlos, ubergab Paula den Madchen, um selbst nach den Ausgangen des Schlosses zu sehen ... Die Treppen waren steinern ...

Im Hof entdeckte er eine machtig lodernde Flamme, die aus der schon eingeschlagenen Thur der Kapelle wie eine gierige Zunge nach Nahrung suchte ... Noch schien sich das Feuer auf das Innere der Kapelle zu beschranken ... Wer aber wusste, was schon drinnen zerstort war! ... Dem Archiv suchte man durch andere Zimmer beizukommen ... Im Hof arbeitete machtig eine der Spritzen, die sich im Schlosse befanden ... Tante Benigna leitete sie selbst ...

Noch aber fehlte es an Menschen ... Die Diener sagten dem Domherrn, man spanne bereits an ... Tante Benigna rief: Fahren Sie mit der Grafin zum Stift!

Bonaventura kehrte zuruck und sorgte fur die Zurustungen der Flucht ...

Paula fand er gefasster ... Man eilte, nach Kleidern zu suchen ... Bonaventura verschloss schnell das offen gebliebene Schreibbureau der Tante und steckte den Schlussel zu sich ...

Inzwischen mehrte sich der Zustrom der Nachbarn, die eine Riesenflamme jetzt nach aussen hin hatten ausbrechen sehen, eine Flamme, die ihren Weg von dem in Brand befindlichen Altartabernakel in der That zum Archiv suchte, dem sich von aussen nicht beikommen liess, da die Fenster vergittert waren ... Der eine Flugel des Schlosses schien verloren; schon machte sich die Flamme durch das erste und zweite Stockwerk Bahn ...

Bonaventura verlor seine Geistesgegenwart nicht ... Die wichtigsten Schranke liess er sich bezeichnen, liess Silbergerath packen und folgte den Weisungen Paula's, die gerade jetzt in den seltsamsten Zustand gerieth ... Nicht dass sie ihr Bewusstsein verlor, aber wie eine Traumwandelnde schritt sie dahin, wie eine Geisterjungfrau, die zuletzt, falls sie entfloh, auf einem Gespann von geflugelten Drachen entschweben musste ... Sie gab Weisungen, Aufklarungen, wie eine Seherin im Sturm am Ufer des brausenden Meeres ... Dort! rief sie ... Die Kisten! Die Schlussel hangen ja hier! Nehmt sie doch! ... Hier sind die Bucher der Grundverschreibungen! Da! Der Aufgang ist frei! ... Uebereilt nichts! Der Dachstuhl brennt, aber an den Eckthurmen ist alles von Stein! ... Leert das Laboratorium von brennbaren Sachen! Der Bau ist feuerfest! ... Seht, der Wasserstrahl trifft ja machtig! ... Rettet nur das Archiv in den Keller! ... Ha, der Mann! Seht den Mann! Folgt ihm nicht! Nein! Nein! Ein Balken sturzt! ...

Niemand sah einen Mann, den sie von der Galerie des Hofes aus erblicken wollte ... Indessen ertonte ein furchtbares Krachen im Innern ... Nach innen musste das zweite Stockwerk eingesturzt sein ... Die Flamme schlug schon oben zum Dach hinaus ... Von den beiden Eckthurmen aus bekampfte man ihr Weiterdringen durch die hinaufgezogenen Schlauche zweier Spritzen, die von unten her nur wenig hatten wirken konnen ...

Dabei tonte die Schlossglocke hulferufend und mit herzzerreissender Eile schon seit einer Viertelstunde von einem dritten der vier Eckthurme ...

Paula lehnte jede Entfernung vom Schlosse, jede Schonung ihrer selbst ab ... War es der entschlossene Beistand Bonaventura's, war es die Erregung des Augenblicks oder welche Geister standen ihr zur Seite sie befehligte wie die Gebieterin des Ganzen ... Sie war die Stammherrin der Dorste-Camphausen, die Letzte ihres Geschlechts ... Mit leuchtenden Augen, beschienen von Flammen, im erstickenden Qualm des Rauches verlor sie die Besinnung nicht ... Die Tante dagegen brach schon zusammen ... Wenigstens bedachte sie nur noch die Rettung des Kleinen und Einzelnen, wahrend Paula im Ganzen lebte ...

Menschen waren nun endlich genug da, die Befehle gaben und befolgten ... Schon fehlten die Spritzen aus Witoborn nicht ... Gensdarmen kamen daher gesprengt ... Man isolirte das Feuer mit Erfolg ... Ueber die Entstehung schwankten die Meinungen ... Die einen leiteten das Ungluck aus dem Laboratorium her, die andern aus einem Kohlentopf in der Kapelle, den vielleicht ein Andachtiger hatte stehen lassen ... Dass die Grafin das Feuer schon gestern gesehen, war ein Wunder, wodurch die Anstrengung des Rettens, die Erhohung der Stimmung gemehrt wurde ...

Bonaventura irrte in truben Ahnungen und barg sich jetzt vor Mullenhoff, der im Eifer angekommen war, aber seine Zunge nicht ruhen liess, der Entrustung Worte zu geben uber Fraulein Benigna, die kaum ihn erblickend Besinnung gewann und geradezu ihn beschuldigte, die Ursache des Feuers zu sein ... denn ihm und seiner "Toilette" zu Liebe hatte man die Zahl der Vorhange am Altar vermehrt, jene Sakristei hinter dem Altar improvisirt, ihm in dem engen Raum den seit Jahrhunderten dort verponten Gebrauch von Licht gestattet ...

Den heftigen, ganz aus der geistlichen Sprache und Rucksicht fallenden Wortwechsel unterbrach die Ankunft eines Pikets Husaren aus Witoborn ... Man sperrte den Zudrang der Menschen, die von allen Richtungen herbeistromten ... Nur wer sich ausweisen konnte, wurde jetzt noch uber die kleine Brucke gelassen, die zu der Insel fuhrte, auf welcher Westerhof lag ... Glucklicherweise war Windstille ... Die Funken flogen nicht an die nahen Wirthschaftsgebaude und Kornspeicher ...

Unter denen, die uber die Brucke wollten, befand sich auch der allen wohlbekannte Bruder Hubertus ...

Er machte sich Bahu mit einer Gewalt, die unwiderstehlich war ...

Lasst mich, rief er den ansprengenden Reitern entgegen und keines Rosshufs achtend, drangte er zur Brucke hinuber und sturmte in die Gefahr, die inzwischen nachliess ...

Vorzugsweise war es jetzt, wie Paula ganz recht gesehen hatte, ein einziger Mann, der mit Anstrengung, ja mit Lebensgefahr dem Umsichgreifen des Brandes Einhalt that ... Es war dies jener Dionysius Schneid, dem man anfangs vergebens gerufen hatte, der sogleich die Pferde und den Wagen in den Wirthschaftsgebauden fur Paula bestellen sollte, der sich dort "eine Ewigkeit", wie die Angst der Tante ein Dutzend mal ausrief, aufhielt, der aber auch jetzt beim Einreissen der Zwischenmauer, beim Absperren der Flamme einen verdoppelten Eifer zeigte ... Mit geschwarztem Antlitz, plotzlich rothen Haars, das Niemand seit dem Finkenhof wieder an ihm gesehen, sass er in einer buntgestreiften Stalljacke mitten in der Verwustung des halb in Trummern liegenden Flugels zwischen den beiden Thurmen, hob die Axt, zertrummerte gluhende Balken, um deren Zundkraft zu mildern, in kleinere Stucke, und arbeitete fast mit Wildheit allen andern zuvor, die sein Beispiel ermunterte ...

Hubertus kam mit dem Namen: Schneid! auf den Lippen. Wie musste er erstaunen, als man ihm auf diesen Namen den Diener zeigte, der hoch im qualmenden Gebalk sass, die blinkende Axt in der Hand ...

Unmoglich! entgegnete er ...

Doch! Doch! rief man ihm zu und bezeugte seine Anerkennung uber die Entschlossenheit des sonst so tragen Dieners ...

Im Hof war ein Gedrang und kaum zum Hindurchkommen ... Eimer, Spritzen, geborgene Gerathschaften bildeten schon einen hohen Haufen, uber den die Menschen hinwegklettern mussten ... Den Monch, den die zuweilen noch aufzuckenden blauen Flammen am wassertriefenden Gebalk in seinen allbekannten Todtenkopfzugen beleuchteten, wurde man nicht geduldet haben, hatte man nicht gewusst, dass der riesenstarke Greis es liebte, in solchen Fallen sich nutzlich zu machen ... Schon hatte er, immer den in der qualmenden Zerstorung sitzenden Schneid im Auge, von den Gensdarmen einen Eimer zugereicht erhalten, um Wasser zu holen aus dem glucklicherweise im Thauen begriffenen Teich, der die Insel bildete ... Schon war sein unwillkurliches Erbeben vor der Anrede durch die Beigeordneten des Landraths die Ursache, dass Hubertus mechanisch Folge leisten wollte, als ein noch einmal auf die Statte der Zerstorung im obern Stock geworfener Blick ihm eine plotzliche Gefahr zeigte, in die der Diener des Hauses gerieth ... Sein eigener Zuruf erstickte schon in dem allgemeinen Geschrei: Er sturzt! Eine Leiter! Er ist verloren! ...

Der schwarzberusste Mensch, der wie ein Gnom der Unterwelt durch Feuer und Rauch sich den Weg zu bahnen suchte, wollte sich vor einem drohenden Mauersturz vom Dache retten, sprang auf ein verkohltes Sparrenwerk, das unter ihm zusammenbrach, sturzte tiefer und tiefer und schwebte zuletzt mit seinen Fussen, die ohne Halt im Leeren tasteten, uber einem Abgrund, in den er unfehlbar hinuntersturzen musste, da sich seine Hande nur am gluhenden Stumpf eines Balkens halten konnten ... Eine Leiter war nirgend anzulegen ... Eine Minute noch und unfehlbar fiel Schneid aus dem zweiten Stockwerk auf Steingeroll und Balken mit zerschmettertem Schadel nieder ...

Doch nur eine Secunde der Rathlosigkeit, wo man die Leiter anbringen sollte, die an sechszig Stufen zahlte und hin- und herschwankte vor der Macht ihres Gewichts, da schon stand Hubertus und rief: Hinauf! Wer steigt hinauf? ...

In seinen knochernen Armen hielt er die Leiter, dass sie frei schwebend stand wie gelehnt an eine Mauer ...

Klettert hinauf! rief er wiederholt und immer dringender redete er den Ablehnenden zu ... Habt keine Furcht! bedeutete er die, die die Leiter, so nur frei in der Luft gehalten, zu besteigen zogerten ...

Endlich wagte es Einer der Feuerleute aus Witoborn ... Schon beruhrten die Fusse des in der Luft Hangenden die obere Sprosse der Leiter er wurde sich nicht haben halten konnen ohne einen Arm, der ihn umfing ... So kletterte der Mann an der aus freier Hand gehaltenen Leiter empor ... Wie eine Gerte bog sie sich, je hoher er kam ... Hubertus stemmte sich aber fest wie ein Athlet und balancirte die ungeheuere Wucht ... Hulfe, die hinzukam, stiess er zuruck mit dem Ruf: Gleichgewicht! Das kann nur Einer! Mit den Zahnen knirschte er zum Zeichen seiner aussersten Anstrengung ...

Der Arbeiter war jetzt oben ... Er ergriff den schon Sinkenden, dessen Hande verbrannt sein mussten ... Jetzt zog er ihn zu sich heruber auf die Leiter ... Diese, vom doppelten Gewicht uberlastet, bog sich ... Ein Schrei des Entsetzens unter allen Umstehenden, von denen einige hinzusprangen, um Hubertus wiederum zu unterstutzen ... Doch "Zuruck"! rief er ihnen allen aufs neue entgegen und klemmte die Leiter zwischen seine beiden Kniee, die Arme in der funften und sechsten Sprosse eingeschlungen, sodass er die gewaltige Last nur wie eine vom Sturm bedrohte schwanke Fahnenstange hielt ...

Der Arbeiter stieg nieder und brachte den Ohnmachtigen glucklich zu Boden ...

Je naher dem Monche Jean Picard kam, je naher ihm der Anblick des Armes moglich wurde, auf dem er das verhangnissvolle Zeichen der Erkennung suchte, desto schwacher wurde die Kraft des Bruders, dessen Kutte hie und da an den noch brennenden Trummern schon versengte ... Nun liess er das Hinzukommen anderer geschehen ... Als der Arbeiter mit dem Geretteten auf unterster Sprosse stand, sank die Leiter in die Hande der Uebrigen ...

Hubertus holte einige Augenblicke Athem, horte mit lachelndem Kopfnicken die bewundernden Beifallsausserungen der Umstehenden und folgte dem Arbeiter, der den Bewusstlosen weg von der Brandstatte trug ...

Diesem bot man jetzt Hulfe, Erquickung, ein Lager in dem andern Flugel des Schlosses ...

Hubertus aber sagte zu dem Trager:

Lasst das alles, Landsmann! ... Ich trag' ihn schon selbst weiter! ... Mit Brandwunden weiss ich umzugehen! ...

Damit nahm er den Ohnmachtigen und trug ihn aus dem Gewuhl und ganz aus dem Schloss hinaus in das inzwischen aufs neue und immer machtiger vom Menschenstrom belebte Dunkel der Nacht ...

Wahrend jetzt schon von allen Thurmen auf Meilen umher die Feuerglocken riefen, kamen auch die Theilnehmer der Jagd an ... Terschka voraus auf einem leichten Wagen ... Thiebold ... der Onkel ... Auch von Witoborn kamen Benno und Hedemann ...

Armgart machte sich Bahn durch alle ... Paula's hohe Entschlossenheit und muthvolle Haltung horte erst auf, als sie in die Arme ihrer weinenden Freundin sinken konnte ...

Bonaventura stand voll Ruhrung und sprach, als die Gefahr voruber schien, mit zitternder tiefahnungsbanger Stimme ein Dankgebet, in das alle Nahestehenden mit entblossten Hauptern einstimmten ...

Die Thurmuhren schlugen zehn ... Jedes sagte: Wenigstens noch ein Gluck, dass der Unfall so zeitig ausbrach ...

Wachter wurden fur die Nacht bestellt ... Allmahlich wurde alles stiller ... Die Gruppen losten sich auf ... Man zerstreute sich ...

Auch die Schlossbewohner bedurften der Ruhe ...

Onkel Levinus fand sich leicht in neue Thatsachen, die er gedruckt las, schwerer in solche, die er selbst erlebte ... Er hatte mehr als sonst gewohnt dem Rebensafte zugesprochen, auch auf der Jagd selbst schon manche Herzstarkung genommen ... Um sich zu finden und im Nichtzuandernden zu orientiren irrte er mit einem offenen Lichte so lange im Schlosse auf und ab, bis ihn die Wachter aufmerksam machten, er konnte leicht den Brand aufs neue entzunden ...

Armgart fluchtete auf ihr Zimmer wie ein verstorter Geist ...

Terschka, dem man kaum die Anwesenheit des Monchs Hubertus und dessen gewaltige That erzahlt hatte, als er auch schon in seine unversehrt gebliebene Wohnung entschlupfte, schien am langsten zu wachen ... Das Licht an seinen Fenstern erlosch erst nach Mitternacht ...

Bonaventura war mit Benno, Thiebold, Hedemann und Mullenhoff zu Fuss gegangen ...

Endlich breitete die stille Nacht uber das Gemalde des Schreckens ihre dunkeln Schwingen ...

Schauerlich ist es, wenn nach solchen Begebnissen auf einsamem Lager der Schlummerlose das Krahen des Hahnes so laut und hell und wohlgemuth hort, wie zu aller Zeit, und doch sich sagen muss: Der anbrechende Morgen zeigt das Neue in seiner ganzen folgenschweren Grosse ...

18.

Frau Schmeling, jenes Mutterchen, durch das, wie wir wissen, eine ganze Generation um Witoborn das Licht der Welt erblickt hatte, wusste ihre Nachte zu schatzen ... Der himmlische Vater lasst seine Kinder ofter bei Nacht in dies Freuden- und Jammerthal einschlupfen als bei Tage ...

Selbst eine so grosse Begebenheit, wie der Brand auf Schloss Westerhof, brachte die alte Frau nicht aus ihrem zweistockigen, stattlichen Hauschen, das nur ein klein, klein wenig abseits vom Wege zwischen Witoborn und Westerhof lag, zuganglich ihrer Stadtund Landpraxis, umgeben von einer gewissen geheimnissvollen Verschwiegenheit, die das Zutrauen zu ihr seit nahezu vierzig Jahren nicht wenig gemehrt hatte ...

Aber im Bett litt es die alte und etwas reizbare Frau denn doch nicht ... Schon war sie zur Ruhe gegangen, als ihr einziger Hausbewohner, eine alte Magd, sie weckte und ihr die Schreckenskunde von dem Brand in Westerhof brachte ...

Mutter Schmeling war so ergrimmt auf den Pfarrer Mullenhoff zu Sanct-Libori, der ihr auf ihr funfzigjahriges Jubilaum noch mit dem Kirchenbann hatte drohen und sie des Teufels Grossmutter nennen konnen, dass sie geradezu herausbrummte: Ob's denn auch wirklich auf dem Schloss ware? Und doch nicht etwa in Sanct-Libori? ... Ein leises Kichern dabei, das horte die Magd nicht einmal ... horte nicht die still fur sich ins Bettkissen, ja in einen kleinen grauen Bart gebrummten Worte: Kindtaufe! Kindtaufe! Hihi! Er lasst vielleicht schon illuminiren ...

Ne, ne! sagte die Magd, dat muot en groot Fuer sin! und zeigte durchaus nach Westerhof ...

Und nicht minder plattdeutsch entgegnete Mutter Schmeling, so wolle sie denn up stahn und wenigstens Licht maken ...

Inzwischen unterhielt sie's, den grossartigen Larm zu horen, der sich auf der Landstrasse entwickelte ...

Ihr Hauschen lag in einem Hohlweg, der sich von der Landstrasse abwarts senkte den Garten zu, die zur grossen Besitzung der Frau von Sicking gehorten ... Im Sommer war das hier alles gar grun ringsum ... Lammlein und Schweine genug weideten auf den Triften und ein paar einsame alte Baume, die hinterm Gartchen des Hauses lagen, hatten sogar Ruf und Anziehungskraft durch die ihnen angehefteten Bildchen und frommen Spruche und besonders durch eine erquickliche Aussicht und eine Bank, wo mancher Bauerbursch und manche Bauerdirne unter nachtlichem Sternenglanz in ernst bedeutsamem Gesprach mit der Alten verweilen und uber Manches seufzen konnten ... Hundert Schritte davon lag eine Art Vorwerk von Witoborn, obgleich es nachher noch Strecken von Wiesen und von Kirchhofen gab, bis man die Mauern der alten souveranen Bischofsstadt erreichte ... Jetzt jagten die Spritzen mit Fackeln nach Westerhof ... Gensdarmen sprengten dahin, zuletzt ein Piket Husaren ... Und die Menschen liefen und lachten sogar, denn "Feuer ist eine Burgerfreude!" sagt ein frankfurter Sprichwort ...

Dass aber die junge Grafin das Feuer nicht beschworen kann! meinte die Magd, die, wenn's verlangt wurde, an Hexen glaubte ...

Dummer Schnack! antwortete Mutter Schmeling, die in diesem Gebiet bewanderter war. Eine weise Frau sie verstand darunter eine Zauberin, keine sage femme eine weise Frau kann wol andern Gutes thun, aber sich nicht selbst ...

Nach so tiefsinniger Aeusserung uberlegte sie, ob wol im Bereich des Schlosses Jemand ware, den Mutterhoffnungen demnachst auf ihre Hulfe anwiesen. Es kamen Falle vor, wo gerade solche Schreckensaugenblicke Geburten beschleunigten, andere vereitelten ... Sie zahlte an den Fingern, wie weit es noch mit der Moorbauerin und Frau Leyendeckerin hin war ... Endlich bog Niemand vom Weg in ihren Hohlweg ab ... Sie verbrannte nur unnutz Oel ... Die Wand, wo sie schlief, fasste sich noch kalt an ... Sie wollte sich wieder zur Ruhe legen ...

Eine Stunde mochte sie vergebens den Schlaf gesucht haben Der Larm der Glocken, das Blasen und Trommeln in Witoborn, das Rasseln auf der Landstrasse forderten die Ruhe nicht als sie heftig an ihre Hausthur pochen horte ...

Die Magd, die sich nicht nehmen liess oben auf dem Dache nach Westerhof zu die malerische Aussicht zu geniessen, kam erschreckt in die Stube zur ebenen Erde mit ihren klappernden Holzpantoffeln herabgelaufen und flusterte der Alten, die aufhorchte:

Wat soll dat? Der alte Bettelpape bringt uns einen Menschen her huckepack

Die Hebamme wusste, wer der alte Bettelpfaff war ... So? sagte sie ruhig und erhob sich, trotz des Pochens noch zweifelnd ...

Einen Mann tragt er ich sah ihn uber die Lehmgrube kommen und dachte erst: Wer sucht nur da was? Nun kommt er gerade uber'n Wall und das da draussen, das sind sie

Wieder pochte es starker und starker ...

Mutter Schmeling wurde aufs neue aus ihrem Bette getrieben ...

Ein Rock war bald ubergeworfen ...

Mach mal auf! sagte sie ...

Einer Gefahr glaubte sie in keiner Weise gewartig zu sein ...

Der ihr wohlbekannte Bettelbruder Hubertus trat mit seiner schweren Burde ein, die er von Schloss Westerhof bis hieher getragen hatte. Er hatte Umwege gemacht, um die Landstrasse zu vermeiden. Jetzt verliess ihn allmahlich die Kraft. Welche Anstrengungen hatten aber auch die Erlebnisse dieses Tages von Beginn der Jagd an ihm schon zugemuthet! Er liess den noch immer Bewusstlosen in dem Zimmer, dessen Eingang sogleich zur Rechten lag, auf einen alten Lehnstuhl sinken, ruckte sofort zwei Stuhle herbei, legte darauf die Fusse der uber und uber geschwarzten abschrekkenden Gestalt im gestreiften Kittel und sank selbst, anfangs sogar sprachlos, auf einen Stuhl, den ihm die alte Frau mit Erstaunen hinschob, wahrend die Magd schon nach der Kuche lief, um Torf fur den kaltgewordenen Ofen zu holen ...

Heiliger Lazarus, was ist denn das fur ein Schornsteinfeger ? Der ist wol verungluckt auf dem Schloss? sagte Mutter Schmeling und billigte das Erwarmen der Stube auch schon in Betracht ihrer selbst ...

Hubertus machte sich, allmahlich wie zu Kraften kommend, mit der Bequemlichkeit seines in Erschopfung Liegenden zu schaffen und trat mit dem Verlangen hervor, Mutter Schmeling sollte in ihrem verschwiegenen Hause ihre obern Zimmer fur diesen allerdings beim Brande Verungluckten offnen, den er anfangs nach Witoborn ins Spital hatte tragen wollen, nun aber lieber selbst verpflegen wolle ... es ware ein Mensch ubrigens, vollkommen reich genug, sie zu bezahlen ... Ein Wagen wurde den Kranken jetzt zu sehr erschuttert haben ... Deshalb hatt' er lieber ihn selbst getragen ...

Ne, dat geiht nicht! Da oben? Bruder, dat geiht nicht!

Warum nicht ...?

Ihr wisst, ich habe Euch immer gern gedient, schon als Ihr noch weltlich wart! Aber dat geiht nicht!

Der Mann ist brav, seine Wunden schmerzen ihn und die Kosten

Das ist's nicht

Oben ist's bewohnt! schaltete jetzt die Magd ein ...

Frau Schmeling unterbrach die Magd und sagte:

Bewohnt oder nicht ... Wat snakt sie? ... Aber ... Ja! Ich erwarte

Wieder so eine Prinzessin ?

Ja ja ...

Was bringt's Euch denn ein? Ich selbst habe nichts! Der Mann da aber ist reich

Mit zweifelhafter Miene blickten beide alte Frauen auf den sich allmahlich Erholenden, der die Augen aufschlug, wieder sinken liess und sich an die von einem sparlichen Lampenlicht erhellte kleine, nicht unfreundliche Stube erst allmahlich gewohnte ... Die Nahe eines Monchs musste ihn annehmen lassen, er ware im Spital

Die weitere Verhandlung uber seine im obern Stock zu bewerkstelligende Unterkunft unterbrach das Verlangen einer Erfrischung, die der Gerettete mit Aufhebung einer seiner blutig rothen und an andern Stellen schwarzen Hande zu begehren schien ...

Hubertus lehnte noch das Erbieten der Frauen fur Wasser oder Thee ab und zog aus seiner Kutte eine Korbflasche, die er dem Verschmachtenden an den Mund setzte ...

Dieser starrte die unheimliche Gestalt des Monches an, trank ein angenehm duftendes gebranntes Wasser und athmete gestarkter auf ...

Frau Schmeling! Nehmen Sie den Mann nur auf! begann Hubertus aufs neue. Er ist wohlhabend! Ein Diener vom Schloss zwar nur, aber in guten Verhaltnissen! Ich habe sein Geld zu mir gesteckt! Sehen Sie da, zehn Thaler! Ihr Bett und alle Ungelegenheiten, die er Ihnen macht, sollen vergutet werden! Wo kann er auch besser gepflegt werden, als bei Ihnen? Nur einen Tag! Dann sorgen wir ja schon weiter! Er will zu seinen Angehorigen! Das ist drei Meilen von hier und dahin fahrt er morgen oder ubermorgen! So lange wird's doch gehen? ...

Frau Schmeling fuhr mit ihrem rechten Zeigefinger sinnend hinter dem rechten Ohr hin und her, wahrend Schneid den Monch anstarrte, nicht begreifend, was er da alles zu vernehmen bekam ...

Fur einen Tag wollte denn Frau Schmeling zuletzt wirklich einwilligen und lehnte die hohe Bezahlung ab ...

Ich erwarte nur Besuch sagte sie ...

Ja, ja! Ich weiss schon! scherzte jetzt hocherfreut Hubertus. Dann werden die Gardinen zugezogen! Bei Sanct-Franz! Ich kann ihn ja schon um deswillen nicht zu lange hier liegen lassen, weil hier nachstens der Kirchenbann anklopft ...

Daruber lachte zwar erst Frau Schmeling hellauf, zankte dann aber doch uber derlei Reden ...

Nun, nun! beruhigte Hubertus ... Wir Monche beten dann desto mehr fur Sie! ...

Schneid sah nur immer den Sprecher und die Frauen an und sprach ein: Diable! nach dem andern vor sich hin und verschluckte seine Gedanken vor jedem Aussprechen ...

Frau Schmeling wetterte uber den Pfarrer Mullenhoff, offnete die Thur, leuchtete voran und schloss eine zweite Thur auf, die zur Treppe in den ersten Stock fuhrte ... Man konnte diesem auch durch eine Huhnersteige und eine geoffnete Fallthur von der Kuche aus beikommen ...

Hubertus bestellte heisses Wasser, einen Napf mit so viel Speiseol, als nur im Hause vorrathig ware und trug den jetzt Widerstrebenden die Stiege hinauf ...

Auf den Moment des Erschreckens und des gewaltsamen Sichloswindens, wenn Hubertus bei dieser Procedur heimlich dem von ihm Getragenen ein Wort der Erkennung zuflustern wurde, war er gefasst ...

Soyez tranquille, Jean Picard! flusterte er ihm mitten auf der Treppe ins Ohr ...

Auf das durch dies Wort wie von einem galvanischen Schlage getroffene machtige Aufzucken, Umsichschlagen und Sichaufrichtenwollen des Halbgelahmten hielt ihn Hubertus, wie man einen Epileptischen bandigt, Glied an Glied ...

Oben empfing sie Frau Schmeling ...

Starr, mit aufgerissenen Augenlidern, sah Bickert in die festen Augen des Monchs ... Es war ein Bild, wie auf der Guillotine sich ein Opfer niederwerfen mag, um nicht erst mit den Armen festgebunden zu werden ...

Doch ein feierliches ruhiges Schweigen lag sogleich wieder auf Hubertus' Lippen ...

Bickert liess sich jetzt behandeln wie ein Kind ...

Wie eine Geistesverwirrung musste es uber ihn kommen, als der Monch fortfuhr:

Waschen Sie ihm doch auch das Gesicht, Frau! Ei, ei, ei! Allerdings! Ihr sauberes, sauberes Bett! Fur wen ist's denn diesmal bestimmt? ... Das ist ja gerade wie dazumal bei unserer armen Hedwig! Wissen Sie noch? Ziehen Sie nur gleich die Ueberzuge herunter! ... Aber ich will ihn doch erst ein bischen sauberer machen ... Seinen Rock hab' ich nicht mitgebracht, aber all sein Geld ... ja all sein Geld ... Nur heisses Wasser jetzt und das Oel ... Ich mach's so gut, wie im Spital ... Bis dahin war's mir denn doch fur die Last zu weit ...

Es war ein geraumiges Schlafzimmer, einfach, aber sauber gehalten, wo Hubertus den aus seinen Schmerzen nicht mehr Aufstohnenden, nur vor Furcht und Schrecken in einem starren Schweigen Beharrenden auf eine Strohmatratze legte, die er aus dem Bett genommen und auf die Erde gebreitet hatte ...

Dann nahm er das inzwischen heraufgebrachte Oel, verlangte Leinzeug, an dem im Hause kein Mangel war, und bestrich damit die verbrannten Hande, die er dann in die leinenen Streifen einschlug, den Einschlag mit Bandern befestigend ...

Bickert sah bei alledem bald ihn, bald die Frauen starr an und wagte keine Frage, erwartungsvoll, was in dieser Lage ihm noch werden sollte ... Hubertus plauderte immer fort, schilderte das Feuer, lobte die Aufopferung des Geretteten, sprach harmlose Vermuthungen uber den Grund des Brandes aus und endete, wie nur so ganz gelegentlich, mit den Worten:

Im Feuer ja da bin ich auch gross geworden, wenigstens in vierzig Grad Hitze und schon fruh hab' ich meine Haut zum Braten hergeben mussen! Einmal ei schon als Junge nein, ich konnte doch schon von den neuen Tabackstengeln rauchen, die die Spanier dazumal unter Napoleon mitbrachten als ich zwei Stock hoch aus einem Brand hinuntersprang, zwei Schlingel im Arm, Jantje der eine und der andere Wenzel hiess er ...

So elektrisch getroffen fahrt im Kafig ein Panther auf, wenn er die Nahe seines Warters spurt, streckt den Kopf, reckt die Ohren und starrt erwartungsvoll ins Leere, wie jetzt Bickert ...

Der Monch druckte wieder ihn mit nervigem Arme, aber scheinbar ganz harmlos, nieder ...

Ruhig, ruhig! sagte er. Jetzt kommen wir ja an die Sonntagswasche! Brav, Jungfer! brav! Nur her mit dem Schwamm! ... Schade war's freilich um eure Betten! Und um eure Prinzessin! Eure weisse Unschuld! Richtig Jantje! Von dem sprach ich ... Na, dem ware schon damals besser gewesen, er hatte das Zeitliche gesegnet! Verstand hatte er ohnehin nur halbwegs! Manchmal da kam ein bischen guter Wille zum Vorschein! Sonst Hier her, Frau Schmeling! Gelt, Landsmann, der Schwamm thut gut? ... Ja, Mutterchen, konnten wir Pfaffen doch uberall so die Sunden und Brandmale wegtilgen besonders die an uns selbst! ...

Wahrend Frau Schmeling die Bemuhungen der Pfaffen um solche Seelenwasche nach ihren neuesten Erfahrungen als hochst problematisch schilderte und namentlich die neueste hierlandische Seife als viel zu beizend verwarf, wusch Hubertus die entblossten Arme, auf denen er schon langst beim Herubertragen des Bewusstlosen vom Schlosse die verhangnissvollen Zeichen erblickt hatte ...

Seid Ihr denn da so kitzlich? fragte er, als Bickert dem Aufknopfen der Jacke und dem Aufstreifen der Aermel wehrte ... Lasst doch! ... Franz Bosbeck, wie ich sonst hiess, ist ja keine zimpferliche Dame! Mir gegenuber Ei Jantje, Jantje Seid doch nicht so verschamt! Solche Muttermaler kenn' ich ja! So! Es macht sich ...

Die Frauen horten diese Reden nicht alle; sie gingen ab und zu, trugen das schwarze Spulicht fort, trugen die Kleider hinaus, brachten ein frisches Hemd, frisches Wasser. Ehe dann zuletzt eine Suppe kam, die Hubertus schon beim Hinaufsteigen bestellt hatte, reichte er noch einmal dem mit geoffneten Lippen ihn Anstarrenden die Korbflasche ...

Bickert trank zwar, sprach aber fur sich Fluch auf Fluch, wilde Worte, die er sogar mit der Mutter Gottes bekraftigte ...

Welche denn? fragte rasch Hubertus. Doch wol die Mutter Gottes von Neus?

Eine in seinen heimatlichen Niederungen weit und breit verehrte Madonna ...

Eine andere! sagte Bickert, druckte seine Augen zu und sank aus seinem Trotz in Erschopfung zuruck ...

Mutterchen, flusterte jetzt Hubertus, nun hilft da nichts! Die Nacht halt' ich hier oben Wache! Die Matratze liegt schon da; ein Kissen und ich schlafe wie ein Marder! Mein Kloster soll's hernach schon horen und mich freisprechen, wenn ich auf Reisen war und Heiden bekehrte ... Und sie warten ja auch sonst nicht allzu lange mit dem Kartoffelsalat und mit ihrer Grutze auf mich ... Morgen, da macht Ihr mein Leibgericht ... Speckpfannkuchen mit Kartoffeln ...

Wahrend dieser Plaudereien, bei denen er oft an Lucinde, oft an den Landrath denken musste, trug der Monch den Verbrecher ins Bett, das aus einem Ueberfluss von Federn aufgehauft war dergestalt, dass immer noch davon weggenommen werden konnte und doch genug ubrig blieb, den jetzt von dem heftigsten Fieberfrost Ergriffenen zu erwarmen ...

Die Wirkung, die der Monch auf den Verbrecher ausubte, war die des Magnetiseurs ... Bickert war in physische Betaubung versunken ... Machtlos starrte er ins Leere ... Auch von jener Suppe konnten ihm nur einige Loffel eingegeben werden ... Sein zerschundener Kopf sank ins Kopfkissen zuruck und bald schien es, als wenn er entschlief ...

Auch Hubertus ubermannte dann die Anstrengung ... Er legte sich auf die Strohmatratze, zog ein Kissen unter den unbehaarten Kopf und in einer Viertelstunde war im Hauschen alles so ruhig, wie nur je zur Nacht die es antrafen, die Mutter Schmeling zu der geheimnissvollsten Feierstunde des Lebens abriefen ...

Der Morgen brach an ...

Es ist ein eigenes Duster, mit dem uns der Tag nach ereigniss- und verhangnissvollen Erlebnissen begrusst ... Bleiern druckt dann die unabanderliche Nothwendigkeit; jeder Athemzug, der sonst sich frisch und sorglos von der Brust gerungen hatte, ist gehemmt von Furcht und Erwagung ...

Hubertus erwachte am fruhesten und doch schlugen die Glocken von Witoborn schon sieben Uhr ... Die Tage brachen jetzt schon zeitiger an ... Hell genug war es, um sich schon im Hause zurecht zu finden ... Bickert schlief noch wie eine jener Ratten, uber die er in den unterirdischen Gangen des Professhauses sorgloser gelacht hatte, als er es heute beim Erwachen wurde thun konnen ... Hubertus rechnete bestimmt darauf, dass sich zwei Erkundigungen durchkreuzen mussten ... Eine nach dem Befinden des Dieners, fur den man vom Schloss aus Sorge tragen wurde; eine, die von einer wiederholten Anzeige an die Behorden ausgehen und in dem gestrigen Helfer vielleicht schon den Urheber des Brandes suchen wurde ...

Zunachst hatte er die Sorge um das Befinden des Landraths und die Auskunft, die Lucinde bei der Messe im Munster erwartete ...

Der Verbrecher schlief einen Schlaf, aus dem ihn Hubertus nicht wecken mochte ... Die Brust hob sich in so regelmassigen Zugen, dass es ein Starkungsschlaf schien, den der vollig verthierte und doch wieder furchtsame und feige Mensch deshalb bedurfte, um die Kraft zu gewinnen fur Hubertus' weitere Plane ... Immer noch kampfte er mit sich, ob er einen Mordbrenner der gerechten Strafe entziehen durfte ... Schon wahrend er die Flamme aus der Ferne auflodern sah und ihm der Gedanke kam: Das, das ist die That, zu der sich der Ungluckliche hat dingen lassen! gab er die Absicht des Schutzes auf und beflugelte nur noch um Lucindens willen seine Eile nicht fassen konnte er, wie ein ihm durch Klingsohr so anziehend gewordenes Madchen sich an so verbrecherischen Vorgangen betheiligt wissen konnte ... Dann sah er doch wieder den, den er suchte, als den Thatigsten bei der Rettung ... Durch diesen unerwarteten Anblick gewann er neue Gunst fur den Verlorenen ... Selbst wenn er sich sagen musste: Der Verzagende warf sich nur deshalb unter die Rettenden, um nicht den Schein der Anstiftung zu haben, die Umstande zwangen ihn, seine Rolle zu wechseln erfullte ihn das Rathselhafte des ganzen Verbrechens mit dem Verlangen, erst aus Bikkert's Munde selbst daruber aufgeklart zu werden ... Dem Arm des Gesetzes ihn zu entziehen, konnte, nicht unter seinen Entschlussen derjenige sein, der die Oberhand behielt ... Vorlaufig jedoch wollte er ihn um Lucindens willen in Sicherheit bringen, ihn noch heute gegen Abend weiter befordern und ihm nur fur den einen Fall auf den Weg nach Bremen verhelfen, dass er einen Menschen antraf, dem sich solche Hulfe noch mit gutem Gewissen gewahren liess, und dass ihm keine durch die Brandstiftung verdeckte sonstige schwere Unthat zur Last fiel ... Um Aufklarungen uber Bickert's Beginnen konnte er jetzt nicht drangen ...

Allmahlich liessen sich auch die Frauen horen und sorgten fur einen erquickenden Morgentrunk ...

Sollte vom Schlosse geschickt werden, sagte Hubertus, sich zum Gehen anschickend, so erzahlt nur, dass ich ihn ins Spital tragen wollte, aber mit meinen Kraften nur bis hieher reichte! Was man an Erquikkungen bringt, nehmt getrost an! Kann man ihn aber selbst schonen und von Niemanden sprechen lassen, desto besser! Ich liesse an Euerer Statt Niemanden zu ihm ...

Die Frauen versprachen zu thun, was in ihren Kraften stand ... Nur sagte die Schmeling:

Wenn aber die Gensdarmen kommen

Die Gensdarmen? ...

Ich vermuthe ...

Die Gensdarmen? Warum die?

Mutter Schmeling fuhr mit dem gekrummten Zeigefinger wieder hinter ihrem Ohre hin und her und machte nachdenkliche Mienen, obgleich sie sich dabei entschlossen auf ihre paar noch ubrigen Zahne biss ...

Was habt Ihr denn nur? fragte der Monch ...

Mutter Schmeling stand nicht Rede, sondern lasterte uber die Ordnungen der Welt. Sie stellte hundert Fragen in Aussicht, die ja bekanntlich ein Narr thun und auf Erden nicht der Weiseste beantworten konnte ...

Hubertus sah, dass diese Erwartung eines Besuchs durch die Gensdarmen nicht in Verbindung mit dem neuen Hauseinwohner und der Ursache des Brandes stand, forschte dann auch nicht langer und begnugte sich eingesehen zu haben, dass auf alle Falle sein Plan, Bickerten weiter zu entfuhren, von ihm zu beschleunigen war ...

Um nach Witoborn zu kommen, nahm er den Feldweg und uber die Kirchhofe hinweg ...

Auf das vergoldete Holz und Gestein, auf die welken Kranze, hier und da auf die grunen Hangetannen blickend, sagte er sich: Der Abend deines Lebens ist langst da und wie kommst du noch einmal in deinen letzten Stunden zu solchen Dingen! Langst dem Leben entruckt, kannst du vom Abenteuer nicht lassen! Sonst, unter dem milden Pater Henricus ganz nur den stillen Werken des Klosters hingegeben, regt dich jetzt dieser schroffe und gewaltthatige Pater Maurus auf, lasst dich umirren wie einen verstorten Geist, treibt dich an die Bahre deines bosesten Feindes, des Kronsyndikus, nun gehst du schon mit Nachtunholden, die der Irrsinn und das Verbrechen aufscheucht! Vielleicht fliehst du wirklich noch mit Klingsohr in den hohlen Eichstamm und verbirgst dich vor den Gesetzen der weltlichen Obrigkeit und fluchtest dich in die den Franciscanern erlaubte Alcantariner Regel, die ein Heiliger stiftete, der vierzig Jahre lang nur knieend schlief, der in die Speisen, wenn sie ihm zu gut dunkten, Asche warf, der der Zeitgenosse Karl's V. im Kloster St.-Just, der heiligen Therese und des Don Quixote war! ... Sonst stand Hubertus bei jedem Kinde, das ihm begegnete, still und konnte mit ihm plaudern, heute hafteten seine Gedanken nur an dem Namen Lucinde, Picard, Terschka Von diesem letztern glitt noch alle Annaherung ab, wie Stahl vom spiegelglatten Eise ... So verloren in seinen Gedanken war er, dass er selbst den freundlichen Mann nicht sofort erkannte, der beim Austritt aus dem Wege zwischen den Kirchhofen auf die Wallanlagen von Witoborn ihm in einem Einspanner, auf Schloss Westerhof zu voruberjagend freundlichst nickte ... Der kleine Mann in einem blauen, am Kragen mit Pudelpelz besetzten Mantel, aus dem die weissesten Vatermorder wie Bram- und Reffsegel lugten, war Lob Seligmann, der vielgeschaftige Gutermakler, der neulich neben dem hochgemuthen Kufer gestanden hatte, als dieser sein Todtengericht hielt ... Hubertus wandte sich links den Muhlen zu, die von dem Witobachgrund heruber schon mit Donnerton horbar wurden ... Es that ihm wohl, diese wilde Musik zu horen, die vorzugsweise durch die mittlere Muhle, ein gewaltiges an einem alten Thurm gelegenes Werk, hervorgebracht wurde; unmittelbar war noch ein weitrauschendes Wehr benachbart, das gestellt und dann in andere Abzuge gelenkt werden konnte; selbst im Winter fror hier nicht die Witobach ...

Aus diesem Thurm heraus kam in weissen, gleichfalls vom Brande Spuren tragenden Mullerkleidern Hedemann ...

Beide begrussten sich, ohne sich vor dem Larm des Wassers und der Muhle verstandigen zu konnen ...

Hedemann sprach vom Landrath, vom Brande; aber Hubertus musste den Kopf schutteln. Mindestens dreissig Schritte weit hatten beide uber schmale und glatteisende Stege hinwegzuschreiten, um eine Stelle zu gewinnen, wo sie sich verstandlich machen konnten ...

Der Landrath war noch in dieser Nacht gestorben ...

Sein Diener kam vom Schloss, erzahlte Hedemann, und holte ihn ab ... Dann wurde es immer schlimmer und schlimmer mit ihm ... In seiner Erschopfung blieb er und so hat er denn die ewige Ruhe ...

Was an der Ehre nagt, geht langsam, aber es trifft ... konnte Hubertus hinzufugen nach den Verhaltnissen, die er kannte ... Fur Bickert und Lucinden schien ihm diese Wendung besorglich ... Wie leicht konnte nun der junge Enckefuss selbst erscheinen ...

Vom Brand erzahlte Hedemann mancherlei, was zwar schon Hubertus wusste, sich aber doch berichten liess, um alles noch nach anderer Auffassung zu horen ... Die Volksmeinung wollte sich noch immer fur den in der Kapelle zuruckgebliebenen Kohlentopf entscheiden ... Im Laboratorium war nichts versehrt ... Gerade dorthin hatte man das Archiv geborgen bis auf einige Schranke, die verbrannt sein sollten ...

Die Glocken lauteten von allen Seiten ... Die kirchen- und altarreiche Stadt wurde zu den vielen stillen Messen gerufen, die taglich vor der einen taglichen grossen gelesen werden ...

Ins Munster musste man niederwarts steigen ... In eine alte Vorkapelle fuhrten erst mehrere Stufen ... Hier standen Grabmaler und Standbilder aus altester Zeit ... Dunkelbraun und schwarz und lichtlos unheimlich war alles; dem Innern des Munsters selbst fehlte nicht das Licht ... Die Fenster waren nicht bunt ... Pracht und Kunstliebe zeigte sich wenig ... Nur der Hochaltar, der fast schon in der Mitte der Kirche begann, trug Embleme Jahrhunderte alter Auszeichnungen ... Messen wurden hie und da in Seitenkapellen gelesen ...

Hubertus wandelte, an jeder dieser Kapellen sich verneigend, auf dem steinernen Estrich lautlos dahin und forschte in den Betstuhlen nach einer Knieenden in schwarzen Kleidern, die er unfehlbar anzutreffen erwarten durfte ... Von den Vorgangen auf dem Schlosse des Grafen Munnich konnte er nichts wissen ...

Eine der Banke zum Knieen nach der andern musterte er ... Mit dem Schein eines bloss aussern Interesses durfte er nach seinem Stande nicht in dem heiligen Bau umherwandeln ... Seinen Rundgang musste er durch ein Niederknieen da und ein langeres Beten dort an den Kapellen erklarbar finden lassen ...

Den Grad seiner aufrichtigen Verehrung vor den Heiligen kennen wir nicht ... Wir sehen nur, dass er hinter der Andacht der Uebrigen nicht zuruckbleibt ... Wer ihn beobachtete, konnte annehmen, dass er durch die ganze Kirche, wie dergleichen oft geschieht, in dieser Form einen Rosenkranz abbetete ...

Lucinden entdeckte er nicht ...

Schon waren rings in den Kapellen die Wunderaugenblicke der "Wandlung" voruber, schon konnten die murmelnden Priester nahe bei ihrem: Ite, missa est! angekommen sein ...

Da fiel neben der letzten Kapelle und schon dicht wieder am Eingang sein Blick durchs Fenster auf einen eben vorrollenden Wagen, dessen Kutscher eine Livree trug, die ihm als die graflich Munnich'sche bekannt war ... Sollte er dort vielleicht eine Erkundigung einziehen? ...

Wie er im Begriff war, die Kirche zu verlassen und der dustern Vorkapelle sich zuzuwenden, begegnete ihm eine tiefverschleierte schlanke Gestalt, einen schwarzen Mantel von schwerem Pelz ubergeworfen wofur hatte die gute Wally Kattendyk nicht alles gesorgt! den Sammethut zierte eine niederwarts gehende geschwungene Reiherfeder ... Das waren ja die Formen, die er suchte ...

Ein kurzes Zucken und Stillstehen der an ihm Voruberschreitenden bestatigte seine Voraussetzung ...

Wohl konnte Lucinde auf den ersten Blick sehen, dass die Messen bald voruber waren ... Aber auch stille Gebete genugten fur ein langeres Verweilen in der Kirche ... Sie musste es sein ... Hubertus, der sich an den machtigen Pfeilern des mittlern Schiffs hin nachschlich, bemerkte, wie sie die entlegenste Gegend der Kirche suchte, einen Seitenwinkel mit kleinen runden Fenstern, wo ein alter Taufstein stand ... Alles war in diesem kleinen Viereck dunkel und still ... Hier kniete die Angekommene nieder und zog ihr Brevier ...

Auch Hubertus warf sich drei Schritte von ihr zu Boden ...

Das Schreckliche ist geschehen! murmelte die Beterin mit offenbar zitternden Lippen vor sich hin ...

Hubertus ruckte naher ...

Was wird kommen? fuhr sie mit angsterfullter Stimme fort ...

Hubertus, der sich in diese wunderliche Form der Zwiesprache nicht sofort finden konnte, erzahlte das in dieser Nacht von ihm Erlebte ... Oft musste er dabei in seinem Bericht innehalten, denn bald ging ein Messner voruber, bald ein Geistlicher, bald ein Singknabe, der von hier zum Orgelchor stieg ... Die Vorubergehenden mussten denken: Zwei Seelen das, die sich heute dem heiligen Ansgarius gewidmet haben! Denn gerade der Bekehrer der Friesen und erste Bischof von Bremen stand uber ihnen ...

Bremen war freilich in minder geweihtem Sinn das Endziel der Hubertus'schen Mittheilung ...

Lucinde sagte:

Geben Sie doch in diesem Fall jede Rucksicht auf die Gesetze preis! Was ist denn uberhaupt Strafe? Was wollen Sie der Obrigkeit ihre Sorgen erleichtern? Wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, dass diese Brandstiftung aus dem Gehirn eines gewiss einst seiner Strafe nicht entgehenden Bosewichts entsprang, aber ehrliche Leute in Verdruss bringen kann, so glauben Sie mir's! Entfernen Sie diesen Menschen auf ewige Zeiten aus dieser Gegend, ja aus unserm Welttheil! Welche Macht Sie auch uber ihn gewinnen, Sie finden einen mit aberglaubischer Schwache gepaarten verstockten bosen Sinn, den Sie zu heilen und zur Besserung zu fuhren nur die kostbare Zeit verlieren! Seine That mag Gott richten! Theilweise hat er sie ja schon selbst gebusst durch seine Beschadigung und gesuhnt sogar durch Aufopferung! ...

Hubertus horte in dieser Rede alles wieder, was er von Klingsohr uber Lucindens wilde Natur wusste ...

Noch machte er gegen die machtig besturmende Kraft ihrer Worte die Einrede:

Aber der Schurke legte Feuer an! Was war seine Absicht? Welchen Gewinn konnte er daraus ziehen?

Hinderten ihn nicht vielleicht die Umstande am Stehlen? flusterte Lucinde. Untersuchten Sie, wo er etwas geborgen hat, was er sich aneignete? Mit diesen Forschungen wird jede Stunde mir und andern verderblich und ich schwore Ihnen, Sie erhalten einst die Aufklarung ich wurde sie Ihnen schon jetzt geben, wenn Sie ein Priester waren!

Der Laienbruder musste in diesem Augenblick ein Gebet murmeln. Denn die rings stehenden Bilder der Heiligen lockten auch andere Beter an ... Schon befurchtete er, dass eine daherkommende und jetzt still stehende Dame neben ihnen Platz nehmen wurde ... Wie war sie zu verscheuchen? Er sah sie mit seinem Todtenkopfantlitz aus der Kapuze, die er uber sich gezogen hatte, an; da erschrak sie, dass sie zuruckfuhr und sich entfernte ... Es war Frau von Sicking selbst gewesen ... Sie hatte Lucindens Anwesenheit draussen vom Kutscher erfahren, der das Fraulein in erster Morgenfruhe zu ihr zuruckbringen sollte ... Sie erkannte den Mantel Lucindens und die Reiherfeder ... Anreden durfte sie die Betende nicht ... Der schreckhafte Monch vertrieb sie in der That zu einem Altar, der den Schmerzen Maria gewidmet war ... Sie liebte Gottes Wort in einnehmenderer Erscheinung ...

Lucinde hatte ein scharfes Auge ... Sie erkannte Frau von Sicking nur etwas von der Seite aufblikkend ... Mit bebender Stimme sprach sie zum heiligen Ansgarius:

Ich lasse Sie nicht, wenn Sie mir nicht versprechen, die Gefahr noch heute zu entfernen! Diesen Menschen vor allem, so weit Sie konnen! Unbekummert um seine ruchlose That sollen Sie ihm die Mittel zur Flucht gewahren! Ist Ihnen dieser Mensch noch vor kurzem von Werth gewesen, warum wollen Sie ihn jetzt aufgeben?

Hubertus murmelte ein Gebet, denn Lucinde massigte sich nicht ...

Warum antworten Sie nicht? unterbrach sie ihn. Sie wissen doch wol, was weltliche Gerechtigkeit ist! Sie, der Sie Ihre Liebe geopfert bekamen, ohne den lachenden Triumph der Morder gestraft zu sehen! Erst die gottliche Gerechtigkeit strafte die Buschbeck ... Waren Sie nicht der gottberufene Richter des Paters Fulgentius? ... Den Kronsyndikus strafte Gott dadurch, dass er den gefurchtetsten Tyrannen zum Kinderspott machte ... Hat Klingsohr eine Schuld auf sich, so sehen Sie ja sein tagliches Elend ... aus dem ich ubrigens Sie und ihn befreien will ...

Hubertus betete ... Diese Seele riss zu ungestumen Thaten hin ...

Sie konnen Frost und Hitze ertragen ... Sie werden dem Pater Sebastus zur Seite stehen mussen, wenn er nach Rom ohne Schuhe gehen will ...

Kennen Sie auf dem Schlosse Wenzel von Terschka? ... fragte der Monch, dieses Madchens entschlossene Rucksichtslosigkeit zu allem fur fahig haltend und zunachst in der That nur um ihrem Drangen auszuweichen ...

Unwillig uber die unerwartete Querfrage, schwieg sie ...

Kennen Sie die Herkunft dieses Mannes, den ich nannte? wiederholte Hubertus ...

Was soll das? ... Das ist ein Cavalier aus Wien ... ein Bohme ...

War der Mann nie in Rom?

Lucinde schwieg und wiegte ungeduldig den Kopf ...

Sie kommen nicht selbst auf Westerhof? ...

Doch! ... Ich denke ... warum? antwortete sie endlich ...

Hubertus uberlegte, ob er nicht Lucinden zur Vertrauten des Interesses machen sollte, das er, wie an Bickert, so auch an Wenzel von Terschka nahm ...

Frau von Sicking's Andacht musste eben gestort worden sein ... Sie erhob sich und blickte auf die noch immer Betende, deren Gefluster ihr nachgerade auffallen konnte ...

Als sie naher kam, hatte wieder Hubertus kein anderes Mittel, sie zu entfernen, als seinen Blick ... Frau von Sicking ging an einen andern Altar ...

Ich beschwore Sie, betete Lucinde, verlieren Sie keinen Augenblick! Jeder Moment des Zogerns ist verderblich

Wollen Sie mir nur eines versprechen? musste Hubertus, und jetzt fast, der aussern Umgebungen wegen, nothgedrungen, sagen ... Sie haben machtige Verbundete, grosse Beschutzer ... Wollen Sie fur uns sorgen, wenn wir in den Orden der Alcantariner treten und unbeschuht nach Rom entfliehen?

Lucindens eigene Wege deuteten schon lange nach Rom ... Sie kampfte einen Augenblick, sagte dann aber doch so machtig fuhlte sie sich in ihrer Anlehnung an Nuck:

Ich verspreche es Ihnen!

Nun erklarte sich Hubertus bereit, dass er sofort einen Wagen suchen wolle, mit dem er Jean Picard nordwarts den Bergen zu fahren konne ... Aufklarungen uber die Absicht des Verbrechers wurde er nicht fruher begehren, als bis er in Sicherheit ware ... Durch den Preis, den er in Aussicht stellen wurde, nach und nach die Erbschaft zu gewinnen, hoffe er, sprach er, ein Mittel in der Hand zu haben, ihn in Amerika festzuhalten und zu einem tugendhaftern Leben zu fuhren ... Das Geld befinde sich noch auf dem Gericht in Witoborn und konne ihm vielleicht am besten durch einen Advocaten zukommen ... Hubertus nannte den auch hierorts allbekannten Nuck ...

Nein, nein! lehnte diesen Namen Lucinde ab ...

Hubertus hatte kein Arg und erklarte, sich auch sonst wol helfen zu konnen ...

Damit erhob er sich und liess die Beterin allein, die es auch ihm wie so vielen "angethan" hatte ...

Allmahlich erhob Lucinde ihr Haupt von dem Pult, vor dem sie kniete, schlug erschopft ihr Brevier zu und trocknete die in der That von Angsttropfen befeuchtete Stirn ...

Sie hatte die Nacht nicht eine Stunde geschlafen ...

Frau von Sicking riss sich aus ihrer Anbetung los und schloss sich Lucinden an, die wie aus einem Traum erwacht sie begrusste ...

Beim Austreten aus dem Munster erzahlte sie, dass sie bei Gewittern und Feuersbrunsten in einen Zustand gerathe, der sie zwange, sich in den dunkelsten Winkel zu fluchten ... Sie ware in dem gestrigen Tumult aufgesprungen, hatte sich im ersten besten Zimmer eingeschlossen, auf alles Rufen und Klopfen keine Antwort geben konnen, bis erst im Schlosse alles still geworden und der Feuerschein nachgelassen hatte ... Dann hatte sie ihren Versteck verlassen. Die Grafin Munnich hatte sie gezwungen, die Nacht auf dem Schloss zu bleiben; doch schon in aller Fruhe ware sie wieder aufgebrochen ... Sie hatte das Gelubde gethan, sammtlichen Altaren des Munsters nach der Reihe ihre Verehrung zu bezeugen ... Darum auch ware sie zuerst in den Munster gegangen ...

An alledem war nichts Unwahres, aber Frau von Sicking hatte gestern doch schon manches uber Lucindens Vergangenheit erfahren und war heute von einiger Zuruckhaltung. Ihre Erzahlung der Vorfallenheiten auf Schloss Westerhof, wahrend beide im eigenen Wagen auf ihre Besitzung zuruckfuhren, hatte die geheime Absicht, den fruhern Beziehungen Lucindens zu Grafin Paula naher zu kommen ...

Lucinde merkte dies allmahlich, merkte auch die der Grafin Paula nicht eben gunstige Gesinnung der Frau von Sicking, die mit grosser Scharfe urtheilen konnte ... Als sie Lucinden zur Chocolade festhielt, immer wieder von Paula und den zweideutigen und hochst "incorrecten" Visionen derselben begann, fiel ihr eine seltsame Beleuchtung auf die Pracht und Herrlichkeit dieser Niederlassung, auf die Teppiche, uber die sie hinschritten, auf die kleinen verwickelt angelegten Cabinete mit gothischen schwarzen Mobeln, bilderbeladenen Wanden, auf die mit rothem Sammet uberzogenen Betschemel ... Die Frau ist neidisch auf Paula wegen Bonaventura! sagte sie sich ... Wo sieht sie ihn denn? Fahrt sie deshalb so oft zu Mullenhoff? ...

Frau von Sicking wollte gegen Mittag nach Schloss Westerhof zur Condolenz und forderte ihren Besuch auf, sie dorthin zu begleiten ...

Die eben auf einem silbernen Plateau uberreichte neueste Post fur Frau von Sicking gestattete Lucinden ihren Zorn und das Ergluhen ihrer Wangen zu verbergen ...

Bei alledem aber, durch den ihr vom Himmel geschenkten Beistand des Laienbruders, durch auch i h r e Zahmung des "Bruder Abtodters" doch ermuthigt und auf ein gunstiges Verlaufen aller dieser Gefahren hoffend, warf sie schon voll Uebermuth auf ihrem Zimmer ihr Brevier hin, wie die Schone, die vom Ball kommt, ihren Facher, hinter dem sie eine Eroberung machte ...

Zur Wiederbegegnung mit Bonaventura und Paula interessirte sie sogar der mit Cherubimkopfen umrahmte Spiegel ...

Sie fand aber ihr Aussehen doch noch zu angegriffen, als dass sie schon heute diese Scene wagen sollte.

19.

Auch diesen beiden aus Witoborn zuruckkehrenden Damen war im Voruberfahren ein Gruss gespendet worden aus dem von Westerhof schon wieder heimkehrenden Wagelchen jenes gewissen Mannes im blauen Mantel mit dem schwarzen Pudelkragen ...

Lob Seligmann grusste in der allergluckseligsten Laune ...

Hatte er auch in verschiedenen Spiegeln der Gegend, die er im Lauf dieses Winters und vor dem Fruhjahr nicht mehr verliess, beim Rasiren seines Barts, beim Kammen und Ansingen seines wolligen Haares eine nicht gewohnliche Anzahl von grauen Lockchen bemerkt; doch kamen sie nur als ein zufalliger Tribut an seine Jahre, nicht als Folge von Kummer und Sorge ...

In der von so mannichfachen Aengsten und Bedrangnissen erfullten Sphare, die wir schildern, war er die zufriedenste, frohste, vielleicht die einzige "gesunde Natur", wenn nicht am Korper doch an der Seele ...

Das Vertrauen, das ihm zuerst Terschka schenkte, das sich dann dem ganzen Adel der Gegend mittheilte, gab ihm einen Schwung, der nur von jener ihm manchmal eigenen Ruhrung uber sich selbst gemildert wurde ...

Aber sogar diese Anwandelungen der Wehmuth wie sonst beim Hinblick auf Kocher am Fall, auf den Korb der Hasen-Jette, auf die schwachen Beine David's, auf die Blute des Ghetto, Veilchen, die unter der Geldgier seines so unpoetischen und ihm unahnlichen Bruders Nathan schmachtete, kamen ihm jetzt seltener. Nur der hierortige Mangel an Opernmusik, die sonst seiner Seele ein so nothwendiges Labsal war, war eine Lucke in seinem Dasein. Von der classischen Anmuth der Arie: "Ha, das Gold ist nur Chimare!" war er musikalisch tief uberzeugt die Textesworte unterschrieb er bei seinen gegenwartigen glanzenden Einnahmen weniger aber er musste sie sich allein trallern.

Die Eroberung dieses gewissenhaften Kenners der Ackerkrume, der Ertragsfahigkeit der Guter, der einschmeichelnden Ueberredungskunste bald beim Bauer, bald beim Edelmann verdankte Terschka dem Vormittag auf der Villa des Herrn Bernhard Fuld in Drusenheim. Er liess ihn nach Witoborn kommen und "schlachtete", wie der Kunstausdruck lautet, bereits im voraus die Guter des Grafen Hugo ein, noch ehe die Uebergabe in allen Formen erfolgt war. In Terschka hafteten aus den Lebensspharen seiner fruhesten Kindheit andere Eindrucke vom Judenthum, als er sie durch Lob Seligmann empfing. Heyum Picard und Lob Seligmann! ... Letzterer mit den ruhrendsten Gleichnissen und Spruchen aus dem Talmud, die ihm Gewinn auf Kosten der Ehrlichkeit verboten ! Lob citirte sie zuweilen mit einer gewissen jungfraulichen Verschamtheit ... "Wir haben ein Sprichwort, Herr Baron !" Das die stehende und mit Errothen gesprochene Phrase, mit der Lob ein solches Citat aus dem Talmud anbrachte wie einen Traum aus der Menschheit kindlichsten Tagen ...

Eine wunderbare Kunst besass Seligmann, alle Verhaltnisse, in die das Leben ihm einen Einblick gestattete, bis auf den Grund auszukosten. Selbst einen so entschieden negativen Umstand, wie den, dass Armgart von Hulleshoven damals, als er sich die Rettung der kleinen Pensionarinnen von Lindenwerth vor Wassersfluten so angelegen sein liess, unter den zur Villa Dahinwatenden n i c h t anwesend war, benutzte er zur Anknupfung einer Bekanntschaft, ja zu dem seelenvollsten Genuss, Nachgenuss der Thatsache: Also, Fraulein, Sie waren damals n i c h t dabei! ... Dabei sein Auge! ... In seinem Gemuth blieb's eine Nachbetrachtung mit den schmelzendsten Accorden ... Angelika Muller, die kannte er aus der Dechanei und die hatte er damals gesprochen und demzufolge besuchte er Puttmeyern und Grutzmacher hatte einst bei Witoborn als Gensdarm gestanden und demzufolge sah er sich dessen ehemalige Wohnung und Stall an und knupfte die Bekanntschaften seiner Nachfolger an und Also das ist ein Vetter von Ihnen? und ein einziges seelenvoll so durchempfundenes Verhaltniss, erleichterte es auch sein Geschaft, das eben im Couragemachen zu Veranderungen und Expropriationen gemuthlich werthgewordenen Eigenthums bestand, so war es das doch nicht allein, was er dabei suchte ... Benno von Asselyn, mit dem er hier oft zu thun hatte, Benno, der ihn fur seine Guterschlachterei als Student aus dem Roland "geschmissen" hatte, Benno war ihm eine lockerer Bekanntschaft von einem Heimatsgefuhl, von einer Seelenerquickung, als sange, da er ihn zum ersten male hier sah, sein ganzes Sein: "Ich komme aus der Normandie!" ... Ebenso elegisch betrachtete er Thiebold de Jonge ... Ebenso Hedemann; auch "unbekannterweise", aber um seines Sohnes willen, den Landrath von Enckefuss, an dem ihn seine Geldverlegenheit um so mehr ruhrte, als er, gelegentlich von diesem um Hulfe angesprochen, bedauerte erklaren zu mussen, dass er "Geschafte dieser Art" nicht mache ... Mit Bonaventura vollends trat ihm die ganze alte Kathedrale von Sanct-Zeno in Kocher am Fall wie im Mondlicht entgegen; das Sterbebett der Nachbarin Ley; Treudchen und mit ihr der Blumenstrauss, den er an jenem Morgen fur Veilchen gekauft hatte ... Alles das hob ihm Seele und Gemuth ...

Mit besonderer Andacht besuchte Lob das grosse Dorf Borkenhagen. Er betrachtete sich von allen Seiten jenes Pfarrhaus, wo "denn also" Leo Perl, sein leiblicher Vetter, abgefallen vom Glauben seiner Vater, gelebt hatte und gestorben war ... Er betrachtete die Fenster, die Walleinfriedigung, den Brunnen und die Scheuer dieser Wohnung mit einem so elegischen Ruckblick, dass der jetzige Pfarrer das Fenster seines Studirzimmers offnete und ihn fragte: Wunschen Sie etwas? ... Durch seine Seele zogen sich bei diesem rauhen Anruf alle Tone des Gefuhls unverdienter Krankung, die nur jemals sein angebeteter Bellini componirt hat ...

Von Veilchen wusste er uber Leo Perl so viel Wunderbares ... Perl war ein Freidenker und doch ein Kabbalist gewesen. In Paris hatte er in alten Pergamenten studirt und trotz Voltaire eine schreckhafte Geisterwelt anerkannt. Nun erschien ihm Leo Perl wie einer jener Rabbis, die durch gewisse Zahlenzusammenstellungen, die sie einer thonernen Figur auf die Stirn schreiben, diese lebendig machen. Eine solche Figur dient dem Zauberer, verrichtet ihm alle Geschafte, macht das Schwierigste moglich und begehrt keinen andern Lohn dafur, als gut zu essen und zu trinken. Wischt dann ein Zufall die Zahlen von der Stirn des "Golem" oder der Rabbi vergisst eine gewisse Formel, so wird das Thonbild zum leibhaften Teufel und hat schon manchen Nachts im Bette erdrosselt. Gott so immer kam ihm die Erinnerung an Leo Perl! ... Das war nun da die Kirche, wo dieser, ein Jude, celebrirt hatte! Das war nun da der Friedhof, wo er begraben lag! ... Und das waren die Lehmhaufen, aus denen er sich allenfalls so einen Golem hatte bilden konnen! ...

Im Kloster Himmelpfort, hiess es eines Tages im Wirthshause, lebten noch Monche, die den Pfarrer Perl naher gekannt hatten ... Mit diesem Kloster kam Lob durch einen Besuch in Verbindung. Vor noch nicht acht Tagen wurde er in Witoborn "Bei Tangermanns", durch den Kufer Stephan Lengenich uberrascht. Der "Gerechtfertigte" kam wieder aus dem Gefangnisse, das er jetzt wegen seiner Betheiligung an jener Versammlung im Roland hatte als Strafe fur geheime Verbindungen verbussen mussen. Der vierschrotige, feierliche, exaltirte Mann trat in einem grossen kaffeebraunen Mantel bei ihm ein und gab sich in so fragwurdiger Schreckhaftigkeit, dass Lob Seligmann unwillkurlich an eine seiner Lieblingsopern "Zampa" und das erste Auftreten des furchtbaren Rauberhauptmanns denken musste ... Der Kufer kundigte ihm an, dass er sein Begehren nach dem Stuck Tuch vom Jagdrock des Kronsyndikus (der bei seiner Ankunft noch lebte) zwar fur einige Zeit durch Veilchen's Beredsamkeit hatte fallen lassen konnen, aber nicht fur immer und am wenigsten fur jetzt, wo er seit einem halben Jahr schon wieder die ganze Schwere des Unrechts dieser Welt und der Nichtrechtfertigung vor Menschen hatte erfahren mussen. Er verfluchte den Verfuhrer Hammaker, der seinen Lohn gefunden. Er bereute den Verkauf des Blutackers in Drusenheim. Er war ganz in jener volksthumlichen Rachestimmung, die bei solchen Gelegenheiten unter welthistorischeren Bedingungen zu Masaniellos, John Hampdens und Andreas Hofers machen kann, in unserm Leben, wie es so kommt und geht, leider nur zu commandirenden Spritzenmeistern. Stephan Lengenich wollte zu naherer Auskunft uber den Tuchstreifen ins Kloster zu dem Monche Sebastus. Zitternd und doch voll hohen Interesses horte Lob Seligmann die Proposition, ihn dorthin zu begleiten. Die wildesten Racheklangfiguren aus "Fidelio" und "Lucrezia Borgia" tanzten vor seinem Ohr und Auge ...

Glucklicherweise so kann man hier wol sagen und da leugnete Veilchen die unmittelbare Vorsehung! war der Kronsyndikus schon in den nachsten Tagen gestorben und Stephan Lengenich knirschte nur mit den Zahnen. Er kam, um einen Process gegen den Kronsyndikus einzuleiten. Eine festliche Einholung in die Keller der Moppes'schen Weinhandlung, wo ihm seine unterirdische Stellung verblieben war, hatte er um diesen Process verschoben. Nicht eher wollte er mit Blumen geschmuckt wie Bacchus auf einem Fasse in die Keller getragen werden unter Mannergesangbegleitung der junge Moppes hatte selbst eine Cantate dazu componirt als bis er, endlich im Besitz des Tuchstreifens, zum Landvogt gesagt: "Schliess' deine Rechnung mit dem Himmel, denn deine Uhr ist abgelaufen!" Nun war die Uhr abgelaufen ... Stephan Lengenich sprach mit Advocaten, die ihm keine Ermuthigung gaben. Seine "Entlastung" konnte er nur an der Eiche selbst vollziehen ...

So besuchte denn Lob Seligmann mit ihm das Kloster Himmelpfort, um auf alle Falle den Streifen Tuch von Klingsohr zu fordern. Beide trafen den Pater auf dem Krankenbett. Siech und elend blickte er sie an. Vor dem Kufer, gegen den er einst falsches Zeugniss abgelegt hatte, schlug er die Augen nieder. Auch auf Lob Seligmann besann er sich; er hatte ihn einst trotz seiner Verehrung vor dem Judenthum in der Theorie, in der Praxis beim Zinngiesser Klingelpeter zur Thur hinausgeworfen. Bekannt war ihm, dass Seligmann die Brieftasche bei Nathan, seinem Bruder, in der Rumpelgasse gefunden und von der Einlage dem Kufer Kunde gegeben hatte ...

Seligmann fuhrte das Wort und erzahlte, dass nur bisher durch Veilchen's Beredsamkeit, dann durch eine neue Haft, der Kufer in seinem Verlangen nach jenem Tuche ware aufgehalten worden, nun aber begehre er dasselbe aufs bestimmteste von ihm. Klingsohr hatte eben die Kunde vom Tod des Kronsyndikus erhalten und gab das Tuch und liess geschehen was wollte. Er fragte nach Veilchen. Lob erzahlte von ihrer Gute und Milde. Klingsohr erwiderte:

Euch Juden steht es besser an, wenn ihr dem Shylock gleicht! ... Da Stephan Lengenich! Macht damit was Ihr wollt! Auch aus mir und meinem falschen Zeugniss! ...

Dumpfe Stille in dem Kammerlein ... Der Monch wandte dem Besuch den Rucken und streckte sich, lang wie er war, gegen die Mauer auf sein Lager ... Stephan Lengenich kannte sein Schicksal. Er sah in Klingsohr einen Gefangenen der Regierung, einen gottesfurchtig gewordenen Mann, den man verhinderte, fur die Sache der Kirche zu wirken ... Ihn seines falschen Zeugnisses wegen jetzt noch zu verklagen verbot seine ganze Stimmung ... Auch wurde ihn die Kunde, er hatte bei weltlichen Gerichten einen Monch des Meineids beschuldigt, daheim um seinen Triumph gebracht haben ...

Pater, sprach er, Sie haben mir viel bitteres Leid angethan, durch das Unterschlagen dieses Tuchs vom Rock des Morders Ihres Vaters, das ist wahr jahrelang ... Aber ich ich hore, die Regierung hat Sie mit Gewalt hieher geschickt ...

Lob Seligmann zitterte vor den Wirkungen, die dies theilnehmende Wort hervorbringen konnte ...

Seligmann! ...

Herr Lengenich! ...

Sie schworen uns

Gott im Himmel! ...

In der That wurde eine Flucht besprochen ... Warum sollte der Kufer den Pater nicht nach Luttich befordern helfen zu den Vatern der Gesellschaft Jesu?

Seligmann gab jede Versicherung, die Grossmuth des Kufers zu ehren, aber er musste mehr erleben ... er war ausser sich, als die Verabredung getroffen wurde, dass an zwei einsamen Pappeln, die Sebastus von seinem Lager aus bezeichnete, in der Dammerung und am Tage des Leichenbegangnisses Lengenich's Wagen stehen sollte dieser war mit eigenem Fuhrwerk gekommen ... Erst als Klingsohr zu Lob sagte: Sind Sie denn feiger, als ein Madchen? Meine Flucht war ja von Ihrer neuen Deborah veranstaltet! gab er nach ... Veilchen hatte allerdings, selbst hinterm Ofen noch, etwas vom Geiste der Deborah ...

Die Flucht scheiterte, wie wir wissen, an der Akustik der Krankenstube des Klosters ... Stephan Lengenich hatte seine Rede an der Eiche im Dusternbrook gehalten, hatte, wie sich an alles Erhabene so leicht der Schnorkelstrich des Lacherlichen knupft, die Unterbrechung durch die Possen Stammer's erleben mussen, hatte die Genugthuung sowol der Unterstutzung des Monches Hubertus, wie der ihre Falschheit entlarvenden Ohnmacht jener Lisabeth, die ihn verrathen, verrathen um eine goldene Uhr, zu der sie schon lange mehr als eine Kette trug ... Alles Wunderbare war geschehen ... Der Zug ging voruber ... Lob Seligmann zog den neuen Wilhelm Tell, der den Ruf des Tyrannen wenigstens noch mit Pfeilen des Wortes erlegt hatte, aus dem Gewirr des gestorten Leichenzuges ... Tangermann in Witoborn wurde nicht erst von dem grossen Todten- und Weinrichter angeschmeichelt um seine Gelbsiegel, als es galt dem Gelungenen und noch Kommenden zu trinken, er stellte drei Rothsiegel als "die Sorte nicht" zuruck, die ihm genugen konnte, seine Zunge zu befeuchten, wahrend er den umstehenden Neugierigen Aufklarungen gab uber sein ganzes grossartigverschlungenes Lebensschicksal ... Im Sturm und zu allen Unternehmungen fahig, fand er sich dann mit seinem Einspanner an den beiden Pappeln beim Kloster ein. Er wartete, wartete zwei Stunden auf den Fluchtigen ... Pater Sebastus kam nicht ... Er fuhr dann ab, dem Triumphzug in seine Keller entgegen ...

Lob Seligmann aber dankte Adonai, als er von diesen Beziehungen zu einem so eigenthumlichen Staatsdemagogen befreit wurde, Beziehungen, in die er sich nur auf das magische Wort "Veilchen" und die Hoffnung wieder eingelassen hatte, im Kloster Himmelpfort wurde er Bekanntschaften machen, von denen er etwas uber Leo Perl erfuhr ...

Selbstverstandlich war es, dass er sich einige Tage spater die Brandstatte in Schloss Westerhof ansah ... Er hatte mit so vielen Adeligen in diesen Tagen zu thun, dass er vom Neuesten als Augenzeuge sprechen musste ... Gerade bei einer Bekanntschaft, die er gemacht hatte, der mit dem Prasidenten von Wittekind und dessen geschaftskundiger Gattin, der Mutter des Domherrn von Asselyn, konnte ihm ein solcher authentischer Bericht die Burgschaft eines angenehmen Eindrucks sein, falls er, wozu er Veranlassung hatte, sich gerade heute noch auf Schloss Neuhof begab ...

Mit Ruhrung hatte er den Arbeitern, die den Schutt aufraumten, im Wege gestanden; mit betrachtendem Schmerz hatte er sich dem Strahl einer noch immer gehenden Spritze ausgesetzt ... Er sah, staunte und schuttelte sich die Tropfen ab ... Es war ein formlicher Einschnitt in die eine Seite des Schlosses entstanden. Links und rechts von der Brandlucke konnte man die offenen Zimmer sehen, wie nach Lob's Phantasie im Theater, wenn "Zu ebner Erde und erster Stock" gespielt wird ... Haufen von Buchern, Kisten und Kasten erinnerten ihn an die Rumpelgasse ...

Eben trugen Bediente und Arbeiter Korbe voll Schriften nach einem entlegenen Thurm ... Baron von Hulleshoven und Baron von Terschka, beide hatten heute kein Auge fur ihn. Sie begleiteten die Korbe und hoben auf, was ihnen entfiel ... Es waren Schriften und Documente und gewiss lateinische und franzosische darunter, die "fur David Lippschutz den Ankauf von Schulbuchern ersetzt" hatten ... Auch sah sich schon Lob darauf einige an; sie wurden ihm mit Verweisen aus der Hand genommen ... "Dulden ist das Erbtheil meines Stammes!" lag in seinen Augen. Hatte er denn diese Bucher heimlich einstecken wollen? ... Auch Fraulein Benigna war heute den Umstanden entsprechend von mehr abweisendem, als zuvorkommendem Benehmen gegen den Mann der praktischen Ackerwirthschaft ... Grafin Paula schwebte da und dort hinter den Fenstern wie ein verstorter Geist. Er hatte viel von ihren Wundern und Ferngesichten gehort und befand sich daruber, wie seinem Glauben naturlich ist, im Zustande gelinden Zweifels. Ein Gespensterglaube, der sich an das Wunderbare durch Figuren von Lehm gewohnen soll, die durch ein Zahlengeheimniss die Befahigung erhalten, jeden Freitag mehr als menschlich Schalet zu essen, kann im Gemuth nicht besonders fur das Wunderbare stimmen ...

Nur Armgart berucksichtigte ihn plotzlich und sogar mit hohem Interesse ...

Als sie ihn sah, rief sie ihn voll Schrecken an:

Ha! Haben Sie wol Neues aus Kocher am Fall?

Mein gnadiges Fraulein !

Ist mein Vater abgereist? Vielleicht schon in Witoborn? Reden Sie doch! ...

Mein Fraulein ! ...

Seligmann fand sich nicht sofort in die determinirte Frage ... Er genoss noch erst die Thatsache der Anrede als solche selbst ...

Als er sich dann in die Begebenheit gefunden, glich sein Antlitz den Gesetzestafeln, wie sie aussahen, als Moses auf den Sinai hinaufging ...

Armgart liess ihn, da sein Schweigen nur ein umstandliches Vorbereiten auf das Verschleiern seines Nichtwissens wurde, ebenso schnell stehen, wie sie ihn angeredet hatte ...

Das kostete wieder einige Zeit des Besinnens und wieder einige Spritzengusse ...

Bei alledem aber doch hochst geschmeichelt und befriedigt von einer so ehrenvollen Aufnahme carriolte er auf Witoborn zuruck ... Er fuhrte sein halbbedecktes Wagelchen selbst ... Es gehorte einem witoborner Kutscher, dem er ein ansehnliches Pfand fur die richtige Behandlung des Gauls hatte hinterlassen mussen ... Lob verstand sich aber auf alles, was zum Leben des Landes gehort ... Er war die seltsamste realistische Natur, die sich zum Ideal verklarte ... Sein Wissen und sein Thun erfullt von Thatsachen der Wirklichkeit bis zum Klee und zum Dunger hinunter und doch sein Fuhlen ganz Aether ... Seligmann war kein Pantheist oder Spinozist (die Einwendung, die er einst gegen Veilchen's Pantheismus gemacht hatte, lautete: "Ei Veilchen, der Geist Gottes schwebte doch u b e r den Wassern. Und Sie sagen: Er schwebte i n ihnen?" ...) aber sein Gott blies alle Instrumente und in der Luft klang es ihm wie Spharenmusik.

Bei Witoborn wieder angekommen, musste Lob etwas langsamer fahren, denn die Wallanlagen sind erhoht ... Wieder begegnete ihm jener Monch, der an der Eiche sich so nutzlich gemacht hatte ... Wieder grusste er ihn aufs verbindlichste ... Fur die abschrekkenden Gesichtsformen dieses resoluten Mannes hatte er kein Auge Er dachte an Aufklarungen uber Leo Perl ... auch uber den armen "Feind" von ihm uber Sebastus

Hubertus ging eine Weile neben seinem Wagen einher und redete Lob an ... Er liess sich von der Brandstatte erzahlen ... Der Verdacht uber den Ursprung des Feuers haftete immer noch an dem Kohlentopf ...

Im Horen und Gehen verfolgte Hubertus einen Plan ... Als Lob Seligmann in die Stadt einbiegen wollte, bat er ihn, einen Augenblick still zu halten ...

Wollen Sie einsteigen? sagte der gefallige und seinen Absichten auf diese Art so nahe kommende Mann und ruckte schon zur Seite ...

Hubertus sagte, er mochte gern einen Kranken, der hier dicht in der Nahe lage er ware beim Brande verungluckt ins Kloster schaffen ... er verstunde sich auf das Heilen von Brandwunden besser, als die Aerzte im Spital ...

Aber ich muss auf Schloss Neuhof entgegnete Lob, theils dem, was er schon merkte, ausweichend, theils gelegentlich auch die Orientirung uber seine vornehmen Verhaltnisse unterstutzend ...

Das ist nur ein Umweg! sagte Hubertus. Sie werden nicht viel um eine Stunde spater ankommen ... Freilich, setzte er hinzu: Mit einem Kranken muss man langsam fahren ...

Und diese Worte kamen so vom Herzen, dass Lob schon gewonnen war. Gott soll dich segnen hundert Jahre! horte er im Geist seine Schwester sagen ...

So stieg Hubertus schon ein und der Gaul lenkte dahin, wohin der Monch mit den knochernen Fingern deutete ...

Die Kirchhofe gaben gleich den naturlichsten Uebergang des Gesprachs auf die gemeinschaftlichen Erlebnisse am Dusternbrook, auf den Kufer, auf Pater Sebastus, von dem Lob erfuhr, dass er fur seine beabsichtigte Flucht in der Strafzelle sitzen musste, auch auf den Tod des Landraths von Enckefuss ... Hubertus erzahlte seine Betheiligung an den letzten Lebensstunden desselben und mehrte dadurch nicht wenig den Anschluss Seligmann's, der sein Selbander zwischen Jud und Christ nicht mit den Empfindungen genoss, die Andere aus Lessing's "Nathan" schopfen, doch jedenfalls mit manchem wohlthuenden Accord aus "Templer und Judin" ...

Bald war es Mittagszeit ... Lob sprach von einem Wirthshause, wo man in einer Stunde wurde futtern mussen ... Vor drei, vier Uhr erreichte man beim langsamen Fahren und Einschlagenmussen von Vicinalstrassen das Kloster nicht ...

Hubertus stimmte zu und Lob begann schon von Borkenhagen. Da aber zeigte Hubertus auf das Haus der Mutter Schmeling, vor welchem sie halten wollten ...

Sie fuhren einen Seitenweg von der Landstrasse ab ...

Plotzlich stutzte Hubertus. Er entdeckte einen Gensdarmen, der eben ins Haus der Hebamme trat ...

Unwillkurlich fuhr sein linker Arm auf die Kapuze, die sein kahles Haupt bedeckte, und druckte sie tief ins Gesicht ... Er furchtete sein Erschrecken zu verrathen ...

Der Wagen hielt und Hubertus wusste eine Weile nicht, sollte er aussteigen, sollte er bleiben ... Ein Halbdach bedeckte beide, ihn und Seligmann ... Er druckte sich sogar an die Hinterwand zuruck ...

Kommt der Mann von selbst herunter? ... fragte Seligmann, den Grund des Zogerns nicht begreifend, und stemmte seine Peitsche erwartungsvoll auf die Schosse seines blauen Mantels ...

Hubertus schwieg, ermannte sich und stieg aus ...

Mit Empfindungen, gemischt aus Theilnahme und Urtheil uber Religionsunterschiede und Neugier uber den Gensdarmen und die ihm unbekannte Hanthierung der Frau Schmeling sah Lob dem Monche nach, der mit nackten Fussen, durftig durch die Sandalen geschutzt, in die Nebelnasse hinaustrat und zu dem sich verengenden Hohlweg erst nieder, dann aufwarts schritt ...

An der Hauspforte blieb Hubertus eine Weile stehen und horchte ...

Mutter Schmeling hatte in ihm unbekannten Angelegenheiten Gensdarmen bei sich erwartet ... Das wusste er ... Aber seiner Besorgniss schien es nun doch entschieden, dass der an den Landrath gegangene Brief in officieller Weise wiederholt worden war ...

War der Verbrecher erkannt, wie konnte er ihn da noch der gerechten Strafe entziehen! ... Schon ergab er sich und dachte: Arme Lucinde! ... So handelte und fuhlte er schon im Bann ihrer bestrickenden Ueberredung ... So in Erregung schon durch ein abenteuerliches Leben als Eremit und die Flucht nach Rom ...

Hubertus horte die Stimme der Schmeling und das Sabelrasseln des Gensdarmen, der eben die Treppe hinaufstieg ...

Je mehr sich dieser von der Schmeling zu entfernen schien, desto lauter erscholl deren Stimme. Jetzt unterschied er deutlich, was sie hinter ihm herrief:

Suchen Sie nur oben! Suchen Sie! Sehen Sie nur, ob bei mir Katzen entbunden werden! Aber dass Sie sich dabei nur vorm hollischen Feuer in Acht nehmen! Teufels Grossmutter muss bose Katzen haben! Mies, mies, mies! ... Komm Mies und nimm dein Wochensuppchen von dem Herrn Gensdarmen! ... Herr Mullenhoff schickt dir's! Komm! komm! ... Unser Kindchen hat zwar die Nothtaufe gekriegt, aber sie ziehen's mit Milch und Wasser auf! Grossmutters Mieschen! ...

Hubertus, der kaum etwas von einer Katze gehort hatte, als er annehmen konnte, dass doch wol hier eine andere Fahrte, als die des Brandstifters gesucht wurde, hatte die Beruhigung, den Gensdarmen, der, als er dann eintrat, schon wieder die Treppe herabstieg, lachend sprechen zu horen:

Schon gut, schon gut Frau Schmeling! Wir thun eben, was uns befohlen wird! Ich hore und sehe und, was die Hauptsache ist, ich rieche nichts von Katzen bei Ihnen! Namlich Katzen, die hier gejungt hatten! Schon gut! Schon gut! Ei, da kriegt Ihr ja Mittagsgaste! Wir haben heute alle Hande voll zu thun! ... Nun, er ist richtig hinuber, Vaterchen! ...

Wer? fragte Hubertus, dessen Gedanken nur an Bickert hafteten ...

Der Landrath! ... Ja so! Den Menschen vom Schloss oben sucht Ihr? ... Wetter, das war gestern Abend Euer Meisterstuck! ... Ich glaub's wol, dass Ihr ihn nicht weiter habt bringen konnen als bis hieher! ...

Frau Schmeling hielt schon inzwischen dem Landrath nicht die erbaulichste Nachrede ... Und der Gensdarm schilderte Hubertus' gestrige Rettung des graflichen Dieners ... So ging denn diesem alles gemuthlich und beruhigend ...

Inzwischen fiel der immer doch noch nach Katzen spahende Blick des Gensdarmen auf ein junges Madchen, das in der Kuche stand ....

Ei Lene! sagte er erstaunt und fuhr mit zweideutigem Tone fort: Sie hier? Na! das dacht' ich wol, dass es mit Ihr so weit kommen wurde! Geb' Sie nur keinen Unrechten an! ...

Frauen, wie Mutter Schmeling, sind immer in der Lage, bei vermoglichen Leuten fur Ammen sorgen zu mussen und die Lene war ein blitzaugiges schwarzes Ding, das nachstens dazu empfohlen werden konnte ...

Ja, sagte die Hebamme hohnisch, auf dem Finkenhof kommt nun bald keine mehr zu Schaden! Der Finkenhof wird ein Betsaal ...

Bruder, Bruder, fuhr inzwischen schon wieder dem Monche zugewandt der Gensdarm fort ... Die Leiter so lange frei zu halten, das hatte keiner fertig gekriegt! ... Und schon am Morgen bei der Jagd die Noth mit unserm Alten! ... Der ist denn also hin ... Guter Kerl ist er gewesen, das ist wahr, aber krank war er im Kopf schon lange; vor lauter Ambition! Wir sagten's nur keinem ... Als der Kronsyndikus begraben wurde, sagte er noch: Gebt Acht, nun weiss ich, was der arme Tropf mir vermacht hat ... Hier auf den Deetz zeigte er ... Was steht denn da draussen fur ein Fuhrwerk? ...

So unterbrach schon wieder der Umsichtige sein Deuten auf den Kopf ...

Hubertus sprach ohne langes Besinnen, der Mann im Wagen draussen wolle ihm helfen den Kranken ins Spital bringen ...

Herr Seligmann? ... Das Fuhrwerk gehort Schoninghs ...

Mit diesen ruhig controlirend hingesprochenen Worten war der Scharfspahende in verhallender Rede zum Haus hinausgetreten und schon zum Hohlweg hinunter und auf Lob zu, der ihn mit herabgezogenem Hute begrusste ...

Inzwischen hatte das Lachen und Zanken der Schmeling fortgedauert ...

Die Hauptrollen dabei spielten Staat, Kirche, Welt, Zeit, Sitte, Vorurtheil, das Gleichniss vom Splitter und Balken, der Pfarrer zu Sanct-Libori und ein junges Katzchen, dessen Mutter man bei ihr suchte ...

Hubertus war zu beschaftigt mit seinem nachsten Vorhaben, um sich lange bei diesem Zwischenfall aufzuhalten ...

Wie geht's denn oben? fragte er, als die Magd ihm den gestern bestellten Speckkartoffelpfannkuchen brachte, dessen Fett- und Zwiebelgeruch das ganze Haus durchduftete ...

Suppe hat er und auch ein Stuck Fleisch genommen! hiess es ...

Nun, dann wird er's ja aushalten konnen! Ich nehm' ihn jetzt mit ins Spital oder ...

Hubertus murmelte wahrend des Essens und sah sich, scheinbar ruhig, nach der vorerwahnten Lene um, die sich auch vor ihm versteckt hielt ...

Jetzt trat sie vor und stand mit kecken, funkelnden Augen vor dem Bruder und setzte dem Kopfschutteln desselben eine leichtfertige Geberde entgegen ...

So, so weit also, Lene! sagte Hubertus ... Das hatt' ich wissen sollen, als ich dir deine Briefe an den braven Wachtmeister schrieb, der dich heirathen wollte ...

Die Lene zog den Mund und liess Mutter Schmeling reden ...

Die Lene ist heilig! kicherte diese. Ja, heilig, sag' ich Ihnen! Wer bei einem Pfarrer gedient hat, der kann gar nicht sundigen ...

Hubertus liess sich auf so leichtfertige Anspielungen nicht ein ...

Inzwischen klatschte draussen Seligmann ungeduldig mit der Peitsche ... Es fing ihn an zu frieren, zu hungern und die Zwiebeln und der Speck dufteten wol auch anmuthend zu ihm hinuber ...

Hubertus eilte nach oben und war im Begriff, in das Staatszimmer einzutreten ...

Als er die Thur offnete, bot sich ihm ein erschrekkender Anblick ...

Der Kranke stand im Hemde, mit den beiden eingewickelten Handen in abwehrender Stellung ... Furcht und Schrecken auf seinen Mienen ... Unfehlbar hatte ihn in solche Aufregung das Suchen des Gensdarmen gebracht, den er im Hause gehort hatte ... Zwar hatte der Gensdarm nur die Thur geoffnet und den graflichen Diener in seiner gestreiften Jacke scheinbar schlafend gefunden und sich mit leichtem Murmeln ohne weiteres entfernt ... Aber Bickert war hinter ihm her aufgesprungen und stand jetzt da, wie auf Tod und Leben gerustet ...

Jantje, Jantje! rief Hubertus, indem er sich schon zu einem Handgemeng rustete ... Ihr erkaltet Euch ja! ...

Wer ist Jantje? stohnte Bickert, aber mit gesammelter ausserster Kraft ...

Ei sieh, sieh, du kannst reden! ... Ich dachte gestern Bei so grossem Schreck hat mancher einen Krampf im Kinnbacken weg zeitlebens ...

Schreck? ... Woruber? ... Wer seid Ihr? ... Bringt mich aufs Schloss! ... Zu meiner Herrschaft, sag' ich ...

Hubertus wusste nicht, ob ihn der stumpfsinnige Mensch nicht mehr erkannte und keine Erinnerung hatte an den gestrigen Tag, keine Erinnerung an seine fruheste Knabenzeit, die ihm gestern doch nicht ganz verklungen zu sein schien, oder ob er seinen Absichten mistraute und sich so nur verstellte ...

Es ist ja ein Kohlentopf gewesen! sagte er mit Scharfe und drangte damit den vor Kalte Zitternden ins Bett zuruck. Jetzt aber ruhig da! Euere Stalljacke halt nicht warm ... ich habe unten eine tuchtige Rossdecke ... Ja, ein Kohlentopf war's, von dem das Feuer auskam! ... Nun, haltet doch nur! ... Ich ziehe Euch jetzt an! ... So war's nicht immer dazumal, wenn Hayum Picard an der Waldecke stand und pfiff und von der Windmuhle pfiff's wieder und Abraham kam und nein, seine Gevattern konnen wir nicht von Leon Levi und Moses Ocker sagen die Taufe kam erst in Brest, wo sie einem dann haha! gleich so ein hubsches Pathengeschenk mit auf den Arm brannten ... Haltet doch nur! ... So zart hat uns freilich die Hanne Sterz dazumal Sonntags nicht geputzt! ...

Die Macht aller dieser Worte war niederschmetternd ... Der Verbrecher vermochte nicht dagegen aufzukommen ... Hubertus wurde beim Ankleiden ruhig so haben fortfahren konnen, die Erinnerungen und das Gewissen des verstockt Niederblickenden zu wecken, wenn nicht vor Ungeduld, Neugier, Nachstenliebe, Anziehungskraft des Pfannkuchens Lob Seligmann auf der Treppe erschienen ware und sich erboten hatte, den Kranken tragen zu helfen "Gott! Bei deinen Kraften!" horte er im Geist die Hasen-Jette sagen ... Dem Gaul hatte er die Leine gekurzt und ihn vertrauensvoll stehen lassen ...

Auf diese Art konnte Hubertus keine andere Verstandigung herbeifuhren, als soweit nothig war, den jetzt Angekleideten zum Folgen zu zwingen ... Sich tragen zu lassen widerstand Bickert ...

Wohin? murmelte er ...

Gott im Himmel! sprach Lob Seligmann, staunend uber diese Widersetzlichkeit ... Der Mann ist noch im Fieber ...

Wohl musste er uber die wilde Miene des Trotzes, uber den Widerstand gegen eine Hulfe, die ihm so liebevoll geboten wurde, befremdet sein ...

Hubertus fuhrte Bickert und sprach laut:

Dass ich Euch nur da am Arme nicht weh thue! ... Da, wo Ihr das Brandmal bekommen habt, Aermster! Ich meine, gestern ... Es sieht aus, wie wenn auf dem Arme chinesische Buchstaben stunden ... Chinesisch hab' ich lesen gelernt ... Ein Jahr spater, als wir alle von Mynheer Kattrepel abgeholt wurden wisst Ihr Vater Kattrepel unterm Dreibein ich meine als ich unter die Soldaten nach Java ging ... Ja Lene! Lene! ... Wachtmeister war ich auch einmal ... Und betrogen das wurd' ich auch! ... So aber nicht, wie der brave Spikermann von dir! Leichtsinniges Ding! Lass dir's nur erzahlen von Mutter Schmeling! ... Frau, rechnet Euch all Euer Gutes vor Gott an und auch dies Werk der Barmherzigkeit ich meine, wenn Ihr einmal zur Rede stehen musst fur Euere lasterlichen Reden uber den Pfarrer zu Sanct-Libori und uns andere Gottesheilige ...

Im Verlassen des Hauses musste Hubertus den auf dem glatten Boden bergab Ausgleitenden dennoch tragen ... Bickert wusste nicht, ging es mit ihm hinter Schloss und Riegel oder zur Freiheit ... Wer der Monch sein konnte, dessen entsann er sich ... Dennoch, selbst wenn er ein Gegenstand nur wohlwollender Absichten blieb, erbitterte ihn die Entdeckung seiner Thaterschaft, die er so tief verschleiert geglaubt hatte und von der er auch jetzt annehmen konnte, dass sie hier Niemand ausser diesem Monche wusste ... Hammaker, der ihn gedungen und kurz vor seiner Verhaftung mit der Urkunde versehen hatte, war todt Noch einmal erhob er sich, schlug um sich und rief:

Ich will auf's Schloss! ... Zu meiner Herrschaft!

Lob Seligmann fuhr so jahlings zuruck, dass er fast noch gefallen ware zum Dank fur all seine Menschenliebe ... Nur die Kraft und Geistesgegenwart des Monchs halfen zuletzt zum Ziel ... Hubertus setzte den in eine Pferdedecke Eingeschlagenen entschlossen in den Wagen, wies Seligmann vorn auf den Bock, nahm neben Bickert Platz ... So fuhren sie alle drei von dannen ... Bickert zusammengekauert in der Wagenecke ... Hubertus neben ihm, voll Grubeln uber seine weitere Hulfe und hinausstarrend in die winterliche Gegend ... Lob vorn mit zuruckkehrender Heiterkeit und Redseligkeit, die sich um so mehr in kleinen zuweilen getrallerten Liedchen kund gab, als beim Ort Borkenhagen die Aufklarungen uber Leo Perl beginnen sollten ...

An dem von Lob bezeichneten Wirthshause wurde halt gemacht und der Gaul gefuttert ... Auch Lob nahm hier mit Auswahl, was sich vorfand ... Hubertus verschmahte trotz seines Pfannkuchens nichts, was ihm noch hier die Kuche schenkte ... Bickert aber lehnte alles ab ... Ja er fing an sich mit dem Gaul zu befreunden ... Hubertus blieb in der Nahe, um jede verdachtige Bewegung zu beobachten ...

Kennt Ihr mich also jetzt, Jean Picard? fragte er, indem er zu ihm mit einem Suppentopf herantrat und selbst mit dem holzernen Loffel ass, den er immer bei sich fuhrte ...

Bickert sagte, duster die buschigen Augenbrauen zusammenziehend und ihn voll Verlegenheit angrinsend: ...

Ich kenne Euch nicht und heisse auch nicht so ...

Das ware schlimm! entgegnete Hubertus. Denn ich bring' Euch in mein Kloster, wo ich gerade fur den, dem Ihr so ahnlich seht, eine hubsche Summe Geldes liegen habe ... Im Bettstroh, Bruderchen, heben wir uns manches auf ...

Der Verbrecher drehte sich vor Unruhe hin und her ...

Dass Ihr's brauchen konnt, weiss ich von einem wunderschonen Fraulein ... Weiss der Himmel, wie die an Euch gekommen ... Ja, es gibt manchmal seltsamen Geschmack ... Aber Amerika ist weit und einen guten Platz wollt Ihr doch auch haben, wenn Ihr zu Schiff geht, nicht einen, wo immer drei auf zehn sterben ... Sarge gibt's auf dem Wasser nicht, das wisst Ihr ... Wer draufgeht, ins Wasser! ... Ganz so nackt, ganz so kahl, wie dazumal, wisst Ihr, der Todte war, dem ein Teufel seine letzte Ruhe storte ...

Bickert erhob sich starr ...

Rollt Ihr so die Augen? ... Im Mondschein hab' ich vielerlei gesehen, Lowen und Tiger ... Auch Menschen, die sie zerrissen hatten ... Aber keinen kalten Todten, dessen Seele schon im Himmel ist und der neben seinem Sarge liegt, in dem ein Mensch noch nach Geld sucht! ... War denn kein heiliges Bild in der Nahe, das dazu zu sprechen anfing? ... Hayum's Taufe mag freilich nicht tief gegangen sein ... Hanne Sterz aber war leidlich fromm ... Wo steckt die wol jetzt? ... Auch unter der Erde? ...

Bickert sah bei diesen scharf betonten und fast nach den Silben ihm zugezahlten Worten empor wie zu einem Richtschwert ...

Inzwischen brachte Seligmann ein Glas Wein, das er dem Kranken anbieten wollte ... Die Kunde von dem beim Brand Verungluckten, durch Hubertus so aufopfernd Geretteten hatte sich im Wirthshause verbreitet ... Der Wagen wurde von Neugierigen umstanden ... Bickert verbarg sich in seiner Decke ...

Die Fahrt ging weiter, ohne dass Hubertus sich vollkommener mit Bickert verstandigen konnte ... Bickert sah ihn wie den Boten seiner Richter an ...

Tapfer und frisch ermuthigt schwang Seligmann die Peitsche ...

Hubertus gerieth ins Erzahlen und brachte Dinge zur Sprache, die nach allem, was von ihm erlebt worden war, wunderbar genug sein konnten ... Allmahlich schien Bickert daruber zur Ueberzeugung zu kommen, dass wol am gerathensten sein wurde, den guten Absichten des Alten, auf den sich sein verdustertes Gedachtniss besann, zu vertrauen ...

Schon war es Dammerung, als die langsam gehende Fahrt bei Borkenhagen am dortigen Pfarrhause ankam ...

Auf Lob Seligmann's Frage nach Leo Perl erwiderte Hubertus in der That:

Ja, den kannt' ich! Es war ein getaufter Jude! Juden nehmen Sie's nicht ubel, Herr Juden sind die curioseste Nation ... In Java hab' ich sie gerad gefunden, wie hier ... Brave Seelen darunter, wie Sie, Herr, wahre Samaritaner ... Aber auch schlimme blutdurstige sogar Wo sie unter sich und nach ihren eigenen Gesetzen leben, begreift man, wie sie sonst steinigen konnten, hinter Propheten herliefen, die um Wunder fragten und wenn sie auch noch soviel thaten, sie ans Kreuz nageln liessen ... Das ist die alte heisse Sonne Asiens ...

Auch Lob fuhlte in den Finales und bei den Choren der heroischen Opern immer etwas vom Blut der Makkabaer und gegen Bernhard Fuld hatte er an jenem Drusenheimer Sonntage wirklich im Geist nach dem Schwert gegriffen ... Doch lehnte er alle diese Ansichten uber das Temperament seines Volks ab und sagte lachend:

Der Jude ist heiss, das ist wahr! Aber wie Gott der Herr ist er ein Busch voll Feuer! Hat Einer Courage und greift zu, keiner verbrennt sich!

Bei Erwahnung des Namens Leo Perl und des Umstandes, dass Seligmann mit diesem Priester verwandt ware, horchte Bickert auf ... Auch ihm war dieser Name erinnerlich als Unterschrift unter dem lateinischen Papier, das er im Sarge des alten Mevissen statt Geld gefunden und an Lucinden gegeben hatte zur Uebergabe an Bonaventura ...

Ich sagte, fuhr Hubertus fort, dass ich den Pfarrer Perl kannte ... Aber eigentlich zum Kennen war der Mann nicht ... Er verrichtete sein Amt, war ein grosser Redner, celebrirte wie ein Heiliger, stattlich stand er am Tabernakel ... Aber in seine Nahe liess er Niemanden und die Leute furchteten sich vor ihm ...

Warum ist er Christ geworden? ...

Aus Erleuchtung denk' ich ...

Da oben hinterm Berg der Kronsyndikus und der Dechant von Asselyn in Kocher am Fall waren die Ursache seiner Erleuchtung ...

Auf den Namen "Asselyn" zuckten die Augenbrauen des Verbrechers und auch Hubertus kam von Seligmann's Fragen durch die Erwahnung des Kronsyndikus ab ...

Seligmann unterbrach jedoch sein Grubeln:

Sie haben Leo Perl nicht naher gekannt?

Nur einmal in meinem Leben hab' ich ihn gesprochen ...

Was hat er gesprochen? ...

Gesprochen hat er, um es recht zu sagen, vorher schon ein Jahr lang mit mir, aber durch Blicke ...

Durch Blicke ... Wie so Blicke? ...

Immer, wenn er mir im Feld begegnete, sah er mich mit seinen grossen schwarzen Augen an ...

Warum sah er Sie an? ...

Ich war damals Jager gewesen und eben erst ins Kloster gegangen ... Oft war mir, wenn ich ihn grusste, als wollt' er mit mir reden ... Dann blieb ich stehen ... Aber er ging voruber ... Das dauerte, bis seine schwere Krankheit kam ...

Welche? ...

Die Zehrung ...

Der starke Mann die Zehrung! ...

Wenn er hustete, krachte es wie ein Gewolbe ...

Gott im Himmel! ...

Ich liess ihm ein Mittel anbieten ... Ich dokt're schon lange ein wenig ...

Es half nichts ...

Er nahm's gar nicht ...

Nahm's nicht ... Aus Stolz auf die Gelehrsamkeit ... auf seine Wissenschaften ...

Oder er wollte keine Furcht vorm Tode zeigen ... Das sagte er mir einst, als ich das einzige mal mit ihm gesprochen hatte ...

Warum sprach er mit Ihnen? ...

Er wollte mir fur mein Mittel danken ...

Wollte Ihnen danken! ...

Bruder, sagte er, ich werde sterben ... In drei Tagen bin ich todt ...

Wusst' er das? ...

Wollt Ihr mir einen Gefallen thun?

Sprach der Pfarrer zu Ihnen ... Und Sie thaten ihn? ...

Finster zuckten seine Augen ... Er musste wieder heftig husten ... Als sich die Brust beruhigt hatte und er wieder sprechen konnte, schickte er seinen Vicar hinaus ...

Seinen Vicar ...

Namens Langelutje

Langelutje ...

Nun sah er sich um und sprach mit seiner heisern Stimme: Bruder Hubertus, ich habe von Euch manches Gute gehort! Aber auch Euch ist's schlecht im Leben ergangen! Auch Euch haben Liebe und Freundschaft betrogen ...

Was? Wen hat Liebe und Freundschaft betrogen?

Aber nicht alle sind so versohnlich wie Ihr! ...

Wer sind die Andern? ... Wen hat die Liebe betrogen? ...

Andere bleiben, was sie sind, andere treibt die Rache

Wen hat die Rache getrieben? ...

Bei diesem Worte erstickte des Pfarrers Stimme und der Husten begann so heftig, dass es wol eine Viertelstunde bedurfte, bis er sich erholt hatte ... Nun erhob er sich von seinem Lager und flusterte mir zu: Da! Wenn ich todt bin, Bruder, seht da hab' ich eine Schrift ...

Bickert's furchtentstelltes Antlitz bekam einen Ausdruck scharferer Fassungskraft ... Doch Hubertus merkte nichts davon ... Nur sorgen musst' er, dass Lob nicht vor Ansammlung von Mittheilungsstoff fur die Rumpelgasse sein Pferd aus dem Auge verlor ... Er fuhr fort:

Wenn ich todt bin, sagte der Pfarrer, da hab' ich eine Schrift ... Schwort mir zu Gott dem Allmachtigen, dass Ihr diese Schrift nie erbrechen wollt! ... Seht, sie ist mit meinem Kirchensiegel gesiegelt ...

Bickert fuhlte handgreiflich in der Erinnerung dies Siegel des lateinischen Briefes ...

Tragt diesen Brief, sowie ich begraben bin, hort Ihr, nicht gestorben, sondern erst, wie ich begraben bin, so, wie sich einem Pfarrer geziemt begraben, versteht Ihr, nach Witoborn hort Ihr, zum Bischof ...

Warum zum Bischof? brach Seligmann erstaunend aus, denn er war auf Testamentsgedanken gekommen und deutete im Ton an, ob katholische Pfarrer ein Testament nicht einfach bei den Gerichten niederlegen durften ...

Zum Bischof! bestatigte Hubertus. Es war dies damals der Bischof Konrad ... Ein Freund meines guten Guardians, des Provinzials Henricus ... Ein sanfter, milder Greis, der den Pfarrer Perl getauft hatte, ihn im Seminar zu Witoborn unterrichtete, zum Priester weihte ... Ein guter, hoch in die Jahre gekommener, vergesslicher Mann ... Er steht immer noch lebendig vor mir mit einer Nase ... so lang ...

Hatten Sie die Nase gehabt und gemerkt, was in dem Briefe stand! ...

Das erfuhr ich nie ... Der Brief war an die Curie gerichtet und abzugeben an den Bischof ... Dem gab ich ihn ... Der Bischof erbrach, sah eine lange Zuschrift in Latein, legte sie zum spatern Lesen zuruck und plauderte mit mir ... Nun und das ist alles, was ich mit Leo Perl im Leben zu thun gehabt habe ...

Mit einer nur scheinbaren Geringschatzung sagte Seligmann: Was kann er geschrieben haben? ... Er wollte damit nur verschleiern, dass man ja hier eine ausserordentlich wichtige Entdeckung anzunehmen hatte ...

Hubertus zuckte die Achseln ...

Warum war der Brief lateinisch? ...

Er hatte ohne Zweifel die Bestimmung, nach Rom geschickt zu werden ...

Warum nach Rom? ...

Weil der Heilige Vater alle unsere Wunsche in dieser Sprache zu horen wunscht ...

Warum schickte er seine Wunsche nicht selbst nach Rom? ...

Der Weg fur einen Pfarrer geht nach Rom nur uber seinen Bischof ...

Wissen Sie was? sagte Seligmann in immer mehr sich steigerndem Verlangen, hinter diesen letzten Willen seines leiblichen Vetters zu kommen ... Ich glaube, der Bischof hat den Brief gar nicht nach Rom geschickt ... Ich meine deshalb, weil er so vergesslich war ...

Nicht unmoglich ...

Und wenn er ihn doch schickte, dann hat er vorher eine Abschrift genommen ...

Was fur Rom bestimmt ist, muss fur Rom bestimmt bleiben ...

Nein, ich sage, der Brief liegt noch druben im witoborner Archiv und enthalt die Anzeige, dass sein Vetter Lob Seligmann oder ein Kind von Henriette Lippschutz, Namens David Lippschutz, alle seine geheimen Ersparnisse erbt, die Bucher ausgenommen, die ein gewisses Fraulein Veilchen Igelsheimer kriegt, deren Liebe und Freundschaft ihn n i c h t betrogen haben, und die alten Kleider, die sind furs Geschaft seines Vetters Nathan Seligmann bestimmt ...

Fragen Sie die jetzige Frau von Wittekind da oben! ... sagte Hubertus, von der nicht ganz im Scherz gemeinten Rede erheitert ... Ihr erster Mann war der Regierungsrath von Asselyn, der Vater des Domherrn von Asselyn ... Sie kann vielleicht

Was kann die Frau, die ich ja heute noch sehen werde? ... sagte Lob und wandte sich auf Hubertus' Stocken um ...

Hubertus zeigte aber eben nach dem Kloster Himmelpfort, das jetzt erreicht war und nur noch allein seine Gedanken in Anspruch nahm ...

Wir sind am Ziel! sagte er, liess halten und setzte nur noch, schon im schnellen Absteigen begriffen, hinzu:

Der Regierungsrath hat bald nach dem Tod des Bischofs alle Bibliotheken und Archive Witoborns zu ordnen gehabt ... Wenn er die Schrift damals noch vorfand, so liegt sie vielleicht in der Bibliothek des Konigs; sie war wie in Kupfer gestochen ...

Diese Reden verhallten schon in den Zurustungen des Aussteigens ... Die ernsteste und schwierigste Aufgabe war eben jetzt fur Hubertus zu losen, die, Bickert unbemerkt ins Kloster zu schaffen ...

Er lehnte ein Vorfahren am Kloster entschieden ab und weckte erst jetzt damit in Seligmann's Zugen einen Anflug von Staunen und Mistrauen ...

Es war dunkel geworden ... Das Wetter war ganz in Regen umgeschlagen ... Schwer senkten sich schon lange die Nebel uber die nahen Hohen ... Einsam und still lag das Kloster ... Hier und da blitzte in einer Zelle ein Licht auf ... Um acht Uhr ging dort schon alles zur Ruhe ... Zwischen sechs und sieben fand der Imbiss zur Nacht statt ...

Vorzugsweise hatte Hubertus beim Erzahlen immer die Kirche im Auge behalten ... Am Zifferblatt der Kirchthurmuhr schien er die Minuten zu zahlen, die noch ubrig waren bis funf ... Um funf wurde meistens die Kirche geschlossen ... Zuganglich war sie uberhaupt nur in einem Nebeneingang, der halb schon ins Kloster selbst fuhrte ...

An den beiden Pappeln, wo Stephan Lengenich so lange vergebens gewartet hatte, um den Pater Sebastus in seinem Wagen mitzunehmen, hielt nun auch Seligmann und sah, wie Hubertus, den Schlag offnend, dem jetzt ruhig folgenden, immer stiller gewordenen Kranken den Arm bot, um ihm hinunterzuhelfen ...

Schon lautete es druben zur Vesper ... Hubertus wusste, den Strang zur Vesperglocke zog Pater Ivo ... Vor dem konnte er ruhig vorubergehen und sogar Bikkert im Arme tragen, der Pater wurde nicht aufgeblickt, sondern nur gesungen haben: Maria, Maienkonigin!

Hubertus wandte sich an den uber das Geheimnissvolle im Benehmen des Monches jetzt immer mehr betroffenen Seligmann mit den Worten:

Guter Mann! Ich danke Ihnen von Herzen! Aber thun Sie mir jetzt nur noch einen Gefallen! Warten Sie noch ein Viertelstundchen ... Ich muss erst die Bewilligung des Guardians einholen ... Ein Viertelstundchen! Dann vielleicht komm' ich zuruck ... Wo nicht, nun dann ist alles gut, dann dank' ich Ihnen herzlich und wollen Sie mir nur noch Eines zu Liebe thun, so sprechen Sie von unsrer Reise mit Niemanden, der nicht darnach fragt oder, besser noch, zu fragen ein Recht hat! Vor Allem von der Unterkunft des Mannes hier im Kloster schon zu Niemand Sie wissen, es ist wegen der Doctoren! Wir sollen ja im Kloster nur die Seelen heilen! ...

Seligmann, der nicht gern auf ungesetzlichen Wegen wandelte, versprach etwas befangen, warten und schweigen zu wollen ...

Hubertus fuhrte den Kranken langsam dem Kloster zu und verschwand mit ihm allmahlich hinter Hecken und im Abenddunkel ...

Jetzt erst bekam doch der ganze Vorfall mit seinem Samaritanerherzen etwas auffallend Abenteuerliches fur Lob ... Perl's lateinischer Brief an den Bischof von Witoborn ... Die geheimnissvolle Uebergabe erst nach dem richtigen Begrabniss eines katholischen Pfarrers ... Die scharfe Betonung der Rache ... Nun dieser Abschied ... Er begnugte sich noch, in allem heute zu Erfahrung Gebrachten blos eine reiche Befruchtung der Phantasie, des Verstandes und des Herzens seiner kleinen Weisheit in der Rumpelgasse zu besitzen ... Aber das Dunkel der Nacht nahm jetzt zu ... Hier die Einsamkeit wurde gespenstisch ... Das Davonschleichen des Monches mit dem Kranken, der, wie er erst jetzt bemerkt hatte, sogar seine Pferdedecke als Angedenken mitgenommen hatte alles das bekam etwas Beklemmendes ...

Bei alledem verging die Viertelstunde ...

Es verging auch eine halbe ... Hubertus kam nicht zuruck ...

Die bestimmte Weisung des Monches, dass er weiter fahren konnte, wenn er nicht zuruckkehrte, hatte Seligmann allerdings empfangen ... Indessen, gab er auch die Pferdedecke preis er taxirte sie auf die Zinsen, die ihm die kleine Auslage vor Gott wieder einbringen wurde sein gefalliger Sinn bestimmte ihn noch zu bleiben oder wenigstens seinen Gaul nur langsam, und auch nur dem Kloster zu, sich in Bewegung setzen zu lassen ...

Er sah sich dabei nach rechts und links um und spahte, ob nicht doch noch der Monch zuruckkam ...

Alles blieb aber still und einsam ... In der Ferne sah er Hauser im Nebel schwimmen, aber in nachster Nahe befanden sich nur Felder, abgegrenzte Garten, kleine Baumgruppen, keine Menschen ...

So erreichte er eine stattliche Allee, die zum Kloster fuhrte, und hielt auch hier noch eine Weile ...

Da er durchaus Niemanden zuruckkommen sah, fuhr er die Allee entlang dem Kloster zu und bekam immer mehr Mistrauen uber all die sonderbaren Umstande, unter denen Hubertus seinen Pflegling mitgenommen ... Warum das alles so heimlich? sagte er sich ... Von jener Vorsicht, die man im Kloster wegen der Aerzte zu nehmen hatte, war er anfangs entschiedener uberzeugt gewesen, als jetzt ...

Inzwischen stand er dicht an der stattlichen Treppe, die zum geschlossenen Portal der Kirche fuhrte ...

Als es noch immer still blieb, wollte er endlich weiter fahren ...

Aber sein wissbegieriger Sinn bestimmte ihn, noch einmal einen Versuch zu machen, ob er nicht etwas von den beiden Verschwundenen in der Kirche selbst entdecken sollte ... Die Pferdedecke war an sich verschmerzt, er hatte aber doch gern gewusst, wo sie geblieben ...

Dicht an dem Ende der stattlichen Aufgangstreppe zur Kirche begann die Einfriedigungsmauer des Klosters ... Einige Schritte entfernt lag eine Thur, von der er durch den Besuch bei Pater Sebastus wusste, dass sie in einen kleinen Vorhof, dann zur Linken ins Kloster, zur Rechten durch einen Gang in die Kirche fuhrte ...

An diese Thur ging er und druckte, mit einiger Beklemmung uber seinen Antheil an den Ursachen, die den Pater Sebastus in Haft gebracht hatten, auf die Klinke ...

Die Thur ging auf ...

Alles war still ... Vorsichtig trat er einige Schritte weiter bis an den Gang zur Kirche ...

Da horte er plotzlich einen lauten, entsetzlichen Schrei ... Gellend, markdurchdringend ertonte es ...

Der Schrei kam von der Kirche her und war wie die Stimme eines Erstickenden ...

Unmittelbar darauf horte man noch ein furchtbares Krachen, das weit in der Kirche widerhallte ...

So bang ihm jetzt zu Muthe wurde und so fern ihm jede Melodie der Ermuthigung ins Ohr klang etwa ein "Frischgewagt!" aus "Maurer und Schlosser" er war mit zwei Schritten, die auf dem Steinboden angstlich knirschend widerhallten, dennoch vollends der Thur der Kirche noch naher getreten ...

Da horte der Tollkuhne eine leise Stimme singen, horte einen Schlusselbund drehen, sah Jemand aus der Kirche kommen und huschte erst jetzt zuruck auf den kleinen Vorplatz, von dem man in die Halle trat, wo sich die Gange links und rechts theilten ... Bei alledem dachte er: Ei was! Du kannst ja ein Verlangen tragen, dir die Kirche anzusehen ... So blieb er stehen ... Und was kann denn auch so Entsetzliches geschehen sein, da ja ein so ruhiger Zeuge zugegen war! ...

Die Kirchthur wurde zugeschlossen ... Ein Monch ging voruber und sang fur sich ganz ruhig und friedlich ... Wie er Lob Seligmann erblickte, rief er allerdings plotzlich: Husch! ...

Dies Husch! war eigen ...

Husch! husch! wiederholte der Monch und wehte doch nur durch die Luft, wenn auch schon ganz dicht unter Seligmann's Nase ...

Wie ein Donnerwetter sprang Lob denn nun doch von dannen, liess die Mauerthur offen, rannte an seinen Wagen, sprang auf diesen hinauf, ergriff die Peitsche und lenkte den Gaul lieber von der Treppe ein wenig abwarts ...

Niemand kam ihm nach ...

Lob musste annehmen, dass seine Aufgabe erfullt war, und fuhr von dannen ...

Noch einmal fuhr er die ganze Lange der Kirche voruber und seltsam! nun war es ihm, als sahe er an einem vergitterten Fenster der untersten Gewolbe einen Lichtstrahl ...

Er hielt sich indessen nicht mehr auf ...

Der entsetzliche Schrei, das furchtbare Krachen, das so gespenstisch in den Gewolben hin und her irrende Licht brachten ihn um allen Anhalt polizeigemasser Beruhigungen ...

Noch drei Stunden brauchte er, bis er Schloss Neuhof erreicht hatte ... Noch einmal musste er tranken und futtern, bis er die schonen Tannen des freiherrlich Wittekind'schen Parks sah ...

Dann liess ihm allerdings die Prasidentin im Seitenflugel ein freundliches, wohlgeheiztes Mansardenzimmer anweisen, liess ihm ein Essen vorsetzen und ihn auf morgen bescheiden ...

Vom Brand auf Westerhof war, wie er an der Bedienung sah, auch hier alles erfullt ...

Nicht minder von Hubertus und von dem geretteten Diener ...

Lob konnte von alledem als Kenner berichten ...

Indessen er hatte den Muth verloren, sich als einen Eingeweihten der Kirche zu bekennen ... Schon einmal war ihm die Begegnung mit einem Monche ubel bekommen ... Dies stille Husch! Husch! Jener Schrei, das Krachen, das Licht im untern Gewolbe Es kam ihm eine Vorstellung, als setzte ihn das Schicksal vielleicht einmal selbst in Musik und verwandelte ihm sein jetzt sich so heiter anlassendes Leben in eine Oper mit tragischem Ausgang ...

Er riegelte die Thur zu und entschlief mit gespannter Erwartung auf die kommenden Enthullungen ... Er fasste den Vorsatz, durch taktvoll diplomatisches Beherrschen seines Mittheilungsdranges, der Sphare, in der er hier leben durfte, nach allen Richtungen hin Ehre zu machen.

20.

Das musste man aber sagen mochte auch der Kronsyndikus die letzten Jahre seines Lebens in Geistesschwache zugebracht haben, uberall sah man die von fruher her stammenden Spuren seiner rastlosen Natur. Die Guter der Dorste-Camphausens waren dagegen im Verfall.

Rings um Neuhof erhoben sich stattliche Anlagen, die selbst noch aus der winterlichen Decke in ihrer Bedeutung fur die Zeit des Wachsens und Bluhens vielversprechend hervortraten ... Auf den Feldern, obschon sie hoch gelegen waren, bemerkte man selbst noch in den schneebedeckten Furchen die sorgfaltige Cultur ... Kalkofen, Ziegeleien fanden sich auch hier, doch alles in stattlicherer Erscheinung, als bei den Dorstes. Der Holzschlag in den Waldungen war nach der Regel, mit Schonung und Voraussicht auch fur kunftige Zeit ... Die Buschmuhle, wo einst der Deichgraf gehaust, war ein Meyerhof von ganz besonderer Pflege. Dass dem Deichgrafen dafur gleichfalls ein Ruhm gebuhrte, wurde nicht mehr viel erwahnt. Raschlebend ist unser Geschlecht oder entschuldigt sich die Gegenwart durch die Sorgen, die auch ihr genug aufgeburdet sind? Traurige Kranze, die auf Friedhofen Niemand mehr erneuert! Trauriger Herbst, der zwischen verrosteten Gittern Jahre lang hangen bleibt, bis der Wind zu Hulfe kommt und auch mit diesem einst so bluhenden Fruhling die Erde dungt!

Der Park schien unverfallen ... Die Ulmen, unter deren Schatten Lucinde so oft dahingehuscht, standen hoch und auch ohne Blatter stolz und vornehm ... Die Tannenbaume gaben dem Ganzen einen Schein des Sommerlebens ... Die Pavillons verriethen Bewohner, wie sonst. Nur der Teich war noch nicht aufgethaut; das grosse Geflugelhaus sah wie ein riesiger Strohmann aus; seine Bewohner mussten gegen die Kalte geschutzt werden ... Wie stattlich war das Schloss! Wie gewandt waltete schon der Erbherr! Wie sah man auf dem Hof von den Fenstern in der Fruhe schon alles in Bewegung! ...

Frau von Wittekind schritt trotz der Kalte und der feuchten Luft uber den Hof und konnte, resolut wie sie war, Lob von der Verlegenheit befreien, eben die nahere Bekanntschaft mit zwei wilden Neufundlandern zu machen ...

Gut geschlafen, Herr Seligmann? lachelte sie ... Sie bleiben doch den Tag uber hier? ... Wir haben viel zu plaudern ... Aber erst nach Tisch! ... Machen Sie sich's bequem! ... Sie sind unser Gast! ...

"Sie sind unser Gast!" Seit dem: "Speisen Sie bei mir in Drusenheim!" das ihm im Herbst Bernhard Fuld so vielverheissend und so wenig erfullend zugerufen, nahm Lob diese Phrase nicht mehr allzu wortlich ... Schon wusste er auch, Frau von Wittekind war genau ... Sie liebte das Geld und verhandelte mit ihm mehr daruber, als ihr Gatte ... Lob sollte sein Urtheil uber noch weitere Verbesserungen der grossen Besitzungen geben und Vorschlage zu Verkaufen machen; an baarem Gelde war Mangel ... Auch in des Kronsyndikus e c h t e m Testamente standen nicht kleine Legate zu bezahlen ...

Frau von Wittekind hob sich durch ihr schwarzes Atlaskleid, in das sie sich schon in aller Fruhe geworfen hatte, stattlich von den weissen Wanden des Schlosses ab ... Sie schlupfte behend uber den mit Kieselsand bestreuten Hof. Ein eigenthumlicher Kopfputz von schwarzem Draht und Schmelzperlen zierte das noch schone dunkle Haar der schlanken Frau, die gegen die gedrucktere und durch die Jahre verkummerte Gestalt ihres Gatten sich wie eine noch jugendliche hervorhob ... Lob sollte sich erst, da Besuch erwartet wurde, auf den Nachmittag zu umstandlicheren Conferenzen bereit halten ...

In den Zimmern, wo einst Lucinde und Klingsohr jene verhangnissvolle Abendstunde zubringen durften, wurde schon eine Tafel hergerichtet ... Noch waltete dabei die Lisabeth, die den Makler scheu von der Seite anblickte ... Lob wusste, dass sie ihm seine Bekanntschaft mit dem Kufer nachtrug. Sie war fast eine Dame geworden ... Nur durch die Angst, die letzte Stunde ihrer hiesigen Wirksamkeit durfte bald geschlagen haben, mochte sie heute etwas freundlicher gestimmt sein, als schon lange in ihrer Art lag ...

Lob suchte Frieden und Freundschaft mit aller Welt und plauderte sich gern aus dem Herzen heraus in die Herzen hinein ... Das Schone und Vornehme ubte einen besondern Reiz auf sein asthetisches Gemuth ... Silberne Gerathschaften, die man in die obern Zimmer trug, reizten seine Neugier nach dem Glanz, nach den Farben, dem Marmor, die oben verschwendet sein sollten ... Nur umschnoberten ihn noch die fatalen Hunde und hielten die schreckhaften Erinnerungen von gestern wach, auch die dunkeln Sagen von der Vergangenheit dieses Schlosses Neuhof ...

Erschreckt umherirrend und doch traumerisch alles bewundernd und taxirend kam Lob auf die grosse Treppe. Stufe fur Stufe zahlend, schlich er hinauf ...

Eine hohe Flugelthur stand mit beiden Schlagen offen ...

In diese trat er behutsam ein, seine Neugier durch Bewunderung maskirend ... Ein zuletzt vollkommen naturliches Staunen ergriff ihn uber all diese Pracht ... Er hatte viele Herrenhofe besucht; aber diese Schonheit an Stuccaturen und Malereien, an bronzirten Marmortischen, in denen man sich hatte spiegeln und rasiren konnen, war ihm noch nicht vorgekommen ... Reizend war eine links gehende Galerie, an den bemalten Wanden mit seidenen Divans und Glaskronen und Bronzeleuchtern geschmuckt ... Die Malereien stellten Scenen, wie er sich ganz richtig sagte, aus dem Olymp vor ... Wie drang da der Klang des Liedes: "Vom hoh'n Olymp herab ward uns die Freude!" das manchmal die Studenten im Roland am Huneneck sangen, in seine Seele! ... Das war nun diese "Freude" aus "Olim's Zelten". Leider machte er diesen Schnitzer zum Staunen und zum Lachen seines Neffen David Lippschutz, als er spater diese Vorfallenheit in einem Briefe nach Kocher meldete Er verwechselte "Olim's Zeit" mit der Zeit des Olymp ... Allerdings war auch hier eine Olim's Zeit! Fur so verfangliche olympische Gegenstande, wie an diesen Wanden von Kunstlerhand wiedergegeben waren, wurde die Gegenwart nicht einmal die raschbereiten Kunstlerhande aufgefunden haben ... Sie glichen den Fresken uber Alexander und Roxane, die sich zu Rom von Rafael's Hand im Hinterzimmer der Galerie des Fursten Borghese befinden.

In jetzt unverfanglicher, rein kunstkennerischer Stimmung verlor sich Lob immer weiter im Corridor und kam in einen grossen Saal, der seinerseits etwas Schauerliches hatte durch seine riesigen Dimensionen und seine Unwohnlichkeit und Kalte ... Der Saal war rings mit Spiegeln belegt ... In ganzer Figur, von seinen etwas zu kurzen schwarzen Beinkleidern an mit den hervorstehenden Knieen bis zum Scheitel seines heute ohne zu laute Musikbegleitung frisirten Haares, sich in Lebensgrosse betrachten zu konnen reizte Lob ... Er musste im ganzen Saal auf den Fusszehen die Runde machen ...

Alles war still ... Er griff an den Girandolen die Glastropfen an und liess sie hin und her baumeln ... Er erfreute sich an dem hellen Ton, den sie von sich gaben ... Dann taxirte er das Krystall, die Bronze, den Sammet, und war besonnen genug, die Kunst der Decoration hoher anzuschlagen, als den massiven Werth ... Viele der Bronzirungen zeigten stark den "Zahn der Zeit", jenen Begriff, den Veilchen in ihrem Humor vorgeschlagen hatte zum Namen des Nathan Seligmann'schen antiquarischen Geschafts zu wahlen ... In das Geschaft: "Zum Zahn der Zeit" gehorte bei naherer Besichtigung fast jeder dieser Plusch- und Seidenstuhle ... Und so bekam Lob auch Handelsideen zum besten seines Bruders ...

Daruber verging eine geraume Zeit ...

Als er sich dann endlich auf den Weg machte, um umzukehren, erschrak er bei einem fluchtigen Blick in den Hof ... Er sah aus einem eleganten Wagen einen Monch aussteigen ...

Bruder Hubertus das? sagte er sich und die Erinnerung an die gestrigen Erlebnisse ergriff ihn mit schreckhafter Macht ...

Hubertus war es aber nicht ... Lob besann sich, es war Pater Maurus, der Provinzial und Guardian selbst ... Kam er etwa, um sich nach ihm zu erkundigen ...

Die Diener verbeugten sich tief ... Lob beruhigte sich ... Der Klosterabt schien mit freiherrlich Wittekind'schem Wagen aus seiner Zelle abgeholt worden zu sein ...

Vor Neugier und Gewissensbissen gerieth Lob bei dem Gedanken an seinen Ruckzug in einen falschen Corridor ... Es liefen deren zwei in den grossen Ballsaal ab ... Einer sah dem andern so ahnlich, dass Lob nicht wusste, war er durch den linken oder durch den rechten gekommen ...

Als er seinen Irrthum erkannte, mochte er nicht den weiten Weg umkehren, sondern hoffte, eine der mehreren kleinen Thuren, die er hier sahe, verbande vielleicht beide Corridore ... Er druckte eine derselben auf ...

Siehe da! Das war ja ein ganz seltsames Gemach ...

Er trat einen Schritt vor, orientirte sich im Dunkeln ... da o Himmel! fallt die Thur hinter ihm in ein Schloss, zu dem er keinen Drucker findet ...

Im Dunkeln durchtastet der plotzlich zu allen Schrecken nun auch noch selbst Gefangene die ganze Lange der Ritzen an der Thur dahin, reisst sich an der Spitze eines hervorstehenden Nagels die Veranlassung zum schmerzhaftesten Au! ein und steht mit einem blutenden Finger ... Was jetzt thun? ... Klopfen? ... Larm machen? ... Seine Neugier selbst an die Oeffentlichkeit bringen? ...

Grossen Mannern gehen ihre Schatten voraus, sagt Jean Paul, und lebhafte Phantasieen erfassen sofort die ausserste Moglichkeit ... Lob Seligmann sah sich vor Discretion, vor Scham und vor jetzt vielleicht erst kaum halb bestrafter Neugier stumm ringsum ... Er sah sich hier eines langsamen Hungertodes sterben ganz wie Florestan in "Fidelio" ...

Das Zimmer war ohne Fenster ... Es konnte nur benutzt werden durch Erleuchtung ... Hochst prachtvoll, wenn auch gleichfalls schon fur das Geschaft "Zum Zahn der Zeit" brauchbar, war auch hier die Decoration ... Hier mussten sicher einst die uppigen Schonen auf schwellenden Divans geruht haben, wenn sie auf Ballen vor der Hitze des Tanzsaals flohen ... Das sind Cabinete, dachte er, wie die, in welche Don Juan die Tausend und Eins entfuhrte ... Und um ihn her geigte und trompetete alles ... aber im Geist rief er mit dem Schrei der Zerline: "Hulfe! Rettung!" ...

Mit der linken Hand, die er der Vorsicht wegen lieber jetzt mit einem glucklicherweise in der Tasche vorgefundenen Pelzhandschuh bewaffnete, rutschte er an den Wanden entlang, immer noch in der Hoffnung, einen Drucker zu einer nicht sofort ersichtlichen andern Thur zu finden, und schon gewohnte sich sein Auge an die Finsterniss ...

Und wirklich die Hand fuhr jetzt auf eine Klinke und ein neues Zimmer ging auf ...

Aber auch dies Zimmer war ohne Ausgang ... Es war von gleicher Beschaffenheit, wie das vorige ... Auch hier war alles auf Beleuchtung berechnet ... Gott meiner Vater! seufzte Lob ... Er hatte manchen vornehmen Ball, selbst Balle bei seinen Vettern Fuld, in der Ferne beobachtet; er konnte sich denken, wie prachtvoll das sein musste, wenn hier alles von Lichtern widerstrahlte, Eis herumgegeben wurde, lachend und reizvoll dahingegossen die Schonen auf den Divans lagen, die Herren um sie her voll Bewunderung und Galanterie ... Da und dort sah er Spieltische ... Gold und Silber glanzte ihm unter den Karten entgegen Aber links und rechts waren sammtliche Drukker abgeschraubt ... Nur in der Mitte gingen die Thuren auf ... So zu einem dritten Zimmer, das er gleichfalls noch offnete ... Die Luft war dumpf und stikkig ... Hier war seit Jahren nicht geluftet worden ... Lob wurde immer lebendigbegrabener ...

Schon schickte er sich an, seinen Weg durch die drei Verliesse zuruckzunehmen und sein Heil, mit dem Risico des Verlustes seiner Kundschaft auf diesem Schlosse, in einem durchdringenden Hulferuf zu suchen, als er hinter der Wand, da, wo es noch in ein viertes Zimmer gehen konnte, sprechen horte ...

Jehovah sei Dank! war sein erstes Gefuhl ... Er wusste, dass schon ein lautes Klopfen nun nicht mehr ohne Beistand bleiben konnte ...

Sollte er jetzt gleich an die hier ohne Zweifel wiederum befindliche Tapetenthur pochen oder sich vorlaufig in Ruhe verhalten? ...

Das Gesprach nebenan schwieg plotzlich ...

Leise wagte er auf den in den inneren Verbindungsthuren vorhandenen, aber uberall festgeschraubten Drucker den wunden Finger zu legen ...

Hier nun war die Thur verschlossen und sicher vermuthete man nebenan nur eine Wand und lehnte sich sorglos an sie an und war keines Lauschers gewartig ...

Wieder begannen die Stimmen ...

Jetzt vernahm auch Lob Worte, horte Namen, die ihm bekannt waren ... ja die Namen "Borkenhagen" "Himmelpfort" "Westerhof" fielen ... Nun schienen sie Anlass zu Mittheilungen zu werden, die ihn interessirten und die vielleicht mit seinen gestrigen Erlebnissen zusammenhingen ...

Deutlich unterschied er die Stimme Terschka's ... Deutlich die des Prasidenten ... Zwei andere wusste er noch nicht recht hinzubringen ... Eine davon war ihm nicht ganzlich unbekannt ...

Kampfend mit sich, was zu thun sei, ob er rufen oder schweigen sollte, ging er noch einmal leise durch alle Zimmer zuruck, suchte uberall, wo ein Ausweg sein konnte, seine Befreiung, fand diese aber nicht und beredete sich, entschlossen zu sein, zu rufen, zu klopfen, durch die geheime Tapetenthur mit seiner "fragwurdigen" Anwesenheit hervorzutreten in die feine Gesellschaft und ganz gehorsamst um Entschuldigung zu bitten ... In Wahrheit aber setzte er sich hin, um zuzuhoren ...

Jetzt erkannte er auch die dritte Stimme ... Den ehemaligen Vicar von Sanct-Zeno, den Neffen des Dechanten, den Domherrn von Asselyn ... Der Vierte war ohne Zweifel der Provinzial ... Sollte er d a seinen hulfestehenden Septimenaccord einsetzen und ein so schones Quartett storen? ...

Und es kam denn so, dass er auf einem Polstersessel dicht an der Thur verblieb ... Es kam denn so, dass er zum Horcher wurde mit und wider Willen ... Es kam denn so, dass er Dinge horte, die ihm vor Frost die Erinnerung an den noch nicht uberstandenen Februar weckten ... Es kam denn so, dass er eine der schweren Seidendamastdecken von den Tischen zog und, trotz der in ihnen befindlichen Motten, sie um sich schlang und sich einhullte und dass er sogar noch eine zweite holte und sich wie ein Hoherpriester zu Jerusalem vorkam mit den Urim und den Thumim ... Denn die schweren Goldtroddeln hingen ihm quer uber die Brust hinweg ...

Der Prasident von Wittekind sprach mit einer, wie es schien, hochst erregten und von seiner gewohnlichen kalten Art ganz abweichenden Stimme fest und bestimmt die deutlich horbaren Worte:

Ja, Herr von Terschka! Ich war vorbereitet auf einen Bevollmachtigten, den man in dieser betrubenden Angelegenheit mir von Rom aus schicken wurde! ... Hm! Hm! ... Dass es aber Sie sein wurden, gesteh' ich, hatte ich nicht erwartet ...

Seligmann brauchte nur von "Rom" zu horen, um mit gespannterer Aufmerksamkeit zu folgen ...

Herr Prasident, antwortete Terschka mit seiner Lob bekannten leutseligen Harmlosigkeit, die nur zuweilen, wie Lob gleichfalls hatte bestatigen konnen, unter vier Augen nachdrucklich abgelegt werden konnte; Herr Prasident, bei meiner nahen Verbindung mit dem Grafen Hugo ist der Auftrag, den ich vorgestern durch den Herrn Provinzial entgegengenommen habe, nicht so auffallend ... Ich kenne ja auch selbst sehr genau das ausserordentlich liebenswurdige Madchen, das halt so zu sagen eine Adoptivtochter des Grafen Hugo ist ...

Seligmann rustete sich auf Vervollstandigung seiner genealogischen Kenntnisse, die in diesen hohen Kreisen immer empfehlend sind ...

Ich muss Sie, lieber Sohn, sprach der Prasident und redete damit ohne Zweifel den Domherrn von Asselyn an, ich muss Sie mit dem Gegenstand unserer Verhandlung bekannt machen, welcher Sie jetzt nicht nur in Ihrer Eigenschaft als mein Sohn und Freund, sondern auch als geistlicher Rather und zuverlassiger Zeuge beiwohnen ... Man hat von Rom aus in einem an den Herrn Provinzial gerichteten Schreiben ausdrucklich ...

Diese Worte brachen fur Lob nicht ganz verstandlich ab ...

Eine Pause deutete die stumm bejahende Geberde des Pater Maurus an, der demnach zu den drei Lob jetzt bekannten Personen wirklich die vierte war ...

Mein Vater, fuhr der Prasident mit Erregung fort, hat leider aus dem himmlischen Gnadenschatz alle die Spenden nothig, die er uns Sundern bietet ... Ich spreche dies mit Schmerz, aber offen aus ... Zu einer ganz besondern Krankung fur mich mussen die lebenden Zeugen seiner Verirrungen dienen ... Doch werden diese befriedigt werden und sie sind es zum Theil schon Nur Ein Verhaltniss bot und bietet noch immer Schwierigkeiten. In Rom befindet sich eine Frau, von der man behauptet, sie hatte Anspruche, sich die zweite Gemahlin meines Vaters nennen zu durfen. Sie soll auch in der That von einem fruhern Pfarrer dieser Gegend ich glaube Leo Perl

Seligmann erbebte bei Nennung dieses Namens. Jetzt verwarf er alle Ermahnungen seines Gewissens, die ihm unausgesetzt zuflusterten, sich ein Zimmer weiter zu setzen und sich nicht in die Geheimnisse der vornehmen Welt zu drangen ...

Nicht wahr? unterbrach sich der Prasident, als suchte er sich der Richtigkeit des Namens zu vergewissern ...

Die Herzogin von Amarillas kennt vielleicht den Namen des Geistlichen nicht mehr, der sie traute ... sagte Terschka ...

Der sie traute haha! Das ist es! Mit meinem Vater namlich, lieber Sohn! Es handelt sich um eine Frau, die nichtsdestoweniger, dass sie sich Frau von Wittekind-Neuhof zu nennen berechtigt sein will, doch 1813 von Kassel aus nach Paris fluchtete und dort eine neue Heirath vollzog mit einem spanischen Granden, leider einem Granden ohne Vermogen, dessen langer Titel sie lockte ... Von der schweren Sunde der Bigamie, scheint es, will die romische Curie die Herzogin von Amarillas freisprechen und sich jetzt plotzlich fur die erste Ehe entscheiden ...

Herr Prasident, nein! sagte eine rauhe Stimme ... Ohne Zweifel war es die des Monches ...

Bigamie! ... Zwei Manner auf einmal! ... Lob Seligmann schauderte vor einer Situation, die ihn zum Zeugen solcher Enthullungen machte ...

Der Prasident, sich in seiner Anklage gegen Rom massigend, fuhr fort:

Allerdings gestehe ich, Herr Provinzial, nicht vollig klar zu sehen in dem Interesse, fur welches Herr von Terschka auftritt, und wieder in dem, fur das Sie beauftragt sind. So viel weiss ich und will es nicht leugnen, dass diese Frau von Wittekind-Neuhof zwei Kinder von meinem Vater besitzen soll; als Herzogin von Amarillas war sie gewissenlos genug, sie beide zu opfern ... Mein Vater, von dem muss ich es leider ebenso eingestehen, machte sich keine Sorgen um die Folgen seines Temperaments Er uberliess diese Kinder, denen ich ihr Dasein und eine gewisse Berechtigung auf meine Anerkennung als naturliche Geschwister nicht im mindesten abstreiten will, dem Zufall, der sie dann auch wirklich seinen Augen entruckte ... Jetzt soll eines dieser Kinder entdeckt sein. Von wem entdeckt? Entdeckt in einem Augenblick, wo die Herzogin von Amarillas in Wien aufzutreten gedenkt, in Wien, wo, wie uberall, Gesetze gegen Bigamie herrschen, falls die Curie nicht hilft. Doch, wie gesagt, rathselhaft sind mir diese Entdecker einer Schwester die ich haben soll. Es ist eine gewisse Angiolina Potzl, glaub' ich, ein Madchen, das, wie Herr von Terschka sagt, zufallig vom Grafen Hugo vor Jahren gefunden worden es war ja wol mein' ich bei einer Kunstreitergesellschaft ?

Auf dies auffallend scharf betonte Wort trat eine Pause ein ...

Terschka schien die Frage uberhort zu haben ...

Graf Hugo, fuhr in immer mehr sich steigernder Scharfe der Prasident fort, hat edel an dem Kinde gehandelt, das von jener sogenannten Frau von Wittekind, meiner Stiefmutter auf der Landstrasse verlassen wurde bei jener damaligen Flucht der kasselschen Oper Ich vergass Ihnen namlich zu sagen, lieber Sohn, Frau von Wittekind-Neuhof war ursprunglich eine italienische Sangerin ...

Horten fur Lob Seligmann die Gewissensscrupel schon lange bei Nennung des Namens Leo Perl auf, so fuhlte er nun vollends die behaglichste Warme, sowol unter seinen bunten Decken und auf dem gepolsterten Sessel, wie vor Antheil an dem Vernommenen selbst ... Ein Uebergang der Enthullungen in die Sphare der Oper ... Eine italienische Sangerin ... Er gedachte der Henriette Sontag, die eben damals eine Grafin Rossi geworden war ...

Graf Hugo, fuhr der Prasident fort, hat sein Pflegekind lieb gewonnen, so lieb, dass er nicht abgeneigt sein soll, aus ihm seine Gemahlin zu machen ... Vortrefflich ginge das, wenn Angiolina Potzl eine rechtmassige Freiin von Wittekind ware ... Herr von Terschka stellt mir das Ansinnen, diese Wendung der Dinge moglich zu machen ... Ich weiss nicht, ob dies auch der Antrag des Grafen Hugo selbst ist, und offen gestanden, ich kann es kaum glauben ... Wurde er seine Schwiegermutter in Wien mit einem Process auf Bigamie empfangen wollen? ...

Auf diese scharf betonte Hervorhebung aller Dunkelheiten der in Frage stehenden Situation trat eine Pause ein ...

Aber mochte sich auch Seligmann diese Pause mit noch so viel sturmischen Passagen fullen, sein musikgeubtes Ohr horte nimmer die Accorde, die in Bonaventura's Innern auf und nieder wogten und riefen: So sprichst du, du von der Bigamie! Du, mit dem sich vielleicht auch meine eigene Mutter in gleicher Sunde befindet! ...

Graf Hugo, fuhr der Prasident fort, wird ja nun jetzt so reich, dass er fur sein Pflegekind unmoglich blos eine Ausstattung, unmoglich nur Geld begehren kann ... Meine junge Stiefschwester soll schon und geistig gebildet sein ... Herr von Terschka verglich sie schon lange mit jener abenteuernden Lucinde, von der Sie vielleicht schon horten, lieber Sohn, vom Anlass zum Tod meines armen Bruders Jerome ... Ich meine jene Dame, von der man ja sagt, dass sie plotzlich jetzt in Witoborn wieder aufgetaucht ist ...

Wieder trat auf diese gelegentliche Anmerkung eine Pause ein ... Seligmann fand schwerlich ein Tonbild der Orkane, die bei diesen Worten tausend Instrumente durch das Herz eines der Horer sturmten ... Lucinde in Witoborn! ... Bonaventura schien auf diese Mittheilung eine auffallende Bewegung gemacht zu haben ...

Ja, sagte wenigstens Terschka wie zu einem, der daran zweifelte, das genannte Fraulein war vorgestern auf Munnichhof ... Aber Sie erwahnen sie nicht zu ihrem Vortheil, Herr Prasident! ... Es ist eine Reihe von Jahren her, dass Graf Hugo und ich allerdings Ihrem Vater und diesem Madchen, seiner damaligen Begleiterin, am Strande der Ostsee begegneten ... Wir kauften dort Pferde ein ... Mein Freund, der Graf, besprach mancherlei, was zu seinen hiesigen Erbschaftshoffnungen gehorte und woruber der damalige Vormund und Onkel der Grafin Paula, Ihr Herr Vater, Auskunft geben konnte ... Die Rede kam auf jenes schone Madchen, das unter seinem Schutze reiste ... Ich verglich sie allerdings mit Angiolina ... Der Kronsyndikus gerieth uber meine Analyse in die grosste Verwirrung ... Die Nacht soll er eine aufgeregte Scene gehabt und nichts, als von seiner zweiten Gemahlin gesprochen haben und das wie von einem Wesen, dessen Vorhandensein sein Gewissen druckt ...

Nur irren Sie sich in einigen Punkten! fiel der Prasident mit seiner fruhern Scharfe wieder ein. Sie verglichen jene Lucinde weniger mit Angiolina, als mit jener so bekannt gewordenen Olympia Maldachini in Rom ... Und daruber kam der Schrecken meines Vaters; der Name Fulvia Maldachini war der fruhere Name der Herzogin von Amarillas ...

Seligmann sah jetzt grosse, wirkliche, echte, italienische Oper ... Maldachini! ... Welch ein Klang schon beim Hervorruf ...

Der Stand der Dinge ist der! fuhr der Prasident fort, der immer mehr sogar in eine drohende Vortragsweise kam. Mein Vater hat vor einigen Jahren, als er noch bei Geisteskraften war, eine Generalbeichte beim ehrwurdigen Pater Maurus niedergelegt. Diese war so inhaltsreich, dass sie vom Herrn Provinzial nach Rom geschickt werden musste. Dort scheint sie einflussreichen Personen bekannt geworden, Personen, die an dem Erweis einer Bigamie der Herzogin von Amarillas mehr Interesse zu haben scheinen, als die vielleicht sehr vernunftige Frau selbst, die wenigstens seit Jahren nicht die mindeste Erinnerung an Schloss Neuhof verrathen hat. War ihr Gedachtniss zu schwach fur zwei Kinder, die sie in Deutschland zuruckliess, wie sollte es jetzt aufleben fur das Bekenntniss einer Schuld, die vielleicht die romische Curie, aber nicht die burgerliche Gesetzgebung verzeiht! Der Herzog von Amarillas war arm. Ein echter Grand von Spanien, besass er nur seinen Namen, der in seiner ganzen Vollstandigkeit acht bis zehn Guter reprasentirte, die im Monde liegen. Mein Vater schickte damals Summen nach Rom. In fruhester Zeit wurden sie erbeten, in spaterer gefordert; dann plotzlich verhallte alles, was dort fur ihn drohend vorhanden lebte ... Wer aber nun jetzt es ist, der dort plotzlich wieder Sprache gewonnen hat, wer nun jetzt durch Sie redet, Herr von Terschka

Angiolina ist so liebenswurdig, unterbrach Terschka aufs eiligste, dass ihr die Auszeichnung, mit Ihnen verwandt zu sein, wol zu gonnen ware ...

Wer ist Ihr Auftraggeber? drangte der Prasident ...

Ich wich, ohne Zweifel lachelnd, Terschka aus ich kann nur sagen, man wunscht, dass ich in aller Stille die Verhaltnisse sondire, namentlich das Factum herstelle, ob die Herzogin von Amarillas wirklich Ihre rechtmassige Stiefmutter ist, Herr Prasident! Die weitern Folgerungen daraus, gesteh' ich, liegen mir ja noch ganzlich fern ...

Lob erkannte ganz seinen diplomatischen Terschka ...

Nun wohl, Herr Provinzial, wandte sich der Prasident an den Monch, Sie sehen, es geschieht alles, um das Siegel zu brechen von jener Beichte, die Sie empfingen ... Ihr Ordensgeneral hat Ihnen nicht erlaubt, den Inhalt dieser Beichte zu erzahlen, aber prufen sollen Sie denselben; so ungefahr, denk' ich, schrieb man Ihnen ... So leg' ich denn in Ihrer Gegenwart, lieber Sohn, in Ihrer, Herr von Terschka, die Zeugnisse von sechs Cavalieren vor, die leider nicht mehr am Leben sind; sie haben der sogenannten Vermahlung meiner Stiefmutter beigewohnt ... Dann aber bitt' ich Sie, Herr Provinzial, lesen Sie sich in die Handschrift des edeln Dechanten von Sanct-Zeno Herrn von Asselyn in Kocher am Fall, meines Schwagers, wie ich ihn nennen darf, hinein und theilen Sie uns hernach diese Zuschrift mit, die ich gestern Abend auf eine Stafette, die ich vor acht Tagen nach Kocher schickte, erhalten habe ... Sie wird uns uber diese Ehe und uber Leo Perl's dabei gespielte Rolle die genugende Auskunft geben ...

Lob musste aufstehen ... Es war in der That zu viel, was auf seine Wissbegierde einsturmte ... Ja er bedachte: Erfahrt man je, dass du Zeuge dieser Familiengeheimnisse warst, so steckt man dich vielleicht ein oder macht dich ebenso unschadlich, wie einen gewissen Lauscher in den "Falschmunzern" ... Er musste seine Decken luften, weil er in Transspiration kam ...

Nach einer Weile, in der Bonaventura ohne Zweifel voll Staunen oder voll Besorgniss der Worte seines Onkels gedachte: "Lass' aber alles das unter Priestern bleiben!" und von Terschka's Anwesenheit immer mehr beunruhigt werden musste, begann die rauhe und strenge Stimme des Pater Maurus:

"Mein insonderst geehrter Herr Prasident und lieber Herr Schwager! Ich habe das alles geahnt, was nach dem Tode Ihres Vaters kommen wurde! Auch schon zu meinem Neffen, unserm guten Bonaventura, hab' ich mich in einer vor kurzem abgegangenen Zuschrift daruber ausgesprochen ... Es ist ein seltsamer Vorgang, auf den Sie hindeuten, und wohl versteh' ich Ihren Schmerz, Ihre tiefe Betrubniss! Beschamung sagen Sie! Warum dies Wort zu Priestern? Wir Priester der romischen Kirche sind bei solchen Dingen in unserm Element " ...

Der Vorlesende stockte ...

Der Prasident sagte, wie es schien, mit Lacheln:

Sie werden hier eine Stelle finden, die Sie uberschlagen durfen! Indessen

Bonaventura mochte voll Besorgniss der Intoleranz des Provinzials gedenken ... Und auch Seligmann gedachte mit Schrecken des Dechanten, der so freundlich mit der Hasen-Jette verkehren konnte und nur deshalb nicht die untern Viertel am Fall zu Kocher besuchte, weil er zu sagen pflegte, "Reinlichkeit ist mein erstes Religionsdogma" ...

"Denn", fuhr jedoch der Provinzial und ohne weitern Ausdruck der Befremdung uber diese Freimuthigkeiten zu lesen fort, "denn unsere ganze Kirche beruht ja auf dem Naturlichen im Menschen. Wer unsere Kirche schildern will, muss vom Fleisch beginnen und im Fleisch aufhoren. Die katholische Kirche erbaute Gott zu einer Hulfe fur die Sunder. Sie ist deshalb in allem der Gegenpol der nackten Menschheit und darum eben nur auf diesen Gegenpol errichtet. Bei den Protestanten ist die Sunde eine Unterbrechung ihres vom Geist beginnenden und im Geist endenden Lehrgebaudes; aber bei uns ist sie das alleinige Wesen desselben. Darum liebt der naturliche Mensch den Katholicismus und wieder der Katholicismus"

Der Provinzial stockte und murmelte wieder ...

Seligmann dachte an die Rumpelgasse und den Unterschied der Religionen ...

Lassen Sie das! Lassen Sie das! ... unterbrach der Prasident im Ton seiner andauernden Wallung ...

Doch der Monch fuhr fort:

"Da hatt' ich beim Abschied vom Obersten von Hulleshoven den Streit uber die Frage: 'Was ist unser Genius!' Monika, des Obersten Gattin, schrieb mir einst: 'Unser Genius ist der Schutzgeist gegen unsere Schwachen!' Der Oberst sagte: 'Unser Genius ist der Fahnentrager unserer Kraft!' Beide haben Recht und beide Unrecht. Sie hatten sagen mussen, wie der Genius im Menschen entsteht ... Was ist der Genius des Katholicismus der Genius Napoleon's der Genius Goethe's"? ...

Wieder unterbrach der Prasident ... Wieder dachte Seligmann, wenn auch schon etwas schwieriger auffassend, an die Bereicherungen fur Veilchen ...

"Napoleon war korperleidend"; fuhr Pater Maurus zu lesen fort. "Man kann leidend sein und doch sich ganz beherrschen. Die fallende Sucht aber kann man nicht beherrschen; das ist ein entsetzliches Naturgebot. Napoleon's Kammerdiener Marchand musste ihn oft einschliessen; des Kaisers Angst war: Jetzt uberfallt dich dein Damon! Napoleon's Genius war demzufolge der Geist, der ihn trieb, diesem Damon zu entfliehen. Daher seine Unruhe, daher seine Liebe zum Frieden und doch die Unmoglichkeit, beim Frieden zu verharren, daher sein Vorwartsdrangen, seine Art zu kampfen, seine Auffassung uber Welt und Zeit, sein Aberglaube, sein Wallensteinglaube an Ahnungen, seine Besuche bei Kartenlegerinnen, seine gluhende Neigung zu Frauen und doch seine Kalte im Augenblick der Liebe Napoleon ist das Leben eines Mannes, der sich unter einem unglucklichen Naturgesetz weiss. Alles, was er that und sprach, war auf dies Naturgesetz: Entfliehe deinem Fluch! bezogen. Goethe ist nicht anders zu verstehen, als aus einem Naturgesetz. Nur bezieht sich bei Goethe sein ganzes Denken und Fuhlen auf ein anderes Factum er hatte einen unehelichen Sohn. Diese Moglichkeit und sittliche Gene musste er durch sein ganzes Dasein, seine Dicht- und Weltauffassung vertheidigen. 'Legitim' oder 'Illegitim' das wurde sein Grubeln und merkwurdig, sein schlechtestes Werk, die 'naturliche Tochter', war gerade aus den geheimsten Falten seines Herzens geschrieben ... Warum plaudere ich das alles? Ich konnte bitter sein und es so ausfuhren: Unsere ganze romische Kirche ist mit der Zeit auch allein uber den Einen dunkeln Abgrund der Seele gebaut, dass wir Priester nicht heirathen durfen ..."

Der Provinzial sprach ironisch:

Der Dechant gehort der philosophischen Zeit an ...

Er will sie auch nur schildern, sagte der Prasident und beruhigte Bonaventura, der auf die Mittheilung nur der Hauptsachen aus einem Briefe drangte, der ihm in angstlicher Weise eine krankhafte Aufregung des theuern Onkels verrieth ...

"Ich schildere Ihnen die Zeit, in der unsere Sunden jung waren, die Zeit, in der ich mit dem Kronsyndikus bekannt wurde ... Es war gerade, als Goethe, unser damaliger Gott, den einzigen gefunden hatte, vor dem auch er zu Staub wurde. Dies eben war Napoleon, unsere zweite Gottheit. Es war in jenem Erfurt, da, wo Goethe schweigsam vor Napoleon stand, der Mann, der ewig die Natur suchte, vor dem Mann, der ewig die Natur floh. Ich befand mich gerade damals bei dem sogenannten 'Parterre der Konige' als ein der Diocese Dalberg's angehorender Priester. Ihr Vater war in Erfurt erschienen als Syndikus der jungen Krone Westfalen bei den alten deutschen Standen des Teutoburger Waldes ... Herr von Wittekind zog vor, in der Nahe der Pracht und Herrlichkeit des fremden Hoflagers zu leben. Und doch starb in Ihrem Vater trotz seines Leichtsinns ein Mann wie aus der Ritterzeit ... Die eiserne Hand, die Gotz nur kunstlich fuhrte, schlug Ihr Vater naturlich. Ich habe gesehen, wie er von einer Tischplatte die Ecke abbog gleich August dem Starken von Sachsen, dem er leider nur zu sehr glich, wenn ihm auch dessen Sinn fur Grosse, die stolze Haltung und Bedeutsamkeit der Gesinnung versagt waren. Ein Nimrod war's, der zuletzt in wilder Baulust den Rest von Muth austobte, der ihm vom Jagdtreiben ubrig geblieben. Sein Park, sein Schloss, seine Oekonomie mussen ihm Summen gekostet haben; aber er brachte sie durch Geiz wieder ein. Die Folgen seiner gewaltthatigen Natur, die genug von ihm verdeckt werden mussten, liegen Ihnen jetzt offen vor, die starkste Prufung, die der Kindesliebe beschieden sein kann"

Pater Maurus besass den Takt, einen Augenblick innezuhalten ...

Seligmann warf einen still begluckenden Ruckblick auf seine eigene vorwurfslose Laufbahn als Garcon ...

"Der Handel mit der Fulvia Maldachini", fuhr der Monch fort, "stammt aus jener Zeit einer wilden Philosophie, aus jener Zeit, wo auch in des sonst so strengen Napoleon Heergefolge' der alte franzosische Leichtsinn sich wieder regen durfte. Seine Marschalle waren fruher Perrukenmacher und Kellner. Als sie auf ihren Lorbern ausruhen wollten, konnten sie nur geniessen, wie Perrukenmacher und Kellner, die das grosse Loos gewinnen, geniessen. Napoleon hatte Verwandte, die er, um eine neue Legitimitat zu begrunden, auf Throne erhob, wahrend seine Schwestern erklarte Courtisanen, seine Bruder Champagnerreisende waren. Der Hof des Konigs von Westfalen riss in seinen Strudel Manner und Frauen vom deutschesten Ursprung. Ach, wir waren tief gesunken! Und noch jetzt im Vertrauen wir sind ein liebedienerisches Volk, geborne Furstenknechte! Ich habe in Deutschland Bureaumenschen gesehen, die einem Nero und Caligula ebenso zuvorkommend wurden gedient haben wie einem Antonin oder Marc Aurel ... Ihr Vater, ein junger Witwer kein Stand ist gefahrlicher, als der der jungen Witwen und Witwer genoss noch einmal seine Jugendjahre. Trotz seines Amtes war er ein Handelsucher, ein Wettrenner, ein Don Juan ... Damals also besass ich am Munster von Witoborn ein Kanonikat, das ich in alter Weise von einem Vicar verwalten liess ... Ich war Priester geworden, wie andere unter die Soldaten gehen. Mein Bruder Friedrich studirte die Rechte, mein Bruder Max war ein Soldat. Als ich Priester geworden war, reiste ich in die Welt hinaus, war lange in Paris und kam nach Kassel, Erfurt und Witoborn wie ein Abbe zuruck. Goethe, Napoleon und Grecourt waren meine Gottheiten ... Ich schloss mich meinem Landsmann, Ihrem Vater, an. Wittekind konnte so ansteckend lachen, dass man ihm gar nicht lange wegen seiner sonstigen Unarten zurnen konnte ... Wir waren ein Kreis wilder Gesellen und ich bekenne und darf es bekennen, da ich spater mancherlei Unstern bestand, ich, ein Priester, ich entwarf nach Bildern aus Herculanum und Pompeji Zeichnungen, die in Kassel nicht etwa Frauen zweideutigen Rufs als lebende Bilder stellten, sondern die Gattinnen der Minister, die Tochter der Gesandten, Deutschlands altester Adel!" ...

Eine Pause liess Lob Zeit, sich die vorhin gesehene Galerie und die Frommigkeit des jetzigen Adels dieser Gegend in Vergleichung zu bringen ...

"Eine der gefeiertsten Tagesschonheiten", fuhr der Provinzial zu lesen fort, "war die Romerin Fulvia Maldachini. Sie war eine Sangerin in der italienischen Truppe, die Konig Jerome neben der deutschen und franzosischen hielt. Das Repertoire uberwachte der Kaiser selbst aus Paris oder aus dem Hauptquartier und verfuhr darin ebenso streng, wie bei Bildung der Ministerien, des Heers und jenes Schattens von Reprasentativverfassung, dem Ihr Vater seinen 'Kronsyndikus' verdankte. Ich seh' Ihren Vater noch, wie er die Syndikatsuniform zum ersten Mal anlegte und den Galanteriedegen umschnallte. Ungeduldig, sich bei Eroffnung der Landstande zu verspaten, war er nahe daran gegen seinen Bedienten die etwaige Scharfe des Spielzeugs zu versuchen. Der Maldachini sagte man nach, sie ware besserer Abkunft, ware durch Umstande veranlasst gewesen, ihre Stimme zu verwerthen, eine Stimme, die uns Deutschen mehr Entsetzen, als Bewunderung einflosste. Sie hatte, so jung und schon sie war, in ihrer Kehle eine Tiefe, die mit Proserpina bis in den Tartarus hinunterstieg. Das Theater erdrohnte zwar von Beifall, wenn sie ein: Perfido! knirschte; aber wie ein Dolch lag es neben jeder Note, die sie sang und besonders wenn man einmal nicht applaudirte"

Seligmann wusste nichts von Gluck und Piccini ... Aber Norma bot Vergleichungen ... Er verstand vollkommen dieses Knirschen, namentlich beim Nichtapplaudiren ...

"Es galt fur unmoglich, die Gunst der Maldachini zu gewinnen ..." las der Monch. "Das gerade reizte den Kronsyndikus. Die Schonheit der Erscheinung, ihre Gestalt war machtig, das Geheimniss, mit dem sie sich umgab, bestrickend. Sie nahm die Huldigungen des Freiherrn von Wittekind an, namentlich seine Geschenke; dafur war aber nicht mehr sein Lohn als ein Zunicken im Theater. Sie lehnte sich an den Hof, der sie beschutzte, an die grosse Zahl ihrer Verehrer. Der Kronsyndikus ertappte sich auf einer wirklichen Schwarmerei fur sie. Feste bot er ihr, die sie annahm. Er liess sie zur Fastenzeit, wo die Buhne geschlossen wurde, in den Sommerferien nach Neuhof in sechsspannigen Carrossen kommen ... Sie, Herr Prasident, und Ihr Bruder waren damals in Pensionen ... Die stolze Sangerin wohnte auf Schloss Neuhof wie eine Furstin. Nichts aber entlockte ihr eine Zartlichkeit, nichts eine Erwiderung der Liebesbetheuerungen, die ihr, wie mich Lauscher versicherten, der Freiherr auf den Knieen machte"

Lauscher! ... Seligmann bebte ... Hier, diese Cabinete waren doch wol die Orte, wo man auf Schloss Neuhof lauschen konnte ...

"Fulvia Maldachini verlangte die legitime Gemahlin des Freiherrn zu werden. Sie nannte sich eine geborne Marchesina und in der That, der Freiherr von Wittekind beschloss, sie zu heirathen ..."

Lob s a h fast den Eindruck dieser Worte ... S a h fast Terschka's Lacheln ...

Mit einer Stimme, deren Sicherheit deutlich verrieth, dass fur ihn in allen diesen Mittheilungen nichts Neues lag, las der Provinzial weiter:

"Dies Heirathsproject entsprach an sich ganz dem Charakter jener Tage. Man hatte nicht im mindesten das Gefuhl, dass diese Napoleonischen Zustande nur eine Episode waren. Ein volliges Aufopfern des Stolzes und Heimatgefuhls trat ein. Fast ware Ihr Vater seiner Leidenschaft erlegen, wenn nicht seine Freunde dazwischengetreten waren. Freiherr von Malstatt, Graf von Dohrn, Baron von Liebetreu, die Andern alle widersetzten wir uns. Als Fulvia kalt blieb, hohnisch die Lippen aufwarf und sich in ihren rothen Gewandern, mit dem grunen Kranz auf dem kurzgeschnittenen schwarzen Tituskopf, den Dolch im Busen, wie eine junge Medea zeigte und doch bestrikkend schon, doch verheissungsvoll lachelnd wie der beginnende Fruhling, da wurde zur Rettung Ihres, wie es schien, geradezu verlorenen Vaters ein Entschluss gefasst. Wir verpflichteten uns, eine Farce aufzufuhren. Fulvia konnte kein anderes Wort deutsch, als soviel nothig war, kraftig zu fluchen. Sie lebte unter uns, wie im Grunde damals alle diese Fremden; sie lebten im eigentlichsten Sinne des Worts wie in der Verwirklichung eines Traums. So war auch ihr Deutschland nichts als Wald und Flur und Flur und Wald; nur vom Geld sah sie, dass es das allbekannte echte Silber und Gold war. Der Freiherr schlug ihr eine Ehe vor, die aus Familienrucksichten einige Jahre lang geheim bleiben musste. Fulvia, die die grosse Stellung ihres Verehrers kannte, die von seinen machtigen Verwandten wusste, die einsah, dass fur gewisse Vermogensverhaltnisse auch in Rucksicht auf die vorhandenen Sohne erster Ehe Schwierigkeiten entstehen konnten, willigte ein ... In dem Dunkel und Siegesubermuth, der sie, wie damals alle diese abenteuernden Fremden, gegen jede Vorsicht blind machte, steigerte sie sich selbst zuletzt zur Ueberzeugung, dass sie ihre allgemeine Anerkennung als Frau von Wittekind erst von spatern Zeiten abhangig machen musste ... Nun ging unser Leichtsinn so weit, dass der eine kunstliche Pacten schloss mit Siegeln von Aemtern, die nirgends existirten, der andere Correspondenzen mit der Familie eroffnete, der dritte falsche Dimissorialen des Pfarrers von Schloss Neuhof brachte, die nothwendigen Depense, die dem Freiherrn gestatteten, sich andernorts trauen zu lassen kurz, wie es nur in einer Zeit moglich war, wo taglich die grossten Ereignisse sich drangten, Throne wankten, Volker in Bangen und Zagen lebten. Wir erfanden und setzten dies Abenteuer unserer 'noblen Passionen' wie eine Fastnachtsposse in Scene" ...

Lob Seligmann schauderte uber den ehrwurdigen Herrn Dechanten, der einst solcher Streiche fahig gewesen ...

"In Paris hatte ich einen jungen geistvollen Gelehrten kennen gelernt, eine hochst geniale Natur ... Er nannte sich Leo Perl und war ein Jude" ...

Lob's Athemzuge wurden ihm jetzt selbst fast vernehmbar. Er musste aufstehen und zwei Schritte weiter gehen ... Dann stand er wieder still, um nichts zu versaumen, und horchte zitternd ...

"Perl war", las der Provinzial, "aus der Gegend meines jetzigen Wohnorts geburtig und seines Zeichens Rabbiner. Sein Aeusseres war ein gar stattliches. Nach Paris kam er, um in den dortigen Bibliotheken talmudische Manuscripte zu lesen. Ich lernte ihn kennen und schatzen. Im Geiste der Zeit, der nicht mehr der Geist des Deismus, sondern ein Bestreben war, irgendwie aus dem Deismus herauszukommen, standen wir uns nahe. Frommler waren wir naturlich am wenigsten; das Leben nahmen wir leicht ich wenigstens gab den Lebensanschauungen eines Alcibiades nichts nach" ...

Alcibiades! wiederholte sich Lob und wusste jetzt ein hoheres Wort zur Bezeichnung des Leichtsinns ...

"Wir hatten aber ein Bedurfniss des Positiven. Freilich wir suchten es eher in Indien und an den Quellen des Ganges, als in Judaa und an den Quellen des Jordan. Leo Perl war halb aus Scherz halb ernsthaft Kabbalist, was mich als Curiositat anregte. Er sprach die meisten lebenden und mehrere todte Sprachen. Sonst war er aufgewachsen wie ein echter Rabbinerknabe in alten Buchern und mikrologischen Studien; die Welt war ihm auf dem Gebiet des Parquets und der feinern Geselligkeit fremd, jedoch seine zahe Lebenskraft, sein Witz und manche Schalkhaftigkeit halfen ihm auch dort sich zu behaupten ..."

Gott im Himmel! sagte sich Seligmann und war nicht einverstanden mit dem Worte: Zahe Lebenskraft ...

"Zugleich war Perl gefallig und interesselos, wie ein Kind ... Ihm verdank' ich nicht nur den grossten Theil meiner Ausbildung, die Lauterung meiner Lebens- und Kunstansichten sogar meine Existenz" ...

Ein Mensch! rief Seligmann schmerzbewegt ...

"Durch Perl wurde ich auf das Stift Sanct-Zeno an seinem Geburtsort aufmerksam gemacht und auf dessen alte Rechte und Urkunden ... Er begleitete mich nach Deutschland und gab mir Mittel und Wege, diese eintragliche Stelle mit Hulfe des Kaisers von Oesterreich aus der Sacularisation zu retten und fur mich zu gewinnen. Ich habe ihm fur alles das ein treues Herz bewahrt und meine Schuld ist es nicht, wenn ich zu den vielen Erinnerungen an ihn nicht auch noch die an aussere Beweise meiner Dankbarkeit fugen kann. Plotzlich zog er sich von uns allen zuruck ... Trotzdem, dass er infolge unsers Leichtsinns Christ wurde"

Lob sass wieder zusammengekauert wie ein Jager auf dem Schnepfenfang ...

"Leo Perl hatte in seinem Wesen zwei unvermittelte Gegensatze. Der gewaltige Mann lebte hochst massig, entbehrte wie ein Stoiker und dachte doch wie Epikur. Er vermied die Frauen und duldete jede Ausgelassenheit" ...

Wie Veilchen! sagte Lob ...

"Er ass trocken Brot und sprach anerkennend uber die, denen nur Truffeln mundeten" ...

Wie Veilchen! ...

"Er erklarte sich fur unfahig, einen vernunftigen Satz zum Druck zu stilisiren und seine zierliche Hand schrieb doch Briefe voll Geist" ...

Wie Veilchen! ...

"Perl war der strengste Kritiker, der jemals beizende Lauge im Urtheil uber ein Ganzes mit der Fahigkeit verband, doch im Einzelnen die Tiefe der Absicht und die Schonheiten des Details zu erkennen" ...

Das wurde Lob zu hoch und "beizende Lauge" fuhrte ihn sogar zerstreuend auf Veilchen's Spitzenhandel ...

"Er tadelte in kleinen Aufsatzen ein Buch so, dass man dennoch den Verfasser lieb gewann. Alles das geschah mit so viel Bonhommie, dass man vor Lachen gesund wurde, wenn man seine Scherze las" ...

Seligmann hauchte wieder fur sich hin: Wie Veilchen! ...

"Ich nannte ihn den zwolften Apostel, den Christus zum Ersatz fur Judas Ischarioth hatte nehmen mussen. Auch versicherte er mich, sein Vorganger Judas Ischarioth ware der unglucklichste aller Menschen auf Erden gewesen: er wisse bestimmt, er hatte Christus geliebt: er hatte ihn mehr geliebt, als Johannes; er hatte Jesus nur verrathen, um ihn zur Entschiedenheit zu bewegen; er hatte sich erhangt aus Verzweiflung, weil ihn ein Werk der Freundschaft mislungen. Wurde ihn Jesus, sagte Perl, drei Jahre lang um sich geduldet haben, wenn er nicht Eigenschaften an ihm erkannt hatte, die wenigstens denen der andern Apostel gleichkamen? ... So zwischen Ernst und Scherz, bald durch seine Behauptungen erschreckend, bald wieder wohlthuend, konnte Leo Perl plaudern. Wir gewissenlosen Cavaliere immer ist es mir, als hatten wir nicht Ursache gehabt, uns der spatern Wendung seines Schicksals so zu ruhmen, wie wir's zu unserer Beruhigung oft im Stillen thaten" ...

Leo Perl starb als christlicher Pfarrer in Borkenhagen ... sagte ein dumpfe Stimme, die wol Terschka's sein konnte ... Dies Wort schien auf die bindende Kraft eines geweihten Priesters berechnet zu sein ...

Vielleicht war er schon heimlich in Paris ein Christ! erwiderte der Prasident mit parodirender Ironie ...

"Leo Perl", fuhr der Provinzial fort, "wurde von uns uberredet, in den Betrug der Maldachini miteinzutreten. Ganz in der Laune, die wir an ihm kannten, griff er zum Champagnerglase und sagte lachend zu. Wir verlangten von ihm nichts Geringeres, als sich in ein Priestergewand zu hullen und in einer entlegenen Kapelle, auf den Gutern eines der Mitverbundeten, bei nachtlicher Weile den Freiherrn von Wittekind mit Fulvia Maldachini zu trauen. Aufrichtig gesagt, ich erstaune noch jetzt uber seine Zustimmung ... Ich kannte sonst die Gewissenhaftigkeit, die ihn beseelte, bei aller Leichtigkeit in der Beurtheilung anderer" ...

Auch fur Lob verlor sich sein: Wie Veilchen! und der Spinozismus jetzt in drei bis funf Jahre Gefangniss ...

"Perl war des Ritus so kundig, wie oft kein Domdechant"

Der Provinzial musste wol im Lesen lacheln ... Seine Stimme klang heller ...

"Die vermessene, wahnwitzige Scene ging vor sich bei Lichterglanz und unter Assistenz eines Messners, den eine Person spielte, die ich Ihnen nicht nennen will" ...

Eines Priesters also! sagte Terschka bedeutungsvoll, ohne den Dechanten selbst zu nennen ...

Wie es scheint! bemerkte der Prasident und setzte mit Bitterkeit hinzu: Sie suchen fur Ihre Casuistik irgendeine geheime Schraube! Was das burgerliche Recht mit dem Zuchthaus bestraft, wird bei uns das kanonische nicht zum Sakrament erheben! Doch lesen Sie! Ich bitte! ...

"Eine katholische Trauung muss in dem Ort stattfinden, wo man lebt; dafur hatten wir die Demissorialien. Sie findet in der Regel des Morgens statt; dafur hatten wir wiederum einen Erlassschein. Das in der Waldkapelle bei Nacht verbundene Paar bestieg eine Kutsche und reiste auf Schloss Neuhof. Dort lebte es dann so, wie es der Freiherr gewunscht hatte. Einstweilen noch kehrte die Maldachini in ihre Stellung zur Buhne zuruck. Sie genas spater eines Knaben, der auf den Namen der Mutter getauft und von einer Dame erzogen worden ist, die ich gleichfalls nicht nennen kann" ...

Frau von Gulpen! blitzte es in Lob auf ... Doch nahm er diesen Gedanken zuruck, da er nur die grosse Anzahl "Nichten" kannte, denen Frau von Gulpen eine so liebende Tante war ...

Langer dauerte freilich der Nachklang desselben Namens bei Bonaventura ...

"Die Kampfe der Maldachini, sich anerkannt zu wissen, gingen mit der Zeit aufs Aeusserste. Sie wurden um so gefahrlicher, als sie Verdacht schopfte und mit Entdeckung drohte. Nur weil ihr Perl ofters in wirklicher Priestertracht entgegentreten konnte, wurde sie beruhigt. Der Kronsyndikus hatte in seinen Neigungen keinen Bestand; bald wurde er gegen sie wie gegen alle; sein Leben auf Neuhof steigerte sich ja bis ins Sinnlose" ...

Lob fullte die Pause, die entstand, mit der Empfindung: Muss ein Sohn das von seinem Vater horen! ...

"Bald erfuhr auch diese seine vermeintliche Gattin die gewohnliche Tucke seines Sinnes. Sie kam zum zweiten mal in die Hoffnung und bestand mitten in dem Gewuhl der Flucht des westfalischen Hofes von Kassel 1813 ihre Entbindung. Der Kronsyndikus, sich an den Zusammenbruch des Konigreichs Westfalen haltend, verstiess sie ... Hulflos wurde sie von den Mitgliedern ihrer Gesellschaft in den allgemeinen Strudel des Schreckens und der Flucht mit fortgerissen ... Wir verloren sie aus den Augen und das fur immer. Eines Tags erzahlte mir Ihr Vater lachend, sie ware in Paris eine Herzogin geworden ... Damals aber brach die Zeit an, wo uber uns alle ernstere Stimmungen kamen. Unsere mannichfach neubedingten Lebensstellungen riethen uns, unsere Auffuhrung zu regeln und so entstand das Bedurfniss, auch uber diesen Jugendstreich den Mantel der Vergessenheit zu breiten zumal, da ich spater von Leo Perl zu meinem Schrecken erfuhr, dass er diese Ehe "

An dieser Stelle war es plotzlich dem Horcher, als horte er eine Bewegung, die nicht von den Mannern im Nebenzimmer kommen konnte, obgleich auch drinnen die durcheinander gehenden Stimmen ein Staunen auszudrucken schienen ...

Aengstlich sprang Lob zur Seite und hielt die Dekken, die ihm entgleiten wollten ...

Alles war wieder still. Glucklicherweise ... Denn gerade die ihm werthesten Stellen der Bekenntnisse des Dechanten konnten ihm verloren gehen ...

Der Provinzial hatte inzwischen nicht weiter lesen konnen, denn Terschka sprach ... Terschka sprach von der Ehe und forderte Bonaventura auf, zu sagen, worin die katholische Ehe ein Sakrament ware, ob durch den Priester oder durch die Verbundenen? ...

Die Lehre der Kirche lasst es kaum zweifelhaft! lautete die leise und mit tiefster Erschutterung gegebene Antwort des Domherrn ...

Der Prasident bat um genauere Erklarung ... Doch an dieser so hochwichtigen Stelle musste Lob Seligmann den Schrecken erleben, dass sich jenes Gerausch wiederholte ... Es schien sogar aus dem dritten der dunkeln Zimmer zu kommen ... Bebend sprang er zur Seite und fiel fast uber die Franzen seines improvisirten Hohenpriestermantels ... Dann aber war wieder alles still ...

Dafur aber waren die Manner nebenan im lebhaftesten Streit uber die Ehe und das Sakrament ... Der katholische Glaube in allen Subtilitaten, deren Kenntniss plotzlich von Terschka mehr im Scherz als im Ernst angedeutet wurde, regte den Prasidenten so auf und veranlasste seinerseits fur die Ruckhaltsgedanken der Kanonisten so heftige Wortbezeichnungen, dass der Provinzial mit entschiedener Stimme einfiel und rief:

Lesen wir wenigstens den Brief! ...

Dann fuhr er fort:

"Die Trauung selbst war allerdings eine Scene, die uns alle mit Schrecken uberrieselte ... Die nachtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die Klange der Orgel" ...

Lob Seligmann konnte nicht nachfolgen ...

Der Himmel strafte ihn fur die Schuld seiner Vater ...

Das Gerausch nahm zu, er horte einen leise auftretenden Fusstritt er bekam Gesellschaft ...

Unwillkurlich musste er sich zur Erde ducken hinter einem der grossern Sessel ...

Es kam Jemand, der gleichfalls die Vortheile der spanischen Wande des Schlosses geniessen wollte ... Schon war seine Gesellschaft im zweiten Zimmer ...

Sie kam leise auftretend jetzt ins dritte ...

Es war eine Dame ... die Herrin des Schlosses selbst ... die Prasidentin ...

Lob sah seine Ehre und seine Zukunft auf dem Spiel, wenn die hohe Gonnerin ihn hier ertappte ...

Die Decken waren ihm schon entglitten ...

Fast fiel die vornehme Frau uber sie; sie legte sie murmelnd auf die Tische ... Sie schien hier schon orientirt zu sein ... Es war die Mutter des Domherrn und doch so vollig eine andere ...

Lob kniete hinter dem Lehnstuhl und berechnete schaudernd, wie die Frau sich wundern wurde, wenn sie seinen Hut Gott sei Dank! Sein Hut war in einem Schlosse, wo er sich so heimisch fuhlen durfte, auf seinem Zimmer geblieben ...

Die Prasidentin nahm wie er an der Wand Platz und schien so vertieft in die Worte, die der Provinzial las, dass er es wagte, zwischen zwei Uebeln das geringere zu wahlen: Entdeckt zu werden oder uber Leo Perl nicht vollig ins Reine zu kommen ...

Er musste letzteres vorziehen ...

So kroch er auf allen Vieren in das nachste Zimmer, richtete sich dort behutsam auf, schlich in das erste Zimmer zuruck und fand jetzt, wie er erwartet hatte, einen Drucker an der Thur, die auf den Corridor fuhrte. Ein Griff war eben erst aufgesetzt worden ...

Sanft folgte jetzt die Thur dem Druck seiner Hand und nun sah er wohl, nun fehlte der praktikable Handgriff draussen ...

Leise zog er die Thur wieder an sich und verschwand und war befreit ...

Die hellste Mittagssonne schien ...

Sie schien so fruhlingsahnungsreich, so erlosend von allen Banden des Winters und des Todes, dass er von einem Traum erwacht zu sein glaubte ...

Zu dem, was ihm noch an Vervollstandigung der merkwurdigsten Geheimnisse seines Lebens fehlte, legte er das Gefuhl hinzu, doch lieber im Sichern zu sein, lieber unentdeckt auf Fahrten, die ihn leicht aus seiner gegenwartigen glanzenden Laufbahn entfernen konnten ... Schloss Neuhof wurde ihm zum "Schloss Avenel".

21.

Benno Benno mein brauner Zigeunerknabe!

Du, du also der Sohn des Kronsyndikus und dieser armen, betrogenen, bemitleidenswerthen Frau ! ...

Du, der Bruder einer Angiolina, die das Schicksal in die wildesten Strudel warf und die die Grafin von Salem-Camphausen werden kann, wenn ein ruchloses Gaukelspiel doch, doch nicht ganz misgluckte ...

"Was du auch in diesen Tagen von mir horen durftest, ich war schwach" "um der Liebe willen" hatte der Onkel geschrieben

Nein, Onkel! Das war die Liebe nicht, deren heiligste Forderungen du nicht verstandest! Das war ein Hohn, gesprochen den Gesetzen der Natur! Die Natur willst du preisen? Nur in den Sinnen findest du sie! ... Onkel, Onkel, Theurer, dessen weisse Hand ich so gern kussen mochte, warum hast du uns das gethan! ...

So tiefschmerzlich und zugleich hochaufjauchzend freudig rief es in Bonaventura's Innern, wahrend auch nicht einer der Horer die Menschlichkeit besass, zu fragen: Und was wurde denn nur aus jenem Bruder Angiolinens, der doch jetzt vielleicht siebenundzwanzig Jahre zahlen musste? ... Sind euch die Sunden des Mannes, dessen Leben so grauenvoll da aufgedeckt liegt, so schon gelaufig, dass nicht Terschka, nicht der Prasident, nicht der Provinzial fragt: Wo ist das zweite Kind? Der Sohn? Was wurde aus dem? ... Hatte also Benno Recht, so oft er sprach: Alles das muss in den Beichtstuhlen verborgen bleiben! ...

Terschka, der glatte, jedem ausweichende, immer lachelnde Sendbote, der jetzt vielleicht sogar das Herz einer Armgart bestrickte wie halt er so seltsam geheimnissvoll die Faden aller dieser Wirren in der Hand ... Er nennt vielleicht doch plotzlich Benno bei dem Namen, der ihm gebuhrt Benno, dessen Ehrgefuhl so krankhaft ist, wie Verdacht in der Liebe ... Nimmermehr durfen diese Schleier gehoben werden, ohne dass Benno es will ... Nie, nie darf ihn dieser grassliche Fluch seines Daseins uberraschen auf dem Boden, auf dem er lebt ... Erfuhr' er davon, er sturmte fort von diesem Schauplatz der Luge, die selbst deine spatere liebende Sorgfalt, Onkel, nicht veredelte ... Furcht war es, was dich bestimmte, Benno's Ursprung zu verbergen ... Die Zeiten hatten sich geandert, der Onkel wollte das Stift Sanct-Zeno erhalten, wollte, musste die Pflichten eines Dechanten uben, erinnerte sich, dass er jetzt den unbescholtensten Priester zu spielen hatte ... Ohne Zweifel bat er den Bruder, der aus Spanien zuruckkehrte, das Kind als sein eigenes mitzubringen ohne Zweifel wurde deshalb selbst dem Kronsyndikus jede Spur des Knaben entzogen Ja man gab ihn fur junger aus, als er war ... Benno ist alter, alter als du ... Daher die grossere Reife seines Verstandes ... Alles, alles bot man auf, die Nachforschungen nach seinem Ursprung unmoglich zu machen ... Immer wieder mussten sie auf jene Scene zuruckfuhren, bei der ein jetzt in Amtswurden stehender Priester als Messner einen leichtsinnigen Juden in der ehelichen Segnung unterstutzte, einen Juden der dann ihn selbst getauft hatte ... und in einer Segnung

Hier verwirrten sich in Bonaventura die Vorstellungen ... Kaum horte er noch der weitern Vorlesung zu ... Brachen doch alle diese Thatsachen auf ihn wie Blitze herein ... Und dazu dann noch die Nachricht: Lucinde ist dir gefolgt! ... Eine Kunde, die ringsum alles in Nacht verdunkelte ...

Diese Conferenz fand statt in jenem Zimmer, in dem einst Lucinde und Klingsohr sich hatten finden und vereinigen sollen, um den Kronsyndikus zu schutzen ... Behagliche Warme entstromte einem weissen Ofen ... Die Sonne schien hell und mild durch die Fenster ... Still war alles ringsum ... Auf dem Tisch, um den die vier Manner sassen, stand Schreibzeug, lagen Federn und Papierstreifen ... Terschka zerdruckte in seiner Ungeduld eine Federspalte nach der andern und kampfte mit sich seine Erinnerungen an das kanonische Recht nicht allzu sehr zu verrathen ... Scheu blickte er zu Bonaventura auf, als wollte er sagen: Das weisst du doch, dass das Concilium von Trident zu einer Trauung zwar den Ortspfarrer oder dessen zugestandene Stellvertretung und zwei Zeugen verlangt, dass es aber zum Stellvertreter sogar gestattet, einen noch nicht geweihten Priester zu nehmen? Das weisst du doch, dass das, was an einer Ehe das Sakrament ist, sich durch die Verbundenen selbst vollzieht und nicht im mindesten durch den bei allen andern Sakramenten als die Hauptsache vorwaltenden Priester? Das weisst du doch, dass sogar der Segen und alle Ceremonien bei einer Trauung an sich ganz uberflussig sind, wenn ein sich selbst einander die Ehe gelobendes und vollziehendes Paar nur einer Messe beiwohnt; ja dass auch eine Messe zwar gelastert und verunreinigt werden kann durch Misbrauch, aber dennoch ein Opfer bleibt, das, richtig ausgefuhrt, sich durch seine eigene Kraft vollzieht? Die von einem Priester im Stande der Todsunde gelesene Messe ist wirksam wie sollte die von einem Juden in Priesterkleidern gesprochene einfache Segnung nicht wirksam gewesen sein bei einem Act, wo die heilige Mystik des Priesterthums wegfallt? ... Hier fand eine Trauung ohne Messe statt, in einer Abendstunde, die sonst nicht Sitte, aber wiederum nicht hindernd ist ... Endlich schliesst denn der Betrug, den man mit dem Pfarrer spielte, das glaubige und von Zeugen vernommene Ja! der Braut und des Brautigams aus? Das Mysterium der Ehe liegt in denen, die aus sich selbst wie in Adam und Eva durch die Liebe ein Abbild der Menschheit wiedergeben wollen, nicht im ersten Priester des Paradieses, nicht in Gott, der sie zusammenthat; die Liebenden opfern durch sich, durch die Ehe Gott ... In der Ehe empfangt Gott oder der Priester; beide g e b e n nichts ...

Das alles sprach Terschka nicht ganz ... So heimisch war er nicht mehr in den Prufungen, die einst "Pater Stanislaus" zu bestehen hatte ... Aber Bonaventura las es wie Ahnungen aus seinen Augen, er, der seinerseits allerdings so heimisch in diesen Anschauungen war, wie der Onkel Dechant in den Wandgemalden Pompejis ...

Der im Antlitz wie mit Purpur ubergossene Prasident ersuchte den Provinzial weiter zu lesen ...

Dieser that es und in der That lachelnd:

"Eine Scene war es, die uns sogar selbst mit Schrecken uberrieselte ... Die nachtliche Stille in dem mondbeschienenen Walde ... Die Klange der Orgel ... Wir kamen von einem Mahl, das Graf Altenkirchen gegeben hatte ... Die Diener blieben zuruck ... Wir erklarten gegen Mitternacht, vom Kapellenthurm aus im Walde uber die Baumkronen hinweg das Spiel der Mondstrahlen beobachten und eine Windharfe horen zu wollen, die uber einen Durchhau der Tannen gespannt war ... Bereits war ich selbst voraus und fand Leo Perl im Ornat, einsam in der Kirche auf- und abgehend und mit sich selbst redend ... Wahrhaft schon sah er aus in seinem langen Kleide; die Stola, reichgestickt, hing uber seiner Schulter ... Graf Altenkirchen spielte die Orgel ... Fulvia Maldachini wurde vom Kronsyndikus gefuhrt ... Baron von Liebetreu trug die Schleppe ihres Kleides ... Sie schwebte dahin, wie Juno, als sie Zeus vor allen Olympiern zu seiner Gemahlin erhob ... Bei ihrem Stolz und Gluck hatte sie von allem kein Arg ... Die Worte, die der Priester deutlich sprach: 'Willst du diese gegenwartige Signora Maldachini, Marchesina von Santalto, zu deiner Gattin nach Vorschrift der heiligen Mutter Kirche annehmen?' verstand sie nicht, aber den Gebrauchen passte sie scharf auf ... Der Wechsel der Ringe, alles erfolgte nach Vorschrift ... Perl war so heimisch in dem, was er zu thun hatte, dass wir daruber erstaunten ... Auch nicht eine Eigenheit des Ritus ging verloren ... Wir gingen dann zum Schloss zuruck ... Scheu und in der That schon erschreckt von unserm Frevel ... Die Windharfe, von goldenen Mondstrahlen beschienen, klagte geheimnissvoll uber die Tannen heruber. Noch klang die Orgel hinter uns her; Graf Altenkirchen blieb bis zuletzt, um die Kapelle zu schliessen ... Wir horten das Rascheln unserer Schritte auf dem grunen Wiesenplan, wo uns die Leuchtkafer umgluhten ... Der Weg war nicht zu nah bis zum Schlosse ... Glucklicherweise war die Italienerin in einer so uberspannten Aufregung, dass sie uns alle zu sprechen zwang ... Es ging franzosisch, italienisch, deutsch durcheinander; aber wir fanden erst allmahlich den Ton des Scherzes wieder ... Einer dann aber niemals mehr Leo Perl" ...

Der Provinzial hielt inne um das Gericht Gottes zu bezeichnen ...

"Der Freund", fuhr er nach einer Weile fort, "hatte den Gedanken unsers Betruges, mein' ich, ganz ebenso leichtsinnig ergriffen, wie wir ... Zusammengesetzt in seinen Principien aus Voltaire und dem Zufall, den die Kabbala lehrt, scherzte er uber alles, was Plan und Absicht im Leben ... In Alles musse man sich blind werfen ... Auch in die Ehe ... Und lacherlich war ihm die Anmassung dieser Italienerin, die 'soviel Werth auf sich legte' ... Er war eitel darauf, sich unsers Vertrauens zu erfreuen. Seine Lust an der Sache ging so weit, mit Befriedigung zu zeigen, wie vollstandig ihm, einem Rabbiner, der Ritus unserer Kirche bekannt war ... Was konnte ihm geschehen bei einer Mitschuld so bedeutender Namen! ... Man setzte voraus, dass in Paris der Kaiser selbst lachen wurde, erfuhre er den Betrug ... Geld, glaubte man, wurde ausreichen, den Handel, wenn er bekannt wurde, niederzuschlagen ... Da musste uns denn freilich uberraschen, dass wir plotzlich unsers frohlichen Doctor Leo Perl's Spur verloren ... Gleich nach der Trauung war er verschwunden ... Mit sich mehrender Verlegenheit suchten wir ihn ... Wir erschraken nicht wenig, als wir in Erfahrung brachten, dass er Christ geworden und noch mehr, dass er sich zu Witoborn im Seminar befand ... Sofort eilte ich ihn aufzusuchen und horte zu meinem Erstaunen, dass Leo Perl katholischer Priester werden wollte ... Als ich mit ihm sprach, erkannte ich ihn nicht wieder. Scheu blickte er zur Erde und wich allem aus, was ihn an die Vergangenheit erinnerte ... Sind Sie aus einem Saulus ein Paulus geworden? fragte ich ... Es gibt viel Wege nach Damascus! war seine Antwort. Er deutete an, dass fur ihn der Weg zur Erleuchtung uber die Mondscheinnacht in Altenkirchen gegangen ... Hat Sie der Frevel so erschreckt? fragte ich. Haben die Messgewander Sie zu unserm Ritus herubergezogen? ... Er verrieth vollkommen, dass er sich hatte taufen lassen im Schauer uber seine That, im Schmerz um seinen Leichtsinn und wie von Christus selbst darum angeredet und ermahnt ... Er sprach ganz wie Augustinus in seinen Bekenntnissen. Wie diesen sein kunstlich sophistisches Redneramt mit Gewalt zum Ernste gezwungen, so geschah es ihm auch mit seiner falschen Rolle ... Die Windharfe hatte ihm, sagte er, gerufen, was dem Redner Augustinus, als er unterm Feigenbaum in Mailand uber sein stetes Lugen und rednerisches Prahlen weinte, die Kinderstimmen aus dem Nachbarhause: Nimm und lies! Nimm und lies! ... Als ich seinen Entschluss lobte und ging, wollten Andere sagen, der Kronsyndikus, der die Entdeckung zu furchten anfing, hatte ihn mit Geld bestimmt ... So viel ist gewiss, dass er spater seine erste Messe im Munster von Witoborn lesen musste, nur damit die gerade anwesende Maldachini ihn sah ... Mir gegenuber wollte Perl behaupten, die Ehe derselben ware gultig ... In unserm lebhaften Streit daruber unterbrach uns der Besuch seiner Verwandten ... Eine Jugendgeliebte hatte Perl gehabt, an die er Briefe schrieb, wie Plato an Diotima ... Er gestand zu, dass sie ein ganz einfaches Judenkind ware, doch malte er sie sich wie ein hohes Phantasiegebilde aus, das er dann freilich desto leichter aufgeben konnte ... Nun fingen die Verwandten an, ihn aufs heftigste zu besturmen ... Seine Schwarmerei war keine nachhaltige ... Verstand und Phantasie wechselten von jeher bei ihm ... Endlich erschien ihm eines Tages aus einem, seinem Zimmer im Convict gegenuberliegenden Hause am Fenster seine ehemalige Geliebte, geschmuckt wie Esther, das Haar voll weisser Perlen und vom brautlichen Schleier umwunden ... War es Traum oder Wirklichkeit, der Eindruck auf ihn wurde so machtig, dass er zum Rector, dem spatern Bischof Konrad, eilte und sich ihm zu Fussen warf mit der Bitte, ihn wieder freizulassen; er konne nicht Priester werden ... Der gute Rector war gern bereit dazu ... Da aber soll der Kronsyndikus, Ihr Vater, dazwischengetreten sein, soll Leo Perl auf Neuhof entboten und ihn so in die Enge getrieben, ihn so eingeschuchtert haben, dass Perl ins Convict zuruckfloh und wirklich Priester wurde ... Gleich nach der Messe im Munster erhielt er durch Ihren Vater eine vortreffliche Pfarre ... Seitdem sah ich ihn nicht wieder ... Er verfiel in Hypochondrie, blieb ein einfacher Landpfarrer und zeitlebens von einem verschlossenen Sinn ... Auch mich uberschleicht Trauer und Wehmuth, gedenk' ich jener Tage ... Um den Sohn der Fulvia, um Ihren naturlichen Bruder, tragen Sie keine Sorge! Er lebt in Verhaltnissen, die zur Grausamkeit machen wurden, ihn uber seine Herkunft aufzuklaren. Ohne Zweifel erhielt Pater Maurus Anweisungen aus Rom. Diese werden, denk' ich, nicht weiter gehen, als dass er die Wahrheit erforschen soll. Er hat Ihnen einen Bevollmachtigten der Anspruche Angiolina's in Aussicht gestellt. Theilen Sie diesem von allen meinen Gestandnissen, die ich vor Gott und meiner Ehre vertrete, so viel mit, als zu seiner Aufklarung nothwendig ist. Ich wunschte, es ware ein Priester; denn scheue ich mich auch nicht, vor meinen Mitleviten zu bekennen, was wir taglich ausrufen sollen: Mea culpa, maxima culpa! so wunscht' ich doch, die Graber blieben unaufgedeckt. Was auf ihnen bluht, bluht gesund und schon und ist es auch Irrthum und Sunde es ist! So unser ganzes Leben. Wurde man Wahrheit pflanzen wollen, gedeiht sie ?" ... Noch kamen einige Worte des Grusses an Bonaventura und an die Lauscherin ... Das Bekenntniss war zu Ende ...

Die Blicke aller Anwesenden waren auf Terschka gerichtet ...

Terschka, zu Bonaventura's Schmerz kein Priester, sondern ein Laie, sollte jetzt sagen, wie weit seine Auftrage gingen ...

Der Provinzial schien eine vollig neutrale Rolle zu spielen ...

Terschka druckte eine der Federspalten, die er auseinander getrieben hatte, nach der andern wieder zusammen ...

Wahrend der ganzen Sitzung, die er durch seine Geistesgegenwart zu beherrschen schien, hatte sein Inneres keine Ruhe gefunden ...

Wie stand es mit ihm? ...

Am Morgen der Jagd war er im Kloster Himmelpfort gewesen ... Er fuhr dorthin voll ausserster Entschlossenheit ... Er wollte sich von seinem Orden losreissen, wollte sich der Grafin Erdmuthe anvertrauen, wollte sich in ihren Schutz begeben und die Rolle eingestehen, die er auf Roms Betrieb hatte spielen sollen und die durch seine Freundschaft fur ihren Sohn gehindert wurde er wollte die Confession wechseln wenn anders der trunkene Taumel, der ihm zu allen diesen Entschlussen den Muth gab, andauerte und andauern d u r f t e , das Entzucken uber Armgart's Hingebung Armgart's, die schnell, schnell erobert werden musste vor den Enthullungen, uber die ihr Schaudern, hatte er einmal ihr Ja errungen bei seinem Charakter zu spat kam ... Den Widerspruch ihrer katholischen Gesinnung glaubte er, einmal im Besitz dieser Eroberung und mit Hulfe der Mutter, nicht ernstlich furchten zu brauchen ...

Vor drei Tagen hatte er Armgart nach dem Stifte Heiligenkreuz zuruckbegleitet ... Er massigte seine Leidenschaft und unterliess doch nichts, was den Wahn des bethorten Madchens verstarken, ihren Entschluss, ihn durch sich selbst von ihrer Mutter abzuziehen, befestigen konnte ...

Zitternd war sie an seiner Seite hingeschritten ... Im Waldesdunkel, vom Reiz der Einsamkeit verfuhrt, wagte er, zartlicher ihren Arm zu ergreifen ... Da erschreckte ihn der Monch, der ihnen gefolgt war, Bruder Hubertus ... Dieser gesellte sich zu ihnen, liess sie nicht wieder allein, ja Armgart hielt ihn absichtlich, nur um nicht von einem Thurm, auf dem sie sich zu befinden glaubte, himmelhoch niederzusturzen ... Armgart versprach zur Jagd zu kommen ...

Sie wollte, verfolgt von ihrem Gelubde, sich besinnungslos in den Strudel des Lebens sturzen ... Sie irrte dahin, nur um alles vergessen zu konnen, was sie ihrem Opfer zu Liebe that und thun zu mussen glaubte ... Ein nicht erfulltes Gelubde! ... Einst hatte sie aus Dank uber eine Krankheit, die Paula bestanden hatte, Gott gelobt, funfzigmal an einem Tage die Antiphon Salve regina in deutscher Uebersetzung und einen Monat lang zu sprechen. Als sie diese Pflicht nachlassig betrieb, wurde sie sogar von Mullenhoff's mildem Vorganger als im Stande der Todsunde befindlich erklart ...

Terschka blieb die Nacht beim Verwalter des Stiftes ... Die Furcht, der Monch mit seinen Erinnerungen wurde sich ihm aufs neue anschliessen, bestimmte ihn, nicht sogleich wieder den Weg zuruckzunehmen ...

Am Morgen darauf musste er zum Provinzial Maurus, dann zur Jagd ... Er fuhr sich selbst mit einem Jagdwagen und jagte querfeldein wie ein von Furien Verfolgter ... Wieder redete ihn auch im Kloster Franz Bosbeck an; wieder fragte er nach seinen Verwandten ... Und wenn ihm der Lastige das Dreifache in Aussicht gestellt hatte von dem, was er fur seine Erben in Bereitschaft zu halten erklarte, er wurde ihn wild angeschnaubt haben: Gehen Sie nach Bohmen! Meinen Namen tragen dort Hunderte! ...

Beim Pater Provinzial bebte er erwarten zu durfen, dass er als Priester begrusst, fur etwaige Renitenz von den Vatern vielleicht selbst mit Enthullung seines zweideutigen Ursprunges bedroht werden wurde ... Gefesselt an Leib und Seele folgte er in die Bibliothek ...

Pater Maurus theilte ihm ein uber Wien aus Rom gekommenes Schreiben mit, demzufolge er sich mit ihm verstandigen sollte zur Beantwortung der Frage, die da lautete: Ist Angiolina Potzl, wie sie von einer Theaterfamilie genannt wurde, die rechtmassige Tochter der in zweiter Ehe sich Herzogin von Amarillas nennenden Fulvia Maldachini? Welche Umstande haben bei der Trauung derselben mit dem Kronsyndikus Wittekind obgewaltet? ...

Hochstes Erstaunen ergriff ihn beim Lesen der genaueren Motivirungen ... Angiolina eine Tochter des reichen, vor wenig Tagen bestatteten Kronsyndikus! Eine Tochter seiner Gonnerin in Rom! ... Hatte man das Interesse des Grafen Hugo fur sein Pflegekind wahrgenommen und dem nachgeforscht? Warum das? ... Graf Hugo war es nicht, der ihm die Frage stellte: Ist Angiolina eine mir ebenburtig Geborene? ... Rom fragte es, sein General!

Terschka hatte in der Stimmung, in die ihn die Furcht vor dem endlichen "Ablaufen seiner Stunde", jetzt die Leidenschaft fur Armgart versetzte, nichts gethan, den Vatern der Gesellschaft Jesu zu dienen, wenn ihn nicht die ganze Umgebung des Klosters und der lauernde Hubertus mit Furcht und Schrecken erfullt hatte ... Und Pater Maurus, als Inhaber der Beichte des Kronsyndikus, die er der darin vorgekommenen Reservatfalle wegen seinem General in Rom, dem General der Franciscaner, hatte zuschicken mussen, schwieg zu allem und schon musste er Terschka mindestens fur einen Affiliirten der Jesuiten halten ...

So entschloss sich dieser, an einem der nachsten Tage auf Schloss Neuhof ganz im Interesse seines Freundes des Grafen Hugo und der schonen Angiolina zu sprechen ...

Er machte die Jagd mit, umschwarmte Armgart mit seinen Huldigungen, begrusste mit Vertraulichkeit und allen Beweisen seiner gewohnten Galanterie Lucinden, zeigte beim Brande, uber den er kein Arg hatte, seinen Thateifer und kam auf Schloss Neuhof mit dem Schein einer volligen Unbefangenheit an ... Er stellte sich, wie wenn der empfangene Auftrag ihm hochst lastig ware und er nur opponirte, um seinen Auftraggebern die unerlassliche Schuldigkeit zu thun ...

Den Prasidenten brachten aber seine Aeusserungen uber die Legitimitat der zweiten Ehe seines Vaters in die leidenschaftlichste Erregung ... Ueberhaupt hatte dieser die Relicten seines Vaters verwickelter gefunden, als er erwartete ... Sein Ehrgefuhl litt unter dem Ruf seines Namens schon lange und vollends gereizt war er uber die Sprodigkeit, mit der man ihm und seiner Gattin hier entgegenkam ... Bonaventura fand heute an seinem Stiefvater Gefallen ... Fast betroffen war er von dem innigen Handedruck, mit dem ihn dieser begrusst hatte ... Die Anrede: Mein Sohn und Freund! war so aufrichtig betont, dass Bonaventura aufs lebendigste fur ihn Partei ergriffen hatte, ware ihm nicht der Gedanke an Benno, der nun in wirkliche und nach seiner Ueberzeugung legitime Verwandtschaft mit ihm trat, zu bestimmend gewesen ...

Terschka sagte auf die ganze Eroffnung des Onkels Dechanten mit einer spitzen und ironischen Betonung:

Ich bewundere den Muth dieser Gestandnisse! Aber die Ehe gilt ...

Herr von Terschka! rief der Prasident voll aussersten Unwillens ...

Gewohnen Sie sich doch an diese Vorstellung! lachelte Terschka, Sie sollten Angiolina kennen lernen! Olympia in Rom ? Nein, da ist zu viel Kalte! Lucinde Schwarz hier ? Nein, da ist der Verstand zu zergliedernd ... Ei, und ich versichere Sie, ich gonne es Angiolinen, zu erfahren, dass sie an Jahren alter ist, als wofur sie gilt ...

Das Fraulein von Wittekind bezaubert ganz Wien durch ihre Reitkunst! Ich weiss es ...

Es war nur die Schuld Ihres Vaters, dass das kaum geborene Kind, dessen Alter, wie man in solchen Lagen gewohnt ist, falsch angegeben wurde unter

Die Gaukler gerieth! erganzte der Prasident. Ich werde Sorge tragen, dass an Angiolina Potzl nachgeholt wird, was versaumt wurde! ...

Thun Sie das nicht, Herr Prasident! erwiderte Terschka ... Fraulein von Wittekind entbehrt nichts, als ihren legitimen Namen ... Sonst ist ausreichend fur sie gesorgt ...

Am wenigsten gonnen Sie ihr doch wol eine solche Mutter, die man bei ihrem Erscheinen in Wien mit einem Process auf Bigamie begrussen wurde! ...

Sie kennen die Herzogin von Amarillas? fragte jetzt Bonaventura, um den Eifer der Streitenden zu mildern ...

Als ich in der romischen Armee diente, sah ich sie oft und ich gestehe Ihnen gern, die Grunde nicht zu begreifen, die man haben kann, eine hochgestellte Dame mit diesen Nachforschungen zu beunruhigen ...

Diese Grunde sollten Ihnen unbekannt sein? ...

Vollkommen! sagte Terschka und stutzte uber einen wie Hulfe suchenden Blick, den der Prasident auf den Provinzial warf ...

Bonaventura ahnte von Seiten seines Stiefvaters einen noch heftigern Ausbruch der muhsam unterdruckten Stimmung und warf ihm einen bittenden Blick zu ... Die Hauptangelegenheit, das Austauschen der vor Jahren stattgehabten Vorgange war ja beendet; das Aussprechen der Legitimitat der zweiten Ehe hing von einer Entscheidung der romischen Gewissensrathe ab ... Ihn zog es nun nach Westerhof zu Paula, die nach dem schreckhaften Erlebniss dieser Tage seines Zuspruchs bedurfte ... Und Benno, Benno war auf dem Schloss ... Benno hatte die mit Terschka verabredete nochmalige Revision des Archivs, die jetzt einer neuen Anordnung gleichkam, auf heute Nachmittag anberaumt ... Wie bebte er dem ersten Grusse des Freundes nun Bruders entgegen ...

Da wir unter uns sind, lieber Sohn, begann aufs neue der Prasident, dem Bitteblick erwidernd und das "unter uns" seltsam betonend, so will ich eine Vermuthung aussprechen. Ich gelte schon lange fur keinen guten Katholiken ...

Als hatte der Prasident das Erschrecken seiner lauschenden Gattin gesehen, verbesserte er:

Ich kenne wenigstens meinen Ruf ... Die Regierung schenkte mir Vertrauen und ich habe als Patriot diesem Vertrauen zu entsprechen gesucht ... Das Zeugniss kann ich mir geben, dass ich darum meine Religion ebenso liebe wie andere. Nur die Anmassungen der romischen Curie zu beseitigen, lag in meiner amtlichen Stellung und auch hier verfuhr ich mit Ueberzeugung. Zum Kirchenfursten ging ich, weil es meine Gattin wunschte. Ich habe ihm offen ins Auge sehen konnen. Wenn ich es nicht gethan haben sollte, war es, um einen Gebeugten nicht zu kranken. Wir gehoren einem gemeinsamen Staate an, der die gegebenen Zustande schont, ohne sich den Verbesserungen zu verschliessen. Wollte der Himmel, die Nothwendigkeit der letztern wurde nicht zu dringend! Verurtheilen Sie mich nicht, Herr Provinzial! Ich frage Sie welch eine Institution ist allein schon unsere Beichte, die die geheimsten Athemzuge bis nach Rom vernehmen lasst! ...

Ein Rauschen an der Wand verrieth den Schrecken der Gattin ...

Erkennen Sie darin keinen Segen? erwiderte der Provinzial mit duster zusammengezogenen Augenbrauen ...

Der Prasident beherrschte sich und fuhr fort:

Es ziemt mir nicht, Behauptungen auszusprechen, die ich nicht beweisen kann! So weit aber hat doch mein Amt mich in das innere Leben der Hierarchie einblicken lassen, dass ich vollkommen zu verstehen glaube, welche Zusammenhange diesen Belastigungen meiner Ruhe und Ehre zum Grunde liegen. Sie glauben, ich wurde nicht die Berechtigung der Herzogin von Amarillas, sich meine zweite Mutter zu nennen, anerkennen? Ich wurde nicht meine Geschwister an mein Herz ziehen? Sie irren sich! Ich bin bereit dazu, wenn die Ehe wirklich nach burgerlichen, allgemein gultigen, deutschen Gesetzen als richtig geschlossen gelten konnte. Sie kann dies aber nicht und ich glaube nicht daran, dass auch irgend Jemand von den Betheiligten in Wahrheit interessirt ist, dass dies geschieht ...

Nicht Angiolina, nicht Benno ? rief es in Bonaventura's Innern ...

Oder glauben Sie, Herr von Terschka, dass Sie Instructionen erhalten werden, noch eine gerichtliche Untersuchung uber den Vorgang, den uns in so edler Offenheit der Dechant erzahlt hat, in Angriff zu nehmen? Grell aufgedeckt, aller Welt bekannt soll dieser Vorfall werden? Was schrieben Ihnen daruber die Jesuiten? ...

Terschka bot alle seine Verstellungskunst auf, um auf dies leicht hingeworfene, doch alle erschreckende Wort lachelnd wiederholen zu konnen:

Die Jesuiten! ...

Die Jesuiten! bestatigte der Prasident. Sie sind kurzlich wiederhergestellt worden. Sie sind schon machtig genug. Aber die Macht des Ordens ist ihm noch nicht die alte. Die ubrigen Orden wuchsen inzwischen in zu grosser Autoritat fur ihn empor. Von den frommen Vatern des heiligen Franciscus droht allerdings seinem Ehrgeiz wenig Gefahr. Ihr General, Herr Provinzial, wird den Einblick in die Beichte meines Vaters verweigert haben; aber doch sind Sie angewiesen, die Bemuhungen des Herrn von Terschka zu unterstutzen. Ich weiss das! Bestreiten Sie es nicht! Die Dominicaner hatten es nicht gethan. Sie wurden Ihnen, Herr Provinzial, geschrieben haben: Lehnen Sie jeden Beistand zu Untersuchungen ab, die den Jesuiten gegenuber eine bei uns niedergelegte Beichte compromittiren konnten ...

Herr Prasident! wallte der Provinzial auf und blickte auf Bonaventura, der ihm beistehen sollte ...

Ich klage Sie ja nicht an, Herr Provinzial! fuhr der Prasident fort und strich sich seine dunnen grauen Haare, als hatte er das Gefuhl, wie sie sich unter seiner zunehmenden Erregung aufstraubten ... Ich sage nicht, dass Sie heute uberhaupt schon zu Herrn von Terschka's Beginnen ein Ja oder ein Nein verriethen. Sie liessen ihn einfach gewahren. Ich will Ihnen aber nur Eines sagen, was Sie uberraschen soll ... In tiefstem Frieden uber alles, was uns hier beunruhigt, lebt in Rom die Herzogin von Amarillas ... Ohne Sorge rustet die hochgestellte Frau sich zu einer Reise nach Wien ... Cardinal Ceccone hat sich seit Jahren an sie und ihren Umgang gewohnt Olympia, seine Nichte Sie kennen ja die Sage uber Olympia beherrscht die romische Welt und beherrscht ihn und die Herzogin Ceccone, wie uns Mannern vom Regiment wol auf unsere alten Tage geschieht, ist der Inquisitionen und Dolche mude. Er hat das Seinige fur die dreifache Krone gethan. Aus F u r c h t ist er sogar Affiliirter der Jesuiten geworden Und doch, doch thut er dem Orden nicht genug ... Ceccone schliesst Concordate, bekampft die Revolution, bereichert den Index der verbotenen Bucher, verdammt Philosophieen und Glaubenssysteme, selbst die, die der Mutter Kirche ergeben sind, Ceccone lasst Donner und Blitz vom Vatican selbst uber die neuen Eisenbahnen rollen dem General der Jesuiten ist alles das noch nicht genug. Man erwartet, dass Ceccone nach Wien geht. Die Diplomatie und Staatskunst wollen den Frieden der Kirche mit unserm Lande vermitteln. Aber die Jesuiten nehmen diesen Augenblick wahr. Ihnen scheint er fur Deutschland, fur Europa entscheidend. Jetzt oder erst in einem Jahrhundert! So wollen sie den letzten Rest von Selbstandigkeit, den sich der Heilige Vater noch durch seine nachsten Organe erhalt, vernichten ... Nur den Befehlen des Al Gesu soll er folgen ... Nur eine Politik, eine Diplomatie nach kirchlicher Autoritat vertreten ... Erst sollen Priester, Monche, Bischofe sprechen, dann Staatskanzler ... So stechen sie jetzt dem Cardinal, einem alten Richter und Advocaten allerdings voller Weltlichkeit, in die Ferse durch die Drohung: Die Frau, ohne die du nicht sein kannst, die Frau, die der Deckmantel deiner zartlichsten Fursorge fur Olympia ist, verfallt einem Schicksal, das sie und Olympia und dich selbst an den Pranger stellt; sie war die Gattin zweier zu gleicher Zeit lebender Manner! Wozu wurde sich nicht Ceccone entschliessen, wenn er solche Gefahren von seiner Ehre, von der Ehre der Frauen, die er schatzt und liebt, abwenden muss! Welche Dispense sind da nicht nothig, um solche Verbrechen zu suhnen! Welche Schwierigkeiten vor demjenigen Theil des geistlichen Ministeriums in Rom, der sich mit den Herzens- und Heirathssachen von hundertunddreissig Millionen Kindern der Kirche beschaftigt! Erkennen Sie nun die Moglichkeit, wie zuletzt dem Staat uber solche Intriguen die Geduld reisst! ... Ich nehme von dem nichts zuruck, was ich fur die Freiheit der gemischten Ehen gethan habe ...

Das Rucken des Stuhls, auf dem der Provinzial sass, ubertonte ein fortgesetztes Rascheln, das an der Wand horbar wurde und immer noch Niemanden auffiel ... selbst nicht dem Prasidenten, der es ausdrukklich horen sollte ...

Wie ergriff jedes dieser Worte Bonaventura im Hinblick auf die Empfindungen, die daruber eben auch seine Mutter hatte hegen mussen ...

Terschka wagte nicht zu widersprechen ... Vollkommen von der Wahrheit dieser Enthullungen uberzeugt, sah er im Geist wieder seinen lowenmuthigen General, horte die vor Jahren in Rom erhaltenen Anreden, sah den Feldherrnblick, der im Al Gesu das Nachste und Entfernteste vom kleinsten Menschenbis zum grossten Staatenschicksal zu benutzen versteht ...

Wohlan, fuhr der Prasident fort, ich bin beruhigt, wenn mir Herr von Terschka sein Ehrenwort gibt, vorlaufig nichts weiter in dieser Sache zu thun, nicht in Witoborn oder sonst auf den Archiven verdachtigende Nachforschungen anzustellen, sondern vorlaufig nach Wien oder Rom hin zu berichten, dass dieser Handel von u n s e r n Auffassungen und Gesetzen abgemacht und die Herzogin von Amarillas nicht die Frau von Wittekind ist ...

Was nur lahmte Terschka die ihm sonst so gelaufige Zunge und liess ihn uber die scharfe Betonung des Wortes: "Sein Ehrenwort" erschrecken? ...

Der Prasident sagte noch einmal: Geben Sie Ihr Ehrenwort! ...

Terschka schwieg ...

Ihr Ehrenwort! Als Cavalier! ...

Als Terschka auch jetzt noch sinnend niederblickte und schwieg, sprach der Prasident mit ergrimmter leiser Stimme:

Ich vergesse Herrn von Terschka bindet an die Obern das Gelubde des Gehorsams! ...

Die Wirkung dieser Worte war machtig ...

Der Prasident erhob sich; alle andern blieben sitzen wie gelahmt ... Terschka bleich mit halbgeoffnetem Munde ... Der Provinzial mit hoch aufgezogenen Augenbrauen ... Bonaventura mit einer Ahnung, die im Hinblick auf den ketzerischen Grafen Hugo im Nu die volle Wahrheit erkannte ...

Nehmen wir ein Fruhstuck, meine Herren! sprach im Gefuhl seines wenigstens jetzt unwiderlegbaren Triumphes der Prasident und wollte, scheinbar unbefangen, vorangehen, um die Thur zu offnen ...

Die drei Priester waren zwar auch aufgestanden, blieben aber noch immer wie erstarrt stehen ... Kein Wort kam von ihren Lippen ... Das Wort des Prasidenten konnte fur einen Scherz gelten aber man erkannte zu deutlich der Falsche, Abtrunnige, der "Segestes", wie ihn sein Vater genannt hatte, war zu diesem Kampf wohlgerustet erschienen ...

Um die Vernichtung Terschka's, der, mit tausend Dolchen durchbohrt, sich am Stuhl zu halten suchte, zu mehren, ging der Prasident in leichtem, scherzendem Ton zu den Worten uber:

Will Graf Hugo seine Guter hier selbst antreten, so wurde er allerdings gut thun, sich erst in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zu begeben und Sie Herr Pater Stanislaus, werden schon dafur sorgen ...

Ein Einspruch gegen diese Worte, die nur wie ein ironischer Scherz fielen, war nicht moglich; denn schon hatte der Prasident geklingelt, schon traten Diener ein. Nicht lange, so erschien Frau von Wittekind. Man setzte sich zu Tisch. Der Prasident entwickelte eine Heiterkeit, eine Fulle von Kenntnissen, die ihn scheinbar zum Sieger uber seine Gegner machte, trotzdem, dass er ahnte, wie ohne Zweifel mit der Zeit zwei legitime Geschwister sich ihm zur Seite stellen wurden ...

Bonaventura brach fruher als die andern auf ...

Wie hatte er mit Terschka noch langer allein sein konnen ...! Wie noch langer den Blick ertragen mogen, der in Terschka's Augen der der tiefsten Vernichtung war! ...

Welche Enthullungen! ... Terschka ein Jesuit! ... Abgesandt zur Convertirung des Grafen Hugo! ... Und mit welchen Mitteln sollte er ihn bekehren ... Mit welcher Kunst der Verstellung! ... Bonaventura's Erschaudern uber Rom konnte bei der einen Thatsache nicht verweilen, denn schon die andere verdrangte sie ... Sah er auch im katholischen Sakrament der Ehe, das abweichend von den sechs andern, sich ohne den Priester, rein nur durch die Liebe vollzog, wieder seine vollen schonen grossen Rosen in den Munstern gluhen, was sollte er mit Benno beginnen? ... Sollte er ihn lind und sanft auf seine Jugendtage zuruckfuhren? Auf einen Kronsyndikus als Vater! Auf eine in Rom unter Verhaltnissen, die sich aller klaren Beurtheilung entzogen, lebende Mutter! Auf eine Schwester in zweideutiger Lebensstellung ... Benno war, jetzt begriff er es ganz, alter, als man geglaubt ... Wie auch anders konnte Benno in seinen Erinnerungen das Bild einer schonen Frau haben, die aus einer prachtigen Kutsche stieg und ihn so oft voll Schmerz und Liebe betrachtete! ... Wer konnte dies anders gewesen sein, als die Frau, die eine rechtmassige Geburt verbergen musste und sicher den erlebten Betrug erst spat ahnte ... Als sie in die allgemeine Flucht des westfalischen Hofes gerissen wurde, blieb ihr kaum daruber ein Zweifel ... Da sie die tiefere Kenntniss der ihr beistehenden Kirchenlehre nicht besass, ergriff sie Furcht, Hass, Scham, sodass sie nichts mehr vom Vergangenen besitzen mochte und in ein neues Lebensverhaltniss trat, leichtsinnig genug vielleicht ... Erst hatte Max von Asselyn, der aus Spanien zuruckkam, Benno als seinen Sohn mitgebracht, dann erzogen ihn die Hedemanns, dann kam er in die Dechanei ... Alles das war verabredet um des Dechanten willen, dessen Existenz von einer plotzlich streng gewordenen Censur abhing. Ein Zug der Natur war es, dass sich Benno so eifrig die Sprache seiner Mutter aneignete und oft Bonaventura selbst anfeuerte, sich in ihr zu vervollkommnen ... Und neben Angiolina neben einer zweiten Lucinde, neben einer in gewissem Sinne zweiten Rivalin Paula's Graf Hugo liebte sie dann noch Lucinde selbst ... Zuletzt hafteten alle seine Gedanken nur noch allein an dieser ... Gefolgt war sie ihm aufs neue ... Ewig sie sein Schatten! ... Auf Schloss Munnichhof, unter dem Schutze einer Frau von Sicking, wagte sie zu erscheinen ... Nichts furchtete sie von Klingsohr, nichts von allem, was Bonaventura uber ihr Leben aus ihrer unvergesslichen Beichte wusste ... Es durchbebte ihn, gedachte er dieser Fessel seines ganzen Lebens ... Das war sie und das blieb sie und zum Hasse, zum gluhenden Hasse Lucindens konnte er sich nicht einmal erheben ... Nur fliehen musste er sie ... Wer weiss, ob sie nicht rucksichtslos auf Schloss Westerhof erschien, Paula sich vorstellte und die Schmerzen, die sonst die Leidende in ihrer Nahe fuhlte, erneuerte ... Wie er im verschlossenen Wagen seines Stiefvaters dahinfuhr zur Ebene nieder, da war es ihm doch, als musste Lucinde ihm nachfliegen, umschwarmt von Raben, mit einem Zauberstab auf die Brandstatte deutend als den Anfang all des Unheils, das sie ihm vorausgesagt hatte ...

Indessen auf den Feldern lag ein so milder Sonnenschein ... Der Fruhling fing an sich so machtig zu regen ... Die Walder in der Ferne hatten in einer Nacht einen Schein bekommen, als trieben die Baume schon ihre verjungenden Safte ... Heller, hoher Mittag war es ... In der Ebene musste er den Schlag offnen, um ganz die Sonne hereinzulassen ...

Und wenn es ihm allmahlich wurde, als musste schon die Lerche seines Fruhlingsliedes steigen, so war es, weil sich zuletzt doch siegreich nur noch allein Paula's Bild in milder Anmuth auf sein inneres Auge senkte ... Das Gewitter in ihm verrollte ... Nur noch einzelne Schlage, nur noch das Zucken seines Auges vor einem letzten Leuchten des Blitzes dann zogen die drohenden Geister der Luft immer ferner dahin ... Auch der innere Himmel blaute wieder und all sein Leben ruhte im Blick hinuber auf Westerhof ...

Dennoch, dennoch klagten die innern Melodieen:

Muss ich es ewig sehn! In deine Locken

Flicht doch dereinst den Kranz die fremde Hand!

Der Myrte silberweisse Blutenflocken

Doch schimmern sie dir einst aus fernem Land!

Unsterblich Loos, an Sterbliche gegeben,

Dich zu umfangen fur ein ganzes Leben!

O lachle nicht zu hold! Du kannst nicht wissen,

Wie Lacheln wird zu Hoffnungdammerschein!

Wie sich das Licht entringt den Finsternissen

Und hullt die Welt in Rosenwolken ein!

Du ahnst es nicht, wie deinem Zauberworte

Zu sel'gen Traumen sich erschliesst die Pforte!

Es kann nicht sein! Es soll nur still verhallen!

Wie Zephyrhauch am holden Fruhlingstag!

Wie in dem Strom die stillen Tropfen wallen!

Nur wie die Knospe bricht im Rosenhag! ...

Und rief's die Welt im Chor Dennoch entsage!

In Witoborn wurde Bonaventura von dem alten Messner Tubbicke angehalten ... Dieser bat ihn aufs dringendste, erst nach Sanct-Libori zu fahren, wo Norbert Mullenhoff plotzlich erkrankt war und das Bett hutete ... Eben entbot er ihm einen Vicar und vielleicht, bat er, hatte der Domherr auch die Freundlichkeit, den Pfarrherrn in seinen Functionen zu unterstutzen ... Beichten, Messen, alles wurde in Stocken gerathen, wenn die Krankheit andauerte ...

Bonaventura musste den Umweg uber Sanct-Libori nehmen ... Sonntag war vor der Thur, aber nichts erschreckte ihn mehr, als die Aussicht auf Beichthoren ... Er billigte als Aushulfe einen Vicar aus dem Seminar aus demselben, aus dem einst Leo Perl gekommen ...

An der Besitzung der Frau von Sicking brauchte er jetzt nicht, wie er gefurchtet, voruberzufahren ...

Den Pfarrer fand er in der That im Fieber ... Mullenhoff behauptete, sich beim Brand erkaltet und uber das Fraulein Benigna von Ubbelohde geargert zu haben ... In Wahrheit aber waren nur die beiden Wiegen, die vor seiner Thur gestanden hatten, der Anlass seiner Krankheit ... Wie der Gensdarm von der Schmeling zuruckgekommen war und den ganzen Hausstand derselben geschildert hatte, auch die Anwesenheit des verungluckten Dieners auf Westerhof, auch die der Finkenhofer Lene und ihrer Umstande, da legte er sich ins Bett ...

Der Geschafte gab es fur den Eiferer so viele ... Gerade war der Kirchenconvent gekommen ... Er kam, um Strafen zu verhangen, um die neue Tanzordnung fur den Finkenhof zu ordnen, um den Junglings- und Jungfrauenbund fur die Ostern einzuleiten ... Bonaventura musste alle diese Neuerungen auf einen andern Tag verschieben ... Mullenhoff, wie sich bei einer so markigen und kernhaften Natur erwarten liess, wand sich in ungeberdiger Ungeduld auf dem Lager. Vor Aufregung und Erhitzung durch den Thee, den ihm die Kathrein zu trinken gab, sah er wie zum Schlag treffen aus ...

Bonaventura sprach ihm zur Beruhigung ... Besass doch auch nur er diesen sanften Ton, der Herder's Behauptung widerlegen musste, dass die Sprache von den Menschen erfunden ist ... Diesen Ton, der trostend zu den Leidenden spricht, der wie ein Balsamhauch uber brennende Wunden fahrt; den nicht die Zunge, den das Herz selbst einsetzt und gerade so einsetzt, wie der Schmerz seine Klage ... Diesen allein trostenden Ton, den ein Arzt hat, wenn er, ein weiser Heilkunstler, in das Zimmer eines Kranken tritt ... den ein Vater hat, wenn er ein' Kind an sein Herz zieht und es ermuntert nur ihm, ihm allein seine jungen Leiden anzuvertrauen, ihm allein die Erstlinge seiner Schmerzen zu opfern ... Mullenhoff meinte zaghaft: Ich mochte Ihnen wol beichten! ...

Bonaventura hielt dies Wort fur ein Zeichen der Todeserwartung, fur ein Begehren, schon die Sterbesakramente zu empfangen ... Er bat den excentrischen Mann, sich nicht aufzuregen ... So unterblieb das Abschutteln einer, wie es schien, druckenden Last ...

Ein normirtes Vespergebet musste Bonaventura im Stift Heiligenkreuz halten ... Das war unerlasslich; wer zahlt die religiosen Pflichten, die sich an die Altare der alleinseligmachenden Kirche auf Stunde und Minute knupfen! ... Kein Gotteshaus, und war' es noch so klein, es hat seine Ordnung und seine bestimmten Tage, die nur ihm allein angehoren ... Geburtstage im Kalender der Heiligen (die Geburt eines Heiligen ist sein Tod) gibt es mehr, als Tage im Jahre ... So reicht die Zeit kaum aus fur die Reihe der Zeugen und Bekenner, deren Gedachtniss die Kirche feiert ... Jede Diocese besitzt ein Programm seines Kirchenjahrs, so festgeordnet auf Ort und Minute, wie die Astronomie die Constellation der Gestirne bestimmt ...

Der Wittekind'sche Wagen blieb zu Bonaventura's Verfugung ... Er fuhr damit nach Heiligenkreuz und hielt das Vespergebet zu nicht geringer Ueberraschung der Stiftsdamen ... Gib Acht, du kommst nach Westerhof und triffst schon Lucinden! ... Dieser Gedanke verfolgte ihn ... Lange aber hatte ihm eine einfache kirchliche Function so wohlgethan, wie heute nach allen Aufregungen dies stille Murmelgebet in der kleinen dunkeln Kapelle des Stifts ...

Und das hatte dann allerdings den Damen behagt, wenn Bonaventura ihnen Beicht abgenommen ... Sie hatten sammtlich ihren gewohnlichen Arzt, Mullenhoff, sofort aufgegeben und dem neuen von sich weit, weit mehr, als nur Fastengebotverstosse eingestanden ... Wie "bedeutend" hatte sich jede in ihren Zweifeln und Beunruhigungen hingestellt! ... Fraulein von Merwig, die "Anflickerin", hatte ihren starken Geist gedemuthigt und ein Mittel gegen den Ehrgeiz begehrt, nur um zu verrathen, dass es Dinge gab, worauf sie ehrgeizig sein konnte ... Fraulein von Absam hatte "Neid" in der Brust gehabt und damit verrathen, worauf ihre geheimen Sehnsuchten gingen ... Fraulein von Tungel-Appelhulsen, eines der jungern Mitglieder, erst im Anfang der vierziger, hatte vielleicht eine Indiscretion gebeichtet, die beinahe wie eine Rache herauskam. Sie war eine Verwandte der Schwester Scholastika, Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien. Aber die Tungel-Heides und die Tungel-Appelhulsens wichen voneinander ab wie Tag und Nacht. Unbekannt mit diesem Unterschied ging Monika jene Portiuncula unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, ob sie nicht bei ihr mit fremdem Namen absteigen und in Armgart's Nahe einige Tage leben und sich ihrer Nachbarschaft einwohnen konnte, ohne dass sie es wisse. Und auf diesen Brief hatte das Fraulein geantwortet, ganz so steif, ganz so beschrankt, wie ihrem Charakter entsprach. Monika hatte diesen Brief nicht vertrauenerweckend gefunden und nur noch kurzweg um Entschuldigung gebeten und ihre Hulfe abgelehnt. Aber dumme Menschen sind immer gefahrlich und gerade die klugen Leute machen dann auch noch gerade die dummsten Streiche. Portiuncula hatte sich, aus Rache fur diese Ablehnung, gestern Abend in ihrer ganzen Glorie gezeigt ... Zu Armgart, die seit dem Brand in Westerhof blieb, hatte sie unter Kichern und zweideutigen Anspielungen, ganz im Geist des Stiftes, gesagt: "Na ja, Fraulein von Hulleshoven, jetzt kann ich Ihnen doch sagen, Ihre Frau Mama ist schon in Eschede! Sie wohnt bei Schonians. Die Mullern, die Angelika steckt sogar von Paris aus dahinter! Ja, und von da geht sie noch heute zur Frau von Sicking, und denken Sie! wer wird sie da eingefuhrt haben? Niemand anders, glaub' ich doch, als die Person, die mir mein ganzes Lebensgluck ruinirt hat, Sie wissen ja die Schwarzin! O, ich konnte in Neuhof die Erbin so gut sein wie andere! Aber, wenn Sie morgen Abend beim Thee in Westerhof sitzen, da passen Sie mal auf, dann ist die Mutter da und halt Ihnen die Augen zu! Sie hat sich mit Benigna hinter Ihrem Rukken ausgesohnt! Und wollen Sie von Ihrem Vater horen, so mussen Sie aber verrathen Sie mich nicht zu Hedemann nach Witoborn! Lassen Sie doch Ihren Herrn von Terschka da anfragen Freilich bei Hedemann wohnen Herr von Asselyn und Herr de Jonge ... Er Sie Kleine, Sie fangen ja schon fruh an! " Und nun kam alles so heraus, wie es ist in der Welt, wenn der Mensch sich einbildet, sein Leben und sein Handeln ware nur fur ihn allein da; alle wissen davon und oft mehr, als wir ...

Diese Beichten blieben jedoch aus ...

Es war schon Abend, als Bonaventura in Westerhof eintraf ...

Er fand das Schloss in eigenthumlicher Bewegung ... Im Vorhause horte er aufs lebhafteste sprechen ... Die Diener standen in Gruppen ... Fast ubersah man das Anfahren seines Wagens ...

Er achtete wenig darauf, da er sich schon erleichtert fuhlte, nur kein Anzeichen zu sehen, das auf eine etwaige Anwesenheit von Besuch und wol gar Lucindens schliessen liess ...

Herr Domherr! hiess es. Bisjetzt haben Herr von Asselyn auf Sie gewartet und Herr de Jonge ... Beide empfahlen sich zur Ruckreise und hatten Sie gern noch einmal gesprochen ...

Benno schon zuruck? ...

Bonaventura hoffte, dass er ihn und Thiebold morgen noch in der Stadt fand ...

Ueber Terschka erfuhr er, dass in der That dieser und Benno, Thiebold und der Onkel, wie sie gewollt, am Nachmittag das Archiv geordnet hatten ...

Vom Hof aus leuchteten die Laternen, die, um Unglucksfallen vorzubeugen, die dustere Brandstatte erhellten ...

Klingeln erschallten von da und dort ...

Ist Paula doch nicht krank? dachte er bangend und wagte nicht zu fragen, ob dies Klingeln und Laufen der Grafin galte

Die Herrschaften sind alle oben! hiess es ungefragt ... Und Herr von Terschka kleidet sich um ... Und auch Herr von Hulleshoven ...

Wozu umkleiden? dachte er ...

Eine Kammerjungfer des Hauses eilte an ihm voruber, blieb stehen und sagte:

Herr Domherr Sie wissen doch schon?

Sein Blick deutete das Gegentheil an ...

Das Document die langgesuchte Urkunde

Eine Klingel zwang die Sprecherin, in Eile abzubrechen ...

Bonaventura blieb wie mit einem Riss durch sein Herz ... Indem stand ihm plotzlich Onkel Levinus zur Seite ...

Da sind Sie! Nun, Domherr, sprachen Sie schon Ihren Vetter Benno? ...

Was ist? ...

Sie horten doch? Die Urkunde ist gefunden! Beim Raumen des Archivs! Sehen Sie, so hab' ich mich umkleiden mussen! Vor Russ und Brandgeruch! Auch Herr von Terschka! Ein Wunder ist's! Staunen Sie nur! Unbegreiflich! Aber Sie wissen doch, die Urkunde, der zufolge Graf Hugo nicht erben soll, wenn nicht die Religion stimmt! Paula bleibt die Erbin! Daruber ist jetzt kein Zweifel ...

Bei allen Heiligen

Wunderbar! Aber kommen Sie! Sehen Sie das Document! Wir fanden es mitten unter den geretteten Papieren ...

Schon stand Bonaventura in der geoffneten Thur des grossen Vorsaals ... am Weihwasserbecken ... Besinnung hatte er nicht, sich zu benetzen ... Die Gruppe, die sich seinen Augen bot, liess auch nichts anderes aufkommen, als zunachst den Gedanken: Paula stirbt! ...

Beleuchtet von Kerzen, die Diener und einige Madchen in die Hohe hielten, stand Paula mit einer Pergamentrolle in den Handen, leichenblass, Wachsfarben, wie ein Cherub des Himmels und wie schwebend im Chor der Seligen ... Armgart, zu ihr aufsehend, hielt sie in Andacht und Schrecken ... Die Tante Benigna hielt sie ebenso mit ihrer Rechten ... Paula las zwar, aber ihr Auge stand starr und wie gebrochen ... Die Worte: " V o r b e h a l t l i c h d a ss d i e j u n gere Linie meinem Beispiel folgt und bis dahin in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zuruckg e k e h r t i s t " standen wie mit Geisterhand aus ihrer Stirn zu lesen ... Onkel Levinus sprach diese Worte ... Und nun trat Bonaventura ein ... Da erlosch Paula's Auge ganz ... Ihre Kniee wankten ... Mit einem Hauch des Schreckens verging ihr die Kraft, sich zu halten ... Ohne Bewusstsein lag sie in den Armen der Hinzuspringenden, die sie nebenan auf ein Sopha trugen ...

Wie mit Donnerton wollte Bonaventura rufen: Aber die Urkunde ist ja falsch! ... Doch auch ihn entwaffnete der Anblick derselben. Er kannte so viele solcher alten Urkunden. Diese trug die Spuren ihrer Echtheit unverkennbar ... Das Pergament war zermurbt, mannichfach zerbrochen, altersbraun ... Die Buchstaben der Handschrift im steifen Kanzleigeschmack der Zeit nach dem Dreissigjahrigen Kriege ... Wahrend Paula nebenan ins grune Zimmer getragen wurde, erzahlte der Onkel die Art des Fundes, die Ueberraschung Benno's, die Zweifel Thiebold's, seine eigenen Untersuchungen ...

Aber Terschka? fragte Bonaventura ausser sich ...

Betroffen naturlich erschuttert Es andert sich vieles wenn nicht ...

Alles! rief Bonaventura ...

Der Onkel bestatigte dies ... Sonst horte er nichts und sah nichts, als die wahrscheinliche Geschichte der Urkunde ... Er bewies an den Bruchen des Documents, wie dasselbe zwei Jahrhunderte lang an der hintern Wand eines Schubfachs hatte mussen eingeklemmt gewesen sein ... Er hatte das Siegel der Dorstes nie in so richtiger Pragung gesehen ... Drei Sterne fand er wieder, die gerade Maximilian von Dorste zuerst in das Wappen des Hauses einfuhrte ... Er bewunderte die damalige Schreibart einiger Dorfschaften, die zu den graflichen Gutern gehorten ... Langst von ihm geahnte Ursprunge derselben sah er jetzt bewiesen ...

Paula blieb inzwischen auf dem Sopha; Armgart kniete vor ihr und barg thranenvoll ihr Haupt ...

Tante Benigna sagte halb bangend, halb von ihrem Standpunkt schon freudestrahlend:

Eine grosse Wendung! Paula die Herrin des Ganzen! Das steht nun fest und bleibt unwiderruflich ...

Und auf ein Wort, das sie eben von den Rucksichten der Etikette beginnen wollte, trat Terschka ein, in schwarzen Kleidern, in vollig veranderter Haltung gegen sonst, bleich wie der Tod ...

Die Augen Bonaventura's wagte er nicht auszuhalten ...

Er verbeugte sich und blinzelte auf alle Umstehenden von der Seite, wahrend er aufs neue die Urkunde ergriff ...

Wie oft hatte man sich aus Wien bereit erklart, sich ihr unterwerfen zu wollen, falls sie gefunden werden konnte und uberhaupt je ausgestellt ware ... Es handelte sich um eine veranderte Stellung aller der Fragen, die bisher Ruck vertreten hatte. Es handelte sich um die weitere Erbfolge, die eine vollig verschiedene wurde, wenn sie von Paula als Herrin ausging, als wenn von der jungern Linie. Blieb Paula die Besitzerin, so hatte auch die weibliche Linie der Dorstes Erbrechte und da ergab sich auf diese Art nicht nur der berechtigtste Antheil druben in der Person des Prasidenten auf Neuhof, durch diesen in Bonaventura selbst, sondern auch fur viele entfernter wohnende Angehorende ... Gerade von dieser Seite aus war schon lange und besonders durch den Kronsyndikus wie eine felsenfeste Nothwendigkeit die Convenienzregel hingestellt worden, dass, wenn Graf Hugo nicht mit dem Erwerb dieser grossen Guter, weil er nicht katholisch ware, durchdrange, doch Grafin Paula dann seine Hand annehmen m u ss t e , um ihn und die jungere Linie von ihrem tiefen Verfall emporzubringen ... Ein solcher Recess, wie er nun jetzt eintrat, gestattete Paula nicht die freie Disposition uber ihr Eigenthum; Vettern und Muhmen und Kirche und Landschaft nahmen an den Pacten einer Ehe theil und legten die mannichfachsten Beschrankungen der vollen Besitzergreifung auch fur Paula auf ... Paula, die darum aber doch die reiche Erbin blieb und hochstens aus freiem Willen, aus Hinopferung ihrer Hand etwas fur die jungere Linie thun konnte fur den Grafen Hugo, den Lutheraner, den Freund Angiolina's den Freund des Freifrauleins von Wittekind, der Schwester Benno's! Paula erhielt an die Freiheit ihres Willens Berufungen, denen wenigstens jetzt ihre Kraft nicht gewachsen war ... Alles das ubersah Bonaventura voll Schrecken und Wehmuth ...

Terschka erklarte mit scheinbarer Ruhe und mit einer den Onkel und die Tante wohlthuend beruhrenden Massigung nur seine Ueberraschung zu diesem Schicksalsschlage ... Seinen unbedingten Glauben an die Urkunde verweigerte er nicht ...

Er erwahnte die Anstalten, die er getroffen hatte, sofort durch einen Courier nach Wien die neue Wendung wissen zu lassen, die man jedenfalls er verbeugte sich gegen Paula hoch in Ehren zu halten hatte ...

In seinem Innern kampften die Entschliessungen, die er fassen sollte ... Seine irrenden Augen suchten Armgart, die die ihrigen verbarg ...

Die Beichtworte, die Bonaventura von Hammaker und Bickert gehort hatte, lauteten auf "Feuersbrunst" und "falsche Urkunde" ... Ein Wie? ein Wo? und Wann? hatte er von keinem von beiden erfahren konnen ... Vielleicht hatte er in der That diese beiden Gestandnisse in eine zu rasche Verbindung gebracht mit den Scherzreden Benno's bei jenem Abendspaziergang am Ufer des Stroms, die gelautet hatten: "Die Kunst, in alten Lettern auf Pergament zu schreiben, ist in unserer Stadt heimisch" ... Konnte er auch eine Wendung, die zunachst eine scheinbare Glukkswendung fur Paula war, so ohne weiteres auf diesen seinen Verdacht hin als ein Werk des Betrugs erklaren? ... Wie er Terschka lesen und lesen sah, kam ihm sogar der Gedanke: Hat wol gar, in falscher Freundschaft fur den Grafen Hugo, ein Jesuit dies Verbrechen gefordert fordern mussen in majorem Dei gloriam? ... Reisst man Paula mit Gewalt zu dem Mann hinuber den sie in den Schoos der Kirche fuhren soll und fuhren wird! ... Sicherte man sich in Rom zwei Magnete zur Bekehrung: Paula und Angiolina? ...

Paula erholte sich und ihr Auge suchte Bonaventura. Sie wollte den Rath der geliebten Stimme horen ...

Den Rath des entmannten Abalard an Heloisen ...

Die Aufregungen des Onkels, der Tante dauerten fort ...

Benno, der bisjetzt kaum von der Tante genannt wurde, erhielt plotzlich von ihr die hochste Anerkennung und Thiebold de Jonge verschwand. Eine Neigung zum Skepticismus, die Thiebold beim Anblick des wunderbaren Fundes und beim dadurch bedingten Ruckgangigwerden seines Waldankaufs verrathen hatte, verdachtigte ihr Thiebold's Gemuth, sogar seine Grundsatze ... Die Tante sprach kein Bedauern aus, dass der junge sonst so liebenswurdige Herr von Jonge heute und nun fur immer fehlte ...

Bonaventura verliess endlich das Schloss, dessen Bewohner sich nicht sammeln konnten ...

Terschka schien zogernd mit ihm sprechen zu wollen ... Er entriss sich ihm voll Grauen ...

Wie die Nebel um ihn her aufstiegen, wie rings alles in ein undurchdringliches Dunkel sich hullte, so umnachtet in seiner Seele schritt er dahin und fast den Weg verfehlend ...

Erst die Glocken von Sanct-Libori wiesen ihm die rechte Strasse ... Sie lauteten schon seit einigen Tagen auf die kommende Fasten-, Leidens- und Osterzeit ...

Aber in seinem immer tiefer und schwerer belasteten Innern griff das Kirchenjahr schon weiter hinaus schon zum Tag der Verklarung und der Himmelfahrt:

Ostern! Ostern! Dein Erwachen

Fuhrt nur himmelwarts den Nachen

Aufwarts aus der Erde Noth!

Ach, zu todlich ist der Tod!

Wer entronnen seiner Truhe,

Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe.

22.

Von der Etikette hatte die Tante zu Terschka gesprochen ... Etikette das ist so ein Wort, das uns in Armgart's Welt zuruckfuhrt ...

Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von fruhster Kindheitserinnerung an eine der hartesten und grausamsten Auch im Stift wurde noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Etikette nie anders ausgesprochen als mit jener Geringschatzung etwa, die den Mangel an sechszehn Ahnen begleitete ...

Wer das Geheimniss der Liebe in einer reinen, eben vom Kind zur Jungfrau erbluhten Natur beobachtet hat, weiss es, dass sich die alteste aller Weltbegebenheiten im Madchenherzen immer wie das Allerneueste wiederholt. Jede liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben ...

Die Tradition ist dann allerdings machtig. Es gibt sechszehnjahrige Oberflachlichkeiten genug, die die angeborne Nichtsbedeutung durch das schnellste Annehmen aller uber Welt, Leben, auch die Liebe uberlieferten Begriffe kund geben und ebenso basenhaft von der Liebe fuhlen und sprechen, wie jede ihrer Tanten ...

Doch fehlen auch Erscheinungen nicht, die, wie die Schnecke ihr eigenes Haus, so sich ihre eigene Welt aus ihrem Innersten erbauen ... Erscheinungen, die erst lange, oft nach den gefahrvollsten, ja das eigene Leben bedrohenden Umwegen auf euere gemeinplatzlichen Entweder-Oders, euere "Liebe oder Hass", euer "Wille oder Zwang", euere "Natur oder Unnatur" ankommen, Gegensatze, die nun einmal die geltenden sind. Sie kommen dahin oft an erst mit gebrochenem Herzen, geknicktem Genius, fur immer verbrauchter Lebenskraft ...

Weiss denn wol Armgart, was die Liebe ist? ...

Sie sollte es doch wol empfunden haben, wie es thut, im Arm eines Mannes zu ruhen, der von gluhender Neigung ergriffen ist ... Sie sollte es doch wol wissen von damals, als sie vom Huneneck herabsturmte und in Benno's Arme sank, der sie auffing und so lange hielt, bis sie wieder den verlorenen Athem gefunden ... Sie sollte Thiebold's "Schmachten" verstanden haben und aus der Pension vollkommen wissen, wonach sich schon so fruh Tausende von jungen Madchenherzen sehnen ...

Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb, immer allein in sich selbst zu verharren ... Schon als Kind lebte sie nur fur andere sie lebte fur Paula, die sie bediente, der sie half, die sie vertheidigte, so klein sie war. Der Freundin war sie ein Bannertrager, wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen ... Und die Tante liess das Gefuhl, dass sie auch selbst etwas war, niemals bei ihr aufkommen ... Sie wuchs auf unter Anklagen, dass sie, wie sie's nannte, uberhaupt nur in der Welt ware ... Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goethe deshalb, weil sie in Frankfurt nur von ihm horen konnte: Der kalte, herzlose, unpatriotische, furstendienerische Egoist! ... Armgart horte ebenso nichts, als dass sie einen herzlosen Vater, eine herzlose Mutter hatte ... Sie horte, dass sie eigentlich ein Leben fuhrte, das eine Beschamung der Verwandtschaft ware ... Sie ware ein Wildling ... Sie sollte nur sorgen, dass man sich nicht auch noch ihrer schamen musse ... Dem alten Grafen Joseph war sie in der That selten bequem ... Geduldet wurde sie in Westerhof nur durch ein stetes Gemeistert- und Gestraftwerden ... Paula schutzte sie, soweit Paula Kraft und Willen hatte ... Aber mit traumerischem Herzen ging Armgart doch im Schloss wie in der Fremde und mistraute jeder Huldigung, jedem Schmeichelworte, das ihr wurde ... Bettina fand einen einzigen Freund des verketzerten Goethe, die alte Mutter des Dichters ... Mit der "schwarmte" sie fur ihn ... Mit der erfand sie sich eine Idealgestalt und hielt die fest ... Auch Armgart sass so auf einem Fussschemel und legte den Kopf in den Schoos einer einzigen theilnehmenden Seele und malte sich den Vater und die Mutter entgegengesetzt alledem aus, was ihr taglich von ihnen gesagt wurde ... Nur konnte Paula nicht, wie die Frau Rath, kleine Zuge des Herzens von ihren so hart Angefeindeten erzahlen, Erinnerungen der Kindheit, die ein Mutterherz bewahrt ... Aber Paula war doch die einzige, die zuhorte, wenn Armgart von alten Dienern und Beamten des Schlosses Erinnerungen an ihre Aeltern und besonders an die Zeit, wo sie ihnen so gewaltsam vorenthalten wurde, aufgetrieben hatte ... Der alte Tubbicke hatte ihr den Versteck im Laboratorium, die Krankheit der Mutter, das Ergrauen ihrer Haare erzahlt ... Der alte Oberforster lobte jeden Soldaten, der sich im Frieden nicht gefalle und es mache wie Herr Ulrich von Hulleshoven und Hedemann, die in fremde Dienste und Lander gegangen waren ... Was nur unterhaltend, abenteuerlich, bedeutsam im Leben war, knupfte sich fur Armgart an die Aeltern ... Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie ein angewohntes Sprichwort, das man aus Laune und gerade zum Trotz in Gegenwart von Menschen, die sich aus Grunden, die uns nicht uberzeugen konnen, daruber argern, nicht ablegt ...

Wie dann die Religion auf Armgart wirkte, wissen wir ... Die Religion war ihr wie dem Volk und wie im Mittelalter der ganzen Bildung der Anhalt alles Heroischen und Grossen ... Man fuhrte im Mittelalter die Vorgange des Evangeliums auf offentlicher Buhne auf, um zu zeigen, dass Tyrannen, wie Herodes, vor Gott nicht bestunden ... Was wollten denn nun diese bosen Philipps und Ludwigs von Frankreich gegen die vom Christenthum berechtigten Augenspiegel beginnen? ... "Hauspapen", Franzosinnen aus klosterlicher Region legten den Grund der Bildung Armgart's ... Das Pensionat in Lindenwerth hatte nur auszubessern, ohne dass man dabei an besonders Neues ging ... Armgart lernte etwas zeichnen aus sich selbst ... Nie, dass sie dafur zur Ermunterung kam; nie, dass sie angefeuert wurde, einen Werth auf sich zu legen ... Sie war so anmuthig, so hold und lieblich aber das war ja ihre Schuldigkeit Himmel! Wie wurde sie "gestanden" haben bei ihrer ohnehin so "schiefen Stellung", wenn sie nun gar noch hasslich gewesen ware! ... So warm und innig, wie Benno mit ihr sprach, so schwarmerisch wie Thiebold, das war alles nicht die Fortsetzung dessen, worauf sie im Leben fruh angewiesen war ... Euere Liebe, ihr jungen Madchen, ist nur das stundliche Eintreffen einer sechszehnjahrigen Prophezeiung, die Folge des stundlichen Erwartens einer verheissenen Huldigung! ... Seht nur die blasse Klavierspielerin, wie sie ermattet am Fenster sitzt und hinter den Blumen die Vorubergehenden mustert und berechnet: Der da mit dem goldnen Knopf am Spazierstock und dem Bartchen geht heute schon zum dritten Mal voruber gilt das dir? Und galt es ihr, so lasst sie auch gleich das Leben fur ihn. Sie sagt das wenigstens den Aeltern. Werden die Annaherungen des jungen Manns von diesen nicht gewunscht, so verfallt sie in einen Zustand "unglucklicher Liebe", der ein halbes Jahr dauert und mit dem ersten Winterball endet.

In Lindenwerth machte es Armgart, wie sonst in Westerhof; sie nestelte und bandelte und strickelte den ganzen Tag fur andere ... Sonst schnitzte sie den kleinen Kindern sogar den Kindern der Bedienten Schiffchen von Borke und machte ihnen Puppchen aus Schneiderlappen, die der alte Tubbicke aus Witoborn von seinem Sohn mitbrachte ... In Lindenwerth hatte sie erst da, als sie die Ankunft der Aeltern in jener Gegend in Erfahrung brachte, das Bedurfniss, allein zu sein oder doch nur mit Angelika ... Benno's Liebe war ihr nur das Erwerben eines besten und einzigsten Freundes und Thiebold das war dann nur der dritte im Bund dieser grossen Verschworung gegen die schlechten Menschen und Dinge in der Welt ... Da so sagen: In diesen treuen Seelen hab' ich zwei Menschen gefunden, die ich fur mich festhalten will und von denen ich den liebsten mir zum Glucklichsein wahle ... Das empfand sie nicht Und was gab es nicht alles Wichtigeres in der Welt! ... "Sie ist kalt"! "entdeckte" eines Tages Thiebold und in der That, ein Kuss war ihr ein Ausdruck der Seele Benno hatte sie beim Abschied getrost kussen durfen ...

Ein Gelubde ist dann in der katholischen Kirche etwas Hochheiliges. Die Kirche will in diesem Ausloschen der Freiheit zunachst eine Huldigung fur Gott, dann eine fur sich selbst. Jede Entausserung der freien Verfugung uber spateres Ja! und Nein! des Willens soll sich treu bleiben; selbst die Erkenntniss der Uebereilung, selbst die bitterste Reue soll die Erfullung nicht hindern; denn so nur erhalte sich die Wurde des Altars, dem ja die meisten Gelubde gewidmet werden, und vorzugsweise jene Regel und Ordnung im Beten und Fasten und in alledem, was dann zuletzt seine heiligste Gestalt im Klostergelubde findet ...

So blieb auch Armgart bei ihrem Wort: Die Stunde ist da, wo meine Aeltern auf mich Anspruche machen! Jeder will den Vorzug meiner Liebe! Warum soll ich ihnen beiden die Hand nicht festhalten und ihr Priester werden zum neugeschlossenen Bunde! ... Terschka stort diesen Bund? Nun wohl! Terschka ist furchtbar. Er ist der Freund des Grafen Hugo und die Mutter des Grafen ist die Freundin meiner Mutter Sie liebt ihn vielleicht nur noch in ihren geheimsten Gedanken ich will Paula glauben, die das Gegentheil versichert aber Terschka ist voll List. Wohin mich auch mein Gelubde fuhrt, Terschka soll meine Mutter nie beirren nie nie! ... Ich ahne meinen Untergang, aber ich opfere lieber mich selbst an Terschka und nehm' ihn, wenn er mich will ... Gott wird mein Beginnen "cronen"! ...

Und so kam es, dass Armgart zu Terschka sagen konnte: Begleiten Sie mich doch heute Abend nach Hause! ... So kam es, dass sie sprach: Soll ich morgen mit auf die Jagd? ... So kam es, dass sie gestern sagte: Wie lange bleiben Sie auf Schloss Neuhof? ... So dass sie ihm sogar nachrief: Kommen Sie doch nicht zu spat! ...

Dass Terschka dann auch noch einen bestrickenden Zug des Unvermeidlichen hatte, that das Uebrige zu einem Entschluss, mit dem sie vielleicht unter Tausenden allein steht ... "Ich nehme nur Den, den ich liebe!" sagte einst eine Stiftsdame und that mit dem Wort unendlich gross. Armgart erwiderte: "Trivial!" ...

Bonaventura war gegangen ... Paula hatte sich zuruckgezogen ... Man fand sich immer mehr und mehr in den Fund der Urkunde, wie man sich schon gestern in den Brand gefunden hatte ...

Armgart flatterte in der tiefen Verschuchterung ihres ganzen Seins dahin ... Einmal horte sie das Wort "Etikette" zu Terschka sprechen, der mit Augen dasass, die zwei Kratern eines Vulkans glichen ... Glaubt nur nicht, rief sie, dass Paula nun diesen Grafen Hugo nimmt! Sie geht in ein Kloster! ... Die Tante rief zornig: Und du gehst zu Bett! ...

Armgart ging, aber sie erschrak vor jedem Fusstritt, der gehort wurde, vor jedem Gerausch im Schlosse ... Fraulein von Tungel-Appelhulsen hatte den Stachel in ihre Brust gesenkt, dass schon die Mutter bei Frau von Sicking ware ... Bei Hedemann wurde sie vom Vater horen ... Das nun klang in alles, was sie that und sprach, wie ein sturmisches Lauten hinein und wohnten nur Benno und Thiebold nicht bei Hedemann, sie ware schon in aller Fruhe zu ihm gerannt ...

Der Onkel entliess sie zur Ruhe mit einem herzinnigen Kuss auf die Stirn. Die Aufregung des Schlosses machte, dass nicht sogleich die Diener zur Hand waren; sie sagte in ihrer Weise daruber: Es geht wahrhaftig bei uns jetzt alles Hott und Tule! ... Terschka kannte diesen Ausdruck nicht ... Armgart, darum befragt und ohnehin immer mit schwarzen Seelen beschaftigt, leitete ihn von den Hottentotten her; fur "Tule" fragte sie den Onkel ... Von den Hottentotten? wiederholte der Onkel ... Hott und Tule? ... Angeregt wie er war durch seine archivalischen Studien, horte er diese Deutung mit Erstaunen, begann von Ultima Thule, als dem aussersten Norden der Alten, liess "Hott" in der That als aussersten Suden gelten und hatte nun noch fur die Nacht eines jener Objecte, mit denen er selbst in der Sterbestunde seinen bevorstehenden Tod vergessen konnte ...

Armgart ging in ihren Thurm, vor dem Fall ihres eigenen Schattens erschreckend ...

Spahend suchten die Augen, ob sie auch vor jeder Ueberraschung sicher war ... Sie riegelte heute zu, wie auf der Flucht ...

Eine Viertelstunde spater, als sie fast entkleidet war, klopfte es ...

Wer sollte wol anders so vorsichtig klopfen als Terschka? ... Sie erbebte und meldete sich nicht ...

Terschka war es in der That und flusterte:

Fraulein Armgart! Ihre Mutter kommt morgen ...

Sie horte nur ...

Ich bin morgen fruh in Witoborn zum Begrabnis des Landraths ...

Sie schwieg und zitterte ...

Haben Sie keinen Auftrag? ... Moglich, dass ich erst zuruckkomme, wenn Ihre Mutter schon da ist ... Mein Gott! Ich bin so unglucklich, die Mutter nicht begrussen zu konnen ... Aber ich werd's halt schriftlich thun ... Kussen Sie ihr doch in meinem Namen die Hand! ...

Teufel! sprach Armgart mit knirschenden Zahnen und sprang vom Bett herab, auf dem sie schon halb entkleidet sass ... "Kussen Sie ihr die Hand"! ... Eine jener Galanterieen, die in diesem tugendhaften Land mehr etwas Frivoles, als Artiges ausdruckten ...

Horen Sie denn aber? fuhr Terschka fort ...

Ja! sagte sie mit erstickter Stimme, doch laut genug, um vernehmbar zu werden ...

Sie wird oben am Cavaliersaal wohnen! fuhr Terschka fort. Die beiden Zimmer rechts; alles ist vorbereitet, ohne dass Sie davon ein Wort wissen sollen! Verrathen Sie mich aber nicht! ... Meine Blumen mussen einstweilen als Selam fur mich sprechen! Von den Gerichten und Justizrathen rundum komm' ich morgen vor Abend nicht frei und einen Courier muss ich auch von Witoborn in erster Fruhe noch nach England expediren ... Haben Sie doch ja ein wenig Mitleid mit mir! ...

Nach England, wo die Menschen protestantisch werden und funfmal hintereinander heirathen durfen! ... So fuhlte Armgart ...

Terschka mochte nicht ganz das teuflische Raffinement besitzen, Armgart's Eifersucht erregen zu wollen, dennoch that er es mit seinen, der sudlandischen Galanterie angehorenden Worten wider Willen ...

Armgart blieb im Zustand der Verzweiflung zuruck ... Nicht' nur dass die Mutter schon wieder vor dem Vater den Vorsprung hatte wie sprach Terschka von ihr! Mit welchem Interesse! War alles, was er ihr in diesen Tagen an Huldigungen bewiesen, an Freundlichkeiten ihr abgerungen hatte, vergessen bei dem Gedanken: So nahe ist die "seltene Frau", wie er sie nannte? ... Wie konnte dabei das Recht ihres Vaters bestehen? ... Sie hatte das Schloss wach rufen mogen ... Doch wagte sie nicht das Zimmer zu verlassen, da sie vor Terschka immer mehr ein Grauen befiel und sie dustere Ahnungen bekam ... Die finsterste und abgelegenste Gegend des Schlosses hatte er genannt ...

Der Entschluss stand fest, dass Armgart morgen nicht im Schlosse blieb. Sie wollte auf irgendeine Art nach Witoborn zu entkommen suchen. Erst bei Hedemann wollte sie forschen und dann bis aus weiteres zu den Frauen im Witoborner Clarissenkloster fluchten ...

So schlief sie spat ein ... Im Traum erschienen ihr Engel und Teufel im bunten Gemisch ... Auch Hedemann war unter den Teufeln ... Er war ihr bei jeder Begegnung strenger und strenger geworden ... Er verwarf ihre Grundsatze und ihr ganzes Leben auf dem Schlosse ... Er nannte die Art, wie man ihn dort empfangen und wie man noch jetzt die bevorstehende Ruckkehr des Obersten entgegengenommen hatte, eine fur diesen ehrverletzende ... Auf ein Urtheil, das sie, um diese Art zu entschuldigen, gegen den Vater auszusprechen wagte, unterbrach er sie mit dem Apostel (1 Kor.): "Ihr Kinder seid gehorsam den Aeltern in allen Dingen; denn das ist dem Herrn gefallig !"

Am Morgen erfuhr sie, dass sie nicht allein es war, die eine unruhige Nacht durchlebt hatte ...

Im Gegentheil, ihre erschopfte Natur bedurfte der Starkung und hatte diese nach Mitternacht in einem tiefen, wenn auch kurzen Schlaf gefunden. So hatte sie nichts von dem Klingeln vernommen, das indessen alle Schlossbewohner erschreckte ... Paula, erfuhr sie am Morgen, war so unwohl gewesen, dass man zum Arzt hatte schicken wollen ... Sie war aufgestanden und durch die Zimmer gegangen wie eine Nachtwandelnde, hatte mit sich gesprochen und Dinge thun wollen, deren Zusammenhang Niemand verstand ... Ihre Dienerinnen hatten die Tante rufen mussen ... Diese rief dem Onkel ... Paula weinte, riss die Thuren auf und horte keine der liebevollsten Beschwichtigungen ... Der Onkel fasste ihren Zustand als die naturliche Folge des neuen Erlebnisses, als die jetzt freiwerdende langjahrige Spannung des Herzens und der Furcht auf ... So ware es immer im Menschen, sagte er; die Gefuhle hatten ihre Gesetze, wie die Mechanik ... Das sprach er hochst feierlich im gewirkten grossblumigen grunseidenen Schlafrock und sein komischer Anblick storte dabei fur Niemanden den erschutternden Eindruck, den Paula machte, die bis zum Morgen mit sich auflockernden Haaren hochaufgerichtet und geisterhaft dahinschritt und alle gerade durch ihr Schweigen und das eigene Nichtdeutenkonnen ihrer Thranen erschreckte ... Gegen Morgen schlief sie ein und konnte dann den Vormittag uber nicht gestort werden ...

Mit den Zimmern am Cavaliersaal hatte es seine Richtigkeit ... Einer der Diener gestand es Armgart ... Man erwartete die Mutter ...

Mit den Blumen Terschka's sah es ebenso aus ... Sie standen in zierlichen Basen oben auf dem Tische ...

Auch den Brief an die Mutter hatte Terschka zuruckgelassen ... Diesen aber nahm Armgart mit Gewalt an sich, um sagte sie, ihn selbst abzugeben ...

Der Tante klopfte sie noch vor dem Fruhstuck an ihre Thur mit den Worten: Also die Mutter kommt? ...

Ja, Armgart! hiess es hinter dieser Thur. Aber ich sage dir, dass ich Schonung verlange! Wir gehen Tagen entgegen wie zum Jungsten Gericht! ...

Dies starke Wort schnitt alles ab und trotzdem rauchte der Onkel den Corridor entlang kommend seine Pfeife und trug grosse schweinslederne Chroniken unterm Arm, in die die Urkunde eingelegt war ...

Richtig, Armgart! Ja, auch das erreicht jetzt sein naturliches Ziel! sagte er. Ordne getrost deine kleine Welt einer hohern unter; deine Mutter trifft heute Abend ein und sei ihr ein gehorsames Kind! Ich bin entzuckt von ihren Briefen. Dass sie mit meinem Bruder nicht zusammentreffen will, verdenk' ich ihr nicht Solche aus dem Verstand geschlossene Aussohnungen erhalten sich nicht ...

Wie der Onkel das sagte, erscholl in weiter Ferne eine gewaltige Erschutterung der Luft ...

Sieh, sieh! sprach Levinus und horchte auf. Das ist die Salve, die die Husaren dem Landrath ins Grab mitgeben! ...

Noch eine zweite folgte ...

Still! So ehrt man einen ehemaligen Krieger! ...

Eine dritte ...

Ruhe seiner Asche! ...

Der Onkel klopfte die Asche seiner Pfeife aus und ging ...

Armgart blieb bei ihrem Entschluss zur Flucht ... Nur deshalb schwieg sie zu allem und entfernte sich ruhig ...

Im Lauf des Vormittags entwickelte sich die wunderbare Begebenheit der entdeckten Urkunde immer mehr in ihren Folgen und in den Echos, die dergleichen in den Gemuthern hervorruft ... Die einen fanden hier einen Triumph der alleinseligmachenden Kirche; die andern beklagten im stillen die gestorte Aussicht auf merkwurdige und unterhaltende Veranderungen ... Mancher hatte aber auch wieder furchten mussen, in seinem bisherigen Verhaltniss wenn nicht zu Westerhof, doch zu den ubrigen Besitzungen der Dorstes gestort zu werden. Diese jubelten ... Bei wieder andern zeigte sich jener Zug der menschlichen Natur, dass man sich selbst an Unangenehmes zuletzt nicht gern umsonst gewohnt haben will. Die Tante merkte hie und da dergleichen und sagte einigen der so sonderbar erstaunenden Besucher: Es ist Ihnen wol gar nicht einmal recht, dass wir hier im Besitze bleiben? ...

Mit dem geraubten Briefe a u f dem Herzen, im Herzen zunachst mit dem Gedanken an eine Anfrage um den Vater bei Hedemann, irrte Armgart im Schloss und liess sich ruhig die Reden gefallen, die die Tante an sie hielt und die ihr zuletzt freundlich zusprachen, ja ihr schmeichelten ...

Armgart, sagte sie fast mit Herzlichkeit, liebes Kind, ich wusste doch gar nicht, was mir Freudigeres begegnen konnte, als gerade in diesen aufgeregten Stimmungen solch eine Beruhigung! Morgen muss ein Hochamt in Sanct-Libori stattfinden Mullenhoff wird sich schon herausreissen und der Domherr ist ja da ein Hochamt fur diese langst ersehnte Stunde! Ich hatte ja nur diese eine Schwester! Liebte sie immer! ... Eine trostreiche Versohnung! ... Auch Angelika Muller hat mir einen ruhrenden Brief aus Paris uber ihre Begegnung mit Monika geschrieben! ... Monika war immer ein seltenes Wesen! Zu jeder Zeit! Ich glaube, ich kann sie nicht mehr von meinem Herzen lassen! Ja und wie freu' ich mich auch dieses Besuchs um Terschka's willen ... Der Arme muss in der That vernichtet sein! ... Er verehrt deine Mutter ... Das wird ihn emporrichten! ...

Die Tante lachte wie schadenfroh und war ganz ironisch gegen Terschka gestimmt ...

Ein Tag war es dann, an sich so hold, an sich so freundlich, so hellsonnig, so ganz gemacht zum Empfang von Gluckwunschen, die von allen Seiten kamen ... Sogar die Leidenden wurden heute von der Treppe entfernt, um all die vornehmen Besuche durchzulassen ... Durch das Begrabniss des Landraths liess sich in dieser Sphare naturlich Niemand storen ...

Um elf erschien Paula in den Vorderzimmern, nachdem sie ihr tagliches Amt verrichtet, beim Fruhgebet die Kissen zu segnen, mit denen sie heilte ... Aber sie sagte:

Meine Kraft ist hin! Diese Mittel helfen nicht mehr! ...

Man sprach ihr Muth und Fassung ein ...

Nein, erwiderte sie, ich bete auch nicht mehr so, wie sonst! Ich habe die Andacht verloren ...

Schon kamen die Advocaten aus Witoborn ... Sowol der, der gegen Nuck processirt hatte, wie der, der Nuck's bisheriger Bevollmachtigter war ... Andere, die an den Angelegenheiten des Hauses betheiligt waren ... Ein fur den Grafen Hugo stehender Justizrath war der Frommsten einer und beugte sich tief der Urkunde, die ein Gebot der Kirche enthielt ... "Der Brand ist hochverdachtig! Die Zerstorung des Archivs hat die Veranlassung gegeben, das falsche Document an einen Platz zu legen, wo man ja hundertmal es schon hatte finden mussen!" Diese Worte sprach allein Benno und doch auch nur bei sorgfaltig beobachteten Thuren in Gegenwart Bonaventura's, der ihn in aller Fruhe in Hedemann's Hauschen besucht hatte ...

Benno erfuhr jetzt von seinem in Ruhrung vor ihm stehenden, mit seltsamer Prufung ihn betrachtenden Freunde mehr und mehr ...

Bonaventura gestand ihm, was er dachte; gestand ihm, er wisse aus einer Beichte, dass irgendwo, den Ort kenne er nicht, ein Verbrechen dieser Art, wie nun vielleicht in Westerhof stattgefunden, im Werke gewesen ... Bickert, der noch lebte, durfte nicht genannt werden; Hammakern nannte Bonaventura ...

Benno ging im Zimmer auf und nieder und rief:

Ich sage mich von Nuck los! Noch heute reis' ich zuruck! Ein Schurke ist's! Ich kundige ihm meine Stellung und ich sag' es ihm warum! ...

Nimmermehr! entgegnete Bonaventura. Wie ware das moglich! Wie kann man gegen die Ehre und Wurde des Hauses der Dorstes auftreten! ...

Terschka wird es doch thun mussen! ...

Terschka! ... sprach Bonaventura zogernd ...

Die Advocaten des Grafen Hugo in Wien ...

Was werden sie beweisen konnen! Und andert sich denn auch so viel? Man wird in Paula drangen, bald bald zu vollziehen, was schon lange fur diesen Fall die Convenienz anrath ...

Thiebold, der vom Begrabniss des Landraths kam und mit den Rustungen zur Abreise drangte, storte den vollen Erguss der wehmuthigen und gegenseitig auch gar wohlverstandenen Empfindungen ...

Und wenn auch alles sich ausgeklagt hatte, was doch vergebens nach Worten rang, welcher Rest blieb nicht noch im Herzen Bonaventura's beim Hinblick auf den trauernden Freund selbst! ......

Als von Armgart die Rede kam, von Terschka's Werbung um sie, erwiderte Bonaventura festen Tones und mit sicherer Bestimmtheit:

Daruber geb' ich Beruhigung ... Hier seh' ich bisjetzt nur das Unmogliche ...

Beide staunten des so entschiedenen Worts ... Nach Terschka's durch die Entdeckung der Urkunde veranderter Stellung aber konnten beide diese dunkle Antwort zuletzt in der Ordnung finden ...

Auch die Erwahnung Lucindens war nicht ausgeblieben und Benno betonte ihre Bekanntschaft mit Nuck, ihre auffallende Hierherkunft, ihre, wie Benno und Thiebold versicherten, nun auch so schnell wieder bevorstehende Abreise ...

Gegen zwolf Uhr fuhr Bonaventura auf Westerhof und fand die ganze Lebhaftigkeit, die er erwarten durfte ...

Besuche kamen und gingen ... Auch von Armgart's Mutter und ihrer Nahe wurde gesprochen ... Die Stiftsdamen konnten eben nichts fur sich behalten ...

Gerade als mitten im lebhaftesten Gesprach auch eine Mittheilung zundete von dem, wie es schien, in Ausfuhrung gekommenen Plan, den hohlen Eichstamm vom Dusternbrook zum Aufenthalt zweier Eremiten zu machen, trat Paula ein ...

Ihr Blick schien sagen zu wollen: Die Mauern eines Klosters nehmen mich auf! In deiner Nahe! Da, wo Therese von Seefelden den Schleier tragt, da werde auch ich anpochen! ...

Man sprach von den Klostern ... Man ruhmte den sich mehrenden Zustrom zum beschaulichen Leben ... Eine der Besucherinnen wusste etwas von Treudchen Ley ...

Bonaventura horte gerade nach einer andern Gruppe hin, wo Neuangekommene erzahlten: Zwei Monche hatten in letzter Nacht Kloster Himmelpfort verlassen und waren Eremiten im winterlichen Walde geworden ... Die Namen der Monche und den Wald konnte man nicht bezeichnen ...

Bonaventura schwieg zu Allem ... Er kannte das Marchen von der versunkenen Kirche ... Ihre Glocke klang und klang und Niemand wusste, wo die Kirche gestanden ... Am Meer sagen die Schiffer, sie lage im Wellenschoos, wie ein mahnender Zeigefinger gen oben rage ihr Thurm zuweilen uber dem Spiegel auf ... Die Jager kennen die verlorene Kirche im Walde ... auch da lautet sie unsichtbar ... So tonte fur Bonaventura durch alles, was Paula that und sprach und die Welt um sie her that und sprach, nur der eine Glockenton: Dem bin ich im Walde im Meere im Tode

Zu Aller Interesse wurde plotzlich Frau von Sikking gemeldet ...

Bonaventura horte auch das nicht ...

Im Walde im Meere im Tode

Paula hatte den gemeldeten Besuch, der zu gleicher Zeit eine Begrussung von Seiten Lucindens sein konnte, erwarten durfen ... Sie wollte ruhig bleiben, ruhig sich ergeben und doch richtete sie sich auf ... Nicht wie in bebender Erwartung vor Lucinden ... Schon im physischen Schmerz ... Noch ehe Lucinde im Vorsaal sein konnte, fuhlte sie wie mit einem elektrischen Schlag schon die Annaherung ihres Gegenpols ... Armgart, die umirrend, wie sie war, Lucinden unten gesehen hatte, war heraufgeeilt, sah schon die Wirkung, die sie kannte, umschlang die Freundin, wollte sie hinwegfuhren; doch diese blieb und lachelte wie immer zu ihrem Schmerz ...

Die Anwesenden alle Frau von Bockel-Dollspring-Sandvoss, Frau von Stein, Grafin Munnich, Grafin Styrum-Schorum, Fraulein von Merwig, Fraulein von Absam, die alle nun schon uber Lucinden unterrichteter waren und die Verhaltnisse annahernd ubersahen nahmen Paula's Lacheln fur Takt und grosse Gute. Sie verwiesen mit strafendem Blick dem Fraulein von Tungel-Appelhulsen ihren laut ausbrechenden Hohn uber die "Person, welche" Lucinde erschien in Begleitung der Frau von Sicking und war eine Busserin geworden ...

Frau von Sicking, die zu jener Gattung der weiblichen Tartuffes gehorte, bei denen man ihrer Unergrundlichkeit wegen besser thut, ihre Gottseligkeit einfach anzuerkennen und sie wirklich fur das zu nehmen, wofur sie erscheinen wollen, liess Lucinden in den Vordergrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung, dass Grafin Paula sogleich von ihr auf die Ueberraschung durch ihre ehemalige Gesellschafterin im orthopadischen Institut uberging ... Sie selbst beobachtete die Mienen Bonaventura's ...

Sie sind es, Lucinde! sprach Paula, Lucinden die Hand reichend ... Erst so wenig Jahre getrennt und eine Ewigkeit ist's ... Meine Tante Benigna von Ubbelohde das! ... Meine Freundin Armgart von Hulleshoven ...

So stellte Paula mit der mildesten Miene die Nachsten vor und erst, wie sie an Bonaventura kam, stockte die Rede ...

Bonaventura erwachte aus seinen Traumen ... Er verfarbte sich uber den plotzlichen, unerwarteten Anblick, wurde dunkelroth und verneigte sein Haupt der ihn anredenden Frau von Sicking ...

Er sprach und sprach zu dieser und doch rief es nur in seinem Innern: Paula und Lucinde! ... War es wie Tag und Nacht, die da zusammenstanden, dann druckte nicht die braunliche schwarzaugige Lucinde mit ihren Augenbrauen und aufgeworfenen Lippen die Nacht und Paula mit ihrem blonden Haar und rosig lichten Wangen den Tag aus umgekehrt war's ... Paula war die traumerische Nacht, die Nordlandsmaid, die Mondpriesterin; Lucinde der Tag, die Tochter tropischer Zonen, die Sonnenjungfrau ... Dort Gefuhl und Ahnung in jedem Blick, gestaltungsloses Sehnen, krankhafte Gebundenheit der Sinne; hier Verstand, Wachsamkeit, Willenskraft und Beherrschung der Leidenschaften bis zur schneidenden Kalte ... Beide in Trauertracht ... Paula's Kleid ein glanzender, rauschender Atlasstoff; Lucindens ein hochgehendes, den braunen Hals verdeckendes geflammtes Moiree ... Paula's Haar niedergleitend uber die Schlafe in langen Locken, im Nacken die Flechten in schwarzen Kreppbandern verloren ... Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder ... Sie gab sich so, dass die adeligen Herrschaften Muhe hatten, aus ihrer "Tournure" heraus die "Schulmeisterstochter" zu erkennen, als die sie ihnen nun bekannt war ...

Frau von Sicking's vor einigen Tagen schon beabsichtigter Besuch hatte erst heute zur Ausfuhrung kommen konnen und Lucinde kam in der That zu Gruss und Abschied zugleich ... Ihre nachste Mission war erfullt ... Wohin Hubertus den Brandstifter geborgen, erfuhr sie nicht, aber gestern Nacht noch beim Abendgebet im Munster kniete er hinter ihr und sprach: Alles ist geschehen! Seien Sie ruhig, ziehen Sie in Frieden und sorgen Sie jetzt nur fur die beiden Eremiten, die in der Residenz des Kirchenfursten und wenn sie mit den ersten Lerchen nach Rom ziehen sollten, einen Anwalt bedurfen werden! ... Schon im Hof hatte sich Lucinde von ihrem Entsetzen uber die Brandstatte gesammelt, ihre Empfindungen uber "den falschen Isidor", der auf so fragwurdige und in ihren Folgen entscheidende Weise die junge Grafin zur reichsten Erbin des Landes machte, geordnet, ebenso wie uber den Anblick einer Ekstatischen, die zur heiligen Hildegard erhoben werden sollte und vielleicht im Traumschlaf sah wo Dionysius Schneid verborgen war und wie Nuck auf Lucindens Ruckkehr harrte ...

Frau von Sicking war im vollen Strom der Erorterungen ... Beileidbezeugend uber den schreckhaften Brand, gluckverheissend zum folgenreichen Fund der Urkunde ... Ihre Sprechweise war leise ... Alle raumten ihr den Vorrang ein, dass man schwieg, um sie besser horen zu konnen ...

Man sass jetzt ... Nur Bonaventura stand noch rukkgelehnt am Fenster ... Auch Armgart an der Stuhllehne Paula's, die Hand der Freundin haltend, um ihr Zittern zu mildern ... Bis zu einem so weit gehenden Ueberblick aller Beziehungen, dass Armgart auch Bonaventura am Widerstreit dieser beiden Naturen aufs machtigste betheiligt sah, reichte ihr Auge nicht ... Paula's und Lucindens Liebe zu Bonaventura war ihr nur ein "Schwarmen" jene Empfindung, die ein Madchenherz in alle Himmel versetzen kann, nicht aber die Entsagung zum grossten Schmerz der Erde macht ...

Lucindens Feierlichkeit war von Frau von Sicking's Begleitung ebenso bedingt, wie von der ersichtlichen Neugier der Anwesenden, die sie musterten ... Sie sprach anscheinend harmlos mit Armgart von der Begegnung im letzten Sommer an der Maximinuskapelle und von Benno von Asselyn ... Sie erzahlte der jungen Grafin vom orthopadischen Institut, von dessen Vorstand, von einigen jungen Madchen, jenem guten Curatus Niggl, der die armen Verwachsenen, Blinden und Lahmen bei sich zum Kaffee lud ... Sogar Bonaventura wurde von ihr ins Gesprach gezogen ... Mit Niggl und Hunnius war er als Priester ausgeweiht worden ... Auch ein Wort uber den Tod Hendrika Delring's konnte nicht ausbleiben, ebenso wenig wie die Kunde uber Treudchen, die ins Kloster gegangen war ... Bonaventura blieb so erregt, dass er nun selbst zu fragen anfing ... Wie hat nicht jener grosse Staatsintriguant so Recht gehabt, als er sagte: Die Sprache ist erfunden, um unsere Gedanken zu verbergen! ...

Das allgemeine Gesprach kam wieder zuruck auf die beiden Fluchtlinge in den Eichstamm und jetzt erst horte Bonaventura die ihn doppelt erschreckende Kunde ... Denn er hatte nichts fur Sebastus' Befreiung gethan und machte seiner "priesterlichen Lassigkeit" Vorwurfe ... Streit mit dem Provinzial gab man als Ursache dieser Flucht an ...

Der Name Hubertus weckte im Gesprach die Erinnerung an die Rettung des Dieners, den man im Spital von Witoborn glaubte ...

Lucinde konnte sich sammeln und Kraft gewinnen, den Namen Klingsohr und das fortgesetzte Anblicken der Damen zu ertragen. Sie behielt dasselbe bleiche Incarnat, wie immer ... Sie zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern ... Nur Bonaventura's Auge suchte sie zuweilen und dieser schlug dann das seine nieder ...

Frau von Sicking sagte dem Domherrn die schmeichelhaftesten Dinge jetzt auch, als ob sie ihre geheimsten Abneigungen errathen glaubte, recht aufgetragen Lobendes uber seine Mutter ... Grafin von Styrum-Schorum kam heute schon von Schloss Neuhof heruber, wo die Kunde von den beiden Monchen eine nicht geringe Sensation erregt hatte ... Der gesetzliche Sinn des Herrn von Wittekind, der sich solcher Nutzniessung seines Waldes durch die Gensdarmen erwehren wollte, war uberstimmt worden durch seine Gemahlin, die aufs dringendste gebeten hatte, dem frommen Verlangen dieser beiden Bruder nichts in den Weg zu legen ...

Da man dem Bericht Beifall murmelte, musste Bonaventura fur die Mutter danken ... Er dankte und bemerkte Lucindens Lacheln ... Triumphirend schien diese sagen zu wollen: Das alles, was ich hier sehe und hore, sind die Opfer, die mir der Gott der Rache bringt! ... Sie liess sich Klingsohr und Klingsohr ins Ohr rufen; sie lachelte nicht einmal ... Ihre Blicke spannen nur lange Faden und bald war ihr alles wie in einem grossen Netze ... Mit leiser Stimme flusterte sie mitten in die Schilderung des Lagers, das sich von Moos und Baumlaub die beiden Fluchtlinge in der Eiche und um diese her gemacht hatten, der Tante Benigna zu von dem Brand, von dem Eindruck, den ihr der Anblick der Flamme schon vom Schloss Munnichhof aus gemacht hatte ... Die Tante sah nichts von dem Blick, der diese liebevollen Worte begleitete, als wenn sie gelautet hatten: Die Welt soll noch in Feuer aufgehen und wie ihr hier alle sitzt und lachelt, weg habt ihr's doch! ... Sie bedauerte, morgen nicht der Dankmette beiwohnen zu konnen, die in der Liborikirche gehalten werden sollte ... Diesen alten Bau wurde sie erst sehen, wenn die Exercitien begannen ... Ueber den Baustyl der Liborikirche und von byzantinischen Rundbogen sprach sie so unterrichtet, dass die Tante dem ihr zu "geistreich" werdenden Gesprach entschlupfte und Lucinden mit dem Onkel Levinus in Verbindung brachte, der jetzt erst zur Gesellschaft hinzutrat ...

Auch der Onkel kam mit Nachrichten von den entflohenen Monchen und von der Requisition derselben durch den Provinzial und mit Gensdarmen ...

Gensdarmen! rief man fast einstimmig ...

Das duldet Herr von Wittekind nimmermehr! rief Frau von Bockel-Dollspring-Sandvoss ...

In seinem Walde kann er geschehen lassen, was er will! ... hiess es ...

Der Onkel erzahlte, was er unten von den Jagern vernommen ... Man fande beide in der beruchtigten Eiche, wo der alte Klingsohr gefallen ... Sein Sohn, der ehemalige Doctor, lage im Innern derselben auf einem Lager und lase sein Brevier ... Hubertus hammere mit der Axt eine Hutte und einen Altar und einen Kochherd ... Die Nacht noch ware eine Kalte von drei Grad gewesen ... Jetzt thaue es ... Die Bauern liefen scharenweise in den Wald und hulfen den Eremiten bauen und brachten so viel Nahrungsmittel, dass Hubertus den Scherz gemacht hatte, ob sie hier etwa einen Verkauf halten sollten? Dennoch nahm er den Ueberschuss und schickte ihn ins Kloster, wo sich "nun wol zwei Parteien bilden wurden" sagte der Onkel lachelnd ... Zuruck wollen sie nicht, fuhr er fort, sich massigend, da Niemand in seine Ironie einstimmte; Sebastus erbietet sich, fur Jeden, dem seine Furbitte von Werth sein konnte, taglich so viel Rosenkranzgebete zu sprechen, als man bestellt ...

So hatte man denn wieder ein Wahrzeichen der Zeit mehr, ein hocherfreuliches1 und die kluge Mutter Bonaventura's debutirte durch die Duldung der beiden Eremiten mit glanzendem Erfolg ... Bonaventura sah ihre Macht uber den Prasidenten ...

Wenn ihr alle wusstet, an welchen Faden diese beiden Monche gefuhrt werden! ...

Diese Empfindung sprach Lucinde nicht aus ... Jede Erregung ihrer Gefuhle niederkampfend, hob sie sogar den Kopf langsam in die Hohe, als sich die Tungel-Appelhulsen nicht nehmen liess, zu sagen:

Sie kannten ja fruher den ehemaligen Doctor Klingsohr? ...

Nur Ein Blick der Misbilligung folgte bei allen, die die Scharfe dieser Frage verstanden ...

Lucinde aber erwiderte ruhig und ganz in dem einfachen Ton, der hier ublich:

Der Pater ist ein Heiliger geworden ... Ich muhe mich, ihm gleichzukommen ... Es gelingt mir nicht ...

So blieb sie siegreich ...

Als man Beifall murmelte, konnte Bonaventura nicht anders als sich sagen:

Da strengt nur euern Witz an! Da muss alles zu Schanden werden! ...

Der Onkel war vom Bewohnen der Baumstamme, wie immer, auf die Urwelt und die Troglodyten gekommen und von diesen auf die Katakomben in Rom ...

Frau von Sicking kannte die Katakomben so genau, wie die Boudoirs ihrer Wohnungen in Deutschland und Belgien ... Sie erzahlte von mehrern wieder neu eroffneten Grabstatten der alten Christen und Lucinde wusste sogar die Jahreszahl einzuschalten von der Verfolgung des Diocletian ... Levinus ruckte ihr uberrascht naher und naher ...

Da aber erhob sich schon Frau von Sicking ... Auch Lucinde musste es thun ... Wie gab sie so sicher Paula die Hand und lachelte ihr und sprach vom Wiedersehen, vom Fruhling, von Gesundheit und, leiser und demuthig, von ihrer Wunderkraft! Wie versicherte sie, dass sie fur Paula bete, und bat, dass Paula dies auch fur sie thun mochte ...

Der Onkel unterbrach diesen Abschied und horte voll Leidwesen, dass das gelehrte Fraulein schon wieder abreise und erst zu den Exercitien zuruckkame Die Commerzienrathin Kattendyk hatte in der That ihren Wunsch erreicht, hatte eine grosse Summe fur die geheime Thatigkeit der Frau von Sicking versprochen, hatte auch der "Mutter Gottes von Telgte", einem wunderthatigen Gnadenbild der Gegend, ein kostbares neues durch und durch mit Silber gesticktes Kleid angelobt, eine Prachtschopfung aus den Ateliers der Damen Eva und Apollonia Schnuphase ...

Ein unendliches Weh lag auf den Zugen Bonaventuras, Paula's und Armgart's ... In dem: "Segne Sie Gott, Grafin!" Lucindens lag etwas, als wenn ihr die Leiden aller Martyrer fur die Zukunft vorausgesagt wurden ...

Bonaventura fuhlte die Absicht dieses ihm nur allein kalt und wie ein Fluch erklingenden Tones ... Die Hand hatte er zuruckreissen mogen, die erstarrt Paula in die schwarzen Handschuhe Lucindens legte ... Beide Frauen, die Geliebte und die Verschmahte, waren an Wuchs sich gleich; Paula schon an sich und noch mehr durch den Reiz der Jungfraulichkeit atherisch wie ein Hauch; Lucinde wie eine Brunhild durch ihre geheimnissvolle Kalte bestrickend ... Paula hatte Lucinden festhalten mogen, trotzdem dass sie fuhlte: Das ist sie immer noch mit ihrem Hass gegen dich und mit ihrer Eifersucht! Sie ist es immer noch, die sich berufen glaubt, die Einzige zu sein, die uber Bonaventura wachen durfe! Sie, die sonst schon nicht ruhte und rastete in Annaherungen und Verhinderungen der Ruhe und des Glucks eines Mannes, der, wenn er lieben durfte, seine Wahl doch so nicht treffen wurde ... Aber Lucinde war das einzige Wesen, das sie vom Traumschlaf heilen konnte ... Seit der ersten Vision beim Eintritt Lucindens in das Institut, seit der ersten Einmischung der Eifersucht schon damals, als Paula, traumend, den geliebten Priester vom Bekennen der ewigen Gelubde abzuhalten suchte und Lucinde in diesem Priester Den in Erfahrung brachte, der ihr selbst eben der wiedererstandene Serlo erschienen war in Lucindens unmittelbarer Nahe jenes Traumleben nie wieder eingetreten und sie sehnte sich ja, frei zu werden von diesen unheimlichen magischen Gewalten ...

Endlich war das ein Ausbruch von Urtheilen, als Lucinde und Frau von Sicking gegangen waren! Alle Schleusen waren aufgezogen ...

Paula und Bonaventura konnten sich eine Weile allein angehoren ... Die Blumen, die am Fenster bluhten, die im Wasserglase gezogenen Hyacinthen, die behenden Goldfischchen in kristallener Schale, all der lieblich trauliche Vorfruhling, den beide in der Nahe des Fensters geniessen konnten, hatte sie fortreissen sollen, das warme bluhende Leben auch Athem an Athem zu empfinden und sich leise zu sagen: Wir, wir gehoren uns doch! ... Das lauschte aber und plauderte und klatschte und lauschte ... Es stand glucklicherweise nichts still, alles schritt vorwarts ... Selig wogen durfte wenigstens die Brust und auf die Lippen treten selbst ein lauteres Wort der Vertraulichkeit ...

Inzwischen fehlte Armgart, ohne dass man es sofort bemerkte ...

Armgart war Lucinden und Frau von Sicking gefolgt, hatte Hut und Mantel und eine grosse Tasche ergriffen, die schon im Vorsaal zu ihrer Flucht bereit lagen, hatte den Brief Terschka's in ihrem Busen verborgen und schlich den sich Entfernenden an das Hauptportal nach ...

Als sie einstiegen, sagte sie rasch:

Lassen Sie mich mit, meine Damen! Ich habe in Witoborn zu thun! Vergeben Sie! Ich store nicht! Ich sitze hier ruckwarts! ...

Schon sass sie ... Frau von Sicking lachelte zerstreut und meinte, sie wollten einen Umweg machen, um sich nach dem Befinden des Herrn Pfarrers Mullenhoff zu erkundigen ...

Das thut nichts! antwortete Armgart in Hast. Wenn Sie mir nur versprechen, mich dann von Ihrer Wohnung aus nach Witoborn fahren zu lassen! ...

Sehr gern! sprach Frau von Sicking, machtig ergriffen, wie es schien, noch immer von Bonaventura ... Demoiselle Schwarz kann dann auch nach Witoborn mit Ihnen fahren! setzte sie wohlwollend hinzu ...

Lucinde sass tiefbrutend und hatte Muhe, ihre Nerven zu bekampfen ... Jetzt war sie jenem Weinkrampf nahe, der sie nach langer Spannung zu uberfallen pflegte ...

Armgart stellte Frau von Sicking uber die Ankunft der Mutter zur Rede ...

Diese, sich in die Frage langsam findend, sagte:

Sie irren sich, kleiner Engel! ... Sie war gar nicht bei mir! Ich werde die Bekanntschaft erst spater machen! ... Aber Sie haben recht! Fraulein von Tungel und Demoiselle Schwarz sprachen von ihr ... Ich bot ihr schon lange meine Wohnung an und ich besinne mich ich horte ja eine Grille von Ihnen ... Wie ist es doch damit? ...

Ein Gelubde, gnadige Frau! verbesserte Armgart ...

Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernst und besann sich jetzt:

Nun wohl, jetzt weiss ich Aber Himmel ich entfuhre Sie doch nicht? ... Wie war das Verhaltniss? Richtig! Richtig! ... Ich lasse halten ...

Der Wagen flog aber pfeilgeschwind dahin ... So duldete die Tante nicht, dass die alten Pferde der Dorstets anzogen ...

Armgart bat, keine Besorgniss zu hegen; sie hatte dringend in Witoborn zu thun ...

Frau von Sicking beruhigte sich und verfiel wieder in ihre eigene Gedankenwelt ...

Auch Lucinde blieb lange tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten ... Alle andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen mit Bonaventura zusammen verlebten Augenblick zuruck ...

Allmahlich aber schien sie geneigt, von Armgart Notiz zu nehmen ... Sie erzahlte einiges von ihrer Mutter, ruhmte sie, gestand einen Brief der Commerzienrathin in Angelegenheiten ihrer Mutter zu, wandte sich dann in ihr Bruten zuruck und nur noch einmal nannte sie Terschka ...

Armgart hatte sie fur ein Lacheln dabei erdolchen mogen ...

Lucinde erzahlte das ganze erste Begegnen mit Terschka in Piter Kattendyk's Gesellschaft ...

Armgart's beide Zahne blinkten ...

Frau von Sicking rugte mit grosser Strenge die Absicht des "Herrn Obersten", ihres Vaters, in Witoborn eine Fabrik zu grunden ... Und passte das auch fur seinen Stand, wie kann er gerade einen Zweig der Industrie wahlen, der fur Witoborn ich kann es nicht anders nennen, sagte sie eine Blasphemie ist ... Sie werden ihn jetzt wol bald selbst sehen ... Sagen Sie ihm das, mein Kind! Die Gesellschaft ist daruber ausser sich ... Ein Hulleshoven legt eine Fabrikation von Papier an in Witoborn! ... Denn sage man, was man will, das Papier ist eine Erfindung des Teufels ... die Buchdruckerpresse gewiss ...

Armgart horte diese Ansichten nicht zum ersten mal und dachte ebenso und hielt in schmerzlicher Ergebung den Vater fur angesteckt von englischen Einflussen. Sie verfiel daruber in grosse Trauer ...

Lucinde bezeigte fur Armgart noch immer nur ein vornehmes und geringschatzendes Mitleid ... Solche kleine Welt, die "auch schon mitreden will", war ihr ein Gegenstand der Abneigung ...

Dennoch fing sie an etwas zu scherzen, als Frau von Sicking am Pfarrhause abgestiegen war, um sich selbst nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen und ihn womoglich zu sprechen ... Sie neckte jetzt Armgart mit Benno und Thiebold ... Dann auch mit Terschka, den sie am Jagdabend trotz ihrer Aufregung bei Tafel scharf beobachtet hatte ...

Ihr kluger Blick sah sogleich, wie die Augen Armgart's aufleuchteten, als sie, in dem jungen Herzen wie mit einem spitzen Messer bohrend, sprach:

Aber was red' ich denn! Terschka schwarmt ja fur Ihre Mutter! Und jeder wird das mussen! Sie hat graue Locken, das ist wahr! Aber sehen Sie, dort liegt noch der Schnee aus dem kleinen Dachwinkel der Liborikirche und alles rings ist wie belebt von Fruhlingsahnung ... So auch bei Ihrer Mutter ...

Dich kenn' ich jetzt ganz! hatte Armgart rufen und sich auf sie werfen mogen ...

Frau von Sicking kam zuruck, becomplimentirt von Mullenhoff, der zwar noch ziemlich angegriffen aussah, aber doch die Berathung mit den Gemeindevorstanden in Sachen seines Dorfconcordates heute nicht ausgesetzt hatte ...

Mullenhoff war die Verlegenheit und das Hochentzucken selbst ... Er liess den Bedienten nicht an den Schlag, nur um Frau von Sicking selbst hineinheben und die beiden andern Damen begrussen zu konnen ... Esbouquet und Sammet und Seide thaten es ihm an ... Ohne Zweifel druckte er die zarten Glacehandschuhe der Dame, die er in den Wagen hob ... Wol funf Minuten lang sah er dein Wagen nach und wurde sich unfehlbar aufs neue erkaltet haben, hatte ihn nicht die Kathrein ins Haus zuruckgezwungen ...

Die weitere Fahrt wurde noch schweigsamer, als die fruhere ... Lucinde musste uber den Einfluss des Priesterthums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking ihre Satyre unterdrucken ... Armgart verfiel, je mehr sie sich Witoborn naherte, in Angst und Wehmuth ...

Sie hatte von Lucindens Wesen auf die Lange nicht ganz die Wirkung, wie Paula ... Sie sah sie prufend und prufend an, verglich den Eindruck, den sie ihr im vorigen Jahre machte, mit dem jetzigen ... Sie fuhlte sich eher schon durch sie angezogen, als abgestossen ... Sie erzahlte bereits am Pfarrhause Lucinden, warum Paula nach ihr so oft ein aufrichtiges Verlangen truge ...

Paula's letzte Vision musste sie erzahlen ...

Wieder tadelte Frau von Sicking, dass die Comtesse nicht die reinen Anschauungen vom Kreuze hatte. Sie bestritt ein Vorhandensein des eigentlichen Hochschlafs, mit dem ganz andere Erscheinungen verbunden zu sein pflegten, nicht selten ein Abdruck aller Nagelmale des Herrn auf dem Korper einer solchen Himmelsbraut ...

Armgart war so tief unglucklich, dass sie auf diesen Angriff schwieg ... Sie presste nur den Brief Terschka's an ihre Brust und sah und horte im Geist schon die Muhlen Hedemann's und die Klingel an der Klosterpforte ...

Endlich war man auch beim stattlichen Gitter vor dem Landhause der Frau von Sicking angekommen ...

Diese stieg aus und bat Lucinden, das Fraulein nach Witoborn zu begleiten ... Die Angelegenheiten des jungen Herzens interessirten sie nicht ...

Lucinde hatte in Witoborn fur ihre Abreise Vorkehrungen zu treffen und hoffte auch noch etwas im Munster von Hubertus zu erfahren, falls sich dieser aus dem Walde herauswagte ... Sie wollte fort, ehe der Rath von Enckefuss eintraf ...

Inzwischen hatte sie angefangen, dem jungen Kinde immer mehr Theilnahme zu schenken ... Hing doch Armgart mit dem Leben so vieler Personen zusammen, die ihr werth waren ... Offenbar befand sich die Kleine wieder auf der Flucht vor ihren Aeltern; die Grunde dafur waren landbekannt ... Allmahlich verglich sie Armgart mit Treudchen Ley ... Wer ihr unbedingt gehorchte, dem konnte sie auch schmeicheln ... Sie zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Fingern uber Armgart's Stirn ...

Sie haben auch schon Sorgen? sagte sie ...

In Armgart's Antwortsblick lag:

Was gehen dich meine Sorgen an oder bist du vielleicht doch nicht so schlimm, wie sie alle sagen? ...

Lucinde verstand diesen Blick ...

Man lastert mich wol recht auf Westerhof? Nicht wahr? ... sprach sie seufzend ...

Auf Westerhof? Da lastert man nicht! Aber in Heiligenkreuz, ja da stehen Sie schlecht genug angeschrieben ... Das kann ich Ihnen sagen ...

Lucinde warf verachtlich die Lippen auf ... Dann streckte sie die Hand aus und zog Armgart zu sich hinuber Armgart hatte durchaus auf dem Rucksitz bleiben wollen Ja sie hielt sogar Armgart's Hand fest, die den Brief zu bedecken suchte ... Der Brief wurde sichtbar, doch beachtete ihn Lucinde nicht ... So schlecht also hat man mich gemacht! ... wiederholte sie. Und gewiss ist es die Unbescholtenste von allen, Fraulein von Tungel, die mich am meisten lastert! ... Hassen Sie denn nicht auch so die Dummheit? ... Diese Dame speculirte auf einen armen Phantasten, der sie allerdings um meinetwillen nicht mochte ...

Jerome von Wittekind! Ich weiss alles ... Und Ihr Ihr Doctor Klingsohr ... Den tragt man Ihnen bitter und mit Recht nach ...

Lucinde zuckte die Schultern und sagte:

Den hab' ich nie geliebt ... Sieh, sieh, weisst du schon, was die Liebe ist? ...

Dies "Du" flocht sie, indem sie mit dem schwarzen Handschuh fingerdrohte, so gewandt und listig ins Gesprach, dass Armgart vor dem traulichen Ton zwar erschrak und von ihr abruckte, ohne ihr jedoch zurnen zu konnen; ihr kam das Du dann noch naturlicher, als sie sprach:

Lucinde! Dich sollte eigentlich jeder meiden! ...

So! entgegnete diese mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kaltere Art zuruck. Das spricht Armgart! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen wieder vor ihr wieder mit zwei jungen Mannern vielleicht Sie mussten doch wol schon gelernt haben, wie Frauen leicht und unschuldig in einen falschen Ruf kommen konnen ...

Armgart wurde uber die beiden jungen Manner roth ...

Alle Welt weiss ja schon von Ihrem Vorsatz! ... Ich lasse den Wagen halten und verhindere Ihre neuen Thorheiten

Lucinde! ...

Freilich! Sagen Sie gleich, wo wollen Sie hin? ...

Zu Hedemann

Dort finden Sie Ihren Vater

Armgart sprang auf und sank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens Schoos ...

Diese hielt sie fest ...

Dann flieh' ich zu den Clarissinnen ins Kloster ... Oder in den Wald zu den Eremiten oder in die weite Welt hinaus! ...

Lucinde musste Armgart, die sich loswand, von ihrem Schoose freigeben ... Sie betrachtete das aufgeregte junge Madchen halb mit Lachen, halb mit Ruhrung und liess sich von Armgart's Gelubde erzahlen ... Auch an Serlo's Tochter dachte sie bei ihrer Vergleichung ... Sie wandte sich Armgart zu, die wieder neben ihr sass ... Lucindens Augen hatten dabei vor List glanzen konnen und glanzten doch nur vor Theilnahme ... Ihr Mund offnete sich ... Ihre ganze Erregung machte sie jung und schon, wie in den Tagen ihrer ersten Blute ... Armgart athmete kaum, so bangte ihr vor der Begleiterin und dies Bangen wurde ihr ein wohliges ...

Lucinde, sagte sie tonlos, du kannst Latein, Italienisch, hast unsern Glauben angenommen ... aber ich furchte mich doch vor dir ...

Weil ich so schlecht bin! ... erwiderte Lucinde vor sich hin und ihre schwarzen Augen verschlangen mit einer ungewissen Sehnsucht die braunen Armgart's ...

Du bist eine Schlange, eine Hexe, sagen sie ...

Dann bin ich es auch wol! Darauf verstehen sich ja die Menschen und besonders die Frauen ...

Armgart kampfte immer mehr gegen die Bestrikkung durch diese auch ihrer Lebensauffassung so verwandte Ironie ...

Seit ich lesen kann, seit Paula in die Anstalt kam, fuhr sie fort, hab' ich dich, Lucinde, furchten gelernt ... Paula schrieb zwar immer von dir, ich sage dir das offen, mit Bewunderung ... Sie ist so gut, sie verehrt dich ... Wahrhaftig! ... Und ich weiss doch, dass sie eigentlich nur immer Angst vor dir haben sollte ...

Auch noch jetzt? sagte Lucinde mit dem Ton der Resignation und in Anspielung auf Bonaventura ...

In ihren Visionen sieht sie dich fortwahrend ...

Und wie dann? ...

Nie gut ...

Diese Visionen lugen ... Kluge Armgart! ... Diese Visionen sind nur Widerspiegelungen aus Paula's eigenem Innern. Glaube mir's! ... Was wurden wir nicht alles sagen und verrathen konnen, wenn wir so plotzlich den Willen und die Selbstbeherrschung verloren! ... Paula sieht nichts, was ausser ihr ist. Sie sieht nur Bilder der Erinnerung, ihres Wissens und sonstigen Ahnens und Fuhlens. Sie spricht nur die Gedanken aus, die sich im Menschen unbewusst sammeln und ihm in den Mund kommen, er weiss selbst nicht wie. Wenn du traumst, Armgart, ist es dir nicht gerade ebenso? ... Dass sie dann freilich, ohne es zu wissen, alles herausspricht, das ist eine fatale Krankheit ...

Armgart dachte allen diesen Worten nach, sagte dann aber doch:

Du irrst, Lucinde! Sah sie nicht kurzlich den Vater des Domherrn? ...

Von Asselyn? ... Warum nicht? Sie beschrieb ihn, wie man vom Lande der Seligen traumt ...

Nein, nein! Das wirkliche Italien war's, wo sie ihn sah ... Terschka bestatigte alles ...

Unsere Vorstellung vom Paradiese ist so etwas wie Italien ... sagte Lucinde, schwieg dann aber und liess Armgart Recht behalten ...

Dadurch wurde diese noch sicherer ...

Dein armer Klingsohr! fuhr Armgart fort. Der liebt dich wol noch jetzt! Wie weit hin war der beruhmt! Noch im letzten Herbst wurden seine Aufsatze jeden Abend bei uns vorgelesen. Alle sagten dann: Das ist der Sohn des Deichgrafen! Das ist der, der um deine Lucinde, Paula, ins Kloster gegangen ist! Die Tante wollte nicht, dass ich erfuhre, was Liebe ist, und sagte: Ach was! Aus Schmerz um seinen Vater, aus Reue uber sein Einverstandniss mit dem Kronsyndikus ist er in's Kloster gegangen! ...

Ein Kloster ist fur vieles gut das siehst du an deiner Mutter und an dir ... sagte Lucinde ausweichend ... Also die Liebe solltest du nicht kennen lernen und nun kennst du sie? ... Herr von Terschka liebt jetzt statt deiner Mutter glaub' ich dich ...

Armgart ergriff Lucindens Hand und sagte mit erstickter Stimme:

Was sprichst du da ...

Ich sah es ja neulich bei dem Jagdbanket den Augen der Manner sieht man das an! Terschka's Augen verschlangen dich ...

Lucinde! rief Armgart ablehnend und ihr Auge verschlang doch auch die Augen Lucindens ...

C'est la vogue! ... Auch Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge lieben dich ...

Armgart nannte franzosisch die Sprache, die Gott geschaffen hatte, Dinge zu sagen, die andere Nationen zu sagen sich schamten ... Sie sagte das eben ...

Als Lucinde daruber lachte, fiel sie sich ihr abwendend ein:

Wahle du dir einen davon! ...

Lucinde ging auf den Scherz ein:

Hm, Thiebold de Jonge? sagte sie ... Ei, der ist sehr reich und das ist viel werth ... Aber ... Was hilft mir ein Mann, fur den ich den Verstand haben muss! Dein Vater hat ihn aus dem Wasser gezogen, hor' ich. Mir wurde er ewig im Sanct-Moritz liegen ... Immer musste ich ihn an den Haaren halten ... Seine Haare sind freilich hubsch ... Nun ja, mir recht! Um die Wahrheit zu sagen, ein rechter Mann muss ein bischen dumm oder lieber noch wild sein, dann ist's eine Lust, ihn ziehen und zahmen zu konnen ... Wahrhaftig, ich nahme den Thiebold noch lieber als den Benno ...

Armgart horchte einer Sprache, die sie fur frivol hatte erklaren mussen und die sie doch fesselnd fand ...

Benno der ist schon, interessant, aber eingebildet! fuhr Lucinde fort. Der liesse keine Frau aufkommen ... Immer wurde er ihren Verstand mit Ironie behandeln ... Nein, nein, diese Manner, die sich so klug dunken

Armgart hielt Lucinden den Mund zu ...

Terschka freilich fuhr diese fort ...

Das Kapitel verstehst du nicht ...

Lucinde machte sich frei und fuhr fort:

Terschka das denk' ich mir so! Graf Hugo ist Terschka's Freund ... Geht Paula, deine Freundin, nach Wien, so wirst du, Narrchen, naturlich folgen wollen und da macht sich denn alles ganz naturlich

Nach Wien? unterbrach Armgart. Nach Wien? Wer geht nach Wien? ...

Ich hore doch ...

Sie geht in ein Kloster ... Wie ich ... Nur dass ich schon heute gehe ...

Pah! Ihre Aufgabe, die Aeltern zu versohnen, sagte Lucinde, ist nicht so schwer ... Es ist wahr, Ihre Aeltern hassen sich; aber es gibt einen Hass, der der unmittelbarste Gegenpol der Liebe ist und bei gunstiger Gelegenheit sogleich in Liebe umschlagt. Man hasst dann nur, weil man eben nicht liebt, das ist ein grosser Unterschied vom gewohnlichen Hass. Der gewohnliche Hass verachtet und will gar nicht lieben. Wenn man aber weiss: Einer ist nur ausser uns im Leben, der uns ganz und gar aufhebt und vernichtet ... Nun ringst du gerade mit dem und mit keinem andern ... Weicht er oder weicht er nicht ... An ihm allein missest du deine Kraft ... An ihm deinen Werth ... O, das ist ein ganz anderer Hass ... Ja schuttle dein liebes Kopfchen nur ... Du verstehst das alles noch nicht ... Tage und Wochen lang nur immer auf Einen denken, immer nur fur dessen Widerlegung, wenn er uns misverstand, leben, dem zum Widerspruch, aber auch nur um Den allein das Hochste und Kuhnste beginnen, malen, dichten, philosophiren, entbehren; alles das hat, ich weiss es vom Oberprocurator Nuck auch deine Mutter gethan und keiner ist ihr dabei doch bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwartiger gewesen, als immer der Mann, der sie fruher bandigen wollte, ehe sie die Lust der Freiheit gekostet, oder, wie man richtiger sagt gebusst hat ... Und wenn ich mir den Obersten vergegenwartige, den ich kenne, den ich gesehen und gesprochen habe

Armgart hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft ihre Hand ... Dass diese ihr eigenes Verhaltniss zu Bonaventura beschrieb, wusste sie nicht; so leidenschaftlich konnte sie sich die Liebe zu einem Priester nicht denken ...

Dein Vater, fuhr Lucinde fort, erschien mir bei einem kurzen Begegnen in Kocher am Fall eine Natur wie aus Granit. Lieben konnt' ich ihn nicht. Aber nun kam Lucinde unbewusst in die Anrede mit "Sie" zuruck Ihre Mutter schon, die sieht nicht, glaub' ich, die Bibliothek, die in seinem Innern aufgebaut ist, von zehntausend Banden Weisheit. Sein Bruder, Ihr Onkel Levinus, hat auch diese Bibliothek im Kopf, ich horte das ja heute; aber der plaudert sie aus oder sie liegt krummbucklig in ihm durcheinander, bald orientalisch, bald spanisch, bald kocht er Gold, bald blos Seife ... Der ist nicht einmal das Conversationslexikon, wo es doch nach den Buchstaben geht ... Aber bei Ihrem Vater da sieht man keinen einzigen Titel, keinen Einband, kein Schubfach, keine Rolltreppe in alten Klosterbibliotheken ist's himmlisch, Armgart! das ist alles von ihm verdaut und wirklich Fleisch und Blut geworden. Denke dir, Armgart Lucinde ging aus ihrer Zerstreuung wieder in diese Anrede uber denke dir diesen Magen! Diese Gesundheit! ... Deine Mutter ist dann gerade ebenso ... Sie liebt deinen Vater, sowie sie ihn sieht falls freilich nicht bereits dein schlimmer, hochst leichtsinniger Terschka

Armgart hielt gerade krampfhaft Terschka's Brief in der Hand und legte diese und den Brief auf Lucindens Mund ...

Nein! Nein! sagte Lucinde beruhigend und wiederholte halb spottend das allbekannte Gelubde Armgart's: In der Rechten die Mutter, in der Linken den Vater und so beide furs Leben verbunden! ...

In Witoborn, wo es des Tags nicht blos zu jeder Stunde, sondern im Grunde immer lautet, hammerte bereits der unruhige Hinkbote, der in der Glocke jedes Jesuitenthurms sitzt. Das ging wie beim Sagemann auf dem Weihnachtstisch ...

Armgart bat Lucinden, noch eine Weile auf den Wallen langsam hinfahren zu lassen ... Das Wetter ware so schon ... Sie wollte zu Hedemann, wollte nach der Ankunft des Vaters fragen und dann ins Kloster zu den Clarissinnen ...

Lucinde that alles, wie gewunscht und beugte sich zum Schlag hinaus, um mit dem Kutscher zu sprechen ... Dabei entglitt ihrer Brust das Kreuz ...

Du bist katholisch geworden! sagte Armgart, es ihr zurucksteckend. Weisst du auch, was katholisch ist? ...

Katholisch sein heisst einen geheiligten Willen haben ...

Das ist recht! wallte Armgart auf. Wenn ich Hedemann gesprochen habe und ehe ich ins Kloster gehe, beten wir im Dom zusammen? ...

Ich reise heute ... entgegnete Lucinde ausweichend ... Sie ins Kloster! setzte sie nach einer Weile hinzu und gedachte Treudchen's, die gleichfalls nur einen vorubergehenden Schutz im Kloster suchte und dort vielleicht fur immer blieb ...

Wann reisen Sie denn? ... unterbrach Armgart ihre Abmahnungen ...

In wenig Stunden ...

Und kommen nicht wieder? ...

Gegen Ostern ...

Armgart's Miene war so wehmuthvoll, als wollte sie sagen: Wer weiss, wo ich dann bin! ...

Lucinde sah diesen Schmerz, der sich durch ein Blinken der weissen Zahne ausdruckte ...

Sie nahm jetzt den Brief, den Armgart aus Zerstreuung wieder in der Hand hielt ... Sie wollte vom Gesprach uber ihre eigenen Plane und Absichten abkommen und sagte:

Das ist ja ein Brief an Ihre Mutter? ...

Armgart erschrak und bestatigte es kleinlaut ...

Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloster schikken? ...

Armgart blieb die Antwort schuldig ...

Haben Sie diese wunderliche kleine Handschrift? ...

Nein Herr von Terschka ...

Lucinde nahm den Brief, verglich den Umstand, dass Armgart diesen Brief nach Witoborn mitnahm, mit allem, was sie aus Armgart's Mienen zu lesen glaubte, und sagte:

Der Brief sollte in Westerhof Ihre Mutter begrussen nicht wahr? ... Nun sind Sie neugierig, was wol Terschka Ihrer Mutter schreibt, wahrend er Ihnen zu gleicher Zeit Machen Sie doch den Brief des leichtsinnigen Mannes auf! ...

Lucinde! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind ins Wasser sturzen will, griff sie nach dein Brief

Lucinde gab ihn zuruck ...

Was aber hatte sie schon gethan? ...

Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte sie unter die Klappe des Couverts gegriffen und sie aufgerissen. So gab sie den Brief an Armgart zuruck ... Es war eine Regung ihrer alten Natur ...

Fur Armgart war das freilich zu viel ... Geschah ein Verbrechen, das so weit ging, ein fremdes Geheimniss nicht zu schonen, so musste es feierlich, wenigstens erst mit einem Gebet zu Gott geschehen ... Diese rasche That lahmte ihr die Sprache ...

Lucinde lachte daruber ...

Abscheuliche! Jetzt erkenn' ich dich! rief endlich Armgart, nur zu einigen Worten sich sammelnd ...

Lucinde konnte nicht aus dein Lachen kommen ...

Schandliche! Schandliche! ...

So lesen Sie doch, Kind

Ich verbitte mir

Lucinde lachte ...

Sie verdienen

Was? Armgart! Einen Kuss! ...

Nicht Ihre Armgart bin ich ... Demoiselle Schwarz! Halt! Halt! ...

Sie rief dem Kutscher ...

Der Wagen hielt ... Es war am Eingang in den Witobachgrund ... Die Muhlen schienen eben zu rasten ... Es war still ringsum ...

Der Bediente sprang hinunter und offnete den Schlag ...

Warum haben Sie mir das gethan! lenkte Armgart wieder zum alten gutigen Tone ein und hielt den Schlag zu ...

Lucinde, verletzt durch das plotzliche Herauskehren der Frauleinswurde Armgart's, wandte sich ab und that, als verlore sie mit solchen Possen nur die Zeit ...

Ich sehe es zu gut, sagte Armgart weinend, dass Ihr Uebertritt zu unserm Glauben nur eine Heuchelei war! Ja, Sie sind eine Schlange, die sich erst warm an unserm Herzen einnistet und dann das Blut aussaugt! Darum flieht auch alles vor Ihnen! Und ich, ich lasse mich bethoren! Gerade wie die armen jungen Madchen auf den Streckbetten damals! Nun fuhl' ich wieder den furchterlichen Stich im Herzen, wie damals, als ich Sie zum ersten male sah! ...

Lucinde wandte sich ab und beachtete sie nicht mehr ...

Da der Schlag Armgart's Handen entglitten war und das langere Offenstehen des Wagens Lucinden veranlasste, ihren Mantel, wie gegen Frost, fester zu ziehen, stieg Armgart aus ...

Beide trennten sich, als ware mitten in ihrem schonsten Flusse eine Melodie durch das Reissen einer Saite unterbrochen worden.

Fussnoten

1 Thatsachliches.

23.

Mit ihrem Bundelchen und dem erbrochenen Briefe schritt Armgart wie die verstossene Hagar dahin' ...

Sie betrat die Gegend Witoborns, wo sonst das Wasser rauscht, die Rader brausen, die Sagemuhlen kreischen, die Mittagszeit alles still gemacht hatte ... Die Witobach machte hier eine Biegung, die einen alten Gefangnissthurm, jetzt das Hauptwerk des ganzen Muhlenbetriebs, wie auf einer Insel liegen liess ...

Hier und da wurde der Weg durchkreuzt von alten durchbrochenen Mauern und grossen Schuppen ...

Hier also wollte der Vater seinen kunftigen Wirkungskreis eroffnen, hier eine Erfindung des Satans befordern helfen und Papier machen ... Dass doch auch die Gebetbucher und Breviere des Papiers benothigt waren, gab Armgart schon eine Erkraftigung gegen die strengen Vorwurfe der Frau von Sicking ... Aber welch ein rathselhaftes Wesen allerdings im Papier liegt, sie fuhlte es an dem Briefe, der ihr enthullen konnte, was und wie Terschka ihrer Mutter zu schreiben wagte ...

Fernab, schon in der ersten Hauserreihe der Strassen, lag das freundliche Hauschen, wo Hedemann wohnte ... Und seit einigen Wochen hatten dort Benno und Thiebold gewohnt, sie, die sie aus ihrem Leben ausgeloscht zu haben glaubte und es doch so wenig konnte wie wieder die heutige Erinnerung zeigte ... Es war Mittagszeit ... Sie konnten, wenn sie beide noch nicht abgereist waren, eben beim bescheidenen Mahl ihres gastlichen Freundes sein ... Wie bewusstlos schritt sie dahin ...

Auf einem der schmalen Stege und gelanderlosen Bruckchen, die hier zu uberschreiten waren, begegneten ihr zwei Bekannte ...

Der bucklige Stammer und Frau Schmeling, die Hebamme ...

Unwillkurlich erschauderte sie trotz des demuthigen Grusses, der von beiden ihr zu Theil wurde ... Stammer war im Kirchenbann, auch die Schmeling sollte hineinkommen ... Auch von Hedemann horte man, dass sich zu Ostern, beim allgemeinen Communiongang, sein wahrer Kern enthullen wurde ... Die Aeltern Hedemann's waren gleichfalls im Kirchenbann ... Ja ihr eigener Vater galt fur einen Freigeist, wie die Mutter ... Sie irrte wie am Scheidewege zwischen Himmel und Hulle ...

Wie lag das Gesprach mit Lucinden auf ihrem Herzen ... Was hatte sie an Anschauungen und wilden Lebensmaximen vernommen! ... Und sie fuhlte ja auch schon lange, dass eine seltsame Musik durch ihre eigene Seele zog, fuhlte, dass sie im Vergleich mit ihrer lichtreinen Paula langst in immer unheimlichere Schatten trat ... Sie konnte nichts nennen von dem, was sie so bedruckte ... Aber ihr erstes Gefuhl war, zu sagen: Das ist die Sunde! ... Und gerade darin lag ihre Angst, dass in ihr tausend muthige Stimmen riefen: Was Sunde! Gib dich, wie du musst! ... Dies Mussen war ihr dann wie ein Gezogenwerden schon von der Hand des Teufels ...

Grinsend sprang der beruchtigte Musikant zur Seite ... Auch die Hebamme schien betroffen, sich von dem Stiftsfraulein hier mit Stammer gesehen zu finden ... Sie knixte und erbot sich mit schneller Zunge zu einer Auskunft, da Armgart nicht wusste, wie sie aus diesem Labyrinth der kleinen Kanale der Witobach herauskommen sollte ...

Ich wollte zu Hedemann ... sagte sie ...

Der ist eben im Thurm, mein gnadiges Fraulein! Eben ging er die Treppe hinauf ... Da! ... Sehen Sie ... dort die Thur! ...

Stammer deutete zu diesen Worten der Schmeling den kurzern Weg an, auf dem Armgart zu diesem Thurm gelangen konnte ...

Alles ringsum blieb still ... So viel Worte hatte man hier sonst ohne die lebhafteste Erhebung der Stimme nicht wechseln konnen ...

Der Thurm musste bewohnt sein ... Eine alte Frau stieg von der Aussentreppe nieder, in der Hand hielt sie einige Topfe ... Aus einem Verschlage, an dem Armgart still stand, sah eine Ziege hervor und bohrte mit den Hornern an der Oeffnung ... Selbst daruber wurde ihr angstlich zu Muthe ... Vollends aber, als sie die Frau nach Hedemann fragte und an der Antwort sah, dass die Alte taub war ...

Armgart stieg nun von selbst einige Stufen hoher in die offene Thur ...

Von hier wieder abwarts gehend, hatte das alte Mauerwerk im Erdgeschoss eine Kuche, in die man hinunterblicken konnte ... Auf dem Herd unten lagen verglimmende Kohlen ... Eine enge steinerne, abgetretene Treppe fuhrte nach oben hinauf ... Sollte sie sie besteigen? ... Sie sah sich erst nach einer Klingel um; die Alte folgte ihr schon dicht auf der Ferse und sprach nichts und betrachtete sie nur neugierig ...

Da wurde Armgart von oben angerufen und begrusst ...

Es war Hedemann's Stimme; aber sie sah ihn noch nicht ... Nur die Fusse bemerkte sie ... Sie musste erst durch eine Fallthur den Kopf stecken, bis sie Hedemann von Angesicht sehen konnte ...

Fraulein Armgart, Sie sind es ? rief er ihr entgegen und reichte ihr die Hand, sie emporzuziehen ...

Hier sind Sie ja wie in einem Gefangniss ... sagte sie ...

Das war hier auch ehedem so etwas! sagte Hedemann ... Der Thurm gehorte zur Vogtei ...

Hedemann schien hocherfreut von diesem Besuch und setzte hinzu:

Aber darum ist es hier doch ganz angenehm! Kommen Sie nur naher! ...

Hedemann offnete ein Gemach, das in der That warm und behaglich war. Zwar waren die Fenster kaum grosser, als Schiessscharten, aber da es ihrer vier waren und sie ganz hoch lagen, erhellten sie den Raum, der mit einem in einem Alkoven befindlichen Bett, einem alten Lehnstuhl, einem Tisch und einigen Stuhlen besetzt war ... Tassen, Glaser standen auf einer Kommode ... Es war das Bild einer kleinburgerlichen Wohnung ...

Um den Fussboden dieses Zimmers selbst zu betreten, mussten dann beide innenwarts noch einige Stufen hinuntersteigen ...

Armgart war glucklich, Hedemann hier oben allein sprechen zu konnen ... Sie warf ihren Muff ab, band den Hut auf, luftete den Mantel und ruckte sich dem behaglichen halb eisernen, halb Kachel-Ofen naher, um die Fusse zu warmen ...

Hedemann begleitete alle diese Bewegungen mit den Worten:

Nun, das ist gut! Das ist gut! ...

Was ist gut, Hedemann? ...

Dass Sie nicht in Westerhof bleiben! Heute kommt Ihre Mutter! ...

Sie wissen ? ... Und der Vater? ...

Das ist recht, Sie halten am Vater ...

An Vater und Mutter! Wie Sie's immer ja selbst sagten ...

Aergert dich aber dein Auge, so reiss es aus! ... Mit der Mutter konnen Sie nicht gehen, ohne den Vater zu kranken ...

Ich weiss es ... Und wann kommt der Vater? ...

Ich denke, jede Stunde ... Sie sind ein gutes Kind In Ihren Jahren gehoren Sie dem Vater! ...

Ich will zu den Clarissinnen gehen, Hedemann, und dort so lange warten, bis mich beide abholen ...

Da wurden Sie den Schleier nehmen mussen! Dass beide zusammen kommen, wurde lange dauern ...

Nun, dann dann thate es ja auch so vor Gott nichts ...

Hedemann wallte uber dies Wort auf und schien von plotzlichen Gedanken ergriffen ...

Haben Sie schon gegessen? fragte er ...

Essen und Trinken lehnte Armgart ab ...

Kommen Sie hinuber in mein Hauschen ... Benno und Herr de Jonge speisen heute nicht bei Tangermanns, sondern gonnen mir die letzte Ehre ... Vielleicht uberrascht uns zum Nachtisch der Oberst ...

Hedemann! ... Ich darf nicht ...

Sie bleiben dann auch gleich druben ... Bei Ihrem Vater! ... Ja, dessen Schild und Ehrengarde mussen S i e nun werden! ...

Sie wissen ja schon von Lindenwerth, wie ich uber alles das denke ...

Der Vater will keine Versohnung ...

Ich aber will sie ...

Lasst sich ein Mann vorschreiben? ...

Aber die Mutter ...

Umstrickt Sie! Auf Westerhof ist gestern das grosse Loos gezogen! Die Urkunde hat sich gefunden ... Da mag es hoch hergehen ... Bleiben Sie getrost bei Ihrem armen gekrankten Vater ...

Hedemann

Sie sind jetzt alt? Sechszehn Jahre denk' ich ... Warten Sie, ich kann es bis auf die Minute sagen

Hedemann nahm ein Buch, das unter den Tassen und Glasern lag und an seinem Einband schon als die Bibel zu erkennen war ...

Hier stehen sie alle, die zu meiner Familie gehoren! ... Auch Sie gehoren dazu ...

Guter Hedemann! ... Aber hier kann ich nicht langer bleiben ...

Sie bleiben hier ...

Ich gehe nicht nach Westerhof zuruck ... Das versprech' ich ... Aber ich will ins Kloster ...

Ins Kloster! Was da! Sie bleiben bei Ihrem Vater! Da steht auch Buch Sirach: "Bleibe treu dem Freunde in seiner Armuth!" ...

Armuth? ...

Arm und reich macht Liebe, Ehre, Anerkennung, Gerechtigkeit ... Armgart, Sie mussen jetzt zum Vater halten! Sie mussen die Netze der Mutter fliehen! Westerhof sogar, die Tante, den Onkel, alle, die den Obersten lastern ... Die Rede Ihrer Mutter wird suss sein, gewiss ... Erst aber mussen Sie dem Vater in die Arme fliegen wie die Tochter Jephtha's, da er die Feinde geschlagen! Sela! ... Sechszehn Jahre, drei Monate und sieben Tage sind Sie alt! Da steht's! ...

Das kann ich nicht, Hedemann! sprang Armgart jetzt auf ... Denn sie erschrak vor der seltsamen Entschiedenheit des Mannes ... Wie konnt Ihr mir rathen, so meiner Mutter weh zu thun? ...

"Der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen!" spricht Paulus sondern doch wohl umgekehrt ...

Hedemann, adieu! Schickt den Vater zu den Clarissinnen! Ich folge ihm nur, wenn er mit der Mutter kommt! ...

Der Rath des Herrn bleibt ewiglich! Sela! ...

Mit diesen Worten machte Hedemann einen gewaltigen Schritt auf die vier oder funf Stufen hinauf, die von der Thur in das kleine Gemach hinunterfuhrten ...

Was habt Ihr vor? rief Armgart entsetzt und sprang ihm nach ...

Und wie Hedemann noch eine Stufe weiter zuruckgegangen war, kam ihr die Ahnung, dass er gegen sie etwas im Schilde fuhrte ...

Jesus Marie! rief sie ... Ich werde doch wieder gehen konnen ? ...

Das hat der Herr gefugt! sprach Hedemann und hielt schon die Thur in der Hand ...

Hedemann, was? ... Armgart stand schreckgelahmt ...

Nicht wie in Lindenwerth sind wir hier ... Nicht wieder wie damals in Nacht und Nebel vor Vater und Mutter entflohen ...

Hedemann! ...

Armgart, die diese Wendung ihres Vertrauens nicht fur moglich gedacht hatte, schrie den Namen so laut, dass man sie auf hundert Schritte weit uber die Insel hinaus hatte horen mussen ...

Aber auch im selben Augenblick griff Hedemann an eine links hangende Klingel und wie der Zusammensturz eines Hauses so brausend begannen sofort die Rader der Muhlen ihre kreisenden Bewegungen, die schrillen Tone der Sagen durchschnitten die Luft, das Wehr, das gestaut gewesen, entsandte seine Donnertone ... Seine eigenen Gedanken begriff man nicht, viel weniger horte man ein eigenes Wort oder das eines andern ...

Wie von einem Taumel uberfallen schwankte Armgart zuruck und ehe sie sich noch in den schrecklichen Augenblick gefunden und sich mit beiden Handen wie zum Angriff auf Hedemann gerustet hatte, war dieser verschwunden ...

Nun sturzte sie die Stufen hinauf und ruttelte an der Thur ... Sie schlug wider sie mit beiden geballten Fausten ... Die Thur war eisenbeschlagen und eisenfest ... Sie suchte einen Griff, einen Riegel, um zu rutteln selbst diese fehlten, die Thur war von innen nur durch einen Schlussel zu offnen und dieser war abgezogen ... Mit der Behendigkeit eines fluchtigen Wilds sprang sie die Stufen wieder hinunter, riss einen der Stuhle an die hoch gelegenen kleinen, kaum einen Fuss breiten Fenster, griff hinauf, um eines, das nach aussen vergittert war, zu offnen vergebens, von den Fenstern war gerade dies nicht zu offnen Sie sprang hinunter, ruckte den Tisch an die Wand, kletterte hinauf, suchte ein anderes Fenster zu offnen ... Dies gelang ... Sie schrie hinunter ins Freie: Hulfe! Hulfe ... Der Ruf verhallte in dem Larm des Muhlenwerks und des Wehrs ohnmachtig wie das Summen eines Kafers ... Kein Haus lag gegenuber, kein Weg fuhrte daher ... Sie konnte rufen und rufen und erschopfte nur die Kraft ihrer Stimme und den letzten Rest des Muthes, den sie dem so rasch ausgefuhrten Entschluss entgegensetzen konnte ...

Schon dachte sie: Es ist ein Scherz von ihm ... Er wird wiederkommen ...

Aber wenn er mit dem Vater kame? Wenn mein Gelubde vereitelt ware! ...

Als sie das Fenster der hereinstromenden Kalte wegen zugeworfen hatte, wieder niedergestiegen war, immer von dem betaubenden Gerausch begleitet, sank sie auf den Lehnstuhl nieder und liess verzweifelnd die Hande zusammengefalten auf ihrem Schoose liegen ... Blasser und matter neigte sich ihr Haupt ... Der Hut entfiel ihr ... Sie lag in Betaubung ... Von dem dumpfsten Schmerze der Seele ebenso gefoltert, wie von dem grauenhaften, ihrer Stimmung hohnsprechenden Getose um sie her ...

Das hatte sie nicht fur moglich gehalten! Hedemann's Gefangene war sie ... Aus seinen Bitten, die ihr noch von den letzten Augenblicken an der Maximinuskapelle im Ohr klangen, waren Befehle geworden ... Sie konnte erwarten, dass nur ihr Vater sie hier befreien wurde ... Jetzt hatte sie aus dem Fenster nach Benno und Thiebold rufen mogen ... Was half es ... Nichts war von ihrem Ruf zu horen ... Ihre Thranen brachen hervor ... Sie, die sich selbst gefangen setzen konnte, tagelang, sie konnte es nicht von andern sein ... Sie wollte aufspringen, wider die Wande rennen ... Ihre Muskeln hatten keine Kraft mehr, ihren Willen auszufuhren ... Und was sie dann auch that, nichts ging ja helfend an gegen die Gleichmassigkeit des Rauschens und Rollens und Donnerns um sie her ...

Dazu dann endlich noch der Brief, der geoffnete, der vor ihr auf dem Tische lag! ...

Sie sah ihn lange mit der innern Ermuthigung an, wenigstens den zu lesen und dadurch in eine vorherrschende, wenn auch schmerzlich zerstreuende Stimmung zu kommen ... Jetzt aber uberfiel sie plotzlich wieder ein Rettungsgedanke; sie sprang auf und lief an die Klingel, um diese zu ziehen und vielleicht auf einen Augenblick so die Rader zum Stehen zu bringen ...

Sie zog so gewaltsam, dass sie den Draht in der Hand behielt ...

Die Rader gingen fort und fort und die sturzenden Wellen des Wehrs rauschten und rauschten nach wie vor ...

Nun sass sie wie vernichtet und wie ausgeloscht aus dem Leben ...

Allmahlich entquollen ihr Thranen ...

Sie sah sich gestraft fur eine Menge Sunden, die wie in langen trauervollen Bildern an ihrem Innern voruberzogen ... Sie sah sich gestraft von Gott selbst ... Die Bibel lag vor ihr, ein Buch, das sie wenig kannte, ein Buch, das ihre geliebte Kirche nicht empfiehlt ... Hedemann hatte zwischen manche Seite Papierstreifen gelegt, manche Stelle unterstrichen. Epheser 6, 1: "Gehorsam seid, ihr Kinder, euern Aeltern!" ... Und wie, wenn sie eine Antwort gesucht hatte auf die Frage der Verzweiflung: Aber hab' ich denn nicht ein Gelubde gethan? so fand sie an einer andern Stelle, 1 Samuelis 15, 22, die Worte unterstrichen: "Gehorsam ist besser, denn Opfer." ...

Aus ihren Traumen weckte sie nur das rauschende Rad und die Woge ...

Ganz allein und vergessen war sie darum nicht ... Sie bemerkte eine halbe Stunde spater ein naher kommendes Gerausch ... Es kam aus dem Ofen, der von aussen geheizt wurde ...

Legte man noch Holz an? ...

Bald bemerkte sie einen vom Ofen herkommenden Speisegeruch ...

Sie ging hin und sah in der warmen Rohre ein starkes Brett mit einer Schussel Suppe, mit Brot, Rindfleisch, Erdapfeln und Braten ... Das war wie hingezaubert ... Die Speisen kamen von aussen herein ... Sie ubersah den Ofen, der nur zur Halfte im Zimmer stand und von der andern Halfte aus eine Klappe hatte, durch die man einen hier Eingeschlossenen verkostigen konnte, ohne dass man eintrat ... Sie sah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum, wo sich sogar Gerathschaften zur Reinlichkeit befanden; selbst einen Verschlag, den sie rasch wieder schloss ... Der Thurm war fur einen langern Aufenthalt eines hier oben vollig Isolirten eingerichtet ...

Gefangen! seufzte sie wieder und stellte die einfachen Geschirre auf den Tisch und untersuchte die Klappe im Ofen, die von ihrer Seite aus sich nicht in Bewegung setzen liess ...

Das wird dir wol vom Abschiedsmahl Benno's und Thiebold's geschickt! ... Wenn sie wussten, fur wen diese Reste bestimmt waren! ... Hedemann, mein Kerkermeister, wird ihnen kein Wort davon sagen ...

Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte sie immer mehr Dinge, die sowol einem langern Aufenthalt wie zur Befriedigung nachster Bedurfnisse dienen konnten ... Auch Wasser stand da, trinkbares ... Das Zimmer gehorte ohne Zweifel dann und wann einem der ersten Beistande Hedemann's bei seinem Geschaft; jetzt fanden sich nirgends Spuren eines eben darauf angewiesenen Bewohners ...

Sie ass nun einige Loffel von der Suppe und stellte den Rest der Speisen zuruck ... Spater nahm sie ihn doch. Die Natur machte ihre Rechte geltend ...

Sie hatte sich schon zu fugen angefangen, ware sie nur nicht so gefoltert worden von dem Rauschen der Rader ... Das war doch, als rollte so ihr eigenes Leben um ... Nun, dachte sie, geht Terschka aufs Schloss, die Mutter ist vielleicht schon da, die Geheimnisse dieses Briefes enthullen sich, dein Liebesopfer verwirft das Schicksal, der Traum der Legenden ist im Leben unmoglich ...

Wieder weinte sie ... und bald vor Zorn ... Sie schwur, das Aeusserste daranzusetzen, ins Freie zu kommen ...

Sie untersuchte wieder Thur, Wande, Fenster, den Ofen ... Die verbindende Platte war von Eisen ... Dann hoffte sie auf den Abend, auf den Stillstand der Rader, auf die Kraft ihrer jugendlichen Stimme ...

Nein, die Nacht lasst er dich nicht hier! sagte sie ...

In ihrem wilderregten Innern jagte sich Bild auf Bild. Bei allem verweilte sie, bei Lucinde, bei Bonaventura, bei Paula ... Zum Bilde Paula's vor ihrer Seele erhob sie die Hande in die Hohe und betete: Schliesst sich dein Auge, Freundin, so frage deine Engel, wo ich weile! Man wird mich doch vermissen, man wird mich doch suchen; du wirst sagen, wo sie mich gefangen halten! ...

Nun weinte sie um die Verzweiflung derer, die nicht wissen wurden, wo sie geblieben ...

Wieder blatterte sie in der Bibel ... Sie bedurfte dieser Zerstreuung auch deshalb, um des Briefs nicht zu gedenken, der sie magisch anzog ... Sie hatte ihn in ihren Hut und auf das Bett gelegt ... Noch konnte sie sich nicht entschliessen, sich fur ihre Sachen der Riegelhaken zu bedienen, die sich rings an den Wanden befanden ...

In der Bibel fand sie alle die Geschichten am Urquell wieder, die ihr aus ihrem Jugendunterricht so lieb waren, die Erzahlungen des Alten und Neuen Bundes ... Und sie forschte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage ... Sie verweilte bei Joseph's Liebe zu seinem Vater, bei Absalon's wildem Trotz, bei den Sohnen Eli's und deren strafendem Ende ...

Glocken horte sie vor dem Larm nicht schlagen ... Schon kam aber der Abend ...

Wenn nun ihr Vater hereintrat, was wurde sie ihm sagen! ... Die Kraft, ihn zu begrussen mit dem Wort: Du Grausamer, du hast mich um die Wonne des Heiligsten gebracht! hatte sie nicht mehr und stiller und immer stiller wurd' es in ihr bei dem Gedanken: Hattest du wol das Aeusserste gewagt und Terschka's Arm ergriffen und dich vor den Augen der Mutter fur ihn bekannt? ... Sie hatte sich ausgemalt, das im entscheidenden Augenblick thun zu wollen, die Angehorigen zu Zeugen seiner Werbung zu machen und die Aeltern so zu uberraschen; die Mutter, wenn sie Terschka liebte; den Vater, wenn er davon eine Ahnung hatte ...

Ein Licht stand auf der Kommode und ein Feuerzeug ...

Es war nur Ein Licht ... Es konnte nicht zu lange brennen und sie rechnete darauf, nicht zu schlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und, wenn die Muhlen endlich innehalten wurden, ihren Hulferuf zu erneuern ...

So verging die Zeit ... Sie zundete endlich das Licht an ... Es wurde ihr zu gespenstisch einsam, zu schauerlich ringsum ... Sie horte und sah im Geist, wie man auf Westerhof sie suchte, wie man nach dem Stift schickte und wie die Mutter sich in gleicher Lage befinden wurde, wie damals, als man sie ebenso in Lindenwerth nicht fand ... Sie gedachte der Geistertheorie des Onkels ... Sie hatte auf irgendeine Weise, um an sich zu erinnern, auf Westerhof spuken mogen, durch Anklingen an eine Tasse oder ein Aufklinken der Thure ... Sie wusste, man brauchte nur ganz fest und bestimmt an jemand zu denken und davon erschiene man ihm ... Sie dachte sich, Paula versinkt in Schlummer, Bonaventura's Beruhrung bringt sie in den Hochschlaf und sie sagt: Armgart sitzt hinter Schloss und Riegel im witoborner Muhlenthurm! ...

In solchen Zustanden lauft es im Menschen hin, wie uns plotzlich eine Maus erschrecken kann im wohnlichsten Zimmer wie uns eine Katze begegnet im lachendsten Blumenfelde. Sachen fielen ihr ein, lacherliche, als sollte sie wahnsinnig werden; zwei Groschen Schulden, die sie noch an eine Mitpensionarin in Lindenwerth zu bezahlen vergessen hatte; eine wundervolle purpurrothe Schleife, die sie an einem Morgenhaubchen der Frau Fuld auf der Veranda in Drusenheim bewundert hatte; ein Bandchen, das neulich dem Pfarrer Mullenhoff wahrend der Messe am Halse hervorguckte; hundert kleine verworrene Thatsachen blitzten auf wie todt bisher in ihr aufgespeichert und machten Lucindens Theorie wahr, derzufolge im Menschen der Stoff zu tausend Propheten stake, wenn nur eine Hand da ware, die die Thore des in ihm versenkten Wissens ohne seinen Willen aufschlosse ... Und als sie Benno's und Thiebold's gedachte, stiess sie dumpf die Worte aus: Gott! Gott! Lass mir die Sinne! ...

Dann sprach sie ihr Gelubde noch einmal und bat die Gottesmutter, ihr zur Erfullung desselben beizustehen. Sie wandte sich an die vierzehn Nothhelfer, jedem derselben nach seiner besondern Kraft ihre Bitte um Beistand vortragend. Die Angerufenen standen vor ihr, jeder mit dem Marterwerkzeuge, das ihm die Ehre der Heiligkeit gegeben. So gewohnt war sie die Litanei: O du gnadenreiche Mutter, du heiliger Joseph, du heiliger Michael und ihr andern lieben Engelein und Erzengelein! dass ihr die Bibel, nach der sie griff, wie ein fremdartiges Buch erschien. Sie gab ihr gleichsam nur das einfache Brot, ihr gewohntes Brevier eine viel sussere Kost ...

Aus dieser Betrachtung weckte sie wieder ein Gepolter des immer gleich warm bleibenden Ofens ...

Jetzt sprang sie rascher hinzu; aber schon war die Bescheerung da ... Ein Nachtessen, reicher, als die Tante Abends der Gesundheit fur zutraglich hielt ... Schon war die Klappe unerbittlich wieder zugezogen ...

Wer mag der Rabe sein, der mich nahrt? sagte sie, an den Propheten Elias denkend ... Die taube Alte? ...

Indessen sie ass und nicht ohne Appetit und nicht ohne Besorgniss vor dem Geschirr, das jetzt in der Kuche fehlen wurde, da sie das vom Mittag noch zuruckbehalten hatte, und nicht ohne guten Willen, es selbst zu waschen und in den Ofen zu stellen und dabei rufen zu wollen: Nehmt's lieber mit, ehe ich's zum Fenster hinauswerfe! ...

Nach zu reichlichem Nachtessen Pflegte sie einzuschlummern und schon manche der schauerlichen Geschichten des Onkels waren ihr auf Schloss Westerhof dann verloren gegangen. Nur weil die Muhlen noch immer rauschten, dachte sie: Es ist noch fruh! Es ist noch nicht einmal Feierabend! ...

Aber ihr Licht! Eine Talgkerze, gegen deren Duft sie an sich nichts hatte, da sie wenigstens in Lindenwerth keine andern gebrannt hatte und auch der Onkel oft genug Lichter goss, die aus allerhand Surrogaten neuentdeckt waren und noch viel schlechteren Geruch verbreiteten, als Talg Ihr Licht war schon zum letzten Drittel niedergebrannt und sie hatte doch noch die lange, lange Nacht vor sich und ihren Plan mit dem lautesten Hulferuf ...

Schlafen sollte sie? Schlafen in diesem Bett? ... Das wollte ihr nicht einkommen ...

Sie deckte doch aber das Bett auf ... Dabei musste sie den Hut wegnehmen, die Kleider Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert ...

Wie sie sie aufhob, war's wie eine gluhende Kohle ... Sie sah das Wort: "Freundin"

Das vollends war ein Stich ins Auge ... Und doch wagte sie nicht zu lesen ...

Sie ordnete die Schusseln und Teller und stellte sie in den Ofen, der, wie es schien, ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb ...

Das Bett war sauber und weiss ... mindestens so gut, wie ihr Lager in Heiligenkreuz ...

Sie versuchte es, sich zu legen ... Bald aber stand sie wieder auf ... Das Zimmer war zu heiss ...

Jetzt gedachte sie den Tisch an einen der Fensterspalte zu rucken. Aber schon ermudete sie und ahnte, dass sie doch nur zu vergeblichen Versuchen zuruckkehrte ... Schon ergab sie sich ... Die Muhlenrader gingen und gingen ... Keine Hand stellte sie ... Wen konnte sie rufen? Ost sogar dachte sie, Hedemann kame in Kettenstrafe, wenn man seine ruchlose That erfuhre, und da wollte sie denn lieber dulden, schweigen und weinen ...

"Freundin!" ... Das Wort verliess sie nicht mehr ... Sich alle Beziehungen desselben ausmalend, versank sie, unentkleidet auf ihrem Bett ausgestreckt, in Traume und entschlummerte allmahlich ... Schon hatte sie sich an das Rauschen des Wehrs und der Muhle, an das Sagen, das hirnzerschneidende, gewohnt ... Ihr Einschlummern kam ihr wie ein Ertrinken, aber nicht mehr schmerzhaft vor ... Sie traumte von einem grossen dunkelblauen Bande, das sie umringelte ... War es ein Thier? Eine Schlange? Immer enger und enger wurde das Band, endlich sah sie nichts mehr, als aus blauer Verstrickung hervor einen rosigen jugendlichen Kopf mit lachenden Mienen, mit langen, feuchten, schwarzen Haaren Das war dann Lucinde, die, wieder freundlich geworden, ihr zunickte wie die Wasserfee ...

Sie musste lange nach Mitternacht zur Ruhe gegangen sein; denn als sie erwachte, war es Heller Morgen ...

Die Sonne fiel schon ins Zimmer, ihr Lichtglanz rief sie aus ihrem dunkeln Alkoven ...

Die Besinnung auf ihre Lage kam ihr schnell genug ... Und das Donnergerausch um sie her hatte wol nur wahrend ihres Schlafes aufgehort ... Schon war wieder die Luft von demselben verwirrenden Gerausch erfullt, wie gestern ...

Schwankend schritt sie aus dem Alkoven hinaus und sah sich in ihrem Gefangnisse um ...

Es war ihr, als hatte es gestern Abend anders ausgesehen ... Und bald auch bemerkte sie ein neues Licht ... Auch frisches Wasser stand auf dem Tisch ... Eine ordnende Hand musste hier schon gewaltet haben, wahrend sie schlief ... Nur der Klingeldraht hing zerrissen wie bisher ...

Im Ofen fand sie ihr Fruhstuck ...

Sie ergab sich jetzt ... Ihre Augen, noch gerothet von den gestrigen Thranen, fullten sich aufs neue mit dem Ausbruch ihres Schmerzes ... Sie klagte Hedemann's Grausamkeit nicht mehr an ... Sie wollte jetzt dulden ... Blinzelnd sah sie auf den zur Seite liegenden Brief, der jedoch keine Spur trug, dass er gelesen war ...

Sie machte sich zu schaffen, so gut es ging ... Das Zimmer war warm ... Die Bibel lud zur Erbauung, zur Zerstreuung ein. Sie las einige Seiten ... Dann ging sie an ihre Kleidung, die sie ordnete ... Zerknittert und zerdruckt war alles. Sie offnete ihre Tasche, nahm ihr Nacht-, ihr Nahzeug heraus und sagte:

Diese Nacht wirst du, wenn man dich nicht befreit, dem Bett vertrauen und dich getrost legen! ...

Sie gedachte der Martyrer in Indien, die ja so ein ganzes Leben lang im Kerker schmachteten ... Das Brausen der Luft um sie her nahm sie wie bestimmt, ihr das Gehor zu rauben ... Auch daruber lachelte sie seufzend ... Ein Geist der Ergebung war uber sie gekommen ...

Den Brief Terschka's wollte sie lesen, wenn sie die Hoffnung baldiger Freiheit gewann ... Sie ahnte, dass er ihre Bereitwilligkeit zum Dulden aufregen, ihr ergebenes Martyrium storen wurde ...

Stundenlang sass sie, das Haupt aufstutzend und in grubelndes Sinnen verloren ... Sprang sie auch zuweilen auf und rief mit Wildheit: Nein! Nein! Ich will nicht langer! so brach sie sofort wieder zusammen, schlich an die Thur, an der sie still mit den Nageln kratzte, plotzlich mit den Fussen stiess, allmahlich aber schlich sie wieder auf das Sopha zuruck und ergab sich ... Die Bibel fing an ihr vertraulicher zu werden ... Sie vermisste zwar die Gottesmutter in ihr und die Heiligen ... Aber sie konnte sich auch an Abraham und die Patriarchen halten ...

Kein lebendes Wesen um sie her bemerkte sie, als einige Fliegen, mit denen sie schon Bekanntschaft machte ...

Wie sie gegen Mittag wieder im Ofen rumoren horte, sprang sie auf und rief Drohungen und Zornausbruche in die Oeffnung, deren Wand sich wieder geschlossen hatte ....

Niemand hatte geantwortet ...

Eine halbe Stunde raste sie umher und konnte sich nicht fassen ... Auch die gestrige Mittagsrast der Muhlen fand heute nicht statt ...

Ihre Kost war noch besser als gestern ... Ihr Wasservorrath reichte bis uber die Nacht hinaus ... Sie beschloss diese Nacht fruher zu Bett zu gehen, damit sie den heimlichen Besucher am Morgen nicht verschliefe, sondern aus dem Bett springend ihn uberraschen konnte ...

Wenn Shakespeare seinen Menenius sagen lasst, nach Tisch ware der Mensch dem Mitleid zuganglicher als mit leerem Magen, so stumpfen sich in der That mit zunehmendem Behagen des Korpers die heroischen Entschlusse ab ... Nach ihrer Mahlzeit konnte Armgart dem Verlangen nicht widerstehen ... Endlich las sie den Brief Terschka's ...

Sie las mit jener Scheu, die bei Oeffnung eines Briefs sich zuvor auf das Gegentheil dessen, was man zu lesen hofft, mit dem ganzen Aufgebot des Entschlusses wappnet, sich dem Schicksal nicht gefangen zu geben ...

"Verehrte Freundin!" war das erste Wort ...

Doch nicht: "Geliebte Freundin!" sagte sie sich und hielt einen Augenblick inne, um neuen Muth zu schopfen ...

Aber nicht zu lange wahrte die Hoffnung auf einen Ton, der ihr hatte beweisen konnen, wie voreilig sie urtheilte, wie uberflussig das Opfer war, das sie bringen wollte ...

Zu ihrem Entsetzen las sie:

"Ich begrusse Sie in einem Augenblick wieder, wo ich den Rath der weisesten Manner der Erde, die Hulfe der machtigsten Gewalthaber anflehen mochte und wo ich nichts, nichts habe, dem ich vertrauen kann, als Ihr edles, starkes Herz! Sie, Sie sind die letzte Rettung meines Lebens! Wenn ich mich erinnere, wie mir die gutige Freundschaft der Grafin Erdmuthe stets so nachsichtig war, wenn ich mich mit Dankbarkeit erinnere, wie oft fur mich die Grafin bei Ihnen und Sie bei der Grafin gesprochen haben, so schopf' ich Muth und denke mir, der Zusammenbruch meines Lebens lasst sich noch aufhalten! Ich habe in diesen Tagen Schmerzliches gelitten und furchtbar gekampft. Bedenken Sie zu den innern Erfahrungen, die ich fur meine Person allein machte, noch die Schrekkenserlebnisse auf dem Schlosse! Der Brand, der Fund jener Urkunde, die unsern Freund, den Grafen, vollends zum Schattenbilde seines Namens und seiner gesellschaftlichen Wurde macht! Ich weiss es, diese Bekenntnisse meiner Verzweiflung werden Ihnen rathselhaft erscheinen. Sie werden sie auf die Veranderung meiner Stellung zu Hugo und zur Grafin, zu Ihrer mutterlichen Freundin, beziehen Aber das, was in mir vorgeht, liegt tiefer, tiefer Ich muss ein Ende machen mit dem Elend meines Lebens. Der Wechsel der Religion ist ein leichter Schritt fur eine starke Seele, die sich ihre eigene Philosophie gebildet hat; aber bei mir wurde dieser Schritt mit Folgen verbunden sein, die meine Freiheit, nicht unmoglich mein Leben, wenigstens die Fortdauer meiner gegenwartigen Lebensstellung bedrohen. Gern will ich untergehen, wenn ich wenigstens eine Hand finde, die mir den Tod versusst. O nur das eine, eine Gluck, einen letzten Preis fur den Rest meines Lebens errungen zu haben, wenn es sonst auch in Nacht und Grauen dahinfahrt. Ach, ich bin schwach! Ich mochte nicht den Kampf mit dem Geschick zu herbe kampfen und das vermag ich nur durch Sie! Nur Sie blicken tief in das Menschenherz! Nur Sie konnen mit Engelzungen reden reden, wo die irdische Sprache nichts Ueberzeugendes mehr hat. Ein Entschluss muss gefasst werden ... In vierundzwanzig Stunden schon kann fur mich alles verloren sein ... Deshalb schreib' ich Ihnen! Deshalb fleh' ich fussfallig, gewahren Sie mir heute Abend, wenn ich von Witoborn zuruckgekommen bin und Sie den Umstanden angemessen auf Westerhof begrusst habe, eine Stunde der Verstandigung. Ich weiss nicht, wo es anders sein kann, als auf Ihren Zimmern. Um zehn Uhr ruht alles im Schlosse. Nehmen Sie mich an! Horen Sie mich! Vielleicht schon am Morgen darauf will ich nach England entfliehen, zu unserer theuern Grafin, die das Richtige in meiner Sache nur durch Sie allein finden kann! Denken Sie rein von mir, so rein, wie die Blumen sind, die Sie in meinem Namen begrussen! Ich ahne, dass Ihre holdselige, wunderliebliche Tochter sich wiederum der Umarmung der edelsten Mutter entzieht: aber auch sie wird jetzt Frieden stiften helfen fur Ihre Brust und fur die meine. Ihre Hand, edelste Frau, wird eine segnende sein. Nur muss ich Sie heute Abend sprechen muss muss es! Ihr Urtheil hor' ich uber Leben oder Tod Terschka."

Pater Stanislaus hatte diesen Brief zum Theil in jenem seraphischen Ton geschrieben, der der Rhetorik der Jesuiten entspricht. Dennoch lag Wahrheit in ihm. Er wollte mit seinem Stand brechen und unter dem Schutz der Grafin Erdmuthe, dieser heroischen Bekennerin ihres lutherischen Glaubens, sich vor den Folgen seiner Entlarvung sicher stellen ... Monika's Zeugniss wollte er bei der Grafin fur sich haben, wollte sich in den Folgen seiner fur den Grafen empfangenen Mission enthullen, wollte Monika das Rathsel zur Entscheidung vorlegen, wie er im Gegentheil ein Freund des Grafen wurde und seine romischen Auftrage vergass. Wer konnte wie sie so tief und nach den obwaltenden Umstanden alles uberblickend ergrunden, was zur Entschuldigung seiner Lage und Luge dienen konnte? Zuletzt wollte er in der That und Wahrheit seine Liebe fur Armgart bekennen ... Diese Leidenschaft war so machtig in ihm, dass sie alle seine Schritte bestimmte ... Gerade deshalb, weil diese Leidenschaft ihm Kraft gab, den muthigsten Entschluss seines Lebens auszufuhren, hielt er sie fest und wahrend er diese ebenso verzweiflungs- wie hoffnungsvollen Zeilen schrieb, stand nur Armgart vor seinen leuchtenden Augen ... Die Liebe, die den Mann auf der Hohe seines Lebens ergreift, die Liebe, von der er ahnt, dass sie die letzte sein wird, die noch erhort werden durfte, hat eine unwiderstehliche Kraft.

Armgart aber las aus allen diesen Hulferufen nur im Gegentheil die Liebe zu ihrer Mutter ... Jedes Wort dieser gluhenden Rede war ihr ein Ausdruck der Zartlichkeit nur fur sie ... Fur diese Liebe wollte Terschka seinen Glauben andern und nach England entfliehen ... Die Mutter musste ja dann ein Gleiches thun ... Von alledem hatten sich schon dunkle Sagen verbreitet ... Schon als man horte, Monika reiste mit der Grafin Erdmuthe nach England, war man auf einen solchen Schritt gefasst ... Diese Voraussetzungen des Briefes, wie sicher waren sie ... Ein Angenommenwerden auf den Zimmern der Mutter in nachtlicher Stille konnte ihr nur beansprucht erscheinen nach langst vorausgegangener Vertraulichkeit ... Der letzte Hinweis des Briefs auf sie selbst war ihr nur der Ausdruck einer matten Rucksicht; in nichts, nichts entsprach er den seit acht Tagen ihr gewidmeten Zartlichkeiten und Huldigungen dieses treulosen Verrathers ... Das der Dank fur das Opfer eines Lebens! ... Hatte sie ihm nicht deutlich genug zu erkennen gegeben dass sie ihn erhoren wurde, wenn auch mit blutendem Herzen, wenn er wollte ? ...

Eine purpurne Glut des Zorns und der Scham farbte ihr Angesicht ... Sie rannte dahin ... Sie starrte den Brief unausgesetzt an und floh wieder wie Nattern seine Buchstaben ... Das also ist die aufgedeckte Seele eines Menschen! ... Das ist der Abgrund der Wahrheit, den das Lacheln der Luge, die Blumen des Scherzes verhullen! ... Namenloses Elend aller betrogenen Menschen! ... Und du, du Schimpf meines geliebten Vaters! ... Ich kann nicht, ich kann nicht erfullen, was ich wollte! Die Mutter ist fur mich verloren! Vergib mir, o Himmel! Vergebt mir alle! Vergib mir auch du, Hedemann! Ich will dulden! Will hier bleiben als deine Gefangene! Schwande das Licht des Tages doch ganz und sah' ich nichts mehr, als Nacht und Dunkel, sowie das Kind im Mutterleibe ! ...

Ein solches Bild zu wahlen, war ihr nicht anstossig ... Naturlichkeit und i h r e Wahrheit gingen ihr uber alles ...

So beugte sie das Haupt auf ihre weissen Handchen, die sie aufstutzte. Sie dankte, niederblickend, dem Himmel fur die Lage, in der sie sich befand, dankte fur das Brausen, das in ihr betaubtes Ohr drang ... So war es ja schon! ... So auch hatte sie jetzt untergehen mogen! ... O, diese Welt ist zu schlecht! Ihrem Vater hatte sie auf dem Schoose sitzen mogen, den allein liebkosen mit allen verborgenen Zartlichkeiten ihres Herzens und diese Zartlichkeiten selbst dann wieder beweinen ...

Nichts aber geschah zur Veranderung ihrer Lage ... Sie blieb verurtheilt, auch diesen Tag, auch die Nacht so hinzuleben ... Sie konnte ihren ersten Entschluss nicht ausfuhren, konnte nicht zeitiger zur Ruhe gehen ... Immer nur sass sie und dachte: So wandelt euere Wege hin! So seid Lugner! So leugnet nur Gott und die Treue! So brecht euere Eide, enthullt euere Sunden und schmuckt euch noch sogar mit ihnen! Herr, lass mich nicht sitzen, da die Spotter sitzen! ... Wie erquickten sie die Psalmen! ... Die Bibel wurde ihr ein Trost ... Jedes ihrer Worte passte nun auch auf sie ...

Spat ging sie zur Ruhe ... Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden war, schlief sie jetzt still und fest und traumte nichts Erschreckendes ...

Am Morgen hatte sie doch richtig wieder den Besuch verschlafen ...

Gewiss war es die taube Alte, die indessen im Zimmer gewesen und aufgeraumt hatte ...

Armgart sah sich um und fand es so friedlich und wohnlich um sie her ganz so, wie sie sich einen Aufenthalt im Kloster gedacht ... Das Zimmer war warm, ihr Fruhstuck fehlte nicht im Ofen, auf dem Tisch stand das frische Wasser, auch ein neues und ein besseres Licht Zeichen einer noch vorauszusehenden langern Gefangenschaft ... Sie sah sich um, setzte sich dann und malte sich aus, was alles in ihrer nun schon dreitagigen Abwesenheit von Westerhof geschehen sein konnte ... Terschka sah sie mit ihrer Mutter doch auch ohne den Brief heimlich und zartlich verbunden ...

Da konnte sie eines nicht fassen, was ihr heute Morgen besonders neu und wohlthuend war ... Sie blickte um sich ... Es war etwas vorhanden, was gestern fehlte. Was nur mochte es sein? ... Blumen? Die dufteten nicht ... Musik? ... Jetzt erst bemerkte sie, dass es ja ganz still um sie her war ... So in sich verloren, so an ihre Lage gewohnt war sie schon ... Die Muhlen standen ja, die Wasser rauschten ja nicht, die Sagen schwiegen ... Was ist das? erhob sie sich von ihrem Fruhstuck ... Das ist der Himmel! D i e Musik liegt in der ewigen Stille nach dem Gerausch des Lebens! ... Unwillkurlich musste sie die Hande falten ...

Vorgestern und noch gestern hatte sie dies plotzliche Schweigen um sie her benutzt zu ihrer Befreiung ... Heute, wo sie endlich wieder auch die Glocken horte, riss sie nichts ans Fenster, drangte sie nichts dazu, um Hulfe zu rufen ... Ja selbst das Lauten des Munsters und der Jesuitenthurmglocke und der Dominicanerkirche all diese Glocken konnte sie seit fruhster Kindheit unterscheiden alle diese Zungen der Luft redeten die Sprache ihres Innern nicht ... Sie sah in die Bibel und fand, dass dort die Psalmen und die Propheten andre Worte sprachen, als die sie jetzt sogar im Munster hatte horen konnen ...

Zum Fenster stieg sie hinauf, nur um doch etwas von der Aussenwelt zu sehen ... Es war ein bedeckter Fruhlingsmorgen, Nebel verhullten die schon hoch stehende Sonne, Schnee und Eis waren geschmolzen ... Sie offnete, um die frische verheissungsreiche Luft einzuathmen ... Sie sah Menschen vorubergehen ... Niemand blickte zu den kleinen Schiessscharten des Thurms empor ... Auch waren die Wande so dick, dass ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht gesehen werden konnte ... Und rufen, Hulferufen war Armgart's Bedurfniss nicht mehr ...

Ruhig stieg sie von Tisch und Stuhl hinunter und ordnete ihre Kleidung, flocht ihr Haar, schmuckte sich so einfach, wie sie seit Jahren gewohnt war ...

Die Muhlen standen immer noch still und schon berechnete sie, ob heute ein Feiertag war ... Die Fastnachtszeit war da ... In wenig Tagen war Aschermittwoch ... Heute begann zu Sanct-Libori die vierzigstundige Anbetung des allerheiligsten Sakraments ... Die Bilder aller Altare der katholischen Christenheit sah sie jetzt, wie immer zur Fastenzeit, verhullt werden, nur das Kreuz des Erlosers offen bleiben, um wenigstens fur die Passionszeit allein auf diesen die Aufmerksamkeit zu lenken ... Alledem suchte sie in ihrer Bibel nachzuleben, soweit es noch zutraf ...

Gegen elf Uhr horte sie ein naher kommendes Gerausch ... Nicht vom Ofen kam es, sondern von der Thur her ...

Sie hob ihr Dulderhaupt und sah ruhig auf die Thur, durch die ohne Zweifel Hedemann eintrat ... Sie wollte ihm nichts Zorniges sagen, obgleich sie im ersten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unterdrucken konnte ... Hulfebringende mussen doch wol eiliger kommen! berechnete sie ...

Draussen ging ein Schlussel ... Die Thur offnete sich ...

Armgart hatte sich nicht erhoben ... Ruhig den Kopf auf die Hand stutzend und nur von ihrem Buch aufsehend sass sie da ...

Aber unwillkurlich musste sie sich jetzt erheben ...

Hedemann kam nicht allein ... Er liess einen Herrn und eine Dame vor sich eintreten ...

Die Besuchenden waren ein Paar ... Sie kamen Arm in Arm ... Die Dame war nicht gross, das Antlitz von einem schwarzen Schleier bedeckt ... Der Herr erschien stattlich, frischen und gebraunten Antlitzes, den Kopf mit einer dunkeln Tuchmutze bedeckt, die ein rund gehender goldener Streifen zierte ...

Hedemann sprach nichts ... Die Besuchenden blieben oben an der Thur stehen und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter ...

Armgart uberfiel eine seltsame Regung ... Ihr Herz schien eine Weile zu stocken ... Ein Zittern ergriff sie, als sie einen Schritt weiter wollte und den so lange auf sie Niederblickenden entgegengehen ...

Die beiden Fremden blieben oben und sahen nur stumm ins Zimmer hinunter ...

Der Herr mit der Mutze hatte einen schwarzen Ueberwurf um, ein buntes Tuch noch fast jugendlich um den Hals geschlungen einen weissen aufrecht stehenden Halskragen Fast hatte er etwas vom Onkel Levinus

Da schlug die Dame den Schleier zuruck ... Lange silbergraue Locken quollen unter dem dunkeln Sammethute hervor ... In den Augen der stummen, jugendlich schonen Frau, in den Augen des stummen Mannes blinkte ein feuchter Glanz wie Thranen ...

Armgart bebte ... ermannte sich ... glaubte ... zweifelte ... Endlich sturzte sie mit einem ausbrechenden Schrei auf beide schon die Stufen Herabkommenden und lag zunachst doch nur in den Armen der Mutter ...

Wahrend aber auch Ulrich von Hulleshoven sein Kind an sich zog und in Armgart's Auge zu blicken suchte, lag Armgart's Hand in der linken Hand Monika's und Monika's Rechte hielt die edle, wurdige Gestalt des Gatten umschlungen ...

Die Ruhrung dieser drei Herzen war unaussprechlich und auch Hedemann, der den Empfindungen als Dolmetscher dienen musste, konnte nicht damit vorwarts kommen ...

Jetzt riss Monika ihr Kind fast wie eifersuchtig und wie gekrankt ganz an ihr Herz ... Armgart noch tief mistrauend, und doch wie von himmlischem Lichtglanz geblendet, wagte nicht zu ihr aufzuschauen und wandte sich mehr und mehr zum Vater, aus dessen hellen blauen Augen eine so selige Welt der hochsten Himmelsreinheit sie anschien ... Ulrich drangte sie der Mutter zu und sprach in einem vor Ruhrung leisen, sonst mannlich festen, wohllautenden Tone:

Das ist ein Sieg nach langem Kampf! O Gott, o Gott! Was sind deine Menschenherzen verkehrt! ...

Armgart, ihre Aeltern sprechen horend, sank in die Kniee. Sie umschlang die Kniee des Vaters und reichte der Mutter mit krampfhaftem Zittern die Hand ... Dann blickte sie wieder zu ihnen beiden empor und sog ihre Bilder auf mit ihren braunen, schwarmerisch irrenden Augen ... Und wieder den Aeltern musste es sein, als sahen sie hinunter in einen See, uber dem Rosen und Lilien schimmerten in die tiefsten Tiefen dessen, was auf Erden und im Himmel schon und gut ist und wie in ihre eigene Jugend ...

"Selig, selig", sprach Hedemann und faltete uber seiner grauen Mullermutze die Hande, "bist du, die du geglaubest hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn!" ...

"Und Maria sprach:" fuhr Armgart fast tonlos in den Worten des englischen Grusses fort, "Meine Seele erhebet den Herrn!" ...

Noch einmal traten Pausen ein, deren die vom hochsten Gluck erschutterten Herzen bedurften ...

Dann folgten Verstandigungen und diesen die Entschuldigungen Hedemann's ... Monika sah in der alten von Hedemann ihr dargereichten Bibel die Stunde der Geburt Armgart's verzeichnet und gab dann dem Gatten dies Blatt ... Dieser warf darauf einen mild uberrascht und schmerzlich lachelnden Blick und zog voll vergebender Inbrunst Monika an sein Herz ... Der Oberst schien ein Mann, der mit dem Sturm der Jugend nicht die sanfte zartliche Empfindung schon verloren hatte; alles, was er sprach, war eigenthumlich gemessen und bedacht, aber jugendlich innig und wohlthuend ... Monika staunte nur und strich wie in unbewusstem Traumen ihre grauen Locken ...

Wo wir uns wiedergefunden haben? sprach der Oberst ... Bei unserm Kinde! Bei deiner Liebe! Deiner nun wandte er sich doch zu seinem Weibe deiner vergebenden Liebe, Monika! ...

Beim Geist und bei der Wahrheit! sprach Monika mit leuchtenden Augen, zeigte auf die Bibel und stand neben der aufhorchenden, immer noch scheu vor ihr niederblickenden, immer noch zweifelnden Armgart wie eine altere Schwester, so jung, so schon noch und keinesweges nur durch ihre leuchtende Verklarung ...

Hedemann sprach vom Kampf der Gerechten und Armgart begriff noch immer nicht, was die Aeltern so plotzlich verbunden hatte? ... Sie fragte dies auch leise ...

Monika sprach:

Dein Opfer hat uns verbunden, Kind! ... Kind meiner Schmerzen! ... Deine Gefangenschaft! Hier dieser Thurm! Ist es nicht so? Hedemann! Wie dank' ich Ihnen! ...

Auch Ulrich wollte Hedemann danken, umschlang aber nur die Sprecherin und umschlang sie mit jener mannlichen Wurde, die den Ausbruch der noch jugendlich regsamen Leidenschaft milderte ...

Sie soll noch alles horen! sprach er. Nun aber kommt! Lasst uns im Triumph nach Westerhof fahren und zeigen, was wir mitbringen konnen! Nun, nun zieh' ich ein! ... Anders war' ich dorthin nicht gegangen ...

Nicht blos Armgart, sagte Hedemann; sondern sich selbst bringen Sie beide mit ...

Monika's Ja! war so einfach, aber sie konnte nichts besseres sagen, als Ja! und reichte dem Gatten die Hand ...

Noch schien die Aussohnung das Werk einer vor wenigen Minuten erst gekommenen Verstandigung zu sein ... Monika schwankte noch dahin wie ein vom Wind bewegtes Rohr ... Kind und Gatten hatte sie in Einem Moment gefunden ...

Wen nur nehmen wir noch mit? rief der Oberst. Benno ist fort; mein "Geretteter", Thiebold de Jonge, mit ihm Selbst die schwarze Hexe, mit der du von Westerhof entflohst, Schwarmkind, ist nicht mehr da ... Der Domherr ist im Amte ... Ja, gestern noch suchte mich ein Herr von Terschka auf, der heute wiederkommen wollte ... Er wohnt auf dem Schlosse ... Wer begleitet uns im Triumph? Ganz Witoborn? ...

Armgart zuckte auf den Namen Terschka's zusammen und blickte zur Mutter hinuber, die sorglos und nur voll Wehmuth stand ... Offenbar gab das Herz des Kindes dem Vater den Vorzug ... Das sah Monika ... Sie sah es jetzt wieder an dem sonderbar scheuen und prufenden Blick Armgart's ...

Terschka suchte dich wie einen verlorenen Edelstein! fuhr der Vater harmlos fort ... Und das bist du ja auch ... Ihm verdanken wir eigentlich Alles Nicht wahr, Monika? ...

Armgart horte und horte ... Durch Hedemann reisefertig gemacht ging sie schon wie eine Fuhrerin voraus ... Eros, der Griechengott, wie mit der Fackel voranleuchtend ...

Monika ruhmte im Nachfolgen Terschka's Gefalligkeit ... Der Vater war ganz erfullt von dem bohmischen Rittmeister ... Fast schien es, als hatte bei ihm Terschka um Armgart geworben ... Klar blickte sie uber nichts und sah sich nur immer nach einem storenden Schatten zwischen ihnen allen um, zerpresste den Brief, den sie auf der Brust verborgen trug, und deutete und deutete noch dies und das nach dem Lugengeist, den sie gestern als den Beherrscher des Lebens erkannt haben wollte ... Wie ist das nur? sprach sie vor sich hin und zog Vater und Mutter sich nach in die freie Gotteswelt ...

Jetzt begannen auch wieder die Muhlen, die Wasser rauschten ... Man stieg uber die Schwelle des Thurms ... Die taube Alte sah ihnen verwundert und schelmisch lachend nach ... Unten standen Gesellen und Bursche und zogen die Mutzen und weiter und weiter ging's ... Durch die Bachlein, uber die Brukken ... Zu sprechen war hier nichts, nur zu sehen, nur der Druck der Hand zu fuhlen ...

Der Thurm da hat euch verbunden? hauchte Armgart, als sie an den Wallen ankamen, wo unter der Allee ein Wagen auf sie wartete, ein Kutscher von Westerhof in den Dorste'schen Farben ... Sie schuttelte den Kopf und ihre lieblichen beiden Zahne blinkten ...

Die S e e l e des Thurms! sprach der Vater ...

Die Muhlen! Die Muhlen! lachte Hedemann und bat Armgart um Vergebung ...

Er selbst konnte nicht weiter dann folgen ...

So stiegen die Aeltern und Armgart allein ein ...

Im Wagen sah Armgart, dass das Band ihrer Aeltern in der That jetzt eben erst neugeschlossen war ... Das Auge des Vaters ruhte mit gleicher Wonne auf der Mutter, wie auf ihr ... Das Auge der Mutter war umflorter, als das seinige ... So dachte sie sich Brautund Brautigamswonne beim Heimfahren von der Kirche ...

Du begreifst es noch nicht recht? sprach der Vater ... Und so ganz licht und hell ist auch die Zukunft noch nicht, mein Kind! ... Die Zeit der Kampfe beginnt erst ... Da aber, als ich mich nach einem Beistand dafur umsah, da gerade fand ich die besten Bundsgenossen ... Weib und Kind ...

Monika blinkte ihm zu auf Armgart's Staunen:

Sie lebt und schwarmt wie Paula! ...

Das war so ein erster Zug von dem, was Armgart als das Wesen ihrer Mutter kannte ... Armgart verstand nicht ganz, was die Mutter meinte, ahnte aber die Gedankenwelt, die Vater und Mutter hegten und die sie verband. Da es die nicht war, die sie theilte, so verliess sie ein Zagen nicht ... Aber sie verurtheilte Niemanden ... Sie grubelte, was die Aeltern so recht, recht einen mochte und wie die Mutter mit Terschka stand ...

Da sie furchtete, durch ihr Schweigen kalt zu erscheinen, sagte sie zum Vater:

Du warst noch nicht auf Westerhof? ...

Der Oberst schuttelte sein jetzt ernster werdendes Haupt ...

Nein! sprach er. Nur so konnt' ich ja dort ankommen! Wenn die Mutter dort war konnt' ich nur kommen mit unserm Kinde ...

So seinen Worten gleich die mildere Deutung gebend, blickte er traumerisch und sich auf die Vergangenheit besinnend in die Ferne ... Das da ist Sanct-Libori? sagte er ...

Die Mutter war bereits heimischer ... Es war der dritte Tag schon, den sie in Westerhof zubrachte ... In bangen Aengsten ... Das glaubte Armgart wohl ... Aber rathselhaft, wie sorglos sie von Terschka sprach ... Noch rathselhafter fur Armgart, wie ihn der Vater so ruhmen konnte ...

Herr von Terschka musste gestern plotzlich zum Bischof! sagte der Vater. Er wollte doch heute in der Fruhe wiederkommen ... Ja, wir glaubten erst, du warst bei den Clarissinnen! Terschka wollte es behaupten und sagte, sie verbargen dich dort ... Hedemann gestand noch nichts ...

Erst heute fruh gestand er's, Kind ...

Als du kamst? ... fragte sie ...

Ja, Armgart, als ich Ich kam zuerst ... Zum Vater ... Sieh mir ins Auge, Seelenkind! ...

Armgart hielt die Hande beider Aeltern und sah dabei noch immer nach rechts und nach links ...

Wann sagte es denn Hedemann? stammelte sie, ungewiss noch uber alles und mit liebenden Augen die Kalte ihres Fragens mildernd ...

Wo du warst? fiel der Vater ein. Da sagte er es, als er sah, dass du in unsern Herzen wohnst! Liebes Kind! Deine Mutter brachte mir durch ihr Anklopfen an meine Thur Lebensmuth, Stolz, Erhebung ... Sie horte, dass sie mich so heftig in Westerhof anklagten ... Sie horte von meinen Absichten aus Witoborn ... Sie war uberrascht davon und vertheidigte meine Auffassungen der Zeit und des Berufs und meine Denkweise ... Sie hatte sich meiner Person entwohnt und machte plotzlich einen ganz andern Menschen aus mir, als ich bin ... ja sie hatte sich sollte man's glauben in meinen schlimmen Ruf verliebt ...

Ulrich! fiel die Mutter ein ... Sie ist zu jung, um zu verstehen was uber alles, alles im Leben geht und warum es heisst: "Im Anfang war das Wort!"

Armgart widersprach nicht ... In ihrer Seele klangen die Evangelien und die Stimmen aus der Bibel nach ...

Sie begriff wenn auch mit tiefem Bangen dass die Aeltern sich durch die Verwandtschaft ihres Denkens, durch die gleiche Richtung des Willens, durch den Muth ihrer Ueberzeugungen wiedergefunden hatten ...

Doch liessen beide ihr den Ruhm, dass sie, sie allein die letzte Entscheidung gegeben ... Monika war ja in der That zum Obersten mit den Worten eingetreten: Suchen wir doch z u s a m m e n unser verlornes Kind! ...

Da Armgart so oft schwieg, so tief versunken blieb in ihre stille Welt des Glucks und des noch immer nicht recht befestigten Glaubens an dies Gluck, so hielten sie allmahlich die Aeltern fur weniger geistesreif, als sie ihnen geschildert worden. Sie beruhigten sich leicht daruber und sprachen mit ihr von der Gegend, vom Brand, von Paula, von der Erbschaft, von den Bewohnern des Schlosses Westerhof, von Bonaventura von Asselyn, der, wie Monika sagte, fur den aufs Neue erkrankten Pfarrer die kirchlichen Handlungen verrichten helfe und schon fur die nachsten Tage nach der Residenz des Kirchenfursten zuruckgerufen ware ... Armgart gab klug und verstandig ihre Erlauterungen und schon erfreute sie die Aeltern durch kleine Anfluge ihres Humors ... Harmlos ergingen sich die Aeltern in ihren Urtheilen uber die Zeit und die Welt ... Was die Mutter von Paula berichtete, waren Zweifel an ihrer Seherkraft. Doch sie wurden milde vorgetragen und verriethen vor Armgart's Freundin Achtung. Die Mutter hatte nicht, wie Lucinde, Freude an ihren Verneinungen ...

Das Erstaunen, die Ueberraschung, der Triumph, der die drei Ankommlinge dann auf dem Schlosse empfing, waren unverstellt und bei Allen schon um Armgart's, des wiedergefundenen Fluchtlings willen, der allerfreudigste ...

Benigna, die um Armgart's Schicksal, um Monika's plotzliche Parteinahme fur ihren Gatten in heftigster Erregung zuruckgeblieben war, vergoss Thranen, unaufhaltsam ... Onkel Levinus setzte sich die englische Militarmutze mit den goldenen Tressen auf und vergass alle Anklagen uber Standesetikette und Standesrucksichten, die Monika schon beinahe gestern von dannen getrieben hatten ... Auch wol jetzt noch spottete er uber den Papiermuller, mass sich aber doch mit ihm an der Thur, wo sie einst vor dreissig Jahren sich in ihrem Wuchse gemessen hatten und richtig den Strich noch fanden nur dass Levinus damals der grossere, jetzt der kleinere war und Ulrich rief: Gewachsen bin ich doch wahrhaftig nicht! ... Nun dann bin Ich zusammengekrochen! gestand Levinus und lachte nun Paula entgegen, die die wiederentdeckte Armgart an ihr Herz zog und vor Ulrich, Armgart's vielbesprochenem Vater, in Verlegenheit stand wie mit Rosen uberhaucht ...

Terschka fehlte noch, wurde jedoch erwartet ... Auch Bonaventura, der noch in Sanct-Libori oder im Stift war ...

Verstandigungen, Aufklarungen folgten ... Die Tante ging sogar auf einige Ketzergrundsatze ein ... Sie verwies als einen straflichen Aberglauben die Abhangigkeit, in die man sich von unuberlegt ausgesprochenen "Gelubden" setzte ... Ja sie erzahlte sogar, als Terschka und Bonaventura immer noch nicht kamen, mit leisem Kichern eine Geschichte von Mullenhoff's neuer Krankheit ... Sie wurde nur halblaut vorgetragen, drang aber doch zu Armgart's Ohr ... Nachdem hintereinander erst ein Puppchen, dann ein Katzchen an des Pfarrers Hausthur ware ausgesetzt gewesen, hatte man gestern in der Fruhe ein wirkliches lebendiges neugebornes Kind, einen pausbacknen Jungen, hellschreiend in einem Korb gefunden ... Was von Urtheilen daran angeknupft wurde, entging Armgart ... Sie war in der Stimmung eines Kinds am Weihnachtsabend, wenn die Bescherung langst da ist und der glucklich trunkene Blick noch immer irrt und irrt und erst noch das Oeffnen der lichterhellten Zimmer zu erwarten scheint ... Sie machte sich Vorwurfe uber ihre der Mutter bewiesene Kalte ...

Wie beherrschte aber auch Monika schon alles durch ihren Geist, durch ihre Ruhe, ihre Aehnlichkeit mit der Tante und doch so ganz ihr Anderssein! ...

Terschka blieb aus ... Und wenn er kam, was dann was dann? dachte Armgart ... Ja, ihr Opfer schien ihr in der That nicht vollzogen, das Band, das die Aeltern einigte, nicht fest genug Nach solchem Briefe! Solcher Sprache! ... Kam Terschka, sie fuhlte, dass sie dann noch, Gott zu Ehren, von einem Felsen springen musste ... Sie hatte ihn begrusst als den Erwahlten ihres Herzens ... Monika stand mit Ruhrung uber Armgart's stetes Zuruckgezogensein von ihr ... Oft auch mit dem Gedanken: Sie ist noch Kind; sie bleibt, so schon und hold sie ist, hinter der Erwartung zuruck, die man mir von ihr gemacht hatte ... Ein trunkenes, blindes Verlorensein des Muttergefuhls in dem wiedergefundenen Schatz ihrer Sehnsucht lag nicht in ihrer Natur, die auch eben deshalb von Paula prufend genug beobachtet wurde ...

Immer hiess es dabei: Wo bleibt der Domherr? Wo Terschka? ...

Wurde Terschka's Name genannt, so richtete sich Armgart auf, um ihm sogleich mit geschlossenen Augen und wie mit zum Todesstoss dargereichter Brust entgegenzugehen ...

Monika blieb ruhig, befriedigt, glucklich ... Der Domherr hatte sie gestern und vorgestern vollkommen so harmlos begrusst, als kannte er sie nicht ... Er hatte so viel naturliche Sorge um das Auffinden Armgart's und die Aussohnung mit dein Obersten verrathen ... Ihre Philosophie, die die Reue bestritt, kannte kein Reuegefuhl uber ihr "massloses Sichgehenlassen" im Beichtstuhl damals, als sie von einer "zweiten Liebe" gesprochen, nur um die Ehegesetze der katholischen Kirche anzugreifen ...

Paula bildete auch jetzt noch, wie immer, unter den Anwesenden den Mittelpunkt, so wenig sie diese Ehre suchte ... Monika fragte forschend ihre Schwester:

Warum ist sie nur so unruhig? ...

Monika hatte eine Offenbarung ihres geheimnissvollen Traumlebens wunschen mogen ...

Benigna misverstand die Frage. Sie glaubte, Monika meinte Armgart ... Diese stand am Fenster und wartete auf Terschka und wie auf ihr Todesurtheil ... Sie wollte ihn so empfangen, dass alle sagen mussten: Das ist ein Paar ...

Benigna aber hatte, um schon wieder zanken zu konnen, mit dem Essen zu thun, zu dem schon gerufen wurde ...

Man ging zu Tische ...

Schon sassen alle, da rollte ein Wagen vor ...

Wol Terschka? rief der das Hundertste ins Tausendste redende und nun auch schon Papier machende Onkel ...

Armgart griff an ihr Herz ... Ihr Vater beobachtete sie ... Auch die Mutter ...

Ein Diener wollte eben sagen: Herr von Terschka hat hinterlassen da meldete man den Domherrn ...

Paula ergluhte ...

Und Monika bekam Ahnungen von Bonaventura als dem "Bruder Gottfried" der neuen Hildegard ... Paula's Sehergabe hatte in diesen drei Tagen, wo der Domherr wenig auf dem Schlosse war, geschwiegen ...

Endlich erschien Bonaventura ... Ernst und milde, wie immer ... Er grusste die Neuverbundenen. Er wusste schon alles von Hedemann ... Von Witoborn kam er, wo er Armgart hatte suchen helfen und den Obersten begrussen wollen ... Er begluckwunschte, mehr mit dem Auge, als mit den Lippen, forschte den Obersten nach dem Dechanten aus, verrieth der Frau in Silberlocken nichts, dass er all ihr Herzensleben aus dem Beichtstuhl kannte ... Mit Armgart sprach er sogar scherzhaft und drohend ... Aber bei alledem blickte er voll Trauer ...

Reisen Sie wirklich schon morgen? fragte der Oberst bedauernd ...

Bonaventura bestatigte seine Abreise, sprach von einem Auftrag nach Wien von einer Erhebung sogar zum Domkapitular ...

Man begluckwunschte voll Ueberraschung ...

Paula senkte die Augen ...

Monika's Art war kein kleinliches Forschen; doch bemerkte sie die Gleichzeitigkeit des trauernden Ja und jener gesenkten Augen ...

Wie viel Grunde hatte nicht Bonaventura fur seine Trauer ... Wie liebevoll und beziehungsreich sprach er von Benno und vom Dechanten ...

Als man wiederholt nach Terschka spahte, uberraschte er alle mit dem Plotzlichen Worte:

Terschka? ... Sie wissen also noch nicht? ...

Die fragenden Blicke aller richteten sich zugleich auf ihn zum Zeichen, dass man ohne jede Ahnung war ...

Armgart hielt krampfhaft die Hand der Mutter und die des Vaters ... Sie sass zwischen beiden ... Beide verstanden allmahlich ihre Aufregung und sahen die "Liebe" des jugendlichen Herzens ... Monika mit Schrecken ...

Herr von Terschka ist abgereist! fuhr Bonaventura fort ... Wussten Sie das nicht? ...

Abgereist? So plotzlich? fragten der Onkel und die Tante und sahen sich nach den Dienern um, die davon wissen mussten ...

Armgart beobachtete jeden Zug im Antlitz der Mutter und diese wieder in ihrem und beide sassen zum Tod erstarrt ...

Ich wiederhole Ihnen nur, was ich soeben in Witoborn aus Jedermanns Munde horte ... Herr von Terschka war gestern Abend beim Bischof, heute in aller Fruhe schon im Kloster Himmelpfort; dann will man ihn noch im Dusternbrook bei den beiden Eremiten gesehen haben ... Ein Pferd soll er in Witoborn in den Stall bei "Tangermanns" gestellt haben, das uber und uber mit Schweiss bedeckt war ... Dann nahm er Extrapost und ist abgereist ...

Die Tante klingelte den Dienern, die auch eben kamen und die Speisen hereintrugen ...

Monika blickte nieder fur sich fuhlte sie wie erlost. Terschka hatte sie auf dem Schloss gestern und vorgestern mit unbesonnener Vertraulichkeit verfolgt, ja in Erwartung, sie hatte seinen Brief erhalten, sogar gewagt, Abends an ihre Thur zu pochen, wo sie sich nur durch die Glocke helfen konnte ... Seitdem hatte sie ihm nicht mehr Rede gestanden und wies einen zweiten Brief zuruck ... Aber Armgart ...?

Von den Dienern erfuhr man, dass Terschka in aller Fruhe mit einem grossen Koffer nach Witoborn gefahren war; der Wagen war eben jetzt allein zuruckgekehrt ...

Der Onkel, hocherstaunt, fragte:

Aber die Schlussel seiner Zimmer? ...

Man ubergab die Schlussel ...

Dass nach dem Fund der Urkunde Terschka nicht lange hier verweilen wurde, hatte man vorausgesehen. Dennoch war diese jahe, abschiedslose Entfernung aus seiner ihm, man sah es gestern und vorgestern, unbehaglich gewordenen Lage zu auffallend ...

Inzwischen blickten Alle auf Armgart ... Sie verschlang die Worte aus Bonaventuras Munde ...

Die Diener waren wieder abwesend ...

Ohne zu grelle Hervorhebung liess Bonaventura, wenn auch mit Beben, die Worte fallen:

Sie werden bald vernehmen ... was ich in Witoborn schon aus Jedermanns Munde erfuhr ... Terschka ist ja seltsamerweise ... nicht in der Lage, jemals zuruckkehren zu konnen ...

Alle horchten auf ...

Terschka war das nicht, was er uns allen erschien ...

Armgart hatte sich erhoben ... Jeder erwartete, sie wurde ausrufen: Er ist vermahlt! ...

Bonaventura sprach leise:

Terschka ist ein Priester ...

Das Wort des Erstaunens erstarb auf aller Lippen ...

Noch mehr, fuhr Bonaventura fort und dampfte die Stimme man sagt es in der Stadt allgemein, er gehort dem Orden der Gesellschaft Jesu an und hat in Rom das vierte Gelubde abgelegt ... Mein Stiefvater scheint die Gesetze gegen ihn geltend gemacht zu haben, die keinen Jesuiten im Lande dulden ... Oder man vermuthet, dass seine Mission zu Ende ist und man ihn schleunigst nach Rom zuruckberief ... Nur zuruckhaltend spricht man von diesem seltsamen Vorfall; doch scheint die Nachricht unwiderleglich zu sein ...

Es gibt eine magische Lichtwirkung, die plotzlich die bluhendsten, lebensfrischesten Physiognomieen in Larven verwandelt ...

So die Wirkung dieser Mittheilung ...

Was musste man von Terschka's Metamorphose, was von seiner Verbindung mit den Camphausens in Wien, was von seinem Leben hier auf dem Schlosse denken? ...

Monika, die den Beziehungen Terschka's zur Familie des Grafen Hugo so nahe stand, konnte sich kaum im Sitzen erhalten ... Ihre Lippen bebten; ihr Auge rollte; ihre Brust hob sich; sie hatte einen Fluch auf der Zunge ... Das sahen alle ...

Ihr Gatte betrachtete sie mit gleicher Empfindung und mass den Antheil, den er aus ihren Beziehungen zur Mutter des Grafen Hugo vollkommen zu wurdigen wusste ... Er verstand die Entrustung aus gleicher Gesinnung ...

Dennoch stammelte Monika:

Fast glaub' ich, man muss dem Manne nicht zu sehr zurnen! ... Er war vielleicht mehr ein Opfer, als ein Werkzeug! ...

Mehr konnte sie nicht sagen ... Denn alles war erschreckt durch Armgart ...

Diese stand wie wenn sie eine Geisterwelt um sich sahe ... Nicht dass sich ihr sofort das Rathsel des Briefs enthullte, nicht dass sie sofort verstand, wie Terschka nur gerade diese Last der Seele hatte abschutteln, deshalb convertiren wollen ... sie sah nichts, als dass Terschka fur die Mutter aufhorte ein Mann zu sein, aufhorte, verwirrend und bestrickend in Frauenseelen einzugreifen ... Ein Priester! ... Erlost von einer Last, die von ihrem Herzen fiel, stiess sie einen lauten Ton der Freude aus. Sie sturzte auf die Mutter zu ... Jetzt erst, jetzt sie wiedergewinnend, jetzt ganz an sie glaubend, nachholend, was sie an ihr versaumt hatte, lichtumflossen nach so langer dunkler Irrung, umarmte sie die Befremdete sturmisch, kusste ihre Stirn, ihre Lippen, ihre Hande, umfasste ihren Leib und entfloh aus dem Zimmer ...

Was ist dem Madchen? riefen alle ausser Bonaventura und Paula ...

Monika verstand allmahlich auch das beharrliche und auffallende Schweigen beider und sagte, sich in ihren Vorstellungen Licht suchend:

Welch ein Wahn? ...

Sie sah purpurroth vor Bonaventura nieder und gedachte nun beschamt ihrer Beichte ...

Die Tante kannte Terschka's Neigung fur ihre Schwester. Aber ihrer Verlegenheit half die Nachwirkung des Schreckens uber Terschka. Von allem Unangenehmen gleich zur Abwehr gestimmt, hatte sie das Bedurfniss des Polterns ...

Sie ist eine Narrin! ... rief sie Armgart nach ...

Bald aber stockte auch ihre Rede voll Grauen uber die Verstellungskunst, deren Zeuge sie hier einen Winter uber gewesen waren ...

Der Onkel gab sich offener. Er verweilte mit unausgesetztem Erstaunen bei der Mittheilung des Domherrn und fand sie fur die Enthullung romischer Zustande ausserordentlich ...

Armgart's Platz blieb leer ... Man ass und suchte in zerstreuendem Gesprach Fassung zu gewinnen ... Was storen und die eben gewonnene Einheit truben konnte, wurde vermieden ... Levinus rugte nichts am Bruder, die Tante nichts an ihrer Schwester ... Dafur behielten Ulrich und Monika fur sich, was beide tiefschmerzlich von Rom, seinem Bau, seinem Bann uber die Welt empfanden ...

Bonaventura und Paula empfanden alles das nicht minder ...

Dennoch erhielt Onkel Levinus scheinbar Recht, als er das Glas erhob und sprach:

Der Mensch ist so glucklich, wenn er die erste Summe seiner Ersparnisse zurucklegen und sagen kann: Das haben wir denn nun und das Uebrige findet sich! ... Halten wir uns an das Gluck, das wir sehen und mit Handen schutteln! ... Hoffen wir, dass im Schoos der Zukunft mehr, mehr, viel mehr zu unserer Freude verborgen liegen wird, als wir ahnen! ...

Darauf klangen auch alle an ...

Die Tante lachte uber das Levinus'sche Bild von Plotzlich aber fiel allen Paula's Blick auf ... Paula hatte von den Speisen wenig nehmen Ihre Erregung mehrte sich durch die Erwartung der Sie fragte nach ihr ... Schon seltsam leise erklang Die Tante kannte diesen Ton und erhob sich ... Paula blickte starr auf die grossen silbernen Gefasse, Die Tante ruckte eine glanzende Vase zuruck, in Das glanzende Metall ubte seine Wirkung ... Paula begann mit Armgart zu sprechen, ohne dass

Ende des funften Buchs.

Siebenter Band

Sechstes Buch

1.

Oesterreich und Wien! ...

Wer konnte sonst beide Namen neunen horen und vernahm nicht sofort Musik! ...

Und wenn dich auch jetzt noch mit Windesflugeln das Dampfross in einem einzigen Tag von der Elbe an die Donau entfuhrt, so grussen den haltenden Zug mitten auf der Heide, mitten in der Nacht, zwei Stationen vor Ankunft in Wien, Clarinette und Geige ... Der Sturmwind fegt den Novemberregen an die Fenster ... Hinaus blickst du durch die beschlagenen Scheiben ... Nichts, als ode gespenstische Nacht vor deinem Auge und doch empfangt dich Jubel und Lust ... Seltsames Bild ... Auf einen Stab gestutzt, am Rand des Erdwalls, starrt ein Schafer im zottigen Lammfell auf den haltenden Zug ... Ein Wanderhirt, der aus Ungarn kommt und weiter zieht mit seiner nachtlich rastenden Heerde ... Die osterreichische Geschichte ... Einsame Nachttraume der Volker, still am Weg sich sehnend nach Erfullung ... Unter lachender Lust und Freude ...

Am Donaustrand auch da wispert es ebenso leise und leise um die alten Ritterburgen ... Klagelaute um versunkene Banner und Kronen ... Was liegt nicht begraben im feuchten Schoose der Donau! ... Was konnte sich nicht melden zur Auferstehung unter dem nachtlichen Sternenhimmel, wenn ringsum auf den dustern Bergwanden die Geisterjungfrauen geheimnissvoll ihre Harfen zu schlagen beginnen! ...

Von Tyrol und Salzburg her, aus den sagenhaften Schluchten des Untersbergs und von den echoreichen grunen Bergseen Steiermark erschallt die Zither ...

Die Zither, dies liebliche Instrument, konnte Sancta-Cacilia statt der Orgel erfunden haben ...

Du kennst es nur aus dem lampendunstigen und cigarrendurchqualmten Keller der leipziger Messe, kennst es nur aus dem Concert aufgeputzter Jodeltyroler ... Aber auch da wird die Zither dich geruhrt haben so, dass du den Genius Oesterreichs hattest fragen mogen:

Was lachst du so traurig, was weinst du so froh?

Wenn so ruhrend die bebende Saite unter kraftvollem Finger ihre Schwingungen austont ... Wenn der Ton, immer gebrochen, immer in der Geburt des Halls schon halberstorben und doch, neugefasst vom kunstgeubten Finger, neubelebt, Riesenfermaten aus lauter kleinen zitternden Tremolos halt ... Wenn der Ton sich festklammert, gleich einem Knaben, der nicht ruht den hochsten Ast eines Blutenbaums zu erklettern ... Auf der hochsten Hohe, in die uns die Tone der Alpenzither schwingen konnen, welch ein Blick dann auf die Thaler der Erde! ... Deine Jugend siehst du, siehst den grunen Plan deiner Kindheit, athmest im Herzen auch die reinste Alpenluft ... Selbst unter dem "Soll und Haben" und dem Strumpf- und langen und kurzen Waarenhandel der leipziger Messe in Auerbach's Keller konntest du die Thranen nicht zuruckhalten, wenn das beruhmte Tyrolerquartett nur nicht singt! Das schenke ihm die Muse! nur die Zither schlagt ... Die Spielerin sammelt mit dem Notenblatt ... Im koketten Brustlatz, mit dem spitzen Hut ein unschones Mannweib ... Aber sie spielte dir und sich auf der Zither Oesterreich ... Sie spielte ein Ahnen, Suchen, Sehnen nach unbestimmten, dem Land und Volk selbst nicht klaren Zielen ... Sie spielte das Wittern einer Geisterluft, Morgengrauen schonerer Hoffnungen ... Sie spielte die Freude, die sich selbst nicht vertraut, und ein Leid, das dem Schopfer zurnen mochte, weil er die Erde bei alledem und alledem so schon erschuf ...

Musik ist der erste Gruss in Oesterreich ...

Auch in Wien ...

Die grosse Hauptstadt ist erreicht, die bremer echte Havanacigarre glucklich eingeschmuggelt ... Der Venusberg geoffnet ... Tannhauser zieht den schwarzen Frack an und die gefirnissten Tanzstiefel und vertanzt sich das gebrochene Herz ... Strauss und Lanner! Sie geben schon lange Trost fur die "Zerrissenheit" selbst im Alpengemuth selbst fur "Weltschmerz" im Pusztensohne ...

Hort diese Tanze! ... Ein Damon liegt in ihnen ...

Wie mit Kirchenglocken fangen sie an, sanft und feierlich ... Das Adagio eines Messganges ... Sittsamer, concordatsmassiger Niederschlag der Augen ... Das fuhrt, denkt man, geradeswegs nach Mariazell und Loretto ! ...

Plotzlich wirft der kaum geordnete Nonnenzug die Kapuzen ab ... Nun hupft die Freude erst wie! ein Fullen lustig uber den Klee. Erst nur noch ein fusstrillerndes Ausschlagen des Uebermuths ... Erst nur Kopfuber der Frohlichkeit, Humor, der, wie Harlekin Colombinen, neckt, spasselt, thaddadelt alles so, wie sich nach dem genommenen Ablasszettel im einleitenden Adagio vergeben lasst ...

Dann aber wird der Humor zur Selbstironie ... Der Walzer cancant, die Grazie tanzt auch hier wie in Paris mit Formen der Epilepsie, die Melodie geht ruckwarts, lasst sich die Augen verbinden, tanzt unter Eiern, schiebt einen Karren auf dem Seil zum Thurm hinauf, geht auf beiden Handen, dreht sich als Kopf uberm Rumpf herum und sagt dem Rucken "guten Tag"! ...

Halt! springt die Sittenpolizei dazwischen ... Metternich's Censur und Moral, die noch in den von uns geschilderten Tagen regieren, und der Damon wird rasch wieder ein Kind, das unter Blumen spielt, ein Kind, das nur nach Schmetterlingen hascht oder vor einer Hummel entflieht aber welch einer Hummel! ... Brummelt die so spassig, so taumlig, so torklig ... Bassgeige, wohin rennst du? ... Bassgeige, bist du betrunken? Leute, entflieht! Entflieht! ... Staberl spannt seinen Regenschirm auf haltet doch! Das gibt ja Sturm Wo fuhrt's dich hin? Zum "Stuwer?" ... Sind das Pot-a-Feu's? Dobler'sche Strausschen? Sternschnuppen? ... Wohinaus? ...

Ins Firmament! Grad' in die Milchstrasse, aber von Wursteln und Kringeln behangen ... In einen Kometenschweif von feurigen Nasen ... Ein einziger Strohhalm die schwindelnde Brucke, aus der alle Walzenden zugleich uber den unermesslichen Abgrund hinubermussen ... Heiliger Nepomuck, jetzt hilf! ... Sie fassen sich alle an, klammern sich an die Rockschosse ... Strauss nimmt den Fidibus, steckt noch den Strohhalm uber das Weltgebaude hinweg in Brand und nun mussen die Paare hinuber ... Die Glockchen, die klingen, die Pickelflote, die lacht, die Geigen, die quinkeln uber den aussersten Steg hinweg ... Das gibt ein Ungluck! ...

Aber der Maestro bringt sie alle wohlbehalten in seine Schlusscoda zuruck ... Bass, Trommel, Posaune finden sich in harmonischer Vereinigung bei den letzten Takten wieder zusammen ... Alles bricht in pyramidalen Jubel, in "Fanatismo" aus ... Der taktirende Maestro verbeugt sich gelassen und ruhig, "der Tanz ein Leben" oder "das Leben ein Tanz" ist beendet und nebenan sind die Tische weiss gedeckt fur die harmlosesten Bedingungen des irdischen Daseins "Backhanerln", "Rossbrateln", "Beflamoths", "lammernen Hasen", "Englandern" und allen moglichen Nationalgerichten der classischen Kuche Oesterreichs ...

So war auch das Gewirr, in das Benno von Asselyn eingetreten ...

So ubertaubt im Spatherbst, beim Blatterfall und haufigen, noch warmen Regenschauern schon an die bevorstehenden Freuden des Winters erinnert irrt er durch die Strassen Wiens verfolgt von bunten Anschlagzetteln, Aufforderungen zu Lust und Freude ... Eben sehen wir ihn in die stolze Herrengasse treten ...

Fussganger umdrangen ihn, Wagen rollen, Rosse sprengen dahin ... Nur immer Achtung! Ausweichen! Ausweichen! ... Auch den von den Regenschirmen niedergiessenden Fluten ...

Einige Minuten verlieren wir den trotz seiner Aufregung bleichen jungen Mann mit seinem regenfeuchten, schwarzen Bartchen, im triefenden, neuerfundenen Macintosh, vor Wirrwarr um sich her und in sich selbst ohne Regenschirm! ...

Aber bald tritt er aus einem hohen, mit Karyatiden geschmuckten vornehmen Palast wieder hervor ...

Er sinnt: Wohin? ... Auf die Schottenbastei hinaus zur Linken? ... Auf die Freyung zu meinem guten Chorherrn hinuber, bei dem ich wohne? ... Zu den Zickeles, an die du empfohlen und fur jeden Abend geladen bist? ... Oder noch in irgendein Theater? ... Das Burgtheater soll ja in der Nahe sein ...

Da ruft ihn der Portier zuruck ...

Verzeihen's! ... Den Dreimaster luftend, fragt er: Waren's Herr Baron von Asselyn? ...

Mein Name! ...

Benno von Asselyn war schon zweimal unter dem hohen Portal des graflich Salem-Camphausen'schen Palais gewesen, hatte, schon zweimal mit dem Huter des Eingangs uber die Nichtanwesenheit des Grafen gesprochen ... Diese Leute haben nur ein Gedachtniss fur empfangene Trinkgelder ...

Ein Brief fur Euer Gnaden vom Herrn Grafen Erlaucht sollte eben zum Herrn Baron hinubergetragen werden! ...

Der Brief lag auf dem Sims des kleinen Gukkfensterchens der Portierstube ... Benno nahm ihn an sich ... In der Auffahrt des Palais brannte hochoben eine etwas dustere Lampe ... Der Portier deutete auf sein Stubchen und ein dort befindliches Licht, das zwar auch keine Millykerze war, aber es reichte hin fur die kurze Lecture ... Eine Secunde und Benno hatte gelesen, dass ihn Graf Hugo aufs dringendste morgen zum Fruhstuck auf seinem Schlosse Salem erwartete ...

Der Portier sah dem schlanken jungen Manne jetzt voll Spannung nach und ahnte und vermuthete etwas ... Die Bedienung eines grossen Hauses hat ein scharfes Auge fur die innern Angelegenheiten ihrer Herrschaft ... Hangt Der mit unser Aller Schicksal zusammen? mochte er denken und sah lange hinter ihm her, sah, wie der junge Mann davonschoss und so in Gedanken, dass er immer noch nichts vom Regen zu merken schien ...

Benno hatte sich rechts gewandt, ging, auf die morgende kleine Reise gespannt, und fuhlte nun doch wol an seinem Hut und den Stiefeln, dass es Zeit war irgendwo unterzutreten ...

Er stand am Burgthor ...

Da las er an einer vom Thor geschutzten Wand:

"K.K. Hofburgtheater."

"H a m l e t , P r i n z v o n D a n e m a r k . "

Er trat in das nahe kaiserliche Theater ...

Ein labyrinthisches, von kleinen Winkelgangen durchkreuztes Gebaude nahm ihn auf ... Schwer fand er sich zurecht bis zur "Kassa" ... Noch war diese reich gewohnt man sich mit Unrecht nur an diejenigen Unmoglichkeiten zu glauben, die sich auch dem Klang des Silbers gegenuber nicht wegraumen lassen ... Benno's Zweifel fanden kein Gehor. Er verliess ohne Billet die "Kassa" und verwickelte sich in den Gangen ...

Ein gefalliger Herr, der sich verspatet zu haben schien und hinter ihm herging, wies ihn zurecht ... Der Ausgange schien es mehrere zu geben ... Der freundliche Herr liess es sogar geschehen, dass Benno in eine Wachtstube gerieth, die ganz den bekannten Kasernenduft hatte ... Grenadiere spielten hier Karten und dennoch huschten Damen in eleganten Kleidern hindurch, ja Benno stand sogar plotzlich zweien Gestalten gegenuber, die jedenfalls zu dem Gefolge des Konigs Claudius von Danemark auf der Buhne gehorten ...

Der fremde Herr sah Benno's Erstaunen und sagte zu ihm lachelnd:

Ei, Sie sind fremd, mein Herr? ...

Schon zog er die Dose gegen den Wachtstubengeruch ...

Nicht wahr, das erinnert Sie an eine Dorfkomodie? fuhr er fort. Aber es thut mir leid, dass Sie vielleicht mit diesem Eindruck weiter reisen! Sie haben kein Billet bekommen ... Wenn ich Ihnen einen Platz in meiner Loge Bitte ... In allem Ernst ... Meine Loge liegt zwar nur im dritten Stock ... Despectirlich ist das aber keineswegs, lieber Herr! ... Ohne Spass ... ich mache mir sehr ein Vergnugen daraus ... Kommen Sie nur! ...

Das gemuthliche Air des feinen Herrn war so einnehmend, dass Benno in der That nach einigem Zogern, aber auch fernerem Zureden folgte ...

Ich gehe voran! sagte sein Fuhrer und plauderte im Gehen:

Nicht wahr, Sie denken hier an eine mogliche Feuersbrunst? ...

Er deutete auf die Enge der Logentreppen ... Man ging in die Stockwerke hinauf, wie auf einer Wendeltreppe zu einen: Thurm. Im seltsamen Contrast zu dieser Aermlichkeit standen die reichgallonirten Diener mit ihren Servirbrettern, auf denen sie "Gfrornes" trugen ...

Benno entschuldigte sich unausgesetzt uber seine Dreistigkeit und schuttelte seinen Hut und seinen Macintosh ...

Im Gegentheil! erwiderte sein freundlicher Protector und ordnete inzwischen gleichfalls seine Toilette und mit einen: Kammchen sein weisses, krauses Haar ... Die Dreistigkeit ist auf meiner Seite ... Sehen Sie nur, jetzt muss ich Sie auf meine beiden Platze sogar durchs Paradies fuhren ... Aber zur Linken haben wir dennoch einen kaiserlichen Hofrath und zur Rechten einen Millionar von der haute finance ... Die Logen sind bis in den Kronenleuchter hin schon auf Jahre voraus gesucht ... Und wie ist das heute uberfullt ... Immer so bei denen classischen Stucken jetzt und besonders wann im Karthnerthor eine durchgefallene deutsche Oper wiederholt wird ...

Durch die dichtgedrangte Galerie machte der Logenschliesser dem gesprachig satyrischen Herrn Platz und nahm den nassen Macintosh, unter dem Benno sich glucklicherweise im Salonfrack befand ... Fast in der Nahe des Kronleuchters lag allerdings die Loge des freundlichen Fuhrers ... Die Range waren eben nicht zu stark besetzt ... Desto voller war es unten ... Kopf an Kopf in einem langen dustern Saale, dessen Bauart mehr zum Horen, als Sehen des auf einer schmalen Scene Dargestellten bestimmt schien ... Eben sprach der Darsteller des Hamlet eine der langern wirksamen Reden in melodischem Tonfall, mit ebenso viel Kraft wie Anmuth ... Befangen suchte sich Benno in seine so schnell und uberraschend ihm gekommene Situation zu finden ... Sehen konnte er allerdings vom Spiel so gut wie nichts ... Er musste sich an die Worte halten und an seines Begleiters Erlauterungen, die von einem: Guten Abend! hier, von einem: Kuss' die Hand! dorthin unterbrochen wurden ...

Die Beschworungsscene war im Gange ... "Schwort auf mein Schwert!" sprach Hamlet, der mit hinreissendem, vielleicht zu vielem Feuer gespielt wurde ...

Im Saal war alles todtenstill ... Man horte das dumpf aus der Erde kommende: "Schwort!" des Geistes ... Alles das hinderte aber ebenso wenig den Protector Benno's wie die Umgebungen immerfort dazwischen leise zu kritisiren und zu "plauschen" ...

Schau, schau! sagte ersterer. Das schreibt sich gewiss unser Herr Professor da auf ... "Schwort auf mein Schwert!" ... Nicht wahr, lieber Professor, das ist fur ein italienisches Ohr rein kalmuckisch? ... "Schwort auf mein Schwert!" ... Ich muss aber auch sagen, was der Deinhardstein da wieder fur eine Uebersetzung genommen hat ... Oder soll's ausdrukklich ein Wortwitz a la Sa Ei guten Abend, Resi! ... Ei, kuss' die Hand! ... Wie kommt denn heute der Professor in Ihre Begleitung Protegirt er auch den Herrn Wie heisst der neue Debutant, den die Kaiserin protegirt? ... Kein Zettel da? ... Die Unordnung in denen Logen greift immer mehr um sich! ... Warum ist kein Zettel da? ...

Fur Benno mussten diese Absprunge des Tons vom zartesten Gemuth bis zur scharfsten Ironie, jetzt an den Logenschliesser zur entschiedensten Grobheit, hochst charakteristisch sein ... In einem und demselben "Geplausch" wurde der Logenschliesser geputzt, ein junges, heiteres Madchen, das vor ihm sass, angeredet, eine hochst steife, lange Figur, in einer weissen Halsbinde neben ihr ironisirt, der fremde junge Mann unterrichtet, die Darstellung beurtheilt, alles mit derselben Lebhaftigkeit und den leichtesten Uebergangen eines Seelenzustandes in den andern. Bald Gefrierpunkt der Kritik, bald Siedepunkt des Enthusiasmus ... Dazu noch die Dose gezogen und geschnupft und Benno nach dem wievielten Tag seines Aufenthalts gefragt, auch auf die Theuerung Wiens aufmerksam gemacht und bei alledem auch noch eine bedeutende Personlichkeit in dieser Loge und in jener lorgnettirt ...

Die Ringsumsitzenden hatten im Grunde alle dieselbe Manier. Sie fanden wenigstens diese quecksilberne Beweglichkeit, dies Abspringen von der Hitze im Saal auf das heute "ein Bissel" mangelnde Feuer im Spiel "der Uebrigen", von der brillanten Toilette dieser und jener Furstin auf die "schauerlich" schlechte und abgenutzte Decoration in der Scene ganz in der Ordnung. Und bei alledem, wenn auch noch soviel kritisirt und "mechant" gefunden wurde, bei einem: Bravo! sturmte sich ein formliches Liebesfeuer von Enthusiasmus urplotzlich entbrennend aus ... Trotzdem, unmittelbar darauf erfolgend, uber dies und das ein leises: "Unter der Wurde!" ...

Benno sah, dass diese Art, sich zu geben, aus dem Gemeingefuhl einer Stadt entspringt, deren Bewohner sich gleichsam zu einer einzigen grossen Familie bekennen ... Die Worte "Herz", "Gefuhl", "Gemuth" wurden sowol hier, wie auf den Brettern gehandhabt wie eine Prise Schnupftaback ... Die schwungvolle Darstellung des Hamlet ausgenommen, war die Vorstellung mehr im Geiste Iffland's ... "Vater", "Mutter", alle diese Worte wurden mit einer besonders biedern Treuherzigkeit betont. An seinem Protector fiel Benno auf, wie er ihn trotz seiner kindlichen Harmlosigkeit doch ab und zu hochst scharf beobachtete ... Sogar eine klug lauernde Kalte lag in dem Blick der kleinen glanzenden Augen mit hochst scharfen grauen Brauen ...

Ein Zwischenact trat ein, den eine wurdige Musik belebte ...

Benno konnte sich jetzt in seinen nahern und entferntern Umgebungen zurecht finden. Auch fiel er selbst schon auf nach seiner schlanken edeln Gestalt, nach einem feinen Lacheln der anziehenden Gesichtszuge einigen Entfernteren ... Nach seiner fremdartigen Aussprache allen Nahersitzenden ... Die Plaudereien seines Protectors veranlassten die vor ihm Befindlichen, sich ofters nach ihm umzusehen ...

Nur dem Italiener wurde das Umsehen schwer. Entweder war der Nacken zu steif oder nur die weisse Halsbinde war es. Fluchtig erhaschte Benno ein gelbes, von Blatternarben entstelltes Antlitz. Um so lieblicher hob sich von ihm der schelmische Madchenkopf ab, die Resi, wie sie sein Protector nannte ... Es war eine muntere Brunette, nicht mehr "zu jung", die sich unausgesetzt gar lustig halb italienisch, halb deutsch mit ihrem Nachbar neckte. Der Italiener blieb auch kalt zu diesen Spottereien. Seine Gesichtsformen schienen von einer Pergamenthaut uberzogen zu sein, die sich nicht veranderte, auch wenn er selbst etwas sprach, das andre lachen machte ... Resi stritt mit ihm uber den Charakter der Deutschen und nannte Hamlet einen Danen, auf den die Malicen ihres Nachbars nicht im mindesten passten ...

Ma questo strofinaccio ha frequentato una universita tedescha! sagte der Italiener ...

Benno verstand und sprach das Italienische wie seine Muttersprache ... Er durfte annehmen, dass der Professor, der Hamlet seiner Thatlosigkeit wegen einen "Waschlappen" genannt hatte, ein Musiker war. Resi lenkte ihre jetzt zorniger werdenden Erwiderungen immer auf das musikalische Gebiet ...

Sein Fuhrer, der endlich den Theaterzettel bekommen hatte, las diesen laut, lachte dabei uber den Streit, blinzelte Benno zu und sagte:

Der Laertes der soll engagirt werden ... Eine Empfehlung aus Munchen ... Der ganze Hof ist deshalb zugegen ... Resi, wie kommt's, dass heute der Dalschefski seinen Platz abgetreten hat? ... Herr Professor, eine seltene Ehre fur die deutsche Kunst! ... "Muller" heisst der Debutant ... Die allerhochsten Herrschaften sind so ausserordentlich gnadig ... Der Mensch kann aber seine Beine noch nicht halten ...

Benno wurde an dem kleinen Kriege auf den Banken vor ihm, wo sich noch eine altere Dame und ein anderer Herr befanden, seine harmlose Freude gehabt und sein schmerzlich zerrissenes, hochgespanntes und sozusagen uberburdetes Gemuth erleichtert haben, wenn nicht plotzlich im Lauf der Neckereien sein Begleiter mit einem Namen ware angeredet worden, der ihm das Blut erstarren machte ...

Und mehr noch ...

Kaum hatte er die Anrede: "Herr von Potzl" zum zweiten mal vernommen, da stieg sein Schrecken bis zur Besinnungslosigkeit, denn im weitern Verfolg der wieder neubegonnenen Handlung auf der Buhne reichte ihm sein Fuhrer das Perspectiv mit den geheimnissvoll geflusterten Worten:

Jetzt aber! Jetzt schauen's! ... O ich bitt'! ... Da Das ist merkwurdig! ... Unser Schicksal! Im Hamlet! ... Dieser Herr Muller ist gut empfohlen ... Nein, schauen's doch, Resi! ... Beim Staatskanzler Alle die romischen Herrschaften ... Der Principe Rucca ... Und die Dame da ... Das ist die Herzogin von Amarillas ...

Benno lehnte das ihm dargereichte Perspectiv ab ...

Seine Hand zitterte ... Sein Athem versagte ihm ...

Bald richtete er sein Auge starr auf den Trager eines Namens, der er wusste es jetzt seiner Schwester Angiolina gehorte, bald auf die ihm noch im fernen Lampen- und Lichtdunst schwimmende Erscheinung seiner Mutter

Das Spiel ging indessen weiter ... Aber es wogte ein Rauschen und Flustern durch den Saal ...

Die eben eingetretenen fremden Herrschaften, die mit dem aus Rom gekommenen Cardinal Ceccone in Verbindung gebracht wurden, erregten das allgemeinste Aufsehen ... Es kamen immer mehr ...

Der Principe Rucca war ein junger Mann im rothen, gestickten Kleide ...

Auch der Name Maldachini wurde genannt ...

Alle Glaser richteten sich nach jener Logenreihe und Resi's Frage sogar: Ja, mein Gott, tragt denn der kleine Rothrock nicht gar ein schwarzes Pflaster uberm Auge? mehrte Benno's Aufregung ... Denn nach einem erst heute fruh erlebten Vorfall sah er, dass er mit den Personen, die er mit heissester Sehnsucht suchte und mit Entsetzen und Grauen floh, bereits zusammengetroffen war, ja mit ihnen schon in einer Verbindung stand ...

Zweimal erwiderte er, auf alles Erlautern und Zeigen seiner Umgebungen.

Wessen Loge ist das? ...

Des Staatskanzlers! hiess es ...

Doch auch die Logen neben jener hatten sich inzwischen gefullt ...

Benno kampfte mit sich, ob er bis zu Ende bleiben sollte ...

Hamlet's Lage war seine eigene ... Auch mit ihm sprachen ja Geister, die ausser ihm hier niemand sah ... Auch ihm straubten Enthullungen das Haar zu Berge; auch ihn hatten sie wach rufen sollen zu Thaten der Suhne und Gerechtigkeit ... Aber auch ihm lahmten hundert Erwagungen den Arm ... Wahnwitz, das fuhlte er jetzt, kann den ergreifen, der ein Ungeheueres machtlos im Busen bergen soll ... Auflodern, allen zurufen hatte er mogen: Das ist ja meine Mutter! ... Er hatte seinen Nachbar anrufen mogen: Wie tragst du, du nur den Namen meiner Schwester? ... Ophelia, angeredet von Hamlet mit dem unendlich schon gesprochenen Abschiedswort: "Geh' in ein Kloster!" verwandelte sich ihm in die Tragerin seiner eigenen Leiden ... Dass man dann sagte, die Grafin Olympia Maldachini sahe so keck sich um, wie in einem Ballsaal, liess ihn vollends erbeben ... Auch sie kannte er ja ... Sie schon ihn ... Die Loge war zu entfernt fur sein Auge ohne Bewaffnung durch ein gescharftes Glas ... Dennoch bog er sich schwindelnd uber, um zu sehen um starren zu konnen ...

Wieder war inzwischen der Vorhang gefallen ... Wieder begann eine Zwischenmusik ...

Der Professor, der inzwischen ebenfalls in grosse Aufregung gerathen war, erklarte, nur eben dieser "Romer" wegen hatte er den Platz des Professors Dalschefski ubernommen ... Er zankte mit Theresen ... Er war aufgestanden und sprach jetzt mit hochster Lebendigkeit seiner bisher so starr gewesenen Gesichtszuge die italienischen Worte:

Ja! Das sind sie! ... Die Herzogin kenn' ich nicht ... Aber sehen Sie nur den Grasaffen, den Rucca! ... Und das, das ist die kleine Grafin Olympia! ... Corpo di Bacco! ... Als zehnjahriges Kind schon hatte der Fratz sich in einen Apollino im Braccio nuovo verliebt, verlangte vom Cardinal Ceccone, ihrem Onkel, ihm einen Kuss geben zu durfen, springt selbst an den jungen marmornen Gott hinauf, umschlingt ihn und beide sturzen vom Postament herunter ... Thorwaldsen hat ihn restauriren mussen ... Und ein ander mal ha, da hat diese Olympia

Ich muss aber bitten! Schweigen Sie! unterbrach ihn Resi entrustet ... Die Dame hat auch bis dahin Ihre Verleumdungen gehort! Eben richtet sie das Lorgnon auf Sie! ... Wahrhaftig ... Herr von Potzl, schauen's doch! ... Das ist ja prachtig! Sie ruft den mit dem schwarzen Pflaster, auch die Herzogin und die sammtlichen Cavalieri geben Sie Acht, Professor, Sie mussen ihr Revanche geben, Sie unverbesserlicher Carbonaro! ...

Herr von Potzl bestatigte alles, staunte und lachte ubermassig ...

Benno aber stand, als schwebte er, ein Fieberkranker, in den Luften ...

Nein, die ist ungenirt! ... sprach alles ringsum durcheinander ... Wie in Neapel! ...

Sie grusst wirklich hier herauf! lachte Herr von Potzl ... In der That bestatigten alle, durch ihre Lorgnons blickend, dass die Kleine mit dem Diamantendiadem zu ihrer Loge hinauflache ...

Sie ergriffe eben das Taschentuch und winke heruber, erganzte Resi ...

Wem gilt denn das? ... sagte Herr von Potzl hocherstaunt und schaute sich uberall um und fixirte endlich den Fremden neben sich, seinen Protege ...

Dieser stand keiner Besinnung fahig ... todtenbleich ... Eben streckte Benno die Hand vor, um das ihm dargereichte Perspectiv zu ergreifen, da blieben ihm die Finger wie gelahmt hangen ...

Er sank bewusstlos auf seinen Sessel zuruck ...

Sie sind unwohl! rief Herr von Potzl erschrocken ... Ein Glas Wasser! Bitte ... oder kommen Sie ... Frische Luft! ...

Benno erhob sich allmahlich, lehnte Hulfe ab ... Das Spiel begann eben wieder ... Er wandte sich zum Gehen ...

Ja, gehen Sie lieber, mein bester Herr, sagte Herr von Potzl angstlich besorgt ... Der Dunst der Lampen hier oben ist aber auch heute furchterlich ...

Benno wollte ablehnen ... Herr von Potzl fuhrte ihn, wahrend alles rings voll Theilnahme aufgestanden war, selbst durch die Sitzreihen der Galerie und hinaus auf den Corridor.

Es war der zweite Tag, den Benno in Wien verbrachte.

2.

Als im Beginn des diesjahrigen Fruhlings Benno von Asselyn mit seinem Freunde Thiebold de Jonge von Witoborn nach der Residenz des Kirchenfursten zuruckreiste, that letzterer "von seinem Standpunkte aus" alles Mogliche, die schmerzlichen Nachklange des so ganzlich den "gehegten Erwartungen nicht entsprochenen" Witoborner Aufenthaltes zu mildern ...

Was nur aus dem unerschopflichen Born seiner guten Laune zu schopfen war, gab Thiebold zur Zerstreuung bereitwilligst her, und sogar seine eigene Person ...

Doch Benno blieb fur alle Anschlage seines erfinderischen Genius unempfanglich ...

Ja er verdarb Thiebold sogar den "Spass", dass dieser Extrapost nehmen wollte, um in der "Einsamkeit der Landstrasse" den "gegenseitigen Gefuhlen" Luft zu machen ...

Benno kannte diese Thiebold'schen Extrapostfahrten mit ihren "gemuthlichen kleinen Aufenthalten" von vier bis funf Stunden, ihren Nachtlagern, ihren Wirthshausbekanntschaften, ihren Abstechern auf gerade den Abend angesagte Casinoballe in kleinen Stadten, zu denen sich Thiebold sans gene wie ein alter Stammgast einzuladen verstand ...

Sie fuhren mit der Schnellpost und kamen auf diese Art rascher als mit Thiebold'scher Extrapost wieder zuruck in ihre "laufenden Verhaltnisse" ...

Das durch vier Mitpassagiere auferlegte Schweigen uber die Resultate der Witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches ... Thiebold verbrauchte seinen letzten Cigarrenvorrath mit Blicken der Resignation ... Er gefiel sich in dem von ihm sonst so oft an Peter unertraglich gefundenen System des Au contraire gegen sammtliche Mitpassagiere, deren Behauptungen ihm in der Regel unbegrundet und haltlos erschienen, ob sie nun den Segen der zu erwartenden Ernte oder die projectirten Eisenbahnlinien oder die Zukunft der damals neuerfundenen Stahlfedern oder den Kirchenstreit betrafen ... Thiebold wusste zwar, dass er durch seine unausgesetzten: "Erlauben Sie!", mit denen er seine "thatsachlichen Berichtigungen" einfuhrte, Benno zum stillen Martyrer machte, aber es blieb ihm unmoglich, die Aufregung seines Gemuths, den "stellenweisen" Schmerz seiner Erinnerungen anders zu beschwichtigen, als durch eine auf fortwahrende Berichte von "Augenzeugen" gegrundete Polemik ... Nur in der Nacht traten Pausen der Ergebung ein, die Thiebold theils durch Schnarchen, theils durch Seufzer ausfullte ... Hatte er nicht von Seiten Benno's das schnode Wort: "Machen Sie sich nicht lacherlich!" gefurchtet, er wurde von den Sternen gesprochen und die von Joseph Moppes immer so zart gesungene Arie mit nachgeahmter Waldhornbegleitung intonirt haben: "Ob sie meiner noch gedenkt?" ...

Als dann Thiebold seinem Vater hinter "Maria auf den Holzhofen" uber die "verfehlte Speculation" des Ankaufs der Camphausen'schen Waldungen, infolge des bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des Abbruchs aller Verhandlungen mit Terschka drei Tage vor der ihnen noch nicht bekannten Flucht desselben, berichtet und dafur ein: "Gesegn's Gott!" geerntet hatte, fand sich leider "noch immer die stille Stunde nicht", nach der sein Herz sich sehnte, die Stunde, um mit Benno "alles durchsprechen" und das Thema variiren zu konnen: "Ist denn wol das alles ein Traum gewesen?" ...

Benno hatte sofort mit den Berichten zu thun, die er Nuck zu erstatten hatte ...

Thiebold selbst war theils uberhauft mit Commissionen, die ihm die Stiftsdamen mitgegeben, theils war seine Ankunft die erfullte Sehnsucht aller seiner ubrigen Freunde, besonders Piter's, den Treudchen's Flucht ins Kloster und die bevorstehende mogliche Einkleidung des geliebten Wesens "rein in einen Schatten" verwandelt hatte ...

Erst die uberraschende Mittheilung, dass sich auf einer Reise nach England Wenzel von Terschka einige Stunden in der Stadt aufgehalten, ohne jemanden zu besuchen, brachte den "Austausch der Gefuhle zuwege", nach dem Thiebold so dringend verlangte ... Eines Abends sechs Uhr war es, auf der Strasse, die Sonne war noch nicht untergegangen, die letzten Austern, "auf die man sich allenfalls noch verlassen konnte", waren aus Ostende angekommen ... Ein stiller Winkel auf dem Hahnenkamm lockte machtig ... Benno wurde gezwungen zu folgen ... Benno tadelte keinen einzigen Vorschlag, den Thiebold uber die Sorte Wein machte, die sie zu den noch "unbedenklichen" Austern wahlen wollten ...

"Terschka geht denn also nach England, um die Grafin uber die Urkunde und die ganzliche Veranderung der Dinge auf Schloss Westerhof in Kenntnis; zu setzen" ...

Das war das wehmutsvolle Thema und anders noch konnten die Vermuthungen nicht lauten ...

Die zweite Schlussfolgerung war die Ahnung von einer Heirath Paula's mit dem Grafen Hugo ...

Die dritte die Unentbehrlichkeit Armgart's fur Paula und demzufolge die Heirath mit dem Freund des Grafen, mit Wenzel von Terschka, selbst ...

Nie hatte Thiebold seinen mannlichen Freund so kleinmuthig gesehen, nie so nachgiebig gegen jede Vermuthung ... Benno lehnte selbst die Hypothese nicht ab, dass Armgart "keinem von ihnen beiden hatte wehe thun wollen" ... Beide Freunde redeten sich in das Unergrundliche so hinein, dass Benno sich zuletzt die schwarzen Locken aus der heissen Stirn strich, wild den Arm aufstemmte und alle jene Anklagen des Schicksals ausstiess, die Thiebold sonst "unmannlichen Weltschmerz" zu nennen pflegte ... Heute "unterschrieb" er alles, was Benno in sein grunes Romerglas wetterte ... De Jonge! Ich fand Ihre Entsagung naturlich ... Ich wurde Ihnen Armgart nimmermehr gelassen haben ... Vergeben Sie mir diese offenherzige Sprache ... Selbst auf Gefahr, Sie zu beleidigen ...

Unter Mannern volle Wahrheit! entgegnete Thiebold und stiess die leeren Austerschalen zuruck, um fur neue Platz zu machen, die er wie mit einem Mordmesser behandelte ...

Sie konnte in der That nur mich lieben! ... Ich habe Vorzuge vor Ihnen ... Nicht dass ich lateinisch, griechisch und italienisch verstehe, de Jonge ... Sie sprechen englisch und spanisch ... aber mein Vorzug liegt im Herzen! ... Mein Herz kann lieben, das Ihrige nicht, de Jonge! ... Morden Sie mich dafur mit Ihrer Austerngabel! ...

Nein im Gegentheil! rief Thiebold und seine Augen leuchteten vor Begeisterung uber seinen Freund ... Nein! Sie haben recht! Ich schaudere uber mich selbst ... Ich kann lieben nie aber auf die Lange! ...

Thiebold schenkte mit wilder Geberde die Glaser voll ... Sein ganzes Sein war aufgelost in Behagen nur allein uber Benno's "edle Vertraulichkeit" ... Ja, zum Beweise, dass er Ursache zum Zorn hatte, doch sich "zu massigen wunsche", warf er sein Glas hinterwarts in tausend Scherben ... Was kostet das? setzte er zum erschrocken herbeieilenden Kellner hinzu ... Diese Stunde ist mir in dem Grade feierlich, Louis, erklarte er dem Staunenden, dass nie wieder ein Mensch aus diesem Glase trinken soll! Geben Sie mir aber ein neues! ...

In dieser Art "sprachen" beide Freunde von sieben bis gegen Mitternacht in einer "stillen Stunde" ihre Witoborner und Westerhofer Erinnerungen, ihre Anschauungen uber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft "durch" ... Beide Junglingsseelen nenne man deshalb nicht oberflachlich in ihrem Schmerz ... Manner bedurfen solches heftigen Ausbruchs ihrer Gefuhle ... Benno tobte und fand es unertraglich, dass der Kellner sich unterstand, mit dem Besen die Splitter zusammenfegen zu wollen ... Hinaus! rief auch er ... Beide Freunde warm nicht im mindesten trunken ... Das ist die Jugendkraft ... Zorn, Eifersucht, Schmerz mussen in jungen Seelen solche Formen haben, um zu den einmal nicht zu andernden Gesetzen des Lebens zuruckkehren zu konnen ...

Acht Tage nach diesem Abend, der nichtsdestoweniger in Benno's Seele nur neue Wunden schnitt, nicht heilte, erhielten beide Nachricht, dass Terschka entflohen und ein Priester, ein Jesuit war ...

Das Staunen musste das machtigste sein ... Sie erfuhren die unglaubliche Kunde zu gleicher Zeit mit der Nachricht, dass Terschka in England zu bleiben gedachte, sich unter den Schutz Englands stellte, seinen Glauben entweder schon geandert hatte oder zu andern gedachte und ohne Zweifel von Grafin Erdmuthe, die einen Triumph uber das Papstthum, eine Genugthuung fur die entsetzenerregende Urkunde sah, Verzeihung erhalten wurde ...

Ueber Terschka's Verhaltniss zu Armgart musste jetzt eine ganz neue Beleuchtung fallen und wieder begannen die Hoffnungen ...

Bonaventura war es dann, der, unterwegs da und dort in Amtsgeschaften aufgehalten, erst vierzehn Tage nach ihnen eintraf und diese Thatsachen bestatigte ...

Beide Freunde kannten Armgart's katholischen Sinn ... Aber stand nicht Armgart jetzt unter der Leitung ihrer Aeltern, deren freisinnige Richtung allbekannt war? ... Jeder wusste, dass Armgart's Aeltern sich um ihrer Principien willen ausgesohnt hatten ... Graf Hugo ist Lutheraner, hiess es auf Nuck's Schreibstube, Terschka wird zum Grafen Hugo zuruckkehren ... Nuck aber erklarte dies in Rucksicht auf Oesterreich fur unmoglich ...

Bonaventura kam trauernd, ernst und schweigsam ... Es bestatigte sich: Er war Domcapitular geworden ... In so jungen Jahren ... Sein schnelles Emporsteigen auf der Staffel der geistlichen Wurden war eine Folge der immer heftiger gewordenen Kampfe mit der Regierung ... Die alten Bewohner des Domstifts erlagen diesen Aufregungen ... In auffallender Schnelligkeit raffte der Tod die schwachen Greise hinweg, die nicht mehr wussten, wie sie sich zwischen ihren geistlichen und weltlichen Oberhauptern in der Mitte halten sollten ... Der Kirchenfurst und sein Kaplan Michahelles blieben gefangen ...

Bonaventura's Stellung zum taglichen Gottesdienst veranderte sich infolge seines Aufsteigens ... Doch bei feierlichen Gelegenheiten trat sie in desto hoherer Bedeutung hervor ... Gleich die Osterzeit theilte auch ihm den ganzen Nimbus mit, den gerade in diesen Tagen die katholische Kirche um sich zu verbreiten weiss ... Auf die goldenen Gewander, die Fahnen und Baldachine fallt gerade in dieser Zeit auch zugleich der Strahl der ersten Fruhlingssonne ... Jerusalems Palmen grunen in den noch kalten Kirchen ... Ueber den Garten von Gethsemane breitet sich das abendliche Dunkel der Vigilien ... Selbst den Hahn der Verleugnung glaubt man bei all diesen Nachbildungen der heiligen Leidens- und Ostervorgange in den katholischen Kirchen rufen zu horen so weiss man das Alte wach zu halten ... Bonaventura bedurfte dieser schonen Phantasmagorieen, um sein Leiden zu mildern und sein Denken zu unterbrechen ...

Die Beichten kamen wieder, die Prufungen in dem kleinen Flusterwinkelchen, das Bonaventura nicht aufgeben durfte ... Renate bat ihn um Schonung seiner selbst ... Ihr Pflegling kam von Witoborn zuruck um Jahre alter geworden ... Mittheilsam sprach er ihr wol von der Mutter und breitete alles aus, was diese ihm fur die alte Dienerin sowol, wie fur ihn selbst mitgegeben ... Aber es druckte ihn Schmerz und Unmuth ... Er war umsponnen von wie viel geisterhaften Faden! ... Vision und Wirklichkeit hielten ihn in einem steten Zauberbann ... Seine alten Zimmer behielt er in dem grossen Gebaude des Domstifts ... Gerade weil er so viel Neues in seinem Herzen trug, hatte er das Bedurfniss, ausserlich es beim Alten zu lassen ...

Bonaventura sah Benno wieder, sah Nuck, auch Lucinden ... Wie gewaltige Veranderungen waren vorgegangen! ... Aeusserlich sowol, wie innerlich ... Benno konnte er nicht sehen ohne die tiefste Ruhrung ... Immer und immer empfand er den Reiz, dem Freunde die Binde von den Augen zu reissen und ihn ohne Ruckhalt uber seinen Ursprung aufzuklaren ... Noch aber fehlten die vollen Verstandigungen daruber mit dem Dechanten und seinem Stiefvater ... Von Stunde zu Stunde mussten sie kommen ...

Nuck war und blieb Bonaventura ein Gegenstand des Grauens ... Der Unheimliche umschlich seinem Beichtstuhl und gab nicht undeutlich zu erkennen, dass er von mancher Burde frei zu werden wunschte ... Bonaventura lenkte die Gestandnisse, die bald aus diesem Munde an sein Ohr drangen, auf den Brand von Westerhof, auf die Urkunde ... Nuck stellte sich da vollig nichtwissend ... Aber bei den Verirrungen seiner Phantasie blieb er stehen und fragte eines Nachmittags geradezu, was die Kirche riethe, wenn man sich von allen seinen Sunden und Schwachen aufraffen wolle und es auch konne, jedoch von dem einzigen dazu verhelfenden Mittel eingestehen musse, dass es nicht minder der gottlichen Verzeihung bedurfe ... Bald kam die fast geflissentliche Hindeutung auf Lucinden ... Das war die ganze Absicht dieses Beichtstuhlbesuchs ... An Wahrheit und Aufrichtigkeit konnte einem Nuck nicht gelegen sein ... Warum sprach er von einem Wesen, das er nicht nannte, das ihn frevlerisch bestricke, von einer verzehrenden Glut ihres Athems, von seinem Bedurfniss, sich von einem so starken weiblichen Willen beherrschen zu lassen, ja dass er schon jetzt nichts mehr ohne sie thate? ... Nuck sprach von einer Aenderung seines ganzen Lebens, von einer Aufgabe seiner Geschafte, einem Zuruckziehen ins Privatleben, von Ankauf eines Gutes, von Reisen in sudliche Gegenden ... An allem ist sie betheiligt! sagte er seufzend und so betonend als wollte er nur den Priester selbst damit durchbohren ...

Das rauhe, struppige Haar des hochberuhmten Rechtsgelehrten neben ihm flosste Bonaventura den tiefsten Abscheu ein ... Er beeilte sich, von dem hasslichen Bild dieser Seele hinwegzukommen ... Abschuttelnd, was vom sogenannten Molinismus oder der Jesuitenmoral in solchen Fallen des Verhaltnisses der grossern zu kleinern Sunden gerathen wird: Sei wie die entwohnende Amme! Verwandle, was du dem Sunder bietest, erst in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwartigen den Brei! sprach Bonaventura:

Was sind das fur geringere Sunden, mit denen man grossere austreibt! ... Lesen Sie die Schrift und Sie werden David's Leidenschaften und seine Reue finden! ... Ich will Sie an den Knaben David erinnern, wie er den Riesen Goliath erschlug ... Er hielt sich zu seinem Schleuderwurf funf Steine bereit, obgleich ihm der Riese wol nicht fur die Abschleuderung des zweiten Zeit gelassen hatte ... Ein Uebel rottet sich am besten dadurch aus, dass man ihm die Nahrung nimmt ... Ergreifen Sie noch vier andere Leidenschaften, ich meine edle Leidenschaften ... Sie werden dann an die unedle funfte nicht mehr denken ... Beten Sie ein Ave auf dem Hugel der letztbegrabenen Angehorigen Ihrer Familie ... Friedhofe zu besuchen, das ware eine der Leidenschaften, die ich meine ... Legen Sie sich vier solcher steten Reservebeschaftigungen Ihres Thuns an und Ihre Phantasie hat eine Milderung ...

Hendrika Delring war gemeint ...

Was gibt es Heilenderes, als die Erinnerung an unsere Verganglichkeit! ... Bonaventura wusste nur nicht, wie wenig Nuck's verirrter Seelenzustand am Tode ein Grauen empfand ...

Lucinden sah Bonaventura oft genug, nur nicht mehr im Beichtstuhl, den er verboten hatte ...

Er sah sie besonders in der Zeit, wo die Kattendyk'sche Familie sich nach Witoborn zu den Exercitien der Frau von Sicking begab ...

Statt ihrer hatte sich erst Johannens Verlobter, der Professor a.D. Guido Goldfinger, an diese Uebungen anschliessen wollen ... Da der praktische Mann jedoch angefangen hatte, sich, erst "nur der Zerstreuung wegen", auf Delring's verlassenen Comptoirsessel zu setzen und Pitern im Familieninteresse der Jahresdividenden zu uberwachen, so ging mit der Mutter und Schwester die Frau Oberprocurator ...

In dieser Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen, fluchtete auch oft in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, auch auf den Romerweg zu Treudchen Ley ...

Nuck, in ubermassiger Freude uber das ganzliche Verschollensein des Brandstifters Jan Picard, nicht einmal belastigt von dessen Drohbriefen um Geld, beruhigt sogar uber Hubertus, der in der That mit Pater Sebastus auf Flucht nach Rom war, lebte nur seinen jetzt doppelt entfesselten Begierden ... Er suchte Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen seiner Gefuhle zu umstricken ... Er vernachlassigte seinen Beruf und gab sich Blossen vor allen seinen Arbeitern ... Benno bestatigte, was Bonaventura schon aus dem Beichtstuhl wusste ... Sie wollen mich jetzt verlassen, jetzt?! rief Nuck Benno und seine Augen traten in ihre Hohlen zuruck und liessen nur einen einzigen weissen Schimmer sehen ... Sie durfen nicht! Sie mussen bleiben! ... Und ich habe es gut mit Ihnen vor! lenkte er ein. Sie mussen eine glanzende Carriere machen ... Dieser Staat hier bietet Ihnen nichts ... Herr von Asselyn, Sie bleiben? Wenigstens bis zum Herbst? ... Ich wickle dann mein Geschaft ab und gebe meine Praxis auf ... Werden Sie mein Nachfolger oder ich erfinde noch etwas ganz Anderes fur Sie ... On ne marche qu'avec les hommes! sagte Mirabeau, fuhr er fort ... An Menschen hange dich an ... Die nur tragen dich, wie der heilige Christophorus das Kind ubers Meer trug ... Meinungen, Ueberzeugungen, Pflichterfullung pah das ist all nichts ... Ich setze Sie auf die Schultern von Menschen ja des ersten Mannes in der weltlichen Christenheit und Ihren Cousin, den Domcapitular, auf die Schultern des ersten Mannes in der geistlichen ... Nur durch Menschen kommen wir vorwarts ...

Benno, von Nuck oft so auf Kaiser und Papst verwiesen, lachte, hatte aber die tiefste Abneigung gegen ihn ... Da er in der Processfrage der Camphausen arbeitete, hinderte ihn die eigene Theilnahme, von Nuck zuruckzutreten, wie er am Tage nach dem Auffinden der verdachtigen Urkunde gewollt hatte ... Den Regierungsrath von Enckefuss sah er oft ... Er mochte von seinen Ahnungen nicht selbst beginnen und dieser wollte entweder durch Schweigen seine Massregeln verschleiern oder war zu sehr vom Antreten seiner eignen traurigen Erbschaft in Anspruch genommen ... Dionysius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen, wie Herr von Enckefuss schon auf Schloss Westerhof vorgeschlagen, hatte Levinus von Hulleshoven nicht unterstutzen wollen, obgleich die Spur des Verwundeten aufzufinden unmoglich war ... Hubertus, der ihn geborgen, wurde vernommen, aber seine Aussage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern eines Abenteurers, der fur Pater Ivo und Lob Seligmann in den Gewolben einer Klosterkirche verschwunden war ... Lob Seligmann hatte sich noch nicht veranlasst gefuhlt, in einer so frommen Gegend mit Zeugenaussagen hervorzutreten gegen Kloster und hohe Adelssitze ...

Eines Tages es war gegen Pfingsten erhielt Bonaventura folgende Zeilen:

"Hochwurdiger Herr! Eine Novize bei den Karmeliterinnen, Gertrud Ley aus Kocher am Fall, wunscht schon seit lange Ihnen Beicht zu sprechen. Herr Cajetanus Rother verhinderte dies. Jetzt ist er lebensgefahrlich erkrankt und bedarf eines Substituten. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, von der Curie diese Stellung zu erhalten. Sollten Sie von dem Gerucht, dass Sie Comtesse Paula magnetisirten, Unannehmlichkeiten haben, so wollt' ich Ihnen nur bemerken, dass, wenn auch jeden, der sich auszeichnet, Neid verfolgt, doch in diesem Fall die Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn die Veranlassung etwaiger Verdriesslichkeiten ist ..."

Der uberraschende Brief war ohne Namen, konnte aber nur, die Handschrift bewies es, von Lucinde kommen ...

Bonaventura war aufs Aeusserste betroffen ... Von der "Seherin von Westerhof" hatte er uberall unbefangen gesprochen ... Die "Intrigue der Frau von Sikking"? ... Diese Dame war von ihm vernachlassigt worden; er hatte gleichgultig von ihren Bussunternehmungen gesprochen ... Dafur konnte sie an ihm Rache nehmen? ... "Paula magnetisirt?" ... Die Geistlichen der Michahelles'schen Richtung beklagten allerdings, dass Paula's Ekstase keine rechtglaubig religiose war ... Die Indifferenten lachelten ofters zweideutig, wenn sie mit Bonaventura von seiner Reise sprachen. Der Weihbischof, ein Greis, hatte ihm manches mitgetheilt, was hinter seinem Rucken gesprochen wurde ... Sogar der Onkel Dechant hatte ihn in einem seiner jetzt ofter als sonst geschriebenen Briefe gewarnt vor bosen Geruchten, auch Hunnius und Rother als seine Gegner genannt ... "Gib Acht", schrieb er ihm, "greift die Intrigue um sich, so verbieten sie Dir trotz Deiner hohen Stellung noch den Beichtstuhl ... Halte Dich nur mit dem Generalvicar, der ein, aufgeklarter Mann ist ..."

Bonaventura hatte sich gelobt, Lucinden zu betrachten, als ware sie nicht mehr fur ihn auf der Welt ... Er hatte zu Renaten, als ihm diese mittheilte, jeden Abend ginge eine verschleierte Dame an einem auf eine kleine Gasse hinausgehenden Fenster seiner Zimmer voruber und sahe minutenlang hinauf bittend gesprochen: Reden Sie doch nicht mehr davon! ... Er wollte Lucinden vergessen ... Er wollte den Muth zeigen, sich nicht zu furchten vor ihren Drohungen ... Bei jeder Leiche, die er segnete, sah er im Geist den Sarg von St.-Wolfgang offen und Lucinde mit dem "Geheimniss uber sein Leben" ihn anstarren wie die Sphinx ... Er wollte auch jetzt von diesen Zeilen sich nicht erschuttern lassen, wollte nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens wahrscheinliche Absicht unterstutzen, mit Gewalt wieder Posten in seinem Innern zu nehmen ... Der Abschied von Paula lag zu schmerzhaft noch auf seinem Gemuth ... Er sah immer naher kommen, was ihm und Paula der Tod war, die von den Standesrucksichten gebotene Ehe derselben mit dem Grafen Hugo mit dem Geliebten der leichtsinnigen und verlorenen Schwester Benno's! ... Das waren Fernsichten, gegen deren Duster das nachste Leid verschwand ... Da kam in der That ein Brief von der Curie, worin ihm die Inspection der Kloster anzeigte, dass die Damen auf dem Romerwege wunschten, ihn fur die andauernde Krankheit ihres Beichtvaters bei sich in Stellvertretung zu sehen ... An der kurzen Dauer, in der sich die Curie fur die Genehmigung dieser Bitte entschied, sah er doch nur einen geringen Widerstand, der sich gegen ihn zu regen wagte ... Freilich burdete man ihm nur zu schnell jede neue Last auf ... So ging denn Bonaventura eines Tages in erster Morgenfruhe auf den Romerweg ... Er gedachte der ihm so werthen Gertrud Ley, gedachte, wie wol Paula von diesem Kloster zu sprechen pflegte, wenn die Rede ging, dass sie moglicherweise den Schleier nahme ... Hier betete Schwester Therese, die ehemalige Verlobte des Pater Ivo, fur das Heil der umnachteten Seele ihres Freundes, dem sogar noch ein Gelubde seiner entferntesten Ahnen zu einer Gewissensfrage hatte werden konnen ... Immer lehnte er die Wahl gerade dieses Klosters ab; denn sich Frauen denken zu mussen unter einem geistlichen Fuhrer, wie Cajetan Rother, musste ihm der Anblick des von Wurmern zernagten heiligen Brotes sein ... Er gedachte: Ist dies Haus, das so ganz versteckt und verbaut, ausserlich kaum neben einem kleinen Kirchthurm erkennbar, zwischen dem Waisen- und Jesuitenprofesshause liegt, der Himmel auf Erden oder die Holle? ... Wer ergrundet das? ... Die Bischofe durfen wol zuweilen diese nur den Frauen gewidmeten Raume betreten; sie durfen in die Zellen blicken ... Auch die Wahl eines fremden Beichtvaters, statt des gewohnlichen, steht den Nonnen frei ... Aber wie viel Dinge sind erlaubt und man versagt sie sich doch ... Wie viel Klagen ersterben in Rucksichten ... Wehe denen, die in einem Gemeinwesen etwas wagen, das dem allgemeinen Esprit de corps widerspricht ... Bei den Nonnen macht sich vor allem die weibliche Natur selbst geltend, die rathselhafte Gattungsstimmung, fur die die Manner selten richtiges Verstandniss haben ... Die weibliche Natur wird an die Gesetze des Lebens, an Hinfalligkeit und Schwache mehr erinnert als wir ... Die Manner bindet dann der Geist; ihre irdische Natur konnen sie zuweilen abstreifen ... Frauen aber stehen immer im Zwang eines gleichen Naturlooses und entbehren der vollig freien Selbstbestimmung ... Daher denn in einem Nonnenkloster der doppelt und dreifach gebundene Wille ... Ein einziges Gefuhl bemachtigt sich aller; der Instinct leitet sie; selbst die Freisten werden hinubergezogen in ein allgemeines Sklaventhum ...

Das alles wusste schon Bonaventura ... Dennoch hoffte er auf Ausnahmen ... Verliess ihn selbst doch nicht die Vorstellung: Wer weiss, ob nicht eines der grossen Benedictinerkloster in Oesterreich dir die Weltentsagung in anderem Lichte zeigen wurde, als das Kloster Himmelpfort mit Klingsohr und Pater Maurus! ...

Die Aebtissin, die er fand, war eine Greisin ... Am Stabe daherwankend empfing sie den Domkapitular, der mit der ganzen mannlichen Wurde seiner aussern Erscheinung und in seinem Ornate kam ... Sie geleitete ihn in die Kapelle, wo sich die Vorrichtungen des Beichthorens befinden ... Das Kloster war von keiner zu strengen Regel ... Einige der Schwestern widmeten sich der Erziehung im Waisenhause, wohin sie durch ein Gewirr von Gangen gelangen konnten ... Die Annaherung des hochgefeierten Priesters schien Himmelsmanna fur die verhungerten Seelen ... Da und dort tauchten eilende Gestalten auf hinter den Gittern der kleinen Kirche ... Leben und Bewegung, wenn auch geisterhaft und leise, regte sich ringsum ... Dicht am Tabernakel befand sich ein Zimmer ... Hier konnte sich Bonaventura ungestort allein angehoren ... Ein Zugfenster zuruckschiebend, sah er in einen dustern Gang, von dem ihn ein einfaches, nicht wie am allgemeinen Sprachgitter ubliches doppeltes Gitter trennte ... Die Nonnen treten nicht frei in die Kirche. Sie wohnen selbst der Messe nur durch die vergitterten grosseren und kleineren Mundungen ihres Klostergebaudes bei ... Hier und da diente ein kleiner Ausbau aus der Kirche ins Kloster zu Beichten, wenn deren mehrere zu gleicher Zeit zu nehmen waren bei etwaiger Ueberfullung an Bewohnern ...

Bonaventura nahm in einem dieser kleinen Glaskasten Platz, wahrend sein Akoluth Vorrichtungen traf zur Messe, die er hier morgen halten wollte ... Mit dem Pfingsttage naht die osterliche Zeit ihrem Ende ... Schon waren die drei "Bitt-Tage" voruber. Die morgende Vigilienfaste gehorte diesem Kloster als ein ganz besonderer Grundungs- und Seelenlauterungstag ...

Es war draussen heiss, in der Kirche kuhl ... Hinter einem Gitter, das Bonaventura nicht ganz ubersehen konnte, sassen die Harrenden in ihren braunen Kutten mit leichten weissen Manteln und weissen Schleiern, einen schwarzen ledernen Gurt um den Leib ... Von jeder, die sich ihm nahte, horte man auf dem steinernen Boden das Knarren der groben Lederschuhe, die anderswo die heilige Therese entfernt hat, als sie aus den Karmeliterinnen Barfusserinnen machte, wie ihr Freund, der heilige Petrus von Alcantara, den Orden der Franciscaner verscharfte ...

Wer sollte glauben, dass auch diese abgeschlossene Frauenwelt Erlebnisse zu berichten hatte ... Ihre Verrichtungen waren so einfach ... Gebet, Messe, Essen und Trinken, weibliche Arbeiten, Singen, Beten und Schlafen ... Das war die Ordnung jedes Tages, etwa bei vier oder funf ausgenommen, die Unterricht gaben eine Licenz, zu deren Erlangung bis nach Rom hin hatte berichtet werden mussen ...

Nach den ersten funf oder sechs Beichten, die schon die Zeit bis fast gegen elf Uhr einnahmen Treudchen Ley musste als Neuling bis zuletzt bleiben ubersah der still horchende und murmelnde Martyrer schon das ganze Seelenleben eines Nonnenklosters ... Die hochbetagte Oberin sprach wie ein Kind ... Sie schien seit Jahren dieselben Fehler zu bekennen ... Sie hatte am Rosenkranzgebet einzelne Kugeln ubersprungen ... Sie hatte um des geliebten Schlafes willen sich einigemal krank melden lassen ... Sie hatte bei einem Uebermass von Fliegen in ihrem Zimmer sie durch eine Jagd getodtet in den Zwischenpausen ihrer Gebete ... Alledem sprach Bonaventura milde und den Fehl eigentlich in anderm suchend, als die Beichtende .... Da seine Gewohnheit war, durch eine plotzliche Querfrage eingelernte Beichten zu durchkreuzen und lehrreiche Stockungen des Gewissens hervorzubringen, so gestand ihm auch diese gute alte Frau zuletzt ein, dass sie allerdings in Streit und Zank lebte ... Zunachst galt dann das Bedurfniss der Neue uber leidenschaftliche Ausbruche ihres Temperaments einer Henne, die regelmassig vom benachbarten Professhause der Jesuiten uber die Mauer flog und durchaus ihre Eier hier bei den Karmeliterinnen im Garten legte. Um diese Henne und um diese Eier war das ganze Kloster in Aufruhr! ... Die Aufwarterin von druben, die Hanne Sterz, begehrte von der verflogenen Henne die Eier und im Kloster war man verschworen, sie nicht herauszugeben, die Vicarin ausgenommen, Schwester Therese ... Das war nun die grosse, wochenlang alles ergreifende Frage unter diesen Frauen ... Daran waren alle betheiligt ... Wie oft sass Bonaventura zu St.-Wolfgang in seiner Jasminund Nachtviolenlaube und las die Worte der Braut im Hohen Liede: "Erquicket mich mit Blumen, labet mich mit Aepfeln, denn ich bin krank vor Liebe!" oder er ubersetzte Lope de Vega's Sonett von jenen beiden Frauen, von denen Eva sogleich nach reisen Aepfeln griff und alles verlor, Maria aber nur nach der kunftigen Blute aus der Wurzel Jesse und alles gewann Renate konnte aber auch da wahrend dessen mit den Nachbarn um Aepfel zanken, die uber den Zaun gefallen waren, um Trauben, die bei ihnen reisten, wahrend der Stamm im Pfarrgarten stand ... Auf alles das ist ein katholischer Priester auch in der Beichte gefasst ... Dass sich aber auch ein Kloster von achtzehn Bewohnern um die Eier einer Henne in Gewissensscrupeln befand, entsetzte ihn um Paula's willen ...

Die Schwestern durften die Eier der Gartenverwusterin und Klosterfriedensbrecherin dem Nachbar vorenthalten, entschied er, wenn sie dies in der Absicht, zu strafen, thaten und die nachlassige Besitzerin der Henne gewohnen wollten, ihre Henne besser zu huten ... Sie wurden es aber wahrscheinlich mit Schadenfreude gethan und sich am Besitz der Eier listig erfreut haben ... Da ware es denn freilich ein Raub ... "Sammeln Sie jetzt die Eier und sind es ihrer jedesmal eine Mandel, so schicken Sie sie nebenan ins Waisenhaus!" ...

Als die Aebtissin mit diesem Bescheid gegangen war, kamen die alten Nonnen zuerst ... Das Warten schien ihnen beschwerlich zu fallen ... Rother hatte es auch so eingefuhrt, wahrscheinlich, um sie rascher zu entfernen ... Fanatismus fur Formalitaten, wie er namentlich im ehelosen Stand die Frauen mit der Zeit alle Stadien der Qual fur sich und andere durchmachen lasst, sprach sich umstandlich genug aus ... Einige hatten dabei ein nervoses Zucken, andere eine Sprechweise, die vor Ueberhastung nicht einen einzigen geordneten Satz vorbringen konnte ... Dann hatte die Art, wie die von ihm auferlegten Bussen sofort ausgefuhrt wurden, wenn er den sich Entfernenden nachsah, etwas Erschreckendes durch den Mechanismus und den eiligen Eifer der Formalitat ohne jeden Duft der Innerlichkeit ... Das Schonste am Weibe, die scheue Unsicherheit in solchen Bewegungen, die der Natur und dem sonstigen Triebe des Weibes widersprechen, fiel hier weg ... Das Zusammenleben in einem weiblichen Freistaat hob die Grazie auf, die aus dem Zusammenleben mit Mannern entspringt ... Er sah eine Nonne eine Betglocke an Stricken so hastig ziehen, wie eine Magd den Brunnenschwengel regiert, wenn ihr Salat wartet ... Alles wurde mit dem reizbarsten Fanatismus hervorgebracht; die Regel der Tagesordnung, der Kuche, der Bekleidung, des Backens, das Scheuern, Beten, Singen und Gewinnen von Geld durch weibliche Arbeiten, wie Blumenmachen, Stikkereien, Waschenahen und -zeichnen alles wie im Krampf ... Eine beaufsichtigte die andere und ganz ersichtlich war es, dass hier nur die geringeren Seelenthatigkeiten des Menschen in bestandiger Erregung blieben ... Man denke sich die alte Monchsregel, die einst Sebastus zu Bonaventura wiederholte: "Wir Monche kommen zusammen und kennen uns nicht, wir leben zusammen und lieben uns nicht, wir sterben zusammen und beweinen uns nicht!" angewandt auf Frauen ... Das weibliche Herz verknochert, das angeborne Bedurfniss der Liebe erstarrt! ...

Die Schulschwester Beate und die Vicarin Therese folgten sich unmittelbar ... Wie war jene so hasslich mit ihren Zahnlucken ... Und dabei war sie die Einzige, die dennoch zu lacheln versuchte mit Wehmuth zu lacheln ... Sie hatte noch Formen des Zusammenhangs mit der Aussenwelt ... Vorzugsweise schien der Geist der Intrigue in ihr machtig zu sein ... Sie allein klagte Rothern an ... Sie sagte, sie ware durch die Reihe der Jahre gewohnt, das Sakrament der Busse zu leicht zu nehmen ... Sie schluge sich oft mit der Geissel um Fehler, die sie nur so eingestunde, um vor den andern nichts voraus zu haben ... Bonaventura liess sich nicht irre machen, er ruttelte an der nur halbgeoffneten Thur des Gewissens und sah bald, der hinterhaltige Sinn des starkwilligen Madchens offnete nicht ... Sie blieb bei Oberflachlichem und musste, da sie zuletzt nur noch gestand, ihr Herz wol zu sehr an ein Hundchen gehangt zu haben, horen, dass dies allerdings eine Sunde ware, wenn sie dem Hunde die Liebe schenkte, die sie den Menschen versagte ... Voll Unmuth und Staunen uber dies Wort erhob sie sich nach der ihr auferlegten Busse, drei Tage lang im Waisenhause fur sich allein, ohne Bericht an die Direction, nie einen Fehler mit Zuchtigungen zu bestrafen, sondern nur mit Worten ... Bonaventura hatte ihre Heftigkeit erkannt ... Sie verschwand eilends nach einer entgegengesetzten Seite hin, als die andern Nonnen ...

Schwester Therese, die ehemalige Freiin von Seefelden, war klein und blass und schien mehr von Ergebung, als von Seelenschmerz verzehrt ... Sie gehorte scheinbar jener seltsamen Stimmung ihrer Standesund Stammgenossen an, die die Begriffe der Etikette, Conduite, Tournure vom Leben auch ohne alles weitere Nachdenken auf das Verhaltniss zum geoffenbarten Gott und zur Kirche ubertragen ... Auch sie zeigte zunachst kein besonderes inneres Leben. Sie hatte nur Formfehler zu beichten und Nachlassigkeiten, die sie sich in ihrem Unterricht zu Schulden kommen liess ... Bonaventura rieth nur auf sie aus der feinern Sprechweise und dachte sich: Das ist also die Nonne, von der eine ganze Landschaft spricht und der sich Paula als Freundin zu nahern hofft! Welch ein Nimbus umgab sie aus der Ferne und nun wie war auch sie schon abgestorben schon so schattenhaft geworden ...

Am Schluss der Beichte, die ihn Zweifelhaft liess, ob er wirklich mit der Verlobten des Pater Ivo, des Mariensangers, gesprochen, ruhrte ihn die Selbstanklage, dass sie sich freute uber jeden Tag, wo im Waisenhause der Schulunterricht ausgesetzt ware ... So auch auf morgen ...

Widmen Sie sich dieser Thatigkeit nicht mit voller Befriedigung? ... fragte Bonaventura ...

Nein lautete die zogernd gegebene, aber aufrichtige Antwort ...

Bonaventura tadelte eine solche Geringachtung der Versussung des Klosterlebens ...

Hochwurdiger Vater, sprach Schwester Therese, das Kloster und das Leben gehen nicht Hand in Hand ... Wir sind Erzieherinnen, ja aber die rechte Erziehung, die Erziehung zur Freiheit des Lebens kann nur von der Freiheit kommen ... Die Kinder wollen dem Leben erzogen sein und wir kommen nicht aus dem Leben ...

Mein Kind, entgegnete Bonaventura nichtzustimmend, jeder Christ muss in seinem Innern eine Stelle haben, um die es n u r allein wie der Friede eines Klosters weht ... Selbst im rauschendsten Gewuhl des Lebens, selbst im hochsten Genuss der Kraft und der Freude soll die Christenheit e t w a s achten, was ungefahr dem Leben mit ewig bindenden Gelubden gleichkommt ... Fur d i e s e heilige Stelle im Gemuth erzieht man uberhaupt und erziehen Sie ... Selbst die Mutter konnen so nicht erziehen, wie die Erzieherin ... Die Mutter steht zu sehr unter dem Eindruck des eigenen Lebens, um Kindern immer allein den Werth des Hohen und Gottlichen und der von allem Erdenwust befreiten Bildung zu vergegenwartigen ... Wollen Sie nicht in diesem Geiste erziehen? ...

Schwester Therese blickte einen Moment mit leuchtenden Augen auf und ging, wie es schien, ermuthigt fur ihr langsames Sterben im Kloster ...

Bonaventura sah ihr voll Wehmuth nach ... Er hatte den Schmerz, sich sagen zu mussen: War denn dein Wort auch wol mehr, als nur eine Phrase? ... Du furchtetest zu horen, dass selbst das Lehren und Unterrichten der Jugend einer vom Leben getrennten Kaste nicht gebuhre; du furchtetest, dass dir wol gar noch die letzte Glorie des Klosterlebens, die Krankenpflege, als Anhalt deines glaubigen Sinnes entzogen wurde? ...

Zum Nachdenken uber solche Zweifel blieb indessen keine Zeit ... Neue Stimmen murmelten schon ... Kleinigkeiten und Kleinigkeiten ... Rother gehorte zu denen, die da lehrten: Die Kirche will alles, auch das Kleinste wissen! "Was ist kleiner", predigte Beda Hunnius uber die Beichte, "als Regentropfen! Und dennoch entstehen daraus Strome, die Hauser niederreissen! Was ist kleiner, als ein Sandkorn! Aber uberladest du ein Schiff damit, so wird es in den Abgrund fahren!" Und darauf hin verlangte er in der Beichte jeden Regentropfen und jedes Sandkorn aus dem Privatleben seiner Gemeinde zu wissen ...

Wie sprach da wieder Eine mit der Geschwindigkeit einer Flattermuhle, die im Korn die Spatzen verscheuchen soll ... Welche Fulle von Sunden gab es auch noch unter den Heiligen ... Die ganze Stufenfolge der "sieben Todsunden", der "sechs Sunden in den Heiligen Geist", der vier "himmelschreienden" Sunden und der neun "fremden Sunden" ... Und als kannte die Schwester Kuchenmeisterin vollkommen die Unterscheidung dieser neun "fremden Sunden", in welchen der Mensch erstens zur Sunde rathen, zweitens die Sunde befehlen, drittens in die Sunde einwilligen, viertens nur passiv zu ihr reizen, funftens die Sunde loben, sechstens zu ihr stillschweigen, siebentens dieselbe ubersehen, achtens selbst daran theilnehmen und neuntens sie bei etwaigem Anlass blos vertheidigen kann so blitzten alle diese Facettirungen der Jesuitendialektik auf in der Klage uber die Verhaltnisse des Marktes, der Speisekammer, des Backens, des dabei vorgekommenen Naschens und aller moglichen Sorglosigkeiten ... Hier tauchten jetzt auch zwei halb- und drei ganze Novizen auf und im sprudelnden Mittheilungsdrang zum ersten male mit Namennennung Treudchen Ley, die nach Bonaventura's Warnung, Niemand zu nennen, dann als die Kostgangerin bezeichnet wurde ...

Manches Wort aus dem lebensklugen Jesus Sirach, dem Montaigne und Knigge der Bibel, war eigene wie fur die Schwester Kuchenmeisterin geschrieben ... In ihren Bekenntnissen liefen ganz harmlos auch die Schusseln mit unter, die im Kloster fur Cajetan Rother zubereitet und in seine Wohnung geschickt wurden ... Am Sprachgitter der Eingangspforte mussten Schachteln und Korbe immer unterwegs sein, denn selbst seine Wasche liess der Pfarrer im Kloster waschen sodass es Bonaventura nicht Wunder nehmen konnte, von der folgenden Nonne, die die Schwester Waschmeisterin war unter den heissesten Thranen ein Bekenntniss zu erhalten wo plotzlich wieder Namen fielen wie Eva und Apollonia Schnuphase ...

Die Waschmeisterin beichtete:

Vor vierzehn Tagen kam ein Korb auf einer Kare vor der Thur des Klosters und so schwer stand am Gitter, dass die Damen Schnup

Keine Namen! sagte Bonaventura ...

die gerade im Kloster waren, selbst, sie vor dem Gitter zu heben, angreifen mussten ... Sie sagten, es waren lauter neue Servietten fur die Wirthin "Zum goldnen Lamm" ... Sie wollten den Korb zum Zeichnen in die Zelle der Gertrud Ley tragen ...

Keine Namen! wiederholte Bonaventura aufs strengste ...

Ich sehe den grossen Waschkorb und sage: Die Zelle der Kostgangerin ist dafur nicht gross genug ... Der Korb muss in die Nahstube ... Die beiden Fraulein widersprachen ... Ich werde daruber zornig und sage: Ich denke, ich bin hier die Waschmeisterin! Nun ergaben sich die Damen Sonst so hochmuthig und vornehm heute trugen sie mit ihren feinen Handen und Handschuhen den Korb selbst und das fiel mir auf ... Durchaus wollten sie damit zur Kostgangerin ... Diese war im Chor ... Sie lernte singen ... Wie die beiden Fraulein so durchaus den schweren Korb, statt in die Waschstube, an der wir schon standen, in die Zelle bringen wollten und niemand auf dem Gange war die Schwestern waren alle im Chor sagte ich und schon mit Furcht und Ahnung zu dem Fraulein Eva, der Aeltesten: Was ist das heute mit dem Korb? Gleich machen Sie auf! ... Da wurden die Madchen blass wie die Wand und nun ich das sah, da riss ich selbst den Korb auf und heiliger Joseph! statt Wasche stak eine Mannsperson unter dem Deckel ...

Bonaventura musste der Bekennerin Kraft zur Sammlung lassen ...

Ich weiss nicht, hochwurdiger Vater, fuhr sie fort, wo ich es hergenommen habe, dass ich nicht sofort in Ohnmacht fiel ... Ich schrie: Herr! Verlassen Sie jetzt nicht sogleich auf demselben Wege, wie Sie hereingekommen sind, so auch wieder hinaus dies Heiligthum unsrer allerseligsten Jungfrau und des gekreuzigten Jesus, so zieh' ich hier an der Glocke und rufe das ganze Kloster zusammen ... wehe dann Ihnen und Ihren Helfershelferinnen Und Sie, meine Fraulein, wandte ich mich zu diesen Aber nun konnte ich nicht weiter ... Die beiden Nichtswurdigen fielen in die Kniee und baten um alle Wunden Jesu, sie nicht zu verrathen ... Ein Gluck fur sie, dass die Orgel so laut ging ... Der junge Mann stand noch im Korb und wollte herausspringen, zog auch eine volle Borse, die er mir in die Hande drucken wollte ... Nein, schrie ich, danken Sie allen heiligen Martyrern und Bekennern, dass die Schwestern im Chor singen und die Nahstunde schon geschlossen ist ... Entfernen Sie sich augenblicklich! ... Damit druckte ich den jungen Mann, so vornehm und stark er war, wieder in den Korb hinunter, zwang ihm den Deckel uber den Kopf und die beiden Damen mussten ihn selbst wieder an beiden Henkeln zum Sprachgitter hinausschleppen, wo sie sich bald damit verhoben hatten, um ihn nur an die Oeffnung hinaufzubringen ... Da waren denn zwei Kerle, die schon auf alle Falle bereit standen, nahmen die Last wieder an sich und trugen sie zur Strasse hinaus wieder auf die Karre ...

Bonaventura konnte bei diesem auf Treudchen berechneten Besuch nur an Piter Kattendyk denken ...

Und Ihre Sunde? ... fragte er nach einer Weile, ohne sich das Bild: Piter im Waschkorb, in seinem komischen Effect zu lange auszumalen ... Er fuhlte sogar Antheil der Freude uber einen Beweis so grosser Liebe, die Treudchen hatte gewinnen konnen ...

Sunde? Dass ich den Vorfall verschwieg sagte die erschopfte Waschmeisterin ...

Verschwieg? Einer pflichtgetreuen That soll man sich gegen niemanden ruhmen ...

Muss das Kloster nicht gesuhnt werden? ...

Nein ...

Die beiden ruchlosen Frauen kommen noch immer und ich lass' es zu ...

Sie werden sich bessern ...

Als der Korb und die Frauen hinaus waren, rannt' ich umher wie sinnlos und

Mussten es los werden? ... Erzahlten es also doch? ...

Die Beichtende schwieg ...

Sie waren mir also jetzt eben unwahr! ... Das ist ein Frevel ich will ihn verzeihen ... Die naturlichste Mittheilung, die Sie jedoch machen konnten, war die bei dem armen Kind, dessen Ruf durch diesen Vorfall so heillos bedroht wurde ... Thaten Sie das?

Der Pfarrer hat

Die Stimme stockte ...

Dann erganzte sie zagend:

Hat befohlen, ihr davon nichts zu sagen und ohnehin mit ihr kein Wort zu sprechen, das nicht heilig ist ...

Bonaventura konnte nicht die Befehle seines Vorgangers brechen ... Er konnte ohne Gefahr fur die geistliche Wurde nicht fragen: Warum nur Geistliches mit Treudchen Ley? ... Er half sich wie ofter in diesem Theil seiner romischen Zauberkunst und hielt sich an die Gesinnung, die sich e b e n , im B e k e n n e n , offenbarte, nicht an den schwierigen Fall selbst ... Er hatte die Nonne auf Lugen ertappt ... So sprach er denn von dem bedenklichen Vorfall selbst nicht mehr, sondern von der Wahrheit, deren Umgehung schon Adam mit Nachtheil sich hatte zu Schulden kommen lassen, als er den Genuss der verbotenen Frucht auf Eva schob, und schon Eva, als sie die Schuld wieder der Schlange zuschrieb ... Die Luge der Lugen nannte er es aber, wenn man mit dem ausdrucklichen Schein, wahr sein zu wollen, dennoch luge ... Er legte der Waschmeisterin eine Busse auf, die seiner immer mehr zunehmenden Reizbarkeit und dem Verdruss, dass hier Alle etwas ausgeplaudert bekamen und nur Die nicht, der dadurch ein Beweis entging, wie sehr sie geliebt wurde, entsprach ... Er befahl ihr, sich der nachsten Beichte der Kinder im Waisenhause anzuschliessen, und sagte:

Mein Kind! Als Erwachsene lerne etwas bei dir behalten! ...

Die Waschmeisterin entfernte sich mismuthig ...

Das Lauten einer Glocke, die eine Nonne mit der schon geschilderten Hast zog, zeigte Bonaventura an, dass er schon drei Stunden im "Holz der Busse" gesessen hatte ... Nur die Spannung, ob denn nicht endlich auch Treudchen Ley erscheinen wurde, gab ihm Kraft, noch auszuharren ...

Da sah er denn endlich den Gang daher kommen eine kleine Gestalt im braunen Kleide unverschleiert ... Ein Haubchen bedeckte den Kopf, der ihm aus dem Dunkel des Ganges allmahlich erkennbar wurde ... Ein halbes Jahr hatte die lieblichen Zuge des jungen Kindes, das schon so viel des Truben erfahren hatte, mit melancholischer Verharmung angehaucht ... Die blonden Haare, die bald unter der Schere der Klosterregel fallen sollten, waren in der unkleidsamen Haube versteckt ... Um so edler traten die Formen des blassen Antlitzes selbst hervor ... Die Melancholie hatte ihnen nichts von der angebornen Schonheit nehmen konnen ...

Treudchen naherte sich mit gefalteten Handen ...

Sie schien von einem Gebet zu kommen und leuchtete wie eine Verklarte ...

Hoffnungstrahlend und doch zaghaft schritt sie naher und legte jetzt, wie Bonaventura sah, mit ausbrechenden Thranen ihr Haupt auf das Holz, einer Verbrecherin ahnlich, die den Todesstreich erwartet ...

Was geht nur in dieser kindlichen Seele vor? dachte sich Bonaventura ... Welche Verwustungen hat ein ruchloser, langsam, aber sicher wuhlender Priester, der sie ohne Zweifel in diesem Kloster festhalten will, in ihr angerichtet? ...

Schon hatte Bonaventura, da Treudchen noch schluchzte, angefangen aus ihrer Seele zu beten und, wie sie fur die Beichte gelehrt war, den Heiligen Geist anzurufen, der dem Menschen erleichtere, sich selbst zu erkennen da vernahm er hinter sich in der kleinen Kirche ein auffallendes Gerausch ...

So wenig ihn sonst beim Spenden des Busssakraments Reden, Singen, Wandeln in der Kirche zu storen pflegte, jetzt musste er sein Haupt von der zusammengeschlagenen Stola erheben ... Er horte einen lebhaften und unziemlichen Wortwechsel zweier Mannerstimmen ...

Sein eigener Akoluth war es, der ihn begleitet hatte, und der Messner vom Berge Karmel druben, die miteinander stritten ...

Kaum hatte Bonaventura einige Worte unterscheiden konnen, ohne ganz die Ursache des Streits zu verstehen, als sich beim Umwenden seinem Auge der schreckhafte Anblick eines im Messornat daherkommenden Priesters darbot, der, kaum sich aufrecht erhaltend, an den Chorstuhlen mit den Handen entlang tastete und sich aus ihn zuschleppte ... Ein langes Scapulier hing ihm wie einem Monch von den Schultern herab bis an die Knie ... Es war ein Abbild des bekannten Scapuliers, das die allerseligste Jungfrau im 13. Jahrhundert einem General der Karmeliter verehrte und mit dessen Nachahmung behangen jeder Sterbende den seligen Tod gewinnt ... Der Pfarrer vom Berge Karmel war es selbst, Cajetan Rother ...

Sonst eine hohe, wohlgenahrte, mit gluhenden Augen ein Bild des Lebens darstellende Personlichkeit ... Heute dahinschleichend, gelb, von Fieberflekken entstellt und offenbar eben aus dem Krankenbett gekommen ... Gerufen vielleicht durch die beiden intriguanten Nonnen ... Er taumelte unsicher und in jeder Bewegung wie zum Zusammenbrechen ...

Bonaventura ubersah sofort, dass auch diese uble Nachrede seines Glaubens, dass die Beichtvater der Nonnen von heftigster E i f e r s u c h t gegeneinander entbrannt sein konnten, keine Fabel war ...

Der Zorn, die Ungeduld, vielleicht auch die Furcht, vielleicht eine Anzeige der Nonnen, hatten den Mann vom Lager getrieben ... Ein fremder Wolf bricht in deine Hurde! stand auf seinem verzerrten Antlitz ... Er erschien begleitet von seinem Messner, der gegen Bonaventura's Akoluthen schon seinen frechsten Einspruch erhoben hatte, und redete, erst noch mit gezwungener Freundlichkeit, heiser, vom dumpfhohlen Husten unterbrochen, auf drei Schritte den sich erstaunt erhebenden Bonaventura an:

Mein Herr Bruder! Ei danke! Danke! ... Ich bin ja gesund und wieder wohlauf ... Bitte! ... Sie sind ja sehr rasch und auch hier wieder mein Nachfolger geworden Ich erfahre das soeben erst Bitte Erlauben Sie ...

Bonaventura ging ihm entgegen und ergriff seine Hand, die sich eiskalt anfuhlte ... Sie sind krank sprach er ... Ich beschwore Sie Gehen Sie nach Hause ...

Mit kunstlicher Kraftausserung schlug der Pfarrer an seine Brust und sprach so laut, dass es in der Kirche weithin schallte:

Gesund bin ich! ... Danke, Herr Bruder! ... Mit Gott! ... Mit Gott! ... Adieu! ...

Schon drangte er zu dem Gitter, in welchem Treudchen's Haupt unbeweglich lag und nicht aufblickte ...

In Bonaventura's Innerm wuhlten alle Schwerter des Schmerzes ... Auch das, auch das ist moglich bei unserm Priesterthum! ... Dein heiligster Name, Jesus von Nazareth, wird in solchem Mund zur Lasterung! ...

Bei dem Gedanken, dass dieser ruchlose Priester nur verzweifelte, Treudchen Ley konnte einem andern vertrauen, was ihre Seele belastete, ergriff es ihn mit solcher Wallung des aussersten Zornes, dass er, nichts mehr achtend von dem, was er sonst, selbst mit Bekampfung seiner Ueberzeugungen, zu schonen pflegte, rief:

Sie unterbrechen eine heilige Handlung, die ich bereits begonnen habe ... Nach einer Stunde uberlass' ich Ihnen den Sitz in diesem Stuhle ... Jetzt aber gehen Sie! ...

Die Hande des Pfarrers griffen krampfhaft am Scapulier hin und her und wickelten sich bald in das lange Tuch hinein, bald aus ihm heraus ... Der Fiebernde konnte kein Wort gewinnen ... Die beiden Diener standen wie auf der Flucht in einiger Entfernung ... Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung, am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Treudchen von dieser unwurdigen Scene zu trennen ...

Herr Domkapitular! ... sprach Rother mit hamicher Betonung der ihm vorgesetztem Wurde und tastete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen Ausbau ... Es war eine Scene, die Bonaventura an sein Erlebniss mit dem Habicht erinnerte, dessen Fange sich, wie ihn Pater Sebastus in der kleinen dunkeln Kapelle beim Kreuzgang der Kathedrale ergreifen wollte, ebenso an die Altarsaulen festgeklammert hatten, wahrend der Raubvogel mit umgewandtem Kopf damonisch seinen Angreifer anstarrte ...

Sich sammelnd, hauchte er jetzt leise:

Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Wurde! ... Ich befehle Ihnen mir die Functionen zu lassen, die mir die Curie ubertrug ...

Nun aber lachte Rother hellauf und zog unter seinem Scapulier einen Brief hervor, rief seinem Messner, hielt den Brief in die Hohe und krachzte mit heiserer Stimme:

Da, Fangohr! ... Tragen Sie den Brief sofort in die Curie ... Die Kirche muss neu geweiht werden das heilige Holz exorcisirt ! ... Diese reinen Seelen meiner Himmelsbraute verfuhrt mir ein M a g n e t i s e u r ! ...

Dies Wort wurde von dem sich Kraftgebenden wie eine Waffe geschleudert. Ein Wurfspiess konnte nicht drohender fallen. Der Brief war ein Protest des Pfarrers, den er schriftlich aufgesetzt hatte, und Fangohr, sein Messner, ergriff ihn, um ihn zum Generalvicar zu tragen ...

Bonaventura stand starr ... Nichts mehr horte er von alledem, was in fieberhafter Hast, mit frostklappernden Zahnen der selbst in Todeskrankheit noch unbandige Mensch an Verwunschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte ... Ein dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung ... Alles um ihn her schwankte ... Seine edelsten Empfindungen waren entweiht, seine heiligsten Gefuhle auf die Strasse geworfen ... Einen Augenblick zuckte seine Hand, dem Messner die Schrift zu entreissen ... Dann beherrschte er sich, ordnete seine in Verwirrung gerathenen Gewander und verliess, ohne ein Wort der Erwiderung, vom tiefsten Entsetzen durchrieselt, eine Statte, auf die das Wort des Heilands gepasst haben wurde: "Ihr macht mein Haus zur Mordergrube!" ...

3.

Schon nach einigen Tagen zeigte sich die Wirkung der nunmehr offen ausgesprochenen Anklage ...

Die geheimen Machte, die alles Edle und Bedeutende in dieser Welt umwuhlen, hatten endlich die Achillesferse des bisher so Unverwundbaren gefunden ...

Wer die Anklage zuerst formulirt, sie verbreitet hatte, war nicht zu sagen ... War es Frau von Sikking? ... In solchen Dingen macht sich alles von selbst und namenlos, bis dann einer hervortritt und fur alle redet ...

Die Nachricht uber den Vorfall im Kloster verbreitete sich blitzesschnell ... Die Mehrzahl sprach uber den allgeliebten Priester ihr Bedauern aus und doch das Mitleid ist ein Zoll, der, wenn auch mit noch so voller Hand gereicht, keine Zinsen tragt ... Ein Gefuhl des Beistandes muss fruchtbar, muss die Liebe mehrend sein ... Hier stockte alles und im negativen Bedauern verlor der junge Priester ...

Bonaventura, dessen ganzes Leben unter Roms Magie litt, war nun selbst ein Magier geworden ... Man theilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Karmel im Original mit ... Wie im Geist des Mittelalters stellte eine zitternde Handschrift Beschwerde uber die Wahl dieses Stellvertreters, der ihm "seine Beichtseelen beschadige" ... Der Domkapitular von Asselyn hatte in Witoborn die Grafin Paula von Dorste-Camphausen magnetisirt, hatte dadurch Visionen veranlasst und da man den Geist, aus dem diese Thatigkeit der menschlichen Hand sich offenbare, noch nicht zu erkennen vermoge, da die Kirche trotz einzelner Beispiele der Anerkennung und Heiligsprechung der Prophetengabe doch uber alles, was an Zauberei erinnere, den Stab breche und mit Moses Zeichendeuterei und Aberglauben verwerfe, so musse er das Heil seiner Beichtkinder wahren und wunschen, dass die Seelen der Nonnen am Romerweg vor der Beruhrung mit einer so gefahrlichen Natur, wie die des Domkapitulars, behutet wurden ...

Diese Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes, der ein Scapulier trug, das den Sterbenden den Tod erleichtern soll! ... Aus dem Mund eines Mannes, den Bonaventura vernichten konnte, wenn die Gesetze Roms die Mittheilung dessen gestatteten, was ein Priester aus der Beichte weiss! ... Selbst die Frevel jener Verbindung der Schnuphases mit dem Kloster durften von ihm nicht angezeigt werden ... Und hatte Trendchen Ley gestanden, was sie, sie vollends druckte musste er nicht auch da schweigen? ... Das sah Bonaventura deutlich, was ihm diese Aermste hatte gestehen wollen ... Unter dem Schein der Religiositat hatte der Seelenmorder das zur Schwarmerei geneigte Kind mit geistlichsinnlichen Vorstellungen erfullen wollen ... Er hatte ihr Beten, Fasten, Kasteien in Formen vorgeschrieben, die unsicher auf der Grenzlinie zwischen Demuth und Schamlosigkeit hingingen ... Die furchtbarsten Strafen des Himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht, wenn sie verriethe, was er sie lehrte, um dem Erloser mit seinen blutenden Wunden auch korperlich ahnlich zu werden ... Angst um ihre Geschwister im Waisenhause, Verehrung vor Priesterhoheit und Priesterunfehlbarkeit uberhaupt hatte das ungebildete Kind mit widerstrebenden Gefuhlen zur Sklavin seiner Autoritat gemacht ... Das alles, Bonaventura wusste es, war bei einem Cajetan Rother moglich und Treudchen Ley litt unter nichts anderm ... Der alte Pater Sylvester, von dem Serlo's Denkwurdigkeiten erzahlten, hatte in seiner Weise im Seminar alle diese alten Methoden, Heilige zu machen, mit kindisch raffinirter Naivetat erzahlt ...

Nuck, der geistige Bundesgenosse solcher Frevel, und Lucinde umflatterten ihn wie mit schwarzen unheimlichen Schwingen ... Wieder erhielt er anonym folgende Zeilen:

"Sie werden von der Beichte suspendirt werden ... Um dies zu vermeiden, rath man Ihnen, selbst Vacanz zu begehren, um eine Reise zu machen ... Nur gehen Sie nicht nach Witoborn, wodurch Sie das Uebel vermehren wurden, gehen Sie nach Kocher am Fall ... Uebernehmen Sie die Auftrage nach Wien, so gilt dies fur einen Bruch mit der Regierung ... Doch wie Sie wollen; nur folgen Sie mit Vorsicht den Rathschlagen Nuck's ..."

Der Athem stockte dem Priester beim Lesen ...

Nuck begegnete ihm auf der Strasse und rieth ihm, fur immer mit diesem Staat zu brechen ... Wir mussen alle an Oesterreich halten! sagte er ... Fort! fort! ...

Was sollte Bonaventura thun! ... Der Rath Lucindens war klug, beachtenswerth ... Aber ein Rath aus diesem Munde! ... Nuck's Absicht, ihn fur immer zu entfernen, war unverkennbar ... Man kam ihm wieder mit dem Auftrag, nach Wien zu gehen ... Er sollte dem erwarteten Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler die Vermittelung mit Rom und dem Landesfursten, die Befreiung des gefangenen Erzbischofs, dem die Kirche zum irdischen Ersatz fur seine Martyrerkrone den Cardinalshut schicken wollte, aufs dringendste ans Herz legen ... Bonaventura war wie Benno ein Gegner der Waffengewalt, die die Regierung angewandt hatte ... Dennoch gingen sie beide so wenig mit dem Geiste, aus dem Nuck alles leitete und einfadelte ...

In dieser zagenden Ungewissheit theilte ihm Kanonikus Taube, der Hausfreund der Kattendyks, im Ton des Bedauerns die Nachricht mit, dass man ihn bis zur Entscheidung der Frage uber den Magnetismus durch die Ponitentiarie in Rom ohne Zweifel vom Beichtstuhl entbinden wurde ... Er mochte sich, setzte der Weltkluge hinzu, rasch zur wiener Mission entschliessen ... So entginge er allen seinen Neidern und Feinden ... Der Regierung bliebe er ja doch unter allen Umstanden anstossig, wie jetzt sammtliche Priester, die adelige Namen trugen ... Bleiben Sie so lange in einem Donaukloster, bis eine Pfrunde offen wird! Ja, es sind die Tage des Exils! sagte er und ging zur Whistpartie bei der Commerzienrathin ...

Auf einzelne hervorragende Haupter legt sich in grossen Krisen die Verantwortung. Es sind oft nur Loose des Zufalls. Irgendein Misverstandniss, irgendeine unbegrundete Annahme vertheilt die Rollen. Vollends kann ein katholischer Priester seine wahren Meinungen und Gesinnungen nicht kund geben. Bonaventura war gegen den damaligen so nuchternen und freiheitsfeindlichen Geist der Bureaukratie tief eingenommen, er war adelig, galt von fruherher noch fur gespannt mit seinem Stiefvater, dem Prasidenten, war intim mit dem hervorragenden Adel um Witoborn wegen alles dessen galt er fur einen Romling ... Wie konnte er dagegen protestiren! ...

Der alte Weihbischof ubersah seine ganze Lage und rieth ihm gleichfalls, eine Vacanz zu begehren, um vorlaufig in Kocher am Fall den krankelnden Dechanten zu besuchen ...

Benno rieth ebenso ...

Niemand wusste besser, als Benno, wie Bonaventura dazu gekommen war, seine Hand auf Paula zu legen ... Er wurde dazu gezwungen, um Schmerzen zu stillen ... Armgart hatte mit Gewalt seine widerstrebende Hand ergriffen und gefuhrt ... Dann war dafur der Oberst an seine Stelle getreten schon bei dem Mittagsmahle, wo Paula eine Vision von ihrer Heirath hatte auch bei seinem Abschied, wo er sie schlafend fand und sie ihn Bischof nannte ... Alles das er hatte es so gern vergessen rief man gewaltsam wieder in seinem Gedachtniss wach ... "Nach Witoborn?" Das war unmoglich ... Aber als Benno dann sagte: "Vielleicht ubernehme ich selbst es, dem Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler offen unsere ganze hiesige Lage zu schildern, Nuck drangt in mich, dass ich seine Processacten befordere" als Bennos fortfuhr und sagte, dass es ihn ewig sudwarts zoge und er sich vorkame wie ein Zugvogel, der wider Willen auch den Winter im Norden zubringen musse, weil ihm die Flugel gebrochen waren; als er sagte, es ware ihm, als hatte er sonst die Sprache Aegyptens verstanden, nun aber kamen die andern Storche im Fruhjahr von der Reise zuruck und plauderten Dinge von den Pyramiden, die er nur noch halb verstunde da entschloss er sich, einige Wochen in der Dechanei des Onkels zuzubringen; denn zu machtig schlug sein Herz, Benno endlich sagen zu durfen, wo sein wahrer Dachgiebel zum Nestbauen im Norden und im Suden ware auf Schloss Neuhof und in Rom ... Vielleicht gab die Pfingstzeit, wo Benno nach Kocher nachzukommen versprach, die Stunde der Enthullung ...

So reiste denn Bonaventura nach Kocher am Fall ...

Er fand den Onkel erregter denn je ...

Was sich auch seit den Enthullungen uber Benno's Ursprung in des Neffen Gemuth gegen den leichtsinnigen "Abbe" aus der Napoleonischen Zeit festgesetzt hatte, bald wich es dem edeln und versohnenden Eindruck, den des Onkels liebevolle personliche Erscheinung machte ...

Und nun fand er den Milden, Gutigen in einer fast krankhaften Aufregung und von allen seinen alten Principien der Gleichgultigkeit besorgniserregend verlassen ... Um zehn Jahre war er alter geworden, muthloser, verdriesslicher, die Fliege an der Wand konnte ihn angstigen ... Leicht drohte auch eine Untersuchung fur den alten leichtsinnigen Betrug ...

Frau von Gulpen war eine Mehrung dieser Unzufriedenheit des Greises mit sich selbst und keine Linderung ... Seit dem grauenvollen Erlebniss mit ihrer Schwester, seit der Hinrichtung des Morders derselben war eine Schreckhaftigkeit uber sie gekommen, die in allem Gefahren sah, selbst in dem Alleinwohnen auf der Dechanei ...

Ware nicht Windhack's gute Laune die alte geblieben, das Leben seiner jetzigen Vereinsamung ware dem Onkel ganz die Qual geworden, die der romische Priester fur seine alten Tage furchtet ...

Die Frage nach einer neuen Nichte war keineswegs unerortert geblieben ...

Bonaventura erstaunte, auf wen der Onkel, angstvoll, sein Auge gerichtet hatte ...

Nach den ersten Begrussungen, nach den ersten Auslassungen des Scherzes, sogar uber die Ursache dieser Reise des Neffen, uber den magnetischen Rapport desselben mit der schonen Seherin von Westerhof, folgte die Mittheilung, dass der Briefwechsel zwischen ihm und dem Prasidenten von Wittekind aufs lebhafteste andauere. Der Renegat Terschka hatte zwar Schweigen gelobt, aber man musse alles hochst vorsichtig "applaniren", auch mit der Schwester Benno's Angiolina Potzl in Wien ...

Auf diese hatte er fur seine letzten Lebensstunden und zur Vorbereitung der Erkennungen sein Auge gerichtet und daruber nach Wien geschrieben ... Freilich war schlimme Antwort gekommen ... Graf Hugo lebte wie durch die Ehe mit ihr verbunden ... Ware auch, hiess es, ein Bruch infolge der Heirath des Grafen mit Paula vorauszusehen, so eigne sich doch weder der Ruf noch das Naturell jenes vom Gluck verwohnten, in Erfullung aller ihrer Wunsche auferzogenen Madchens fur die Rucksichtsnahmen einer geistlichen Wohnung ...

Der Prasident, Bonaventura's Stiefvater, uberrascht und fast erschreckt durch Terschka's Flucht nach England und sein dortiges Auftreten unter Protestanten und Mitgliedern der italienischen Emigration, liess jetzt in seiner Reizbarkeit gegen die Anerkennung seiner ihm bekannt gewordenen Geschwister nach, correspondirte mit Lehrern des Kanonischen Rechts und wurde vorzugsweise von seiner Gattin bestimmt, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass die heimliche und trugerisch geschlossene zweite Ehe seines Vaters vor der Kirche zu Recht bestunde ... Schon ergab er sich jeder Wendung der Zukunft und erklarte, auf weitere Nachforschungen seinerseits verzichten, auf Ausgleichungsvorschlage gefasst sein zu wollen ...

Bonaventura staunte, dass sowol vom Kloster Himmelpfort wie von Wien und Rom aus uber diese Angelegenheit ein plotzliches Schweigen eingetreten war ... Hatte sich Ceccone den Jesuiten unterworfen? ... Zuletzt war es seine Mutter, die in ihrer steten Gewissensbedrangniss und dem den Frauen eignen System der Vertuschung von selbst darauf kam, ihr Gatte sollte sich den Blick in die Zukunft dadurch erleichtern, dass er dem Schlimmen aus eignem Antrieb entgegenkame ... Ihr mit wuhlerischem Verstand um sich blickender Sinn erkannte zuerst, dass die ihr jetzt erst ganz offenbar gewordenen Beziehungen des Kronsyndikus zum Dechanten mit dem Dasein Benno's zusammenhingen ... Der Prasident hatte in einem eben beim Onkel angekommenen Briefe seine Ueberraschung uber die ihm von seiner Gattin mitgetheilte Moglichkeit ausgesprochen und den Dechanten ersucht, den vortrefflichen jungen Mann, den er schon schatzte, den Freund seines Sohnes, des Domkapitulars, klug und besonnen seinem bruderlichen Herzen naher zu fuhren ...

Diese Enthullung erfolgte dann in den Tagen, als Benno, nichts von dem ahnend, was ihm bevorstand, gleichfalls in Kocher erschien ... Auch Benno wohnte in der Dechanei ... Er kam heitrer und sorgloser, als man ihn seit lange gesehen hatte ... Er brachte Briefe von Thiebold, der sich soeben in Geschaftssachen in England befand und Wunderdinge berichtete uber das Ansehen und die Geltung, die sich Terschka in London durch seinen wirklich erfolgten Uebertritt und den Anschluss an die Sache Italiens erworben hatte ...

Benno war besonders auch fur Frau von Gulpen ein trostreiches Element. Ihr Herz hing an ihrem Zogling mit der ganzen Innigkeit, die bei Frauen zwischen polternden Vorwurfen, wie schlecht man seine Wasche behandeln lasse, und der Angst, man konnte sich bei geringster Erkaltung, z.B. auf Windhack's Sternwarte den Schnupfen holen, die hin- und hergehende Mitte halt ...

Dann war es an jenen Abenden, wo die Cassiopeja ihren funkelnden Schein zur Vorleuchte am Baldachin des Himmels macht, wo der "Schwan" aus Nordost sein mildes, wie ein flockenreines Gefieder strahlendes Licht erzittern lasst, unter dem Schmettern der Nachtigallen, die im Park der Dechanei nisteten, beim Duft der Hollunderbluten als Benno im stillen Wandeln unter den einsamen Alleen aus Bonaventura's Mund das Geheimniss seines Lebens, seinen wahren Namen Julius Casar von Wittekind erfuhr ...

Er erfuhr ihn allmalig ... Beim feierlichen Nachzittern des Stundenschlags der Kathedrale von SanctZeno, nach einem feierlichen Gelubde, das ihm Bonaventura abnahm, nichts zu unternehmen; was nicht mit den Interessen seiner nachsten Freunde und jetzigen Verwandten im Einklang stand ... Er erfuhr zuerst den Namen und die Lebensstellung seiner Mutter ... So steigt die Sonne mit purpurrothen Gluten aus der Erde ... So kommt eine Friedensbotschaft an die Menschheit, verkundet von dem Klang unzahliger in den Luften schwebender Harfen ... Eine Romerin! ... Aber noch fehlte der schrille Accord: Der Name des Vaters ... Die Schwere des Erlebnisses war zu niederdruckend ... Noch wurden nur die Namen Kassel, Altenkirchen, Rom, auch Wien, letzteres um der Schwester willen, genannt, noch erst die Auffassungen der Kirche und des Dogmas erortert ... Fast sprachlos starrte Benno, der wie ein Traumender stand, allem, was Bonaventura sagte ... Die Freunde mussten sich unter Hollunderbuschen auf eine Bank niederlassen ... Die Schilderung der Scene in der Waldkapelle, wo seine Mutter von einem verbundeten Complott so ruchlos betrogen wurde, raubte Benno die Sprache ... Stumm blickte er auf die Lippen seines Freundes, der in seiner milden, innig zum Herzen sprechenden Weise entschuldigend erzahlte und alles nannte bis auf den Namen des Vaters ... Nenn' ihn nicht! rief Benno, als musste er die Mutter rachen, wie Orest den Vater rachte ... Bonaventura sagte: Er ist todt ... Endlich nannte er auch diesen Namen ... Da brach Benno zusammen an des Freundes Brust ... Ein Gefuhl der Scham uberflog ihn und wie ein Gifthauch sudlicher Luft nahm ihm den Athem ... Auf die so plotzlich aufgesprungene Blute seines wunderbaren Daseins das storende Walzen eines grossen giftigen Skorpions ...

Tiefgeheimnissvoll ist das Blut, das durch die Geschlechter rollt ... Der gespaltene Funke wird da zur Flamme; die gespaltene Flamme mehrt sich an Kraft ... Ein Geschlecht kann auf Jahrhunderte die Signatur des Korpers und Geistes bewahren, wenn die Mischungen bedacht sind, immer wieder auch das Fremdartige liebend sich anzueignen ... Benno aber musste mit erstickter Stimme sprechen: Ich ein Wittekind! ... Ist das, wie wenn Wettersturm aus den Schluchten des Teutoburger Waldes braust! Meine Ahnenreihe bis in die Sagenzeit ... Doch Friedrich und Jerome von Wittekind meine Bruder! ... Der Geist abgewelkt im Vater schon! ... Oder war das nur das Loos der Ichsucht? ... Ja, so gehen Despoten hinuber, die keinen Gegner finden, der sich mit ihnen misst! ...

Alle die Beziehungen des Vaters, die Benno so gut

kannte, wurden dem von Entsetzen Ergriffenen wie der Eingang in eine dunkle Hohle voll unheimlicher Gestalten, die er in Waffen betreten sollte ... Klingsohr, der Sohn des ermordeten Deichgrafen, der g e i s t i g e Sohn des Kronsyndikus, stand plotzlich mit wirren Locken vor ihm und reichte ihm mit dem Brudernamen die blutige Rechte ...

Ein Fieber ergriff ihn ... Wie eine Mutter nach der

Geburt ... Wie das Hemd des Nessus brannten alle diese Namen und Beziehungen ...

Angiolina und Potzl ein hohnischer Satyrkopf

dieser Name hinter Rosenbuschen ... Wie kam der alte Schauspieler Potzl bei den Kattendyks zu dieser Verlornen? ... Auch die Mutter, Herzogin von Amarillas die "Freundin" eines Cardinals Ceccone ...

Leiden unter etwas Angeborenem ist nicht zu

schwer ... Der Kruppel, der Blinde, der Taube nimmt das Leben, wie es ihm die Geburt beschert ... Aber die Schonheit erst verlieren, das Hassliche erst gewinnen, plotzlich ein Blinder, plotzlich ein Tauber werden, das ist ein furchtbares Menschenloos ... Benno riss sich an jenem Abend aus Bonaventura's Armen und rief:

Ich konnte in die Walder rennen wie ein Wolfsmensch! ...

Ruhe! Ruhe! sprach Bonaventura und beschwichtigte ihn durch seine Umarmung ...

Am Morgen nach diesem verhangnissvollen Abend war die Begegnung mit dem Onkel und mir Frau von Gulpen erschutternd ... Der Onkel grusste mit Wehmuth und die Augen tief niederschlagend ... Er hatte die ewig dunkle Binde uber Benno's Augen vorgezogen ... Das sagte er auch und lobte, als ihm Benno krampfhaft um den Hals sturzte, die Blindgeborenen, weil die alle so heiter blieben ...

Benno presste nur stumm seine Hand ... Es lag die Verzeihung der Liebe und der Dank fur ein ganzes, doch nur vom Dechanten ihm gerettetes Leben darin ... Reden konnte er nicht ... Das Blut rollte ihm wie ein ihm fremd gewordenes und ungebandigt durch die Adern ... Als er zu scherzen versuchte, sagte der Onkel: Das hat er ganz von seinem tollen Alten! Der konnte auch, wenn er wollte, ganz verteufelt liebenswurdig sein! ... Dies Wort kam noch zur Unzeit ... Aber, als Benno duster die Augenbrauen zusammenzog, sagte der Dechant auch da: Wie sein Vater, der grimme Jager! ... Der Onkel hatte das Bedurfniss, das Ueberseltsame wieder in das Altgewohnte zuruckzulenken ... Da sprach denn, als auch Frau von Gulpen, Benno's zweite Mutter, sich ausgeweint hatte, Benno:

Nun bitt' ich nur um eines! Gebt mir meine funf Julius Casar-Jahre heraus, die ich schon langer auf der Erde weile, als ich Erinnerungen habe und die Taufscheine es wussten. Um wie viel fruher hatt' ich jetzt Hoffnung, meinen Militarmantel abzulegen! ...

Alle nahern Umstande dieser Verheimlichungen wurden erzahlt ... Mit dem ihm eignen scharfen, aller Lebensverhaltnisse kundigen Ueberblick durchschaute Benno alle neuen und nicht offen kund zu gebenden Bedingungen seines Lebens ... Er beruhigte den Prasidenten in einem Schreiben, in dem er ihn als Bruder begrusste ... Mit edler Selbstbeherrschung bot er jede Burgschaft, dass seine langgeprufte Geduld, die Ergebung in sein rathselhaftes Dasein ihn an Entbehrung ausserer Anerkennungen gewohnt hatte ... Ja, der Adoptivname, den er einstweilen trage, "von Asselyn", ware ihm ja durch seine theuersten Freunde geheiligt, auch von der Krone genehmigt ... Er mache nur dann Anspruche auf die Wiederherstellung seiner Stellung zum Leben, wenn niemand damit eine Krankung widerfuhre, am wenigsten seiner noch lebenden Mutter ... Diese freilich in ihrer Ansicht uber das Vergangene zu erforschen, ihr sich, wenn es irgend ohne Verletzung ausserer Rucksichten moglich ware, zu nahern dafur ergriffe ihn ein unwiderstehliches Verlangen ... Ebenso zoge es ihn zur Annaherung an Angiolinen ... Eine Reise nach dem Suden lage nun fest beschlossen in seiner Seele ...

Der Prasident antwortete voll Gute und geruhrt dankend ... Er bot ihm reichere Mittel, als Benno annehmen konnte, da eine zu schnelle Veranderung seiner Lage leicht hatte Vermuthungen wecken konnen, die von allen Betheiligten nicht gewunscht werden konnten ... Auch Thiebold durfte nichts erfahren ... Der tolle Mensch, sagte Benno zu Bonaventura, thut in der Regel alles, was ich zu thun mich schame, aber gern im Stillen manchmal thun mochte ... Er verhindert mich an Thorheiten, weil er sie selbst ubernimmt ... Ich glaube, er ubernahme dies Drohen mit meinem Geheimniss, dies Zupfen an Schleiern, die man allenfalls luften konnte ... Besser, wir schweigen auch gegen ihn ...

Je lichter somit von der Dechanei aus der Blick auf das sonnige, waldumkranzte, solange geheimnissvoll verschleiert gewesene Schloss Neuhof wurde, desto dusterer blieb der auf Witoborn und Westerhof ...

Bonaventura hatte seit einem Vierteljahr sich nur im Entsagen geubt, auch nichts mehr von dorther vernommen, was ihn besonders wieder hatte aufregen konnen ...

Der Oberst, das erfuhr er erst hier, leitete die Vorbereitungen zu seinem Papierbetrieb ... Der muthige Mann fand die grossten Schwierigkeiten ... Sie gingen bis zu muthwilligen nachtlichen Zerstorungen seiner Bauten ... Armgart und Monika mussten sich in ihrer ganzen Kraft zeigen ... Sie hatten ein kleines Hans in Witoborn gemiethet und es geschmackvoll, wenn auch einfach eingerichtet ... Hedemann schrieb an den Dechanten von einer Heirath mit Porzia Biancchi, der Tochter des Gipsfigurenhandlers ... Seine Aeltern waren schnell hintereinander gestorben ... Ein so schones Familienverhaltniss hatte sich jetzt begrunden konnen, aber die Beunruhigung durch die lichtscheue Bevolkerung der Gegend war zu gross ... Armgart verlore, hiess es, allen Halt in ihren Anschauungen ... Wo sie hinginge, musste sie "sie"! Reden halten zur Vertheidigung des Papiers und der Aufklarung! ...

Ulrich von Hulleshoven uberflugelte bald die Herrschaft seines Bruders Levinus auf Schloss Westerhof ... Musste ihm das gelingen schon durch seinen mannlich festen Sinn, seine Lebenserfahrung, so kam der wohlthuende Eindruck hinzu, den er auf die Frauen machte ... Er war in der Lage, Monika's schroffe Entschiedenheit, die indessen den Dechanten noch immer in ihrer Correspondenz entzuckte, zu mildern ... Wahrend Monika bald das Stift Heiligenkreuz zum Feinde hatte, wahrend sie die Frau von Sicking zur Aenderung ihres Aufenthalts bewog und in diesen Kampfen von Armgart's wie aus einem Traumleben erwachendem gesunden und frischen Sinn unterstutzt wurde, schlosse man sich, erzahlte der Onkel aus Monika's Briefen, dem Obersten an, der zu begutigen und auszugleichen wisse ... Paula gewann ihn, das wusste Bonaventura, besonders lieb und erlag seiner magnetischen Einwirkung ... Der Oberst durfte sie nur beruhren und sie versank in jenen Schlummer, der ihr einziges Labsal war im Schmerz des Nerven- und Seelenlebens ... Bonaventura beobachtete dies gleich an dem letzten Mittag vor Terschka's Flucht, wo Paula bei Tisch mit der abwesenden Armgart zu sprechen angefangen ... Der Oberst fuhrte sie damals in ihr Zimmer und sie antwortete auf jede seiner Fragen ...

Bonaventura erzahlte davon dem Onkel ...

Paula, berichtete er, ohne Zweifel ubermannt von der seit dem Fund der Urkunde sie folternden Angst um den Grafen Hugo, hatte die bei Tisch fehlende Armgart gefragt, was sie am Schranke suche? ... "Am Schranke?" ... fragte man ... "Ein Kleid?" ... Nimm ein weisses, sprach sie, es steht dir besser! Auch die Myrte nimm! setzte sie hinzu ... Die Myrte? fragte der Oberst. Macht denn Armgart Hochzeit? ... Darauf stockte Paula und erwiderte: Armgart sucht ein Kleid fur sie aus ... Sie meinte: fur sich selbst ... Niemand hatte den Muth, zu fragen: Heirathest du denn? ... Ihr Kleid ist aber noch nicht fertig! sagte sie dann wie aus sich selbst und zeigte hinauf in die Luft mit den Worten: Sieh, sieh, die vielen Korbe! ... Fast so heiter sprach sie das, dass die Umstehenden an die Zahl der zunehmenden Bewerber denken mochten ... Aber Paula setzte hinzu: Korb an Korb! ... Am Altar der "besten Maria" stehen sie! ... Jetzt hatte leise die Tante erklart: Terschka erzahlte vom Schloss Castellungo, dass die nachstliegende Kapelle der "besten Maria" gewidmet ware und die malerisch schonen Seidencocons oft in hunderten von Korben unter Blumen dort niedergestellt wurden zur Segnung durch Priesterhand ... Paula entschlummerte dann ... Jeder sagte: Sie hat in den Korben die Anfange ihres Brautgewandes gesehen ...

Der Onkel schuttelte den Kopf, versank aber uber die Nennung des Namens Castellungo in ein staunendes Nachdenken ...

Bonaventura fuhrte sich selbst noch oft seine letzten westerhofer Tage vor ... Er riss sich an jenem Mittag voll Verzweiflung los ... Er glaubte uberhaupt keinen Abschied von Paula nehmen zu konnen und griff zur Feder, um seine Empfindungen niederzuschreiben ... Zwei Briefe entwarf er ... Einen in der sturmischsten Liebesbetheuerung mit dem Bekenntniss aller Gefuhle, die auf dem geheimsten Grund seines Herzens lebten ... Es war ein trunkener Rausch der Herausforderung an sein Geschick und doch er warf ihn in die Flammen ... Einen zweiten schrieb er milder, ersichtlich zum ewigen Abschied ... Auch diesen vernichtete er ... So stand er rathlos ... Da horte er neben seinem Zimmer das Aechzen seines Wirths Norbert Mullenhoff, der im ersten Stockwerk schlief ... Das an der Pfarrhausthure ausgesetzte Kind gehorte ohne Zweifel nur dem wunderlichen Zeloten ... Die Zukunft des Unglucklichen war zerstort, wenn die Rache der Hebamme, im Bund mit dem bukkeligen Geiger, die finkenhofer Lene zum Gestandniss vor Gericht brachte ... Einmal horte er den Pfarrer in seiner Kammer laut ausrufen: Allmachtiger Schopfer Himmels und der Erden! ... Es war ein Ruf wie aus der tiefsten Seele ... Die Hande wurden dabei zusammen geschlagen wie von einem Verzweifelnden Dann war wieder alles still ... Bonaventura erbebte ... Es durchschuttelte sein Gebein, diesen Ausruf zu horen, der aus der Tiefe des Jammers kam ... Mullenhoff sah voraus, dass ihm eine zeitweilige Verweisung in das Strafkloster Altenburen gewiss war ... Ein ewiger Makel haftete damit an seinem Leben, ein Hinderniss an jeder. Beforderung ... Hatte nicht auch Bonaventura in diese Anrufung des Schopfers der Natur einstimmen und alle Elemente entbieten mogen, ihm beizustehen, die Zwingburg unnaturlicher Gesetze zu brechen? ... Er klopfte an die Kammer und trat ein mit der Frage an den Stohnenden und jetzt mit zusammengefaltenen Handen wie bewusstlos Daliegenden, ob er ihm in irgend etwas vor seiner an demselben Abend bevorstehenden Abreise behulflich sein konnte ...

Anfangs fuhr Mullenhoff in gewohnter Grobheit auf ...

Dann besann er sich, bat fur sein ungeberdiges Wesen um Verzeihung und wagte es, uberwaltigt schon von der unendlichen Milde in Bonaventura's Ton, unter dem Siegel der Beichte, seinen Vorgesetzten zu bitten, zur Frau Schmeling und zu jener Lene zu gehen und den Versuch zu machen, die ihm drohende Gefahr abzuwenden ...

Bonaventura fand sich bereit dazu ... Er betrat das Hauschen der Hebamme, redete ihr, ihrer Magd und der noch anwesenden Lene, jeder erst unter vier Augen, dann allen zugleich zu, die Verfolgung des Pfarrers von Sanct-Libori zu unterlassen ... Die nicht kleinen Summen, die es zu bieten gab, um ein Schweigen nach allen Seiten hin zu erwirken, legte er aus ...

Ach, wie unrein schienen ihm seine Hande, als er sich aus diesem Hause entfernte! ... Die Kusse, die man ihm darauf gedruckt hatte, mehrten nur das brennende Gefuhl, sich in unwurdiger Beruhrung befunden zu haben ...

Diese Verrichtung des Mitleids brachte Bonaventura um die Gelegenheit, den Dusternbrook und die beiden Eremiten zu besuchen ... Er horte nur, dass sie vom Zustrom der Umgegend heimgesucht und Gegenstand der lebhaftesten Verhandlungen zwischen ihrem Kloster, seinem Stiefvater und den Behorden waren ... Jetzt waren sie auf dem Wege nach Rom ...

Auf Westerhof erschien er dann wirklich noch personlich zur ernsten Abschiedsfeier ... Aber als Priester als schwankes Rohr, als "Begriff, den zwei Jahrtausende mit bunten Kleidern behangen" ... Vor allem, was er dann doch vielleicht blindlings aus einer Todesurne hatte ziehen konnen, bewahrte ihn Paula selbst ... Sie war, erzahlte er wieder dem Onkel, gerade entschlummert ... Der Oberst liess seine Hand auf ihr ruhen und sprach mit ihr wie mit dem willenlosen Werkzeug seiner eigenen Kraft ... Verwandtschaftlicher Rechte sich bedienend, fragte sie der Oberst mit Vertraulichkeit: "Siehst du den, der eben ins Zimmer tritt?" ... "Sie sieht ihn!" lautete die Antwort ... "Willst du mit ihm sprechen?" ... "Sie stort ihn!" ... "Warum stort sie ihn?" ... "Er opfert." ... "Siehst du einen Priester?" ... "Einen Bischof!" ... "Ist er allein?" ... "Kinder stehen um ihn!" ... "Sie tragen leinene Streifen am Arm?" ... "Du sagst es!" ... "So firmelt dein Freund die Knaben und die Madchen ... Redet er? ... Sprich ihm nach, was er redet!" ... "Ich glaube an Gott, den Schopfer Himmels und der Erden, an die Liebe, die Erhalterin der Welt, gelehrt durch Jesus Christus, an den Geist der Wahrheit, der uns zur ewigen Hoffnung fuhrt!" ... Wieder traten die zahlreich Umstehenden befangen zuruck ... Wieder war es eine jener "incorrecten" Visionen wie Frau von Sicking zu sagen pflegte ...

Paula sprach, nach des Onkels Ansicht, einen Glauben aus, den sie in Bonaventura's und des Obersten Innerstem zu lesen glaubte ...

Das erzahlte aber Bonaventura nicht, dass er sich damals, noch ehe sie erwachte, losriss mit Thranen im Auge und abreiste, begleitet von den Dank- und Segenswunschen aller derer, die ihm nahe gekommen waren von denen seiner Mutter an, die ihn in Witoborn noch an der Post uberraschte, bis auf den Handedruck Mullenhoff's, der ihm flusternd "in monatlichen Raten" zuruckzuzahlen versprach, was seine Gute unter dem Dach der Verschworer fur den neuen Concordatsstifter und exemplarischen Bussheiligen verauslagt hatte ...

Paula hatte Bonaventura als Bischof gesehen ... Der Onkel verlangte, dass Bonaventura auch in seinen Wirkungskreis nicht ohne eine hohere Wurde zuruckkehrte ... Begib dich, wenn sie dir nicht zu Willen sind, solange in ein Kloster! ... Ein Mensch wie du darf nur fallen, um desto grosser wieder aufzustehen ... Und die Leiden des Gemuths seines Neffen wol uberblickend, sprach er: Armer Thor, was senkst du das Haupt und kannst dich in dein priesterlich Erbtheil nicht finden! ... Zwei weibliche Schatten umkreisen dich! Ein dunkler und ein lichter! ... Jenen fliehst du und diesen wagst du nicht festzuhalten! ... Ich bin dir kein Muster, aber ich konnte dir bessere Naturen, als die meinige nennen, die auch eines Tages zwischen dem Gott in der Natur und dem Deus in pyxide wahlten und fur ersteren entschieden ... Und ein andermal sprach er: Sagst du fur Franz von Sales gut? ... Ich theile alle Heiligen in drei Klassen ... Solche, die die verbotene Frucht bereits brachen und denen es dann, als sie satt waren, leicht wurde, in die Wuste zu gehen in diesem Sinne haben wir noch jetzt Millionen Heilige und seit zwanzig Jahren bin ich der Allerheiligste unter ihnen Dann in solche, die entweder geborene Narren waren oder es wurden, weil sie gerade auf den Naturtrieb hin, um diesen und nur diesen zu unterdrucken, das Tollste erfanden wahre Casanovas der Frommigkeit nenn' ich sie ... Ihre innerste Sinnenqual versetzte sich ihnen, wie bei einer jungen Mutter die Milch in den Kopf steigen kann, so in religiose Narrheit ... Endlich die dritte Gattung sind jene ganz geschlechtslosen Constitutionen, bei denen die Tugend eine fehlerhafte Organisation ihres Korpers ist ... Diese Halblinge findest du meistens unter ausserlich imponirenden Gestalten ... Darauf hin konnte auch mein Leo Perl in Paris ruhigen Bluts zusehen, wenn sich die andern im Palais-Royal ergingen ... Sei uberzeugt, alle die Heiligen, die nicht auf die Klasse I und II passten, gehorten zur Klasse III! Wasserpflanzen, wo auch die ganze Kraft wie da druben auf meinem Weiher! in den breiten, tragen, schonen Blattern liegt ...

Solche Gesprache gab es haufig, selbst in Gegenwart Benno's beim Wandeln durch den Park, unter den eben sich erst mit dem jungen Laub ganz schliessenden Alleedachern, beim Zwitschern der Vogel, beim Duft der Blutenpyramiden der Kastanienbaume, der Maiblumen und Narcissen auf den Buchsbaumbeeten, beim Schimmern der Dotterblumen von den Wiesen her ...

Einmal an einem Strauch von Weissdorn still stehend, sagte Bonaventura:

Onkel, ich bin so weit gekommen, dass ich an einem solchen einzigen Blatt, wie du hier siehst, stundenlang beobachten kann! ... Sieh, es hat sich eben aus seiner Knospe entrollt! Wie zart dies Grun! Wie sanft aufgekrauselt die Windungen des kleinen Sprosses! Die kleinen Harchen, die auf dem jungen Keime sitzen, mochte man zahlen! Es gibt nichts, was uns gegen alles das retten kann, was du schilderst, als die Betrachtung des Kleinsten! ... Ich heuchle dir nicht Frommigkeit, nicht mehr Begeisterung fur meinen Beruf, den ich schmerzlich erkannt habe ich habe aber ein Vergessen des Allgemeinen und meiner selbst in einem kleinen stillen Gluck wie dem hier vor einem solchen Fruhlingsblatt ...

Das sind bei mir die Radirungen und Kupferstiche ... sagte der Onkel, der fur seine vorjahrigen Warnungen gegen Rom eine fruhzeitige Genugthuung erhielt ...

Benno musste zeitiger nach der Stadt zuruck ...

Er reiste an seiner Seele wie mit Adlerschwingen ...

Er hoffte sich zunachst von einem Staatsleben freimachen zu konnen, das damals fur den Menschen in seiner angeborenen Freiheit keine Burgschaft bot ... Er wollte im Herbst uber Wien nach dem Suden ... Er widersprach dem Onkel nicht, als dieser, ohne dass es Bonaventura horte, sagte:

Vielleicht kannst du die Angelegenheiten Paula's zu einem guten Ende fuhren! Vielleicht deiner verwilderten Schwester die Nachfolgerin geben, die dem Hause Salem-Camphausen unerlasslich ist! Schon hor' ich, dass die Grafin Erdmuthe nach Schloss Westerhof reisen und versuchen wird, alle Bedenklichkeiten personlich zu beseitigen ...

Bonaventura war bei diesen Worten wol zugegen, horte sie aber nicht ... Er sah zu den Baumen auf, unter denen sie dahinwandelten, und sprach, als beide naher kamen:

Wie doch seit Jahren der Fink immer nur wieder zwischen denselben Resten sich ansiedelt, die Nachtigall denselben dunklen Busch sich sucht, die Schwalbe in demselben Gesims an deinem Portale haust ... Ein solches Heimatsgefuhl! ...

Jeder findet sein rechtes Nest ... sprach nach einigen weitern Schritten ruhigen Wanderns der Dechant ... Auch Paula wird wissen, dass die Liebe zu einem romischen Priester nicht zu den Moglichkeiten dieser Erde gehort und wird nach Wien gehen ...

Ich will sie selber trauen! fiel Bonaventura mit einem zuckenden Schmerzensausdruck ein ...

Es war ein Wort von solcher Schwere, dass der Dechant und Benno erschuttert schweigen mussten ... Letzterer gedachte auch des immer mehr ihm und Andern verklingenden Namens: Armgart ...

Als Benno dann abgereist war, kam in der Dechanei ein neuer Brief von Monika ...

Das war ein Erguss frischer und gesunder Lebensanschauungen ...

Sie berichtete dem Dechanten von einer nothwendigen Reise des Obersten nach England von einem vielleicht gelegentlichen Abholen der Grafin Erdmuthe von Armgart's Begleitung des Vaters nach England von Paula's leider schon bedenklich eingerissener Gewohnung an die magnetische Behandlung durch ihren Gatten von der Angst und Sorge, die man nun ohne ihn uber ihren Zustand haben musse ...

Bei Erwahnung der gegen Bonaventura gerichteten Anklagen, deren Kunde schon bis Witoborn gedrungen war, sprach sie von dem einstimmigen Urtheil aller Betheiligten, dass die Ehe mit dem Grafen Hugo geschlossen werden musste ...

Monika bekannte sich als entschiedenste Beforderin dieser Verbindung ... Graf Hugo ware eine Natur mit Eigenschaften, die nur entwickelt zu werden brauchten, um vor ihm mehr, als Achtung, sogar fur ihn Neigung zu empfinden ... Bequemen Temperaments, wollte er beherrscht sein und jeder musse ihm eine wurdigere Leitung wunschen, als er sie bisjetzt gefunden ... Was an Terschka noch allenfalls Gutes ware, verdanke dieser dem Grafen ... Der jesuitische Intriguant hatte die Macht einer guten und harmlosen Natur so auf sich einwirken gefuhlt, dass er an seinen Auftragen irre geworden ware ... Wenn Paula in ein Kloster ginge, wurde sie nach wenig Jahren eine Beute des Todes sein ... Sie musse die Grafin von Salem-Camphausen werden ... Der Domkapitular von Asselyn musste sogar die Kraft uber sich gewinnen, selbst die Hand zu bieten zu dieser nach allen Richtungen hin bedeutungsvollen gemischten Ehe ... In dem lieblichen Salem, in dem, wie sie gehort hatte, noch gluckseligeren Thale von Castellungo wurde die junge Grafin, als Gattin, als Mutter bluhender Kinder, als Theilnehmerin an den vielen gemeinnutzigen Unternehmungen der Grafin Erdmuthe, Lebenslust und Lebenskraft gewinnen ... Alle, alle, ihre Schwester Benigna, Onkel Levinus, die Bewohner von Neuhof waren der gleichen Meinung ... Die einzige Armgart, die noch immer widersprache, hatte sie auch deshalb mit dem Vater nach England geschickt, wo sie uberhaupt bei Lady Elliot eine Zeit lang bleiben und neue gesunde, praktische Anschauungen gewinnen musse ... Armgart hatte sich indessen bei einigen Conflicten in der That mit grossem Muth benommen und ware seit den drei Tagen Correctionsgefangniss im Muhlenthurm mehrfach anders geworden ... Die Begegnung mit Terschka furchte sie nicht mehr; London ware wie ein Ameisenhaufen; Armgart hatte Kraft und Charakter aus Instinct schon immer gehabt jetzt fange sie auch an, zu w i s s e n , was sie wolle ...

Das war eine Sprache, als sah man die kleine junge Frau ihre grauen Locken schutteln und mit blitzendem Auge, frischer Wange, ihren weissen Zahnen aller Bedenklichkeiten geringschatzig lacheln, die nach ihrem Sinn nur krankhafte Empfindsamkeit geltend machen konnte ...

Der Dechant war ganz gleicher Ansicht ...

In dem kleinen grunen Studierzimmer, wo die Worte nicht so ungehindert gewechselt werden konnten, wie unten im Garten und im Park, den zu besuchen nicht jedem Bewohner der Stadt erlaubt war, lasen Beide diesen Brief ...

Gestort von dem Rollen der Thuren und dem Horchen und Bangen Petronellens, erhob sich Bonaventura, riss sich von der Hand des Greises, die ihn halten wollte, los und eilte erst in den Park, den er eine halbe Stunde lang wie ein Geistesabwesender durchschritt, dann flog er auf sein Zimmer, um an Levinus von Hulleshoven zu schreiben ...

Er hatte mit Bedauern gehort, schrieb er, dass sich die Leidenszustande Paula's vermehrten, dass ihr Leben schon ganz abhangig zu werden drohte von einer Einwirkung, die beiden Theilen zuletzt die drukkendsten Verpflichtungen auferlegte ... Auch von den fortgesetzten Bildern und dem Sinn der Traume des edeln Madchens hatte er gehort und beklage schmerzlich, dass sie ubel gedeutet wurden ... O konnte man doch, klagte er, ganz den Vorhang schliessen, der sie in ein Land blicken liesse, fur dessen Beurtheilung der Welt alle Bedingungen fehlen ... Sie sollte dem Zug der Demuth folgen, der stets in ihrer reinen Seele der vorwaltende gewesen ... Nimmermehr aber sollte sie ihre Wunsche auf ein Kloster richten ... Er gestunde es offen, seine Einblicke in die Klosterwelt waren die enttauschendsten ... Wie im Kloster Himmelpfort war' es uberall, nur vielleicht da ausgenommen, wo man Kranke heilte ... Paula ware selbst des Arztes bedurftig ... So musse sie denn hinaus auf die hohe Flut des Lebens ... Sie musse Gott vertrauen und wie eine treue Magd sich jenem Dienste widmen, der dem Weib schon im Paradiese angewiesen worden, eine Gehulfin zu sein dem Manne ... Wenn sie den Grafen Hugo in sanfterer Weise, als durch die Intrigue der Gesellschaft Jesu versucht worden, in den Schoos einer Kirche fuhrte, die ein Zusammensein im Schoose der Seligen auch von dem gleichen Bekenntniss auf Erden abhangig mache, so loste sie, wenn sie das wolle oder konne, eine sie vielleicht erhebende Aufgabe ... Ein Mann sei ja jedem Weibe, das von ihm zur Ehe genommen wurde, vorher ein unbeschriebenes Blatt ... Selbst ein langeres Ergrunden und Kennen des Verlobten schlosse ein Rathselhaftes nicht aus, das sich ganz erst in der Ehe selbst luften konne ... Wie aber auch der Erfolg dieser Ehe sich ergabe und wenn die Glaubensbekenntnisse sich auch nicht vereinigten, so sollte sie dem fremden Mann vertrauensvoll die Hand nicht weigern ... Ja, wenn ihm die Grafin seinen eigenen Priesterberuf, den Beruf der Entsagung auf eigenes Gluck und der Fursorge nur fur fremdes, zu einer besondern Weihe erheben wolle, so sollte sie ihm die Ehre und die in Gott empfundene Seligkeit gonnen, dass Er es ware, der entweder zu St.-Libori oder in Wien, wohin zu reisen er deshalb zu jeder Stunde bereit ware ihre Hand in die des Grafen Hugo legte ... So schrieb er und als der Brief geendet und zur Post gegeben war, umarmte er den Onkel mit den Worten: Lass mich so! ... Jeder Mensch schafft sich seine eigene Religion und ist sich sein eigener Priester!

4.

Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei ...

Sein Ringen nach einer idealen Lebenshohe hatte einen neuen Anhalt, einen neuen Rundblick gewonnen ...

Schmerzlich genug war er erkauft ... Aber er hielt ihn fest mit dem leuchtenden Aufblick der innern Verklarung und des Gefuhls, sich eins zu wissen mit dem unerforschlichen Verhangniss ...

An die Wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken ... Er sturzte sich in das Allleben der Natur, umfasste nicht mehr zagend und bangend blos das Einzelne ...

Beim Besteigen der grauen Berglehnen, die durch die noch wenig belaubten Weinstocke noch kahler erschienen, umzog sich vor seinem Blick aus der eigenen Brust heraus alles wie schon mit den Fruchten des Herbstes ... Mit Gewalt wollte er sich helfen; er grusste freundlicher, er stand denen Rede, die ihm im Felde begegneten, auch denen, die ihm nachschlichen, wie Lob Seligmann, der seit einigen Wochen in seine Heimat zuruckgekehrt war und sich hoffnungsvolle Ernten auf Reps und Taback suchte, auf die er Vorschusse gab ... Das war die sicherste Anlage seiner um Witoborn verdienten Gelder ...

Und ware nun Bonaventura bei all seiner Menschenliebe doch darin weniger "Egoist" gewesen, dass er mehr aus andern heraus die Menschen und Dinge beurtheilt hatte, hatte er ein wenig mehr neugierige Vertiefung in das irrende Flimmern der kohlschwarzen Augen Lob's, ein wenig mehr Lesekunst geubt in den so eigentumlich fragwurdig stehen bleibenden Lachmienen desselben er hatte ja selbst zu ihm sprechen mussen: Nicht wahr, Herr Seligmann, seitdem Sie zur Halfte unser Viergesprach auf Schloss Neuhof belauschten, sagen Sie auch: "Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich traumen lasst"? ...

In der That, so kann kein Beichtvater (in verbotener Weise) lachelnd an denen vorubergehen, die ihm gestanden, dass sie keineswegs das sind, was sie vor der Welt erscheinen, als Lob Seligmann im wogenden Kornfeld, unter blauen Cyanen, im Wiederklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini'schen Tyrolienne: "Blutenkranze, Lust und Tanze" den hochgestellten jungen Geistlichen nicht blos grusste, sondern endlich einmal auch wie mit dem Wort: Ich weiss alles! anredete ...

Er naherte sich ihm auf Fusszehenweite ...

Sein ganzes Herz war ubervoll von dem Frevel des Dechanten, den man noch "leicht auf die Festung bringen" konnte, von den leider nur halb erfahrenen criminalistischen Thatsachen aus dem Leben Leo Perl's, ubervoll um so mehr, als er nur einer einzigen Seele auf Erden, Veilchen Igelsheimer, vollstandige, der Hasen-Jette, seiner Schwester, und David Lippschutz nur leise Andeutungen uber seine Geheimnisse gegeben hatte ...

Dennoch brachte sein Mund zum tiefgezogenen Hute, als Bonaventura stehen blieb und fragte: Wunschen Sie etwas, Herr Seligmann? in ausserster Verlegenheit nichts hervor von dem geheimen Betrug einer italienischen Primadonna, nichts von der Herzogin von Amarillas, nichts von Leo Perl's erster geistlichen Handlung auf Veranlassung des "Alcibiades" druben in der Dechanei, als das Wort:

Ich wollte um Vergebung Herr Domkapipitular wollte nur fragen Erlauben Sie ist wol noch Broder's lateinische Grammatik gut genug zu gebrauchen zum Unterricht fur einen hoffnungsvollen Knaben? ...

Zu Gunsten des immer kraftiger auf die Beine gekommenen David Lippschutz, des kleinen Voltaire von Kocher, liess Bonaventura sich auf alle Vorzuge eines wahrscheinlich durch Lob vom Antiquar erstandenen alten "Broder" ein und nannte beruhmte Gelehrte, die auch ohne den "Zumpt" ein classisches Latein geschrieben hatten ...

Nach diesen lehrreichen Auseinandersetzungen, denen Lob nur zu zerstreut zuhorte, war ein Ruckblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden ... Lob erzahlte, was er "nach dem Herrn Domkapipitular" noch erlebt hatte ... Zart und discret deutete er alles nur in leisen Contouren an ... Selbst die Geruchte uber Terschka, dessen plotzliche Abreise ihm manches schone, bereits angeknupfte Geschaft zerriss, tauchten in seinem Munde wie nicht mehr sicher zu verburgende Sagen der Vorzeit auf ... Es gab auch dunkle Vermuthungen uber einen gewissen Jesuitenorden und ein Uebergetretensein zur protestantischen Religion, die aber auch wie Verhaltnisse aus der Zeit der Makkabaer aus Lob's discretem Munde hervorkamen ... Lob genoss zunachst nur das stille Wandeln mit dem vornehmen Priester, das Grussen der Vorubergehenden, die gleichsam auch ihn setzt grussen mussten ... Es war die Begebenheit an sich, die ihn erfullte, ganz wie jenes schmeichelhafte Begossenwerden damals mit der westerhofer Spritze nach dem Schlossbrande ... Dies wie jenes ein Zustand feinerer Beziehungen ... Nur erst als von den beiden Fluchtlingen nach Rom, von den Eremiten, dem Dusternbrook die Rede kam, deutete er verschamt lachelnd seine Mitverdienste um die Rettung des verungluckten Dieners an ... Bonaventura wunschte mehr zu horen; der Diener war so auffallend verschwunden; ja er fragte, ob es wahr ware, dass der Bruder Hubertus, der ihn davongetragen und im Kloster Himmelpfort eine Zeit lang verborgen gehalten haben sollte, eine Beziehung zu dem Fraulein Schwarz gehabt hatte, das bei Frau von Sicking wohnte man sprache davon Lob, Zeugenaussagen vor Gericht und etwaiges Schworenmussen wie den Tod furchtend, ging nur gerade bis an die ausserste Grenze seines Wissens, erzahlte die Fahrt des Kranken bis an das Kloster und wurde vielleicht allmahlich ein wenig den Schrei in der Kirche, das furchtbare Krachen und das Licht im Todtengewolbe in Aphorismen leise angedeutet haben, ware die fortgesetzte Wanderung nicht durch die eben erreichte Stadt unterbrochen worden ... So zur Seite eines Priesters durch Kocher zu gehen, wurde sich fur die beiderseitige Stellung nicht geziemt haben ... Das gemuthliche Selbander wurde vom rauschenden Fall, von den Gerberwaschen und Metzgerklotzen unterbrochen ...

Auch mit Beda Hunnius, mit Major Schulzendorf und Grutzmacher knupfte Bonaventura wieder in fluchtiger Begegnung an ...

Jenem hatten die Zeitlaufe bittere Erfahrungen bereitet ... Ein seraphischer Briefwechsel mit Lucinden und Joseph Niggl war zu den Acten der uber ihn verhangten Untersuchung gekommen ... Der "Kirchenbote" erschien nicht mehr; um so grosser war seine Ermuthigung durch die machtige, mit brausendem Wogenschlag zuruckgekehrte Flut der hierarchischen Bewegung nach kurzer Ebbe ... Er ruhmte das kirchliche Leben jener ostlichen Gegenden, wo Bonaventura im Winter gewesen und ihm besonders die reformatorischen Bestrebungen eines Norbert Mullenhoff wie Bonifaciusthaten erschienen ... Bonaventura lachelte ... Doch auch Beda lachelte ... Ueber den gegenwartigen Urlaub des so schnell Gestiegenen ... Um seine Schadenfreude zu verbergen sagte er: Procul a Jove, procul a fulmine ... Er lobte seine Stadtpfarre ... Aber grade uber Paula's Visionen musste Bonaventura ihm bis an die Pforte der Dechanei erzahlen ...

Schulzendorf war gekniffen und susssauerlich ... Die Zeitverhaltnisse verhinderten den zu haufigen Besuch der Soupers in der Dechanei ... Seine Nase hatte einen Charakter von Pfiffigkeit bekommen, die jetzt weniger zu verrathen schien, wo Truffeln, als wo Verschworungen lagen ...

Grutzmacher gratulirte zu einem Avancement, das schneller gekommen ware, "wie's bei's Militar" moglich gewesen ... Er klagte uber den Dechanten, der alt wurde ... Von seiner leider ohne "Pramie" gebliebenen grossen Satisfaction "von wegen det ausgebuddelte olle Manneken", sagte Grutzmacher: Daruber sind wir "in's Reine" Es war ein ehemaliger Galeerenstrafling, der ein paar Jahre in Paris gelebt hat, dann hierher kam, Pferdehandel treiben wollte, gleich da schon die Leute anschmierte, dann auf ein paar Wochen Knecht im Weissen Ross war, hierauf den Coup auf Ihrem Kirchhof machte, der nichts einbrachte, nachher bei alten Kunden und Hehlern von Gaunern sich verkrochen hatte, vielleicht gar mit dem Hammaker, den Sie ja absolvirt haben, Herr Kapitular, bekannt war, und zuletzt soll er denn auch noch unter falschem Namen nach Witoborn gegangen "sind" ... Da das Feuer, sagen sie, hatt' er angelegt auf Schloss Westerhof ... Daruber hort man denn hm! freilich allerlei ... Aber jetzt, wie gesagt, ist er chappirt und wird wol in Amerika "sind" ... Und wenn Grutzmacher hierauf, wahrend Bonaventura aufmerksam zuhorte, zu seiner Frau sagte: "Ne, diese kathol'schen Pfaffen, doch nichts Aufrichtiges! Jetzt auch schon Der! Und ein ehemaliger Porteepeefahnrich das!" so hatte er Recht. Juterbogk und Rom reden allerdings seit drei Jahrhunderten verschiedene Sprachen und Bonaventura horte ihm uber die angeregten Punkte, gebunden durch Furcht, Beichtgeheimnisse und ausserste Spannung, zu ...

Dem Oheim gegenuber legte Bonaventura vor seiner Abreise eine ubertriebene Scheu ab und theilte ihm nach kurzem Kampf mit, was er seither uber den Inhalt des Sarges des alten Mevissen und uber dessen Rauber erfahren hatte ...

Gab der Onkel auch nicht zu, dass sein Bruder Friedrich noch lebte, so musste der alte Diener desselben doch ein Geheimniss bewahrt und in seinen Sarg Dinge gelegt haben, die mit einem Verlangen in Verbindung standen, dass sie einst vom Tode auferstehen sollten zu irgendwelchem noch verschleierten Zwekke ...

Bonaventura erzahlte dem Onkel, dass der Fund in Lucindens Handen ware ...

Dem daruber Hocherstaunenden nannte Bonaventura auch die Drohung, die Lucinde ausgestossen, und hielt nur zuruck, als er die ausserordentliche Aufregung sah, in die er damit den Onkel versetzte ...

Das ist ja erschreckend, sagte dieser ... Und du hast von ihr noch immer nicht diese Papiere verlangt? ... Mit Gewalt verlangt? ... So fliehst und verachtest du sie? ... Bona! So alt ich bin, durch meine Adern rollt Feuerstrom, so oft ich an die wenigen Tage denke, die dies Wesen bei uns zubrachte ... Ich nehme sie morgen wieder, wenn sie will ... Meine Macht im Hause hat zugenommen ... Hm! Hm! ... Was kann nur jene Schrift enthalten? ... Und von wem ist sie ausgestellt? ...

Auf die von Bonaventura zusammengefassten nahern Angaben, auf die Mittheilung, jene Schrift, deren Urheber er nicht kannte, sollte ebensowol mit seiner personlichen Ehre wie mit dem ganzen Bau der Kirche zusammenhangen, und Lucinde konnte alle seine Handlungen, selbst wenn er die dreifache Krone truge, damit entwerthen, ja ungeschehen machen lachte endlich der Onkel und hielt die Meinung fest:

Da hor' ich die verschmahte Liebe! ... Das sind jene Erfindungen, die die Frauen zu machen pflegen, wenn man mit ihnen "bricht" ... Regelmassig gibt es dann Papiere, von denen es heisst, ihre Veroffentlichung wurde uns "vernichten" ... Oder der Briefwechsel wurde zwar ausgeliefert werden, aber "Abschriften wurde man auf alle Falle davon zuruckbehalten" u.s.w. ...

Der Onkel rieth ernstlich mit Lucinden Frieden zu schliessen ...

Das Leben ist so arm an Liebe, sagte er, dass man nie eine dargereichte Hand ablehnen soll ...

Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte, die fortwahrend in Hass und Rache uberzuschlagen drohte, entgegnete der Onkel:

So sind sie ja alle! ... Meine eigene Petronella wurde mich mit kaltem Blut an einer Pastete sterben sehen, wenn ich "mit ihr brache"! ... Selbst die Buschbeck, deren grausamem Charakter ich den Besitz ihrer Schwester verdanke letztere war junger; Benno's Vater trat sie mir ab aus Geiz ab, um nicht "zwei von dieser Bande" ernahren zu mussen selbst Brigitte von Gulpen, die alteste Tochter der Bischofskochin und furstabtlichen Blutes nicht unverdachtig, ware besser geworden durch gewahrte Liebe ... Die Idee, fur einen treulosen Geliebten, der ins Kloster ging, die Menschheit zu tyrannisiren, Kindern und Magden das Leben zu vergiften, sich selbst das Brot abzuhungern, vergegenwartigt dir jene tiefe Bedurftigkeit des Weibes, unter allen Umstanden ein Wesen sein zu nennen und war's zuletzt nichts als ein alter, mit einer Flanelljacke bekleideter Mops, der am Asthma in den Armen seiner weinenden Gebieterin stirbt ... Deine Renate wie alt ist sie? ... Nahe den Siebzigen ... Du wirst an einen Ersatz denken mussen ... Und wehe dir auch da, wenn sie deine Absicht merkt ... Schlage die Concilien nach ... Sie liessen lange zweifelhaft, ob die Frauen uberhaupt Menschen sind ...

Bonaventura liess, wenn auch zogernd, diese Auffassung der Drohungen Lucindens gelten ...

In fernern Gesprachen zeigte sich auch noch zuletzt, warum der Onkel regelmassig bei Erwahnung des Schlosses von Castellungo in Nachdenken verfiel ... Das zufallige Aussprechen der Worte: Fiat lux in perpetuis! brachte zwischen beiden das Geheimniss des empfangenen lateinischen Briefes zur Sprache ... Der Onkel offnete kopfschuttelnd sein Schreibbureau und reichte dem Neffen die ihm gewordene anonyme Aufforderung ... Sie war gleichlautend mit der, die auch Bonaventura empfangen hatte ...

Ich werde die bedenklichen Ehren eines Huss und Savonarola nicht mehr gewinnen, sagte der Onkel, und hute auch du dich vor ihnen ... Welche Mystificationen das! ...

Bonaventura versicherte, dass sein Glaube feststunde, der Eremit von Castellungo ware sein Vater ... Er ware in Italien Waldenser geworden und hatte, ein Opfer der romischen Scheidungsgesetze, den Gedanken einer Kirchenverbesserung gefasst ... Wurde er auch an jenem 20. August der Versammlung, zu der er einlud, achtzig Jahre sein oder nicht mehr leben, so wurde man doch seine Gemeinde finden ... Nach allem, was ich hore, schloss er, ist dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden, die bis dahin an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann ...

Wenn sie nicht die Jesuiten zerstoren! unterbrach der Dechant ... Lieber Sohn! Welche Traume! Sehen sie meinem Bruder Friedrich ahnlich? ... Nein, nein Mystifikationen! ...

Doch die Eichen von Castellungo grunen! entgegnete Bonaventura ... Castellungo gehort dem Grafen Hugo ... Fra Federigo, ein Deutscher, lebt unter dem Schutz der Grafin Erdmuthe ... Paula sah ihn deutlich und sagte in einer ihrer Visionen, er gliche mir ...

Der Onkel staunte, lachelte dann aber ...

Weil sie auch dich an einer Himmelsreligion betheiligt glaubt, die den Priestern erlaubt zu heirathen! ... Nein, nein ... Das alles ist nur Spuk und hangt mit den Umtrieben zusammen, die plotzlich jenen Terschka enthullten ... Coni oder Cuneo steht in der anonymen Aufforderung? ... Fefelotti, Ceccone's Gegner im Conclave, ist soeben aus Rom verbannt und Erzbischof in Cuneo geworden ... Ihr armen Waldenser jetzt! Eure Bibeln werden bald confiscirt sein! ...

Den Anklagen, die der Onkel auf Ceccone, auf Fefelotti, auf alle, die mit Roms Intriguen zusammenhingen, schleuderte, lieh Bonaventura um so bereitwilliger sein Ohr, als jetzt auch durch Benno's Lebensschicksale sich ein Netz um sie alle her zu spinnen schien, dessen Faden immer enger und enger wurden und ganz auf Rom fuhrten ...

Zum Gluck hab' ich euch beide Ultramontanen bei Zeiten angehalten, italienisch zu lernen! scherzte der Onkel, ohne darum doch den Beangstigungen, die in den betheiligten Gemuthern diese Dunkelheiten zurucklassen durften, sich ganz zu entziehen ...

Inzwischen kamen aus der Residenz des Kirchenfursten Briefe vom Generalvicariat, die bis auf weitere Entscheidung Roms uber den Magnetismus jede Beeintrachtigung des Domkapitulars in seinen Wurden niederschlugen ... Rother's Anklage wurde als ungebuhrlich abgewiesen ...

Die Genugthuung war demnach vollstandig ... Dennoch reiste Bonaventura voll Bangen ... Er sah das Alter und den Kummer des Onkels ... Er furchtete sich vor einer Stadt, die er auch sonst schon gemieden ... Sein Ehrgefuhl war doch verletzt worden ... Feinde wirkten gegen ihn und zu der Kraft sich zu erheben, die Hass oder Verachtung verleihen, vermochte sein Gemuth nicht ... Auch wo Lucinde weilte, konnte ihm niemals Frieden kommen ...

Er fand Briefe von Schloss Neuhof vor auch vom Onkel Levinus ...

In letztern fand sich jedoch kein Wort uber die doch gewiss machtig, nach allen Seiten hin aufregend gewesene Wirkung, die sein Brief aus Kocher am Fall hervorgebracht haben musste ... Nur die Anzeichen eines Besuchs der Grafin Erdmuthe auf Westerhof mehrten sich ...

Bonaventura's Herkunft, seine wurdige aussere Haltung, seine Kenntniss des Italienischen, alles das veranlasste aufs neue die Bitten der Curie, er mochte eben sowol fur die Befreiung des Kirchenfursten wie fur die Stockung aller kirchlichen Gerechtsame der Stellvertretung desselben die Reise nach Wien ubernehmen ... Der Staatskanzler galt fur einen Gegner der Jesuiten; auch Ceccone hatte mit ihnen seit dem Sturz Fefelotti's Friede geschlossen; vielleicht war in Wien der gute Wille zu gewinnen, die romische Curie zur Nachgiebigkeit zu bewegen ... Bonaventura sollte es sein, der den Unterhandler zum Frieden machte ...

Er entzog sich diesen Vorschlagen, solange er konnte ... Er wusste noch nicht, wie seine Reise in Westerhof wurde aufgenommen werden ... Auch horte er nur, dass vorzugsweise Nuck es war, der alle diese Rathschlage ertheilte ... Konnte von solcher Seite Gutes kommen? ... Nuck kam wieder in seinen Beichtstuhl und gab ihm in der That vier Davidssteine an, die er gegen den Goliath der Leidenschaft in seiner Brust in Bereitschaft hielt: Ankauf eines Ritterguts, sagte er, landwirtschaftliche Studien, Ruckkehr zu alten Dichtversuchen, die er in seiner Jugend gemacht, und die Erlernung der turkischen Sprache ... Das Besuchen von Grabern nutze ihm nichts, setzte er hinzu; ihm war' es aus alter Liebe zum Tode, wie den Turken, die auf Grabern Kaffee tranken ...

Eine Ahnung konnte der so von Nuck offenbar verhohnte Geistliche nicht uberwinden, die, als sprache alles das nur die Eifersucht ... In einer Zeitschrift gab Nuck mit voller Namensunterschrift als einen Wurf mit seinem dritten Davidssteine in Versen die Klage, dass man das Hochste, was ein Weib geistig einem Manne sein konne, doch nie ohne die Vertraulichkeit der Sinne gewinnen konne ... Die volle Unterschrift: "Dominicus Nuck" beleidigte Stadt und Land ... Seine Freunde sogar sprachen von einer plotzlichen Enthullung des "Pferdefusses" ... Goldfinger junior, inzwischen mit Johanna Kattendyk vermahlt, ruckte ihm aufs Zimmer und stellte ihn uber diese muthwillige Zerstorung des Rufes der Familie zur Rede ... "Kummern Sie sich um Ihre heilige Botanik oder, wenn Sie wollen, um unsere Conto-Currentbucher!" war die Antwort ... Es war nur Eine Stimme, der Oberprocurator hatte sich so nur in Lucinde Schwarz verlieben konnen und diese widerstand ...

Benno arbeitete zwar noch bei dem unheimlichen Mann, streifte aber inzwischen leise alle Fesseln ab, die ihn noch an seine gegenwartige Stellung gebunden hielten ... Auch seine Heimats-, seine Adoptions- und Unterthanenverpflichtungspapiere revidirte und ordnete er ... Er wollte nach Italien ... Seine Forschungen gingen mit Hulfe des Onkel Dechanten weit uber Borkenhagen bis nach Kassel hinaus, wo die uber die ersten Lebensjahre eines Julius Casar von Montalto gebreiteten Schleier nur noch von zwei Todten, dem Kronsyndikus und seinem Adoptivvater Max von Asselyn oder von seiner Mutter ganz gelustet werden konnten ... Benno hatte bei allen diesen Unternehmungen nur zu huten, dass nicht Thiebold, der im August aus England zuruckgekehrt war, mit seiner gewohnten "Wissbegierde" hinter sein neues, zur Enthullung noch nicht reifes, auch vor dem Tode des Dechanten wol vollig unmogliches Leben kam ...

Thiebold hatte die Reise nach England im Interesse seiner canadischen Holzgeschafte machen mussen und, wie sich erwarten liess, er kam hochst elegisch gestimmt zuruck ... London ist nicht gemacht zum Romantischen! sagte er ... In dem Gewuhl der Weltstadt war er dem Obersten von Hulleshoven, seinem Lebensretter, nur ein einziges mal begegnet und ohne Armgart ... Letztere war auf dem Lande bei Lady Elliot ... Und da er erfuhr, dass auch gerade Terschka dort zum Besuch war, hielt er es fur "unter seiner Wurde", sich dort anmelden zu lassen ... Nur die Grafin Erdmuthe und Porzia Biancchi sah er in London und begleitete beide in ein Bibelgesellschaftsmeeting, zu dem sie vom Lande hereingekommen waren, und dann eine Strecke am Themseufer entlang auf der Ruckreise nach dem Landsitz der Lady ... Er hatte, erzahlte er, nur aus allem, was er mit ihr verhandelt, das Eine herausgehort, wie Terschka wieder in hochsten Gnaden bei ihr stunde ... Vom Obersten wusste schon Benno, dass seine kuhle Gesinnung gegen den katholischen Glauben von den Erfahrungen herstammte, die er in Canada gemacht ... Das Leben in den Klostern von Monreal hatte Anlass zu gerichtlichen Untersuchungen gegeben und Hedemann hatte dann mit einer angeborenen pietistischen Anlage den Obersten auf ihren Reisen vollends angesteckt ...

Auch Bonaventura erfuhr diese Mittheilungen ...

Da sein Auge, traumerisch und irrend, immer nach dem Thal von Castellungo gerichtet war, so mussten die reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiet der katholischen Kirche mehr denn je Gegenstand auch der Unterhaltungen werden, zu denen er die Freunde ofters bei einem einfachen Mahl in seinen Zimmern einlud ...

Benno's Gesichtspunkte waren ausschliesslich politische ... Er sah in der Kirchenspaltung den Untergang Deutschlands ... Er hasste das Betonen kirchlicher Streitigkeiten und lehnte deshalb auch die Anspruche ab, die der Protestantismus auf grossere Vorzuglichkeit machte ...

Wenn man den katholischen Glauben, sagte er, von dem Zwang, innerhalb kirchlicher Gemeinschaft leben zu mussen, befreien und die Verbindlichkeit der Autoritat fur die Freiheit des Gewissens aufheben konnte, so liegt eine freundlichere Lebensauffassung in all unsern Ceremonien, als im Pietismus ... Haben Sie in Gegenwart der Grafin je eine wahre Freude uber die Schonheit des Meeres und den blitzenden Spiegel der Wellen aussern durfen, als Sie mit ihr die Ruckreise machten, oder haben Sie irgendeinen weltlichen Gegenstand unbefangen nennen konnen? Hedemann hat uns wenigstens in Witoborn auf jede naturliche Aeusserung unserer Empfindungen einen scheinbar frommen, im Grund aber rechthaberischen Dampfer zu legen gewusst ...

Bonaventura nannte indessen seinerseits die Erscheinung des Protestantismus nur deshalb unvollkommen, weil er n u r durch das Bedurfniss, einen polemischen Gegensatz aufzustellen, hervorgerufen ware ... Der Pietismus, sagte er, das ist ein Versuch, aus dem Protestantismus wieder zur Religion zuruckzukommen; denn Protestant sein, heisst nicht: Christ sein, sondern nur: Nicht-Katholik sein ...

Und man musse sich allerdings, fuhr er fort, eine Zeit denken konnen, wo auch der Katholicismus in seiner jetzigen Gestalt aufhorte ... Die Verbreitung der Philosophie wurde dann bis in die kleinsten Hirtenthaler Spaniens und Siciliens gedrungen sein ... Ich verstehe, sagte er, unter Philosophie eine Aufklarung, die ihre Resultate mit verstandlichen Allgemeinbegriffen in die Welt hinausgehen lassen kann ... Dann wird die Frage nur noch lauten: Was ist rein christlich? ... Dann werden sich Protestanten und Katholiken begegnen mussen im apostolischen Gemeindeleben ... Auf welchem andern Grunde soll man sich zuletzt wieder die Hande reichen, als auf dem der Bibel? ...

Mit Thiebold's schuchterner, aber fast mit latentem Fanatismus hingeworfener Bemerkung zu Benno: "Vorausgesetzt dass man uberhaupt kein Heide ist, wie denn doch wol mehr oder weniger Ihr Fall, mein bester Freund!" schloss die Debatte im Scherz ...

Ohne zu auffallende Erlebnisse, ohne ein Lebenszeichen von Westerhof, ohne die Ankunft der Grafin Erdmuthe, nahte sich schon der Spatsommer ... Benno wurde indess erkoren, der Ueberbringer der Pacten zu sein, die bereits die Agnaten der Familie Paula's, die Landschaft und die Curie von Witoborn dem Grafen Hugo zur Unterschrift vorlegen wollten ... Der Prasident von Wittekind, Bonaventura selbst waren an diesen Pacten betheiligt und jener erschien dann auch plotzlich in der Residenz des Kirchenfursten ...

Benno und Bonaventura wurden durch seinen Besuch in jeder Beziehung uberrascht ...

Kein sturmischer, aber auch kein kalter Gruss war es, mit dem er Benno in der That seinen Bruder nannte ... In der darauf folgenden kurzen Umarmung lag ein ganzes Leben ...

Die Sehnsucht Benno's, Mutter und Schwester kennen zu lernen, fand der sonst dem Abenteuerlichen wenig geneigte Mann naturlich ... Die Mittel, eine Reise nach Wien und Italien zu unternehmen, wurden reichlich von ihm dargeboten ...

Das Band des Blutes zwischen beiden Mannern war so eigenthumlich bedingt, dass sie sich anfangs ohne Wallung des Errothens nicht ansehen konnten ... Die in solchen Lagen so oft vom Gemuth vorausgesetzte Gegenwart eines unsichtbaren Geistes, der vom Land der Seligen heruber die Hande zweier so widerstrebender Interessen ineinander legt mit dem Friedenswort: Seid einig! konnte hier nicht vorausgesetzt werden ... Was sie umrauschte war der mitternachtige Flugelschlag der Eule ...

Der Hinblick auf Wien auf die gemeinsame Schwester mehrte den unheimlichen, erschutternden Eindruck ...

Der Prasident kam als Vertreter der Agnatenanspruche und als nachster Verwandter Paula's, er dachte uber die Nothwendigkeit dieser Ehe ganz wie Monika ... Eine Schonung Bonaventura's, wenn sie ihm auch vielleicht als zu uben bewusst war, forderte nicht die Stellung eines Priesters und uberhaupt eines solchen, wie sein Sohn ... Eher war die Erwahnung des Grafen Hugo um Benno's willen mislich ... Er erzahlte von Angiolina, von der Herzogin von Amarillas, was er mit Vorbedacht erkundschaftet hatte. Sie werden vorziehen, den Namen der Asselyns fur immer zu behalten und fortzupflanzen, da er ohne Sie aussterben wurde! sagte er zum Bruder, den er nicht Du nannte ... Die Gultigkeit der betrugerisch geschlossenen Ehe des Kronsyndikus musste wiederholt zur Sprache kommen ... Geld wurde es auf alle Falle reichlich kosten, sagte er, bis die Sacra-Dataria in Rom, naturlich erst nach dem Tod des Dechanten, zu Ihren und Angiolinens Gunsten Ihre Deutungen des kanonischen Rechts geltend machte ... Auch in unserm Land wurde dann die Anerkennung nur ein Gnadenact der Krone sein konnen, der sich kaum verburgen liesse, da die Herzogin von Amarillas nicht einmal die Klagerin ist ... Sie wird sich huten, das Verbrechen der Bigamie auf sich zu laden ... Sie wird immer sagen, dass sie zuletzt den Betrug durchschaut hatte ... Ich bin begierig auf Ihre Begegnung mit ihr ...

Die Auffassungen des Prasidenten widerstrebten zwar einer Verbindlichkeit derjenigen Ergebnisse nicht, die etwa Benno von einer Begegnung mit seiner Mutter heimbringen wurde, nannten aber die katholische Lehre von der Ehe gefahrvoll und den bekannten Ehen des Schmieds von Gretna-Green nicht im mindesten unahnlich ... Julius Casar von Montalto war ein von der Mutter hergenommener Name, die sich Maldachini nur als Sangerin nannte ...

Bonaventura vertheidigte die Einfachheit der katholischen Ehe ...

Sie ist ein letzter Rest der apostolischen Zeit ... sagte er ... Die burgerliche Gemeinde war damals die Kirche und die Kirche war die burgerliche Gemeinde ... Zwei Liebende sagten vor dem gemeinschaftlichen Genuss des Abendmahls: Wir sind Eins! und keine Macht der Erde konnte sie trennen ...

Leider auch die Kirche nicht mehr! ... setzte der Prasident seufzend hinzu ... Gewiss sollte dann auch hier der eigene Wille hoher stehen als ein Mysterium, das ein Mysterium zu sein aufhort, wenn sein Duft verflogen ist, die Liebe ...

Die eignen Familienbeziehungen wurden fur die Fortsetzung des Gesprachs zu schmerzlich ...

Den heftigen Anklagen des Prasidenten gegen Terschka, Rom, die Jesuiten, Nuck konnten die Freunde nicht widersprechen ... Auch hier hatte Friedrich von Wittekind Zusammenhange, deren Kenntniss ihm nur aus amtlichen Quellen gekommen sein konnte ... Dennoch rieth er Benno, Nuck nicht ganz aufzugeben und jedenfalls die Reise nach Wien im Auftrag der Dorste'schen Agnaten zum aussern Anlass seiner weitern sudlichen "Entdeckungsfahrt" zu machen ... Nur lassen Sie sich kein rothes Kreuz aufheften, um in papstliche Dienste zu treten! fugte er hinzu ... Wenn Sie indess von Nuck an den Staatskanzler empfohlen werden, das nehmen Sie als interessante Reiseerinnerung! ...

Ich wurde wie Posa reden! ... scherzte Benno ...

Thun Sie das ja nicht! Dann gibt er Ihnen eine Anstellung! entgegnete der Prasident ...

Man stritt uber diesen Scherz ... Der Prasident sagte: Glauben Sie mir, der Staatskanzler stellt jeden noch so freisinnigen Posa an, der von guter Familie und katholisch ist ... Es hat aber gute Wege damit ... Sprachen Sie ihn, Sie wurden den klugen Mann so liebenswurdig finden, dass Sie nicht ein einziges freisinniges Wort gegen ihn aufbrachten ... Er wird sogar liberaler sein als Sie wenigstens furchtet er mehr als wir die Jesuiten ... Wenn er jetzt den Schein annimmt, Rom beizustehen, so ist es nur, um unsern Staat zu schwachen ... Aber auch das wird er in Abrede stellen und dem jugendlichen Sinn jede Zustimmung abschmicheln ...

Bonaventura und Benno blieben Welfen nicht im hierarchischen Sinn, sondern so wie Bonaventura einst zu Klingsohr hatte sagen konnen: "Nichts will im Grunde die Freiheit der Volker und des Menschen mehr, als die katholische Kirche!" ...

Der Prasident besuchte, zur Beruhigung des Dechanten, noch Kocher am Fall ... Er hatte sich als Beamter zur Disposition stellen lassen, weil seine Erbschaft ihn zu sehr in Anspruch nahm ...

Einige Wochen spater war Benno zur Abreise bereit ... Bonaventura hatte kein Wort von Paula gehort ... Ihre ekstatischen Zustande dauerten fort, aber ihn selbst schien sie aus ihrem Leben gestrichen zu haben ... Es lag eine seltsame Strenge, eine Strafe in diesem Schweigen ... Er litt unsaglich ...

Benno erhielt von Nuck die Papiere, die dem Grafen Hugo vorzulegen waren. So sehr er sich dagegen straubte, musste er dennoch Depeschen an Ceccone und den Staatskanzler mitnehmen ... Er konnte dies in der Fulle der ihm ubergebenen Auftrage nicht ablehnen ... Der Dechant empfahl ihn an alle seine alten wiener Freunde und besonders Einen, bei dem er wohnen sollte ... Benno nahm dies an, obgleich er einsah, dass es ihn sofort nach Rom ziehen wurde ... An die Moglichkeit, dass und in welcher Form Ceccone wagen konnte, die Herzogin von Amarillas sich nachkommen zu lassen, konnte niemand von den enger Verbundenen glauben ...

Thiebold blieb ausserhalb aller dieser Geheimnisse und litt unter der Trennung von Benno wie ein Liebender unter der Trennung von seiner Geliebten ... Sein "Halt", seine "Fuhrung" war dahin ... Doch zerfloss er nur in jene bekannte Sentimentalitat, die sich vor dem Uebermass der Selbstruhrung durch Poltern zu bewahren sucht ... Er packte Benno's Koffer, revidirte seine Garderobe und zerstorte ihm seine alten Brieftaschen, Haar- und Nagelbursten, um ihm nur ein prachtvolles englisches Reisenecessaire zum Andenken mitgeben zu durfen ...

Nicht ebenso "unausstehlich" aufmerksam, aber theilnehmend waren auch alle andern Bekannte Benno's ... Nur Piter hatte sich seit einiger Zeit zuruckgezogen ...

Noch am Abend vor Benno's Reise kam Thiebold zu Bonaventura ins Domkapitel, wo er hoffen konnte Benno zu finden, und erzahlte athemlos einen "schonen Skandal" ... Piter hatte Treudchen Ley gewaltsam aus dem Kloster entfuhrt ...

Denken Sie sich, erzahlte er, Piter soll bereits schon einmal im Kloster gewesen sein und zwar auf welchem hoffentlich "nicht mehr ungewohnlichen" Wege? ... In einem Waschkorb! ... Ich versichere Sie auf Ehre! Eingepackt als Leinzeug, das von einer im Kloster gehaltenen Nahschule gesaumt, gesteppt, gezeichnet, gewaschen und gebugelt werden sollte ...

Bonaventura schlug die Augen nieder ...

Dieser Ueberfall, fuhr Thiebold fort, misgluckte damals ... Aber Sie wissen ohne Zweifel, Herr Domkapitular, die kleine allerliebste Blondine, die bei seiner verstorbenen Schwester diente diese fur ihn unbegreiflicherweise nein, um es aufrichtig zu gestehen, ich kann mir diese Verirrung seines Geschmacks, "wenn Sie wollen" erklaren ... Nicht nur nicht, dass die Kleine wirklich ein Bild von Schonheit, von Sanftmuth, von Anmuth ohne Spass sondern auch dass sie

"Mehr Inhalt, weniger Kunst!" unterbrach Benno ...

Thiebold, gewohnt, von Benno'schen Dialog-Hindernissen gereizt zu werden, horte nicht auf die Mahnung, sondern wandte sich an Bonaventura, der sein Studirzimmer den Freunden bereitwillig zum Rauchen hergab, und fuhr fort:

Sagen Sie selbst, Herr Domkapitular, finden Sie es nicht auch begreiflich? ...

"Nicht nur nicht " schaltete Benno ungeduldig ein ...

Wer sich nur irgend auf Piter's Standpunkt zu versetzen weiss sagte Thiebold, jede Sylbe betonend ...

Ich kenne das junge Madchen und wunsche jedem Gluck, der dessen Liebe gewinnt schaltete Bonaventura zur Beruhigung ein ...

Vollkommen meine Ueberzeugung! ausserte Thiebold mit einem Mitleidsblick auf Benno ... Nur eine "dergleichen Acquisition" konnte "Piter's Naturell Befriedigung gewahren" ... Eine Liebe darf manche Charaktere nicht "geniren" ...

Kurz, Thiebold erzahlte von einer Verkleidung, in der sich Piter ins Kloster geschlichen hatte ... Fruher ware er im Waschkorb gekommen, diesmal aber als Mitglied der weiblichen Nahschule selbst ... Er hatte nicht einen einzigen seiner Sherrypunschfreunde zum "engern Complicen" gehabt. Der Gedanke ware ganz original aus "seiner Seele allein" entsprungen. Vielleicht hochstens mit Hinzuziehung des Frauleins Lucinde, die dem Treudchen diese Partie gonnte "vermuthete" Thiebold ... Piter hatte sich in den einfachen Anzug einer Naherin geworfen, hatte seine interessante Erscheinung durch einen Strohhut mit Schleier unkenntlich gemacht und ware so ins Kloster gekommen ... Das Gluck hatte ihn begunstigt und vor einem zu langen Umherirren bewahrt ... Treudchen Ley ware bald aufgefunden gewesen, er hatte sie in ihrer Zelle uberrascht und ihr solange Thiebold bediente sich des auf Piter anwendbaren Ausdrucks "zugesetzt", bis das schwache, willenlose Madchen eingewilligt und mit ihm durch die Gange, die ins Waisenhaus fuhrten, das Kloster verlassen hatte ... Dort hatte sie noch erst ihre Geschwister unter Thranen gekusst und ware dann spurlos verschwunden ... Piter hatte ohne Zweifel den Weg nach einer Gegend genommen, die derjenigen vollig au contraire gewesen ware, aus der er jetzt "mit seinem Hause" correspondire ... Sein Schwager, der Professor ausser Diensten, hatte im Sturm der Indignation sofort Procura bekommen, wahrend die Commerzienrathin die "gewohnliche Farbe ihrer Scheitel aus Anstandsrucksichten ins Kummergraue melirt" hatte ... Ohne Zweifel wurde Piter nach einigen Monaten an der Hand seines jungen Weibchens "am Platz" zuruckkehren und hochstens nur noch mit den Curatoren des von ihm entweihten Klosters, namentlich mit dem wiederhergestellten Pfarrer vom Berge Karmel, "einen schonen Tanz kriegen" ...

Bonaventura horte alledem zu, wie ein Arzt seinen Kranken reden lasst und durch kein Lacheln verrath, dass die ihm mitgetheilten Symptome ihm in nichts uberraschend, wenn auch auf vollig andere Ursachen hinzuleiten erscheinen, als sie der Kranke ausspricht ...

Die Belustigung seiner Freunde uber "Piter als Nahmamsell" konnte Thiebold, trotz des Verdachts der Blasphemie, "nicht umhin" zu theilen und versprach sich davon fur den stadt- und landersehnten nachsten Carneval ein "anregendes Motiv" ...

Benno reiste am folgenden Morgen ab und Thiebold gab ihm das Geleite bis auf eine Tagereise, Bonaventura nur bis zur Abfahrt des Dampfboots ... In seinem letzten Blick und Handdruck lag ein tiefes Bangen vor den Erfahrungen, denen Benno entgegenreiste ... Die Ruhrung des Abschieds konnte nicht zum vollen Ausbruch kommen Thiebold's wegen, der theils mit den Koffertragern zankte, theils dem Abschied der Freunde und den etwa dabei fallenden "letzten Wunschen" ein aufmerksames Ohr lieh ...

Nach einem jener abwechselungsreichen Tage, wie man sie auch nur auf einem menschenuberfullten Dampfboot und dann nur mit Thiebold de Jonge, der Seele einer solchen Fahrt, verbringen konnte, nahm Benno auch von diesem Abschied ... Sie hatten noch eine Nacht in einem der schonen Hotels zugebracht, deren sich in der Nahe des Grabes der heiligen Hildegard mehrere erheben ... Wieder brach ein milder, sonniger Herbsttag an, als Thiebold fruhmorgens thalwarts, Benno bergauf weiter fuhren ... Ihr Abschied war, wie Thiebold versicherte, nur auf kurze Zeit ... Der Landtag, der seinen Vater beschaftigte, trat zwar zusammen, wurde aber der von der Ritterschaft und den Stadten beabsichtigten Antrage zu Gunsten des Kirchenfursten wegen sogleich aufgelost werden ... Er wurde dann nicht verfehlen, ihn eines Morgens in "Oesterreich und Umgegend" zu uberraschen ...

Im Fremdenbuch ihres Hotels hatten sie den Namen Schnuphase gefunden ... "Stadtrath" Schnuphase ... Der von der Commune wegen seiner kirchlichoppositionellen Richtung durch diesen Titel ausgezeichnete Mann reiste, wie zu lesen stand, gleichfalls nach Wien ... Prachtige "Unterholtung" das! sagte Thiebold. Ein "Ersotz" fur m e i n e "unfreiwillige Komik" ...

Dieser letzte "Stich" vertrieb die Ruhrung nicht, mit der sich beide Freunde umarmten ... Auch von Thiebold nahm Benno Abschied in dem seltsam ihn beschleichenden Gefuhl, ihn nie wiederzusehen ... Er musste sich abwenden, um das flatternde Taschentuch nicht mehr zu bemerken, mit dem ihm Thiebold so lange seine Grusse zuwehte, bis der Dampfer, der ihn trug, hinter dem grunen Vorgebirge des Niederwalds verschwunden war ...

Benno's Schiff ging spater und legte in Rudesheim an, um Guter und Passagiere aufzunehmen ...

In der That wurde ihm hier Stadtrath Schnuphase als Mitpassagier zu Theil ...

Herr Maria mit der rothesten Nase, sonst wie zu einer Audienz, in weisser Weste, im Frack, weisser Halsbinde, erschien auf der Landungsbrucke und liess eine Menge Koffer, eine Equipage von wenigstens zehn Centnern Uebergewicht aufladen, darunter eine Kiste, der er eine Aufmerksamkeit widmete, als ware sie ganz mit Monstranzen, Messgewandern oder consecrirten Kerzen gefullt ...

Anfangs bemerkte er Benno nicht ...

Herr Maria war in einem zartlichen Abschied begriffen von einer hohen Gestalt, die ihm kraftiglich die Hand schuttelte ...

Benno erkannte den Moppes'schen Kufer, den Richter von der Eiche am Dusternbrook, den Richter seines eigenen Vaters, Stephan Lengenich ...

Wohl war ihm diese Begegnung eine unheimliche ... Er wich Schnuphasen aus, ergriffen wie von einem Omen ...

Doch allmahlich, als das Schiff weiter fuhr und Benno, gegen den noch kuhlen Morgenwind in einen Mantel sich verhullend, vom Verdeck aus den Kufer lange auf der Brucke harren und mit abgezogenem Hut dann und wann noch den Stadtrath zum Scheiden grussen sahe, loste sich der Druck der Erinnerung, der mit eisigen Krallen sein Herz erfasst hatte ...

Auch der Stadtrath hatte ihn jetzt entdeckt, erkannt und mit Bewillkommnungen uberhauft ...

Wo reisen Sie hin, Herr Stadtrath? ... Auch nach Wien? ... fragte Benno gelassen ...

Herr Maria hatte Benno vor Freude uber eine solche Reisebegleitung fast umarmt ...

Eben fuhren sie am Johannisberg voruber ...

Er schilderte geheimnissvoll, was er oben gestern und heute gesehen auf dem in der Sonne leuchtenden Schlosse ...

Er schilderte die "Oportements", den beruhmten Schreibtisch, der ganz mit "S piegeln" umgeben ware, sodass der hohe "S totsmonn", indem er die Feder fuhrte, immer sehen konnte, ob hinter ihm die "demogogischen Umtriebe" ...

St! ... unterbrach Benno ... Die Kellerei! ... Erzahlen Sie von der! ...

Der vor Begeisterung auch uber diese Keller, wie er sagte, "sich noch in einem ungefruhs tuckten Zustonde befindliche" Stadtrath machte eine bedeutungsvolle Miene, sah nach Rudesheim zuruck, dann auf sein Gepack und brach von dieser Frage mit eigenthumlicher Pfiffigkeit ab ...

Ich glaube gar, Sie haben geheime Auftrage an den Staatskanzler? fragte Benno ...

Wieder folgte eine mysteriose und diplomatische Abschwenkung ...

Die Nase gluhte in der Sonne ... Das weisse lockige Haar stand dem kleinen Haupte ganz staatsmannisch und bedeutungsvoll ...

Benno gab sich der Hoffnung hin, dass ihm seine Reise wenigstens von dieser Seite her Unterhaltung bieten wurde.

5.

Stadtrath Schnuphase hatte den Mentor gefunden, den seine in diesem Sommer mannichfach gepruften Tochter mit Verzweiflung vermissten, als sie horten, Herr Stephan Lengenich wurde nur bis zum Schloss Johannisberg mitreisen ...

Sie wussten, wie der Vater bei seiner enthusiastischen Gemuthsart in der freien Luft, beim Anblick der hohen Dome, Domstifte, Kapellen, Kerzen und Schenken aus sich "herauszugehen" pflegte ... Erst in Wien selbst war Aussicht vorhanden, dass der so leicht angeregte Mann durch seine mitgenommenen Empfehlungen in eine geregelte Ueberwachung kam ...

Schon von Frankfurt am Main aus schrieb Schnuphase seinen Tochtern das Gluck, das er gefunden, den Herrn Baron von Asselyn als seinen Begleiter zu haben ...

Es war ein Gluck, das Benno theuer bezahlen musste ... Denn Schnuphase heftete sich an ihn an wie eine Klette ... Und einen Auftrag an den grossen Staatsmann hatte Schnuphase auf jeden Fall ... Worin errieth Benno nicht ... Schnuphase, der ihn sonst bis in das Innerste seines Busens, bis auf alle geheimen Medaillen und Amulete, die er unter dem blossen Hemde trug, sehen liess, vermass sich hoch und theuer, hierin musse er schweigen er hatte sich und seinem Schutzpatron drei Eide abgelegt doch wurde er bei dem grossen Staatsmann fur Herrn von Asselyn sprechen, falls er die Bekanntschaft wunschte; er wurde ihn einfuhren, ja, wenn er wollte, zu seinem "Mitbevollmachtigten" machen ...

Ums Himmels willen ! ...

Benno wollte erst im Scherz zustimmen, erschrak aber uber die Moglichkeit, dass der Stadtrath wirklich in Sachen der Politik reiste ... Er konnte nicht auf den Grund kommen, ob es sich um den Weinkeller oder um die Staatskanzlei handelte ... Schnuphase bat ihn, seinen "Chorocter" nicht zu compromittiren, indem er ihn reize, seine Geheimnisse zu "offenboren" ...

Sonst liess sich der kuhnste aller Emissare, wenn er dies war, in seiner ganzen Auffassung der Zeit und der schwebenden Fragen ohne alle Rucksicht gehen ...

Schnuphase hatte zwei Brieftaschen, die er bei jedem Stundenschlag zog ... Eine schien mysteriosen Inhalts ... Sie hing, wie Benno allmahlich bemerkte, mit den Tageszeiten, Rosenkranzverpflichtungen und den dadurch gewonnenen Ablassen zusammen ...

Von Wurzburg hatte Schnuphase gern nach dem Wurtembergischen hinubergeschwenkt ... Bei Ellwangen lag die uralte Kirche der vierzehn Nothhelfer ...

Nur durch das Verlangen, zu beobachten, wie ihm das bairische Bier bekommen wurde, vermochte ihn Benno zu einem schnelleren Betreten Altbaierus ...

Das thurmreiche Augsburg konnte nicht unberuhrt bleiben ... Mit Sehnsucht blickte Schnuphase, der dabei nie unterliess, als "Reisender" auch in seinem Geschaft zu wirken und bei allen Sakristeien anzuklopfen, auf die fern aufragenden Voralpen, wo die hochheiligen Wallfahrtsorte Andechs und Altotting lagen ...

Zwischen Augsburg und Munchen erfuhr Benno zwar noch immer nichts von Schnuphase's diplomatischer "Mission", aber von der geistlichen Partie derselben lufteten sich Schleier ...

Schnuphase hatte Commissionen aus Belgien und Paris ... Er brachte Medaillen, Wunderwasser und Rosenkranze in allen Formaten, wie sie die neue geistliche Thatigkeit von Rom und Paris aus segnen und mit jenseitigen Wohlthaten erkraftigen liess ... Er selbst war Mitglied "fast zu vieler" Vereine, wie er sagte, und suchte Benno fur den Eintritt wenigstens in einige zu interessiren ... Mit dem Flusterwort: Ich bin Rath eines Rosengartens! erklarte er Benno den "marianischen Bund" ...

Diese Erzbruderschaft will den Rosenkranz als ein Lebendiges, in den Personen Vertretenes darstellen ... 15 Personen stellen eine Rose vor; 11 Rosen, also 165 Personen einen Rosenstock und 15 bluhende Rosenstocke einen Rosengarten ... Schnuphase beaufsichtigte demnach einen Rosengarten von 2475 Personen oder, wie er im Styl der Andacht sagte, "von reuevollen und demuthigen Seelen" ... Die Ablasse, die die Mitglieder gewinnen, sind solidarisch und kommen nicht aus dem Verdienst des Einzelnen, sondern aus dem der Gesammtheit ... Man l o o s t sie aus, sodass die Hoffnung, eine Seele gewanne durch die Verpflichtung dieser Erzbruderschaft einen Ablass von hundert Tagen oder eine Verkurzung der Pein im Fegefeuer etwa von hundert Jahren, sich nicht auf das eigene Verdienst, sondern auf das Verdienst eines Mit-Rosenblatts begrundet ...

Von dieser liebeseligsten aller Gemeinschaften konnte Schnuphase nicht reden, ohne dass in der That alle Rosen auch seines Antlitzes in ihren gluhendsten Farben spielten ...

Das zweite Buchelchen enthielt die Stunden und Tage der Ablasse, die sich Schnuphase durch Verrichtung der von den verschiedenen Genossenschaften, zu denen er gehorte, vorgeschriebenen Devotionen erwarb ...

In Munchen lebte Benno den Eindrucken der Kunst ...

In einem Kaffeehause traf ihn aus einer Zeitung, die er zufallig las, die Nachricht, dass in Wien eine Menge Romer, auch ein Principe Rucca angekommen ware in Begleitung der Grafin Olympia Maldachini, seiner Verlobten, und der Herzogin von Amarillas.

Er sprang vom Tische auf ... So nahe ruckte ihm die Entscheidung! ... Doch, doch folgte die Mutter dem Cardinal! ... Ha, rief es in seinem Innern, Du wirst diese Menschen in glanzenden Carrossen an dir voruberfahren sehen, wirst vor ihnen entfliehen mussen ... Wie kannst du einen Tag in solcher Nahe bleiben! ...

So grubelte er verzweifelnd und doch wieder hocherhoben ... Das Schicksal kommt dir entgegen! rief er ... Es liess ihn jetzt nicht mehr unter den Bildern, Statuen, Baumonumenten, unter den Lacherlichkeiten Schnuphase's ...

Dieser war ganz der Vertreter der Lehre, dass die katholische Kirche die heiterste Lust am Dasein segne und heilige ... Wie gute Geschafte er machte ... Wie kunstkennerisch er vom Bier zu reden begann, obgleich ihm nachtlich der Schlagfluss drohte ... Wie viel Verbindungen er knupfte und zwar heiterster Art ... Beim Pschorr, beim Hackerbrau endete, was im Sanct-Peter, der altesten Kirche der schonen Stadt, begonnen ... Der machtigsten Bruderschaft "MariaHilf" gehorte Jean Baptist Maria bereits in ihrer belgischen Verzweigung an ... Wie heimisch war ihm nun das Gefuhl, den munchener Sanct-Peter zu betreten, von dessen Kanzel herab 1683 jene Bitten an die Gottgebarerin ertonten, die nachst Sobieski's Sabel die Turken von Wien entfernten ... Sie wurden Anlass zu unserer deutschen "Maria vom Siege" wie die Schlacht von Lepanto und Don Juan d'Austria's Sieg einst zur italischen ... Kam Schnuphasen ausser dem Anblick von zahllosen Kerzen an diesem hochberuhmten "privilegirten" Altar von Sanct-Peter (einen "privilegirten" Altar zu sehen, ist dem glaubigen Gemuth ein Genuss, wie euch Weltlichen nur der Anblick einer classischen Stelle Italiens) ein weltlicher Gedanke, so war es der: Der Verein "Maria-Hilf" ist recht gemacht fur eine Stadt der Maler ... Jedes Mitglied desselben muss bei seinem Eintritt geloben, ein Bild der allerseligsten Jungfrau im Hause zu haben ...

In Regensburg, wohin Benno seinen Gefahrten muhsamer und muhsamer geschleppt hatte und wohin ihn zuletzt nur die Angst beschleunigte, es konnte seine dorthin auf dem Donau-Main-Kanal nachdirigirte Bagage und vorzugsweise die geheimnissvolle Kiste verloren gegangen sein, bestiegen beide das Dampfboot ...

Eine herrliche Donaufahrt dann! ... Die Passagiere: Soldat, Bauer, Burger, w i e n e r Burger, Baron, o s t e r r e i c h i s c h e r Baron, Geistliche; Passauerinnen, die mit ihren Augen die "possauer Kunst" uben sagte Schnuphase ... Linzerinnen, hubsche, "doch etwas gor zu blosse" junge Madchen mit grossen goldenen Helmen auf dem Kopf "die schon alle mit russischen 'Herrschoften' scheinen gereist zu sein " schmunzelte er ...

Es war ein Gemisch, das sich an Buntheit sicher noch vermehrt hatte, ginge nicht noch immer die "Ordinari", ein grosses Floss, das Thiebold als Holzhandler vielleicht aus Esprit de corps und "einmal zur Abwechselung" vorgezogen hatte ...

Hinter Passau folgte die Revision der Passe ... Die Identificirung der Personen ... Schnuphase flog so eifrig von der ersten "Voslauer", einem Wein, den er vorzugsweise zu studiren begehrte, auf und reichte seinen Pass so kuhn uber die Haupter aller Handwerksbursche hinweg, dass ihm Benno sagte: Aber machen Sie sich doch durch ubermassige Loyalitat nicht verdachtig! ...

Die Gepackrevision vermehrte Benno's Staunen uber Schnuphase's Mission ... Die Mauthbeamten lasen gewisse ihnen vom Stadtrath dargereichte Zettel, griffen ehrerbietigst an ihre Mutzen und liessen alles ununtersucht ...

Die geheimnissvolle Kiste, sah er bei dieser Procedur, war mit Wappensiegeln verschlossen ...

Benno's Gemuth gerieth in immer tiefere Spannung abwechselnd der Freude und Trauer ... Er sah in die hellgrunen Wellen wie in einen Krystallspiegel mit magischen Bildern ... Er verglich, was ihm wohler gethan: Sein alter Irrthum oder jetzt die Wahrheit! ...

Die grunen Berge, die den Strom verengten, konnte er nicht sehen, ohne sich nicht auf ihren Spitzen Armgart zu denken ... Welche neue Erscheinungen standen ihm bevor ... Wie sollte er sich ihnen nahern ... Unter welchen Veranlassungen ... Er sah voraus, dass er, wie sein Bruder gesagt hatte, vielleicht vorziehen wurde, das zu bleiben, was er war ...

In scharfen Contouren lagen die schon von frischgefallenem Schnee glanzenden steirischen Alpen vor seinem wehmuthumflorten Auge ... Die an den Ufern des buchten- und windungsreichen Stromes liegenden Stadte schimmerten in heller Pracht mit ihren uber und uber weissgetunchten Hausern und Kirchen ...

Linz war erreicht ... Ein kurzes Nachtlager ... Dann die "Wirbel und Strudel", die mehr zu reden als zu furchten gaben ... Mitten in der Stromung auftauchende "Auen" und Inseln erinnerten an die "Weerthe" des andern geliebten Stromes an "Lindenwerth" ... Mit schmerzlichem Sinnen gedachte Benno des vorjahrigen Herbstes und seiner verklungenen Hoffnungen ... Eine verlorene Liebe ist wie die zerstossene Perle, die den Becher eines ganzen Lebens wurzt wie der Tropfe zerflossenen Goldes, mit dem auf der Palette ein Maler alle seine Farben mischt ...

Benno sah jetzt, je naher er Wien kam, alles feierlich und geheimnissvoll ... Mit einem Herzen voll Gluck hatte sich ihm manches zuganglicher und verstandlicher gemacht ... Das Schone weckt vielen Gemuthern ohnehin nur Trauer ... Und schon war hier alles ... Auch hier ragten die hohen Bergkanten schroff empor wie der Geierfels und das Huneneck ... Auch hier blinkten im wilden Gestrupp der Busche, im Geroll zerbrockelnder Burgmauern die Edelsteine der Sagen aus alten Zeiten ... Auch hier konnte auf so mancher Altane das Auge einen im Wind wehenden Schleier und das Winken der Gefangenen mit ihres Geliebten bunter Scharpe sehen ... Hohe Schlosser ragten wie Schloss Neuhof, seines Vaters stolzer, erinnerungsdusterer Stammsitz ... Diese hier bargen Chorherren und Monche ... Bonaventura hatte grosse Verehrung vor ihnen, weil ihre Bewohner, Benedictiner, den Wissenschaften oblagen ... Oft im Fruhjahr, nach dem Kampf mit Rother, ausserte er die Meinung, sich hieher oder in die alten Bibliotheken der Schweiz fluchten zu konnen ... In einzelnen Booten und auf Flossen sah man Processionen, die zu Maria-Taferl wallfahrteten ...

Viele von den Pavillon-Passagieren kamen jetzt erst aus den Badern zuruck ... Es fanden Erkennungen und Begrussungen statt, auch Misverstandnisse und Entschuldigungen ... Dicht an vier in Linz aufgefahrenen kleinen Wagen mit dem uberraschenden Inhalt von Lowen und Tigern, die als Nachzugler zu einer in Wien schon befindlichen Menagerie gehorten, erklarte ein Witzbold die Gefangennahme Richard Lowenherzens auf dem gegenuberliegenden Durrenstein dahin: "Aber erlaubens, wann so ein Englander auch mit einem Lowen statt 'nem Pudel reist, hat der Herzog von Oesterreich dazumal Ursach' gehabt, den Mann einstecken zu lassen!" ...

Schnuphase war wie im Vorhof des Paradieses ... In Linz war ihm schon der Geschaftsfreund entgegengekommen, an den er empfohlen war, der Mitbesitzer der Paramentenhandlung Pelikan & Tuckmandl auf der Currentgasse ...

Herr Calasantius Pelikan war eine kleine, dicke und sehr entschieden auftretende Natur, mit pechschwarzen, fast zottigen Augenbrauen, Ringen an den Fingern, in grunem Frack, rothem Halstuch, gelber Weste, dem lustigsten Farbencontrast, ganz als ware das Erdenleben ein ewiger Fasching ...

Schnuphase schwamm in Entzucken uber diese Aufmerksamkeit, ihm so auf Meilen entgegenzureisen ... Er zog Benno in die Besiegelungen ewiger Freundschaft hinein, die den Mittelpunkt der ganzen Schiffsconversation zu bilden anfingen ... Ja, im Bewusstsein seiner vertraulichen Beziehung zu dem zweitersten Manne dieses grossen Staates ergab sich Schnuphase der sorglosesten Sicherheit, die auch bereits mit allen feineren Nuancen der von ihm erprobten Weine des Schiffskellers ubervertraut war ... Er sah im Geist den Stephansthurm umringelt von oben bis unten mit Praterwursteln ... Im "Sperl" hatte er durch Herrn Pelikan sogut wie schon einen "belegten" Eckplatz und in "Dommayer's", in "Hietzing" wurden durch ihn und die mit ihnen speisten, bereits die Backhandln rar ... An der Table-d'hote that es Schnuphase nun unter Champagner nicht mehr und Benno musste nur immer hinterrucks an seinem Sommerrockarmel zupfen, um ihn nur zu bewegen, gegen seine Tischnachbarn den grossen Allmachtigen aus dem Spiele zu lassen, den er halb schon seinen besten Freund nannte ...

Schnuphase's eigenthumliche "S proche" nannte Herr Calasantius Pelikan zum tiefsten Schmerz des Stadtraths: "Wol preussisch?" ...

Nach dem Diner schmollte daruber Schnuphase ... Dann aber, wieder ausgesohnt, war er so neckisch gestimmt, dass er's nun auf die "Donauweibeln" abgesehen hatte ... Er begab sich schwankenden Fusses nach der Vorderkajute und band dicht neben den reissenden Thieren ein Gesprach mit den blassen volksthumlichen Madchen in goldenen Helmen an, sie fragend, ob sie keine Furcht hatten vor den furchtbaren Lowen, Panthern und Hyanen oder, wie der sich ebenso schmunzelnd hinter ihm hertrottelnde Calasantius ausdruckte "vor oall den talketen Koatzen?" ...

Immer fester aber und enger schlang sich das Band der neuen Eindrucke um Benno ... Eine "Musikbanda" kam aufs Schiff und spielte gellend auf ... Bei einer Frage um den Grafen Hugo von Salem-Camphausen verwickelte sich Benno in Gesprache mit Offizieren ... Seines fesselnden Eindrucks wegen gab man sich ihm gern hin ... Er studirte das eigenthumliche, zwischen Franzosisch und Wienerisch gehaltene Plauschen der osterreichischen Aristokratie ... Der Erzahler dieser Geschichten hat das Wesen der meisten Menschen nach dem Durchtonen der von ihnen am haufigsten gebrauchten Vocale unterscheiden wollen, je nachdem die Menschen in A gesetzt sind (sie sind wurdevoll und gleichmassig), in I (sie sind verwundert und frohlich), in O (Hypochonder), in U (Mystiker), in E (Tadelnde, Nergelnde, Makelnde). Die osterreichische Aristokratie ist entschieden auf E gesetzt. Sie tadelt und kritisirt in einem fort ... Alle Erscheinungen fremder Kuchen, Keller, Sitten sind ihr "mechant"; einiges wenige ausgenommen, das sie dann freilich auch ebenso entzuckt "charmant" oder "supeeerb" findet, wozu das Zusammentreffen von Bedingungen gehoren musste, die Benno erst zu ergrunden suchte ... Seltsame Welt, die ebenso viel Selbstbewusstsein wie einen plotzlichen Mangel aller Unterlagen offenbarte ... Selbst die allgemeine Heiterkeit und Lust schien sich zuweilen in eine nur vorgehaltene Maske zu verwandeln ...

Als Schnuphase in der Kajute schnarchte, erwies sich Herr Calasantius dem Herrn Baron als ein Mann von Gefalligkeit ... Es war ein "nach Wien geheiratheter" Bohme ... Er hatte gehort, Benno wurde in einem geistlichen Hause auf der Freyung wohnen und stellte nun den Paramentenhandler heraus ... Der Onkel Dechant hatte Benno an einen alten Freund und Correspondenten, den ehemaligen Chorherrn der Pramonstratenser, Herrn Pater Grodner, empfohlen, einen Gelehrten, der an offentlichen Anstalten Unterricht gab ... Herr Calasantius Pelikan beschrieb den Mann und sein Haus ... Von seiner eigenen Niederlassung in der Currentgasse erzahlte er, es ware nahe jener Behausung, wo einst die allerseligste Jungfrau dem heiligen Stanislaus von Kostka erschienen ware und ihm das Jesuskind zum Spielen aus die Bettdecke dargereicht hatte ... Der Herr Stadtrath wurde bei ihnen wohnen ... Sein Schwager, der Herr Nepomuck Tukkmandl, ware der Herbergsvater der Goldsticker, bewahre die Innungslade und ginge bei den Processionen voran ... Alles das wurde jetzt wieder "so schon und neu" aufgerichtet und der Herr Stadtrath wurde, im Vertrauen gesagt, unter sehr hoher Protection, einen "christlichen Gesellenverein" einrichten, was bei dem "Geist der Zeit" allerdings einige "Schwurigkeiten" haben wurde ...

Auf jedes Uebermass der Freude folgt Ernuchterung ... Schnuphase hatte nach dem Erwachen besorgliche Zustande Nachwehen, Beklemmungen ... Die kommende grosse Stadt fiel ihm schwer aufs Herz ... Er beschwor Benno, ihn in dem Gewirr nicht zu verlassen ... Auch seine "Mission" flosste ihm Besorgnisse ein ... Er wiederholte in allem Ernst, dass er die "Audienz" lieber antrate mit "Unterstutzung" eines "gewondteren Redners" ... Konnt' ich mich Ihnen doch nur ganz "offenboren" hauchte er ...

Nach Ihrer vornehmen Kiste zu schliessen, sagte Benno, vermuth' ich, dass es der Protection des furstlichen Kellermeisters bedarf, um in der ehrenvollen Eigenschaft Ihres Mitbeaustragten zu erscheinen ...

Schnuphase seufzte wie unter einer schweren Last ...

Es war schon dunkel, als endlich Nussdorf erreicht war ...

Die Mauth ist dann ein chemisches Reagens, das alle Verbindungen lost ... Jeder muss an sich selbst denken ...

Benno fuhr auf diese Art in die innere Stadt allein ...

Der aufgehobene Chorherr der Pramonstratenser, Herr Pater Grodner, war vollkommen unterrichtet und nahm ihn freundlich, wenn auch etwas befangen, in einem grossen geistlichen Hause auf ...

Der Onkel Dechant hatte ihm vorausgesagt: Pater Grodner ist ein Hypochonder, wie im Grund ganz Wien nur deshalb ausgelassen lustig ist, um seine plotzlichen Anfalle von Hypochondrie zu vergessen ...

Benno erhielt einige ganz ihm allein angehorende Zimmer ...

So spat es war, eilte er den Abend doch noch ins Freie ... Das Gefuhl: Hier leben dir eine Mutter eine Schwester! drohte ihm die Brust zu zersprengen ... Jede weibliche Gestalt, die er an sich vorubergehen sah, betrachtete er mit prufendem Auge ... Von Angiolinen hatte er gehort, dass sie Lucinden ahneln sollte ...

So schritt er planlos dahin und athmete ebenso das allgemeine Leben der grossen Stadt wie das Geheimleben, das diese Steinkolosse gerade nur fur ihn erschliessen sollten ... Erst ein Regenschauer fuhrte ihn nach Hause zuruck ... Da der Chorherr ihn in nichts storen wollte, fand er ein Nachtmahl fur sich allein ...

Am folgenden Morgen war das Wetter wunderschon ... Es hatte die Nacht hindurch geregnet ... Eine laue Luft wehte wie im Fruhling ... Sein Wirth war schon freundlicher ... Der lange hagere Herr, bejahrter als er aussah, lud zu einer Spazierfahrt ein, sogar zum "Speisen" in Hietzing ... Er wollte vom Dechanten, von Monika, von der Seherin von Westerhof horen ... Und mit der Aebtissin der Hospitaliterinnen, Schwester Scholastika, bei welcher Monika so lange Jahre im Kloster gelebt hatte, war er auch bekannt ... Selbst von Bonaventura hatte er gehort ... Er sprach von Ceccone ... Dieser wohnte ganz nahebei ... Benno wollte die Depeschen an den Cardinal und den Staatskanzler ubergeben ... Der Chorherr schlug einen Fiaker vor, den man nehmen wollte, um alle diese Commissionen mit Bequemlichkeit auszurichten ... Er gehorte, nach Aufhebung seines Klosters, schon seit Jahren einer hohern Studienanstalt an, die gerade Herbstferien hatte ... Alle Erlauterungen, die er gab, begleitete er mit einem eigenen seufzenden Lacheln ... Er sprach nicht drei Worte, ohne sich nicht selbst zu ironisiren ...

Als sie einen Fiaker genommen hatten, fuhren sie erst bei Ceccone in einem nahen und bescheidenen Palais vor ... Benno gab die Briefe von der Stellvertretung des Kirchenfursten ab ...

Ihre Adresse ist nicht nothig, sagte der Chorherr mit trockener Ironie ... Wo Sie wohnen, das weiss heute fruh schon jeder Polizeivertraute ...

Auf der Herrengasse vor dem Palais des Grafen Salem-Camphausen ertheilte ein Portier in den Camphausen'schen Farben den Bescheid, dass die Frau Grafin verreist und der Herr Graf auf Schloss Salem ware ... Benno ubergab ein an diesen gerichtetes Billet, das er fur diesen Fall bereit gehalten ...

Sie bringen dieser Familie die Erlosung, sagte der Chorherr, und mussen doch erst selbst anklopfen! ... Gerade wie in der Pastoraltheologie! ...

Noch ehe Benno aus seinem Nachsinnen erwacht war, stand der Wagen vor der Staatskanzlei ...

Auch hier stiegen beide aus und ubergaben dem Portier die Briefschaften ...

Pressant! sagte der Chorherr zum Portier ... Se. Durchlaucht lesen die Briefe lieber des Morgens als des Abends ...

Der Portier hatte ihm die Briefe mit zu vielem Gleichmuth in seine Loge gelegt ...

Dass doch die Posten selbst fur die Staatsmanner nicht sicher sind! sagte der Chorherr beim Einsteigen. Ich glaube, es kommt daher, weil die Staatsmanner ein schlechtes Gewissen haben und die Behandlung der Brieffelleisen kennen ... Wenn Sie Geheimnisse haben, mein Bester, so nehmen Sie nur ja erst Oblaten und dann Siegelwachs ... In solchem Fall muss wenigstens das Couvert abgerissen und aufrichtig darauf geschrieben werden: "Mangelhaft verschlossen"

Die Empfehlungen an ein Haus Zickeles wollte Benno abzugeben noch aufschieben ...

Haben Sie noch sonst eine Commission in der Stadt? ...

Benno kampfte mit sich, die Namen Angiolina Potzl und die Herzogin von Amarillas zu nennen ...

Er unterdruckte den Reiz und gab gern seine Zustimmung, dass nun der Wagen pfeilgeschwind zum Burgthor hinausfuhr ...

Die Unterhaltung konnte nur Erlauterung zu den bunten, mannichfach wechselnden Eindrucken der Fahrt sein ...

Maria Treu das! sagte der Chorherr auf eine Kirche deutend ... Wir haben Maria Stiegen gehort jetzt den Jesuiten ... Maria Treu gehort den Piaristen La meme chose Maria Schnee gehort den Italienern. In Rom zahlt' ich funfundzwanzig Marienkirchen ... Ich war in Rom ... Ei, da sehen Sie, auf dem Gebirg ist die Nacht schon Schnee gefallen! ... Da zu, wo Schloss Salem liegt ... Kennen Sie die Sage von Maria zum Schnee? ... Einige hundert Jahre nach dem Tod unsers Herrn und Erlosers wusste ein reicher Romer keinen Platz, wo er eine Kirche hinbauen sollte ... Die Gottesmutter erschien ihm und zeigte ihm den esquilinischen Hugel, auf dem die Nacht Schnee gefallen war ... Es ist ein ganz sinniger Zug, dass man den Italienern auch hier die Kirche "Maria Schnee" gegeben hat. Maria Schnee ist das Symbol von Rom in seinem Verhaltniss zu Deutschland ...

Benno konnte sich allmahlich denken, dass die Freundschaft des Onkels Dechanten fur diesen Chorherrn wohlbegrundet war ... Doch mochte er sich nicht von selbst in sein Inneres drangen ...

Bei dem zu Hietzing in einem besondern Cabinet eingenommenen Mahle ergab es sich, dass der Chorherr jene sich auf sich selbst stutzende Kraft des reichen Klosterlebens alten Styls reprasentirte ... Ein lebhaftes Unabhangigkeitsgefuhl trat immer mehr zu Tage ... Und beim Wein loste sich die Zuruckhaltung des unterrichtet und hochst scharf urtheilenden Mannes vollends ... Der Chorherr war ein Burgerssohn aus dem Salzburgischen, hatte grosse Reisen gemacht, gelehrte Werke herausgegeben und stand seit der Aufhebung seines Pramonstratenserstifts nur noch im losen Zusammenhang mit dem Klerus ... Immer heiterer und heiterer wurde er ... Das ganze gleichsam zuruckgetretene Liebesgefuhl und Liebesbedurfniss des katholischen Priesters, das sich bei wurdigen Naturen in einem nicht zu misdeutenden Bedurfniss nach mannlicher Freundschaft und namentlich zu Junglingen ausspricht wodurch gutgeartete hohere katholische Priesternaturen eine seltene Befahigung zur Erziehung gewinnen kam auch bei dem bisher so trokkenen alten Herrn ganz zum Vorschein ... Er konnte die Hand des jungen Mannes wie ein Verliebter drukken ...

Beim Dessert sprach der Chorherr schon wie ein Vater mit seinem Sohn ... Es war ihm nichts fremd von dem, was die Welt bewegte ... Nun kam das alles heraus ... Er las, was nur dem Gebildeten zu kennen geziemt ... Und sein Gelesenhaben und Wissen war, nun blitzte auch das auf, wie eine geheime Waffe gegen seinen eigenen Beruf, eine geheime Rustung fur die kunftige Zeit ... Wie Benno die Donaureise beschrieb und freimuthig auf die Zeiten zu sprechen kam, wo, wie der Jesuitengeneral einst zu Terschka geklagt hatte, sieben Achtel der osterreichischen Lande protestantisch waren, wie er dann vollends den Bauernaufstand des Stephan Fadinger erwahnte und bei Gelegenheit der Wohnung Schnuphase's die Weigerung des fruhern lutherischen Hauswirths des heiligen Stanislaus, das Allerheiligste in sein Haus kommen zu lassen da sagte der Chorherr unerschrocken:

Wir werden noch einmal wieder zuruckkommen mussen auf das sechzehnte Jahrhundert, mein Lieber! Wir werden noch einmal da anfangen, wo der gute Luther stehen geblieben ist, ehe die Habsucht der sachsischen und hessischen Fursten den seltenen Mann in Beschlag nahm und die Ausartungen seiner Reform ihn erschreckten! Freilich ist ein Volk, das in einer Wallfahrt ein Gemuthsbedurfniss befriedigt, ein Volk, das sich zu einer Bruderschaft vom "Todesschweiss des Erlosers" zahlreich einschreiben lassen kann, nicht sofort durch Kant und Hegel fur die Aufklarung zu gewinnen. Das Kreuz des Erlosers wird die Reform immer mittragen mussen! ...

Benno horte die Ansichten Bonaventura's ...

Nach Tisch wandelten beide jetzt schon Vertrautgewordenen in dem bereits entlaubten herrlichen Park von Schonbrunn ...

Der Chorherr legte seinen Arm in den Arm seines jungen Freundes ... Mit dem Blick auf die Aussenwelt, mit dem herbstlichen Laub, das vor ihnen der Wind dahinfegte, kehrte die Hypochondrie des Greises zuruck ...

Das herrliche sonnige Wetter hatte die Kafige der Menagerie geoffnet ...

Benno folgte dem Zuge der andern Spazierganger, folgte dem Lachen uber die Kunststucke der Affen, dem Brullen der Lowen, dem Gekrachz der Vogel ... Der Chorherr gab nach, obgleich er sagte:

Diese Gefangenen machen mich melancholisch ... Bestien gehoren in die Wuste und der Mensch steht gar so feige vor dem Gitter und freut sich, dass er im Sichern ist ...

Wie sie im Strom der andern den Behaltern naher gekommen waren und vor einem machtigen Konigstiger eine elegante Gesellschaft von Herren und Damen fanden, die mit italienischen Anrufen das unruhig hinund hergehende, schon bedenklich den Schweif schlagende Thier reizten, sagte der Chorherr:

Und das fehlte nun auch noch! Die feigste Nation von der Welt hat hier Courage ...

Die Neckenden schienen sammtlich Italiener zu sein ...

Einige Offiziere waren darunter, die der italienischen Nobelgarde angehorten ... Einige andere gehorten zum Civil ...

Den Mittelpunkt bildete eine einzige kleine junge Dame, die sich im Necken des Tigers bis zur Ausgelassenheit gefiel ... Die schlanke und gestreckte Gestalt des aufgescheuchten Thieres wand sich in gleichmassigen Schritten bald rechts, bald links ... Das grunlichgraue Auge funkelte phosphorartig; es war auf die leuchtenden Farben des Kleides und vorzugsweise eines kleinen Sonnenschirms der jungen Dame gerichtet, die nicht aufhorte, mit einer rauhen befehlshaberischen Stimme den Tiger anzureden und in steigende Gereiztheit zu versetzen ...

Plotzlich fiel der kleine Sonnenschirm in den Behalter des in kurzen Satzen stohnenden Thieres, aus dessen Augen helle Funken zu spruhen schienen, Vorboten der ausbrechenden Wuth ...

Die italienischen Herren lachten laut auf ...

Benno, der dicht dabeistand, horte vom Chorherrn die verachtlich geflusterten Schiller'schen Worte:

"Herr Ritter, ist Eure Liebe so heiss,

Wie Ihr mir's schwort zu jeder Stund',

Ei, so hebt mir den Handschuh auf!" ...

Die sammtlichen Umstehenden schienen entweder kein Deutsch zu verstehen oder nichts von der Schiller'schen Ballade zu wissen ...

Die Italienerin war jedoch vollkommen von dem eigensinnigen Temperament des Frauleins Kunigunde im Gedicht ... Wie ein verwohntes Kind beklagte sie ihren Ombrello und verlangte ihn zuruck ...

Die Herren sprachen vom Warter, den sie rufen wollten ...

Der Tiger kummerte sich nicht, wie wenn er ihm doch gehorte, um den etwa einen Fuss vom Gitter entfernt liegenden Gegenstand, sondern ging nur nach wie vor schnaubend auf und nieder oder stellte sich zuweilen zum Sprunge ... Das Thier bot alle Veranlassung, ohne den Warter den Sonnenschirm ruhig liegen zu lassen ...

Jetzt erst sah Benno das Antlitz der Kleinen ...

Es war ausserlich ein halbes Kind und doch zeigte sich eine Entschiedenheit der Mienen, die erschrecken konnte ... Die Haut, an sich zart und pfirsichweich, spielte ins Grungelbe ... Die Augen schwarz, die Lippen rubinroth, die Zahne blendendweiss ... Das in Flechten unter dem Hute sichtbare Haar hatte ein echt italienisches Blauschwarz ... Die Augenbrauen riss sie hoch auf wie aus Zorn, Verlegenheit und Beschamung ... Alle Zahne sah man ... Ihr Wesen hatte selbst etwas Thierisches ...

Am ungeduldigsten und eifrigsten, dem fortwahrend um ihren Ombrello klagenden Kinde von vielleicht schon zwanzig Jahren eine Beruhigung zu gewahren, zeigte sich ein junger eleganter Mann von derselben Unreife der aussern Erscheinung, doch mit ebenso sichern und lebhaften Manieren ... Die Kleine warf dem Dandy in gelben Glacehandschuhen vor, dass er nicht einmal zwei Schritte bis ans Gitter zu gehen wagte aus Furcht vor den moglicherweise durchgesteckten Tatzen des Tigers ...

Die andern Italiener lachten und machten Spasse uber die Anwendung, die ein bengalischer Tiger von einem mailander Sonnenschirm machen konnte ... Sie wollten jedoch nur den Warter rufen ...

Die zornige junge Dame war nahe daran, um den Sonnenschirm herauszuholen, einem der Offiziere den Degen aus der Scheide zu ziehen ...

Perche ella ha quello spiedo! sagte sie ...

Inzwischen hatte Benno statt des "Bratspiesses" sein leichtes Spazierstockchen verkehrt ins Gitter gehalten und mit dem Griff desselben, wahrend die linke Hand den erschrocken ihn ergreifenden Chorherrn zuruckhielt, den Sonnenschirm aufgegabelt und herausgezogen ... Der Tiger blieb stutzend stehen ...

Mit dem gelaufigsten Italienisch ubergab Benno der ihm uberrascht ins Antlitz sehenden Dame den Schirm:

Anche le fiere del deserto cognoscono la civilta, que si deve alle signore! ...

Grazie, Signore! sagte die junge Dame mit einer plotzlich veranderten Stimme ...

In diesem Dank, in dieser leichten Verbeugung lag eine Anmuth, die selbst den Chorherrn bestimmte, zu sagen:

Der Blick war es freilich werth, die "Artigkeit der Wustenthiere auch gegen Damen" zu riskiren! ... Aber ein merkwurdiges Gesicht das! ... Ich mochte fast sagen die Schonheit der Hasslichkeit ... Eine Stumpfnase, eine gewolbte Stirn, ein murrisch hangender Mund, aber alles wie der Blitz in Brillantfeuer verwandelt durch ein einziges Lacheln! ...

Benno fiel Lucinde ein ... Lucinde war schoner, edler gewachsen; aber bei der Fahrt von St.-Wolfgang nach Kocher am Fall im vorigen Jahre hatte sie so im Wagen neben ihm gesessen, so von phantastischen Schlossern getraumt, ganz mit diesen verklart bestrikkenden Augen ...

Die Italiener waren inzwischen verschwunden und hatten sich zu "Dommayer's" wahrscheinlich erst jetzt begeben ...

Benno und der Chorherr fanden ihren Wagen am Eingangsportal des Schlosses ...

Diese italienischen Nobili, die die Politik hier zu einer Garde vereinigt, sagte der Chorherr, kommen mir vor, wie sonst die Heerfuhrer der alten Deutschen bei den Romern als Geiseln lebten ... Sie sollen die deutsche Weise annehmen und in Mailand keine Verschworungen machen ... Es wird aber damit werden, wie mit dem Arminius ... Der lernte auch in Rom nur die Handgriffe der romischen Kriegskunst und schlug damit die Romer ... Vom Schwert dieser Italiener droht uns allerdings wenig Gefahr; aber sie haben Dolch und Gift und Rom ... Doch was thu' ich huten Sie sich ja, hier von Politik zu sprechen! ... Das Spionirsystem erstreckt sich bis ins Innerste der Familien ... Was die Polizei nicht thut, thut die Loyalitat von selbst ... Die Sucht nach Auszeichnungen und Anerkennungen ist so gross, dass hier Menschen auf die gemuthlichste Weise mit Ihnen scherzen konnen und Sie dennoch denunciren aus "Patriotismus" ... Wer weiss, ob Sie vor mir sicher sind! ...

Benno ergriff lachelnd den Arm des Greises und druckte ihn an seine Brust ...

Auf seine Aeusserung, dass denn doch wol Rom ein treuer Verbundeter des Kaiserstaats ware, erwiderte der Chorherr:

Man glaubte eine Zeit lang, dass Cardinal Ceccone seine Macht verlieren wurde ... Seine Gegner im Vatican, besonders Fefelotti, schienen zu triumphiren ... Aber es scheint, er hat mit den Jesuiten ein Compromiss getroffen und halt nun wieder alle Bannstrahlen in seiner Hand ... Sein Auftreten bei uns ist bedeutungsvoll ... Alles, was man fur die innere Reform unserer Kirche gehofft hatte, scheint verloren ... Die ungluckselige Manie der Fursten und Staatsmanner, nur Eine Gefahr, die der Revolution, zu sehen, macht sie wider Willen zu Beforderern des Aberglaubens und der Hierarchie ... Der Staatskanzler hasst die Jesuiten ... Aber sie nehmen seine Devise an und sagen: Nous sommes conservateurs comme vous! ... Was will er machen! ... Dafur, dass wir den Jesuiten Deutschland geben, erbieten sich wieder die Jesuiten, an Oesterreich Italien zu lassen ... Doch in diesen italienischen Kopfen ist es selbst unter dem Purpurhut nicht geheuer ...

Benno, Ceccone's Stellung und die Zahmungsmittel der Jesuiten vollkommen aus seinem eigenen Dasein kennend, fragte schuchtern nach dem Cardinal und ob sein Gonner ihn gesehen hatte ... Er wagte nicht, tiefer zu dringen ...

Hier noch nicht! erwiderte der Chorherr ... Aber vor Jahren sah ich ihn in Rom ... Ich machte eine Reise dorthin zu einer Zeit, wo unser Deutschland noch erst wenig von der romischen Curie beachtet wurde ... Wie unschuldig nimmt sich auch unser deutsches Kirchlein Maria dell' Anima in Rom aus! ... Franzosen und Spanier haben sich da seit Jahrhunderten wahrhaft koniglich zu vertreten gewusst ... Unser Kirchlein aber, das hat so etwas nur vom tyroler Geschmack und dennoch macht es den Eindruck des ehrlichsten und aufrichtigsten aller Gotteshauser in Rom ... Auf die Phantasie wirkt's nit, das ist wahr; nur ein reines Herz und rechten Drang zum Beten muss Eins mitbringen, um darin Gefallen zu finden ... Aber ja vom Ceccone sprach ich ... Den sah ich ofters ... Ihn und die meisten Cardinale ... Man muss sagen, diese Monsignori sind Menschen, fur die Gott ein eigenes Paradies und eine eigene Holle muss erschaffen haben ... Sie scheinen alle noch wie aus dem Stamm des Casar Augustus zu sein ... Quos ego! und das so mit einem smorzando ganz nur so hingelachelt ... Neptun's Dreizack geschwungen mit weissen Ballhandschuhen wie Sie auch immer Se. Heiligkeit sehen werden ... Sie wollen ja nach Rom? ... Immer hat der Heilige Vater, auch wenn er die Volker segnet, weisse Handschuhe an ... Diese Cardinale! .. Da wird das Unmogliche moglich mit einer kopfabschneiderischen Grazie ... Die Art, wie blos allein diese Ceremonienmeister des Himmels uber die Marmorboden schreiten oder wie sie die Messe lesen, falls sie die vollstandigen Weihen haben das "lasst" sich gar nicht beschreiben ...

Benno war im steten Bangen um die endliche Erwahnung seiner Mutter ...

Der Chorherr liess in der Stadt vor dem Bankierhause Marcus Zickeles halten ...

Es war die Mittags- und Borsenzeit ... Er fand niemand als einen Buchhalter, dem er seine Creditive uberreichte ...

Am Abend besuchte er das Karthnerthortheater, wohin ihn der Chorherr nicht begleitete ...

Von der Herzogin von Amarillas erfuhr er durch Erkundigungen in den ersten Hotels, dass sie im "Palatinus" wohnte ... Er naherte sich mit klopfendem Herzen diesem Gasthof, sah das Eingangsthor mit Dienern in prachtigen Livreen besetzt, horte italienisch sprechen ... Von einem Mohren hiess es, er gehore dem Principe Rucca ... Mit der sogenannten "Gemuthlichkeit" der Wiener stand die kurze Art, wie er da und dort auf seine Fragen Auskunft ertheilt bekam, nicht immer im Einklang ...

Am folgenden Morgen sprach der Chorherr seine Verwunderung aus, dass noch kein Lebenszeichen von der Nuntiatur und der Staatskanzlei gekommen ...

Benno erwiderte:

Wie ware denn das moglich ... Ich brachte keine Empfehlungsbriefe ... Man erwartet mich hier nur in der Herrengasse ... Wie weit ist Schloss Salem? ...

Mindestens vier Stunden! sagte der Chorherr und lud Benno zur Besichtigung der Gemaldegalerie im Belvedere und dann zu einem Spaziergang im Prater ein ...

Die Urtheile des Chorherrn uber die Schatze der kaiserlichen Bildergalerie waren treffend und zeigten ein Bindeglied mehr zwischen ihm und dem Onkel Dechanten ... Wie warm und lebendig wurde er im Gegensatz zu "Maria vom Schnee" uber Rafael's "Maria im Grunen"! ... Wie still und ruhig das alles ist! sagte er im Anschauen ... Die Kinder spielen noch mit dem Kreuz, das sie kunftig tragen sollen! ... Und fast hastig fuhrte er Benno zu Carlo Dolce's Bild: "Die Wahrheit" analysirte es und sah sich dann scherzend um mit den Worten: Warum ein solches Bild noch nicht verboten ist! ...

Beim Verlassen der nur fluchtig durchwanderten Sale zeigte der Chorherr eine italienische Villa mit noch grunem Rasen ... Der Sommeraufenthalt des Staatskanzlers! erklarte er ...

Zum Prater wurde ein Fiaker genommen ...

Als sie den schon vollig laublosen grossen Park erreicht hatten, stiegen sie aus ...

Der Chorherr rief plotzlich:

Schauen Sie da! ... Ist das nicht Ihre gestrige Dame? ...

Eine Cavalcade von Reitern sprengte durch die Alleen ... In ihrer Mitte eine Reiterin, auf deren Identitat mit der gestrigen Tigerbekanntschaft der Chorherr nur der Offiziere wegen schloss, die wieder der italienischen Garde angehorten ... Sie ritten zu schnell voruber, um sie zu erkennen ...

Inzwischen gingen sie weiter ... Der Chorherr nannte den Prater ode und langweilig ... Nur die Abendsonne, sagte er, macht ihn schon ... Wenn man so hinschlendert und sein Tagewerk vollbracht hat ... Dann freilich kommt die Schonheit wie so oft aus unserm Gemuth ...

Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem im Prater befindlichen grossen "Hamburger Berg", dessen Schaustellungen und Sehenswurdigkeiten ...

Eine grosse Menagerie kundigte sich durch ihre ausgehangten Bilder, Papagaien und Affen an ...

Zieht Sie schon wieder so ein Spectaculum? sagte der Chorherr fast argerlich, als Benno einer dicken hinter Vorhangen sitzenden Dame zunickte, die auf dem Dampfboot ihre verspateten Kafige begleitet hatte ...

Benno berichtete nur vom Dampfboot ...

Da plotzlich unterbrach ihn der Chorherr und zeigte auf die in der Nahe stehenden dampfenden Rosse der vorhin gesehenen Cavalcade ...

Die Italienerin wird schon wieder vor den Kafigen der wilden Thiere sein ... sagte der Chorherr und rief dann aufhorchend:

Da! ... Horen Sie! ...

Und in der That horte man drinnen eine laute Stimme italienisch rufen ... Mitten durch das kurz ausgestossene, fast hustende Brullen eines gereizten Thieres vernahmen sie die Worte:

Eh! Tu! Muove ti! Dormi? Non essere si pigra! ...

Diese anstachelnden Worte, so unweiblich die Situation war, die sie begleiteten, ubten auf Benno sowol wie den Chorherrn den Reiz, dass sie die Hutte betraten ...

In der That waren es die Italiener von gestern ... "Der weibliche Zwerg", wie der Chorherr ubertreibend sagte, stand diesmal mit der Reitgerte vor dem Kafig einer jungen Lowin und reizte sie zu einer solchen Wuth, dass warnend schon der Aufwarter herbeilief ...

Benno sah voll Staunen dem wilden Spiel der Italienerin zu ...

Die junge Lowin sprang bald an die Gitterstangen, bald rannte sie im Kreise und stiess Tone aus, die wie aus dem Widerhall einer machtigen Felsenhohle kamen ...

Im schwarzen Tuchrock, mit der linken Hand die lange Schleppe haltend, stand das kleine Wesen von gestern, dessen Kopf wenig uber die Stellage, auf der der Kafig ruhte, hinausragte, und schlug mit der Reitgerte bald nach links, bald nach rechts in die Stabe hinein ...

Wieder lachten die Herren und bedeuteten den Warter, der Signora nicht ihr Vergnugen zu rauben ...

Schon lauschte die geputzte "Marchand' mod'", wie sie auf dem Dampfschiff geheissen hatte, eine Hollanderin, an dem rothen Vorhang ... Schon wurde ein junger Mann, ihr Begleiter, von ihr angerufen, sich ins Mittel zu legen, als die Italienerin von ihrem Uebermuth plotzlich abliess ...

Sie hatte Benno erblickt ...

Mit kalter Ruhe stand sie noch eben vor dem Kafig und trieb ihr Spiel ... Jetzt war sie wie entwaffnet ... Ein fast rosiger Hauch der Freude uberflog sie ... Mit dem Schein der madchenhaftesten Schuchternheit senkten sich die langen blauschwarzen Augenwimpern ... Mit schneller Fassung und plotzlich ihre Stimme mildernd sagte sie zu Benno:

Ecco il domatore delle bestie feroci! ...

Benno erwiderte halb nur fur sich :

Ecco la Romana! ...

Perche Romana? fragte sie, scharf aufhorchend ...

Benno hatte "Romana" betont ...

Una lupa e stata la nutrice di Romolo ... sagte er, sprach aber wieder wie nur zu ihr allein ...

Ohne sich von der Voraussetzung, dass auch sie von einer Wolfin konnte genahrt worden sein, getroffen zu fuhlen, schloss sie sich Benno an zum Weiterwandeln ... Sie gingen die Kafige entlang ... All ihre Aufmerksamkeit fur die wilden Thiere war verschwunden ... Sie wollte nur Benno festhalten, nur mit dem sprechen ... Ehrerbietig grusste sie seinen Begleiter, in dem sie am langen Oberrock den Priester erkannte ...

Kennen Sie Rom? begann sie, noch uber und uber ergluht ...

Ich bin im Begriff, es kennen zu lernen ... sagte Benno ...

Sie reisen nach Rom?! ...

Ein Ausdruck der aussersten Freude kampfte in ihren Mienen mit der Verlegenheit, sich in der ganzen Wirkung zu verrathen, die ihr schon seit gestern der junge anziehende Fremdling gemacht zu haben schien ...

Noch wurde das Gesprach in kurzen Fragen des hochsten Interesses und in ausweichenden Erwiderungen so fortgegangen sein, wenn nicht ein tragikomisches Ereigniss dazwischengetreten ware ...

Der elegante junge Mann mit den gelben Glacehandschuhen von gestern war gleichfalls zugegen und etwas vorausgegangen ... Schon befand er sich am Ende der Breterbude, wo ein Elefant auf einer Art kleiner Buhne unter gemalten Drapperieen eingepfercht und an einem seiner machtigen Fusse festgebunden stand ... Das gewaltige Thier war vor den Zuschauern vollig frei ... Ehe sich der junge Mann seines Schicksals versah, hatte der sich schlangelnde Russel eine Schwenkung um ihn her gemacht und ihm in dem Augenblick, wo die Offiziere warnend Altezza! riefen, den Hut abgenommen ...

Die Altezza, demnach ein Furst, stiess einen Schrei: Gesu Maria! aus, taumelte zuruck und sank in Ohnmacht ...

Die Italienerin stand inzwischen, noch wie von Liebeswonne durchschauert ... Sie schien so abwesend, dass sie die Ursache des Rufs nicht verstand und nur den zusammenbrechenden jungen Mann sah, der noch in seinen Beinkleidern mit den Sporen obenein festhakte, an die Breterwand sturzte, die den ersten vom zweiten Platz trennte und sich wirklich die Stirn blutig schlug ...

Benno sah dies kaum, als er schon hinzugesprungen war und die Altezza aufgefangen hatte ...

Bei Nennung jener furstlichen Wurde befiel ihn jetzt ein Bangen ...

Der Hut war vom Warter schon wieder zuruckgegeben worden ... Die Begleiter hatten sich gefluchtet ... Sie schienen uber den Elefanten ebenso erschrocken wie die Altezza ...

Voll Aerger uber die storende Scene und im Nu ihren ganzen Gesichtsausdruck verandernd, sagte die Italienerin zu Benno's Begleiter:

Sehen Sie da, warum man lieber die Thiere liebt, als die Menschen! ...

Aqua! Aqua! E una carozza! rief sie gellend hinterher ...

Der Furst fing an sich zu erholen, versuchte zu lachen und erschrak wieder uber seine blutigen Handschuhe ...

Benno ubergab ihn aus seinen Armen in die seiner Begleiter ... Er wagte nicht weiter mitzugehen, als bis an die Vorhange ... "Altezza!" ... Waren nicht seine Mutter und Olympia in Begleitung eines italienischen Principe Rucca angekommen, des Verlobten Olympia's? ...

Die Italienerin rief ergrimmt aufs neue:

Non viene la carozza? Fatte subito! Al monte Palatino! ...

Palatino! ... Es war gewiss ... Doch "M o n t e Palatino"? ...

Dann zu Benno rasch sich wendend, warf der susseste und zartlichste Mund von der Welt wie mit Zaubermetamorphose und fast leise ihm ins Ohr die Worte:

Besuchen Sie uns den Principe Rucca morgen um elf Uhr ...

Wie sie das gesagt, verschwand sie voraussetzend, dass Benno nicht folgen wurde. Aber in ihrem Abschiedsblick lag ein Ausdruck aller Seligkeiten der Erde und des Himmels, ja als ware Psyche uberwunden worden von Amor ...

Das ist eine Eroberung! brach der Chorherr aus, als Benno wie betaubt stehen blieb ... Und Al monte Palatino! setzte er lachend hinzu ... Sie glaubt, der Gasthof zum "Palatinus von Ungarn" hatte seinen Namen von einem der sieben Hugel Roms ... So sehen diese Menschen uberall nur sich ... Deutschland ist ihnen nichts als eine romische Vorstadt, wo zuweilen Schnee fallt ... Ich zweifle gar nicht, es ist die Nichte des Cardinals Ceccone, eine Comtesse

Maldachini! fiel Benno aus seiner Erstarrung kaum aufathmend ein ...

Eine Verlobte des Prinzen Rucca, den Sie aus dem Felde geschlagen haben, Bester! Haha! ... Sie flusterte Ihnen ja ein Rendezvous zu ... Um elf Uhr ... Auf dem Mons Palatinus! ...

Meine Mutter die dritte in diesem Bunde! riefen tausend Stimmen in Benno's Innern ...

Mit bebendem! Herzen und tiefbeklommenen Athems verweilte Benno noch einige Augenblicke ... Dann traten beide gleichfalls hinter den Vorhangen ins Freie und sahen, wie eben die Herren zu Pferde stiegen und ein herbeifliegender Miethwagen den Principe Rucca und die Italienerin aufnahm ...

Benno liess nur den Chorherrn reden, der von der Weichlichkeit der italienischen Aristokratie sprach, leise Andeutungen uber den Cardinal gab, der einen einzigen Winter nicht ohne seine gewohnten Umgebungen zu sein vermochte, vom Prinzen Rucca erzahlte, dass sein Urgrossvater ein Backer gewesen in Rom ware alles kauflich, Grafen- und Furstenhute nur die Cardinalshute stunden noch im Preise ...

Der Name der Herzogin von Amarillas wurde in Pater Grodner's Geplauder nicht erwahnt, auch der nahere Zusammenhang Olympia's mit Ceccone zwar "moglicherweise" als das des Kindes zum Vater leise und ironisch angedeutet, aber ohne genauere Kenntniss des wahren Ursprungs, den Benno vollkommen wusste wusste bis zu den Namen der Gebruder Biancchi, deren Schwester die Mutter Olympia's war ... Luigi Biancchi, einer der Bruder des Napoleone und Marco Biancchi, sollte in dieser Stadt Musiklehrer sein ... Alles das war ihm durch seinen Bruder, den Prasidenten, vollstandig bekannt geworden ...

Auch der Chorherr nahm jetzt einen Wagen ... In dem Larm der Stadt verhallte der empfangene Eindruck und die Benno durchzitternde Empfindung: Das Schicksal ruft dich selbst zu deiner Mutter! ....

Dass er morgen um elf Uhr im Palatinus nach dem Befinden des Fursten fragen wurde, stand fest bei ihm ...

Daheim fand er Karten von Stadtrath Schnuphase; auch von einem Herrn Harry Zickeles, der Einladungen zuruckgelassen, das Grosshandlungshaus Zickeles zu jeder Abendstunde als ein offenes zu betrachten ...

Es stromte dann ein anhaltender Regen ... Benno verbrachte Stunden der hochsten Aufregung auf seinem Zimmer ... Die Aufgabe, die ihm fur morgen gestellt war, erforderte seine ganze Manneskraft ...

Gegen Abend erst ging er aus, suchte den "Palatinus", gerieth in die Herrengasse, wo das vom Grafen Hugo empfangene Billet nun die morgenden Palatinus-Absichten durchkreuzte und ihn zwischen Mutter und Schwester, wen er zuerst sehen sollte, wahlend stellte, kam mit irrendem, hin- und hersinnendem Grubeln in die Vorstellung des "Hamlet", erlebte, dass Olympia es war, die in der Loge des grossen Kanzlers neben seiner Mutter die Glaser auf ihn gerichtet hielt, ihm durch das ganze Theater hindurch auf italienische Art mit ihrem Taschentuch ein Zeichen des Grusses gab; erlebte, dass die Mutter das Lorgnon auf ihn richtete Die versagende Kraft trieb ihn aus seiner Loge in Begleitung eines Mannes, der den Namen seiner Schwester trug!

6.

Um den Weg in seine Wohnung zu finden, konnte sich Benno keiner zuverlassigeren Hulfe bedienen, als des Herrn von Potzl, der gleichfalls Hut und Regenschirm genommen hatte und ihm gefolgt war ...

Ueber den Namen dieses Mannes hatte sich Benno beruhigen wollen ...

Schon daheim, wo er so oft dem Kattendyk'schen Hausfreund begegnete, dem alten Pfleger der Bologneserhunde, dem als Gesellschaftsheloten benutzten Spassmacher Ignaz Potzl, der sich darum doch einen Thaler nach dem andern in die Sparkasse trug, hatte er diesen nicht weiter nach seiner wiener Verwandtschaft gefragt, seitdem einmal dessen Antwort lautete, der Potzls gab' es wie Sand am Meer und "mit einem alten Junggesellen, der einen Nothpfennig hinterliesse, ware dann auch noch alle Welt verwandt, ohne Potzl zu heissen ..."

Fuhlen Sie sich jetzt besser? horte Benno hinter sich her reden. Die Luft wird Ihnen gutthun ... Ja, es ist ein uberlebtes Gebaude! ... War's eine Kasern', so war' sie langst umgebaut ...

Benno massigte seinen Schritt ...

Wo aber, lieber Herr, wo wohnen Sie denn? ... Vielleicht an der Molkerbastei? ... Das ware gerade auch mein Weg ...

Benno wohnte an der Freyung ...

Das kaum gesagt, war auch das gerade Herrn von Potzl's Weg ...

Der Regen hatte inzwischen nachgelassen ...

Wie sich beide vor dem Gewuhl der Wagen durch ein schnelles Laufmanover uber die Fahrstrasse hinweg sichern wollten, rief Herr von Potzl einen an ihnen voruberschiessenden Herrn an:

Gehorsamer Diener, Herr von Zickeles! ...

Es war noch ein junger, schon mit starkem Embonpoint versehener Mann, der eben aus einem beruhmten Laden mit "G'frornem" trat und noch rasch hinuber in die Vorstellung wollte ... Eine Mittheilung uber ein misrathenes neues Stuck in der Vorstadt mischte sich in seinen Gegengruss und zugleich die Frage, ob doch Herr Muller noch nicht seine grosse Scene gehabt hatte und ebenso ein forschender Blick auf Benno

Benno, Herrn von Potzl's Verlangen bemerkend, seinen Namen zu erfahren, ein Verlangen, das er hinter einer kunstlichen Verlegenheit, ihn nicht vorstellen zu konnen, verbarg, fragte, ob Herr von Zickeles dem Hause gleiches Namens angehorte ... Er hatte eine Karte von "Harry Zickeles" gefunden ...

Mein Gott! ... brach Harry Zickeles aus, bekannte sich als Abgeber der Karte und rief: Doch nicht etwa der Herr Baron von Asselyn? ...

Benno uberraschte mit der Bejahung Herrn Harry Zickeles ebenso, wie Herrn von Potzl ...

Das ist ja einzig! rief Letzterer und hatte alle Vorubergehende uber diese Spiele des Zufalls zu Zeugen anrufen mogen ... Gerade der "Herr Baron von Asselyn" war die Personlichkeit, die "beide" "gesucht" hatten ... Herr von Potzl demaskirte sich als Bruder des alten Komikers Ignaz Potzl, der ihm von der Reise des Herrn "von" Schnuphase und von dem Herrn von Asselyn ausdrucklich "geschrieben hatt'" ... Aber nein! ... Und Sie geben mir nicht einmal die Ehre! ... Die Freud' und die Ueberraschung! ...

Benno hatte keine Anweisung auf die Bekanntschaft dieses so ausserordentlich gefalligen Mannes erhalten ...

Dennoch liess er es nun an dem Schein einer engern Verbindung mit dem Bruder nicht fehlen ... Machte er damit doch eine offenbare Freude und bahnte vielleicht seine Forschungen an ...

Die Erinnerung an den alten Thaddadlspieler zeigte das ganze "G'muth" des Herrn von Potzl ... Jede Nuance der Charakteristik seines Bruders unterbrach er mit einem gluckseligen: "Ja! Ja!" ... Und als Herr von Zickeles den Witz machte: Sagens doch nicht, Herr Baron, dass er wohlauf ist! Herr von Potzl hort viel lieber das Gegentheil! Er will ihn beerben! ... erfolgte von Herrn von Potzl nur ein einziges: "O Sie !" Es lagen alle Schakereien der Welt in dem Ton ...

Herr von Zickeles gab, wenn auch mit einigem Zogern, den "Hamlet" und den Applaus eines jungen Schauspielers auf, der auch an ihn empfohlen war ... Laertes, den Herr Muller "spullte", hatte seine Hauptscene erst im letzten Act ... Herr von Zickeles ruhte nicht, bis der Herr Baron von Asselyn versprach, sofort, "aber auch auf der Stell'" in den Salon seiner Aeltern mitzukommen ... Jeden Abend waren sie nach dem Theater daheim und der Herr von Asselyn ware vollends von seiner gerade aus Paris anwesenden Schwester Bettina Fuld und von deren Begleiterin, dem Fraulein Angelika "von" Muller, aufs allerallerdringendste erwartet ...

Angelika Mutter! ... Welch ein Mollaccord! ... Sanft und wohlthuend verbreitete er sich uber Benno's erschrecktes Gemuth ... Er wollte folgen ... Hier war von keiner Willensfreiheit mehr die Rede ... Harry Zickeles hatte ihn schon unterm Arm ...

Herr von Potzl folgte in Verklarung ...

Herr von Zickeles liess nicht eher ab, bis sie alle drei vor dem Portal seines alterlichen Hauses standen ... Es lag jenseit des Grabens dicht in der Nahe eines grossen Platzes, des "Hohen Marktes" ...

Herr von Potzl war etwas schweigsamer geworden, aber so gleichsam, als wenn der Ueberstrom der Gefuhle ihm die Worte raubte ...

Als Herr von Zickeles am Hause seiner Aeltern geschellt hatte, zog er die Uhr und sagte:

Freilich glauben Sie wol, Herr von Potzl, dass der Laertes jetzt aus Paris zuruckkommen ist? ... Ich bitt' schon, fuhren Sie den Herrn Baron zu meinen Aeltern hinauf ... Ich hab' Der junge Mann ist mir und merkwurdigerweise auch der Kaiserin Mutter empfohlen worden Sehr ein hubsches Talent! Ich Oder Doch lieber Kommen Sie, Herr von Asselyn, ich fuhre Sie erst selbst auf und dann spring' ich noch ein bissel in den letzten Act ...

Nun keuchte der junge dicke Mann die Treppe voran ... Das Haus war viel heller erleuchtet, als das Palais des armen Schuldners der Zickeles, des Grafen Hugo ...

Auf der Mitte blieb wieder der Theaterfreund stehen, zog wieder die Uhr und schien die grosste Angst zu haben, die Scene seines Gunstlings, dem er, wie Herr von Potzl elegischironisch sagte, seine gewohnte Protection durch einen sturmischen Applaus zugesagt hatte, zu versaumen ...

Endlich waren alle drei im ersten Stock angelangt ... Hier klingelte Herr von Zickeles und erst, wie er sicher war, dass der offnende Bediente den Gast direct aus seiner Hand empfing und die Anmeldung fest hatte: "Herr Baron von Asselyn!", bat er fur eine halbe Stunde um Entschuldigung und sturzte, um im Burgtheater sein gegebenes Macenatenwort zu losen, davon ...

Sehr ein vortrefflicher Mensch und Kunstkenner! sagte Herr von Potzl mit seiner jetzt entschiedener ausbrechenden maliciosen Gemutlichkeit ...

Dann setzte er, beim Ausziehen der Oberrocke, Benno ins Ohr flusternd hinzu:

Sie werden, wie ganz Wien weiss, hier erwartet wie der Onkel aus Amerika oder das Manna in der Wuste! ... Gebe der Himmel, dass Ihre Mission an den Herrn Grafen von dem glanzendsten Erfolge gekront wird! ...

Auf Benno's Lippe bebte die Frage: Wie aber kommst du und die arme dann geopferte Angiolina zu einem und demselben Namen ? ... Doch er musste in die Salons der reichen Bankierfamilie treten ...

Herr von Potzl "fuhrte ihn auf" unter einer Flut von gemuthvollsten Reden, in denen er alles haarklein erzahlte, was sich zum Erstaunen und "wie in einem Roman" seit dem Eingang zum Burgtheater bis zum gegenwartigen Augenblick in Herrn Baron von Asselyn's Leben und dem seinigen zugetragen hatte ...

Die Raume waren erhellt, aber noch leer ...

Nur der Herr Vater, Herr Marcus Zickeles, und die Frau Mutter und noch einige altere Herren und Damen waren anwesend ...

Sie bildeten Whistpartieen, die im vollen Gange waren, sodass trotz der freundlichsten Bewillkommnung die noch nicht zu Ende gespielten Partieen eine ausfuhrlichere Begrussung unterbrachen ...

Der Vater und die Mutter verwiesen ihn mit aller Freundlichkeit auf den jungsten Sohn des Hauses, der ihm besonders von Seiten der Mutter mit hoher Genugthuung und den Worten vorgestellt wurde: Mein Sohn Percival! ...

Percival Zickeles war noch ein unreifer, etwas schuchterner Jungling, dem, wie es schien, der erste Buchhalter beispringen musste, um die Honneurs zu machen ...

Benno war es sehr zufrieden, dass ihm selbst Herr von Potzl, der seines "Aufgefuhrten" Bedeutung l e i s e tuschelnd da und dorthin mittheilte, einige Ruhe liess ...

Was lag nicht alles centnerschwer auf seiner Brust! ... Selbst die harmlose Erwahnung Angelika's, der "ewigen Verlobten" Puttmeyer's, weckte Erinnerungen, die ihn haltlos wie in Luften schweben liessen ...

Angelika Muller trat auch wirklich ein ... Sie, in gesellschaftlichem Putz und Staat Sie, die alte verbluhte Erzieherin sonst in einem halben Nonnenkloster hier in einem israelitischen Hause ...

Kaum sah sie Benno, so stiess sie einen Schreckund Jubelruf aus, der fur die alte "Frau von Zickeles" im Spiele storend schien ... Sie wandte sich um und stumm reichte Angelika jetzt Benno die Hand ... Ihr Lacheln war das alte ... Es zeigte die ganze Reihe ihrer riesigen, aber weissen, schon erhaltenen Zahne ... Eine lange Rosaschleife erstreckte sich von den muhsam zusammengelesenen blonden Haaren in den Nakken ... Sie trug ihre Arme, so mager sie waren, entblosst ... So befiehlt das Sklavenleben des Gouvernantenthums, den innern und aussern Menschen den Umstanden gemass zu metamorphosiren ... Auch den innern Menschen! ... Es war Angelika Muller und sie war es auch nicht ... Ein Jahr in Paris und auf Reisen und dienen, dienen mussen fremden Launen ... Da sprach sie schon von Armgart wie von einer Jugenderinnerung ... Freilich gab es in Armgart's Leben die alleruberraschendsten Veranderungen ... Armgart in dem ihr sonst so verhassten England! ... Naheres wusste sie nicht von ihr ... Nur durch Puttmeyer war die "treue Seele" im Zusammenhang mit ihrem alten Leben ... So musste wol Benno erzahlen ... Er that es voll Liebe und Gute und Schonung Puttmeyer's ... An diesem hielt Angelika unverbruchlich fest ... Sie hatte in Paris fur sein System gewirkt; sie hoffte auch in Wien einige rechtglaubige Spatlinge der Naturphilosophie fur die Philosophie der Kegelschnitte gewinnen zu konnen ...

Frau von Zickeles wurde aufgeregter ... Die Gesellschaftsdame ihrer Tochter schien ihr zu sehr im Vordergrunde zu stehen ... Sie spielte zwar noch Whist, unterliess aber nicht, ihrer sich jetzt mehrenden Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit zu bezeigen ... Nach jeder Karte, die sie ausgespielt hatte, rief sie: Joseph! Das galt dem Bedienten ... Oder: Pepi! Das galt dem Hausmadchen ... Fraulein Muller! Das galt der Gesellschafterin ihrer Tochter, der Frau Bettina Fuld ... Wenn sie: Percival! ihren Jungsten, rief, so war es ein Ton besonderer Zartlichkeit ... Sie hatte dem "hoffnungsvollen" Knaben nach einem Lieblingsdrama der Zeit diesen Namen nachtraglich statt seines ursprunglichen "Pinkus" gegeben ...

Angelika Muller bekam Augenwinke, die ihr sagten, dass in den Zimmern ausser dem Herrn Baron auch noch andere Herrschaften waren ...

So naherte sich denn dem "Herrn Baron" wieder Herr von Potzl, zog die Dose, offerirte und genoss die Zinsen von dem auf den Fremden bereits gewandten Kapital von Zuvorkommenheit ... Er flusterte uber den Grafen Hugo ...

Den Kampf, ob er morgen den Besuch im Palatinus oder die Reise nach Schloss Salem aufgeben sollte, hatte Benno schon zu Gunsten seiner geschaftlichen Pflicht entschieden ...

Auf seine Aeusserung, er wurde morgen fruh dem Grafen Hugo auf Schloss Salem aufwarten, unterliess Herr von Potzl nicht, die schone Gegend, den Charakter des Grafen zu schildern, kleine satyrische Seitenhiebe hineinzuwerfen und ihnen wieder eine Fulle von Gemuth folgen zu lassen ...

Die Veranderung wird ausserordentlich werden! sagte er ... Und wahrhaftig! Die Zickeles sind sehr dabei interessirt! ... Wo nur Herr Leo bleibt! ... Leo ist das Geschaft nachst dem Vater ... Ganz Metalliques, blos Abends Wohlthatigkeitsschwarmer ... Ich vermuthe, er sitzt in diesem Augenblick Comite ... Das Talent, ein gutes Herz zu zeigen, Herr Baron, ist in Wien sehr cultivirt, aber kostspielig ... Herr Leo von Zickeles wird deshalb wol auch nie heirathen ... Er sieht sich seine Medaillen, Ehrenpatente, seine gedruckten Thranen der Witwen und Waisen an und behalt sein von tausend Zahren des Dankes emaillirtes Herz fur sich allein ...

Joseph! rief hier die Mutter ... Hat Herr von Asselyn G'frornes? ...

Joseph prasentirte ...

Herr von Potzl fuhr fort:

Den zweiten Bruder, den Herrn Harry haben Sie schon kennen gelernt ... Auch der ist Vormittags aufrichtig Metalliques ... Aber die ubrige Zeit gehort dem Enthusiasmus fur Ruhm und schone Kunste ... Sie sehen, dass er sich viertheilen lassen kann, wenn er einem Schauspieler an einer gewissen Stelle einen Applaus versprochen hat ... Es ist schon vorgekommen, dass er einem Maschinisten "auf der Wieden" befohlen hat, an einem Abend eine Storung hervorzurufen, nur damit ein andres Stuck herausgebracht werden musste, als dasjenige, wo er ein gegebenes Applausversprechen wegen eines anderweitigen Theateroder Concert-Engagements nicht erfullen konnte ... Harry Zickeles fuhrt jede in der Theaterzeitung neuangekundigte Unsterblichkeit, wenn sie nach Wien kommt, in die hiesigen Hallen des Ruhmes ein ... Sein grosstes Leidwesen ist dabei nur, wenn sich sein Herz zwischen zwei Gegnern in zwei Halften theilen muss ...

Pepi! rief die Mutter ... Hat der Herr Baron G'frornes? ...

Pepi prasentirte ...

Herr von Potzl flusterte:

Der dritte Sohn, Percival, ist, wie Sie wol schon an dem traumerischen Jungling gemerkt haben werden, ein dichterisches Genie ... Vor zwei Jahren erst bekam er den Vornamen Percival ... Er hat Romanzen geschrieben wie Heine, blos dass er zur Abwechslung auch einmal den Palmenbaum, statt von einer Tanne, von einer Akazie geliebt sein lasst Wissens, von wegen der "Grazie" ... Auch hat er einen "Ahasver" unter der Feder, in dem die geniale Idee vorkommen soll, dass Ahasver sich nach Wien begibt und im "Stock am Eisen" einen Nagel vom Kreuz des Erlosers einschlagt, gerade noch den letzten, der hinein geht, wodurch ihm die selige Ruh' zu Theil wird ...

Percival! rief die Mutter ... Hat Herr Baron G'frornes? ...

Percival fuhr wie aus Morgenrothstraumen auf, strich sich seine schonen langen schwarzen Haare zuruck und machte eine Miene, als hatte ihm nur eine Geisterstimme gerufen ... Allmalig besann er sich aber auf den irdischen Begriff des "G'frornen" und offerirte davon mit einer Miene weltschmerzlichen Duldens ...

Herr von Potzl nahm ihm die Schussel ab mit der freundlichsten Anrede:

Sie, mein liebster bester Herr Percival! ... Ich glaub' fast, Sie sind schon wieder einen halben Zoll gewachsen ...

Percival schien die Anerkennung seiner Jugend gern zu horen und lachelte ...

Die Frau Bettina von Fuld die kennen Sie? ... fragte dann Herr von Potzl, als sie wieder an einem andern Fenster allein standen ...

Benno musste diese Voraussetzung verneinen ...

O sie muss sogleich erscheinen ... Mit ihrem Gatten, der etwas in das diplomatische Fach spielt ein Changeant, das in Homburg und Baden-Baden viel Geld kosten soll ... Dann ist noch die jungere Schwester, die Jenny, da ... Die ist noch "im Karnthnerthor", wo eine abgeleierte Oper von Bellini gegeben wird ... Sie hat eine famose Stimme ... Wenigstens glauben das die Aeltern und der Professor Biancchi ja kennen Sie den Namen? ... Das ist derselbe, den Sie heut im Theater sahen ... Der wird nicht Ursache haben, diese Ueberzeugung von Jenny's Stimme zu bestreiten denn er "lasst" sich die Stund' mit einem Dukaten zahlen ... Sie werden ohne Zweifel heute noch Gelegenheit haben, sich von dem Raffinement dieses Italieners mit dem Pergamentgesicht, das Sie heute sahen, naher zu uberzeugen ... Kommt er mit, so lasst er sie singen ... Ich sage: lasst sie ... Denn das ist hochst merkwurdig ... Diese Musikprofessoren haben uber ihre Schulerinnen eine Autoritat wie ein Abrichter uber seine Affen ... Wann der Alte in den Salon tritt, kriegt die Junge regelmassig einen innern Ruck, wie eine Braut vor ihrem kommenden Brautigam ... Vor keinem Menschen hat sie Courage, allein zu singen ... Steht aber der alte Italiener dabei und schlagt mit seiner unerschutterlichen Pierrotmaske die Noten um, so geht's: Perfido! Crudele!

Mamsell Muller! rief jetzt wieder Frau von Zikkeles ... Hat der Herr Baron G'frornes?

Angelika hupfte zum Whisttisch ... Sie war so in Traumen versunken, dass sie nur den Ruf, nicht den Auftrag gehort hatte ...

Biancchi Biancchi ! ... Auch uber diesen Namen musste Benno tiefbeklommen athmen ...

Angelika carambolirte inzwischen mit Herrn von Potzl, der sich selbst unterbrechend mit der sussesten Miene und wie zum Kniebeugen anbetend auf Damen zulief, die eben ins Zimmer traten und vielleicht die Verlasterten selbst waren ...

Immer grosser und grosser wurde der Zustrom ...

Frau von Zickeles zankte mit dem Fraulein Muller uber das, "was sie nicht gewohnt war' zweimal zu sagen" und verwies sie jetzt auf die Ankommenden ...

Angelika's Rosabander flogen einer Dame entgegen, die mit leuchtenden Augen lachend eintrat ...

Frau Bettina Fuld kam von der "Wieden" und berichtete uber die im dortigen Theater gehorten, "unerhorten Plattituden" ... lachte aber doch noch bis zum Ersticken daruber ... Benno erfreute sich des angenehmen Eindrucks, den er zum ersten Mal empfing ...

Dagegen war Herr Bernhard Fuld ihm zwar ausserlich bekannt, doch musste er sich erst allmalig in ihm zurecht finden, denn er war so mit Bart uberwachsen, dass man keine Physiognomie herausbekommen konnte ... Er trug sein Band der "ehrlichen Legion" ...

Benno fuhlte Mitleid mit dem Grafen Hugo, zu dessen Leben er hier die Reversseite sah ...

Jetzt kam denn auch Harry zuruck ... Er hatte noch dem Laertes, als er die Rede fur Opheliens und seines Vaters Tod gehalten, sturmisch applaudiren konnen, war dann nebenan in die Loge zur "Resi Kuchelmeister" gegangen und brachte diese und auch den Herrn Professor Biancchi mit ...

Noch erschien eine andere altere auch der Musik angehorende Personlichkeit, der Professor Dalschefski, ein Pole ... Es gab eben einen Zank, dessen Ursache Benno, den seltsamen Italiener, Bruder der alten Carbonari Marco und Napoleone fixirend, nicht sogleich ergrunden konnte ...

Alles das ging bunt durcheinander und noch bunter, als nun auch Leo Zickeles aus einem seiner Wohlthatigkeitscomites nach Hause kam ... Die Whistpartieen waren zu Ende, die Spieler standen auf und eine Nebenthur wurde geoffnet, wo compactere Speisen auf einem Tische standen, auf den die Hungernden "wie die Wolfe" zufuhren ... Resi Kuchelmeister brauchte diesen Ausdruck ... Sie freute sich Benno wieder hergestellt zu sehen und begrusste ihn wie einen alten Bekannten schon doch zugleich scharf ihn etwas musternd ...

Der alte Herr von Zickeles trat vertraulich zu Benno ...

Nach einigen Ermahnungen, sich einen Teller zu fullen, nahm er ihn bei Seite und erorterte den Stand der Angelegenheiten des Grafen ...

Ja, sagte er, Seine Erlaucht sind auf dem Schlosse Salem ... Die Frau Grafin Mutter Erlaucht werden von Schloss Westerhof erwartet ... Hat die Comtesse Paula von Dorste-Camphausen eingewilligt? ...

Benno konnte keine Auskunft geben ...

Hm! fuhr der alte Herr fort ... Sie, Herr Baron, bringen doch vom Herrn Oberprocurator Nuck schon die Stipulationes der Agnaten ...

Der Graf soll sie zuvor unterschreiben ...

Die Schuldenlast ist sehr gross und meine Lage nicht darnach, langer Geduld zu haben ... Ich wurde Salem und Castellungo subhastiren mussen ...

Castellungo? ... Das gehort der Mutter ...

Schon langst hat sie es fur den Herrn Sohn verpfandet ... Ohne den Zwischenfall mit Terschka waren wir schon naher am Ziele ... Die Urkunde Allen Respect, Herr von Asselyn Ich kenne Ihre Ansichten nicht aber doch sehr eine verdachtige Geschichte ...

Herr von Zickeles wollte sagen: Terschka hat im Auftrag Roms das Schloss angesteckt und dann eine falsche Urkunde producirt Wenigstens las Benno diese Ansicht in den scharfen Mienen des Handelsherrn, der keineswegs zu Scherzen geneigt schien ...

Benno antwortete:

Terschka ist ja Protestant

Protestant ! lachelte Herr von Zickeles und flusterte: Die Jesuiten lassen ihn auch sein Protestant ...

Mit einem so furchtbaren Streiflicht uber Terschka's Flucht und Aufenthalt in London stand Benno eine Weile sich allein uberlassen ... Denn die Tochter umschmeichelten eben den Vater, fielen ihm um den Hals, liebkosten ihn naturlich, um dabei auch den fremden Baron, dessen begeisterte Prophetin schon lange Angelika Muller gewesen, naher in Augenschein zu nehmen ...

Herr von Zickeles liess sich Kinn und Wange streicheln, sagte auch der hinzugekommenen Resi Kuchelmeister viel Artiges, war ganz nur Patriarch und fuhr dann doch, als die Frauen forthupften, streng wieder fort:

Sie werden es auf Salem sehr ode und einsam finden ... Falls Sie bis dahin zuruck sind, seien Sie doch den Mittag morgen bei uns zu Tisch Und uberhaupt Herr von Asselyn, an jedem Tag finden Sie bei uns Ihr Couvert ... Wenn die Grafin zuletzt mit der wirklichen Entscheidung eintreffen sollte

Herr von Zickeles konnte nicht weiter reden ... Auch Leo Zickeles nicht, der hinzugetreten war und sich ins Geschaftliche mischen wollte Mein Gott, was ist! mussten Vater und Sohn zu gleicher Zeit fragen ...

Jenny weinte laut ... Weil Professor Biancchi mit Resi Kuchelmeister "eine Verschworung" gegen sie eingeleitet hatte ... Eben jetzt erst hatte sie erfahren, dass Biancchi heute Dalschefski's Platz im Burgtheater benutzt und die Resi begleitet hatte ... Sie hatte bisher den Grund, warum er heute nicht im "Piraten" war, vergebens erforscht ...

Soviel etwa verstand Benno von der Ursache des Streits ...

Der Vater ging besorgt in das vordere Zimmer ... Frau von Zickeles folgte in grosser Aufregung ...

Leo, der alteste Sohn des Hauses, der Wohlthatigkeitsschwarmer, ein ruhiger, kaltprufender Mann, schenkte Benno Wein und sagte, ohne sich um den musikalischen Larm zu kummern:

Ja, Sie werden den Grafen sehr in Verstimmung finden! Aber man kann ihm doch nur Gluck wunschen, dass namentlich auch das Verhaltniss aufhort mit dieser Angiolina ...

So war das vernichtende Wort gefallen ...

Angiolina? sagte der hinzutretende Harry lachelnd und loste Leo ab, der von seinem Schwager, dem Diplomaten, in Anspruch genommen wurde ...

Haben Sie auch schon von dem Fraulein Potzl gehort? fragte er und sah sich dabei schmunzelnd und scheu nach Herrn von Potzl um ...

Wie hangt Herr von Potzl mit fragte Benno in abgebrochener Rede ... dieser Dame zusammen? ...

Bei Leibe, flusterte Harry und druckte seine kleinen Augen vollends zu; nur nichts laut davon! ... Sie ist Herrn von Potzl's Pflegetochter ... Er kennt sie aber seit Jahren nicht mehr, will auch nichts mehr von ihr wissen ... Auch zu uns kam sie sonst ... Herr von Terschka fuhrte sie auf ... Spater ging's nicht mehr des Verhaltnisses mit dem Grafen wegen, der sie als Kind hatte erziehen lassen und dann ... Sie wissen ... Nur die Einzige, die sie noch zuweilen sieht, ist da die Resi ... Das ist uberhaupt ein lieber Narr! ... Resi's Vater war unser erster Buchhalter und hinterliess ihr ein hubsches Vermogen ... Seitdem wohnt sie mit einer Tante und will seit zehn Jahren schon zum Theater ... Sie weiss aber nicht, dass das mit ihren funfundzwanzig Jahren zu spat wird ... Meine Schwestern sind mit ihr auferzogen worden ... Sagen Sie ihr aber um Himmels willen nicht, dass Sie der Employe sind, der die Heirath des Grafen Hugo mit der Grafin Dorste, der Geisterseherin, arrangiren soll ... Sie kratzt Ihnen sonst die Augen aus, so intim war sie noch vor kurzem mit Angiolina, die wirklich sonst eine Pracht von einem Madchen ist ... Aber horen Sie, wie die Resi jetzt den Biancchi zurecht stutzt ... Sie mussen wissen, die Therese wohnt in Einem Hause mit den beiden Musikmeistern, die zusammenwohnen, obwol sie ganz verschiedene Systeme haben ... Theresens Lehrer ist der Dalschefski, ein Pole, und der ist fur deutsche Musik; und unsere Jenny, die hat den Biancchi zum Lehrer und der ist naturlich ein fanatischer Italiener ... Der Pole und der Italiener wohnen, wie gesagt, in einem Quartier ... Auf der Currentgasse ... Und von Haus aus sind sie die besten Freunde ... Im Vertrauen gesagt wegen der Politik ... Aber in der Musik hassen sie sich ... Nun konnen Sie sich die Eifersucht der beiden Madchen denken! ... Unsre Jenny weint eben, weil der Biancchi heute mit der Resi ins Burgtheater gangen ist, wahrend sie im Karthnerthor allein sass! ...

Welche geringfugigen Leiden! dachte Benno ...

Mehr konnte Harry nicht mittheilen; alles wurde still, weil die beiden Freundinnen allein das Wort fuhrten ...

Jenny, nicht so anmuthig, wie ihre Schwester Bettina, mit scharferer orientalischer Zeichnung, voller, druckte ihr Taschentuch vor die Augen und behauptete, die ganze Vorstellung des "Piraten" ware ihr heute verdorben gewesen durch das vergebliche Warten auf Biancchi ... Und dieser Mann wurde inzwischen von Theresen in Beschlag genommen! ...

Der Pole Dalschefski, ein magerer, schmachtiger Alter mit grauen Haaren, immer halb lachelnden, halb melancholischen Ausdrucks, sprach in gebrochenem Deutsch:

Mein Freund Biancchi er hat sehen wollen die Loge von grossem Kanzler wo sind gewesen heute die italienischen Herrschaften aus Rom hab' ich ihm gegeben meine Platz ...

Unbesonnen genug von Ihnen! entgegnete ihrerseits die Resi ... Der fremde Herr Baron, der durch Zufall Zeuge unsrer Leiden gewesen ist, wird es bestatigen konnen, dass der Maestro durch seine gehassigen Bemerkungen uns die ganze Vorstellung verdorben hat ...

Wenn Therese Kuchelmeister laut sprach, schien es, als ware dies fur alle ein Zeichen, zu schweigen ... Angelika Muller raunte Benno, der an dem Italiener immer mehr Interesse nahm, ins Ohr:

Das ist unsre Armgart ins Wienerische ubersetzt ... Sie ist naturlich aber bis zur Grobheit einer Kuchenmagd ... Horen Sie nur! ...

Angelika schien vorauszusetzen, dass es zwischen Benno und Armgart immer noch ware wie sonst ...

Unter allgemeinem Lachen sagte Resi, indem sie von ihrem Teller ein Ragout ass:

Ueberhaupt diese Italiener! ... Nein, die listige Artigkeit erst, mit der er in die Loge kam statt des Dalschefski, bis sich dann seine wahre Natur enthullte ... So ist's auch in unserm Hause ... Wann der "Obers" zum Kaffee den beiden Herren zu schlecht ist und es ist ein Leiden mit der Milch in Wien, nicht wahr, Frau von Zickeles? so schicken sie zu mir herunter und meine Tante lasst sich regelmassig bestechen, wann sie gerad' oben eine Sonat' von Beethoven spielen hort ... Dann, denkt sie, hat unser guter Dalschefski da die Oberhand, das arme fromme Lamm das ...

Alles lachte ... Dalschefski kicherte, als kraute ihm eine sanfte Hand das Fell ...

Mit unerschutterlicher Ruhe, einer Mumie gleich, verharrte Biancchi unter dem Gelachter und that, als wenn er uberhaupt kein Deutsch verstunde ...

Dalschefski sagte zu Benno, der im Antlitz des Professors Aehnlichkeiten mit Napoleone, Marco Biancchi und Olympien suchte ...

O, sie ist schlimm! ...

Jenny Zickeles stand ihrem Lehrer als einem willenlosen Opfer fremder Intriguen bei, brachte ihm von den Speisen und schlug den Flugel auf ...

Der Schwiegersohn des Hauses, Ritter Fuld, schien vor dem Moment des Singens seiner Schwagerin ein Grauen zu empfinden, retirirte sich und zog Benno auf ein Kanapee ins Nebenzimmer ... Seine Gemahlin kam ab und zu ... Sie lachte fast zu viel "ihrer schonen Zahne wegen", flusterte Herr von Potzl schon bei ihrem Eintreten ...

Jenny, ihre Schwester, sang indessen eine majestatische Arie von Caraffa ... Biancchi schlug die Noten um ...

Benno betrachtete in den Pausen, die ihm Ritter Fuld gewahrte, den Italiener ... Es musste der "Onkel" Olympiens sein ... Nur etwas Ausserordentliches hatte diesen Feind der deutschen Sprache und Kunst ins Burgtheater ziehen konnen ... Wie sprach er von dem Kind seiner Schwester Lucretia ... War nicht uber seine todten Mienen ein plotzliches wildes Erzittern gekommen? ...

Die Arie endete naturlich mit grossem Applause ... Auch Resi und Dalschefski klaschten um alles wieder gut zu machen ... Herr von Potzl war Fanatismo und zog auch Benno in die Wirbel und Strudel seiner Bewunderung, ob er gleich ihm hinterher leise ins Ohr ein: Pitoyable! raunte ...

Jenny stand am Piano und hielt die Hand ihres geliebten Maestro mit einer Zartlichkeit, als wollte sie sagen: Du mein Licht, meine Sonne, du Ursache meines hohern Seins, du Erkenner und Bildner meiner unvergleichlichen Stimme! ...

Signore parla italiano ? fragte sie, um dem geliebten Professor das Gesprach zu erleichtern ... Denn Benno musste sich jetzt dem Sonderling nahern, dessen Empfindungen er vielleicht nur allein hier verstand ...

Dieser blieb so kalt wie Eis ...

Benno fragte ihn in seiner Sprache, ob er die italienischen Herrschaften, die ihn heute ins Burgtheater gezogen hatten, schon aus Rom gekannt hatte? ...

Jetzt blitzte uber das gelbe Antlitz ein heller Lichtschein ...

Nein, mein Herr, erwiderte er trocken. Einmal diese Leute gesehen zu haben, ist schon zu viel ...

Lieben Sie so wenig Ihre Landsleute? entgegnete Benno ...

Diesen Principe Rucca? ... sprach Biancchi. Haben Sie das schwarze Pflaster gesehen? Der junge Affe hat sich wahrscheinlich den Kopf an einer Fensterscheibe zerstossen und geht nun mit einem Pflaster ins Theater, um Oesterreich glauben zu machen, ein solcher Italiener konnte ein Duell gehabt haben ...

Benno erzahlte die Ursache der Verwundung, nannte die junge Grafin Maldachini und sah das Auge des Italieners unter seinen schwarzen Brauen immer mehr hin- und herzucken ...

Ja mit Bestien muss die spielen! ... sagte er und fixirte Benno mistrauisch, als musste er Anstand nehmen, sich ganz auszusprechen ...

Dalschefski horchte gleichfalls schlau ... Beide Manner schienen in ihrem innersten Wesen noch etwas anderes zu sein, als was sie hier vorstellten ...

Benno erkannte immer mehr, dass er wirklich Luigi Biancchi, den dritter der romischen Fluchtlinge, vor sich hatte, in deren Familie sich Hedemann hineinheirathen wollte ...

Jenny war uberglucklich, die neue Bekanntschaft des Hauses sofort mit Biancchi so eng verbunden zu sehen ...

Wie beide ihr der Hitze wegen in ein Nebenzimmer folgen sollten, Benno auf eine Bestatigung des Ursprungs der Grafin Maldachini gefasst sein konnte, unterbrach Resi, die gefolgt war, die zur nahern Verstandigung einleitende Frage Benno's: Haben Sie nicht Verwandte, die in Frankfurt am Main und London leben? ... mit den deutschen Worten:

Der hat gar keine Verwandte! Der ist in Italien auf einem Holzapfelbaum ganz fur sich allein gewachsen! ...

Benno hatte wunschen mogen, die neckische Plaudertasche hielte sich jetzt entfernt ... Er konnte voraussetzen, dass Biancchi sich in tiefster Herzensbewegung befand, so ruhig auch wieder sein Aeusseres erschien ...

Da er auf die erneute Frage nach dem "Bildhauer" Biancchi, wie Benno den Gipsfigurenhandler, und nach dem "Maler", wie er den Restaurator nannte, nur ein Kopfschutteln als Antwort bekam, liess er Resi's Spott gelten ...

Glauben Sie ihm das alles nicht! sagte diese ... Die Leute, die Sie da nennen, die sind allerdings sammtlich seine Verwandte! ... Oder sie mogen nicht weit von seinem Stamm gefallen sein ... Aber Dalschefski muss ihnen regelmassig schreiben, dass der Onkel im Spital lage und sich selbst von milden Gaben anderer Menschen sein Leben kummerlich friste ...

Ha ragione! sagte Biancchi ruhig und nahm eine Prise, die ihm sein personlicher Freund und Stubengenosse, wenn auch musikalischer Gegner und Rival Dalschefski prasentirte ...

Besuchen Sie ihn in der Currentgasse, Herr Baron, sagte Resi ... Ein Haus mit drei Hofen, beruhmt durch den heiligen Stanislaus nebenan ... Jetzt gehort es der Handlung Pelikan & Tuckmandl ... Da werden Sie jeden Mittag um zwolf Uhr, Hof Nr. 3, Thur Nr. 17 rechts diesen von mildthatigen Gaben lebenden italienischen Bettler uber einer Pastete von Rebhuhnern und dergleichen und dem besten Wein Deutschlands finden, eines Landes, das er so grundlich verachtet ... Unsere Musik schlecht zu machen hat ihm in diesem charakterlosen Wien ein Vermogen von funfzigtausend Gulden eingebracht ... Nachts furchtet er freilich zur Strafe die deutschen Diebe und darin hat er Recht, es wird in Wien furchterlich gestohlen Frau von Zickeles! In der Josephsstadt ist schon wieder eingebrochen! Dann ruft er in seiner Angst dem Dalschefski und wenn dieser edle Pole, der die deutsche Musik trotz der drei Theilungen Polens ehrt, es vorzieht, um zwolf Uhr Nachts zu schlafen, so weckt ihn dieser grausame Tyrann, macht Licht und schmeichelt ihn aus dem Bett heraus mit dem Zugestandniss, dass Mozart manchmal ein Italiener gewesen ware ... O, wir kennen alle seine Verwandte. Eine Frau Giuseppina Biancchi zieht in Castellungo die besten Seidenwurmer ... Graf Salem-Camphausen hat sich's eine Untersuchung kosten lassen, als er der Angiolina Stunden gab und ihn auch da einmal Terschka um seine Verwandte zur Rede, er sich aber daruber vollig unwissend stellte ...

Mit grosster Ruhe entgegnete der Maestro auf diese fur Benno tief ergreifenden Einzelheiten:

Es ist ja bekannt, dass dieser Herr Graf von Salem seine Finanzen durch allerlei dumme Possen ruinirt hat ...

Da man lachte, so brach Resi in ein parodirendes: Perfido! Crrrrrudele! aus im Ton der italienischen Oper, sprang zum Klavier, variirte noch eine Zeit lang in diesem Ton heftige Verwunschungen gegen Biancchi, ging aber allmahlich wie von Ruhrung uber die Erwahnung Angiolinens und die wol jetzt in Erfahrung gebrachte Mission des fremden jungen Rechtsgelehrten ergriffen, in andere Melodieen uber und sang zuletzt Schubert's "Wanderer" mit einem erschutternden Ausdruck der Empfindung ...

Benno hatte indessen nicht den Muth, weiter zu forschen ... Ueberall sah er, dass er Anknupfungen seiner Interessen, voll ausserster Verlockung, sich zu enthullen, fand und immer, immer war dazu der Begleiter der Schmerz ... Er horte die Thurmuhren draussen feierlich in den schonen Gesang hineinschlagen ... Es war wie ein Ruf aus dem Jenseits ...

Als Resi zu Ende war, hatte er gehen mogen ... Wie disharmonisch war der ausbrechende Beifall! ... Herr von Potzl raste und kein vertrauliches: Pitoyable! folgte ... Resi aber wurdigte gerade ihn keines Blicks ... Es war, als wollte sie sagen: Wir haben eine Loge zusammen mussen gemeinschaftlich unsere kritischen Empfindungen im Burgtheater los werden aber ein Urtheil uber ein Lied von Schubert gestatt' ich dir nicht ...

Zuletzt gab man noch Benno fur seinen wiener Aufenthalt allerlei gute Rathschlage ...

Bernhard Fuld warnte vor den Fiakern Herr von Potzl, ihm leise ins Ohr raunend, vor den "Spitzln" Frau Bettina Fuld mit einer leisen Anspielung auf Terschka, uber den sie mit ihm einiges gesprochen hatte (staunend und lachelnd; sie lachelte zu Gluck und Ungluck), vor den Bohmen Harry vor den immer sehr schlechten Eckplatzen in den Theatern ja selbst Percival, den der Schlaf ubermannte, thaute noch einmal auf und ausserte sich ganz praktisch uber das Institut der "Hausmeister", das zwar Trinkgelder bedinge, aber den Besitz eines Hausschlussels uberflussig mache ...

Resi sagte:

Die Hauptsache, Herr Baron, bleibt immer die, dass Sie sich nicht bestehlen lassen! In Wien stiehlt alles! Nicht blos die Raizen und Rastelbinder das sind noch die ehrlichsten von allen! Nur draussen in der Vorstadt, aber auch da nur in der alleraussersten, gibt's noch ein bissel Ehrlichkeit! Ganz verlassen konnens "Ihnen" blos auf die Ungarn! Sonst stiehlt in Wien alles ... Die Raizen stehlen weil sie's brauchen ... Die Italiener stehlen, weil sie die Ehrlichkeit fur einen Mangel an Geist halten ... Die Bohmen stehlen, weil sie so wissbegierig sind ... Die Raben entschuldigen sich ebenso ... Die Polen, lieber Dalschefski, nehmen Sie mir's nicht ubel, die stehlen auch; sie haben das Bedurfniss, die Liebe ihrer Herrschaft in Prugeln bewiesen zu bekommen ... Ja und alle diese Motive zum Stehlen lassen sich noch horen ... Aber die schlechteste Nation, Professor Biancchi, sind in d i e s e m Punkt allerdings die Deutschen! Die stehlen aus dem ganz gemeinen Grund, dasjenige, was andern gehort, lieber selbst haben zu wollen ... Ich sage das in voller Ueberzeugung und nicht blos deswegen, weil der arme Biancchi sich uber das Schubert'sche Lied schon wieder ganz gelb geargert hat und morgen am End' die Stund' hier absagen lasst ...

In solche und ahnliche lustige Reden hinein wurden die Mantel, die Shawls und Hute aufgebunden ...

Phantastisch aufgeputzt wurde Biancchi von Jenny und Dalschefski von der Resi ... Grosse Shawls huteten die geliebten alten Maestri vor "Verkuhlungen" ... Ein charakteristischer Zug aller gebornen Wiener war, dass sie nun noch einstimmig das Klima ihrer herrlichen Stadt verwunschten ... Frau von Zickeles entwikkelte sich jetzt erst in einer langern Rede ... Angelika Muller pries dafur ihr Landhaus in der "Briehl" ... Sie seufzte auf wie eine Martyrerin, Benno, als stunde sie an der Maximinuskapelle, zuflusternd: Ich hoffe auf eine stille Stunde! ... Harry Zickeles liess sich nicht nehmen, Benno nach Hause zu begleiten ... Alles schritt hinunter ... Man trennte sich ...

Herr von Potzl benutzte Harry's Holen eines vergessenen Halsshawls, um Benno zu sagen:

Der Harry ist in Wien "Fuhrer" par excellence ... Wo ware ein neu angekommener Name, den er nicht des Morgens auf den Graben spazieren gefuhrt und des Abends nach Hause begleitet hatte! ... Leo hat seine Wohlthatigkeitsdiplome, Percival seinen "Ahasver", der Harry wird Ihnen noch sein "Album" anbieten ... Dieses sechs Pfund schwere Buch folgt ihm nach Mailand, Paris und London ... Was nur Namen hat in der wissenschaflichen, kunstlerischen und gesellschaftlichen Welt, hat da mehr oder weniger hineingeschrieben: "Hommage a mon ami Zickeles!" Er ist der einzige Mensch, dem sich Meyerbeer, Thalberg, Liszt und andere Genien im Nachtkamisol und in Unterbeinkleidern beim ersten Morgenbesuch zeigen und "Genirens Ihnen nicht, Meyerbeer, ziehen Sie sich ruhig an, Ihr Freund Harry Zickeles raucht die Cigarre!"

O bitt' schon, lieber Herr von Zickeles (unterbrach er sich) da sind Sie ja ... Ja, Sie Charmantester ... Nur keine Verkuhlung ... Mein Weg ist in die Josephstadt ... Herr von Asselyn ... Hab' mich u n e n d l i c h gefreut ... Aber ich hab' noch die Ehre ...

Auf die scharfste Satyre folgte der gemuthvollste Handedruck erst an Harry, dann an Benno, und nun wohnte Herr von Potzl doch in der Josephstadt, wahrend ihn so lange, als er uber Benno noch nicht im Reinen war, sein Weg auch uber die Molkerbastei und auf die Freyung gefuhrt hatte ...

Harry ergriff Benno's Arm wie den eines alten Bekannten und gab uber den schnell davon Huschenden die Erklarung:

Herr von Potzl ist sehr ein rangirter Mann Witwer ohne Kinder Die Angiolina war seine Pflegetochter Graf Salem liess sie auf seine Kosten von ihm erziehen Sonst ist er ursprunglich, glaub' ich, ein verdorbener Architekt ... Er hatte das Geschaft gepachtet, im Prater die Buden aufschlagen zu durfen ... Dann baute er selbst Hauser oder lieh Geld auf andere ... Das hat ihn in die Hoh' gebracht ... Als seine Frau starb, verliess ihn die Angiolina und ihm war's ganz recht, denn er hat einen grossen Nagel im Kopf und hiesse gar zu gern der "Edle von Krapfingen", was eine Besitzung ist, die ihm gehort .... Die Leute sagen aber ganz unter uns hier an dem Gebaude (Harry zeigte auf ein dusteres, Benno schon bekanntes Haus die Polizei) kennt der Mann alle Hinter- und Seitenthuren ... Nehmens sich ein bissel vor ihm in Acht ... Wir haben allerhand Spitzln ... Bezahlte und unbezahlte ... Wenn Sie in der kleinsten Garkuche speisen, so weiss man hier in dem Hause schon Abends, in was fur Munze Sie bezahlt haben ...

An dem stillen Priesterhause, Benno's Wohnung, mussten die lehrreichen Aufklarungen ein Ende nehmen ...

Ein grosser eiserner Klopfer wurde noch von dem gefalligen Harry angeschlagen ...

Die Thur ging auf ... Benno nahm Abschied und versprach, wenn er morgen zeitig vom Schloss Salem zuruckkehren sollte, die Einladung zum Mittagstisch anzunehmen, sonst aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden, gastfreien, so zwanglosen Hause zuzubringen ...

Nun schritt er durch matt erhellte Gange und kam in seine stillen Zimmer, wo er suchen musste, nach soviel kaum zu Ertragendem, das heute das Geschick ihm verhangte, im Schlummer die Kraft zu gewinnen fur sein ferneres "Freudvoll und Leidvoll".

7.

Ein schoner Spatherbstmorgen lachte Benno schon so heiter und sonnig auf seinem Lager an, als wollte der Himmel sagen: Muth! Muth! Nun nicht gewichen! ...

Benno fruhstuckte auf seinem Zimmer mit dem Chorherrn, der bei ihm anklopfte, und erzahlte seine gestrigen Erlebnisse ...

Zur Fahrt nach dem Schlosse Salem bestellte der freundliche Wirth sofort einen Einspanner, der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geistlichen Hauses warten sollte ...

Aber wie nun um elf? Wie das Rendezvous im Palatinus? fragte er neckend ...

Benno berichtete noch von der Begegnung im Theater und nannte den Namen der Herzogin von Amarillas, uber die der Chorherr nichts Naheres wusste ...

Sie mussen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen geben, sagte er, sonst kommt sie noch hier am Hause vorgefahren ...

Benno wollte im Voruberfahren am "Palatinus" seine Karte abgeben ...

Dann erzahlte er von dem Abend bei den Zickeles und schilderte den eigenthumlichen Gegensatz desselben zu der Lage, in der er den Grafen Hugo anzutreffen erwarten durfte ...

Auch diesen Beziehungen, die eine Schilderung der Macht der Borse veranlassten, stand der Chorherr zu fern ...

Als Benno andeutete, dass ihm durch alles, was er hier in Wien und Oesterreich sahe und hore, doch ein eigenthumlicher Ton der Trauer mitten durch die Freude hindurch zu gehen schiene, eine Verstimmung, ein Mangel an Selbstvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern, eine bald excentrische Hingebung, bald ein geheimer Krieg aller gegen alle, kurz eine vollig atomistische Zerbrockelung dieses herrlichen grossen Ganzen da sagte der Chorherr, aufs ausserste erregt und vom gemeinschaftlich genossenen Fruhstuck aufstehend:

Das eben bricht mir ja das Herz! ... Das erkennen Sie also schon, dass, wenn auch unsere Machthaber nichts lieber wunschen, als die Bestatigung des Rufes, in dem wir als ein Volk von Phaaken stehen, lebend nur dem immerfort sich drehenden Bratspiess, doch dieser Vergnugungstaumel, in den sich unsere Bevolkerung zu sturzen liebt, um so herbere Aschermittwochsstimmungen zurucklasst? ... Aus all dieser Lustigkeit horten Sie schon heraus: Wien ist krank! ... Mein junger Freund, ganz Oesterreich ist es ... Der Wahrheitstrieb, der tief in diesem Volk begrundet ist, findet keine Befriedigung ... So verwandelt er sich in Mistrauen, kuhle Prufung, zuweilen leidenschaftlich hervorbrechende Begeisterung und wieder ebenso rasch kommende Ironie seiner selbst ... Die einen macht ein solches Wesen schlecht, die andern macht es melancholisch ... Was soll einst daraus werden! ... Die Masse ist gemuthvoll, ist gerechtigkeitsliebend, aber von einer beangstigenden Unbildung und Masslosigkeit ... Die Vorstadte werden an sich noch wie von den Anschauungen alter Frauen regiert, die an den Strassenecken die Gemuse verkaufen ... Ein Schrecken vor Kometen oder vor dem moglicherweise alle Tage wiederkehrenden Turken oder vor dem Staatsbankrott ist die feststehende Stimmung des allgemeinen Volksgeistes ... Nun dieser Drang nach Oeffentlichkeit, nach Auszeichnung ... Alles was in den Polen, Ungarn, Bohmen, Italienern, namentlich aber in der lebendigsten aller Nationen, in dem todten Israel lebt, impft sich unserm Volk hier auf ... Herrlich, wenn das alles einen wurdigen Gegenstand fande ... Aber dafur die strengste Censur, die Verfolgung der Meinungen, die Unterdruckung der Lehrfreiheit und als Ersatz fur alles das, was die Oeffentlichkeit entbehren muss, die immer enger und enger sich ziehende jesuitische Ueberstrickung ... Kirche und Schule, Wissenschaft und Kunst sollen vom "josephinischen" Geist gereinigt werden ... Einsehend, dass es unmoglich, das Licht, das man furchtet, in Sacken und dunkeln Kutten aufzufangen, arbeitet man jetzt an einem andern System der Bekampfung des Neuen ... Man erbaut Gegengebaude ... Man hort die Rathschlage aus dem Al Gesu in Rom ... Und dem allem stimmt die offentlich geheuchelte Loyalitat gleichsam zu und doch im tiefsten Grund ist's nichts als Luge ... An der Luge geht mein herrliches Oesterreich zu Grunde! ...

Die magern Hande des Greises zitterten ... Sie krummten sich ... Sein Auge war umflort ... Er musste hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen, bis sich sein Blut beruhigte ...

Ein Hausdiener brachte einen Brief, den gestern Abend ein fremder Herr bei ihm unten geschrieben, versiegelt und an Herrn von Asselyn adressirt hatte ...

Er war von Schnuphase ...

Benno mochte nicht lesen ...

Als sie beide wieder allein waren, nahm der Chorherr die Gedankenreihen, die ihn so tief erschutterten, wieder auf ...

Unsere gegenwartigen Regenten sind gegen die Jesuiten ... Regenten wollen keine Theilung ihrer Herrschaft ... Aber die Stromung ist zu gross ... Sie kommt zu stark und von hoch oben ... Immer grosser wird die Zahl der mittelalterlichen Fanatiker, die mit feierlicher Salbung das ausfuhren, was Gentz nur vom Standpunkt der blossen Staatsraison leicht und heiter hinwarf ... Damit das germanische Element in Deutschland nicht ganz an Preussen ubergeht, muss der Protestantismus in sich selbst verwirrt, verdunkelt und zum Bundsgenossen Roms gemacht werden ... Alle Richtungen, die im Denken und Empfinden der Zeit irgendeine Verbindung mit dem Mittelalter zulassen, sollen von jetzt an nur noch allein gepflegt und ausgezeichnet werden ... Ich habe das Gefuhl einer bangen Zukunft ...

Der sich naturlich aufdrangende Gedanke an den grossen Staatskanzler bestimmte Benno, den Brief Schnuphase's zu erbrechen ...

Er las:

"Hochwohldieselben nicht zu Hause getroffen, zu haben beklage schmerzlichst, bitte instandigst, jedoch Hochdero ergebensten Diener in dieser grossen Stadt nicht verlassen zu wollen, sondern, ihm hulfeflehend die Ehre zu geben fur ubermorgen anberaumter Hoher Audienz bei seiner Durchlauchtigsten Staatskanzler Hochdero ergebensten Diener begleiten zu wollen, da meine Angst vor den vorhabenden Mittheilungen alles, ubersteigt was in solcher Lage jemals, empfunden zu haben entsinnen kann. Adresse: Pelikan & Tuckmandl, Currentgasse. Hochdero gehorsamst Schnuphase, Stadtrath. In Eile."

Benno zerriss den Brief, warf ihn in einen Papierkorb und schwieg von dem Inhalt ...

Feierlich zundete der Chorherr eine Kerze an und sagte:

Briefe, die man nicht aufbewahren will, muss man verbrennen ...

Eine lange Pause, wahrend der er feierlich die Stuckchen Papier verbrannte ... Rauchen Sie eine Cigarre! sagte er dann mit weicher Stimme ... Sie sind jung! ... Und kommen Sie nicht zu spat zuruck ...

Benno druckte dem Gehenden die Hand ... Es war ihm bei dem trefflichen Mann so wohl, als ware er beim Onkel in der Dechanei ...

Auf eine seiner Visitenkarten schrieb er in italienischer Sprache: " bedauert, fur heute verhindert zu sein, personlich nach dem Befinden Sr. Hoheit zu fragen" ...

Es waren diese Worte fur den Principe Rucca bestimmt ... Buchstaben, die sich von seinem Herzen, von seiner Hand langsam losrangen, wie ein Furst die Bestatigung eines Todesurtheils schreiben mag ...

Dann nahm er die ihm von Nuck ubergebenen Papiere, schloss sie in ein grosseres Portefeuille, nahm einen warmen Oberrock, verliess sein Zimmer und bestieg den kleinen Wagen, der am Hause hielt ...

Am Palast des romischen Botschafters fuhr er voruber, wie vor einem geheimnissvollen Cocon, in den sich eine Raupe gehullt hat, die ihm zum bunten Schmetterling werden sollte ...

Am Palatinus hielt er ...

Die Vorhange an den Fenstern des ersten Stocks hingen noch hernieder ... Einen Tross von Menschen sah er wieder im Portal stehen ... Wieder den Mohren des Prinzen Rucca ...

Benno ubergab aus dem Wagen dem Portier seine Karte ... Die Hand zuckte. Er erschien sich jener Apollin, an den Olympia als Kind hinaufsprang, um ihn zu zertrummern ... Eine heisse Glut durchloderte ihn, wenn er dachte: Sie erwartet dich um elf Uhr in den Zimmern ihres Verlobten, findet deine Karte, auch die Mutter nimmt diese in die Hand, liest deinen Namen Ceccone kommt hinzu Du wirst in Kreise gezogen, wo die Verfuhrung dich umgaukelt, wo jeder Schritt fur dein Herz und dein Urtheil zur Fussangel werden kann! ... Wirst du in solcher Lage, mit allen aus ihr entspringenden Verbindlichkeiten der Verstellung ausharren konnen? ... Da war es ihm, als riefe es um ihn her: Fliehe! Jetzt! Jetzt! Noch ist es Zeit! ...

Das Rosslein schwenkte ... Munterer sprang es dahin in eine ruhigere Seitenstrasse ... In der Nahe eines seltsam gebauten Hauses, dessen Fenster den Schiessscharten von Kasematten glichen und die doch einem Franciscanerkloster angehorten, wie der Kutscher erlauterte, lag ein altes Haus, am Portal mit dem Bild eines Heiligen und einer ewigen Lampe ... Er fragte nach der Currentgasse ... Die lag in einem andern Theil der Stadt ... Wie werth war ihm die Erinnerung an die freimuthige, herzige Therese ... Sie die Freundin seiner verlorenen Schwester ... Graber! Graber ! rief es in seinem Innern ... Warum offnest du sie ... Fliehe! Fliehe! Noch ist es Zeit! rief es auch hier um ihn her ...

Durch ein kleines Thor auf das Glacis gekommen, fuhr er am Kloster der Hospitaliterinnen voruber, wo er schon die Aebtissin, Schwester Scholastika, die geborene Tungel-Heide, hatte besuchen mussen ... Er widmete ihr einen Sehnsuchtsgedanken an die ferne Armgart ...

Immer einsamer und einsamer wurden die Strassen ... Zuletzt gab es nur noch alleingelegene Hauser mit Garten und Feldern, Fabrikgebaude mit hohen und rauchenden Schornsteinen ...

Endlich war die Landstrasse erreicht und der ganze Vollgenuss gewahrt der ungehindert eingeathmeten kraftigenden Herbstluft ...

Benno sass im warmen Oberrock bei offenem Verdeck ...

Bald bog der Wagen von der Hauptlandstrasse ab ... Kleine Ortschaften, in denen gerade Markt gehalten wurde, boten den buntesten Anblick ... Der Himmel blieb sonnig und dunkelblau; nur an den Randern des Horizonts, den die sanften Bergeshohen abgrenzten, schimmerten die bunten Irisfarben des Herbstes, rosa, gelb und violett ...

Der Kutscher sah Benno's Wohlgefallen an der schonen Umgebung und rieth ihm zuweilen, zu Fuss einen kurzern Weg durch eine Waldpartie zu nehmen, wahrend er die sich windende Landstrasse weiter fuhr ... Aber durch die Eichen- und Buchenhaine war vor schon gefallenem Laub nicht hindurchzukommen ... Nur die grunen Tannenbestande liessen hier und da den Rath befolgen ... An manchen Durchblikken sah Benno weissschimmernde Kloster und Schlosser ... Der Blick ringsum offnete bald diese, bald jene Fernsicht, bald zu einem schroffen Aufgang zu hohern Felsgesteinen, bald zur weiten, vom Pflug wieder neugeackerten, dunkelschwarzen Ebene ... Bonaventura Armgart Paula schritten immer im Geiste mit ihm ...

Endlich wurden die Aussichten begrenzter ... Die Hugelreihen zogen sich enger zusammen ... Der Kutscher deutete auf den Ausgang eines waldbewachsenen Grundes als den Anfang des zum Schloss Salem gehorenden Parks ... Nach einer langern Fahrt zwischen rings sich thurmenden, noch epheu- und moosbewachsenen, von kleinen behenden Cascaden uberrieselten Felsen sah man den Weg sich offnen und an der Abdachung der sich in eine neue grosse Ebene niedersenkenden Berglehnen eine hellschimmernde, in neuerm Geschmack angelegte Besitzung, der man in der Ferne noch nicht anmerkte, wie sie aus einem alten Renaissanceschloss entstanden war ... Alte Thurme waren da im englischen Castellstil neu erganzt ... Balcone, Erker, gewolbte, mit Epheu und wildem Wein umzogene Fenster liessen sich schon aus der Ferne erkennen ... Eine Altane bot ohne Zweifel den Blick in die weiteste Ferne bis zur Donau ... Offene Galerieen, sonst wol mit Blumen besetzt, zogen sich um die Eckthurme hin ...

In nachster Nahe gewann jetzt alles ein gepflegteres Aussehen ... Fast unmerklich verlor sich die Strasse in einen Park voll kleiner Pavillons, Tempel, Ruhebanken neben sturzenden Wassern; da und dort zeigte sich wieder eine freie, noch smaragdgrune Waldstelle, auf der man hatte Rehe suchen mogen ...

Schon fuhr der kleine Wagen in den gekieselten Gleisen der Parkwege ... Die Fusswege nebenan waren sauber geharkt ... Sie schlangelten sich terrassenhaft niederwarts bis zum Schlosse, das bei grosserer Annaherung sich immer stattlicher entfaltete und nun auch seine Nebengebaude, einen grossen geraumigen Hof zeigte, den ein eisernes Gitter und in dessen Mitte ein hohes, mit dem Camphausen'schen Wappen geschmucktes Portal vom Park trennte, wahrend der Fahrweg am Portal voruber weiter ging und auf einer andern Seite wieder auf die allgemeine Landstrasse zuruckfuhrte ...

So in der Nahe nun zu sein von all dem seither erzahlten, vorgestellten, gefurchteten Leben einer fremden hochwichtigen Existenz mit all ihren eigenbedingten Lagen, ihren eigengeschaffenen und wieder fur andere massgebenden Zustanden gewahrte schon an sich eine ergreifende Stimmung ... Wie viel mehr noch das Gefuhl: Hier weilt dir eine Schwester, die du nie gesehen, vielleicht nie anerkennen wirst! ... Hat Terschka wirklich Wort gehalten und geschwiegen? ... Unwillkurlich kam ihm die Erinnerung an den Park des Vaters auf Schloss Neuhof ... Dann raffte er sich auf und doch suchte er wieder durch die laublosen Baume hindurch nur ein abgesondertes Gebaude, das Casino genannt, in welchem, wie er schon in Kocher vom Onkel Dechanten gehort, seine Schwester fur sich allein wohnen sollte ... Er sagte sich: Du bist ganz wie Bonaventura mit den Burden seiner Beichten! ... Wenn du deine Schwester sahest wurdest du kalt und fremd erscheinen mussen ... Auch dass der Graf vielleicht das Opfer eines Betrugs durch eine falsche Urkunde ist, darf kein Gedanke sein, der dich irgendwie hier anwandelt ...

Im grasbewachsenen, gepflasterten Schlosshof war es, wie noch zur Mehrung seiner marchenhaft traumerischen Stimmung, menschenleer ...

Nur ein einziges Ross sah er, das gesattelt an einen eisernen Candelaber gebunden stand, deren vier eine Rampe schmuckten, die die grosse Auffahrt bildete ...

Zu diesem trat durch die Thur eines Seitengebaudes, die zum Stalle zu fuhren schien, eben in sorgloser Haltung ein Reitknecht, den selbst die Ankunft des Einspanners nicht storte ...

Inzwischen war Benno dicht an die Rampe gefahren ...

Jetzt sah er erst, der Sattel des Pferdes war ein Damensattel ...

Ohne Zweifel war er fur seine Schwester bestimmt ...

Nun mit dem beklommensten Herzen, jeden Augenblick gewartig, ihr als Bote ihres Sturzes oder wenigstens ihrer kunftigen ausserlichen Verleugnung zu begegnen, sah er dem Reitknecht zu, der den Sattel, fester schnurte und, wahrend der Kutscher schon sein Ross ausschirrte, auf einen Diener deutete, der aus der hohen Glasthur, die von der Rampe zum Schloss fuhrte, mit eilendem Schritt heraustrat ...

Auch dieser ging wie der Reitknecht in den "altfrankischen" Dorste'schen Farben grun und gelb, doch in geschmackvollerer Vertheilung als in Westerhof ... Die Halbrocke von mattgelbem Tuch, kleine Verzierungen daran grun ... Eine weisse Weste, kurze schwarze Beinkleider und Strumpfe stimmten zu den artigen Manieren des von der Rampe Herabkommenden, der ein Kammerdiener zu sein schien ...

Offenbar war der Mann in grosser Verlegenheit ... Er wusste, dass Benno erwartet wurde und entschuldigte den Grafen, der noch eine Abhaltung hatte ... Dann nahm er mit freundlicher Geschaftigkeit das grosse Portefeuille Benno's entgegen und lud den Gast ein, sich's so lange in einem Zimmer bequem zu machen, das er ihm anweisen wollte ...

Alle diese Worte horte Benno kaum; denn an einem der hohen Fenster des obern Stockes, hinter den blutrothen wilden Weinblattern, die noch nicht ganz von ihrer uppigen Ausbreitung welk herniedergefallen waren, luftete sich eben eine weisse Gardine und ein Frauenkopf sah heraus ... Nur ein Moment war's ... Sogleich fiel die Gardine wieder zu ...

Es war ein Kopf, ahnlich dem Lucindens ... Jugendlicher, von einem Ausdruck der aussersten Angst entstellt ihm ahnlich ...

Er konnte annehmen, der Graf befand sich in einem Tete-a-Tete der grossten Aufregung ...

Benno, mit dem Gefuhl, jedes Auge, das hier auf ihn falle, musste ihn anstarren um seiner Aehnlichkeit mit Angiolina willen, folgte mit kaum sich aufrecht haltender Betaubung dem Diener, dessen ganzes Benehmen die Furcht ausdruckte, es konnte der junge sehnsuchtig erwartete Rechtsgelehrte der Schallweite der obern Zimmer zu nahe kommen ... Von einem runden Eingangsvestibul fuhrte er ihn sogleich in die entgegengesetzte Richtung, ja schloss Fenster und Thuren, die er offen fand, als konnte noch ein anderer Schall hereindringen, als der der Gesprache des Kutschers mit dem Reitknecht und das Unterbringen seines Gefahrtes im graflichen Stall ...

Endlich kamen sie in Zimmer, die des Grafen Wohnzimmer selbst schienen und nach dem Garten hinaus gingen ... Dieser war nur ein im Charakter etwas veranderter Theil des Parks ... Die Fahrstrasse umschlangelte das Schloss und lag, kaum hundert Schritte weiter, wiederum dem Blicke offen ... Die Zimmer, die sie durchschritten, gingen bis in den alten Bau hinein, einen Thurm, von dem eine noch von welken Blumen umrankte Wendeltreppe in den Garten fuhrte ...

Das Zimmer, in dem sich der Diener endlich empfahl, war duster, sonst hochst traulich ... Von oben her beschattete es das Dach der grossen Altane des ersten Stocks, die man in der Ferne gesehen hatte, auch eine Fulle von Epheu, der von aussen fast in das Zimmer hereinwuchs ...

Es liegt ein eigener Reiz in dem Betreten eines zum ganzen und vollen Ausleben eines fremden Ichs bestimmten Zimmers ... Offenbar hatte der Graf sein Ausbleiben dadurch mildern wollen, dass er Benno sogleich in die Raume fuhren liess, die er selbst bewohnte ... Der Duft der besten Cigarren kam wie aus eben erst verronnenen blauen Wolkchen ... In der Mitte des Zimmers lag auf einem grossen runden, zierlich ausgelegten Nussbaumtisch eine Auswahl von bunten turkischen und ungarischen Pfeifen ... Cigarrenkisten aus der Havannah waren noch nicht lange geoffnet ... Gelber turkischer Taback lag in einer antiken Schale von Metall ... Das sich dem mittelalterlichen Geschmack nahernde Zimmer war hochgewolbt ... An den Wanden hingen turkische Waffen, Rossschweife sogar, Gemshorner, Alpenhute, geschmuckt mit Gemsbarten ... Dunkelbraune Schranke, gothisch geformt, standen theilweise offen und zeigten goldenen und silbernen Militarschmuck, Sabel, Pistolen, Jagdflinten ... An den Fenstern waren Glasmalereien angebracht; der Fussboden, am Schreibtisch mit einer grossen Tigerdecke belegt, war parkettirt in schonen symmetrischen Figuren ... Neben dem modernen und gusseisernen Ofen stand ein vollstandiger Ritterharnisch von blankpolirtem Stahl ... Auf einer hangenden Etagere blinkten Trinkkannen, Kruge mit eingebrannten Sinnspruchen, Becher aus Horn mit silbernen Griffen ... Der Schreibtisch stand frei, wohlgeordnet und bedeckt mit bunterlei Nippsachen ... Federn lagen, noch glanzend von frischgetrockneter Tinte, auf grunem querubergespannten Tuche ... Hinter dem Schreibtisch standen in einem dunkeln Winkel zu Fuss eines Portrats, das einen General und ohne Zweifel den durch einen Pferdesturz verungluckten Vater des Grafen darstellte, Hellebarden, Streitkolben, Morgensterne ... Ein kleiner Schrank enthielt eine Bibliothek von schongebundenen Buchern, militarischen und landwirthschaftlichen Inhalts ... Eine altmodische Wanduhr mit horbarem Pendelschlag schien der Pulsschlag des stillen und doch so lebendigen Zimmers zu sein ... Hier hatte Terschka gewaltet ... Hier Angiolina ... Benno's Blick fiel auf eine Console zwischen den beiden Fenstern, wo im Dunkeln eine Alpenzither lag und auf ihr ein weiblicher Strohhut ...

Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein, da kam der Kammerdiener zuruck und entschuldigte den Grafen aufs neue ... Er ware zwar im Schlosse, bate aber den Herrn Baron aufs instandigste, ihm wegen seines Ausbleibens nicht zu zurnen ...

Benno sah aus den Zugen des Alten, welche Probe sein Herr zu bestehen hatte ... Er las einen Kampf der Liebe und Leidenschaft aus ihnen ... Er las aus ihnen Schmerz, Verzweiflung, Drohungen ... Er musste krampfhaft seinen Hut festhalten, um nicht das Zittern seiner Hande zu verrathen ...

Der Diener wollte, da Benno eine Erfrischung zu nehmen ablehnte, wenigstens zu seiner Unterhaltung plaudern ... Er ruckte einen beweglichen Lehnstuhl dem Fenster naher, um Benno die Aussicht zu deuten ... Er nannte die Kloster, die Kirchen, die Dorfer, beschrieb den Lauf der Donau, die wie ein Flechtwerk silberner Bander in dem fast uberall neugepflugten dunkelschwarzen Erdreich glanzte ... Leise nahm er dabei den Strohhut von der Zither, wollte ihn verstekken, besann sich aber, dass gerade dies Wegnehmen erst recht darauf aufmerksam machte und legte ihn wieder leise auf die Saiten, die nun wie Geisteraccorde anklangen ...

Lass mich weinen, lass mich klagen!

Frage nicht, warum ich's muss!

Ist es nicht der Gotter Schluss:

Leben steigt aus Sarkophagen

Seit des Lebens ersten Tagen!

So klang es in einem Liede Bonaventura's, das wehmuthsvoll in Benno nachtonte ...

Jetzt horchte der Diener auf ... Er schien etwas zu horen, was Benno entging ... Besorgt begab er sich in die offenen Vorzimmer und zog die Thuren, die vorher offen gestanden, sorgsam hinter sich zu ...

Benno war keine sentimentale Natur ... Die Ironie pflegte die Regungen seines Herzens hinwegzutandeln ... Hier aber kam ihm nichts mehr vom Humor zu Hulfe ... Er fuhlte die Rechte des Menschenherzens in dem Leid seiner Schwester mit Titanenkraft ... Armes Kind! ... Aber auch du arme Paula! ...

Benno nahm selbst den Hut von der Zither ... Schwarze Sammetbander glitten uber seine zitternden Hande ... Auf der Spitze des Huts waren funf Sternchen von schwarzem Sammet befestigt ... Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar ...

Da horte er Thuren schlagen ...

Er legte den Hut auf die Zither zuruck ...

Es war ihm, als musste Angiolina gesturmt kommen und selbst ihren Hut holen ...

Ein Gefuhl, sie zuruckzuhalten und sie, die eben alles verlor, mit dem Schwesternamen zu begrussen, uberwaltigte ihn einen Augenblick ... Wer denkt sich nicht zuweilen eine That des Heroismus, die, im Urrecht des Genius begrundet, alle Schranken der Rucksicht durchbricht, eine That, die die ordnende Weltseele ebenso gut wie jede andere wieder mit dem Hergebrachten wurde zu vermitteln wissen! ... Schon musste er sich halten wie jemand, der zu dicht an einen ungeahnten Abgrund gerathen und statt zu fallen, mit muthigem Entschluss den furchtbaren Sprung lieber selbst wagt ...

Da hort er vom Garten her den Hufschlag eines Rosses ...

Im regen- und nebelfeuchten Kiese der gleichmassige Schritt eines Galoppirenden ...

Jetzt schwenkte das Ross ... Es war das von vorhin im Schlosshofe ... Es schwenkte vom alten Gemauer zur Rechten her und dahin uber die sich abdachende Strasse quer am Schlosse voruber ...

Darauf eine Reiterin ...

Nur Angiolina konnte es sein ...

Im dunkelwallenden Kleid sass sie hoch im Sattel ...

Ja als sie an der Front der Schlossfenster voruber musste, schien sie aus dem Sattel sich zu erheben und sank wieder zuruck ... Ein Hut mit blauem Schleier schlug hinten uber und fiel ihr in den Nacken ... Ein schoner Kopf, todtenbleich, mit dunkelschwarzem Haar und lichtverklart vom durchsichtigen Aether sich abzeichnend ...

Das Ross wie im Fluge ... Die linke Hand hielt die Zugel, die rechte riss den Hut ganz vom Haupte ... Nun ragte die Gestalt schlank und lustig schwebend ... Die Hufte zum Umspannen ... Benno suchte das Auge ... Das schien sie zuzudrucken ... Es war, als wollte sie nichts mehr von dieser Welt erkennen ... Immer weiter und weiter schlangelten sich die Windungen des Weges. Das Ross schwenkte ... Sie selbst schien wie von einer Schaukel gehoben ... Nun verlor sie sich hinter den Buschen ... Wieder tauchte sie auf ... Ein Bangen ergriff Benno bei dem immer mehr sich verlierenden, in den Buschen bald offenen, bald von ihnen gedeckten Anblick ... Wo raste sie so hin? ...

Oder Wie ist das? ... Kehrt sie zuruck? ... Ist sie nicht schon wieder in der Nahe? ...

Nein ... Neuer Rosseshuf erklingt ...

Der Reiter sind aber mehrere ...

Auch sie biegen von der Rechten her ums Schloss ... Eine Cavalcade ist's von mehreren Herren ... Eine Dame unter ihnen ... Olympia! ... Dieselben Begleiter, wie gestern ... Dieselbe kleine Gestalt uber und uber heute in hellblauem Sammet ... Gelbe Seide die Verzierungen ... Ein schwarzer Chapeau-Mousquetaire im grellsten Geschmack des Sudens mit Goldtressen geschmuckt ... Phantastischer Carnevalsanblick! ... Auch sie jagt dahin und erhebt sich ebenso beim Blick auf das Schloss ... Sie erkennt Benno ... Das Ross schwenkt ... Wild stieben die Reiter um sie her ... Eine neue Schwenkung ... Jetzt ist Olympia eingeschlossen von ihren Begleitern und auch sie verschwindet ...

Benno stand besinnungslos ... Er sah die Wirkung seiner Karte ... Ohne Zweifel hatte man seine Wohnung erfragt, seinen Ausflug erfahren, die Richtung erkundschaftet und war ihm gefolgt ... Wieder die Statue des Apollin von einem Panther umkrallt! So wirkte ihm diese Erfahrung ... So wild sich geliebt zu sehen muss ja den Tod versussen ...

Da gingen die Thuren und der Diener kam eilends zu dem Besinnungslosen ...

Eben kommen Seine Erlaucht! sagte er ... Seine Worte erklangen wie der Ton der Erlosung und glucklichen Hoffnung ...

Die Erscheinung, dass Herrschaften von Wien her oder der Umgegend die Durchfahrt durch den Park und an Schloss Salem voruber benutzten, schien eine haufig vorkommende zu sein ... Der Diener achtete nicht darauf ...

Schon im Vorzimmer sprach eine hellkraftige Stimme mit jener Fassung, die der Weltbildung gelaufig ist, eine Entschuldigung fur das lange Ausbleiben ...

Graf Hugo trat ein ...

Eine schone mannliche Erscheinung ... Am Ende der Dreissiger ... Hochgewachsen wie seine Mutter Erdmuthe ... Das Haar braun, lockig; hie und da dunn an der Stirn und den Schlafen; Lippen und Kinn trugen den Bart desto voller ... Die Augen blau ... Der erste Eindruck vor den Bewegungen der Hoflichkeit und einer nur muhsam verborgenen Erregung unbestimmt und fast zu lebhaft ... Der Graf trug ein kurzes, militarisches, weisses Hauscollet mit einer leichten Paspoilirung von Rosaschnuren an der Brust, an den Achseln und Aermeln; lange eng anliegende blaue Beinkleider, unten mit einem Besatz von glanzend lakirtem schwarzem Leder, das gegen Hausstiefel von bunter russischer Lederstickerei grell abstach ...

In einer Sprechweise wienerischen Tonfalls entschuldigte er sich, dass ihn Geschafte abgehalten hatten, sich in eine vollstandigere Toilette zu werfen ...

Alles das kam, als hatte er eben nur eine Abhaltung gehabt in seinen Stallen oder sonst bei einem Lieblingsgeschaft, das abgewartet werden musste ...

Der Uebergang zum Rauchen, das Nothigen auf ein dunkel gestelltes, ganz in der Ecke hinter dem Schreibtisch befindliches Kanapee, alles war so leicht, so im Ton der harmlosesten Zuvorkommenheit, dass jeder andere nicht gemerkt haben wurde, wie die Art, mit der er in die Kissen zurucksank und wie von seinen Wangen die leichte Rothe der ersten Begrussung verschwand, doch die ausserste Erschopfung nach einer aufregenden Scene ausdruckte ... Im forschenden Blick auf Benno der volligste Ausdruck der Unbefangenheit uber dessen Beziehung zu Angiolina ... Und kein Stutzen etwa uber irgendeine Aehnlichkeit ...

Ungeordnet, abgerissen war alles, was der Graf von Benno's Auftragen sprach ...

Dieser sammelte sich selbst erst durch das Aufschliessen seines Portefeuille ... Die Eindrucke sturmten zu machtig auf ihn ein ... Die Verlegenheit des Grafen wurde von der seinigen ubertroffen ...

Herr Graf, begann er allmalig, da ich die Ehre habe Frau Grafin Mutter zu kennen und den Bewohnern von Schloss Westerhof durch lange Jahre nahe stehe, so hab' ich bei Veranlassung einer Reise nach dem Suden, gern die Auftrage ubernommen, die mir Herr Dominicus Nuck gegeben ... Ich soll Ihnen vorlegen, was die Agnaten der Dorstes, die Landschaft, die witoborner Curie zuvor gesichert wunschen mussen, ehe die Vermahlung zwischen Ihnen und Comtesse Paula zu Stande kommt woruber Sie wahrscheinlich schon die directe Entscheidung durch Ihre Frau Mutter erhalten haben ...

Kein Wort ! sagte Graf Hugo, immer noch wie scherzend ... Er versuchte, eine Cigarre anzundend, den Ton der Leichtigkeit beizubehalten ... Kein Wort, wiederholte er, das entscheidend ware Die Mutter kommt in diesen Tagen zuruck Sie kann schon heute da sein Da werden wir ja horen ...

Ich zweifle nicht, dass sie die Nachricht von Comtesse Paula's Einwilligung bringen wird Ich wunsche Ihnen Gluck zur Verbindung mit einem der edelsten Wesen der Welt ...

Graf Hugo schwieg ...

Die Cigarre, die nicht brennen wollte, fortlegend, sagte er:

Sie bringt mir ein grosses Opfer ...

Es wahrte eine Weile, bis er, wahrend er die Hand aufstutzte, fortfuhr:

Ich bin beschamt davon ... Herr von Asselyn, das sind sehr traurige Nothwendigkeiten ... Sie werden ja unterrichtet sein wie alles das schon seit Jahren

Mit diesem Worte stockte seine Rede ...

Benno sah, wie sich die hochgewolbte, mannlichstarke Brust hob und senkte ...

Man sollte sagte der Graf, wieder nach einem moglichst heitern Tone ringend man sollte eigentlich niemals grossmuthig sein ... Es war seit Jahrzehnden in unserer Familie die stehende Redensart: Allerdings wenn die Urkunde sich fande ! ... Nun ist sie da und alle unsere Bravaden werden beim Wort genommen ... Soll ich wieder aufs neue processiren? ... Soll ich die Urkunde angreifen? ... Soll ich die Verbindlichkeit als eine gefalschte leugnen? ... Ihr Staat duldet bei Testamenten keine Religionsverbindlichkeiten ... Das weiss ich vollkommen ... Ich wurde selbst einem Gegner, wie Nuck gegenuber, gewinnen ... Aber erst nach zehn Jahren ... Diese Zustande einer Processfuhrung sind nicht mehr zu ertragen ...

Als Benno zustimmend schwieg, fuhr der Graf fort:

Die Leute sagen, die Urkunde ware ein Extrastuck Terschka's, befohlen aus Rom ... Aufrichtig, ich glaube das nicht ... Der arme Schelm hat uns alle betrugen mussen ... Das ist wahr ... Aber hierin ist er unschuldig ... Meine Mutter hat ernste Scenen mit ihm gehabt ... Ich will hoffen, dass ihm England den "neuen Menschen" anzieht, der, wie Sie wol wissen, zur Garderobe meiner guten Mutter gehort ... Die Arme! ... Ihr Eifer, ihre Bemuhung ruhren mich ... Ich will alles thun, was Mama auf ihre alten Tage Beruhigung gewahrt ...

Benno breitete die Papiere aus und horchte den Worten, die nicht herzlos klangen, horchte um Terschka's willen, dem das Zugestandniss der Verschwiegenheit und einer wirklich geubten Discretion machen zu mussen, ihn fast schmerzte ...

Meine Religion ist in diesem Land sehr schwer gestellt, fuhr der Graf in den Papieren blatternd fort, ... Ich furchte, Grafin Paula wird darin am meisten Anstoss bei mir nehmen ... Zumal bei ihrer ubergeistigten Richtung ... Ich hoffe, Ihre Papiere enthalten nichts von einer Bedingung, mir erst durch eine Conversion die Gemeinschaft auch des Himmels mit ihr sichern zu sollen? ...

Benno bestatigte diese Voraussetzung und berichtete, dass die Vorbehalte lediglich auf Besitzfragen gingen ...

Der Graf erklarte, alles das, was er da fande, schon mit wiener Advocaten besprochen zu haben und sagte, die Papiere zurucklegend:

Am liebsten fand' ich in diesen Papieren ein Bild der Grafin ... Wie ist es jetzt mit ihrer Krankheit? ... Meine Mutter schreibt nichts daruber ... Wahrlich, ich gestehe, ich wurde verzweifeln, wenn sich alle diese Dinge hier so fortsetzten, wie in Westerhof ...

Man sagt, die Ehe hebt einen solchen Zustand ... entgegnete Benno ...

Graf Hugo erhob sich, sah zum Fenster hinaus und sprach mit einer Schuchternheit, die Benno an einem Mann, der die Gesetze des Lebens so leicht zu nehmen schien, kaum erwartet hatte:

Die Ehe! Eine Ehe, wie sie eben in unsern Standesverhaltnissen so oft geschlossen wird ! Und ich soll dann nach Westerhof kommen ... Ich bin es kaum im Stande ... So furcht' ich mich ...

Benno ehrte diese Ausbruche des ringenden Ehrgeizes durch Schweigen ...

Ich weiss es sehr wohl, fuhr der Graf fort, wir Manner bringen mit unserm Herzen viel zu Stande ... Wir konnen aus unserer Liebe nicht das nur einmal vorhandene Kleinod machen, das eben die Frauen darin sehen wollen ...

Nach diesen mit einem leichten Seufzer und einem scharfern Fixiren Benno's begleiteten Worten verlor sich der Blick des Grafen wie innenwarts ... Er stand am Fenster, strich sich sein Haar, ergriff mechanisch von der Console ein kleines Fernrohr, wie Offiziere beim Felddienst fuhren, und sah weithin in die Ebene ... Es waren Bewegungen, die der Zerstreuung angehorten ...

Benno lenkte zu den Papieren zuruck, die er in der Hand behalten hatte ...

Plotzlich blickte der Graf starr durch sein Perspectiv, das er zu verlangern anfing ...

Einzelheiten dessen, was den Grafen beim Sehen in die Ferne zu interessiren schien, konnte Benno bei der ohne Zweifel grossen Entfernung nicht unterscheiden, aber die Gruppen der Reitenden waren es gewiss ...

Der Graf erblasste, reichte Benno das Glas und sagte:

Was sehen Sie, Baron? ...

Benno sah zwei Reiterinnen, Angiolina und Olympia, im Wettlauf ... Die Offiziere schienen beide umringt zu haben ... Nach der selbst bei der grossen Entfernung ersichtlichen Schnelle musste es wie im Sturm dahingehen ...

Wer sind denn diese Unverschamten! rief der Graf mit ausbrechendem Zorn, sah sich nach dem Klingelzug um, nahm schnell wieder das Glas zuruck und starrte hinaus ...

Sie umringen sie ja mit Gewalt! sprach er mit erstickter Stimme ... Sie will von ihnen los ...

Benno nannte den Namen der Italienerin ...

Offiziere der italienischen Garde! ... setzte der Graf hinzu ... Graf Zerbelloni scheint's ... Marchese Melzi ...

Zornfunkelnd spruhte des Grafen Auge ... Er sah sich um, wie nach Waffen ...

Dann bekampfte er sich und trat vom Fenster zuruck ... Der Wald unten verbirgt sie ... sagte er ...

Benno ergriff noch einmal das Glas ... Man sah nichts mehr ...

Ich kann mich auch geirrt haben ... sprach jetzt der Graf erschopft und glaubte den Beruhigungen, die Benno gab ...

Nach einer Weile, in der Benno die wildesten Kampfe des eigenen Herzens zu bestehen hatte, brach der Graf, anfangs mit nur leiser, allmalig aber lauter, weicher und wohlklingender Stimme, in die Worte aus:

O mein bester Herr von Asselyn! ... Was ist das doch fur ein Menschenleben! ... Terschka's Maxime, wenn der arme Teufel sich zuweilen so angstlich umsah ich habe fur Terschka Mitleid war die: Wir konnen zu jeder Stunde annehmen, dass alles, was wir unser tiefstes Geheimniss glauben, jedermann bekannt ist ... Lieben Sie a la Egmont ein Madchen in der Vorstadt und glauben noch so unbemerkt zu sein, wenn Sie zu ihr gehen man hat Sie doch gesehen ... So will ich auch gar keinen Anstand nehmen Ihnen zu bestatigen, was Sie ohne Zweifel selbst schon beobachteten, dass ich soeben die furchtbarste Scene meines Lebens durchgemacht habe! ... Ayez pitie de moi ... Vous en devinez la cause ...

Damit sank Graf Hugo auf sein dunkles Kanapee nieder, legte einen Fuss auf die Polsterung und bot ein Bild der tiefsten Erschopfung ... Er schwieg ... Die lange Verstellung rachte sich ... Seine Kraft war dahin ...

Ganz leise flusterte er allmalig, wie um Benno zu zerstreuen:

Das da ist mein Vater! ... Als ich seinen Tod erfuhr, war ich noch ein Knabe ...

Benno bat, sich nicht aufzuregen und sich um ihn keinen Zwang anzuthun ... Er schlug vor, dass er sich allein in den Park begeben oder anspannen lassen wollte ...

Nein, nein! sagte der Graf ... Nur das Geheimthun erschopft ... Nun geht es schon ...

Benno sah den ganzen Ausbruch der Liebe zu einem Wesen, das so wunderbar mit seinem eigenen Dasein verbunden war ... Ihm verhangte das Schicksal nichts Geringeres als dem Leidenden, der sich wenigstens aussprechen durfte ...

Ich versichere Sie, fuhr der Graf fort, ich habe den heiligsten Willen, fest und standhaft zu bleiben ... Ich sagte soeben: Die Stunde ist gekommen, die uber mein Leben entscheidet! Ich gewinne die Hand einer Heiligen und kenne das Opfer, das mir und dem gemeinschaftlichen Namen gebracht wird Wir mussen uns trennen ... Ich habe dich als halbes Zigeunerkind einst in Zara gefunden ... In Zara, wo ich die Pfeifen da kaufte und die Waffen an der Grenze erbeutete von Bosniern ... Ja, Baron, in Zara sah ich das kleine Madchen hoch zu Rosse stehen ... Es war allerliebst ... Wenn das Kind durch die bunten Reifen, mit und ohne Sattel, gesprungen war und nur Ein Sprung war misgluckt, so schuttelte sie den Kopf zu allen Beifallszeichen und rief: Niente! Niente! ... Es war eine italienische Truppe ...

Benno wandte sein Auge ab, das sich mit Thranen fullte ...

Die Unterhaltung in Zara, fuhr der Graf fort, dauerte vierzehn Tage ... Die Gesellschaft wollte abreisen und wir Offiziere hatten an dem Kind eine solche Freude, dass ich meinen Kameraden den Vorschlag machte: Kaufen wir's dem Fuhrer ab! Wir wollen's erziehen lassen! ... Die Kameraden wollten nicht ... Da that ich's fur mich allein ... Die Gesellschaft war klein; der Director machte schlechte Geschafte ... Er liess mir Angiolinen fur zweihundertfunfzig Gulden ...

Oeffnet euch, ihr blauen Vorhange des Himmels, dass ich meine Hande ausbreite zur Anklage eines Vaters, dessen Unthaten solche Opfer forderten! ... So rief es in Benno's Innern ...

Er konnte nur leise fragen:

Wem gehorte das Kind? ...

Es war wild aufgewachsen, erzahlte der Graf ... Der Director wird's gestohlen haben, wie diese Leute wol thun ... Spater haben wir nachgeforscht und kamen bis ins Reich hinaus ... Eine italienische Familie, die am kasseler Hof bei der Oper mit der Feuerwerkerei beauftragt war, hatte das Kind bei sich ... War's ein Kind dieser Italiener, ich weiss es nicht ... Der Krieg hetzte damals alles durcheinander ... Angiolina war elf Jahre, als ich sie mitnahm und noch einmal taufen liess ... Ich gab sie einem gewissen Potzl in Wien zur Erziehung ... Nicht wegen seiner sondern wegen der Frau, die eine gute Haut war ... Da ist das Madchen erzogen worden ... Es war eine Pracht, wie sie heranwuchs, sich bildete und keinen gewohnlichen Geist besass ... Ich liess ihr die Sprachen und etwas Musik beibringen ... Das alles hab' ich im reinsten Sinn gethan ...

Benno schwieg, von innigstem Herzen zustimmend ...

Nachdem, fuhr der Graf sich selbst die Brust erleichternd fort, kam Terschka in meine Nahe ... Ich kann nicht sagen, ist's Zufall, weil das Madchen damals die liebreizendste Erscheinung wurde, oder eine Folge der Eifersucht, weil Terschka ein Auge auf sie warf

Der Jesuit! warf Benno ein ...

En vacances! lachelte der Graf ... Aber sagen Sie das hier ja zu Niemand anders, als zu mir! Die hiesige Gesellschaft erklart ihn fur einen Abenteurer und Betruger ... Verlassen Sie sich, die Jesuiten hatten ihn abgeschickt, mich katholisch zu machen ... Und er fing's sehr richtig an ... War' ich ihm in allem gefolgt, so sass' ich jetzt bei achtunddreissig Jahren mit bestandigem Frieren und versucht' es vielleicht, ob mich nicht ein Ordenshabit erwarmte ... Eine Frage im Vertrauen, Herr von Asselyn! ... Ich hab' gehort, Ihr Herr Oberprocurator Nuck litte an einem curiosen Spleen an der Hangemanie ... Ist das wahr? ...

Man sagt es ... bestatigte Benno ...

Ich kannte einen dalmatinischen Schiffskapitan, der mich versicherte, das Hangen ware der schonste Tod, man wusste das ganz genau in der Turkei, wo die grune Schnur zu Hause ist ... Und gerade ebenso wusste Terschka den allmaligen Untergang an Leib und Seele zu einem Genuss und einem Genuss ohne Gewissensbisse zu machen ... Dass er sich selbst dabei so erhalten hat, machte sein Mangel an Reue ... Nichts ruinirt mehr als die Reue, sagte er ... Terschka's Satz war: Betrachte jeden Menschen wie ein Glas, an dem man mit einem Instrument den Ton sucht, in dem es wiederklingt! D e n Ton forcire dann bis es bricht! ... So wusste er von Jedem seine innerste Natur zu entdecken, nach der setzte er sich mit ihm und kam auf die Art mit allen aus ... Bei mir stutzte er sich auf Bagatellen auf die Pferde ... In seiner Jugend muss er ein Kunstreiter gewesen sein ... Kurz, erst als Terschka sagte: Um Ihrer Frau Mutter willen mussen Sie anfangen, nicht so oft zu den Potzls zu gehen ging ich alle Tage hin ... Das Ende war, dass ich, als die Pflegemutter starb, Angiolinen vom Alten wegnahm, erst ihr Bruder und dann ihr Geliebter wurde ... Das ist manches Jahr her und ich kann wol sagen: Diese Liebe hat mich vom Untergang gerettet! Angiolina wurde mein Schutzgeist ... Nicht etwa durch Moral, die hier nicht am Platze ist ... Im Gegentheil, sie konnte trotzen, ausschlagen, lugen, sich rachen, wie nur einer, der gereizt wird ... Doch es gab nur einen Menschen in der Welt, um den sie das alles that ... Der trug einen Helm mit Federn, einen blanken Harnisch, wenn er im Dienst war, und ausser Dienst und auf Urlaub, wie jetzt, war er ein Kind, das einen ganzen Tag damit zubringen konnte, fur sie Pappkastchen zu machen ...

Benno warf in das Leben Blicke, wie er sie noch nicht gethan ...

Er wagte, sich auf des Grafen Standpunkt zu stellen und sagte:

Angiolina wird Ihnen nach der Heirath unverloren bleiben ...

Nein! entgegnete der Graf ... Ich habe die Absicht, wenn Comtesse Paula meine Gattin wird, sie in Wahrheit zu verdienen ... Glauben Sie mir, das Geschick meines Hauses, meines Namens, diese letzte Tauschung durch die Urkunde, die ich ohne einen furchtbaren Larm fur die Welt nicht abschutteln kann, erschuttern mich ... Ich war glucklich mit Angiolina, aber ich gefiel mir nicht in diesem Gluck ... Sie war ein Weib mit allen Schonheiten und allen Untugenden ihres Geschlechts ... Grossmuthig und rachsuchtig, offen und falsch, alles in Einem Herzen ... Zu ertragen war es nur von dem, der fur sie die Welt war und Zeit dazu hatte ... Es musste aufhoren ...

Benno gedachte bei Schilderung seiner Schwester der gemeinsamen Vaternatur ...

Diese Erfahrung mit Terschka, fuhr der Graf fort, hat mich aufgeruttelt ... Ich werde kein Kopfhanger werden und zu sprechen anfangen wie meine Mutter spricht ... Aber ich denke so: Hab' ich die Mittel, die mich aus meiner traurigen, schon vom Vater geerbten Finanzlage befreien, so nehm' ich meinen Abschied ... Ich werde bauen, pflanzen, fur die Erhaltung meines fortbluhenden Stammes sorgen ... Noch mehr, ich liebe Paula ... Sie lacheln? ... In der That, ich blicke voll Andacht zu ihr hinuber ... Ich bin eifersuchtig auf das Kloster, das sie wahlen wollte, Herr von Asselyn ...

Benno stutzte uber die Betonung seines Namens. Sie war so scharf, dass sie fast Bonaventura zu gelten schien ...

Ich sagte Angiolina: Du erhaltst deinen Lebensunterhalt, wie es meinem Adoptivkinde gebuhrt! Du ziehst zu deiner einzigen Freundin, die dir noch geblieben ist einer gewissen Therese Kuchelmeister ... Diese will zur Buhne gehen; sie wird reisen ... Store meinen Entschluss nicht, der unwiderruflich ist ... Von der Stunde an, wo ich einen Boten erwarte, dessen Vorlagen ich unterschreiben muss, raumst du druben den Pavillon ... Ich sagte ihr das taglich, wiederholte es seit drei Tagen stundlich ... Ich bat sie um Hulfe gegen mich selbst, bat sie um ihren Hass, ihre Verachtung Sie warf sich vor mir nieder und umschlang meine Kniee ... Todte mich! rief sie noch im letzten Augenblick vor einer Stunde ... Erschiesse mich! ... Sie reichte mir eine Pistole, die sie heimlich geladen hatte und bei sich trug ... Ich entriss sie ihr ... Da rollte Ihr Wagen an und es war aus ... Ich kann es selbst in der Schilderung nicht zum zweiten mal erleben ...

Benno hatte sich dem in den Sopha zuruckgesunkenen, die Augen mit der Hand bedeckenden Grafen genahert ... Er hatte seine Hand, ob sie gleich selbst zitterte, auf die Schulter des kraftlos Zusammengebrochenen gelegt ...

So stand er eine Weile voll stummberedsamen Antheils und rang mit den sturmenden Geistern, die aus ihm selbst hervorzubrechen drohten ... Zu Hulfe kam seiner Selbstbeherrschung ein Klopfen des Kammerdieners und die Meldung, dass angerichtet ware ...

Ein Fruhstuck ... auch das muss sein ... sagte der Graf und erhob sich ...

Benno blickte auf die geoffnete Thur ablehnend ...

Nein, nein! ... Kommen Sie ! sagte der Graf und fuhrte Benno ...

Der Kammerdiener hielt sich in ehrerbietiger Ferne und schien den Grafen, der ein Gemisch von Gutmuthigkeit und Phlegma bot, nicht im mindesten zu storen, denn im Gehen fuhr dieser fort:

Sie ist auf ihrem Pferde, das sie behalten will, nach Wien ...

Franz hat sie doch wol, wandte er sich zum Kammerdiener, zur rechten Zeit eingeholt? ...

Am Meilenstein schnitt er ihr den Weg ab! sagte der Diener ...

Franz war der Reitknecht von vorhin ...

Obgleich Benno voranging, bemerkte er doch, dass der Kammerdiener hinter ihnen her den Strohhut ergriff und ihn auf dem Rucken haltend mit sich nahm, jedenfalls um aus dem Zimmer seines Herrn alle Erinnerungen an die abgeschlossene Vergangenheit zu entfernen ...

Graf Hugo war in dem Grade der Selbstbeherrschung fahig, dass er trotz seiner Erregung im Gehen an einen zweiten Diener, der sie in einem zwei Zimmer weiter gelegenen kleinen Esssaal empfing, die Frage richtete:

Was ist das fur eine Livree da draussen? ...

Diese Frage war mit einem Blick auf den Garten verbunden ....

Erst jetzt bemerkte Benno, dass ein Wagen mit vier Pferden langsam durch den Park fuhr, mit zwei seltsam costumirten Bedienten auf dem Tritt und einem phantastisch gekleideten Mohren neben dem Kutscher ...

Eine fremde Herrschaft aus Italien ist es! sagte der Diener ... Eine Dame sitzt im Wagen ... Sie gehort zu den Reitern, die noch nicht lange vorbeikamen ... Ein junger Herr ist bei ihr, der ein schwarzes Pflaster an der Stirn tragt ...

Principe Rucca und unsre Mutter! ... sagte sich Benno und suchte sich zu halten ...

Zum Tod erblasst ergriff er den Sessel und liess sich dem Grafen gegenuber nieder ...

Der Wagen war verschwunden ... Nur das Knirschen seiner Rader horte man noch im feuchten Kiese ...

Ist Ihnen nicht wohl? fragte der Graf, jetzt erst bemerkend, dass sein Gast kaum die Serviette zu ergreifen vermochte ...

Es ist voruber ... hauchte Benno mit ausserster Anstrengung sich bekampfend ...

Mein Gott! Sie haben so lange gefastet! entgegnete der Graf und rieth erst zu einem Glase Wein ...

Benno lehnte alles ab ... Er ergriff den Loffel zur Suppe ...

In Gegenwart der Diener liess sich das begonnene Gesprach zwar nicht ganz wie vorhin fortsetzen, aber es blieb ernst ... Man sprach uber Wien, Oesterreich, uber diejenigen Eindrucke, die jedem Fremden zuerst aufstossen mussten ...

Der Graf schilderte die Lage der osterreichischen Aristokratie als eben nicht beneidenswerth ...

Wir leben, sagte er, nach den Anspruchen, die unser Stand und die Gesellschaft mit sich bringen; daher in einer fortwahrenden Steigerung unserer Bedurfnisse. Unser Besitzthum verringert sich indess an Werth ... Ich kann Ihnen die ersten Herrschaftsbesitzer nennen, denen ein einziges Reh in der Verwaltung ihrer Walder durchschnittlich funfhundert Gulden kostet und die von leidlicher Ordnung sprechen, wenn es um zehn Gulden an den Wildprethandler verkauft in der Rechnung steht ... Das ist die Incongruenz aller unsrer Lebensbeziehungen ...

Durch Castellungo gehorte auch der Graf Sardinien an ... Er forderte Benno auf, den Besuch Castellungo's nicht zu versaumen ... Die dabei unvermeidlichen Uebergange des Gesprachs auf bezugliche Namen und schwebende Interessen, auch auf die Cardinale Fefelotti und Ceccone, brachten das Gesprach auf Bonaventura ... Der Graf blickte nieder und liess sich erzahlen ...

Man erwartet ihn ja wol auch hier? ... fragte er mit einem Ton, der Benno auffallen durfte ...

Gegen Ende des einem Diner vollkommen entsprechenden Mahles bemerkte man das langere Ausbleiben der Diener und eine lebhafte Bewegung in den Zimmern ...

Im schnellsten Trabe wurde ein Reiter vom Garten her vernehmbar ...

Die Diener blieben zuweilen beim Serviren wie angewurzelt an einer Stelle stehen, warfen sich bedeutsame Blicke zu und schienen sprechen zu wollen ...

Wieder horte man Hufschlage ... Alles ringsumher bekam einen Ausdruck von Unruhe und Storung der bisherigen Ordnung, ohne dass man Ausrufe oder auch nur laute Stimmen horte ...

Der Graf fragte endlich die am Buffet flusternden Diener fast unwillig:

Was gibt es denn? ...

Da die Diener nicht antworteten, wiederholte er seine Frage und legte schon erblassend die Serviette nieder ... Er schien einer ublen Botschaft gewartig ...

Franz ist zuruck ... sagte der altere Diener zogernd ...

Der jungere fugte zagend hinzu:

Es hat ein Ungluck gegeben ...

Der Graf erhob sich ... Seine Augen zuckten ...

Dass es Angiolina war, die ein Ungluck getroffen, verstand sich von selbst ...

Die Diener sahen zum Fenster hinuber ...

Was ist denn?! ... Ein Sturz vom Pferde?! ... rief der Graf oder wollte dies rufen ... Die kurze Frage kam nur noch halb von seinen Lippen ...

Benno war in gleichem Entsetzen aufgesprungen ...

Die Diener trugen dem Grafen einen Sessel nach; er hatte zur Thur gehen wollen und war zusammengebrochen ...

Verwundet doch nur ? rief Benno, zu seinem Herzen greifend, als brache es auch ihm im Krampf ...

Die Diener stockten und erklarten gleichzeitig und mit demselben Ton:

Lebensgefahrlich! ...

Sie ist todt hauchte der Graf ... Ich weiss es! setzte seine zitternde Stimme hinzu ... Seine Hande richteten sich wie die eines Irren gen Himmel ...

Die Diener bestritten diese schnelle Annahme ... Sie ware sofort in ihren Pavillon getragen worden sagten sie ... Ein Arzt ware aus dem nachsten Ort gerufen ... Die fremden Herrschaften, die voruberritten, wollten nach einem Stadtarzt schicken ...

Sie sind schuld an ihrem Tod! schrie der Graf und eine zuckende Bewegung ergriff seine Hande und Fusse ... Franz! rief er ... Warum folgte ihr Franz nicht schon von hier? ...

Seine zornige Rede erstickte im Schmerz ... Es war nichts mehr zu andern ... Seine Anklagen verhallten in den beiden Handen, die er vor die weinenden Augen hielt ...

Benno glich dem von Schlangen umringelten Laokoon, der Hulfe rufen will fur sich selbst und den eignen Tod nicht achtet in der Angst um seine Lieben ...

Sie ritt bergab mit verhangtem Zugel! berichtete der Diener ... Allmalig ging das Pferd langsamer ... Sie schien es nicht zu achten ... Da stand es ganz still ... So sass sie im Sattel wie abwesend ... Indess war Franz unten an der Landstrasse und wartete am Ausgang des Parks beim Meilenstein ... Da kommen die Fremden im vollen Trab herunter ... Des Frauleins Pferd scheut ... Sie verliert die Balance, verliert den Steigbugel ... Die Reiter, selbst im Niederschiessen, konnen nicht innehalten ... Des Frauleins Pferd baumt sich, geht durch und gleich querfeldein ... Das Fraulein rafft sich auf, kniet mit dem rechten Fuss auf dem Sattel, erhebt sich, steht eine Weile hoch in der Luft und sturzt dann kopfuber ... Die Reiter waren oben auf der Landstrasse ... Franz musste ins Feld hineinreiten, sprang herunter, liess sein Pferd laufen, fand das Fraulein blutend am Boden und schon bewusstlos ... Die Offiziere, Italiener, kamen naher, nahmen sie dann auf, legten sie queruber auf ein Pferd und fuhrten sie langsam, indem einer der Herren ging, zum Casino ...

Graf Hugo war inzwischen schon umgekleidet ...

Er hatte sich in einen weissen Mantel geworfen, den die Diener hinten zuschnurten ... Seine Hand hatte keine Kraft mehr ...

Im Nebenzimmer hatte er die Fussbekleidung gewechselt ...

Eine militarische Interimsmutze lag auf dem Kopf lose und haltlos ... Die Hand der Diener musste sie erst auf den braunen Scheitel festdrucken ...

Schluchzend stutzte er sich auf Benno auf einen Beistand, der selbst den Tod im Herzen trug ... Die Schwester gefunden so! und die Mutter arglos in der Nahe ! ... Er konnte keinen Gedanken mehr, sich selbst nicht festhalten ... Der Graf fuhrte i h n ...

Den Einspanner Benno's und ein eigenes Gefahrt, das schon im Hof gerustet stand, lehnte der Graf ab ...

Ich furchte mich vor Pferden ... sagte er heiser, mit erstickter Stimme ... Und wir kommen setzte er bitter lachelnd hinzu zu einer Todten auch zeitig genug ...

Damit lenkte er, wie ein zum Tod Verwundeter, vom Vestibule des Eingangs den schwankenden Schritt zum Garten hin ...

Hier offnete sich links eine lange Allee von schon kahlen, wie zu einer unabsehbaren Laube zusammengewachsenen Platanen ...

Durch ein Meer von raschelndem Herbstlaub schritten beide wie geisterhafte Schatten dahin.

8.

Links ragte eine sonnenbeschienene, mit Flechten, Moos und Epheu besetzte Bergwand ... Rechts lagen die Abdachungen des Gartens und Parks in die herrliche Ebene, ein Bild des Lebens, hinaus ...

Die Stamme der Platanenallee so weiss, so hellgrunlich schimmernd ...

Das gelbe Laub weithin leuchtend ... Unter den todten Zacken und gekappten Verastelungen der kunstvoll gezogenen Platanen ...

Die Sonne mittagshell ... Der Abschied der Natur so froh, so gluckverheissend ... Wiedersehn im Fruhling! rief alles ...

Aber aus den fernen Buschen sah man schon den Priester des nachsten Orts im Ornat daher eilen mit den Sterbesakramenten ...

Der Graf blieb stehen ...

Die nachfolgenden Diener sprangen hinzu ...

Er deutete nur stumm auf die eilende Procession ...

Benno starrte ... Sein Blick irrte ... Er suchte den vierspannigen Wagen ...

Die Wanderung im raschelnden Laube dauerte eine halbe Stunde ... Sie glich dem Wandeln in einem Leichenconduct ...

Benno konnte nichts reden. Nicht ein Wort, nicht eine Miene des Grafen verrieth, dass Terschka seinem Freund die Scene vom Schloss Neuhof, die Verhandlungen zwischen drei Priestern und dem Prasidenten verrathen hatte ... Er kampfte mit sich, ob er es jetzt nicht selbst thun, sich Angiolinens Bruder nennen sollte ... Die Last wurde zu schwer ...

Am Ende der Felswand, die sich zuletzt sanft abdachte; lag das Casino ...

Es war ein dusteres Gebaude ... Obgleich mit den schonsten Aussichten auf die Donau und zur Linken und ruckwarts bis zu den steierischen Alpen versehen, war es doch ein fur ein junges lebensfrohes Gemuth beangstigender Aufenthaltsort ...

Aus der Ferne gesehen mochte das Haus einen poetischen Anblick gewahren .... Es glich einem alten Maison-de-Logis aus der Rococozeit ... Rings war es von einer Allee von Riesentannen, mit Zweigen, die sich voll und schwer am Boden hinschleppten, umgeben ...

In der Nahe sahen die Baume wie die Umgebung eines Mausoleums aus ...

Die untern Raume waren nur ein einziger grosser Speisesaal mit Nebencabineten ... Ein Hinterhauschen gehorte dem dienenden Personal und mochte die Kuche bergen ... Auch dies war ganz in Tannen versteckt ... Im hohen Sommer mochte man hier Kuhle und Schatten haben; jetzt war der Anblick nur in den kleinen runden Entresolfenstern der obern Etage wohnlich ... Unten schroff abwarts zog sich die Landstrasse ... Auf einer Treppe von verwittertem, moosbewachsenen Erlenholz konnte man von da zum Casino hinaufsteigen ...

Die volkreiche Gegend musste dem entsetzlichen Ungluck schon eine Menge Zuschauer gebracht haben ... Eine Menschenmasse belagerte unten das Portal zur Treppe, das man schon geschlossen hatte ... Viele andere waren schon vorher eingedrungen und standen im Hause ... Andere liefen noch herbei durch den Park ...

Der Priester war bereits bei der Todten oder Sterbenden ... Weihrauchduft stromte den Eintretenden entgegen ...

Dem Grafen, der an Fassung gewonnen hatte, wich man aus ...

Dass sie zu einer Todten kamen, lag vorausverkundigt auf aller Mienen ...

Einige zum Dienst des Hauses gehorende Frauen wehklagten und schrieen laut ... Noch lauter beim Erscheinen des Grafen ....

Scheinbar ruhiger geworden blickte der Graf, der hier ein offentliches Gericht fur sich selbst zu bestehen hatte ... Er betrat zwei aus dem Hof ins Haus fuhrende Stufen, durchschritt eine kleine Rotunde und ging in einen die ganze Lange des Casinos einnehmenden Saal, dessen theilweis herabgelassene Jalousieen dem Raum eine Dusterheit gaben, die zu dem schmerzlichen Anblick gehorte ...

Der Geistliche sprach schon seine Segnungen ...

Der Arzt, den man an der Sonde erkannte, die er noch in der Hand hielt, offnete eine Decke ...

Auf einem langen runden Tisch lag auf Matratzen und Betten eine ausgestreckte, halb entkleidete jugendliche Gestalt ... Gestreckt und schlaff lagen die Arme und Fusse ... Der edelgeformte Kopf war wachsfarben ... An den Schlafen quoll noch Blut aus der todlichen Wunde ... Das lange schwarze Haar war aufgelost; ein Theil lag abgeschnitten daneben ... Der Sturz hatte die Hirnschale zerschmettert und eine Blutergiessung verursacht ... Schon trug das mit den regelmassigsten Formen gezeichnete Antlitz jenen Ausdruck der Ergebung, den der Tod verleiht, jene ernste Strenge, die so hoheitsvoll mit jedem Abgeschiedenen versohnt, selbst mit dem Verbrecher ... Brust, Hand, die Symmetrie aller Formen war wie von Kunstlerhand ... Die Stirn nur klein, aber sanft und eben ... Die beiden schwarzen Augenbrauen uber den schwarzen Wimpern zeichneten sich wie zwei ernste Fragezeichen ... Sie waren nicht rund, eher wellenformig gezeichnet wie bei allen leidenschaftlichen Naturen ... Benno wagte noch nicht dauernd hinzusehen ... Er furchtete sich, sich selbst wiederzufinden und die Todte des Kronsyndikus ...

Wahrend der Graf uber die Leiche sturzte, lange nur schluchzend so ausgestreckt lag, dann auffuhr und rief: Ich kann diese Glieder nicht kalt fuhlen! betrachtete Benno allmalig sein Ebenbild mit dem tiefsten Grauen ...

Er glaubte, jeder musste ihm zuflustern: Das sind ja Ihre Zuge ... Besonders der Wuchs und die mehr runden, als ovalen Formen des Kopfes waren dieselben wie bei ihm ...

Die linke Hand der Todten ergriff er und bebte zuruck vor der Kalte, Erschlaffung und Feuchte der Haut ... An den wellenformigen Augenbrauen erkannte er den Vater, den er im Winter bestatten half ...

Der Priester hatte geendet und sprach einige Worte, die nicht dem Formular angehorten, Worte ohne Strenge ...

Der Arzt vereitelte jede Hoffnung ... Das Halten eines Federflaums oberhalb der Lippen zeigte nicht die leiseste Bewegung ...

Der Graf bat mit leidender Stimme, ihn allein zu lassen ...

Auch Benno mochte eine Weile gehen ... Aber nur eine Weile, sagte er ... Er musse noch mit ihm jetzt aber mit der Todten allein reden ...

Es war ein schauerliches Verlangen ... Alle baten den Tiefgebeugten um Schonung seiner selbst ...

Da der Graf die Bitte wiederholte, ging man ...

Benno schwankte, ob er nicht bleiben sollte ... Der Strom der Uebrigen drangte ihn mit fort ...

Die Diener sorgten, dass sich alle Neugierigen und auch die wirklich Theilnehmenden nach und nach entfernten ... Man liess niemand mehr ins Haus ...

Man brachte es auch dahin, dass sich allmalig die Menschen uber die kleine Treppe oder in den Parkwegen entfernten ...

Benno stand unter den dunklen Tannen und suchte in dem vor ihm ausgebreiteten Panorama den vierspannigen Wagen ...

Er gedachte der Mondnacht auf Altenkirchen, wo die Mutter ihre Scheinehe schloss, dieser Nacht auch unter solchen Tannen, die den Anfang all dieser schmerzlichen Geheimnisse gab ... Der Drang, sich zu offenbaren, war machtig in ihm; aber, er fuhlte auf die Lange, er musste schweigen ... Er hatte in die weiteste Ferne entfliehen mogen ... Er zuckte auf bei jedem Gerausch ... Er glaubte den Wagen horen zu mussen, in dem die Schicksalsmachte die Mutter heranzogen ... Er sah Damonen mit Fackeln die Rosse fuhren ... Die Rosse Feuer blasen aus ihren Nustern ... Der Boden unter ihm wankte ...

Der Arzt und der Geistliche schlossen sich ihm an ... Er hatte auch sie fliehen mogen, wie alle ... Er musste mit ihnen eine Weile unter den dustern Tannen auf und nieder gehen ...

Das agyptische Todtengericht fehlte nicht ... Man liess der Unglucklichen manche gute Eigenschaft ... Dennoch nannte man sie eine Verirrung des Grafen und verhiess fur die Zukunft, wenn Angiolina am Leben geblieben ware, keinen Bestand seiner ehelichen Treue ... Das hiess soviel, als: Sie ist zum Gluck gestorben! ...

Benno war zu gebrochen, um dem festen Willen, der eben erst aus des Grafen Entschliessungen gesprochen hatte, ein besseres Zeugniss zu geben ...

Es war ihm auch, als nahme er damit einen letzten Schmuck vom Grabe seiner Schwester ... Er liess ihr den Schein der Gefahr fur den Grafen ... Ein Gedicht musste so in seiner Art wurdiger verhallen ...

Die Begleiter kehrten zu neuen Ankommlingen zuruck ...

Zwei Aerzte kamen aus der Stadt ...

Noch waren sie von den italienischen Offizieren begleitet, die theilweise ihre Pferde den Dienern gelassen und jetzt einen Wagen genommen hatten ...

Olympia fehlte ...

Dass sich wieder der vierspannige Wagen wurde sehen lassen, wurde fur Benno immer gewisser ... Der Wagen hatte die Reiter verfehlt, hatte noch vielleicht eine weitere Ausfahrt gemacht und war mit dem Ereigniss noch nicht zusammengetroffen ... Benno's Fassung musste sich auf das Allerausserste rusten ...

Er dachte sich: Wenn jetzt die Mutter kame! .. Dann immer noch schweigen? ... Seine Nerven zuckten, seine Lippen fieberten, seine Augen verdunkelten sich bei diesem Gedanken ... Er riss seinen Oberrock auf ... Er furchtete zu ersticken ...

Die Offiziere naherten sich ihm und erzahlten den Vorfall so, dass der Graf seine Gereiztheit gegen sie zurucknehmen musste ... Auch waren sie schon an der Leiche bei ihm gewesen ...

Benno horte nur ... Der Traum eines Fieberkranken wahrte fort ... Eben kam wirklich der vierspannige Wagen langsam die Landstrasse daher ... Die Menschen, die bei Benno bald stehen blieben, bald vorubergingen, nannten den Namen der Herzogin von Amarillas ...

Die Offiziere gingen der Herzogin theils entgegen und theils ins Casino wieder zum Grafen ...

Benno blieb hinter einer der grossen Nadellaubpyramiden ... Er stand, als musste er sich vor dem ganzen Leben verbergen ...

Eine hohe stattliche Dame in den sudlichen, fur unsern Geschmack nicht ublichen Farbenzusammenstellungen, mit grunem Atlaskleide, einem rothen Sammethut mit Maraboutfedern, stieg die Erlenholztreppe hinauf, vermied das Casino, kam zu der Tannenallee und ging an Benno voruber ...

Neben ihr hupfte in trippelnder Unruhe Principe Rucca, noch immer mit dem schwarzen Streifen an der Stirn ...

Noch zwei Herren und ein Diener folgten ...

Der kleine Principe sah sich angstlich um ...

Er wollte offenbar nur ungern bleiben ... Der Tod war hier so nahe ...

Da erkannte er Benno hinter den Tannen, begrusste ihn mit der ganzen Ueberraschung, die in der Situation lag, nannte ihn den Salvatore della sua vita und stellte ihn der Herzogin von Amarillas vor ...

Den Sohn der Mutter ...

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Die "Stimme des Blutes" ist eine Tauschung ...

Wo der Geist nicht die Empfindungen regelt, konnen diese durch sich selbst nichts erkennen ...

Die Empfindungen der Liebe, der Freundschaft durchstromen uns mit wonnigen Schauern; aber erst die Seele ist es, der Wille, der Gedanke, der den Empfindungen Ausdruck und Klarheit geben muss ...

Die Herzogin von Amarillas, auf Benno aus einem bleichen Antlitz voll kalter Wurde einen scharfen prufenden Blick entsendend, wusste, dass dieser junge Mann der Grafin Olympia, ihrer Pflegbefohlenen, zweimal begegnet war und dass heute in der Fruhe, nach Abgabe der der Grafin von den Dienern des Principe mitgetheilten Visitenkarte, die Adresse Benno's sofort von allen Lohnbedienten des Hotels hatte aufgesucht werden mussen ... Schon die Diener kannten das Interesse, das die junge Grafin an dem "Lebensretter" des Fursten nahm ... Nach einer Stunde wusste Olympia Maldachini Benno's Wohnung und seine Ausfahrt nach dem Schlosse Salem ... Die Herzogin sah in ihrem Zogling eine Leidenschaft entstanden von jener Consequenz, die ein wildes Naturkind sonst nur im Hass und Eigensinn besass ... Olympia wollte ins Gebirg reiten und das Schloss Salem sehen ... Ein Widerspruch war nicht moglich ... Olympia beantragte diese anstrengende, weit uber ihre Krafte gehende Partie, die Herzogin versprach nachzukommen in Begleitung des Principe ... Olympia ritt mit den Freunden ihres Verlobten, erlebte veranlasste vielleicht das Ungluck und war zur Stadt zuruck ...

Der Name "von Asselyn" auf der abgegebenen Karte hatte sich der Sangerin Fulvia Maldachini vom Dechanten her befestigt haben sollen ...

Ihr klang in der Erinnerung ein deutscher Name wie der andere ...

Sie war Olympia mismuthig nachgefahren, verlor ihre Spur, liess dem Gebirge zu weiter fahren, kehrte zuruck und horte von dem vorgefallenen Ungluck ... Dem Principe war es peinlich, ein Haus des Todes zu besuchen ... Er kam nur herauf, um die italienischen Offiziere zu begrussen ... Nachdem diese ihr Beileid bezeigt hatten, wollten auch sie mit ihm und der Herzogin zur Stadt zuruck ... Einige Offiziere hatten noch ihre Pferde ... Fur die Aerzte, fur den Principe, fur die Herzogin und die Unberittenen gab es jetzt zwei Wagen ...

Principe Rucca war fur Benno die Zuvorkommenheit selbst ... Er konnte die Gefahr vor dem Elefanten nicht lebensgefahrlich genug darstellen ... Er erzahlte auch jetzt noch jedem, dass ihn ein Elefant gestern hatte zum Fruhstuck verspeisen wollen ... Benno antwortete und liess das Erzahlte gelten und wich ruhig aus ... Der Principe musste von seiner Verlobten Befehle erhalten haben, die auf eine sofortige Fesselung des ihr so Werthgewordenen gingen ... Instandigst bat er, ihm gestatten zu wollen, dass er ihn heute Abend abholte und in eine Gesellschaft zum Cardinal Ceccone fuhrte, der auch bereits das lebhafteste Interesse an den Tag gelegt hatte, ihn kennen zu lernen ...

Die Herzogin horte mit einigem Interesse das im gelaufigsten Italienisch gefuhrte Gesprach, wandte sich aber ab und unterstutzte diese Einladung nicht ... Ihr Lacheln gab ihr einen Schimmer der ehemaligen Schonheit ... Sie war von ebenmassiger, schon zum Embonpoint ubergegangener Gestalt ... Ihr Auge dunkelbraun und voll Feuer ... Die Augenbrauen uberscharf gezeichnet ... Das Haar nicht echt ... Auch die Zahne schwerlich ohne Beihulfe der Kunst so wohl noch an einander gereiht ... Ihre Haut dunkel, etwas gelblich ... Die Wangen, die Nase, das Kinn, noch von plastischer Scharfe ... Wurde man ihr den geschmacklosen Hut abgenommen, den falschen Scheitel entfernt, das graue Haar aus der Stirn nach oben zusammengewunden, gefarbt, vielleicht mit Goldstaub uberstreut haben, so war' es eine der Gestalten gewesen, in deren Betrachtung wir uns in Museen verlieren ... Eine Imperatorenmutter mit blutigen Erinnerungen ... Terschka, der Jesuitenzogling in Rom, sah einen solchen Kopf als Herme in den quirinalischen Garten des Heiligen Vaters ...

Ist sie ganz todt, die Arme? naselte der junge Furst ... Ist es eine Verwandte vom Grafen? .. Sind Sie gern bei Todten? ... Ich nicht ... Verweilen Sie noch lange hier? ... Kommen Sie mit uns zuruck ... Diniren wir vielleicht zusammen? ... Waren Sie bereits schon im "Schwan"? ... Gefallt Ihnen diese Gegend? ...

Benno stand nur horend und sehend ... Antworten zu geben war seine Zunge gelahmt ...

Die Herzogin durchschritt die kleine dunkle Baumanlage ... Als wenn sie Benno's Gedanken errathen hatte, der sich sagte: Sieh sie dir nur an, diese nordischen Tannen, die du so hassest! ... Sie belachelte nach einem kurzen conventionellen Bedauern des hier stattgehabten Unglucks, die Aeusserungen des Principe uber die schone Natur ... Um das schonste Panorama von Berg, Strom, Wald, Ebene und in der Mitte der von sonnigen Nebeln umzogenen Stadt mit dem riesigen St.-Stephan gleichgultig anzusehen, stiess sie mit der Fussspitze die Zweige aus dem Wege und verrieth nicht minder, wie der Principe, nur die grosste Ungeduld, sich wieder entfernen zu konnen ...

Als sie horte, dass die Offiziere noch im Hause waren, sagte sie, man sollte doch nur ruhig den Grafen seinem Schmerz uberlassen ... Ist sie eine Verwandte von ihm? fragte sie dazwischen ... Mit einer festen Betonung ihrer tiefliegenden und bei langerem Sprechen ungleichen, ja rauhen Stimme schloss sie:

Was kann man da thun! ...

Nicht dustrer erhoben sich ringsum die herrlichen Baume, als Benno nur so stand und sah und horte ...

Die Offiziere waren wieder inzwischen aus dem Hause getreten und erklarten, nur noch auf die Aerzte warten zu mussen, die sie mit zuruckzunehmen hatten ... Vom Grafen sagten sie, dass er in den obern Stock, in die Wohnzimmer der Unglucklichen gegangen ware ... Angiolinens Stellung zum Grafen wurde mit drei Worten angedeutet ...

Die Herzogin horchte auf ... La Povera! sagte sie und wollte fort ...

Fur den Principe begann der Vorfall jetzt interessanter zu werden. Er bekam Lust, die Ungluckliche zu sehen ...

Wahrend er den Offizieren unschlussig folgte, fragte die Herzogin den zuruckbleibenden Benno, dessen starr auf sie gerichtete Augen ihr auffallen mussten ...

Aus welchem Theil Deutschlands sind Sie? ...

Benno, nun entschlossen, nannte denjenigen Theil, der sie aufmerksam machen musste ...

Aus der Gegend von Kassel ...

Darauf hin betrachtete sie ihn scharfer ... Ihr Auge blitzte ... Vorher war sie nur so apathisch gewesen, weil sie an vollig anderes dachte vielleicht an das, was Benno eben mit einem einzigen Worte traf ...

Benno hatte weniger von den Zugen des Kronsyndikus, als seine Schwester ... Er glich der Mutter ...

Ganz sich sicher fuhlend, fragte sie:

Kennen Sie in jener Gegend ein Schloss "Neiovo" ? ...

Sie meinte Neuhof ...

Benno's Lippen bebten ... Jede Moglichkeit, sich in ihrer Person geirrt zu haben, war nun verschwunden ...

Neuhof? sagte er leise ... Wittekind-Neuhof? ... Das sind von Kassel mehr als funfzehn Meilen ... Aber ... in der Nahe Kassels, fuhr er fort, liegt ... ein Schloss mit einem Park voll solcher Tannen, wie Sie hier sehen Meinen Sie vielleicht Altenkirchen? ...

Die Herzogin hatte einen Facher in der Rechten ...

Schon auf den Namen Wittekind-Neuhof schlug sie mit diesem Facher unausgesetzt in die Linke ...

Altenkirchen! sprach sie, fast die Sylben des schweren Wortes zahlend, und nun traten ersichtlich hundert Fragen auf ihre Lippen ... Die braunen Augen blitzten ...

Eben kamen ihnen die Aerzte entgegen, zuckten die Achseln und riethen zum Gehen ... Sie sagten, der Graf hatte sich vor allen Zeugen seines Schmerzes verborgen und ware oben auf Angiolina's Zimmern ...

Im Hofe war alles still ... Am Hause vorubergehend sah man, dass eine Dienerin mit verweinten Augen eben auch den grossen Saal schliessen wollte, in dem die Leiche zuruckblieb ...

Die Herzogin stand auf das Wort "Altenkirchen" noch immer wie gebannt ...

Sie sah die dustere Hinterfacade des Hauses mit den kleinen Entresolfenstern an und hauchte, wie von Erinnerungen durchschauert:

Wie ein Grabgewolbe das! ...

Eben horte man das Drehen des grossen Schlussels ... Es klang wie ein: Es ist vollbracht! ...

Blick hin! ... Komm! ... Zum letzten mal ist es moglich, dass du das eine deiner Kinder siehst! ... rief es in Benno's Innern ... Die Seelenmesse fur sie, von der du eben sprichst, wirst du versaumen! ... Jetzt, jetzt, wo du eben horst, Graf Salem ware ein Ketzer, lass dein Staunen, lass dein Fragen! In diesen stillen Saal ruft die letzte Stunde ...

Kennen Sie die Familie der "Grafen" von Wittekind? ... fragte die Herzogin ...

Freiherren! verbesserte Benno ... Eben diesem Geschlecht gehort Neuhof ...

Die Herzogin stand eine Weile sinnend; dann fragte sie:

Sie bleiben noch hier? ...

Ich habe die Ehre, Ihnen heute Abend meine Aufwartung zu machen ...

Bei Cardinal Ceccone? ... Dort bin ich nie! ... Aber speisen Sie morgen bei uns im Palatinus! ...

Benno hatte dieser Aufforderung gegenuber keine sofortige Sammlung ... Die Herzogin wollte, schien es, mit ihm uber die Schauplatze ihrer Vergangenheit reden ...

Furst Rucca, der nun doch vorgezogen hatte, seinem Auge den Anblick einer wenn auch noch so schonen Todten zu versagen, war bereits an der kleinen Holztreppe, als plotzlich wieder der Graf erschien ... Leise war er von oben gekommen, hatte schon seinen Mantel abgelegt, verbeugte sich der Dame, den Herren, reichte Benno die Hand und sprach:

Sie sehen, ich bin nun hier zu Hause ... Ich will hier so lange bleiben, bis die letzte schwere Pflicht erfullt ist ...

Der Graf schien gekommen, um fur heute von Benno Abschied zu nehmen ...

Die Herzogin sprach ihre Theilnahme aus ...

Madame, wandte sich der Graf zu ihr und sagte in franzosischer Sprache: Ich bin sehr unglucklich ... Ich habe ein liebendes Herz verloren ... Und zu Benno sich wendend, fuhr er mit unsicherer Stimme deutsch fort: Unsere Angelegenheit ist unterbrochen ... Ich bin heute keines Gedankens mehr fahig ... Furchte auch jede Stunde die Ankunft meiner Mutter ... Es ware ein grosser Act der Freundschaft fur mich, wenn Sie die Gute hatten und nach Wien eilten, meine Mutter zu begrussen und zu sorgen, dass sie auf dies Schicksal schonend vorbereitet wird ... Sie liebte Angiolinen ...

Die Herzogin horte so aufmerksam, als verstunde sie jedes Wort ...

Benno erbot sich zu allem und bat den Grafen nur, er mochte seinen Kutscher benachrichtigen lassen, dass er allein zuruckfahren mochte ... Zur Herzogin gewandt, sprach er, in den beiden Wagen fande sich vielleicht noch ein Platz fur ihn ...

Ohne Zweifel! sagte die Herzogin, aber wandte sie sich jetzt zum Grafen, der sich zuruckziehen wollte, und plotzlich wie im heroischen Entschluss: Ich will erst noch die Ungluckliche sehen ...

Madame lehnte der Graf ab ... Es ist ein schmerzlicher Anblick ...

Perche! erwiderte sie ... Kennen Sie etwas Schoneres, als den Tod? ... Gestatten Sie mir dies Opfer ... Principe! rief sie ... Meine Herren! Bedienen Sie sich Ihrer Pferde und des zweiten Wagens! Ich folge mit dem Herrn von

Asselyn! erganzte der Furst ... Die Herzogin hatte schon wieder Benno's Namen vergessen ...

Graf Hugo machte eine ablehnende Bewegung ...

Benno jedoch, fast von Freude erregt bei allem Schauer, bedeutete den harrenden Diener der Herzogin, vorauszugehen, er selbst wurde spater seine Gebieterin hinunterbegleiten ...

Der Graf liess nun wieder den Saal aufschliessen, bat mit stummer Geberde um Entschuldigung und kehrte uber die Stiege in Angiolinens Wohnzimmer zuruck mit der ihm von Benno gegebenen Versicherung, dass er sofort auf die Herrengasse eilen wurde, um fur den Empfang der Grafin Mutter und die vorsichtige Einleitung der Schreckensnachricht zu sorgen ...

Die Herzogin betrat den dunkeln Saal ... Benno folgte, schon an die erschutternde Situation gewohnt ...

Mit fester Hand lehnte er die hohe Thur an, die Dienerin bedeutend, sie beide allein zu lassen ... Ein sparliches Licht fiel in den weiten hohen Raum durch einen einzigen geoffneten Fensterladen ...

Die Herzogin trat naher und sah auf die Todte, von deren Antlitz Benno ein leichtes Tuch nahm ...

Welch schmerzlicher Anblick! ... horte er sie leise sprechen ... Wie jung wie schon! ...

Funfundzwanzig Jahre ...

Funfundzwanzig Jahre schon? ... Am Mund sieht man das und an der Stirn ... Grosser Gott, die Stirn blutet noch ... Warum musste sie auch der wilden Olympia begegnen! ... Ihr Ross scheute ... Daher wol dies Ungluck ... Glauben Sie, dass die Grafin die Schuld tragt? ...

Benno hatte sagen mogen: Oder Ich! Denn um meinetwillen kam Olympia! ... Eine elektrische Kraft gab ihm den Muth, zu erwidern:

Das Leben ist eine Kette von Ursachen und Wirkungen ... Wir geben uns auf diese Art alle einander den Tod ... Diese Arme wurde hier auch ohne die Grafin liegen ...

In der That? ... Aber der Graf betet sie doch an? ... fragte die Herzogin ...

Seine Liebe war ein schoner Traum ... Vor einigen Stunden sagte er ihr, dass sie erwachen musste ...

Ich verstehe ... sprach die Herzogin seufzend ... Armes Kind, du wolltest kein Erwachen ... Wen heirathet der Graf? ...

Eine Grafin Paula von Dorste-Camphausen, Nichte des Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof ...

Die Herzogin zuckte zusammen ... Sie erhob sich, sah geisterhaft um sich, betrachtete Benno, dann athmete sie tief und schwer und beugte wieder das Haupt ...

Benno war nicht so grausam gewesen, diesen Namen seines Vaters zu scharf zu betonen ... Er knupfte gleichsam nur an die Erwahnungen von vorhin an ...

Sie kannten diesen Syndikus der Krone? sprach die Herzogin nach Gleichgultigkeit ringend ...

Benno erwiderte:

Ich sah ihn nur auf der Bahre, als man ihn in die Gruft seiner Vater senkte Er lag ganz ebenso, wie hier ...

Benno hielt inne, um nicht zu viel zu sagen ...

Eine lange Pause trat ein ...

Schon wollte sich die Herzogin, die das Bedurfniss zu haben schien, sich von Benno uber jene Familie, der sie so nahe stand im Wagen mehr erzahlen zu lassen, zur Thur wenden ...

Jetzt oder nie! riefen Benno's innere Stimmen und so wagte er die Worte "Seine Tochter" die er nicht ausgesprochen, zu umschreiben ...

Ich denke mir, sagte er, dass der Kronsyndikus in seiner Jugend Aehnlichkeit mit den Gesichtszugen dieser Unglucklichen da hatte ... Sehen Sie nur diese Stirn ... Tritt sie nicht ganz so trotzig hervor, wie bei jenem Tyrannen? ...

Das Antlitz der Herzogin vibrirte ... Sie horchte der seltsamen Vergleichung hoch auf ...

Benno, dem Himmel dankend uber seine Gewandtheit, in der Sprache seiner Mutter ohne das mindeste Hinderniss reden zu konnen, fuhr fort:

Sehen Sie, da liegt noch die Schere, mit der der Arzt die Haare von der Wunde wegschneiden liess ... Die schonen Haare! ... Ich nehme diese Locken zu deinem Angedenken mit, arme Schwester! ...

Diese Anrede wurde fest, wenn auch mit zitterndem Herzen gesprochen ...

Die Herzogin fuhr jetzt zuruck ... Sie musste glauben, der junge Mann ware plotzlich in Irrsinn verfallen ... Sie suchte ernstlich die Thur ...

Ich nenne dich Schwester! rief Benno noch lauter und bannte damit den Schritt der Entfliehenden ...

Finden Sie nicht, Herzogin, dass auch ich die Zuge der Unglucklichen trage? ...

Die Herzogin blieb wie auf der Flucht ... Sie glaubte einen Narren reden zu horen ... Dennoch verglich sie ihn und die Todte ...

Deshalb nannt' ich die Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus Denn, Herzogin, ich, ich bin mit dem Kronsyndikus verwandt ...

Die Herzogin konnte nicht von der Stelle ...

Asselyn! ... sprach Benno ... Horten Sie denn niemals diesen Namen? ...

Die Herzogin horte nur und besann sich ... Da biss sie plotzlich krampfhaft auf ihre Lippen ...

Es gab doch einen Freund des Kronsyndikus ... Einen Abbate Francesco ... Kannten Sie denn den Abbate Francesco nicht? ...

Die Herzogin machte eine Bewegung, als hatte sie der Stich einer Schlange getroffen ...

Ist das Ihre Familie ? ... sagte sie mit lauerndem Blick ...

Benno schwieg ...

Die Herzogin wollte, beschlichen von einem furchtbaren Gedanken des Mistrauens, den unheimlichen Saal verlassen ... Sie sah sich um ... Sie schien sich auf noch einen andern Priester als den Abbate Francesco zu besinnen, auf den Pater Stanislaus; sie fragte: Graf Salem-Camphausen sagten Sie? ...

Aber gehen wir! lachelte sie und die Frage wie zurucknehmend ...

Vergebung, Herzogin! ... sprach Benno immer fester auftretend ... Ich kann mich nicht trennen ... Dies Blut ist mein eigenes ... Ein Geheimniss, Herzogin! ... Sie werden mich fur wahnsinnig halten? ... Ich suche seit Jahren eine Schwester ... Ich glaube sie in dieser Unglucklichen gefunden zu haben ... Still, still! ... Unter uns! ... Noch einmal, finden Sie nicht, dass wir uns ahneln? ...

Die Herzogin bebte wieder zuruck uber den Ausdruck in den Zugen des jungen Mannes ...

Arme Schwester, fuhr Benno fort, zum Paradiese geleitet dich dein Schutzgeist mit trauernder Miene ... Sie wird Einlass finden, Herzogin, nicht wahr? ... Denn ich und meine arme Schwester, wir beide haben eine Mutter, die uns verlassen konnte ... Eine Mutter ist die Vorsehung ihrer Kinder aber Sie haben recht, was sagten Sie eben? Eine Mutter kann in ihrem Kinde den Vater hassen? ... War es nicht das? ... Nicht alle sind so gross und eitel, wie Ihr Cardinal Ceccone, der in seinem Kinde die Mutter zum zweiten male liebt ...

Jetzt hatten sich Benno's Zuge wirklich verzerrt ...

Die Herzogin, die an der Thur, erst um zu entfliehen, stand, druckte jetzt die Thur noch fester zu, blieb aber wie trotzend stehen ...

Vergeben Sie, Herzogin! fuhr Benno fort. Wir wollen die Ruhe meiner Schwester nicht storen ... Aber mein Geheimniss ... Nicht wahr, ein Geheimniss fur Sie und mich? ... Auch ich glaubte von Zigeunern zu stammen, wie diese Arme, wenigstens aus Spanien glaubte ich zu kommen ... Ich entsinne mich einer Frau, einer jungen schonen Frau, die mich zuweilen ich konnte nur ein Kind von drei oder vier Jahren sein holdselig anlachelte, zuweilen auch wol eine Thrane auf mich fallen liess; es konnten auch am Kindesauge nur ihre Diamanten haften geblieben sein ... Herzogin, da erfuhr ich plotzlich, dass ich eine Schwester habe ... Sie ist geboren mitten auf der Landstrasse ... Mitten unter den Schrecken des Kriegs, auf der Flucht ... Vor funfundzwanzig Jahren ... Von einer Mutter, die eine Italienerin, eine Sangerin war ... Sie hiess

Basta cosi! schrie die Herzogin mit dem Ton der Furie ... Sie lief auf Benno zu, ergriff seine Hand, sah sich wild um, richtete ihre beiden noch der hochsten Glut fahigen Augen auf nur drei Zoll Nahe dicht in die seinigen und starrte ihn wie die Erinnye mit weissen Augen an ...

Schurke, der du bist! fuhr sie fort ... Nachfolger des Paters Stanislaus! Nun weiss ich alles ... Hier, hier in diesem Hause wohnte ja Pater Stanislaus, Wenzel von Terschka ... Sollst du es besser machen, als dieser undankbare Teufel, der dem Al Gesu seinen Spass verdorben hat?! ...

Mutter ! rief Benno auf dies entsetzliche Wort aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes, des Mitleids, der Liebe hervor ... Mutter, wie redest du! ...

Sein Ton war so zart, so innig, dass er von keinem Betruger kommen konnte ...

Die Gefolterte starrte ihn an ... Die verzerrten Zuge ihres Antlitzes milderten sich, das Auge, immer sich einbohrend in die Augen Benno's, verlor seine stechende Scharfe, immer schwankender wurde ihre Haltung, die Hande suchten einen Halt, sie sank "Mutter?" hauchte sie ihm nach ... Benno sturzte auf sie zu und uberwunden lag sie in seinen Armen ...

Eine Weile wahrte es, bis sie sich aus einer Ohnmacht erholte ...

Benno luftete ihren Hut, der sofort niederfiel ... Das Haar verdeckte ein Netzwerk, unter dem ein ehrwurdiges Grau schimmerte ...

Allmalig erst gewann sie Sprache und hauchte, zu ihm aufblickend, noch tief zweifelnd, aber schon mit liebender Zartheit:

Ce sa re ? ..

Julius Casar ... bestatigte Benno, richtete die Augen auf die Leiche und sagte: Und diese nannte man Angiolina ...

Die Augen der Frau erhoben sich wie irr bald auf Benno, bald auf die Leiche, bald gen Himmel ...

So wahrte es eine Weile ... Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur Tochter und vom Tode zum Leben hinuber ... Endlich riss sie sich wild los und schrie:

Licht! Licht! ... Die Fenster auf! ... Ich muss meine Kinder sehen! ... Meines Morders Kinder ... Ha, ha! Wach auf, wach auf, Madchen! ... Ich kenne dich ja nicht ...

Benno gewann zuerst die Fassung ... Man horte Gerausch ... Schritte eines Kommenden ... Es klopfte leise ...

Der Graf war es, dem das lange Verweilen, das laute Sprechen bei der Leiche auffallen musste ...

Die Herzogin lag ausgestreckt uber der Leiche, verbarg ihr Haupt und war selbst wie entseelt ...

Der Graf durfte diesen Ausdruck weiblicher Theilnahme an einer Sudlanderin naturlich finden und folgte Benno harmlos, der ihn mit ausserster Beherrschung seiner selbst aus dem Saale zog ...

Die Herzogin blieb allein zuruck ... Sie sah um sich, sie tastete hin und her, sie sturzte auf die Leiche, sie riss sich wieder auf, nahm ihren entfallenen Hut, druckte ihn auf das Haar, das sie erst zerwuhlen wollte ... Dann nahm sie mit irrer Geberde die abgeschnittenen blutigen Haare und verbarg sie wie im Diebstahl ... Nun presste sie wieder einen Kuss auf die Lippen der Todten, dann wandte sie sich und wollte wieder zuruck ...

Der Graf stand inzwischen wieder in der Thur ...

Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel sprach sie in kurzen Satzen ... Segne Sie Gott, Herr Graf, fur die Liebe, die Sie ihr schenkten Es gibt nur Eine Liebe mag sie auch Namen haben, welche sie wolle ...

Benno bot ihr, da sie zusammenzusinken drohte, seinen ihm selbst zitternden Arm ...

Der Graf dankte fur so viel Theilnahme und begleitete beide bis an die weissschimmernde Stiege, rieth freundlich zur Vorsicht, empfahl Benno seine vorhin ausgesprochene Bitte und nahm zum zweiten mal von einem Beileid Abschied, das alles das zu erkennen gab, was in ihm selbst vorging ...

Ohnmachtig sinkend, ja sturzend schwankte die Herzogin die gebrechliche Stiege hinunter ...

Unten standen zwei Diener ... Der Schlag des vierspannigen Wagens flog auf ... Benno trug die zusammengebrochene Frau mehr, als er sie fuhrte ... Sie sank in ihren Sitz ... Er stieg ihr nach ...

Der Schmerz der Herzogin konnte allen erklart erscheinen aus dem empfangenen, an das gemeinsame Menschenloos erinnernden Anblick ...

Die vier Rosse zogen an ... Pfeilgeschwind flogen sie dahin ...

9.

Cielo! ... Destino! ... Manda mi la morte! ...

So brachen die Empfindungen der Herzogin aus ... Benno ergriff die Hande der jetzt ohnmachtig zusammensinkenden Mutter ...

Es war wie eine zweite Geburtsstunde, die sie erlebte ... Ihre Zahne klapperten ...

Allmalig schlug sie die Augen auf, betrachtete Benno und wollte mit der Geberde einer Fieberkranken die mitgenommenen blutigen Haare kussen ...

Benno riss diese fort und umschlang die Mutter mit seinen Armen ...

Wieder versank sie in Ohnmacht und fieberte laut ...

In dem weichgepolsterten Wagen ging es auf der Landstrasse eine Weile dahin wie in einem lautlosen Zimmer ...

Als der Wagen eine kleine Hohe bergan fahren musste und es langsamer ging, schlug die Herzogin die Augen auf, rang die Hande, riss Benno an ihr Herz und kusste ihn ...

Du bist es! rief sie ... Wusste es doch alle Welt! setzte sie hinzu ...

Mutter! lehnte Benno ihren Wunsch ab, der fast wie Besorgniss klang ...

Wer weiss es noch sonst? fragte sie ...

Ich hier allein! antwortete Benno und deutete auf sein Herz ...

Meine Ahnung ist erfullt! sprach sie ... Mit bangem Herzen bin ich nach diesem Lande gekommen ... Ich ahnte, dass ich das alles, alles erleben wurde ...

Nicht aber so! klagte Benno das Schicksal an ... So grausam nicht! ... Das Leben im Tode ... O zurnst du mir? ...

Sie schuttelte den Kopf ...

Niemand weiss es? fragte sie wiederholt und zweifelnd ...

Vier fremde Priester, bestatigte Benno, ich und mein Bruder der Prasident von Wittekind Friedrich ist mein Freund und der deine ...

Sie fand sich langsam zurecht ...

Aber wer weiss, begann sie, ob ich deine Stimme gehort hatte, ware sie nicht von dem Schweigen einer Todten unterstutzt gewesen ... Angiolina! ... Ja, ich hatte mich mit Hass gerustet, mein Sohn ... Hatte Gott es nicht so verhangt, dass ich meine Kinder s o s o wiedergesehen wer weiss ! ... Angiolina! ... Eine Verlorene! ...

Benno unterbrach diese Gedankenreihen und fragte liebend vorwurfsvoll:

Selbst auf deine Kinder wolltest du Hass werfen? ...

Ja, mein Sohn! bestatigte die Frau, deren Lippen noch wie von Fieberfrost auf und zu gingen ... Es liegt eine wunderbare Macht, fuhr sie, an Angiolinens Verirrung anknupfend, fort, in dem Gesetz ... Aber eine Frau kann sich von ihm verirren und, wird sie nur geliebt, so vergisst sie alles, Urtheil der Welt und kunftiges Gericht ... Tauscht sie aber der, den sie liebte und um den sie alle Sunden der Welt ertrug und selbst beging, so welkt ihr jeder Baum und jede Farbe verbleicht ihr und ich hasste dich schon damals ebenso, wie ich dich anfangs geliebt hatte ... Ich schleuderte Angiolinen dies Kind wie eine Last von mir ... Ihm zu Fussen! ... Da hast du, was dein ist, Schurke! ... Ich sah meine Geburt nur einmal wie sie ins Leben trat ... Das wird vor Gott ein Verbrechen sein aber er strafte mich jetzt schon, dass ich mein Kind so wiedersehen musste ...

Sie versank in Thranen und kusste die blutigen Haare ...

Sei versohnt! sprach Benno mit Milde und wie jeder, der an ein muhevolles Ziel glucklich angelangt ist, dann erschopft zusammenbricht ...

D i r bin ich es, mein Sohn! wandte sich ihm die stolze Frau zu, jetzt, um ihn zu ermuthigen, mit zartlichstem Tone, ja wie eine Braut so weich aber Medea erhob sie sich wieder Medea schlachtete dem treulosen Vater ihre Kinder ... Nein, nein! ... beschwichtigte sie gleichsam ... Wie kommt das alles dass du hier bist? Suchtest du mich? Woher weisst du deinen Ursprung? ..

Benno sammelte sich und die Mutter am zweckmassigsten durch die vollstandige Erzahlung der ihm allmalig gewordenen Enthullungen ... Er schloss seine kurzgefassten Mittheilungen mit dem Wort:

Die Kirche anerkennt deine Ehe! ...

Sprich das nicht aus! entgegnete sie ... Meine Feinde haben mir auch mit lachelnder Miene diese Andeutung gegeben ... Meinen Frevel, die Hand des Herzogs von Amarillas zu nehmen, die ich nahm aus Stolz und Scham uber mich selbst, verzeiht das Gesetz; denn ich kannte die Lehre der Kirche nicht ... Ich wusste, dass mich dein Vater betrogen hatte und war frei ...

Wann erfuhrst du das? ...

Als ich einige Laute dieser eurer rauhen Sprache gelernt hatte, die du nur schon sprichst, du, mein Sohn! ... Als ich ein Flustern zu verstehen anfing, wenn Wittekind mit seinen Freunden zusammen war, ich auf meine Anerkennung drangte und nicht mehr in meine Pflichten nach Kassel zuruckkehren zu wollen erklarte, wenn ich auf Neuhof gewesen ... Ich erlebte die Grausamkeit des Mannes! O mein Casar hast du etwas in deinen Zugen von diesem Tyrannen Jesus ja, du bist sein Bild! ...

Nicht im Herzen! sagte Benno, schlug die Augen nieder und zog die Mutter an seine Brust ...

Er warf mich eines Tages in einen Kerker! fuhr sie fort ... Er liess mich hungern ... Ich schrie um Hulfe ... Zuletzt konnt' ich nicht mehr ... Er kam in die unterirdischen Gewolbe und kniete an meiner Thur nieder und weinte ... O Casar ... Er konnte bestrickend sein wie ein Kind, wenn er wollte und Nachsicht bedurfte ... Zweimal geschah das ... Ich sass in den untersten Gewolben und fror und hungerte ich, sein rechtmassiges Weib! Wie ich damals noch und freilich nur noch das erste mal glaubte ... Ein Teufel von einem Weibe bewachte mich ...

Brigitte von Gulpen, erganzte Benno ... Sie strafte der Himmel ... Sie ist ermordet worden ...

Gott wird ihrem Morder zum Paradiese verhelfen! ... Ja, Brigida hiess sie ! Ich vergesse den Ton nicht, wenn sie sich meldete und ich rief: Wer da! ... Sie spitzte dann den Mund und lockte mich: Taubchen! ... Sie hatte mich wurgen konnen wie eine Taube ...

So auch starb sie ... sagte Benno und erzahlte den Tod der Hauptmannin ... Dann fuhr er fort: Aber sie hatte eine Schwester Petronella hiess sie Ihr dank' ich mein Leben, meine Pflege, meine Erziehung ... Meinem Onkel, dem Abbate Francesco, verdank' ich meinen Namen ... Ich hiess der Sohn seines Bruders ... Ich heisse Benno von Asselyn ...

Julius Casar von Wittekind heisst du! und eine Weile nach mir Montalto! ... verbesserte sie stolz und fuhr in den sie erleichternden Erinnerungen fort ... War ich ermudet und kraftlos und verhallte meine Stimme ohnmachtig an den Wanden, so kam dein Vater und beschwor mich, ihm zu vertrauen ... Er konnte mich noch nicht anerkennen, wehklagte er ... Er verlore die Halfte seines Vermogens ... Auf seinem Witthum beruhte seine ganze Kraft ... Mit der zweiten Heirath wurde er der Sklave seiner Kinder werden ... Er nannte Namen, die ich bald vergass, Verhaltnisse, die meine Begriffe uberstiegen ... Er bat, er flehte hinter dem Gitter ... Er knieete nieder, schilderte eine glanzende Zukunft ... Ich liess mich bethoren und versprach nachzugeben Diese Augenblicke, wenn er den Schlussel zog, wenn er meine Schwure horen wollte, dass ich ihm verziehe, erst ein Pistol mir entgegenhielt und dann doch wieder durch das Gitter mich mit Kussen verlocken wollte O, was hab' ich gelitten, mein Sohn! ...

Benno umarmte sie, streichelte ihre Wange, kusste ihre Hande ... Er starb im Wahnsinn, sagte er ... Wie zur Suhne solcher Frevel starb er ein Geachteter ... Einen seiner fruhern Freunde hat er erstochen ...

War' es einer von denen gewesen, sagte die Mutter mit Bitterkeit, die mich in der Kapelle zu Altenkirchen betrogen! ... Und doch, du sagst es, einer von ihnen wurde dein zweiter Vater? ... Lebt der Abbate noch? ... Ich glaubte, gerade der ware zur ewigen Verdammniss bestimmt! ... Gerade er machte und wie aus Achtung vor mir den Ministranten ein Priester! ... Ich sagte ihm Dank, als wir ins Schloss zuruckkehrten nach der Trauung, Dank fur die Ehre, die er mir gewahrt ... Seine Hand zitterte, als er dafur die meinige kusste ... Ein Jude war der falsche Priester der mich drei Jahre lang betrog Auch in der grossen Kathedrale von wie hiess der Ort Witoborn betrog ! ... Er las die Messe ... Ich wusste damals nicht, dass es seine erste war ... Spater erfuhr ich's, als ich anfing, mich heimlich nach ihm zu erkundigen ... Kurz vor der Flucht des Hofes von Kassel, langst schon in Angst um Wittekind's kaltes Benehmen, in Hoffnung mit Angiolinen, in Angst vor den wilden Kosakenhorden, die nach der grossen Schlacht bei Leipzig schon bis dicht an die Thore schwarmten, sagte mir Wittekind ins Gesicht, dass er mein Bleiben nicht dulden wurde und dass ich sein Weib gar nicht ware ... Trommelwirbel fielen in diese Worte ... Die Glocken lauteten Sturm Feuer! rief es in den Gassen ... Schon brannt' es in den nachsten Dorfern ... Besinnungslos folgt' ich der allgemeinen Flucht ... In der unglucklichen Lage eines Weibes, wenn sie die Zwekke der Schopfung erfullen soll, ward ich von den Angehorigen der Truppe, zu der ich gehorte, fortgerissen ... Schon am Abend, in einer Scheune, auf dem Wagen eines Kunstfeuerwerkers unsers Ballets, kam ich nieder ... Ich raffte am andern Morgen den letzten Rest meiner Krafte zusammenstosse das Kind, wie alles um mich her, von mir Die Gesellschaft wird von den Vorposten der Russen auseinander gesprengt Ich gelte fur eine Todte So kam ich auf einem Bauerwagen nach Frankreich, verfolgt von dem Hohn: Das ist der Hof des Konigs Hieronymus! ... Ich verfiel in eine lange Krankheit, nach der ich mich erst allmalig auf alles besann, was vorher mit mir vorgefallen ...

Arme Mutter! sprach Benno und suchte sie zu beruhigen ...

Aber die Sprecherin war in machtigster Erregung und fuhr fort:

Der Krieg kam naher und naher ... Ich benutzte meine ersten wiedererlangten Krafte, an Wittekind zu schreiben; an den Bischof von Witoborn, dem ich noch Anstand nahm alles ganz wie es war mitzutheilen; an die Behorden ... Letztere wurden eben neu eingesetzt ... Wittekind antwortete nicht ... O die Scham und die Verzweiflung uber meinen eigenen Unverstand waren noch grosser als mein Rachegefuhl ... Ich suchte mich der Welt zu verbergen, ich verrieth niemanden, was mir geschehen war ... Meine nachsten Vertrauten und Umgebungen waren durch die Zeitumstande von mir gerissen ... Nachrichten uber ein Bauerhaus einzuziehen, wo du lebtest, wurde unmoglich ... So bracht' ich einige Monate in Paris zu ... Da lernte mich der Herzog von Amarillas, Marquis Don Albufera de Henares, kennen ...

Die Mutter hielt inne, um neue Kraft zu schopfen ...

Benno bat sie, sich zu schonen ...

Bei dem Wort, das er aussprechen wollte, er wurde sie ja nun oft sehen konnen ... stockte er ... Wir sehen uns in Rom! sagte er ...

Nein, schon hier! wollte sie mit uberwallendem Gefuhl ausrufen; doch auch sie unterbrach sich jetzt und gestand, ihre Stimme dampfend: Meine Lage ist freilich nicht so dass ich ...

Benno sah, dass hier seine Aufgabe erfullt war ... Was sollte er noch in Wien? ... Sollte er wie Hamlet einen ungeheuern Schmerz im Busen tragen und ihn vertandeln in der Gesellschaft, in einem Liebesroman mit Olympien? ...

Die Herzogin fuhr inzwischen fort:

Die Feinde hatten Paris genommen ... Ein Fluchtling vor Napoleon, kehrte der Herzog mit dem vertriebenen Ferdinand VII. nach Spanien zuruck ... Er kam aus England und erkrankte in Paris ... Der Streit unserer Meinungen hinderte nicht die Annaherung der Sympathieen ... Der Herzog wohnte in einem Hause mit mir ... Er war alt und gebrechlich ... Seine ganzlich verarmte Lage ruhrte mich ... Ich fing wieder an zu singen und theilte mit ihm, was ich hatte ... Dennoch war alles nur Rache an Wittekind der mich endlich mit Geldmitteln und hohnischem Spott und einer teuflischen Bitte um Verzeihung bedachte Rache, dass ich ihm als Herzogin antwortete und ihm ebenso hohnisch, wie er geschrieben, auch ihm seine Kinder empfahl, fur die er zu sorgen gelobte, die ich aber Gott wolle es mir verzeihen! wie alles verfluchte, was mich an ihn erinnern konnte ...

Benno erkannte die psychologische Moglichkeit ...

Nach einer starren Betrachtung der blutigen Locken Angiolinens fuhr die Mutter fort:

Ich reiste nach Madrid ... Der Herzog, mein Gemahl, hatte eine Stellung am restaurirten Thron der Bourbonen erhalten ... Bald aber kehrte Napoleon von Elba zuruck; auch in Madrid erhob sich die Revolution ... Der Herzog erlag den Anstrengungen einer Flucht vor der Cortesregierung nach Portugal und starb ... Wieder stand ich allein, wieder ohne Schutz und Lebenshalt; jetzt bereuend, dass ich mich selbst so rasch zu dieser Veranderung meiner Anspruche auf Wittekind hatte bestimmen konnen ... Ich reiste nach Rom ... Von dort begann ich in meiner ersten Verzweiflung, mit Schloss Neuhof zu correspondiren und einlenkende Schritte zu thun ... Spater drohte ich ... Man schrieb mir oder liess mir schreiben ... Ich empfing einiges Geld, im ubrigen nur die alten hohnischen und baurischen Scherze und Bitten um Verzeihung ... Las ich diese Briefe, so horte ich das wiehernde Gelachter, das dein Vater zuweilen ausstossen konnte fur sich ganz allein nur fur sich allein ... Er jubelte dann uber seinen Verstand und uber die Dummheit der ganzen Welt ...

Das hat sich traurig gewendet! sagte Benno ... Jerome, sein zweiter, schon geisteskranker Sohn, starb im Duell ... Auch Friedrich, der Erbe, ist nicht glucklich ... Doch bin ich mit Friedrich einverstanden und befreundet ... Er kennt meine Reise hierher und billigt die Begegnung mit dir ... Befiehl du selbst! ... Er ordnet sich allen deinen Wunschen unter ...

Die Herzogin horchte aufmerksam und uberlegte ... Sie schien das Fortwalten des Geheimnisses vorzuziehen ... Wenigstens sagte sie:

Mein Sohn! ... Ich bin die Tochter eines Marchese im Ravennatischen, der sein Vermogen verlor ... Ich musste fruh an die Verwerthung eines Talents denken, das mich und die Meinigen erhielt. So legte ich den Namen der Marchesina von Montalto ab und nahm den der Fulvia Maldachini an ... Von Rom kam ich erst nach Parma ... Von dort nach Mailand, von Mailand nach Paris, von Paris nach Kassel ... Ich kannte diese ganze dortige fremde Welt nicht und verachtete sie zu sehr ... Meine einzige Umgebung war eine alte Romerin, die mich singen gelehrt hatte ... Sie war halb erblindet, erschien aber durch ihre Manieren wohl geeignet, meine Duenna vorzustellen ... Auch sie verstand die Welt nicht, in der wir mit Anstand lebten ... Ich genoss die grossten Auszeichnungen und hatte selbst die List des Konigs zu furchten ... Ich war tugendhaft, mein Sohn! ... Ich war es vielleicht nur aus Stolz ... Den Freiherrn erhorte ich erst, als er mir die heimliche Ehe anbot und ich sie vor Gott, einem Pfarrer oder dessen Substituten und mehr als zwei Zeugen, die hingereicht hatten, richtig geschlossen glaubte ... Meine Entbindung von dir fiel in die Zeit der Ferien an unserer Buhne ... Ich genas in einer der kleinen Meiereien, die zu den Besitzungen deines Vaters gehorten ... Eine Bauerin nahrte dich ... Noch war deine Geburt eines Familienstatuts wegen zu verbergen ... Aber du hattest meine ganze Liebe ... Nie konnte ich dich in den schmuzigen Umgebungen wie ein Bauernkind sehen, ohne nicht sofort mit deinem Vater die ernstesten Kampfe uber die endliche Enthullung unsers Geheimnisses zu beginnen ... Anfangs erfolgten die Beschwichtigungen in Gute ... Die spatere Wendung erzahlte ich dir ... Ware ich nicht von den Pflichten meines Berufs, den ich liebte und den ich so viele Meilen von Neuhof entfernt ausubte, gebunden gewesen, ich hatte so lange mein Geheimniss nicht bewahren konnen ... Als ich endlich den Betrug durchschaute, ubertrug ich meinen Hass auch auf meine Kinder ... Und ich sag' es dir, Casar, ich wurde dich und Angiolina nie anerkannt haben ohne diese heutige Wendung des Geschicks, die mir so schreckhaft sagte: Die Rache lasse der Mensch dem Himmel! ... Oft befiel mich melancholische Sehnsucht nach den beiden Wesen, die ich unterm Herzen getragen ... Einmal ja, da war ich nahe daran, mich zu entdecken, als jener Pater Stanislaus, den du kennst ...

Wenzel von Terschka ...

Nach Deutschland reiste und sich mir empfahl ... Ich lebte jedoch schon damals in Verhaltnissen, die mir die Festhaltung meiner Stellung als Herzogin von Amarillas zur unbedingtesten Pflicht machten ... Und noch jetzt, mein Sohn ...

Die Erzahlerin stockte und wandte sich ab ...

Benno glaubte die Beschamung zu sehen, die Anstand zu nehmen schien, von Cardinal Ceccone, ihrer dritten Verbindung, zu sprechen ... Ein unendliches Weh legte sich auf sein Herz ...

Mein Sohn, sprach die Herzogin, seine Gedanken errathend ... Wenn Cardinal Ceccone in allem so heilig ware, wie in seinem Verhaltniss zu mir, so wurde man ihn nach seinem Tode kanonisiren ... Eher kannst du in Rom horen, dass Ceccone wie Papst Alexander Borgia seine eigene Tochter liebt, als das Wort die Herzogin von Amarillas stunde in einer nahern Verbindung mit ihm, als der, die Duenna seiner "Nichte" zu sein ... Mein Sohn, du siehst mich hier mit vier Pferden fahren, Bediente umringen mich, ein romischer Principe reicht mir den Arm, um mich in die kaiserlichen Theater zu fuhren, in die Loge des machtigsten Staatsmannes der Welt ich bin nichts weiter als eine Gouvernante ...

Benno ergriff geruhrt die Hand der Mutter und sah in ihre umflorten Augen ...

Unter unsern Cardinalen, fuhr sie mit schmerzlichem Lacheln fort, gibt es einige, die wohl verdienen, Muster der Christenheit genannt zu werden ... Ihre Zahl ist nicht gross ... Die ubrigen theilen sich in zwei Klassen ... In solche, die die Gelubde aus Indolenz halten, und solche, die die Natur nicht betrugen konnen ... Alle aber, selbst die letztern bewahren den Anstand ... Saltem caute! ist unsere romische Devise ... Um die immer prufend und lauernd auf sie gerichteten Blicke der Menschen, namentlich der Priester, zu zerstreuen, zeigen die Cardinale sich absichtlich ganz weltlich, leichtsinnig, gesellschaftsbedurftig und doch nicht anstossig. Das ist, wie die Frauen im Cicisbeat einen Deckmantel fur eine in ganz anderer Sphare versteckte Leidenschaft haben ... Jeder Gatte lasst seine Gemahlin ruhig mit dem Cicisbeo gehen ... Dieser ist der Freund des Hauses, der Freund des Mannes, der Beschutzer der Frau, deren anderweitige Verhaltnisse am wenigsten der Cicisbeo kennt ... So haben auch die Cardinale ein Haus, an das sie attachirt sind, wo sie Audienzen geben, wo sie sich ausruhen, Whist spielen und wirklich, wenn auch mit den leichtesten Formen, die Tugend und Entsagung selbst sind ... Das weiss in Rom jedermann ... Cardinal Ceccone kann nach seinen Arbeiten in der Sacra Consulta nicht anderswo sich erholen, als bei der Herzogin von Amarillas, wo es hergehen wurde so still und fromm, wie im Kloster von Camalduli, wenn nicht Olympia mit den Jahren immer gefahrvoller sich entwickelt hatte Casar! unterbrach sich die Sprecherin und betrachtete Benno mit einer Mischung von Staunen und Schrecken wie nur war es moglich, dass gerade du, du mein Sohn, Casar von Wittekind, es sein musstest, der ... Doch fuhr sie plotzlich auf fliehe Olympia! Sie zerreisst, was sie liebt! ...

Benno gerieth in die grosste Verwirrung ... Seine Ueberzeugung, dass er in Wien seit dieser Stunde nichts mehr zu vollbringen oder abzuwarten hatte, mehrte sich ...

Die Mutter fuhr fort:

Ich bin nicht die einzige Herzogin, lieber Sohn, die in Roms dunkelsten Gassen wohnte und nur in den Kirchen, deren wir zu diesem Zweck Gott sei Dank genug haben, von einem ihrem Stand gebuhrenden Glanze umgeben ist ... Man ist arm, aber vom Munde darbt man sich den Miethwagen ab, der uns des Abends eine Stunde auf den Corso fuhrt ... Sonst geht man des Tages zu Fuss ... Ein Schleier genugt, nicht einmal ein Bedienter ... Alle hundert Schritt liegt eine schone geraumige Kirche, gebaut aus Marmor, mit stillen Kapellen, dunkeln Ecken, da eine Lampe, hier ein Schemel fur die Fusse, ein Bild von Domenichino, eine Sculptur von Michel Angelo so kann man schon eine Stunde lang vertraumen, ein Leben der Armuth anstandig verschleiern ... Du wirst das sehen, wenn du in Rom bist ... Du gehst nach Rom! ... O wohl, wohl! ... Du sollst es ... Oder was was glaubst du, mein Sohn? ...

Benno hatte die Miene gemacht zu fragen, ob sie es nicht wunsche ... Er sah, wie seine Begegnung sie bei alledem zu storen anfing ...

Die Kirchen, fuhr die Herzogin nach einigen zartlichen Blicken fort, die Kirchen in Rom sind zum Beten da; aber sie verbinden zugleich den Zweck, eine Promenade zu sein, eine Promenade, die zu betreten nichts kostet ... Ich horte einen Attache der Gesandtschaft des Konigs von Preussen, der erst einige Tage in Rom war, ausser sich gerathen bei der Erzahlung: Ich besuche den Carcer Mamertinus beim Capitol, die Kapelle, die uber jenem Gefangniss erbaut ist, wo Sanct Peter vor seiner Hinrichtung gefangen sass, und ein Geistlicher tritt herein, kniet vor einem Betpult nieder, wendet das Antlitz zum Altar, zieht, ehe er betet, sein Taschentuch, seine Dose, n i m m t e i n e P r i s e und dann erst faltet er die Hande!1... Dies Bild brachte den Lutheraner ausser sich, beleidigte jedoch von uns Romern niemand ... Es war ein heisser Tag; der arme Dorfpfarrer, der die Merkwurdigkeiten der Stadt ansah, wollte sich ausruhen und benutzte die kuhle Kapelle St.-Pietro in carcere ... Dass man sich an einem solchen Ort mit der Geberde des Betens ausruht, bringt die Rucksicht auf den Ort und diejenigen mit sich, die vielleicht ringsherum wirklich beten ... Die Kirchen Roms sind nicht Kirchen allein, sondern die ehemaligen Thermen der Kaiser ... Sie sind die Garten und Promenaden der Stadt, die allen gehoren, den Armen und Reichen, den Konigen und Bettlern ... Ist denn nicht auch das Religion, was alle gleich macht? ... Wer gefallen ist, Konige, die ihre Krone verloren, konnen keine bequemere Stadt der Welt finden ... Fur die, die ohne Demuthigung sein und vergessen wollen, ist Rom die Stadt der Stadte ...

Diese Aeusserungen einer Frau, die in so unmittelbarer Nahe der Tonangeber der Christenheit lebte, mussten Benno wol die Frage wecken: Wiestehen ihre Ueberzeugungen im Verhaltniss zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des Cardinals? ... Doch uberwog jetzt noch das Interesse am Personlichen ...

Funf bis sechs Jahre, fuhr die Mutter fort, lebte ich in dem steten Kampf mit mir, welche Entschliessungen ich fassen sollte ... Ich war nicht mehr jung ... Meine Schonheit, wenn ich sie je besass, war verbluht ... Ich zog niemanden an, als dann und wann ein paar Priester, die bald wegblieben, als ich ihnen keine Tafel serviren konnte ... Zur Devotion hatte ich kein Talent ... Im Singen zu unterrichten widersprach meinem Stolz ... Ich processirte mit den Gerichten Spaniens; die Revolutionen und die Cortes wiesen mich ab ... Wittekind erlebte in meiner Verzweiflung einigemal die Drohung, dass ich nach Deutschland kommen und die Gerichte gegen ihn anrufen wurde ... Ich ging so weit, mich uber die Gesetze wegen unwissentlicher Bigamie zu unterrichten ... Ich uberzeugte mich, dass meine Ehe nach kanonischen Regeln anerkannt werden konnte ... Dann aber hatte ich in Bigamie gelebt und musste erst von dieser Sunde wieder befreit werden ... Das ist das besonders Schmerzliche am Ungluck, es macht zuletzt feige ... Das Ungluck verwirrt uns und lasst uns falsche, oft ganz unwurdige Massregeln ergreifen ... Ich fand wenigstens meine Hulfe da, wo ich nimmermehr geglaubt hatte, dass ich sie suchen wurde ...

Benno horchte voll hochster Spannung ...

Jenseit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklassen, die sich noch eine gewisse Naturlichkeit, soweit sie bei romischer Unbildung moglich ist, bewahrt haben; Handwerker, die grosserer, lichterer Raume bedurfen, als sie die innere Stadt diesseit der Tiber bietet ... In Trastevere wohnte ein Metzger, von dem ich mir zuweilen den Luxus gestattete, ein besseres Stuck Fleisch, ein ganzes junges Lamm fur die Kuche zu bestellen ... Noch lebte meine alte Marietta Zurboni, die mich so lange Jahre begleitet hatte ... Nun war sie ganz blind; ich gonnte ihr zuweilen Festtage in Wirklichkeit, nicht blos die, die im Kalender stehen Was ich da alles rede! unterbrach sich die Herzogin und starrte in die Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt ...

Benno erkannte, dass die Mutter so plotzlich der Schmerz um die Todte, die nun schon in Entfernung fast einer Meile zuruckgeblieben, ergriff ... Sie hielt beide Hande nach der Gegend hin, wo Schloss Salem lag ... Eine Geberde der Bitte um Verzeihung ... Sie kusste wieder die blutigen Haare ...

Benno beruhigte sie ...

Eines Tages, fuhr sie nach einem kurzen Weinen fort, hatte ich mich von Kirche zu Kirche bis SantaCecilia gebetet dies war die einzige Art, wie ich als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnte Ich that, als konnte ich, da ich doch einmal bei Meister Pascarello in der Nahe war, bei dieser Gelegenheit, obgleich ich eine Herzogin war, auch wol mein Osterlamm selbst bestellen ... Hoheit, sagte er, warum sind Sie nicht zehn Minuten fruher aus Ihrer Andacht erwacht! Soeben hatte ich noch funf Lammchen, weiss wie Schnee, so unschuldig, dass sie die heilige Agnes mit in den Himmel hatte nehmen konnen! ... Ich bedauerte ... Hatt' ich diese Ehre geahnt! fuhr er fort. Aber, den Heiligen sei Dank, die Kleinen kommen wenigstens in gute Hande und Gott segne, dass ihre Wolle dem Pascarello Ehre macht! ... Wer erhielt sie denn? fragte ich ... Der ehrliche Metzger zeigte uber die Tiber hinweg und sprach: Wenn die Thierchen gebraten werden, Hoheit, einen solchen vornehmen Rost haben Sie doch nicht! Ich glaube fast, der des heiligen Laurentius selbst wird dazu genommen! ... Ich ahnte eine Bestimmung fur die Kirche und Meister Pascarello erzahlte mir noch eine Geschichte, die in Rom jedermann weiss ... Im Kloster der Nonnen, die man die "Lebendigbegrabenen" nennt, werden die Lammer gezogen, aus deren Wolle die weissen, drei Finger breiten Schulterbinden, Pallien genannt, gefertigt werden, die Rom jedem neuernannten Bischof der Christenheit zuschickt ... Die Achselklappen zu den Uniformen der grossen romischen Armee ... Die Lammer konnen ihre zarteste Wolle nur jung liefern, werden nach der Schur geschlachtet und der Heilige Vater bewirthet mit dem Fleisch jahrlich die zwolf Apostel, denen er die Fusse wascht; es sind Arme, die zu dieser Ehre schon lange auf einer Liste verzeichnet stehen ... In dem Kloster sagte Meister Pascarello, muss ein Wolf hausen oder eine Wolfin verbesserte er sich ; denn ich habe die Ehre, des Jahres viel Lammer dorthin zu liefern, mehr als in einem Jahr in der Christenheit Bischofe sterben und neue gewahlt werden! ... Seltsam! ... sagte ich gleichgultig und betete mich wieder in meine dunkle Gasse bei Piazza Navona zuruck, in der ich wohnte ... Ich erzahlte diesen Vorfall einem Pralaten, der mich oft besuchte, obgleich ich ihn nicht mochte wegen seines giftigen und intriguanten Wesens ... Leider hatt' ich ihm schon mehr von meinen Lebensverhaltnissen vertraut, als ich hatte thun sollen ... Es ist der jetzige Cardinal Fefelotti, wie man weiss, der Feind Ceccone's ...

Benno hatte diesen Namen als jetzigen Nachbar des Grafen Hugo in Castellungo heute nennen horen ... Auch wusste er, dass Olympia's Mutter im Kloster der "Lebendigbegrabenen" lebte ... Er furchtete die Aufregung der Mutter und sagte:

Lass es! ... Du wirst mir noch oft erzahlen konnen ...

Eine solche Stunde kommt uns nicht so bald! erwiderte sie seufzend ...

In Rom! ... Ich verlasse Wien ... sagte er ...

Nein! rief die Mutter leidenschaftlich, umschlang und kusste ihn ...

Ich gehe nach Rom ... Heute noch ...

Casar! rief die Herzogin wie im Ausbruch des aussersten Schmerzes und doch voll Freude ...

Nach einiger Sammlung fuhr sie fort:

Fefelotti machte eine schlaue Miene und sagte: "Daraus erkenne ich ja die Wahrheit eines Geruchtes! Monsignore Tiburzio konnte, mein' ich, von dieser kleinen Wolfin leicht seinen Cardinalshut zerrissen bekommen" ... "Sie wissen", setzte er hinzu, "dass Tiburzio im nachsten Conclave den Purpur erhalten wird" ... Die Zuge Fefelotti's verzerrten sich noch hasslicher, als sie schon von Natur sind ... Ich sah, dass er uber einen Plan brutete ... Ceccone war schon damals der machtigste Mann in Rom ... Er hatte die Revolution gebandigt, die Carbonari verbannt oder eingekerkert; man wusste, dass ihn eine Romerin, Lucrezia Biancchi, hatte ermorden wollen ...

Olympia ist das Kind einer neuen Judith! sagte Benno ...

Alle Welt weiss es jetzt ... bestatigte die Mutter ... Aber damals noch nicht ... Der Generalinquisitor Ceccone schlug die Untersuchung des Mordanfalls einer jungen Wascherin auf ihn nieder und brachte die Morderin heimlich zu den "Lebendigbegrabenen" ... Das fanatische Madchen, das ihre Ehre geopfert hatte um ihn zu todten, kam dort nieder ... Olympia wurde im Kloster funf Jahre alt ... Es war ein Kind der Sunde ein Kind der Luge, der Wollust, des Mordes ... Von solcher Wildheit des Blutes war sie, dass sie mit den kaum geborenen Lammchen spielend oft eines erwurgte ... Das Opfern dieser Lammer ist eine heilige Procedur, die am Fest der heiligen Agnes offentlich vollzogen wird ... An der Wolle soll noch jetzt niemand eifriger spinnen, als die schon in der Geburt ihres Kindes vom nicht abgewarteten Milchfieber irrsinnig gewordene Lucrezia ...

Was ist Wahrheit! klagte es tief schmerzlich in Benno's Gemuth ... Ein riesiges Gebaude steigt auf, ein stolzer Dom ... Die Pfeiler ragen wie uber felsenfestem Grunde ... Die Wolbungen sind wie fur die Ewigkeit berechnet ... In den Rissen wachst, mit buntestem Farbenreiz sie verdeckend, die Flora der Phantasie und des Gemuths ... Die heiligste Andacht nimmt diese weissen Pallien mit den vier schwarzen Kreuzen darauf als die Sinnbilder jenes verlorenen Lamms, das der gute Hirte gesucht und wie macht sich das alles in Wirklichkeit! ... "Rom bluht und gedeiht doch!" hatte Hammaker beim Vorschlag eines neuen, "falschen Isidorus" gesagt ...

Die Mutter schien diesen schneidenden Contrast nicht nachzufuhlen ... Die Romer nehmen, was von ihnen kommend die katholische Welt andachtsvoll verehrt, wie ihr tagliches Brot und als sich ganz von selbst verstehend ...

Ich gonnte Fefelotti nicht den Triumph seiner Intrigue, fuhr sie fort ... In einer jener Anwandlungen von Thatkraft und Muth, die schon langst bei mir aufgehort hatten, schrieb ich an Monsignore Ceccone und warnte ihn, er mochte auf der Hut sein und aus dem Kloster eine gewisse kleine Wolfin entfernen ... Die Visitation durfte ohnehin kein Kind im Kloster dulden ... Dann auch noch warnte ich ihn vor den unbesonnenen Plaudereien Pascarello's in Trastevere ... Ich hatte mich genannt und durfte nicht erstaunen, unmittelbar darauf den Besuch des Monsignore selbst zu empfangen ... Ich fand in Ceccone einen Mann von hinreissendem Benehmen, angewiesen auf die Gunst der Frauen ... Ich fur mein Theil fuhlte, dass ich nichts mehr fur einen solchen Mann besass, als hochstens etwas Verstand und das unendlichste Vedurfniss nach Beistand, das zuweilen die Menschen bindet, besonders wenn sie nicht gut sind ... Gefallig sein heisst bei vielen, nur seine Macht zeigen wollen ... So entdeckte sich mir Ceccone ganz, dankte fur meine Theilnahme, warnte vor Fefelotti, der sein Feind seit fruhester Jugend und schon von der Schule ware, und machte mir den Vorschlag, dass ich einen Palast bezoge, den er fur mich miethen wollte, wenn ich Olympia zu mir nahme ... Noch mehr! Es ware ihm lieb, sagte er, wenn ich ihr einen Namen, vielleicht von meiner Verwandtschaft gabe ... Ich ging auf diese Vorschlage ein ... Ich gab Olympien den Namen, den ich in diesem rauhen und grausamen Lande zuruckgelassen habe, Maldachini ... Den Grafentitel, den das Kind bekam, bezahlt man in Rom ... Principe Rucca's Urgrossvater war vor hundert Jahren ein Backer ...

Benno horchte nur ...

Meine Lage besserte sich ... Sie wurde glanzend ... Ceccone sammelte Schatze und hatte eine solche Liebe zu seiner Tochter, dass sie ihm, wenn wir noch in den Zeiten des "grossen" Nepotismus lebten, eine Furstenkrone werth ware ... Die Krone des Prinzen Rucca entspricht nur noch der jetzigen Stellung des romischen Stuhls ... Aber die Zahmung der jungen Wolfin ist mir nicht gelungen ... Sie ist eine Blume, die aus Blut emporgesprossen ... Ihr Dasein verdankt sie einem Hass, der sich in Liebe nur verstellte ... Lucrezia Biancchi suchte die Bekanntschaft im Hause des Inquisitors durch eine Wascherin, die fur ihn arbeitete ... Sie begleitete diese, nahm ihr zuweilen die Uebergabe der Wasche ab ... So begann ein Roman, den sie benutzte, um den Feind der jungen Freiheit Italiens wie Judith den Holofernes zu ermorden ... Wir haben ein schones Land, aber wilde Menschen ... Noch werden die Zeiten eisern werden ...

Benno war zu ergriffen, um von den Brudern Lucrezia Biancchi's, von den Oheimen der "Grafin", zu sprechen, von der Nahe des alten Professors Luigi ...

Schlimme Stunden werden auch noch fur uns allein kommen, mein Sohn! seufzte die Mutter ... Olympia hatte nie einen Wunsch, der unerfullt blieb ... Sie heirathet den Principe nicht, um seine Liebe oder seinen Namen zu haben, sondern nur, um eine Frau zu sein ... Dadurch erst gewinnt ein Weib grossere Freiheit ... Mein Sohn, Rom hat keine Erziehung, keine Bildung keine Tugend ... Es hat nur Leidenschaft und Verstellung Wir haben die Formen der Devotion ... Diese vertreten den offentlichen Anstand ... Alles Uebrige ist die grossere oder geringere Kunst der Verstellung ... Tugend ist nur da, wo die naturliche Empfindung sie zugleich mit hervorruft, oder nur da, wo sie schon die naturliche Begleiterin von Stolz und Liebe ist ... Ein Staat von Priestern, die unter einem unnaturlichen Gesetze leben, kann nichts anderes hervorbringen ... Ich habe es einmal erfahren, was ein in Rom entstandener freisinniger Gedanke kosten kann ... Ceccone neigt, wie das im Alter so geht, zu politischen Verbesserungen und ist in seinem innersten Herzen Italiener, ja mehr noch, Romer ... Olympia sowol wie ich arbeiten auf die Erhohung Italiens eine Zukunft, die ohne Bruch mit Oesterreich nicht denkbar ist ...

Benno sah sich betroffen um ... Die Diener hatten horen konnen ... Schon naherte man sich den volkreichen Vorstadten ...

Seine Besorgniss war ungegrundet ...

Fefelotti, fuhr die Mutter unerschrocken fort, der gleichfalls inzwischen Cardinal wurde, erhob sich wie die Schlange, die ein Fuss nicht ganz zertreten hat ... Diesen Winter war es ... Da begannen die Intriguen der immer machtiger werdenden Jesuiten ... Ich sollte auf der Reise hieher, die schon lange zu Olympiens Ausbildung beschlossen war, die Anklage erhalten, die Gattin zweier Manner gewesen zu sein ... Zum Gluck, wie ich hier wol sagen kann, starb der Kronsyndikus ... Aber die Intrigue ruhte nicht ... Wir haben uns der Feinde versichern mussen ...

Ceccone versprach dem Al Gesu, seinen Befehlen zu gehorchen ! ...

Ja! erwiderte die Mutter wie eine Romerin, die nur triumphiren wollte mit dem Berichte: Fefelotti ist gesturzt und in ein Erzbisthum verbannt ... Weit von Rom entfernt, im Piemontesischen, krummt er sich jetzt, racheschnaubend, aber ohnmachtig ... Wir fuhlen seine Hand nicht mehr ... Warum staunst du? ...

Benno unterdruckte seine Empfindungen ... In solche Umtriebe des Ehrgeizes machtbegehrender Priester mischt sich das Wohl der Staaten, die Freiheit der Volker, die Erleuchtung der Gewissen! ...

Die Mutter kam auf diese Vorstellungen nicht ... Sie sprach von Olympien ...

Ihre ersten Lebensjahre wurde sie im Kloster verborgen gehalten ... Das Kloster liegt nicht einsam ... Man hatte Ursache, das Schreien des Kindes zu erstikken ... Man erstickte es durch Liebkosungen und die Gewahr jedes Wunsches ... Ein Nein! gab es nicht bei Nonnen, die uber eine Entdeckung zitterten ... Dass sie gleich anfangs eine Nonne aufnahmen, die Mutter wurde, machte die Habgier ... Ein Kloster ist bei uns fur Wohlthaten und Geschenke, die man ihm spendet, zu allem fahig ... Diese Monche und Nonnen gewohnen sich so an die Vortheile, die ihnen die Besitzthumer ihres Klosters gewahren, dass sich die wunderbarste Einigkeit zwischen allen herstellt, wenn sie nur wissen: Das ist dein Antheil an dem gemeinsamen Gewinn ... Die Menschen der Entbehrung und Einsamkeit werden so; sie handeln im Charakter eines Ameisenhaufens, der eine einzige Ameise voll Intelligenz ist ... Dem Kloster dann heimlich entfuhrt und in meine Obhut gegeben, erlebte Olympia einige entschiedene Anwandlungen meiner Neigung, ihr eine Erziehung zu geben ... Der Erfolg war nicht ermunternd ... Lassen Sie das Kind sein, wie es ist! sagte der zu einer Mischung von halb Trajan, halb Nero geborene Cardinal ... Nur ein Mensch von starkem Willen lebt siegreich in dieser halben Welt! setzte er hinzu ... Oft sah ich mir in der Galerie Borghese das Bild an, das Rafael von Casar Borgia gemalt hat ... Ein Kopf wie ein Rauberhauptmann, voll schrekkhafter Mannerschonheit ... Macchiavelli machte aus ihm das Muster eines echten Fursten ... So war Ceccone in seiner Jugend und Olympia ahnelt ihm ... Sie bekam schon als Kind galante Briefe und Gedichte von denen, die ihren Schutz begehrten ... Sie wahlte sich selbst ihre Gesellschaft ... Sie liess Schaferknaben von ihrer Hurde in der Campagna wegnehmen und in prachtvolle Kleider stecken, um mit ihnen spielen zu konnen ... Ebenso oft aber auch nahm sie ihre Gunstbezeigungen wieder zuruck ... Ich hatte Scenen mit dem Cardinal voll ausserster Aufregung ... Er konnte so grausam sein und mir sagen: Madame, Sie sind die Kammerfrau einer Furstin, nichts weiter! ... Ich ertrug diese Ausbruche des Dunkels und der Tyrannei, denn ich hatte zu viel gelitten und war angekommen an jenem schreckhaften Wendepunkt im Frauenleben, wo der Muth, die Hoffnung versiegt und uns die Angst vor dem Alter ergreift ...

Benno druckte der Mutter die Hand und sprach:

Trenne dich von dieser Welt und sei ganz nur mein! ...

Wird das gehen? sagte die Mutter schmerzlich lachelnd und ablehnend ... Sie kusste seine Stirn ... Nein! setzte sie in der That den Kopf schuttelnd hinzu ... Warum nicht? ... lag in Benno's betroffenen Mienen ...

Olympia hatte zum Gluck die gute Eigenschaft, fuhr die Mutter ausweichend fort, dass ihr fester Wille zuweilen eine edle Sache ergriff ... Dass die Sache edel war, war dann nur ein Zufall ... Sie wahlte immer nur diejenigen Standpunkte der Auffassung, die ihr der Zufall und eine personliche Empfehlung boten ... So sind alle Vornehmen ... Brachte ein Pachter eine Bittschrift und hob ihr den Facher auf, der ihr gerade entfallen war, so ruhte sie nicht, bis seine Wunsche erfullt wurden ... Ebenso gross aber auch ihr Hass und ihre Rachsucht ... Einen jungen Geistlichen, der ihr die Beichte horte, gab sie an, dass er sie im Beichtstuhl gekusst hatte ...

Benno entsetzte sich ...

Es war eine Luge ... Sie fuhrte diese Luge mit allem Aufwand der Verstellung durch ... Der junge Priester hatte ihr einige Strafen auferlegt, denen sie sich nicht unterziehen wollte ... Der Ungluckliche verdarb sein Schicksal vollends durch die seltsamste Grille von der Welt ... Er raumte ein, dass Olympia, damals vierzehn Jahre alt, recht gehabt hatte ... Es war ein Alcantarinermonch aus dem Norden Italiens, der der strengsten Regel der Franciscaner angehort ... Sie sah ihn eines Tages in der Sixtina und wollte ihn sofort zum Beichtvater ... Der Cardinal liess den Pater Vincente aufsuchen und bestimmte ihn, in Rom zu bleiben ... Pater Vincente, bildschon, traumerisch von Natur, hatte durch seinen schweren Orden die Kraft der Nerven verloren ... Er errothete bei jedem Wort, das man an ihn richtete ... Dennoch wurde er Olympia's Beichtvater und bezog das romische Kloster der Alcantariner ... Nach sechs Wochen endete dieser Roman in der Art, wie ich sagte ... Olympia rachte sich fur seine Strenge und wollte ihm nicht langer beichten ... Sie log und alles sprach ihn frei ... Er aber er hatte sich in der That in sie verliebt und gab etwas zu, was nur das Spiel seiner Phantasie gewesen sein mochte ... Er sagte: Ich habe sie gekusst!2... Der Ungluckliche schmachtete funf Jahre in einer Strafzelle der Alcantariner ...

Olympia ist ein Teufel! wallte es in Benno auf und es auszusprechen hinderte ihn nur der Gedanke an den Pater Sebastus und den Bruder "Abtodter", die nach Rom zu den Alcantarinern gefluchtet waren ... Lucinde, Bonaventura traten vor sein irrendes Auge ...

Die Mutter fuhr fort:

Als Pater Vincente eingeraumt hatte, dass er Olympien im Beichtstuhl kusste, erschrak sie selbst und bereute nun ihre That ... Sie schrie und weinte daruber ... Sie lief zum Cardinal und warf sich ihm zu Fussen ... Sie kusste seine Zehen, was sie immer als Ausdruck der hochsten Schmeichelei fur ihn thut, da sie so ausdrucken will, dass ihm die dreifache Krone beim Tod des Papstes nicht entgehen konnte ... Sie schwur, dass sie gelogen hatte und bat um die Freilassung des Priesters ... Der Cardinal that alles, was in seinen Kraften stand ... Aber Pater Vincente verharrte bei seiner Versicherung, er hatte sie gekusst und verdiene seine Strafe ... Da war bei seinem General nichts auszurichten ... Erst vor kurzem kam uns die Kunde von seinem Schicksal in Erinnerung ... Es war die Rede davon, dass neben Fefelotti, der jetzt auf seinem Erzbisthum Cuneo, auch Coni genannt, sich befindet, gerade auch das Bisthum Robillante frei geworden ... Man sagte, dass dem "schlechtesten Christen" eigentlich der "beste Christ" gegenuberzustellen ware ... Ceccone dachte an einen Beaufsichtiger Fefelotti's, die andern an einen wirklich heiligsten Priester ... Der ist nicht zu finden! hiess es allgemein ... Olympia besann sich eine Weile und sagte mit blitzenden Augen: Der beste Priester der Welt ist Pater Vincente bei den Alcantarinern! ... Als man staunte, sagte sie: Ich sturzte ihn ins Ungluck und er wollte fur seine Gedanken bussen! Macht ihn zum Bischof von Robillante! ... Man ging auf den Plan ein. Um so mehr, als man erfuhr, dass dieser Bischofssitz in der Heimat des Paters Vincente liegt ... Er ist aus dem Thal von Castellungo geburtig ...

Castellungo? unterbrach Benno ...

Ein Thal am Fusse des Col de Tende im Piemontesischen ...

Das Schloss von Castellungo gehort dem Grafen Hugo, von dem wir eben Abschied nahmen! ...

Die Mutter horchte auf und setzte hinzu: Ja, die Gegend ist ketzerisch ...

Benno's Gedanken waren auf den "besten Priester der Welt" auf Bonaventura gerichtet ...

Pater Vincente, fuhr die Mutter fort, die seines hochgespannten Antheils gerade uber diesen Vorfall staunte, hatte seine Schuld gebusst und war vom General seines Ordens langst wieder in seinen alten Stand eingesetzt; noch lebte er im Alcantarinerkloster, schlug aber die Ehre aus ... Er sagte, gerade vor jenem Thal von Castellungo ware er geflohen ... So ist der Sitz noch unerledigt ...

Vor jenem Thal ware er geflohen? ... fragte Benno sinnend ...

Wir erfuhren nichts davon durch Pater Vincente ... Andere erzahlten, die Ketzer in jenem Thale hatten sein Gewissen verwirrt ... Vorzugsweise ein Eremit ein Deutscher

Fra Federigo! rief Benno ... Den Eremiten Federigo kannte er von dem Nachmittag des vorjahrigen Sommers, als Benno, Hedemann und Lucinde mit dem Gipsfigurenhandler Napoleone Biancchi zusammentrafen und den St.-Wolfgangsberg erstiegen ... Dass Bonaventura auch seinen Vater in dem Eremiten von Castellungo vermuthete, wusste er nicht, wenn er auch selbst zugab, dass Friedrich von Asselyn noch lebte ... Die Vision Paula's von diesem Winter war auch ihm bekannt geworden; aber die Deutung, die ihr Bonaventura gegeben, war von diesem selbst schon aus Schmerz um seine Mutter nicht weiter ausgesprochen worden ...

Das traumerisch ausgemalte Bild: Bonaventura Bischof in jenem Thale, wo Paula vielleicht auf dem Schlosse die Herrin und die Gattin des Grafen Hugo wird ! stand in magisch zauberhaftem Lichte einen Augenblick vor Benno's Auge ... Er sagte:

O ich weiss einen Priester der Erde, der wurdig ist, Fefelotti gegenuberzustehen ... Einen Vetter von mir, Bonaventura von Asselyn ...

Ich nenn' ihn Olympien und er hat den Bischofssitz ... sagte die Mutter ...

Olympien! ...

Die Mutter wollte beginnen, von Olympiens Leidenschaft und dem Eindruck, den ihr Benno gemacht, zu sprechen ... Ihre Rede verhallte im Larmen der jetzt wirklich erreichten Stadt ... Der Wagen durchflog die volkreichste Vorstadt ... Schon die vier Rosse allein machten auf dem Strassenpflaster ein Gerausch, das jede Verstandigung im Wagen unterbrechen musste ...

Der ganze Schmerz, die ganze Freude des Erlebten fiel noch einmal auf die Herzen der beiden so wunderbar Verbundenen ...

Die Herzogin riss an ihren Kleidern, in denen sie Angiolinens Haar verbarg, und rief:

O mein Sohn! Auch ich will nicht mehr leben! ...

Dann aber zog sie laut fast lachend und wieder weinend den Sohn an ihre Brust ...

Erschreckend vor den Blicken von Menschen, die hereinsahen, faltete sie die Hande krampfhaft gen Himmel und betete mit den Geberden einer Verzweifelnden ...

Das ganze entfesselte Naturell der Sudlanderin machte sich geltend ... Oft schlug sie an die Stirn, als fasste sie nicht, was sie alles in diesen Stunden erlebt hatte ...

Benno suchte sie zu beruhigen ...

Der Graf, sagte sie, weiss nichts von den Gebrauchen unserer Kirche ... Erinnere ihn an die Seelenmessen ... Lass sie taglich lesen! ... Taglich sehen wir uns dann bei diesen Messen und waren wir beide auch nur ganz allein zugegen ... In den Begegnungen mit Olympia und dem Cardinal freilich unterbrach sie sich ...

Mutter! Wenn ich nicht offen deinen Namen bekennen kann, kann ich hier dir nicht mehr begegnen! rief Benno ...

Casar ! Casar! rief die erregte Frau ... Aber, ich ahne, fuhr sie fort, du liebst und hast schon dein Herz vergeben Es ist wahr, Olympia ist deiner nicht wurdig ... Sie ist hasslich ... Nein, nur wenn sie hasst ... Sie ist schon, wenn sie liebt ... Sie liebt dich ... Sie gabe den Principe hin ... Doch nein, nein ... Das darf nicht sein ...

Benno sah, dass in seiner Mutter Verstand und Gemuth in stetem Kampfe lagen ...

Sie sagte:

Erweise dem Principe die Aufmerksamkeit, ihm heute zu Ceccone zu folgen ... Sei klug, sei vorsichtig mit Olympia ... Jeder Widerstand erhoht ihren Eigensinn ... Jetzt lad' ich dich nicht ein, in den Palatinus zu folgen ... Nicht wahr? ... Es war gewagt, dass wir dem Oheim nachkamen? ... Olympia hatte keine Ruhe ... Der Principe Rucca deckt die Convenienz ... Wir haben tausend Verpflichtungen hier ... Auch die, dass wir die Vertreter der Heiligen sind ... Ich bin nie beim Cardinal ... Auch Olympia nie vor andern ... Der Cardinal kommt zu uns ... Morgen, mein Sohn! ... Heute gehst du noch mit dem Principe? ... Wir beide sehen uns so, wie wir fuhlen bei Angiolina's Seelenmetten ... Da knieen wir nebeneinander und sprechen, wie und was das Herz will ... Das ist auch ein Gebet und ein Geheimniss kann auch suss sein ...

Weiter konnte die aufs ausserste erregte Frau im uberhasteten, eines ins andere drangenden Strom ihrer Empfindungen und Worte nicht kommen ... Schon hielten die vier in der Stadt zur letzten Anstrengung angestachelten Rosse in der belebtesten Strasse Wiens nicht weit von dem "Monte Palatino" ...

Benno hatte ganz bewusstlos geklopft der Wagen hielt der Mohr offnete Nun musste er aussteigen ... Ein krampfhafter Handedruck ein Gefuhl in ihm: Zum ersten und zum letzten mal Gruss und Abschied? ... So stand er auf der Strasse ...

Der Wagen flog weiter ...

Aus dem Traumreich kaum zu ahnender und doch so wirklicher Erlebnisse kehrte Benno in das rauschende Gewuhl einer Stadt zuruck, deren Bewohner mitten unter solchen Verhangnissen nur an den bunten Anschlagzetteln betheiligt schienen, die die Strassenecken bedeckten und zu Vergnugungen einluden ...

Erreicht! Erreicht, was du suchtest! hatte er unter den tausend Menschen ausrufen mogen, die um ihn her gingen fuhren auf Rossen dahinsprengten ... Eine Schwester gefunden und so verloren ! ... Eine Mutter Und auch sie? ... Auch sie! ...

Da stockten seine Empfindungen ... Eine unendliche Bangigkeit bemachtigte sich seines Herzens ...

Diese Mutter musste er bewundern um ihres Geistes willen, ihrer Leidenschaft, ihrer Kraft ... Und doch doch trennte ihn etwas von ihr, das er nicht nennen, nicht in klare Begriffe zerlegen konnte ...

Sie wunschte aufs entschiedenste die Fortdauer des Geheimnisses ... Das konnte er an sich nicht ubel deuten ... Wie war es auch moglich, dass sie durch Enthullung sich selbst und ihn so ganzlich in ihren Lebensstellungen veranderte ... Aber diese schnelle Hulfe, die sie in der Verstellung, ja in der List fand ... Er sollte zu Ceccone ... Sollte diesem schmeicheln ... Er sollte Freundschaft halten mit dem Principe Rucca und ihn tauschen ... Er sollte sich den Launen Olympiens gefangen geben ... "Sie ist schon, wenn sie liebt" ... Und er musste sich, bei aller Warme seiner Erinnerungen an Armgart, sagen: Ja, wenn sie lachelt, sprosst der Fruhling ... Er furchtete sich, ihr wieder zu begegnen ...

Ein Grauen befiel ihn, als er am "Stock am Eisen" voruberging und, trotz der Lacherlichkeit der Erfindung, des Ahasver gedachte, der hier nach Percival Zickeles einen Nagel vom Kreuz des Erlosers eingeschlagen und dann die ewige Ruhe gefunden haben sollte ... Ruhe, Ruhe sollte auch dir nun werden! sagte er ... Heute noch solltest du diesen Boden verlassen und entfliehen! ... Du kennst deine Mutter ... sahst sie ! ... Ist es denn moglich, mit ihr im Zusammenhang zu leben ... Deutete sie nicht selbst an, dass sie Schonung bedurfen sie von deiner Seite anerkennen wurde? ... Deutete sie nicht an, dass ihr die Verbindung Olympiens mit dem Principe unerlasslich schien und du du nur stortest? ...

Die Vorstellung, dass er hier in Wien nicht langer bleiben konnte, dass er nicht die Kraft besitzen wurde, eine solche Rolle der Verstellung durchzufuhren, bildete sich ihm klar und fest aus ... Und fande sich auch, warf er sich ein, vielleicht die Kraft, so wurde die Lust, sie zu uben, fehlen! Die Freude uber dich selbst, die Zufriedenheit mit dir bliebe aus ... Dein Stolz wurde leiden ...

So ging er, Trauer und Freude, Heimat und Fremde, Tod und Leben im Herzen, der Herrengasse zu, um ins Camphausen'sche Palais die Unglucksbotschaft entweder zuerst zu bringen oder, wenn sie ihm schon vorangegangen war, sie zu bestatigen ... Sein Herz blutete und Alles ging heiter und sorglos an ihm voruber ... Niemand las von seinen Mienen, was er Grausames erlebt hatte ... Sein Innerstes erfullte sich so mit Wehmuth, dass er sich immer entschiedener und fester sagte: Du vermagst diese Kraft des Versteckens mit einem grossen Geschick nicht uber dich zu gewinnen ... Lass alles einen schonen Traum gewesen sein! Fliehe! Reisse dich noch heute los bis aufs kunftige! ... Der Mutter wird es ebenso sein ... In Rom dann ! In Rom! ...

In der Herrengasse war das auf dem Schloss des Grafen vorgefallene Ungluck schon bekannt ...

Benno hatte es dem gesammten mit Besturzung ihn umringenden Dienstpersonal mit allen Umstanden noch einmal zu erzahlen ...

Mit erstickter Stimme ordnete er die Verhinderungen an, die nothig waren, um die Grafin, die jeden Tag eintreffen konnte, vom Vorgefallenen nicht zu jah zu benachrichtigen ....

Die Tischzeit bei den Zickeles war versaumt ... Auch wurde Benno nicht die Stimmung gehabt haben, an einer gemeinschaftlichen Tafel theilzunehmen ... Er begnugte sich mit einem stillen Winkel in einer der schon dunkeln Nebenstrassen am Hohen Markt ... Sich verirrend kam er in die Currentgasse ... Er kampfte mit sich, ob er zu Therese Kuchelmeister gehen sollte, der einzigen Seele, die nachst dem Grafen und der Mutter hier wol wahrhaft wie er mitfuhlte ... Er musste es aufgeben, aus Furcht sich durch seine Thranen zu verrathen ...

Als er in seine Wohnung zuruckkehrte, wurde von den Zickeles aus zu ihm geschickt ... Die Ungluckskunde hatte sich schon verbreitet ... Harry kam dann selbst, abgesandt, wie er sagte, von Theresen, die in Verzweiflung ware ...

Harry erhielt die Mittheilungen, die ihn fahig machten, von jetzt an bis Mitternacht jedem Vorubergehenden oder allen im Theater vor und neben ihm Sitzenden das Neueste mit der Versicherung zu erzahlen: Ich war so gut wie selbst dabei! ...

Der Chorherr war noch nicht daheim ... Es war sechs Uhr, da kam auch Herr von Potzl voll Besturzung ... Mit und ohne Verstellung zeigte er das hohe Interesse, das gerade er an diesem erschutternden Vorfall zu nehmen hatte ... Mancher Charakterzug der so fruh Hingeschiedenen vervollstandigte das Bild eines Wesens, das an einer innern und aussern Heimatlosigkeit zu Grunde gegangen war ...

Benno's Lage war bei allen diesen Erorterungen die tiefschmerzlichste ... Die Frage: Ob Selbstmord oder nicht? wurde in Gegenwart des inzwischen gleichfalls besturzt heimgekommenen Chorherrn erortert ... Auch der hatte schon die Kunde vernommen ... Herr von Potzl weinte ... Sein Taschentuch war uber und uber nass ... Er "verburgte" sich fur einen blossen Unglucksfall ... Alle Welt kenne ja die Wildheit der Grafin Maldachini ...

Der Chorherr stimmte ihm nicht bei, sondern sagte:

Selbstmord ist die Folge einer lange vorausgegangenen Abwagung der zu tragenden Leiden und der Krafte, die sie tragen sollen ... Ueberwiegt die Summe jener, so hort die Willensfreiheit auf und jeder Athemzug sagt dann mit Seneca: "Die Thur steht ja offen so geh' doch!" ...

Potzl schauderte vor diesem heidnischen Worte ...

Der Chorherr sprach von dem Selbstmord eines geistvollen Benedictinermonchs, der sich von der Hohe eines der palastahnlichen Donaukloster in die Fluten gesturzt hatte ... Von einem kaiserlichen Censor, auch einem sinnigen Dichter, der sich aus Zerfallenheit mit sich und der Welt getodtet ... Er sprach, wie Ludwig Lowe so schon in der Burg als "Roderich" sagt:

"Und selbst die Traume sind nur Traum!" ...

Alle Erschutterung und wehmuthige Betrachtung Potzl's schloss bei diesem die Bemerkung nicht aus, dass der Graf in den Entresolzimmern des Casinos wahrscheinlich den Nachlass von Briefen und "dergleichen" mit Beschlag belegt, vertilgt und uberhaupt wol die Erbschaftsfrage vereinfacht hatte ... Benno ging auf diese Gedankengange, die die der Habsucht waren, ein, um etwas von Angiolinens Ursprung zu horen ... Wesentlich Neues erfuhr er nicht ...

Der Bemerkung, dass nun durch eine ebenso uberraschende wie schmerzliche Fugung des Himmels die Willensfreiheit des Grafen und das Arrangement seiner Finanzen gesicherter ware, konnte er sich nicht entziehen um so weniger, als jetzt auch Leo Zikkeles voll Schreck und Staunen kam und die namlichen Gesichtspunkte brachte ...

Potzl ging und flusterte Benno ins Ohr:

Noch eins, Herr Baron! ... Ich kann Ihnen aus guter Quelle mittheilen, Ihre Anwesenheit erregt Interesse in den hochsten Kreisen, sage den hochsten ... Seine Durchlaucht wundern sich, dass Sie sich nicht bei ihm personlich gemeldet haben ... Stadtrath Schnuphase wird morgen von ihm empfangen werden ... Sehr begierig ist man, von Ihnen uber doch ich weiss nichts, als dass der Herr Oberprocurator von Nuck hierher geschrieben haben, Sie hatten die Absicht, in diesseitige Staatsdienste zu treten ... Da werden Sie ja bald das Nahere erfahren ...

Benno horchte staunend auf und lehnte diese Nukk'schen Voraussetzungen als vollig unbegrundet ab ...

Potzl ging klug und schmerzlich lachelnd mit einer und derselben Miene ... Auch Leo Zickeles blieb nicht zu lange ... Die Bildung eines Comites zur Unterstutzung von Hinterlassenen war hier nicht am Platze ... Der Chorherr wurde abgerufen ... Sein Blick war voll Trauer, ob er gleich Angiolinen nicht gekannt hatte ...

Schon schlug es sieben Uhr ... Um acht wollte Furst Rucca kommen ... Es fehlte Benno jede Neigung, heute den Cardinal Ceccone kennen zu lernen ...

Entschlossen, sich zur Gesellschaft nicht anzukleiden, ging er mit steigendem Unmuth auf und nieder ...

Da kam der Chorherr eilends mit einem Schreiben zuruck, das ihm eben fur Benno aus der Staatskanzlei zugekommen war ...

Ein kaiserlicher Rath schrieb: Seine Durchlaucht hatten die uberbrachten Briefe empfangen und wurden, da der traurige Vorfall von heute bei Seiner Erlaucht dem Grafen von Salem-Camphausen ihm wol ohnehin fur seine nachsten Auftrage Musse gabe, es gern sehen, wenn die von Herrn Stadtrath Schnuphase in Aussicht gestellten mundlichen und die schriftlichen Mittheilungen des Herrn Dr. Nuck von ihm erganzt und bestatigt wurden ... Seine Durchlaucht erwarteten ihn morgen in der Fruhe um zehn Uhr ...

Benno betrachtete das uberraschende Schreiben von allen Seiten, kaum seinen Augen trauend ...

Nun erst haftete er an Potzl's Aeusserung: Nuck empfohle ihn fur den hiesigen Staatsdienst ...

Ist denn das eine gewaltsame Entfernung, die Nuck uber dich verhangt? ... Kann er meinem Blick, meinem Verdacht nicht mehr begegnen? ... Und darum die stete Aeusserung: Der Domkapitular muss ein Bisthum antreten in Oesterreich, in Ungarn! ... Wohin mochte er uns nicht verbannen, nur um Lucinden ganz fur sich allein zu haben oder weil er furchtet wir mistrauten der Urkunde? ...

Benno's nicht minder erstaunter Wirth wunschte ihm Gluck und setzte in seiner ironischen, durch einen elegischen Ton gemilderten Weise hinzu:

Es ist nur schade, dass der grosse Staatsmann die Gewohnheit hat, alles schon von selbst zu wissen ... Er sagt, er will von Ihnen lernen und wird Sie nur belehren ... Das ist seine Art ... Er fangt einen Satz an, Sie wollen ihn erganzen, Sie rufen: Sire, geben Sie Gedan Da haftet sein Auge an Ihren Rockknopfen und sagt Ihnen, wo in Oesterreich die besten Knopffabriken waren ... Sein Hauptgedanke ist jetzt unser Anschluss an den Zollverein, um den Supremat Ihres Staats zu beschranken ... Nehmen Sie getrost eine Anstellung im Finanzfach ...

Das muss rasch kommen, erwiderte Benno, denn ich reise vielleicht schon morgen ...

Wie? rief der Ueberraschte ...

In allem Ernst! ...

Das Nichtglaubenwollen des Greises hinderte Benno nicht, zu erklaren Graf Hugo ware von seinem Unfall zu sehr erschuttert, um mit ihm geschaftlich zu verkehren ... Er wurde demzufolge seine Reise nach Italien beschleunigen ...

Der Chorherr wurde unwillig ... Er beklagte, den Abend nicht frei zu haben, um ihm diesen Plan grundlich durch eine Zerstreuung auszureden ... Er scherzte und sagte, er wurde zu der Italienerin gehen, die heute fruh schon um seinetwillen ihr stilles Hans alarmirt hatte und die wurde ihn schon festhalten ... Wissen Sie denn nicht, welche Connexionen Ihnen fur Italien und Rom entgehen? ... Die Menschen muss man, gleichviel ob sie gut oder schlecht sind, blos als Material benutzen, um sich daraus das Leben auf seine Weise zu gestalten ... Bleiben Sie heute Abend zu Hause, lesen Sie fur diese moglicherweise folgenschwere Audienz im Conversations-Lexikon druben bei mir, machen Sie's wie die Grossen, wenn sie imponiren wollen ... Den ersten besten Artikel z.B. uber die Muschelkalkversteinerungen lernen Sie auswendig und bringen Sie das Gesprach durch eine einzige geschickte Wendung auf urweltliche Austern Sie wissen, die Diplomatie beisst da immer an und lassen Sie dann einige entsprechende Citate von Cuvier und andern fallen, so sind Sie ein gemachter Mann! Denn man wird glauben, "urweltliche Austern" waren bei Ihren Kenntnissen das tagliche Brot ... Nein, nein! ... Der Furst steht freilich schon, hor' ich, auf dem Standpunkt des Fertigseins, wo sich ein Grosser nach einer Audienz nicht mehr sagt: Wie hat mir der Mann gefallen? sondern: Wie hab' ich ihm gefallen? ... Aber das Ereigniss bleibt darum merkwurdig an sich! ... Sie bleiben und nehmen jedes Anerbieten ... Unser Curs steht noch leidlich ... Einmal fangt man uberhaupt an ... Gewiss, gewiss! ... Ich werde Sie reisen lassen! ...

Der Chorherr schloss Benno fast ein ...

Es war acht Uhr ... In der Ferne horte Benno das Rollen in den Strassen ... Es war wie das Rauschen des Meeres ... Nun begannen diese Abende der Geselligkeit ... Diese Sicherheit der Luge und des Zwanges ... Mit Herzen voll Trauer konnen andere lacheln ... Wegtandeln sollst auch du solche Lebensburden! ... Sollst morgen nach diesem Heute? ... Nein, wie konntest du, ohne Aufsehen und mit einem triftigen Grund, schnell und ungehindert von dannen kommen? ...

Er ordnete seine Effekten ...

Da wurde an seine Thur gepocht und der Mohr des Principe Rucca, in weissen Kleidern mit Goldtressen, erschien, um ihn abzurufen ...

Der Wagen stunde unten ... sagte er in gebrochenem Italienisch ...

Benno entschuldigte sich und zeigte auf seine Haustoilette ...

Der Mohr verstand nur halb, ging und kam mit dem Principe selbst ...

Aber mein Himmel, rief dieser, was ist das! Sie hatten uns ja versprochen ...

Vergebung, Hoheit, ich bedauere Ich fuhle mich nicht wohl ...

Aber der Cardinal erwartet Sie ja schon ... Sie mussen kommen! ...

Benno schutzte seine Erschopfung vor, die Nachwirkung der traurigen Eindrucke des Tages ... Auch eine wichtige Einladung auf morgen in der Fruhe ...

Principe Rucca machte eine Physiognomie, wie ein Kind, dem man ein Naschwerk versagt ... Seine rothe gestickte Uniform schien er einen Augenblick zu vergessen ... Sein schwarzes Bartchen ware ihm ohne Zweifel sonst ebenso wichtig gewesen wie sein grosser Stern auf der Brust das Pflaster hatte er abgelegt Jetzt zerzupfte er vor einem Spiegel die Feder an seinem Galahut ...

Ich kann mich ja nicht sehen lassen! sagte er ... Der Cardinal wollte Sie schon mit dem Bisthum uberraschen fur Ihren Herrn Bruder nicht wahr? ... Die Herzogin hat ihm alles erzahlt ... Die Grafin hat sogleich an den Onkel geschrieben: Der heiligste Priester der Welt ist gefunden! ... Die Suhne fur die Existenz eines Fefelotti auf Erden! Der Bruder des Herrn Baron von Asselyn! ... O machen Sie keine Scherze ... Kommen Sie! ... Ich wage ohne Sie nicht zum Cardinal zu fahren ... Ihr Bruder soll sogleich nach Wien kommen ... Wenn er nur etwas Italienisch spricht, so braucht er nur hier an unserer Kirche "Maria zum Schnee" dreimal zu celebriren und ist Bischof von Robillante ... Das Uebrige findet sich ...

Benno blieb bei seiner Weigerung ...

Der Principe musste in seinen Wagen allein zuruckkehren ... Er ging wie ein Kind, das eine grosse Strafe furchtet, und verlangte fast einen Schwur, dass Benno morgen im Palatinus beim Diner nicht fehlte ...

In hochster Aufregung blieb Benno zuruck ... Er hatte an Bonaventura, an den Onkel Dechanten, an seinen Bruder, den Prasidenten schreiben wollen ... Nun ging er rathlos in seinem Zimmer auf und nieder ...

Es schlug neun ... Es schlug zehn ...

Da klopfte es heftig am Hausthor und in dem stillen Priesterhause wurde es noch einmal lebendig von einer lauten Stimme, die nach ihm fragte ...

Er erkannte Harry Zickeles, der ihm noch einen an sein Haus adressirten Brief von dreifachem Porto brachte ...

Ich dachte, dass es Ihnen angenehm sein wurde, den Brief bald zu haben sagte er, als er sich erschopft niedergelassen ... Aber dass Sie zu Hause sind! Wer hatte das erwartet! ... Ganz Wien ist voll von dem Ungluck mit der armen Angiolina, das Sie erleben mussten ... Mein Bruder Percival lasst auf sie eine Ode drucken ... Der Graf muss in Verzweiflung sein ... Ich war in der Josephstadt ... Ein neues "Ausstattungsstuck" ... Charmant fur die dortigen Krafte ... Aber morgen speisen Sie bei uns? ... Nein? ... Warum nicht? ... O dann kommen Sie den Abend! ... Der Laertes von gestern ist engagirt ... Biancchi und Dalschefski arbeiten schon gemeinschaftlich, was sagen Sie! gemeinschaftlich, an einem Requiem fur Angiolina ... Und haben Sie den Potzl beobachtet? Wissen's, als er bei Ihnen war, hat er unten auf den Leo gewartet und schon von der Erbschaft gesprochen ... Nehmen's Ihnen in Acht vor dem Mann! ... Er sagte, Sie erregten in hochsten Kreisen Aufsehen ... Man weiss, was bei ihm darunter zu verstehen ist ...

Benno fand nur nothdurftig Zeit, einzuwerfen:

Der Staatskanzler hat mir fur morgen fruh eine Audienz anberaumt ...

Harry traute seinem Ohre nicht ...

Er sah Benno mit staunenden Augen an ...

Bei Seiner Durchlaucht ? wiederholte er, um sich ganz zu vergewissern ...

Morgen fruh um zehn Uhr ...

Diese Thatsache war ausserordentlich ... Sie bot Chancen fur ein geheimnissvolles Beiseitnehmen aller Menschen ... Sie bot naturliche Nachwirkungen eines unausgesetzten: Aber der Harry Zickeles weiss es fur ganz bestimmt ... Es ist von einer Staatsbegebenheit uber man weiss noch nicht was die Rede! ...

Harry zog vor, sich sofort zu entfernen und seine Neuigkeit noch um elf Uhr nachts wenigstens bei einigen ihm bekannten vorubergehenden Nachtschwarmern und im Salon seiner Aeltern in Umlauf zu setzen ...

Fur Benno hatte es sonst eine Erquickung gewahren durfen, einen sechs Bogen starken Brief von Thiebold de Jonge lesen zu konnen ...

Heute verschob er es fur den folgenden Tag.

Fussnoten

1 Factische Reiseerinnerung. 2 Thatsachlich.

10.

Nach einer fast schlaflosen Nacht, nach phantastischen wilden Bildern und gespenstischen Erscheinungen, die ihn um Mitternacht vom Lager trieben, Licht anzunden liessen und zwangen, auf dem Sopha mit gestutztem Haupt sich zu sammeln, nach neuen Versuchen, auf dem Lager Ruhe zu gewinnen und neuen Spukgestalten mit verzerrtem Antlitz, brach kaum der Morgen an, als sich Benno schon erhoben hatte und von der kuhlen Herbstluft sein gluhendes Antlitz erfrischen liess ...

Noch mochte er im Hause niemand wecken ... Sein Herz war voll Fieberunruhe ... Er wollte Wien verlassen durchaus er dachte sich vielleicht sogar beim Staatskanzler zu entschuldigen ...

Ruhe fur die Sturme, die in seiner Brust tobten, konnte er in dieser Audienz nicht finden ... Die Pein der Zweifel konnte sie nur mehren ... Sein Reiseziel war durch ein wunderbares Zusammentreffen aller Umstande in einem einzigen Tag erreicht; was er suchte, war gefunden es zu besitzen war nicht moglich ... In Italien, dachte er, dort versuchen wir eine Form des neuen Daseins zu finden ... Er zog seinen Koffer hervor und fing ihn zu ordnen an, um zunachst uber Triest nach Mailand zu gehen ...

Er sah Thiebold's Brief ... Er erbrach ihn in der sicher nicht ungegrundeten Besorgniss, der Ton und Inhalt desselben wurden zu seiner Stimmung nicht im mindesten passen ...

Dennoch las er ihn ... Die Buchstaben flimmerten vor seinen ermatteten im Grunde nur der Thranen bedurfenden Augen ...

Thiebold schrieb ganz sorglos:

"Verehrter Freund! Sie werden es fur eine meiner gewohnlichen Redensarten halten, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, dass ich in dieser Stadt nur noch vegetire! Seitdem Sie sich unsern bekannten klimatischen Einflussen entzogen haben, kann ich keine verspatete Schwalbe und keinen lahmen Storch mehr sehen, ohne nicht von einem unwiderstehlichen Verlangen heimgesucht zu werden, Sie eines schonen Morgens mit meiner Ihnen nicht immer willkommenen Gegenwart zu uberraschen ... Hatte ich nicht den alten Mann, meinen Vater, bei Beginn der Gansbraten-Saison in seiner Diat zu uberwachen und war' ich nicht fur den Winter, wo endlich wieder getanzt werden soll, breitgeschlagen worden, einige Cotillons zu arrangiren, so wurde mich keine Macht der Erde abhalten, selbst Ihr eigener Verdruss uber meine Zudringlichkeit nicht, das Schrecklichste der Schrecken wahr zu machen und Sie in Person zu uberfallen."

"Aus Westerhof und Witoborn erfahr' ich wenig ... Mehr aus dem Stift Heiligenkreuz ... Siebzehntehalb Freundinnen hab' ich mir daselbst erworben durch meine Empfanglichkeit fur Poesie, Austausch hoherer Gefuhle Nichtberechnung der Portospesen fur Notensendungen, Parfumerieen, ja selbst Modesachen ... Ich sage in meiner Verzweiflung uber diesen Reichthum bei jeder Gelegenheit zu Moppes: Sie konnen versichert sein, bester Freund, das Fraulein von Merwig hat sich in Ihr: 'Maikaferlein, flieg' auf!' verliebt und singt es taglich ... Aber ich flicke ihm weder die 'Anflickerin' noch eine der ubrigen Veteraninnen als Correspondentinnen an ... Timpe, Effingh, Schmitz, Niemand nimmt mir diese Velinpapier-Correspondenz ab ... Und gerade jetzt, wo der alte Mann, mein Vater, wieder Land steht und in systematischer Opposition macht, gerade jetzt, wo ich mit dem Holzhandel mehr als zur Genuge beschaftigt bin ... Sie wissen, welche Empfindungen der Mensch zwischen einem Haufen Buchen- und einem Haufen Eichenholz haben kann!"

"Freilich, damals, als wir, im Winter, hinter zwei Erlen standen! Zwei Procent nur war' es gewesen aber unvergesslich!!! Malen Sie sich diese Gedankenstriche mit Schiller, Goethe und Nuck aus! Nuck das ist ein Skandal dichtet und wie! Keinem Zweifel unterworfen, dieser Mann ist zum Tollhaus reif! ... Einen schwarzen Frack tragt er nicht, daran verhindert ihn seines verweigerten Ordens wegen ein Gelubde, aber grun mit Mattsilber, blau mit gelb, sogar rothe Sammetweste mit weissem Atlasfutter ... Piter ist nichts dagegen, der ubrigens in Paris ganz glucklich verheirathet sein soll."

"Nuck's Gegenstand ist naturlich Niemand anders, als die Heilige, die einem On dit zufolge das Kattendyk'sche Haus verlasst, weil sie sich mit Guido Goldfinger, jetzt Procura, nicht vertragen kann infolge folgender "

" Z w e i T a g e s p a t e r . Soll ich denn auf die Geschichte zuruckkommen? Na! Es war der erste 'Abend' nach Piter's Entfuhrung der Gertrud Ley, dem bekannten Skandal auf dem Romerweg, als von Goldfingers in ihren neuen Raumen eine Gesellschaft gegeben wurde ... Ruhrender Hinblick auf die Zimmer des verbannten Piter, die Treppe, wo das leiseste Knarren ihn schamroth machte, auch auf die fruh vollendete Schwester, die Delring Delring jetzt in Antwerpen etablirt grosses Geschaft moglicher Ruin von Kattendyks ... Kurz, Moppes und Timpe sehr gesprachig ... Kamen aus Paris, erzahlten von einem neuen Mittel, das Piter gefunden hat, immer noch interessanter zu werden ... Statt: Au contraire! mit dem er uns, Sie wissen es, sogar bei Grafin von Camphausen damals in Angleterre ausstach, statt seines impertinenten ewigen: Im Gegentheil! soll ihm Nuck in einem Zornausbruch etwas anderes gerathen haben, um noch interessanter zu erscheinen, namlich sich dumm zu stellen ... Piter uberlegte sich das ... Moppes und Timpe haben ihn in Paris besucht, wo er mit seiner kleinen Exnonne glanzendes Haus macht ... Richtig, statt nun wie bisher jahzornig aufzufahren und mit: Das verstehen Sie nicht! Im Gegentheil! um sich zu werfen, spielt Piter den von der Liebe Gezahmten, traumerisch und kindlich in dieser komischen Welt Umherirrenden, unbewusst die gewohnlichsten Gegenstande aus Ueberfulle an Geist Verwechselnden; kurz, wenn von Schinken gesprochen wird, beschreibt er na! ein Thier, von dem man na! einen gewissen Theil seines Korpers mit besonderm Wohlgefallen auswahle und na! durch die Methode des Raucherns roh oder gekocht zu verspeisen pflege und ruft dann die Gesellschaft: Herr Gott, Sie meinen ja Schinken? so sagt er lachelnd sich besinnend: Na ja, richtig! ... Kurz er besinnt sich vor Ueberfluss an Geist nur ganz dunkel auf seine alte Kochin Kathrine Fenchelmaus im Hause seiner Aeltern und sagt auch z.B. bei einem Diner prima Sorte, das Moppes und Timpe bei ihm durchmachen mussten: Ich bitte dich, Treudchen, warum isst man nur diesen Plat da mit der Gabel? ... So stellt er sich uber alles so unwissend, wie vielleicht in Wirklichkeit sein Fall ist ... Aber die anwesenden Fremden schwuren, dies simpelhafte, nirgends mehr Land wissende Wesen musste eine wahre innere Ueberschwemmung von Geist verdecken und Piter ware eine der genialsten Offenbarungen unsers sich uberlebt habenden und demzufolge wieder von vorn anfangen mussenden Jahrhunderts." ...

"Doch ich komme von meinem Abend bei Goldfingers ab ... Also "

" Z w o l f S t u n d e n s p a t e r ! . . . Mein Brief wird, seh' ich, endlos ... Also denken Sie sich erstens Lucinde ... Sie trug, da die Haustrauer zu Ende ist, in ihrem schwarzen Haar einen Turban von gelbem und rothem Kaschmir mit an beiden Seiten herunterfallenden Perlenschnuren ... Nie hab' ich sie so vornehm und so schlank gesehen ... Enganliegendes aschgraues Atlaskleid, gleichfalls mit gelben und rothen Bandschleifen besetzt ... Ich habe den Abend fast nichts als Toiletten beobachtet, weil dies namlich der interessantere Theil meiner Correspondenz mit den Stiftsfraulein ist ... Da bei Goldfingers nicht eine einzige Adelige vorhanden war und ich, wie Sie wissen, in Witoborn und Umgegend zum Adel gehore, so sammle ich ohne alle Anzuglichkeit fur mich den Stoff zu einer Menge Fi-doncs und Abscheulichs, die mir aus dem Stift uber die hiesigen Farbenzusammenstellungen bei Toiletten zur Antwort werden ... Ich bekomme auf die Art das Zeug, ein formlicher Kattundrucker zu werden ... Getanzt wurde nicht, aber nahe daran kam's; Nuck, zum Stutzer adonisirt, intonirte Moppes' Maikaferlied und der ganze Chorus fiel ein ... Die herzlose Bande hatte die arme Hendrika schon vollstandig vergessen und ich, seit Sie fort sind, immer wehmuthig gestimmt, ich verlor mich in dem Grade in Reflexion, dass die Frau Oberprocurator Nuck, die bekanntlich in jeder Gesellschaft uber Hitze klagt, in den Schatten meiner kuhlen Denkungsart fluchtete, ja, dass mich sogar Lucinde als Facher benutzte gegen Nuck, den man allgemein unausstehlich fand ..."

"Wieder sechs Stunden spater ... Na ja, mein Alter opponirt richtig gegen die Regierung in Sachen des Kirchenfursten ... Wir werden schone Spasse erleben ... Also, wo blieb ich stehen? ... Anfangs ging es in unserer gewohnlichen Cadenz fort: Langeweile, Thee, Langeweile, Klavier, Langeweile, Quartett Endlich hatte Lucinde, die in ihrem turkischen Staat die bescheidene Magd spielen wollte, beim Serviren einige Teller zerbrochen, auch mehrere Kleider verdorben und mit dem Professor einen Zank angefangen, als dieser, ohne je in Asien oder, wie Moppes sagte, wenigstens im pariser Jardin des plantes gewesen zu sein, behauptete, das Holz der Cedern auf dem Libanon so gut zu kennen, wie deutsches Fichtenholz denn, sagte er, zu seiner 'heiligen Botanik' hatte er vierzehn verschiedene heilige Kreuzpartikeln in Deutschland und der Schweiz grundlich studirt unser Erloser ware auf Cedernholz gestorben ..."

"Lucinde, gereizt von den Vorwurfen uber ihr Serviren, entgegnete: Entweder sind S i e im Irrthum oder der heilige Bernhard ist es ..."

"Wie so? ruckte der Professor seine goldene Brille in die Hohe und mochte sich erinnern, dass vorm Jahr eine Etage tiefer Armgart's Mutter auch sehr schlimm mit ihm gestritten hatte ... Terschka erzahlte es ..."

"Lucinde liess sich nicht werfen ... Zornig, wie sie war, entgegnete sie: Nach dem heiligen Bernhard bestand das Kreuz des Erlosers aus Cedern-, Cypressen, Oliven- und Palmenholz ..."

"Naturlich mich als Holzhandler interessirte das ..."

"Nur Cedernholz! donnerte der Professor, bei allem Respect vor dem heiligen Bernhard ..."

"Die Commerzienrathin bat um Unterlassung solcher Streitigkeiten ... Sie konnen sich aber denken, verehrter Freund, dass mich der Gegenstand hinriss ... Mein Temperament zwang mich zu der bescheidenen Bemerkung: "

" W i e d e r e i n e n T a g s p a t e r ! Ich musste gestern einer Holzauction in Euskirchen beiwohnen! ... Mein Alter ist in der Majoritat und macht Enckefuss schon zu schaffen ... Den Telegraphen kann ich gar nicht mehr spielen sehen, ohne mir nicht zu sagen: Diese Manover, die die Flugel machen, bedeuten: Stecken Sie nur gleich die ganze de Jonge'sche Familie, Vater und Sohn, zu Loch! ... Wo blieb ich gestern? Richtig; ich erlaubte mir die bescheidene Bemerkung, dass die Bauten des Konigs Salomo bereits die ersten Grundlagen des Holzhandels, und zwar nach Tyrus, gelegt und bewiesen hatten, dass Palastina und Umgegend wenig Waldung gehabt hatte, demnach also, dass, als drei Kreuze auf dem Berge Golgatha auf einmal gebraucht werden mussten, diese leicht und wahrscheinlicher- und moglicherweise allerdings aus mehreren Holzarten genommen werden mussten ..."

"Da die ganze Gesellschaft uber diese Bemerkung in ein sehr unpassendes Gelachter ausbrach was mich verdross, da ich mir bewusst war, wissenschaftlich gesprochen zu haben, so schnurrte mich der Extraordinare a.D. an wie ein Kater, betrachtete mich von oben bis unten und machte Miene, als wollte er, um mich zu strafen, auf diese Aeusserung griechisch antworten ..."

"Sie wissen, dass ich nie hitziger werden kann, als da, wo ich mich nicht ganz sicher fuhle ... Und gelehrte Seitenhiebe reizen mich vollends bis zur Tollkuhnheit ... Moppes, Timpe, Schmitz, Effingh, alle standen jetzt um mich und suchten mich zu beruhigen ..."

"Mit malicioser Zuruckhaltung sagte der gelehrte Kerl jetzt lachelnd: Fraulein Lucinde ist so geistreich, dass ihre Erwiderung nur fur einen Scherz zu nehmen ist ... Sie weiss sehr wohl, die Bemerkung des heiligen Bernhard ist ein Spiel des frommen Witzes und der Phantasie ... Der hochgelehrte Mann will an jede Gattung seiner vier Holzarten Betrachtungen anknupfen ... Ohne Zweifel sucht er, ich kenne die Stelle nicht, in den vier Holzarten das Symbol 1) des Lebens die Ceder, 2) der Trauer die Cypresse, 3) des Trostes die Olive und 4) des Friedens die Palme. Ich habe die feste Ueberzeugung "

"Weiter kam er aber nicht; denn ich unterbrach jedes seiner Worte ..."

"Schweigen Sie! fuhr er mich an, als wenn ich Piter ware, und als ich ihm ein: Herr Professor! im Ton fast wie eine Maulschelle lancirte, musste ich erleben, dass dieser niedertrachtige Kerl an den Kamin geht, wo ein eiserner Holz- und Kohlenkorb steht, hineinlangt und mir feierlich ein Stuck Eichenholz uberreicht mit den Worten: D a s ist Ihr Fach! ..."

"Nun kann ich Ihnen aber doch sagen, dass ich Beistand fand ... Wir Kaufleute halten in Einem Punkt unter allen Umstanden zusammen Anspielungen auf unsere Branche sind in dem Grade mauvais gout, dass ich "

" W i e d e r e i n e n T a g s p a t e r ! Fast wurde mein Alter in die Deputation gewahlt, die nach der Residenz zu Seiner Majestat abgehen soll ... Eine schone Verwirrung hier ... Nuck hat eine furchterliche Adresse beantragt, fiel aber damit durch ... Enckefuss will ihn vor die Assisen bringen ... Namlich entre nous das Gerucht geht, Hammaker ware fur Nuck gerade zur rechten Zeit um seinen Kopf gekommen; der Brand und die Urkunde hatten vollkommen die Zweifel verdient, die mich, wie Sie wissen, bei Fraulein Benigna in Westerhof plotzlich in Ungnade und um meinen Adel brachten ... Da aber mein Vater in der Kirchenfrage ganz mit der Ritterschaft geht und wir plotzlich so popular sind, dass ich mir des vielen Grussens wegen einen neuen Hut habe kaufen mussen, so schlug ich auch an dem Goldfinger'schen Abend den Professor vollstandig aus dem Felde ... Namlich ich wurde wild und sprach von einer nothwendigen mikroskopischen Untersuchung aller heiligen Kreuzpartikeln durch Professor Liebig und blieb bei meinen viererlei Holzarten und nannte zu Ehren der Beschaftigung mit Holz den Erloser sogar selbst den Sohn eines Zimmermanns ... Das machte aber Wirkung ... Kanonikus Taube erhob sich vom Whist und schlug die Hande uber dem Kopf zusammen ... Der Professor verzog sich ... Seine Gemahlin sprang wuthend aus Klavier und paukte eine neue Tremolo-Etude ... Und nach diesem Abend musste denn die Commerzienrathin der Lucinde, die allerdings den ganzen Streit angefangen hatte, kundigen und das ist demnach das Allerneueste ... Sonst weiss ich nichts, als dass der Domkapitular wieder im alten Ansehen steht ... Man spricht von einer Predigt, die die Regierung sehr unangenehm beruhrt haben soll, uber den Text: 'Furchtet Gott, ehret den Konig!' ... Das soll Ihr Cousin so gewandt haben, dass ein Christ Gott zu furchten, den Konig aber blos zu ehren brauchte ... E r z a h l t man ! ... Ich bin so vollstandig wieder Heide, dass ich seit letztem Winter keine Kirche gesehen habe und um so mehr wieder Ihrer personlichen Anleitung zur Tugend bedarf ... Bester Freund verlier' ich an Ihnen in Zukunft vielleicht ganz meinen Halt? Man sagt allgemein, Sie gingen unter die Diplomaten! Das konnte mich veranlassen, Sie wegen mancher hochst bedenklichen vertraulichen Aeusserungen zu mir zu denunciren und steckbrieflich verfolgen zu lassen. Adieu, theurer Freund! Wissen Sie denn auch, dass die alte Grafin Camphausen hier durchgereist ist, ohne sich nach mir erkundigt zu haben! P o s t s c r i p t . Die Damen Schnuphase lassen ihren Vater bitten, sich nicht zu erkalten! ... Von London nichts gar nichts! ... 'Ob sie meiner noch gedenkt!' O! Grosse Revolution im Mannergesangsverein, parteiische Vertheilung der Solis, Sturz des Prasidiums, Austritt der Minoritat, Bildung eines Oppositionsmannergesangsvereins ... Nachstens besuch' ich Kocher am Fall ... Schreiben Sie bald Ihrem Unverbesserlichen! Compliment auch von Gebhard Schmitz an Herrn Ritter Fuld in Wien 'Man waiss schon' ..."

Wie lag das alles nach Ton und Inhalt dem bekummerten und fieberhaft erregten Gemuth Benno's fern ...

Er legte den Brief wehmuthig lachelnd in Thiebold's Geschenk, das grosse Reiseportefeuille, das vor ihm aufgeschlagen lag ...

In den Andeutungen uber Nuck, uber den Kirchenstreit, Bonaventura's Predigt lag eine Mehrung der Sorgen ... Benno sah voraus, was der Staatskanzler von ihm horen und erlautert wissen wollte ... Er dachte an die Scherze mit seinem Bruder ... Einen "Posa" hatte er spielen wollen! ... Wie sollte er einem vielleicht wohlwollend Entgegenkommenden eine Seite entgegenkehren, die sich fur seine Jugend und unbedeutende Lebensstellung nicht ziemte? ... Und doch verlockend blieb die Begegnung immer! ... Unwahr blieb es, wenn er dem Fursten in allem zustimmte ihn glauben liess, dass mit ihm Nuck in Uebereinstimmung gehandelt hatte ... Er warf sich in die schickliche Toilette voll aussersten Unmuths ...

Der Chorherr kam heruber und machte ihm wegen seiner Zurustungen zur Abreise, die er nun bestatigt sah, ernstliche Vorwurfe ...

Sie sind, sagte er fast gekrankt, auf der hohen Flut der Gunst und des Glucks! ... Ich schreibe heute dem Dechanten ... Gestern Abend war ich bei einer Anzahl alter Freunde und Freundinnen Ihres Onkels ... Alle wunschen, Sie zu sehen ... Und nun bekommen Sie das Kanonenfieber ... Von einem v e r n u n f t i g e n Posa heisst es nicht: Nach Munkatsch! sondern: "Der Ritter wird kunftig unangemeldet vorgelassen!" ...

Zur Mehrung der Verlegenheit, zur Scharfung der Vorwurfe des Chorherrn kam der Mohr des Prinzen Rucca, brachte eine wiederholte Mahnung, um vier Uhr das Diner nicht zu vergessen und schlug aus einem Rosaseidenpapier ein prachtvolles Bouquet, das aus dem Palatinus ihm von Altezza Amarillas oder von Excellenza Contessina geschickt wurde ... Der Absender blieb unaufgeklart selbst gegen ein uberreiches Trinkgeld ... Es war ein mit italienischer Kunst gewundener Blumenstrauss von weissen Camellien, in der Mitte ein Herz von Pensees ...

Pensez a moi! scherzte der Chorherr und verliess Benno mit dem satyrischen Zublinzeln, dass er sich wol huten wurde, einen Boden zu verlassen, wo ihm jeder traurige Eindruck so hold und vielversprechend verwischt wurde ...

Die weissen Camellien konnten nur der Gedanke seiner Mutter sein ... Aber den Muth, einem jungen fremden Mann uberhaupt Blumen zu schicken, flosste ohne Zweifel nur die junge Grafin ein ... Ihr Verlangen nach ihm schien keiner Beherrschung mehr fahig ...

Gegen zehn Uhr nahm Benno einen Fiaker und fuhr in die Staatskanzlei ...

In einem Gewirr grosserer Gebaude, die in winkeliger Zusammenstellung allen Jahrhunderten angehorten, hier an die Babenberger, dort an die Zeit der Maximiliane, da an Kaiser Joseph erinnerten, liegt ein Haus mit massiger Fronte, einladend nur durch seine nach den Basteien hinaus gerichteten Seitenfenster ...

Der Wagen hatte sich pfeilgeschwind durch diese Winkel und kleinen Platze hindurchgewunden ... Benno stieg aus ... Bereits ein zweiter Miethwagen stand vor dem Portal ...

Der Minister wohnte im ersten Stock ...

Ein grosses dunkles Vorzimmer wurde durchschritten ... Dann kam man in ein lichteres, das eine schone Aussicht auf die belebten Umgebungen der Stadt und den Volksgarten bot ... Hier hatte der Angemeldete sich aufzuhalten ...

Benno traf, wie er erwartet und gefurchtet, mit Schnuphase zusammen ...

Herr Maria stand unter dem Druck seiner "hochgesponten" Nerven ... Vom Sperl, aus Dobling, aus Hietzing, von allen moglichen Zerstreuungen, die die Tuckmandls und Pelikans ihrem Gastfreund trotz der Wundermedaillen und Paternostervereine bereiteten, erschopft, schnappte und schnalzte er nach Luft ... Jetzt, beim Anblick des Barons von Asselyn, hob sich ihm etwas die Brust vor Freude und Ueberraschung ... Der Gruss des Herrn Thiebold de Jonge und die Mahnung an seine Leibbinden ruhrten ihn ...

Jedes Knarren einer Thur unterbrach die Mittheilungen ...

Benno war wie in einem Traum ... Er wusste nicht, wie er hierher gekommen ... Um seine Aufregung zu verbergen, fragte er scherzend:

Werde ich jetzt erfahren, welches Ihre geheime Mission war? ...

Schnuphase hob seine weissen Handschuhe gen Himmel ...

Da offnete sich die Thur ...

Schnuphase verbeugte sich bis zur Erde ...

Der Eingetretene war noch nicht der Beherrscher aller europaischen Cabinete, sondern jener Hofrath, der an Benno geschrieben hatte ...

Die leutseligste Anrede von der Welt berichtigte Schnuphase's Irrthum ...

Der Herr Hofrath wandte sich an den Herrn Baron von Asselyn und entschuldigte Seine Durchlaucht, die noch einen Augenblick verhindert waren ...

Herr Stadtrath Schnuphase ? ...

Zu Dero ! ...

Die Kiste ist angekommen ...

Zu Dero ! ...

Zum ersten Mal in Wien? kehrte der freundliche Herr zu Benno zuruck ...

In dem Augenblick wurde Stadtrath Schnuphase durch einen Bedienten abgerufen ... Nach einer Thur zu, die eben da wieder hinausfuhrte, wo er hereingekommen war ...

Schnuphase flog und taumelte mehr, als er ging ...

Mit einem, wie es schien, stereotypen, an die "Gemuthlichkeit" Potzl's erinnernden Lacheln, halb prufend, halb zerstreut, setzte der hohe Beamte sein Examen uber Benno's erstmalige Anwesenheit in Wien fort ... Bei volliger Bekanntschaft uber die Zwecke der Anwesenheit des jungen Mannes kam er auf den gestrigen "grausamen" Unfall mit dem "Fraulein von Potzl" ... Das, was ihm, wie er sagte, ihr Pflegevater selbst schon erzahlt hatte, konnte Benno bestatigen ... Es folgte das herzlichste Bedauern und die Mittheilung, dass einige Wochen lang fur die arme Seele in "Maria zur Stiegen" wurde gebetet werden ...

Eine Klingel ging ...

Der Diener von vorhin offnete eine andere Thur ...

Mit einem: Ich hab' mich sehr gefreut! und dem innigsten Handedruck wurde Benno von dem zuvorkommendsten aller Epigonen jener Gesellschaft, die der uberfliegende Don Carlos mit dem Wort bezeichnet: "Da wo Ihre Domingos, Ihre Albas herrschen!" an die Thur begleitet ...

Noch zwei Zimmer und der unfreiwillige, von dem System des Staatskanzlers sonst mit jugendlicher Idealitat urtheilende, jetzt wie ein geknicktes Rohr sich ihm nahernde Posa stand vor dem neuen Don Philipp ...

Der Gefurchtete war an Wuchs etwas kleiner, als Benno ... Schmachtig, ebenmassig gebaut, mit feinen, geistvollen Zugen ... Die Stirn breit und hochgewolbt ... Die Augen blau, die Nase massig gebogen, die Farbe der nicht schmalen Wangen blass ... Die Lippen durch lange Gewohnung auch die Ehe macht Ehegatten ahnlich fast habsburgisch geworden, doch abwechselnd belebt von Ironie ... Besonders auffallend blieb die schone, wenn auch stark gerunzelte Stirnflache, mit weit auseinander liegenden Augenbrauen ... Das Haar schon ergraut und mit erzwungener Jugendlichkeit geordnet ... Die Sprache nicht leise, etwas unverstandlich ... Benno wusste, dass der Staatskanzler am Gehor litt ...

Die freundlichste und herablassendste Begrussung ...

Man setzte sich ... Nebenan horte man ein Klingen von Glasern ... Benno staunte ... Jedenfalls war Schnuphase auf der Hohe seiner Mission ...

Der Furst ergriff eines von den eleganten grossen und kleinen Buchern, die auf einem Tisch vor dem kleinen Kanapee lagen, steckte die Finger in die Blatter, klopfte in leichtem Taktrhythmus auf den Tisch und begann in geschmeidiger, fast zu regelrechter Rede alle ostensiblen Veranlassungen fur Benno's Anwesenheit in Wien herzuzahlen ... Dem Schmerz des Grafen Hugo, der zufalligen personlichen Anwesenheit des Herrn von Asselyn bei dem Ungluck mit Angiolina Potzl trug er mit unverstellter Theilnahme Rechnung ... Dann kam er auf den Oberprocurator Nuck, mit dem er seit Jahren "immer sehr gern zu thun" gehabt hatte, auf die Empfehlungen, die ihm "Doctor Nuck" uber Herrn von Asselyn und dessen Wunsche gegeben ...

Wunsche?! loderte es in Benno auf und sofort begann er auch:

Euer Durchlaucht wollen entschuldigen ...

Ohne jedoch Zeit zu bekommen, irgend auch nur die einfachste berichtigende Aeusserung zu thun, horte er den Fursten sogleich auf den ihm von Wien her, ja schon vom "Parterre der Konige" in Erfurt sehr wohlbekannten Dechanten zu Sanct-Zeno ubergehen; selbst Bonaventura war ihm genannt worden ... Des Fursten Familie stammte selbst aus der Gegend von Kocher am Fall ...

Die Aeusserung, die der Staatskanzler auf die fur Bonaventura gebrauchte Bezeichnung: Er wird ein Heiliger genannt! sofort folgen liess, war charakteristisch ...

Ich wunschte wol, sagte er, der Adel folgte uberall solchen Beispielen und nahme sich wieder etwas mehr der Kirche an ... Seitdem die Pfrunden schmaler geworden sind, hat man sie nicht mehr fur die jungern Sohne der Familien so aufgesucht, wie selbst noch in meiner Jugend Sitte war ... Sagen Sie, wurde Ihr Kirchenfurst den Muth gehabt haben, so fur seine geistliche Pflicht aufzutreten und wurde er mit soviel Glanz sein Martyrium durchfuhren, wenn ihm nicht sein Zusammenhang mit dem Adel des Landes zu Hulfe kame? ... Der Uebergang der geistlichen Stellen nur an Burgerliche offnet jenem kleinen Ehrgeiz zu sehr die Bahn, der mit Intrigue verbunden ist ... Dem Emporkommling wird ja nie genug zu Theil ...

Wenig Verbindungsglieder fehlten hier und die Gedankenreihe war bei den Jesuiten angekommen, die der Staatskanzler hasste ... Doch unmittelbar flocht sich die Bemerkung ein:

Ein reizendes Geschopf, diese Angiolina! Ich kann nicht glauben, dass sie sich selbst den Tod gegeben hat ... Sie wurde zornig uber die, die ihr vorreiten wollten, und uberschlug sich ... Jetzt ist's freilich eine freiwillige Handlung ein Poem, sagte man gestern ... Romantik und leider oft auch Logik machen sich sehr oft erst durch den Zufall ex post, gerade wie der Witz ... Manche Leute, die ich positiv als dumm kannte, galten aus diese Art fur gescheut ... Weil sie immer schnell bei der Hand waren, einer zufalligen Wirkung eine prameditirte Absicht unterzulegen ... Das wissen Sie gewiss, es gibt einen Humor der Thatsachen ... Viele Staatsmanner haben sich Jahre lang damit erhalten, den glucklichen Zufall sogleich fur ihre Absicht auszugeben ... Besonders sind in diesem wohlfeilen Klugseinwollen die Politiker Ihres Staates Bitte, Herr Doctor Nuck schreibt mir, Sie wollten daselbst keine Carriere machen Erzahlen Sie mir doch von der dortigen Sachlage, Herr von Sagen Sie, sind die Asselyns nicht eigentlich italienischen Ursprungs? ...

Benno hatte durchaus erwidern mogen, dass sich Nuck in den Motiven seiner Reise nicht an die Wahrheit gehalten hatte, hatte alles erzahlen mogen, was zur Erleichterung der heimatlichen Schwierigkeiten dienen konnte, musste aber jetzt nur der gestellten Frage antworten und sagen:

Doch nicht, Durchlaucht! Friesischen Ursprungs ...

Sie sollen aber das Italienische a perfection sprechen ... fiel der Furst sogleich ein ...

Ich wollte zunachst Italien sehen, um mich in der Sprache zu vervollkommnen und alte Studien wieder aufzunehmen ...

Die italienische Sprache ist schwerer, als man anfangs glaubt, unterbrach der Furst, der seine eigenen Gedankengange festhielt ... Sie ist ebenso falsch und tuckisch wie die Italiener selbst ... Man glaubt mit der Grammatik auf dem besten Fusse zu stehen et d'un tour de main on a perdu tout son latin ... Wo studirten Sie? ...

Benno nannte die betreffende Universitat ...

Der Staatskanzler warf einen der ihm eigenen Augenblitze, die den fur gewohnlich milden, ja matten Ausdruck seiner Augen unterbrachen, scharf und bestimmt zu dem jungen Mann hinuber und hatte jedenfalls eine Ruge der deutschen Universitaten im Sinne, sprach aber doch:

Sie sind Jurist ... Arbeiteten bei Dr. Nuck in der Apropos, die Grafin Paula von Dorste ist ja clairvoyant! ... Wie sich das in Wien ausnehmen wird, bin ich begierig ... Ein eignes Kapitel, die Clairvoyance! Ich habe sie in allen Stadien kennen gelernt ... Auch in ihrer Verbindung mit der Politik und gerade bei Ihren aufgeklarten Staatsmannern! ... Furst Hardenberg war ganz in die Hande der Pythonissen gerathen und hat auch, glaub' ich, aus diesen Quellen seine Begeisterung fur die Freiheit Griechenlands in Verona geschopft ... Die Verbindung mit der Religion ist mir weniger gelaufig, aber unsere Salons sprechen davon mit Andacht ... Leider wird mit dem ersten Kind diese neue Quelle der Unterhaltung fur Wien verloren sein ... Ihre Heimat ist ein seltsames Land, Herr von Asselyn, kernhaft jedoch und voll aufrichtiger Sympathie fur uns ... Wir haben davon taglich Beweise ... In unserer Armee sowol wie im Klerus ... Kennen Sie die Aebtissin Scholastika? ... Eine Tungel-Heide! ... Es gibt mehrere Linien der Tungels? ...

Schon griff der allein Redende zum kleinen goldschnittgebundenen genealogischen Kalender, der auf dem Tische lag ... Er suchte die Tungel-Heides und die Tungel-Appelhulsens ...

Nebenan klangen die Glaser ...

Benno beobachtete nur und resignirte sich schon ...

In Ihrer Provinz lebt noch fest und sicher die Ueberzeugung, fuhr der Furst im Umblattern fort, dass es in jeder Politik nur Erhaltung oder Umsturz gibt ... Die Reform soll uns heilig sein, ja! aber sie muss aus den Elementen der Erhaltung und fur die Erhaltung hervorgehen ... Nach Napoleon's Verwustung des Bestehenden konnte und durfte nichts Anderes kommen ... Selbst Napoleon fing zuletzt an zu erschrecken vor einer taglich sich mehrenden Lust an Neuerungen ... Unter dem Zeitalter der Revolution haben die Volker zu viel gelitten ... Sie bedurfen auf hundert Jahre der Erholung ... Ich weiss nicht, was dann kommen wird, aber meine Aufgabe war, Halt zu gebieten und ich glaube, die nach mir kommen, werden noch lange dieselbe Notwendigkeit einsehen ... Ich gebe das sehr gern den jetzigen romischen Anspruchen zu: Es ist auch so mit der Kirche ... Die schwarzen Herren horen freilich nicht gern, dass der Fels, auf den die Kirche gebaut wurde, irdisches Material ist so gut wie jede andere Steinart und dass einst eine Zeit kommen wird, wo die Philosophie sich verbreitet, wie das Klavierspielen schon jetzt bei unsern reichen Bauerntochtern im Salzburgischen Aha! Da! "Die Tungel-Appelhulsens. Wappen: Die geschlangelte Schaale eines Apfels" Falls das nicht glauben Sie nicht, Herr von Asselyn, ursprunglich eine Schleife war? Auch so ein Witz ex post? ... Da sind ja die Camphausens! ... Zwei Linien Seltsam! ... Bei uns lebt die protestantische und Grafin Erdmuthe ist sogar eine gefahrliche Fanatikerin ... Der Graf wird den Militardienst quittiren ... Und Ja, der religiose Riss in Deutschland wird oft beklagt ich schatze ihn ... Deutschland kann nur durch das Gleichgewichtssystem bestehen ... Das hab' ich immer befordert und ohne Ruckhaltsgedanken ... Der Zollverein ein gibt ein zu einseitiges Uebergewicht ... Sie kamen mit dem Herrn Stadtrath Schnuphase? ...

Ich reiste nur zufallig mit ihm ...

Doctor Nuck schickt mir durch Sie alle Tabellen Ihrer Weinversteuerung, an der ich, wie Sie wissen, personlich betheiligt bin ... Die Centralisation der Interessen Deutschlands ist nicht moglich ... Schon die naturlichsten Lebensbedingungen, Essen und Trinken, beruhen auf disparaten Organisationen ... In Frankreich, Spanien, Italien sogar, dem ich sonst doch jede andere Einheit absprechen muss und das ich nur fur einen geographischen Begriff halten kann, hat die Lebensweise eine und dieselbe Bedingung ... Nehmen Sie aber unsere Verschiedenheiten! ... Die barocke Abwechselung schon unseres Brotes allein! ... Wie verschieden die Charaktere des Weins am Rhein und an der Donau ... Vom Trank der Gerste gar nicht zu reden ... Man glaubt es mir nicht, aber ich bin gegen ein Uebermass von Uniformirung ... Ich hasse den Josephinismus nicht seiner Aufklarung wegen behute, nein! sondern deshalb, weil er am Ende doch nur den absoluten Polizeistaat proclamirt ... Der absolute Polizei- oder Beamtenstaat kann zuletzt nur zur constitutionellen Monarchie fuhren, d.h. zur legalisirten Revolution und Republik ...

Die Phantasie Eurer Durchlaucht uberspringt grosse Intervallen! sagte Benno mit Entschiedenheit ...

Geb' ich zu erwiderte der Minister und liess wieder einen jener scharfen Blicke auf Benno hinstreifen ... aber darin denk' ich ganz wie die Kirche .... Gutta cavat lapidem ... Apropos, was sagt der Graf Camphausen von dem sogenannten Baron von Terschka? ... Der Mensch ist in London Protestant geworden und der intimste Freund der italienischen Emigration ... Ein Ex-Jesuit sagt man sogar aber entre nous ...

Benno berichtete von dem ihm so verhassten Namen, was er wusste, und wagte, angeregt von den Worten seiner Mutter, die Bemerkung:

Die grosste Gefahr des Stabilitatssystems droht nicht unmoglich von Italien und Rom selbst ...

Sie meinen, dass die Zeiten des Cola Rienzi wiederkehren? lachelte der Furst, nahm ein grosses Kupferwerk, das vor ihm lag, schlug die Abbildung einer Burg auf und zeigte sie seinem Besuch mit den Worten:

Sehen Sie da die Burg in Bohmen, auf die Cola Rienzi fluchtete, als seine Zeit in Rom voruber war! ... Zu uns! Nach Bohmen! ... Ja, fuhr er dann fort, die Italiener sind allerdings die elendeste Nation von der Welt und zu allem fahig! Diese Nation wird den Monarchen, von denen sie regiert wird, und uns allen in Europa noch viel zu schaffen machen, sie wird conspiriren, morden, vielleicht ein vorubergehendes Gluck gewinnen, von einzelnen Machten vielleicht begunstigt werden, von England, das fur seine Waaren sich einen Absatz in Sicilien und Neapel zu verschaffen sucht aber elend wird alles nach kurzer Zeit zusammenbrechen ... Wie Barbarossa werden wir dann die Stadte in Asche verwandeln mussen! Wir werden den Pflug daruber hingehen lassen und Salz aussaen mussen, um eine neue Erde zu schaffen ... Das Salz werden deutsche, ungarische, bohmische Colonieen sein, unsere Sitten, unsere Verbesserungen, unsere Burgschaften polizeilicher Ordnung ... Zuruckrufen werden die Elenden uns dahin, wo sie uns verjagten, um nicht von ihren eigenen Landsleuten gemordet zu werden ... Gemordet von ihren neuen Hauptern ... Lesen Sie die Geschichte! ... So ging Crescentius unter ... Cola Rienzi fluchtete ... Was wollen Sie von einer Nation erwarten, wo alles kauflich ist! Wo die Furcht jeden zum Verrather macht! Wir haben alle Conspirationen in der Hand ... Von jeder Carbonarologe besitzen wir die Namen ... In Turin regiert ein Furst, der als Kronprinz Carbonaro war ... Als er den Thron bestieg, lieferte er uns sammtliche Listen der Venditas aus ... Ich zweifle nicht, dass er wieder als Carbonaro endet ... Lassen Sie Krieg kommen behalten wir Herrn Thiers noch lange am Ruder Frankreichs und will sein Schuler, der Herzog von Orleans, sich die Sporen verdienen, so haben wir vielleicht Krieg und mit schwankenden Erfolgen ... Wir sind heute geschlagen aber von dem Tag an, wo die Italiener dankbar und einig sein sollen, rufen sie wieder die Deutschen zuruck und geben uns die alte eiserne Krone ... Dies Italien! Sie mussen es kennen lernen, Herr von Asselyn! Sie wollen dort hinreisen? Wollen Sie es bequem, so mach' ich Ihnen den Vorschlag, Depeschen nach Rom zu ubernehmen Freilich da mussten Sie sogleich und in diesem Augenblick reisen ... Wurde Sie das hindern? ... Nuck schrieb mir, fuhr der Furst fort, die Verlegenheit und aufwallende Rothe der Freude im Antlitz des jungen Mannes bemerkend Sie wollen eine politische Laufbahn antreten ...

Durchlaucht nein! sagte Benno fest und bestimmt ... Der Gedanke: Da erlost dich ja das Geschick im Nu! liess ihn mit funkelnden Augen zustimmen ...

Sie meinen, Ihre Grundsatze sind noch zu jugendlich? Sie opponiren noch? Mein lieber junger Freund, die Staatskunst muss es machen, wie die Kellerei mit den Weinen ... Liegen die Fasser zu lange, so mussen sie aufgefullt werden ... Alte Jahrgange mit jungen ... Sie haben ohne Zweifel die Calamitat gehort, die sich auf meinem Weinberg zugetragen? ... Ein nachlassiger Kufer hat sieben der besten Stuck nicht aufgefullt und nun sind sie Alterationen des Entwickelungsprocesses ausgesetzt Dergleichen muss geheim bleiben ... Bitte ... Da Sie aber mit Herrn Stadtrath Schnuphase gereist sind ...

Der Furst offnete die Thur und machte Benno zum Zeugen einer wie es schien sehr ernst genommenen Scene ... Ein feingekleideter, wohlbehabiger alterer Herr, ohne Zweifel der Kellermeister des Fursten, sass mit Schnuphase an Einem Tisch ... Vor ihnen eine Reihe kleiner Flaschen, die mit Zetteln beklebt waren ... Einige Dutzend Glaser standen in der Nahe, um nacheinander gebraucht zu werden, da der Duft des Weins sich in jedem gebrauchten Glase zu lange erhielt und eine Aufgabe erschwerte, die die zu sein schien, die Mischungen und Auffullungen aufs strengste zu unterscheiden ...

Schnuphase und der Kellermeister waren aufgesprungen ... Letzterer mit zwei Glasern in der Hand, die prufendste Miene in den gerotheten Gesichtszugen ... Noch schienen Zunge und Nase nur mit Geschmack und Duft beschaftigt ... Schnuphase stand mit seinem "Glose" ganz "Extose" ... Der Duft, das Probiren, die Situation, die Nahe des grossten Mannes der Zeit, die Satisfaction vor Benno, alles war ihm zu Kopf gestiegen ...

Es wird wol nicht anders gehen, bemerkte der Furst, man muss unserer Verwaltung, die an dem Versehen ohne Schuld ist und den Kufer entliess, Recht geben und "Dorf" oder "Berg" zur Erkraftigung des "Schloss" wahlen? ... Ganz wie Ihr jungen Staatsneuerer ja wollt! ... Gern adoptiren wir Euer junges Blut! ... Oder beides? wandte er sich ...

Schnuphase stand wie ein Retter des europaischen Gleichgewichts, obgleich er nahe daran war, das eigene zu verlieren ... Das Nippen an jedem dieser Glaser, das Streiten und Aeussern entgegengesetzter Zungenwirkungen, die wiederholt erprobt werden mussten, hatte ihn bereits zum Opfer des in ihn gesetzten Vertrauens gemacht ...

Der Furst billigte jede Entscheidung der gemeinschaftlichen Berathung und ordnete an, dass auch beim heutigen Diner, wo Kenner der Weinblumen des Rheines entboten waren, die Proben servirt und einem Verdict derselben unterworfen wurden ... Die massgebendste Stimme behielten die beiden anwesenden Herren selbst und lieb ware es ihm, sagte er, schon von ihrer schnellen Meinungsvereinigung zu horen ... Der Gegenstand war hochwichtig ... War fur die nachste Auction irgend im Ruf der vernachlassigten Fasser etwas versehen und verburgten sich nicht die ersten Zungen fur die volle Integritat des Gewachses, so konnten dreissigtausend Gulden auf dem Spiele stehen ...

Es thut mir leid, sagte der Furst in freundlicher Laune beim Zuruckkehren in das vorher von ihnen eingenommene Zimmer, dass ich meine Einladung, mein Gast zu sein, nicht auch an S i e richten kann, Herr Baron! Die Aufgabe, die ich Ihnen vorschlage und der Sie, wenn auch nur Ihrer Reisekasse wegen, da Sie doch nach Italien wollen, sich immerhin unterziehen sollten, bedingt eine sofortige Abreise ... Um funf Uhr Nachmittag geht die Eilpost ... Sie brauchen sich nur der Post zu bedienen ... Von Triest aus mussen Sie uber Ancona zur See ... Das ist unerlasslich ... Nach einem halben Jahr kommen Sie auf demselben Wege ich meine, ohne Ihrer eigenen Kasse wehe gethan zu haben zu uns zuruck und ich werde begierig sein, Ihre romischen Eindrucke zu vernehmen, falls Sie nicht vorziehen sollten, sie mir sogleich direct oder an die Allgemeine Zeitung zu schicken ... Wahlen Sie fur erstem Fall die Adresse eines unsrer Grosshandlungshauser ... Versteht sich, bald diese, bald jene ... Die Depesche handigt Ihnen der Herr Hofrath ein, mit dem Sie vorhin gesprochen haben ... Man soll Sie zu ihm fuhren! ... Gluckliche Reise! Frohes Wiedersehen! ...

Der Furst klingelte ...

Damit war die Audienz beendet ...

Es war Benno, als konnte er nicht von der Stelle ... Er hatte nicht widersprechen, hatte bei seiner Jugend, seiner gedruckten Stimmung uberhaupt nur horen, wenn er sprach, nur Nuchs Empfehlungen ablehnen wollen ...

So aber hundert angelegte Faden und nicht ein einziger ausgefuhrt! ...

Jetzt verstand er, was man "Treppenwitz" nennt ... Demosthenische Reden blieben auf seiner Zunge liegen ... Was mochte er nicht alles gesprochen haben! ... Dicht am Weltrade stand er ... Wie ein donnernder Wassersturz musste ihm die Triebkraft erscheinen, die dies Rad in Bewegung setzte ... Noch blieb er wie von einem unsichtbaren Spruhnebel umrieselt und betaubt ...

Aber ein Diener folgte ihm und fuhrte ihn schon zu dem Hofrath ...

Sie mussten noch eine Treppe hoher steigen ...

Sollst du oder sollst du nicht? ...

So stand er eine verhangnissvolle Secunde und sagte sich: Eine Gunst des Geschicks! ... Die Uebernahme dieser Verbindlichkeit verpflichtet dich zu nichts ... Du hast einen triftigen aussern Grund, vor Situationen zu entfliehen, die sich jetzt noch nicht von dir durchleben lassen!

So trat er in ein dusteres Zimmer ...

Hier wurde ihm die Depesche, ein einfach versiegelter grosser Brief eingehandigt ...

Am besten tragt man das in einer kleinen Tasche, sagte der freundlichste aller Hofrathe, aber an einem Riemen! ... Haben Sie die Schnalle immer hubsch vorn auf der Brust! ... Schliesslich halt das auch noch den Leib warm ... Fur die Seefahrt gut ... Die Reisekosten sind fur acht Tage berechnet, fur jeden Tag zehn Dukaten ... Sie bekommen eine Anweisung auf die Cassa, Herr von Asselyn! ... Bitte! Nehmen Sie! ... Hier ist sie! ... Damit Sie keine weitere Muhe haben, werden wir einen Platz im Coupe reserviren lassen ... Sie zahlen ihn dann bei der Abfahrt ... Habe die Ehre, eine gluckliche Reise zu wunschen! ...

Benno reiste als Courier ... Eine unverfangliche Gefalligkeit ... Er nahm die Depesche, die Anweisung ... Er liess sich einige Zimmer weiter achtzig Dukaten zahlen ...

Das Ablehnen dieser Summe wurde wunderlich erschienen sein und den Auftrag leicht ruckgangig gemacht haben ...

Beim Verlassen des Palais fand er die Treppe belebt ...

Boten, Jager, Diener liefen hin und her ...

Zwei Lakaien in auffallender Livree eilten hastig an ihm voruber ...

Hinter ihnen schritt langsam die Treppe herauf mit schwebendem Gang und einer lachelnd um sich blikkenden Sicherheit eine hohe, breitschultrige Gestalt in fremdartig priesterlicher Tracht ... Hinter ihm zwei andere, ebenfalls Priester ...

Benno empfing aus einem stark gerotheten Antlitz einen Blick des holdseligsten Grusses ...

Er trat zur Seite und erfuhr, dass es Cardinal Ceccone gewesen, der an ihm vorubergeschritten ...

Sein freundlicher Blick war ihm wie der Stich eines Messers ... Wenn ihn etwas aus Wien vertrieb, hatte nur noch diese Begegnung gefehlt ... Der uppigste Triumph, verbunden mit dem Schein der holdseligsten Demuth und wieder mit den unausloschlichen Merkmalen einer schon von der Natur in den Augen, ja in den Ohren vorgezeichneten List ...

Welche Begegnung jetzt drinnen zwischen zwei nur ausserlich verbundenen Principien ... Der Furst, der die Jesuiten hasste, der Cardinal, der auf seine alten Tage unter dem Druck der Frauen die "Freiheit Italiens" anbahnte ... Wie unfertig, wie halb, wie uberlebt erschien ihm alles nach dieser Audienz ... Wie wehte ihn der Odem Gottes mit neuen, den Volkern und dem Jahrhundert verheissenen Offenbarungen an ...

Am Portal sah Benno die beiden Miethwagen in bescheidener Entfernung und hatte noch Zeit nothig, sich zu besinnen, wohin er fahren wollte ...

Schnuphase kam, begleitet vom Kellermeister ... Ersterer hatte alle Ursache, dem kraftigen Arm zu danken, der ihn hielt ...

Die Aufforderung, in der "Stadt Triest" ein gemeinschaftliches Mahl einzunehmen, lehnte Benno ab, fuhr auf den Kohlmarkt und kaufte sich zunachst die bewusste Reisetasche ...

Zu Hause angelangt, schrieb er an den Principe Rucca einige Zeilen und bedauerte seine plotzliche Abreise nach Rom, behielt jedoch das Billet bis um vier Uhr, wo man ihn erwartete, noch zuruck ...

Lange kampfte er mit sich, ob er seiner Mutter schreiben sollte ... Er konnte nicht anders ... Doch druckte er sich in einer Weise aus, die so unverfanglich war, dass sie jedermann lesen konnte ...

"Herzogin!" schrieb er. "Ich erhalte soeben einen Auftrag vom Fursten Staatskanzler, der mich zwingt, augenblicklich abzureisen! Ich reise nach Rom und hoffe Sie dort in nicht zu entfernter Zeit zu begrussen. Wien ist kein Ort, wo die Trauer einen andern Raum findet, als vor den Altaren seiner Kirchen. Gedenken Sie in 'Maria zur Stiegen', wo die Seelenmetten Angiolinens gehalten werden, unserer Ruckfahrt von jenem Hause des Schreckens ... Die dunkeln Tannen, die es beschatten, werden selbst im schonen Italien so lange vor meinen Augen stehen, bis ich Sie wiedersehe ... Benno von Asselyn."

Von Olympia sprach er in beiden Briefen kein Wort ... Auch des Strausses, der vielleicht von Olympia kam, mochte er keine Erwahnung thun ...

Der Chorherr blieb uber die schnelle, nun freilich motivirte Abreise im hochsten Grade verdriesslich ... Unbekannt mit den Empfindungen, die Benno von dannen trieben, schrieb er sie lediglich auf Rechnung des machtigen Eindrucks, den der grosse Kanzler denn doch auf den jungen Mann gemacht hatte ... Er musste ihm Gluck wunschen zu einer vielversprechenden Carriere und sagte:

Sehen Sie, so machtig ist nun doch der blendende Reiz eines bei alledem grossen Mannes ... Man muss sich ergeben, hort nur noch und staunt und lasst an dem, was man hasst, das Menschliche in seiner vollen Geltung ... Protestiren Sie nicht! Sie sind jung! ... Geht es mir denn anders? Lieb' ich denn nicht auch mein Land und mein Volk? So lebt man in einer unglucklichen Ehe und kann sich nicht trennen ... Man weiss, man passt nicht fureinander, aber es gibt so viel Bindeglieder des Interesses, so viel gemeinschaftliche Sorgen, so viel kleine Aussohnungen wieder und so kurze Momente des Glucks, dass man immer wieder neue Hoffnungen schopft ... 'S ist freilich ein Gemuths-Elend, an dem zwei Menschen und ganze Staaten zu Grunde gehen konnen ...

Benno musste schweigen ... Er hielt sich an die ihm von den Umstanden auferlegte Nothwendigkeit seiner Abreise ... Er ertrug den Schein der Inconsequenz ...

Gern ubernahm der sich allmalig in die Trennung findende Chorherr die Meldung an den Onkel ... Auch die Besorgung aller der Visitenkarten, die Benno noch zum Abschied zuruckliess ... An den Grafen Hugo schrieb Benno Worte, die seiner Stellung und der Situation angemessen waren ... Worte des Trostes und der Hoffnung fur die Zukunft ...

In das Comptoir der Zickeles musste er seiner Creditbriefe wegen ... Es war uber dem Schreiben, Pakken und Expediren seiner Effecten hoher Mittag geworden. Der alte Herr Marcus war eben von der Borse zuruckgekommen ... Leo befand sich in einem Comite ... Harry fuhrte einen neuangekommenen Virtuosen ...

Den alten Herrn Zickeles uberraschte Benno's Abreise nicht im mindesten ... Diese Bankiers grussen ebenso gleichgultig beim Kommen wie beim Gehen ... Nur seine Tochter Jenny bedauerte er ... Sie hatte dem Herrn Baron noch etwas vorsingen wollen ... Eben ware sie, sagte er, und auch Angelika Muller, der Benno sich so gern noch empfohlen hatte, mit Therese Kuchelmeister an den Ort gefahren, wo sich gestern das Ungluck begeben ... Auch Dalschefski und Biancchi hatten sich dazu entschliessen mussen ... Der alte Zickeles sah den Vorfall nur in seinen Folgen an und sagte:

Das Geschaft wird sich nun machen ... Der Graf ist jetzt in Wahrheit frei ... Es hangt lediglich jetzt alles von dem ab, was die Frau Mutter aus Westerhof mitbringt ... Wir werden ja sehen ...

Benno speiste dann noch mit dem Chorherrn, den des jungen Mannes Entschluss nun nicht mehr storte ... Auch der Schein des "Gefesseltseins" nicht ... Er glaubte, wie der Onkel Dechant, an Neuerungen und Besserungen nur infolge grosser Erdrevolutionen in der Art der Gletscherbildung ...

Gegen vier, wo die Dinerstunde beim Fursten Rucca war und die Herzogin und Olympia ihn hochklopfenden Herzens gewiss schon in glanzendsten Toiletten erwarteten, besorgte Benno seine Briefe in den Palatinus ...

Die Eilposten nach dem Suden gingen um funf Uhr .... Man musste sich schon um vier in Bereitschaft setzen ...

Der Chorherr begleitete seinen so schnell gewonnenen jungen Freund, der voll tiefster Trauer von dem edeln Manne schied und ihn bat, alle seine Liebe und Gute auf Bonaventura zu ubertragen, falls dieser in der That nach Wien kommen und dann vielleicht gleichfalls bei ihm wohnen sollte ...

Man plauderte ... Aengstlich zog Benno die Uhr, aus Furcht, noch eine Wirkung seiner Absagebriefe zu erleben. Der Chorherr neckte ihn darum ...

Endlich sass er im Coupe, das ihm in der That durch einen Ministerialboten reservirt war ...

Schon benutzte er, da der Chorherr nicht gehen wollte, die Pause, die bis zum Schlagen der Abfahrtsstunde so langsam verrinnt, zu einem Abschiedsgruss an Angelika, den er auf einen Zettel seines Portefeuilles schrieb und dem Chorherrn mit einer Andeutung uber Puttmeyer's Philosophie zu eigenhandiger Besorgung ubergab da kam ein Mann, der hastig nach Herrn von Asselyn fragte, und brachte eine Visitenkarte aus dem Palatinus ...

Von Grafin Olympia? fragte lachelnd der Chorherr ...

Verzeihen, sagte der Lohndiener, Ihre Gnaden die Contessina wollten selbst kommen, aber der Fiaker muss falsch verstanden haben und hat sie und den Prinzen nach der Briefpost gefahren, wo die Courierposten abgehen, aber erst abends ...

Die Karte war von Benno's Mutter ... Auf der Ruckseite stand ein einfaches: Al revedersi! ...

Benno sah, dass er das Rechte getroffen ...

Voll Angst horchte er auf, ob nur nicht noch Olympia und ihr Verlobter kamen ...

Er bat den Chorherrn, der "armen Seele" zu gedenken, fur die zwolf Tage lang in dem schonen Kirchlein "Maria vom Gestade", zur Schifferkonigin Maria zur Schutzpatronin aller im Hafen Eingelaufenen gebetet werden sollte ...

Der Chorherr druckte ihm zusagend die Hand ...

Der Postillon schwang sich auf den Sattel des Handpferdes, Benno ruckte seine Depesche dahin, wo sie nach dem Bedeuten des Hofraths fur seine Gesundheit am vortheilhaftesten lag, der Conducteur setzte sich neben ihn ...

Schon waren die funkenspruhenden Schlage der sechzehn Rosseshufe auf dem Strassenpflaster verhallt, noch stand der Chorherr traumerisch sinnend auf seinen Bambusstab mit elfenbeinernem Griff gestutzt, dem Wagen nachblickend da kam ein Fiaker angebraust, aus dessen Schlag Principe Rucca und ein weiblicher Kopf sahen ...

Das Portal der Fahrpost wurde eben geschlossen ...

Pater Grodner stand schon zu fern, um die, wie es schien, heftigen Zornausbruche der Italienerin zu horen ...

Lachelnd uber die Jugend, uber den Ehrgeiz, uber Menschen, die Liebe finden durfen und sie nicht mogen, kehrte er zuruck in seine stille Klause ...

Die Bleistiftgrusse an Angelika Muller wollte er erst couvertiren, falls sein Versuch, sie ihr personlich einzuhandigen, mislingen sollte ...

Indessen stand noch ein anderer junger dicker Mann athemlos und verzweifelnd an der Posthofthur ... Harry Zickeles kam zu spat mit seinem Album.

11.

Glocken riefen nicht zu den Hochamtern, die in "Maria zur Stiegen" zum Gedachtniss Angiolina's gehalten wurden ...

Nicht brauste die machtige Orgel vom Chor, als ihre Seele der Gnade und Verzeihung des Himmels empfohlen wurde ...

Still und geheimnissvoll sind schon an sich diese Trauermetten, die vor einem kleinen dunkeln Nebenaltar abgehalten werden, denen nur Anverwandte beiwohnen ... Hier trat die Ruge des geistlichen Gerichts ein ... Kaum dass die Austheilung jener kleinen Zettel gestattet wurde, die in katholischen Landen den Vorubergehenden mit einem Liebesblick in die Hand gesteckt werden, der sie auffordert, fur die abgeschiedene, wenn ihnen auch vollig unbekannte Seele ein gedrucktes Gebet zu lesen ... Therese Kuchelmeister hatte diese Zettel sorgsam ausgewahlt ... Hundert Exemplare eines fur diese Falle in den Kunstladen vorrathigen kleinen Bildes, drei Cherubim darstellend, von denen der eine das Jesuskind mit der Friedenspalme tragt, die beiden andern ein Kreuz und eine Dornenkrone das Jesuskind lachelt, die drei Engel weinen Auf der Ruckseite liess sie aufdrucken: "O Erschaffer und Erloser aller Glaubigen, verleihe der dahingeschiedenen Seele deiner Dienerin A n g i o l i n a P o t z l vollkommene Verzeihung und Nachlassung aller Sunden, damit sie, von den Schmerzen des Fegfeuers befreit, dich als ihr letztes Ziel anschauen, lieben und in alle Ewigkeit loben und preisen moge!" ... Das feierliche Requiem Biancchi's, Instrumentation von Dalschefski, das sich ein Gesangverein mit Hinzuziehung Theresens und Jenny's auszufuhren erboten hatte, wurde nicht gestattet ...

Unter grossem Menschenzulauf hatte das Begrabniss auf dem stillen Dorffriedhof bei Salemhof stattgefunden ... Hier war es, wo sich ein junges Madchen, einen Korb voll Blumen in der Hand, uber den Sarg warf und ihren Schmerz in Worten Luft machte, die niemanden storten, ob sie gleich nicht von Seraphschwingen und Cherubsarmen sprachen, sondern einfach lauteten:

Hier ist's nun aus, du armer Narr! Bist auf Erden viel gehanselt worden! Aber der gute Gott da oben wird schon wissen, wo er auch fur dich noch ein Platzt hat! ...

Therese Kuchelmeister uberwachte alle die, die sich bei den in der Stadt von ihr bestellten und bezahlten zwolf Seelenmessen einfanden oder einzufinden versaumten ... Luigi Biancchi kam nur einmal und erntete dafur die Bezeichnung eines "Ungeheuers" von Undankbarkeit, da Angiolina die Musik der Italiener liebte ... Dalschefski, den die Nichtauffuhrung des Requiems wegen des in diesen Tagen ausserordentlich erregten Biancchi, der dadurch eine Zerstreuung wurde gehabt haben, verdross, musste dafur taglich anwesend sein ... Auch Herr von Potzl versaumte nicht seine Schuldigkeit zu thun; zu dem Ruf, den er anstrebte, gehorte die strengste Unterwerfung unter alles, was Gefuhl und Gemuth mit sich bringen ... Nicht auffallend war die jedesmalige Anfahrt eines vornehmen Wagens, aus dem die ersten drei male zwei Damen in tiefster Trauer stiegen und der Messe beiwohnten ... Therese nannte das die kleinste Schuldigkeit der "Morderin" ... Zuletzt kam nur noch die altere Dame allein ... Diese fehlte nie ...

Erst am Tage nach dem Begrabniss traf des Grafen Hugo Mutter ein ...

Auf ihrer Ruckreise war sie aufgehalten worden ...

Sie hatte in Nurnberg einer Versammlung der dortigen Bibelgesellschaft beigewohnt ...

Unterwegs schon erfuhr sie vom Tod Angiolinens ...

Ihre Liebe zum Sohn ging so weit, dass sie diesen Verlust wie ihren eigenen fuhlte ... Sie sah vorzugsweise nur Hugo's bei noch so jungen Jahren schon so vaterlich empfindendes Herz betheiligt ...

Als der stattliche Mann an ihrem Halse einen Augenblick festhing und Thranen in seinem Auge blinkten, unterliess ihre Rede nichts, was seinem Schmerz wohlthun konnte ...

Sie erkundigte sich nach allen nahern Umstanden des ruhrenden Abscheidens, verwies es aufs strengste jedem der Diener, der etwa erganzende Berichte geben wollte, die auf Selbstmord schliessen liessen ... "Richtet nicht, dass ihr nicht gerichtet werdet!" ...

Dies Wort sprach sie auch spater noch mancher vornehmen Dame auf der Herren- und Wallnergasse ...

Im Herauskehren seiner geheimen Gedanken ist gerade die vornehme Welt nicht so behutsam, wie wir glauben ... Majestaten, Hoheiten, Excellenzen sprechen, namentlich in Oesterreich, ihre Stimmungen ebenso offen aus, wie sie die geringe Welt zu verbergen pflegt ... Man besprach schon beim ersten Besuch die Angelegenheiten des Grafen, verlangte Nachrichten von der bevorstehenden Heirath, verurtheilte das "horrible Benehmen des Terschka" und gab der stolzen Grafin Gelegenheit, ihr Wort ofter zu wiederholen: Dieu est le juge veritable! ...

Die schnelle Abreise Benno's von Asselyn verdross die Mutter ...

Sie wich den Fragen des Sohnes um Paula's Erklarung noch aus ...

Sie sagte ihm:

Du sollst alles horen ... Nur erst Sammlung und meine langvermisste Ordnung! ...

Inzwischen sprach sie doch schon zu Hugo und den vielen Besuchenden, zu den lutherischen Geistlichen und Glaubensgenossen, die sie sogleich begrussten, von ihrem Leben bei Lady Elliot, von den Anstrengungen des Papismus, in England wieder Grund und Boden zu fassen, von den englischen Bischofen, die leider irdische Machthaber geblieben waren und ein Verlangen trugen nach ungeistlichem Einfluss, von einem verblendeten Lehrer in Oxford, Professor Pusey, der ein System aufgestellt hatte, das auf halbem Wege den romischen Irrthumern entgegenkame ... Dennoch schloss sie: Es ist eine Freude, den Ernst der Englander zu sehen ... Die Frauen sind voll Muth und Charakter ... Sie beherrschen die Manner, das ist wahr, aber sie beherrschen sie zum Guten Wofur sich in dieser Welt das Gefuhl der Frauen ausspricht, das kann vielleicht auf einem Irrthum beruhen, aber dieser Irrthum schandet nicht ...

Muthig sprach sie in ihren eigenen Zimmern und bei den ersten Besuchen, die sie empfing:

Seit der Veranstaltung der Jesuiten, meinen Sohn durch Terschka dem Glauben seiner Vater abwendig zu machen, haben wir doppelt Ursache, jeden Schein der Anhanglichkeit an die Irrlehre zu vermeiden ... Grafin Paula verlangt glucklicherweise von unserer Seite keine Annahme ihrer Religion ...

Ja, wandte sie sich zu einem lutherischen Geistlichen, Terschka lag zerknirscht zu meinen Fussen ... Im ersten Augenblick verstand ich nicht, was er mir zu offenbaren hatte ... Ich alte Frau zitterte ... Auch hass' ich schon an sich die Bezeigung einer Ehrfurcht, die nur Gott gebuhrt ... Ich betete zum Herrn um Kraft, Terschka's Gestandnisse zu horen, setzte mich nach Fassung ringend in einen Sessel und horte nun alles, was mit jener an diesem Unglucklichen bekannten anziehenden Beredsamkeit von seinen Lippen kam ... Da konnte ich wol anfangs vor Zorn ausrufen: "Der das Ohr gepflanzet hat, sollte der das nicht horen und strafen!" ... Nun aber kam ein reuiges Gestandniss; der Entschluss, auf Englands freiem Boden zu bleiben, seine Irrthumer abzuschworen und zu unserm lebendigen Glauben uberzutreten ... So verherrlicht sich Gott in seinen Verachtern ...

Graf Hugo theilte diese andauernde Befangenheit fur Terschka nicht ganz, behielt aber seine Zweifel an Terschka's Aufrichtigkeit fur sich ... Er war des Streitens mude ...

Der Abend bot die stille trauliche Stunde, in der sich die Grafin uber die Ergebnisse ihres Aufenthalts in Westerhof aussprechen konnte ...

In einem hohen, mit Sesseln uberfullten Rococozimmer hatte das Theewasser auf der Maschine zu sieden begonnen, als die Grafin begann:

Mein Sohn, von Paula von Dorste, diesem seltsamen Wesen, trennt mich allerdings mehr, als ich wunschen mochte ...

Graf Hugo's Ahnung von neuen Hindernissen schien bestatigt zu werden ...

Ich fand, fuhr die Mutter fort, ein Wesen, das leider nur zu sehr ihrem Ruf entspricht ... Als ich Westerhof besuchte, war gleich die erste Begegnung entscheidend ... Die Tante Benigna, dann unsere herrliche, nur zu geisteshelle, winterlich helle Monika, die dich herzlich grussen lasst, der Oberst, auch eine treffliche Personlichkeit, Onkel Levinus, auch eine gute, nur etwas wunderliche Seele, alle begrussten mich herzlich und voll Vertrauen nur Paula war wie die verschuchterte Taube ...

Sahst du nie eine ihrer Visionen? fragte Graf Hugo ...

Nie! entgegnete die Mutter ... Mit meiner Ankunft horte der Spuk auf ... Ich kann dir nicht leugnen, dass sie wahrend der ganzen Zeit meiner Anwesenheit krank im Bett lag ... Ja, als ich horen musste, dass meine Personlichkeit, ich, ich allein es ware, die ihr Schmerzen verursachte, gerieth ich ausser mir ... Man nannte eine fruhere Erzieherin von ihr, die ganz ebenso auf sie gewirkt haben soll ... Die Nahe eines Wesens also, das ihren Irrthumern widerstrebt, verursacht ihr Schmerzen! ... Zur Linderung ihrer Leiden berief man von Witoborn den Obersten, der mit wenigen Handstrichen sie auf Stunden beruhigte ...

Graf Hugo stand in grosser Erregung auf und machte einige Gange im Zimmer ...

Die Mutter fuhr fort:

Glucklicherweise beherrscht Monika das Schloss ... Ich schrieb dir schon, sie hat den Muth gehabt, Armgart, von der du meine Schilderungen kennst, nach England zu schicken, um dies liebe Kind aus der dustern, Verstand und Herz vergiftenden Atmosphare jener Gegend zu entfernen ... Besonders aber auch, vertraute sie mir o wie lieb' ich unsre Monika deshalb, um auf Paula Armgart's Einwirkung zu hindern ... Denn wunderlich ist auch dies Kind ... Was wir allenfalls erreicht haben, hat Monika allein vollbracht ...

Allenfalls erreicht? wiederholte der Graf mit Befremden und Unmuth ...

"Alle eure Sorge werfet auf ihn; er wird es wohl machen!" sagte die Mutter ... Ich war vierzehn Tage in Westerhof ... Comtesse Paula blieb und blieb krank ... Ich sah sie nur zweimal in Toilette, bei der ersten Begrussung, der sogleich die Krankheit folgte, und einmal, als die magnetische Behandlung durch den Obersten von besonderer Wirkung gewesen ... Sie ist sehr schon ...

Kein Bild von ihr? ...

In jener Gegend malt man nur die Heiligen, mein Sohn ... Ein Kinderportrat wollt' ich nicht mitbringen, da es nicht mehr ahnlich ist ... Sie ist schon, sag' ich dir ... Hoch und schlank und in allen Gesichtszugen edel ... Augen, Haar, alles von einem lieblichen Reiz ... Die Bildung tief, tief vernachlassigt ... Ja, mein Sohn, das ist entsetzlich ... Aber ihr Charakter sanft, leider freilich versteckt und von jener Zuruckhaltung, die mir, du weisst es, an den Katholiken so peinlich ist ... Nichts Offenes, nichts Ehrliches ... Sie versichern dich der grossten Freundschaft und du gewinnst kein Vertrauen ... Das grosse Priestergeheimniss hat sie alle mit umstrickt! ... Man glaubt, sie lebten in dem, was wir sie taglich treiben sehen aber es umspinnen sie ganz andere Dinge ... Paula heilt noch immer und segnet Kissen und Amulete, aber sie sagt, dass sie selbst nicht mehr daran glaube ... Die Geistlichkeit wunscht ihre Visionen nicht, da sie merkwurdigerweise nicht katholisch sind ... Monika sagte mir, es gabe eine Partei, die heimlich dahin wirkte, sie fur eine Besessene zu erklaren ... Das ist Aberglaube ... Aber die Macht des bosen Feindes bleibt gross ... Wenn ich je an seine umgehende Macht und die Verschmitztheit des Teufels geglaubt habe, war mir's manchmal beim Anblick dieser unstaten, irrenden, versteckten Augen ...

Mutter! unterbrach Graf Hugo die von ihren in Westerhof empfangenen Eindrucken aufgeregte Greisin ...

Ich will das jungfrauliche Kind nicht anklagen sagte die Mutter, fuhr aber ganz wie die heilige Hildegard fort: Glaubst du nicht, dass der Teufel auch die Gestalt der Engel annehmen kann? ... Doch lenkte sie dann ein, ich klage die Comtesse nicht an und theile Monika's Meinung, dass die Ehe das alles andere ... Aber ein Ja! ein Nein! von Paula selbst, von diesen halben Menschen, diesem Levinus, dieser Benigna zu gewinnen, war unmoglich ... Kurz vor dem Tage, wo ich die letzte Entscheidung wunschte, bekam ich endlich ein offenes Wort ... Aber rathe, woher? Aus London von Armgart ...

Der Graf nahm einen Brief entgegen, den die Mutter den ganzen Tag auf ihrem Herzen getragen zu haben schien ...

Seufzend zog sie ihn hervor und entfaltete ihn mit den Worten:

Dieser Brief ist ein trauriger Beleg fur die Verstokkung der Gemuther durch das Papstthum ...

Graf Hugo nahm den Brief und las, nachdem er uber die noch unfertige Handschrift wie die eines Kindes und die mit derselben so in Widerspruch stehende Wichtigkeit des Inhalts mit schmerzlicher Miene gelachelt hatte ...

"Liebes Grossmutterchen!" schrieb Armgart ...

Die Grafin unterbrach:

Ich wiederhole dir, dass dies, ich kann wol sagen, liebenswurdige Kind zwar mit den Englandern und namentlich mit Lady Elliot auf dem gespanntesten Fusse lebt, sich aber an mich, ich kann sagen, wie ein Hundchen angeschlossen hat Ja, das Wort passt ganz ... Die hohe Begeisterung, die ich fur ihre Aeltern empfinde, namentlich fur ihren Vater, den ich fast hoher stellen muss, als Monika Oder ist es blos meine Reue, dass ich ehemals Terschka's Bewerbung unterstutzen konnte? ... Genug, Armgart liebt mich wie ihre Grossmutter, ertragt alle meine Vorwurfe, murrt und knurrt dann wol ein bischen ist aber gleich wieder gut ... Doch lies! ...

"Liebes Grossmutterchen!" wiederholte der Graf ... "Wie sehr ich Dich liebe und wie ungern ich mit Dir streite, weisst Du! Porzia soll Dir"

Porzia, erlauterte die Mutter, ist in Witoborn geblieben bei jenem Hedemann, der sich mit ihr in einen Briefwechsel einliess, ihr zu meiner Ueberraschung eine italienische Bibel schenkte und sie heirathen wird ein Mensch, der mir so gefallen hat, dass ich ihn auf Castellungo besitzen mochte ... Fra Federigo wurde seine Freude an ihm haben ...

"Porzia soll Dir den Brief nur geben, wenn Du Dich wohl fuhlst", fuhr der Graf zu lesen fort. "Sind dann die Berge und dunkeln Walder meiner Heimat um Dich und die guten treuen Menschen, wie es deren in ganz England keine gibt, so verzeihe mir, dass ich, ein Kind, in so ernste Dinge hineinzureden wage ... Leider kenne ich ja schon alles, was Gattinnen, Mutter und Madchen im Leben zu dulden haben. Meine Haare sind mir im Geist schon so grau wie der Mutter. Ich bin weiter, als die jungen Ladies Elliot, die vor jedem Mann noch roth werden m u s s e n ! ... Sage: mussen Sie suchen alle mit Eifer, was ich bereits aufgegeben habe ... Meine siebzehn Jahre haben wie welke Bluten schon Samen der Erkenntniss hinterlassen ... Geprufte Seelen suchen nicht mehr fur sich das Gluck ... Auch Paula sucht nicht fur sich das Gluck ... Aber klare Rechnung haben macht den Gentleman! sagt der garstige dicke Koch Deiner Lady, der sie genug betrugt "

Ich hore die Mutter des Kindes! sprach der Graf lachelnd, doch durch seine Stimmung geneigt, zu uberschlagen ...

Selbstgerechtigkeit! warf die Mutter ein ...

"Dass Ihr Euch der Urkunde unterwerft", las der Graf weiter, "ist schon von Euch! ... Terschka rieth Dir noch vorgestern, sie durch einen Process anzuzweifeln ... Das konnte nur ein ehemaliger Jesuit rathen ... Das ist das Schlechte an den Jesuiten, dass sie so klug und pfiffig sein wollen, wie eben die Zweifler auch ... Glaube mir, unser himmlischer Vater hat auch fur den katholischen Glauben vielerlei Wohnungen ... Katholisch und katholisch ist ein Unterschied ... Wir Rechtglaubigen seufzen genug uber viele unserer Priester und mochten sie, besonders wenn sie so recht tabacksschmutzige blaue Sacktucher, grobe Pfundsohlen an den Stiefeln und harte Hande vom Heufahren und Mistabladen in ihren Hofen haben, fast hatt' ich gesagt prugeln, gerade wie, nach Onkel Levinus, die Russen mit ihren betrunkenen Popen thun ... Das wissen wir Katholiken unter uns selbst sehr gut und leiden darunter, bei der Messe sowol wie im Beichtstuhl ... Gewisse andere Priester mogen wir Katholiken auch wieder deshalb nicht, weil sie im Gegentheil wie die Tanzmeister sind ... Die, die immer suss den Mund spitzen und die Augen verdrehen und aus dem lieben Herrgott einen Conditor machen, von dem sie bei jedem Besuch Bonbons mitbringen, auch das sind fur uns rechtglaubige Christen blosse 'Pfaffen' und zu denen gehoren meist die Jesuiten alle aber auch nicht, Grossmutterchen ... Dein Fefelotti mag freilich schlimm sein ..."

Du weisst, unterbrach die Mutter, wie unsere Bedrangnisse schon anfangen? ... Ich werde zu Cardinal Ceccone gehen mussen, um das Kapitel von Cuneo anzuklagen ... Doch lies! ...

"Ebenso sagte Terschka, er wollte Beweise beibringen, dass eine gewisse Lucinde Schwarz, im Auftrag Deines 'Doctors aus dem Abgrund', an dieser Veranstaltung nicht unbetheiligt gewesen ... Ich halte Lucinden allerdings fur fahig, Feuer anzulegen; aber es gibt Verbrechen, die so gross sind, dass sie ehrwurdig werden, zumal wenn sie Gutes stiften und Engel zu unwissentlichen Mitschuldigen machen" ...

So vertheidigt die Gotzendienerin gegen Lady Elliot auch die gefalschten Rechte des Bischofs von Rom! ... warf die Mutter ein ...

"Grossmutterchen, das hat mir von Dir gefallen", las der Graf weiter, "dass Du dem falschen Heuchler, dem Terschka, endlich einmal uber eine Sache unrecht gabst ... Der erleuchtete Mann hat ewig bei Dir recht ... Ganz vornehm und wurdevoll lehntest Du die Zweifel ab und wolltest lieber Dich darein ergeben, dass Paula in ein Kloster und Euer Name und Euere Herrlichkeit zu Grund ginge, als wieder processiren und die andere Linie ins Zuchthaus schicken, wie Du sagtest ... Paula geht nicht ins Kloster ... Sie schreibt mir, dass ich es ubernehmen soll, Dir ihre ganze Meinung zu sagen ... So wisse denn: Ja! sie nimmt Deinen Sohn, wenn " ...

Graf Hugo war an dieser Stelle schon aufgesprungen und hatte den Brief voll Zorn und Abscheu von sich geschleudert ...

Schon hatte sein Auge die Bedingung gefunden, die jetzt die Mutter las, nachdem sie den Brief an sich genommen ...

Das ist es! seufzte sie ... "Wenn der liebste Beichtvater ihrer Jugend nach Wien reist, Deinen Sohn personlich kennen lernt und dann entscheidet, ob sie ihm ohne Gefahr fur ihre Seele die Hand reichen kann" ...

Der Graf war ausser sich und rief: ...

Von Terschka von hundert Zeugen weiss ich, dass sie diesen Priester liebt! .. Es ist Bonaventura von Asselyn ...

Die Mutter schwieg eine Weile, faltete den Brief zusammen und beschwichtigte den zornig Auf- und Abgehenden:

Aber sein Verwandter, der junge Benno von Asselyn, hat dir doch wohlgethan ...

Ich habe mich gewohnen wollen, sprach der Graf, dass meine Gattin das Bild einer andern Neigung im Herzen tragt ... Ich wurde mich bekampft haben ... War ich doch selbst nicht treu ... Aber ich rang danach, treu zu werden ... Ich konnte Angiolina entbehren ... Der Himmel erleichterte mir diesen Kampf ... Und nun soll der Geliebte Paula's mir personlich gegenubertreten, mich prufen, erst seine Entscheidung geben? ... Das ist mein Ruf? So werd' ich in Westerhof beurtheilt? Beurtheilt um ein Verhaltniss, das der Himmel auf diese schmerzliche Art loste? Nein! Nun trotz' ich Allem! ...

Mein Sohn ! ...

Ihr G e l i e b t e r soll mich prufen! ...

Es ist ein Priester, mein Sohn, suchte die Mutter zu beruhigen ... Einer der besseren ... Ich horte ihn predigen ...

Der Graf lehnte jede Beruhigung ab ... Das ist die Erklarung, die du von Westerhof mitbringst? fragte der Graf mit Entschiedenheit ...

Die Mutter zitterte uber seine drohenden Mienen ... Mit bebenden Lippen sprach sie:

Ich zeigte den Brief Monika ... Diese, emport daruber, sturmte zu ihrer Schwester Benigna ... Benigna zog den Onkel Levinus ins Vertrauen ... So traten sie alle drei an Paula's Lager und fragten sie, ob so wirklich ihr Entschluss ware? Ob sie wirklich so nach London geschrieben hatte? ... Ja! sagte sie, wandte sich ab, sah an die Wand, wo ihr Crucifix hing und ihr Weihwasserbecken sprach kein Wort mehr und mit dieser Entscheidung kehr' ich zuruck ...

Der Graf konnte sich nicht beruhigen ... Seine Erinnerung an die Hingebung Angiolinens, sein Stolz, die Erwagung seiner ihn zur Annahme solcher Bedingungen zwingenden Verhaltnisse, ja eine Spannung sogar auf Paula, die zu einem tiefern Interesse geworden war, alles sturmte zu machtig auf ihn ein ...

Er rief aus:

So beginne aufs neue der Process! Ich zweifle die Urkunde an ... Terschka muss helfen ...

Mein Heiland! rief die Mutter entsetzt und mit gefalteten Handen ... Daruber gehen wir zu Grunde! ... Die Zickeles subhastiren Salem und Castellungo ...

Mag es! rief der Graf wild und riss sich los ...

Verzweifelnd stand die Mutter und horte das Verhallen seiner Sporen, das heftige Zufallen der Thuren, die er aufriss ... Nicht zu seinen Zimmern im Palais ging er ... Er wandte sich zur grossen Treppe ... Sie eilte ihm nach ... Er war verschwunden ...

Graf Hugo sturmte dahin ... In seinen weissen Mantel gehullt, mit klirrenden Sporen ... Sein Innerstes gelahmt durch jenes tiefe Weh, das sich uber unsern ganzen Menschen ausbreitet wenn wir Ruhrung uber uns selbst empfinden ...

Er irrte um die Freyung, wo sich ihm ein so schnell gefundener Freund so schnell wieder entzogen hatte ...

Er irrte in die Nahe der dunkel gelegenen Kirche, wo die Gedachtnissmetten fur Angiolinen gehalten wurden ...

Er irrte einem Platze zu, wo sich die stolzen Gebaude des Kriegsministeriums erheben, bei dem er sein Abschiedsgesuch zuruckzunehmen gedachte ...

So kam er zu den sogenannten "Obern Jesuiten", zum Haus des heiligen Stanislaus ...

Eine Weile stand er trauernd in der dunkeln Gasse ...

Da horte er einen getragenen Gesang aus einem hintern Hofe her mit einfacher Klavierbegleitung ...

Therese Kuchelmeister machte mit den Professoren Dalschefski und Biancchi das nicht zugelassene, in schneller Begeisterung gemeinschaftlich aus alten Studien zusammengestellte Requiem ...

Bei einem sanften Minore, in dem die Worte: Dona eis pacem! erklangen, liess Therese mit den Worten: Jesus, der Graf! die Noten fallen.

12.

Einmal, eh' sie scheiden,

Farben sich die Blatter roth,

Einmal noch in Freuden

Singt der Schwan vor seinem Tod

Und an edeln Baumen,

Wenn der Winter vor dem Thor,

Bricht in irrem Traumen

Wol ein Fruhlingsreis hervor

Stirbt der Lampe Schimmer

In des Dochts verkohltem Lauf,

Zuckt mit hellem Flimmer

Einmal noch die Flamme auf

Einmal wird gelingen,

Eh' mein Stundensand verrollt,

Mir von guten Dingen

Eines noch, was ich gewollt

Eins wird sich erfullen,

Eine Freude wird, wie Wein,

Schaumen uberquillen !

Mag es dann geschieden sein.

So fuhlte Bonaventura in einem Winter, wo die Novembertage noch fast sommerliche Sonnenstrahlen entsendeten und die Mandelbaume zum zweiten male zu bluhen, die Hecken neue Sprossen zu treiben begannen ... Die Vorlagen waren fertig, die Bonaventura, uberdrussig der wieder aufs neue begonnenen Anfeindungen jetzt infolge seiner Predigt sich in der That erboten hatte, dem Cardinal-Legaten in Wien zu uberbringen ... Benno hatte uberraschend schon aus Rom geschrieben und welchen Inhalt barg sein der Sicherheit wegen durch reisende Geistliche uberbrachter Brief! ... Wie erschutternd, wie befruchtend fur ein ganzes Leben! ... "Komm' auch Du heruber", hiess es nach der Erzahlung alles dessen, was Benno in so wenigen Tagen erlebt hatte; "ich weiss einen Bischofssitz in Italien, der nur allein Dir gebuhrt und der Dir angetragen wird, sobald Du in Wien angekommen bist und an einem gewissen Altar zu 'Maria Schnee' dreimal celebrirt hast" ... Er hatte den Sitz, um Aufregung wegen Paula zu vermeiden, nicht genannt ... Und vom Onkel Levinus war in der That die feierliche Aufforderung gekommen, seine Ermunterung zu Paula's Ehe zu wiederholen, aber nur erst dann, wenn er den Grafen Hugo personlich gesehen, gesprochen und seine Wurdigkeit gepruft hatte ...

Im ersten Schmerz nach dem Empfang dieses Briefes sagte Bonaventura: Das ist das erste strafende und herbe Wort, das ich aus Paula's Munde vernommen! ... Eine auferlegte Busse! Eine Strafe! ... Sie will, dass ich den Kelch, den ich ihr so kalt reichte, selbst leeren helfe! ...

Jedes Glocklein in der Mette, jeder Orgelton sprach ihm jetzt: Sustine et tolle! Halte aus und trage ... So wollte er denn reisen und langer fortbleiben ... Er wollte nach Italien, nach Rom ... Er nahm Urlaub auf ein Jahr ...

O du Kreuz, du Holz der Suhne,

Wahres Heil der Welt, o grune,

Grune, bluhe, sprosse fort !

war der Text seiner Abschiedspredigt ...

O crux, lignum triumphale,

Mundi vera salus, vale,

Fronde, flore, germine

Worte des Hugo von Aurelia, die ihm Gelegenheit gaben, auch von der "Schonheit der Leiden" zu sprechen ...

Bonaventura stand wieder unter doppelter Anfeindung ... Ebensowol von der Regierungs- wie von der kirchlichen Seite ... Zwar hatte er die Genugthuung erhalten, dass gegen Cajetan Rother eine Untersuchung eingeleitet wurde, die der junge Enckefuss mit Erbitterung fuhrte ... Bonaventura hatte in Betreff der jetzigen Madame Piter Kattendyk richtig geahnt, dass der ungetreue Hirt den religiosen Hang und Treudchens Trauer ebenso gemisbraucht hatte wie ihre geringen Geisteskrafte ... Er hatte sie zur Heiligen methodisch erziehen wollen ... bestialischer Verwilderung nur innerhalb der geistlichen Gerichtsbarkeit zu bestrafen, ging aufs ausserste ... Die Kirche ist gegen die Verbrechen ihrer Kleriker strenger, als irgend ein weltliches Gesetz; nur will sie dann allein strafen und dem Staat den Einblick versagen ... Bonaventura musste Zeugenaussagen vor Gericht geben Auch das mehrte sein Unbehagen. Er sehnte sich fur immer fort ... Er hatte die Ahnung, nicht wiederzukommen ...

Je vollstandiger die Rustung Bonaventura's zu seiner Reise sich abschloss, je mehr sie den Charakter annahm, den nur allein Renate nicht bemerkte, dass er vielleicht in ein ganz nur der Gelehrsamkeit gewidmetes Benedictinerkloster an der Donau oder in der Schweiz trat, desto banger wurde ihm die Erinnerung an Lucinde ...

Wird sie, sie dich so ziehen lassen? sagte er ...

Er erfuhr von Thiebold, dass sie zwar aus dem Kattendyk'schen Hause zur Frau Oberprocurator Nuck gekommen ware, aber nur auf acht Tage, und dass sie plotzlich dort verschwunden war ...

Thiebold errothete, als er gestand, dass Nuck in seiner Verzweiflung auch zu ihm gekommen war und ihn gebeten hatte, beim Domkapitular anzufragen, ob dieser keine Auskunft uber sie wisse ... Bonaventura nahm acht Tage vor seiner Reise keine Beichte mehr ab ... Er erschrak theils uber die Voraussetzung seiner nahern Bekanntschaft mit Lucindens Verhaltnissen, theils in Vorahnung, dass mit dieser Nachricht vielleicht wieder seine Reise in Zusammenhang gebracht werden musste ... Die Abschiedsscene vor seiner Reise nach Witoborn, die Erinnerung an die damals gegen ihn ausgestossenen Drohungen stand schreckhaft vor seiner Phantasie ...

Noch vor acht Tagen begegnete ich ihr in der Kathedrale, sagte er ... Sonst seh' ich sie ja schon lange nicht mehr, da sie meinen Beichtstuhl nicht besucht ...

"Besuchen darf!" hallte es in Thiebold wieder ... Es wusste dies die halbe Stadt ...

Nachdem Thiebold mit tausend Segenswunschen, mit guten Rathschlagen, mit Grussen an Benno, mit Verwunschungen der grossen Demosthenes-Rolle seines Vaters bei den Landstanden gegangen war, fiel erst recht der Schrecken der Mittheilung uber Lucindens spurloses Verschwinden auf Bonaventura's Brust ...

Es war am Abend vor der Abreise ... Sieben Uhr ... Draussen schon lange alles finster Sein Gepack geordnet ... Dann und wann blickte er auf die matterhellten oden Gange des Kapitelhauses ... Es war ihm, als musste es plotzlich pochen und als wurde ihm wieder eine ausserste Erregung kommen ...

Konnte er sich verbergen, dass er Tag und Nacht an Lucinde dachte! ... Furcht vor ihren Drohungen zwang ihn dazu ... Jeder irgendwie bedeutendere Vorfall in seinem Leben weckte die Erinnerung an die ihn betreffenden Verhaltnisse, die sie in ihrer ewigen Obhut zu haben erklart hatte ... Diese Drohung, dass sie jeden Segen, den er zu verbreiten hoffte, in Fluch verwandeln konnte, vergass er nicht und nahm sie, immer und immer wieder gedenkend, nicht so leicht, wie der Onkel ihm gerathen hatte ...

An diesem Abend vor seiner Abreise kam ihm wieder die trube Vorstellung mit ganzer Macht ... In sich steigernder Angst hatte er seine Thur verriegelt ... Er hatte sich allen Abschieden entzogen ... Die Briefschaften an den Cardinal Ceccone, in denen die Curie um die Nachgiebigkeit Roms flehte, lagen in einem geheimen Fach eines seiner mehrern Koffer ... Er rechnete an seiner Baarschaft, siegelte die Briefe nach Witoborn und Kocher am Fall und wollte zeitig zur Ruhe ... Das Dampfschiff brach schon in erster Fruhe auf ...

Er hatte die Karte vor sich ausgebreitet ... Sein Auge schweifte bald auf die nachsten, bald die entferntesten Gegenden ... Auf Kocher am Fall, wo ihn ein Bangen ergriff: Den theuern Onkel siehst du nicht wieder ! ... Auf Westerhof und Witoborn, wo so viele Herzen gerade jetzt mit gleichen Empfindungen an ihn denken mochten ... Paula! ... Ein verklungener Glockenhall ... Jene "letzte Freude" seines Liedes vielleicht "aufschaumend" vor dem Tode ... Die eigene Mutter die ihre Theorie vom Nichtwissen, das dem Menschen bei mislichen Dingen besser ware, als Wissen, auch auf die Verhaltnisse mit Benno ubertrug und dem Sohn noch vor kurzem geschrieben hatte: "Wittekind ist so gewissenhaft; rege ihn nicht auf mit Benno's Mittheilungen aus Wien! Allein schon die Nachricht uber den Tod Angiolinens raubte ihm die Ruhe der Nachte" ... Auf die Donau sah er dann, auf Wien und seine Umgebungen, wo er den Grafen Hugo prufen sollte ! Prufen, glaubte er, ohne dass es Graf Hugo wusste Ach, es war wieder jene Welt der Beichtgeheimnisse, in denen er lebte, jene Welt, wo der Sohn vom Vater, die Tochter von der Mutter, der Schuler vom Lehrer, Gesinde von der Herrschaft spricht ... Schon hatte er jene katholischen Priesteraugen, die so irrend umgehen ... Wird es dir in Rom, auf das er blickte, gehen wie dem Augustinermonch Luther? ... Wirst du Castellungo beruhren durfen und deine Mutter wirklich als in Bigamie lebend erkennen? ... Wirst du dich nur bei Nacht zu Fra Federigo stehlen durfen, wie Nikodemus zum Herrn? ... Wirst du so fortleben in deinem Beruf? Halb in Hass, halb in unerklarter Liebe zu ihm? ... Wo ist Versohnung? ... Und siehst du Benno und die beiden fluchtigen Alcantariner? ... Siehst du das Schreckbild unsers Glaubens Klingsohr? ... Siehst du den "Abtodter", der vielleicht am Brand in Westerhof betheiligt ist? ... Sinnend fiel sein Blick auf die Karte dahin und dorthin ... Mit den Alpen brach sie ab ... Da lag noch der St.Bernhard ... Da lag St.-Remy, wo sein Vater begraben sein sollte ... Da Aosta ... Dann dachte er wieder, grade diese Gegend musse er meiden, eben des Vaters selbst wegen, der todt sein wollte ... Zuletzt ging es auf der Karte bergab gen Suden mit hundert kleinen Gebirgswassern, die wie Faden eines Nervengeflechts dahinschossen, durchschnitten vom Langenmass der Karte ... Castellungo, Cuneo und Robillante lagen tiefer abwarts, am Fuss der Meeralpen, jenseit Turins ...

So in das geheimniss- und verhangnissvoll Leere blickend, erschrak er vor einem plotzlichen Pochen ...

Er glaubte sich geirrt zu haben ... Das Pochen war leise und wiederholte sich nicht ...

Das grosse Gebaude war in seinem Haupteingang verschlossen ... Eines Ueberfalls verdachtiger Personen konnte er nicht gewartig sein ...

Das Pochen erfolgte nach einer Weile zum zweiten mal und Bonaventura glaubte nun schon nicht anders, als Lucinde stunde draussen ...

Der erste Strom, der sich von seinem erregten Gemuth uber alle seine Nerven ergoss, war Todschrekken ...

Seine Hand langte nach dem Klingelzug und klingelte ...

Es wahrte lange, bis seine trauernde Renate kam und die verweinten Augen barg ...

Sehen Sie doch, wer draussen ist! sagte er bebend ... Ist es die Ihnen bekannte Person, so bin ich nicht zu sprechen ...

Mit diesen Worten ging er in das Nebenzimmer und horchte an der Thur, wer sich meldete ...

Renate hatte geoffnet ...

Die Stimme musste nur leise sprechen ... Bonaventura konnte nichts vernehmen ...

Renate kam zuruck und berichtete:

Es ist eine kleine gebrechliche Person ... Eine Judin, wie sie sagte ... Den Namen hab' ich nicht behalten ...

Eine Judin konnte zu Bonaventura nur kommen, um uber die Taufe zu sprechen ... Der Fall war ihm neu ... Lucinde war es jedenfalls nicht ... Diesem Besuch konnte er sich nicht entziehen ...

Ich esse nur wenig zu Nacht, sagte er milder zu Renaten, und gehe dann zeitig zur Ruhe ...

Renate seufzte und liess ihren "Sohn" allein ...

Er betrat sein Zimmer ... Die bescheidene Judin war auf dem Corridor geblieben ...

Treten Sie doch naher! sagte er und leuchtete mit der Studirlampe an die wieder von ihm geoffnete Thur ...

Eine kleine Person, in einen schon glanzenden schwarzen Atlasmantel gehullt, der beim Verbeugen aufschlug und die rechte Schulter etwas hoher zeigte, als die linke, in einem warm gefutterten grossen Hut, aus dem zwei lange schwarze Locken und im Grund nur eine Nase heraussahen, trat einen Schritt naher und bat fur die spate Storung um Entschuldigung ...

Womit kann ich dienen? fragte Bonaventura und stellte die kleine grunlackirte Studirlampe auf den Tisch, dem befangenen Besuch einen Sessel darbietend ...

Ich wurde nicht gewagt haben begann die kleine Gestalt Herr Priester Hochwurden in so spater Stunde aber da ich Verwandte die von Ihrer Gute, lieber Herr ich meine Herrn Seligmann in Kocher am Fall ...

Herr Lob Seligmann! unterbrach Bonaventura die nur hustend, athemlos und rauspernd hervorgebrachten Worte mit der ihm eigenen Herzlichkeit ... Ist der Treffliche ein Verwandter von Ihnen? ...

Nicht zu nah und nicht zu fern! Gerade wie bei Verwandtschaften am besten ... lautete die schon dreistere Antwort Veilchen's, die jetzt ihren Namen Igelsheimer wiederholte und sich setzte, indem sie, als Bonaventura ihren Namen fragend nachsprach, sogleich fortplauderte:

Fur unsere Namen konnen wir Juden nicht ... Die hat uns die Polizei gegeben ... Wenn auf die Aemter zu viel Moses und Isaaks und Abrahams kamen und die Schreiber nicht wussten, welches der Abraham Moses und welches der Moses Abraham war, so nahmen die Herren Actuare voll Zorn ganze Gemeinden her und sagten: Dem wollen wir bald ein Ende machen! ... Und da die Juden ohnehin die Vorstellung von Thieren auf der Jagd wecken, so kamen die schonen Namen Bar, Hirsch, Lowe, Wolf, Adler, auch Hausthiere: Ochs, Kuh, Rindskopf, Rindsmaul Nur den Esel gaben sie keinem, weil Dummheit auf keinen von unsern Leuten passen wollte! Andere Namen sind nach den Orten gewahlt, wo die Leute her sind, Fuld, Worms, Oppenheim Ich weiss nicht, wo auf Ihrer Landkarte da mein Stammsitz Igelsheim liegen mag ...

Durch diese uberraschend dreiste, aber anspruchslos vorgetragene Rede war Bonaventura gewonnen ... Er stutzte den Arm auf seine Landkarte und ruckte die Lampe naher, um, wie er sagte, vielleicht einen Familienzug mit der braven Frau Lippschutz zu entdecken, die in Kocher am Fall zu seinen speciellen Gonnerinnen gehort hatte ...

Ich bin aus der Art geschlagen! sagte Veilchen. Die Seligmanns sind sich untereinander nicht ahnlich. Der, bei dem ich wohne, Nathan ist er geheissen, in der Rumpelgasse, gleicht zu seinem Bruder, wie ein Holzapfel einem Paradiesapfel ...

Bonaventura horte kaum den Namen der "Rumpelgasse", als er sich auf Lucindens letzte Beichte, auf Klingsohr's Beziehung zu dem Trodler Seligmann und die dabei erwahnte Hulfe einer Judin besinnen musste ...

Schon betroffen fragte er nochmals, womit er dienen konnte ...

Veilchen machte eine Pause und sprach, ihre zuruckkehrende Verlegenheit durch das Luften ihres Mantels verbergend:

Herr Priester! Ich mochte mir die Frage erlauben: Was halten Sie von der menschlichen Consequenz? ...

Bonaventura glaubte nun doch, dass von einem Religionsubertritt die Rede sein sollte und antwortete:

Sie kann eine grosse Untugend sein, wenn sie mehr ist, als Treue gegen uns und andere ...

Mit Erlaubniss ... Treue gegen andere kann nicht Consequenz sein, entgegnete Veilchen ... Was die andern Liebe und Treue nennen, die man ihnen gewahren soll, fuhrt den Menschen immer im Kreise rundum ... Die Liebe ist ja das eigensinnigste Ding von der Welt und Gegenliebe kann nicht consequent sein ...

Bonaventura fand in diesen Worten keinen Uebergang zum Bedurfniss der Taufe ...

Ich sagte schon, sprach er, dass ich die gerade Linie in unsern Handlungen nicht liebe, wenn sie zum todten Gesetz wird ... Aber keine wahre Liebe wird Untreue gegen uns selbst verlangen ...

Herr Priester, die Liebe will den Lowen zum Hasen, den Konig zum Bettler, den Philosophen zum Narren machen Konnen Sie bleiben, was Sie sind, so hort die Liebe auf ... Frauenliebe gewiss ... Eine Frau verlangt, dass der Mann um ihretwillen seinen Glauben abschwort ... Sie verlangt's nicht immer und nicht im ganzen Jahr und nicht bei feierlicher Gelegenheit; aber wenn sie gerade schlecht geschlafen hat, sagt sie: Das hilft gegen Kopfweh! und es muss dann sein ...

Wohl jedem, der von einer solchen Liebe verschont wird! entgegnete Bonaventura lachelnd ...

Aber alle Liebe ist so! meinte Veilchen ... Die Liebe will im andern untergehen, um in sich selbst desto schoner wieder aufzustehen ... So lieben wir einen Mann, so die Natur, so Gott ... Was ist Religion, Herr Priester? ... Gefuhl von Kraft oder Schwache? ... Bei den meisten wol nur von Schwache ... Gott soll uns lieben, weil wir ihn lieben ... Er soll uns das ewige Leben dafur auswechseln ... So sind wir auch meist uns selbst getreu, d.h. "consequent", weil uns Inconsequenz ein heroisches Opfer kosten wurde ...

Wo sollen diese Sophismen hinaus? dachte sich Bonaventura ...

Sie werden ungeduldig! sprach Veilchen, blickte nieder, schwieg eine Weile und begann ihren Hut etwas aufzubinden ... Die Verlegenheit machte ihr heiss ...

Bonaventura nahm ihr ganz den Hut ab und legte ihn auf den Tisch ...

Danke! sagte sie, indem sie sich die langen Locken strich ... Ich bin eitel ... Sie konnten glauben, mein Gesicht ware blos Nase ... Sie ist freilich mein starkstes Organ geworden ... Alle Menschen haben in ihrem Alter einen Theil des Korpers, der die Oberhand gewinnt ... Beim einen ist's der Magen, beim andern die Galle, beim dritten die Leber bei mir die Nase! ... Ein feines Organ! ... Der Sitz der Phantasie! ... Die Phantasie hab' ich in meiner dunkeln Rumpelgasse nothig! ... Ich gehe des Jahrs nicht zehnmal an die Luft ... Ich will nicht! ... Was sag' ich "will nicht!" ... Mein Wille stellt sich an den Kleiderschrank und wird verdriesslich, wenn er kein Kleid findet, das ihm zum Ausgehen passt ... Consequenz! Wille! ... Ich kenne z.B. ein schones junges Madchen ...

Veilchen hielt inne ... Ihr Auge blitzte forschend auf ...

Bonaventura athmete horbar ...

Dem schonen Madchen hab' ich oft gesagt: Deine Liebe, Kind, ist ein Irrthum; ist blos eine Luge gegen dich selbst! Dich verzehren Eifersucht, Stolz! Deine Liebe gegen den gewissen Mann ist sogar blos Rache! Willst ihn nur qualen, immer an dich erinnern sagst darum: Ohne ihn sterb' ich! ... Das Madchen gibt's zu. Gibt zu, dass ich ihr sage: Du bedarfst dieser Einbildung, um Kraft zu haben, nicht gegen andere schwach zu sein! Mochtest sundigen wenn die Natur sundigt aber aus Berechnung klammerst du dich an deinen Wahn nennst d e n Treue! ... Schuttelt sie den Kopf! ... Wahr ist's, das Madchen ist geflohen vor einem schlechten Mann und wohnt versteckt in meinem Schlafstubchen und ist krank aus "Liebe!" ...

Bonaventura hatte sich bei diesen Worten, die mit einem prufenden, fast listigen Forschen der von unten her zu ihm aufblickenden Augen vorgetragen wurden, schon erhoben ...

Zwei Empfindungen kampften in seiner Brust ... Ein Gefuhl der Entrustung uber die dreiste Absicht dieses Besuchs und die Verzweiflung um Lucindens nicht endendes Wuhlen ... Dass er eine Botin Lucindens vor sich hatte, sah er jetzt ...

Veilchen erschrak vor seinem Aufstehen und sagte einlenkend:

Bitte, mein Herr! Was ein romischer Priester gelobt hat, ich weiss es sehr gut und hab' es einst selbst erfahren ... Sie haben gewiss, setzte sie mit sich ermuthigendem, scharfern Ton hinzu, von jenem Leo Perl gehort den Ihr Herr Oheim einst verfuhrte zu einem gewissen Betruge ...

Dies Wort kam ganz muthvoll ...

Bonaventura starrte die kuhne Sprecherin an, die uber einen so machtigen Blick dann doch den ihrigen wieder niederschlug ...

Bitte, Herr Priester! flusterte sie ... Vergebung ... Aber wahr ist's doch ... Herr Leo Perl hatte mir die Ehe gelobt ... Ich weiss nicht, ob ich zum Lachen bin, wenn ich mit dieser Gestalt sage, dass ich nach Witoborn reiste mit unserer Base, Henriette Lippschutz, und mit ihrem Mann und dass wir ein Fenster mietheten dem geistlichen Seminar gegenuber ... Ich war nicht schon, aber ich hatte noch Wangen um diese grosse Nase ... Ich hatte einen Mund noch mit Lippen ... Kein Bild war ich, aber weisse unechte Perlen standen mir gut im schwarzen Haar ... Der arme Narr, der ein Heiliger werden wollte, weil er Jesum von Nazareth glaubte bei der falschen Hochzeit beleidigt zu haben ...

Bonaventura konnte keine Worte fur sein Erstaunen finden ...

Vom Kronsyndikus von Wittekind mein' ich die Hochzeit mit der Italienerin! ...

Veilchen, die einzige Vertraute Lob Seligmann's, sprach fest und bestimmt ...

Wahrend Bonaventura vor Entsetzen sprachlos starrte, kehrte Veilchen auf die Erscheinung, die sie am Fenster abgegeben haben mochte, zuruck und sagte:

Jedes Auge ist schon, wenn Thranen darin stehen ... So erregte auch mein bittender Gruss, mein verzweifelnder Blick in das geistliche Seminar hinuber, wo ich den gelehrten Mann hinter Eisenstaben erblickte, seine Verzweiflung ... Er wollte umkehren ... Ich erfuhr es ... Aber es war zu spat ... Um der Thranen willen, die ich Ihrem Oheim verdanke, Herr Priester, verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen in so spater Nacht aufs Zimmer komme und Sie bitte: Horen Sie dem Fraulein Lucinde, ehe Sie reisen, und wenn in diesem Augenblick, noch einmal einmal die Beichte ...

Bonaventura war uber die Bekanntschaft einer dritten Person mit diesen tiefsten Geheimnissen seiner Familie ausser sich ...

Er stand nur, unbekummert um Lucindens jetzt vorauszusetzende unmittelbare Nahe, unbekummert um die durch einen solchen Nachtbesuch ihm drohende Beschadigung seines Rufes, und starrte die Sprecherin mit vor Schreck geoffneten Augen an ...

Furchten Sie aber nichts, Herr Priester! sagte Veilchen ... Das schonste Wissen einer Frau ist das, das sie in ihr Herz einschliesst ... Und was ich I h n e n sage, weiss ich auch nur von einem, der, wie unsere ganze Familie, vor dem Dechanten in Sanct-Zeno viel zu viel Verehrung und Liebe hat, um je davon einen Misbrauch zu machen ... Der Mann wird Sie sehen, Sie mogen ihn fragen, woher er diese Dinge in Kenntniss genommen hat und er wird Ihnen ausweichen und Sie blos fragen nach Broder's lateinischer Grammatik ...

Lob Seligmann?! ... sagte Bonaventura mit tonloser Stimme ...

Von ihm weiss ich, fuhr Veilchen fort, dass Leo Perl mich nicht aus Untreue verliess, sondern gezwungen durch Umstande, die ihren Grund auch in seinem unglaubigen Aberglauben, seiner geistreichen Narrheit gehabt haben mogen ... Ich weiss aus hundert Briefen, dass er den menschlichen Willen bestritt und nichts gelten liess, als den Zufall ... Er liebte Ihren Oheim so, dass ich darauf eifersuchtig wurde ... Er nannte uberhaupt die Leichtsinnigen erst die wahren Menschen ...

Bonaventura hatte nun die ausserste Furcht um Benno's Geheimniss, um Lucindens neue Mitwissenschaft so gefahrvoller Verwickelungen ... Diese Furcht ausserte er zunachst ...

Werd' ich, sagte die Judin, da ich schon die Liebe des Madchens zu Ihnen eine Rache genannt habe, noch neue Kohlen darauf schutten! ...

Dann bat sie, dass im Gegentheil der Herr Domapitular den gezwungenen Lauscher auf Schloss Neuhof schonen mochte ... Sie erzahlte dessen Abenteuer ... Sie fugte hinzu, dass er zwar die Charaden gehort hatte, aber nicht ihre Auflosung ... Sie verlor sich in die Erinnerung an Leo Perl und schloss: Er fand den Hochmuth der Sangerin Maldachini gewiss nur lacherlich, weil er sagte: Was ist denn Eure Tugend? ... Die Bequemlichkeit der Umstande! ... Und seinem Freund, dem damaligen Kaplan von Asselyn, konnte er nichts abschlagen ... Seine Angst und die Scham kam erst, als er die Priesterkleider schon anhatte und die betrogene Frau vor ihm stand ... Da weiss ich, dass er gern hinausgesturzt ware in den hellen Mondscheinwald und hatte, schon um zu bussen denn bussen, das ist grade unser Judisches die Kleider nicht wieder abziehen mogen ... Auch dass er zur Suhne an dem Betrug einen andern schonen Park, den in Kocher am Fall, aufgab, den Park, wo ich von ihm Spinoza und Liebe ohne Leidenschaft kennen lernte, auch das ist diese Kasteiung, die die Christen blos uns Juden verdanken ... Das Christenthum ist die grosste Schmeichelei an uns Juden ...

Ein Lacheln begleitete diesen Scherz ... Doch es erstarb schnell, da sie Bonaventura's Erregung sah ... Sie fuhr fort:

Vor seinem Tode gab Perl einem Monch Namens Hubertus, er ist jetzt in Rom, eine lateinische Schrift, die dieser einem hohen Geistlichen in Witoborn ubergeben sollte, aber erst dann, wenn er ohne ein Aergerniss begraben worden ware ... Seltsam, dass ich diese Schrift gesehen habe ... Ich sah sie in der Hand des Fraulein Lucinde ... Es war in diesem Janner ... Kurz vor Ihrer Abreise nach Witoborn ... Das Fraulein brachte die Schrift von einer gefahrlichen Unternehmung mit, von der Sie ja wissen als sie den Pater Sebastus aus dem Professhause befreien wollte ...

Bonaventura stand voll bebender Combinationen: Leo Perl Seine Reue uber den Uebertritt der Zwang des Kronsyndikus Seine Pfarre in Borkenhagen Seine eigne Taufe durch Perl die Schrift Lucindens Drohung ...

Veilchen fuhr fort:

Es war ein Brief, den ich nicht lesen konnte in Latein Aber vielleicht war es derselbe an den Bischof von Witoborn, von dem Lob Seligmann gehort hat, dass er leicht in die Hande Ihres seligen Herrn Vaters hatte kommen konnen, da dieser gleich nach dem Tode des Bischofs Konrad, der unmittelbar nach dem Tod des Leo Perl erfolgte die geistlichen Archive ordnete ...

Bonaventura horte nur ... Aber er horte, wie der Verbrecher in Vorahnung eines uber ihn gefallten Todesurtheils den Anfang seiner Sentenz lesen hort ... Er wollte nicht verrathen, was in ihm vorging ... Er wollte seinem Antlitz den Ausdruck der Ruhe und Fassung geben ... Umsonst ... Ein eisiger Frost durchschuttelte seine Glieder ... Seine Zahne fingen an zu zittern ... Er ahnte einen tiefen, tiefen, e w i g e n Verdruss seines Lebens ... Er that einige Schritte vorwarts und sank auf einen Sessel ...

Mein Gott im Himmel ! rief die Judin, erschrekkend ebensowol uber Bonaventura's Anblick, wie uber ihr Unvermogen, einem ohnmachtig werdenden Manne helfen zu sollen ... Was ist Ihnen? ...

Bonaventura's Gedanken konnten nicht anders lauten, als:

Lucinde sagte, mit dem Inhalt jenes Briefes konnte sie dich ewig in ihren Handen halten? Deinen Segen konnte sie in Fluch verwandeln? Selbst wenn du die dreifache Krone trugest, konnte sie alle deine Handlungen ungeschehen machen? ... Was gibt ihr diese Kraft? ... Was gibt dir diese U n k r a f t ? ... Bist du kein Christ ? ... Bist du nicht getauft ? ... Bist du nicht r i c h t i g getauft ? ...

Nun schossen seine fiebernden Gedanken weiter:

Du bist von Leo Perl in den Tagen getauft, wo sein Gemuth von Reue uber seinen Schritt, von Wuth uber den Kronsyndikus, der ihn zwang, Priester zu bleiben, ergriffen war ... Diese Stimmung behielt er vielleicht lebenslang ... Seine ganze Stellung war die der Zerfallenheit mit sich, die der Reue uber sein ubereiltes Christwerden, der Rache fur den Zwang, der ihm zuletzt auferlegt wurde, der jahrelangen Verstellung ... In dieser Schrift bekannte er sich schuldig, alle seine kirchlichen Functionen ohne Absicht und Direction des Willens vollzogen, dich und andere "ohne Intention" getauft zu haben ... Der Bischof starb schnell hinter Leo Perl ... Sein Vater nahm die Urkunde an sich und unterdruckte sie ... Leo Perl war todt, das Verbrechen war geschehen, nicht anders ruckgangig zu machen, als durch neue Taufe ... Dein Vater, das Aufsehen einer solchen Handlung furchtend, langst schon ihrer Ehescheidungsverweigerung wegen zerfallen mit der Kirche, behielt diese Urkunde, zerstorte sie jedoch nicht, sondern legte sie fur kunftige Enthullungen zuruck, band sie ohne Zweifel dem alten Mevissen auf die Seele ... Dieser nahm sie mit in sein Grab, wo sie lange Zeit unzerstort bleiben konnte, bis sie gefunden werden sollte, dann vielleicht wenn es Fra Federigo, vielleicht einst am Tag der Versammlung unter den Eichen von Castellungo, begehrte ... Picard fand dies Papier im Sarge und gab es Lucinden zur Uebergabe an mich ... Lucinde las es ... Sie, sie, die die ganze folgenschwere Wucht unserer Lehre von der I n t e n t i o n bei priesterlichen Handlungen kennt, die Lehre von der w i r k l i c h e n A b s i c h t , auch den aussern Ritus so zu m e i n e n , wie man ihn vollzieht, sie, die schon hohnisch sagen konnte, Ulrich von Hulleshoven und Monika, die gleichfalls in jener Zeit von Leo Perl getraut worden, konnten in Rom bei der Behorde der Gnadenertheilung, der Sacra Dataria, ihre Ehe getrennt erhalten Sie weiss es, dass du nach unsrer Lehre der von Rom ganz in die Priestermacht gegebenen Seele ein Ungetaufter bist, ein Nichttheilnehmer, noch weniger ein Forderer am Gottesreich ... Sie konnte dir drohen, dass alle deine Handlungen als Priester zuruckgehen mussten, wenn sie, sie es wollte Denn nach Roms Gesetzen bist du, ob auch getauft, ein H e i d e ! ...

Die Hande schlug Bonaventura vor die Augen ... Zwei Convertiten, Leo Perl und Lucinde, hielten das katholische Christentum an seinen C o n s e q u e n z e n fest ... Was Jedem Thorheit erschienen ware, fur die Welt, in der Bonaventura eingesponnen lebte, lag hier ein unermessliches Aergerniss vor ...

Er besann sich und that, als wollte er nur einen plotzlichen Anfall von Unwohlsein verbergen ...

Es wird vorubergehen! sprach er und hielt die Judin zuruck, die, thatunkraftig wie sie war, zwar nach Wasser sich umblickte, nicht aber darnach gehen konnte ... Obgleich Glas und Flasche hinter eben demselben Epheu standen, den damals Lucinde zerpfluckt hatte ...

Das sah er, die Judin besass nicht Lucindens ganzes Vertrauen ...

Ihre Flucht vor Nuck, ihre Liebe hatte sie ihm gestanden ...

Die Judin hatte es vielleicht aus eignem Antrieb ubernommen, den tugendstolzen Priester in seiner Abweisung menschlicher Schwache wankend zu machen ...

Das aber sah er: Sie wusste nichts vom Inhalt der Leo Perl'schen Schrift, nichts von der Bedeutung der Intention in der katholischen Kirche ... Sagte sich Leo Perl bei der Taufe Bonaventura's: Ich habe n i c h t die Absicht, dass das, was ich eben thue, das ist, was die Kirche damit will! so war und blieb Bonaventura ein Heide ...

Der Gefolterte, dem das Schicksal alle Prufungen der Seele verhangt zu haben schien, hatte vom Stuhl, von dem er sich erhob, muhsam das Kanapee erreicht ...

Da sank die lange schlanke Gestalt allmahlich und langsam nieder ...

Das blasse Haupt aufstutzend rang er nach Fassung ... Seine Gedanken rollten ihm um wie die wirbelnden Kreise des Philosophen von Eschede ... Sie traten ihm wie ein buntes Flimmern vor die Augen ... Er wusste keine Vorstellung mehr festzuhalten ... Vorwurfe, Anklagen, mit denen sich das bedrangte menschliche Herz in solchen Lagen zu helfen pflegt, kamen ihm nicht naturlich und freiwillig ... Nur ein Chaos der schmerzlichsten Vorstellungen uber die Thatsache und ihre Folgen war es ... Es rief ihm alles: Also auch das ist moglich! Moglich unter Menschen, die sich auf diese Art glauben unter die Herrschaft des Geistes gestellt zu haben! ... Das geschieht dir, dir mit deinem redlichen Willen, der dir befiehlt, nicht zu murren gegen dein halb schon bereutes Priesterjoch! ... Das geschieht dir in dem Augenblick, wo du dein grosstes Opfer bringen wolltest, dein eigenes Grab zu graben, das Grab deiner Liebe! ... Nun noch dies! Noch dies! ... Und Lucinde die Zauberin dieses Spukes, der dich ein Leben lang wie Hexengruss im falben Mondlicht affen wird! ... Sollst du deine Wurde niederlegen? ... Sollst du dem Generalvicar dich anvertrauen und bekennen: Du bist kein Christ?! ... Sollen alle deine kirchlichen Handlungen, die deine ungetaufte Hand verrichtete, erst nachtraglich von einem Spruch Roms die Kraft des Sakramentes erhalten! ... Nein! Nein! Nein! Ich trotze dem Geschick und luge! Ich muss, ich muss lugen! ...

Die Judin sah diese Seelenkampfe, zitterte, fragte, bat und hoffte ...

Sie konnte seinem Gedankengang uber den Inhalt des von Lucinden gefundenen Briefes nicht folgen ... Sie wurde selbst aus dem Judenthum heraus, aus der Religion des Gesetzes, kaum begriffen haben, wie ein Gemuth, lebte es auch noch so sehr im steten Gewissenszwang, so doch uber Sonnenstrahlen fallen, so uber Spinnenfaden straucheln konnte ... Sie wurde mit Christus gesagt haben: Ihr verschluckt Kameele und seigt Mucken! ...

"Das Christenthum ist die grosste Schmeichelei an uns Juden" und Bonaventura stand wie ein Verbrecher ... Damonische Stimmen raunten ihm zu: Offenbare dich doch Lucinden! Was trennst du diesen Schatten deines Daseins von dir selbst? Lucindens Liebe, Verschwiegenheit, Frevelmuth? ... Mit ihr vereint ist ja alles still Mit ihr vereint erstirbt ja der Hohn, der um dich her aus tausend Larven rufen wird: Auch du wandelst den Weg der Luge! ...

Schieben Sie Ihre Reise einen halben Tag auf! sagte Veilchen ... Horen Sie die Beichte des armen Madchens ... Sie will nichts, als Ihnen ein Bild ihres gegenwartigen Innern geben, vieler Geheimnisse, die sie drucken, auch der Ursachen, warum sie so plotzlich das Haus des Oberprocurators verlassen hat ... Ich versichere Sie, es muss eine grosse Begebenheit gewesen sein, die sie zu mir getrieben Zu mir, in die dunkle schmutzige Rumpelgasse, zu meinem unausstehlichen Nathan, den ich nun schon dreissig Jahre nehmen muss, wie er ist ... Ich mochte schworen, dass in Holland, wo sie den ganzen Tag putzen und scheuern, keine Stube so sauber und rein ist, wie meine Schlafstube im dritten Stock unseres Hauses, das wir glucklicherweise allein bewohnen, und doch thut mir das stolze Kind leid im reinsten Glase Wasser sieht sie Judenthum ... Aber sie hat keinen Ort gewusst, wo sie sich verbergen sollte ... Ich durfte nicht an Ihrer Stelle sein, Herr Priester ... Schon aus Neugier, was sie von der Marcebillenstrasse verjagt hat ... Acht Tage ist sie bei mir ... Der Nathan sieht die Polizei jede Stunde kommen ... Ich hab' ihm versprochen, die Strafe aus meiner Gage zu zahlen 30 Thaler jahrlich, Herr von Asselyn! Ich bin der wohlfeilste Buchhalter an der deutschen Borse ... So hockt sie verzweifelnd auf meinem Kanapee, schreibt Briefe, zerreisst sie, hat nichts bei sich, als ein Bundel, mit dem sie aus dem Nuck'schen Hause entflohen ist ... Hat der Mann Ihre Ehre verletzt? rief ich sie an ... Sie antwortete mir darauf nichts, sah aber aus, als kame sie vom Richtplatz und erst seit drei Tagen hor' ich sie weinen weinen wie im Brustkrampf! ... Sie sagt: Mein Ungluck ist, ich falle uber mich selbst! Ich bin nur fur die Schlechten da! Ich habe etwas in meiner Art, das selbst die, die mich lieben wollen, an einem einzigen Tage zu meinen Feinden macht! ... Konnt' ich ihm nur einmal noch alles sagen und beichten! sprach sie dann ... Ich gestehe, Herr Priester! Von dem Wort "Beichten" hab' ich keinen Begriff ... Je mehr ich bei mir selbst behalte, desto fester und besser werden meine Gedanken ... Ja die mauern sich dann erst recht aus wie ein Schwalbennest, das ganz sauber werden kann aus lauter kleinem Schmutz ... Musst' ich alles, was ich denke und eben erlebte, so frisch und weich wieder von mir geben, wurde ich wie ein leckes Fass ... Ich bin katholisch! sagte sie mir darauf ... Mein Gott, da stritt ich nicht mehr und weil ich die Neigung ihres Herzens schon durch die Bekanntschaft mit dem Herrn Pater Sebastus wusste und wie die Gefahr, nicht an Ihr Ohr zu gelangen, zu gross wurde durch Ihre Abreise, da sagt' ich: Wissen Sie Ich will fur Sie gehen, Fraulein, wie Eliezer ging auf die Werbung fur Jakob ... Sie umarmte mich, begleitete mich bis hieher Unten in der dunkeln Gasse da sehen Sie, da steht sie und wartet ... Geben Sie der Armen den Trost, dass sie Ihnen noch einmal, nur als einem Priester versteht sich, ihr Herz ausschutten kann ...

Bonaventura's Gedanken sammelten sich in der Vorstellung, was Lucinde so plotzlich aus dem Hause Nuck's entfernt haben mochte ... Auch an den Brand und an die Urkunde dachte er ... Er stand sinnend und zogernd ...

Die Judin blickte aus ihren klugen Augen mit jener List hervor, die auch das gutmuthigste Kind im Spiele hat, wenn es Freude an einem Sieg seiner Klugheit verrath, ohne damit Boses zu wollen ...

Bonaventura hatte sich erhoben ... Er hielt sich vom Fenster fern ...

Er uberlegte und sah die Scene, die ihm mit Lucinden drohte ... Sie konnte jetzt nicht anders enden, als mit ganzer Vertraulichkeit uber alles, was ihn druckte ... Ein gemeinschaftliches Geheimniss zu bewahren bindet die Seelen wider Willen ... Er hatte Lucinden nicht anblicken konnen ohne zu sagen: Den Brief des Geistlichen Leo Perl gib mir zuruck oder zerreissen wir ihn und lass' ihn zwischen uns ein ewiges Geheimniss bleiben! ... Sich einem Weib verpflichtet fuhlen, raubt dem Mann seine Selbstandigkeit und Dank ist schon an sich eine Pflicht, die eine edle Seele nie karg abtragt ...

Bonaventura ging eine Weile auf und nieder ... Er kampfte ... Endlich hatte er entschieden ... Er wollte, er konnte nicht nachgeben ... Er sah in die Zukunft ahnte, dass sie ihn immer und immer in Lucindens Bahnen fuhren wurde ... Jetzt aber, jetzt in dem letzten Opferdienst seiner Seele fur Paula, wollte er sich rein erhalten ... Er schuttelte sein Haupt und sprach: Ein andermal! ... Und fur sich: Komme was komme! ...

Die Judin stand in der Nahe der Thur, schon ihren Hut in der Hand ...

Es schlug neun ...

Ich kann meine Reise nicht aufschieben, fuhr Benno fort ... Erklaren Sie Lucinden, ich kame ja zuruck und dann dann vielleicht ...

Veilchen schuttelte unglaubig den Kopf ...

Das bestreitet sie sagte sie ... Sie behauptet, Sie kamen nie zuruck ...

Bonaventura liess, wie ein Ueberwundener, nur die Arme sinken und schuttelte ablehnend sein leidendes Haupt ...

Woraus schliesst sie das? fragte er, vor Ueberanstrengung seiner Seele vollig kraftlos ...

Veilchen erwiderte:

Man wurde Sie in Wien fesseln, sagte sie ... Schon ware ein Verwandter von Ihnen gefesselt worden ... Man wurde Sie nicht sehen konnen, ohne die nicht zu beneiden, denen Sie immer angehorten ... Ich wiederhole ihre Worte ... Sie nennt schon einen Bischofssitz, der fur Sie bestimmt ist, Herr Priester ... Robillante in Italien oder einen ahnlichen Namen ... Im Thal von Castellungo Das ist der Name ... Ich habe ihn behalten ...

Bonaventura faltete nur die zitternden Hande ...

Die beiden Monche, fuhr Veilchen fort, die dieses Fruhjahr von Witoborn entflohen, haben aus Rom geschrieben, dass in ihrem Kloster ein Monch lebt, der ein Bisthum ausgeschlagen hatte, das ein machtiger Cardinal gelobt hatte, dem heiligsten Priester in der Christenheit zu geben ... Und in Wien sind Sie, Sie, Herr Domkapitular, schon dafur genannt worden ... Das wurde hereingeschrieben ... Lucinde weiss alles ... Sie werden in Wien mit diesem Anerbieten empfangen werden ...

Bonaventura horte nur ...

Eine Besinnung, eine Fassung lag nicht mehr in seiner Kraft ...

So horten Sie selbst das noch nicht? fragte die Judin, immer hoffend, den Zweck ihres Besuchs zuletzt noch erreichen zu konnen ...

Bonaventura hauchte:

Sie berichten mir Wunderdinge ...

Er liess sich die Namen noch einmal nennen ...

Es waren und blieben die Namen Robillante und Castellungo ... Die Orte, wo Paula leben sollte wo Fra Federigo lebte ... Er sah Benno, Olympia, Ceccone betheiligt ... Das war das von Benno erwahnte Bisthum ... Gaben es ihm wol gar die Jesuiten? dachte er einen Moment ...

Verlassen Sie sich! fugte Veilchen hinzu ... Sie kommen nicht zuruck ... Sie werden in Italien ein Bischof ...

Ohne noch zu widerreden, faltete Bonaventura, uberwunden von den Fugungen seines Geschicks, aufs neue die Hande ... Er sah, wie mit ubergeistigtem Auge, Paula auf dem Schlosse, auf dem sie einst in ihrer Vision die Fahne mit den Dorste'schen Farben erblickt hatte ... Seinen Vater sah er unter den Eichen von Castellungo ... Ein Glanz umfloss ihn wie die himmlische Morgenrothe ...

Dennoch schuttelte er den Kopf auf die wiederholten Bitten der Judin ...

Herr Priester! ... Das ist grausam, wallte diese auf ...

Solchen Worten zurnte er nicht mehr ...

Gute Nacht, Liebe! sprach er ... Dank fur Ihre Verschwiegenheit wegen dessen, was Herr Seligmann horte, eine Verschwiegenheit, auf die ich bei unserm gemeinsamen Gott fest und heilig baue ... Sagen Sie aber Lucinden: Wer allwissend ist, ist auch allmachtig! ... Was kommt sie zu mir ! ...

Herr Priester ! bat Veilchen noch einmal instandigst ...

Komm' ich in der That nicht wieder, so wunsch' ich ihr alles Gluck und jeden Frieden des Gemuths ... Ich danke Ihnen, dass Sie ihr Bote wurden ... Sie sind treu, was Sie auch gegen die Treue sagen ... Doch gehen Sie, ohne mich noch wankend machen zu wollen ... Es gelingt nicht ... Drohungen, die Lucindens Charakter entsprechen, schrecken mich nicht; ich kann, sagen Sie ihr's, alles ertragen ... Noch eins! Ist sie hulflos, so schreibe sie offen und getrost an meinen Oheim in der Dechanei ... Das ist nicht wahr, dass alle vor ihr fliehen ... Der Onkel verehrt sie wahrhaft; er wird alles fur sie thun ... Sagen Sie ihr das! Mein Oheim ist ganz der Freund, den sie sucht ... Sagen Sie ihr auch dass ich glucklich bin uber ihre Trennung von Nuck und dass ich nie in dem Verhaltniss ein Arg gefunden ... Nicht aber mehr ... Ich kann nicht anders ... Die Kraft fehlt mir, all die Burden zu tragen, die mir ihre Beichte noch auferlegen wurde ... In Zukunft! ... Ich reise morgen in erster Fruhe ... Nun bleibt es dabei ...

Damit half Bonaventura Veilchen schon den Mantel auf die Schultern legen ...

Sie schuttelte den Kopf wie uber die Thorheit der ganzen Welt ... Still befestigte sie ihren Mantel ...

Bonaventura leuchtete ihr hinaus und begleitete sie uber den Corridor bis an die nachste Treppe ... Diese war erleuchtet ... Veilchen wandte sich noch einmal, sah den Priester mit ihren geoffneten Augen wie einen bemitleidenswerthen Wahnbefangenen an und schlich die Treppenstufen nieder ... Bonaventura wartete, bis er horte, dass sie das Hausthor gefunden ...

Dir sind wol schon hundert wie mit unsichtbaren Ketten gebunden, die dir beichteten, sagte er sich, zuruckkehrend in sein Zimmer, mit dem ganzen ausbrechenden Schmerz seiner Seele; aber wie du gebunden, du umstrickt bist von deinen eigenen Lebensrathseln, das ist ein Verhangniss wie im Haus der alten Labdakiden! ...

Und des so wohlthuenden Eindrucks der Judin gedenkend, rief er laut:

Gott der Christen Gott der Juden Allah ! ... Zeus! ... Ja auch der Olymp herrscht noch ... Nicht alle Gotter der Alten sind in nichts zerflossen ... Die Nemesis die Tyche die Keren haben ihr Amt behalten ...

Der Gedanke, dass ein Bisthum neben dem Schlosse, wo Paula wohnen sollte, fur ihn eine Unmoglichkeit ware, stritt mit der Ungewissheit uber den Eindruck, den ihm Graf Hugo machen wurde und nach dem er doch der Wahrheit gemass entscheiden sollte ...

Sein Lager suchte er, um nur allein die muden Muskeln zu strecken ... Schlaf, wusste er, wurde ihn fliehen ... Traumte er, so wurde der Ungetaufte vom Jordan traumen ...

In der That erhob er sich vor Sonnenaufgang ohne Starkung ...

Es war ein nebeliger Morgen ... Er kleidete sich an ... Renate credenzte ihm den gewohnten Labetrunk ... Sie weinte ... Der gute und ernste Mann war ihr wie ein Sohn geworden und seit Monaten sah er krank und zerfallen aus und auf wie lange verreiste er ...

Auch in Bonaventura's Auge standen Thranen ... Er ahnte, dass er die alte Frau nicht wiedersehen wurde ...

Rings blickte er auf seine Bucher, seine Bilder ... Es war ein Abschied auf ewige Zeit ...

Die Huldigungen, die seiner ersten Abreise gebracht wurden, fehlten auch dieser zweiten nicht ...

Fur die von ihm etwa abgefallenen Seelen waren andere eingetreten und die Feierlichkeit der Begrussung im Kapitelhofe war sogar noch grosser, als fruher durch Schnuphase's Rede ... Sie war geordneter ... Die Curie hatte an dem Erfolg dieser Reise das hochste Interesse ... Viele der alten Herren traten selbst an seinen Wagen ... Dies war ein ganz eleganter, den Bonaventura gar nicht bestellt hatte ...

Den von Gluckwunschen fast Erdruckten hob Thiebold, der gestern nur zum Schein Abschied genommen hatte, in seinen eigenen Wagen ... Er hatte alles so arrangirt ... Der gestrige Abschiedsbesuch maskirte die Absicht, den Hochverehrten nicht blos bis an das Dampfboot zu begleiten, sondern auch noch eine Strecke weiter hinaus ...

Die Blumen wurden einem Altar der Kathedrale ubersandt, an dem Bonaventura oft celebrirte ...

Thiebold liess sich nicht nehmen, bis zum Huneneck mitzufahren ... Zwei Stunden lang "zerstreute" er die stille, der Sammlung bedurftige Seele des unglucklichen Priesters ... Erst am Huneneck verzogen sich die Nebel ... Die Gegend, selbst im Winteranfang lieblich wie immer, entschleierte sich ... Thiebold konnte nicht allen Empfindungen Ausdruck geben, die ihm der Anblick Lindenwerths, der Blick nach Drusenheim und dem Geierfels hinuber machte, wenigstens nicht in Bonaventura's Gegenwart ... Am Gasthaus zum Roland landete der Dampfer ... Thiebold stieg hier aus und erneuerte den Abschied ...

Als Bonaventura allein war und tiefbewegt Rundgange, die denen in seinem eigenen Geisteslabyrinth glichen, auf dem Verdeck machte, das erst jetzt von seiner Reinigung und der Nebelnasse zu trocknen anfing, bemerkte er, gerade beim Hinblick auf die Maximinuskapelle und den Sanct-Wolfgangsberg, hinter dem sein altes stilles Gluck lag, einen jungen Mann, der, mit dem Rucken an den Radkasten der Maschine gelehnt, ihn mit grossen durchbohrenden Augen ansah ...

Die Gestalt war nicht zu gross, zierlich und behend ... Die Kleidung elegant ... Ein Mantel von dunkelbraunem Tuch mit offenen Aermeln, am Kragen besetzt mit schwarzem Sammet, das Futter von einem langflockigen Zeuge und Schnurtroddeln geschmackvoll zum Zusammenhalten des Mantels Darunter ein schwarzer enganliegender Oberrock ... Die Cravatte schwarz; ebenso die Handschuhe ... Ein feiner ganz neuer Hut auf dem Kopf ... Die Haare kurzgeschnitten ...

Ueber den starren Ausdruck des braunlichen zierlichen Antlitzes flog ein Errothen und ein verlegenes Lacheln, als Bonaventura's Blick langer auf dem jungen Mann verweilte ...

Doch zerstreute ihn bald die theure, geliebte Gegend ...

Es ging voruber an der Maximinuskapelle, am "Weissen Ross" ...

Bonaventura bemerkte den jungen Passagier nicht mehr ... Auch spater bei gemeinsamer Tafel fehlte die Gestalt, die ihm den unheimlichen Eindruck einer Aehnlichkeit mit Lucinden machte ...

Hafenruhe konnte erst spat gegen Abend um zehn Uhr geboten werden ...

Der junge Passagier war verschwunden ...

Die Fahrt ging zuletzt im Dunkeln und bedurfte der Vorsicht ... Aber so kalt es wurde, die Passagiere verbrachten die langste Zeit lieber auf dem Verdeck ...

Bonaventura ging auf und nieder ... Ein Berg mit einem hochthronenden Schlosse fuhrte ihm die Scene vor, die Benno mit dem Staatskanzler erlebt und geschildert hatte ... Es war schon bald bei Ankunft in der grossen alten "goldenen" Stadt, wo die Rast fur die Nacht stattfinden sollte, als Bonaventura wieder den jungen Mann erblickte, eingeschlagen in seinen weiten Mantel und nicht weit vom Steuerruder sitzend ...

Er ruckte und ruhrte sich nicht ...

Ging aber Bonaventura an ihm voruber, so war es ein einziger unter dem etwas breitrandigen schwarzen Hut und aus der Umhullung des emporgezogenen Sammetkragens hervorzuckender Blitz der Augen ein Funkeln, wie ein Kafer in der Nacht aufgluht, ein Funkeln, wie ein lauerndes Raubthier sich durch nichts, als seine Augen verrath ... Kein Laut, keine Bewegung, als ein Zuruckziehen des lackirten zierlichen Stiefels, um dem Vorubergehenden Platz zu machen ... Die Situation, die Zeitdauer, alles bot dem Priester Musse, sich an die entsetzliche und doch fast beruhigende Vorstellung zu gewohnen: Wenn das Lucinde ware! ...

Beim Landen, beim Wohnen in einem "Rheinischen Hof" war die Spur des jungen Mannes verschwunden ...

Nach zwei Tagen und einem Aufenthalt in Frankfurt befand sich Bonaventura in der Stadt, wo er im Seminar gewesen ...

Es war dasselbe Seminar, von dem Serlo erzahlte ...

Er besuchte alle ihm denkwurdigen Platze der Erinnerung ... Die Altarstelle, wo er zum Priester geweiht worden ... Das Zimmer, wo Paula in der orthopadischen Anstalt lag ... Den Bischof, bei dem Lucinde convertirte ... Den Mitgeweihten Niggl, einen noch immer zwischen dem Naiven und Excentrischen unpraktisch, brausend und schnaubend hin- und herfahrenden, gutmuthigen Phantasten ...

Bonaventura sah und begrusste alles wie zum letzten mal ...

Auch das beruhmte Hospital des alten Bischofs Julius sah er ... In dem botanisch gepflegten Garten schien die Jahreszeit noch nicht der November ... Die Genesenden sassen zwar nicht im warmenden Sonnenstrahl, aber die Irren rannten hin und wieder, gesticulirten und sprachen aufs zufriedenste mit sich selbst ...

Da wieder der Anblick des jungen Mannes vom Dampfboot ...

Kaum schoss er an ihm und an Niggl, der ihn begleitete, voruber, so sagte dieser:

Wer war nur das? Das Gesicht ist mir so bekannt ...

Nach wenigen Augenblicken, wo der junge Mann verschwunden war, begann Niggl, von unbewusster Ideenassociation geleitet, von Lucinden als von einer Hocherleuchteten, von einer durch Nuck und Hunnius und viele andere in alle Vorkommnisse des innern Kirchenlebens Eingeweihten ... Er scherzte uber die ihm wohlbekannte Neigung derselben zu seinem Besuch ... Beda Hunnius hatte ihm daruber Mittheilungen gemacht ... Er wusste schon, dass sie von Nuck sich entfernt hatte, und vermuthete, sie ware nach Belgien, um Jesuitesse zu werden "Redemptoristin" nach dem aussern Ausdruck ...

Das Gesprach kam von dem verfanglichen Gegenstand ab ...

Bonaventura sah den jungen Mann nicht wieder, aber sein Herz bebte von den trubsten Ahnungen ...

Die Donau kam ... Bonaventura bewunderte den regensburger Dom und bestieg die Hohe, auf der Konig Ludwig die Walhalla erbaut hat ... Ein Aufenthalt dort oben wie Athemzuge im Aetherreich ... Unten die Erde mit ihren Muhen, hier oben die Himmlischen ... Ausgerungen haben Kampf und Leidenschaft ... Hier sind die Pforten der Welt des Plato, die Eichen im Haine Odin's ... Walkyren stehen zwar noch, die unerbittlichen Parzen, in marmornen Gebilden an der Schwelle des Tempels; aber sie scheinen Versohnerinnen, nicht mehr Racherinnen ...

Bonaventura stieg die Riesentreppe nieder tieferfullt von dem empfangenen Eindruck ... Da blickt er auf neue Ankommlinge ... Eine Gesellschaft, die eben mit einem Boot aus Regensburg angekommen sein mochte, steigt ihm von unten her entgegen ... In ihrer Mitte sein Reiseschatten, der junge Mann im braunen Mantel ... Dicht streift er, tief niederblickend, an ihm voruber ... Zwei Schiffe kreuzen sich so auf dem Meere ...

Bonaventura konnte nicht stehen bleiben, nicht der spukhaften Erscheinung nachsehen ... Sie war schon wie seine Furcht, wie sein Gewissen geworden ... Beim jedesmaligen Begegnen fuhr ein schriller Ton durch die Luft: Du Ungetaufter! ... Und ebenso sagte das Lacheln des jungen Mannes: Bleibe ruhig, ich bin dein Schutzgeist! ...

Die regensburger Geistlichen, von denen Bonaventura begleitet war, fuhrten den Erblassenden, Schwankenden noch in einem Wagen nach einem Oertchen, Straubing gegenuber ... An der Stelle, wo Agnes Bernauer ihren Tod in den Wellen gefunden, bestieg er das Dampfboot ... Er glaubte annehmen zu durfen, dass er nicht allein fuhr dass der junge Mann Lucinde schon auf dem Dampfer war ...

Er sah sie aber nicht ... Nicht die ganze Reise entlang, die zwei Tage dauerte ... Er glaubte nun doch an eine Tauschung in der Person ...

So kam er nach Wien ... Er sah zum ersten mal eine so rauschende, volkreiche Stadt, wohnte bei dem Chorherrn, der ihn ganz erst so zuwartend und prufend wie Benno empfing, theilte die Aufgaben, die seiner im Gewuhl dieser grossen Stadt harrten, gewissenhaft ein, uberlegte: Wie naherst du dich dem Grafen! ...

Daruber vergingen einige Tage ...

Die Grafin Erdmuthe war zum Grafen Hugo auf Schloss Salem hinaus, um den grollenden Sohn hereinzuschmeicheln ...

Bonaventura hatte beim Cardinal Ceccone seine Briefe personlich abgegeben, war in der That von dem liebenswurdigsten und zuvorkommendsten Benehmen eines Priesters, der die Grazie als Milderung der List uber sein ganzes Wesen ausgegossen trug, mit dem Anerbieten des Bischofssitzes von Robillante begrusst worden ... Olympia, die Herzogin von Amarillas, Benno wurden als seine Protectoren genannt ...

Alle seine Pulse flogen, als er, nach der von ihm um Bedenkzeit ausgesprochenen Bitte die Stufen des kleinen Palastes niederstieg ...

Er wusste nicht, wie er auf die Strasse kam ...

Kaum blickte er auf, da rollte ein Fiaker vom Hause, der nur auf ihn gewartet zu haben schien ...

Aus dem Schlag blickte ein Kopf der junge Mann im braunen Mantel ...

Pfeilgeschwind schoss der Wagen voruber ...

Er verlor die Besinnung und verirrte sich in den Strassen ...

Wer Bonaventura sah, wer ihn nach einer Vorstellung anredete, wen er besuchte jeder wusste, dass er Bischof werden sollte im Piemontesischen ... Jeder fragte nach seiner italienischen Predigt in "Maria Schnee", die zugleich mit drei Messen bedungen war ...

Man fand diese Erhebung so naturlich ... Man sagte, der Domkapitular ware ein Gesinnungsgenosse des Kirchenfursten und in seiner Heimat "unmoglich" geworden ... Dort schied er aus ... Auch seine Gesundheit rathe ihm den Aufenthalt im Suden ...

Sofort in den Palatinus zu gehen vermochte er nicht ... Er zitterte, sich dort zu verrathen ... Aber es suchte ihn schon Furst Rucca auf ... Olympia uberhaufte ihn mit Geschenken und Zuvorkommenheiten, wie sie eben nur Priester anzunehmen gewohnt sind ... Er rustete sich, noch unentschlossen, gedrangt vom Chorherrn italienisch zu predigen ... An sich war es ihm ein Leichtes, da er die Sprache so gewandt, wie Benno, sprach ...

Noch immer sah er die Herzogin nicht ... Der Boden unter ihm wurde heiss wie Feuer ... Gluhende Lava rann neben ihm ... Was soll aus Alledem werden! stohnte er vor Schmerz uber seine Lage ... Nun auch noch die fremden Leiden zu den eigenen! ...

Schon wussten auch die Zickeles, wohin ihn seine Creditbriefe fuhrten, von seiner Ernennung und wunschten der Grafin Erdmuthe Gluck, ihn als einen Deutschen so in der Nahe zu haben ... Er musste sich sagen: Das zerstort ja jede Moglichkeit der Ehe ihres Sohnes, wenn Graf Hugo die Absicht meiner Reise erfahrt und Paula's Empfindungen fur mich kennt !

In der That, die Grafin empfing ihn mit der Kalte, die er erwartet hatte ... Hasste sie schon das romische Priesterthum an sich, war sie wie ihr Sohn tiefverletzt von der Bedingung, dass erst eines Beichtvaters Ja! oder Nein! uber Paula's Willen entscheiden sollte, so war die Nachricht, dieser Beichtvater kame nun auch sogleich dicht in die Nahe Castellungo's, wo der Graf so gern ganz sich niedergelassen hatte, und folgte demnach seinem Beichtkinde, fur sie ein wahrer Hohn, den die "Kirche" dem Stolz dieser Familie sprach ... Sie sah hier nichts als die Veranstaltung der Jesuiten ... Sie sah das fortgesetzte Wirken des Ordens, dem Terschka sich entzogen hatte ... Sie sah die Feindseligkeit des Erzbischofs von Cuneo, des Cardinals Fefelotti, der bereits gewaltsam in die Rechte der Waldenser eingegriffen hatte ...

Als Bonaventura von seiner ersten Begegnung mit der Grafin mit dem Entschluss, lieber doch dieser Lokkung des Ehrgeizes, dieser Lockung seiner Liebe zur Geliebten und zum Vater mit ausserster Kraft zu widerstreben, nach Hause kam, regnete es in Stromen ...

Schon war es spat ... Er konnte nicht sogleich auf der Freyung die Pforte finden, die die seinige war ...

Eine Weile dauerte es, bis er sich zurecht fand ...

Wie er geklingelt hatte, schlug unter den vielen Regenschirmen, die um ihn her sich fast den Platz benahmen, einer, ein dunkelblauseidener, auf ...

Indem er in sein Wohnhaus trat, erkannte er die langsam an ihm vorubergehende Gestalt im braunen Mantel und mit den schwarzen Handschuhen ...

Das Blau des Schirmes, das Gaslicht der Laterne, die gerade neben der Hauptpforte befestigt war, der mit Schnee untermischte Regen gaben dem Antlitz des jungen Mannes den Ausdruck des Todes ...

Kein Wort, nicht einmal ein zweiter Blick, nur ein Lacheln, wie: Siehst du nun? und das Bild war voruber ...

Bonaventura suchte wie vor einem Gespenst sein einsames Zimmer ... Er floh, als wenn Lucinde hinter ihm her huschte und hohnte: Heide! Heide! und dann doch sagte: Aber sei ohne Furcht! Ich sag' es nur dir! ... Sie ist es, rief er ... Sie ist es ... Was kann sie noch wollen? ...

Am folgenden Tage sah er endlich die Herzogin von Amarillas ...

Olympia ruhte nicht eher ...

Principe Rucca suchte ihn fast gewaltsam in den Palatinus zu fuhren ...

Ceccone war zugegen ... Es war ausserlich ein heiterer Abend ... Unter den Scherzen zitterte das tiefste Leid ... Angiolina wurde nicht erwahnt ...

Benno's Mutter fand er, wie sie dieser geschildert ... Unter dem Schein ausserster, ja abstossender Kalte eine leidenschaftliche und dann doch wieder plotzlich kalt verstandige Seele ...

Er und sie benahmen sich so, als wussten sie nichts vom Tiefverborgenen ...

Olympia uberhaufte ihn mit Schmeicheleien und Liebkosungen um Benno's willen, den sie fur seine Flucht einen Maledetto nannte, den sie nun bald in Rom strafen wurde ...

Principe Rucca nannte den Baron von Asselyn schon den allerbesten Freund, den er in dieser Welt besasse ...

In einigen Wochen hofften alle in Rom zu sein ... Es schienen Menschen, hergekommen aus jener alten Welt der Imperatoren, wo die Frauen in ihren Ohrgehangen den Werth eines Konigreichs trugen ... Sie fanden ganz in der Ordnung, dass der Bischof von Robillante sein Bisthum vom Kapitel verwalten liess und den Carneval in Rom verbrachte ... Wie bewunderten sie Bonaventura's italienische Aussprache ...

Die Herzogin war bei all diesen wilden und leichtsinnigen Exclamationen die Duenna Olympia's jene Arme, die sich von Kirche zu Kirche fortbetete, weil sie keine Kutsche bezahlen konnte ... Sie stand tief befangen und mit Zittern lauschend ... Die noch zum Leben verurtheilte Niobe, wie sie Bonaventura's von ihr seltsam gefesseltem Auge erschien ...

Die Schwierigkeit der von Paula gestellten Aufgabe lahmte Bonaventura's Entschliessungen ...

Wie sollte er dem Grafen sich nahern? Wie ihn nur annahernd ergrunden? ...

Selbst Erkundigungen nur uber seinen Ruf einzuziehen, widerstrebte ihm ...

Auch kannte jedermann und niemand mehr, als Bonaventura, sein Verhaltniss zu Angiolinen ... Er wusste durch Benno, dass der Graf ehrenwerth war, ja edel von Paula sprach ... Er konnte nur nach Westerhof schreiben: Er ist vollkommen wurdig! ... Dennoch ihn sehen, eine Weile mit ihm leben, war unerlasslich ...

Die Mutter des Grafen betrachtete ihn indessen mit prufenderen Augen, als er auf ihren Sohn gerichtet haben wurde ...

Als der Graf horte, Bonaventura sollte Bischof von Robillante werden, kam er noch weniger von Schloss Salem herein, von dessen Versteigerung man schon sprach ...

Bonaventura erfuhr letzteres von Angelika Muller ...

Diese, endlich einmal wieder in katholischen Beruhrungen recht sich ausschwelgend, sagte:

Grafin Erdmuthe fahrt hin und her, schickt Boten uber Boten an die Zickeles ... Die Katastrophe ist reif ... An die Stelle des Adels tritt in dieser Welt die Borse ...

In diesen Zustand der Unentschlossenheit, die durch Lucindens verlorene Spur gemehrt wurde, hinein drangten sich die Vorbereitungen zur wirklichen Vollziehung seiner Bischofswahl, noch ehe er ganz entschieden zugesagt hatte ...

Das Kapitel von Robillante hatte seiner eigenen Wahl sich begeben und der romischen Curie die Besetzung mit einer ihr genehmen Personlichkeit uberlassen ... Bonaventura stand der Grafin und dem Grafen gegenuber in einem Licht, das das ungunstigste von der Welt sein musste ... Was sollte Paula denken! Was ganz Westerhof! ...

Da, zur Mehrung des falschen Scheins, musste es geschehen, dass der unwiderstehliche Zug des Herzens, der Bonaventura nach den Eichen von Castellungo zog, eine Entscheidung erhielt, die ihn bestimmte, in der That die Mitra und den Krummstab anzunehmen, es mochte kommen, was da wollte ...

Er war bei Grafin Erdmuthe gewesen, hoffte wieder vergebens, bei ihr den Grafen Hugo zu begrussen ...

Die Grafin empfing ihn mit ausserster Kalte, heute mit einer Aufregung des Zorns ...

Ihre Augen gluhten, ihre Hande zitterten ...

Ha, brach sie nach den ersten Begrussungen aus, da seh' ich die neuen Kampfe, die mir beschieden sind! ... "Haltet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand!" spricht der Prophet ... Ich muss nach Italien ... Fefelotti zertritt die Fruchte meiner Anstrengungen ... Hab' ich darum mit soviel Kronen und Cabinetten unterhandelt! ...

Bonaventura erfuhr eine Schreckenskunde auch fur ihn ...

Die nach Witoborn zu Hedemann's Hochzeit reisende Mutter Porzia Biancchi's, die bei den Seidenwurmern zuruckgebliebene Giuseppina Biancchi, Gattin des frankfurter Napoleone, Schwagerin des Professors Biancchi, der ein echter Italiener vor seiner Verwandtin plotzlich "verreist" war, hatte diese Nachricht eben mitgebracht ...

Der Eremit von Castellungo, Fra Federigo, war spurlos verschwunden ...

Im Mund des Volkes ging nur Eine Stimme ... Der neue Erzbischof von Cuneo hatte ihn in die Kerker der Inquisition geworfen ...

Als Bonaventura diese Mittheilung horte als er den Strom von Anklagen und Verwunschungen, in denen sich die Greisin erging, auch nicht mit einem einzigen Wort unterbrach, sondern nur, wie die Wand so weiss geworden, den Bericht vernahm und sich ihn von der hereingerufenen alten Italienerin bestatigen liess wie er selbst dem kleinsten Zug der Mittheilung eine fieberhafte Aufmerksamkeit schenkte, hatte eine mit geringerem Selbstvertrauen begabte und nicht ganz nur in sich selbst lebende Personlichkeit, wie die der Grafin, wohl erkennen mussen, welche Umwalzungen im Innern Bonaventura's vor sich gingen ...

Sie sah in dem Zucken seiner Nerven, in seinen auf den Lippen ersterbenden Fragen und Antworten nur die Beschamung eines romischen Priesters ...

Jetzt bricht es aus, was die "Rotte Korah", die Vater der Gesellschaft Jesu, uber unser Haus verhangt haben! rief sie leidenschaftlich aus ... Dieser redlichste Freund der Armen, dieser wahre Priester Gottes, dieser Rathgeber, Troster, Lehrer der Unglucklichen und Unwissenden, ein heimatloser Pilger, den ich seit Jahren schutzte, ein Deutscher nach allem, was ich von ihm entdecken konnte, so oft ich seine einsame Hutte besuchte und eine Vergangenheit zu ergrunden strebte, die er vielleicht notgedrungen verhullt schmachtet jetzt in den unterirdischen Kerkern des Kapitels von St.-Ignazio ist vielleicht schon den Ketzerrichtern, den Dominicanern der Trinita zu SanOnofrio ubergeben! ...

Und kein Beistand von der Regierung, fuhr sie fort ... Diese Regierung ganz in den Handen der Jesuiten ... Kein Beistand bei den benachbarten Geistlichen ...

Nicht bei m i r ?! rief Bonaventura mit machtig hallender Stimme ...

Seine Augen leuchteten ...

Er stand aufrecht, erhoben, wie mit einem Blitzstrahl in seinen krampfhaft ausgestreckten Handen ...

Die Grafin betrachtete die seltsame Bewegung, horte das Wort des Beistands mit Theilnahme aber, da nachst dem Glauben ihr der Sohn ihr Alles war, so sah sie jetzt nur die wirkliche Bestatigung des Geruchts uber Bonaventura's Bischofssitz in der Nahe der lutherischen Salem-Camphausens in der Nahe Paula's, ihrer allenfallsigen Schwiegertochter ...

Die Entfremdung blieb die alte ...

Eine Annaherung an den Grafen war aufs neue gestort ... Eine blosse Formalitat, die Bonaventura zur Beruhigung Paula's und der Verwandten schnell zu beenden glaubte, wurde immer unmoglicher ...

Er rannte dahin wie von Rossen gezogen ... Er hatte sich noch von der Grafin und von der alten Italienerin uber seinen vermeintlichen Vater erzahlen lassen ...

Jeder Zug bestatigte seine Ahnung ... Sein Vater lag nicht in dem Schnee der Alpen begraben, nicht in Sanct-Remy er lebte war seiner Freiheit beraubt ... Beraubt durch Fefelotti, dem er berechtigt sein konnte, gegenuberzutreten ...

Es gab jetzt keine Wahl mehr fur ihn ... Er musste Bischof von Robillante werden ... Paula gegenuber das zu bleiben, was er bisher war, ein Entsagender diese Kraft fur ein ganzes Leben sich zuzutrauen, entmuthigte ihn ja nichts ...

Wie aber jetzt die Vereinigung aller Interessen! ... Er hatte dem Grafen sich so gern ganz vertrauen, ihn in s e i n e Seele blicken lassen mogen ... Die Heirath Paula's musste stattfinden ... Aber auch von seinem Bischofsstabe konnte er nicht lassen ... Sollte er sich dem Chorherrn anvertrauen? ... Dem Cardinal Ceccone selbst? Sollte er dem Grafen an die Brust sinken? Gerade da sich ausweinen? ... Ware Benno's Vermittelung moglich gewesen! ... Fast war es ihm ein Trost, den Doppelganger Lucindens oder sie selbst zu sehen ... Er konnte annehmen, dass sie noch nicht alles, alles kannte, was seine Seele belastete ...

Daheim erwartete ihn Leo Zickeles, der alteste der Sohne des grossen Handlungshauses, und beklagte aufs bitterste, dass der Gang der Geschafte mit dem Grafen eine so uble Wendung zu nehmen drohte ... Alle Hoffnungen schienen zerstort, die Aussichten auf die Heirath schienen gescheitert ... Die Grafin, horte er, hatte neue Verbindungen mit Geldleuten eingeleitet ... Sogar an Herrn von Potzl ware eine Annaherung erfolgt ... Zweideutige Agenten riefe sie in ihr Palais ... Der "ungerechte Mammon" brachte die liebende Mutter um alle Haltung ...

Leo Zickeles sah in dem seufzenden Schweigen des jungen vornehmen Geistlichen nur die Verstocktheit der Kirche gegen eine gemischte Ehe, ausserte sich aber daruber mit der seiner Stellung geziemenden Zuruckhaltung ...

Am Abend durfte Bonaventura nicht beim Cardinal Ceccone fehlen ... Er liess sich getrost als "Bischof von Robillante" begrussen, komme was da wolle und doch sagte er sich: Treulos handelst du an den Verwandten Paula's an dem Grafen Hugo! ... Er war mit seinem ganzen Dasein zerfallen ...

Den folgenden Morgen hatte er verzweifelnde Briefe an den Onkel, an Benno geschrieben ... Aber er war willens, in die Kirche "Maria Schnee" zu gehen, die alle geistlichen Functionen, Messe, Beichtstuhl, Predigt ihm schon gestattete ...

Dann wollte er nach Schloss Salem fahren und den Grafen dort begrussen oder nicht eher weichen, bis er ihn gesprochen, ihm er hoffte es Vertrauen abgewonnen hatte ...

Um halb zehn Uhr erhielt er einen Brief vom Grafen selbst ...

Er war datirt aus der Stadt und vom fruhesten Morgen ... Man hatte den Brief zuruckbehalten, bis Bonaventura sein Zimmer offnete ...

"Hochwurdigster Herr Domkapitular!" lautete er. "Noch immer ist es mir nicht moglich gewesen, in der Stadt Ihren Besuch zu empfangen und zu erwidern, da ich durch vielfache Geschafte an meinen Landaufenthalt gebunden bin. Gestern Abend bin ich von Schloss Salem hereingekommen und zwar auf Grund eines Briefes, den ich von Herrn von Terschka aus London erhielt. Er wiederholt die Behauptung, dass die Urkunde, die unsere Linie um Hoffnungen betrog, die Jahrhunderte alt sind, eine gefalschte ist. Er verwies mich ausdrucklich auf eine gewisse Lucinde Schwarz, mit der ich mich uber diese Angelegenheit verstandigen sollte. Sie ware, wie er gehort hatte, jetzt in Wien und stunde zum Herrn Oberprocurator Dr. Nuck in Beziehungen der grossten Intimitat. Die Ehre und der Bestand meines Hauses stehen auf dem Spiele. Ich erkundigte mich noch gestern Abend nach dieser Dame und fand sie in der That hier anwesend. Ich sprach sie. Ich will jedes Aufsehen meiden, aber ich muss die Dame durch meine Mittheilungen fur sichtlich in Verlegenheit gesetzt erklaren. Wenn ich nicht sofort gegen sie einschreite, so ist es, weil mich eine ausserordentliche Aehnlichkeit derselben mit einem Wesen ruhrt, das mir unendlich theuer war. Auf mein wiederholtes Androhen, dass ich nichts unterlassen wurde, um eine Frevelthat aufzudecken, an der, wie ich weiss, meine Verwandte unbetheiligt sind, erklarte sie mir, sie wurde nur eine Antwort zukommen lassen durch Eure Hochwurden nach einer in der Beichte genommenen Rucksprache Somit ersuche ich Sie in aller Ergebenheit, haben Sie die Gute, von ihr in der Kirche der Italiener, wo Ihnen Kanzel und Beichtstuhl eingeraumt wurden, die Beichte entgegenzunehmen und zwar heute in der Fruhe, zehn Uhr. Ist diese mit Ihnen genommene Rucksprache voruber, so bitt' ich mir die Stunde bestimmen zu wollen, wo ich die Ehre haben kann, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Um meine gute Mutter nicht aufzuregen, bitt' ich dringend um die Adresse: Professor Dalschefski, beim St.-Stanislaushause auf der Currentgasse. Mit aller Hochachtung Hugo, Graf von Salem-Camphausen." ...

Bonaventura's Athem stockte ...

Er sah auf die Uhr ...

Es war schon dreiviertel auf zehn ...

Nach einigen Minuten Besinnung begab er sich, gefuhrt vom Chorherrn, in die Kirche "Maria zum Schnee" ....

Bald standen sie auf einem kleinen Platz, wo ihn der freundliche Fuhrer weiter wies ...

Die Sakristei liegt ein wenig abseits von der uralt ehrwurdigen Kirche ...

Wie er sich zitternd in geistliche Kleidung warf, starrten ihm durchs Fenster von einem Kreuzgang her alte Grabmaler und Statuen wie der Tod entgegen ...

Er betrat das Innere des gothischen, hellen, nur zu sehr modernisirten Gottestempels ...

Es war ihm, als trate er ein in die Welt des Sudens ... Doch auch wie ein heisser Sirocco wehte es zugleich ihn an ...

An einem der hohen Pfeiler ragte die Kanzel, wo er am nachsten Sonntag predigen sollte ...

Er verbeugte sich dem Hochaltar und schritt an dem Standbild Metastasio's voruber ...

Der Messner fuhrte ihn in einen Beichtstuhl, dicht an einem kleinen Nebenaltar mit brennender Ein Bild des Gekreuzigten, zu dessen Fussen zwei In dem engen braunen Hauschen sank er zusamEs schlug zehn Uhr ... Wenig Secunden und eine Gestalt in weiblicher Es war Lucinde.

Ende des sechsten Buchs.

Achter Band

Siebentes Buch

1.

Jenseits der Tiber, hoch auf dem Janiculus, liegt in Rom das Kloster San-Pietro in Montorio ...

Eine der schonsten Aussichten uber die Siebenhugelstadt geniesst man dort auf dem Platz vor einer Kirche, deren erste Anlage zu den uraltesten gehort. In ihrer spatern Erneuerung verrath sie nicht ganz jenen mehr prachtigen, als schonen Geschmack, in welchem fast alle Kirchen Roms gebaut sind ...

Pinien und Cypressen bezeichnen die Statte, von wo das Auge die im Abendroth verschwimmenden violetten Contouren des Horizonts bis zu den Sabiner- und Albanergebirgen verfolgen kann. In nachster Nahe schwimmt, von Abendnebeln durchzogen, das unermessliche Hausermeer, durchschnitten von den Krummungen der Tiber. Zahllose Kirchen ragen auf, zahllose Palaste, das Capitol mit seinen Trummern aus der eisernen Romerzeit, die Engelsburg mit ihrem sein Schwert senkenden Sanct-Michael auf der Zinne ... Ein Bild, gross und herrlich wie die Vision einer Verheissung ...

Der erste Gedanke jedes Pilgers, der in Rom ankommt, ist die welthistorische Macht der christlichen Idee ... Die Schauer der Erinnerung an die blutige Martyrerzeit begleiten ihn schon vom Fuss der Alpen ... In Rom angekommen, sieht er die Triumphe des Kreuzes ... Kein Tiber, kein Nero, kein Domitian beherrschen mehr das Universum ... Die Vexillen und blutigen Fasces der Imperatoren, unter denen der christliche Bekenner verspottet, gefoltert, den wilden Thieren vorgeworfen wurde, sind zerrissen und zerbrochen ... Der capitolinische Jupiter sturzte selbst vom tarpejischen Felsen; den Rand seines zuruckgebliebenen Sessels ziert das Kreuz ... Das Kreuz triumphirt uber Cicero, Cato, August, Seneca ... Es triumphirt ohne Rache ... Sanct-Michael auf der Engelsburg halt sein Schwert nicht drohend empor, sondern senkt es versohnt zur Erde ...

So k a n n man fuhlen, wenn Hunderte von Glokken nach San-Pietro in Montorio hinauf das Angelus tragen ... Der nachste Gruss kommt links aus San-Onofrio, von Tasso's Eiche heruber; zur Rechten von Santa-Cecilia uber die botanischen Garten aus Trastevere ... Hier oben bei den reformirten Franciscanern wird es spater Nacht, als im Thal da unten, wo schon Hunderte von Lichtern aufblitzen ... Die Monche sitzen soeben im Refectorium essen Polenta kostlichen jungen Salat aus ihrem eignen Garten ... Salz und Pfeffer, nicht Asche darauf gestreut, wie Petrus von Alcantara, der Stifter d i e s e r "Reformation" mit seinem Salat es zu halten pflegte ...

Der fromme Pater Vincente, fur den Bonaventura jetzt in Robillante Bischof ist, fehlt heute unter den Brudern der braunen Kutte ...

Er liegt in seiner Zelle und erbittet sich von Gott Kraft und Sammlung zu dem harten Weg, fur den gerade ihn heute ein Loos getroffen ...

Alle Kloster der von Almosen lebenden Orden sind eingeladen, heute in der Nacht auf Villa Rucca zu erscheinen, um dort die Gaben des jungen, heute vermahlten furstlichen Paars, die Abfalle der kostlichen Tafel zu empfangen ...

Der alte Furst Rucca, Generalpachter der Steuern an der Nordkuste des Kirchenstaats, will zeigen, dass das Spruchwort falsch ist: "Unrecht Gut gedeiht nicht!" Was kann gedeihlicher sein, als Almosen an Kloster und Bettler ...

Guardian und Bruder wussten, dass Pater Vincente einst um einen "Kuss in der Beichte", den sein Gewissen und seine Phantasie ihm nur v o r g e s p i e g e l t hatten, hier oben Jahre lang hatte bussen wollen ... Bussen zu dem Stachelgurtel, den Barfussen und den aus drei Brettern bestehenden Betten, die hier Regel sind, noch hinzu! ... Ein Trost der Bruder war, dass doch noch nicht ganz gelebt werden musste, wie der Freund der heiligen Therese, der Beichtvater des Einsiedlers von Sanct-Just (Karl V.), Petrus von Alcantara lebte, in einer Zelle, die kurzer war, als seine Leibeslange! Ging man uber den Hof hinweg, so fand man von Bramante eine Kapelle just uber der Statte erbaut, wo der Apostel Petrus einst mit dem Kopf nach unten gekreuzigt werden wollte Sanct-Peter wollte nicht die Ehre haben, zu sterben, wie sein Herr und Meister ... Der Janiculus ist das zweite Golgatha. Was sagten, solchen Leiden gegenuber, druben die dunklen Zellen mit eisernen Gittern, in deren einer der selige Bartolomaus von Saluzzo zehn Jahre hinbrachte, ein Priester, der die Dreistigkeit hatte, schon dem Rom seiner Zeit, Papsten und Cardinalen, zu sagen: Nicht einer unter euch ist ein wahrer Priester! ...

Pater Vincente schien kein so wilder Feuerkopf. Ein Schwarmer aus dem Thal von Castellungo, gehorte er ohne Zweifel zu jener dritten Art der Heiligen, den Geschlechtlosen, von denen damals der Onkel Dechant gesprochen ... Im Suden sind vollkommen schone Jungfrauen nicht so haufig, wie diese rein vegetativen, willenlosen, zuweilen bildschonen Junglinge ... Ein Monch lebte gefangen auf San-Pietro in Montorio, der den Pater Vincente nur einmal sah und sich sagte: "Nun begreif' ich Horaz und Alcibiades, Plato und Platen " ...

Wer konnte wol hier oben in Rom vom deutschen Dichter Platen sprechen? ...

Pater Vincente hatte das Loos gezogen, der Hochzeit seines bosen Beichtkindes beizuwohnen ... Er sollte die Speisen in Empfang nehmen, die man ihm in seinen Quersack schutten wurde, den jedoch ein starkerer Laienbruder tragen sollte ... Dieser Laienbruder war krank ... Das Fieber springt in Rom von einem Berg zum andern ... Im Monat Mai hockt der unheimliche Damon auf dem Janiculus ... So hatte man beschlossen, einen der beiden deutschen Gefangenen, die hier in Rom auf der Hohe des freien Vogelflugs in strenger Haft sassen, ihm zur Begleitung mitzugeben ... Der eine, den die Monche "den Todtenkopf" nannten, war so stark, dass er im ersten Anfall seiner Ungeduld die verrosteten Eisenstabe seines Kerkers verbog und fast zerbrach ... Jetzt war Bruder Hubertus schon lange ruhiger geworden ... Er liess nach dem letzten Vierteljahr, das er und Pater Sebastus noch fur ihre Flucht aus dem Kloster Himmelpfort in Deutschland hier zu bussen hatten, ein nutzliches Mitglied der Alcantarinergemeinde erwarten, falls Pater Campistrano, der General der Franciscaner, und der Cardinal-Grossponitentiar ihm und dem nur noch schattenhaft am Leben hangenden Doctor Klingsohr die Bestatigung gaben, dass ihre Absicht, zu den "Reformirten" ihres Ordens uberzutreten, auf einem wirklichen Bedurfniss der Seele beruhte ...

Als Pater Vincente gehort, er musste auf das ganz Rom in Bewegung setzende Hochzeitsfest der Grafin Olympia Maldachini mit dem Sohn des reichsten aller Romer nachst dem Fursten Torlonia gehen und unter den hundert Bettlern auch fur San-Pietro in Montorio seine zarte, weiche, frauenzimmerliche Hand offen halten, die einen Bischofsstab hatte tragen durfen, ware er nicht voll Demuth gewesen, war er in seine Zelle gegangen, fastete und betete ... Dem "Bruder Todtenkopf" hatte man den Vorschlag gemacht, den voraussichtlich heute uberfullten Zwerchsack zu tragen ... Bruder Hubertus sang seit einiger Zeit so viel heitere Lieder, dass man den Versuch glaubte wagen zu durfen, ihn ins Freie zu lassen, hinaus in eine allerdings fieberschwangere Mainacht ... Hubertus hatte erwidert:

Wohlan! Lasst mir aber den Pater Sebastus mit ... Es ist zu grausam, in Rom angekommen zu sein und neun Monate lang nichts davon gesehen zu haben, als eine Zelle von zehn Fuss Lange und zehn Fuss Breite ... Beim Kreuz des heiligen Petrus druben, lasst ihn ohne Furcht mit mir gehen! ... Schon deshalb, weil er vielleicht ein Fieber mitbringt und ich dann Gelegenheit habe, euch zu zeigen, wie ich in Java das Fieber curiren lernte ... Der nimmt die Arznei, vor der ihr euch so furchtet ...

Die Monche lachten uber diese Worte aus zwei Ursachen ... Einmal weil sie aus einem Kauderwalsch von allerlei Sprachen bestanden ... Hollandisch, Deutsch, etwas Messlatein und so viel Italienisch, als man auf einer Wanderung durch Italien bis hieher und in dem beschranktesten Verkehr mit der Welt erlernen konnte ... Dann, als man zum Uebersetzen den Pater Sebastus herbeigerufen, lachte man wieder uber die Methode des Fiebercurirens, die nach Hubertus hauptsachlich in einer sonst nicht normalen Anwendung von Theer und Kuhmist bestehen sollte ...

Die Stimmung wurde dem Mitgehen des Paters Sebastus gunstig ... Der Herbeigerufene trat in das Refectorium ein ... Er sah schon aus wie ein echter Nacheiferer des heiligen Petrus von Alcantara ... Hatte ihn sein General gesehen, er wurde gesagt haben: Auch du, mein einst so wilder Kriegsmann, wirst mit der Zeit reif, die Wonne der heiligen Therese zu werden! So mochte einst der edle Ritter Don Quixote de la Mancha ausgesehen haben! So fleischlos hingen auch die Arme des Don Pedro von Alcantara, so voll Schwielen waren seine Kniee! So sah er aus, als er in der schauerlichen Einode zu Estremadura seinen furchtbaren Tractat uber den "Seelenfrieden" schrieb! ...

Armes Jammerbild des Wahns! ... Aber "d o c h noch ein Gluck dabei!" sagt der gute Bruder Lorenzo in "Romeo und Julia" ... Dinte und Papier hatte man dem Pater Sebastus gelassen. Man hatte ihm Bucher gegeben, um sich in der italienischen Sprache zu vervollkommnen. Man hatte gefunden, dass er besser Latein verstand, als der Pater Guardian, der seit diesem deutschen Pflegbefohlenen seine Sprachschnitzer nicht mehr so oft vom General unten im Kloster Santa-Maria corrigirt bekam ... Der Gefangene tilgte sie zuvor ...

Pater Sebastus, fahl und bleich, mit ubergebeugter, hohler Brust, hustelnd, unsichern Ganges, flosste dem Guardian keine Besorgniss mehr ein, dass er entfliehen und sich dem wahrscheinlich doch nur noch kurzen Rest seiner Strafzeit entziehen konnte ... Der Guardian betrachtete seine Collegen, wie der heilige Vater im Consistorium die Cardinale ... Quid vobis videtur? Worauf ein einmuthiges Stillschweigen die jahrtausendalte Regel ist ... Zustimmung schien auch hier aus Jedes Auge zu leuchten ... Bei dem "Bruder Todtenkopf" versah man sich ja, dass er keinen Schinken, keinen Buffelkase als zu viel ablehnen, sondern den Sack so vollstopfen wurde wie nur moglich eben um seine Kraft zu zeigen, uber die er etwas ruhmredig und plauderhaft war, der alte Polterer ... Man beschloss, den Pater Sebastus mitgehen zu lassen und unterrichtete nur noch beide, wie sie es anstellen mussten, um von Koch, Kellner, Haushofmeister des Fursten Rucca mehr, als alle andern Kloster, besonders die nicht bloden Kapuziner von Ara Coeli, zu bekommen ... Das Hauptmittel, begriff schon Hubertus, war auch hier die Faust ... Wenn um Mitternacht die grosse Tafel, die der alte Furst Rucca seinem Sohn und der "Nichte" des Cardinals Ceccone ausrichtete, zu Ende war, begann die Austheilung ... Brachen die Monche um die zehnte Stunde auf, so kamen sie gerade recht ... Wogte es dann schon die ganze Nacht in jenen Strassen, die zur Villa Rucca fuhrten, so ging fur sie der Weg durch entlegenere Gegenden, wo sich rascher dahinschreiten liess ...

Die Frate waren, in Hoffnung auf die grosse Beute, so nachsichtig, dass sie sogar in dem Verlangen des Pater Sebastus nach Siegelwachs heute nichts Strafliches fanden und ihm die Mittel einer unerlaubten Correspondenz an die Hand gaben; es sollte alles, was die beiden deutschen Monche auf die Post gaben, erst hinunter an den General kommen ... Heute ging in den Wursten, Schinken, Kasen, den feinern Tafelresten, die man erhoffte, ein Brief unbemerkt hin, den Pater Sebastus fast sichtbarlich seinem Leidensgefahrten Hubertus zusteckte, dass er ihn vorher lase und mit unterschriebe ... Er wollte noch eine Weile sich ruhen, den Brief dann siegeln, mitnehmen und irgendwie suchen "der Post beizukommen", das flusterte er auf deutsch dem Leidensgefahrten ...

Klingsohr hatte Rom, sein ewiges, hochheiliges Rom, bisher nur erst aus der Ferne gesehen ... Er kannte nur seit drei Vierteljahren diesen magischen Anblick zuweilen vom Fenster des Refectoriums ... Nun sollte er im Mondschein zum ersten mal den heiligen Boden betreten ... Die Sonne sank in ihrer goldensten Pracht ... Diesen Anblick hatte er zuweilen an Festtagen gehabt, durch die Olivenbaume des sich vom Fenster des Refectoriums abdachenden Bergabhangs hindurch ... Heute verweilte er langer bei ihm ... Sein dumpf gewordener Geist belebte sich ... Aus den matten Augen glitt ein Schimmer der Erwartung ... An den Bischof von Robillante hatte er geschrieben ... Robillante lag ja da, da, wo die Sonne ebenso schon unterging ... Er wusste, Bonaventura von Asselyn war jener Bischof dort geworden, der hier oben Pater Vincente hatte sein konnen, wenn er gewollt ... Vincente's Geschichte war das grosse Wunder, das man auf San-Pietro jedem erzahlte, der etwas langer blieb, als nothig, um die Bilder Sebastian's de Piombo in der Klosterkirche und die alten paolischen Wasserleitungen zu sehen ...

Unbeschreiblich ist die Schonheit des letzten Blicks der scheidenden Sonne Italiens, wenn ihre Strahlen sich zuletzt nur noch leise durch die grunen Zweige der Baume stehlen ... Ein Olivenwald vollends ist an sich schon zauberisch ... Seine Schatten sind so licht, das Laub ist so seltsam graugrun blitzend ... Und wenn seine Stamme hundertjahrig sind, so sind die Gestalten der Zweige und uber dem Boden herausragenden Wurzeln so phantastisch, dass sie sich im purpurnen Dammerlicht der Sonne zu bewegen scheinen wie die Baume in den "Metamorphosen" Ovid's ... Ein magischer Sommernachttraum gaukelt durch einen solchen uralten Olivenhain ... Sieben, acht Stamme sind zu Einem zusammengewunden ... Wie Polypen von Holz sind sie aufgeschnitten, das Mark ist heraus und nur die Rinde noch zuruckgeblieben, aber die tragt die graugrunen Blatterkronen mit den blauen kleinen Pflaumen der Frucht ganz so, als ware Herz und Seele noch drinnen ... Diese groteske Welt, voll Fratzen, als hatte sie Hollen-Breughel geschaffen, schwimmt nun im Lichte und wird zu purem Golde; die untergegangene Sonne lasst am Horizont einen riesigen Baldachin der glanzendsten Stickerei zuruck ... Flimmernde Goldfranzen hangen in Himmelsbreite an violetten und rosa Wolkchen ... Wahrend nach der ostlichen Seite hin schon die Nacht urschnell und tiefblau, mit sofort sichtbaren Sternen aufleuchtet, steht noch im Westen diese Phantasmagorie der Farbenmischungen eine wunderbare Weile ... Endlich wird auch sie rother und rother; die goldnen Franzen, die Stickereien von Millionen von Goldperlen erbleichen; dann wird der westliche Himmel dunkelblauroth ... Nun schwimmt der Olivenwald wie in einem Meer von aufgelostem Ultramarin ... Die Nacht im Osten ist schon tiefschwarz ... Alles das lehrt Ewigkeit des Schonen ...

In seiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe ... Sie war an sich armselig, aber sie konnte doch in Pompeji gestanden haben ... Der Docht brennt in der Mitte gleichsam eines Tulpenkelches aus vier Oeffnungen ...

Er las jenen Brief, den er mit Pater Sebastus verabredet, um durch Bonaventura's Vermittelung vielleicht fur sie beide ein besseres Loos zu erzielen, als das ihrer durch den Spruch aus Santa-Maria da unten harrte und selbst fur den Fall harrte, dass sie sich diesem romischen oder sonst einem Kloster der Alcantariner einreihen durften ...

Der Brief musste so geschrieben sein, dass er im aussersten Fall auch in die Hand des Generals gerathen und sie nicht aufs neue compromittiren, nicht zur Fortsetzung ihrer Leiden Anlass geben durfte ...

So hatte denn Dr. Heinrich Klingsohr, weiland gottinger Privatdocent, ganz im gebuhrenden Ton, wie etwa Pater Vincente gethan haben wurde, wortlich an Bonaventura geschrieben1:

"Vivat Jesus! Vivat Maria! Halleluja! Friede sei mit Ihnen, hochwurdigster Herr und hochgnadigster Herr Bischof! Hat unser Ohr recht gehort, so ist ein Wunder geschehen! Hochgeehrtester Herr, Sie verweilen nicht mehr auf deutscher Erde, wo das Salz dumm geworden ist, Sie fuhren den apostolischen Stab im Lande der Verheissung! ... Hochgnadigster Herr und Bischof! Wir sind die beiden Fluchtlinge aus dem Kloster Himmelpfort, die wir schon einmal Schutz gefunden durch Ihre gnadigste Frau Mutter, als wir lieber unter den Thieren des Waldes und in einer Hutte von Baumzweigen wohnen wollten, als langer in der uppigen Vollerei der entarteten Minderbruder des heiligen Franciscus. Lieblosigkeit, Zank, Mangel an gottseliger Gesinnung haben uns von einer Statte getrieben, wo unser allerheiligster Herr Jesus von seinen eigenen Jungern taglich noch gekreuzigt wird! In dem grossen Feldzug, den die Kirche gegen den Belial der Aufklarung gerade in unserm Vaterland zu bestehen hat, sind diese Kloster, in denen sich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat, nur zu Verschanzungen des bosen Feindes nutze. Provinzial Maurus hat an unsern General eine Liste unserer Verbrechen geschickt und so mussen wir denn, da man uns ohne Richterspruch verurtheilte, unser sehnsuchtiges Verlangen nach der reformirten Regel der Minderbruder durch eine Gefangenschaft bussen, die hier auf San-Pietro in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert; freilich schmachten wir in der Nahe des Kerkers, den der selige Bartolomaus von Saluzzo zehn Jahre lang innehatte ... Aber die Krone des Himmels zu gewinnen wird, ach! zu muhselig fur die schwache Kraft unsrer Sterblichkeit ... Hochgnadigster Herr Bischof! Wir schopfen wol Muth aus dem Vorbild der Martyrer und heiligsten Apostel, aber unsere Krafte schwinden, unsere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erloschen, zu schwer fur menschliche Schultern ist, was wir seither erlitten! ... Von dem unterzeichneten Pater Sebastus, hochgnadigster Herr Bischof, wissen Sie aus einer denkwurdigen Stunde mit dem gefangenen Kirchenfursten, dass er die Rettung seiner Seele dem 'Bruder Abtodter' verdankt, der im Gegentheil im Lebendigmachen sich auch hier schon mannichfach bewahrt hat. O dass ich in einem einfachen, schlichten Menschen mehr fand, als in meinen weiland Genossen, Hochgebildeten, die mich durch die sophistische Moral der heidnischen 'glanzenden Laster' zum Todten eines Mitmenschen, Ihres Verwandten, reizen konnten! Hubertus hat mich oft meilenweit Nachts auf seinen Greisesarmen getragen, wenn wir auf unserer Flucht mit nackten Fussen den Haschern zu entrinnen suchten. Vom Dusternbrook, von der verhangnissvollen blitzzerschlagenen Eiche an bis zu den trauernden Cypressen dieses heiligen Sanct-Peter-Kreuzes-Hugels verfolgte uns das Concil von Trident, nach dem 'ein entsprungener Monch seinem Kloster zuruckzufuhren ist' ... Wir lebten von Wurzeln und Beeren, suchten die einsamsten Strassen des Rhongebirges, des Schwarzwaldes und der Alpen auf ... Nie legten wir unser haren Gewand ab, unsers heiligsten Franciscus Ehrenkleid, das ich einst, Sie wissen es, im schnoden Ruckfall um jene Lucinde verleugnen konnte ... Nie gonnten wir uns eine andere Erquickung, als unsern blutenden Fussen die kuhlende Welle des Waldbachs ... Auf der Schweizergrenze ergriffen uns die durch Steckbriefe aufgewiegelten Hascher ... Nur der Kraft des Bruders Hubertus, die er indessen seinem Gebet zuzuschreiben bittet, gelang es, dass wir aus einer Polizeiwache auf dem Transport entsprangen und uns drei Tage und drei Nachte, dem Verhungern nahe, unter dem Heu einer Scheune verbargen ... Zu unserm Uebergang uber die Alpen wahlten wir die einsamste Strasse, die des Grossen St.Bernhard ... So verschmachtet und verkommen waren wir, dass wir den Gerippen glichen, die dort von verschutteten Wegwanderern aufbewahrt werden" ... (Sebastus ahnte nicht, wie gerade diese Worte auf Bonaventura wirken mussten, wenn er den Brief empfing!) ... "Nur die Hoffnung auf Rom belebte uns ... Rom! Rom! rief es in unsern Herzen und gestarkt erhoben wir uns, wie verschmachtete Kreuzfahrer einst mit dem Feldruf:

Jerusalem! ... Aber auch in diesen heissersehnten Gefilden verfolgte uns die Hand des Paters Maurus. Jedes Kloster unsers Ordens drohte zum Gefangniss fur uns zu werden. In den Reisfeldern Pavias, wo wir uns in giftigen Sumpfen verstecken mussten, ergriff mich das Fieber. In der Nahe jener prachtvollen Certosa, einer architektonischen Wunderblume deutscher Baukunst in einer Oede voll Trauer, trauriger als die Fieberkrankheit, glaubte ich zu sterben. Mein zweiter Vater rettete mich und der innere Stern des Morgenlandes schimmerte wieder am Wege ... Rom! rief es von unsichtbaren Geistern, in die zuletzt wirkliche Stimmen, die Stimmen der Pilger einfielen, denen wir uns anschlossen ... Alle meine Graber offneten sich in meiner oden Tannhauserbrust ... Leiche auf Leiche erhob sich ... Die Wissenschaft, die Kunst, die Philosophie, die seraphische Liebe alles wachte auf in dieser Sehnsucht nach Rom! ... Ich fuhlte unendliches Leben in meinen Adern ... Wir kamen ein kahl Gebirge, die Apeninnen, hinauf und sahen das Meer Zum zweiten male sah ich's und mein Fuhrer kannte es von Indien ... Was blieb da noch die Ostsee! Nussschaale gegen einen Bethesdateich! Dort, dort lagen Afrika, Asien Hannibal stieg mit uns nieder, Scipio kam von Karthago Hinan! Hinan! ... So wanden wir uns drei Wochen durch Etrurien hindurch nach dem Sanctum-Patrimonium ... Mit den Pilgern, mit manchen Verbrechern, mit denen uns die Nachtwanderung vereinigte, hofften wir: Rom ist die Stadt der Gnade! ... Ein Pilger rief: Rom ist mit Ablassen gepflastert! Ich verzieh einem Mund, der dem naturlichen Jubel des frommen Entzuckens erwiderte: Noch mehr, denk' ich, dein eigen Herz! Diese Denkerphrase deutsch gesprochen! Ich verzieh dem Sprecher, weil er ein Greis war" ...

Hubertus hielt hier einen Augenblick inne ... Dieses greisen deutschen Pilgers hatte er oft gedacht ... Auch ihm und Klingsohr war er streng gewesen; aber eine verklarte und wieder andere verklarende Natur bei alledem ... Wo mochte wol dieser Reisegefahrte weilen! ...

Dann fuhr Hubertus zu lesen fort:

"Wir mussten mit den andern oft in den Felsen schlafen, vermieden die grossen Stadte, deren Zinnen und Domthurme ich nur fernher aufragen sah, wie die Marchenerinnerungen meiner Jugend ... Parma! Florenz! Siena! Welche Klange! ... Aber in Hohlen, oft zu Raubern, mussten wir fluchten, bis wir endlich in diesem oden Kesselthal ankamen, das Euch die 'wuste' Campagna heisst Die wuste! Ihr leipziger Nationalokonomen, ein H i r t e n l a n d musst' es ja sein, wo wieder die Krippe des Heiles steht! Hier darfst du ja, verlorene Welt, nur Schafhurden und Stalle suchen! Hier sollst du ja nur der Hirten Lobgesang horen wollen, der dich doch in Correggio's 'Nacht' entzuckt, warum nicht in Wirklichkeit? ... Endlich eines Morgens ging die Sonne auf und wir sahen die Stadt der Stadte! Im Kern einer grossen Muschel liegt, nachst Jerusalem, die kostlichste Perle! ... Das Auge unterschied die Peterskuppel ... Schon horte das Ohr die Glocken der versunkenen Kirche, die in meiner Brust schon seit dreissig Jahren 'Rom' lauten; ich horte sie nun von sichtbaren Thurmen niederhallen Hosiannah! rief alles um uns her ... La capitale du pardon! jauchzte ein Franzose ... Da umringen uns wieder die Hascher des Paters Maurus. Die in der Knabenlecture vielbelachten 'Sbirren' hassliche Dreimaster von Wachsleinen auf dem Kopf ... Sie wissen, wer wir sind. Sie wissen, woher wir kommen ... Sie fuhren uns uber die Tiber zuruck, die wir schon hinter uns hatten! ... In der Abenddammerung geleiten sie uns einen jener riesigen Aquaducte entlang, die man nicht sehen kann ohne an Roms ewige Grosse, an die fruchtlosen Belagerungen durch Attila, die Hohenstaufen und Beelzebub zu denken, fuhren uns durch ein entlegen Thor auf einen hohen Berg und hier in ein Gefangniss, das wir seit dieser Stunde nur zuweilen im Umkreis einiger hundert Schritte verlassen haben! ... Vor unserm Kloster sturzen sich die Wasser jenes Aquaductes, dem wir folgten, in ein Becken und gleiten nach Rom hinunter, das, sagt man, vom Geriesel der Brunnen und Cascaden wie ein einziger Quell des Lebens rauschen soll! Wir hier oben aber verschmachten! Wir mussen uns der Gewalt des Pater Maurus, die bis hieher reicht, ergeben! ... Wohlan, die Ordnung herrsche in der Welt, selbst in den Handen unwurdiger Gotteswerkzeuge! Wir wollen unser Joch-Jahr dulden. Aber die Zukunft! Soll sie denn nur, nur den Tod bergen? ... Wenn Ihre grosse Gute, hochgnadigster Bischof, es ubernahme, ein Wort des Zeugnisses fur uns beim General zu sprechen! Wenn Sie Ihren Nachbar, den Erzbischof von Coni, Cardinal Fefelotti, der, wie man sagt, die Stelle des Grossponitentiars der Christenheit erhalten wird, fur uns gewannen! Das Elend meines Lebens kennen Sie! Sie wissen, was ich dem Kreuz des Erlosers schon alles von Menschenschuld aufgeburdet habe! Sie kennen Klingsohr's Sunden auch seine verwelkten Rosen Sie wissen, welche Hand den Lebensfruhling mir zerriss ... Ueber Trummern aber ist das Kreuz erstanden! Ich will meine Fahne nicht mehr lassen, die Fahne des geopferten Lammes! Lassen Sie mich nicht streiten unter sinnlosen Fuhrern! Das ist das Schrecklichste, unter Mitknechten stehen, die nicht wissen, wessen Harnisch sie angethan haben! Mussten wir nach Deutschland zuruck, zuruck nach Witoborns oden Gassen, zu den dumpfen Wanden Himmelpforts, so wurde der letzte Funke unsers Lebenslichtes erloschen sein! Lieber das Grab in Rom, als ein Leben im Leichentuch Deutschlands! Sie, Sie sind glucklich! Sie durfen reden, hochwurdigster Herr und Bischof! Legen Sie Zeugniss fur uns ab! Ein Wort von Ihnen zu unserm General, ein Wort zu Cardinal Fefelotti, und man wirft uns nicht mehr mit denen zusammen, die wie der Tag kommen und gehen. Auch mein guter Fuhrer und Lehrer sturbe so gern in der Stadt der Katakomben. Er hat noch auf dem Amt in Witoborn eine Summe Geldes liegen, ungerecht Gut, das er der Sache der Gerechtigkeit schenken mochte. Er hoffte in Rom einen Erben zu finden, einen Krieger im Heer Seiner Heiligkeit, den zu erkundschaften ihm noch keine Musse geboten ward. Fande er diesen nicht, so wurde er das Vermogen dem General seines Ordens anweisen ... Lasst ihn eine Weile suchen! Lasst uns doch noch irgend eine schaffende Thatigkeit! Der Trieb zu helfen ist Gradmesser noch vorhandener Lebenslust. Mit dieser neuen schonen Sonne, die wir Gefangenen nur zu sparlich sahen, ist er in uns zuruckgekehrt. Ich jage nicht mehr dem Spuk der nordischen Phantome nach. Dieser blaue Himmel, diese gottliche Luft, diese immer gleiche Stimmung der Natur selbst im Blattergrun, das im Winter nicht entschwindet, ach! sie giessen einen so vollen Glanz der Schonheit selbst uber unsre bescheidensten Wunsche, dass ich mir vorkomme, als hatte meine seitherige Vergangenheit nur unter meiner unrichtigen Geburt im Norden gelitten. Meine Zweifel schwinden. In einem romischen Sonnenuntergang glaub' ich an das Labarum des Constantin, das ihm in den Wolken erschien! Ich sehe das Tabernakel des Hochamts in jeder bunten Wolke dieses italienischen Himmels! Halleluja! Die Kreuzesfahne voran! In diesem Zeichen Sieg und Hoffnung! Retten Sie uns! Retten Sie uns! Heinrich Klingsohr, genannt Pater Sebastus a Cruce. San-Pietro in Montorio, im Mai 18**."

Zu diesem Namen schrieb Bruder Hubertus:

"Eines hochgnadigsten Herrn und Bischofs gehorsamster Kreuzestrager und apostolischer Pilger Frater Hubertus."

Diesen Brief ganz flussig zu lesen und dann zu unterschreiben kostete dem "Todtenkopf" einige Muhe ... Seine knocherne Hand kritzelte lange an den wenigen Worten ... An der Stelle, wo von seinem Geld die Rede war, hielt er besorgt inne ... Er gedachte mismuthig jenes Wenzel von Terschka auf Westerhof, von dem er schon lange ahnte, dass er dessen Versicherungen, er ware nicht jener Soldat, der einst im romischen Heer gestanden, zu leichtglaubig hingenommen, von dessen Verbleiben aber, Ursprung, spaterer Flucht, Uebertritt, gegenwartigem Aufenthalt in London die Eremiten im winterlichen Walde, die Fluchtlinge durch Deutschland und Italien, die Gefangenen von Rom nichts erfahren hatten. Klingsohr kannte diesen Terschka nicht einmal dem Namen nach ... War die Erwahnung seines Geldes praktisch? ... Wie wurde diese Stelle auf den General wirken, wenn er sie lase? ... Vielleicht ganz forderlich! dachte endlich Hubertus mit einiger Pfiffigkeit ...

Gegen zehn Uhr erhob er sich von seinem Maisstroh ... Aufgeschreckter denn je ... Dachte er an Terschka, Picard, sein Geld, so erschienen ihm Eulen und Fledermause und Brigitte von Gulpen rang unter ihnen die Hande und Hammaker's blutigen Kopf sah er und Picard hing am brennenden Dachbalken und den Pater Fulgentius, den er "richtete", indem er ihn ruhig sich selber todten liess, sah er am Seile schweben ... Der Riegel seines Kerkers wurde klirrend zuruckgeschoben ...

Der fieberkranke Laienbruder war es selbst, der, sich schuttelnd, den machtigen Sack brachte ... Er geleitete Hubertus an Sebastus' Zelle ...

Auch hier fiel die eiserne Klammer ... Sebastus stand in erregter Spannung ... Rom und die langen Leiden hatten seinem sonst so vornehm verachtlich, so hochmuthig geringschatzend in die Welt und auf andere Menschen blickenden Wesen seit einiger Zeit eine vortheilhafte Veranderung gegeben ... Er ergriff den heimlich dargereichten Brief, siegelte ihn, wahrend Hubertus dem Laienbruder, um diesen zu zerstreuen, seine Pillen ruhmte und zu grosserer Deutlichkeit das Verschwinden des Fiebers mit der Leere des machtigen Sackes verglich ... Dann steckte Sebastus unter der braunen Kutte den Brief zu sich und folgte dem Laienbruder, der beide auf die Terrasse zu den rauschenden Wassern fuhrte ...

Hier harrte ihrer Pater Vincente ...

Benedictus Jesus Christus! ...

In aeternum, Amen! ...

Die drei Monche schritten den Hugel San-Pietro nieder in jene kleinen gespenstischen Schatten der Baume und Hauser, die ein helles Mondlicht wirft ...

Alle drei schritten sie nach Rom hinunter in den gleichen Kutten ... Die Kapuze uber den Kopf gezogen, um den Leib des heiligen Franz von Assisi fliegende weisswollene Schnur ... Die beiden Deutschen noch nach ihrer alten Regel in Sandalen ... Pater Vincente mit entblossten Fussen.

Fussnoten

1 Vielen dieser Einzelzuge liegen Actenstucke zu Grunde.

2.

Pater Vincente war wol schon dreissig Jahre alt; doch hatte er noch alles von der weichen Junglingsschonheit des Antinous ...

Seine Augen waren sanft braun ... Die Farbe seines Antlitzes, und nicht ganz vom Widerschein der Strahlen des orangegelb uber dem Albanergebirge herausgetretenen Mondes, war fast gelblich ... Das kurzgeschnittene und die so schongeformten kleinen Ohren grell freilassende Haar dunkelschwarz ... Der braune, jetzt von der Kapuze bedeckte Nacken schweifte sich sanftgebogen ... Sein Mund war etwas aufgeworfen und wie zum Genuss des Lebens bestimmt ... Die hohle Wange stand in Verbindung mit sanften Erhohungen an den Winkeln und Lippen ... Seine Gestalt hatte etwas Aetherisches; sie schien, wie dies einst dem heiligen Franciscus in Wirklichkeit geschehen sein soll, in den Luften zu schweben ... Viele, die ihn kannten, prophezeiten auf sein Haupt noch einst die dreifache Krone wie man in der katholischen Christenheit jedem Leviten thut, der sich durch gottseligen Sinn auszeichnet ...

Die beiden Deutschen gingen hinter dem Italiener, wie seine Diener ... Doch wollte dieser nur ihr Fuhrer sein ... Hubertus liess sich auch nichts von seinem bestimmten, festen, muntern Naturell nehmen ... Was ihm durch den Sinn kam, plauderte er aus ... Die Baume am Wege nannte er alte Bekannte aus Indien; die Dufte, die von den botanischen Garten heruberkamen, analysirte er nach den Pflanzen, denen sie angehorten ... Den schmetternden Nachtigallen passte er stillstehend auf; dem Mond drohte er, ihn, wenn er noch grosser und ganz wie in Java wurde, vor Freude in den Sack zu stecken ... Alles das, sagte er, ist darum so prachtig hier, weil es ohne die Schlangen und die Tiger ist! ...

Die Heiterkeit des wunderlichen Alten hatte seinen Leidensgefahrten schon seit Jahren aufgerichtet ... Sebastus nannte ihn schon im Kloster Himmelpfort den zweiten Philippus Neri ... Philippus Neri war jener "kurzangebundene, humoristische", romische Heilige, von dem Goethe in seiner italienischen Reise erzahlt ... Konnte ich Ihnen den Schamanen und indischen Gaukler austreiben, sagte Sebastus schon oft, Ihre Wunderkraft und Heiligsprechung ware verburgt! Philippus Neri legte sich auf das Studium, den Menschen manchmal so unausstehlich zu werden wie moglich. So auch Sie! Es gelang freilich Ihrem heiligen Vorbilde nicht immer so ganz, wie Ihnen! Je mehr Philippus verletzte, desto mehr liebte man ihn. Ja sogar die Thiere liefen ihm nach. Hunde zu tragen war sonst eine Strafe der Verbrecher; Philippus trug sich immer mit Hunden und duldete den Spott der romischen Jugend. In die Kirchen ging er und unterbrach die romischen Fenelons und Bourdaloues seiner Zeit gerade an ihren blumenreichsten Stellen. Da wollte er ihre Demuth prufen, ob auch wol die geistreichen Rhetoriker nun ebenso gelassen blieben, wie sie ihren Zuhorern anempfahlen. Erschien ihm die allerseligste Jungfrau, so spie er sie an, und siehe da! es war eine Teufelslarve. Er sagte: Ihm musste dergleichen viel herrlicher erscheinen! ... Die "V e r n u n f t " in unserer Heiligengeschichte ist noch gar nicht genug geschildert worden ...

So sprach Klingsohr in Himmelpfort Fast hatte er sich auch in Rom veranlasst fuhlen durfen, wieder an diese alten Vergleichungen zu erinnern ... Hubertus sprach den ganzen Weg bis zum Ponte Sisto, der die Wanderer uber die Tiber fuhrte, vor Aufregung alles bunt uber Eck durcheinander ... Ja er wagte sich an den Pater Vincente mit der italienischen Frage, nicht etwa wo das Capitol oder das Coliseum oder die ubrigen Kloster des heiligen Franciscus lagen, sondern wo er die papstliche Reiterkaserne finden konnte ...

Pater Vincente zeigte weit weg uber die Tiber zur Peterskuppel hin und sprach von einer dort befindlichen Porta Cavallaggieri ...

Nun ereiferte sich Hubertus uber den Mangel an Briefkasten ... Und dass auch die Hauptpost nicht einmal des Nachts einen Briefkasten offen hielt, wie ihm Pater Vincente versicherte, rugte er ebenso, wie der heilige Philippus Neri mit den Institutionen von funfzehn Papsten, die er erlebt hatte, in stetem demokratischen Hader lag und noch wenige Jahre vor seinem Tode und schon im Geruch der Heiligkeit nahe daran war, statt als "heiliger Diogenes in der Tonne" in allerlei romischen Winkeln zu leben, als Staatsgefangener auf die Engelsburg zu ziehen ...

Als Hubertus die Unmoglichkeit, den Brief abzugeben, in deutscher Sprache beklagte, musste er erleben, dass Pater Vincente sich umwandte und mit gebrochenem Deutsch einfiel:

Wisset Ihr denn nicht, dass Ihr keinen Briefwechsel fuhren durft? Lasst mich doch nicht zum Beschutzer einer unerlaubten Handlung werden! ...

Die betroffenen Monche erfuhren zum ersten mal, dass Pater Vincente soviel Kenntnisse in den Sprachen besass ... Sie mussten ihren Unterhaltungen einen Dampfer auflegen ... Hubertus murmelte, verdriesslich uber soviel Loyalitat:

Sind wir wirklich im Lande der Morder und Rauber? ...

So kam er in die andachtig und feierlich gehobene Stimmung Klingsohr's, um den jetzt nur noch bald die Volkssturme der Gracchen rauschten, bald die ersten feierlichen Gesange der Katakombenkirchen ...

Die Wanderer hatten die innere Stadt betreten, die in ihren lebhaftesten Theilen jeder andern sudlichen gleicht und ausser den an den Hausern zahlreich angebrachten Balconen nichts Auffallendes hat. Die "ewige Stadt" zeichnet sich auch sonst am Tage durch ihre Schweigsamkeit aus, die gar nicht mit der larmenden Weise Sudeuropas stimmt. Die Herrschaft der Priester bedingt den Ton der Ehrfurcht und Zuruckhaltung. Beim ersten Betreten macht Rom einen Eindruck, wie Venedig auf den Lagunen lautlos gleiten die Gondeln uber die dunkle Flut ... Jetzt war nun noch die Nacht hereingebrochen und vollends still lagen die hier so engen, den erwerbenden Klassen angehorenden Strassen und kleinen Platze. Dunkle Schatten hullten die verschlossenen Hauser ein. Nur da und dort brach der goldene Strahl des Mondes hervor und gab den schmutzigen Eckgiebeln, den verschwarzten Balconen, hochragenden Schornsteinen eine verklarende Beleuchtung. Die vielen Fontainen Roms belebten die Stille. Fiel der Mond auf die Strahlen und die Bassins, in die jene niederglitten, so glaubte man Buschel von Gold- und Silberperlen zu sehen. Oeffnete sich ein grosserer Platz und zeigte eines der hohen Staatsgebaude, eine der Kirchen oder einen der in dieser Gegend seltenern Palaste, so sah man die Giebel, Thurme und Kuppeln in um so magischerem Lichte, als die Dunkelheit der Schatten daneben den Glanz derselben erhohte. Dazwischen durfte das Auge dann und wann glauben, Schneeflocken auf den Hohen zu sehen. Das war dann weisser Marmor, ahnungerweckend aufblitzend ...

Klingsohr sah wie zum zweiten mal geboren um sich ... Die Erinnerungen umkrallten ihn riesig, als Pater Vincente, der sein hartes Wort wieder gut machen zu wollen schien, Erlauterungen zu geben begann ... Da sagte der sanfte Fuhrer auch unter anderm auf ein wustes Gewirr von Hausern zur Linken zeigend:

Der Ghetto der Juden! ... Die "Rumpelgasse" Roms! ... Ob auch hier, wo eine Nachtigall so machtig schlug, wo die Fontana Tartarughe so traulich platscherte, wo am Mauerwerk wie verstohlen eine schwarze Cypresse hervorlugte, ein Veilchen Igelsheimer leben mochte? ... Ob auch hier die nachtliche Vertauschung einer Monchskutte moglich war gegen einen Ueberrock, mit dem ein toller Monch in die Theater Roms lief? ... Lucinde huschte fur Klingsohr schon lange, lange am Wege ... Da gab es schon so manchen schonen Kopf mit aufgelostem Haar an einem Fenster, ein Madchen, das eben schelmisch noch einmal den Mond anguckte und dann erst zu Bett gehen wollte ... Da tonte eine Guitarre ... Da scholl aus einer Schenke ein Jauchzen das Schreien beim Morraspiel ... Jesus, mein Feldherr! musste schon der ewige Fahnenfluchtling rufen ... Lucindens Gestalt begleitete den so tief Verkommenen in jeder schonen Situation, ihn, den wie der Brief zeigte, den er in seiner Kutte trug, die trubste Lebenserfahrung schon so tief gedemuthigt, ja zu der ihm sonst nicht eigenen Verstellung gebracht hatte ... Wie oft hatte nicht Lucinde, wenn Jerome von Wittekind sie im Latein unterrichtete, von Rom gesprochen und ihm was sie gelernt wiedererzahlt bei ihren Stelldicheins hinterm Pavillon unter den alten Ulmen auf Schloss Neuhof und noch in Kiel ... Im Professhause der Jesuiten hatte sie dem Gefangenen Bilder einer grossern Wirksamkeit vorgegaukelt, deren Fernsichten bis nach Rom gingen ... Wo mochte sie wol jetzt weilen, sie, die in ihren auch im Kloster Himmelpfort spater bekannt gewordenen, von der Regierung veroffentlichten Briefen an Beda Hunnius ihr Lebenssymbol nicht selten wiederholt hatte: An der Schwelle der Peterskirche mocht' ich sterben! ... Was alles mit ihr Hubertus in Witoborn vorgehabt, hatte Sebastus von diesem nicht ganz erfahren konnen ...

Pater Vincente blieb freundlich und milde ... Ging doch auch er mit der machtigsten, gewiss auch ihm aufwachenden Poesie im Herzen dahin ... Klingsohr hatte das Erlebniss von dem Kuss in der Beichte gehort ... Er selbst kannte diese Schemen, die den heiligen Antonius peinigten, nur zu gut ... Und diese Luftspiegelung der erregten Sinne, fur die der schone Jungling und Mann dort hatte funf Jahre bussen w o l l e n , vermahlte sich heute! ... Er bettelte nun an ihrer Thur! ... Da war ja die Welt Heinrich Heine's, die ihn einst so umfangen gehalten ...

Das kommt, weil man "Madame" tituliret

Mein susses Liebchen

Jesus hilf! rief es in Klingsohr's Seele ...

Pater Vincente deutete auf eine rechts sich noch einmal offnende Durchsicht uber die Tiber und auf einen jenseits in den blauen Luften schwebenden fernen Punkt und sprach:

Das da ist das Asyl der Pilger! Eine fromme Stiftung des heiligen Philippus Neri! ...

Hubertus lachte und druckte spahend seine schwarzen funkelnden Augen zu und hob die Kapuze in die Hohe und sah die so achtbaren Erinnerungen an einen Mann, mit dem er Aehnlichkeit haben sollte ... Und ganz im Neri'schen Geist sprach er in seinem hollandischen Deutsch durcheinander, rasch, als wenn Pater Vincente folgen konnte:

Das Haus sieht gross genug aus, um den Seckel der Wirthe zu fullen! Ja wer Gott liebt, dem mussen alle Dinge zum Besten dienen namentlich die Wohlthaten, die er spendet! Pater, wo wir in Italien auch Pilger, die Wallfahrer den Stiftern erst recht das Geld ein. Wie so? Wir sind mit Wallern gezogen, klopften an alle Pilgerasyle und bekamen ein Essen, so schlecht um sich davon abzuwenden! Aber wir sahen die Oberalmoseniere und Spitalprioren in Kutschen an uns voruberfahren. Im Walde gab es besseres Laub zum Schlafen, als in solchen Pilgerbetten ... In Turin und in Parma flohen die Wallfahrer vor allen heiligen Asylen, weil sie, eben todtmude angekommen, erst eine Procession durch die Stadt machen sollen, ehe sie zu essen kriegen ... Herrgott, wer vollends, wie wir, die Sehnsucht hat, 'nmal eine hubsche Stadt naher zu betrachten, eine Stadt, die man endlich mit muden Fussen erreicht hat, dem schliessen sie die Pforte vor der Nase, wenn er sich auch nur funf Minuten an einem gnadenreichen Altar verspatete Campirt draussen! heisst's ... Da lernten wir den deutschen Pilger kennen Woher kam er doch? Von Castellungo! Der alte Naseweis und Ketzer, aber ein redlicher Mann ... Der sagte uns: Es steht geschrieben: Nachst dem Gebet eines Heiligen ist nichts vor Gott wirksamer, als das Gebet eines Wallfahrers ... Freilich, das war Spott ... Ein andrer Pilger war bereits dreissig Jahre auf dem Wege nach Jerusalem und immer bei Montefiascone kehrte er um, da, wo der gute Wein wachst Est! Est! sagte der deutsche Pilger. Sie, Pater Sebastus, wussten gleich ein deutsches Lied darauf, das der andre auch gekannt. Widrige Winde machten nach Jerusalem die Schiffahrt gefahrlich! sagte der dicke Pilger nach Montefiascone seit dreissig Jahren. Der Schelm lebte von Huhnern und Gansen die man dem ewigen Kreuzfahrer nach dem heiligen Est! Est! nicht freiwillig gab ... Was zu schwer zum Forttragen war, half ihm ein dritter frommer Bruder verzehren, der eine Kette an den Fussen durch Spanien, Frankreich und Italien schleppte ... Nicht dass er von den Galeren kam wenigstens sagte er's nicht er kam aus Marokko, wo er der Sklaverei entronnen sein wollte, und das Stuck Kette trug er jetzt ordentlich wie seinen Orden ... Heiland, das Italien ist buntes Land! Haben die Leute nicht falsche Briefe mit grossen Siegeln, wie nur echte Siegel aussehen konnen! Und wussten sie nicht alle Gebete, die den Seelen der frommen Stifter von Pilgerasylen im Himmel zugute kommen! ... Dort druben also auch? ... Wird's besser da hergehen? ... Der heilige Philippus hat glucklicherweise das Gebet solcher verdachtigen Kreuzfahrer und erlosten Christensklaven nicht nothig ... Manchmal muss ich dem deutschen Ketzer in seinen Zweifeln an allem von Herzen Recht geben ... Wo mag der Alte im Bart wol hingekommen sein? ... Ich ziehe in die Katakomben! sagte er immer ... Es klang wie Kyrie Eleyson ...

Der "heilige Mynheer", wie Hubertus zuweilen von Sebastus genannt wurde, setzte beim Pater Vincente eine zu grosse Vollkommenheit in der Sprache voraus, die er ohnehin selbst nur mit vielen Freiheiten sprach ... Sein ganzer Ausfall auf die Wohlthatigkeitsanstalten der Kirche, die in den Schriften so vieler von Rom Verzauberten prunkend verzeichnet stehen, auf die mangelhafte Polizeiverwaltung, auf das ungeregelte Passwesen bei Vagabunden die ehrlichen Leute werden genug damit geplagt erntete aus dem Munde des der Hochzeit Olympia's wehmuthig gedenkend dahinschreitenden Priesters nur die einzige Erwiderung:

Si! Si! Si! ... Quest' un' theatro antico ... Il theatro di Marcello! ...

Selbst die Erwahnung Castellungo's schien der Pater Vincente uberhort und von dem Pilger nichts verstanden zu haben ... Und doch war es wol nur Fra Federigo, sein Lehrer, ein Deutscher, jener Machtige, vor dessen Lehren er einst geflohen war und der fast schon den Bruder Hubertus zu seinen Anschauungen hinubergezogen zu haben schien ...

Sebastus horte nichts von alledem ... Der starrte nur den im Schatten liegenden antiken Trummerbau an ...

Hier aber war es lebhafter geworden ... Einzelne vergoldete Kutschen mit prachtigen Livreen jagten voruber, die Pferde aufgeputzt mit hangenden rothen Troddeln am Ohr und mit bunten Geschirren ... An die Rennbahn der Alten liess sich denken ... Sebastus dachte, da er vom Marcellustheater horte an die alten Tage von Gottingen Seltsame Ideenverbindung! An den auch von Doctor Puttmeyer verherrlichten "Quincunx" das Schenkenzeichen! ... Denn die "Goethe-Kneipe" musste ja hier in der Nahe liegen, Goethe's Campanella, jetzt nur noch beruhmt durch ihr Fremdenbuch und ihren schlechten Wein ... Die Trummer des Marcellustheaters waren in Hutten und Palaste verbaut ... Dicht in der Nahe lag der Palast der Beatrice Cenci ... Auf alles das besann sich Klingsohr aus seiner alten "klassischen Zeit" ...

Aber auch die "romantische" wirkte machtig ... Schon begegnete man im sich mehrenden Strassenleben andern Monchen, die mit Korben und Sacken gleichfalls zur Porta Laterana liefen ... Kapuzinern in langen Barten, Franciscanern aller Grade, Augustinern, Karmelitern; selbst die vornehmen Dominicaner erinnerten sich, dass sie das Gelubde der Armuth abgelegt hatten; auch sie schickten ihre "Bruder" auf die Hochzeit der Nichte des Cardinals ... Kein Trupp stand dem andern Rede ... Kein Lacheln hatten sie oder nur eines, das nicht im mindesten die phantastischen Gestalten als in einer tollen Mummerei begriffen und sich (Augur augurem!) erkennend darstellte ... Nur der Gewinnsucht galt es und dem Vorsprung, den ein Kloster vor dem andern suchte ... Die beiden Deutschen sahen ihre Mitstreiter im romischen Lager ... Welche Welt! ... Und hier nun doch noch so spat ein Leben und Bewegen? ... Da noch wird gekocht und geschmort auf offener Strasse? ... Da noch werden Melonen ausgeschrieen? ... Noch Citronenwasser? ... Frische Kirschen? ... Klingen nicht sogar Geigentone? ... Lacht nicht ein Policinell im Kasten? ... Das alles heute in der Hochzeitnacht Olympiens! ... Roms Saturnalien! ...

Noch haftete Sebastus' Phantasie, wie das in Rom so geht, bald an Goethe, bald an Winckelmann, bald an Ovid, bald an Horaz, die den Marcellus besungen haben, den Neffen des Kaisers Augustus, dem dies Theater da gewidmet ... Da erscholl plotzlich ein fernes Klagegeheul und ein hundertstimmiges Miserere ...

Es kam, wie Pater Vincente erlauterte, von der "Bruderschaft des Todes", den Begleitern der Leichen, die in Rom bei Nacht begraben werden ...

In wilder Hast, als wenn der Todte die Pest verbreitete oder als wenn Christen einen eben gerichteten Martyrer in die vor den Thoren gelegenen heimlichen Begrabnissstatten fluchteten, trugen Manner in langen, schwarzen oder weissen, uber den Kopf gezogenen Kutten, die nur den Augen zwei kleine Lucken liessen, wie Gespenster einen Sarg dahin ... Andere dazu schwangen Fackeln ... Neben den Fackeln liefen Bursche und sammelten in Schalen das tropfelnde Wachs, das sich wieder brauchen liess ... Schnuphase hatte sich niedergeworfen wie alle er schon vor solcher heiligen Sparsamkeit ... Monche und Bruderschaften, einen Priester mit seinem Akoluthen und Messknaben umringend, sangen: Miserere! in nicht endender Litanei ... Vor dem klingelbegleiteten Sanctissimum, das der Priester hoch in den Fackelqualm emporhielt, warf sich alles nieder ... Aber immer weiter, weiter, wie auf rasender Flucht, ging der Zug dahin ... Pater Vincente sagte um die Leiche in eine Kirche jenseits der Tiber zu stellen, von wo sie erst der gewohnliche Leichenwagen abholt ... Der Todtenkopf des "Bruder Abtodter" war Leben gegen die Vorstellung, dass unter allen diesen weissen und schwarzen Kutten und Kapuzen Skelette wandeln mussten ... Aus den kleinen Oeffnungen vor den Augen dieser Manner gluhte es wie leuchtende Kohlen ...

Nehmen wir den Weg uber das Capitol! sagte Pater Vincente, als sich die Monche mit den andern wieder erhoben hatten und der wilde Zug voruber war ... Ihn schien er nicht erschuttert, nicht so zur Eile gedrangt zu haben, wie den Pater Sebastns ... Zur Eile! ... Musterte eben die "Braut von Rom", wie ein Schmeichler die junge Furstin heute besungen, oder der Cardinal oder die Herzogin von Amarillas die Reihen der Mendicanten, die an der Pforte der Villa Rucca standen er war ja dessen gewiss, dass San-Pietro in Montorio vor allen andern Klostern bedacht werden wurde ... Olympia zeichnete reuevoll sein Kloster aus ... Ihn bedrohte, das sagte man seit einiger Zeit, in der That der Hut des Cardinalats ...

Bei Klingsohr wie war da nun freilich die Erinnerung dahin an Goethe's Campanella ! ... Dieser schreckhafte Leichenzug und jene Romerin, auf deren Rucken der Dichter des Faust hier einst Hexameter getrommelt zu haben vorgab, die Goethe, Klingsohr wusste es, erst in Weimar auf dem Rucken der "Dame Vulpius" trommelte, passten nicht zusammen ... Memento mori! ... Auch Goethe hat es erfahren! sagte sich Klingsohr sinnend zum Capitol aufsteigend ... Hier, wo er den Becher der Lebenslust, kurz vor dem Scheiden der mannlichen Kraft, in seinen vierziger Jahren noch einmal wie ein Sohn der Griechen getrunken hat, hier musste er ja dem einzigen Sohn, dem Sohn jener in romische Reminiscenzen maskirten Thuringerin, an der Pyramide des Castius, dem Begrabnissplatz der Protestanten, eine wahrere Grabesinschrift setzen ... Hier starb Goethe's einziger Sohn ... Fluchtig zog und fast schon von ihm in Rhythmen gebracht der Gedanke durch seine Seele: Wo nur find' ich den Wirth zur Campanella! Der

Wo ich Falerner gesucht "Lacryma Christi" nun fand! Firnen aus Golgatha! Nicht aus den Trauben der Schlacke,

Die der Vesuv uns schenkt, Leidenschaft, wenn sie

vergluht!

Deutscher Apoll! Hier war's, hier hast du Verse getrommelt

Auf der Romerin Leib schwelgtest in seliger Lust Und erfuhrst nur dein Maass! Die Pyramide des Castius

Blieb das Ende vom Lied! Blieb der Morgen der Nacht ! Wahrheit und Luge! O wohl, so murrisch strafen die Gotter!

Wandle gen Rom, o Mensch! Rom ist der Mensch und die

Welt!

Ein tiefes, tiefes Schweigen folgte nun ... Glocken hallten von den Thurmen ... Man erstieg einen Calvarienberg das sind die Stufen zum Capitol ...

Zur Linken wohnt der heimatliche Gesandte, auf dessen Autoritat vor drei Vierteljahren drei Gensdarmen am Ponte Molle auf die deutschen Fluchtlinge gewartet hatten! ... Zur Rechten der tarpejische Felsen, der jetzt derselben Krone gehort ... Wie schuttelte Sebastus all diesen "Staub" von seinen Fussen! ... Wie hatte er fur ewig dieser "ghibellinischen" Welt entsagt! ... Das Capitol! rief er und uber seinen Sandalen schmerzte ihm der Fuss, so trotzig stampfte er vor dem Wappen seines Landesherrn auf ...

Da lag ein mittelalterlich Haus vor ihm, die Statte des gebrochenen Capitols ... Einige Brunnenstatuen vor ihm und ein kleiner Platz, auf dem, vom Mond beleuchtet, Marc Aurel zu Pferde sitzt Ein Gelehrter, der uber dem Studium der Philosophie seine alten Schlachten vergass! sagte Klingsohr mit Hindeutung auf die ihm nicht kriegerisch erscheinende Haltung des Reiters und auf "Euern Friedrich, den sogenannten Grossen !"

Jetzt schlug es elf ...

Bergab ging es auf die Trummerstatte des alten Forums ...

Ein Leichenfeld! sprach Pater Vincente ...

In seinen Erlauterungen ging er nicht uber Petrus und Paulus hinaus ... Die Gracchen Cicero! ... Das musste sich Klingsohr selber sprechen ... Sein Blick starrte dem Untergang der Erhabenheit ...

Hubertus kannte von den alten Zeiten nur so viel, als nothig war um zu begreifen, dass hier die begrabene Macht eines alten Volkes lag, das einst die Welt beherrschte ... Zertrummerte Portale, einsame Saulen, Triumphbogen mit zerbrochenen Statuen ... Am Tag ein wust erschutternder Anblick, den jetzt das Zauberlicht des Monds verklarte ... Dort oben auf dem Palatin wohnten die weltgebietenden Casaren ... Ein magisches Goldnetz halt die grunen Hugel und die Steine umwoben ... Waren diese vom Corso heruberrasselnden Wagen, diese lachenden Menschen nicht gewesen, die zu spat zu kommen furchteten zu der auf Mitternacht angesetzten Hochzeits-Girandola, die durch die Fenster eines am milchblauen Himmel auftauchenden dunklen Gebaudes schon zu beginnen schien, wenn ein Knabe rief: Eine Leuchtkugel! Der Knabe meinte einen Stern, der so plotzlich durch die Oeffnungen des Coliseums blinkte ...

Das Coliseum! ... Sebastus hatte wunschen mogen, Niemand hier zu sehen und zu horen und nur allein zu wandeln ... Allein mit Livius und Niebuhr ... Da ein Tempel, dort eine Basilika ... Wie mag es hier einst gesummt haben, als die Comitien des Volks versammelt waren und die Consuln Roms gewahlt wurden! ... Wohin entlasst uns dies Thor? flusterte er ... Ist es nicht der Triumphbogen des Titus, als er Jerusalem zerstort hatte? ... Sein "Credat Judaeus Apella" fiel ihm ein ... Doch der "Virtuose im Glauben" hier hatte er keinen Zweifel zu hegen nothig. Da an der Wand des Thors sah er den siebenarmigen Leuchter, den Tisch, die Schaubrote, die Jubeljahrposaunen, die Bundeslade ... Die erhabene Stelle war's, wo sich Jupiter und Jehova so nahe beruhrten! ... Aber kein Jude geht gern unter diesem Bogen hinweg, kein Jude blickt gern auf jenes Riesengebaude, das dreissigtausend gefangene Juden gebaut haben sollen ...

Was Vincente so und ahnlich erlauterte, wusste Klingsohr alles ...

Aber kaum gedachte er Lob Seligmann's, dessen physische Kraft zum Streichen der Ziegel fur diesen Riesenbau in keinem Verhaltniss gestanden haben wurde als er Veilchens gedenken musste ... Veilchens, die ihm einst bei seinen Besuchen in der Rumpelgasse gesagt hatte: "Sie sind ein Mensch der Selbstqual, der Reue, des Gewissens ewig wird's Ihnen gehen, wie's dem Kaiser Titus ging, als er Jerusalem zerstort hatte! Da ist Titus zu Wasser gegangen mit seiner siegreichen Armee und ein Sturm zog herauf und die gefangenen Juden triumphirten, weil sie dachten, Gott hatte seine Rache auf das Meer aufgespart. Und Titus bekam Angst, spottete und sprach: Zu Land ist Adonai schwach, aber zu Wasser da kommt er, scheint es doch, dem Neptunus gleich! Wahrlich, spottete er, Adonai hat die Sundflut befohlen, er hat die Aegypter im Rothen Meer ersauft, er hat den Sissera am Strom Kischon geschlagen, er wird auch fur Jerusalem seine Rache nehmen auf dem Mittellandischen Meer! ... Da aber ist gekommen eine Stimme aus dem Himmel und hat dem Spotter gerufen: Titus, Titus ich habe Jerusalem untergehen lassen wegen seiner Gottlosigkeit! Weil du aber meiner Langmuth spottest, so sollst auch du meine Macht kennen lernen, aber zu Lande! Das Meer ward da stille und Titus betrat unter dem Jauchzen des Volks das feste Land. Wie er recht von Herzen uber den Judengott lachte, flog ihm in die Nase eine Mucke, wie sie nur auf dem Lande vorkommt, und bohrte sich tief in sein Gehirn. Sieben Jahre hat Titus davon die schrecklichsten Schmerzen im Kopf gehabt, denn die Mucke starb nicht, sondern sie wurde immer grosser und sie summte bei Tag und bei Nacht. Einst ging er bei einem Schmied voruber. Bei den Ambossschlagen horte die Mucke zu summen auf. Da stellte sich Titus dreissig Tage an den Amboss und die Mucke schwieg. Am einunddreissigsten aber fing sie wieder zu summen an; sie hatte sich an den Hammerschlag gewohnt und Titus musste sterben. Als sie sein Gehirn aufmachten, kam ein Thier zum Vorschein, so gross wie ein Vogel. Der Mund war von Kupfer und die Fusse waren von Eisen " Nun schloss die Spinozistin: "Dass Sie sind katholisch und ein Monch geworden, Herr Pater, das ist bei Ihnen die Schmiede gewesen und die Mucke ist nun auch vielleicht dreissig Tage still ... Aber ich will nicht wunschen, dass sie am einunddreissigsten wieder lebendig wird!" ...

Wie wurde sie aber schon so oft so lebendig! ... Schon damals wurde sie's beim Schweigen, das der Kirchenfurst dem Pater als Busse auferlegt hatte, beim Begegnen Lucindens in der Kathedrale ... Nun all dies Grosse und Majestatische Roms! ... Und wenn auch Klingsohr damals zu Veilchen sagte: "Jehova rachte sich allerdings an den Romern zu W a s s e r durch die T a u f e !" wie summte ihm doch die Mucke jetzt und wisperte: Ist Golgatha die Welt? Haben die alten Gotter keine Rechte mehr? ...

Klingsohr schritt dahin, fast wie einst in Gottingen, wenn er die Titel der hundert Bucher auf den Lippen fuhrte, "die er schreiben wollte" ...

Pater Vincente, in dessen Seele es still und ruhig schien, lenkte zum Coliseum ein ... Er betrat es, den fremden armen Gefangenen zu Liebe ...

Ware die Nacht nicht so hell und belebt gewesen, so wurde dies machtige Rund den Eindruck eines Schlupfwinkels fur Rauber gemacht haben ... Es liegt so einsam umwuchert von wildwachsenden Buschen, die oben aus den Fenstern herausbrechen; die Vegetation hat seit tausend Jahren in allen Stockwerken bis zur obersten Galerie Platz gegriffen ... Die Bogengewolbe, die geborstenen Saulen, die zertrummerten Rundmauern waren im Mondlicht wie die Erscheinung eines Traums ... Von Luft und Licht gewoben schien dies Bild eine marchenhafte Tauschung ... Aber sicher, fest und naturlich widerhallte Schritt und Gesprach unter der Bogenwolbung des Eingangs; nur zu deutlich sah man drinnen die Sitze, von denen herab Tausende auf Menschenkampfe einst blickten mit jenen Thieren der Wuste, die hinter den eisernen Gittern da geborgen und durch Hunger zur Wuth gereizt wurden ... In der Mitte steht zur Entsuhnung solcher Erinnerungen an den tiefsten Verfall der Menschheit ein kleines Kreuz ... Rundum ziehen sich die Bilder eines Stationswegs ... Eine Heiligung, die edler gedacht als ausgefuhrt ist! ... Das sagte selbst Pater Vincente, der niederkniete und einen mit einem Kreuz bezeichneten Stein kusste, auf dem Hubertus muhsam las: "Wer dies Kreuz kusst, hat auf ein Jahr und 40 Tage Ablass." ...

Hubertus folgte dem Beispiel des frommen Paters ... Naturlich musste es auch der Monch Sebastus thun, so wenig die Hoffnung, vierhundert Tage im Fegfeuer Linderung zu gewinnen, in diesem Augenblick seiner Stimmung entsprach ... Die Mucke des Titus schwieg nicht mehr. Er stand nicht mehr an seiner Schmiede ... Es ergriffen ihn die Schauer der Vergangenheit ... Wenn er auch nur des heiligen Augustin gedachte, der seinen Freund Alypius von seiner Leidenschaft fur Gladiatorenkampfe hier im Coliseum durch einen plotzlichen Schauer vorm stromenden Blut der sich Mordenden geheilt sah, so mussten ihm wol seine hohlen grossen Augen rollen und Gedanken kommen, wie der, den er aussprach:

Hier dies kleine armselige Kreuz! Hier hatte Miche Angelo einen seiner Giganten herstellen sollen! So gross, so hoch, wie der Koloss von Rhodus! Bis an die obersten Sitze hatte der Blick eines Daniel reichen mussen, zu dessen Fussen die besanftigten Lowen sich schmiegten! Niederbohren musste der Prophet mit dem Busch seiner Augenbrauen die wilden Thiere auf dem blutigen Sande um sich her und die Thiere in den Herzen dieser Zuschauer! ... Marcus der Evangelist, der die Bibel emporhalt, hatte wie ein Geisterbeschworer stehen mussen, sein aufhorchender Lowe neben ihm, auch gebandigt, auch in die Falten seines Gewandes scheu sich schmiegend! Was soll dies kleine Kreuz! ...

Hier mocht' ich im Chor singen! sagte Hubertus ... Er ubte seine Stimme so laut, dass es weit dahinschallte ...

Pater Vincente verstand sein deutsch gesprochenes Wort, nickte und entgegnete, das geschahe hier alle Freitage von den Kapuzinern ... Zeigte er dabei auf die Fenster hinauf mit dem vom Nachtwind leise bewegten wildwuchernden Gebusch, auf den Mond, der hinter den Oeffnungen bald hervorblitzte, bald sich versteckte und dann sie selbst in der Mitte des riesigen Baues beleuchtete, wovon sie Schatten warfen wie "kleine bucklige Gnomen", so war dieser Vergleich aus Sebastus' Munde die von ihrem Fuhrer wol kaum verstandene ironische Antwort ...

Die Wanderer wandten sich der Eingangswolbung zu ... Klingsohr fand sich allmahlich zuruck in seine Gegenwart; sie naherten sich heiligen Statten ... Sie bestiegen einen aufwarts gehenden Weg und kamen in eine Art Vorstadt, an deren ausserstem Ende einer der drei Palaste der Stellvertreter Christi liegt, der Lateran. In alten Zeiten als Burg der dreifachen Krone hervorragend vor Quirinal und Vatican, erhalt sich der Lateran jetzt nur noch in seiner Autoritat durch die Gerechtsame, die nebenan auf der altesten Pfarrkirche Roms, Sanct-Johannes, ruhen, auf dem Heiligthum des grossten der von Thiebold de Jonge einst so kritisch beurtheilten Kreuzessplitter, auf der Platte, auf der einst das Abendmahl eingesetzt wurde, auf dem Heiligthum jener hier aufgestellten "Heiligen Treppe", an deren Fuss Petrus den Herrn verleugnete ... Sonst ist hier alles am Tag so still und ode, wie ein Sonntagsnachmittag in einer kleinen Stadt in dieser Nacht rauschte ein buntes, bewegtes Leben ...

Alles drangte dem Thor zu, voruber am Obelisken des Constantin und zur Strasse, die hinaus nach Albano fuhrt ... Militar sprengte dahin, um die Ordnung zu erhalten ... Wagen in grotesker Vergoldung, mit Bedienten, die hier dem neuesten englischen Geschmack, dort der Rococozeit angehorten, folgten sich einander jetzt schon in langsamerer Fahrt ... Auf den Trottoirs und die langen Mauern der Vorstadtgarten entlang drangten die Burger in ihren kurzen Jakken und Manchesterhosen, die kurzen Mantel ubergeworfen, weisse Hute oder bunte Mutzen auf den unrasirten braunen Kopfen ... Die Frauen selten noch in der Tracht der alten Zeit ... Englands Baumwolle hat die bunten Nationaltrachten schon aus Sicilien und Griechenland verjagt; die gelben Madchen der Hindus gehen in Kattunrocken unsres Schnitts ... Nur der Kopf bleibt noch zuweilen national; hier war das dunkelschwarze Haar der Romerinnen schon geflochten, geziert vom bunten Kamm, vom silbernen Pfeil; selbst der Matrone wirres und weisses Haar blieb nicht ohne Schmuck ... Wurde und Selbstbewusstsein liegt im festen Gang aller dieser dicken Kramer und Wurststopfer ... Von den ausgelassenen Spassen, mit denen sich bei solchem Anlass jenseits der Berge die Volksmassen geneckt haben wurden, fand sich wenig Spur ... Kein Anschluss; Jeder fur sich ... Die Erwartung galt der "Girandola", dem Anblick der geputzten Herrschaften, den ausgeworfenen Zuckerspenden und Schaumunzen ... Hoflich bog man dem schwarzen Rock des Augustiners aus, der braunen Kapuzinerkutte, der weissen Schnur des Franciscaners, dem grauen Rock des Karmeliters, dem weissen des Dominicaners ... Alle diese kamen mit Korben und Sacken, mit riesigen Kannen sogar, ohne die mindeste Rucksicht auf lacherliche Storung ihres malerischen Effects ... Italien hat seine eigne Aesthetik ... Es besitzt Raphael aber ein Offizier mit einem Regenschirm ein Dorfpfarrer auf einem Esel und zwei Reiter zugleich auf Einem Pferde erscheinen ihm nicht im mindesten lacherlich ...

Die herrlichen Garten dann ... Leider nur mit hohen Mauern verschlossen, wie uberall in Italien ... Hangen die Jasminkronen auch nicht heruber, so erfullen sie mit ihrem Duft die Strassen um so ahnungerwekkender ... Da und dort zeigt sich denn auch wol in den neidischen Mauern ein kleiner eiserner Ausbruch, durchzogen von bluhenden Rosenranken oder purpurrothen Asklepiadeen ... Jenseits des Thors schweift der freie ungehinderte Blick auf die im blauen Licht schimmernde Campagna, auf die Gebirge; nun zur Rechten liegen Villen und Garten, die sich an die des Lateran anlehnen ... Die funfte oder sechste darunter ist die heut an einer bunten Illumination weithin schon kenntliche, vom Volk umwogte Villa Rucca ...

Vier mit blauen, rothen, gelben, violetten Lampen geschmuckte Obelisken bilden die Eckpfeiler am heute geoffneten Eingangsgitter ... Die hohe Gartenmauer ist mit einer flimmernden Guirlande von Hunderten kleiner Flammen geziert ... Im Garten vor der beleuchteten Villa brennt eine riesige Sonne, rings umgeben von den kostbarsten Sudpflanzen ... Perspectivisch berechnet, am Ende einer schimmernden Ahornallee glanzt ein sichelformig niedergleitender Wasserfall, hinter dessen krystallnen durchsichtigen Fluten geschaftige Hande die Kunste der Sanct-Peterskuppel-Beleuchtung nachahmen, die beweglichen Lampenstander auf- und niederschwenkend ... Musik hallt aus den beleuchteten Salen der illuminirten Villa ... Dann und wann schiesst in die magisch blaue, unendlich weiche, milde Luft schon eine Leuchtkugel, ein mit dem Mondlicht wetteifernder Vorbote des Feuerwerks ... Das ihm aufjauchzende Volk drangt bis an die grosse Sonne ... Von da ab werden nur noch die Monche und die Trager von privilegirten Buchsen hindurchgelassen ... Todtenbruder in ihren unheimlichen Hemden fehlen nicht ... Man hatte ausgesprengt, der Cardinal Ceccone spendete heute Gaben im Werth von dreitausend Scudi und die Aeltern des Prinzen Rucca die namliche Summe ... Das Gerucht schien sich annahernd zu bestatigen ... Ein Harlekin ergotzte das Volk uber das Gitter hinweg durch Wurfe von Munzen ... Diese waren freilich nur noch von gebakkenem Zucker, aber eine Tombola war im Gange, bei der einige silberne Uhren ausgespielt werden sollten, ohne dass man den Einsatz bezahlte die Loose wurden uber die Haupter hinweggeworfen ... Nachst Madonna Maria ist Fortuna die grosste Heilige in Rom ...

Pater Vincente, Pater Sebastus, Bruder Hubertus wurden durch die Chaine gelassen, die die Soldaten und Gensdarmen zogen ... Man wies sie an ein Seitengebaude, wo vor einer noch geschlossnen Pforte eine formliche Kirchenversammlung gehalten wurde ... Am heiligen Grab in Jerusalem mag es zur Osterzeit so aussehen, wenn sich die Monche aller Orden der Christenheit zusammenfinden und je nach Umstanden beten, Tauschhandel treiben oder sich prugeln ... Die Turken sollen den christlichen "Caricaturen des Heiligsten" mit stillem Lacheln zusehen und abwechselnd bald zum Pfeifenrohr, bald zur Peitsche greifen ...

Klingsohr fuhlte heute ahnliche Anwandelungen aus Goethe's "west-ostlichem Divan" ... Er drangte vorwarts und staunte der Wiederkehr seiner alten gottinger Burschenkraft ... Hubertus warf schon hier einen Kapuziner, dort einen Karmeliter aus dem Wege ... Als die ubrigen Franciscaner den heiligen Pater Vincente sahen, fielen sie ehrfurchtsvoll in den Ruf einiger Stimmen ein:

Platz dem Sack von San-Pietro in Montorio! ...

3.

Contessina Olympia Maldachini hatte zwar immer die Villa Rucca nach dem runden und geschweiften Rococostyl ihrer Bauart eine "altbackene Brezel" genannt und damit die empfindlichste Seite der Ruccas, ihren von einem Backer herstammenden Ursprung beruhrt ...

Aber die geoffneten Raume der altmodischen marmornen Kommode, das grosse Oval des Saales mit den kleinen Seitenpavillons und den nach hinten hinausgehenden Terrassen, die fast noch eine Ausdehnung des Saales schienen, boten doch darum einen glanzenden Anblick ...

Ein solches Fest, wo das Auge unter Lichtern, Blumen, Statuen nicht mehr herausfindet, ob der Fuss innerhalb oder ausserhalb eines Saales, in geschlossenen Raumen oder auf Veranden und Altanen verweilt, kann man nur im Suden feiern ... Die Gunst des Himmels muss eine sichere sein; kein Wolkchen darf das Vertrauen auf die Mitwirkung der Natur zur Lust der Menschen storen ...

In dem Saal, in den Nebenzimmern, auf den mit blendend weissen, silber- und krystallstarrenden Tafeln geschmuckten Terrassen wogten einige Hundert der vornehmsten Gaste mit glanzender Dienerschaft ... Manner und Frauen in den reichsten Toiletten ... Die Romerinnen der hohen Aristokratie hie und da imposant; aber bei weitem die Mehrzahl doch nur zierliche, kleine, ja nicht selten verkommenere Gestalten, als die majestatischen, die unsre Phantasie in Romerinnen erwartet ... Auch die Manner sind nicht das, was wir von den Nachkommen der Scipionen erwarten ... Der junge Principe Rucca, in seiner rothen, goldgestickten papstlichen Kammerlingsuniform, der gluckliche Brautigam, der wirklich, wie ein Pasquill sie nannte, die "Katze Olympia" leidenschaftlich liebte, braucht dabei nicht mitzuzahlen; noch weniger sein Vater, der immer wie ein alter schabiger, heute einmal ordentlich gewaschener und lacherlich bunt ausgeputzter Bewohner des Ghetto aussieht ... Aber selbst Principe Massimo, der Nachkomme des Quintus Fabius Maximus Cunctator, der auf Napoleon's ironische Frage: Stammen Sie wirklich von diesem glucklichen Gegner des Hannibal her? stolz erwiderte: Das weiss ich nicht, Sire, aber man glaubt es von unserm Geschlecht bereits seit eintausendzweihundert Jahren! (eine Antwort, die nach Klingsohr's Auffassung der "Heiligen Treppe", vor der alles Volk im Vorubergehen knixte, Rom und der romische Glaube auf alle Zweifel an seine Reliquien geben darf "Sind diese K n o c h e n nicht echt", schrieb Klingsohr schon zur Zeit des Kirchenstreites, "so ist doch durch sein hohes Alter der Glaube an ihre Echtheit ehrwurdig") Principe Massimo ist ein kleiner, feiner diplomatischer Herr, der mehr der Sphare der Abbes, als der Imperatoren anzugehoren scheint ... Da wandeln die Borghese, die Aldobrandini ... Gegen fruhere Geltung sind es herabgekommene Namen, wenn auch immer noch so stolze, dass sie hier vielleicht nicht anwesend waren, schwebte nicht der Alter Ego des Stellvertreters Christi, Cardinal Don Tiburzio Ceccone, wie ein Apoll von sechzig Jahren durch die Reihen, lachelte bald hier, bald dort, stellte, als ware er der Wirth, neue Mitglieder des diplomatischen Corps den Damen vor, begrusste junge Pralaten, die sich eben erst in die Carriere mit einigen Tausend Scudi eingekauft haben, neckte die Damen ... Diamanten und Bonmots blitzen ... Die seidenen Gewander streifen sich und die Galanterieen ... Das die Gemahlin des Fursten Doria, eine Englanderin, hoch und stolz, sogar mit einem Orden geschmuckt ... Dort die Furstin Chigi, deren Urahnen unter dem wilden Papst Julius II. ihren Gasten bei solchen Gelegenheiten Ragouts von Papagaienzungen vorsetzten und die gebrauchten Silbergeschirre in die Tiber werfen liessen "Jetzt wurden sie vorsichtiger sein", spottete schon oft Ceccone ... Napoleoniden fehlen nicht ... Ceccone gibt ihnen mit lachelnder Grazie Andeutungen, wie ihre demokratischen Bestrebungen ihm in Wien Gegenstand empfindlichster Vorwurfe fur das Cabinet der gekreuzten Schlussel gewesen waren ... Neulich hatten Rauber den Prinzen von Canino (Lucian Bonaparte) in seiner Villa Rufinella aufheben wollen ... Der Cardinal scherzt eben daruber mit ihm und sagt: Wenn man eine Million Losegeld verlangt hatte, wurden Eure Hoheit vielleicht nicht den "Congress der Naturforscher" in Pisa begrundet haben, der ja wol den Anfang der "Einheit Italiens" bilden soll! ... Ein scharfes Wort, harmlos vorgetragen, und doch so drohend, dass der Prinz hinter dem Mann im rothen Kappchen und in rothseidnen Strumpfen eine bedenklich ernste Miene macht ...

Saht ihr diese Miene? Ihr Piombino, Ludovisi, Odescalchi, Ruspigliosi ? ... Alle diese Namen, die freilich in den Listen des "jungen Italien" fehlten, fehlten doch nicht bei dem Widerspruch, den das Priesterregiment Roms seit tausend Jahren bei den Adelsgeschlechtern findet ... Den Gesprachen zufolge hatte niemand an die Stadt der sieben Hugel denken sollen ... Sie betrafen Theater, Concerte, Moden aber doch auch Rauber, die nachsten Segnungen des heiligen Vaters, die reservirten Platze bei den grossen Kirchenfesten ...

Die lebhafteste Conversation fuhrten die Offiziere und die Geistlichen ... Letztere, Roth- und Violettstrumpfe, sind gegen die Damen fast noch zuvorkommender, als die erstern, die vorzugsweise der Nobelgarde Sr. Heiligkeit angehoren schlanke hohe Gestalten, jungere Sohne der Aristokratie; nur ihrer achtzig; aber Schooskinder der romischen Gesellschaft, Tonangeber aller offenen Freiheiten, die sich noch unter dem Priesterregiment gestatten lassen der geheimen gibt es genug die Begleiter Sr. Heiligkeit auf Reisen, die Anfuhrer seiner offentlichen Aufzuge ein Graf Agostino Sarzana darunter in goldstrotzender zinnoberrother Uniform mit blauem Kragen, weissen Beinkleidern, den schonen Romerhelm, mit schwarzen hangenden Rosshaaren und dem kleinen weissen Seitenbuschel daneben, schon in der Hand ... Das Souper war zu Ende ... Alles drangte dem Garten und dem Feuerwerk zu ...

Graf Agostino Sarzana war es, der eine Dame verfolgte, die sich nach dem Ausspruch Sr. Eminenz des regierenden Cardinals heute ausnahm wie eine "Tochter der Luna" ... Die Dame verschwamm im blauen Aetherlicht wie ein Gedanke voll Ahnung ... Sie tauchte auf, da und dort und verschwand wieder in den dunkelgrunen und blauen Schatten wie die Luft ... Ihre Toilette war der Anlass dieser Vergleichung des Cardinals, der sie gleichfalls mit Feueraugen verfolgte, wenn er sie auch nicht vor den vielen andern anwesenden, die seinem Herzen und Beutel theuer waren, allein auszeichnete ...

Die Tochter der Luna, der Keuschen, deren heidnischen Ruf Ceccone als Priester der Christenheit nicht zu schonen brauchte, indem er ihr eine Tochter gab, trug ein blassblaues Kleid von Donna-Maria-Gaze, einem durchsichtigen, damals neu erfundenen Seidenstoff, ubersaet mit kleinen silbernen Sternchen ... Das Kleid war nicht ausgeschnitten; es verhullte, der keuschen Luna schon entsprechend, Formen, die sich dennoch verriethen ... Als einziger Schmuck blinkte im dunklen Haar ein einfaches Diadem von blankem Silber, in Gestalt eines Halbmonds ... Es war ein Kopf, der sich mit seinem glattliegenden Scheitel und dem kraftig gewundenen Knoten im Nacken wie eine lebendig gewordene Statue aus den agyptischen Salen des Vatican ausnahm ... Um die dunkeln Augen lag eine gewisse erhitzte Rothe, wie sie bei leidenschaftlichen Naturen vorkommt ... Die Stirn war schmal; die Wange ebenso etwas zusammengehend, aber sanft zum spitzen Kinn niedergleitend; die untere Lippe trat mit Muth und Trotz hervor ... Es gibt plastische Gesichtsformen, die nicht altern ... Das Schonste war die Lange der Gestalt ... Die Dame war pinienhaft schlank ...

Graf Sarzana will unserer "Creolin" Unterricht im Italienischen geben? scherzte der Cardinal so laut, dass es alle Umstehenden horten ... Die "Creolin" war wieder ein neues Stichwort fur die "Tochter der Luna" und diesmal kam es vom Monsignore Bischof Camuzzi, dem ersten Secretar des Cardinals, der als Missionar Westindien bereist hatte ...

Eminenz, sagte Graf Sarzana, der schlanke junge Mann mit athletisch breiten Schultern, auf denen bei jeder seiner Bewegungen die goldenen Epaulettes hinund herflogen, und strich sich den martialisch gezogenen Schnurrbart, Eminenz haben die Absicht, die ganze Welt zu reformiren! Auch die Garde Sr. Heiligkeit! Wenn ich noch langer in diesen Fesseln schmachte und nicht erhort werde, geh' ich nach SanPietro in Montorio, nach dem die Dame mich soeben gefragt hat ...

Auf diese scharf betonte Lokalitat und uberhaupt auffallend grell gesprochenen Worte des Ritters Sr. Heiligkeit fistulirte ein Stimmchen nebenan:

Ja, in der That! Pater Vincente ist ja da! ...

Dies Stimmchen gehorte dem Brautigam, der den Namen des bezeichneten Klosters gehort hatte und eben von der Pforte kam, wo er den seiner Person so schmeichelhaften Volksjubel und die Ausspielung der silbernen Uhren hatte controliren wollen ...

Wir werden das meiner Frau sagen mussen! fuhr er, vom Champagner erhitzt mit Lebhaftigkeit fort ... Erfuhre sie die Anwesenheit des Paters und dieser ginge, wie er gekommen, so ware sie im Stande, mir die erste Gardinenscene zu machen ...

Die Abbes und Pralaten lachten uber die Wonne, mit der jeder junge Ehemann von zwolf Stunden fortwahrend den Begriff: "Meine Frau" im Munde fuhrt ...

Inzwischen stiegen immer mehr Leuchtkugeln auf und das Feuerwerk schien seiner Entfaltung nahe zu sein ... Draussen riefen Tausende von Stimmen und klatschten bereits im voraus Beifall und die Musik fiel mit schmetterndem Tuschblasen ein ...

Der alte Rucca und die Furstin Rucca Mutter die jedoch noch keineswegs Matrone sein wollte und ihren Cavaliere servente aufsuchte, um ihm eine Strafrede fur Vernachlassigung zu halten schossen hin und her, sahen nach der Ordnung, sahen nach dem Aufbewahren der Speisereste "fur die Armen" Der Schwiegervater Olympiens war bis zum Excess okonomisch ... Der kleine Mann mit einer orientalischen Habichtnase und dem Band des Gregoriusordens uber der Brust klagte allen Pralaten uber seine Domane, die Zolle der adriatischen Kuste ... Man nannte ihn gewohnlich den "Blutsauger" ... Dies war ein Titel, der ihm gerade vor andern, die ihn ebenso verdienten, keinen Vorzug gab ... Nie aber hatte sich allerdings gerade der alte Furst Rucca auf der Kuste von Comacchio bis Ferrara sehen lassen konnen, ohne Gefahr zu laufen, von den Schmugglern und seinen eigenen Zollbedienten todt geschlagen zu werden ...

Aber auch dieser alte Herr horchte mit dem schalkhaftesten Lacheln seines Nussknackerkopfes sowol nach der Erwahnung des Pater Vincente wie nach dem Unterricht der "Creolin" hin er wusste ja, dass es eine Deutsche war ... Seinem Sohn rief er gelegentlich ein heimliches: Asino! nach dem andern ins Ohr, besonders wenn dieser die Monsignori vom Steuerwesen, den Finanzminister Roms, den Cardinal Camerlengo, nicht genug zu honoriren schien ... "Maulesel" nannte er ihn sogar, wenn er zu wild um Olympien her "trampelte" ... Klagte nun der junge Ehemann uber die "schlimme Laune" seiner Frau, so schrieb der Alte das mit eigenthumlichem Meckern auf Rechnung aller Braute am Hochzeitstag ... Dies Meckern machte, dass seine Nase und sein Kinn sich kussten und die Mundwinkel zuruckgingen fast in die Ohren ... Der Cardinal Camerlengo, duster brutend wie Judas Ischarioth, der auch zuweilen nicht wissen mochte, wie er den Seckel fur den ersten Kirchenstaat von dreizehn Personen fullen sollte, scherzte jetzt: Sie sind so guter Laune, Furst? Im nachsten Jahr verlang' ich eine Million mehr! Die Zeiten werden schlechter und schlechter! Wir mussen aufschlagen, Hoheit Generalpachter! ...

Der alte Furst druckte sein "Wie kommen Sie mir vor?" mit einer charakteristischen Geberde aus, die zwar stumm war, aber das ganze anwesende geistliche Ober-Finanz-Personal des Kirchenstaates lachen machte ...

Der Vielseitigkeit seines Geistes entsprach sein Sohn keineswegs ... Ercolano Rucca war von Wien beschrankter als je zuruckgekommen ... Er konnte uberhaupt immer nur Einen Gegenstand im Kopf haben ... War dieser erledigt, erst dann kam er auf den zweiten ... Oft aber dauert es bekanntlich Tage und Wochen, bis in dieser sublunaren Welt unter hundert Sachen Eine grundlich durchgesetzt ist ... Principe Ercolano sprach dann tage- und wochenlang nur von dieser Einen Sache, z.B. von der Kunst, Handschuhe zu verfertigen aus Rattenleder, was eine Idee war, die der Verwaltung des Steuerwesens Muth geben sollte, die nordliche Generalpacht im Hause der Rucca's erblich zu lassen ... Jetzt suchte er nur noch nach der Herzogin von Amarillas, die wegen Pater Vincente um Rath gefragt werden sollte ... Graf Sarzana hatte soeben noch mit der Herzogin gesprochen ... Auch die alte Furstin suchte die Herzogin wie deren Cavaliere servente, Herzog Pumpeo, versicherte Dieser Herzog Pumpeo wollte in gerader Linie von Pompejus abstammen; auch er war ein armer Nobelgardist, aber ein Crosus an guter Laune und fur Se. Heiligkeit selbst ein Spassmacher, wenn gerade an ihn der Dienst im Vorzimmer oder bei der kleinen Garcontafel des Stellvertreters Christi kam ... Se. Heiligkeit liess ubrigens damals den Cardinal Ceccone schalten und walten und um nichts zu verschweigen, sagen wir es offen und aufrichtig: Der "Zauberer von Rom" war bitter krank ... Der "Trager der Himmelsschlussel", der "Patriarch der Welt", der "Vater der Vater", der "Erbe der Apostel", der "Hirt der Heerde", war ein armer Mensch; er furchtete den Gesichtskrebs zu bekommen1...

Heda, Kamerad! ruft bei alledem champagnerberauscht Herzog Pumpeo dem Grafen Sarzana zu. Ich sehe die blaue Eidechse da, wo die Schwarmer prasseln! ... Hu, wie sie erschrickt! ... Dort huscht sie zu den Monchen hinuber, von denen sie einer vielleicht in seinen Sack steckt und nach Santa-Maria tragt ... Sie ist eine "Beate" (Frommlerin) ... Alle Eure Muhe, sie zu bekehren, scheint mir vergebens, Bruder oder soll's vielleicht heissen:

Freut Euch, ihr Jungen!

Die Alten bezahlen!

Die Alten bezahlen,

Nur musst ihr nichts sehen

Nur musst ihr nichts horen

Weiter kam diese Lasterung auf Ceccone nicht ... Nun war die "Tochter der Luna" und die "Creolin" auch die "blaue Eidechse" und sogar eine "Frommlerin" ...

Der Graf und der Herzog wandten sich armverschrankt beide dem linken Flugel der "Brezel" zu, wo erstens die Champagnerstrome reichlicher flossen, zweitens die alte Furstin Rucca, zornig mit den Augen runzelnd, auf Pumpeo, ihren Ritter, wartete und drittens eine wahre Batterie von Schwarmern losplatzte ... Das gab ein Angstgeschrei, bei dem die muthgebenden Soldaten nicht fehlen durften ...

Der Brautigam kam inzwischen mit einer Dame zuruck, die heute nicht zu den freudestrahlenden gehorte ... Auch die Toilette der Herzogin von Amarillas verrieth ihre Trauer ... Die Veilchen sind eine Blume, vor der bekanntlich jede Romerin, obgleich an Blumenduft gewohnt, eine bis zur Ohnmacht gehende Abneigung hat; dennoch war das schwarzseidene Kleid der Herzogin ganz von blauen Veilchen durchwirkt; schwarze Spitzen sassen am Leibchen und am Rock ... Auch die grauen Haare waren in schwarze Spitzen eingehullt ... Und nur um den Cardinal nicht zu sehr zu einem jener Blicke zu reizen, die ihm zuweilen bis zum Tod verwundend zu Gebote standen seit einiger Zeit war er in dieser Art gegen sie wie ein Skorpion hatte sie dem Anlass der Freude, die zur Schau getragen werden sollte, das Opfer gebracht, Hals und Arme mit dunkelrothen Korallen und die Spitzen, die das graue Haar verhullten, mit frischen Granatenbluten zu schmucken ... Warum soll sie erfahren, sagte sie in ihrem bei alledem stolzen und festen Tone, dass Pater Vincente zugegen ist? ...

Sie ist so verdriesslich ... fiel der besorgte junge Ehegatte ein ... Wir mussen es ihr auf alle Falle sagen ... Durchaus ...

Die Herzogin erwiderte nicht minder mismuthig:

Sie kennen die Bescheidenheit des heiligen Mannes ... Olympia ware fahig, ihn in die Gesellschaft zu rufen und mit ihm zu kokettiren! ... Das letzte Wort unterdruckte sie freilich ...

Sie will ihn zum Cardinal machen ... Ehe es Fefelotti ohnehin thut ... Wir mussen ihn aufsuchen ...

Thun Sie das nicht! sagte die Herzogin. Ich werde es ihr selbst sagen und dann horen, was sie etwa wunscht ... Die Ernennung zum "Cardinal" uberraschte sie nicht ... Sie kannte die Maxime der ehrgeizigen Cardinale, fur die Papstwahl entweder sich selbst in Bereitschaft zu halten oder, falls sie unterliegen sollten, irgendeine unschadliche, ihnen verpflichtete Puppe ... Pater Vincente's Geschichte war dem Klerus ganz Italiens bekannt ...

Das Feuerwerk entfaltete sich noch nicht in seinem vollen Glanze ... Die Bravis erschollen von nah und fern nur noch wie Ironie uber die Verzogerung ... Das Gewuhl des Volks wurde grosser und grosser ... Dabei gingen die abgetragenen Schusseln bei den Monchen und Reprasentanten der Spitaler und Bettlerherbergen um ... Schon begannen unter knallenden Champagnerkorken die Austheilungen ... Manche der devoten Frauen, der "Beaten", betheiligten sich selbst an der Uebermittelung der Gaben ... Ihre goldbetressten Diener standen dann zur Seite und uberwachten die glanzenden Schmuckgegenstande, die sie trugen ...

Olympia, die "Braut von Rom", besass entweder die Reizbarkeit aller kleinen Gestalten, im Gewirr vieler Menschen nicht mit den ihnen gebuhrenden Anspruchen hervortreten zu konnen, oder ihre Stimmung war in der That voll aussersten Verdrusses ... Sie lief nach rechts und nach links, redete mit diesem und mit jenem und trug auf der Stirn den ersichtlichsten Ausdruck einer leidenschaftlichen Nichtbefriedigung ... Ganz so murrisch, wie sie heute in der Fruhe in der Kirche Apostoli den Ceremonien der Trauung beigewohnt hatte, sah sie jetzt das "Bouquet" des Festes, das Feuerwerk herannahen ... Schon mahnten die Schwiegeraltern, dass es passend ware, sie fuhre ganz in der Stille wahrend des Feuerwerks mit ihrem Gatten in das Palais der Stadt, das sie in der Nahe des Pasquino bewohnten jenes alten Steinbildes, an dessen Fuss seit uraltesten Zeiten die Satiren Roms angeklebt werden und von dessen Sockel die Polizei seit einigen Tagen jeden Morgen in erster Fruhe Spottverse abgerissen hatte, die den Cardinal ernstlich an die Zeiten mahnen liessen, wo Sixtus der Funfte solchen Pasquinospottern die Zunge ausreissen liess ... Gerade vor diesem Augenblick der Abfahrt schien aber Olympia Furcht wie zum Entfliehenmussen zu haben ... Sie stand niemand Rede ... Dem Gatten nicht ... Dem triumphirenden "Onkel" nicht ...

Ceccone weidete sich an seinem Liebling, dessen Bewegungen und Erscheinen sich wenigstens durch das Rauschen des schweren Seidentaffetkleides ankundigten, das sie unter ihrer Brautrobe von Spitzen trug ... Noch wehte ihr wie bei der Trauung und der ersten Messe, die das junge Paar anhoren musste, wie bei den conventionellen Andachten, die den Tag uber an gewissen grossen Altaren und bei dem Besuch Sr. Heiligkeit, um den Segen des armen mit Tuchern umwundenen Mannes zu bekommen, gemacht werden mussten, der kostbare Spitzenschleier im Haar statt der Myrte war er jetzt von einem Kranz von Orangenbluten umgeben ... Schon welkte dieser; schon welkten die gleichen Bouquets, die auf dem Kleide in gewissen Zwischenraumen zur Seite sassen; die Hitze des innern Saals, wo Olympia gesessen, war zu gross gewesen; sie riss auch und zerrte an allem, was sie hinderte ... Den bronzenen Hals schmuckte ein Collier von Diamanten ... "Sie ist schon, wenn sie liebt" hatte im vorigen Jahre die Herzogin gesagt ... Olympia liebte heute nicht ...

Ein kurzer Augenblick hinter einer grossen von Hortensien gefullten Marmorvase und Ceccone konnte Olympien an sich ziehen und sie voll vaterlicher Besturzung fragen:

Aber was hast du denn nur, mein geliebtes Kind? Was ist dir nur heute? ...

Jettatore anche voi! zischte Olympia mit rauher Stimme, stampfte den Fuss auf und stiess die weichen Hande des Priesters zuruck ... Alle Welt will, dass ich sterben soll! setzte sie fast weinend hinzu ...

Ein solches Wort dem "Onkel"! ...

Olympia hatte gesagt, Ceccone ware gleichfalls ein mit dem "bosen Blick" fur sie Behafteter, ein Jettatore, "wie alle Welt!" ... Das der Dank, dass er der offentlichen Meinung trotzte und ungeachtet aller vom Pasquino abgerissenen Satiren auf die "Donna Holofernia", auf die Vermahlung derselben mit dem jungen "Judas Ischarioth Seckeltrager junior", und ahnlicher Anspielungen scheinbar heute so sorglos und unbefangen sein Haupt erhob ...

Auch er hatte ja der Sorgen genug! Aber ihm genugte im Augenblick vollkommen der larmende Antheil der ewigen Stadt an seiner Person; ihm genugte die unabsehbare Wagenreihe der hohen Aristokratie und Pralatur, die bis in die dunkelsten Schatten der Landstrasse hin sichtbar blieb ... Und nun ein Ausbruch solcher Nichtgenuge bei dem geliebten Kinde, das sich zuweilen auch gegen ihn zu emporen anfing ... Er flusterte:

Taubchen! Liebchen! ... Papagallo! ... Fiore di luce! ...

Suche dir die "Tochter der Luna"! ... erwiderte sie hohnisch und huschte fort ...

Der Onkel lachte uber die "Eifersucht" seiner Nichte ...

Da wandte sie sich noch einmal ...

Onkel, sagte sie zornig, lache nicht! Ich mochte in diesem Augenblick sterben! ... Ich wunschte, du hattest nur wegen meiner an Pasqualetto geschrieben nach Porto d'Ascoli ...

Jesu! flusterte der Cardinal, wurde kreidebleich und sah sich besorgt um ... Welchen Namen nennst du da? ... Pasqualetto St! unterbrach er aufs strengste Olympiens Gegenrede ...

Der alte Rucca ging eben voruber, spitzte die Ohren, grinzte seltsam und sagte fur sich: Eh! Eh! Eh! ...

Vieldeutige Laute ... Olympia hatte einen Namen genannt, den er gehort zu haben schien ... Er wandte sich halb und halb zum Zuhoren und liebaugelte einer Schwiegertochter, deren Hochzeit mit seinem verlangerten Pachtcontracte zusammenhing ...

Ceccone winkte ihm mit grazioser Handbewegung zu gehen ... Noch ist sie mein! sprach er suss und vor allen naher herantretenden Zeugen ... Dann legte er die zarten weichen Hande auf das Haupt der kleinen Meduse, zog sie wieder an die Hortensienvase und flusterte:

Wie kannst du von Pasqualetto reden? ... Was soll er? ...

Mich stehlen und in die Berge schleppen! ... erwiderte Olympia ...

Ich beschwore dich, mein susser Papagai! fuhr der besorgte Vater fort und wollte Olympia noch weiter ins Dunkel mit sich ziehen, um sie herzinniger zu kussen, vielleicht sie an den Wagen zu fuhren, den der junge Gatte zu jeder Minute bereit zu halten versprochen hatte ... Schon rief er nach dem Mohren, der nach seiner Taufe den frommen Namen Chrysostomo fuhrte ...

Statt des Chrysostomo kam aber der ganze Schwarm der Gaste ... Die Leuchtkugeln erhellten gerade die Vase mit den Hortensien und wo die Braut war, mussten doch alle sein ... Niemand erzurnte gern die wilde Olympia ... Es klang ihr jetzt ganz zu Sinn, dass ihr Gatte verspottet wurde uber die Verzogerung des Feuerwerks ... Die Raketen haben den Schnupfen! hiess es ... In die Cascatellen ist Wasser gekommen! ... Die "Feuerrader" haben die Achse gebrochen! ... Man furchtet, die "Frosche" werden hupfen wie die Flohe! ... Flohe ... Wer solche Italienerworte hatte in dieser Sphare fur unziemlich halten wollen, musste eine deutsche oder franzosische Bildung haben ... Der Sudlander kennt keine Scheu der offenen Namengebung dessen, was naturlich ist ...

Die Herzogin von Amarillas machte inzwischen einen Versuch, sich Olympien zu nahern ... Aber Olympia entzog sich gerade ihr ... So beschloss denn die Herzogin, die Nachricht uber den Pater Vincente fur sich zu behalten ... Auch sie floh vor dem endlich beginnenden Feuerwerk ... All dies Knistern und Knattern, all diese Bravis und Ausrufungen waren der Mutter Julio Casares nicht zu Sinn ... Sie suchte den Garten, den Park, der zwar nicht unbelebt, aber dunkler war und an seiner aussersten Grenze Einsamkeit versprach ... In diesem Verlangen nach dem Pater Vincente, das die Braut ausgesprochen, lag fur sie ein ihr wohlbekannter Ausdruck des Zorns uber Benno's Nichtanwesenheit, uber sein ganzliches Verschwundensein nach den beiden Marchenwonnentagen von Wien, lag der Ausdruck der Reue uber die allzu schnelle Ernennung Bonaventura's zum Bischof von Robillante ... Benno hatte sich im vorigen Jahr nach Rom begeben und war dort nicht langer geblieben, als bis die Mutter und Olympia ankamen ... Da war er nach dem Suden entflohen ... Er hatte sich aufs Meer begeben, war uber Sicilien, Malta, Genua, Nizza nach Robillante gereist, wo er in diesem Augenblick bei Bonaventura verweilte; er stand mit der Mutter im Briefwechsel, er schrieb ihr unter fremden Adressen sie hatte die ganze Burgschaft seiner Liebe und Zartlichkeit fur sich; aber vor einem Zusammenleben mit Olympien erfullte ihn ein ahnungsvolles Grauen ... Aus dieser Misachtung der ihm so offen in Wien ausgesprochenen Liebe Olympiens war eine Gefahr fur die Herzogin selbst, fur Benno, fur alle seine Beziehungen entstanden ... Die Theilnahme, die die Mutter fur ihn nicht verleugnen konnte, wurde ihr von Olympien aufs heftigste verdacht ... Nun musste auch noch die Herzogin in Wien ein junges Madchen gefunden haben, das, der italienischen Sprache vollkommen machtig, anfangs nur die Vermittelung mit den deutschen Verhaltnissen erleichtern sollte ... Eine wohlberufene Convertitin, die von einer gluhenden Sehnsucht nach Rom verzehrt wurde ... Die Herzogin hatte den Auftrag erhalten, die Wurdigkeit dieser Empfehlung zu prufen ... Sie sah sie, war von einer auffallenden Aehnlichkeit derselben mit ihrem Kinde Angiolina geruhrt es fehlte nur noch die Bekanntschaft dieses Madchens mit Benno und Bonaventura, um sie nicht wieder freizulassen ... Es war nun aber Lucinde Schwarz selbst, die ihrer Stellung gefahrlich zu werden drohte ...

Lucinde liebte nicht, ungefragt von ihrer Vergangenheit zu sprechen. Sie war nie in der Stimmung, gern von Schloss Neuhof, vom Kronsyndikus, Jerome von Wittekind zu berichten ... Aber die Erwahnung fand sich zufallig und da stand sie schon in Wien Rede ... Die Herzogin horchte voll Erstaunen ... Auf die Lange war sie von Lucinden seltsam abgestossen und wieder angezogen ... Man nahm sie mit nach Italien ... Erst spater zeigte sich die Gefahr dieser "Eroberung", wie Ceccone, uberrascht von Lucindens Geist, sie genannt. Lucinde gewann Einfluss uber alle ihre neuen Umgebungen, uber den jungen Principe, uber Olympien, den Cardinal sogar ... Jetzt war sogar schon Olympia eifersuchtig auf "die Tochter der Luna" ... Rom hatte Lucinden verjungt ...

Das Boskett, das dicht an die zur Verlangerung des Speisesaals umgewandelte Terrasse stiess, bestand aus einer Pflanzung von Nuss- und Kastanienbaumen ... Aus seinem massigen Umfang heraus fuhrten Gange von beschnittenen Buchsbaum- und Cypressenwanden auf kleine Rotunden, in deren Mitte aus Farrenkrautern und Vergissmeinnicht Springbrunnen platscherten oder Marmorstatuen glanzten, am Fuss von bluhenden Cactus, von feurigen Schwertlilien umgeben ... Nun kamen die rechts zu den Garten des Lateran sich ziehenden Beete ... Sie folgten sich in Abdachungen, die zu Cascatellen benutzt, von Grotten, von Muschel-, von Marmorverzierungen unterbrochen wurden ... Zur Linken, jenseits der grossen Platanenallee und des flimmernden Wassersturzes fuhrten riesige Taxuswande zu einer Altane, von welcher sich ein weites Feld von Weinstocken wie ein einziges grunes Dach auf die Landstrasse erstreckte ... Dorthinauf, wo sich unter wilden Lorberblattern ausruhen liess, zog es die von den schmerzlichsten Ahnungen erfullte Herzogin ...

Eine Weile noch wurde sie auf ihrem Wege von einem Naturspiel aufgehalten ... Das Licht des Mondes und der Widerschein des Feuerwerks wurden in ihren magischen Wirkungen noch ubertroffen von zahllosen Gluhwurmern, die bald grun, bald roth aufblitzend die Luft durchschwammen, auf den Strauchern und Blumen wie Edelsteine funkelten, unwillkurlich die Hand lockten, die Luft zu durchstreifen und nach eitel Funken und Licht zu haschen ...

In diesem Augenblick glaubte die Herzogin die "Tochter der Luna" zu sehen, die am aussersten Ende eines der in den Ziergarten einmundenden Heckenwege von zwei Monchen verfolgt wurde ...

Sie staunte des auffallenden Anblicks ... Sollten von den Bettlern an der Pforte zwei so verwegen gewesen sein, sich hierher zu wagen? ... Oder konnte sich in falscher Verhullung Raubervolk eingeschlichen haben? ... Eben waren die Monche und die fliehende Donna Lucinda verschwunden ...

Oder hatte sie sich getauscht? ... Hatte das mondlichtfarbene Kleid der Gesellschafterin sie irre gefuhrt? ...

Da horte sie das Lachen des Herzogs Pumpeo ... Offiziere kamen und junge Pralaten, die der Champagnerrausch von den alten Damen zu den jungen vertrieb ... Einige der schonsten hupften an ihrem Arm gleichsam nur auf der Flucht vor den gefahrlichen Feuerfroschen ...

Die Herzogin blieb stehen ... Fast wurde sie umgerannt von dem aus einem andern der Gange ihr eilend entgegentretenden Conte Sarzana ...

Sahen Sie die beiden Monche, Graf? fragte die Herzogin angstlich ...

Die der Donna Lucinda folgten? antwortete Sarzana mit Theilnahme ... Wo sind sie? ... Ich habe ihre Spur verloren ...

Beide durchkreuzten den Gang, den die ubrige Gesellschaft herauskam, und eilten der dunklern Gegend jenseits der Platanenallee zu ... Der am Ende derselben funkelnde Wasserfall gab einen Schein von Belebung des Gartens, der sich indessen nicht bestatigte ... Alles blieb einsam und gefahrvoll ... Jetzt rief der Graf:

Ich sehe sie ... Dort beim Aufgang auf die Altane ... Was wollen die Frechen? ...

Conte Agostino lief mit seinen hohen Reiterstiefeln die nothwendigen funfzig Schritte voraus und rief schon auf halbem Wege dem nachsten der Monche ein donnerndes:

Que commande? ...

Als er naher gekommen, fand er Donna Lucinda mit geisterhafter Blasse im Gesprach mit den beiden Monchen, die unausgesetzt wie Eindringlinge von ihm angerufen und fur verkappte Gauner erklart wurden ... Ging doch auch durch die Stadt das Gerucht, man hatte heute in einer Herberge am Tiberstrand den beruchtigten Rauber Pasquale Grizzifalcone aus der Mark Ancona gesehen, das Haupt aller Rauber- und Schmugglerbanden der adriatischen Meereskuste ... Es konnten seine Genossen sein ...

Die lange schlanke Deutsche hielt einen Brief in der Hand und sagte mit zitternder Stimme und im besten Italienisch:

Vergebung, Herr Graf! Es sind zwei Landsleute von mir ... Sie ersuchen mich, eine Bittschrift zu ubernehmen ... Ich werde sie besorgen, ihr frommen Vater ! Lassen Sie sie in Gute ziehen, Herr Graf! ... Willkommen in Rom, Pater Sebastus und Frater Hubertus! ... Wir sehen uns noch ... Gewiss! Gewiss! ... Felicissima notte! ...

Die beiden Monche standen lichtgeblendet wie Saulus am Wege von Damascus ... Sie konnten sich nicht trennen ...

Inzwischen war die Herzogin naher gekommen ... Sie erschrak bei dem Anblick Lucindens, die tieferschuttert schien ... Noch mehr entsetzte sie sich vor dem Anblick eines dieser Monche, der mit seinem kahlen und wie fleischlosen Kopf aus seiner niedergefallenen Kapuze geradezu ein Bote des Todes erschien ...

Auch die Begleiter des Duca Pumpeo kamen, jetzt ohne die Damen, naher, nahmen die Monche in die Mitte und geleiteten sie aus dem Garten ... Graf Agostino erhielt von Lucinden die Bitte und, als er darum noch immer nicht ging, fast den Befehl, sie zu verlassen ...

Die Herzogin sah Lucinden noch wie betaubt an den Sockel einer Statue sich lehnen, von welcher aus man auf die Plateforme jener Altane schreiten konnte ... Es war hier ringsum dunkel ... Die dichtbelaubten Baume warfen dustere Schatten ... Die Herzogin widerstand nicht, Lucinden zu folgen ... Diese drangte auf die Altane hinauf, als furchtete sie hier unten zu ersticken oder den Monchen aufs neue zu begegnen ...

Sie sind ja auf den Tod entsetzt, mein Kind! sprach sie theilnehmend ... Erholen Sie sich ... Diese zudringlichen Bettler in Rom! ... Die Bittschrift war nur ein Vorwand! ...

Lucinde schlich nur langsam die Erhohung hinauf ...

Oben angekommen, sagte sie:

Nein, nein! ... Ich kannte sie beide ... Ich wusste langst, dass sie in Rom sind ich hatte sie aber lieber, das ist wahr, vermieden; ich mag nichts mehr horen von Deutschland ... Die Bittschrift ist an den Bischof von Robillante ... Ich will sie besorgen ...

An den Freund meines Casar! ... staunte die Mutter und hatte nun gewunscht, die Monche waren nicht vertrieben worden ...

Beide Frauen blieben auf der einsamen Altane, auf der sie sich auf Sesseln von Baumzweigen niederliessen, unter einem Dach von kunstlich gezogenem Lorber ... Vor ihnen lag vom Mond beschienen das grosse stille Meer der Weinstockblatter ... In der Ferne Feuerwerk und das larmende Volk, das jeder Rakete ein Evviva! rief ...

Obgleich sich Lucinde allmahlich zu fassen schien, kam die Herzogin doch nicht mehr auf die Monche zuruck ... Gerade diese durch Benno bedingten Wallungen des Interesses zu verbergen, besass sie eine volle Gewandtheit ... Sie pries die erquickende Erlosung von dem rauschenden Gewuhl, das sich nicht verziehen wollte ... Sie sassen so, dass sie durch die Busche zugleich die Kunste des Feuerwerks und uber die Weingarten hinweg den stiller gebliebenen Theil der Gegend beobachten konnten ...

O, hier sind wir sicher vor dieser bunten Posse! sagte die Herzogin. Wenn die Luge in der Welt so rauschend auftritt, wie sollte erst die Wahrheit sich ankundigen durfen! ...

Die Wahrheit feiert ihre Triumphe in der Stille! entgegnete Lucinde, noch immer athemlos. Diese Triumphe sind die Gluhkafer des Geistes, die uns nur auf einsamen Wegen umschwirren! ... Wie heisst denn die Pflanze da, auf der ich vorzugsweise die Thierchen wie die Lichter auf unsern nordischen Weihnachtsbaumen antreffe? ...

Lucinde rang nach dem Ton der Gleichgultigkeit ...

Die rothen Disteln? Das sind Artischocken! sagte die Herzogin ...

Wachst so dummes Gemuse hier so wild und schon! ... Carciofoli! Ganz recht! ...

Eine kurze Pause trat ein ... Beide bewegten ihre Facher und wehten sich Kuhlung zu ... Mancher scherzhafte Vorfall des Tages, manche Neckerei an der Tafel, mancher Schmuck, manche uberladene Toilette liessen sich besprechen ...

Das Gesprach stockte jedoch bald ... Es zeigte sich diese beiden Frauen mussten anfangen eine sich fur ein Hinderniss der andern zu halten ... Die Herzogin hatte sich langst gesagt: Hier ist meine Zeit um! Olympia ist meiner Fuhrung entwachsen! Selbst den Cardinal, ihren Vater, lehnt sie fur ihre neue Einrichtung als taglichen Gast ab Schon hat sie's ihm angekundigt ... Ceccone sucht eine neue Hauslichkeit! Diese Lucinde lockt, reizt ihn Ich sah es heute, er schien ganz ausser sich ... Lucinde sollte, wie sich gebuhrt, zu Olympia ziehen ... Diese lehnt aber auch sie ab ... Soll also ich jetzt ? Ich? ... Ich ahne, was Ceccone aus ihr und mir gestalten will ... Um sie "mit Anstand" zur Nachfolgerin der Herzogin von Fossembrona, der Marchesina Vitellozzo zu machen, soll ich als Deckmantel? ... Nimmermehr! ... Das zu verweigern bin ich Benno schuldig ... Aber Graf Sarzana! ... Diese Abenteurerin wie sie in seinen Briefen Benno schildert und Sarzana! ... Diese armen Teufel freilich die Sarzanas! ...

So empfand die Herzogin ... Klug aber und verstellungssicher, wie sie war, nahm sie das Gesprach nach einer Weile auf ...

Es ist wahr, sagte sie, das Leben bringt es mit sich, dass nur zuweilen die Stacheln der Disteln, das sind ja Artischocken, jenen nordischen Weihnachtsbaumen, die ich kenne, gleichen! Die Illumination der Luge muss uns ermuthigen, an diese kleinen Gluhkafer in der Nacht der Wahrheit, an das hellste Licht, das Aetherlicht des Schmerzes, zu glauben ...

Lucinde konnte noch nicht gelaufig erwidern ...

Eine Bittschrift an den Bischof von Robillante, sagten Sie? ... fuhr die Herzogin fort, als Lucinde den Brief traumerisch betrachtete und ihn seufzend in ihrem Busen barg ... Ist es wahr, dass dieser Priester eine Grafin liebte, die seit einigen Monaten die Gattin des Grafen Hugo von Salem-Camphausen geworden ist? ...

Lucinde fixirte die Herzogin mit scheuen unheimlichen Augen ... Jetzt erst recht antwortete sie nicht ... Jetzt erst fiel ihr ein, dass sie ja mit einer Frau zusammensass, gegen die sie seit einiger Zeit sich hatte entschliessen wollen, einem Serlo'schen Gedanken Gehor zu geben ... In Serlo's Denkwurdigkeiten stand: "Wenn ihr doch nur nicht ewig von Pflichten der Dankbarkeit bei Diensten reden wolltet, die Euch gar kein Opfer gekostet haben!" ...

Die Herzogin sprach sorglos, der bittern Stimmung ihres Herzens folgend:

Graf Hugo liebte hort' ich und sah ich in Wien ein junges Madchen, das sich aus Verzweiflung um ihr Schicksal den Tod gab ... Ich sah ihre Leiche, ich sah seine Trauer ... Er schloss mit dem Leben ab und doch doch wie mogen auch bei dieser Vermahlung die Raketen gestiegen sein! ... Ha, erinnern Sie sich in Wien der schonen Altane, von der wir Abschied nahmen am Tag vor unserer Abreise? ... Es lag tiefer Schnee auf den dustern Tannen ringsumher ...

Ich erinnere mich ... antwortete jetzt Lucinde, die sich von Klingsohr und Hubertus allmahlich zuruckfand. Sie betonte scharf. Sie hatte der Herzogin heute schon wieder Zurucksetzungen nachzutragen, die sie ihr in Mienen und Worten an der Tafel hatte widerfahren lassen ...

Ob wol das junge Paar an derselben Stelle wohnt, wo die arme Geliebte mit zerschmettertem Haupte lag? ... fuhr die Mutter Angiolinens, nichts ahnend fort ...

Das junge Paar wohnt in der Stadt ... berichtete Lucinde von dem wirklich geschlossenen Bunde Paula's und des Grafen Hugo ...

Eine lange Pause trat ein ... Ein leiser weicher Windhauch kam vom Sudmeer ... Im Weinberg zitterten die Blatter ...

Es ist doch gut, dass wir den Gespensterglauben haben! sagte die Herzogin feierlich ... Wir furchten uns doch noch zuweilen ein wenig vor den Grabern ... Die Alten verbrannten ihre Todten, glaubten aber doch auch an eine strafende Wiederkehr; der Geist des ermordeten Casar erschien den Mordern in der Schlacht bei Philippi ... Die Christen wollten von den Todten so wiedererstehen, wie sie in ihrer schonsten Lebenszeit aussahen ... Angiolina hiess sie? ... Sahen Sie schon die Katakomben druben? ... unterbrach sich die Erinnerungsverlorene ... Dort blitzt eine goldene Spitze im Mondlicht auf ... Das ist Santa-Agnese ... Dort steigen Sie einmal nieder mit einem guten Fuhrer ... Philipp Neri, der Heilige, hat da unten wochenlang gewohnt ... Die Erde hier ringsum ist durchhohlt ... Christen- und Romergraber in Eins ... Ein Leichenfeld! ... Das Leben ist's ... Wer war der eine dieser Monche? Er sah ja wie der Tod ...

Wie die Auferstehung! hauchte Lucinde fur sich ... Aber der erste Schrecken war bei ihr nun voruber ... Sie hatte sich wieder in ihre gegenwartige Lage zuruckgefunden ... Ihr Auge fixirte die Herzogin immer unheimlicher ...

Diese erschrak uber die fast schielenden Blicke des Madchens ... Und beim Suchen nach einem gleichgultigen Gesprache schilderte Lucinde die Unzufriedenheit der jungen Furstin Rucca ... Da betonte sie sehr scharf den Namen Benno's ...

Lucinde that das seit einiger Zeit in Gegenwart der Herzogin ofters ...

Lucinde hatte allerdings bemerkt, dass die Herzogin von Amarillas in einer geheimen Beziehung zu Benno stand ... Sie hatte schon in Wien das Interesse beobachtet, das diese Frau an ihrem fruhern Aufenthalt in Deutschland, an Witoborn, an Schloss Neuhof nahm ... Sie wusste, dass sie eine Sangerin gewesen und in Leo Perl's Bekenntnissen war ja von einem gewissen Betruge die Rede, den er an einer nicht genannten Sangerin hatte ausfuhren helfen ... Sie war auf den Gedanken gekommen, ob nicht jene "zweite Frau" des Kronsyndikus, die der vom Wein Aufgeregte und schon an Wahnanfallen Leidende damals in jener Nacht in Kiel mit dem Degen von sich abwehren wollte, diese jetzige Herzogin von Amarillas sein konnte ... Ihrer wuhlerischen Combination entging nichts von dem, was sich aus auffallenden Daten solcher Art irgendwie verknupfen liess ... Sie hatte auch schon Benno's ihr hinlanglich bekannte im Familienkreise der Asselyns und der Dorstes oft besprochene "dunkle Herkunft" in den Kreis ihrer Combinationen gezogen und staunte schon lange uber Benno's Aehnlichkeit mit dem Kronsyndikus und mit der Herzogin ... Sie verfolgte diese Gedanken stets und stets seit dem Augenblick, wo sie bemerkt zu haben glaubte, dass die Herzogin gern uber sie lachelte, sie gering behandelte und zurucksetzte ... Heute war Graf Sarzana, als er ihr den Arm geboten hatte, von der Herzogin auf eine andere Dame verwiesen worden ... Diese Krankung hatte sie nur vergessen, weil sie spater genug von Huldigungen uberschuttet wurde ... Solche Geringschatzungen konnten sich aber wiederholen ... Daher sagte sie mit scharfspahendem Blick und sich aller der Vortheile erinnernd, die sie uber die Asselyns hatte:

Der Todtenkopf? Nach dem Sie fragten! Ich lernte ihn in Witoborn kennen, in dessen Nahe ein Kloster liegt ... Es ist das Familienbegrabniss jener WittekindNeuhof, nach denen Eure Hoheit mich schon so oft gefragt haben ... Der vor langer als einem Jahr verstorbene Stammherr, der Kronsyndikus genannt, hat den Vater des andern, des zweiten Monches, den Sie sahen, in einem Wortwechsel erstochen ... Dieser Ungluckliche hiess Klingsohr und war des Freiherrn Pachter ... Der Todtenkopf aber war des Freiherrn Jager und hiess Franz Bosbeck ... Aus Holland stammt er, war in Java, gewann auf dem Schloss Neuhof eine Stellung durch die Liebe einer bosen Frau, die dort regierte, Brigitte von Gulpen ... Da sein Herz an einem andern Wesen hing, rachte sich diese Frau und veranlasste den Entschluss ihres Verlobten, der seine wahre Liebe durch den Tod verlor, sich in ein Kloster zu fluchten ... In Indien soll er von den Gauklern Kunste der Abhartung gelernt haben, weshalb er sich trotz Entbehrungen und Strapazen so rustig erhalt ... Der eine der beiden Monche hatte eine Sehnsucht nach Rom, die der andre aus mir unbekannten Grunden theilte ... Beide entflohen, sassen bisher auf San-Pietro in Gefangenschaft und richten nun, wie sie mir sagten, in diesem Schreiben an den Bischof die Bitte, sich zu ihren Gunsten zu verwenden ... Sie furchten sich, wie jeder, der einmal in Rom war, nach Deutschland zuruckzukehren ...

Lucinde hielt inne, weil sie die Wirkung ihres Berichtes beobachten wollte ...

Die Herzogin folgte mit der hochsten Spannung ...

Doch hatte Lucinde in der Kunst der Beherrschung ihre Meisterin gefunden ...

Nach dem ersten leisen Zucken der Mienen bei den Worten: "Familienbegrabniss der Wittekind-Neuhof", trat trotz der aufs ausserste erregten Spannung und der sie blitzschnell durchzuckenden Vorstellung: Diese Schlange kennt dein ganzes Leben! eine Todtenkalte in die geisterhaft vom Mond beschienenen Zuge der Herzogin und sie sagte nichts als:

Kommt der Nachtwind so vom Meere? Wovon bewegt sich das Laub in den Weinbergen? ... Sehen Sie nur, als wenn eine einzige grosse Schlange dahinkroche ... So hebt es sich hier und dort und sinkt wieder zusammen ...

Lucinde hatte nur ihr Auge nach innen gerichtet ...

Beide Frauen waren zu tief in ihre Erinnerungen, zu tief in die Rustung des zunehmenden Hasses gegeneinander verloren, um einer Beobachtung uber den Nachtwind langern Spielraum zu lassen ...

Die Herzogin ging nach Lucindens Mittheilungen in die Worte uber:

Ich wurde vorschlagen, lieber die Bitte dem Cardinal, bei dem Sie ja allmachtig zu werden anfangen, mitzutheilen, wenn nicht allerdings Olympiens Laune zu schwankend ware ... In der That schon oft sprach sie ihre Reue aus, einem Fremdling, wie jenem Bischof, so schnell den Fuss auf italienischem Boden gegonnt zu haben ... In ihren Lobpreisungen des Pater Vincente, der jetzt am Thor unter den Bettlern sein soll, erkenn' ich die Gedanken, die in ihrem Innern Gestalt gewinnen wollen ...

Lucinde beobachtete, ob wol die Herzogin ihr ganzes Interesse fur Bonaventura kannte ...

Diese fuhr fort:

Auch ist der Bischof von Robillante in der That nicht vorsichtig ... Er hat dem Erzbischof von Coni mehr die Spitze geboten, als einem so ganz den Vatern Jesu angehorenden, jetzt als Grossponitentiar nach Rom zuruckkehrenden Pralaten gegenuber gutgeheissen werden kann ... Sein Eindringen in San-Ignazio und die Trinita zu San-Onofrio hat die Dominicaner gegen ihn aufgebracht ... Die Dominicaner sind in gewissen Dingen machtiger, als die Jesuiten ... Dieser Orden beruft sich auf die Privilegien der Inquisition ... Der Bischof ging an die weltlichen Gerichte ... Das war ein Beweis von Muth, aber auch eine grosse Unbesonnenheit ... Neun Waldenser, sieben Proselyten, die die Waldenser unerlaubterweise aufgenommen hatten, mussten von den Dominicanern, die sie einzogen, herausgegeben werden ... Um Einen, der fehlt, kampft nun der Bischof noch immer ... Wie aber nur moglich, sich und andere um einen ketzerischen Fremden so aufzuregen! ... Allerdings einen Deutschen aber in seiner Stellung gebuhrte sich gerade gegen seine Landsleute die Vermeidung aller Parteilichkeit ...

Lucinde horchte mit gespanntem Antheil ... Sie kannte diese Gefahren Bonaventura's nur aus fluchtigen Andeutungen Ceccone's ...

Schreiben Sie ihm doch alles das, wenn Sie den Brief couvertiren sollten ... sagte die Herzogin ...

"Schreiben Sie ihm doch alles das " ... Das hatte die Herzogin mit einem seltsamen Ton gesagt ... Es war der Ton, der etwa sagte: Ich weiss es ja, Sie sind die verschmahte Liebe dieses Bischofs! ...

Lucinde sagte, demuthig ihr Haupt senkend und nur im Blick die Fuhlfaden verrathend, die sie ausstreckte:

Der Bischof rechnet, denk' ich auf den Beistand der Gonner, die ihm hier in Rom ihre alte Neigung sofort wiederschenken wurden, wenn Herr Benno von Asselyn, sein Vetter zuruckkehrt und nicht langer eine Furcht verrath, die fur einen Mann doch kindisch ist ...

Welche Furcht? ...

Das Muttergefuhl wallte auf ...

Aus Besorgniss, sich durch Vertheidigung des Sohnes zu verrathen, sagte die Herzogin gezwungen lachelnd:

Durfen Sie am Hochzeitstag der Furstin Rucca von der Furcht eines Mannes sprechen, der nicht der begluckte Gegenstand ihrer Liebe zu werden wunscht? ...

Alle Umgebungen der Herzogin und Lucindens wussten, wie das Bild der kurzen wiener Bekanntschaft von Schonbrunn und vom Prater immer noch vor Olympiens Seele stand ...

Lucinde sah sich in diesem Augenblick um ... Es war um sie her ein Gerausch horbar geworden ... Ueber den Fussboden eilte eine jener kleinen Schlangen, deren Augen einen phosphorescirenden Glanz von sich geben ... Lucinde zog erschreckt den Fuss zuruck, sah die kunstliche Ruhe der an sudliche Eindrucke gewohnten und der Schlange nicht achtenden Herzogin und erwiderte nach einiger Sammlung:

Benno von Asselyn furchtet, an die bestrickende Olympia ein Herz zu verlieren, das ich will es Ihnen verrathen einem jungen jetzt in London lebenden Madchen gehort ... Sagen Sie aber nichts davon der Furstin! ...

Die Zuge der Mutter konnten sich nicht beherrschen ... Sie verklarten sich ... In ihrem brieflichen Verkehr hatte sie nie auf eine Frage nach Benno's Herzen deutliche Antwort erhalten ...

Wen liebt Signore Benno? fragte sie mit einer sich bekampfenden Theilnahme, deren leidenschaftlichen Ausdruck jedoch ihr ganzes Antlitz verrieth ...

Er liebt unglucklich ... sagte Lucinde immer forschender und schon mit triumphirenden Blitzen aus ihren dunkeln Augen hervorlugend ... Sein bester Freund nachst dem Bischof und dem Dechanten Franz von Asselyn Die Herzogin schlug ihre Augen nieder ist ein junger reicher Kaufherr, Thiebold de Jonge ... Beide wurden, ohne es zu wissen, zu gleicher Zeit von einer Liebe zu einem Madchen ergriffen, das damals noch halb ein Kind war ... Armgart von Hulleshoven ist ihr Name ...

Armgart von ? ...

Lucinde musste den Namen wiederholen ... Der Mutter klopfte das Herz ...

Armgart von Hulleshoven ... sagte die Listige, die sich rustete, der Herzogin ein fur allemal das Geringschatzen ihrer Person zu verderben ... Sie ist, hauchte sie, die zartlichste Freundin jener Grafin Paula, die die Gattin des Grafen Hugo geworden ... Schon einmal geriethen beide Freunde um diese Neigung in Streit ... Einer entsagte zu Gunsten des andern ... Daruber fand Armgart Zeit, erst eine Jungfrau zu werden, die uberhaupt an Liebe denken darf ... Ein wunderliches Aelternpaar hat sie aus Witoborn nach England geschickt, wo sie im Hause einer Lady Elliot lebt und ihre Zartlichkeit fur zwei Liebhaber zugleich an dem Widerstand gegen einen dritten prufen kann ... Dieser hat das glucklichere Loos getroffen, jetzt in ihrer Nahe leben zu durfen ... Es ist dies jener Wenzel von Terschka, der, wie man sagt, nur um ihretwillen Priestergelubde und Religion und was nicht alles aufgab ...

Pater Stanislaus? sagte hocherstaunt und sich ganz vergessend die Herzogin ...

In der Ferne donnerten Boller und schmetterten rauschende Fanfaren ...

Sollten Sie in Ihrem Briefwechsel mit Herrn von Asselyn ... wagte sich jetzt Lucinde ganz keck heraus ...

Ich? ... Mit wem? ... fuhr die Herzogin auf ...

Ja Sie, Hoheit, Sie allerdings mit Benno von Asselyn ... lachelte Lucinde ...

Die Herzogin war aufgesprungen ... Die Bewegung ihres Schreckens, die der Furcht zunachst vor Olympien galt, war erklarlich ... Der Schrecken konnte aber auch von etwas anderm kommen ... Die Zweige hatten in nachster Nahe gerauscht, wie unter Beruhrung eines leise Dahinschleichenden ...

Man ist doch sicher hier ... konnte noch die Herzogin ihren Schreck maskirend, fragen ...

Da deutete sie aber schon mit einem Aufschrei auf die grune Decke des Weinlaubs, aus der sich spitze Hute und Mannerkopfe erhoben ...

Lucinde wollte im selben Augenblick entfliehen ... Vergebens ... Schon hatten sie von hinten zwei Arme ergriffen ...

Eine wilde Physiognomie, die nur die eines Raubers sein konnte, grinste sie an ... Ein widerwartiger, dem gemeinen Italiener eigner, vom Genuss der Zwiebel und des Lauchs kommender Athem nahm ihr die Besinnung ... Sie konnte nicht von der Stelle ...

Die Herzogin war an den Aufgang der Altane gesturzt und rief:

Rauber! Rauber! Rauber! ...

Sie rief diese Worte sie wusste selbst nicht, ob im Schrecken uber den Ueberfall oder in dem uber Lucindens Voraussetzung eines Briefwechsels zwischen ihr und Benno ... Sie wiederholte sie muthig, trotzdem dass unter dem Weinlaub alles lebendig wurde, wilde Manner in abenteuerlichen Trachten den Rand der Altane erkletterten, Pistolen und Dolche blitzten, Lucinde in die Arme eines Athleten geworfen wurde, der die Mauer schon erklettert hatte, wahrend der erste, der bereits oben war und die im stillen Gesprach Verlorene von hinten uberfallen hatte, Miene machte, nun auch die Herzogin zu ergreifen ... Die Rauber trugen die Tracht der Hirten, kurze Beinkleider, Strumpfe, Jacken, offene blaue Brusthemden; die Gesichtszuge waren von Bart und kunstlichen Farben entstellt; die braunen sehnigen Hande eines dritten, der dem zweiten nachkletterte, stopften Lucinden, die vor Schrecken nicht einen Laut mehr von sich geben konnte, ein buntes Tuch in den Mund ...

Wahrend die Herzogin, halb auf der Flucht, halb muthig wieder innehaltend, ihre Hulferufe fortsetzte, sah sich Lucinde schon in den Armen des Riesen, der sich, auf den Rucken zweier andern sich stutzend, an die Wand feststemmte und die Beute herunterzog mit den der Situation vollig widersprechenden Beschwichtigungsworten:

Haben Sie doch keine Furcht, schonste Altezza! ... Ei, Eure Excellenza sollen so gut schlafen, wie in Ihrem eigenen Schlosse ... Es ist nur ein Spass, Signora Excellenza ... Tausend Zechinen ... Ei, das wird eine so schone Dame ihren Freunden schon werth sein ...

Da Lucinde den Muth einer Frau sah, die doch von ihr soeben so scharf verwundet worden, ergriff sie Beschamung ... Sie hielt sich an einem grossen Oleanderstamm, der von draussen her an der Mauer aufwuchs, wuhlte sich in dessen schwanke Zweige, die sie nicht lassen wollte, und widerstand um so mehr dem Rauber, als sie hinter sich ein wildes Geschrei horte, das halb aus deutschen, halb aus italienischen Lauten bestand ...

Da liess der Riese loser und loser ... Lucinde hielt sich mit allen Kraften ... Hinter sich horte sie ein Ringen, ein Kampfen ... Eine Ahnung erfullte sie ... Sie krallte sich fester und fester ... Da ein Schmerzensschrei wie von einem Verwundeten in der Nahe ... Nun ein Pistolenschuss ... Jetzt sturzte sie selbst von der Mauer ... Der Rauch um sie her, ihr Sturz, die Angst, die Hoffnung sie verlor die Besinnung ...

Als sie wieder zu sich gekommen, lag sie noch auf dem Boden des Weinbergs ... Eben liess man von oben Leitern herab ... Die Terrasse oben stand voller Menschen ... Waffen klirrten noch immer ... Graf Agostino, seiner schweren Reiterstiefeln nicht achtend, stieg von oben hernieder ... Neben ihr lag in seinem Blut der gewaltige Riese, den ein Pistolenschuss getroffen hatte von der Hand eines Monches. Der Muthige kniete neben einem andern Monche, der verwundet am Boden lag ... Da hullte sich ihr wieder alles in Nacht ...

Als sie aufs neue erwachte, befand sie sich in dem grossen Saale der Villa ...

Wust durcheinander standen die Tische und Sessel. Das Fest war zu Ende. Die Kronleuchter brannten nur noch dunkel. Die Zahl von Menschen um sie her war geringer geworden ... Dusterblickend stand Graf Sarzana ... Sein Auge hatte eine Macht, vor dem sie das noch so schwache ihrige niederschlug ... Sie horte Ausbruche des Erstaunens ... Wer hatte sich auch denken konnen, dass an einem so lebhaften Abend, unter so vielen Tausenden von Menschen Rauber es wagen wurden, ihren gewohnlichen Anschlag Gefangennehmung von Personen, die sich durch Losegeld loskaufen mussten in Ausfuhrung zu bringen ... Die Rauber waren unter dem dichten Weinlaubdach hinweggeschlichen, hatten sich der einsamsten Stelle des Gartens genahert und wurden ihren Raub wenigstens mit Lucinden ausgefuhrt haben, wenn nicht die beiden Monche, freilich auch ihrerseits in unerklarlicher Absicht, den gleichen Weg genommen und so ihr die Freiheit erhalten hatten ... Der Monch mit dem Todtenkopf entriss einem der Banditen ein Pistol und schoss es auf die gewaltige Gestalt ab, die Lucinden schon davontrug ... Ihn selbst hatte dann ein leichter Messerstich verwundet ... Der jungere Monch aber, Pater Sebastus, war lebensgefahrlich von einem Stilet verwundet worden ... Lucinde blieb unversehrt ... Sogar der Brief an Bonaventura war nicht aus ihrer Brust geglitten ...

Das gehort zu Italien! sprach eine Stimme ... Kommen Sie, wenn Sie konnen Ihr Wagen wartet schon ... Die Furstin ist schon lange fort ... Graf, Sie begleiten doch die Signora ...

Lucinde sah die Herzogin von Amarillas nicht ... Sie horte aus diesen Worten nur: Diese Signora die die Tochter eines Schulmeisters vom Lande, eine Abenteurerin ist die ehemalige Braut des einen dieser Monche die Genossin des andern bei gewissen, unenthullbaren, heimlichen Dingen! Lassen Sie lieber dies Geschopf! ...

Durch die geoffneten Fenster schimmerten die Sterne ... Hatte sich allerdings Lucinde je einen solchen mit Klingsohr noch zu erlebenden Abend traumen lassen konnen, als sie in ihrem Pavillon auf Schloss Neuhof unter den Ulmen wohnte und H. Heine's Liederbuch las, das ihr Klingsohr geschenkt ... Klingsohr um ihretwillen jetzt vielleicht todt! ...

Der Graf erbot sich voll Zuvorkommenheit zur Begleitung ... Die Monche bleiben hier; sagte er ... Der eine ist zu schwer verwundet, der andere leichter ... Aber Pater Vincente bewacht und pflegt sie beide ... Auch ist schon ein Arzt bei ihnen ... Sie liegen druben beim Haushofmeister ... Die Villa bleibt die Nacht uber bewacht ... Der Bargello lasst zehn Mann Wache zuruck ... Sie werden, denk' ich, ausreichen ...

In der That war nun auch alles schon zerstoben und verflogen ... Der alte Furst Rucca war so rasch entflohen, als wenn er sich wirklich an der adriatischen Kuste befunden hatte ...

Von dem getodteten Rauber versicherte man, es ware der beruchtigte Pasquale Grizzifalcone selbst gewesen ... Cardinal Ceccone hatte sich nach dieser Recognition sofort von Lucindens Ohnmacht losgerissen, war in den Garten geeilt, wo die Leiche lag, und hatte sich jeden Gegenstand verabfolgen lassen, der sich in den Taschen des Gefallenen vorfand ... Dann war er eilends in seine glanzende Carrosse gestiegen und mit seinen beiden "Caudatarien" (Schlepptragern) in seine Wohnung gefahren, die mit der Sr. Heiligkeit unter einem Dache lag, nach dem Vatican ...

Graf Sarzana lachelte spottisch bei diesem Bericht und bot Lucinden den Arm ... Sie schwankte ... Tief erschopft schritt sie an den Wagen ...

Beide fuhren nach dem Palazzo Rucca am Pasquino.

Fussnoten

1 Cardinal Wisemann's "Erinnerungen".

4.

Ganz Rom war von der gestrigen Begebenheit erfullt. Der Schrecken des Kirchenstaats, Grizzifalcone, war getodtet worden von einem deutschen Franciscanermonche! ...

Der Messerstich, unter dem der Genosse des Monchs zusammengesunken war, hatte besser diesem gebuhrt! hiess es bei den Meisten ... Grizzifalcone wurde bemitleidet! ... "Der Aermste starb ohne Beichte !" sagten selbst die, die ihm vielleicht den langst verwirkten Tod gonnten ... Noch mehr! In der Sphare der Pralatur, des Adels, des gebildeten Gelehrtenstandes gingen seltsame Versionen ... Da war Grizzifalcone nicht zufallig, sondern aus geheimen Absichten "ermordet" worden ... Man sah die Kutsche des Cardinals hin und her fahren ... "Was man solchen Staatsmannern alles aufburdet! Man beschuldigt sie, selbst ihre besten Freunde nicht zu schonen!" ... So lautete ein bittres Wort, das aus der Sphare der "Verschworungen", wir wissen nicht, ob des jungen oder des alten Italien kam ...

Die Aerzte, die der Cardinal in die furstlich Rucca'sche Villa geschickt hatte, erklarten, dass die Wunde, die der deutsche Monch und Gefangene von San-Pietro in Montorio empfangen, so besorgnisserregend ware, dass sie einen Transport desselben auf die Tiberinsel San-Bartolomeo zu den Benfratellen fur unerlasslich hielten ...

Der Laienbruder Hubertus kam mit einem leichten Verband davon ... Er liess sich diesen nach seinen ihm eigenthumlich angehorenden chirurgischen Kenntnissen anlegen und bedauerte nur, nicht gleichfalls zu den Benfratellen kommen zu konnen, wofur nach Pater Vincente's Aeusserung keine Hoffnung war ... Wenn der Tragkorb den Pater Sebastus abholte, wollten sie ihm das Geleit geben und dann in ihre luftige Hohe nach San-Pietro zuruckkehren ... Der Sack des Klosters war gestern uber und uber gefullt gewesen; aber im Tumult des Ueberfalls, des Schiessens, der allgemeinen Auflosung des Festes war er von irgend einer vorsorglichen Seele aufbewahrt, d.h. gestohlen worden ...

Der Stiletstich war dem verwundeten Pater Sebastus in die Rippen gedrungen ... Er hatte die Besinnung, athmete aber schwer und durfte nicht sprechen ... Was in seiner Seele lebte, muhte sich Hubertus statt seiner zu sagen ... Er traf nicht alles ... Pater Vincente, der neben den beiden auf Maisstrohbetten ruhenden Verwundeten und mit dem Luxus einer auf der Erde ausgebreiteten Matratze geschlafen hatte, beruhrte das Unsagbare schon naher, wenn er sprach: "So ist es mit all unsrer Sehnsucht! Ich kann mir denken, dass ihr beide euer Leben lang nach dem Anblick Roms geschmachtet habt, und die erste Nacht, wo euch vergonnt war, euch am Ziel eurer Wunsche zu fuhlen, musste so verderblich enden! Im Coliseum priesen wir die menschlichere Zeit, die uns nicht mehr den wilden Thieren vorwirft! Raub und Mord sind darum von diesem Boden nicht gewichen! ..." "Man kann Italien nicht verwunschen, das neben Raubern auch einen Pater Vincente hervorbringt ..." dachte Hubertus ... Das sah er wol, Klingsohr's Bewegungen kamen nicht von den Phantasieen des Wundfiebers allein her ... Lucinde in Rom! ... Lucinde in so glanzenden Verhaltnissen! ...

Hubertus hatte die Landsmannin bei ihrer Annaherung an die Bettlerschaaren zuerst erkannt und Klingsohr auf sie aufmerksam gemacht ... Diesem war sie anfangs eine Tauschung der Sinne, eine Luftspiegelung gewesen ... Soll diese erste romische Nacht mich toll machen! rief er ... Bald aber sah er, dass auch Lucinde sie erkannte, von dem Offizier, der sie begleitete, fortzukommen suchte und angstlich ihren Anblick vermied ... Nun wagte er dem muthigern Bruder Hubertus zu folgen ... Sie umgingen den Stand des Feuerwerks, schlichen sich in den Park, in den Garten, sahen, wie Lucinde sich von ihrer Gesellschaft frei machte und entfloh ... Dennoch schnitten sie ihr den Weg ab ... Nun schien sie ihnen wirklich Gehor geben zu wollen und schon hatte Hubertus manchem Fragenden den Brief und die Landsmannschaft als einen aussern Grund bezeichnet, den ihr Verlangen haben durfte, jene Dame zu sprechen ... Endlich riefen sie ihr zu, redeten sie an nun war sie gezwungen, sich ihnen zu stellen ... Hubertus wusste, was sie Klingsohr gewesen ... Dieser sah, wie Lucinde, Rom schon langst als das Hochste aus Erden an, als das Paradies der Seligen schon hienieden ... Beim ersten Wort, beim ersten Gruss erging er sich in jenem Entzucken seines geknickten Geistes, das ihm in so begluckender Situation, wie in den besten Zeiten seiner Vergangenheit, wiederkehren musste ... Selbst die Eifersucht loderte auf, als Lucinde nach den Offizieren spahte, dann die Aufschrift des Briefes im Dunkeln zu erkennen suchte ... Zerreisse den Brief! rief er. Wir wollen ihn nie, nie geschrieben haben! Bist du hier nicht machtiger, als ein Bischof! Wer feiert eine Hochzeit als mit dir! Sieh diese Fackeln, diese Feuerflammen wie Nero mocht' ich Rom anzunden, um deine Epithalamien zu singen! ... Jesus hilf, sprach diesmal voll Bangen Hubertus statt seiner ... Dazwischen kam die Herzogin und bald der Trupp der Offiziere und der jungen Pralaten ... Die beiden Bettler wurden verwiesen, hart bezeichnet mit den ihrer Keckheit gebuhrenden Worten ... Aber die Ungeduld, die Freude, die Spannung auf Verstandigung nach so langer Trennung hatte sie beide wie im Wirbel ergriffen ... Diese wilde festliche Nacht konnte so nicht enden; sie schien alles zu erlauben ... Sie liessen den Pater Vincente beim Sack des Klosters, den die Koche, Diener und vornehmen Damen fullten ... Sie streiften zum Garten hinaus, erkannten die Moglichkeit, ihm von der Landstrasse, vielleicht vom Feld her beizukommen ... Nur ein Wort noch Lucinden, nur noch eine Bitte um Wiedersehen, um die Begegnung in einer Kirche, etwa wie im Munster zu Witoborn zu den Fussen des heiligen Ansgarius ... So sahen sie jene schleichenden Rauber, wurden Zeugen des Ueberfalls, Lucindens Retter ... Klingsohr's Erinnerung an die Zeit der Mensur stahlte seinen entnervten Arm; ohne Waffe erhob er ihn, rang gegen das geschwungene Stilet des Banditen, riss diesen nieder und erlag im Sturzen nur einer grossern Gewandtheit und der gereizten Wuth der Entfliehenden, die den Garten sich beleben sahen, wahrend Hubertus schon den Riesen zugleich mit Lucinden niederzog aus den Zweigen des Oleanders, in denen sie sich festhalten wollte ... Hubertus druckte das eroberte Pistol los ohne Scheu, wie einem Jager gelaufig war, der schon manchen Wilddieb niedergeschossen hatte ...

Pater Vincente erfuhr, dass die gerettete Dame den beiden Deutschen werth und naher bekannt war ... Wieder offenbarte er die Vertrautheit mit einigen deutschen Worten ... Ueber sich selbst sprach Pater Vincente wenig ... Selbst die Neigung des gesprachsamen Hubertus, sich, wo er nur konnte, in der Sprache des Landes der Schonheit und der Banditen zu vervollkommnen, ergriff er nicht als Anlass weltlicher Unterhaltung, sondern erinnerte ernst an jene Bitten, die fur Kranke zu sprechen die vorgeschriebene Regel des kirchlichen Lebens ist ... Dann ohne den Sack mit Lebensmitteln ins Kloster zuruckzukehren ! Eine Aussicht war das auch auf einen Dorn zur Martyrerkrone mehr ...

Um elf Uhr sollte der Tragkorb jener Benfratellen kommen, die einst auch Wenzel von Terschka so wohl verpflegt hatten ... Ware Klingsohr nicht Monch und bereits dem romischen Glauben gewonnen gewesen, so hatte man ihn jetzt in eine Anstalt gebracht, wo in Rom "Neuzubekehrende" (Katechumeni und Convertendi) in solchen Fallen leibliche und geistliche Pflege zu gleicher Zeit erhalten ... Das Geringste doch, womit sie dann fur die Genesung beim Scheiden danken konnen, ist ein Uebertritt ...

Um zehn Uhr schon kam die junge Signora vorgefahren, die gestern hatte von Raubern entfuhrt werden sollen und heute der Gegenstand des Gesprachs und der Aufmerksamkeit fur ganz Rom war ... Man nannte sie, wie solche Verwechselungen vorkommen, bald eine Furstin, bald eine "spanische Herzogin" ... Das "Diario di Roma", die Staatszeitung Sr. Heiligkeit, war noch nicht mit dem aufklarenden Bericht erschienen, wenn die schweigsamste aller Zeitungen uberhaupt von dem argerlichen Vorfall Act nahm ...

In Italien ist noch bei Hochzeiten die Sitte des "Lendemain" ublich ... Der Palazzo Rucca am Pasquino wurde von Wagen und den Abgeordneten der funftausend privilegirten Bettler Roms (der "Clientela" der alten Romerzeit) den ganzen Tag nicht frei ... Auch nach dem Befinden der Donna Lucinda musste gefragt werden ... Sie selbst hatte ein Dankopfer darzubringen fur ihre Rettung ... Der nachsten Madonna gebuhrte der Sitte gemass diese Huldigung ... So horte sie die Messe in San-Giovanni di Laterano, dem der Rettung nachstgelegenen Gottestempel ... Graf Sarzana hatte sie auf diese Sitten beim Nachhausefahren aufmerksam gemacht ... Er war im Wagen zuruckhaltender gewesen, als in der Gesellschaft ... Am Pasquino war er ausgestiegen ... Vom Wein, von den Abenteuern und dem Rendezvous bei der Messe so liessen sich denn doch wol auch seine Andeutungen verstehen erregt, declamirte er Verse an die Saule des Hadrian, an die Obelisken des Venetianerplatzes, an denen sie voruberfuhren, misbrauchte aber nicht die Vortheile des Alleinseins mit dem offenbar zum Tod erschopften Madchen ... Als sie heute den Pasquinostein mit Gensdarmen besetzt fanden, sagte er: Ist diese Wache nicht selbst schon eine Satire? ...

Die Messe war wie immer in dem "stiefmutterlich" behandelten und gegen die Sanct-Peterskirche zuruckgesetzten Gottestempel am Lateran einsam und der grosse, wie fast alle romischen Kirchen einem Concertsaal ahnliche Raum lag ganz in jenem Schweigen, das die Sammlung unterstutzen konnte ... Lucinde kniete und traumte ... Graf Sarzana fehlte ... Er hatte sich in aller Fruhe schon wegen seines Ausbleibens entschuldigen lassen Im Duft des Weihrauchs sammelte sie sich ... Secreta Canon "Wandlung" sie unterliess kein Kreuzeszeichen und dachte an die noch schlummernden jungen Ehegatten an die Morgengeschenke, die Ceccone schon in aller Fruhe fur das junge Paar geschickt hatte auch fur sie lag eine kostbare Broche, Venetianer Arbeit, dabei An Graf Sarzana's Schnurrbart und unheimliche Augen An die schlaflose Nacht ihrer Feindin, der Herzogin von Amarillas An Hubertus und seine Vertrautheit mit der altesten Geschichte des Kronsyndikus An Klingsohr's moglichen Tod An Bonaventura ... Dann sang der Priester: Ite Missa est! ...

Mit gestarkter Kraft schritt Lucinde uber die bunte Marmormosaik des Fussbodens dahin ... Sie trat aus den Reihen der grossen Porphyrsaulen hinaus auf den Platz der "heiligen Treppe" und liess sich von ihrem Bedienten in den Wagen helfen ...

Der Bediente erzahlte, der ganze Weg bis zu Castel Gandolfo, wohin Se. Heiligkeit heute fruhe hinausgefahren, ware des Rauberuberfalls von gestern wegen mit Carabiniers besetzt und wurde eben noch von einzelnen Trupps der Leibwache bestrichen, unter denen sich auch Graf Sarzana befunden hatte ... Deshalb hatte er bei der Messe fehlen mussen ... Lucinde konnte erwarten, dass Se. Heiligkeit selbst sie nachstens beriefen und ihr personlich seinen Gluckwunsch abstatteten ... Dass die Regierung hier uber den Tod Grizzifalcone's anders dachte, als jeder gewohnliche Freund der Ordnung, wusste sie schon ... Besonders sollte der alte Furst Rucca daran auf verdriessliche Art betheiligt gewesen sein ... Er hatte ihr kaum einen guten Morgen! gewunscht, als er ihr auf der Marmortreppe seines Palazzo bei ihrer Ausfahrt begegnete und murmelnd in die Bureaux seines Parterre schlich ...

Die Fahrt zur Villa Rucca dauerte nur wenige Minuten ... Aber der Ueberblick einer Welt konnte sich fur ein Wesen wie Lucinde in sie zusammendrangen .... Das Nachste: Sollte Klingsohr die Nacht uber gestorben sein? war schon abgethan ... Vor einigen Jahren hatte Lucinde darin eine Gunst des Zufalls gefunden ... Auf ihrer jetzigen Hohe war ihr ein in Clausur eines strengen Klosters lebender ehemaliger Verlobter kein zu gefahrliches Schreckbild mehr ... Sie hatte ja lieber mit Klingsohr und Hubertus mehr verhandelt ... Sie musste es auf alle Falle ... Der Herzogin von Amarillas wegen, die sie "unschadlich" machen wollte ...

Wie stand sie uberhaupt jetzt zu dieser "Posse des Lebens?" ...

Sie lehnte in ihrem offnen Wagen, die Hande ineinandergeschlagen und auf ihren weissseidnen Polstern ausgestreckt, wie eine Furstin ... Das also bot ihr denn doch in der That Rom! ... Sehet her, so lohnte sich jener Gang zu dem Bischof, bei dem sie einst ihre "hessische Dorfreligion", das Lutherthum, abgeschworen hatte ... Der "Augenblick", der goldene "Augenblick", wie er jetzt dem auf dem goldenen Kreuz uber der Kapelle "zur heiligen Treppe" blitzenden Sonnenschein glich, gehorte ihr, ihr, der "vom Leben Erzogenen", mit "Thranen Getauften" wie sie im Beichtstuhl zu Maria Schnee in Wien, anzuglich genug fur den ungetauften Bonaventura, gesprochen hatte. Sie wollte diesen Augenblick ihr Eigenthum nennen; sie wollte ihn sobald nicht wieder fahren lassen ... Sie wusste, dass sie hinuntersteigen wurde ... O, das kannte sie schon als ihr altes Lebensloos ... Aber bei einem Sturz kommt es auf die Hohe an, von wo h e r a b ! ... Die Bedingungen des kunftigen Elends, das sie vollkommen voraussah, richteten sich nach der Lage, die sie v e r l i e ss ... So dachte sie: Jetzt oder nie! ...

Was ist das mit dem Grafen Sarzana? ... Warum will mich die Herzogin von Amarillas nicht bei sich behalten? ... Warum flustert der Cardinal so lachelnd mit dem interessanten, geistvollen Offizier, der mir offenbar den Hof macht und doch ... Warum lachelten beide so zweideutig? ... Seitdem Lucinde damals vor Nuck zu Veilchen Igelsheimer entflohen war, hatte sie fur die Verwickelungen des Lebens Gigantenmuth bekommen ... Sie hatte auch den Muth, vor nichts mehr zu errothen ... Sie ahnte, was zwischen Ceccone und dem Grafen Sarzana vor sich ging ... Dass sie nicht um Kleines zu erobern war, hatte sie wol schon gezeigt ... Ja hasste sie nicht eher die Manner uberhaupt? ...

In "Maria Schnee" hatte sie nicht Zeit gefunden, Folgendes zu beichten:

Sie hatte das Kattendyk'sche Haus um den Thiebold'schen Streit uber die Kreuzessplitter verlassen ... Sie war zur Frau Oberprocurator Nuck gezogen, die sich schon langst ihre warmste Freundin und Bewundrerin nannte ... "Jede kluge Frau" stand in Serlo's Denkwurdigkeiten "macht die zu ihrer Freundin, die ihrem Platz bei ihrem Manne gefahrlich zu werden droht. Kuhlt sich durch eine nahere Bekanntschaft dann nicht an sich schon die Glut des Interesses beim einen oder andern ab, so hat die Frau den Vortheil, der Welt die bose Nachrede zu verderben ..." So dachte freilich die Oberprocuratorin nicht, aber die Wirkung blieb dieselbe ... Lucinde war bei den taglichen, mit Frau Dr. Nuck gepflogenen Erorterungen uber Kleiderstoffe, Farbenzusammenstellungen und die Echauffements ihres Gesichts nirgends vor ihrem Mann sicherer, als in seinem eignen Hause ... Dennoch verliess sie es, als sie eine grauenhafte Sage, die uber Nuck im Munde des Volkes ging, bestatigt fand. Er selbst hatte es ihr einst gesagt, dass sich ihm zuweilen eine Binde vor die Augen legte, die ihn verhinderte zu wissen, was er thate .... Dann musste er Hand an sich selbst legen ... Es waren wirkliche Thranen "der Nervenschwache", die ihm flossen, als er sagte, in solcher Lage wurd' er einmal sterben, wenn nicht ein Wesen um ihn ware, das ihn vor Wahnsinn bewahrte ... Was halfen die "Davidsteine" aus seiner Beichte bei Bonaventura ! Was half die Erkenntniss, dass jeder, jeder Geist untergehen muss, der anders spricht und handelt, als er denkt ... Am achten Tag nach Lucindens Einzug in sein Haus wollte sie ihm in seine Zimmer einen spatangekommenen Brief tragen und fand ihn hangend unterm Kronleuchter. Das Sopha darunter, das auf Rollen ging, war zuruckgeglitten ... Der Anblick war furchtbar ... In Momenten der Gefahr bewahrte sich Lucinde nicht. Sie sah Hammaker den schwebenden Korper hin- und herschaukeln; sie horte die "Frau Hauptmannin" ein Wiegenlied auf ihrer Guitarre dazu klimpern; die Blatter in Serlo's Erzahlungen vom Pater Fulgentius und Hubertus flogen auf ... Sie floh vor dem grauenhaften Anblick, ohne den Muth zu haben Larm zu machen ... Ja sie fuhlte mit grausigem Gelust der That des Hubertus nach ihn ruhig hangen zu lassen den lebensmuden, gewissenszerrutteten Mann der sie in so entsetzliche Verwickelungen des Lebens gefuhrt, der so viel Verleumdungen und Zweifel uber sie in Bonaventura's Urtheil verpflanzt hatte ... Aber nun vor sich selbst als dann einer Morderin erbebend, konnte sie nichts thun als die Flucht ergreifen ... Sie raffte ihre wichtigsten Sachen zusammen, klingelte und lief wie von bosen Geistern verfolgt zu Veilchen Igelsheimer in die Rumpelgasse ... Die Nacht uber musste sie annehmen, dass der Oberprocurator durch ihre Schuld! todt war ... Sie blieb einige Tage versteckt, sie, die Morderin des Verhassten ... Allmahlich erfuhr sie, dass Nuck noch lebte und nur heftig erkrankt war ... Ueber diese Annaherungen ihres Lebens an Brand und Mord verliess sie die Residenz des Kirchenfursten. Sie folgte Bonaventura nach Wien ... Gefeit gegen alles, zog sie Mannertracht an und lebte wie ein Mann ... Sie hatte seitdem nichts mehr von Nuck gehort, als dass er, zuruckgezogen von den Geschaften, auf dem Lande wohnte ...

So war sie reif fur Rom! ... Ihrem Auge hatte sich die sittliche Welt aller Hullen entkleidet, wie nur einem katholischen Priester, der, um den Himmel lehren zu konnen, in den Vorkommnissen der Holle unterrichtet wird ... Sie hasste und verachtete, was sie sah und im Grunde nichts mehr, als die Manner ... Fur diese hohen Wurdentrager der Kirche, fur diese Tausende von ehelosen Geistlichen, die Rom zahlt, war ihr jeder Begriff von Tugend zur Tauschung geworden. Ist Rom "mit Ablassen gepflastert", wie jener Pilger zu Bruder Federigo gesagt hatte, so sind die Sunden dort wie Strassenstaub ... Die Beichtstuhle der katholischen Welt scheinen in Rom mit den Geheimnissen der Menschen seit zwei Jahrtausenden umgesturzt und ausgeschuttet worden zu sein ... Ja sogar der Heiligste der Menschen, der Bischof von Castellungo, war "ungetauft"! ... Sein Rival, Pater Vincente, hatte fur einen getraumten "Kuss in der Beichte" gebusst! ... Lucinde nahm nichts mehr, wie es sich gab; sie zweifelte an Allem ...

Dem "ungetauften Heiligen" hatte Lucinde in Wien Dinge gebeichtet, die bei diesem allerdings ihren Besitz der Urkunde Leo Perl's in Schach halten konnten ...

Bonaventura durfte nach diesen Gestandnissen ruhiger werden ...

Sie hatte in der That begonnen von ihrer Bonaventura schon bekannten Begegnung mit Raubern ... Sie hatte erzahlen mussen vom Eindruck, den auf eine nicht von ihr genannte, aber leicht zu erkennende Person (Bonaventura erganzte sich: "Nuck!") die Mittheilung gemacht hatte, dass jener Hammaker seinem fruhern Gonner eine todliche Verlegenheit hinterlassen wollte durch eine ins Archiv von Westerhof einzuschwarzende falsche Urkunde ... Sie hatte Nuck's Betheiligung als eine nur passive dargestellt, ihren eigenen Zusammenhang sowol mit dem Brand wie mit dem Fund des Falsificats nur als die ausserste Anstrengung, das Verbrechen zu hindern ... Dennoch sie gestand es, war es ausgefuhrt worden ...

Ein kurzer Schauder Bonaventura's ein Seufzen "Was muss ein katholischer Priester alles in der Beichte horen und verschweigen!" ...

Dann fuhr sie fort und berichtete vollstandig, Jean Picard hatte sogar fur seine Rettung und Flucht den Beistand eines Mannes gefunden, der zufallig in ihm denjenigen erkannte, fur dessen Wohl er noch die letzten Anstrengungen seines Lebens hatte machen wollen ... (Bonaventura sagte sich: "Hubertus!" ...) Was aus dem Brandstifter geworden, wusste sie nicht ... Nuck hatte das Geschehene nicht ohne die grosste Gefahr fur seine Ehre aufdecken konnen, ware auch durch nichts dazu gedrangt worden, da sowol ein Anklager fehlte wie die anfangs von ihm so gefurchteten Gelderpressungen des Brandstifters, der sich von seinem Unternehmen mit gutem Grund die stete Beunruhigung und Ausschropfung Nuck's hatte versprechen durfen ... Picard war in einem Grade verschollen, dass man selbst seinen Tod wer weiss, ob nicht von den Handen seines ungenannten, von Bonaventura errathenen Retters annehmen durfte ...

Alle diese Vorgange beichtete Lucinde in ihrer vollen Wahrheit, gedrangt von den Drohungen des Grafen Hugo ... Sie warf ihre Sorge auf die heilige romische, alleinseligmachende Kirche, auf die nahe Beziehung derselben zu Gott, auf den Schatz der guten Werke, der die reichste Vergebung aller der Sunden gestattete, die die weltliche Welt, die Welt des Gesetzes, die Welt der Fursten, ihrer Helfer und Helfershelfer n i c h t z u w i s s e n b r a u c h t ...

Das war die Lehre der Kirche, die ihr immer so wohlgethan ... Die gab ihr jenen Muth und jenes Talent, eine "Beate" scheinen zu konnen ... Was auch an Angst uber diese Verbrechen in ihrer Seele lebte, sie warf alles auf Bonaventura ... Seiner Vermittelung der grauenhaften und fur ihren Ruf, ihre Freiheit so gefahrlichen Vorgange vertraute sie seiner "vielleicht noch fur sie erwachenden" Liebe seiner Furcht auch vor ihrem zweiten "Geheimniss" uber ihn selbst ... Zu Enthullungen uber die Ursachen der Flucht Lucindens aus dem Nuck'schen Hause blieb die Zeit nicht gegeben ...

Den Ton der tiefsten Entfremdung gegen sie, einen Ton aus dem Urgrund der Seele, den Bonaventura nicht uberwinden konnte, milderten die priesterlichen Formen ... Da erklang der sanfte Ton der Gute, da das stille Murmeln des Gebetes, da die ernste Ermahnung ... Furcht uber ihre Mitwissenschaft an seinem eigenen tiefen Lebensungluck beherrschte ihn nicht ... Schon beim ersten Nennen Bickert's unterbrach er sie mit den Worten: Jener Verbrecher, dessen Reue Sie immer noch unvollstandig machen durch das Zuruckbehalten seines Raubes! Warum erhielt ich nie, was Sie von ihm besitzen? Ist Ihr Bedurfniss, sich an mir zu rachen, noch so lebhaft? Warum sagen Sie mir nicht, was ich aus dem beraubten Sarge von Ihnen zu furchten habe? ... Alle diese Fragen liess Lucinde ohne Antwort und ihn selbst verhinderte sein Stolz, verhinderte sein Schmerz um seines Vaters so schwer bedrohtes Schicksal anzudeuten, dass er den Inhalt der Leo Perl'schen Schrift kannte ... Vollends mahnte die nachste Gefahr, die vom Grafen Hugo mit Erneuerung des Processes drohte, zu dringend ... Zu dringend sogar die Moglichkeit, dass Lucinde ihrer Freiheit beraubt werden und die Beschlagnahme ihrer Papiere gewartigen konnte ...

Nachdem Lucinde in Bonaventura's Ohr geflustert hatte, was sie vom Brand in Westerhof und aus Nuck's Mittheilungen uber Hammaker's Vorhaben wusste, verlebte sie Stunden der hochsten Angst ... Sie durfte irgend eine Unternehmung, irgend eine Beruhrung mit dem Grafen Hugo erwarten ... Es wurden aber Tage daraus zuletzt Wochen ... Niemand mehr erkundigte sich nach ihr ... Weder der Graf, noch Bonaventura ... Hatte dieser den Grafen so vollstandig beruhigt, so ganz die von ihr eingestandene Falschung der Urkunde verschleiert? ... Sie horte Bonaventura's italienische Predigt; sie theilte die Bewunderung der Horer sowol uber den Inhalt, wie uber die Form; sie frischte selbst ihre alte Kenntniss des Italienischen auf und nahm Unterricht darin ... Kein Wort aber kam vom Grafen, kein Lebenszeichen von Bonaventura, der inzwischen nach Italien abgereist war ohne von ihr irgend einen Abschied gekommen zu haben ...

Anfangs sandte sie ihm einen zornigen Fluch nach, dann erstickte der Schmerz in Schadenfreude ... Graf Hugo war denn also wirklich nach Schloss Westerhof gereist und alle Welt erklarte die Heirath zwischen dem Grafen und Comtesse Paula fur so gut wie geschlossen ... Paula vermahlte sich! ... Es war das Gesprach der ganzen Stadt ...

Inzwischen fing sie an bittre Noth zu leiden ... Ihre Geldmittel waren erschopft ... Was sollte sie beginnen? Welchen Weg einschlagen, um sich in dieser so schwierigen Stellung eines alleinwohnenden Madchens zu behaupten? ... Durfte sie es ein Gluck nennen, wenn sie hier plotzlich Madame Serlo und ihren Tochtern wieder begegnete? ... Wol durfte die theaterlustige Stadt beide alte Gegnerinnen zusammenfuhren. Serlo's Kinder waren schnell herangewachsen und gefallige Tanzerinnen geworden. Sie protegirten Lucinden, die sie herabgekommen, eingeschuchtert, in schon schwindender Jugend sahen. Sie boten ihr nicht nur ihren eigenen Beistand, sondern auch den ihrer Beschutzer. Die Kinder waren leichtsinnig. Die Mutter "genoss" nun, wie sie sagte, ihr Leben nach langer Entbehrung; sie genoss es auch im Behagen, prahlen zu konnen; ja "Herz" zeigen zu konnen, gewahrte ihr, ganz nach Serlo's Theorie, eine eigene Genugthuung ... Frau Serlo das war ein elektrischer Leiter fur die ganze begrabene Vergangenheit Lucindens ... Sie erzahlte jedem, was sie von Lucinden und Klingsohr, von Jerome von Wittekind, vom Kronsyndikus wusste ... Dass Dr. Klingsohr in Rom gefangen sass, war allgemein bekannt; oft genug wurde Lucinde in die Lage gebracht, uber diese Beziehungen Rede zu stehen ...

Sie wohnte in der armlichsten Vorstadt ... Empfehlungen von Beda Hunnius und Joseph Niggl offneten ihr wol manches fromme Haus; die Gewohnheiten einer Convertitin behielt sie bei; sie blieb eine der eifrigsten Besucherinnen der Kirchen und Andachten; aber ihre Lage wollte sich nicht dadurch bessern ... Von Nuck wollte sie nichts begehren ... In ihrer steigenden Noth dachte sie: Du schreibst an den Dechanten, wie ihr damals Bonaventura durch Veilchen hatte rathen lassen ... Sie unterliess es ... "Wenn es nicht die Asselyns waren!" ... Nun suchte sie selbst Stunden zu geben ... Ihre Musik suchte sie hervor ... Sie versuchte sich sogar in dem ihr ganzlich versagten Gesange ... Dies Letztere, um zugleich in der italienischen Sprache sich zu vervollkommnen und sich rusten zu konnen zu ihrer letzten "Pilgerfahrt nach Rom" "vor'm Zusammenbrechen" ...

Sie nahm Singstunden bei Professor Luigi Biancchi ... Sie waren bei diesem gesuchten Maestro theuer ... Aber fur jede Stunde, die sie in der Currentgasse nahm, gab sie eine in der Weihburggasse, wo Serlo's Kinder wohnten ... Diese wollten den Cavalieren gegenuber, die die Tanzerinnen des Karnthnerthors auszeichneten, ihre vernachlassigte Bildung nachholen ... Eine Weile ging das alles leidlich ... Aber wie viel Stunden liessen die undankbaren Madchen, die sie einst auf ihrem Schoose geschaukelt und so oft auf ihrem Arm getragen hatte, absagen und rechneten sie nicht an! ... Zum Gluck bei ihrer Manie fur die Ausbildung im Italienischen konnte sie so wol sagen wurden eines Morgens die beiden alten Manner Biancchi und Dalschefski verhaftet! ... Der Italiener, der Pole verschwanden auf dem Spielberg bei Brunn, wo die "schwarze Commission" uber die Revolutionen tagte ...

Das Aufsehen, das dieser Vorfall in ganz Wien machte, der Schrecken, den daruber vorzugsweise Resi Kuchelmeister und Jenny Zickeles empfinden mussten, fuhrte Lucinden diesen beiden Damen naher ... Vielleicht wurde sie ganz in das Zikkeles'sche Haus eingedrungen sein, wenn ihr nicht die noch bei Madame Bettina Fuld verweilende Angelika Muller, "die diese Abenteurerin schon seit Hamburg kannte", mit mehr als drei Kreuzen entgegengetreten ware ...

Kurz nach Weihnachten hatte Lucinde Tage der Verzweiflung ... Sie sprach italienisch, wie eine geborene Italienerin, aber sie hatte Schulden Schulden bis zum Ausgewiesenwerden aus Wien ...

Schulden machen den Menschen erfinderisch ... Sie wecken Genie bei Dem, der dergleichen nicht zu besitzen glaubt ... Die Resultate des Nachdenkens jedoch uber die Mittel, sich zu helfen, sind nicht immer unserer moralischen Vollkommenheit gunstig ... Lucinde war nie "gut"; Mittel und Wege, entschieden "schlecht" zu werden, boten sich ihr genug ... Das wohlfeilste darunter, sich unter die Protection irgend eines Mannes, der sie zu lieben vorgab, zu begeben, vermied sie ... Aus zunehmender Abneigung gegen die Manner uberhaupt? ... Wozu hatte sie so gut Italienisch gelernt! ... "Freund der Seele, ich komme, um meinen Spuk mit dem Fund aus dem Sarge zu entkraften! Ich will ihn in deine Hande zuruckgeben! Ich will mit dir die Frage erortern: Was ist diese Welt, was Glaube, was unsere ganze dies- und jenseitige Seligkeit?" ... "Das blieb ihr denn doch noch immer ubrig, noch einmal nach Robillante und Castellungo schreiben zu konnen ... Jetzt vollends, wo sich Paula in der That dem Verbrechen der Falschung? hatte opfern mussen" ...

Lucinde rechnete und wuhlte ... Serlo's Kinder waren hubsch, aber ohne Geist. Ihre Lehrerin brauchte nur bessere Kleider anzuziehen, als sie sich erborgen konnte, und sie hatte schon die Aufmerksamkeit dauernder gefesselt ... Wie sonst, so auch jetzt ... Lucinde konnte verschwinden und auffallen; sie konnte als Magd und als Konigin erscheinen; die Devotion war die Maske fur beides ... Blinzelte sie nur einmal mit der vollen Macht ihrer kohlschwarzen Augen, gab sie sich mit dem ganzen Vollgefuhl ihres ubermuthigen Geistes, so erstaunten Grafen und Fursten, die, mit Serlo's Tochtern und Madame Serlo plaudernd, die schlanke schwarze Lehrerin im einfachen Merinokleide nicht beachtet hatten ... Nach einem solchen Lacheln war ihr Mancher schon nachgesprungen, wenn die schlanke Kopfhangerin mit ihren franzosischen, von den Jesuiten de la Societe de Marie herausgegebenen Geschichtsbuchern sich empfahl ... Madame Serlo hatte sie dann beim Wiederbesuch mit einem Hohngelachter empfangen ... Ware Lucinde sentimental gewesen, sie hatte uber dies ganze Familienleben ausrufen mussen: O warst du noch zugegen, du abgeschiedener Geist des armen Vaters dieser Kinder! Sahe dein erbittertes Gemuth eingetroffen, was du schon alles ahntest, als du auf dem Sopha lagst und ich die Uhr zog, die ich vom Kronsyndikus damals noch hatte, um nach der Stunde zu sehen, wo du die Arznei nehmen musstest! ... Wie oft hatte Serlo gesagt: Und gesetzt, ich wurde alt und erlebte, was ich voraussehe, ich kann mir denken, dass ich das Gnadenbrot bei den Meinigen annehme! Nicht wie den alten Lear hinausjagen wurden sie mich; nein, ich bekame die Reste von den Orgien, die sie feiern; ich wurde lachen wie ein Lustigmacher, wurde leuchten bis zur Treppe und die Trinkgelder nehmen, die dem Papa in die Hand gesteckt werden ... "Hunger thut weh"! konnte Serlo dann wimmern, wie Edgar im Lear ...

An Menschenhass und Weltverachtung nahm Lucinde immer mehr zu ... Sie hatte schon im Spatherbst bei einem Besuch des Praters die Entdeckung gemacht, dass die aufgeputzte Besitzerin jener Menagerie von einem jungen Mann begleitet war, uber den die alte Hollanderin mit angstlicher Eifersucht wachte ... Lucinde wagte nicht ihn scharfer zu betrachten, seitdem sie entdeckte: Das war Oskar Binder, der entlassene Strafling, der spatere Spieler unter dem Namen "Herr von Binnenthal"! ... Und von einem aufgehobenen Spielclub hatte sie gehort, den ein Herr "Baron" von Guthmann hielt ... Die Entdeckung war bei einer polizeilichen Recherche erfolgt, von der die ganze Stadt sprach ... Frau Bettina Fuld wunschte bei ihrer Abreise Andenken zu hinterlassen und kaufte zu dem Ende allerlei Schmucksachen. Sie wollte ihre Kasse nicht zu sehr in Contribution setzen und wandte sich auf den Rath der praktischen "Frau von Zikkeles", ihrer Mutter, an eine Auction im Versatzhause ... Wie erstaunte sie, dort jenes Armband verkauflich zu finden, das ihr vor einem Jahr in ihrer Villa zu Drusenheim abhanden gekommen! ... Das verfallene Versatzstuck war auf den Namen einer Frau von Guthmann eingetragen, derselben, die damals bei ihr so gastlich aufgenommen gewesen! ... Die Anzeige, die Arrestation erfolgte ... Lucinde las in den Zeitungen die nahern Angaben ... Wie versetzte die Hellauflachende das alles in ihre erste Jugendzeit ... Vom Lauscheraugenblick, als jene Frau vor ihrem spatern Mann auf den Knieen lag, fing ja ihr ganzes dunkles Leben an ...

Lucinde wurde zur Verzweiflung gekommen sein, hatte ihr jenes Bild der Jugend nicht auch Treudchen Ley als freundlichere Erinnerung vorgefuhrt ... Durch diese beschloss sie sich zu helfen ... Sie schrieb an "Madame Piter Kattendyk" nach Paris, erzahlte, dass sie in der grossten Noth ware, und bat um Hulfe ... Da kam ein unorthographischer, liebevoller Brief, der einen Wechsel auf hundert Dukaten einschloss ... "Das Gluck liegt irgendwo, sagte sich Lucinde wer es nur fande!" ...

In einem kurzen Sonnenschein des Glucks suchen wir die zuerst auf, denen wir gefallen mochten ... So eilte Lucinde zu Resi Kuchelmeister, deren gesunder Ton ihr in freundlicher Erinnerung geblieben war ... Sie fand diese in ausdauernder schmerzlichster Trauer uber das Schicksal der beiden alten Manner aus der Currentgasse ... Resi war an sich so loyal, dass sie jedes dem Kaiserhause und ihrem grossen schonen Vaterlande bedrohliche Unternehmen fur eine Ausgeburt absoluter Nichtswurdigkeit erklarte; seitdem sich aber Dalschefski und Biancchi auf geheimen Umtrieben hatten betreten lassen, anerkannte sie wenigstens psychologische Moglichkeiten solcher Verirrungen Frauen beurtheilen alles aus dem Herzen ... Biancchi war denn nur geizig gewesen zum besten der Conspirationen! ... Ein weitverzweigtes Netz von London uber Paris, nach Italien, Ungarn, Polen hatte sich auch um ihn geschlungen! ... Und Dalschefski lachelte nur deshalb so ironisch, weil ein Greis mit Jugendmuth in den schmerzlichen Nachklangen des Finis Poloniae lebte ... Emissare hatte "das arme Lamm" nach Krakau und Galizien befordert, Fluchtlinge, Mitverbundene Spione ... Dem "elenden Potzl" schrieb Resi, vielleicht mit Unrecht, das Ungluck der beiden alten Manner zu, die mit ihren verwohnten Bedurfnissen, mit ihren grossen edlen Fahigkeiten jetzt in grauen Kitteln zwischen den Wallen des Spielbergs leben mussten ... Resi's Unmuth war ebenso gross, wie ihre Erbitterung uber die Gesinnungslosigkeit der Zikkeles, wo Jenny plotzlich that, als erinnerte sie sich kaum des "Schopfers ihrer Stimme" sie hatte inzwischen einen neuen Maestro gefunden, der die Methode des vorigen verwarf, wunderbare Enthullungen machte uber den falschen Gang ihrer bisherigen Tonbildung und ihres Stimmansatzes "eine dilettantische Sangerin ist zu allem fahig!" sagte Resi ... Aber auch die Buhne gab sie inzwischen jetzt selbst auf ...

Wer kann den unglucklichen Mannern helfen! ... dachte Resi ... Sie hatte so vielfache Beziehungen die einflussreichste, Graf Hugo, war nicht anwesend ... Da fiel ihr ein: Die Herzogin von Amarillas hatte so treu ausgeharrt bei Angiolinens Seelenmetten ...

Zu dieser ging sie in den Palatinus ... Olympia, die sie immer noch die Morderin Angiolinens nannte, war glucklicherweise nicht anwesend ...

Als die Herzogin die Bitte vernommen, die darauf hinausging, dass sie sich fur einen Landsmann beim Cardinal, dieser aber beim Staatskanzler verwenden mochte, sagte sie voll Staunen: Luigi Biancchi! ... Sie horte allem, was Resi in leidlichem Italienisch von einem ihr so wohlbekannten Namen erzahlte, mit grosstem Interesse und versprach auch das Moglichste zu thun ...

Die Herzogin konnte nichts thun ... Zu Olympien durfte kaum der Name Biancchi ausgesprochen werden, ebenso wenig wie zu Ceccone ... Resi vergab ihr den Nichterfolg um des Antheils willen, den die weiche Seele um Angiolinen zeigte ... Resi erzahlte das Leben ihrer Freundin, soweit es ihr bekannt war ... Die Herzogin war uber jede ihrer Mittheilungen zu Thranen geruhrt ...

Resi's leidliche Gewandtheit im Italienischen bestimmte die Herzogin, von einem Verlangen der Grafin zu sprechen, eine Deutsche als Gesellschafterin zu engagiren und sie vielleicht mit nach Rom zu nehmen ... Olympia gluhte noch ganz fur Benno und Bonaventura ... Die Herzogin trug ihr diese Stellung an ... Resi ergriff anfangs den Vorschlag und schien nicht abgeneigt ... Zuletzt legte sich die Anhanglichkeit der Wienerin an ihre Vaterstadt verhindernd dazwischen und so brachte sie "eine Schulerin Biancchi's", ein Fraulein Lucinde Schwarz fur diese Stellung in Vorschlag ...

Diese bewarb sich und reussirte ... Das System, sich anspruchslos, unbedeutend, vorzugsweise nur an den Uebungen der Religion betheiligt zu stellen, stand Lucinden bei allen Anfangen ihrer Unternehmungen bei ... So sehr es aufregt, stets in einer fremden Sprache reden zu mussen; so machtig Phantasie und Herz von den Zaubern Italiens ergriffen wurden, sie beherrschte sich; sie suchte weder Mistrauen noch Eifersucht zu erregen ... Der Cardinal reiste erst spater nach in Begleitung des jungen Fursten Rucca ... Olympia, die Herzogin und Lucinde gingen voraus ...

Lucinde erkannte bald die Natur der Grafin, die man flusternd die Tochter des Cardinals nannte ... Sie erstaunte uber die Leidenschaft, die sie fur Benno von Asselyn zur Schau trug ... Jetzt erst erfuhr sie den eigentlichen Zusammenhang, wie Bonaventura zu einem Bisthum in Italien hatte kommen konnen ... Benno wurde in Rom erwartet; die Grafin sprach von ihm, als sollte ihre Vermahlung nicht mit Ercolano Rucca, sondern mit Benno stattfinden ... Nun war er aber wieder entflohen ... Jetzt wurde sein Name mit Verwunschungen genannt ... Sie hutete sich wol, von ihrer Bekanntschaft mit Benno zu viel zu verrathen ... Bald war ihr der junge Principe Rucca eine Art Piter Kattendyk; der alte Rucca ein Stuck Kronsyndikus; die Furstin Mutter eine der vielen alternden Koketten, die sie in ihrem Leben schon kennen gelernt hatte ... Der allmachtige Cardinal hatte geistig alles von Nuck; nur in seinen Manieren war das Streben nach Glanz und Anmuth vorherrschend ... Sie hatte einigemal scharfe Urtheile gefallt, Ansichten uber die Zeit, die Verhaltnisse Deutschlands ausgesprochen; bei einigen Festen ging sie in gewahlter Toilette; da merkte sie Ceccone warf verstohlene, gluhende Blicke auf sie ... Es liess sich ganz so an, als wenn sie eines Tages seine Beute werden sollte ... Sie dachte uber die Bedingungen eines so ausserordentlichen Sieges nach ... Hatte sie sich je dergleichen von Rom traumen lassen! ... Nur die Herzogin von Amarillas wurde ihr mit einem jeweiligen sonderbaren Lacheln bedenklich ...

Den Lebensbeziehungen Bonaventura's war sie wieder in einem Grade nahe, der ihr die glanzendste Genugthuung werden musste ... Sie sah, dass er sein Amt mit einem auffallenden Streit gegen den Erzbischof von Coni begonnen hatte ... Der Gegenstand desselben gehorte den Gerechtsamen der Inquisition an, die zwar nicht mehr mit Scheiterhaufen, aber immer noch mit Einkerkerungen strafen kann ... Die Dominicaner sind die Wachter des Glaubens; sie halten auf ihre Vorrechte um so eifriger, als die Jesuiten sie im ubrigen uberflugelt haben ... Der gesturzte, von Bonaventura befehdete Fefelotti war nicht im mindesten in dem Grade unterlegen, wie Ceccone gewunscht hatte ... Gegen einen unruhigen Bischof seiner Diocese konnte ihn Rom vollends nicht fallen lassen ... Noch mehr; Fefelotti kam in die unmittelbarste Nahe des Vaticans zuruck. Er wurde der erste g e i s t l i c h e Minister Sr. Heiligkeit, wahrend Ceccone der w e l t l i c h e war ... Jetzt wurde Bonaventura's Lage vollends schwierig ... Noch ein anderer Schlag gegen ihn war in Vorbereitung, die Verurtheilung der dem apostolischen Stuhl aus Witoborn vorgelegten Frage uber den Magnetismus "ob sich ein Priester nicht durch magnetisches Handauflegen verunreinige"1? ...

Mitten im Gewirr dieser sich durchkreuzenden Geruchte und leider nur halbverburgten Nachrichten, horte Lucinde, dass Paula's Bund mit dem Grafen Hugo wirklich im Fruhjahr war geschlossen worden ... Resi Kuchelmeister schrieb ihr authentisch diese Nachricht ... Resi schilderte, was sie gehort von der in der Libori-Kapelle bei Westerhof stattgefundenen Trauung ... Sie schilderte Paula's erstes Auftreten in Wien wie die geisterbleiche, mehr dem Himmel, als der Erde angehorende Grafin ein Aufsehen sondergleichen mache, wie sie alle Schichten der Gesellschaft in Bewegung setze ... Lucinde befand sich im Gluck; das machte ihr Urtheil milder ... Bonaventura hatte Paula aufgeben mussen; das liess eine Weile ihre Eifersucht schweigen ... Auf der Hohe des Verstandnisses dieser unglucklichen Liebe stand sie ohnehin und wohl empfand sie, was in Paula's Seele vorgehen musste ... Graf Hugo hatte ihr einmal eine schreckhafte Stunde des Lebens bereitet, er hatte zornig und drohend mit ihr gesprochen und so schrieb sie denn an Resi: "Das ist unser Frauenloos! Die Lilie vom See in einen Stall verpflanzt! Veilchenkranze vom Bachesufer in ein mit Tabacksqualm durchzogenes Zimmer! Hande, weich und weiss wie Schwanenflaum, blatternd jetzt in einem abgegriffenen Lebensbuch! Aber gewiss! Der Graf wird sie schonen! All die Kunste der 'Egards', mit denen die Manner sich zu verstellen wissen, wird er entfalten ... Er wird sich auf den Ton der Tugend und Achtung vor dem Schonen stimmen! Wie wird er um sie her einen Tempel aus bunten Lugen-Wolken bauen, einen Tempel mit schonen Saulen und Vorhangen, die undurchsichtig sind, um den Stall, die Cigarre, den Wein, die Untreue zu verbergen! ... Aber manchmal verwickelt sich denn doch der Sporn des plumpen Fusses in die zarten Teppiche, die auf dem Boden gebreitet sind; manchmal reisst er die Herrlichkeit der Luge zusammen. Da sturzen die alabasternen Vasen, zerbrechen die kleinen Hausgotter des Friedens, der erlogene Seladon wird zum schnurrbartigen Barbaren, wie ich sie alle gefunden habe, diese Erlauchts, diese Excellenzen, diese Durchlauchts ... Dann kommen Dinge zu Tage, die fur uns Frauen wie Offenbarungen aus der Welt des Mondes sind! Seit dem Anfang der Welt belugen so die Manner die Frauen, misbrauchen mit ungrossmuthiger Kraft unsere urewige Schwache, die immer wieder die Fusse kusst, die uns getreten ... Vielleicht fuhrt der Graf seine Rolle wenigstens durch bis zum stillen Verloschen des Lichts, das ihm der Himmel zu huten beschieden hat. Vielleicht besitzt er, da sie ihn gutmuthig nennen, wenigstens die Geduld des Ausharrens bis zum Ende ... Ich kann mir den Glauben der Aerzte nicht geben, die diese Paula wie eine welk gewordene Blume an solchen Kussen und Umarmungen aufleben sehen und eine gesunde Mutter mit sechs pausbackigen Jungen in Perspective dieser Ehe erblicken. Zieht der Graf nach Schloss Salem, so fallt aus der dortigen Luft allein schon ein Mehlthau auf die zarte Pflanze; selbst wenn sie nie erfahrt, wer die andre arme Seele war, die einst dort in den kleinen Entresols des Casinos gehaust hat" ... Resi Kuchelmeister nahm diesen Brief sehr ubel und antwortete nicht mehr ...

Es war eben in der Welt nur Ein Mann, der Lucinden liebenswerth erschien ... Hochthronender denn je unter allem Elend und aller Schwache dieser Erde lebte er in seinem einsamen Alpenthale ... Wie gern hatte sie ihn in seinem jetzigen Glanz erblickt! In seiner langen weissen Dalmatica, mit seinem silbernen Bischofsstab, unter seiner spitzen Bischofskrone, die ein Haar bedeckte, das schon, wie sie bei ihrer Beichte zu Maria-Schnee gesehen, zu ergrauen anfing! ... Wie gegenwartig war ihr alles, was Bonaventura uber diesen Bund Paula's empfinden musste ... Sie angstigte sich um die Gefahren, die ihn bedrohten ... Hatte sie nur mehr davon erfahren ... Sollte sie sich an den Cardinal wenden? ... Ceccone hatte den Kopf mit dem "Jungen Italien" und den Vorwurfen des Staatskanzlers voll und Olympia sprach nur selten noch anders, als mit Hohn uber den von ihr zum "Heiligsten der Christen" und zum Bischof ernannten Deutschen ... Die Herzogin schien ihr eher eine Bundsgenossin; doch musste sie mit dieser "erst einen Vertrag abschliessen" ...

Eines Tages hatte sich Lucinde, als Olympia nicht anwesend war, nach einem kleinen Diner bei der Herzogin, dem der Cardinal, einige Pralaten und Offiziere beiwohnten, den Scherz erlaubt, den grossen rothen Cardinalshut des erstern aufzusetzen und damit vor den Spiegel zu treten ... Das Gesprach war so lebhaft, das Lachen so naturlich gewesen, dass Lucinde sich diesen kleinen Ruckfall in ihre alten "Hessenmadchen"-Naivetaten glaubte beikommen lassen zu durfen ...

Una porporata! rief Ceccone mit gluhenden Augen und beifallklatschend ...

Der grosse rothe Sammthut mit den hangenden Troddeln von gleicher Farbe stand dem schwarzen Kopfe in der That allerliebst ...

"Die Papstin Johanna!" sagte ein Offizier, der Lucinden zu Tisch gefuhrt hatte ... Er schien sich gut mit ihr unterhalten zu haben ... Man nannte ihn den Grafen Sarzana ... Er stand bei der Nobelgarde und war noch nicht lange von Reisen zuruck ...

Der Cardinal drohte ihm fur sein Wort schelmisch mit dem Finger, sagte, wie zur Strafe: "Nein! Die Grafin Sarzana!" ... Damit setzte er Lucinden den schonen Helm des Offiziers auf ...

Eine Purpurglut uberfloss sie ... Ihre verungluckte Johanna d'Arc auf der Buhne stand wieder vor ihr ... Sie hatte keine Kraft, ein Wort zu sprechen, keine Kraft, den Helm wieder abzunehmen, bis es Herzog Pumpeo that ... Der Cardinal hatte den seinigen ergriffen ...

Seit dieser Zeit wurde sie mit "Grafin Sarzana" geneckt und von niemand mehr als von Ceccone ... Der Graf, der sie nach dieser Scene anfangs auffallend gemieden hatte, fing plotzlich sogar selbst an, den Scherz wahrmachen zu wollen ... Er zeichnete sie aus ...

Lucinde wusste, dass Don Agostino ein Graf "ohne Baldachin" war, d.h. ohne Stellung zum hohen romischen Adel. Ein Marchese ist mehr als ein romischer Graf. Sie wusste, dass Graf Sarzana arm war und unter Cavalieren nach dem Schlag des alten Husarenrittmeisters von Enckefuss lebte. Galanterie und die Kunst, mit 1500 Scudi fur sich und ihre Diener auszukommen, erfullte das Leben dieser "armen Ritter" unter denen sich Frangipanis und Colonnas befinden ...

Wie sich aber die Neckereien mit der "Grafin Sarzana" mehrten, trat ihr die Vergleichung des alten Enckefuss mit diesen romischen Rittern noch in einer andern Beziehung entgegen ... Der alte Husarenrittmeister hatte Ehrgeiz, Ritterlichkeit, Treue, Aufopferung fur gute Freunde, Tugenden, die die Fehler seines Leichtsinns vergessen liessen ... Seltsam aber, sagte sie sich, diese romanische Art besitzt von alledem wenig oder gar nichts und regiert doch die Welt! ... Die anstandigsten Menschen hatte Lucinde hier gewinnsuchtig und schmutzig geizig gefunden; ein gewisser Adel der Auffassungen, der ihr selbst noch in der aussersten Entartung des heimischen Junkerthums, im Kronsyndikus, bei ernsten Krisen erinnerlich war, fehlte hier ... Sie sah anstandig gekleidete Manner Abends in die Kaffeehauser zu den Gasten treten, die Achsel zucken und den Hut hinhalten um einen Bajocco zu erhalten ... Selbst die Herzogin von Amarillas fand in solchen Vorkommnissen nichts als die allgemeine Consequenz des sudlichen Lebens ... Mit dem aussern Schein der Demuth verband sich, wo Lucinde hinblickte, eine Gewohnlichkeit der Anschauungen, die selbst ihre leichte Art zu denken und zu urtheilen noch uberschritt ... Im Theater, das sie wegen Olympiens Koketterie besuchen musste, sah sie zwanzig Tage hintereinander dieselbe Oper oder Farce ... An manchen Stellen, wo Ruhrung hervorgebracht werden sollte, zitterten wol die Stimmen der Sanger, der Schauspieler; die Taschentucher wurden gezogen; aber meist waren es Ausbruche von Klagen, die ihr weit eher lacherlich vorkamen ... Anderes wieder, das selbst fur sie roh und herzlos erschien, ging bejubelt oder als "grossartig" voruber ... Massstab aller Beurtheilungen war die Klugheit oder Dummheit, die man bewiesen. Eine geschickt ausgefuhrte List erntete Bewunderung ... Und nicht anders im taglichen Leben. Der alte Rucca war, wie alle sagten, ein Gauner. Er stand im besten Einvernehmen mit den Cardinalen ... Sein Sohn hatte die Eitelkeit eines Affen. Seine Kameraden waren ebenso. Anmassung, Unwissenheit uberall ... Einige der romischen Junker trieben Politik und hielten sich zur "nationalen" Partei. Ihre Unzufriedenheit bestand darin dass im Sanct-Peter bei grossen Festlichkeiten "die Gesandten und die Fremden die Platze erhielten, die ihnen gebuhrten"! ... Oder sie fanden, dass der Kirchenstaat zu sehr von Paris, Neapel und Wien beherrscht wurde; sie wollten die Herrschaft der alten Geschlechter wiederherstellen. Selten, dass sich einmal bei der Herzogin eine unterrichtete Personlichkeit einfand. Die "Pralaten" besassen Kenntnisse, mehr noch, angeborenen Geist; aber eine Einbildung verband sich damit, die jedes Mass uberschritt. Nach ihnen war jede Wissenschaft zuerst in Italien entdeckt worden ... Wenn Cardinal Ceccone "auf sein Alter Neuerungen liebte", so bestanden diese nur in dem eifrigsten Verlangen, den Einfluss der fremden Cabinette zu beseitigen ... Seitdem hatte freilich der Staatskanzler auch ihm von dem "Salz" gesprochen, das auf das dem Erdboden gleichzumachende Mailand gesaet werden musste ... Doch ging alles so keck, so sicher, so massgebend her! ... Diese elende Verwaltung! ... Die Zolle befanden sich in den Handen von Pachtern, die so rucksichtslos verfuhren, dass Zahlungsunfahige wider Willen zu Fluchtlingen, Raubern und Mordern wurden ... Auf Anlass des gestern von Hubertus niedergeschossenen Pasqualetto wusste Lucinde zwei Thatsachen. Einmal dass sammtliche fremde Weine, die Ceccone trank und seinen Gasten vorsetzte, unversteuerte waren. Zweitens dass Graf Sarzana gesagt hatte: Diese Kugel hat den Pasqualetto fur seinen letzten Rauberspass zu fruh gestraft! Er wollte ja von morgen an ehrlich werden! Er war nur hier, um nach Porto d'Ascoli mit einer Pension zuruckzukehren! ...

Die scharfen und freisinnigen Urtheile des Grafen kamen nur in vereinzelten Augenblicken ... Sie schienen einer Stimmung des Hasses gegen den Cardinal zu entsprechen, des personlichen Hasses; denn die sammtlichen Sarzanas waren Creaturen des Cardinals und ihm auf Tod und Leben verpflichtet ... Don Agostino hatte Verwandte, die nicht gerade des Abends in den Kaffeehausern achselnzuckend bettelten, aber fur jede Gefalligkeit eine Bezahlung verlangten ... Die Schwester des Grafen war eine Geliebte Ceccone's gewesen alt geworden hutete sie seine Landokonomieen ... Ein Bruder von ihm verwaltete des Cardinals Oelmuhlen ... Als er sich zu viel Privatvortheil aus ihnen gepresst hatte, liess ihm der Cardinal die Wahl zwischen dem Tribunal del Governo oder der Heirath einer seiner vielen Nichten, die er n i c h t alle so auszeichnen und unterbringen konnte wie Olympia ... Ceccone trieb, das entdeckte ganz aus sich selbst Lucinde, die Ostentation mit d i e s e r Nichte nur deshalb, weil so der Schein gewonnen wurde, als hatte er uberhaupt nur Eine dergleichen zu versorgen! ... Der Cardinal lachte uberlaut, als ihm Lucinde zwei Tage nach dem aufgesetzten Purpurhut diese Andeutung mit einem verschamten Blinzeln durch die Finger ihrer vors Gesicht gehaltenen linken Hand gab ... Ein dritter Verwandter des Grafen war durch Verheirathung mit einer andern Geliebten des Cardinals Aufseher aller Hafen geworden ... Und Don Agostino? ... Pah, dachte Lucinde, sieht Ceccone ein, dass du nicht, wie hier Sitte ist, durch eine Verheirathung mit seinem Majorduomo oder seinem Koch zu erobern bist? ... Sollst du desshalb, desshalb die Grafin Sarzana werden ? ... In diesen Grubeleien lebte sie jetzt ... Es gab Entschlusse zu fassen furs Leben ... Es standen Erwagungen bevor, die die ausserordentlichste Anstrengung des Verstandes, der List, der Berechnung, vielleicht des Herzens kosteten ...

Sie hatte noch keinen klaren Entschluss gefasst ... Aber das stand fest: Benno von Asselyn urtheilt gering uber dich und seine Mutter infolge dessen lachelt und zuckt dir die Achseln! ... Das soll nicht mehr sein! Dies Lacheln der Herzogin von Amarillas soll ihr ein fur allemal verdorben werden! ...

Lucinde wollte auf Villa Rucca den beiden ihr so nahe stehenden Monchen die Theilnahme alter Freundschaft und Dankbarkeit nicht versagen, sich aber im ubrigen durch sie vergewissern, ob die Herzogin jene Betrogene von Altenkirchen, jene Romerin war, von der auf Schloss Neuhof soviel Sagen gingen, die Hubertus doch wol wissen musste ...

Einen fatalen Eindruck machte es ihr jetzt beim Anfahren, dass sie die Villa Rucca keinesweges in der Stille antraf, die sie zur Ausfuhrung ihrer entschlossenen Absichten bedurft hatte ... Nicht nur wurden eben von einer Menge Arbeiter die Spuren des gestrigen Festes, entfernt, sondern auch eine Gerichtscommission war zugegen, die die gestrigen Vorfalle aufnahm und der nun gerade ihr Erscheinen zu statten kam, um von ihr noch einige an sie gerichtete Fragen beantworten zu lassen ... Der Cardinal sogar und der alte Furst Rucca waren zugegen ... Sie horte schon, dass beide am Ort des gestrigen Ueberfalls mit den Monchen Hubertus und Vincente im Gesprach verweilten ... Ueber Sebastus erfuhr sie, dass es mit seiner Wunde nicht gut stand und die Benfratellen jeden Augenblick erwartet wurden, ihn abzuholen ...

Auch dem Cardinal und dem Fursten war sie im hochsten Grade und als Dolmetscherin willkommen ... Beide suchten mit dem drolligen Laienbruder, dessen Aeusseres vom Dienertross belacht wurde, eine Verstandigung, die Pater Vincente nur muhsam vermittelte ... Lucinde wurde sofort gerufen, in den Garten zu kommen ...

An der Stelle des gestrigen Erlebnisses harrten ihrer die drei geistlichen Herren und der alte Rucca im lebhaftesten Gesprach ...

Hubertus grusste sie mit aufrichtigster Freude und druckte nur mit Trauer Befurchtungen wegen seines Freundes Sebastus aus ... Seine Augen sagten: Sei dankbar! Es geschah alles um dich! Bleibe uns ein guter Engel! Entsende den Brief wenn er noch nothig ist Deinen Verbindungen gegenuber! Du weisst, was wir beide seit Witoborn gemeinschaftlich zu tragen haben! ...

Lucinde begluckte und beruhigte ihn durch einen ihrer gutigsten Blicke ...

Pater Vincente und der Cardinal erhielten von ihr die Ehren, die der kirchlichen Stellung derselben gebuhrten ... Pater Vincente "der Rival Ihres Bonaventura um die nachste vacante Heiligenkrone" ! wie neulich Olympia zur Herzogin gespottelt hatte Ceccone das Bild des Versuchers, der mit einiger Reserve uber alle Schatze der Erde gebietet ... Lachelnd stand er und schien Lucinden mit geheimnissvollen Zeichen begrussen zu wollen ... Aber sie blieb voll Demuth ...

Der alte Furst war wie ein luftschnappender Hecht, der sich nicht in seinem Elemente befindet ... Vor dem heiligen Pater Vincente musste er Ehrfurcht bezeugen und argerte sich doch, dass dieser nicht gelaufiger deutsch verstand ... Mit gemachtem susssauern Lacheln verwies er Lucinden auf den von Pater Vincente vorgetragenen Stand einer Verhandlung, der zufolge sie erfuhr, dass der Rauberhauptmann Pasquale Grizzifalcone in der That nach Rom gekommen war auf Veranlassung zunachst des Fursten Rucca ...

Sie traute ihrem Ohre nicht ... Der Furst versicherte jedoch ungeduldig: Ebbene! und wendete sich zu Vincente mit einem drangenden Parla dunque! nach dem andern ...

Lucinde horte, dass der beruchtigte Verbrecher, der schon vielfach sein Leben verwirkt hatte, hier auf dieser Villa erwartet worden war zu einem friedlichen Gesprach, das der Furst mit ihm unter vier Augen hatte halten wollen ...

Pasqualetto, wie er im Munde des Volkes hiess, hatte die Burgschaft der Sicherheit verlangt ... Diese hatte er erhalten auf das dem Fursten gegebene Ehrenwort des Cardinals ...

Dieser nickte ein Ja! und setzte sich jetzt ...

Zur Summe, die der Rauber als Bedingung seines Erscheinens verlangte, hatte dieser "dumme Kerl", wie der Furst sagte, noch eine "buona manchia" extra verdienen wollen; eine Summe von einer der "Prinzessinnen", die sich vielleicht im Garten zu sicher dunkten ... Vielleicht auch eine Geisel fur seine Sicherheit zu denen, die er schon in den Schluchten der Mark Ancona besass ... Dies setzte der Furst mit einem seltsamen Streiflicht auf das "Ehrenwort" des Cardinals hinzu ...

Sie hatten nun gestern beinahe noch zwei solcher Geiseln gefunden, aber Pasqualetto hatte leider dran glauben mussen ... Leider! betonte der alte Furst in allem Ernst und corrigirte sich nur pro forma: Der Bluthund! ... Dabei sah er uber die Mauer, wo noch die Spuren der gestrigen Verwustung nicht getilgt waren ...

Der Nimmersatt! erganzte Ceccone ironisch und liess zweifelhaft, wen er meinte ...

Lucinde orientirte sich allmahlich ...

Der Furst erging sich in der heftigsten Anklage eines Menschen, der hier den Staatsbehorden vollig in der Eigenschaft einer gleichberechtigten Macht gegenuberstand ... Dabei richtete er seine Vorwurfe geradezu wie die offentliche Meinung gegen Hubertus ...

Dieser Arme verstand sie nicht und suchte nur mit seinen gluhenden Augen, die im Knochenschadel hinund herfunkelten, zu deuten, was seine Ohren nicht begreifen konnten ... So viel merkte er allmahlich, dass er den hohen Herren wol gar keinen Gefallen mit seiner raschen Anwendung des Pistols gethan hatte ...

Der Cardinal wiegte sich im Sessel, brach uber sich Lorberblatter, die er in seiner flachen Hand zerklopfte, und beobachtete nur scharf fixirend Lucinden ... Dass diese die Monche Hubertus und Sebastus kannte, schien ihm darum von Interesse, weil sich die kleinen pikanten Episoden der gewohnlichen Devotion und amazonenhaften Kalte dieses fremden Madchens immer zahlreicher einzufinden begannen ...

Durch diesen Tod, krachzte der alte Furst offen zu Hubertus heraus, haben Sie die heilige Kirche um eine grosse Gelegenheit gebracht, Gerechtigkeit zu uben! ... Sie hatten sich getrost von hier sollen entfuhren lassen, schone Signora! scherzte er, sich massigend ... Ich wurde mit Vergnugen das Losegeld gezahlt haben Der Cardinal da hatte den Rest hinzugefugt setzte er mit sardonischem Lacheln und seine Aufregung zugelnd hinzu ...

Senza il supplimento! ... Ohne das Agio! erwiderte der Cardinal ebenso trocken ironisch ... Er streckte seine rothen Strumpfe vor sich auf die unteren Sprossen eines Sessels aus ... Sein Bein war noch untadelhaft ... Kopfnickend bestatigte er alles Erzahlte, nur mit einer gewissen ironischen Bitterkeit ...

Sie konnen alles wieder gut machen, fuhr der alte Furst zu Hubertus fort, wenn Sie sich die Gnade des Pater Campistrano erwerben und wirklich diese Reise nach Porto d'Ascoli unternehmen wollen ...

Nach Porto d'Ascoli? fragte jetzt Lucinde staunend uber die Anrede, die sie ubersetzt hatte ...

Beim Namen des Pater Campistrano blickte Pater Vincente besonders ehrfurchtsvoll ...

Hubertus stand unbeweglich, dem alten knorrigen Myrtenstamm nicht unahnlich, an den er sich lehnte ... Er hatte schon vorhin von einer Reise nach der Kuste gesprochen das war richtig er verstand nur noch zu dunkel den Zweck und sah auf Lucinden als Hulfe ...

Diese wollte sich erst vollstandiger zurecht finden, wollte auch die Interessen des Cardinals erst sondiren, ehe sie vermittelnd eingriff ... Wie den Cardinal diese Klugheit entzuckte, die er vollkommen ubersah! ... Ceccone schien gleichgultig, spielte mit seinem Augenglase, fixirte bald Lucindens Toilette, bald das Curiosum der Gesichtszuge und Gestalt des deutschhollandischen Laienbruders, das er belachte ...

Hubertus hatte allerlei Dinge von einem Pilger, von einem Deutschen gesprochen, die ihrerseits Lucinde nicht verstand ...

Erst allmahlich luftete sich ihr folgender, grosstentheils von Pater Vincente vermittelter Zusammenhang ...

Der Rauber Pasqualetto war, wie im Musterstaat der Christenheit, im Eldorado der katholischen Sehnsucht, ublich, unter dem Versprechen der Sicherheit nach Rom entboten worden, um fur eine bedeutende Summe dem Fursten Rucca Mittheilungen uber die Lage seiner Interessen an der adriatischen Kuste zu machen ...

Der Gewinn, den der gefurchtete Rauber von seinen Unternehmungen zog, musste sonst mit seinen Gefahrten getheilt werden; diesmal wollte er die Frucht langer Verhandlungen, eine lebenslangliche Pension ganz fur sich allein, wollte seine Wohnung inskunftige in der frommen Stadt Ascoli nehmen und sein bisheriges Leben der Nachsicht der Behorden empfehlen ... Solche letzte Friedensschlusse der Regierungen mit den Fra Diavolos der Landstrassen sind in Italien nichts Seltenes und fur Jedermann daselbst das Erwunschtere, weil Sicherste ... Wenn auch zugestanden werden muss, dass sich Ceccone und das Tribunal gegen diese Uebereinkunft straubten, so wusste doch Furst Rucca seinen Wunschen Nachdruck zu geben und nicht blos im Scherz sagte er zu den hochsten Richtern: Furchtet ihr, dass eure Namen auch auf der Liste derer stehen werden, die mir die Fullung des Schatzes des Heiligen Vaters mit der Zeit unmoglich machen? ... Besonders sah wol gar Ceccone den Enthullungen des Pasqualetto mit unheimlicher Spannung entgegen ... Der Furst hatte heute ganz den ubeln Humor, der jeden Gastgeber am Morgen nach einem Feste, wenn es auch noch so schon ausfiel, zu erfullen pflegt ... Er ausserte ihn in aller Offenheit mit den Worten: Ich glaube, diesen Mord des armen Pasqualetto hat jemand auf dem Gewissen, der sich furchtete, auf zehn Jahre zuruck seinen Champagner versteuern zu mussen! ...

Der Cardinal zog verachtlich die Lippen ... Lucinde sah, dass, wenn der Cardinal hier etwas furchtete, mehr im Spiele sein musste als sein unversteuerter Champagner ... Doch auch schon diese Beschuldigung durfte den Cardinal mit Recht reizen ... Er verwunschte alle die, die der Kirche und ihren Cardinalen Uebles nachsagten ...

Hubertus horchte nur ...

Der Rauber war, erfuhren er und Lucinde, am Tiberstrand mit einigen alten Kameraden aus San-Martino, einem bekannten Raubernest im Albanergebirg, in Beruhrung gekommen und hatte bloss den Spass am Feste seines versohnten Feindes noch als "Zugabe zum Fleisch" ausfuhren wollen ... Die Verstandigung zwischen dem Fursten Rucca und Pasqualetto war auf brieflichem Wege vor sich gegangen wenn auch mit der grossten Schwierigkeit ... Der Schmuggler- und Rauberhauptmann konnte naturlich selbst weder lesen noch schreiben ... Fur sein Vorhaben, die Hehler unter den Kaufleuten und die mit ihnen und den Schmugglern unter einer Decke wirkenden Zollbedienten anzugeben, musste er sich eines verschwiegenen Beistandes, der schreiben und lesen konnte, bedienen. Fur solche Falle gibt es in Italien die Monche, falls sie schreiben konnen ... Aber selbst diesen hatte Pasqualetto nicht getraut. In Ascoli wollte er seine Tage in Ruhe beschliessen; er war wol auch gerustet, die Rache der von ihm Verrathenen zeitlebens gewartigen zu mussen, hatte sich auch deshalb fur die Schlimmsten unter den Defraudatoren die Verzeihung erbeten; aber er vertraute sich sogar den Monchen nicht gern an. Wo fand sich auch bei ihnen der Muth, Vermittler eines so eine ganze Provinz in Furcht und Schrecken versetzenden Strafgerichts zu werden! Die Monche mehrerer Kloster, bei denen er anklopfte, baten ihn himmelhoch, keine dergleichen Thorheit zu begehen und in solcher Form reuig werden zu wollen! Wendet Euch doch an uns und die Madonna! sagten sogar die Aebte ... In der Kathedrale von Macerata gab es ein wunderthatiges Marienbild, das alles vergab ... Kurz Pasqualetto war loyaler, als die ehrwurdigen Vater und vollends als die einsam wohnenden Landpfarrer, die sich mit einer solchen Provocation der Rache der Betheiligten am wenigsten einlassen wollten ... Wie sehnte sich der riesige Pasqualetto, der eiserne Pfosten aus Brettern ausbrechen, nur nicht schreiben konnte, nach einem Dolmetscher seiner Wunsche! ... Kaum dass er einige Monche so weit brachte, fur die Verstandigung mit dem Generalpachter der Steuern die ersten Einleitungen zu treffen ...

Hier wollte der Furst wieder selbst erzahlen ... Pater Vincente trug ihm alle diese Geschichten mit einem zu elegisch eintonigen Klange und wie von der Sundhaftigkeit dieser Welt wenig erbaut vor ...

Man horte indessen doch aus des Priesters Munde:

Seine Hoheit waren seit lange in ihren Einnahmen nicht so verkurzt gewesen, wie in den letzten Jahren. Wahrend die statistischen Ausweise aller Staaten eine Zunahme der Zollertragnisse erwiesen, sanken in schreckenerregender Weise die des Kirchenstaats. Ein Gewebe von Defraudationen hatte sich gebildet, das neben dem geregelten Steuerwesen des Staats und der Pachter ein zweites der Schmuggler, der treulosen Zollbedienten und Consumenten bildete. Furst Rucca schwur, dass er im vorigen Jahr den Ausfall einer halben Million gehabt und in diesem Jahr wurde das Uebel noch arger werden. Er wollte ein Gericht mit Schrecken halten. Wozu war Ceccone's Nichte seine Schwiegertochter geworden ...

Pater Vincente sprach letzteres nicht alles ... Lucinde ahnte es ... Der Pater senkte die langen schwarzen Augenwimpern ... Wie sah er so heilig aus ... Ceccone fing an, ihn scharfer zu beobachten ... Er dachte: Fefelotti will Dich zum Cardinal machen? ... Das ist von meinem Gegner theils Koketterie mit der Mode der Frommigkeit, theils eine erneute Schaustellung der Lebensweise Olympiens und eine Verurtheilung meines Systems ... Die geistliche Intrigue ergreift jedes weltliche Mittel ... Ceccone versank in brutendes Nachsinnen ...

Hubertus aber und Lucinde erfuhren:

Pasqualetto wollte sich durchaus noch immer nicht nach Rom begeben, aber auch seine Liste von Kaufleuten, reichen Grundbesitzern, vielen vornehmen Mannern in Rom, vorzugsweise von Zollbedienten und Helfershelfern der Schmuggler blieb ungeschrieben ... Das Geschaft ruckte nicht vorwarts ... Endlich begab sich Pasqualetto mit seinen nachsten Vertrauten in die Gegend von Loretto ... Dort wollte er nachtlich einen Pfarrer uberfallen und ihn mit geladener Flinte zwingen, niederzuschreiben, was ihm "unter dem Siegel der Beichte" dictirt werden wurde ... Da fiel ihm vor Loretto ein Haufe Pilger in die Hande. Diese, so arm sie waren, plunderte man aus und entdeckte, dass einer derselben, der der armste von allen schien, nur eine Bibel (ein verbotenes und allen Steuerbeamten als zu confisciren bezeichnetes Buch) und ein Taschenschreibzeug besass ... Diesen glucklichen Fund hielt man fest ... Ein Gefangener, der schreiben konnte! ... Ein Bettler, der sich, wenn es sein musste, aus der Welt schaffen liess, ohne dass viel Nachfrage danach war ... Diesen Unglucklichen schleppten die Rauber mit sich und hielten ihn seit Monden gefangen. Es war ein Greis, krank, hinfallig; er kam von den Alpen her, hatte nach dem sudlichen Italien gewollt er nun war der Vertraute einer hochwichtigen Staatsaffaire geworden ...

Und hier eben war es, wo schon bei der fruheren Erorterung dieser Dinge Hubertus in seiner regsten Theilnahme aufgewallt war ...

Ingleichen gab auch Vincente jetzt wie vorhin uber diesen gefangenen, dem Verderben preisgegebenen Pilger Zeichen eines gesteigerten Interesses ...

Den Pilger zwangen die Rauber, Nachts uber die wildesten und schroffsten Felsenwande zu klettern und mit ihnen in einsamen Hohlen zu campiren ... In einer verlassenen Zollwachterhutte am Meeresstrand fand sich nach drei Tagen das nothwendige Papier und nun begann die Correspondenz mit Rom ... Das war ein Verkehr wie zwischen zwei Cabinetten ... Grizzifalcone ging vorsichtig zu Werke ... Die Actenstucke seines Verrathes mehrten sich ... Der Pilger musste Namen und Orte, alle Waaren, die seit Jahren nicht versteuert gewesen zu sein sich die Schmuggler entsannen, alle Hehler, auch die Schlupfwinkel niederschreiben, wo die Waaren geborgen wurden, Fischerhutten bei San-Benedetto, Leuchtthurme am Fosso Bagnolo, Felsenschluchten bei Grottamare, Zollwachterhauser beim Hafen von Monte d'Ardizza nichts blieb ungenannt ... Der ungluckliche Pilger hatte Bogen vollgeschrieben mit Gestandnissen, die dem Fursten Rucca Gelegenheit zu einem Strafgericht geben sollten ... War nun dies Convolut mit Pasqualetto mitgekommen? ... Wo befand es sich? ... Es fehlte ...

Hier fragte Lucinde, warum sich der Furst diese Papiere nicht schon fruher hatte zuschicken lassen ...

Er erwiderte, er mistrauete der Post ...

Wer kann sich auf Eure Post verlassen! sagte er bitter und zornig ...

Der Furst, entgegnete Ceccone sich bekampfend, wollte nur noch mehr vom Pasqualetto erfahren, als was dieser wagen wurde niederschreiben zu lassen ...

Lucinde sah, dass es den alten Fursten machtig gereizt hatte, gerade die Wurdentrager der Kirche, die festesten Saulen der Pralatur, einer Aristokratie, die noch immer in ihm den Nachkommen eines Backers sah, wenn nicht zu compromittiren, doch necken und in Schach halten zu konnen ... Er glaubte nicht, dass der Rauber schriftlich diese und ahnliche Namen angeben wurde ... Deshalb wunschte er das personliche Erscheinen ...

Vincente's Stimme erhohte sich jetzt seltsam ... War es deshalb, weil sich die Zahl der Unglucklichen, die in den Handen der Rauber lebten, mehrte und es dem Frevel galt, dass sogar das gesalbte Haupt eines Bischofs in diese blutigen Dinge verwickelt wurde? ...

Lucinde horte, dass Grizzifalcone endlich hatte kommen wollen ... Doch liess er vorher noch den Bischof von Macerata verschwinden ... Vom Besuch eines Weinbergs, zwischen den Bergen dahinreitend, war der hohe Pralat nicht wieder nach Hause gekommen. Pasqualetto hatte sich seiner als einer Geisel versichert ... Im "Diario di Roma" wurde die Schuld dieses Ueberfalls allerdings nur dem Pasqualetto zugeschrieben; aber wie sehr man versicherte, dass die bewaffnete Macht ausgezogen sei, den gefangenen Pralaten zu befreien, man konnte seiner nicht habhaft werden und wollte es auch nicht das sagte sich Lucinde ... In der officiellen Zeitung stand nichts von diesem geheimen Zusammenhang eines so betrubenden Vorfalls mit einem grossen Staatsact der dreifachen Krone ...

Nun endlich erscheint Pasqualetto. Vielleicht, um sich noch sicherer zu stellen, raubt er vom Hochzeitsfest des Fursten Rucca noch einen der Gaste ... Da unterliegt er selbst! Alle Hoffnungen sind dahin! Die Verhandlungen eines Jahres vereitelt! ...

Der Stand der ganzen Frage beruhte jetzt auf dem Leben und der Freiheit zweier Gefangenen, von denen der eine ein hoher kirchlicher Wurdentrager war, der andre die Kenntniss der Liste hatte ...

Ware nur diese Liste gerettet! seufzte der Furst .... Die Gerichtspersonen hatten ausgesagt, dass sich, als man die Kleider des Erschossenen untersuchte, in den Taschen Amulete, Muttergottesbilder, geweihte Schaumunzen genug vorfanden, auch sammtliche Briefe eines Kochs des Fursten, der die Correspondenz gefuhrt hatte; aber weder in den Taschen, noch in der Spelunke, wo Pasqualetto abgestiegen war, noch bei gefangenen Complicen fand sich die Liste, auf die die ganze Sehnsucht des Fursten brannte ... Nun bereuete er, den schriftlichen Verkehr durch die Post nicht vorgezogen zu haben. Nun bereuete er seine gestrige Angst, die ihn bestimmte, so eilends zu entfliehen ... Wie bitter deutete er dem Cardinal an, dass dieser die Liste wahrscheinlich gestern sogleich aus der Tasche des Ermordeten selbst zu sich gesteckt hatte ...

Es waren freilich nur Blicke und Flusterworte, die die in Demuth fern Stehenden nicht horten ... Lucinde verstand sie aber ...

Der Cardinal nannte in allem Ernst den Zischelnden jetzt einen Hanswursten und verlangte von ihm ja von Ihnen, Altezza! den Bischof von Macerata heraus ...

Pater Vincente hatte vom Schicksal des Bischofs mit bebendem Ton gesprochen ...

Pasqualetto ist todt! rief Ceccone. Wo finden wir das gesalbte Haupt eines der frommsten Priester der Christenheit wieder! ...

Und wo wo find' ich die von dem Pilger geschriebene Liste! fiel der ergrimmte Furst ein ...

Der Koller des Zorns ergriff den kleinen Mann zum Schlagtreffen. Wenn er den fremden Franciscanerbruder nicht um seine vorschnelle Art, hier in Rom auf Spitzbuben Pistolen abzuschiessen, personlich mishandelte, wenn er sich durch die Ankunft der Donna Lucinde hindern liess, die Worte, die er vorhin gesprochen, zu wiederholen: "Ihr hattet eine Zofe wie diese, und ware es auch Eure spanische Herzogin selbst gewesen, zehnmal sollen zum Teufel fahren lassen ! Wo in aller Welt ergreifen hier Monche die Waffen!" so war es, weil er wiederholt von Hubertus verlangte, dass dieser seine Uebereilung durch eine That voll Muth, Entschlossenheit und Discretion wieder gut machen sollte ... Hubertus stand erwartungsvoll und im hochsten Grade bereit dazu ... "Wie soll ich es?" fragte nur uber die naheren Einzelheiten statt seiner Lucinde ... Sie horte jetzt noch mehr von jenem Pilger ... Hubertus hatte erklart, diesen Pilger zu kennen ... Unfehlbar musse es derselbe gewesen sein, mit dem er uber die Apenninen geklettert und zuerst beim Besuch der "heiligen Orte" des Sanct-Franciscus auf der Penna della Vernia zusammengetroffen war ... Das Leben dieses Pilgers hing ohne Zweifel von einem Haar ab, falls er noch unter den Raubern geblieben war und unter den Zollbedienten die Kunde seiner Beihulfe zum Verrath sich verbreitete, die Kunde seines vielleicht abschriftlichen Besitzes der Liste ... Hubertus hatte schon so viel von diesem Pilger erzahlt, dass Lucinde begreifen konnte, warum auch Pater Vincente lebhaft fur ihn eingenommen schien und einmal uber das andere das Schicksal des armen Gefangenen beklagte ... Lucinde horte das Gepolter des Fursten ... Sie horte, was sie ubersetzen sollte ... Die Schilderung der unzuganglichen Schluchten am Meer, wo Pasqualetto zu hausen pflegte ... Die Schilderung der List und Verschlagenheit, mit der man allein sich diesen eigenthumlich organisirten Banden zu nahern vermochte ... Die Schilderung der Ehren und Auszeichnungen, die den Pilger hier in Rom erwarten sollten, wenn ihn Hubertus glucklich auffande und uber die Gebirge brachte ... Sie ubersetzte eine wiederholte Aufforderung des Fursten an Hubertus ... Reiset nach der Gegend von Porto d'Ascoli! Sucht, da Ihr muthig und unerschrocken seid, das Gefangniss des Bischofs von Macerata und des Pilgers von Loretto! Alle Briefe, die Pasqualetto seit Monaten schon mit mir wechselt, sind von diesem frommen Mann geschrieben, den die Rauber zu diesem Behuf gewiss in den unwegsamsten Hohlen verborgen halten ...

Ceccone erganzte:

Der Bischof von Macerata ist ein Greis ...

Der Bischof von Macerata ist ein Greis, sagen Seine Eminenz fuhr Lucinde fort ... Aber mit allen Fahigkeiten der Jugend ausgestattet, setzen Seine Hoheit, den Pilger meinend, hinzu ... Seine Briefe der Cardinal meinen die Klagen des armen Bischofs sind gewandt und in jeder Beziehung vollkommen, meinen Seine Hoheit Beide sprechen zu Euch: Kann eine fromme Seele dulden, dass die Mittel, die den Stellvertreter Christi auf Erden in seiner nothwendigen Wurde erhalten sollen, durch Schurken, ungetreue Haushalter, Judasse verkurzt werden? ... O hatt' ich das Verzeichniss, spricht der Furst, das dieser Mann unter den Flinten der Rauber schreiben musste! Oder konnte den Pilger, wenn Ihr ihn findet, Eure Entschlossenheit uberreden, Euch die vorzuglichsten Namen zu nennen, die auf diesem Papier zur Schande der Christenheit glanzten! Die Namen von Herzogen und Excellenzen behalt man doch wol ! ... Ich will ihm hier in Rom die glanzendste Wohnung einrichten, will ihn schadlos fur alles halten, was er erduldete! ... Suchtet Ihr den Pilger und den Bischof, sagen der Cardinal, so wurdet Ihr eine Krone mehr im Himmel gewinnen! Ich fahre sofort, sagen Seine Hoheit, nach Santa-Maria und werfe mich dem Pater Campistrano zu Fussen, um Eure Verzeihung, Eure Freiheit zu gewinnen, damit Ihr einen Zweck vollfuhrt, der Euch in jeder Beziehung den Dank der Christenheit erwerben wird! ...

Hubertus ubersah jetzt in voller Klarheit das an ihn gestellte schwierige, lebensgefahrliche Begehren ...

Aber seine Bereitwilligkeit, einer so ehrenvollen, wenn auch den Tod und nicht allein von Rauberhand drohenden Aufgabe sich zu unterziehen, gab sich mit der ihm eigenen Liebe zu Abenteuern um so mehr kund, als ihm die Ueberzeugung innewohnte von einer Identitat des Pilgers mit jenem Deutschen, den er trotz seiner Ketzerei auf der Reise nach Rom liebgewonnen ... Zuletzt konnte er hoffen, durch solche Dienste, die er dem Heiligen Vater leistete, auch fur seine Wunsche uber die Person Wenzel's von Terschka ins Reine zu kommen ... Hatte er bei seinem General die Freiheit gewonnen, so wollte er unerschrocken seine desfallsigen Wunsche vortragen, ehe er die Reise antrat ... Das Vertrauen, heil und gesund nach Rom zuruckzukehren, besass er vollauf ...

Jetzt erganzte mit verklarten Augen Pater Vincente seine Mittheilungen ... Alles, was Hubertus erzahlt und Lucinde ubersetzt hatte, traf auf die Erinnerungen zu, die Pater Vincente vom Bruder Federigo zu Castellungo hatte ... Auch Lucinde kannte ja diesen Deutschen, bei dem Porzia Biancchi sich die Fahigkeit erworben, sich als Mullerin Hedemann in Witoborn mit ihren deutschen Magden verstandlich zu machen ... Endlich sprach sogar zu ihrem hochsten Erstaunen der Cardinal:

Gelobt sei unsere gute Mutter Kirche! Diesem Pasqualetto verdanken wir, wie es scheint, mehr als einen grossen Gewinn! Nicht dass ich Hoffnung habe, Eure Hoheit in den Stand gesetzt sehen, Ihre Klagen uber die Diener der Gerechtigkeit und unsere Subalternen bestatigt zu erhalten ich wurde nur auf die Aussagen eines Raubers am Fuss des Schaffots, nicht auf die Lugen eines Bosewichts etwas geben, der sich mit lacherlichen Hoffnungen schmeichelte, ja noch als Burgermeister von Ascoli ein Leben der Achtung fuhren zu konnen wahnte ; aber darin hat er uns einen grossen Gewinn verschafft, dass er den edeln Sohnen des heiligen Dominicus Gelegenheit gibt, die Milde zu beweisen, die sie gegen Ketzer schon zu lange ausuben! ... Signora, Sie fragten mich vor kurzem nach den Streitigkeiten des Bischofs von Robillante? ... Horen Sie, was eintreffen muss! ... Wenn der apostolische Eifer des Herrn von Asselyn sein neues Vaterland beschuldigt, dass Unglaubige hier spurlos in den Kerkern der Inquisition verschwinden konnen so erleben wir die glanzendste Genugthuung! Frommer Bruder, rettet den Bischof von Macerata! Wagt Euch in die Klufte, wo diese Rauber hausen! Rettet aber auch diesen Pilger! Gebt den Beweis, dass dieser Fluchtling, den von uns die sardinische Regierung reclamirt, den die Gesandtschaften Englands, Schwedens, der Niederlande, Preussens in den Handen der Dominicaner vermuthen, in keinem heiligen Inquisitionsofficium, weder sonstwo, noch hier in Rom, festgehalten wird! Er ist gefangen! Ja! Aber von Raubern! Er muss, auf den Tod bedroht, diesen die Beforderung der offentlichen Wohlfahrt erleichtern, wodurch ihm Verzeihung werden konnte fur die viele Muhe und Sorge, die uns bereits die Nachfragen nach dem Verschollenen nicht blos von Castellungo und Robillante aus, sondern von Turin, London, Berlin und Wien gemacht haben! Fefelotti wird mir, so wenig er es sonst um mich verdient hat, dankbar sein, wenn ich ihm den Beweis an die Hand liefere, dass nichts mehr im Wege steht, sich mit seinem feuerkopfigen Nachbar zu versohnen! Guter Bruder! Ihr seid von einem Blut, das Euch zu leicht in Euern schonen Kopf steigt! Wandert getrost, wandert immerhin! Leiht dem Vorschlag eines Eurer drolligen Ohren! Lasst fur Euch in Santa-Maria Seine Hoheit jenen Fussfall thun! Euch wird es Segen bringen und einem so vornehmen Mann, wie ihm, nichts schaden! ...

Ceccone hatte sich lachelnd erhoben und schuttelte Hubertus, dessen Augen vom Feuer seines Unternehmungseifers blitzten, die Hand ... Dieser kusste die seinige voll Demuth ... Pater Vincente stand aufhorchend und feierlich ... Lucinde staunte des Zusammenhangs aller dieser seltsamen Unternehmungen ... Nur der alte Rucca zweifelte Ceccone schien ihm auf alle Falle eine doppelte, ihm wahrscheinlich nur feindliche Rolle zu spielen ...

In diesem Augenblick horte man in der Ferne das Lauten einer kleinen Handglocke ...

Das Glocklein der Benfratellen! sagte der Cardinal. Sie kommen mit der Tragbahre, den zweiten unsrer tapfern deutschen Lanzknechte des Heilands abzuholen! ... Frater Hubertus, gebt ihm vorlaufig das Geleite; grusst Euern Guardian in San-Pietro und dann ans Werk! Ihr seid, bei Sanct-Peter, der rechte Mann fur diese Aufgabe, die ich Niemand in Rom so gut wie Euch anzuvertrauen wusste ... Ihr aber, Pater Vincente, wandte sich Ceccone ehrerbietig zu diesem; die junge Furstin Rucca hatte gestern das dringendste Verlangen nach Euerm Segen ... Ich hoffe, Euer Kloster wird mit dem Thier nicht unzufrieden sein, das, statt Eines Sackes, Euch jetzt zwei zu tragen draussen empfangen soll! ... Die Zeiten mussen wiederkehren, wo unsere rothen Hute auf die Stirn von Priestern gedruckt werden, die dem Volk das Schauspiel der Demuth geben ... Lasst mir die Ehre, den rothen Zaum von einem meiner Rosse zu nehmen und den Esel zu schmucken, den Eure Hand durch die Strassen Roms fuhren wird! ...

Dies war keine jener sudlandischen Artigkeiten, nach denen der Spanier sein eigenes Haus demjenigen anbietet, der dessen Lage reizend findet; es versteht sich von selbst, dass das Anerbieten abgelehnt wird ... Bei Pater Vincente lag in der That eine Bezuglichkeit des Ernstes nahe. Er durfte voll Errothen und mit Nachdruck die angebotene Auszeichnung ablehnen ...

Grussen Sie die junge Furstin, sprach er leise zum Cardinal, und sagen Sie ihr, dass ich oft fur das Heil ihres neuen Bundes beten werde ...

Er faltete die Hande ... Das Glocklein der Benfratellen erklang duster und traurig ... Vincente's Auge erhob sich, wie von einem sanften Liebesstrahl entzundet ... Die beiden so weltlichgesinnten Manner mussten erleben, dass Pater Vincente sie zum Beten zwang ... Ecce, Domine, sprach er mit dem Psalmisten in einer eigenthumlich erhohten Stimmung, tu cognovisti omnia, novissima et antiqua! Quo ibo a Spiritu tuo? Et quo a facie tua fugiam? Si ascendero in coelum, tu illic es! Si descendero in infernum, ades! Vide, si via iniquitatis in me est et deduc me in viam aeternam! Amen! ...

Es war ein Gebet wie die Suhne fur die sundhafte Weltlichkeit aller dieser Verhandlungen ...

Vincente's Augen blieben gehoben wie mit der Bitte, ein Strafgericht des Himmels abzuwenden ... Der Geist Bartolomeo's von Saluzzo, der Geist des Philippo Neri schien uber ihn gekommen ... Sein schoner, weicher Mund betonte scharf die Worte: "Via iniquitatis!" ... Er richtete damit die Falschheit und Unreinheit dieser Welt und schuttelte fast den Staub von seinen Fussen, als er dann Hubertus' Hand ergriff und ihn fast fortfuhrte, als wurde ihm eine Seele abwendig gemacht, die ihm anvertraut war ...

Bei alledem blieb es entschieden, dass der Furst zum General der Franciscaner fuhr und diesen unternehmenden Monch sich auserbat, der den Grizzifalcone getodtet hatte und nichtsdestoweniger den Muth besass, noch den Bischof von Macerata und den Pilger von Loretto retten zu wollen ... In dem Muth, der zu einer solchen Unternehmung gehorte, lag allein schon die Burgschaft des Erfolgs ... Dem Italiener imponirt jede Kuhnheit ... Bald mussten uber den "Bruder Todtenkopf in der braunen Kutte" Sagen hinausgehen marchenhaft und wie ein entwaffnender Schrecken ...

Ceccone starrte mehr noch dem Pater Vincente ... Ist das Papst Sixtus V., der sich als Cardinal solange unbedeutend stellte, bis er als Papst die Maske abwarf? dachte er ... Nun sah er sogar den alten Heuchler, den Fursten Rucca, beim Abschied an der Villa den Strick des Paters ergreifen, diesen kussen, dann sogar niederknieen, Hubertus und Lucinden gleichfalls, alle um den Segen des begeisterten Sprechers zu empfangen ...

Diesen Segen ertheilte Pater Vincente mit dem verzuckten Liebesblick des Sanct-Franciscus ...

Die Jesuiten haben ihren Popanz fur den Stuhl der Apostel gefunden! sagte sich Ceccone ... Er blickte staunend den beiden Monchen nach, die sich jetzt empfahlen, begleitet von dem alten, gleich einem Aal sich bis in die Villa windenden Fursten Rucca ...

Das Glocklein der Benfratellen tonte draussen fort, und fort ...

Miracolo! rief Ceccone Lucinden zu und pries galant die Dienste, die sie geleistet ...

Lucinde stand gedankenverloren ... Sie sah nun die Gefahren, die den Bischof von Castellungo umgaben ...

Der Cardinal konnte jetzt sich nicht weiter aussprechen ... Die "Caudatarien", die ihn an eine Sitzung im Vatican und die Anwesenheit seines Secretars zu erinnern hatten, standen harrend in der Nahe ...

Ceccone plauderte, wie gleichgultig, von der heutigen Speisestunde im Palazzo Rucca und seufzte uber seine Sorgen ... Eine "Hochzeitsreise" hatte Olympia abgelehnt. Sie feierte ihren "Lendemain" nach italischer Sitte .... Vor hunderttausend Zeugen ... Heute Abend sollten zwei Musikchore die halbe Nacht hindurch am "Pasquino" spielen ... Grosse Feuerbecken beleuchteten dann den Platz ... Fasser, mit Reisholz gefullt, Pechkranze wurden abgebrannt ... Der Volksjubel sollte nicht enden ...

Der Furst war in der That schon nach Santa-Maria zum General der Franciscaner gefahren ...

Die Benfratellen befanden sich im Nebenbau, um den Pater Sebastus zu holen ...

Pater Vincente leitete das bequemere Heraustragen ...

Hubertus suchte noch einen Moment Lucinden beizukommen, der sich eben Bischof Camuzzi genahert hatte ...

Lucinde verbeugte sich ausweichend dem Priester, der sie gestern eine "Creolin" genannt, und versicherte Hubertus, soweit es in der Eile ging, dass er sich aus seiner Haft als entlassen betrachten durfte. Den Brief an Bonaventura gab sie darum nicht zuruck ... Eine Gelegenheit, sich dem Bischof in Erinnerung zu bringen, behielt sie fest ... Und konnte sie ihm doch auch jetzt Aufklarungen und Warnungen uber den Bruder Federigo schreiben ... Sie forderte Hubertus auf, sie erst noch im Palazzo Rucca zu besuchen, wenn er wirklich den Bischof von Macerata und den Pilger entdecken und befreien gehen wollte ... Ihr unternehmt das Kuhnste und doch thut ihr, als rieth ich in Witoborn gut, als ich damals sagte: Flieht in einen hohlen Baumstamm? fragte sie lachelnd ...

Hubertus, der unruhige Waldbruder, hatte die endlich errungene Freiheit des Wanderns und des Lebens wieder in freier Luft laut ausjubeln mogen ... Ohne die mindeste Furcht bejahte er und zeigte nur traurig auf den verdeckten Tragkorb, den eben die schwarzen Sohne des heiligen "Johannes von Gott" aus dem Hause brachten ...

Lucinde zuckte bedauerlich die Achseln und neigte sich auch diesen Monchen ...

Der Cardinal sprengte in seinem Wagen mit den weissen, purpurgeschirrten Rossen zur Porta Laterana hin ... Die "Caudatarien" fuhren in einem zweiten Wagen ... In einem dritten musste Monsignore Camuzzi, Bischof in partibus, der erste Secretar des Cardinals, folgen ...

Lucinde wartete, bis das Glocklein der Benfratellen verklungen war ... Hinter dem verdeckten Korbe, der ebenso eilends dahingetragen wurde, wie Klingsohr in letzter, Nacht die Leiche hatte tragen sehen, trottete der vorher erwahnte, von Ceccone's Majorduomo besorgte Esel mit den zwei machtig gefullten Sacken ... Pater Vincente schritt mit demuthig gesenktem Haupt und hielt den Esel an einem einfachen Zugel ... Hubertus hatte einen Jasminblutenzweig am Portal der Villa gebrochen und wehrte damit, gedankenvoll in sich selbst verloren, dem Thier die Fliegen ab ...

Nun setzte Lucinde sich in ihren Wagen und fuhr mit blitzschneller Eile an dem unheimlichen Tragkorb und dem Esel voruber ...

Unter dem weissen ausgespannten Leintuch des Korbes lag Klingsohr ! ...

Sie schauderte als sie im Voruberfahren wie auf ein Leichentuch blinzelte ...

Der Wagen fuhr am Coliseum voruber, durch den Bogen des Titus, die Basilika entlang ... Der Kutscher liess das Capitol links und lenkte zur Saule des Trajan ...

Lucinde lebte innenwarts ... Sie merkte nicht, dass sie schon an Piazza Sciarra, dicht in der Nahe des "Schatzes der guten Werke" war ... Hier hielt der Wagen ... Der Kutscher blickte sich fragend um, ob sie nicht zur Herzogin von Amarillas wollte, die hier wohnte ... Sie winkte: Weiter! Weiter! ... Sie musste zu Olympien ... Die hochste Zeit war es, diese nach ihrer Brautnacht zu begrussen ... Sie durfte nicht fehlen zur Chocolade, die heute das junge Paar allen Gasten, die ihre Aufwartung machten und die Neuverbundenen mit lachelnder Zweideutigkeit nach ihrem Befinden fragten, in goldenen und silbernen Tassen mit eigner Hand zu credenzen hatte.

Fussnoten

1 Thatsache.

5.

In dieser "Stadt der Wunder" bewohnte die Herzogin von Amarillas einen dem Cardinal gehorenden, ausserlich dunkeln und ganz unansehnlichen Palast in einer der den Corso durchschneidenden Strassen zwischen Piazza Sciarra und der Gegend um Fontana Trevi ...

Mit seiner verschwarzten Aussenseite stand aber das heitere und bequeme Innere in Widerspruch ...

War der Thorweg geoffnet, so sah man wol erst einen kleinen dustern Hof, umgeben von einem hier und da von Marmorkaryatiden geschmuckten viereckten Arcadengang von Travertingestein, sah in der Mitte ein kleines blumengeschmucktes Bassin, das ein wasserspritzender Triton aus Bronze durftig belebte, sah Remise und Stallung kaum von den Arcaden bedeckt; aber die hinteren Fenster des einen Flugels gingen in einen hier ungeahnten kleinen Hausgarten von Rosen, Myrten und Orangen hinaus. Sie hatten ein volles, schones Licht und gewahrten im gerauschvollsten Theil der Stadt ein friedlich beschauliches Daheim. Zudem war in der Einrichtung dieser hohen und geraumigen Zimmer nichts gespart. Es war eine Wohnung, die verlassen zu mussen Schmerz verursachen durfte ...

Und doch konnte die Herzogin dies Ende voraussehen ... Der Cardinal behauptete seit einiger Zeit, ihre Augen nicht mehr ertragen zu konnen. Was Olympia von ihm gesagt, das sagte er von der Herzogin ... Ihre Augen hatten fur ihn die Wirkung des "Malocchio" ... Der Italiener hat vor dem "bosen Blick" eine selbst von Aufgeklarten nicht uberwundene Furcht ...

Diese uble Wirkung ihrer Augen, von der sie horte, erlauterte die Herzogin nur aus Ceccone's Gewissen. Wol mussen meine Augen einen giftigen Eindruck auf ihn machen, sagte sie ihrem alten Diener Marco, der schon fruher im Ungluck bei ihr gewesen und nur des Alters wegen nicht damals mit nach Wien gefolgt war ... Meine Augen nennen ihn undankbar ...

Keineswegs wollte die Herzogin sagen, dass der "bose Blick" eine Fabel ist. Als echte Italienerin glaubte auch sie an Menschen, die "Jettatore" heissen. Diese konnen Krankheit und Tod "anblicken" ... Sie hatte ihre alte Freundin und Gesellschafterin Marietta Zurboni schon lange begraben, aber die Fabel- und Traumbucher derselben waren ihr und dem alten Marco geblieben ... Konnte sie doch zittern vor Angst, als eines Tages Olympia, die ebenso dachte wie sie, sagte: "Seh' ich im Leben diesen Signore d'Asselyno wieder und er verrath, dass ich Wahnwitzige ihm in zwei Tagen meine ganze Seele zum Geschenk gegeben, so lass' ich die Erde aus der Stelle ausschneiden, die sein Fuss beruhrte, und hange sie in den Schornstein! ..." Um Jesu willen! hatte die Herzogin erwidert, du wirst solche Sunden unterlassen! ... Sie wusste, dass ein solcher Zauber einen Abwesenden langsam zum Tod dahinsiechen lasst ...

Olympia war nach dem ersten Rausch der Flitterwochen und den vorauszusehenden Zankscenen mit ihren Schwiegeraltern ins Sabinergebirg gezogen ... Dort und im Albanergebirg besassen die Ruccas und Ceccone prachtige Villen ... Der welt- und menschenkluge Cardinal hatte zur Zahmung des wilden Charakters der jungen Furstin angerathen, sie zu beschaftigen ... Er hatte (schon von der ihm immer vertrauter werdenden Lucinde) einige anonyme Briefe an sie schreiben lassen, in denen von Unterschleifen in der Verwaltung dieser Guter die Rede war ... Das wurde dann ein Feld fur die erste unruhige Thatenlust der jungen Ehefrau ... Einige Wochen hindurch, vielleicht einige Monate konnte man Hoffnung hegen, dass sie sich auf diese Art in ihrer neuen Stellung als Furstin und Gattin gefallen wurde ... Bis dahin hatte sie ohne Zweifel mit den Aeltern vollstandig gebrochen, hatte das Personal in der Rucca'schen Verwaltung umgewandelt, hatte soviel Scenen des Zanks, soviel angedrohte Dolchstosse, auch Fussfalle und Handkusse erlebt, dass sie vollauf damit beschaftigt war ... Lucinde und der Cardinal stimmten ganz in dem Serlo'schen Wort uberein: "Die Seele des Menschen will gefuttert werden, wie der Magen" ...

Die Herzogin erzurnte den Cardinal immer mehr durch ihre Festigkeit, Lucinden als Mitbewohnerin ihrer Behausung abzulehnen ... Lucindens neuliches Wort von ihrem "Briefwechsel mit Benno" war beim Begegnen nicht wiederholt worden ... Der Schrecken uber den gleichzeitigen Ueberfall durch die Rauber konnte ein Misverstandniss veranlasst haben ... Das sagte sie sich zu ihrer Beruhigung ... Die "Abenteurerin", wie sie in der That Benno mehrmals genannt hatte, wurde auch auf Villa Torresani, einem Erbgut der alten Furstin Rucca, wo die junge Furstin wohnte, abgelehnt ... Lucinde wohnte mit der alten Furstin beim Wasserfall von Tivoli, in einer andern Rucca'schen Villa, Villa Tibur ... Niemand kam nun noch zur Herzogin, da der Cardinal nicht kam ... Seltener und seltener kam sie auch selbst aus ihrem Palast heraus, in dem es gespenstisch ode und einsam wurde ... Wie musste sie bereuen, ein Wesen von so gefahrlicher Schmiegsamkeit in die Kreise ihres bisherigen Einflusses gezogen zu haben! ... Lucinde wurde immer mehr die Seele in dem alten und dem jungen Rucca'schen Kreise ... Und wenn sie sich geirrt hatte! Wenn Lucinde wirklich von einem Briefwechsel zwischen ihr und Benno gesprochen! ... Dann fehlte nur noch das eine Wort: Benno von Asselyn ist ja dein Sohn! und ihre Niederlage war entschieden ... Olympia wurde, erfuhr sie das von Lucinden, gesagt haben: Nun versteh' ich alles! Du, du warst es, die den Angebeteten von mir entfernt gehalten hat ...

Dass den Cardinal, von dem sich die junge Furstin nicht minder wie von ihr zu befreien suchte, eine Leidenschaft fur die fremde Abenteurerin ergriffen hatte, wurde immer mehr ein offentliches Geheimniss ... Und bei alledem konnte niemand die Huldigung des Grafen Sarzana begreifen ... Hatte es sich um eine Scheinehe gehandelt, die die Schulden eines leichtsinnigen Cavaliers decken sollte, so wurde man in Rom, in der Stadt der Heiligung des Priestercolibats, dies Benehmen Don Agostino's begriffen haben; denn diese Arrangements kamen hier zu oft vor, um aufzufallen wenn auch die Contracte nicht in die Archive der Curie niedergelegt wurden ... Don Agostino war aber keiner der Leichtsinnigsten unter den "Achtzig" ... Da er Kenntnisse besass und sie zu vermehren liebte, galt er seinen Kameraden fur einen Pedanten ... Die Wartung seiner Uniform, seines Pferdes, noch mehr seiner kleinen Hauslichkeit war bis in die minutiosesten Dinge sauber und zierlich ... Seine Familie war verwildert, das wussten alle, die Umstande hatten die Creaturen geistlicher Wurdentrager aus ihr gemacht, deren Unregelmassigkeiten sie decken musste ... Graf Sarzana wurde die Hand keiner Dame auch nur zweiten oder dritten Ranges in Rom haben ansprechen konnen ... Aber eine Geliebte des Cardinals zu nehmen zwang ihn nichts ... Noch weniger begriff man seine Leidenschaft, wenn sie eine aufrichtige war. Lucinde konnte die Capricen des ermudeten Alters reizen, sie konnte die Vorstellung einer Vernunftehe durch eine darum noch nicht ausgeschlossene Moglichkeit jugendlicher Reminiscenzen mildern; was war sie aber einem jungen, noch in Lebensfrische befindlichen Krieger? ... Sie besass freilich Geist, Belesenheit, Koketterie ... Fesselte ihn das? ... Seine Kameraden pflegten ihn mit seinem Einsiedlerleben, das der Lecture gewidmet war, zu necken und sein warmster Freund sogar, der Herzog von Pumpeo, hatte ihm den Beinamen des "Kusters vom Regiment" gegeben ...

Bei alledem liess es sich immer mehr dazu an, dass die Herzogin den Palast wurde zu verlassen und dem jungen Ehepaar Sarzana einzuraumen haben ...

Ihrem Julio Casare schrieb die Mutter von allen diesen ihren Leiden und Befurchtungen nichts nichts von den Gefahren, die ihr durch Lucinden drohten ... Einestheils wollte sie Benno's bei solcher Mittheilung leicht vorauszusehende Absicht ihr zu helfen nicht fruher hervorrufen, als nothig war; anderntheils vermochte es ihr Stolz nicht, Befurchtungen auszusprechen, die sie mit dem grossten Zorn erfullten, so oft sie nur an sie dachte ... Benno hatte ihr die Versicherung gegeben, dass der einzige Vertraute ihres Briefwechsels nur Bonaventura war ...

Die Herzogin lag eines Morgens noch in ihren Hauskleidern auf einer Ottomane und blatterte in den franzosischen Zeitungen, die in Rom verboten sind, vom Cardinal aber gehalten und nach alter Gewohnheit, wenn sie benutzt waren, noch an sie abgeliefert wurden ...

Sie las um so lieber in ihnen, als die einheimischen Blatter fast von nichts als von Festen und grossen Ceremonieen berichteten, zu denen sie nicht mehr geladen wurde ... Auch bei einem grossen Ereigniss, das vier Wochen nach Olympiens Hochzeit statthatte, bei der wirklich erfolgten Einkleidung des Paters Vincente zum Cardinal hatte sie gefehlt ... Sie hatte gefehlt bei einem Fest, das wiederum Rom in Bewegung setzte ... Bei einem Fest, wo Olympia und Lucinde die ublichen Honneurs des ersten Cardinalempfanges machten ... Bei einem Feste, das eine Woche dauerte und alle Zeitungen erfullte ... Der neue Cardinal Vincente Ambrosi fand sich voll Demuth, aber ganz gewandt in seine neue Wurde ...

Unmuthig warf die Herzogin die einheimischen Blatter fort; wieder auch war im Gebirg eine grosse Kirchenfestlichkeit gewesen, bei der die junge Furstin Rucca als erster Stern am Himmel der Gnade und Wohlthatigkeit geglanzt haben sollte ...

Schon ergriff sie die Feder und wollte dem Cardinal schreiben, sie bedurfte Unterhaltung ... Sie bate, wollte sie sich in ihrer Bitterkeit ausdrucken, um einige Einlasskarten fur den Tag, wo die Rauber guillotinirt werden wurden, deren man als Complicen Grizzifalcone's allmahlich viele aufgegriffen hatte Die Mission des Bruders Hubertus war ihr durch die vorlaufig erfolgte Befreiung des Bischofs von Macerata bekannt geworden ... Sie wollte ihrem Schreiben hinzufugen, der Cardinal vergasse seine Weine, die in ihrem Keller lagerten; es waren unversteuerte ... Sie grubelte Ceccone's Intriguen nach ... Benno's letzter Brief lag vor ihr, in dem dieser auf Anlass des von Lucinden an Bonaventura eingesandten Briefs der beiden deutschen Fluchtlinge und eines inhaltreichen Couverts, das sie hinzugefugt, geschrieben: "O fande sich doch dieser Wanderer nach Loretto! Ware es der, den mein Freund seit fast dreiviertel Jahren sucht! Er wird es nicht sein ... Die Dominicaner haben ihre anderen Gefangenen herausgeben mussen diesen schickten sie nach Rom, wo ihre Gefangnisse unzuganglicher sind, als hier ... Ceccone verweigerte bisjetzt die Genehmigung, die Kerker des heiligen Officiums untersuchen und den Dominicanern einen Beweis von Mistrauen geben zu lassen ... Fra Federigo schmachtet in ihren Handen wie Galilai, Bruno, Pignata und so viele andere Opfer der Unduldsamkeit!" ... Dass schreckenvolle Dinge in Rom moglich waren, wusste die Herzogin ... Sie wusste, dass Ceccone mit dem Meisten, was er that, eine andere Absicht verband, als die man voraussetzte ... Zwischen dem alten Rucca und dem Cardinal war es zu einer andauernden Spannung gekommen, seitdem Hubertus zwar durch eine List den Bischof ans Tageslicht gebracht hatte, aber von einer Entdeckung des Pilgers nichts horen und sehen liess, ja seit einiger Zeit von sich selbst nichts mehr ... Schon war das Gerucht verbreitet, dass die Carabinieri der Grenzwache vorgezogen hatten, statt den romischen Abgesandten in seinen Bemuhungen zu unterstutzen, ihn todt zu schlagen ...

Sie sah uberall Gewalt und Intrigue ... Sie kannte Ceccone's Ansichten uber die Zeit und die Menschen ... Menschenleben kummerte ihn wenig, wo durchgreifende Zwecke auf dem Spiele standen ... Durch einen der Verwandten Sarzana's, eine der von ihm beforderten Creaturen, hatte Ceccone alle Hafen auch der Nordkuste in seiner Obhut ... Wer konnte wissen, was aus dem Rucca'schen Sendboten geworden war ... Jenseits der Apenninen, am Fuss des Monte Sasso, an der Grenze der Abruzzen war jede Controle abgeschnitten ... Dorthin hatten sich in der That die letzten Wege des kuhnen deutschen Monches spurlos verloren ...

Die Zeitungen waren "mit ihren Lugen", wie die Herzogin vor sich hin sprach, durchflogen ... Es war gegen Mittag ... Sie konnte an den Besuch einer Messe denken ...

Da bemerkte sie, dass im Hause laut gesprochen wurde ...

Sie wollte klingeln ... Marco war beim Pantheon auf den Gemuse- und Fleischmarkt, um ein Mittagsessen einzukaufen; die Dienerinnen waren an der Arbeit ...

Schon horte sie Schritte ... Schon unterschied sie die Stimme Olympiens ... Dann war wieder alles still ...

Die Herzogin glaubte sich getauscht zu haben ... Schon ofter war ihr geschehen, dass ihre aufgeregte Phantasie Menschen nicht nur horte, sondern deutlich vor sich sah, Menschen, die mit ihr sprachen ... Sie brauchte nur ihren geheimen Schrank aufzuschliessen, brauchte nur Angiolinens blutiges Haar aus einem grossen Pastell-Medaillon des Herzogs von Amarillas zu nehmen, dies Haar nur eine Weile vor sich hinzulegen und sie sah Angiolinen sich langsam an ihren Tisch begeben und horte sie laut mit ihr sprechen. Benno trat in dieser Art jeden Abend in ihr Zimmer ... Sie hatte nach ihm die Sehnsucht einer Braut eine Sehnsucht voll Eifersucht ... Aber kein Madonnenbild mehr konnte sie sehen in dieser madonnenreichen Stadt, ohne voll Zartlichkeit an Armgart von Hulleshoven zu denken, die ihr Lucinde als ihres Cesare Ideal bezeichnet hatte ...

Die Stimmen kamen wieder naher ... Diesmal rief wirklich Olympia:

Da nicht! Nein, nein! ... Dort geht der Kamin entlang! ... Die Hitze ist fur ein Bett unertraglich ...

Was will die Morderin meiner Tochter? fuhr die Herzogin auf ... Weiss sie wirklich noch, wo ich wohne? ... Will sie wol wieder zu mir ziehen oder was soll das Bett von dem sie spricht? ...

Man ruckte nebenan die Mobel ... An einer andern Stelle des Hauses horte man ein so starkes Hammern, als sollten Mauern eingeschlagen werden ...

Indem offnete sich die Thur und aus dem Empfangssalon trat die kleine Furstin, in glanzend outrirter Toilette; Lucinde, nicht minder gewahlt gekleidet; die Schwiegermutter, eine noch immer anziehende, jedenfalls gefallsuchtige Frau; Herzog Pumpeo, der fur ihren Liebhaber galt; hinter ihnen zwei junge elegante, wohlfrisirte Pralaten; zuletzt auch Graf Sarzana ...

Alle schienen uberrascht zu sein, die Herzogin zu finden ... Sie wollten sogleich, Olympia ausgenommen, wieder zuruck ... Sie hatten die Herzogin nicht anwesend vermuthet oder thaten wenigstens so ... Olympia hielt sie jedoch fest, schritt weiter, achtete nicht im mindesten auf die am Tisch beim Sopha erstaunt Verharrende, sondern rief, das Zimmer durchschreitend:

Hierher wurd' ich rathen, von jetzt an das Esszimmer zu verlegen ... Oeffnen wir diesen Balcon, so hat man das beste, was dieser alberne Garten bieten kann, etwas Kuhle ... Chrysostomo! Wir nehmen hier ein Fruhstuck! Setzen Sie sich, Lucinde! ... Graf, Sie werden hungrig sein! Kommen Sie doch! Wir sind ja, denk' ich, bei uns! ...

Mit Widerstreben und in offenbar ungekunstelter Verlegenheit war Graf Sarzana gefolgt, hatte sich stumm der Herzogin, die hier nicht mehr wohnhaft geglaubt wurde, verbeugt und trat in das Balconzimmer zu den ubrigen, die unterdruckt kicherten Lucinde ausgenommen, die von einem der Pralaten gefuhrt wurde und scheu zur Erde blickte ...

Die junge Furstin, die kaum bis zum Thurdrucker, einem schonen bronzenen Greifen-Flugel, reichte, warf zornig die Thur zu ...

Im ersten Augenblick hatte die Herzogin ihr nachspringen und sie zerreissen konnen ... Viper, Schlange, Basilisk! zitterte es auf ihren Lippen ... Die Worte erstickten ... Sie hatte in diesem Augenblick keine andere Waffe, als ein lautes, gellendes Lachen ... Hahahaha! schallte es nebenan zur Antwort ... Olympia erwiderte in gleichem Tone ...

Dabei klirrten Glaser, Messer, Gabeln ... Olympia hatte hieher ein Fruhstuck beordert ... Der Mohr Chrysostomo wollte ihr durch eine andre Thur folgen ... Schon trug er ein Plateau voll Glaser und silberner Gefasse ... Die Herzogin ergriff wenigstens diesen und warf ihn zur Thur hinaus ... Dann schloss sie sammtliche Thuren so hastig, als furchtete sie, ermordet zu werden ...

Nebenan lachte und sprach Olympia mit gellender Stimme fast immer allein ... Sie that wie jemand, der hier noch zu Hause war ... Demnach wurde die Herzogin, da sie nicht von selbst ging, zum Hause hinausgeworfen ... Hatte Olympia vielleicht erfahren, wer Benno war? ... Verdankte die Herzogin diese Demuthigung Lucinden? ... War diese wirklich in ihr Leben eingedrungen oder woher dieser plotzliche Angriff, diese Scene ohne jede Vorbereitung? ...

Die Herzogin besann sich, dass Olympia dergleichen Stucke auch ohne alle Veranlassung auszufuhren liebte ... Es konnte ein momentaner Einfall sein ... Sie hatte sich wahrscheinlich fur einige Tage mit ihrer Schwiegermutter ausgesohnt, hatte von dieser vielleicht eine Anerkennung fur einen neuen pariser Kleiderstoff gefunden; daher ein gemeinschaftlicher "Carnevalsspass" auf Kosten einer Person, "die der Lacherlichkeit zu verfallen" anfing ...

Die Herzogin weinte ... Sie dachte an die Jahre, die sie an dies Wesen dahingegeben, an die sorgenvollen Stunden, wenn Olympia krank gewesen ... Sie hatte, da sie deren Natur entschuldigen und Ceccone dafur verantwortlich machen musste, diesem an den Hals fahren und ihn erwurgen konnen ... Sogar Lucindens Hass auf sie liess sie gelten; denn sie hatte abgelehnt, der Deckmantel eines Verhaltnisses zum Cardinal zu sein ... Aber auch Lucinde wieder versohnt mit Olympia? ... Olympia hatte damals diese Erklarung der Herzogin gebilligt. Die Herzogin hatte geglaubt, von Olympiens Eifersucht auf Lucinden Vortheil ziehen zu konnen ... Nun sah sie das Leben dieser Menschen des Mussiggangs und des Glucks, diese Zerwurfnisse, diese Versohnungen um nichts ... Um irgend ein auf der Villa Torresani gesprochenes Schmeichelwort Lucindens war Olympia im Stande zu sagen: Was ist das nur mit der Herzogin? Ihr Palast soll jetzt bald nur Ihnen und Sarzana gehoren! Machen wir doch kurzen Process! ... Oder etwas dem Aehnliches war vorgefallen ... Manner waren zugegen, Priester ... Graf Sarzana sogar, der sie zwar immer kalt, aber doch hoflich behandelt hatte ...

Sich aus diesem Zimmer entfernen konnte die Herzogin nicht, da das ganze Haus sich belebt hatte ... Von den Kochen der jungen Furstin war ein Fruhstuck uberbracht worden ... Ein Tross von Dienerschaft schien aufgeboten ... Dabei arbeitete man im Nebenzimmer zur Linken, klopfte, hammerte Es waren Schreiner und Tapezierer ... Die Gardinen wurden abgenommen, die Tapeten abgerissen ... Das Ganze war eine Unterhaltung des Uebermuths ... Wer konnte so schnell hier einziehen wollen? ... Die Declaration des Grafen Sarzana war doch wol noch in einiger Entfernung ...

Vernichtet sank die mit Gewalt Verjagte auf ihr Kanapee ... Ihre Brust hob sich in horbaren Athemzugen ... Sollte sie rufen: Megare, lade noch deine Mutter zu deinem Gelage, die tolle Nonne druben aus den Grabern der "Lebendigbegrabenen"! ... Was half das alles! ... Sie hatte nicht einmal den Muth, dem alten Marco zu erwidern, der ihr am Schlusselloch wisperte ... Sarzana, Sarzana! sprach sie wiederholt vor sich hin ... Auch Er lasst die Mishandlung einer Frau zu und isst und trinkt und stosst mit dem Teufel in Menschengestalt an! ... Sie malte sich das alles wenigstens so aus ...

Mit doppelt starker Stimme, damit die Herzogin nebenan nichts davon verlor, rief beim Mahle Olympia und fast immer allein sprechend:

Wie viel Losegeld wurde wol damals Don Pasquale fur Sie gefordert haben, Signora Lucinda? ...

Wie sagen Sie, Graf? ...

Zum Gelde wurde es gar nicht gekommen sein? ...

Sie hatten sie mit Ihrem Sabel herausgehauen? ...

Haha! Ich weiss noch ein anderes Mittel, falls die Herzogin mit gefangen gewesen ware; ein Mittel, wodurch sie alles in die Flucht geschlagen hatte! ... Durch eine ihrer alten Arien ...

Schallendes Gelachter ...

Gewiss hatte sie auf meiner Hochzeit die Hoffnung, zum Singen aufgefordert zu werden ... Daruber vergass sie den Auftrag meines Mannes, mir die Anwesenheit des Cardinals Ambrosi anzuzeigen ...

Jetzt blieb alles still ...

Das war der Grund dieses plotzlichen grausamen Einfalls? ... Nimmermehr! sagte sich die Herzogin ... Oder doch ? ... Die Erhebung des Paters Vincente war auffallend genug ... Man schrieb sie der Absicht zu, dem neuen Grossponitentiar, Fefelotti, zuvorzukommen, der diesen Monch zur nachsten Cardinalswahl empfohlen hatte ... Ceccone hatte sich rasch des neuen Cardinals selbst bemachtigt ... Olympia hatte die Honneurs seiner Ernennung im dazu hergeliehenen Palazzo Rucca gemacht; alle Welt war verliebt in den schonen jungen Cardinal Ambrosi, der wie ein Ganymed, ein David im Purpur aussah; gar nicht unmoglich, dass Olympia ihre erste Untreue als Frau zu einer geistigen machte und wieder in leidenschaftlicher Andacht fur einen Priester schwarmte, den sie schon einmal so unglucklich gemacht hatte ...

In der That die Herzogin konnte horen:

Zieht sonst niemand hier ein, den der Onkel lieb hat, so ist das kleine Haus ganz geeignet, von einem so bescheidenen Priester bewohnt zu werden ... Ich mache dem Cardinal Ambrosi seine ganze Einrichtung ...

Cardinal Ambrosi soll hier wohnen! ... Benno's Nachfolger in deinem oberflachlichen Herzen! ...

In der That wurde das Gesprach rucksichtsvoller gefuhrt ... Die Herzogin verstand nichts mehr ...

Herzog Pumpeo machte den Wirth und schenkte ein ...

Trinken Sie, Graf Sarzana! rief er ... Oder haben Sie noch immer Ihre geringe Meinung uber den Champagner, den Sie damals auf unserer Landpartie nach Subiaco vor drei Jahren das "Bier der Franzosen" nannten? ...

Graf Sarzana, Sie sind uberhaupt inconsequent! fiel Olympia ein ... Wie konnten Sie je die Deutschen und die Franzosen so hassen! Jetzt lieben Sie ein deutsches

Halt, Principessa! unterbrach einer der Pralaten ... Wir lieben in diesem Augenblick nichts als die Heiligen ... Die Signorina hier kennt alle Gebrauche der Beatification vom Tu es Petrus an bis zur Rede des Advocatus Diaboli ...

Wenn nachstens die Seele der Eusebia Recanati heilig gesprochen wird, fiel der andere der Pralaten ein, wer wird da wol die Rolle des Advocaten der Holle ubernehmen? ...

Schweigen Sie! Keine Lasterungen, Monsignore! unterbrach Olympia mit energischem Ruf ...

Die Herzogin lachte bitter auf und sprach fur sich:

Furchtest du diese "heilige" Eusebia, weil sie dich an deine Mutter erinnert? ... Oder angstigen dich die Anspruche, die der Teufel selbst an die Heiligen macht wie vielmehr an deinesgleichen! ...

Graf Sarzana's Stimme, ein voller wohlklingender Baryton, wurde mit den Worten vernehmbar:

Cardinal Ambrosi lebt noch vierzig Jahre ... Also erst in 140 Jahren ist es moglich, auf seine Kanonisation anzutragen ... Auch bei ihm wird jemand den Auftrag bekommen, geltend zu machen, welche Rechte auf ihn der Teufel hat ... Abbate Predari! ... Gesetzt, Sie bekamen diese Aufgabe! Wie wurden Sie Ihr Thema anfassen? ... Halten Sie eine Rede gegen den Cardinal zum Besten der Holle! ... Vergessen Sie dabei nicht diesen schonen Palast! ...

Und die nichtswurdige Art, wie er eingeweiht wurde! erganzte die Herzogin ...

Und die zerbrochenen Beine, als die Tribune einsturzte, auf der die Menschen bei seiner ersten Messe im Sanct-Peter standen! ... bemerkte die alte Furstin ...

Die schlechten Platze, die gewohnlich der romische Adel bekommt! erganzte der zweite der Pralaten, ein jungerer Chigi ...

Lassen Sie mich! rief sich rauspernd Abbate Predari ... Die Rede halte ich! ... Ich kann von Ambrosi's erster Jugend anfangen, von seinen ersten Ketzereien bei den Waldensern ... Ich war sein Schulkamerad in Robillante ...

Dann wird nur zu sehr die Stimme des Neides aus Ihnen sprechen! unterbrach ihn Olympia, die befurchten musste, in dieser Rede selbst eine Rolle zu spielen ... Genug! Genug! unterbrach sie aufs neue die Ermunterungen zu einer Rede, die durchaus Abbate Predari halten wollte ... Gewiss wurde er sie nicht so gewandt haben, als Advocat des Teufels zu sagen: Siehe, ich sandte dir einst eine meiner Botinnen in den Beichtstuhl! ... Olympia wollte aber nichts von allen diesen "Blasphemieen" horen und erklarte, jetzt denjenigen strafen zu wollen, der dies Thema aufgebracht hatte, den Grafen Sarzana ...

Wissen Sie, Lucinde, wandte sie sich zu dieser, dass ich fruher eine Neigung fur den Grafen hatte? ... Ich will es Ihnen nur gestehen! ... In meiner kurzen Geschichte mit Don Pallante, die Sie kennen, machte dieser Herr da den Vermittler und die Vermittler wissen oft die Thranen so gut zu trocknen, dass sie selbst an die Stelle der Ungetreuen treten ... Ich liebte Don Agostino, den Boten Pallante's aber beruhigen Sie sich! nur drei Tage lang ... O mir war er zu gelehrt, zu pedantisch, zu spottisch, zu eingebildet er las zu viel ... Viel lesen, das beweist, dass man wenig eigenen Geist hat ... Graf! Ich rathe Ihnen, sich bei der Entzifferung der Obelisken und Pyramiden anstellen zu lassen ... Wenn Sie nicht im nachsten Carneval tanzen, geb' ich Sie zu unsern gelehrten Eminenzen oben am Braccio nuovo im Vatican in die Lehre, zu Angelo Mai und Giuseppe Mezzofanti! ...

Die Manner lachten dieser Spottereien ... Die Schwiegermutter rief sogar: Auf das Wohl des Kusters vom Regimente! ... Ihr Herzog Pumpeo hatte diesen Witz gemacht ... Pumpeo bat um Frieden und brachte das Wohl aller schonen Spotterinnen aus, denen sein Freund bereits vergeben hatte ...

Die Empfindungen der vollig ignorirten Herzogin, die zuletzt nur noch das Klappern der Schusseln und Klingen der Glaser und ein Durcheinander von Witzen und Anekdoten, in denen Pumpeo und die beiden Pralaten excellirten, horte, losten sich wieder in Thranen auf ... Nur die Stille des prasumtiven Sarzana'schen Ehepaars versohnte sie ...

Als das Fruhstuck beendet, die Gesellschaft entfernt, die Dienerschaft mit den Resten der Mahlzeit gefolgt war, nahm die Herzogin die Unschuldsbetheuerungen der ihr noch gebliebenen Dienerschaft entgegen, vor allen die Versicherungen des fast weinend eintretenden alten Marco, und suchte noch am selbigen Tage eine andere Wohnung. Sie wollte zu einem Miethbureau und dann in der Runde zur Besichtigung von Wohnungen fahren ...

Als sie den Wagen bestellt hatte, erfuhr sie, dass auch Wagen und Pferde auf Befehl der jungen Furstin Rucca fortgefuhrt waren ...

Auf diese Nachricht sank sie in Ohnmacht ... Der "Intendente" des Hauses, der bisher alles fur sie bezahlt hatte, zuckte die Achseln; es war ein von Ceccone eingesetzter Koch ... Er gestand, dass er schon lange vom Cardinal nur mit Widerstreben die Zahlungen fur die Bedurfnisse des Hauses erhalten hatte, packte dann seine Sachen und zog nach Villa Torresani ins Gebirge, wo es hoch und herrlich herging ... Die Erklarung hinterliess er, dass sich hier wahrscheinlich das ganze Hauswesen zur Bedienung des Cardinals Ambrosi neugestalten wurde ...

Marco machte Vorschlage von Wohnungen, die der Bedachtsame schon lange fur diesen voraussichtlichen Fall in Augenschein genommen ... Noch an demselben Abend und bis in die Mitternacht zog die Herzogin um ... Sie nahm ein Stockwerk von mehreren gesund gelegenen und schon moblirten Zimmern auf der Hohe des Monte Pincio ... Die dortigen luftreinern Strassen konnte sie als Vorwand der Veranderung nehmen ... Um sich nicht als zu tief gefallen darzustellen, setzte sie alle ihre Ersparnisse daran ...

Zu alledem lauteten nun die Glocken der dreihundertfunfundsechzig Kirchen Roms brausten die Orgeln schmetterte die Janitscharenmusik der Hochamter wandelten unter Pfauenfederwedeln und Baldachinen die wohlgenahrten Pairs der Kirche rannten die Englander nach den Katakomben und convertirten schwarmten die Deutschen von den Bildern des Fiesole knieten die Franzosen in Trinita di Monti druben und kussten die Hande einer GrafinAebtissin der hier eingepfarrten "Soeurs grises" aus den ersten Geschlechtern Frankreichs ... Rom spielt seine aussere heilige Rolle mit Glanz ... Wer kennt das Innere ...! ...

An Benno schrieb die vernichtete Frau auch noch jetzt nicht alles, was ihr begegnet war ... Sie erschien sich zu tief gedemuthigt ... Zu lange Jahre hatte sie auch die den Umgang verscheuchende und die Menschen vereinsamende Wirkung des Unglucks kennen gelernt ... Dann beredete sie sich, sie wollte lieber erst die Antwort auf einen Brief an Ceccone abwarten, in dem sie von ihren Empfindungen nichts zuruckgehalten hatte ... Schliesslich hatte Benno selbst seit Wochen nicht geschrieben ... Sie fing fur die Sicherheit ihres Briefwechsels immer mehr zu furchten an ...

Am vierten oder funften Tage weckte sie aus einem Zustand der Erstarrung, den das fortgesetzte Nichteintreffen eines Lebenszeichens von Benno mehrte, der erste Besuch, den sie in ihrer neuen Wohnung empfing ...

Eine glanzende Equipage stand am Hause ... Sie kam aus Villa Tibur und brachte Lucinden ...

Mit kalter Ruhe und Sammlung fuhrte sich diese bei ihr mit den Worten ein, der Cardinal hatte sie beauftragt, der Herzogin einen Jahrgehalt anzubieten, den er ihr mit Dank fur die geleisteten Dienste ausgesetzt hatte ... Er bedauerte, fugte sie hinzu, den Einfall der jungen Furstin, an dem er schuldlos ware wie wir alle sagte sie ... Olympia schwarme fur den Cardinal Ambrosi und wollte wol auch alle diejenigen strafen, die dem Bischof von Robillante den Ruf des ersten Priesters der Christenheit gegeben hatten setzte sie lachelnd hinzu ... Cardinal Ceccone, schloss sie, wurde selbst gekommen sein ...

Wenn er nicht meine bosen Augen furchtete! unterbrach die Herzogin und in der That konnte ihr Blick den Tod androhen ... Der ausgesetzte Jahrgehalt reichte kaum fur die Wohnung und die fur Italiens Sitten so nothwendige Equipage aus ...

Lucinde zuckte die Achseln ...

Zu allzu vielen Erorterungen schien sie nicht aufgelegt ... Sie hatte Eile, kame uberhaupt selten in die Stadt ihr ganzes Wesen war voll Unruhe, gemachter Vornehmheit, Uebermuth ...

Unter andern war sie eben bei Klingsohr gewesen ...

Sie kam von Santa-Maria, dem Mutterkloster der Franciscaner ...

Dort hatte sie den glucklich geheilten und zu Gunst und Gnaden angenommenen Pater Sebastus am Sprachgitter gesprochen ...

Sie hatte ernste Dinge mit dem vor Schwache noch an den Handen Zitternden, aber in ihrem Anblick Ueberglucklichen verhandelt ...

Nach dem, was sie schon von Hubertus, als dieser von ihr Abschied genommen, uber die zweite Gemahlin des Kronsyndikus in Palazzo Rucca erfahren, liessen die jetzt endlich moglichen Mittheilungen Klingsohr's keinen Zweifel, dass diese zweite Gemahlin allerdings eine ehemalige kasseler Sangerin Fulvia Maldachini, dann also die Herzogin von Amarillas gewesen sein musste ... In dem lateinischen Bekenntniss Leo Perl's hatten die Namen gefehlt und auch noch jetzt bei Verstandigung mit Klingsohr hutete sie sich, die Fingerzeige allzu grell zu geben ... Sie musste dann auch den kaum Genesenen schonen ... Gab ihm das Wiedersehen einen erhohten Ausdruck der Spannung und Kraft, so forderte sein todblasses Aussehen, seine gekrummte Haltung, die der eines Greises glich, zur Schonung auf ... Von Benno sprach sie zu Klingsohr nicht, da auch Hubertus nichts von Kindern dieser zweiten Ehe gewusst hatte ... Noch war sie schreckhaft erregt von Klingsohr's Hosiannah des Dankes fur ihren Beistand, vom Triumphgesang seiner Hoffnungen fur eine neue Zukunft in Rom, wo "selbst der Tod mit leichterer Hand abgewehrt wurde, als anderswo" ... Er hatte ihre ihm durchs Sprachgitter dargereichte Hand krampfhaft festgehalten und sie mit Versen begrusst, die schon bereit gehalten schienen, wenn er sie wiedersehen wurde ... Er gab Minerva, die Weisheit, Maria, den Glauben, hin Sie, sie, die Botin Aphrodite's, gab' ihm allein die volle Lebenskraft ...

Pallas Athene! War' ich immer

Gefolgt nur Deinem Schild und Speer

Ich ware langst ein Abendschimmer,

Begraben in dem ew'gen Meer!

Was zog mich denn mit Zauberbanden

Hinauf zu Schnee und Alpenhohn?

Was liess in fernen, heil'gen Landen

Mich Ziele noch und Wunsche sehn?

Todmatt und krank, gedorrt die Lunge

Nahst Du dem Auge kaum, dem Ohr,

Raff' ich mich schon mit Lowensprunge

Ein Held zu neuer That empor ...

Was komme jetzt? Nur Du gebiete!

Zum Fruhling wird des Kerkers Haft!

Maria ? Pallas ? Aphrodite,

Du bist die Lebens- Liebeskraft!

Sie sagte dem Wahnbethorten, fieberhaft Blickenden, von Reflexionen Umgewirbelten lachelnd, dass ihn der Cardinal bei der Congregazione del' Indice fur die Beaufsichtigung deutscher Kunst und Wissenschaft verwenden wollte1... Von Hubertus wusste man auch in Santa-Maria noch nichts ... Klingsohr versicherte, die Entschlossenheit seines tapfern Freundes wurde sich in jeder Lage zu helfen wissen ...

Sie wohnen hier sehr hubsch? ... fuhr Lucinde, sich im Empfangzimmer der Herzogin umsehend und von ihrer Erschopfung durch die empfangenen Eindrucke sammelnd, fort ...

Hundert Fuss vom Erdendunst entfernter, als an Piazza Sciarra ... lautete die Antwort ...

Lucinde druckte der Herzogin wiederholt ihr Bedauern uber die neuliche Scene mit Olympien aus und versicherte, ihrerseits angenommen zu haben, dass die Herzogin bereits ausgezogen ware ...

Der Cardinal hatte, denk' ich, die Absicht, dies Palais Ihnen als Aussteuer anzubieten? sagte die Herzogin ...

Immer horte Lucinde von dieser Frau nur gewisse hohnische Betonungen ... Immer nur gewisse Zweifel der Ironie ...

Graf Sarzana wird den Dienst bei Seiner Heiligkeit nicht aufgeben? fuhr die Herzogin fort ... Sie hoffen ein stilles und gluckliches Leben fuhren zu konnen? ... Vergessen Sie nicht, wenn der Cardinal Ambrosi die Wohnung zu beziehen ausschlagen sollte, einige Verbesserungen des Kuchenherdes im Palais vorzunehmen ... Sonst ist alles gut im Stande ... Schwach sind die Frauen wahrlich nicht, wenn sie ihre Empfindungen aussprechen ... Lucinde kannte auch darauf hin ihre Mitschwestern ... Aber der "Kuchenherd" schien ihr denn doch eine Anspielung geradezu auf die Zeit, wo sie eine Magd war ...

Sie sehen mehr, als ich, Hoheit! sagte sie, sich ergrimmt auf die Lippen beissend ...

Sind die Verhaltnisse noch nicht so weit? ... fuhr die Herzogin fort ...

Die Verhaltnisse! ... Welche Verhaltnisse? ... Eure Hoheit haben mich in diese Verhaltnisse empfohlen ...

Sie sind auch dankbar dafur ... lachelte die Herzogin ironisch ...

Sie aber sind nicht grossmuthig, Hoheit! sagte Lucinde. Ich hore, dass Sie diese mogliche Zukunft zu verhindern suchen und mich nickt fur wurdig halten, eine Grafin zu werden. Ich bin allerdings keine geborene Marchesina von Montalto, wie Sie! Ich bin eine einfache deutsche Bauerin das ist wahr! Oder hat man Ihnen aus Robillante anders geschrieben? ...

Aus Robillante ? Mir? ... So hort' ich also neulich am Hochzeitstage doch recht? ... Wie kommen Sie denn ...

Sie stehen im Briefwechsel mit Robillante ... unterbrach Lucinde schnell und entschieden ...

Mit Ihrem Bischof ? ... entgegnete die Herzogin, noch mit einer gewagten Sicherheit, aber schon erzitternd ...

Mit Ihrem S o h n e Benno von Wittekind-Neuhof, mein' ich ... warf Lucinde wie einen den Sieg verburgenden Trumpf aus ...

Die Herzogin wollte erst auflachen ... Dann deutete sie auf Lucindens Stirn, als wenn ihr Verstand nicht in Ordnung ware ...

Lucinde erhielt sich in unbeweglicher Ruhe und wiederholte langsam, was sie soeben gesprochen hatte ...

Die Herzogin ergriff Lucindens Arm, starrte sie mit aufgerissenen Augen an und schwankte an die Thuren, um wenigstens diese fester anzuziehen ...

Sie litt nicht fur sich was hatte sie zu furchten! ... Sie litt fur Benno, der seines zweideutigen Ursprungs nicht froh zu werden schien ...

Sie sind wirklich ein Teufel! ... hauchte sie, sich halb ohnmachtig niedersetzend ...

An diesem "Wirklich", sagte Lucinde, erkenn' ich die mich betreffenden Stellen Ihres Briefwechsels ... Jenseits der Alpen ist man noch immer nicht im Reinen, fur welchen Ofen der Dante'schen Holle ich passe ... Aber Ihr Sohn ignorirte mich doch mit einer gewissen mitleidigen Toleranz ... Ein vortrefflicher Mensch, nur mit dem Einen Fehler, dass er zu den Mannern gehort, die Verstand bei Frauen fur Anmassung halten ...

Eine lange Pause des Triumphes trat ein ... Die Herzogin raffte sich allmahlich empor und suchte, um Luft zu schopfen, das Fenster ...

Ich spreche eine Vermuthung aus, die ich beweisen kann! ... fuhr Lucinde ihr nachblickend fort ... Leo Perl hiess der Geistliche, der Sie traute ... Ein Jude war es und es geschah auf dem Schloss Altenkirchen ... Ich kenne viele Folgen dieses abscheulichen Betruges, arme Frau! ... Benno von Asselyn ist die beste davon ... Ein trefflicher Mensch, sagt' ich, ob er gleich dem Kronsyndikus ahnelt und Ihnen ... Madame, Sie wissen, dass ich nur wenig Freunde im Leben gefunden habe ... Lassen Sie mir die, die ich hier gewinne ... Ich verspreche Ihnen, Sie werden von mir unbehelligt bleiben ... Ich weiss vom Cardinal, dass hier nur die Jesuiten und der General der Franciscaner Ihr vergangenes Leben kennen, Olympia im Allgemeinen ... Arme Frau! Aber da die erste Hochzeit falsch war, konnte man Sie nicht der Bigamie anschuldigen, was Ihre und Ceccone's Feinde thun wollten ... Sie wurden glorreich gerechtfertigt ... Ihr Geheimniss dann mit Benno das weiss niemand ausser mir ... Ich werde es zu bewahren wissen, nur bitt' ich von jetzt an und befehl' es Ihnen, lacheln Sie nicht mehr, wenn mein Name genannt wird genannt, ob nun in Verbindung mit dem Cardinal oder mit dem Grafen ... Lassen Sie sich von Ihrem Sohn nichts uber mich erzahlen, was Sie veranlassen konnte, etwaigen Hoffnungen, die ich habe, welche es auch sein mogen, schaden zu wollen ... Das ist es, was ich Ihnen schon am Hochzeitsfest zu sagen hatte und nur verschob, weil die Rauber uns hinderten und wir im Gebirge kaum zur Besinnung kommen ... Noch Eins und in aller Aufrichtigkeit ... Erneuern Sie die Warnungen fur den Bischof von Robillante! ... Schreiben Sie Ihrem Sohn davon! ... Man erwartet Fefelotti ... Dieser bringt die Einleitung eines Processes auf Absetzung des Bischofs ... Das ware entsetzlich, wenn sich Bischof Bonaventura um eine ketzerische Personlichkeit so fortreissen, von Grafin Erdmuthe auf Castellungo so bestimmen liesse ... Der Cardinal meinte es aufrichtig, als wir den Pilger zu entdecken suchten ... Es ist nicht seine Schuld, dass Hubertus so rathselhaft an der Grenze der Abruzzen verschwunden ist ... Horen Sie aus alledem, dass ich der Meinung bin: Wir sind Freunde, Verbundene, Herzogin! ... Waffenstillstand, Friede zwischen uns! ... Kein Wort an Olympien! Nimmermehr! Verlassen Sie sich auf mich! Das versprech' ich Ihnen ... Aber jetzt muss ich auf Villa Tibur zuruck ... Der Weg ist weit ... Achthundert Scudi nur, Herzogin; ich find' es erbarmlich! ... Aber was kann ich thun! ... Sagen Sie das Ihrem Sohne Benno ... Sie sind glucklich, einen solchen Sohn zu besitzen! ... Wo fanden Sie ihn? Wie erkannten Sie sich? ... Sie haben recht; fur die Furstin war er zu gut ... Nie, nie darf sie davon erfahren ... Ihre Rache wurde keine Grenzen kennen ... Regen wir uns nicht auf! ... Sie kennen jetzt meine Wunsche meine Befehle! ... Auf Wiedersehn! ...

Lucinde war verschwunden, wie sie gekommen ... Sie hatte, um die Bedienung in Bereitschaft zu halten, selbst geklingelt ...

Die Herzogin blieb zuruck, erstarrt gebunden an Handen und Fussen ... Sie fuhlte ganz die Wirkung, die Lucinde beabsichtigt hatte ... Musste sie "diese Schlange an ihrem Busen erwarmt" sie selbst nach Rom gefuhrt haben! ... Unter diesem Damoklesschwert sollte sie nun leben! ... Was thun? Was um Benno's willen unterlassen? ... Ihre Correspondenz schien ihr nicht mehr sicher, trotz der Adressen, die an die geringsten Leute hier und in Robillante gingen ... Diese Sprache, diese kurze Eroffnung, diese Schonungslosigkeit! ... Benno ihr Sohn! ... Von Angiolinen, der Lucinde selbst so ahnelte, hatte sie geschwiegen ... Wusste sie nichts von ihr? ... Sie wusste genug, um sie in ewige Fesseln zu werfen ...

Alles das musste die vereinsamte Frau nun in sich selbst verwinden ... Trotz des Vorwands mit der "bessern Luft des Monte Pincio" verliessen sie alle ihre Bekannte ... Sie hatte ohnehin nie die erste Rolle spielen durfen, solange sie mit Ceccone und Olympia lebte ... Was war sie der Welt! ... Jetzt bereuete sie zu klug gewesen zu sein und sagte: Wie viel haben bei alledem die Menschen voraus, die sich allein den Ausbruchen ihres Temperaments hingeben! Sie erleben immer noch etwas mehr Ungluck und Demuthigung, als wir andern, die wir so klug sein wollen, das ist wahr; aber ihre Personen fesseln und lassen ihre Verhaltnisse vergessen ... Nicht einmal ein paar alte Pralaten hatten das Bedurfniss, bei ihr zu speisen ... Von Benno keine Andeutung, wie sie sich verhalten sollte ... Seine Briefe blieben aus ... Sie war in Verzweiflung ...

Ihr Geist hatte seit einem Jahr ganz in dem geliebten Sohn gelebt ... Seine Briefe waren wie an ein Ideal gerichtet. Nur einen einzigen Tag hatte er die Mutter gesehen und gesprochen und gerade darum war ihm alles an ihr neu und reizvoll geblieben ... Die ganze, seit so lange von ihm beklagte Heimatlosigkeit seines Daseins fand in ihr Ruhe und Sammlung ... Und auch sie lebte nur in seinen Mittheilungen und bildete sich aus ihnen, so fragmentarisch sie waren, jetzt ihre Welt ... Sie las zitternd alle seine letzten Briefe ... Sie waren der einzige begluckende Eindruck, der ihr noch geblieben ... Da lag die schone Alpengegend Piemonts ... Da lagen die Thaler, die schattenreichen Kastanien- und Nussbaumwalder, in denen sich der Geliebte mit Bonaventura erging ... Da schilderte Benno das rege Leben der Bewohner und die bluhendste Seidenzucht ... Ort reihte sich an Ort erkennbar war jeder Weiler an den viereckigen Kirchthurmen mit heitern Glockenspielen ... Schlosser standen auf hochster Hohe, gebrochene Zeugen der Wildheit des Mittelalters, tiefer abwarts von diesen Trummerstatten lagen wohnliche neue Sitze des Adels, darunter Castellungo, erkennbar schon in weiter Ferne am wehenden Banner der Dorstes ... Wie oft hatte der Kronsyndikus sie vor Jahren versichert, dass gerade um dieser Dorstes willen seine zweite Ehe noch geheim bleiben musste ... Sie sah Benno hinuber- und heruberreiten zwischen Robillante, einem freundlichen Stadtchen, und Castellungo ... Die alte Grafin Erdmuthe bediente sich seiner als Vermittlers zwischen ihr und dem Bischof, den sie seltner sah, obgleich er ganz in ihrem Sinne wirkte und Benno nicht genug von Bonaventura's Muth schreiben konnte, der jenen von der Grafin beschutzten Waldensern ihre Gerechtsame wahrte ... Sie sah die Eichen von Castellungo, die verlassene Einsiedlerhutte, die Processionen zur Kapelle der "besten Maria" ... Seltsam durchschauerte sie etwas von Geheimnissen, die auf allen diesen Beziehungen liegen mochten ... Sie wusste schon so viel, dass dem Bischof jene Grafin Paula werth gewesen, die inzwischen die Nachfolgerin ihres Kindes geworden ... Sie fuhlte die Dammerungsschleier so vieles Zarten und Ahnungsvollen, das auf jenen Gegenden lag, und die sich schon ihr selbst auf Auge und Herz zu legen anfingen ... Selbst die Anstrengungen Bonaventura's, jenen Eremiten den Handen der Inquisition zu entreissen, machten ihr einen eigenthumlich personlichen Eindruck ... Wie ein stilles Abendlauten war alles, was von dort heruberklang ... Nun sollte sie an Benno die unheimliche Nachricht schreiben: Dein Geheimniss ist in den Handen dieser Lucinde, die mich entwaffnet, versteinert hat ich konnte ihr nicht widerreden konnte dich nicht verleugnen! Schien sie doch voll Antheil fur unser aller Schicksal! ... Die Nachricht, jene dustern Gemauer von Coni, die erzbischofliche Residenz wurde ihren Souveran, den grimmen Fefelotti entsenden und dieser wurde neue Schalen angesammelten Zornes bringen, um sie uber die ihr so werthen Menschen auszugiessen, war wie das Anrollen eines Gewitters, das "doch wol auch Benno selbst horen musste" ... Sie wusste nicht, was beginnen ... Wenn er nur endlich, endlich selbst schriebe! ...

Zunachst musste die Kraft ihres stillen Liebescultus fur den Sohn und die Erinnerung ihr helfen ... Sie legte sich schon lange auf, die Platze zu besuchen, von denen sie wusste, dass Benno bei seinem Aufenthalt in Rom vorzugsweise von ihnen gefesselt worden. Benno hatte an der Ripetta gewohnt, mit der Aussicht auf die Peterskirche. Er hatte seine Betrachtungen an so manches geknupft, was sie bisher verhindert gewesen, wieder in Augenschein zu nehmen und nach Benno's Weise auf sich wirken zu lassen. Sie staunte nun, alles so zu finden, wie Er ihr geschrieben in Briefen, die ihr ein Heiligthum wurden und die sie in ihren einsamen Stunden wieder und wieder las. Jetzt sagte sie: Ja, er hat Recht: Die Peterskirche macht keinen gewaltigen Eindruck! Die gelbangestrichenen Saulenarcaden drucken sie zum Gewohnlichen herab! ... Sie sagte: Er hat Recht: Das Innere der Peterskirche ist kalt; man athmet hier nur in der Sphare des Stolzes und der Vermessenheit der Papste! ... Er hat Recht: Die Engelsburg ist wie ein Reitercircus! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Als ich nach Rom kam, erschien mir der Engel auf ihrer Spitze wie ein Lobgesang auf die Idee des Christenthums, jetzt nur noch wie eine Satyre! ... Er hat Recht: Die Kirchen sind Concertsale; nicht eine hat die Erhabenheit eines deutschen Domes! ... Er hat Recht, wenn er schreibt: Unter den Bildsaulen der Museen verweilt' ich lieber, als unter den Bildern; sie lehren Verganglichkeit und Trauer und das Museum auf dem Capitol ist geradezu die heiligste Kirche Roms; nur dort hab' ich Thranen geweint, unter den gespenstischen Marmorgottern, den Niobiden, den sterbenden Fechtern, den gefangenen Barbarenkonigen! ... Er hat Recht: Kein christlicher Sarkophag hat mich so geruhrt, wie im Lateran die heidnischen Aschensarge mit den zartlichsten Inschriften: "Gattin dem Gatten!" ... Er hat Recht: Nichts hass' ich wie das Coliseum! Ich kann es nicht mehr sehen ... Er hat Recht: Wie wenig kann ich mich mit Michel Angelo befreunden! So oft ich von ihm ein Werk erblicke, hab' ich das Gefuhl, er hatte etwas geben wollen, worauf die gewohnlichen Vorstellungen vom Schonen nicht passen Raphael hat allein das Einfache und Richtige! Was ein Ding sein muss, das ist es bei Raphael; bei Michel Angelo ist's immer etwas anderes, als das naturliche Gefuhl erwartet ... Raphael's Bilder betrachtete sie nun stundenlang die Madonnen waren dann Armgart susser heiliger Friede senkte sich auf Augenblicke in ihre Brust Dann fuhr sie wieder auf und angstigte sich um die Ahnung, dass sie Benno nicht wiedersehen wurde ... Nun fehlte ein Brief schon seit Wochen von ihm ... Und ihr Herz, ihre ganze Seele war so voll so ubervoll ! ...

Es war die Zeit, wo in Rom jeder, der nur irgend kann, auf dem Lande lebt ... Die Herzogin musste sich diesen Schutz gegen die Wirkungen der "Malaria" versagen ... Neulich war sie in ihrem vom Schrecken des Gemuths gehetzten "Wiederaufsuchen Roms nach Benno's Anschauungen" beim Kloster der "Lebendigbegrabenen" angekommen ... Sie fand da einen schonen, luftreinen Garten ... Oefters schon war sie hinubergegangen zu diesen Schwestern der "reformirten" Franciscaner; sie wohnten an Piazza Navona, nahe der Tiber ... Sie, die Mitwisserin eines schweren Geheimnisses, blieb dort gut aufgenommen, aber um achthundert Scudi jahrlich kauften die Andern ihr Schweigen ab ... Sie, sie war es nun, die diesem Kloster die Last Olympiens abgenommen ... Nicht alle Grunde hatte sie Benno erzahlt, die die fromme Genossenschaft damals bestimmten, eine so gewagte Handlung zu begehen wie die, eine Nonne einzukleiden, die ihnen eine geheime Commission des peinlichen Tribunals als eines Attentats auf den Inquisitor Ceccone verdachtig uberwiesen hatte und die schon allein deshalb abzuweisen war, weil sie moglicherweise niederkommen konnte. Nichts seltenes, dass Verbrecher den Klostern zur Aufbewahrung ubergeben werden; aber eine Braut des Himmals, die gesegneten Leibes war von einem Monsignore, der einen Mordanfall unter Umstanden von ihr erlitten hatte, die keine nahere Untersuchung des Frevels wunschen liessen ... Das Kind blieb am Leben und wurde nicht aus dem geraumigen Kloster entfernt. Man hatte Grunde fur diese Zuruckbehaltung. Vorzugsweise furchtete man, solange man ein pflegbefohlenes Kind lieber selbst hutete, weniger fur den Ruf des Klosters, das leicht seine gegenwartige Auszeichnung, die Pallien weben zu durfen, verlieren konnte und sie an andere abtreten musste, die auf diese Ehre und den Gewinn eifersuchtig waren ... Ausserdem hatte dies Kloster noch eine Ehrenaufgabe, auf welche die jungen Pralaten neulich anspielten ... In der zu ihm gehorigen Kirche befand sich eine "Mumie" ... Dies war der Leichnam der Stifterin des Klosters, einer Franciscanerin, die im Jahr 1676 die strengere Regel Peter's von Alcantara angenommen hatte. Bei zufalliger Oeffnung ihres Sarges im Beginn dieses Jahrhunderts fand man die Schwester Eusebia Recanati nicht verwest. Der Leichnam hatte sich in seiner ursprunglichen Gestalt erhalten, wahrend die Gewander, der braune Rock, der schwarze Schleier, das weisse Kopf- und Halstuch zusammenfielen. Ohne Zweifel ein Wunder. Seit dreissig Jahren petitionirte das Kloster um die Heiligsprechung der Eusebia Recanati, die in einer Kapelle der Kirche, in einem verschlossenen Schrank, unter Verglasung, in sitzender Stellung an gewissen Tagen dem Volk gezeigt wurde. Seit dreissig Jahren bestand eine Commission zur Prufung der Anspruche, die Eusebia Recanati auf den Schmuck des Heiligenscheines hatte. Dem Kloster ware die wirklich erfolgte Heiligsprechung und ein unversehrter Heiligenleib zur Quelle des grossten Gewinns geworden. Aber die Orden regten sich voll Eifersucht die schwarzen Oblaten und Ursulinerinnen, die weissen Camaldulenserinnen und Karthauserinnen, die hellbraunen Olivetanerinnen, die schwarzweissen Philippinen, die schwarzbraunen Augustinerinnen die weissschwarzen Dominicanerinnen, die braunen Karmeliterinnen und Kapuzinerinnen, die blauen Annunciaden, die rothen Sakramentsanbeterinnen und hinter ihnen die entsprechenden Monchsorden mit allen ihren Generalen. Die geringere blosse "Seligsprechung" der Mumie genugte den "Lebendigbegrabenen" nicht, sie wollten der Christenheit eine h e i l i g e Eusebia geben, die in der That dem Kalender noch fehlte. Sie bewiesen, dass diese schrecklich anzusehende, verschrumpfte, braunem Leder gleichkommende Eusebia Recanati, ein Grauenbild, geschmuckt mit den glanzendsten Kleidern und mit goldenen Spangen befestigt, Wunder verrichtete, Lahme gesund machte, Blinde sehend. Die Opposition blieb aber zu stark ... Dreissig Jahre schmachteten die Nonnen schon nach Entscheidung der Cardinale! Als einen vorlaufigen Ersatz erhielten sie das Pallienweben, in dem sie sich, dreissig an der Zahl, auszeichneten wie Penelope auf Ithaka; Ceccone war es, der sie so in ihren Hoffnungen auf die Heiligsprechung der Mumie, die sie nicht aufgaben, ermunterte. Auch waren sie gewiss schon durchgedrungen, seitdem sie das Meisterstuck ihres guten Willens, die Verheimlichung eines Pralatenkindes, durchfuhrten; wenn nur nicht auch Fefelotti und die Jesuiten ihre Feinde geworden waren. Diese beschutzten die neuen vornehmen Orden, die Salesianerinnen, die Annunciaden, die Sakramentsanbeterinnen, vorzugsweise die Damen vom Herzen Jesu. Die Jesuiten liessen mit jenem Schein "wahrer Aufklarung", der ihnen uberall an geeigneter Stelle so gelaufig ist, alle Wunder, die die Mumie vollzogen haben sollte, arztlich untersuchen und erklarten sie fur null und nichtig. Die Professoren der Jesuiten lehrten auf der "Sapienza" (der Universitat Roms) die Heilkunde und Naturwissenschaften. Die Gutachten, die ihre Commission fur die Heiligsprechung der Eusebia Recanati ubergab, waren von einer Freimuthigkeit, als hatte sie Humboldt verfasst. Die Waffen der Wissenschaft, die in den Handen der Jesuiten glanzen, senken sie nur dann, wo es gilt hohere Zwecke zu salutiren ...

In solchen Klostern, wo ein Industriezweig getrieben wird, z.B. Blumenmachen, sieht es wie in einer Fabrik aus. Man lasst anderwarts Zoglinge und Kinder zur Mithulfe zu; die "Lebendigbegrabenen" reprasentirten ihr kleines "Manchester" fur sich ... Ihr Fleiss hielt gleichen Schritt mit der Sterblichkeit unter den Bischofen von 131 Millionen Seelen. Sie schoren und spannen und webten und die Herzogin von Amarillas konnte einige Uralte unter ihnen nicht anders betrachten, als unter dem Bild der Parzen Clotho, Lachesis und Atropos. Auch Lucrezia Biancchi spann und spann ... Dazu sang sie alte Lieder Freiheitslieder, die sie von ihren Brudern gelernt hatte, weniger von Napoleone, als von Marco und Luigi ... Fur einen kleinen Schwestersohn von ihr, den die "schone Wascherin" vom Tiberstrand erzog, als sie die neue Judith zu spielen begann, hatte der liebevolle Ceccone grossmuthigst gesorgt ... Dieser war, als seine Oheime Luigi und Napoleone nur durch die Flucht von den Galeeren freikamen, als Marco sogar zum Tode verurtheilt, dann zu den Galeeren begnadigt, endlich verbannt wurde, erst sieben Jahre alt. Ceccone liess den kleinen Achille Speroni verschneiden und zum Sopransanger der Sixtina machen ...

Die Herzogin besuchte am Abend nach der Schrekkensscene mit Lucinden den Garten dieses Klosters ... Da sass die Mutter Olympia's, die Mutter eines Kindes, dem ihre Seele fluchte, als sie es empfing, die irrsinnige, magere, hohlaugige Lucrezia und spann wie immer ... Selbst aufgeschreckt wie ein verfolgtes Wild, erzahlte sie ihr von ihres Bruders Luigi Gefangenschaft ... Die Spinnerin hielt einen Augenblick inne und zeigte auf die Wolle am Rocken und auf den langen Faden, den sie aufgewickelt hatte ... Das ist recht! Er muss Geduld haben! ... sagte sie und feuchtete den Faden an ...

Ja, sagte die Herzogin, du meinst die Zeit! Schwester Josepha so war sie beim Einkleiden getauft worden , der lange Faden ist die Z e i t ! Auf den mussen wir viel, viel aufreihen! ...

Die drei Parzen in der Nahe lachelten und nickten Beifall ...

Die Herzogin beneidete fast die Schwester Josepha ...

Dies arme Wesen, das einst auf einen Mann, in dessen Arm sie ruhete, ein Messer zucken konnte, wusste nichts von ihrem Kinde, das eine Furstenkrone trug und Menschen tyrannisirte ... Sie hatte die fixe Idee von ausbleibenden Briefen Briefen, die Gott, Jesus, St.-Johannes, die Heiligen an sie schrieben es waren die Briefe ihrer verbannten Bruder ... Ihrer Bruder, die in den Gefangnissen Roms, unter den Torturen gesessen hatten, die vom Rechtswesen des Mittelalters gerade im Kirchenstaat noch am langsten zuruckgeblieben sind ...

Als die Herzogin aus dem Klostergarten, von den kleinen Lammern, von den Webstuhlen zuruckkam, war sie uber ausbleibende Briefe so trostlos wie Schwester Josepha ... Nun musste sie auf alle Falle Benno den Vorfall mit Lucinden, uberhaupt alles berichten, was ihr seit funf Tagen widerfahren war ... Seit Benno's letztem Brief waren Wochen verflossen ... Taglich fragte sie bei einem Lotteriecollecteur, der eine grosse Correspondenz unverfanglich fuhren durfte, ob nichts fur sie angekommen ware ... Endlich, endlich durfte doch wol ein Brief morgen eintreffen ...

Er kam aber auch morgen nicht ... Auch nicht am nachsten Tage ... Schon fragte die Verzweifelnde und wie auf der Flucht vor sich selbst Dahinwankende das Orakel der Karten, das sie stundenlang vor sich ausgebreitet hatte und bei verschlossenen Thuren durchforschte ... Sie nahm eines jener schongeformten eisernen Gestelle, in die man in Italien die Waschschussel stellt, und stand wie Pythia am Dreifuss, um an den Wellenschwingungen, die ins Wasser geworfene Kiesel hervorbringen, zu erkennen, ob die Ringe, grosse oder kleine, Gluck oder Ungluck bedeutende waren ... Sie nahm Asche vom Feuer des Herdes, streute sie Nachts auf den Sims eines vom Wind bestrichenen Fensters und schrieb mit zitterndem Finger die Frage, ob Benno gesund ware ... "Sano?" ...

Am Morgen dann las sie mit banger Erwartung, was der prophetische Wind aus den Buchstaben gemacht haben wurde ... Das Orakel antwortete: Santo ...

Wie, dachte sie den Tag uber er ist doch nicht auch in ein Kloster gegangen? ... Auch er will uns ein Priester werden? ...

Damit qualte sie sich einen Tag ... Kein Brief kam ... Am Abend schrieb sie wieder: Sano? ...

Am Morgen las sie in dem verwehten Aschenstaube: Cane ...

Himmel, dachte sie jetzt und raufte sich wie wahnsinnig das Haar, ein toller Hund hat ihn gebissen! ...

Am dritten Tage las sie: Caro ...

Das machte sie ein wenig ruhiger ... So war er vielleicht nur verliebt und vergass sie um wessentwillen? ... Armgart's? ...

Am vierten las sie: Sale Salz oder Verstand ? ...

Die Ironie des Zufalls lehrte sie nicht, dass sie ihre Thorheiten lassen sollte ... Sie grubelte, worin Benno's Schweigen gerade jetzt ein besonderer Beweis von Verstand sein konnte ...

Als sie am Tage, wo sie Sale gelesen hatte, von einer Corsofahrt nach Hause kam, am Hause des Lotteriecollecteurs wieder nichts fur sich gefunden hatte, schleppte sie sich fast zusammenbrechend die Treppe hinauf ...

Eben wollte sie ihre Hauskleider anlegen ... Da horte sie von der Strasse her einen Wagen anrollen und still halten ...

Nach einer Weile klingelte es und Marco kam mit hochaufgerissenen Augen und brachte die Wundermar:

Cardinal Fefelotti! ...

Die Herzogin traute ihrem Ohr nicht und erhob sich ...

Es war in der That der Erzbischof Fefelotti, Cardinal und Grossponitentiar der Christenheit in eigener Person ...

Von solchem Besuch ahnte sie jetzt nichts Uebles ... Das "Salz" des Orakels "Verstand" traf zu ...

Nicht besonders alter war Fefelotti geworden, seitdem die Herzogin ihn zum letzten male gesehen ... Im Gegentheil, die Ruhe in Coni, die Sicherstellung seiner Unternehmungen durch die Jesuiten, die Nothwendigkeit, die gottseligste Miene zu zeigen, hatte die sonst sehr lebhaften Verzerrungen seiner unschonen Gesichtszuge gemildert ... Sind die Hunde aus den Wolfen entstanden, so stellte Fefelotti jenen Uebergang dar, wo moglicherweise die Wolfe zuerst anfingen sich in den Gewohnheiten des Hausthiers zu versuchen ... Seine runde Nase, seine buschigen Augenbrauen, sein von Pockennarben zerrissenes Gesicht war dasselbe wie sonst, aber eine heilige, gesattigte Ruhe lag auf seinen Mienen ... Konnte er doch wahrlich lacheln uber seinen neuesten Sieg ... Konnte er doch lacheln uber seine Ruckkehr aus einer Verbannung wo er fur den "schlechtesten Christen" hatte gelten sollen, dem man den "besten" zur "Versohnung der Gottheit" gegenubergestellt! ... Konnte er doch lacheln uber Ceccone's ohnmachtiges Schnauben, von dem er sogleich andeutete, dass es sich jetzt schon an Frauen auszutoben anfinge ... Das war nun jene Dame, zu der Fefelotti sonst als Pralat so gern gegangen war, die aber seine Intrigue mit der "kleinen Wolfin" bei den "Lebendigbegrabenen" und die Verhinderung der Cardinalserhebung Ceccone's so eiligst gekreuzt hatte ...

An ein Verschleiern seiner Empfindungen denkt in

solchen Fallen kein Italiener ... Fefelotti lachte sich weidlich aus ... Sowol uber die Hohe der Treppen, die er hatte ersteigen mussen, wie uber die Mobel, wie uber die Dienerschaft und ein "Sommerlogis" auf dem Monte Pincio ...

Sie kluge Frau, sagte er, ich habe Sie immer so

gern gehabt! Wie konnten Sie sich nur von meiner Fahne entfernen! ... Sie haben sechzehn Jahre Ihres Lebens verloren ... Wie hoch ist die Pension, die Ihnen mein alter Freund Don Tiburzio zahlt? ...

Die Herzogin hatte die Schule der Leiden in einem

Grade durchgemacht, dass sie sich weder uber Fefelotti's Besuch allzu erstaunt zeigte, noch auch Ceccone's Undankbarkeit ganz nach den Empfindungen schilderte, die sie daruber hegte ... Sie wunschte dem Grossponitentiar Gluck zu seiner neuen Erhebung, liess die von ihr betonte wahrscheinlich nahe bevorstehende Papstwahl nicht ohne Bezuglichkeit fur die Hoffnungen des ehrgeizigen Priesters sie klagte aber Ceccone keineswegs allzu heftig an ...

Fefelotti sah die Schlauheit der weltgewandten Frau ... Sich massigend schlug er die Augen nieder, beklagte die Leiden Seiner Heiligkeit und gestand offen, dass durch die Wiederherstellung des Jesuitenordens, dessen Affiliirter er schon seit lange war, in die schwankenden und von den Personlichkeiten der Papste abhangigen Zustande der Kirche endlich Festes und Dauerndes gekommen ware ... Seine eigene Wiederberufung bewiese, dass sich ohne den Rath des Al Gesu nichts mehr in der katholischen Welt unternehmen lasse ...

In der Art, wie Fefelotti es sich dann unter den von dem trippelnden Marco inzwischen angezundeten Kerzenbuscheln bequem machte, wie er sogar herbeigeholte Erfrischungen nicht ablehnte, lag das ganze Behagen ausgedruckt, sich bei einer Frau zu befinden, die nach aller Berechnung menschlicher Natur seine Verbundete werden musste ... Von Ceccone's "hauslichen" Verhaltnissen liess er sich erzahlen ... Er hatte seine Freude an dem kleinsten Verdruss, den "seinem Freunde" das Schicksal bereitet hatte ... Er stellte sich wie ein in einem kleinen Landstadtchen begraben Gewesener, nur um recht viel Neues, Ausfuhrliches und pikante kleine Details erfahren zu konnen ... Und die Herzogin war klug genug, trotz ihrer Abneigung gegen den hasslichen Mann, dessen falsche Zahne nach jedem Satz, den er sprach, ein eigenes Knacken der Kinnlade von sich gaben und gegen den Ceccone noch jetzt ein Apoll war, doch dies Verlangen nach Befriedigung seiner Schadenfreude nicht ganz unerfullt zu lassen ... Sie gab eine ungefahre Schilderung der Muhen und Sorgen, unter denen Ceccone's Ehrgeiz allerdings stohnte und schmachtete ...

Fefelotti schlurfte Sorbett ... Seine Zahne bekamen vorubergehend einen bessern Duft von den Orangen, aus denen es bereitet war und sie knackten jetzt nur noch von der Beruhrung mit dem Loffel ... Immer mehr gewohnte sich die Herzogin an das Wiedersehen eines Mannes, der ohne Zweifel doch nur allein der Anstifter der den Jesuiten nicht gegluckten Verfolgung gegen sie wegen Bigamie gewesen ... Kannte er alle Geheimnisse ihres Lebens? ... Kannte er die Existenz Benno's? ... Ihr Antheil an seinem Kampf mit Bonaventura, gegen den er vielleicht einen Process auf Absetzung instruirte, rustete sich, ihn moglichst unverfanglich uber dies und anderes zu befragen ... Sie liess dem Gefahrlichen den Vorschmack der Annehmlichkeiten und Vortheile, die er denn doch durch diesen Besuch gewinnen konnte ...

Roms Lage ist schwierig, sagte Fefelotti bei Erwahnung des Ceccone'schen Aufenthalts in Wien ... Auf der einen Seite bilden wir das Centrum der Welt, auf der andern das Centrum Italiens ... Wir sollen rein geistlich und fur die Ewigkeit auf die Gemuther wirken und sind von allen politischen Strudeln des Tags ergriffen ... Die neue Zeit hat dem apostolischen Stuhl eine fast unerschwingliche Aufgabe gestellt ... Ohne die weltliche Wurde kann die geistige Souveranetat des Heiligen Vaters nicht auf die Dauer bestehen ... Beides fur die Zukunft zu einen, erfordert die ausserste Anstrengung ... Ich billige ganz, wenn Ceccone seine kleinen Koketterieen mit den sogenannten "Hoffnungen Italiens" zu unterlassen angefangen hat ... Erzahlen Sie mir noch mehr von Wien! ...

Die Herzogin bestatigte, dass Ceccone von Wien in seinen politischen Neuerungstrieben bedeutend abgekuhlt zuruckgekehrt ware. Der Furst Staatskanzler hatte ihn belehrt, dass die Tribunen Roms sich immer zuerst am Entthronen der Papste und am Halsabschneiden der Cardinale geubt hatten ...

Fefelotti lachte mit vollem Einverstandniss ... Die Herzogin dachte an Benno und seine Freunde ... Sie gab der guten Laune des Schrecklichen die gewunschte Nahrung ... Sie erzahlte: Ceccone hatte beim Nachhausefahren von einer solchen Scene mit dem Staatskanzler immer nur Fefelotti! Fefelotti! gerufen ...

Bestia! unterbrach der Cardinal ...

Dann hatte Ceccone Olympien geschildert, was "politische Reformen" waren ... "Nur Ein Bedienter fur dich, monatlich nur Ein Paar neue Handschuhe und die Nothwendigkeit, deine Hemden selbst nahen zu mussen!" ...

Fefelotti hielt sich die Seiten vor Lachen ...

Ich bin mit Ceccone's politischer Haltung ganz einverstanden, sagte er ... Sie ist jetzt streng und fest ... Sie lasst sich auf keine Transactionen mehr ein ... Rom ist unterwuhlt von Verschworungen ... Verbannung nur und Galeere konnen helfen ... Das geringste ist das Verbot aller zweideutigen Schriften ... Wissen Sie apropos nichts Naheres uber Grizzifalcone ? ...

Die Herzogin horte Gesinnungen, die sie hasste, verbarg jedoch ihre Aufwallung hinter einem Erstaunen uber das, was Grizzifalcone mit Roms Politik gemein haben konnte ? ...

Der Cardinal druckte seine kleinen Rattenaugen zu ... Ein bedeutsames Knacken seiner Zahne trat wieder an die Stelle seiner Worte ... Der Duft der Orangen verflog ... Glucklicherweise nahm er eine zweite Schale Sorbett ...

Die Herzogin musste die Geschichte der Gefahr erzahlen, die sie an Olympiens Hochzeitstage uberstanden hatte ... Lucindens Name musste genannt werden ... Dieser war ihm keineswegs unbekannt ...

Eine Neubekehrte? warf er ein ...

Sie hutete sich ein Wort der Misachtung zu sagen ...

Fefelotti kehrte dringender auf Grizzifalcone zuruck ... Glauben Sie, sagte er, dass Ceccone jene fur den Fursten Rucca bestimmte Liste in den Taschen des Raubers fand und einsteckte? ... Ich glaube nicht ... Diese Liste besass Ceccone ohne allen Zweifel schon vorher in Abschriften genug ... Er brauchte sie ja Hm! ... Rathselhaft sind die Auftrage, die dem wilden deutschen Franciscanerbruder gegeben wurden ... Nun sagt man ja, er ware spurlos verschwunden ... Mit jenem Pilger zugleich ... Horten Sie davon? ... Der Pilger und der Monch sind von den Zollwachtern, die verrathen zu werden furchteten, ohne Zweifel todt geschlagen worden ...

Die Herzogin entsetzte sich ... Und warum "brauchte Ceccone die Liste"? ...

Eine Weile verzog sich der bisherige heitere Ausdruck der Mienen Fefelotti's, seine schwarzen Brauen senkten sich auf die kleinen Augen, die ein verderbliches wildes Feuer zu verbergen schienen ...

Dennoch suchte er die Stimmung des Scherzes zuruckzufuhren und sprach lieber von Olympien, die er beschuldigte, in der "Argentina" bei allen neuen Opern die Stellen zu beklatschen, die fur die Tausende von Carbonaris, die auch in Rom waren, oft ein Losungswort gaben ... Das Junge Italien hat allein zwolf Logen in Rom! schaltete Fefelotti ein ... Doch erzahlen Sie von Olympien! ...

Die Herzogin horte nur und horte ...

Fefelotti sah, dass die Herzogin in politischen Dingen nicht mehr Ceccone's Vertrauen besessen hatte ... In die Argentina geht Olympia jetzt seltener, sagte sie mit bitterer Erinnerung an den neulichen Spott Olympiens uber ihre Beziehung zur Musik ... Sie verlangte von mir, dass ich erklarte: Unsere neuere Musik anhoren zu mussen verdiente, dass die Componisten mit den Ohren angenagelt wurden ...

Diese Strafe trifft in der Turkei die Backer, wenn sie schlechtes Brot backen! ... Dieser Witz wird den alten Rucca geargert haben, wenn er ihn horte ... sagte Fefelotti ...

In dieser heitern Weise dauerte die Unterhaltung fort ... Auch auf den Cardinal Ambrosi kam Fefelotti zu sprechen ...

Ich habe ihm, sagte er, sofort eine Amtswohnung anweisen lassen, indem ich ihn zum Vorstand der "Congregation der Reliquien und Katakomben" machte ... Vielleicht ist er so galant, Olympien mit der Heiligsprechung der Eusebia Recanati ein Gegengeschenk fur seine Erhebung zu machen ... Sie wissen doch noch, dass wir einst um die kleine "Wolfin" bei den "Lebendigbegrabenen" auseinander gekommen sind Sie schlimme Frau, die Sie mir auch in Wien einen noch gottseligeren Priester auf Erden entdeckt haben Ja Sie! Sie! Ich weiss es Meinen Nachbar bei Coni den magnetischen Bischof Bonaventura von Asselyn ... Sie haben ihn zuerst Olympien empfohlen ... Der Spott dabei auf mich kam allerdings wol nur von dem kleinen Grasaffen ...

Die Herzogin spitzte ihr Ohr ... Jedes Wort in diesen leichten Scherzen und drohenden Neckreden war bedeutungsvoll ... Ihr Palais an Piazza Sciarra stand also noch leer ... Cardinal Ambrosi hatte sich Olympiens Verehrungscultus entzogen ...

Bonaventura's heiliger Ruf wurde keineswegs von ihr abgelehnt ... Mit einem fast schelmischen Trotz berief sie sich auf das Urtheil der deutschen Kirche ...

Gut, dass ich mich an diesem Eindringling auf italienischen Boden habe uberzeugen konnen, wie gefahrvoll diese deutsche Kirche wird, erwiderte Fefelotti ... Kaum in sein Amt eingefuhrt, begeht der Freche eine Unthat nach der andern ... Der Verbundete einer Ketzerin, die auf dem Schlosse Castellungo haust, wahrt er den durch die Milde der Zeiten ubrig gebliebenen Resten einer schismatischen Sekte die Rechte, die sie verbrieft besitzen wollen, bestreitet das ihnen streng eingescharfte Verbot, Proselyten zu machen, behauptet, die Dominicaner hatten ausser diesen gefanglich eingezogenen, dann freigegebenen religiosen Fanatikern noch einen Eremiten eingekerkert, der den Wohlthater des Volkes machen wollte und nur ein Verbreiter ruchloser Lehren war ... Auch dieser Eremit war ein Deutscher! ... England und Deutschland! Das wird unser Kampfplatz werden! ... In Deutschland ist es schon wieder wie zur Zeit Luther's ... Ein Priester ist aufgestanden, der dem Bischof von Trier die Aussetzung des Heiligen Rocks zum Verbrechen am "Geist der Zeit" macht! ... Die ketzerischen Bewegungen auf dem Gebiet der Lehre, ja des Cultus nehmen uberhand ... Erkundigungen, die wir uber den Bischof von Robillante eingezogen haben, machen ihn zur Absetzung reif ... Und der blinde Wahn dieses Mannes geht so weit, hieher nicht als ein Angeklagter, sondern als ein Richter kommen zu wollen ...

Hieher ? Er wird berufen? ... fragte die Herzogin erbebend vor Angst und doch auch vor Freude ...

Der Bischof behauptet, fuhr Fefelotti in gesteigerter Aufregung fort, die Nachricht, dass man jenen Eremiten in der Mark Ancona als Pilger gesehen hatte, ware ein absichtlich ausgesprengter Irrthum ... Dieser Eremit ware nach Rom uberfuhrt worden und sasse hier in irgendeinem Kerker ... Der Pilger von Porto d'Ascoli, erklarte er noch kurzlich, ware ein anderer ... Seit man jetzt verbreitet, er ware ermordet worden, hatte ich eine Scene mit ihm, die zu seiner sofortigen Verhaftung hatte fuhren mussen, ware nicht die besonnene Vermittelung eines seiner Verwandten von ihm dazwischen getreten ...

Des Signore Benno ? ... fragte die Mutter nach Gleichmuth ringend ...

Der Cardinal bestatigte diesen Namen ...

Benno lebt denn also noch! ... dachte die Mutter und verbarg hinter Bewegungen, die ihr als Wirthin eines so hohen Besuches zukommen durften, das Gemisch ihrer Freude und Besorgniss ... Fefelotti sprach Benno's Namen harmlos aus ... Er schleuderte nur seinen Bannstrahl uber Deutschland und Bonaventura ... Dann fragte er wiederholt nach Lucinden ... Er wusste, dass sie dem Cardinal nahe stand und Aussicht hatte, Grafin Sarzana zu werden ... Nach den Berichten der kirchlichen Fanatiker Deutschlands nannte er sie eine Hocherleuchtete, der sich nur die eine Schwache nachsagen liesse, fur jenen Bischof von Robillante eine unerwiderte Liebe im Herzen getragen zu haben ...

Die Herzogin nahm ihm nichts von allen diesen Vorstellungen ... Sie sah, dem Grossponitentiar lag das Leben aller Menschen aufgedeckt ... Er fragte wiederholt, was die Herzogin uber Donna Lucinde wisse und ob sie gut mit ihr stunde ...

Die Herzogin sah, dass Fefelotti bei Ceccone eine Spionin suchte ... Vielleicht fand er sie in Lucinden ... Sie hutete sich, Lucinden nach ihrer Auffassung und eigenen Erfahrung zu charakterisiren ... Eine Vermittelung dieser Bekanntschaft durfte sie aus nahe liegenden Grunden um Ceccone's willen ablehnen ...

Es war schon halb elf Uhr, als der Cardinal sich endlich erhob ... Er hatte ein paar angenehme, hochst trauliche, fur ihn mannichfach anregende Stunden verbracht ... Er hatte sich schnell wieder in den romischen Dingen orientirt ... Er versprach wiederzukommen ... Dann kusste er der Herzogin mit aller Galanterie die Hand, sagte ihr die Tage und die Orte, wo er "zum ersten male auftrate" d.h. die Messe lesen oder sie mit Pomp anhoren wurde ... Das waren Schauspiele, wo sich alles, was zur Gesellschaft gehorte, versammeln musste ... Er versprach ihr die "besten Platze", unter andern zu einem morgenden Gebet von ihm in der Sixtina ...

Dass ich, sagte er beim Gehen, Ceccone's Feind nicht mehr sein will, beweise ich dadurch, dass ich den Schein von ihm entferne, als konnte er einer Dame, der er sich lebenslang verpflichtet fuhlen sollte, wie Ihnen, undankbar gewesen sein ...

Mit dieser artigen Wendung empfahl er sich ...

Die ganze Dienerschaft, die der alte Marco rasch durch einige Hausgenossen vermehrt hatte, stand in den Vorzimmern ... Die Umwohner hatten sich den Schlaf versagt, um dem Schauspiel der Abfahrt eines Cardinals beizuwohnen ... Fefelotti's Pferde trugen am Kopfgestell der Zaume die rothen Quasten. Die Kutsche war vergoldet; zwei Lakaien sprangen hinten auf, wahrend ein dritter mit dem Ombrellino an der Hausthur wartete und beim Einsteigen den kleinen stammigen Priester begleitete, der seinerseits nur einfach, nur mit dem rothen dreieckigen Interimshut erschienen war ...

Einige Freude empfand die gedemuthigte Frau denn doch uber diesen Besuch ... Sah sie auch Gefahren uber den Hauptern der ihr allein noch im Leben werthen Menschen sich zusammenziehen, so blitzte doch in solchen Nothen ein Hoffnungsstrahl auf durch die Beziehung zu einem so machtigen Mann, der glucklicherweise ihren vollen Antheil an den Schicksalen der Bedrohten nicht ahnte ... Benno hatte jener Scene beigewohnt und ihren schlimmen Ausgang gemildert ... Sie wollte noch einen Tag warten und dann auf jede Gefahr hin dem Sohn mittheilen, worin sie alles ihre Sorge auf ihn, seinen Rath und seinen Beistand werfen musste ... Die Vorladung Bonaventura's schien noch nicht entschieden zu sein ...

Am Abend nach dem Besuch Fefelotti's kam die Herzogin aus der Sixtinischen Kapelle, wo Fefelotti sein "erstes Abendgebet" gehalten hatte ... Der kleine Raum war uberfullt gewesen ... Der Qualm der Lichter die Atmosphare so vieler Menschen liessen sie fast ersticken ... Fefelotti hatte der Herzogin in aller Fruhe schon einen reservirten Sitz zur Verfugung gestellt ...

Wie kraftig sprach er sein "Complet" las den 90. Psalm Qui habitat in adjutorio Domini, sang mit jenem conventionellen Ton, der vom Herzen sanft der Ruhrung den Weg durch die Nase lasst, sein Gloria Patri, worauf die Kapelle mit Simeon's Lobgesang: Nunc dimittis antiphonisch einfiel ... Nicht eine der zu Ceccone's engeren Beziehungen gehorenden Personlichkeiten war zugegen ... Ceccone hatte die ersten Weihen, er nahm vor kurzem auch die letzten; er ubte sich taglich im Messelesen, um seinerseits mit den unerlasslichen Bedingungen zur Papstwahl hinter andern nicht zuruckzubleiben ... Fefelotti's Virtuositat in allen kirchlichen Functionen war ihm ein Gegenstand besondern Neides ...

Die Herzogin versank auch hier wieder in die schwarmerischste Sehnsucht nach ihrem Sohn ... Gerade diese kleine Kapelle, die fur die Hausandacht der Papste bestimmt ist, enthielt Michel Angelo's "Jungstes Gericht" ... Man sieht nur noch ein wustes Durcheinander dunkler Farben an den lampenrussgeschwarzten Wanden ... Benno hatte ihr geschrieben, der beruhmte Gesang in dieser Kapelle hatte ihm nie die mindeste Erhebung gewahrt; die unglucklichen Verstummelten, die zur papstlichen Kapelle gehorten, hatten im Discant gesungen wie Huhner, die plotzlich den Einfall bekamen, wie die Hahne zu krahen; die Basse waren kustermassig roh; die alten Weisen Durante's und Pergolese's kamen in ihrer einfachen Erhabenheit unwurdig zu Gehor ... Und fur alles das schwarme der deutsche Sinn! Diese Sixtinischen Kapellenklange allein schon wirkten wie ein Zauber der Sehnsucht nach Deutschland hinuber! Erst der germanische Geist, der schon sonst das Christenthum uberhaupt zur weltgeschichtlichen Sache des Gemuths gemacht hatte, hatte auch hier wieder in das Abgestorbenste, in die Kirchenmusik, neues Leben gebracht ... Wie klang das alles der Herzogin beim Schlussgebet des Erzbischofs von Coni nach: Omnipotens, sempiterne Deus! ...

Gestern Nacht hatte sie in die Asche "Sano?" geschrieben und der Wind hatte in der That an diesem Morgen "Canto" daraus gemacht ... Darum war sie mit Hoffnung in die Kapelle gefahren ... Sie war im Wagen die Treppe hinauf gekommen an den salutirenden, hanswurstartig gekleideten Schweizern voruber; sie hatte, vorschriftsmassig vom schwarzen Schleier verhullt, zur Menschenmenge nicht aufgeblickt vom kleinen ihr reservirten Platzchen aus ... Die von Michel Angelo in die Holle geschleuderten Bischofe und Cardinale waren ihr heute nicht wie sonst Gegenstande der Zerstreuung, wenn sie in ihnen zum Sprechen ahnlich getroffene noch lebende Wurdentrager suchte ... Das verschrumpfte Antlitz Achille Speroni's auf dem Singchor sah sie ohne Lacheln ... Speroni, der Cousin der jungen Furstin Rucca, stand in seinem violetten Rock mit dem weissen Spitzenuberwurf und der rothen Halsbinde anfangs wie ein Mann, sang auch eine Zeit lang wie ein Mann: Maria, ad te clamamus exules filii Evae! ... Dann aber, bei den fur einen exul filius Evae doppelt ruhrenden Worten: "Maria zu dir seufzen wir auf, weinend und flehend, in diesem Thal der Thranen!" sprang der Ungluckliche in die ausserste Kopfhohe uber, fistulirte eine Weile und war zuletzt bei den fur einen Entmannten erschutternden Worten: "Zeig' uns, Maria, die gesegnete Frucht deines Leibes!" ein vollstandiges Frauenzimmer ... Die Herzogin kannte nicht wortlich den Inhalt dieser fur die Trinitatiszeit normalen abendlichen Horengesange; sie verstand nicht, wie die Worte in schneidender Ironie zur Verstummelung des Sangers standen; im Geist aber horte sie Benno's Aeusserung: Schon um diese krahenden Huhner der Sixtinischen Kapelle allein muss die romisch-katholische Kirche, wie sie jetzt ist, untergehen! ...

Mancher lachelnde und ironische Blick haftete an der Herzogin ... Er sollte ihrem Sturz gelten ... Sie dagegen durfte diesen Monsignores, Ordensgeneralen, Uditores und Adjutantes di Camera nicht minder ironisch lacheln ... Wie nur eine Hofdame bei einer grossen Cour die Geheimnisse all dieser so steif sich verbeugenden Welt von ihrer Reversseite ubersieht, so blickte auch sie auf alle diese tonsurirten Haupter, die das Frauenthum aus ihrem Leben ausgeschlossen zu haben schienen und die alle, alle doch gerade vom Frauenthum am meisten abhangig waren nachst ihrem Ehrgeiz ...

Ihren Wagen behielt sie und befahl dem Kutscher, sie heute auf den Corso und in den Park der Villa Borghese zu fahren ... Sie kam sich wie wiederhergestellt vor ...

Wie sie gegen neun Uhr nach Hause kam, horte sie, dass ein Fremder nach ihr verlangt hatte ... Er wollte morgen zeitig wiederkommen hiess es ...

Dem beschriebenen Wuchse nach war es Benno ... Ein dunkler, voller Bart, der das ganze Gesicht beschattete, ein grauer Calabreserhut das stimmte freilich nicht zu ihrer Erinnerung ... Aber wer konnte es denn anders sein? ...

Zu Nacht speiste sie nichts vor Aufregung ...

Mit zitternder Hand schrieb sie in ihre Asche: "Sano"?

Kaum, dass sie einige Stunden schlief ...

Am Morgen las sie: "Salve!" ...

In der That lag sie einige Stunden spater in Benno's Armen.

Fussnoten

1 Die Stelle Augustin Theiners aus Schlesien.

6.

Ein geliebter Freund, der aus weiter Ferne von Reisen zuruckkehrt, breitet zuvor seine Geschenke aus ... Benno brachte genueser Korallenschmuck und mailander Seidenstoffe ... Kostbarer aber, als alles, war sein eigenes Selbst ...

Und war er es denn auch wirklich? ... War es jener liebenswurdige junge Mann, der vor einem Jahr am Karnthnerthor zu Wien aus dem vierspannigen Wagen der Herzogin von Amarillas sprang? ... Aeusserlich machte er geradezu den Eindruck eines Italieners ... Gestern, frisch vom Postwagen gekommen, hatte er noch einen Calabreser aufgehabt ... Heute hatte er der Mode zwar den Tribut eines schwarzen Hutes gebracht, seinen verwilderten Bart ein wenig gestutzt; aber das lange schwarze Haar, die Braune des Antlitzes, die leichte, heitere Beweglichkeit, alles das war nicht so, wie es die Mutter kannte aus den wenigen unvergesslichen wiener Augenblicken des aussersten Schmerzes und der aussersten Freude ... Aber es war schoner noch; es war verwandter, heimatlicher als in der Erinnerung. Sie erstickte seine ersten Worte mit ihren Kussen und Umarmungen ... Er war es ihr Julio Casare ...

Nichts ist anziehender als ein lebensmuthiger, froher, sorgloser junger Mann ... Ihm gehort die Welt ... Alles, was die Gegenwart bietet, muss sich ihm zu Gefallen andern ... Der Tag rauscht dahin, Jahre vergehen; den Reichthum seiner Lebenskraft scheint nichts zu beruhren ... Gefuhle, Leidenschaften, Gedanken, mit denen das Alter geizt, von denen die Erfahrung nur noch Einzelnes und Abgegrenztes entgegennimmt, ihm ist das alles noch eine in sich zusammenhangende grosse Welt, die den ganzen Menschen ergreift, alle Sinne zu gleicher Zeit, die Seele und den Leib den Leib und die Seele ...

Benno verrieth anfangs nur die Stimmung, in die ihn die gluckliche Lage versetzen durfte, von seinem Bruder Wittekind anerkannt worden zu sein ... Seine Geldmittel flossen nach Bedurfniss ... Schon hatte er sich bei Sopra Minerva eine Wohnung gemiethet ... Endlich er war bei seiner Mutter ...

Allmahlich erstaunte er, die Mutter auf dem Monte Pincio zu finden ... Wie oft hatte er im letzten Herbst den Palast betrachtet, wo er wusste dass sie wohnte ...

Das ihm nun enthullte Schicksal der Mutter durfte ihm, was die Geldmittel anbelangte, gleichgultig erscheinen ... Dennoch betraf es ihn tiefschmerzlich ... Mehr noch, er deutete fast mit Vorwurf an, wie verdriesslich es ihm war, diese Veranderung erst jetzt zu erfahren ...

Warum, mein Sohn ? fragte die Mutter voll Besorgniss ...

Er ware dann vielleicht nicht gekommen! sagte er ... Die Betroffene erzahlte ihm die Einzelheiten ihres Bruchs mit Ceccone ...

Dieser Elende! rief Benno ... Dann aber sprach er dumpf vor sich hin: Hatte ich das geahnt! ...

Aber was hast du? fragte immer besorgter die Mutter ... Du rechnetest auf Olympiens Liebe ? setzte sie angstbeklommen, wenn auch lachelnd hinzu ...

Benno errothete und erwiderte nichts ... In seinem Schweigen lag ein aufrichtiges Ja! ...

Die Mutter stand mit bebenden Lippen vor ihm und hielt seine beiden Hande ...

Benno verhiess jede Aufklarung ... Jetzt sprach er von einem Freund, der ihn vielleicht bei dem jungen Fursten Rucca schon angemeldet hatte ...

Ich Thorin! wehklagte die Mutter. Ich mistraute der Sicherheit unserer Briefe und schrieb dir nichts ...

Die Mutter wagte noch nicht von Lucinden zu sprechen ...

Benno wurde zerstreuter und zerstreuter ... Er schutzte fur eine vorlaufige Entfernung das Suchenmussen seines Freundes vor ... Dieser hatte bereits vor ihm eintreffen wollen ... Er erzahlte nur noch einiges von Bonaventura's schwieriger Stellung, vom Dank, den sich sein Freund erworben durch die Befreiung einiger Opfer der Inquisition, von Bonaventura's Mistrauen in die ihm von Rom durch Lucinde und die Mutter gewordenen Mittheilungen uber die Identitat jenes Pilgers mit dem Eremiten Fra Federigo, der sich nach allgemein dort verbreiteter Meinung in den Kerkern der Inquisition zu Rom befinden musse, von der bedenklichen Feindschaft Fefelotti's, die es indessen zu einer formlichen Anklage durch die Congregazione de Vescovi e Regolari noch nicht hatte kommen lassen ...

Die Mutter wagte sich mit einigen ihrer Erfahrungen hervor ... Sie erzahlte von Fefelotti ... Sie erzahlte endlich auch Lucindens Mitwissenschaft um das Geheimniss seines wahren Namens ...

Von dieser Seite konnte nur das Verhangniss kommen! erwiderte Benno mit den lebhaftesten Zeichen der Betroffenheit ...

That ich recht, mit einem solchen Damon Frieden zu schliessen? fragte die Mutter und las voll Angst in seinen Mienen ...

Gewiss! gewiss! sagte er fast abwesend ...

Er wollte gehen und den Freund suchen ... Offenbar kampfte sein Inneres irgend einen gewaltigen Kampf ... Die Mutter sah es und wollte ihn nichts lassen ...

Als er dann aber doch gegangen war mit dem Versprechen, gegen Abend zuruckzukehren, als sie in die letzte Umarmung die ganze Empfindung ausgestromt hatte, die sie vorm Jahr nach ihrem: "Auf Wiedersehn!" in ihr Herz verschlossen und angesammelt, uberfiel sie jenes Bangen, von dem wir selbst nach der machtigsten Freude und dann ohne allen Grund erschreckt werden konnen. Salve! Salve! rief sie ihm zwar nach und ihres Orakels dankbar gedenkend. Aber nun wuchs das wiedereroberte Gluck zu solcher Hohe, dass sie ein Schwindel ergriff. Ist es denn moglich, rief sie, sein Vaterland scheint nicht mehr dieser kalte Norden zu sein! Er spricht im Geist seiner Mutter, nicht blos so schon in den Lauten unserer Zunge! ...

Dass sie in dieser Seligkeit nicht lange verweilen durfte, machte sie weinen ... Was hat er mit Ceccone was mit Olympien? ...

Zwei Stunden war er bei ihr gewesen ... Nun erst dachte sie allem nach, was er gesprochen ...

Er hatte politische Aeusserungen fallen lassen ... Er hatte nach einigen freisinnigen Namen, nach Lucian Bonaparte gefragt ... Himmel, rief sie, ich sollte erleben, dass ich eine Romerin werde wie die Mutter der Gracchen! Casar, Casar, ich bin nicht so stark wie Cornelia! Ich zittere vor Gefahren, in die du dich begibst ...

Was ist ihm nur verdorben durch meinen Bruch mit Ceccone ? grubelte sie ... Bedarf er eines so Machtigen? ... Fuhlt er sich nicht sicher? ...

Sie erschrak, dass er von einem Gang auf die osterreichische Gesandtschaft als von etwas fur seine Lage Ueberflussigem sprach ... Er lehnte den Wunsch eines Zusammenhangs mit Deutschland ab ...

Nun drangte sich anderes in ihre Erinnerung an diese seligen zwei Stunden ... Wie sinnig hatte er das Pastellmedaillon des Herzogs von Amarillas betrachtet! ... Wie wehmuthsvoll umflorte sich sein Auge, als sie dies Medaillon offnete und Angiolinens blutiges Haar hervorzog! ... Sie hatte ein geheimes Fach eines Schreibsecretars aufgezogen und ihm Erinnerungen an Kassel, Schloss Neuhof, Altenkirchen gezeigt, die gefalschten Demissorialien, die Zeugenaussagen der Freunde Wittekind's ... Alle dem sprach er Worte voll Ernst und Charakter ...

Zuletzt nahm sie alles leichter ... Sein Lacheln war zu lieb und sicher gewesen ... Er hatte sie zu innig umarmt, zu oft an den Spiegel gefuhrt und sich mit ihr verglichen; ihre Hande kusste sie an den Stellen, wo er sie gekusst hatte ... Sie fuhlte ihre Jahre nicht mehr, sie gedachte ihrer grauen Haare nicht, sie liebte Benno mit dem Feuer eines Madchens, das ein Abbild ihrer Traume gefunden ... Zu Lucinden hatte sie hinausfahren und ihr rufen mogen: Was willst du uns! ... Ueber Armgart, von der sie sogleich gesprochen, hatte sich Benno nur traumerisch ablehnend geaussert ...

Alle ihre Unruhe sammelte sich jetzt in der Sorge um ein wurdiges Empfangen des Sohns fur den Abend ... Er kam dann vielleicht mit seinem in Aussicht gestellten und vielleicht gefundenen Freunde ... Letzterer hatte drei Tage schon vor ihm in Rom sein sollen, hatte Benno erzahlt und seinen Namen mehrmals genannt ... Dass sie ihn behielt, war von einer Italienerin nicht zu verlangen ... Auch Marco und die andern Dienstboten, die befragt wurden, ob wol jemand nach Baron d'Asselyno im Hause gefragt hatte, behielten ihn, obgleich ihn Benno auch ihnen nannte, nur unter dem Namen des vielleicht noch kommenden "Signore biondo" des "blonden Herrn" ... Sonst schien man wegen eines so ausserordentlich warm begrussten Fremden wie Benno im Hause nicht zu neugierig ... Marco beherrschte sich ... Er war das Prachtexemplar eines italienischen Bedienten ... Schon in den Vor-Ceccone'schen Zeiten der Herzogin hatte er Abends ihren Kammerherrn, Vormittags die Scheuerfrau gemacht ... Jetzt sank er zwar nicht ganz zu dieser Vielseitigkeit herab, aber den Koch musste er doch heute Abend mit dem Kammerherrn zu verbinden wissen ... Er versprach ein Souper herzurichten, wie es sich fur eine Herzogin gebuhrte ... Die Mutter ordnete und schmuckte die Wohnung und sich selbst ... Das Haus war in Aufregung ... Una conoscenza della Padrona aus Wien ... Wozu brauchte es weiterer Aufklarung ...

Das beste Zimmer der Etage bot einen Ausgang auf eine prachtige Altane das Dach eines vorgebauten, niedrigeren Hauses ... Hier war die Plateforme mit riesigen grossen Blumentopfen bestellt, mit kleinen Orangen-, grossen Oleanderbaumen ... Die geoffnete Thur liess die Wohlgeruche der Pinciogarten in das einfache, heute doppelt sorgfaltig geordnete Zimmer einziehen ... Noch wurden Teppiche auf die Stellen gebreitet, die die Blumenstocke leer liessen ... Das die unschuldigste Nachahmung der "hangenden Garten der Semiramis" ... Ein ungehinderter Fernblick zeigte ein Hausermeer, aus dem die Kirchen, Saulen und Obelisken, schon von der sinkenden Sonne beleuchtet und rosig verklart, emporragten ... Die Luft noch wie fruhlingsmilde ... Die Mutter hatte der Welt rufen mogen: Wo ist heute eine Festesfreude, wie bei mir! ...

Marco lief hin und her und kaufte ein ... Mag er ein wenig die Ohren spitzen, mag er sogar denken: Das ist wol gar der Vielbesprochene, um den die Furstin Rucca so manche Tasse zerbrach und so manchen Teller an den Kopf der Diener schleuderte! ... So dachte sie ...

Aber nun: Was wird Olympia sagen! ...

Da stand sie beim Arrangement ihrer Blumen still und flusterte: Wohl! Wohl! Was wird Olympia sagen! ... Mehr schon zu fassen und zu denken vermochte sie noch nicht ...

Benno kam dann rechtzeitig und noch vor dem Abend ...

Der Freund war nicht angekommen ... Er hiess Thiebold de Jonge "Tebaldo", wie man wenigstens den Vornamen behielt ...

Ist es wol der? fragte die Mutter und erzahlte was sie von Lucinden uber Armgart's drei Freier wusste ...

Benno zog die gelben Handschuhe aus, knopfte den schwarzen Frack auf, strich den langen lockigen Bart, der auf die weisse Weste niederglitt, und sagte:

Es ist unwurdig, von Armgart in einem Augenblick zu sprechen, wo ich nur zu sehr verrathe, dass ich bedauere, von Olympien vergessen worden zu sein ...

Wieder dasselbe Rathsel, wie heute fruh ...

Die Mutter begriff diese Aeusserung nicht ... Aber sie wusste, dass die Aufklarung nicht fehlen sollte ... Jetzt hatte sie nur mit Benno's Person, mit dem Gluck, ihn zu besitzen, zu thun und war wie eine Braut mit ihm ... Eine Braut ist in den ersten Tagen ihres Glucks ganz nur von stiller Prufung und Beobachtung erfullt, wie sich der Geliebteste in der ihm jetzt gestatteten engeren Vertraulichkeit des Umgangs ausnimmt; wie ihm die Beruhrung mit ihrem eigenen kleinen Dasein steht; wie ihre Blumen, ihre Bucher, ihre kleinen Pedanterieen am Nahtisch von ihm beurtheilt werden; wie in die tagliche Ordnung des Aelternhauses sein Wesen sich bescheiden oder vielleicht gar o Wonne und Gluck! ihre aparten Ansichten uber diesen Brauch und jenen Misbrauch den Aeltern gegenuber unterstutzend fugt ... Wohl dem Bund, wo dann alles so still beklommen Beobachtete die Seligkeit des Besitzes mehrt, kein plotzlich ausbrechender Thranenstrom verrath, dass oft ein einziges, allzu sorglos hingeworfenes Wort den Cultus eines ganzen ersten Jugendlebens sturzt Welten wie Spinneweben zerreisst ... Wohl dem Bund, wo die Harmonie der Herzen dann auch eine des Geistes und unsers irdischen, oft allerdings launisch bedingten Daseins wird! ...

Benno spottelte immer noch gern und war nie ein Zwirnabwickler, wie Armgart die Manner nannte, die sie nicht mochte. Aber "Mutter Gulpen" in der Dechanei hatte ihn doch ein wenig fur die Schwachen der Frauen erzogen. Wo er musste, fugte er sich dem Ton, den die Frauen lieben. Auch Grafin Erdmuthe hatte nachgeholfen. Er kam so geschult, so rucksichtsvoll und artig, dass die Mutter ihre Freude hatte zu sehen: So nimmt er sich aus vor andern! So gleicht er dem bosen Vater und so gleicht er ihm auch nicht! ... Das Haar unter dem grossen Medaillon des mit Orden bedeckten weisslockigen Herzogs von Amarillas hatte er sich wieder betrachten zu durfen erbeten ... Benno sah ebenso voll Wehmuth den Inhalt der Kapsel, wie mit Interesse das Bild des greisen Herzogs, der in jedem Zug den Spanier verrieth ...

Die Politik war in der That die Seele von allem, was Benno in langerer und ausfuhrlicherer Erorterung sprach ... Er sah sich um, ob sie unbelauscht blieben ... Die Mutter fuhrte ihn auf die nun dunkelnde Altane hinaus ... Hier war alles still ... Da sassen sie unter den duftenden Bluten ... Ihre Hande ruhten auf dem Schoos der Mutter ineinander ...

Benno's die Mutter ausserordentlich uberraschende Beruhrung mit den politischen Umtrieben der Jugend und den Fluchtlingen Italiens beruhte auf einem personlichen Erlebniss ... Nachdem er seiner Fursorge fur Bonaventura's Gefahr noch einmal alles hatte berichten lassen, was die Mutter von Fefelotti vorgestern gehort, erzahlte er es ...

Sein Grubeln uber den Anlass aller dieser Lebenswirren es war Bonaventura's Schmerz um das traurige Geschick seines Vaters unterbrach er fast gewaltsam ...

Er erzahlte, dass er vorm Jahre mit den Depeschen des Staatskanzlers nach Triest und von dort zu Schiff nach Ancona gereist ware den kurzesten Weg, um Rom in Zeit von acht Tagen zu erreichen ... Auf diesem Dampfboot hatte er eine Bekanntschaft gemacht ... Ein hoher stattlicher Mann ware ihm aufgefallen, ein Greis mit weissen Haaren, aber kraftigen dunkelgebraunten Antlitzes, eine Erscheinung, vor der die Bemannung des Schiffes ebenso wol, wie die Passagiere die grosste, wenn auch etwas scheue Hochachtung bezeugt hatten ... Bald hatte er erfahren, dass dieser in einen grauen militarischen Oberrock, sonst in Civil gekleidete Mann einer der ersten Namen des Kaiserreichs ware, Admiral der osterreichischen Flotte, Francesco Bandiera1... Italiener von Geburt, Venetianer aus den alten Geschlechtern, hatte Bandiera die angeborene Seemannsnatur zu Gunsten des Staates ausgebildet, dem ihn die Geschicke Europas nach dem Sturz Napoleon's zugewiesen ... Er hatte die kaiserliche Marine ebenso vervollkommnet, wie ihrer Geschichte Lorbern errungen er befehligte die osterreichische Fregatte "Bellona", die noch vor kurzem ein englisches Bombardement von Saint-Jean d'Acre unterstutzte ... Reisen nach Amerika hatte er gemacht und trug, wenn er sich in ganzer Reprasentation seiner Wurde hatte zeigen wollen, die Brust mit Orden bedeckt ...

Die Herzogin kannte die Lage dieses Mannes ... Sie wusste, warum sein Blick so traurig und die Ehrfurcht vor ihm so scheu gewesen sein musste ...

Zwei seiner Sohne, bestatigte Benno, hatten die Loyalitat des hochgestellten Vaters auf eine in Oesterreich mit Indignation, in Italien mit Jubel aufgenommene Weise compromittirt ... Attilio und Aemilio Bandiera standen als Marinelieutenants unter ihrem Vater.2 Mit dem Pistol in der Hand und im Bund mit einigen Verschworenen hatten sie sich das Commando der Fregatte "Bellona" erzwingen und mit ihr nach der Kuste der Romagna segeln wollen, wo ein gleichzeitig organisirter Aufstand den Versuch einer Insurrection erneuern sollte, der schon einmal bei Forli und Rimini gescheitert war ... Bandiera selbst, der Admiral, ihr Vater, hatte sich damals den fur einen Italiener zweifelhaften, fur einen Oesterreicher achtbaren Ruhm erworben, die Trummer der in Rimini und Forli gesprengten Insurrection Louis Napoleon Bonaparte war unter den Entkommenen, sein alterer Bruder unter den Gefallenen zur See vernichtet zu haben ... Aber der Ueberfall der Fregatte "Bellona" mislang ... Die beiden dem "Jungen Italien" affiliirten Sohne des Admirals entflohen ... Bandiera, vor dem Kaiserstaat in seinen Sohnen compromittirt, riss sich im ersten Anfall seines Schmerzes die Epauletten von den Schultern, band sich die goldene Scharpe ab, legte seine Wurde nieder und begab sich nach seinem Landgut Campanede bei Mestre an den Lagunen Venedigs; er bekannte sich seiner Stellung fur nicht mehr wurdig ...

Die Herzogin kannte alle diese ergreifenden Vorfal

le ...

Wohl kannst du denken, fuhr Benno fort, wie mich

der Anblick dieses Greises erschutterte! ... Die markige Gestalt war vom tiefsten Schmerz gebeugt ... In die Wellen blickte Francesco Bandiera wie Jemand, der den Tod einem Leben ohne Ehre vorzieht ... Abgeschlossen hielt er sich von der ganzen Equipage des Schiffs ... Ich horte flustern, er wollte nach Korfu, wohin seine Sohne geflohen waren, wollte ihnen zureden, zuruckzukehren, sich dem Kriegsgericht zu stellen, das sie ohne Zweifel zum Tode verurtheilen wurde er wollte sie ermuntern, sich der Gnade des Kaisers zu empfehlen und eine Gefangnissstrafe zu bussen, die vielleicht keine lebenslangliche war ... Auch ihm personlich konnte dann noch vielleicht moglich bleiben, eine Stellung zu behalten, die er trotz seiner Jahre liebte ... Das Blut eines alten Seemanns fliesst unruhig und geht nicht im gleichen Takt mit dem Leben auf dem Lande ...

Die Mutter verstand die Schwere eines solchen Schicksals und horchte ... "Eine Mutter", sagte sie, "ist die Vorsehung ihres Kindes!" Das waren deine Worte, mein Sohn, als wir an Angiolinens Leiche standen! ... Ein Vater aber, fuhr sie fort, ist der Sohn selbst ... Das ist nur Eine Person mit ihm Vater und Sohn, beide haben nur eine und dieselbe Ehre ...

Benno seufzte ... Er verfiel auf Augenblicke in ein Sinnen. Nicht um den Kronsyndikus, wie die Mutter dachte ... Ebenso hatte Bonaventura gesprochen, der keine Ruhe mehr im Leben finden zu konnen erklarte, solange er wusste, in einem Kerker der Inquisition schmachtete sein Vater ... Benno theilte die Ueberzeugung, dass Fra Federigo Friedrich von Asselyn war ... Er sah Conflicte kommen mit Friedrich von Wittekind, der ihn todt glauben musste ... Sich aufraffend fuhr er fort:

Die Begegnung des Vaters mit seinen Sohnen schien eine Scene des hochsten Schmerzes werden zu mussen ... Ich betrachtete den gebeugten Helden mit jener Ruhrung, die das tragische Schicksal einflosst ... Doch gerade meinen Blick vermied er ... Es hatte sich herumgesprochen, dass ich als Courier fur die Regierung reiste. Meine Tasche mit den Depeschen verrieth mich; Geheimhaltung war mir nicht anbefohlen worden ...

Benno war schon so auf die Weise des politischen Lebens in Italien gestimmt dass er den besorglichen Blick der Mutter wohl verstand ... Ein Courier mit osterreichischen Depeschen ist in Italien nicht vor dem Tode sicher ...

Die Fahrt dauerte zwei Tage und zwei Nachte ... erzahlte Benno. Die Kuste der Romagna kam und verschwand wieder. Die hohen Apenninen sah das Fernrohr bald, bald verloren sich die zackigen, zuweilen schneebedeckten Hohen. Jenseits derselben lag Rom! ... Auf die Lange war nicht zu vermeiden, dass Bandiera mit mir in Gesprache verwickelt wurde. Er erkundigte sich nach meiner Heimat. Da er sie nennen horte, sprach er von einem mir unendlich theuern Namen, der aus dortiger Gegend geburtig ist. Den englischen Obersten Ulrich von Hulleshoven hatte Bandiera auf der Ruckreise von Rio Janeiro, wohin er die Erzherzogin Leopoldine von Oesterreich als Kaiserin von Brasilien uberfuhrt hatte, in Canada kennen gelernt ...

Den Vater deiner Armgart! ... sagte die Mutter lachelnd ...

Benno erwiderte:

Du sahst wol an Lucindens Schilderung, dass diese Liebe mehr ein Gegenstand des Spottes als des Gluckwunsches ist ... Schon hab' ich mich gewohnt, sie wie meinen Stern des Morgenlands zu betrachten, dem die Lebensreise unbewusst folgt ... Ich hoffe um so weniger auf Erfullung, als der Freund, den ich jeden Augenblick erwarte, ebenso leidet wie ich ...

Mein Sohn, sagte die Mutter voll Theilnahme, es gibt in der Liebe vielerlei Wege ... Die gerade Strasse fuhrt nicht immer zu dem was fur uns bestimmt ist ... Hoffe! ...

Benno hielt einen Augenblick inne und schuttelte seine ihm fast auf die Schultern reichenden schwarzen Locken ... Nach einer Weile fuhr er fort:

Auf diese Mittheilung, die mich ausserordentlich uberraschte, wurde ich mit Admiral Bandiera vertrauter ... Dass der vom Staatskanzler mir gegebene Auftrag eine ganz zufallige Veranlassung hatte, schien ihn fast zu erfreuen ... Er fasste Vertrauen, als ich ihm sagte: Die Jugend des jetzigen Europa wachst in neuen Anschauungen auf! Zwei Offiziere, die ihren Eid brachen, konnte man freilich nicht entschuldigen; aber wie oft hatten auch die Volker und die Fursten in diesen Zeiten ihre Eide brechen mussen! ... Nein, wallte er auf, ich schiesse sie nieder, die Fahnenfluchtlinge, Verrather an ihrem Kaiser, ihrem Schiff, dem sie angehorten, dem Palladium ihrer Ehre! ... Die Erregung, mit der der greise Admiral diese Worte sprach, glich der des Brutus, der seine Sohne zu richten hat ... Dennoch konnt' ich erwarten, dass diese Reise nach Korfu, wo die Sohne ein Asyl bei den Englandern gefunden hatten, die Wendung der Versohnung nahm. Ich bemitleidete den Greis, dessen Inneres von Folterqualen zerrissen schien ... Die Mutter nahm schon langst Partei fur die Sohne ... Sie machte eine jener verachtlichen Mienen, von denen auch nur, wenn innerliche Abneigung sie ergreift, die Sudlanderin ihre Gesichtszuge entstellen lasst ...

Ihren Pahs! und Ehs! erwiderte Benno:

Ich rechnete zu des Paters Leiden die mir vollkommen ersichtliche Liebe und Theilnahme fur seine Sohne ... Sie schienen die Augapfel seines Lebens ... Beide Sohne waren der Stolz der Mutter, die nach Mailand geeilt war, um die Gnade des Vicekonigs anzurufen ... Sie hatte trostende Versprechungen zuruckgebracht, falls die Fluchtlinge reuig wiederkehrten ... Ja im Stillen gahrte in des Alten Brust die Regung des geborenen Italieners. Er glaubte vollkommen an die Moglichkeit dieser Verirrung, schrieb er sie auch nur auf Rechnung der Verfuhrung Er, er wollte ihnen lieber die kaiserliche Kugel vor die Stirn brennen lassen, rief er aus, als sie mit diesen Mordbrennern und Mordern in London, Malta, Korfu, wo die Junten des "Jungen Italien" sassen, Hand in Hand gehen zu sehen Bald jedoch setzte er hinzu: Dort suchen und finden sie die Kugel sichrer, als wenn sie nach Venedig zuruckkehren, ihren Richtern sich stellen und ihr Schicksal der Gnade des Kaisers empfehlen! ... Was thun solcher Jugend, fuhr er wie ein Italiener zu calculiren fort, ein paar verlorene Jahre? Bis dahin andert sich vieles. Aemilio, mein jungerer, ist kraftig; Attilio, der altere, zarter erst dreiundzwanzig Jahre alt ...

Das Auge der Herzogin leuchtete hell auf ... Ihr Herz schlug fur die jungen Fluchtlinge, die zu jenem Bunde gehorten, von dem zwolf Logen auch in Rom wirken sollten zu jenen Verschworungen, um derentwillen Fefelotti und Ceccone scheinbar Frieden geschlossen ... Nur blieb sie besorglich gespannt ... Wie konnte diese Begegnung Veranlassung sein, dass Benno so plotzlich nach Rom kam und sogar, wunschen konnte, Ceccone und Olympien wieder zu begegnen ... Ihre Augen, die wie gluhende Fragezeichen auf dem sonnenverbrannten Antlitz des Sohnes hafteten, sprachen: Was willst du mit alledem? ...

Mutter, sagte Benno liebevoll, ich gestehe dir's, ich habe bei allen diesen Beziehungen nur an dich gedacht, habe aus deinem Sinn heraus daruber geurtheilt du hattest mich schon in Wien zum Italiener gemacht ...

Divino! flusterte die Herzogin und kusste Benno's Stirn ...

Benno druckte ihre Hand und fuhr fort:

Ich empfand Mitleid mit dem Vater und den Sohnen ... Auch die Sohne schienen ihren Vater zu lieben und die Schande vollkommen zu erkennen, die sie ihm bereiteten ... Er erzahlte die ruhrendsten Zuge ihrer Anhanglichkeit ... Wie erkannt' ich das schone Band, das einen Sohn an seinen Vater fesseln kann wie den Schmerz, nicht mit ihm dieselbe Bahn gehen zu durfen! ... Ich vergegenwartigte mir den Mann, dessen Namen auch wir tragen sollten und sagte mir: Hattest du ihn im Leben zur Rechenschaft fordern durfen, wer weiss, ob sein Anblick dich nicht entwaffnet hatte ...

Orest todtete seine Mutter! wallte die Herzogin auf ...

Aber die Furien verfolgten ihn! entgegnete Benno ...

Ein unheimliches Bruten trat in die Augen der Herzogin ... Sie schien sich auf die Momente Wittekind's zu besinnen, von denen sie selbst erzahlt hatte, dass sie bestrickend sein konnten ... Sie brutete, ob sich Benno etwas daraus machen wurde, sich mit der Zeit einen Wittekind zu nennen ... Fefelotti konnte mit einem Federstrich ihre Ehe legitimiren ... Fur wissentliche und unwissentliche Bigamie gab es in Rom dicht an der nachsten Strassenecke die officielle Entsuhnung ...

In Ancona nahm ich Abschied von dem greisen Helden, fuhr inzwischen Benno fort. Obgleich das Schiff einen Tag rastete, blieb der Admiral auf seinem Elemente. Anconas Thurme schreckten ihn. Er hatte die Fahne des "Jungen Italien" auf ihnen gesehen. Er hatte die Fluchtlinge von Forli und Rimini aufgefangen und an die Kerker des Spielbergs ausgeliefert ... So lohnte ihm die Nemesis ... Er druckte meine Hand, ermahnte mich, wenn ich Aeltern hatte, ihnen Freude zu machen, empfahl sich dem Obersten von Hulleshoven und zeigte nach Sudost, zu den jonischen Inseln hinuber. Die Heimat des Ulysses! sagte er ... Ihm wurde keine Ruhe mehr werden, deutete er damit an. Er wollte seiner Weinreben in Campanede warten. Der Gedanke an seine Gattin, die Mutter dieser geliebten Sohne, fullte sein Auge mit Thranen ...

Die Herzogin machte eine Miene, als wollte sie sagen: Ah bah! Was hilft das uns! Kummere dich nicht um ihn! ...

Ich erlitt in Ancona eine Verzogerung, fuhr Benno fort, weil gerade damals Grizzifalcone den Weg nach Rom besonders unsicher machte ... Der Eilwagen fuhr in Begleitung eines Detachements Carabiniers ...

Ueber den Angriff bei Olympiens Hochzeit, uber die Gefahr der Mutter, den Tod des Raubers hatten sich die Briefe genugsam ausgesprochen ... Dennoch kam Benno mit neuem Bedauern darauf zuruck ... Dafur kurzte er die Schilderung seines Aufenthalts in Rom ab, der bis zum Carneval und bis zur Ankunft der Mutter gedauert hatte ...

Da entflohst du wieder! ... sagte sie. Bereitetest meiner Sehnsucht die schmerzlichste Enttauschung! ... Nun ich von deiner Liebe zu Armgart weiss, versteh' ich es und alles das nennst du deutsch! Deutsch ist euch die Ehrlichkeit ! ... Dein Vater war nun auch ein Deutscher und dennoch Doch fahre fort! ... Ich ahne sagte die Mutter mit zagender Stimme du lerntest die Gebruder Bandiera selbst kennen ...

Ich ging nach dem Suden, sprach Benno mit bejahender Miene, sah Neapel, schwelgte in Sorrent, kletterte uber die Felsen Capris und Ischias, lernte die Sprache des Volks, die eine andere als die der Grammatik ist, und reiste nach Sicilien ... Ich machte die Reise mit einigen Englandern, die ich in Sorrent kennen gelernt hatte im Hause der Geburt Tasso's ... Wir stimmten beim Anblick einer alten Bronzebuste des Dichters uberein, dass nach diesem Abbild Tasso die hasslichste Physiognomie von der Welt gehabt haben musste und dadurch seine Stellung zu Leonore d'Este eine neue und komische Beleuchtung erhielte ... Ich blieb mit diesen heitern Englandern zusammen ... Wir reisten nach Palermo ... Dort besuchten wir ein englisches Kriegsschiff, das im Hafen lag ... Wir dinirten am Bord desselben; kostlicher und frohlicher, als ich seit Jahren auf dem Lande gelebt ... Der Wein floss in Stromen ... Die Englander meiner Bekanntschaft waren mit dem Kapitan von der Schule zu Eton her bekannt ... Am Tisch sassen zwei junge Manner, Italiener, die bei dieser ausgelassenen Schwelgerei die Zuruckhaltung und Massigkeit selbst waren ... Sie sprachen Deutsch und Englisch, waren bildschon, hatten Augen von einem gluhenden und doch wieder so milden Feuer ...

Wie du! unterbrach die Mutter wie mit dem Ton der Eifersucht ... Sie weidete sich an Benno's Anblick, der ein edler und mannlicher war ...

Sage, wie verkleidete Angiolinen! ... entgegnete Benno ... Die Sohne Bandiera's waren wie Castor und Pollux ... Redete man den einen an, so errothete statt seiner der andere ... Nach Tisch wurde auf dem freien Element bei einem Sonnenschein, der alle Herzen der Menschen mit Liebe und Versohnung hatte erfullen sollen, politisirt ... In der Ferne lag das rauschende wilde Palermo mit seinen Kuppeln und Thurmen; sein Kauffahrteihafen mit Hunderten von Masten; das englische Kriegsschiff mit achtzig Kanonen lag dicht am Castell und diente zur Unterstutzung einer Differenz des englischen Leoparden mit der Krone Neapels3... Dicht lag es an dem abgesonderten Festungshafen Castellamare ... Ich erzahlte den Brudern meine Begegnung mit ihrem Vater und fragte nach dem Resultat ... Sie sehen es, sagten beide zu gleicher Zeit und zu gleicher Zeit fullten sich beider Augen mit Thranen ... Abwechselnd, wie nach Verabredung und doch nur infolge ihrer guten Erziehung und bruderlichen Eintracht, sprach immer der eine und dann erst der andere. Ihr Gemuth schien ein einziges Uhrwerk zu sein. Was auf dem Zifferblatt der eine zeigte, schlug mit dem Glockenhammer der andere ... Sie erzahlten, dass sie wol gewusst hatten, welchen Kummer sie dem Vater und der Mutter bereiteten und wie sie des erstern ehrenvolle Laufbahn unterbrachen. Sie hatten aber schon lange keinen freien Willen mehr. Einmal eingereiht in den Bund des "Jungen Italien" mussten sie vollziehen, was ihnen befohlen wurde. Die Befehle kamen von London, Malta und Korfu. Nur durch diese blinde Unterwerfung und ganzliche Gefangengabe seiner eigenen Personlichkeit konnte eine grosse Zukunft erzielt werden. Italien musste frei von den Fremden, frei von seinen eigenen Unterdruckern, musste einig werden und eine grosse untheilbare Republik. Ich mochte, weil dieser Wahn zu eingewurzelt schien, ihn nicht bekampfen ...

Wahn? unterbrach die Mutter. Glaubst du, dass diese Ceccones, diese Fefelottis so zittern wurden, wenn sie solche Hoffnungen fur Wahn hielten? ... Alle Cabinete Italiens furchten sich vor diesen beiden Junglingen ...

Die Republik, sagte Benno, ist nur moglich fur Volker, die in dieser Staatsform eine Erleichterung fur ihre ubrige tagliche Sorge, fur eine vom Gewinn oder von der Furcht gestachelte einzelne Hauptthatigkeit ihres geselligen Verbandes finden. Sie ist moglich bei einem Volk, das in der Lage ist, sich taglich vertheidigen zu mussen, wie die Republiken Griechenlands; sie ist bei leidenschaftlichen und den Erwerb liebenden Ackerbauern, wie in der Schweiz, bei leidenschaftlichen Industriellen, wie in den Niederlanden und in England, bei Handeltreibenden, wie in Holland und Amerika moglich. Jede Nation aber, die sich Zeit zum Traumen lassen darf, die nichts erzielt, nichts hervorbringt, Nationen, wie sie Sudamerika, Spanien, Italien, selbst Deutschland bietet, sind unfahig zur Republik ...

Die Herzogin erwiderte:

Der Italiener liebt den Gewinn mehr, wie Einer ...

Italien sind nicht die Gastwirthe! entgegnete Benno und wollte dem Thema ausweichen ...

Die Mutter aber hielt es fest und sah in Italien die Republik unter dem Schutz eines verbesserten Papstthums wieder aufbluhen ... Rom beherrscht noch einmal die Welt! sagte sie. Das erhohte, zur wahren Capitale der Christenheit erhobene Rom! ...

Mit oder ohne Jesuiten? ... fragte Benno ironisch ...

Ein spanischer Jesuit lehrte, es sei erlaubt, Tyrannen zu morden ...

Ketzerische Tyrannen! ...

Marco hatte sein Souper beendigt, hatte sich in seinen schwarzen Frack geworfen und ging lachelnd und schmunzelnd wie ein alter Hausfreund drinnen im Salon auf und ab ...

Mutter und Sohn mussten schweigen, weil der Alte naher kam, auf die Blumenterrasse durch die halbgeoffnete Thur blickte und fragte:

Altezza werden nicht mehr auf den Corso fahren ?

Marco that, als ware es ganz in der Ordnung, wenn man hier jeden Abend ein gewahltes Souper fand ...

Hier ist unser Corso ! sagte die Mutter ...

So will ich die Pferde ausspannen lassen ... blinzelte Marco und ging ...

Die Pferde waren gar nicht angespannt gewesen ... Ein Miethkutscher in der Nahe lieferte sie nach Bestellung ... Wurden sie nicht bestellt, so war es eine kleine Ersparniss ...

Benno, der diese kleinen Manover, die Marco machte, um die Armuth seiner Gebieterin zu verbergen, mit Ruhrung bemerkt hatte, lenkte, da die Herzogin den Nachtimbiss noch etwas verschieben zu wollen Marco nachgerufen hatte, wieder auf seine Erzahlung ein ... Er schilderte den Eindruck, den ihm die Bruder Bandiera gemacht hatten, als einen so nachhaltigen, dass er seit jenem Besuch des Kriegsschiffs in den Interessen dieser jungen Manner wie in denen seiner altesten Freunde lebte ... Ich habe, sagte er, an jungen Bekannten Deutschlands die gleichen Stimmungen und Ueberzeugungen oft bespottelt und ihnen keine Lebensfahigkeit zugestanden; aber selten auch fand ich einen idealen Sinn in solcher Reinheit, eine dem Unmoglichen zugewandte Ueberzeugung so fest und als selbstverstandlich aufrecht erhalten. Diese Bruder hatten sich ebenso zu Kriegern wie zu Gelehrten gebildet. Sie sprachen von den Wurfgeschossen bei Belagerungen mit derselben Sachkenntniss wie von Gioberti's Philosophie. Sie hatten Ugo Foscolo, Leopardi, Silvio Pellico, alles, was die Censur in Oesterreich verbietet, in ihr Lebensblut aufgenommen und bei alledem blieben sie Junglinge, die wie aus der Marchenwelt gekommen schienen. Dass sie sich unter den Eindrucken der See, der rohen Matrosen, des zugellosen Hafenlebens so rein hatten erhalten konnen, sprach fur die Mutter, die sie bildete, fur die strenge Mannszucht, die der Vater ubte ... Den Aeltern, sagten sie, hatten sie Lebewohl sagen mussen fur diese Erde ... Der Vater hatte sie anfangs begrusst wie Schurken. Geschieden ware er von ihnen wie ihr Bundsgenosse. Er wohne jetzt zu Campanede wie ein Sklave, der nur schon zu alt ware, noch seine, Fesseln zu brechen. Die Mutter wurde ihm die Freude an seinen wenig genossenen Blumen und Fruchten versussen und ihn von seinen jungen Tagen erzahlen lassen, da sie funfundzwanzig Jahre mit ihm verheirathet ware und nicht funf Jahre ihn besessen hatte. Mogen Venedigs Gondeln, sprach Attilio, mit ihren geputzten Sonntagsgasten, mit ihren Stutzern und Damen unter leuchtenden Sonnenschirmen, an Mestre voruberfahren und auf Campanede's kleine Hauser deuten, wo ihr Vater wohne sie wurden nicht lachen, sie wurden ihm um ihretwillen stille Evvivas bringen ...

Ha ragione! sagte die Mutter fest und bestimmt ... Sie hatte keine Theilnahme fur den Vater, sondern nur fur die Mutter und die Sohne ...

Doch wollte sie diese nicht als Martyrer, sondern als Sieger sehen ... Die Rosse sollten ihnen vom Schicksal so wild und stolz gezaumt werden, wie den olympischen, die sich druben auf dem Monte Cavallo aus des Praxiteles Hand baumten ... Diese Evvivas, sagte sie, werden bald laut werden und Sieg bedeuten! ...

Benno zuckte die Achseln ... In seinen Mienen lag der Ausdruck des Zweifels ... Es lag aber auch der Ausdruck der Kampfe in ihnen, die schon lange in seinem Innern vor sich gingen ... Er war nie ein Ghibelline gewesen im Sinn der Bureaukratie Deutschlands wie sein Bruder, der Prasident aber ein Welfe zu werden, wie etwa Klingsohr, Lucinde, andere Abtrunnige, widerstand ihm ebenso ... Der Mutter konnte er seine irrenden Gedankengange nicht mittheilen ... Er erzahlte nur ...

Zunachst berichtete er, wie er die Bruder auf dem Kriegsschiff taglich besucht und mit ihnen politisirt und philosophirt hatte, bis das Schiff die Anker lichtete und nach Malta segelte ... Spater, als die Hitze in Sicilien und bei seinen Wanderungen auf den Aetna zu unertraglich geworden, ware auch er ihnen nach Malta gefolgt; er hatte sie auf dem felsigen Eiland mitten unter den fur sein Gefuhl zweideutigen Elementen der emigrirten Verbannten wiedergefunden wie zwei Engel des Lichtes ...

Schreckhaft, fuhr er in seiner Darstellung fort, war die Seefahrt selbst ... Nach Tagen der druckendsten Hitze sprang das Wetter um und ich erlebte einen Sturm. Die Kuste Siciliens wurde ein einziger Nebelball. Das dunkelgraue, bald nur noch einem weissen Gischt gleichkommende Meer walzte sich wie von einem unterirdischen Erdbeben gehoben. Das Schiff, ein englischer Dampfer, sank und stieg, wie von geheimen Schlunden ergriffen, die es bald hinunterzogen und wieder ausspieen. Jeder Balken achzte. Der Regen floss in Stromen. Das Arbeiten der Maschine mehrte unsere Beklemmung, die den Untergang vor Augen sah. Schreckhaft, wenn nur immer die Rader der Maschine hochauf ins Leere schaufelten man fuhlte dann die furchtbare Gewalt des Dampfes, der keinen Gegenstand fand und die Esse hatte sprengen mussen. Aber in diesem Toben und Rasen des Sturms und des Wassers erkennt man die allgemeine Menschenohnmacht und ergibt sich zuletzt fast wie der Trager einer Schuld, die gleichsam unser Vorwitz schon seit Jahrtausenden gegen die Natur auf sich geladen hat. Auf dem engen Lager der Kajute hingestreckt, erfullte mich zuletzt Seelenruhe, auch wenn in der Nacht das Schiff auf ein Riff oder ein ihm begegnendes Fahrzeug geschleudert worden ware. Der Tod infolge einer Naturnothwendigkeit hat, wenn man sich daran zu gewohnen Zeit bekommt, nichts Schreckhaftes mehr ... Ich erzahle das alles, weil Aemilio Bandiera ganz ebenso vom Segeln auf den Wogen der Zeit sprach ...

Die Mutter machte alle moglichen Zeichen der Abwehr und des Protestes gegen eine solche Ergebung in das Ungluck ... Mitgefuhl und Aberglaube lagen auf den gespannten Zugen ihres Antlitzes, das jedesmal, wenn eine edle Leidenschaft es erregte, einen lichtverklarten Anhauch ehemaliger Schonheit erhielt ...

Attilio setzte hinzu, fuhr Benno fort, bei solchen Schrecken stunden soviel unsichtbare Engel zur Seite und fingen den Streich der Nothwendigkeit auf und soviel, Tausende riefen: Uns ging es ja ebenso! ... Oft, wenn ich mit den Brudern auf dem Molo von La Valette spazieren ging, rings das weite Meer wie nach beruhigter Leidenschaft in lachelnder Majestat lag, wenn ich mich in allem erschopft hatte, was die Geschichte und die gesunde Vernunft gegen die italienische Form, die Freiheit der Volker zu erringen, lehrten antworteten sie: Das mag auf euch passen, aber nicht auf uns! Und auch auf euch passt es nur den Mannern, nicht der Jugend! Die Jugend und ein unreifes Volk folgen der Ueberlegung nicht, sondern dem Instinct. Wir wissen, dass unsere Einfalle, die wir da oder dort in das Erbe der Tyrannen machen, noch scheitern mussen. Aber weit entfernt, dass sie darum dem Spott unterliegen, lassen sie immer etwas zuruck, was dem nachstfolgenden Versuch zugute kommt. Immer ist wenigstens Ein heroischer Zug, Ein uberraschender kleiner momentaner Erfolg vorgekommen, der dann fur den nachsten Versuch ermunternd wirkt; man hatte ein Schiff, einen Thurm erobert, es waren einige der Gegner gefallen Wenn Sie Recht haben sollten, dass die Freiheit immer nur eine Folge eines andern historischen grossen Impulses ist wie Graf Cesar Balbi lehrt, der fur Italien erst den Untergang des osmanischen Reichs als erlosend betrachtet so muss fur eine solche moglicherweise eintretende Krisis die Gesinnung vorbereitet sein. Wir mussen diese Aufstande, so nutzlos sie scheinen, nur allein der Anregung wegen machen. Sie werden noch lange Jahre hindurch scheitern, manche Kugel wird noch die Besiegten mit verbundenen Augen in den Festungswallen niederstrecken, manches Haupt wird auf dem Henkerblock fallen: das thut nichts; alles das halt nur die Frage wach und bereitet vor fur ihre kunftige Entscheidung ...

Die Mutter horchte voll Grauen ...

Als ich entgegnete: Lehrt durch Schriften und Gedanken! lachten beide und erwiderten: Italien und ein Kind begreifen nur durch Beispiele! Der Buchstabe, Dank der langen Beschrankung desselben, kommt unserm ungebildeten, wenn auch geistesregen Volk nicht bei; hier will man sehen, hier mit Handen greifen, die Wundenmale beruhren! Von den Jesuiten erzogen, wird dies Volk belehrt, dass die Patrioten lacherlich und schwach waren. Aber das Beispiel eines Aufstands in Genua oder Sicilien oder in der Romagna muss deshalb auf einige Tage das Gegentheil beweisen. Italien bewundert Rauber um ihres Muthes willen! erganzte Attilio. Was ist der Tod! fiel Aemilio, der jungere, wieder ein. Schreckhaft nur, wenn man im Leben Dinge verfolgt, die sich ausschliesslich an unsere eigene Person knupfen. Aber schon der Krieger gewohnt sich und sogar im Frieden durch die Tausende, die mit ihm in gleicher Lage sind, von seinem Ich als einem vollig Gleichgultigen zu abstrahiren. Einer da mehr oder weniger wen darf das schrecken! Vollends, sprach der ernstere und ruhigere Attilio, wenn man die Philosophie zu Hulfe nimmt! Die Erde ist ein Atom im Weltgebaude; diese Luft, diese Gestirne, diese Welten, diese Baume, diese Menschen sind nur Schatten eines andern wahren Seins, das mit unzerstorbarer Gottlichkeit uber dieser Welt der fluchtigen Erscheinungen thront! ...

Die Herzogin erhob sich, uberwaltigt von den angeregten Empfindungen ... Sie wollte, wenn von Italien die Rede war, nur vom Siege, nur von Kranzen des Triumphes horen ... Der Tod ist nur fur die Feigen da, fur die Tyrannen! rief sie ...

Auch Benno war in hochster Erregung aufgestanden ... Auch durch seine Adern pulste das Blut in machtigerer Stromung ... Nach einigen Gangen hin und her auf der dunkelgewordenen Altane beruhigte er sich und fuhr leiser sprechend fort:

Ich blieb langer auf Malta als meine Ueberlegung hatte gestatten sollen ... Die liebenswurdigen jungen Manner, mit denen ich auch uber Deutschland, uber unsere Dichter und Denker so gut wie uber Italien sprechen konnte, fesselten mich zu lebhaft. Ich wusste nicht, um was ich sie mehr lieben sollte, ob um ihrer Freundschaft und bruderlichen Eintracht willen oder um einen sich so bewundernswerth ruhig gebenden Fanatismus. Was nur Schones in der Menschenbrust leben kann, das hatten diese Junglinge sich zu erhalten und auszubilden gewusst. Die Schilderung der Sternennacht auf den Lagunen Venedigs, in der sie nach ihrer von London erhaltenen Weisung beschliessen mussten, zu Verrather an ihren nachsten Lebenspflichten, an ihres Vaters Ehre, an ihrer eigenen, am Herzen der Mutter zu werden, war erschutternd Sie erzahlten, dass sie unschlussig gewesen waren, ob sie sich nicht selbst erschiessen sollten ... Ich nannte im Gegentheil das Martyrium unserer Zeit: Sich dem nicht entziehen, worauf uns Geburt, Stellung und das Vertrauen der Menschen angewiesen haben! ... Moglich, dass ich dies Axiom zu sehr von Priestern entnahm, die unter dem Druck ihrer Gelubde leben mussen und sie nicht brechen wollen aus Furcht, einer Sache zu schaden, die sie in ihrem Wesen lieben ... Mit einem Wort ich liess ein Herz voll Freundschaft in Malta zuruck ... Auch voll Dankbarkeit ... Das felsige Eiland fesselte mich mit seinen geschichtlichen Erinnerungen langer, als ich hatte bleiben sollen; bald bildeten sich unter den Fluchtlingen zwei Parteien; eine, die das Vertrauen der Bruder Bandiera zu mir theilte, eine andere, die mich fur einen Spion erklaren wollte. Meine Kurierreise von Wien war bekannt geworden und sprach gegen mich. Ich fing an mich vertheidigen zu wollen und, wie in solchen Fallen es geht, verwickelte mich dadurch nur desto mehr. Ich furchtete Concessionen zu machen, die uber mein noch nicht reifes Nachdenken uber diese Fragen hinausgingen. Die Mischung der Charaktere, die ich antraf, war abenteuerlich genug. Kaum waren reine und consequente Gesinnungen unter Menschen vorauszusetzen, unter denen ein wankelmuthiger, schwacher, aus Furcht vor seiner Schwache wieder tuckisch gewaltsamer Mensch wie Wenzel von Terschka eine Hauptrolle zu spielen scheint ...

Auch Pater Stanislaus war zugegen? ... wallte die Mutter erschreckend auf ...

Nicht in Person er dirigirt von London aus ...

Wo er dein Nebenbuhler ist ...

Lucinde hat dich gut unterrichtet! ... sagte Benno ... Da sprach sie sicher auch von Thiebold de Jonge? ...

Auch von ihm ...

Thiebold wurde die Ursache, dass ich endlich von Malta und den immer bedenklicher gewordenen Verpflichtungen aufbrach ... Mein Freund war nach Italien gekommen und wartete auf mich in Robillante ... Wenn ich dir die Versicherung gebe, dass Thiebold de Jonge zwar das narrischste Italienisch spricht, aber das beste Herz von der Welt und eine Freundschaft fur mich hat, wie sie nur die Bruder Bandiera gegeneinander besitzen, so wirst du mir vergeben, wenn ich ihn zum Vertrauten meiner ganzen Lebenslage gemacht habe ...

Die Mutter horchte auf ...

Noch mehr! fuhr Benno fort. Ich habe nur im vollen Einverstandniss mit ihm gewagt hierher zu reisen und einen Plan zu verfolgen, der mir eine Sache des Herzens war ... Indessen jetzt ...

Welchen Plan? fragte die Mutter, noch immer der letzten Aufklarung harrend ...

Marco meldete sich im Esszimmer mit dem Geklapper seiner Anrichtungen ...

Benno sprach leiser:

In so hastiger, vollig unuberlegter Eile hat mich die Freundschaft fur die Bruder Bandiera hergefuhrt ... Nachdem ich Malta verlassen, blieben sie mit mir im Briefwechsel ... Ich kann sagen, es sind die ersten Manner, die mir im Leben nachst meinem Freund Bonaventura imponirten. Selbst wo ich ihre Ansichten verwerfen muss, ruhren sie mich. Ich ordnete mich ihnen schon in Sicilien unter ... Ich mochte diese herrlichen Junglinge ebenso meinem Leben, wie dem Leben der Menschheit erhalten; ich mochte sie dem Vater, der Mutter erhalten, ihnen, die zwar ausserlich tief gebeugt und voll Demuth an den Ufern der Lagunen wandeln, innerlich aber doch ihren Stolz auf "die Knaben" behalten haben ... Mein Gott! Die Stunden der armen Unglucklichen sind gezahlt ...

Wie? Warum? ... rief die Mutter ...

In wenig Wochen vielleicht schon flusterte Benno ...

Ein Aufstand?! fuhr die Mutter empor und hielt Benno's Hand mit ihrer eigenen krampfhaft ausgestreckten Rechten ...

Ein umfassend vorbereiteter! sprach Benno leise ... Es gilt Rom selbst! Der Herrschaft Ceccone's! Der Einschrankung dieses freiheitsfeindlichen Papstes ... Man erwartet Mazzini in Genua, Romarino in Sardinien, erwartet einen Aufstand in Sicilien ... Die Bruder Bandiera sind von Malta aufgebrochen ... Sie liessen zweifelhaft, wohin sie gingen ... Einige ihrer Freunde waren weniger gewissenhaft ... Sie dirigirten Fluchtlinge, die uber die Alpen aus der Schweiz kamen, nach Robillante ... Unter mancherlei Gestalten, als Pilger, als Monche reisen sie vorzugsweise nach der adriatischen Kuste der Romagna ... Dort, bei Porto d'Ascoli, dort, wo seltsamerweise jener Pilger und der deutsche Monch verschwunden sind, soll alles vorbereitet sein zu einem Handstreich ... Die Bruder Bandiera werden eine Landung befehligen ... Ancona, Ravenna, Bologna werden von den Verschworenen an einem und demselben Tage uberfallen werden ... Der Erfolg kann meiner Ueberzeugung nach kein glucklicher sein ...

Warum nicht? rief die Mutter.

Die Bruder werden in die Hand Ceccone's fallen ....

Nimmermehr! ...

Sie werden das Schaffot besteigen ... Die Fuhrer all dieser Aufstande des "Jungen Italien" sollen, das ist die gemeinschaftliche Verabredung der betheiligten Cabinete, auch des Cabinets der gekreuzten Himmelsschlussel, den Tod durch Henkershand erleiden ...

Jesu Maria! rief die Mutter ...

Ich sehe diese edeln Junglinge das Schaffot besteigen! ... Das ist die Angst, die mich nach Rom gefuhrt hat ...

Die Mutter sturzte an den Hals ihres Sohnes ...

Nun hatte sie die Ursache, warum Benno wunschte, sie ware bei Olympien und Olympia begrusste ihn noch mit ihrer fruhern Neigung ...

Benno hatte gehofft, so den Brudern Bandiera das Leben retten zu konnen ...

Marco! Einen Augenblick! Lass doch! Lass doch! rief die Mutter in den Salon und warf die Glasthur zu ...

Als sie mit Benno auf der Altane abgeschlossen war, warf sie sich ihm wiederum mit Ungestum an die Brust ...

Ich Olympien zurnen! sprach sie. Nimmermehr! Wenn du ihrer bedarfst, so hab' ich nichts von ihr erduldet! Lass sie mich mit Fussen getreten haben wenn sie dich nur liebt, wenn sie deinen Wunschen nur Erhorung gibt Jesu Maria, nur diese Sohne Italiens vor dem Henkersschwert bewahrt ...

Benno stand gedankenverloren ...

Die Mutter fuhr fort:

Ich weiss es, Ceccone brutet furchtbare Dinge ... Er muss es thun ... Fefelotti, das Al Gesu, der Staatskanzler, seine eigene Liebe zur Macht treiben ihn dazu ... Aber sei ruhig, mein Sohn! ... Lass Olympien in deinen Armen ruhen! Lass sie die Hande zu deinem stolzen Nacken erheben ... O sie sind zart, diese Hande ... Sie mordeten nur Lammer ... Olympia ist ein Kind! Noch jetzt! Noch jetzt! ... Vielleicht, dass du, du sie zum Guten erziehst! Vielleicht, dass du mit deinem Liebeskuss das Eis ihres Herzens aufthaust! ... Sie kann schon sein, wenn sie liebt! sagt' ich dir schon in Wien ... Sie kann vielleicht auch gut sein, wenn sie liebt! ... Mein Sohn, habe Muth, vertraue! Wir Frauen sind alles, was ihr aus uns macht! ... Fliege hin zu ihr, hore das Jauchzen ihrer gestillten Sehnsucht, fuhle die Glut ihrer Zartlichkeit, sei, sei, was sie will ! ...

Es ist zu spat ! erwiderte Benno ...

Um meinetwillen zu spat? fuhr die Mutter fort und raunte ihm ins Ohr: Ich beschwore dich ... Ich habe dich hier nie als einen Racher fur mich erwartet ... Pah! Attilio Bandiera hat Recht: Was sind unsere Personen! ... Das Vaterland ist die Losung ... Sollen diese Junglinge, deine Freunde, die Hoffnungen Italiens verderben ? ... Nimmermehr! ... Ein Kuss von deinem Munde und Olympia zerreisst alle Todesurtheile! ...

Benno strich sich das Haar in wildester Erregung ... Seine Augen gluhten ... Seine Brust hob sich ... Der Raum der Altane war zu eng fur das machtige Ausschreiten seines Fusses ...

Ist es denn aber auch gewiss, fragte die Mutter leise, gewiss, dass diese Invasion bevorsteht? ...

Die Kuste der Adria ist reif zum Aufstand! flusterte Benno ... Die Zollbedruckungen Rucca's sollen unertraglich sein ... Die achtbarsten Kaufleute arbeiten der Insurrection in die Hande ... Und hier in Rom

Zwolf Logen gibt es hier! ... fiel die Mutter ein ...

Benno schwieg ... Er schien mehr zu wissen, als er sagte ...

Die Bruder Bandiera, fuhr die Mutter fort, sind, wenn ihr Beginnen scheitert und sie nicht fallen oder entfliehen konnen, nicht anders vorm Tode zu retten, als durch Olympia ... Ich weiss es, selbst die Hand des Heiligen Vaters scheut das Blut der Rache nicht mehr fur die, die die dreifache Krone antasten Auch das zweischneidige Schwert Petri ist gezuckt Lass alles! Geh' zu dem jungen Rucca! Verstandige dich mit deinen wiener Freunden Auch mit Lucinden! Kenne mich nicht mehr in Rom! ... Ich verlange es! ...

Benno stand, immer in dumpfes Bruten verloren ...

Ich verlange es! wiederholte die Mutter ... Weiss ich dich nur in meiner Nahe! Kann ich deine Stirn nur zuweilen kussen! ... Lass mich, mein Sohn Du fuhlst wie ein Sohn meines Landes! Das macht mich allein schon glucklich! Benno Soll ich so dich nicht lieber nennen nicht Casar? ... Wage du dich nicht selbst an Dinge, die mich um das Gluck deiner Liebe bringen mussen ... Oder doch? ... Thu, wie du musst! Nur geh' morgen zum jungen Rucca, den du in Wien vorm Tode durch einen Elefanten rettetest ... Dein Name, dein Anblick wird Wunder wirken ... Ich kenne Olympiens verzehrende Sehnsucht ...

Nach den Begriffen des italienischen Volks ist Grosse der Empfindung mit List vollkommen vereinbar ... Wie ihr mir, so ich euch! lautet die Moral des Sudens ... Die Herzogin schilderte die Lacherlichkeit des jungen Ercolano Rucca, sein Prahlen mit jenem Angriff eines Elefanten auf ihn, die Sehnsucht, die er noch immer nach dem Bestatiger seines Muthes aussprache, seine Sorglosigkeit Olympien gegenuber, die bald uber sie gekommene Langeweile, die sie vorlaufig im Gebirge in Reformen der Ackerwirthschaft austobe ... Zwar ware sie auf die Grille gekommen, den ehemaligen Pater Vincente, von dem ich dir in Wien schon erzahlte, sagte sie; zum Cardinal zu erheben und ihn jetzt wie ihre Puppe zu behandeln, die sie schmuckt ... Aber dein erster Gruss loscht alle diese Flammen aus ...

Im Lauf der sich ubersturzenden Schmeichel- und Ermuthigungsreden der Mutter bemerkte Benno:

Von diesem Vincente Ambrosi hab' ich in Robillante seltsame Dinge gehort ... Jener Eremit von Castellungo bekannte sich zu den Lehren der Waldenser, die das erste apostolische Christenthum besitzen wollen ... Eine zahlreiche Gemeinde bildete sich ... Zu ihr gehorte ein junger Zogling des Collegs von Robillante, der sich zum Priester bilden wollte. Die Lehren des Eremiten zogen ihn an ... Oft soll er Tage und Nachte bei ihm im Walde zugebracht haben. Die Gesetze verbieten aufs strengste den Uebertritt zu den Waldensern. Eines Tags verschwand der junge Ambrosi und war Franciscaner geworden ... Man schickte ihn zu seiner weitern Ausbildung nach Rom. Seine dortigen Schicksale erzahltest du ... Ueberraschend ist es, dass mancher in Robillante glaubt, er hatte sich durch sein Buss- und Leidensleben nur einem von jenem Eremiten ihm ertheilten Auftrag unterzogen und stunde noch jetzt mit ihm in Verbindung ...

Die Herzogin horte nichts mehr ... Sie war zu erfullt von der einzigen Nothwendigkeit, dass Benno zu Olympien musste ... Sie blieb bei ihrem Wort:

Olympia lasst von allen, wenn du erscheinst! ... Du bleibst der Sieger! ...

Wenn sich Benno im Lauf dieser Ermunterungen und Versicherungen allmahlich scheinbar fur uberwunden erklarte, ja sogar dem Ernst seiner Mienen einige Streiflichter des Scherzes folgen liess, so war ein Gedankengang daran schuld, den die Mutter nicht sofort verstehen konnte ... Er sagte, mit dem Kopf nikkend:

Bin ich nicht glucklich? ... Ich habe eine Mutter, die mich verzieht und mir gegen alles Verdienst schmeichelt; einen Bruder, der mir bei Torlonia einen Creditbrief offen halt, von dem ich dir die Pension Ceccone's verdoppeln zu konnen hoffe; einen Oheim, der mich und Bonaventura zu seinen Erben macht, wenn auch Frau von Gulpen bis an ihr Lebensende, die Nutzniessung seines Vermogens behalt; dann hab' ich in meinem jungen Leben schon vier wahre Freunde gefunden, Bonaventura, Thiebold, Attilio, Aemilio ... Nun hore noch dies, Mutter! Ich wollte nicht ubermuthig sein ... Ich wollte mich in die Strudel des Wiedersehens der jungen Furstin mit Vorsicht wagen ... Hatten wir Stunden der Trauer zu erwarten, mein Freund Thiebold de Jonge sollte uns Erheiterung bringen ... Das Idol seines Herzens schon einmal hat er es mir geopfert ... Und auch jetzt wollte er meinem Gewissen einen tapfern Beistand leisten ... Mit einer Gemuthsruhe, die nur verstandlich ist, wenn man die personliche Bekanntschaft dieses narrischen Menschen gemacht hat, sprach er, als er meinen Kampf und die Furcht sahe, mich nach Rom zu begeben: Bester Freund ...

Noch hatte Benno das Lieblingswort Thiebold's: "Ich kann mich vollkommen auf Ihren Standpunkt versetzen" nicht ausgesprochen, als es draussen heftig klingelte ...

Wer stort uns! rief die Herzogin, stand auf und wollte Befehle geben, die sie fur niemand anwesend sein liessen ...

Schon aber klingelte es zum zweiten mal ...

Mutter, sagte Benno, das kann nur mein sturmischer Freund sein! An dieser kurzen Pause zwischen dem ersten und zweiten Klingeln erkenn' ich Thiebold ... Gegen alle Verabredung hat er sich verspatet ... Ich ging zu Land, er den kurzen Weg uber Genua zu Wasser ...

Man horte die laute Stimme eines radebrechenden Fremden, der nach "Ihrer Hoheit der Herzogin von Amarillas" verlangte ...

Er ist es! sagte Benno ... Ich bin wenigstens froh, dass er noch am Leben ist! ...

Die Mutter wusste, dass der alte Marco die Gewohnheit hatte, vertraute Gesprache seiner Gebieterin nicht zu unterbrechen ... Sie wusste, dass er solche Storungen mit vollig unklarem Bewusstsein, ob Altezza zu Hause ware oder nicht, zu beantworten pflegte ... So kam er auch jetzt mit einer fragenden Miene ... Aber kaum sah er: Willkommen! im Antlitz seiner Gebieterin, so war er auch schon wieder draussen und mit den heitersten Scherzen horbar ... Die gute Laune kam wieder, da er sah, es fing um seine Gebieterin an lebhafter zu werden ...

Thiebold de Jonge trat ein ...

Er sah aus wie ein Rauberhauptmann ... Nur mit dem Unterschied, dass dieser einmal gelegentlich, etwa zum Behuf einer ihm von Aerzten vorgeschriebenen Badereise, eine elegantere Toilette gemacht hat ... Sonst konnte er von seiner "Verwilderung kein Hehl machen" ... Die Gesichtsfarbe war braun "wie ein kupferner Kessel" ... Sein Bart wie die Mahne eines Lowen ... Sonst trug er sich vom Kopf bis zum Fuss in Nankingstoffen ... Auf dem weissausgelegten Hemd von bielefelder Leinwand blitzte eine Brustnadel von Diamanten, die abends jedem Rauber eine Aufforderung zu einem kuhnen Griff erscheinen durfte ... Weste, Pantalons, gefirnisste Stiefel, alles war von jener Fashion, die dem Modejournal und den heimatlichen Gewohnheiten entsprach ... Mindestens glich er bei alledem doch einem "Schiffscapitan, der zweimal die Linie passirte" ... Mit einem Gemisch von Worten, das wahrscheinlich bedeutete: "Ich muss tausendmal um Entschuldigung bitten, Frau Herzogin!"

kam er uber die Schwelle des Salons gestolpert ... "Noch taumelte das kaum verlassene Schiff mit ihm" ... An seinem Strohhut, den er, wie er Benno zuraunte, "in erster Verlegenheit" zerdruckte, flatterten zwei rothe Bander, wie am Hut eines Matrosen ... Seine Corpulenz hatte zugenommen ... Bei alledem war er anziehend und fur Italien als Blondin doppelt interessant ...

Seinen Freund Benno noch in der Hauptsache ignorirend, radebreche er, immer zur Herzogin gewandt, dass er eben angekommen ware und seinen Freund aufgesucht und dessen Spur bei Piazza Sciarra und endlich auf dem Monte Pincio aufgefunden hatte ... Bitte, Hoheit, ich bin nur da, um ihm meine Adresse, die auf ein vis a vis seiner Wohnung lautet, zu bringen oder etwa eine Verabredung fur morgen zu treffen oder falls Hoheit heute Abend noch Befehle hatten, sie auszufuhren Ich werde uberhaupt in Rom lieber Eurer Hoheit, als einem Menschen folgen, der mir den Weg uber Genua angerathen hatte, ohne zu wissen, dass die Dampfschiffe von Genua nicht auf Passagiere warten, die sich von wunderbaren Kaffeehausern und Hotels in Nizza und Genua nicht gut trennen konnen ... So bin ich aus Zerstreuung in Genua sitzen geblieben und wider Verabredung um funf Tage zu spat gekommen, hoffe indessen, dass der von meinem Freunde beabsichtigte Feldzug auch ohne die Trancheen, die ich ...

Dies schwierige Bild aus der Kriegstaktik auszufuhren scheiterte nicht gerade an Thiebold's Sprachkenntnissen, wol aber an seinem Gedachtniss ... Er hatte seine Rede italienisch gehalten und auswendig gelernt ... Die Ehren, die er der Herzogin liess, waren ungefahr die, die er etwa in Deutschland einer regierenden Landesmutter von Braunschweig oder Nassau hatte erweisen mussen ...

Die Herzogin reichte dem narrischen Signore Tebaldo die Hand und bat ihn, sogleich zum Souper zu bleiben ... Sie klingelte, liess ihr kleines Mahl anrichten, trat am Arm Tebaldo's in ein Esszimmer, wo die kleine Tafel sinnig geordnet war, und fand sich in ihn so gut, als hatte sie ihn seit Jahren gekannt ... Das Gefuhl, in ihm einen Mitwisser des Geheimnisses zwischen ihr und Benno zu sehen, durfte sie nicht storen; Signore Tebaldo war nur durch die ihm nicht gelaufige Sprache und die Anwesenheit der Diener verhindert, sofort jeden "Zwang als bei ihm vollig uberflussig" zu bezeichnen und die "Sachlage" und die "vollendete Thatsache" und uberhaupt alles auf "seine naturlichen Voraussetzungen zuruckzufuhren" ... Sein Sprachgemisch, zu dem sich als letzte Aushulfe Franzosisch gesellte, sein Benehmen gegen Benno, die Art, wie er die Terrasse "himmlisch" und "stellenweise die drei Treppen belohnend" fand, die Kritik des "kuhlen Speisesaals", die Leichtigkeit, mit der er seinen Stuhl ergriff und die entzuckende Natur Italiens, selbst mit "radicaler Unertraglichkeit" solcher Strekken wie von Civita-Vecchia bis hierher, die Einfachheit der Sitten, die Frugalitat der Soupers "mit Ausnahmen" anerkannte, Roms Trummerwelt als einen "das Auge mehr oder weniger beleidigenden polizeilichen Skandal der Jahrhunderte" bezeichnete, alles das hatte etwas so Vertrauenerweckendes und uber jede Schwierigkeit sogleich Hinwegsetzendes, dass die Herzogin nicht die mindeste Scheu vor ihm empfand ... Zwischen eine Erzahlung uber seine Reiseabenteuer von Robillante bis hierher und die ersten Erfahrungen in einem romischen Hotel, das er sofort verlassen hatte, weil der "erste Cameriere sich gegen ihn das Benehmen eines Ministers erlaubt hatte", liess er bei Abwesenheit der beiden Diener die kuhn stilisirten Worte fallen:

Altezza, anch' io suon un' filio perduto, ma ritrovato! ... Auch ich hab 'nmal eine Mutter gehabt, die in einem Zeitalter gestorben ist, von dem ich mir nur noch eine dunkle Erinnerung bewahrt habe! Jedoch an jedem Sterbetag der fruhvollendeten Dulderin hab' ich mit dem alten Mann, meinem Vater, eine Messe fur sie lesen lassen und ging in die Kirche, was sonst meine Gewohnheit weniger ist ... Gott, das sind jetzt zwanzig Jahre her und oft hat mich schlechten Menschen diese Gewohnheit genirt. Aber ich that's um meines Vaters willen. So lang' ich lebe und es noch Kirchen gibt, setz' ich diese Gewohnheit fort an jedem vierzehnten October, Tag des heiligen Burkard, vorausgesetzt, dass unsere Kalender stimmen, Hoheit! ... Ich bin nicht ganz so aufgeklart, wie mein Freund da Asselyn. Ich kann Ihnen, wenn Sie es wunschen, Herzogin, auf jede Hostie selbst eine wunderthatige beschworen, dass ich mir die Ehre, Mitwisser Ihres "ubrigens langstgeahnten" Geheimnisses zu sein, durch eine Discretion verdienen werde, die Ihnen moglicherweise selbst auf die Lange peinlich werden durfte! ... Unglaublich! Wirklich der Kronsyndikus ! Na, wissen Sie, Benno, wie wir damals bei dem Leichenbegangniss ... Doch kein Wort! ... In der Kunst, sich dumm zu stellen, hab' ich die Vortheile voraus, die einem gemeinschaftlichen Freund von uns zugute kamen, der eines Tags die Entdeckung machte, dass durch systematisches Ignoriren sich am besten die Ignoranz verdecken lasst! ... Bruto e muto! ... So wahr wie

Marco's Kommen unterbrach einen, wie es schien, auf Haarstraubendes berechneten Schwur ...

Die Herzogin verstand aus den franzosischen Beimischungen seiner Rede, was er andeuten wollte, und Benno kusste die Hand der Mutter Thiebold bat um die gleiche Gunst ... Die Gluckliche sass, wie sie sagte, wie die Perle im Golde ...

Marco schien ihr alles das von Herzen zu gonnen ... Er sah auf nichts, als auf die Leistungen seiner Kochkunst ...

Die trauervollste, ernsteste Stimmung musste durch Thiebold de Jonge immer mehr gemildert werden ...

Thiebold erzahlte, bald italienisch, bald deutsch, bald franzosisch und noch ofter Benno zum Uebersetzen veranlassend, von einem aus Paris von Pitern vorgefundenen Brief ... Er verbreitete schon damit uber die Zuge der Herzogin den Ausdruck einer Heiterkeit, die sie seit Jahren nicht gekannt hatte ... Thiebold's Humor hatte die seltene Eigenschaft, beim Scherz dem etwaigen Ernst, der eingehalten werden musste, nicht im mindesten seine Wurde zu nehmen ... Jede vom ab- und zugehenden Marco und seinem Genossen, der eine stattliche Livree trug, gelassene Pause, benutzte er, die Saiten zu beruhren, die in Benno's Innern zu machtig nachbebten ... Wie wuchs die Verehrung vor ihrem Sohn, als die Mutter sah, dass Benno solche Freunde gewinnen konnte ... Thiebold ausserte in noch verstarkterem Grade die Besorgniss, die Benno uber das Schicksal der beiden Manner hatte, die ihm so werth geworden ... Er theilte "unbekannterweise" ganz diese Sympathie fur die Gebruder Bandiera ohne allen Neid ... Er sah eine Sorge im Gemuth des Freundes und suchte ihr abzuhelfen; das war ihm Aufgabe genug ... Ohne selbst Politik zu treiben, konnte er sich "dergleichen Wahngebilde von einem fremden Standpunkt aus vollstandig erklaren" ... Es war der immer gleiche Trieb der Gefalligkeit, der in Thiebold's Herzen so freundliche Wirkungen hervorbrachte. Dieser Trieb verband sich mit dem behaglichen Gefuhl seiner sorglosen Lebenslage, seiner reichlichen Mittel, vorzugsweise dann freilich auch mit dem ungewissen Halt seiner eigenen Bildung. Sah er kluge Leute von einer Sache interessirt, so war er selbst klug genug, ihren Meinungen "vollstandig Rechnung zu tragen" ... Italien und Rom "waren nun einmal da" ... Die Interessen dieses "uberhitzten und in einem sudlichen Klima gelegenen Landes" waren ebenso abzuwarten, wie der Hemmschuh des Vetturins ... Vollends war "die Guillotine kein Spass" ... Thiebold besass jene seltene Toleranz, die eine fremde Welt um so mehr achtet, je weniger sie davon versteht ...

Nur schade, dass die Herzogin der "neuerfundenen Mischsprache" Thiebold's nicht immer folgen und so recht die Gegensatze und Naturlichkeiten geniessen konnte, die in dieser empfanglichen Seele zu gleicher Zeit Platz hatten ...

Die Nacht war herniedergestiegen ... Millionen Sterne funkelten am dunkeln Himmel ... Auf der Altane, auf die man nach dem Souper, dem sogar Champagner nicht fehlte, zuruckkehrte, brannte eine Lampe ... Drei so traulich Verbundene sassen unter dem Duft der Blumen und in dem ganzen Zauber sudlicher Natur, der sich selbst beim nachtlichen Gewirr der Stadte nicht verliert ... Glocken lauteten; die Luft, die nach dem Untergang der Sonne anfangs kuhl geweht, hatte wieder ihre alte Weiche gewonnen; die Lampe warf geheimnissvolle Reflexe in das tiefdunkle Grun der hohen Zierpflanzen und zog schwirrende kleine Kafer an, die in ihr eine lichtere Schlummerstatte zu finden glaubten, als die Orangen- und Granatenbluten, in deren Kelchen sie schon gebettet lagen ... So erliegen wir den Ausstrahlungen hoherer Ziele, die ein Gesetz unserer schwachen, dem Irrthum unterworfenen Natur rastlos uns auch dann noch suchen lasst, wenn wir uns schon langst hatten genugen sollen ...

Benno und die Mutter knupften an die fruhere, von Thiebold unterbrochene Stimmung an ... Thiebold konnte nun selbst das sagen, was eben Benno als seine Hulfe in der moglicherweise verhangnissvollen Wiederbegegnung mit Olympien hatte berichten wollen ...

Ja Armgart ! seufzte Thiebold ... Wir lieben ein und dasselbe Madchen, Hoheit, und langst hab' ich entsagt zu Gunsten meines Freundes. Ich beanspruche nur noch bei ihm Pathenstelle ... Seine Grossmuth lehnt nun freilich mein Opfer ab und darin hat er Recht: Der Gegenstand unserer Liebe neckte einen mit dem andern ... Diese Cigarrentasche, die von ihr ist sehen Sie, Hoheit, diese so mangelhafte Arbeit deutet auf eine Berechtigung, das Andenken der Geliebten gleichsam zur Lebensgefahrtin machen zu durfen, wahrend mein Freund einen Aschenbecher erhielt, ein Mobiliar, das sich nur in den vier Wanden benutzen lasst ... Er vergass es in Robillante ich hab's mitgebracht, lieber Freund ... Andererseits konnte damit freilich das Princip der Hauslichkeit angedeutet sein ... Genug "sei dem, wie ihm wolle" und wie sehr wir besorgen mussen, dass eine raffinirte Natur wie die des Ex-Paters Stanislaus mit Hulfe der so fanatisch lichtfreundlichen Aeltern uns beide aus dem Felde schlagt, ich habe meinem Freund als einzigen Ausweg aus dem Labyrinth seiner moglichen Verirrungen mit Furstin Rucca den Ariadnefaden meiner eigenen Liebe zu ihr vorgeschlagen ...

Die Herzogin begriff nicht ...

Altezza! Ich kenne uberraschende Wirkungen der blonden Haare in Italien! unterbrach Thiebold Benno's Erlauterung ... Ich habe haarstraubende Erfolge erlebt! Ich werde noch mehr gewinnen, wenn ich Fortschritte in dieser verdammten gottlichen Sprache mache, die mich beschamend genug an mein altes Latein Secunda erinnert ... Ich liebe die Furstin Rucca bereits bis zur Narrheit! Ich werde Benno's Erfolge paralysiren ...

Die Herzogin fragte nach dem Sinn dieser Worte und fixirte den Sohn, den Thiebold nicht aufkommen liess ...

Es ist dies: Ich, ich liebe Grafin Olympia Maldachini bereits aus dem Garten von Schonbrunn, schon aus der Menagerie im Prater ... Die Erzahlungen uber sie wirkten so auf mich, dass ihr die Wahl zwischen mir und Benno unmoglich werden soll ... Schon vor funf Tagen sollt' ich im Palazzo Rucca meine Karte und einen Empfehlungsbrief von Benno an den jungen Elefantenkampfer abgegeben haben ... Nun ist es spater geworden und der Furst ist auf dem Lande ... Ich reise morgen in erster Fruhe nach Villa Torresani, auch nach Villa Tibur, wo Lucinde wohnt, im Widerspruch mit allen, die sie verdammen, bekanntlich eine leidenschaftliche Neigung von mir ... Scherz bei Seite, Hoheit, die Schilderung der Personlichkeit der Furstin Olympia hat mehr, als meine Neugier erregt. Gruner Teint, blaue Haare, Wuchs bis Benno's Taille ich werde Lucinden sofort Erklarungen machen und um die Vermittelung meiner Wunsche bitten. Ich mag diese kleinen Figuren! Armgart ist auch nicht gross. Ich werde der Furstin zeigen, was bei uns in Deutschland schwarmen heisst. Weiss ich dann auch, dass mich die spatere Ankunft Benno's, die ich in Aussicht stelle, aus dem Sattel heben wird, so werd' ich doch sein Schicksal so lange durchkreuzen, aufhalten und nur uber meine Leiche hinweg ihn zum Sieger uber diese gebietende Gottin des Kirchenstaates werden lassen, dass daruber das Schicksal der Gebruder Bandiera sich entschieden haben durfte ... Ich weiss nicht, ob ich deutlich gewesen bin, Hoheit? ...

Die Mutter begriff halb und halb und sah lachend auf Benno, der eine abwehrende Miene machte ...

O, fuhr Thiebold auf, ich weiss durchaus nicht, ob es nach genommener Verabredung ist, dass mich mein Freund Asselyn hier in unserm Plan durch ein ironisches Lacheln unterstutzt! ... In Robillante waren wir einig: Wir wagen uns beide in die Hohle des Lowen! Wir bitten die Herzogin von Amarillas um ihre Protection! Wir unterwerfen uns Sr. Eminenz dem Cardinal Ceccone in gebuhrender Demuth! Wir lassen in dieser grossen, vornehmen Welt, in der Sie leben, gnadigste Frau Herzogin, unser Licht leuchten so gut es geht und sollte mir mein Freund Asselyn wirklich von jenem grunen Teint und jenen blauen Haaren in Gefahr fur seine Tugend gerathen, so verderb' ich ihm jedes Rendezvous und setze das so lange fort, bis Rom entweder eine Republik geworden ist oder Ceccone, was mir wahrscheinlicher erscheinen durfte, die Sentenz fur die Gebruder Bandiera zu unterschreiben hat ...

Die Herzogin sah den Irrthum Thiebold's uber ihre gegenwartige Lage, unterstutzte aber seinen uberraschenden Einfall durch jede Geberde ... Sie unterdruckte jede Einsprache Benno's, nannte Ceccone ihren Freund, ihren Gonner, Olympia ihr treuestes Pflegekind ... Sie ermuthigte beide, mit der jungen Frau ihr Heil zu versuchen ...

Es schlug nun elf Uhr ...

Thiebold mahnte an den Aufbruch ...

Benno blieb traurig und schien keinen Willen mehr zu haben ...

Die Mutter liess ihn nur mit den Beruhigungen scheiden, die sie verlangte ... Er musste versprechen, morgen im Palazzo Rucca nach dem Principe Ercolano zu fragen und seine Karte abzugeben Thiebold sollte inzwischen schon ins Gebirge und auf die Villa Torresani reisen ...

Das alles stand fest und unwiderruflich ... Die Mutter fuhrte Benno an das Medaillon des Herzogs von Amarillas, ergriff seine drei Schwurfinger und flusterte ihm "bei Angiolinens Angedenken!" einen Schwur ... Er sollte geloben, dass er sich mit Lucinden verstandigte und in die Welt Ceccone's und Olympiens eintrate, ohne die mindeste Rucksichtsnahme auf irgendetwas, was ihr personlich begegnet war ...

Benno erwiderte: Rom ist die Tragikomodie der Welt! ... Er gab der Mutter in dem, was sie vorlaufig begehrte, nach ...

Beim Nachhausegehen war Thiebold entzuckt von dieser "seltenen Frau" ... Er verwunschte seine mangelhaften Kenntnisse im Italienischen, schwur, taglich sechs Stunden Unterricht nehmen zu wollen und erstaunte dann nicht wenig, als ihm Benno beim Herabsteigen von jener grossen Treppe, die auf den spanischen Platz fuhrt, erzahlte, dass sich die Stellung seiner Mutter zu Ceccone und Olympia ganzlich verandert hatte ...

Nun erst begriff Thiebold die kalte Aufnahme, die er an Piazza Sciarra erfahren hatte, als er dort nach der Herzogin von Amarillas fragte ...

Er verwunschte die romische Welt nicht wenig ...

Dann verglich er Rom bei Nacht mit seiner Vaterstadt bei Nacht ... Die Beleuchtung war hier "unter der Wurde" Rom verwarf bekanntlich damals als "revolutionare Neuerung" nicht blos die Eisenbahnen, sondern auch die Gasbeleuchtung4 ...

Die Freunde verabredeten sich, morgen in alter Weise gemeinschaftlich zu fruhstucken und das Weitere ernst zu berathen ...

Thiebold wollte zu Benno kommen ...

Den Aschenbecher vergass ich in Robillante! rief Benno Thiebold nach, als dieser schon an die Pforte seiner Wohnung geklopft hatte, die derjenigen Benno's gegenuber lag ... Bringen Sie ihn doch morgen fruh mit ...

Das einzige Wort, mit dem Benno die zum Tod betrubte Stimmung seines Innern verrieth.

Fussnoten

1 Geboren 1780 in Venedig. 2 Wir geben nur Thatsachen. 3 Die bekannte "Schwefelfrage". 4 Thatsache.

7.

Die Wirkung einer Karte, auf der zu lesen stand: "M o n s i e u r T h i e b o l d d e J o n g e , recommande par le Baron Benno d'Asselyn" war ausserordentlich ...

Sie fiel in die Siestenstunde, wo auf Villa Torresani die junge Furstin Rucca bei herabgelassenen Jalousieen auf schwellenden Polstern ausgestreckt lag und vielleicht in Liebesschauern vom schonen Cardinal Ambrosi traumte ...

Sie fuhr empor ...

Halbentkleidet lag sie auf einem Ruhebett ausgestreckt ... Dicht war sie gegen die bosen "Zanzari" in Musselinvorhangen eingehullt ... Mit halbschlafendem Bruten hatte sie ein Deckenbild des Bettes, eine Amorettenscene von Albani angestarrt ...

Diese Villa war der Mittelpunkt einer durch Kunst und Natur zum reizendsten Aufenthalt bestimmten Schopfung ...

Die Villa Torresani lag auf Bergabhangen hingehaucht wie im tandelnden Musenspiel ... Alles an ihr war leicht, zierlich und gleichsam ohne Muhe geschaffen ... Die Treppenaufgange waren in ihren Gelandern mit zierlichster Symmetrie durchbrochen, auf ihren Wangen mit Statuen, Aloe- und Cactustopfen geschmuckt ... Wo sich bei jeder neuen Etage die Treppe zwiefach theilte, platscherten Springbrunnen oder muschelblasende Tritonen ... Oben auf der gekieselten Plateforme erhob sich ein Bau voll Pracht und Schonheit, in zwei Stockwerken, verschwenderisch geziert von Saulen, Nischen, Statuen, abgeschlossen hoch oben von einer Attika, deren vier Ecken freischwebende Marmorbilder begrenzten ... Eine silberweisse Herrlichkeit war es, weithin leuchtend aus einem dunkeln Boschetto von Lorberhecken und urmachtigen Eichen ... Hier rauschten die Wasser, dort sangen die Vogel, summten die Kafer ... Weit hinaus zur Ebene verfolgte das Auge die gelblichen Fernsichten herbstlicher Stoppelfelder; sie milderten sich durch die quer hindurchlaufenden Weingehange und die breitastigen, nicht angstlich beschnittenen Pappeln ... In der Ferne erhob sich Rom, die Peterskuppel, sie, der immer hocherhobene Finger, der die Welt aus dem Erdendunst gen Himmel weisen soll ... Wer aber schweift hinaus bei so begluckender Nahe! ... Hier waltete die Kunst und die in ihren Weihemomenten uberraschte Natur ... Durch die zur Erde gehenden Fenster des Palastes sah man die an den Capitalen bronzirten schwarzen Marmorsaulen eines grossen Speisesaals mit dem weissschwarzen Marmorgetafel des Fussbodens ... Nach hinten empfingen die Schlafund Siestenzimmer die Kuhle einer angrenzenden Cypressengruppe, den Duft des zur Berglehne reichenden Blumengartens, in dem die Pflanzen eines noch tieferen Sudens im Winter durch Glasdacher geschutzt wurden ... Dort reiften Bananen ... Dicht am Fenster, wo Olympia schlief, hauchte eine Gruppe Gardenien aus ihren weissen, grossmachtigen Blutentrichtern und aus der wollustig feuchten Warme der fortdauernd zu erneuernden Berieselung einen Duft aus, gegen den der Duft der Rose verschwand ...

Olympia lachte im Halbschlaf Sie lachte sogar des Cardinals Ambrosi, der sich ihren Sorgen fur eine seiner wurdige Einrichtung durch den eifersuchtigen Fefelotti hatte entziehen mussen ... Dann erschrak sie, weil den Cardinal-Conservator der Reliquien nichts als Todtenschadel umgaben ... Durch eine nahe liegende Ideenverbindung kam sie auf den deutschen Monch Hubertus und Grizzifalcone ... Sie warf sich auf die andere Seite und wieder lachte sie ihrer Schwiegermutter, die sie fortwahrend hofmeistern wollte ... Sie lachte Lucindens, des Cardinals und der Herzogin von Amarillas ...

Da eben erscholl das Klopfen des betressten Dieners Da kam die Karte ...

Drei, vier Klingeln gingen durcheinander, als sie die Karte gelesen hatte ... Portier, Diener, Kammerzofe wem hatte sie nicht alles Befehle zu ertheilen! ...

"Recommande par le Baron d'Asselyn" ...

Die Furstin, ausser sich, weckte ihren nebenan schnarchenden Ercolano ...

Fur diesen war sogar ein Brief vom Signor d'Asselyno durch den draussen harrenden mit Extrapost vorgefahrenen Monsieur Thiebold de Jonge selbst uberbracht worden ...

Sie herrschte dem schlaftrunkenen Gatten zu, er sollte den Fremdling so lange unterhalten, bis sie sich in Toilette geworfen hatte ... Den Brief nahm sie selbst und erbrach ihn ...

Benno von Asselyn beklagte in diesem Briefe sein bisheriges Los, das ihn in der Welt hin- und herzureisen gezwungen und erst jetzt nach Rom zuruckgefuhrt hatte ... In acht Tagen spatestens wurde er dem Fursten seine Gluckwunsche und der Furstin sich selbst zu Fussen legen ...

So schallen auf der Insel Ceylon plotzlich wunderbare Klange aus der Luft ... So richtet sich die Blume auf, die nach langer Durre ein sturzender Regen erfrischt ... Olympia flog in ihre Garderobe ...

Thiebold de Jonge hatte inzwischen in einer Empfangsrotunde Gelegenheit, die Geschichte der alten Kunst zu studiren ... Neun Marmorstatuen zierten sie, geschmackvoll in Nischen angebracht; sie sowol wie der Mosaikfussboden gehorten dem wirklichen Alterthum an ... Hier war alles echt ... Das alte Rom war hier noch nicht untergegangen ...

Spater hat es Thiebold oft erzahlt, wie ihm der erste Anblick der "kleinen Heuschrecke", die nach einer halben Stunde in gelbnaturseidenen, mit grunen Blattern und bunten Bluten bedruckten Gewandern hereinrauschte, Lexikon, Grammatik, Alberti's Complimentirbuch in vollstandigste Verwirrung brachte ... Die "gelbe Hexe" ware viel, viel anziehender gewesen, als er erwartet ...

Dennoch musste er sich fruh erholt haben ... Er "reussirte" schon beim ersten Grusse ... Benno hatte sich getrost noch acht Tage in Rom konnen versteckt halten ... Thiebold beschaftigte den Fursten und die Furstin schon am ersten Tag mit all den Erfolgen, die wir als die gewohnliche Belohnung seiner geselligen Talente kennen ... Sogar ein Begrussen der Villa Tibur wurde ihm am ersten Tag nicht moglich ... Das Franzosische unterstutzte die Verstandigung ... Olympia und Ercolano liessen den liebenswurdigen "Baron" de Jonge nicht wieder frei ...

Der Brief, die Ankunft Thiebold's hatten sich verspatet ... Folglich erschien Benno schon am Tag nach dem Siestentraum ...

Ercolano holte ihn aus Rom ab und er holte ihn im Triumph ... Da hatte denn der junge Romer den Mann, der es moglich machte, die Geschichte von seinem "Kampf mit einem Elefanten" zu wiederholen ... "Dies ist der Herr, der mich damals in Wien " ... Ercolano erdruckte Benno mit seinen Umarmungen ...

Und siehe da! ... Als Benno auf Villa Torresani ankam, hatten sich gerade Thiebold und Olympia schon bei einem Ausflug in den Gebirgen verspatet ...

Es konnte kein Wunder nehmen, dass in drei Tagen Thiebold und Benno schon auf der Villa Torresani selbst wohnten ... Im Garten gab es mehrere, die reizendste Aussicht gewahrende Pavillons ... Diese allerliebsten kleinen Hauschen mit den grunen Jalousieen! hatte Thiebold seltsam kokettirend zur Furstin gesagt und sogleich wurde eines fur sie aufgeschlossen ... Es war die Zeit, wo alles auf dem Lande lebte ... Was wollen Sie in Rom, was in Tivoli! wo die Freunde sich eingerichtet hatten im Gasthof zur Sibylle Sie wohnen bei uns! jubelte Ercolano ... Lucinde wohnte tausend Schritte weiter von den Wassersturzen Tivolis ... Weder Benno noch Thiebold hatten sie begrusst und schon wohnten sie in dem Pavillon der Villa Torresani ... Die Italiener sind sonst nicht gastfrei ... Hier aber traten Grunde ein, diese beiden jungen Fremdlinge nicht wieder frei zu lassen ... Schon das erste Zusammentreffen des Besuchs mit einer Visite der Schwiegermutter, das Hinzukommen anderer Nachbarschaften entschied ... Alle sagten: Diese beiden Deutschen werden die Lowen der romischen Gesellschaft! ...

Thiebold's Kunst, die Menschen und Verhaltnisse in Verwirrung zu bringen, ohne die erstern ubermassig zu reizen und die letztern zu unglucklich ausgehen zu lassen, bewahrte sich auf eine bestrickende Art ... Benno konnte in der That einige Tage zweifelhaft sein, ob nicht Thiebold den Sieg davontrug ... Thiebold hatte sogar den Muth, des Abends sentimental zu werden ... Beim Anblick der Wirkungen, die er damit auf die junge Furstin machte, erleichterte sich ihm die anfangs beklommene Brust, erheiterte sich sein Rundblick auf die Verhaltnisse, in die ihn die Sorge um zwei dem Tod bestimmte Freunde Benno's wider alle Neigung gezwangt hatten ... Benno, dem die Furstin noch gleichsam schmollte, blieb ernst und duster ...

Nun haben wir's, sagte Thiebold, als Benno das reizende Gartenhaus mit seiner Aussicht auf das vom Kaiser Hadrian "Tempe" genannte gluckselige Thal mit ihm bezogen hatte und voll Verdruss die glanzende Einrichtung, die bronzirten Sessel, die Sammtkissen, die Verschwendung an Marmor und Krystall sah, nun werden Sie eifersuchtig auf mich! ...

Wir streiten uns, entgegnete Benno, wie zwei Fechter, die zum Tode bestimmt sind! Auf dem Programm der Niedermetzelungen geschieht dem einen weniger Ehre, als dem andern! ... Bin ich darum wol etwa traurig? ...

Das Verhaltniss Olympia's zu Benno war in Wahrheit dies: Als sie mit Benno zum ersten male allein war und von Wien zu reden begann, erbleichte sie, zitterte und verliess, keines Wortes machtig, das Zimmer ... Um nur Fassung zu gewinnen, gab sie sich den Schein mit ihm zu schmollen ...

Eine Tauschung nur ... Sie war auf dem Gipfel alles Erdenglucks ... Sie ritt, sie fuhr, wie in ihrer frohlichsten Zeit ... Thiebold machte sich zu ihrem dienenden Cavalier und sie liess sich's gefallen ... Thiebold plauderte zu amusant, war immer lebhaft und gefallig immer "prasent" das wollen die Frauen ... Sie konnte vollkommen mit zwei solchen jungen Mannern zu gleicher Zeit fertig werden ... Thiebold hatte Recht, wenn er sagte: Unsere Tugend rettet ihr Embarras de richesses! ...

An lange Einsamkeit und ein ungestortes Begegnen war freilich wenig zu denken ... Die Furstin war eine Neuvermahlte, Ercolano rauchte nicht eine Cigarre ohne sie, trank nicht ein Glas deutscher "Birra" ohne Benno und sein Leben bestand aus Trinken und Rauchen ... Reiter und Fuhrwerke belagerten die Thore der Villa Torresani ... Zankte auch wol der alte Furst, der aus der Stadt ab und zu kam, uber einen Landaufenthalt, der seinen Zweck, zu sparen, ganzlich verfehlte, so war nun einmal Olympia die Nichte des regierenden Cardinals und hatte als solche den Zustrom der Fremden und Einheimischen ... Da gab es hundert Monsignori, die Carriere machen wollten; Aebte, Bischofe kamen von nah und von fern; Fefelotti sogar ordnete sich Ceccone's gesellschaftlicher Stellung unter ... Fremde kamen, die aus Kunstinteresse, andere, die aus Frommigkeit, die meisten, die aus Geselligkeitstrieb nach Rom wallfahrteten ... Das Princip der romischen Aristokratie, so unzuganglich wie moglich zu sein, liess sich hier nicht durchfuhren ... Olympia wollte nicht aufhoren, die Beherrscherin Roms zu bleiben ...

Und wie war die Zeit bewegt ... Couriere kamen und gingen ... Ausserordentliche Botschafter von Neapel, Florenz und Modena gab es zu empfangen ... Schon horte man von Verhaftungen in Rom ... Von Aufhebung einzelner "Logen" ... Die Gefangnisse der Engelsburg und des Carcere nuovo fullten sich so, dass die Gefangenen des Nachts, mit starken Escorten, nach Civitavecchia und Terracina geschickt wurden ... Von ungewohnlichen Streifcolonnen horte man, die durch die Gebirge zogen ... Die Marine Neapels, Sardiniens, Oesterreichs kreuzte in den Gewassern von Genua, um Sicilien her und im Adriatischen Meere ... Schon wurden allgemein die Bruder Bandiera als Anfuhrer von Trupps genannt, die demnachst an verschiedenen Stellen Italiens landen wurden ...

Ceccone, der Benno sehr artig begrusst und dem devoteren Gefahrten Thiebold die Hand zum Kusse gereicht hatte, war, das beobachteten beide, in ausserster Aufregung ... Seine Kutsche fuhr hin und her ... Sie wurde regelmassig von zwolf Berittenen der Nobelgarde begleitet, wenn er nach Castel Gandolfo fuhr, wo der Heilige Vater eingeschlossen lebte und mismuthig uber sein Korperleid die Bullen, Breves und Allocutionen unterschrieb, die man ihm aus den verschiedenen Collegien seiner Weltregierung uberbrachte. Bucher wurden verboten, Excommunicationen ausgesprochen ... Wachter der Kircheninteressen gab es genug ... Wenn auch der Hohepriester nichts las, als medicinische Schriften, nichts horen wollte, als arztliche Consultationen ... Seine Zuflucht war damals, wie bekannt, ein deutscher Arzt geworden ...

Olympia hatte in der That jetzt keine geringe Abneigung gegen die "Erhebung Italiens" ... Sie raderte und kopfte "Ein paar Handschuhe monatlich Ein Bedienter nur Und deine Hemden selbst flicken "? Mazzini, Guerazzi, Wenzel von Terschka jeden erwartete, wenn man seiner habhaft wurde, ein eigener Galgen ... Bekanntlich unterschreibt der Heilige Vater nie die Todesurtheile selbst; man uberreicht sie ihm wenn er nichts dagegen einwendet, hat die Gerechtigkeit ihren Lauf ... Man kann die Religion der Milde nicht milder betrugen! sagte Benno ...

Als Benno zum ersten mal mit Ceccone beim jungen Rucca dinirte, bedurfte er der ganzen Erinnerung an die Verstellungskunst des ihm schon einmal in seinem Leid aufgegangenen Hamlet ... Er gab jede Auskunft, die der geschmeidige Priester zu horen wunschte ... Er widersprach keinem Urtheil, das sich ja auch hier nicht berichtigen liess ... Er horte nur mit Schrecken: Wir wissen alles! Wir sind unterrichtet uber die Personen! Wir kennen die Orte ... Wir wissen, wo die Fackel der Emporung zuerst auflodern soll! ... Zwanzig Mitglieder der "Junta der Wissenden" haben auf die Hostie geschworen, mich binnen einem Jahre zu todten! ... Ich weiss, dass geloost worden ist! Ich weiss, dass ein Mann in Rom, in meiner unmittelbaren Nahe leben soll, der die Aufgabe hat, mich zu ermorden! ... Nun wohlan! Ich will es aufgeben zu forschen sonst mistrau' ich jedem, der mich grusst, jedem, der in die Nahe meines Athems kommt ...

Eben war bei Tisch gesprochen worden von einigen Konigsmordern, die kurz hintereinander in Frankreich guillotinirt wurden ... Benno horchte, ob bei allen diesen Schilderungen ein Advocat Clemente Bertinazzi wurde genannt werden, der ihm als Mittelpunkt der Verschworer in Rom bezeichnet worden und der ihn sogar selbst erwarten durfte ... Er erblasste, als Cola Rienzi genannt Rienzi's Haus am Tiberstrand geschildert wurde Bertinazzi wohnte dicht in der Nahe ...

Niemand sprach von Bertinazzi ...

Benno bedurfte der neuen Anmahnung seiner Mutter, um in dieser peinlichen Lage harmlos und unbefangen zu bleiben ... Nur endlich zu Lucinden zu gehen, beschwor sie ihn ... Immer noch war er nicht auf die Villa Tibur gekommen ... Die Schwiegermutter Olympiens war wieder einmal mit ihrer Tochter im Streit Lucinde sollte "Farbe halten", und nicht auf Villa Torresani erscheinen ... Das verlangte die alte Furstin ... Und die junge verlangte gleiches von ihren Hausgenossen ... Ceccone emancipirte sich ... Das sahen Benno und Thiebold mit Erstaunen Nach den Diners fuhr Ceccone auf Villa Tibur ... Die Voraussetzung, dass Graf Sarzana dennoch dieser Donna Lucinde in redlichster Absicht den Hof machte, horte Benno in der That ... Noch hatte er diesen Cavalier nicht gesehen ... Aber die Art, wie in Italien die Ehe geschlossen wird und um ihrer Unaufloslichkeit willen sich mit allen Verirrungen der Leidenschaft vertragen muss, hatte er genug beobachtet ... Lucinde eine Grafin! ... Er konnte sich nicht genug die Wirkung davon in Witoborn, Kocher am Fall und in der Residenz des endlich freigegebenen Kirchenfursten ausmalen! ...

Thiebold war nicht mehr zuruckzuhalten, Lucinden zu besuchen ...

Er kam von ihr zuruck und hatte sie ausserordentlich vornehm gefunden ... Sie gabe Audienzen wie eine Furstin ... Sie hatte sich hochst bitter uber Benno beklagt, der sie nicht zu begrussen kame ... Nur die Nahe eines "Conclaves von Pralaten", darunter Fefelotti, hatte verhindert, dass er sich daruber ganz mit seiner "alten Freundin" ausgesprochen mit ihr, die ihm den Streit uber die Kreuzessplitter als Ursache ihrer gegenwartigen Anwesenheit in Rom dankte ...

Olympia horte diesen Bericht voll Neid und sagte grimmig lachend:

Benissimo! Die Kammerzofe meiner Schwiegermutter! ...

Sie aber werden sie nicht sehen ... Ich verbiete es ... wandte sie sich zu Benno ...

Benno brauchte sich nicht zu verstellen, wenn er seine Geringschatzung Lucindens andeutete ... Da aber mahnte jetzt sogar der Cardinal um den Besuch in Villa Tibur ... Olympia horte diese Flusterworte und wollte aufs neue widersprechen ...

Benno warf einen einzigen Blick auf sie und sagte: Ich reite morgen hinuber, Eminenz! ...

Die junge Furstin sah empor zu ihm, wollte bitter schmahlen, dann schlich sie still davon ... Welch ein Gluck beherrscht zu werden von dem, den man liebt ... Wie gern hatte sie so ihr ganzes Leben ihm zu eigen gegeben ...

Der Cardinal sah das und verstand alles ... Er lachte dieser demuthig niedergeschlagenen Augen, mit denen sein Kind, erst zornig aufwallend, sich beherrschte und hinter den Saulen des Esssaals verschwand ... Dergleichen war ihm an Olympien noch nicht vorgekommen ...

Am andern Tage fuhr sie dann aber doch mit Thiebold und ihrem Mann nach Rom eines Modeartikels wegen, sagte sie Sie schmollte mit Benno ... Als dieser fest blieb und bat, ihm ein Pferd nach Villa Tibur bereit zu halten, weinte sie und zog ihre Fahrt bis zum Abend hinaus ... Lucinde schien ihr die Einzige, die ihren beiden Freunden gefahrlich werden konnte ...

Benno durfte hoffen, Lucinden allein zu finden ... Er hatte gehort, dass auch die alte Furstin in Rom war, wo sie ofter verweilte als auf dem Lande Pumpeo's wegen Seine erste Aufwartung hatte Benno ihr in Rom gemacht ...

Lucinde, die Benno in so vielen sich widersprechenden Situationen, in Demuth und Gluck, in Verzweiflung und Uebermuth, schon und hasslich, fromm und heuchlerisch, verfuhrerisch und abstossend gesehen hatte Sie jetzt auf solcher Hohe! ... Ihr sich beugen zu mussen, von ihr durchschaut zu werden, sich und seine Mutter abhangig von ihrer Grossmuth, von ihrer Selbstbeherrschung zu wissen wol durfte ihn das alles mit Bitterkeit und Mismuth erfullen ...

Er umritt das schon im Abendgold schwimmende Tivoli und suchte dem Bett des Anio von der Seite seines rauschenden Sturzes beizukommen ... Der Larm des Stadtchens oben, die Schrei-Concerte der Esel, das Lachen und Schwatzen des Volks, das Begegnen der Fremden hatten seiner Stimmung wenig entsprochen ...

Anfangs musste er sich vom Rauschen des Wasserfalls in seinen verschiedenen Spaltungen entfernen, dann kam er ihm wieder naher ... Vogel flogen uber ihn her, wie aufgeschreckt vom Donnerton der sturzenden Gewasser. Sie flogen zur Linken Unglucksboten, wie er nach antikem Glauben sich sagen durfte beim Anblick des wohlerhaltenen Vestatempels, der oben auf der Hohe schimmerte, und in Erinnerung an die Sibylle Albunea, die einst hier die Orakel verkundete ...

Liegt die Villa Tibur so nahe dem Rauschen des Anio? sprach er zu sich selbst und gedachte Armgart's, die einst so im Rauschen der Muhlen von Witoborn Ruhe und ihre Aeltern gefunden hatte ...

Die schon dunkle Schlucht mit ihren silbernen Schaumterrassen, ihren feuchtkuhlen Grotten, ihrem wilden Baum- und Pflanzengewucher blieb zur Rechten ... Villa Tibur lag noch hoher in die Berge hinaus ... Nur wie ein fernes Meeresrauschen, immer gleich, immer rastlos, nie endend als nur durch die einstige Zerstorung dieser Felsen beim Weltgericht so musste der Sturz vernommen werden in der kleinen Villa, die sich durch Olivenwalder und Bergzacken endlich unterscheiden liess ...

Hoch oben glanzte noch der goldene Sonnenschein, der hier unten im Gekluft schon fehlte ... Die Cypressen an der endlich erreichten Thorpforte standen so ernst, wie nebenan einige Hermen ... Ein Reitknecht in Livree war zunachst zur Hand, der schon ein Ross am Zugel hielt ... Das Ross des Grafen Sarzana! dachte Benno ... In der That war dieser der Herr des Knechts ... Er erwartete ihn, sagte er, jeden Augenblick von oben ... Gleich an der Pforte, lag ein Wirthschaftsgebaude, wo, wie Benno sah, an Dienern kein Mangel war ... Ihnen gab er zur Hut das Pferd aus Ercolano's, ihres jungen Fursten, Stall ...

Ueber sich schlangelnde und terrassirte Wege ging es aufwarts zur Villa, die sich an Grossartigkeit mit Villa Torresani nicht messen konnte ... Sie war so klein, dass Lucinde hier hochstens nur zwei Zimmer bewohnen konnte ... Schon aber war auch sie, wenn auch alterthumlicher, als die auf der andern Seite des Berges ... Die Decke des Vestibuls enthielt Lunettenbilder von ersten Meistern ... Der Garten bot Laubengange und Boskets ... Man zeigte einen Gang hinunter, den die Weinrebe aus lieblichen Guirlanden bildete ... Dort sollten Donna Lucinda und Graf Sarzana verweilen ... Dieser Gang endete in einem Rundbogen von geschnittenen Myrten ...

Hob sich hier vom dunkelgrunen Hintergrund in blendendweissem carrarischen Marmor eine in Schilfblattern kniende Nymphe mit einem Schopfkrug als eine Erinnerung an die Wasserwelt des fernher rauschenden Anio an sich schon bedeutungsvoll ab, so noch mehr die an das Postament dieser Gruppe gelehnte Gestalt Lucindens ...

Benno sah, was das Gluck vermochte ...

Lucinde, die in St.-Wolfgang von der alten, uber die Alpen ihrem Pflegling, dem Bischof, gefolgten Renate verachtet wurde, von Grutzmacher nach einem Steckbrief verglichen, von Tante Gulpen aus der Dechanei verwiesen, Lucinde, die sich in der Residenz des Kirchenfursten nur durch Nuck's Interesse fur sie erhielt, die nicht unverdachtig der Theilnahme an einem Verbrechen auf Schloss Westerhof geblieben war sein Beichtwissen durfte Bonaventura auch an Benno nicht verrathen sie, die Bonaventura in Mannerkleidern nach Wien gefolgt war soviel hatte Benno von ihm erfahren sie, ein Kind der Armuth, in ihrer ersten Jugend eine Magd ... Da stand sie jetzt in einem purpurrothen Kaschmirshawl, den sie um beide Arme geschlungen hielt ... Ihr weisses Gewand lag eng an ihrer schlanken Hufte ... Ihr Haar, um den Kopf in Flechten gewunden, war frei ... Im starren Auge lag die alte Unheimlichkeit des Blicks, ihre Rache an dieser Welt fur etwas, das sie vielleicht selbst nicht angeben konnte ... Ihre blinzelnde Augenwimper, ihre leise, zuruckhaltende Sprache ... Letztere schon in der Todtenstille angedeutet, die Benno antraf, obgleich ihr gegenuber auf seinen langen Degen sich stutzend Graf Sarzana stand, den bebuschten silbernen Helm in der Hand ... Dennoch unterhielten sie sich ... Benno konnte den Bewerber erst erblicken, als sein Fuss schon in die Myrtenrotunde eingetreten war ... Vorher stand nur Lucinde seinem Auge ersichtlich Sie, die Richterin uber das Geheimste, was mit seinem Dasein zusammenhing ...

Herr von Asselyn! sprach Lucinde Benno dem Grafen vorstellend ohne einen Schritt weiter zu gehen oder sich in ihrer Stellung zu verandern ...

Zu Benno sagte sie lachelnd: Kommen Sie also endlich? ...

Sie hatte den Ankommenden schon beim Absteigen vom Pferde gesehen und langst ihrem Blute Ruhe geboten ...

Graf Sarzana hatte sich eben entfernen wollen ...

Benno betrachtete Lucinden, die so ruhig that, als hatte sie ihn erst gestern zum letzten mal gesehen, betrachtete den Cavalier, der in so seltsamer Umstrikkung lebte ... Beide mit dem grossten Befremden ... Graf Sarzana war ein Mann zwischen den Dreissigen und Vierzigen ... Seine Augen ruhten auf Benno mehr finster, als freundlich ...

Er verneigte leicht sein Haupt und sagte, dass er schon von Signor d'Asselyno gehort hatte ... Benno hatte auf den nahe liegenden Besitzungen des Cardinals Verwandte des Grafen gesprochen, die da und dort die Oekonomie verwalteten ...

Ein Brautpaar konnte Benno kaum zu sehen glauben ...

Die Kalte und Ruhe Lucindens war der Ausdruck der hochsten Abspannung ...

Graf Sarzana schien aufgeregter, wenigstens stand ein unausgesetztes Streichen der Haare seines Helms mit seiner scheinbaren Ruhe im Widerspruch ...

Unwillkurlich bot sich fur Benno die Vergleichung mit Paula und dem Grafen Hugo ... Wie anders dies Gegenbild! ...

Der Abschied des Grafen verzogerte sich ...

Benno's scharfes Auge glaubte einen gemachten Zug von Verachtung vor dem sich Empfehlenden auf Lucindens Lippen zu sehen; sie wollte wol nur damit an ihre Liebe fur Bonaventura erinnert haben ... Aber auch der Graf schien nur eine eingelernte Rolle zu spielen ... Zwar blieb er artig und plauderte noch einige Dinge, die einen Fremden interessiren durften. Die Stunden, wo der Heilige Vater seine Segnungen ertheilt, sind jedem Fremden in Rom von Wichtigkeit; sie sind das, was anderswo die Wachparaden und Manover. Einige Palaste, einige Sammlungen sind schwer zuganglich ... Graf Sarzana's Erbieten zur Vermittelung war freundlich ... Auch schien er unterrichtet und behauptete Sammler zu sein ... Er bewunderte, wie beide Deutsche sich in die italienische Art gefunden hatten, ruhmte die deutschen Schulen und schien vorauszusetzen, dass Lucinde eine Erziehung genossen hatte, die ihr die Kenntniss des Lateinischen schon durch die Fursorge des Staats verschafft hatte ... In allem, was er sprach, lag ein Anflug von Ironie ...

Graf Sarzana hatte auf ein Convolut von Papieren gedeutet, das auf einer Bank lag ...

Das sind deutsche Acten! sagte Lucinde und fuhr fort: Der Graf thut, als wenn ich so frischweg die Gedichte lesen konnte, die druben auf den Wasserfall Catull gemacht hat! ... Ich verstehe das Breviarium Das ist alles ...

Der Graf that, als hinderte ihn am Gehen eine Zartlichkeit, die Benno fur gemacht halten musste ...

Er wollte Lucinden die Hand kussen, die ihm diese mit Koketterie entzog ... Ihre Reserve hatte immer etwas Anlockendes ... Der Graf horte in der Ferne das Stampfen und Wiehern seines schonen neapolitanischen Rosses und konnte nicht fortkommen ...

Unter anderm sprach er von einem Fest, das der Heilige Vater noch dem jungen Rucca'schen Ehepaar nachtraglich geben wollte ... Es war eine Gunstbezeugung, die nicht zu selten ertheilt wird, ein Mahl im Braccio nuovo des Vatican ... Die dort aufgestellten Meisterwerke der alten Bildhauerkunst werden dann im Glanz der festlichsten Beleuchtung gesehen ... Lucinde kannte diese Wirkung noch nicht und bedauerte, dass nur Eine Dame, die die Honneurs macht, dabei zugegen sein durfte diesmal Olympia ... Der Vatican, bestatigte Graf Sarzana, gilt allerdings fur ein Kloster ... Lucinde kannte allerlei Ausnahmen von der Regel der Kloster ... Ihr Lacheln konnte beim Nennen der im Braccio nuovo aufgestellten Sculpturen dem Vorfall mit dem von Thorwaldsen restaurirten Apollin gelten ... Sie that, als sahe sie ganz die Furcht, die Benno schon in Wien hatte, fur die junge Furstin das zu werden, was dem Uebermuth des Kindes jene Statue gewesen ... Ihr Blick blieb forschend ... Inzwischen zeigte sich der Graf unterrichtet uber die Meister und die Schulen, denen jene Bildwerke zugeschrieben werden ...

Endlich ging er und bald horte man nur noch das Klirren seiner Sporen, bald nur noch den Hufschlag seines dahinsprengenden Rosses ...

Nun kommen Sie! sagte Lucinde. Wir haben dort einen bequemeren Platz und ich bin ermudet ...

Sie deutete an, dass sie den Grafen nicht im mindesten liebte und von seiner Bewerbung nur fatiguirt wurde ...

Mit einigen Schritten befand man sich in einem ringsumschlossenen traulichen und vollig einsamen Bosket, wo mehrere gusseiserne Sessel standen ...

So finden wir uns wieder! ... sprach sie jetzt ... Und ich sehe schon Sie kommen voll Zorn auf mich! ... Hat mich die Herzogin so verklagt? ...

Im Gegentheil, erwiderte Benno, des Madchens, ihrer Umgebung, ihrer Haltung staunend; meine Mutter rieth mir, mit Ihnen Frieden zu schliessen ... Sie wissen, ich habe das immer als das beste Mittel erkannt mit Ihnen auszukommen ...

Ein Lachen deutete an, dass sie sich nicht verletzt fuhlen wollte ...

Nun, nun, sagte sie, verwundern Sie sich nur erst recht aus! ... Ja, das ist hier Italien, das ist Rom, die Villa des Macenas druben das hier Villa Tibur! ... Nicht wahr, wer das alles von Ihrem und unserm Leben geahnt hatte, als ich unreifes Kind auf Schloss Neuhof lebte, unter Mannern voll Grausamkeit und Tucke, von denen der argste Ihr Vater war! ... Der beste von allen war mein guter, narrischer Jerome, Ihr Bruder! Seltsam! Ich hatte dort schon Traume, die mir alles zeigten, was seither eingetroffen ist ... Ich sah Ihre Mutter wie oft! in den Kellern des Schlosses ... Ich sah die alte Hauptmannin Buschbeck mit der Giftschale in der Hand ... Ich sah das Dasein Ihrer Mutter in den Visionen Ihres Vaters ... Wie ich Ihnen dann zum ersten mal an der Maximinuskapelle begegnete! ... Wissen Sie noch? Sie trugen den rothen Militarkragen jener blonden, hellblauaugigen Sandlandsklugheit, der Sie Gott sei Dank! Valet gesagt haben ... Frau von Gulpen ahnte schon meine Mitwissenschaft an so manchem und wies mich deshalb aus der Dechanei ... Wie ich diese stille Statte des Friedens und der Hoffnung verlassen musste, brach mir das Herz ... Ihr Onkel war so gut ... Und Ihnen ist er der Retter Ihres Lebens geworden! ... Ich liebe, im Vertrauen gesagt, die Reue nicht, ganz wie die Spinozisten alle Magdalenenbilder sind mir schrecklich Aber schon und ein ganzes Leben verklarend war Ihres Pflegvaters Reue uber einen schlimmen Antheil, den er doch wol auch an Ihrem Dasein hatte denn der Kronsyndikus war sein intimster Freund ... Wie geht es dem Dechanten? ...

Er freut sich jeder frohen Botschaft aus Italien ...

Grussen Sie ihn von mir! ... "Frohe Botschaften aus Italien!" ... Kamen ihrer nur mehr! ... Ich furchte, ihr, ihr gerade siedet und kocht ihm nichts, was ihn laben wird ... Euer Bischof bringt ein Ungestum uber die Berge, das diesseits nicht am Platze ist ... Wer ist denn nur jener Eremit, um den er sich noch ins Verderben sturzt? ... Ein Deutscher! ... Erinnern Sie sich Ihrer Scherze zu dem Gypsfigurenhandler, als wir uber den St.-Wolfgangberg keuchten? ... Halt! unterbrach sie sich plotzlich ... Ich vergass die Papiere, wo wir standen ... Holen Sie sie mir! ...

Benno folgte, wie von einem machtigen Willen regiert ... Er horte und horte nur ... Ueber den Eremiten hatte sie harmlos und sozusagen waffenlos gesprochen ...

Nach wenigen Schritten war Benno zuruckgekehrt und gab Lucinden ein Pack sauberer Velinpapierbogen, die deutsche Scripturen enthielten ...

Sie war aufgestanden und setzte sich wieder ...

Sie ahnen schwerlich, was diese Papiere enthalten! sprach sie, das Convolut neben sich legend ...

Sie verwies ihn auf den nachsten Stuhl ...

Ich hore, Sie und Klingsohr sind die Referenten der Curie in deutschen Angelegenheiten geworden! erwiderte Benno ... Wir haben, wissen Sie gewiss, eine Reformation in Deutschland ... Sind das die betreffenden Actenstucke? ...

Sie schuttelte den Kopf, liess den angeregten Gegenstand fallen und fixirte nur Benno mit prufenden Blicken ...

Seltsam! sagte sie ... Ihr Haar ist von der Mutter ... Die Augen haben Sie vom Vater ... Ihr Blut scheint von Natur langsam zu fliessen, wie durch Kunst bei Ihrer Mutter ... Ihr Verstand, der ist hitzig, wie beim Kronsyndikus und wissen Sie, ich hatte Sie schon in St.-Wolfgang mit ruhigem Blut in allerlei Ungluck sehen konnen Nicht dafur, weil Sie kein Interesse fur mich hatten Armgart hatte es Ihnen schon damals angethan Nein, Sie trugen den Kopf so schrecklich hoch um Ihrer Klugheit willen! ... Das haben Sie ganz von Ihrem Vater ... Der konnte auch jedem einen Thaler geben, wer ihn klug nannte ... Ich lastere ihn nicht ... Mir war der Schreckliche gutig ... Nur zuletzt nicht mehr ... Hatt' er mich da noch aufrecht gehalten, ich wurde nicht so elend in die Welt hinausgefahren sein ... Es ist nun so ...

Dafur machen Sie jetzt Ihren Weg! fiel Benno mit Bitterkeit ein ... Wann werden Sie Grafin Sarzana sein? ...

Sie horte auf diese Frage nicht, sondern sagte traumerisch:

Wenn ich rachsuchtig ware ...

Manche bezweifeln Ihre Grossmuth ...

Und wenn ich sie nun nicht hatte, habt ihr mich nicht dahin kommen lassen? ...

Etwa auch meine arme Mutter? ...

Der Herzogin, das ist wahr, war ich zu Dank verpflichtet; aber sie war nicht gut gegen mich ... Wir Frauen wissen, dass wir Ursache haben, uns im Leben an eine starke Hand zu halten ... Nun finde ich hier vielleicht eine solche ... Konnt' ich ertragen, dass Ihre Mutter uber mich lachte und ihrem Briefwechsel mit Ihnen, den ich voraussetzen durfte, Ihre und des Bischofs Urtheile uber mich entnahm und weiter verbreitete? ... Ich leugne nicht meine Herkunft und meine ehemalige Lage ... Ich weiss auch, dass mich im Leben noch niemand gemocht hat, und habe mir langst daruber mein System gemacht. Ich ahne sogar im Vertrauen dass auch diese Herrlichkeit hier bald zu Ende sein wird ... Aber was ich mir an Unglucksfallen ersparen kann, das will ich denn doch nicht unterlassen haben. Ihrer Mutter, einer hochst gefahrlichen, vollig in sich unklaren, halb ehrlichen, halb listigen Frau, einer echten Italienerin, musst' ich einen Vergleich anbieten ... Ich will wunschen, dass sie die Bedingungen ebenso halt, wie ich sie halte ... Sie sind mit der jungen Furstin Rucca intim, fragen Sie sie in einer Schaferstunde, ob ich geplaudert! ... Selbst uber Armgart werden Sie sie nicht unterrichtet finden Sie Ungetreuer! Was wird Armgart sagen! Nicht nur Sie, sondern auch Herr de Jonge brechen ihr die Treue! ... Meine Herren, sie erfahrt alles! Darauf verlassen Sie sich ... Herr von Terschka wird sie von allem in Kenntniss setzen ... Apropos, huten Sie sich doch vor den politischen Grillen Ihrer Mutter ...

Benno musste anerkennen, dass der Ton des Wohlwollens durch alle diese Reden klang ... Dennoch lag er auf der Folter und hatte mit einem einzigen Wort die Maske seiner Selbstbeherrschung abwerfen mogen ...

Werden Sie den Namen Asselyn behalten? fragte Lucinde nach einer Weile ...

Benno konnte die qualende Erorterung nicht mehr pariren ... Auch sah er, dass sich ihr Sinnen immer mehr und mehr auf den Bischof richtete ...

Der Name Asselyn erwiderte er klingt dem Italiener nicht fremd ...

Der Prasident, Ihr Bruder, ist kinderlos fuhr sie fort Wenn Sie da Nein, nein lassen Sie die Wittekinds aussterben! Bleiben Sie der rathselhafte "Sohn der Spanierin", der Neffe des guten Dechanten, ein Asselyn! ... Ich habe mir viel Muhe gegeben, hinter Ihr Geheimniss zu kommen, das ist wahr ... Aber es wissen nicht mehr darum, als der Bischof, ich, ohne Zweifel der Dechant und meine alte Freundin, Frau von Gulpen ... Aber Thiebold de Jonge scheint eingeweiht ... Das ist thoricht ... Sie mussen ihn freilich erprobt haben ... Ganz so dumm, wie Piter Kattendyk ist er nicht ... Sagen Sie, wie konnen Sie Dergleichen um sich ertragen! ...

Benno erhob sich und sagte halb scherzend, halb im Ernst:

Nun wollen wir von den neuesten mailander Moden sprechen ... Sonst erleben Sie, dass ich Sie auf Pistolen fordere ...

Pistolen! sagte sie kopfschuttelnd. Auch das kommt, in Italien nicht vor ... Wer uns hier beleidigt, fallt durch das Stilet eines Rachers, den man dafur bezahlt ... Das ist schrecklich und doch ist es nicht eine unendliche Wonne, aus den deutschen Verhaltnissen erlost zu sein? ... Rom hat seine Lugen, seine Schlechtigkeiten aber dieses Mass von schwatzhafter Tugend, eitler Sittsamkeit, biederer Langeweile von jenseits der Berge gibt es hier gar nicht ... Erzahlen Sie mir aber ! ... Ja wie geht es Nuck? Ich weiss durch Herrn de Jonge, dass er ohne seine Frau in Wien ist und noch unentschlossen sein soll, ob er nach dem Orient geht oder nach Rom ...

Ein solches unentschlossenes Umherblicken wird seine Halsschmerzen vermehren ...

Sie sind boshaft! ... Lucinde errothete und schwieg ...

Woher erfuhren Sie die naheren Umstande meines Geheimnisses? Gewiss ist vorzugsweise Nuck betheiligt? ... begann Benno, der endlich mehr die Oberhand gewann ...

In diesem Augenblick lautete es von Tivoli heruber ... Lucinde senkte den Blick und sprach fur sich den englischen Gruss ...

Benno durfte der frommen Sitte sich nicht entziehen ...

Daruber hatte sie Zeit gewonnen und kam auf die verfangliche Frage wegen Nuck nicht zuruck ...

Die Dammerung war hereingebrochen ... Ueber die Hohen des Gebirgs sah man Streifen des Monds schimmern, die bald ihr mildes Licht uber die dunkelnde Schlucht verbreiteten ...

Lasst mir der Bischof nichts, gar nichts sagen? begann Lucinde ...

Nein! erwiderte Benno und sprach der Wahrheit gemass ...

So war es ja immer, sagte sie mit stockender Stimme ... Lieblos entzogt ihr mir die rettende Hand! ... Hinweggeschleudert habt ihr mich wie ein Wesen ohne Bildung! ... Wie hab' ich gerungen nach euerer Freundschaft, nach euerer Schonung nur ... Kalt, grausam habt ihr mich zuruckgestossen! ... Nun musst' ich mir freilich selbst helfen ... Das ist die grosste Feigheit der Manner: Ein Weib um ihrer Thorheit willen leiden sehen und sie dann auf Vernunft und Besinnung verweisen ... Vernunft und Besinnung haben wir ja nicht ... Nur in der That, sei's der That der Liebe, sei's dem Rausch des Wahns oder dem Klagegeschrei der Enttauschung, nur in Handlungen und Zustanden sind wir, was wir sind ... Vernunft und Besinnung! ... Nachdenken und Reflexion! ... Was soll das uns! ... Ich vergebe dem Bischof doch nie, was er alles, alles an mir gethan hat ...

Benno wusste kaum, was er einem weiblichen Wesen erwidern sollte, das auf einen katholischen Priester Rechte der Liebe zu haben behauptete ... Er begnugte sich, die Wildaufgeregte zu beruhigen mit einem einfachen und ironischen:

Sie beteten doch eben voll Frommigkeit das Ave Maria und verlangen das Unheiligste ... Sie haben nie das Gemuth dieses edelsten der Menschen verstanden ...

Ein Gemuth ist's, wie das dieser Bildsaule! sagte Lucinde zornig ... Als wenn ein Priester von seinen Gelubden sprechen konnte, der sie doch einer andern gegenuber nicht halt! ... An jenem Abend auf dem Friedhof von St.-Wolfgang schon, wo wir unter den Grabern wandelten, funkelten die Sterne herab, als wollten sie sagen: Halte sie doch fest, die Stunde der Versohnung! ... Sieh, dies wahnsinnige Weib, so sprachen die Sterne, hat zwei Jahre geschmachtet nach Wiedervereinigung mit dir! Nun kommt sie und pocht, voll Hoffnung an deine Hutte! Du du opferst sie aber schon der alten Magd, die dich bedient! ... Lachen Sie nicht! Die Sterne sprachen mehr ... Sie sagten: Du schmahst ihre Verehrung, die so ganz ohne Interesse, nur ein reines Opfer der Liebe ist! Ich bin um diesen Mann katholisch geworden ich ware schon glucklich gewesen, nur dann und wann mit ihm sprechen zu durfen ... Dass ich seine Magd hatte sein konnen, mich wirklich als Bauerin bei Renate verdingen, davon will ich gar nicht reden ... Ich war heimisch in ihm, als ich ihn das erste mal sah ... Ich fand einen Menschen wieder, der todt war und in ihm sein Testament zuruckgelassen hatte ... Schon damals, als Ihr Vetter geweiht wurde, kannte ich seine Zukunft; ich kannte die ganze kommende Zerrissenheit seines Gemuths; wusste, dass er dort enden wurde, wo er jetzt steht an einem furchtbaren Abgrund, den nur noch seine aussere Wurde deckt ... Ich kannte alles, was ihm uber die Leiden dieses Daseins hinweggeholfen hatte ... Er verschmahte es ... Nun folg' ich dem Ruf in die Dechanei, erlebe die Demuthigung, zum Hause hinausgeworfen zu werden; ich klammere mich an den Saum seines Kleides, an den Teppich der Altare, die sein Fuss beruhrt; ich wage mich in die schwierigsten, demuthigendsten Lebensverhaltnisse, nur um eine Erhorung meines um Gute und Vertrauen Gott, ich sage nicht: um Liebe verschmachtenden Herzens zu finden ... Keine Hulfe! ... Nichts als die kalte Sprache der Lehre und Ermahnung ... Mit der Zeit konnt' ich ihm furchtbar erscheinen, konnte ihm drohen, ich that es auch ... Als ich dennoch mich bekampfte, dennoch von dem beweinenswerthen, rasenden, wahnsinnigen Gefuhl fur diesen Mann mich beherrschen lasse, alle meine Waffen senke, sind' ich noch immer keine Regung der Versohnung, kein Wort der Gute, keines des Vertrauens! ... Noch in Wien stosst er den Nachen zuruck, auf dem ich mich zu ihm gefluchtet ... Das ist wahr er nahm mir in Wien eine Burde ab, die mich zum Tod niederdruckte aber kaum fliessen meine Thranen, so lasst er mich auch wieder hinaus auf die sturmende See in ein Leben, das bisher nur Noth und Demuthigung mir gebracht ... Jetzt hab' ich einen kurzen Augenblick des Glucks! Er macht euch alle schwindeln ... Mich nicht! Ich weiss, was ich thue! ... Ja! Wie eine Bettlerin will ich nicht wieder vor euern Thuren stehen! ...

Lucinde war aufgestanden ...

Benno erbebte vor ihrem Blick ... Er furchtete fur Bonaventura's schwierig gewordene Stellung ...

Sie sind bei alledem dem Bischof werth ... sagte er und mit voller Ueberzeugung ...

Sie anerkannte diese Aeusserung, fuhr aber fort:

Weil er mich furchtet! Weil ihr alle mich furchtet! ... Ich habe mich freilich rusten mussen gegen euch! Gesucht hab' ich nichts ich fand alles von selbst ... Auf dem Schlosse Ihrer Vater hab' ich schon als Madchen von sechzehn Jahren die sibyllinischen Bucher aufgeschlagen gesehen und verstand nur noch nicht die Zeichen, die in ihnen wie durchstochene blutige Herzen funkelten ... Jetzt liegt mir jeder Traum der Kindheit offen ... Ich verstehe das Wimmern und Seufzen in den Ulmen des Schlossparks von Neuhof, ich sehe die Verwirrung euerer ganzen Familie und euer tragisches Ende ... Mit dem Bischof hab' ich Mitleid ... Er liebt, ein umgekehrter Jupiter, statt eines Weibes eine Wolke ... Erzahlen Sie mir von Paula! Ich denke, ich verdiene, dass Sie sich's etwas kosten lassen, mich wenigstens zu unterhalten ...

Diese Worte waren freundlich ... Benno musste ihr den vorangegangenen Ton des ubermuthigen Emporkommlings vergeben ...

Sie setzte sich wieder ...

Benno sollte es ebenfalls thun ... Angezogen hatte sie ihn niemals so wie heute ... Die Leidenschaft verjungte Lucinden zu ihrer ersten Jugendschonheit ... Ja sie fiel sogar in ihren naiven "Hessenmadchen"Ton ...

Also Paula! Bitte, bitte! ... Erzahlen Sie! ...

Ich kann Ihnen nur erzahlen, sagte Benno, was alle wissen! Ich ehre den Bischof zu sehr, als dass ich ihm durch unberufene Fragen Gelegenheit geben sollte, sich uber Gefuhle auszusprechen, die ihm schmerzlich sind ...

Die Wunde nicht beruhren, heilt sie euch! ... schaltete Lucinde ein ...

In den meisten Fallen ist es auch so ... Ob beim Bischof und bei Paula ich weiss es nicht ... Ich kann nur berichten, dass dieser Ihnen so undankbar erscheinende Bonaventura an Verklarung und Hoheit der Gesinnung von Tage zu Tage wachst ... Er entschwebt dem Irdischen und ich mag ihn durch Fragen nicht niederziehen aus seinen reinen Hohen ... So viel aber weiss ich, dass doch Er es war, der Sie vor allen mislichen Folgen Ihrer Verbindung mit Nuck geschutzt hat ... Ich weiss, Graf Hugo gab seine Absicht, die Urkunde anzuzweifeln, erst nach einer langen Unterredung mit dem Bischof auf ...

Lucinde horchte ...

Sagen Sie selbst, fuhr Benno fort, was hatte den Bischof verhindern konnen, dem Grafen zu rathen: Handeln Sie getrost nach allem, was Ihnen Terschka mitgetheilt hat! Zu offen lagen aller Welt die rathselhaften Vorgange des Brandes in Westerhof. War ich nicht selbst ein Zeuge derselben? Dieser Bruder Hubertus der leider so rathselhaft auch jetzt verschollen ist ...

Den ich unter die Rauber und Morder schickte? ... sagte Lucinde verachtlich ...

In der That uberall stellen sich seiner Vernehmung eigenthumliche Hindernisse entgegen ... Den Dionysius Schneid hat er gerettet, hat die Halfte seiner Erbschaft aufgenommen und nach London geschickt, wohin dieser Mensch, unzweifelhaft ein Brandstifter, uber Bremen entkommen sein soll ...

Also wer und was schutzte mich vor dem Zuchthause? ... unterbrach Lucinde ...

Wenigstens vor der Anklagebank schutzte Sie Graf Hugo von Salem-Camphausen ... Er that dies infolge einer Burgschaft, die doch ohne Zweifel nur der Bischof fur Sie ubernahm ... Er mag dem Grafen Dinge uber Sie gesagt haben, die Ihnen nicht wurden gefallen haben; aber sie bestimmten ihn, sich dem Unvermeidlichen zu fugen ... Er hat die Urkunde anerkannt ...

Lucinde hatte gern gesagt: So kann also euer Bischof wirklich auch lugen? ... Sie horte nur voll Spannung uber die Folge von Bekenntnissen, von denen Benno nicht einmal zu wissen schien, dass sie in kirchlicher Form stattgefunden hatten ...

Dann, fuhr Benno fort, erfolgte die Verstandigung mit Schloss Westerhof ...

Worin lag zuletzt fur Paula die Burgschaft des Werthes, den Graf Hugo, nach dem Zeugniss, das der Bischof ihm ausstellen sollte, ihr haben durfte? fragte Lucinde ... Die Bedingung, die Paula gestellt haben soll, kannte ja die ganze katholische Welt ...

Ich denke in der Art, sagte Benno, wie Graf Hugo die Ergebnisse seiner Rucksprache mit Ihnen aufnahm ... Beide Charaktere lernten sich zum ersten mal kennen, sprachen sich aus und schatzten sich ...

Ganz und ohne Ruckhalt? zweifelte Lucinde lachend ...

Ich traue ihm zu, dass er ehrlich zu Bonaventura sagte: Sie lieben die Grafin Paula! ...

In der That? ...

Sie freilich glauben nicht an Wahres und Gutes in dieser Welt ...

Nie an den S i e g des Wahren und Guten ...

So weiss ich keine andere Erklarung ... Der Graf kennt ebenso Paula's Empfindungen fur Bonaventura wie Bonaventura's fur Paula ... Dieser blieb mit jenem einen Tag auf Schloss Salem allein und die Folge war die Reise des Grafen nach Westerhof ...

Eine Andeutung, dass der Graf katholisch werden wird! sagte Lucinde. Er hat unsere Religion in den Bekenntnissen eines Priesters achten gelernt ... Was sagt die Mutter dazu? ...

Benno schwieg eine Weile ... Er wusste allerdings, dass der Graf seit jener Unterredung von der tiefsten Verehrung Bonaventura's durchdrungen war ... Er wusste, dass die alte Grafin auf Castellungo sich auf Grund dieser Verehrung mit bangem Herzen zum Bischof von Robillante verhielt und die Freundschaft des Grafen fur den Bischof nur deshalb nicht nachdrucklicher bekampfte, weil dieser ihre Theilnahme fur die Waldenser und fur den Eremiten Federigo theilte ...

Benno erstaunte, dass Lucinde, die alles wusste, was ihn und Bonaventura betraf, nicht in diesem Eremiten den Vater Bonaventura's sah ...

Alle diese Ruckhaltsempfindungen verbarg er unter den Worten:

Die beste Religion, die wir haben konnten, ware eine auf die Erkenntniss der tiefsten und edelsten Moglichkeiten und Fahigkeiten unserer Menschenbrust begrundete! Liebe, Freundschaft, Vertrauen, alles Edle im Menschenherzen ich dachte, das ist die einzig wahre Burgschaft der Gottesnahe ...

Lucinde zeigte auf den kleinen Vestatempel, der auf der Hohe des Gebirges uber dem Katarakt wie ein weisser Nebelring schwebte ...

Sogar Benno von Asselyn schwarmt! sagte sie. Nein, diese Religion, die Sie da nennen, ist keine ... Oft schon hat die Gottheit versucht, ob sie sich im reinen Menschenthum offenbaren konnte ... Die Gotter kamen auf die Erde in allem Reiz der menschlichen Phantasie ... Da verwilderten sie ... Dann kamen sie noch einmal im Reiz des menschlichen Duldens ... Auch das im Vertrauen gesagt erlag fur den Denker ... Die Gotter wohnen jenseits dieser Welt ...

Es war still ringsum ... Das Dunkel mehrte sich ... Lucinde warf ihre religiose Maske ab ...

Aber als wenn sie Reue daruber befiel, so ergriff sie die Papiere, erhob sich und deutete auf einen Weg zur Villa, wo es heller war ...

Dabei sprach sie:

Sie haben ganz Recht! Paula, Graf Hugo und Bonaventura gehoren einer einzigen Kirche an ...

Doch die Kinder? sagte sie plotzlich, zu den Religionsformen der Erde zuruckkehrend und des oft an ihr nagenden Bundes gedenkend, den der heilige Franz von Sales gerade mit einer v e r h e i r a t h e t e n F r a u , mit der Stifterin der Visitandinen geschlossen ...

Nein! Nein! beantwortete sie sich selbst ihre Frage ... Die werden nicht kommen! ... Wenigstens nach dem Urtheil der Aerzte nicht Die Grafin hat ihre Visionen noch immer ... Sogar jetzt in Witoborn, wohin sie nach dem wiener Winter mit dem Grafen gereist ist ... Die in Salem heftig eintretende Ruckkehr ihrer Visionen, die Aufregung derselben fur Wien, das Andrangen der Aerzte, die Neugier der Forscher und Traumer brachten beim Grafen den Entschluss zu Wege, seine Guter um Westerhof zu besuchen ... Vielleicht regte sich in Paula die Sehnsucht nach des Obersten von Hulleshoven magnetischer Hand ...

Ueberraschend! entgegnete Benno ... Diese Nachrichten hatten wir selbst noch nicht in Robillante ... Woher wissen Sie alles das? ...

Unwillkurlich fiel sein Blick auf die Papiere, die ihm Lucinde entzog ... Seine Neugier musste sich steigern, als sie fortfuhr:

Auch Sie sollten nun doch fur immer in Rom bleiben und sich hier nutzlich machen ... Sie sollten Partei ergreifen ... Wem kann das Gluck mehr lacheln als Ihnen? ... Furchten Sie sich doch nicht so sehr vor einem Roman mit Olympia Rucca! ... Die Zeiten sind voruber, wo bose Frauen ihre ausgenutzten Liebhaber vom Thurm zu Nesle sturzten ... Jetzt geben sie ihnen Anstellungen und manchmal sogar Frauen ... Bleiben Sie in Rom! Nehmen Sie hier eine Stelle, die nicht zu gebunden ist! ... Schon liess Sie, hor' ich, der Staatskanzler in eine verlockende Zauberlaterne blikken ... Fur Ihre Heimat haben Sie seit Ihrer Courierreise doch den Credit verloren ... Auf dem Venetianischen Platz kann ich das grosse schone Haus mit dem schwarzgelben Banner nie ansehen, ohne nicht die Stelle wenigstens eines osterreichischen Legationssecretars an Sie zu vergeben ... Rom ist die Welt ... Und selbst wenn Sie Rom nur studiren wollten ich kenne Ihr Verhaltniss zu Ihrem Bruder, dem Prasidenten von Wittekind nicht so brauchen Sie dazu ein Leben ... Sie konnen hier jeden Tag eine andere Inschrift, jeden Tag einen andern Marmorstein vornehmen ... Und verstellen Sie sich nicht! Ganz gleichgultig ist Ihnen Olympia keineswegs ... Man flieht nicht so eifrig vor dem, was man verachtet ... War' ich ein Mann, mich wurd' es sogar reizen, diesen Panther zu bandigen ... Schwarmen Sie in der That noch immer fur die Lindenwerther Kindereien? ...

Da Sie alles wissen, erwiderte Benno mit dem Ausdruck jener Toleranz, die Manner ein fur allemal der kecken Rede aus Frauenmund zu gewahren haben, was wissen Sie von Armgart? ...

Von den englischen Cardinalen, entgegnete Lucinde, von jenen Aermsten, die sich alle drei Jahr dem Martyrium aussetzen, sich in England von den Roheiten John Bull's beschimpfen lassen zu mussen, hat Cardinal Talbot Armgart in London gesehen ... Bei guter Laune verglich er sie dem Heiland, der als Kind im Tempel predigte ... Sie legt die Bibel aus, wie ihre Mutter ... Eine Krankheit das nur findet sie bisjetzt noch immer das in der Bibel, was die Englander erst sehen, wenn sie in den Katakomben waren ... Wenn sie nicht auf die andern Thorheiten der Englander einginge, wurde man sie kaum dulden ... Glucklicherweise reitet sie nicht nur und schiesst, sie schwimmt und angelt auch ... Sie konnte die Herzogin von Norfolk sein, hor' ich, wenn die Auswahl ihrer Bewerber nicht zu gross ware ... Ob sie fur die beiden jungen Manner, die ihr einmal eine Flucht aus der Pension erleichterten, noch die alte Pietat bewahrt, zweifl' ich fast ... Im Bericht des Cardinals erfuhr ich nichts davon ... Mit Baron Terschka hat sie sich ausgesohnt ... Ja, ja, die Gefuhle junger Madchen wollen ihre Nahrung haben. Thut man auch gar nichts, lieber Herr, um sie an sich, zu erinnern, so unterhalt solche kleine Koketten mehr noch der Hass, den sie auf manche. Menschen werfen, als eine bald verklingende Liebe aus dem Pensionat ...

Benno widersprach nicht ... Er war in die Erinnerung an sein zu Armgart gesprochenes Wort, sie wurde noch einst lange in der Irre gehen und dann voll Wehmuth an ihn zuruckdenken so versunken, dass Lucinde eine Frage wiederholen musste, die sie an ihn gerichtet hatte:

Was halten Sie von Paula's Visionen? ...

Ich glaube nicht an sie, aber sie konnen zutreffen, sagte Benno ...

Das ist ein Widerspruch ...

Nein! ... Niemand kann freilich sehen, was erst die Zukunft ins Leben rufen muss ... Aber ein Auge wie Paula's blickt unbeirrt von den Verhaltnissen, die uns andere zerstreuen ... Wir wurden alle ein wenig sozusagen allwissend sein, scharften wir nur unser inneres Auge, jenes Auge, das nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen sieht ...

Nun dann hoffen Sie! ... Paula sieht Armgart in ihren Visionen immer nur mit Ihnen verbunden ... Sie staunen? ... Ueber diese Papiere? ... Nun ja, freilich, das sind Abschriften der Visionen Paula's ... Genau gesammelt seit einer Reihe von Jahren und fortgefuhrt bis in die neueste Zeit ... Ich erwarte schon morgen aus Witoborn eine neue Sendung ... Wer sie niederschreibt, weiss ich nicht. Frau von Sicking oder Norbert Mullenhoff in ihrem Auftrag moglich ... Sie wissen vielleicht nicht, dass Fefelotti die Frage zu entscheiden hat, ob das magnetische Leben innerhalb des Christenthums Berechtigung hat ... Ich furchte, man wird den Magnetismus verwerfen ... Die Concilien sprechen nichts davon ... Mich angstigen die Gefahren des Bischofs, wenn ich auch beim Lesen dieser Blatter lachen freilich auch viel mich argern muss ... Ich sehe die Zipfelmutze des alten Onkels Levinus und seine gelehrten Forschungen Ich sehe die Tante Benigna und ihre Schweinemast ... Aber auch vieles Andere ... Nur seltsam! Die wahren Verhaltnisse der Asselyns und Wittekinds, wie ich sie kenne, sind Paula unbekannt ...

Benno wurde eben von einem der naher gekommenen Diener mit einem Blick befragt, ob sein Pferd in Bereitschaft gehalten werden sollte ...

Im Wandeln waren sie schon dicht bei der Thorpforte angekommen ...

Reiten Sie jetzt zuruck! sagte Lucinde ... In Italien ist die Nacht unheimlich ...

Und Sie, Sie ubersetzen diese Visionen ins Italienische? fragte Benno erstaunt ...

Im Auftrag Fefelotti's! bestatigte Lucinde ... Fefelotti ist es, der die Kirche regiert ...

Und glauben Sie nicht, dass man dem Bischof hier die Kerker der Inquisition offnet und jenen greisen Bewohner des Thals von Castellungo herausgibt? ...

Das ist nicht moglich und zwar deshalb nicht, weil man ihn gar nicht in Gewahrsam hat ...

Das glaubt der Bischof nicht ...

Aber es ist so ... Als es hiess, Pasqualetto hatte den Vielbesprochenen in Gestalt eines Pilgers von Loretto gefangen genommen, freuten wir uns alle des Beweises, den jetzt die Dominicaner nicht mehr zu geben brauchten, indem sie ihre Gefangnisse offneten ... Letzteres thun sie nicht ... In Rom gewiss nicht, verlassen Sie sich darauf ... Hubertus wurde entsandt, den Pilger aufzusuchen ... Seither sind leider beide verschwunden ... Warnen Sie den Bischof, diesen Streit nicht wieder aufzunehmen ... Fordert man ihn vor die Schranken eines geistlichen Gerichts, schlagt man hier in den Archiven nach, wo uber Tausende von Seelen der katholischen Welt Gestandnisse und Aufklarungen liegen ...

Lucinde hielt inne ... Sie konnte nicht wissen, ob nicht in der That die Curie von Witoborn von Leo Perl's Gestandnissen damals nach Rom Bericht gemacht hatte ...

Dass man die Frage uber den Magnetismus anregt, ist mir schon ein Beweis, wie man in unsers Freundes Vergangenheit einzudringen sucht fuhr sie nach einiger Besinnung fort ... Ich wunsche ja aufrichtig, dass Bonaventura hier eine ganz andere Krone als die des Martyrers tragt ... Ware er darum nach Italien gekommen, um hier in einem Kloster elend unterzugehen ? ...

Die Wasser des Anio rauschten so machtig, dass sie das Gesprach ubertonten ... Beide hatten die Eingangspforte mehrmals umkreist ... Das Ross scharrte schon im Kieselsande ...

Es wird zu spat! sagte sie. Ich lade Sie nicht ein, bei mir zu einem Nachtimbiss zu bleiben ... Auch ist die Furstin Ihnen gram ... Sie hat ihrem Sohn Vorstellungen gemacht uber die Auffuhrung seiner jungen Frau ... Sie verlangt horen Sie's nur dass Sie und Thiebold von Villa Torresani wegziehen ... Das alles findet sich besonders wenn Sie der guten Dame selbst ein wenig den Hof machen ... Wir haben soviel gemeinschaftliche Sorgen! ... Aber vielleicht auch Freuden! ... Gluckauf in Rom! ... Geben Sie mir die Hand! Lassen Sie uns Verbundene bleiben! ...

Benno reichte die erstarrte, kalte Hand ...

Lucinde schied mit einer Miene der Protection, wirklicher Theilnahme und Koketterie ... Sie sagte:

Versprechen Sie mir, dass Sie auf Villa Torresani nie anders von mir reden, als so, dass ich Mannern noch in einer einsamen Abendstunde gefahrlich werden konnte ...

Damit schlug sie nach ihm mit einer Paonienblute, die sie am Wege abgebrochen hatte und in ihrer gewohnten Weise zu zerzupfen anfing ...

Der Diener hatte den Rucken gewendet ...

Die deutsche Unterredung schutzte beide vor dem verfanglichen Inhalt ihrer Worte ...

Benno schwang sich in den Sattel ...

Lucindens "Auf Wiedersehn!" war wie ein Gruss zu einer Reihe der unterhaltendsten und vertraulichsten Beziehungen auf lange, lange Zeit ...

Benno schied halb ausserordentlich gefesselt, halb in der Hoffnung, binnen wenig Wochen vom giftigen Hauch dieser ganzen Atmosphare befreit zu sein ...

Der Weg war dunkel und abschussig ...

Er musste langsam reiten ...

Hinter der finstern, scheinbar vom Silber des Wassersturzes mehr als vom Mond erleuchteten Schlucht unterhalb Tivolis verbreiterte sich der Weg ... Die Krummungen des Anio hatten hier Anbau ... Zur Linken ragten die Trummer der zu einer Schmiede gewordenen Villa des Macenas mit dem Schimmer der Cascatellen, die aus ihren Fenstern gleiten, und mit Feueressenglut auf ... Ringsum war es still, doch nicht einsam ... Einzelne Wanderer hielten am Wege inne ... Da und dort erhob sich aus den hohen, noch nicht abgeernteten Maisfeldern ein spitzer Hut ...

Benno ritt tief verloren in Gedanken ...

Paula, Bonaventura, alles was ihm theuer war, umschwebte ihn ... Welche Welt gestaltete sich in seiner Brust! Welches Chaos rang zum Lichte! Es waren nichts als gluhende Tropfen, die Lucinde auf seines Herzens geheimste Statten hatte fallen lassen ...

Allmahlich belastigte es Benno, von drei Reitern, in der Tracht romischer Landbesitzer, mit hohen Flinten auf dem Rucken, ledernem Gurtel, Gamaschen bis weit ubers Knie, auf unruhigen, ohrspitzenden Maulthieren, fast in die Mitte genommen zu werden ... Eben wollte er seinem Ross die Sporen geben, um sich dieser unfreiwilligen Begleitung zu entziehen, als die Reiter innehielten, wie der Blitz abschwenkten und zur Schlucht zuruckritten ...

Hatten sie sich in seiner Person geirrt? ...

Wenige Secunden und Benno begriff, dass ihr Auge und Ohr scharfer als das seinige gewesen war ... Er horte den gleichmassigen Trab bewaffneter Reiter ... Bald sah er einen Trupp Carabinieri, denen in einiger Entfernung eine Kutsche folgte ...

Es war die Kutsche des Cardinals Ceccone ... Benno gab seinem Pferd die Sporen ... Windschnell suchte er voruberzufliegen ... Er musste vor einem zweiten Reitertrupp abschwenken, der die Arrieregarde des Wagens bildete ...

In die unheimlichsten Gespenster schienen sich ihm jetzt rings die Baume und Felsen zu verwandeln ... Wie von einem Hohnen der Natur verfolgt, sprengte er dahin ... So schuldlos ihm sein eigenes Innere erscheinen durfte, immer mehr Schrecken begehrten Einlass in seine Brust ... Ist das Rom, das gelobte Zauberland der Christen ! ... Ceccone fuhr soeben zu Lucinden, die der Mann im Purpur ohne Zweifel allein wusste ... Die Unterredung mit ihr hatte Benno's ganzes Interesse gewonnen ... Er hatte erkannt, dass Lucinde in der That aus dem Trieb ihrer Liebe zu Bonaventura auf Wegen wandeln konnte, wo man ihr eine Anerkennung nicht versagen durfte ... Nun sturzte alles zusammen ... Er sah nur noch die Buhlerin ...

Wie glucklich war er, als er, die hohen spitzen Aloes und Statuen erblickend, die die Treppengelande der Villa Torresani zierten, unterschied, dass in den Salen kein Licht war ...

So war Olympia doch noch nicht zuruck ... Und sie blieb wol uber Nacht in Rom ...

Er sprang vom Pferde und fluchtete sich in die Einsamkeit seines Pavillons ...

Wer waren die drei Reiter? ... Schwerlich Rauber ... Man kennt dich in den geheimverbundenen Kreisen als einen Freund der Bandiera du hast die Begrussungsformeln des "Jungen Italien" und dennoch weilst du in der Nahe eines Mannes, den Mord und Verrath umschleichen ! ...

In seiner gewagten Doppelstellung glaubte Benno sich nicht mehr lange halten zu konnen ... Es musste zu Entscheidungen, zu Entschlussen furs Leben kommen ...

So suchte er die Ruhe, von der er wusste, dass er sie nicht finden wurde ...

Man brachte ihm noch einen Brief, der wahrend seiner Abwesenheit angekommen war ... Die verstellte Handschrift war die der Mutter ...

Die Mutter schrieb, dass sich in seiner Wohnung, dann bei ihr selbst der beruhmte Advocat Clemente Bertinazzi hatte erkundigen lassen, ob Herr von Asselyn nicht bald aus dem Gebirge zuruckkehrte ...

Das war eine Mahnung, der er sich entschliessen musste, Folge zu leisten ... Sie konnte gefahrliche Folgen nach sich ziehen, wenn er nicht auf sie horte ...

8.

Als nach Mitternacht Olympia von Rom zuruckgekehrt war und sie ihm dann in der Fruhe beim Wandeln im Garten begegnete Thiebold freilich immer in der Nahe, heute mit dem Begiessen von Blumen beschaftigt sah Benno wol, dass auf die Lange des Freundes Beistand nicht mehr vorhielt ... Mit der Giesskanne und ahnlichen Hulfsmitteln konnte er nicht uberall hin folgen ... Olympia wollte heute sogar ihre Schmahungen uber Lucinden Benno nur allein vertrauen ...

Menschen wie Thiebold konnen fur den Umgang unentbehrlich werden; doch erfullen sie nicht die Phantasie ... Sie lassen sich als Freunde, als Gatten, nicht als Liebhaber denken ... Benno erhielt seinen vollen Platz in Olympiens Herzen und die Stunde ruckte naher und naher, wo die zunehmende Vertraulichkeit um so mehr eine schwindelnde Hohe erreichen musste, als sein "bester Freund" Ercolano plotzlich schuchtern und verlegen zu werden anfing. Die Mutter hatte in der That seine Eifersucht angeregt ... Das Wohnen auf seiner Villa hatte sie eine lacherlichen Beweis von Schwache genannt ... Olympia trotzte der Zumuthung, die deutschen Freunde aus ihrer Nahe entfernen zu sollen ... Daruber ging Ercolano wie in der Irre ...

Thiebold war bald nur noch der Vertraute ihres Geheimnisses mit Benno ... Er wurde nichts als eine "schone Eigenschaft" seines Freundes mehr ... Thiebold ubernahm die Commissionen ihrer Launen, fur die sie den Angebeteten selbst zu hoch hielt ... Thiebold musste "das Verhaltniss zum Cardinal Ambrosi" losen, d.h. die letzten Aufmerksamkeiten und Geschenke uberbringen, die noch fur dessen Einrichtung bestimmt waren ... Sonst aber argerte sie sich schon lange uber Thiebold's Allgegenwart ... Bald hatte dieser Unbequeme gerade an derselben Stelle, wo niemand anders als Benno erwartet wurde, seine Brillantnadel, bald sein Portefeuille verloren; er suchte und fand den Freund immer an einer Stelle, wo sie mit Benno allein zu sein hoffte ... Wenn sie geneigt wurde, beide aus dem Pavillon der Villa Torresani nach einer ihr noch bequemeren Besitzung des Cardinals umzulogiren, so war es, weil Thiebold wahrhaft Benno's Schatten blieb ...

In Rom spielte selbst im Sommer eine Operntruppe ... Olympia besuchte diese Vorstellungen wieder ... Das Sitzen in den Logen bot Zerstreuung, kokette Unterhaltung, neckendes Facherspiel, Gelegenheit zum Hin- und Herfahren, Abholen, Sichbegleitenlassen, Verfehlen u.s.w. ...

Da die Freunde trotz der Schonheiten des Landlebens doch von den Merkwurdigkeiten Roms gefesselt sein mussten und manchen Tag in der Stadt blieben, so wollte die junge Furstin zu gleicher Zeit mit Villa Torresani auch die "Brezel" an der Porta Laterana bewohnen ...

Die Aeltern waren entschieden dagegen und beriefen sich auf die Ehepacten, die jeden Punkt der Vergunstigungen bezeichneten ... Sie verlangten, dass ihre Schwiegertochter die Villa Torresani bis zu einem bestimmten Tage nicht verliess ... Manchen Menschen, sagte Lucinde zu Thiebold, der hier vermitteln sollte, ist es Bedurfniss, sich zu argern ... Wenn die Furstin ihre Tochter in ihrer Nahe entbehren sollte, entgeht ihr ein Motiv der Aufregung ... Die Mutter ist so gut gewachsen, dass sie sich gern ihrer Schwiegertochter als Folie bedient ... Wir Frauen heben nicht den Arm auf, ohne nicht zu berechnen, wie unser herabstromendes Blut ihn weisser machen muss ... Bester Herr de Jonge, heirathen Sie niemals! ...

Vierzehn Tage drei Wochen gingen in dieser Weise voruber ...

Zum Gluck hatte man Anzeichen, dass die Nachricht einer Insurrection jeden Augenblick von der Kuste des Adriatischen Meers kommen musste ... Couriere gingen und kamen; die bewaffnete Macht war aufgeboten, vervollstandigt, marschfertig ... Die Consulta hielt taglich Sitzungen ... Der Verkehr mit den auswartigen Gesandten nahm Ceccone's ganze Aufmerksamkeit in Anspruch ... Von Angst und Sorgen sah er in der That niedergedruckt aus ...

Wie beim herannahenden Sturm jede Hand ihr Haus verschliesst und den Gefahren der Zerstorung vorzubeugen sucht, so zeigte sich auch jetzt in den Umgebungen dieser Machthaber mehr politisches Leben, als sonst ... Mancher Mund sprach sogar beredt und frei ... Manche geheime Hoffnung sah eine Erfullung voraus und verrieth vorschnell ihre Freude ... Jene grosse Mehrzahl von Menschen, die als Ballast nur den ruhigeren Gang der Fahrt entscheidet, gleichviel unter welcher Flagge ihre Fahrzeuge segeln, warf sich unruhig hin und her ... Vorahnend machte sie gleichsam nur ihr Gepack leichter, um bequemer von einem Lager ins andere uberlaufen zu konnen ... Wie richtig hatten diese Bandiera die Italiener beurtheilt! sagte sich Benno. Der Erfolg ist hier alles! Der Muth einer That entscheidet ihre Bedeutung ...

Nur in der Priestersphare waltete unerschutterliche Zuversicht ... Dort stand es fest, dass ein Kampf mit dem Interesse "Gottes" Jeden zerschmettern musse "Selbst die Pforten der Holle werden dich nicht uberwinden!" lautete der tagliche, seit dreihundert Jahren im Mund der Katholiken ubliche Refrain, der auch hier uber das Antlitz der jungen und alten Pralatur einen lachelnden Sonnenschein verbreitete ... Den "bosen Machten" gehort ja die Welt, dem Zufall, der Intrigue, der Selbstverstrickung alles Guten Wie kann gesetzt die Revolution ware das Gute "in dieser Welt das Gute siegen!" hatte Lucinde ganz im Geist der Jesuiten gesagt ...

Unter den Freigesinnten gab es zwei Richtungen, die sich mit Scharfe bekampften. Fur die ausfuhrlichere Begrundung ihrer Ansichten fanden sich in England, in Frankreich, in der Schweiz und auf den Inseln um Italien Gelegenheiten zum Druckenlassen ... Die eine Partei wollte ein einiges Italien, an dessen Spitze der Heilige Vater als wahrer Friedensfurst und Verbreiter aller Segnungen stehen sollte, die durch die Christuslehre dem Menschen verburgt und nur noch nicht genug anerkannt sind ... Die andere sah im apostolischen Stuhl die gefahrlichste Anlehnung der Despotie, verwies den Papst aus den Reihen der Souverane, liess ihm nur allein noch die Bedeutung, Pfarrer einer Metropolitankirche der Christenheit, der Peterskirche, zu heissen und nahm seinen irdischen Besitz in die allgemeine Verwaltung eines republikanisch regierten Italiens ... Freiheit von Oesterreich wollten beide Parteien. Die Souverane und Wurdentrager der Hierarchie waren auf die Hulfe dieses Staates angewiesen; die Vater der Gesellschaft Jesu machten die Vermittler zwischen Wien und allen denen, deren Besitz in Italien bedroht war ... Da die Jesuiten dem Staatskanzler zu wesentliche Dinge uberwachten, da sie zu viel Damonen der Weltverwirrung ihm mit gebundenen Handen uberlieferten, so hatte er sich wol gewohnen mussen, sie zu schonen und ihnen uber seine eigene Macht hinaus den Pass zu gewahren, den sie gewinnen wollten fur die ganze Welt ... Das ubrige Deutschland, selbst im Norden, gehorte schon den Jesuiten ... Der Kirchenfurst war freigegeben ... Der Protestantismus schien alles Ernstes zur Unterwerfung wieder unter Rom durch die Innere Mission und die Wiederaufnahme der Romantik vorbereitet zu werden ...

Das Wunderlichste war der Contrast, in welchem die Rucksichten der Geselligkeit zu den Zerwurfnissen in der Rucca'schen Familie standen ... Selbst wenn Ceccone keine Fremden zu bewirthen hatte, keine Pralaten aus der Provinz, keine Gesandten und hohe Reisende, so fehlten doch auf Villa Torresani Ercolano's Freunde nicht, die jeunesse doree Roms, Aristokraten, deren Leben nur von Liebesabenteuern und den neuesten Moden erfullt wurde ... Der Baron d'Asselyno und der Marchese de Jonge wurden in alle Geheimnisse derselben eingeweiht ... Niemand verbreitete mehr Gerausch von seinem Dasein, als die jungen Pralaten ... Diese geistlichen Stutzer machten das Gluck der Familien zweifelhaft ... Der Eine nahm dabei die Miene eines Tartufe, der Andre die stolze Zuversicht eines kunftigen Papstes an ... Ehrgeiz und Selbstgefuhl druckte jede ihrer Lebensausserungen aus ... Einige Jahre hatten sie in der Gefangenschaft der Jesuiten gelebt, die die Studien an sich gerissen haben; dann traten sie in die Welt mit all den Anspruchen, die schon eine geringe Bildung unter einem Volk voll Ignoranz geben darf ... Sie standen spat des Morgens auf, machten wie Frauen ihre Toiletten, liessen sich stutzerhaft frisiren, schlugen in ihren Listen nach, wo sie seit lange in diesem oder jenem Hause nicht zum Besuch gewesen Den Tag uber rannten sie mussiggangerisch durch Rom und seine Kirchen ... Manche ihrer Liebesabenteuer nahmen sie ernst und fuhrten duftende, oft versificirte Correspondenzen ... Alles das verband sich auf das leichteste mit einer ununterbrochenen Ehrfurcht vor diesem Altar, jenem Crucifix, vor jeder geweihten Stelle, die zu kussen die Sitte verlangte, selbst wenn damit kein besonderer Ablass verbunden ... Die Religion ist in Rom ein Gesetz der Hoflichkeit, wie bei uns das Hutabnehmen und Grussen vor Hochgestellten oder guten Bekannten ...

Ercolano hatte nach einer heftigen Scene mit seiner Mutter vorgezogen, dem Baron d'Asselyno eine legitime Stellung als Ehrencavalier seiner Gattin zu geben ... Das ist in Italien eine sociale Position wie etwa die jedes Geschaftscompagnons ... Ercolano wollte keinen Bruch. Er war im Stande, ausser sich in den Gartenpavillon zu rennen und Benno zu beschworen, "besser" mit seiner Frau zu sein, nachgiebiger, aufmerksamer ... Sie drohte, krank zu werden, wenn Benno Zerstreuung, Abwesenheit, Melancholie verrieth und sie vernachlassigte ...

Zwei Tage vor dem glanzenden Fest in dem Braccio Nuovo des Vatican war eine grosse Gesellschaft auf Villa Torresani ...

Olympia sass in den Reihen der Geladenen und lebte nur fur Benno ... Ihre Augen sogen sich den seinigen mit dem zartlichsten Verlangen ein ... Die Mutter Ercolano's verliess voll Verdruss daruber sogleich nach Tisch die Villa Torresani ... Herzog Pumpeo eilte ihr nach, um sie zu beruhigen ... Sogar Thiebold wollte folgen ... Er hatte die Absicht, Lucindens Rath zu befolgen und die feindselige Stimmung der alten Furstin durch ein neues "Opfer seiner Tugend" zu paralysiren ... Lucinde hielt ihn jedoch zuruck ... Der Augenblick war nicht gunstig; Herzog Pumpeo galt fur einen Raufbold ... Sarzana fehlte gleichfalls nicht ... Lucinden fuhrte er zu Tisch ... Sein Benehmen war lebhafter, denn je ... Ausgelassenheit stand ihm aber nicht ... Lucinde musste sagen: Benno uberragt alle ...

Nach der Tafel besuchte die Gesellschaft eine der grossartigsten Trummerstatten, die in jener Gegend das Alterthum zuruckgelassen hat, die nahe Villa des Kaisers Hadrian ...

Weitverzweigt ist dieser Riesenbau, den Benno in elegischer Reflexion das Sanssouci jenes alten Kaisers genannt hatte ... Thiebold begann, diesen Gedanken seines Freundes in die entsprechenden Einzelheiten zu zerlegen ... Die Zimmer sah er, wo Kaiser Hadrian nach Tisch den Kaffee trank und junge hoffnungsvolle Dichter und Kunstler ermunterte, in ihren Studien fortzufahren ... Hier blies Hadrian die Flote! sagte er ... Hier lagen seine Lieblingshunde begraben! ... Dort spielte er wahrscheinlich Billard! ... In der That war hier das Leben eines Kaisers jener Universalmonarchie in allen Momenten beisammen ... Raths- und Erholungssaal, Bader, sogar die Kasernen fehlten nicht, in denen die zur Bewachung commandirten Legionen untergebracht wurden ... Fur allzu heisse Tage schien gesorgt durch einen halbunterirdischen, bedeckten Gang, den einst die kostbarsten Mosaikfussboden, die schonsten Frescobilder und eben jene Statuen geziert hatten, die sich jetzt im Braccio Nuovo des Vatican versammelt finden ...

Hier nun war es, wo sich plotzlich die Gesellschaft in den Gangen verirrte und beim Lachen uber die Vergleichungen des Marchese de Jonge, der eine ganz neue Art von Alterthumskunde lehrte, auseinander kam ...

In einem Seitenraum dieser Gange blieb Benno mit Olympia allein zuruck ... Thiebold's Stimme klang in weiter Ferne; kein Fusstritt wurde mehr horbar ... Der Augenblick, den Benno immer noch verstanden hatte, nur fluchtig andauern zu lassen, der entscheidende, den seine eigene Selbstbeherrschung immer noch vermieden, Thiebold's List durchkreuzt hatte, schien gekommen ... Jetzt, wo es vielleicht nur noch acht Tage wahrte, dass die siegreiche oder gescheiterte Unternehmung der Gebruder Bandiera dieser falschen Position des Herzens und der Gesinnung ein Ende machte ...

Olympia hielt Benno zuruck und sagte mit einer einzigen Geberde, die einem Strom begeisterter Worte glich:

Wir sind allein! ...

Und ihr Flammenblick schien diese Trummerwelt neu zu beleben ... Die verwitterten Moose und Schnecken an den feuchten Wanden verschwanden ... Die hier und da noch erkennbaren Farben der alten Wandgemalde gluhten zu Bildern der Mythenwelt auf ... Amor und Psyche, Venus und Adonis schwebten ringsum ... Selbst der Fussboden wurde belebt zum kunstvollsten Mosaik ... Wohl konnten der begluckten Phantasie noch die goldenen Armsessel stehen, vor denen die schongefleckten Felle der Leoparden und Tiger gebreitet lagen ...

Benno musste seinen Arm um die luftige Gestalt winden, musste ihre Linke, eine Kinderhand, weich wie Flaum, an sich ziehen und kussen ... Die junge Frau blickte zu ihm auf mit jenem Ausdruck der Liebe, der in der That ihre Zuge verschonte ... Ihr Mund zitterte; ihre Augen waren von einem so hellen Glanz, als spiegelten sich die Bilder, die sie aufnahmen, in einer reinen Seele ... Mit weicher zitternder Stimme, die ihre Worte wie aus einem der Welt ganz an ihr fremden Register der Stimme ertonen liess, hauchte sie:

Ja, ich sollte dich hassen, du Treuloser! ... Wusstest du was ich alles um dich gelitten um dich fur Thorheiten beging ... Rom, die Welt hatt' ich zerstoren mogen und am meisten mich selbst ...

Benno hatte schon Tausenderlei zu seiner Entschuldigung gesagt ... Auch wollte sie jetzt nichts mehr vom Vergangenen horen ... Ihre Lippen wollten gar keine Worte ... Sie verlangten nur die Beruhrung der seinigen ... Die blendend weissen Zahnreihen blieben wie einer Erstarrten geoffnet stehen ... Liebe verklarte jede Fiber ihres Korpers, wurde das Athmen der Brust, das ersterbende Wort ihres Mundes Das Geheimniss der Welt Liebe, Religion Liebe, Leben Liebe ... Sie senkte die langen Wimpern uber die im traumerischen Vergessen verschwimmenden, ihren Stern ganz innenwarts und hoch hinauf einziehenden Augen ...

Leicht lag sie ihm im Arm wie eine Feder ...

Benno, kaum noch seiner Sinne machtig, zuckte absichtlich wie uber eine Storung ...

Da die Furstin nur in den Bewegungen des Geliebten lebte, machte sie die gleiche Geberde ... Jeder Zug der Schonheit verschwand auf eine Secunde ... Das Ohr spitzte sich ... Das Auge blickte gross und starr ...

Alles blieb aber still ... Nur uber die feuchten Mauertrummer sickerte draussen ein Wasserchen ... Und im Nu, wie von unsichtbarer Musik regiert, verwandelten sich ihre Zuge zur seligsten Harmonie ... Ihr Sein war nur Eine Hingebung, Eine Hoffnung ... Die zartesten Sylphenglieder schwebten in Benno's Armen ... Er hatte sie emporschleudern konnen; wie ein Kind wurde sie sich um seinen Nacken mit den Armen festgehalten haben ... Auf diesen ihren entblossten Armen schimmerte ein grossmachtiges goldenes Armband eine einzige Spange nur, von unverhaltnissmassiger Grosse ... Das Gold blitzte in Benno's Augen ... Er kusste den Arm um dieses goldenen Glanzes willen, der wie ein Zauber auf ihn wirkte ... Seine Knie wankten ... Erst jetzt war er in gleicher Hohe mit ihr ... Er verlor die Besinnung ...

Olympia war es, die sein gluhendes Antlitz mit Kussen bedeckte ... Sie nannte ihn Verrather! Treuloser! Geliebter! ... Sie versicherte, ihn nicht mehr lassen zu konnen, ihn bis in den Tod lieben zu mussen ... Benno! sagte sie dann, fast die Buchstaben zahlend, und nichts mehr anderes sprach sie ...

Aber dennoch will das Gluck seinen vollen Ausdruck haben ...

Diese Statuen, die hier einst standen, rief sie endlich, kann ich nicht mehr anrufen, Zeugen unserer Liebe und Horer unserer Schwure zu sein ... Vernimm, mein Freund! Im Braccio Nuovo bin ich auf dem Fest des Heiligen Vaters! Ich bin nur allein dort! Nur bis elf Uhr darf im Vatican der Fuss eines Weibes verweilen! Die Manner werden sich so zeitig nicht von dem Bacchanal Sr. Heiligkeit trennen wollen! Geliebter, mein Auge sieht dich auf dem Fest in allem, was die Statuen Schones bieten ... Antinous, Apollo bist nur du ... Das genugt gehe du selbst nicht auf dies Fest! ... Sei aber um die elfte Stunde an Villa Rucca, wo ich ubernachten will ... Dort, an der Stelle, wo Pasqualetto Lucinden und die Herzogin entfuhren wollte, ist ein leicht zu gewinnender Eingang in die Villa ... Ersteige die Mauer! ... Du kennst die Stelle an der Veranda ... Dorthin begeb' ich mich, wenn ich vom Fest zuruckgekommen bin ... Ich werde vorschutzen, im Garten noch frische Luft schopfen zu wollen und find' ich dann dich so bleibst du in meinen Armen ... Schwore mir's, dass du kommst! ... Zwei Nachte noch Schwore! ...

So lag einst Armgart an Benno's Brust Sie "das Vogelchen" in seiner Hand, wie er sie damals genannt ... Die Genien senkten die Fackeln ... Keine Storung, keine Hulfe ... Feuer loderte durch Benno's Adern; die Beruhrung hatte die Glieder seines Korpers mit elektrischen Stromen erfullt ... Auf der Lippe brannte ihm der Ausruf: Ich komme! ... Nur ihre Lippen hinderten ihn, ihn wirklich auszusprechen ...

Da zuckte sie aber plotzlich selbst auf ... Diesmal war es nicht der sickernde Tropfenfall am moosbewachsenen Gestein, es war der Fuss eines eilend Daherschreitenden ... Ich komme! war noch nicht gesprochen ... Die Furstin nahm sein Ja! aus seinen Augen, von seinen Lippen ... Die Storung verdross sie nicht mehr ... Das junge Paar fuhr auseinander und gab sich die Miene, als war' es hier nur aufgehalten worden von einer gleichgultigen Absicht ... Benno liess die Furstin frei, trat seitwarts, suchte etwas Blinkendes unter den Steintrummern an der Bogenlichtung des Gemauers ... Die Furstin that, als wartete sie nur auf ihn, um weiter vorwarts zu schreiten ...

Der Zeuge, der sie uberraschte, war Lucinde ...

Da ihr Antlitz gluhte, so war sie rasch gegangen ...

Als sie sah, dass sie das Paar zu storen furchten musste, kam sie wie auf einer harmlosen Promenade und that, als suchte auch sie nur, selbst eine Verirrte, auf diesem Weg zur ubrigen Gesellschaft zuruckzukommen ... Sie leuchtete im festlichen Glanz ... Ein leichter Sommerhut mit kleinen Federn schwebte lose auf ihrem gescheitelten Haar ... Ueber dem hellfarbigen seidenen Kleid trug sie einen grossen breitgewebten Shwal von phantastisch bunten, grunen, rothen und gelben Querstreifen ... Indem sie scheinbar ruhig die Hande ubereinander legte, schlugen die beiden Flugel dieses Shawls zusammen und machten den Eindruck einer Erscheinung aus der Zigeuner- oder Zauberwelt ...

Sie wollte Olympien nicht erzurnen, vermied auch die leiseste Spur eines Lachelns und sagte nur athemlos:

Ich suchte Sie, Herr von Asselyn ... Ich bekam eben vom Cardinal, der sich empfohlen hat, Mittheilungen, die nicht gut sind ...

Woruber? fragte Olympia ohne allen Verdruss ... Sie bot Benno den Arm, um weiter zu wandeln ...

In der Ferne horte man die Annaherung der Gesellschaft ...

Lucinde beherrschte ihre Erregung ... Konnte sie doch diesen Augenblick der Leidenschaft Olympiens fur Benno zu irgendeinem Vortheil benutzen ...

Ich hore, sagte sie, dass die Gefahren Ihres Vetters, des Bischofs, immer drohender heraufziehen ... In der That ist er formlich nach Rom beordert und befohlen worden ...

Was kann ihm geschehen? fragte Olympia, sich an Benno's Arm pressend ...

Benno wiederholte, wie mit Beschamung:

Der Bischof von Robillante ist nach Rom beordert worden? ...

Ich kann nicht sagen, fuhr Lucinde fort, ob wegen Prufung des Magnetismus von der Ponitentiarie oder wegen der Dominicaner und seiner Vorwurfe gegen die Gerechtsame der Inquisition ...

Der Bischof von Robillante? sagte Olympia leicht und obenhin ... Was thut das ihm und uns! ... Tod seinen Feinden! ... Fefelotti soll ihm sein eigenes Erzbisthum abtreten mussen! ... Das will ich! Ich! Ich! Der Hut des Cardinals soll ihn fur jede Krankung entschadigen ... Das will ich! Ich schutze ihn und seine Freunde ...

Sie blickte voll Zartlichkeit auf Benno ...

Lucinde hielt ein Papier in Handen, das sie halb in ihrer Brust verborgen getragen und zaghaft halb hervorgezogen hatte ... Es war ein in lateinischer Sprache gedruckter kleiner Zettel ... Die an alle Cardinale vertheilte Anfrage des Domkapitels von Witoborn uber den Magnetismus! erklarte Lucinde, als Olympia dies Papier ihr abgenommen hatte ...

Benno nahm das Blatt, versprach, es Bonaventura zu senden und fragte, ob es nicht moglich ware, den Freund zu einer nur schriftlichen Vertheidigung zu veranlassen ...

Nein! Nein! Er soll personlich kommen! sagte Olympia ... Er soll seine neuen Wurden selbst mit nach Hause tragen! ... Ein Asselyn! ... Ein Kampf? ... Divertimento! ... Wer sind seine Gegner? ...

Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte sie lachend:

Ha, ich besinne mich, die Dominicaner! ... Wohlan, reisen wir selbst nach Porto d'Ascoli, um den deutschen Monch und den Pilger zu suchen! ... Ich weiss, worauf hier alles ankommt ...

Olympia kannte die geheimnissvollen Umstande, unter denen Pasqualetto nach Rom gekommen war ... Sie kannte das Interesse, das ihr Schwiegervater an jenem Vermittler dieses Wagnisses, an dem Pilger von Loretto hatte ... Sie kannte die Botschaft, die der deutsche Monch Hubertus ubernommen; kannte die mannichfachen Deutungen, die man jetzt dem spurlosen Verschwinden sowol des Suchenden als des zu Findenden geben wollte ...

Mein Oheim soll alle seine Zweifel losen! fuhr die Furstin fort ... Noch ist, denk' ich, Cardinal Ceccone, was er war ... Man sagt, eine Revolution ist im Anzuge ... Nun wohl! Sie wird mit dem Schaffot endigen! Wer will uns hindern, die Gesetze zu handhaben! ... Ich danke Ihnen, Signora, fur Ihre Theilnahme zum Besten der Asselyns ... Niemand soll diesem Heiligsten der Priester, der unter meinem Schutze steht, ein Haar krummen ... Nicht das erste mal, dass ich von den Fusszehen des Heiligen Vaters nicht fruher aufgestanden bin, bis ich nicht die Gewahrung meiner Bitten erhielt und die Zahl der Knienden nach mir war nicht klein ...

Das alles, mit dem Ton des grossten Uebermuthes gesprochen, klang wie beruhigende Musik ... Lucinde fuhlte ganz die Erquickung, die diese Worte gaben ... Auch Benno stellte sich, sie zu fuhlen ... Olympia weidete sich an den Wirkungen ihrer Macht ...

Schon war inzwischen der nachgebliebene Rest der Gesellschaft sichtbar geworden ... Graf Sarzana kam fast schmollend auf Lucinde zu und erklarte, sie uberall gesucht zu haben ... Er bot ihr den Arm und entfuhrte sie fast wie mit Eifersucht ...

Thiebold bildete den Mittelpunkt der Lustwandelnden ... Er war in einem nationalokonomischen Streit mit dem alten Rucca begriffen und zeigte sich nicht im mindesten befangen, als "Marchese" seine Kenntnisse der Holzcultur zu verrathen ... Sah er doch auch nach allen Seiten hin diesen romischen Adel mit Speculationen beschaftigt ... Einige der nahern Verwandten Ercolano's, die die Nacht uber auf Villa Torresani bleiben wollten, glichen vollkommen den Zickeles und den Fulds ...

An ein ungestortes Alleinsein fur den Ablauf des Tags mit Olympien war fur Benno glucklicherweise nicht mehr zu denken ... Der unheimliche, Benno zuweilen mit zweideutigem Blick fixirende Sarzana war zwar mit Lucinden auf Villa Tibur gefahren, andere fuhren nach Rom, die Nachbarn zerstreuten sich in ihre Villen, aber genug blieben zuruck, die Olympien in Anspruch nahmen ... Genug, die auch unbefangen daruber plaudern konnten, dass Donna Lucinda und Graf Sarzana sicher in kurzer Zeit durch das Band der Ehe verknupft sein wurden ... Schon im Herbst wurden sie das kleine Palais bei Piazza Sciarra beziehen, hiess es ... Olympia horte wenig darauf Sie liess allen ihr Gluck; hatte sie doch ihr eigenes ... Jeder Blick aus ihren Augen verwies auf die elfte Stunde nach noch zwei Sonnenuntergangen ... Fur Benno die ausgeloschten Fackeln seines Lebens, denen eine ewige Nacht folgen musste ...

Einen Punkt in sich zu wissen, wo es nicht hell und rein im Gemuth ist, wird dem edeln Sinn zum tiefsten Schmerz ... Jeder unbelauschte Gedanke fallt dann in ein Grubeln zuruck: Wie kannst du diesen Flecken von dir tilgen! Wie kannst du Ruhe und Zufriedenheit mit dir selbst gewinnen! ... Junglinge, Manner konnen zuweilen in die Lage kommen, an Frauen Empfindungen zu verstromen, die nur formelle Erwiderungen ohne wahre Betheiligung des Herzens sind ... Irgendeine Schonung fremder Schwache galt es da, irgendein mildes Entgegenkommen gegen einen Wahn, der sich so schnell, wie wol die Wahrheitsliebe mochte, nicht im verirrten Frauengemuth heilen liess ... Verstrickt dann zu sein in die Folgen solcher Unwahrheit, die sich das Herz, um seiner thorichten Schwache willen, vorwerfen muss, leiden zu mussen um etwas, was man so gar nicht empfunden, so gar nicht gewollt hatte, das sind Qualen der Seele, die an ihr brennen konnen wie das Kleid des Nessus ...

Nach dieser Scene in den dunkeln Gangen der Villa Hadriani sass Benno am Whisttisch bei den geoffneten Fenstern des schonen Gesellschaftssaals der Villa Torresani ... Da gab es einen Seitenflugel, dessen Zimmer ganz zur nachtlichen Herberge der Verwandten und Gaste bestimmt waren ... So sass im Saal bis zur neunten, zehnten Stunde noch eine grosse Gesellschaft beisammen ... Die milden Dufte der Orangenbaume zogen in die Fenster ein ... Phalanen mit durchsichtigen Flugeln schwirrten um die Glasglokken zweier hoher bronzener Lampen, die, aus dem Boden zwischen den Saulen sich erhebend, hier einen Atlas vorstellten, der die Weltkugel tragt, dort eine schwebende Eos, die zwei Leuchtglaser auf ihren Fingerspitzen balancirt ... Auf schwellenden Ottomanen rings an den Wanden des Saals entlang streckten sich die ermudeten Schonen, die halbschlafend sich keinen Zwang mehr anlegten ... Andere schlurften Sorbet und wehten sich mit ihren Fachern Kuhlung, hingegossen an den offenen Fenstern auf niedrigen Sesseln, die kaum einen Fuss hoch uber dem Marmorboden sich erhoben ... Weich und lind zog die Nachtluft herein ... Bis in die Fenster wuchsen die uppigen Beete ausgewahlter Pflanzen mit ihren seltsam gestalteten Blutenkelchen, an sich schon Symbolen der Freiheit der Natur, Symbolen des allbindenden alles entfesselnden Liebestriebs wer kann Bluten von Orchideen, Lilien, Nymphaen, Gardenien sehen, ohne an die Mysterien des Lebens erinnert zu werden ... Ein fernes leises Rauschen konnte vom Sturz des Anio kommen es konnte auch der Sang der Cicaden sein ...

Trenta due! schnarrten die Methusalems der Rucca-Familie beim Spiel ... Der Alte selbst war bei seinem Sohn geblieben und nicht nach Villa Tibur gefahren, wo er uberhaupt nur selten verweilte, weil er dort morgens nicht zum Auszanken all seine Arbeiter beisammen hatte ... Aber auch diese genossen abendlich ihren Lebenstraum ... Einige sangen in schmelzenden Tenortonen: "Amore re del mondo!" ... Andere spielten bei Laternenschimmer die Morra leidenschaftlich und wild und wie alles in Italien gleich auf Leben und Tod ...

Felicissima notte! ... sprach endlich gegen halb elf Uhr Olympia zu Benno, als sie von des schon halb schlafwandelnden Ercolano Arm entfuhrt wurde ...

Es klang wie der letzte Gruss einer Braut vor dem Hochzeitstage ...

Gegen Thiebold konnte sich Benno nicht mehr aussprechen ... Die Lose waren zu ernst, zu furchtbar bestimmend gefallen ...

Thiebold sprang dem zum Pavillon Vorauseilenden von der Gesellschaft angeregt und lachend nach ...

Benno erzahlte, als sie durch den Garten huschten, von Bonaventura's Gefahr, von seiner Berufung vor ein geistliches Gericht, vom Stab, der fur immer uber Paula's Seelenleben gebrochen wurde ...

Thiebold fand sich aus seinen romischen Verwickelungen mit Schwierigkeit in die eigentliche Aufgabe der Freunde zuruck ...

Die aus Thiebold's Vaterstadt gekommene, an sich wohlwollende, die Anschuldigungen der Frau von Sicking und des Cajetan Rother sogar zuruckweisende Anfrage enthielt Stellen, die in deutscher Uebertragung lauteten:1

"Ist die Person, uber welche die Manetisirte gefragt wird, abwesend, so ist dazu eine Haarlocke von deren Haupte vollkommen hinreichend. Sobald die Haarlokke in ihrer Handflache ruht, sieht sie schlafend und mit geschlossenen Augen, wo diese Person verweilt und was sie thut" ...

Eine Haarlocke! ... sprach Benno ...

Schon ergrauten des theuern Freundes Locken ...

Und seine eigenen ? ...

Er sah den Aschenbecher Armgart's ... Gedachte des Abschieds des Briefwechsels durch "ausgetauschtes Blut" ...

Thiebold verstand Benno's heute so dusteres Leid nur aus Bonaventura's Gefahr und vertrostete, ubermudet von den Huldigungen, die seine Galanterie so vielen Contessinen und Principessen dargebracht hatte und die wiederum auch ihm zu Theil geworden waren, sich entkleidend, mit Olympiens und Ceccone's Schutz ...

"O so wolle", ubersetzte Benno eine andere Stelle, "eine hohe Curie nach deren Weisheit, zur grossern Ehre des Allmachtigen, zur grossern Wohlfahrt der Seelen, die unser Heiland so theuer erlost hat, entscheiden, ob alles das eine gottliche oder nur satanische Einwirkung ist" 2

Benno schleuderte das Papier von sich ...

Die Versicherung Thiebold's, dass Olympia alle schutzen wurde, konnte wenig nachhaltenden Trost gewahren ...

Thiebold ermunterte zum Ausharren ...

Mit grosster Spannung sprach er von dem Fest im Braccio Nuovo, auf das er sich nicht nur in der Toilette, sondern auch mit einem Handbuch der Antiquitaten grundlich vorbereiten wollte ...

Am folgenden Morgen wieder ein Brief der Mutter und unter dem mit verstellter Handschrift geschriebenen Couvert, wieder die kurze Anzeige, dass sich Advocat Clemente Bertinazzi aufs neue nach Signore d'Asselyno hatte erkundigen lassen ...

Benno kleidete sich rasch an, liess im Stall des Fursten ein ihm immer zu Gebot gestelltes Ross satteln, verbarg sich vor jedermann, selbst vor Thiebold, und sprengte sofort und in hochster Eile nach Rom.

Fussnoten

1 Dieser Anfrage wortlich entlehnt. 2 Gleichfalls.

9.

Unterweges hatte Benno ein Misgeschick mit seinem Pferde ... Er musste dem Thier, das sich den Fuss verstauchte, mitten auf der Heide, in einer Schaferhutte der Campagna, einige Stunden Ruhe gonnen ...

So war es schon spat Nachmittag, fast Abend geworden, als er in Rom ankam ...

Er musste sogleich das kranke Pferd in Palazzo Rucca den Leuten des alten Fursten ubergeben ...

Dann eilte er in seine Wohnung ...

Sein Zustand war der der Verzweiflung ... Fur morgen erwartete ihn die junge Furstin auf Villa Rucca ... Zu gleicher Zeit mahnten ihn die Freunde der Gebruder Bandiera ... Nicht umsonst war er in die Kreise der Revolution getreten ... Unsichtbare Geister nicht nur, nicht nur die Stimmen seines Innern, sondern wirkliche Personen, die ihn beobachteten, ihn vielleicht richteten, verlangten eine Entscheidung ....

Todt blickte ihn die "Stadt der Stadte" an ... Nur Opfer des geistigen Despotismus sah er uberall ... Jeder Abbate, der an ihm voruberhuschte, lachelte ihm wie mit geheimem Hohn ... Die Menschen gingen und kamen so gedankenlos und leer ... Die Trummer des Alterthums waren ihm mehr denn je nur Graberstatten und was war die lebendige Gegenwart? Aus Gebetbuchern an den Schaufenstern der Buchladen sprach sie ...

Es war fast Abend ... Er furchtete sich, zur Mutter zu gehen ... Die Scham, eingestehen zu mussen, wie weit er mit Olympien gekommen, hielt ihn zuruck ... Aber dennoch, dennoch musste er nach einer Trennung von mehreren Tagen sie begrussen, musste um die auffallenden Mahnungen Bertinazzi's nahere Erkundigungen einziehen ...

Er nahm ein leichtes Mahl in der Nahe des Corso ...

Im Winter besuchte er, um den Kaffee zu trinken, ofters das Cafe Greco ... Sonst setzte er sich gern zu den deutschen Malern, die im Cafe Greco hausen ... Aber auch hier war es ihm jetzt nur unheimlich geworden ... Die Monotonie klappernder Dominosteine, das Rascheln der Tassen auf den schmuzigen Marmorplatten der Tische, die rauhen Kellnerstimmen, die in den lacherlichsten Tonschwingungen Erfrischungen, die aus der Kuche herausgebracht werden sollen, ausschreien, die phantastisch aufgeputzten Bettler an der Schwelle, die sich als Modelle vermiethen zu jener unwahren Welt, die die Romantik der Maler noch immer in ihren Ateliers mit sudlichen Staffagen gruppirt, wahrend Italien diese Trachten und Sitten naturwuchsig nur noch an wenig Stellen bewahrt hat vollends die Kunstler selbst konnte Benno schon lange nicht mehr sehen, ohne auch sie der Fortpflanzung jener lugenhaften Zauber anzuklagen, mit denen Rom die Welt gefangen halt ... Die Akademie sage ihnen schon, was sie allein hier finden sollten ... Selten, dass sich eine Urkraft gegen die Tradition erhobe und von Rom nicht blos Lehren, sondern auch Warnungen mitnahme ... "Eine phrasenhafte Welt, in die ich alle diese Kunstler verstrickt gefunden habe! Klingsohr das ware ihr Mann! Klingsohr musste auch hier mit der Cigarre sitzen und orakeln!" ...

Benno begab sich, da er auf den Monte Pincio wollte, in ein Cafe am Spanischen Platz ... Da konnte er eine deutsche Buchhandlung ubersehen, besucht von ab- und zukommenden Geistlichen, die sich nur Schriften kauften, die in Wien, Munchen, Regensburg, Munster und Koln erscheinen ... Er sah die augsburger "Allgemeine Zeitung", auf die ihn der Staatskanzler angewiesen hatte ... Er fand in allem Deutschen nur noch die Spuren Klingsohr's ... Es war ihm jener fortgesetzte Vatermord, dessen dieser sich fast in Wirklichkeit schuldig gemacht hatte ... Er sah in Deutschland uberall vom hohen Ross der gelehrten doctrinaren Anmassung die grunen Saaten der Neubildungen im Geistesleben der Volker zertreten und was gab den geheimen Druck der Sporen? Das egoistische Interesse der Fursten, des Adels, der Geistlichkeit ... Die Bewegung um den "Trierschen Rock" hatte immer mehr um sich gegriffen ... Die "Allgemeine Zeitung" verrieth ihm, wie selbst nach Witoborn die Bewegung hinuberzuckte ... Er dachte an Monika, Ulrich von Hulleshoven, Hedemann ... An Grafin Erdmuthe und ihre apokalyptischen Bilder uber Rom ...

Es gibt Naturen, die vom Zweifel und einer Weltauffassung der Ironie in uberraschender Plotzlichkeit zu einer Leidenschaft uberspringen konnen, die an ihnen vollig unvermittelt erscheint ... Es gibt Naturen, die jede Voraussetzung, die sogar nur von ihrer Besonnenheit gehegt werden durfte, plotzlich durch die thorichtsten Handlungen Lugen strafen ...

Die Umstande hatten Benno aus der Bahn des heimatlichen Lebens und Denkens hinausgeworfen ...

Jene Courierreise, von den Umstanden so harmlos geboten, gab ihm den Anstoss zu einer immer mehr um sich greifenden Revolution seines Innern ... Auf dem Capitol beim Gesandten seines engern Vaterlandes war er deshalb vorm Jahr kalt empfangen worden ... Aber auch auf dem Venetianer Platz beim Gesandten Oesterreichs, wo er ausgezeichnet worden, erwartete man vergebens seine Wiederkunft ... Durch ein zufalliges Begegniss, durch einen Antheil seines Herzens, genahrt durch die Erinnerung an seine Mutter, genahrt durch die Mahnung, dass romisches Blut in seinen Adern floss, hatte er sich den hervorragenden Erscheinungen des "Jungen Italien" genahert ... Schon hatte man ihm mehr Vertrauen geschenkt, als er begehrte und als vielleicht von andern gutgeheissen wurde ... Und dennoch lebte er in vertraulichster Beziehung zu Menschen, die er hasste und die er aus Grund der Seele hatte meiden sollen ... Diese Gegensatze unterwuhlten seine Ruhe, brachen seinen Muth ... Auf seinem Antlitz fuhlte er eine brennende Maske, ein Mal der Scham ... Sein Glaubensbekenntniss des Sichergebenmussens in Lagen, in die uns die Laune des Zufalls gestellt hatte, war dahin ... Nimm Partei! riefen ihm geheimnissvolle innere Stimmen schon seit jener Stunde, als sich ihm die Mutter in Wien in der ganzen Einseitigkeit ihrer Nationalitat offenbart hatte ... Als er dann Italien selbst gesehen, als er auch Bonaventura in so wunderbarer Schnelligkeit auf den gleichen Boden verpflanzt gefunden, da fuhrten die gemeinschaftlichen Anschauungen, die ubereinstimmenden Ergebnisse des Nachdenkens beide auf die feste Ueberzeugung, dass nur in Italien und vorzugsweise aus der romischen Frage heraus die Entscheidung der weltgeschichtlichen Schicksale Europas zu suchen ware ...

"Die Zeit deiner grossen Revolutionen", hatte

Benno noch vor kurzem an den Onkel Dechanten geschrieben, "ist naher, als Du in Deinem friedlichen Asyle ahnst! ... Die Frage, um die sich Beda Hunnius so erhitzt, die Frage eines Bruchs der deutschen Kirche mit Rom ist nur ein Symptom ... Rom und die grosse Sache der Geistesfreiheit konnen zu ihrem Abschluss nur durch die politischen Schicksale Italiens kommen ... Wird der Schemel der irdischen Macht dem Stellvertreter Christi unter den Fussen weggerissen, dann kann ihm nichts mehr von seinen alten, auch den geistigen Druck der Welt unterstutzenden Machtanspruchen bleiben ... Eine Weile wird er sich noch Patriarch von Rom nennen durfen; aber jede neue Phase der Geschichte nimmt ihm eine Wurde nach der andern ... Damit bricht der Bau der Hierarchie und das schon halbvollendete Werk der Jesuiten zusammen" ...

Ob auch der Katholicismus? ...

Benno hatte seinen zwischen Katholicismus und Protestantismus in der Mitte gehenden Standpunkt offen dargelegt ... Er hatte dem Onkel geschrieben:

"Ich glaube nicht an die propagandistische Kraft des protestantischen Geistes; ich zweifle sogar an dem entscheidenden Ausschlag, den die Volker der germanischen Zunge uberhaupt noch der Geschichte geben ... Das germanische Mutterland ist in zwei Halften gespalten: Oesterreich hat die Gedankengange der romanischen Welt angenommen; Preussen hat die kuhne Neugestaltung Friedrich's des Grossen nicht zu verfolgen gewagt ... Die germanische Welt ware nur insofern kraftvoll, als ausschliesslich mit ihr der Protestantismus geht ... Eine durch Oesterreich vertretene germanische Welt ist keine oder der Name Deutschland wird zum Schrecken jeder Nation, die ihre Freiheit anstrebt ... Nun aber lieb' ich Deutschland, liebe seine Bildung, anerkenne seinen Beruf ... So seh' ich keine Hulfe, die ihm geboten werden kann, als den Untergang Roms, die Zertrummerung derjenigen Bestandtheile der katholischen Kirche, die uns Katholiken von einer engern Gemeinschaft mit den Protestanten trennen ... Ein gesturztes Papstthum wird Deutschland einigen; ein frei gewordenes Italien wird Oesterreich erinnern, wo Kaiser Joseph die Kraft des Kaiserstaates suchte in einer Fortsetzung des Fridericianischen Zeitalters der Preussen ... Gibt es einen Katholicismus ohne den Papst? ... Das ist die grosse Frage der Befreiung der Gewissen ... Und wird sie in dem Sinne beantwortet, dass Rom aufhort, die Metropole der katholischen Kirche zu sein, was kann, das ist die zweite Frage, von ihrem Leben zuruckbleiben, um die Schranken zwischen ihr und den Protestanten niederzureissen? ... Bonaventura will die Bibel und eine gelauterte Messe ... Es sind seine taglichen Gedanken sie erfullen ihn ganz ... Ich selbst besitze zu wenig das Bedurfniss des Cultus, um daruber ein Urtheil zu haben" ...

Benno fand die Mutter nicht daheim ... Marco, der ihn bei jedem Besuch mit grosserm Befremden musterte, versicherte, er wurde sie beim Kloster der "Lebendigbegrabenen" oder vielleicht jenseits der Tiber finden ... Sie hatte Sancta Cacilia, der heiligen Sangesmuse, ihrer alten Schutzpatronin, "der sie so vieles Gute dankte", ihre Verehrung bezeugen wollen ... Von bedenklichen Vorfallen meldete Marco nichts ... Der Advocat Bertinazzi hatte in der That zweimal anfragen lassen ...

Was ist Religion! sagte sich Benno als er sich auf den Weg machte zu den "Lebendigbegrabenen" ... Bei ihnen war heute die Mumie ausgestellt ... Die Menschen standen noch bis auf die Strasse hinaus und jeder hatte dem glasernen Kasten ein Leiden vorzutragen ... Starr hing das braune Schreckbild der Eusebia Recanati an seinen goldenen Klammern ... Die Menschen beruhrten den Glasschrank und erwarteten Hulfe ... Selbst aus der Zahl der Falten ihrer Kleider suchten sie sich die Nummern die sie fur die nachste Tombola setzen wollten! ... Die Masse ist unverbesserlich! sagte sich Benno ... Die Eingeweide der Vogel oder die Gewander einer Mumie gleichviel! Auch in der protestantischen Kirche lasst die Hebamme unter dem Kissen des Tauflings die Nabelschnur der Gebarerin mittaufen ! ... Nur auf die Vertheilung der Herrschaft kommt es an, nur darauf, was im G e s e t z den Vorzug hat, die Vernunft oder die getaufte Nabelschnur Alles andere macht die Stromung der Luft, der Wind, das ansteckende Beispiel Ohne den Widerstand der Priester und der Doctrinare konnte der Deutschkatholicismus sogar den Rationalismus zu einer Art von Mystik erheben, deren die Menschheit nicht scheint entbehren zu konnen ...

Weder vor der Kirche, noch im Kloster bei Olympiens Mutter fand sich die Herzogin ... Equipagen gab es genug; keine mit dem Wappen des Marquis Don Albufera de Henares, Herzogs von Amarillas, ein Wappen, das der Miethkutscher auf seine Wagen zu setzen gestattet hatte ... Benno wollte nach Sancta Cacilia, zu welcher Kirche gleichfalls ein Kloster gehorte ...

Es war nun in den Strassen dunkel geworden, obgleich die Abendrothe noch schimmerte ... Das Volksgewuhl begann in dieser Gegend wie taglich bei Untergang der Sonne ... Da wogten die Menschen durcheinander, da erscholl jener Larm des Sudens um ein Nichts, um ein Paar alte Schuhe, um Schwefelfaden, um etwas Wasser mit einem Stuckchen Eis ... Immer glaubt man, ein Kauffahrteischiff ware eben angekommen und lude die Schatze beider Indien aus ... Schon dampften Maccaroni in den auf offener Strasse errichteten Kuchen ... Fische wurden gesotten in Pfannen, uber die wende dich ab, deutscher Geschmack! der aufgekrampte rothnackte Arm der Volkskochin die Oelflasche giesst ... So mancher Arbeiter halt jetzt erst sein Mittagsmahl auf Piazza Navona ... Die Fleischerbuden bieten noch feil ... Seltsam geformt und fast an die alten Arenen erinnernd sind die zertheilten Stucke, an denen die Knochen mehr als bei uns zuruckbleiben ... "Unsere Sitten das und unsere Sitten sind gut!" liegt auf den Mienen dieser schreienden, singenden, schmausenden dann auch dazwischen wieder betenden Welt ... Die Thuren der erleuchteten Kirche Santa Agnese stehen weit offen ... Auf ihren Stufen im herausstromenden Weihrauchduft lagert sich in bequemster Behaglichkeit das sudliche Abendleben ...

Voruber am Pasquino am Palazzo Rucca am Ufficio delle SS. Reliquie e dei Catacombe, wo Cardinal Ambrosi wohnt ...

Benno stand schon zu mehreren malen an dem grauen spanischen Gebaude mit den vergitterten Fenstern ... Er dachte: Da hinten im dustern Hofe wohnt ein Mensch, der ein Geheimniss ist! ... Bonaventura erfuhr sein Leben von mir ... Er floh vor einem Sektirer hatte die Mutter erzahlt ... Und doch soll er mit Fra Federigo im Einverstandniss leben? ...

So bilden sich die Sagen, so verknupft der Volksglaube ... Das Volk kann das Seltene sich nicht denken ohne unmittelbare Beziehung zu Gott; das Edle kann ihm nie ohne Wunder sein; zwei grosse Menschen konnen ihm nicht ohne das Band des Einverstandnisses leben ... Dieser einfache, ascetische Monch erhielt eine Geschichte, von der er schwerlich selbst eine Ahnung hatte ... Benno musste auf den Beistand auch dieses Cardinals rechnen, wenn Bonaventura in Rom erscheinen sollte ... Eine Regung der Dankbarkeit fur Fra Federigo liess sich bei ihm voraussetzen ...

Und Fra Federigo selbst! ... Benno's eigene Erinnerungen trugen von Friedrich von Asselyn kein Bild ... Nur aus Bonaventura's Charakter, nur aus dem Bestreben seines Vaters, fur die Welt seinem Weibe zu Liebe ein Gestorbener sein zu wollen, konnte er sich die Zuge erklaren, die allgemein von jenem Einsiedler unter dem Laubdach eines waldensischen Eichenhains erzahlt wurden ... Von Grafin Erdmuthe wusste er, dass sie eines Tags vor langern Jahren aus einem waldensischen Gottesdienst zu Fuss nach Hause kam, mit einem ihrer Diener auf dem Heimweg deutsch sprach und daruber von einem Mann angeredet wurde, der hinter ihr her ging, sich als Deutscher zu erkennen gab, auf einer Fusswanderung nach den Seealpen begriffen zu sein erklarte und durch Zufall jener Predigt beigewohnt hatte, die ein Geistlicher gehalten, der keinen katholischen Ornat trug ... Der Fremdling konnte diese fast altlutherischen Sitten des Gottesdienstes nicht unterbringen und liess sich uber die Waldenser von einer Dame unterrichten, in der er mit Ueberraschung einer geborenen Freiin Hardenberg, aus altem norddeutschen Geschlecht, begegnete ... Ihm selbst, sagte er, waren die Gedichte eines Hardenberg (Novalis) von grosster Anregung gewesen ... Dann bei einer Kapelle zur "besten Maria", an der sie voruber mussten bekannte er sich der uber die Anerkennung eines Verwandten freudigerregten Frau zwar als Katholiken, sagte aber: Was hat wol Ihr fruhvollendeter Vetter unter jener Maria verstanden, die er zum Anstoss der Seinen so oft besang! Doch wol nur Sophia von Kuhn, die er liebte und die ihm starb, noch ehe sie die Seine geworden! So wird unser eigenes Leben zuletzt die lauterste Quelle unserer Religion ... Hardenberg-Novalis sang, fuhr er fort:

"Wenn alle untreu werden,

So bleib' ich dir doch treu !"

Er sang es in so personlicher Freundschaft fur den Erloser, dass ich diesem Lied mein Glaubensbekenntniss verdanke ... Die Religion muss fur jeden Einzelnen sein eigenes personliches Verhaltniss zu Gott werden und die Kirche soll nur so viel dazu mitthun und mithelfen, wie ein Wachter, der ein Stelldichein der Liebe h u t e t ! Alles andere, jede andere Einmischung in unsere innere Welt ist vom Uebel! ... Die Grafin, gedeutet sah, bat den Fremdling, auf Castellungo einige Tage Rast zu halten ... Er zogerte anfangs, folgte aber doch, da er ermudet und offenbar im Beginn einer Krankheit schien ... Diese uberfiel ihn denn auch, als er das stolze Schloss beschritten und die erste freundliche Bewirthung der Grafin genossen hatte ... Sein uberreizter Zustand gab sich sogleich in einem heftigen Strom von Thranen kund, dem ein Fieberfrost und eine lange Nervenkrankheit folgte ... Die Grafin widmete ihm die grosste Sorgfalt und erfullte zugleich die Bitte, die sich in einzelnen lichten Momenten von seinen fahlen Lippen stahl, dass sie keine Nachforschungen uber seinen Namen und seine Herkunft anstellen sollte ... Er hatte keine Verwandte mehr, wollte todt sein und bate, ihn nicht anders als Friedrich zu nennen Das Reich des Friedens, sagte er, find' ich nicht mehr auf dieser Erde, ich zoge gern hinuber; mir selbst aber den Tod zu geben, ware vermessen; unsichtbare Fesseln halten mich auch noch doch bin ich nicht mehr, was ich war ich bin ein Todter ... Die Grafin hatte Benno erzahlt, dass der Fremdling damals wenig uber vierzig Jahre zahlte, eine seltene Bildung besass und mit den Lehrsatzen seiner Kirche um personlicher Erlebnisse willen in Spannung schien ... Oft hatte sie ihn fur einen fluchtigen Priester gehalten ... In ihn zu drangen und Namen und Stand von ihm zu begehren, widersprach ihrer Sinnesart, ja die Verehrung vor dem "Signor Federigo", wie ihn sogleich die Schlossbewohner nannten, wuchs bei ihr zu einer so innigen Freundschaft, dass die schon gereifte Frau, damals Witwe, sein Scheiden nur mit grosster Betrubniss wurde erlebt haben ... Er seinerseits fasste die gleiche Neigung fur die edle Dame, deren religiose Denkweise nicht ganz mit der seinigen ubereinstimmte, die aber Verbindungsglieder gemeinschaftlicher Ansichten und Stimmungen bot ... So knupfte sich zwischen beiden ein seelisches Band, das aus den Erzahlungen der Grafin mehr von Benno geahnt werden konnte, als ihre Worte schilderten ... Sie liess die jedenfalls auf Friedrich von Asselyn passende Aeusserung fallen, dass der Fremdling die Wappen und Farben ihres Hauses von der altern Linie her kannte, sie oft mit Ruhrung betrachtet hatte und selbst wol dem Adel angehorte ... Fast wie aus Furcht vor Begegnungen, die gerade auf diesem Schlosse nicht unmoglich waren, hatte der Fremde sowol den langen Bart, der ihm in seiner Krankheit gewachsen war, nicht entfernen, noch auch auf dem Schlosse selbst langer wohnen mogen ... Unter dem Schutz der Gesetze, die aus aufgeklartern Zeiten, als die unserigen, stammten und den die Grafin so muthig wiedererobert hatte, verweilte er eine halbe Meile vom Schlosse entfernt in einem Hause, das er sich im Wald aus Baumstammen selbst gezimmert hatte ... Die Menschen der Umgegend nannten ihn "Fra Federigo" ... Man ruhmte seine Kenntnisse in der Heilkunde, in Sachen des Ackerbaus und der Guterbewirthschaftung ... Er kannte das Recht, die Geschichte, die Lehnsverhaltnisse in allen europaischen Gesetzgebungen ... Anfangs liess er sich nur mit Widerstreben von den Umwohnenden besuchen. Zuletzt, wenn die Grafin auf langere Zeit nach Wien musste, war sein Rath allen und ihren eigenen Verwaltern unumganglich ... Unter seiner Eiche hielt er eine Bienenzucht und nahm in dieser summenden Gesellschaft, zu der noch eine Ziege und ein Hund gehorten, immer mehr die Weise eines Eremiten an, der, geschieden von der Welt, auch sein Aeusseres nicht mehr nach den Gesetzen der Gesellschaft einrichtet ... Briefe empfing er nicht; ebenso las er anfangs keine Zeitungen; spater desto theilnehmender, bis er sich, diese Lecture versagte, nur um nicht den Reiz der Ruckkehr in die Welt zu mehren ... An Anfechtungen durch die Geistlichen und Behorden fehlte es nicht ... Seine Anspruchslosigkeit und der Schutz der Grafin bewahrte ihn vor grossern Unbilden ... Bis dann freilich die Jesuiten immer machtiger und machtiger wurden und die Eifersucht der Dominicaner reizten ... Hof und Cabinet von Turin kamen in die Hande der Jesuiten ... Nun begannen Verfolgungen, Einkerkerungen ... Bald nach Fefelotti's Erscheinen verschwand plotzlich der inzwischen zum Greise gewordene gutige und allgeliebte Waldbewohner ... Eines Morgens fand man seine Siedelei leer; seine Ziege hatte noch ihr Futter fur einige Tage, ebenso sein Hund, der angebunden war ... Als er losgeschnitten wurde, rannte er schnurstracks nach Coni bis in das dortige erzbischofliche Ordinariat, wo die ubrigen Gefangenen sassen ... Dort wurde er festgehalten und eingesperrt ... Als man ihn eines Tags losgerissen fand, behauptete man, ihn in Robillante gesehen zu haben und zwar, wie die Grafin Benno versicherte, mit eingeklemmtem Schweif, herabhangenden Ohren, trauernd hinter einer dustern und verschlossenen Kutsche herlaufen, die von zwei Gensdarmen begleitet wurde ... Die Kutsche kam aus dem Officium der Dominicaner zu San-Onofrio und fuhr der grossen Strasse gen Osten zu ... Das Thier, sagte sie, hatte die Witterung seines Herrn und konnte ihm in seiner verschlossenen Kutsche nicht beikommen ... Selbst als man spater vom Auftauchen Fra Federigo's bei Loretto und unter den Raubern der Mark Ancona gehort hatte, liess sich die Grafin nicht nehmen, dass jene noch an einigen andern Orten auf ihrer geheimnissvollen Fahrt gesehene Kutsche ihren Freund nach Rom abgefuhrt hatte eine Ansicht, die niemand mehr als Bonaventura theilte er, der sie mit einem Schmerz nachfuhlte, dem Benno in Gegenwart der Grafin nur einen unvollkommenen Ausdruck geben konnte ... Benno's Ansicht: Dein Vater erfuhr deine wunderbare Ernennung zum Bischof von Robillante und floh aus eigenem Antrieb vor dir und vor dem moglichen Wiedersehen deiner Mutter und Friedrich's von Wittekind! liess Bonaventura in einem Augenblick gelten, im andern trat ihm wieder das Bild der verschlossenen, von Gensdarmen nach Rom gefuhrten Kutsche wie eine Mahnung entgegen, nicht eher zu ruhen und zu rasten bis sein greiser Vater aufgefunden war ...

Benno wurde aufs machtigste von diesen Rathseln ergriffen beim Hinblick auf San-Pietro in Montorio, wo Bruder Hubertus gewohnt hatte ... Er hatte die Mutter in Trastevere gesucht ... Auch in Santa-Cecilia, bei den Benedictinerinnen, fand er sie nicht ... Nun wollte er einen Miethwagen nehmen und nach Monte Pincio zuruckfahren ... Da im allerletzten Abendsonnenstrahl leuchtete so schon und verklart, San-Pietro in Montorio auf ... Wo konnte er sich bessere Kunde vom Bruder Hubertus holen, als dort oder vielleicht bei Sebastus in Santa-Maria? ... Letztern zu meiden drangte ihn alles ...

Er erstieg den Hugel, auf dem die Paolinischen Wasserleitungen sich sammeln, klopfte an das Kloster, neben einer Kirche, der einst Raphael seine Transfiguration gemalt ...

Von den beim Nachtimbiss sitzenden Alcantarinern kam einer an das Sprachgitter und sagte auf Benno's Fragen:

Wir wissen von dem deutschen Bruder nur, dass man ihn noch in Ascoli sah ... Die Leiden des Bischofs von Macerata sind im Druck erschienen und Ihr werdet sie gelesen haben ... Seine Befreiung ist dem wunderthatigen Marienbild von Macerata beizuschreiben, das eines Tages spurlos verschwand1... Das Volk gerieth in Aufregung und beschuldigte das Kapitel von Macerata, das Bild weggeschlossen zu haben, um auf diese Art die Rauber zu zwingen, den Bischof freizulassen ... In der That bemachtigte sich eine solche Unruhe der Gegend, dass die Genossen des Grizzifalcone Angst bekamen und sich herbeiliessen, lieber den Bischof auf freien Fuss zu stellen ... Der Heilige hat viel dulden mussen das Marienbild ist dann wieder erschienen ... Von Bruder Hubertus, der dem Domkapitel jene Hulfe angerathen hat und so ohne alle Muhe den Bischof rettete, ist seither nichts mehr vernommen worden ... Wir wissen, er hat den Grizzifalcone getodtet in einer Nacht, wo wir ganz andere Dinge von ihm erwarteten ... Ein Tollkopf war's ... Er auch nur allein konnte sich unter Rauber begeben, deren Hauptmann er getodtet hatte ... Auch von dem Pilger wisst Ihr, der dem Grizzifalcone fur seine Bekehrung hat alles lesen und schreiben mussen? ... Ein Franciscanerbruder sprach vor einigen Tagen bei uns vor und hat ausgesagt, man hatte den Monch mit dem Todtenkopf und mit ihm zugleich den Pilger jenseit der Grenze in den Abruzzen gesehen ...

Auf Benno's dringenderes Forschen rief der Pfortner den Guardian ...

Dieser kam und versicherte, beide Verschollene waren auch schon lange nicht mehr in den Abruzzen, sondern in Calabrien, wo sie ein Wallfahrer in dem schluchtenreichen Silaswalde wollte gesehen haben ...

Im Silaswalde! ... An der aussersten Grenze Italiens Auf den meerumbuchteten Landzungen Neapels schon in den altesten Hainen der Welt von Eichenund Kastanienbaumen ... Immer weiter und weiter ruckte die Beruhigung des aufgeregten und selbst so duster bedrohten Freundes in Robillante ... Wurde Benno sich freier bewegt haben, er hatte sich an Ort und Stelle begeben, um nach dem geheimnissvollen Pilger zu forschen ... Die Ungewissheit, der Einfall der Gebruder Bandiera, die Furcht vor Olympia's Rache, Bangen vor den Mahnungen Bertinazzi's hielten ihn von der Ausfuhrung dieses Vorsatzes ab ...

Benno kampfte mit sich, ob er die Mutter heute aufgeben und nicht lieber sofort zu Bertinazzi gehen sollte, den er erst morgen in erster Fruhe hatte besuchen wollen ...

Die volle Nacht war hereingebrochen, als Benno von San-Pietro niederstieg ...

Die Einsamkeit des Weges beflugelte seinen Schritt ... Schon im zweifelhaften Abendlicht sind die nachste Trummerhaufen und Gartenmauern Roms unheimlich ...

Er wandte sein Auge vom Anblick der Peterskup

pel ab ... Das Bild: Morgen um diese Stunde werden dort die marmornen Bilder des Vatican lebendig! machte ihm das Blut erstarren ... Er kannte diesen Braccio Nuovo ... Hundert lachende Priester sah er in festlichen Gewandern, bei Fackel- und Kerzenschein, durch die mit den Marmorsargen der ersten Christen geschmuckten Corridore schreiten ... Die Statuen der romischen Kaiser wurden lebendig und schlossen sich ihnen an ... Im Saal des Braccio Nuovo schimmerten Bankettische, Vasen voll Blumen, silberne Urnen voll Eis mit dem "Bier der Franzosen", wie Sarzana gesagt hatte; alles im glanzenden Licht, ausgestromt von zahllosen Kerzen ... Die Julien, Livien und Agrippinen der Imperatorenzeit kamen mit ihren faltenreichen Gewandern in den Saal und setzten sich zu den Zechenden ... Da thront Ceccone, mit dem Rukken gelehnt an die beruhmte Gruppe des Nil ... Sechszehn kleine Genien kugeln sich ubermuthig auf dem kolossalen Sinnbild der Ueppigkeit und Fruchtbarkeit ... Der lachende Silen blickt auf den neugeborenen Bacchus dicht neben Bischof Camuzzi ... Fefelotti liebaugelt mit der beruhmten Statue des Demosthenes, die soviel zierliche Faltchen wirft; mehr, als ein Redner voll Naturlichkeit seiner Toga erhalten konnte, als er gegen Philipp von Macedonien donnerte ... Nun trommelt die Schweizergarde ... Immer neue Gaste kommen im Purpur vorgefahren und die Medusenhaupter nicken ihnen den Gruss; die Athleten erheben sich, die Isispriesterinnen verneigen sich ... Olympia lasst lachend vor Erwartung den Arm auf dem Sockel ihres Apollin ruhen ... Oder blickt sie finster wie die "verwundete Amazone" ? ... Er ahnte, dass sie diesmal seiner Flucht aus Villa Torresani nicht im mindesten zurnte, sondern fest und sicher ihn fur morgen erwartete ...

Die Qual der Entschlusslosigkeit trieb Benno dahin, wie von Furien gepeitscht ...

Er kam der Tiber naher ... Die Brucken, die in die innere Stadt fuhrten, waren entlegen ... Hie und da ging eine Treppe nieder, wo in einem angebundenen Kahn ein Schiffer sich streckte und auf einen Verdienst wartete ... Er wollte sich ubersetzen lassen ...

Wie ein Traumender blickte er um sich ... Hier in der Nahe sind die Spitaler ... Es konnte nicht befremden, dass da und dort jene gespenstischen Gestalten der Todtenbruderschaft auftauchten ... Die Begrabnisse finden des Nachts statt ... Memento mori! ... Benno erblickte einige dieser bald weissen, bald schwarzen Kutten in Kahnen auf dem gelblichen Strom dahingleiten ...

Die Via Lungaretta schien ihm heute endlos ... Er hatte ubersehen, dass er die Abbiegung zur Bartolomausbrucke schon hinter sich hatte und sich an Ponte Rotto befand, einer Gegend, wo es schwerlich Fiaker gab ...

Sollte er den Besuch der Mutter fur heute aufgeben? ... Sollte er zu Bertinazzi gehen? ...

Da schritt wieder vor ihm her ein schwarzer Todtenbruder ... Er kam aus dem engen Winkelwerk der Hauser heraus und stieg eine Treppe nieder ... Hier glanzte die Tiber auf ... Im Abenddunkel boten die Lichter am Ufer und die in den Strom hineingebauten Muhlen einen besonders lebhaften Anblick ... Eine Schar von Bettlern und Strassenjungen zeigte Benno hinter einem Gebaude den Kahn, den der Todtenbruder suchte ...

Es zog auch ihn zum Tode ... Er musterte die stolze Haltung seines Gefahrten ... Oft verbargen sich unter diesem Kleide die angesehensten Nobili, wenn sie gerade die Reihe des Dienstes in der Bruderschaft ihres Viertels traf ...

Benno rief dem Schiffer, ihn noch mitzunehmen und stieg die Stufen nieder ...

Der schwarze Leichenbruder, eine hohe, schlanke Gestalt, hatte eben zum Abfahren winken wollen ... Jetzt erst, da er noch einen Passagier sich nachkommen sah, setzte er sich ...

Auf dem truben, ungleichen, strudelreichen Bett der Tiber glitt der leichte Kahn dahin, gefuhrt von einem jungen halbnackten Burschen, der den vom Kopf bis zum Fuss verhullten Todtenbruder scheu betrachtete und vor Freude uber die gluckliche Eroberung zweier Passagiere statt eines eine Weile sprachlos blieb ... Rings funkelten immer heller und zahlreicher die Lichter von den Ufern auf ... Auch bei den Benfratellen druben war Licht ... Mancher Leidende mochte dort eben seinen letzten Seufzer aushauchen, mancher Genesende die Hande zum Dankgebet erheben ... Die hie und da auftauchenden Sterne spiegelten sich nur matt in den truben Wogen, auf deren Grund so tausendfach die Reste der Jahrhunderte schlummern, so mancher Fund, dessen Entdeckung das Entzucken des Forschers sein wurde ... Auf der Quattro-Capi-Brucke war es so lebhaft wie auf Piazza Navona ... Noch stachelten verspatete Fuhrleute ihre riesigen weissen Ochsen, deren stolzgewundene Horner nur eines Kranzes bedurften, um den Opferthieren Griechenlands zu gleichen ... Noch zankten Treiber mit ihren schreienden, in Italien so heissblutigen Eseln ... Die Glocken lauteten ... Ein solcher Abend scheint im Suden erst das Erwachen zum Leben zu sein ... Kahne glitten dahin mit aufgehauften Gemusen und Fruchten schon fur den morgenden Markt ... Die Ruderer mussten Acht haben; von den Tausenden von Trummersteinen, die in dem Bett des geschichtlichsten aller Strome ruhen, ist die Fahrt auf ihm keine ebenmassige ...

Benno, tiefermudet, redete den Todtenbruder, von dem er nur die Augen sehen konnte, mit den Worten an:

Dieser Dienst in der Nacht hat sicher seine Beschwerlichkeit ...

Der Todtenbruder antwortete nicht ...

Die Romer sind sonst hoflich ... Benno glaubte nicht verstanden worden zu sein, wiederholte seine Worte und setzte hinzu:

Aber Sie losen sich haufig ab? ...

Der Todtenbruder zog statt der Antwort jetzt sogar seine schwarze Kopfbedeckung so, dass selbst seine feurigen Augen verdeckt blieben ...

Seltsam! dachte Benno ... Der Mann ist schwerlich taub ... Er tragt vielleicht ein Leid wie du ...

Benno schwieg und horte auf den Schiffer, der in italienischer Gewohnheit schon fur jede andere Gelegenheit sich empfahl, wo die Herrschaften vielleicht wieder die Tiber befahren wollten ... Er nannte sich Felice und beschrieb seinen Vater, der den Stand an Quattro-Capi druben hatte und der beste Schiffer von der Welt ware ... Benno kannte, was man alles bei solchen Gelegenheiten in Italien zu horen bekommt; jede neue Kundschaft wird sogleich furs Leben festgehalten ...

Er war nicht in der Stimmung, die Unterhaltung mit Felice fortzufuhren ... Er sah auf den Todtenbruder, der vielleicht das Gelubde des Schweigens abgelegt hatte ... Vielleicht war es ein Vornehmer, den sein nachtliches Amt verdross ...

Wieder glitt eine Barke mit zwei Benfratellen, die von der Bartolomausinsel kamen, voruber ... Auch diese hatten ihre Kapuzen uber den Kopf gezogen ... Sie wurden von einer dritten Barke gekreuzt, die gleichfalls ein Mitglied der Todtenbruderschaft fuhrte in weisser Verhullung ...

Der Gedanke lag nahe, an eine grosse Sterblichkeit zu denken, die uber Rom gekommen ... Im Herbst pflegte sich seit einigen Jahren regelmassig die Cholera einzustellen ...

Felice besass den angeborenen Scharfsinn der Italiener ... Eine angeschnittene Melone, die neben dem Mantel Felice's lag, betrachtete Benno mit einem Blick, der bei so vielen Todeserinnerungen keinen Appetit danach ausdruckte und Felice las sogleich die Gedanken in der Seele seines zweiten Passagiers, denn er sagte:

Eh! ... Sie kommt dies Jahr nicht wieder ...

Benno wusste, was Felice meinte, mochte aber die Conversation nicht fortfuhren ...

Felice aber im Gegentheil ...

Signore, flusterte er, als handelte sich's um einen Gegenstand der grossten Discretion, ich stehe druben bei Capo di Bocca dicht an der Apotheke ... Da, wo meine Mutter die Melonen verkauft ... Saftige, Herr! ... Sehen Sie, versuchen Sie! ... Signore! Nein, sie kommt dies Jahr nicht wieder ... Die Krankheit mein' ich, Signore ... Der Padrone der Apotheke hat es selbst an die Leute gesagt ... Signor, bei Capo di Bocca ... Rufen Sie nur immer: Felice! ...

Woher weiss der Padrone der Apotheke, dass die Cholera diesmal nicht wiederkommt? fragte Benno, um dem Redestrom ein Ende zu machen ...

Signore! Weil sie kein Gift mehr verkaufen durfen ... Er sagt' es gestern erst dem Wirth der Navicella ... Signore, das ist das Kaffeehaus druben, wo mich jeder findet, der nur am Ufer nach Felice ...

Gift verkaufen? Wozu Gift ? unterbrach Benno, der sich die Pein dieser Kundschaftsempfehlungen abkurzen wollte ...

Haha! lachte Felice und stiess sein Ruder auf ein hartes Gestein, das vielleicht der Torso einer Statue des Praxiteles war ... Die Brunnen vergiften sie nicht mehr ... Das glauben die dummen Leute ... Eh ! ... Die Brunnen! ... Haha, Signore! ... Aber machen Sie eine Partie, Herr Nach Ceri, Herr Ceri ist die alteste Stadt der Welt Ich nehme meinen Bruder mit ... Morgen? ... Meinen Bruder Beppo ...

Warum sagt ihr: He? und lacht Was glauben die klugen Leute uber die Cholera ? ...

Felice machte eine Miene, als durchschaute er alle Geheimnisse der Welt ...

Was ist's, wenn die Apotheker kein Gift mehr verkaufen durfen? wiederholte Benno ...

Gift? ... Nicht verkaufen? ... Die Apotheker sagen's und die armen Leute glauben's ... Aber die Reichen die bekommen Gift, soviel sie wollen ... Und die Aerzte die brauchen's gar nicht aus der Pharmacia zu kaufen ...

Die Armen? Die Reichen? Die Aerzte ... Wie hangt das alles zusammen? ...

Felice machte Mienen, die Benno allmahlich verstand ... Er liess nur einfach die eine Hand vom Ruder los und fuhr damit hinter's Ohr mit ausgespreizten Fingern ... Eine Miene, die etwa sagte: Wir sind nicht so dumm, wie wir aussehen die Aerzte vergiften zur Zeit der Cholera auf Befehl der Reichen die Armen ... Signore nach Ceri! fuhr Felice fort, als Benno verstanden zu haben schien und seinerseits gleichfalls eine Geberde machte, die mit sudlandischer Offenheit soviel sagte, als: Felice, du bist ein Esel! ... Ceri ist die alteste Stadt der Welt! ... Vielleicht morgen ich nehme noch meinen andern Bruder mit Ausser Beppo noch den dritten, den Giuseppe ...

Die Cholera ist also eine Krankheit, die von obenher befohlen wird! unterbrach Benno ... Alle Jahre soll einmal der Staatskorper von seinem Ungeziefer gereinigt werden! Nicht so, ihr Thoren? ...

Die Miene und Betonung Felice's druckte das starrste Festhalten seiner Meinung aus ... Wie wenig ihm daran lag, seine Gesinnung uber die Aerzte, Apotheker und die Reichen in Rom geandert zu bekommen, sagte die Mahnung:

Herr, die Tiber kennen selbst die Romer noch nicht alle ... Gewiss, Herr, selbst wenn Sie ein Romer sind, haben Sie noch nicht Castellana gesehen ... Civita Castellana ist das Wunder der Welt ... Wenn wir Morgens um vier Uhr einen Kahn nehmen, naturlich mit Beppo, mit Giuseppe und Francesco Francesco, Herr, ist mein vierter Bruder ...

Das erzahlt man allerdings aus der Cholerazeit, unterbrach Benno mit Entschiedenheit ... Wer einen Feind hatte, todtete ihn bei dieser Gelegenheit; schlechte Frauen vergifteten ihre Manner, schlechte Manner ihre Frauen, ruchlose Kinder ihre Aeltern ... Im allgemeinen jammervollen Klagen und Sterben ging eine Leiche mit der andern, ohne dass man danach fragte, ob wol das Gift, an dem sie den Geist aufgeben mussten, aus der schlechten Luft oder aus den Kellern kam, wo nur die Ratten daran sterben sollten ... Sagt man nicht das? ...

Diese Frage richtete Benno an den schwarzen Todtenbruder ...

Fast getroffen von Benno's Worten hatte sich dieser von seinem Sitz erhoben ... Vom Nachthimmel sich abzeichnend stand die Gestalt in schoner, langer, schlanker Haltung ein Bote des Minos, ein Abgesandter des Richters aus der Unterwelt ...

Benno hatte noch einmal geglaubt den Versuch machen zu sollen, den stummen Passagier zu einer Antwort zu bewegen ...

Der Todtenbruder sprach in der That auf seine Frage ein leises und hohles:

Man sagt das ...

Benno horchte der Stimme und fuhr fort:

Eine entsetzliche Vorstellung, sich so feige Morder denken zu mussen, die eine Zeit der allgemeinen Auflosung des Vertrauens, eine Zeit der Trauer benutzen, um mit gedecktem Rucken einen dann wahrscheinlich sichern Mord auszufuhren ...

Wieder schien der Todtenbruder von diesen Worten eigenthumlich beruhrt ... Er schwieg, fiel nicht zustimmend ein, druckte keine Verachtung eines so feigen Mordes aus, sondern wandte sich nur ab, um durch seine kleinen Augenoffnungen auf die bald erreichte Brucke der "Vier-Haupter" zu sehen ...

Als sich nun auch Benno erhob, gerieth der Kahn in ein Schwanken ...

Felice spreitete rasch die Beine aus und hielt das Gleichgewicht ...

Um seine ohnehin wie auf der Flucht vor dem Schmerzlichsten befindlichen Gedanken nicht zu sehr aufzuregen, fragte Benno:

Kennst du das Haus des Rienzi, Felice ? ...

Im selben Augenblick sprach aber auch der Todtenbruder noch eine Antwort auf Benno's Aeusserung von vorhin ...

Sie kam verspatet, kam aus der kleinen Oeffnung der Kapuze, die nur allein dem Mund und der Nase das Athmen erlaubte, dumpf und hohl ...

O gewiss es gibt genug der Falschheit in der Welt ...

Diese Worte klangen seltsam ... Sie klangen wie von einem Ergrimmten ... Wenigstens wurden sie durch die Zahne gesprochen ...

Benno, der selbst eben gesprochen hatte, verstand nicht sogleich und fragte:

Es gibt ? sagten Sie? ...

Genug der Falschheit in der Welt! wiederholte der Todtenbruder scharf und gereizt ...

Benno horchte auf ... Diesen Ton der Stimme glaubte er zu kennen ... Noch kurzlich, vielleicht erst gestern hatte er diese Stimme gehort ... Wer ist das ? sagte er sich staunend und haftete auf einer Erinnerung an einen der bei Olympien gesehenen Gaste Zunachst an den Fursten Corsini der in der That seinen Palast jenseits der Tiber hatte ...

Der Todtenbruder kehrte ihm jetzt den Rucken ...

Eben fuhren sie unter der Brucke Quattro-Capi hinweg ...

Wo liegt das Haus des Rienzi? wiederholte Benno noch einmal, sich zu Felice wendend ... Er musste dabei dem Klang der Stimme nachdenken ...

Signore, das Haus des Rienzi kenn' ich nicht, erwiderte Felice eiligst, aber ich versichere Sie, nach Civita Castellana ist es die schonste Reise von der Welt ... Auch Cicero hat da gewohnt ... Es geht gegen den Strom, aber wir nehmen noch meinen funften Bruder

Euere Bruder sind zahllos! unterbrach Benno ungeduldig ... Dann nach dem Todtenbruder sich wendend, sagte er: Wo hat nicht alles in Italien Cicero gewohnt! ... Cicero und Virgil sind dem Italiener gelaufig wie die Heiligen ... Aber Cola Rienzi, euer Volkstribun, ist euch unbekannt geblieben, Felice! ...

Jetzt glaubte Benno fur bestimmt annehmen zu durfen, dass der schwarze Leichenbruder unter seiner Kapuze lachte ...

Es war ein Lachen des Hohns ...

Prinz Corsini konnte das nicht sein ... Corsini gehorte zu den Freimuthigen, aber er war in seinen Manieren hoflich ...

Unter dem ersten Hermenkopf der "Vierhaupterbrucke", eines alten Romerwerks, stieg der Todtenbruder aus ... Er schien voll Ungeduld die Steintreppe erwartet zu haben ... Beim Abschied bot er Benno auch nicht den leisesten Gruss ... Seinen kupfernen Obolus warf er dem Schiffer in die Mitte des Kahns wie ein Almosen ...

Felice's Grazie Eccellenza! sagte wenig uber seinen Stand ...

Benno zahlte mehr, als ublich ... Da durfte er sich nicht wundern, dass Felice, den er fragte, ob er den Todtenbruder kenne, behauptete, diesen nicht blos ofters, sondern alle Tage zu fahren ... Er nannte ihn einen Herzog, einen Principe, "wenn er auch nur zahlte, was in der Regel" ... Dass er Cardinale fahre, offen und geheim, Principessen, mit und ohne Schleier, setzte er ermuthigend hinzu ... In jener Unermudlichkeit, mit der der Italiener seinen Einen Gedanken des Gewinns, darin ganz dem Juden gleich, festhalt, kam er wieder auf die Reize einer Stromfahrt von zwei Tagen bis zu dem Ort zuruck, zu deren Merkwurdigkeiten nun auch noch der Eingang in die Holle gehoren sollte ...

Benno war endlich von ihm befreit und ging, umrauscht vom Larm der Strassen ...

Das Benehmen des Todtenbruders, sein stolzes, festes Dahinschreiten am Quai, das Benno noch beobachten konnte, sein hohnisches Lachen, die scharfe Betonung uber die Falschheit der Welt veranlasste Benno, dem Unfreundlichen noch einige Schritte weiter als nothig zu folgen ... Er hatte Worte gehort, die sein Innerstes erschutterten ... Wandelte er denn auch auf Wegen, die offene und gerade waren? ...

In wenig Augenblicken war die gespenstische Erscheinung verschwunden ... Benno sah ein offenes Thor, durch das der Todtenbruder mit seinem flatternden schwarzen Gewande hindurchschritt ...

Benno befand sich hier bei den Hinterpforten grosserer Hauser, die nach vorn dem Theater des Marcellus zu liegen ... Hier gibt es kleine Garten, kleine Pavillons ... Die Dunkelheit verbarg den unschonen Anblick italienischer Hinterfronten mit ihren schmutzigen Galerieen, ihren ausgehangten alten Teppichen, ihrer aufgehangten zerrissenen Wasche, ihren schmutzigen Gerathschaften und jenem Colorit der Wande, dessen vorherrschender Ton ein verfangliches Gelb ist ... Alles das vergisst man freilich in Italien um einer einzigen Palme willen, die aus solchem Gewirr in einem kleinen Gartchen versteckt emporwachst ...

Auch hinter jener Pforte, wo der Todtenbruder verschwunden war, lag, wie Benno jetzt sah, ein solches Gartchen ...

Wer wohnt hier? fragte er einen am Wasser mit dem Ausladen eines verspatet angekommenen Kahns Beschaftigten ...

In diesem Palazzo ? erwiderte der Angeredete und bot sofort statt der Antwort, auf die er sich die Miene gab, sich grundlich besinnen zu wollen, vorerst seine Waaren an, die der Herr gerade hier am zweckmassigsten angetroffen hatte ... Walzbreter zur Bereitung von Nudeln, holzerne Loffel, einen Steinkrug zur Aufbewahrung seines Oels ... Wer in Italien handelt, glaubt, dass man sich zu jeder Zeit aus dem Gebiete gerade seiner Branche assortiren konne; in die Eilwagen hinein reicht man zinnerne und blecherne Kuchengegenstande, "die man jetzt gerade wohlfeil haben konnte" ... Und auch dieser Mann wahrte erst seinen Vortheil und zeigte auf hundert Schritte weiter seinen Laden ...

Aber den Besitzer des "Palazzo" konnte er nicht nennen ... Dann war es eine grossmuthige Regung von ihm, dass er, als Benno keinen Steinkrug fur sein Oel mitnahm, doch einen andern Mann anrief und diesen fragte:

Wer wohnt in dem Palazzo? ...

Nach vorn hin, hatte Benno inzwischen gesehen, stand allerdings ein stattliches Gebaude ...

Ein Advocat ... Ein reicher Mann hiess es ...

Ein Advocat? ... Vielleicht Bertinazzi? dachte Benno und sah sich nach einem mittelalterlichen alten Hause, dem des Rienzi, um ...

Wie auch bei uns die Kinder in die Laden treten und fragen konnen: Wollen Sie mir nicht sagen, wie viel die Uhr ist? und, wenn sie's gehort haben, als Zugabe ihrer Frage ein Paar Rosinen verlangen, so tauschten sich auch hier mit den paar Worten die Interessen der sich versammelnden Italiener aus ... Benno bekam so viel Anerbietungen von Waaren, so viel Verlangen nach Bajocci, so viel Anerbietungen zum Fuhren, zum Tragen, zum Helfen, dass er zu dem seiner Natur wenig entsprechenden Mittel greifen musste, aus der Geberdensprache der Italiener eine Miene zu wahlen, die die einzige ist, der die unertragliche Zudringlichkeit weicht ... Macht jemand diese Miene, so ist der Italiener gewiss, einen Landsmann vor sich zu haben, von dem er nichts zu erwarten hat ... Benno streckte nicht gerade die Zunge aus, was in solchen Fallen, um vor dem italienischen Bettelgesindel Ruhe zu bekommen, das allersicherste Mittel ist; er warf nur einfach den Kopf in den Nacken mit der Miene eines gleichsam vor Hochmuth Narrischgewordenen ... Da liess man ihn gehen ...

In der That hatte er aber doch erfahren, dass dieser Hausbesitzer, dieser reiche Mann und Advocat Signore Clemente Bertinazzi war ...

Bertinazzi! ...

Wieder blickte er auf die Pforte und siehe da, wieder trat jemand, diesmal ein Monch mit heraufgezogener Kapuze ein ...

Das sind Verschworene! sagte sich Benno ...

Der Gedanke uberlief ihn wie siedende Glut ...

Er sann und sann nun um so mehr: Wer war der schwarze Todtenbruder, der dich offenbar kannte, der dir seine Verachtung ausdruckte trotz deiner Erwahnung Rienzi's ...

Benno wandte sich in grosster Aufregung wieder der Brucke zu ... Hier hatte er einen Fiaker zu finden gehofft ...

Schon suchte er danach nicht mehr ... Es trieb ihn in die Strasse, nach der hinaus das Wohnhaus des Advocaten seine Vorderfront hatte ...

Auch hier bemerkte er, rasch nacheinander kommend, zwei weisse Todtenbruder, die in dem offenen Thorweg des Hauses verschwanden ...

Bertinazzi halt eben seine Loge ...

Diese Vorstellung stand nun fest bei ihm ...

Sollte er folgen? ...

Er hatte das Losungswort ... Er trug in seinem Portefeuille ein Zeichen von Silberblech mit einem aus den Flammen sich erhebenden Phonix ... Beides hatten ihm die Bruder Bandiera fur den Fall gegeben, dass er in Rom die Bekanntschaft des Advocaten Bertinazzi machen wollte, dem sie aufs warmste uber ihn geschrieben zu haben behaupteten ...

Mit lautklopfendem Herzen kehrte er zur Flussseite zuruck ...

Hier war es jetzt stiller geworden ... Ruhig wogte der Strom ...

Den Besuch der Mutter gab er auf ... Schon schlug es zehn ...

Im Hause des Advocaten, dem er von der Gartenseite naher zu kommen suchte, war alles still und dunkel ... Es musste eine gewaltige Tiefe haben; die Entfernung vom Ende des Gartchens bis zur Vorderseite war eine ansehnliche ...

Wieder naherte sich ein Schatten der Gartenpforte ... Wieder huschte dieser an Benno voruber und ging ins Haus ...

Benno stand wie am Scheidewege seines Lebens ... Der Gedanke an morgen war ihm an sich schon der Tod was verschlug es, wenn er den letzten Anlauf nahm und sich in den Abgrund sturzte? ...

Wo sollte er die Stimme, den Wuchs, den Gang des schwarzen Todtenbruders hinbringen ...

Eine fieberhafte Ideenverbindung zeigte ihm die drei Reiter, die ihm im Gebirge so seltsam den Weg hatten abschneiden wollen ... Erschien sein Umgang mit den Tyrannen Italiens denen verdachtig, an die er empfohlen war? ...

Voll Unruhe begab sich Benno abermals nach vorn ...

Jetzt sah er einen Kapuziner zu Bertinazzi eintreten ...

Und nur ihm schien alles das aufzufallen; die Strasse hatte ganz ihr ubliches Leben ...

Schon griff Benno nach seinem Portefeuille und uberzeugte sich, dass er das Symbol des Phonix bei sich hatte ...

Einen in Hemdarmeln vor der Thur seiner Taverne stehenden Wirth fragte er:

Ist das da druben ein Kloster? ...

Nein, Signore! war die Antwort ... Das Haus, des Advocaten Bertinazzi ...

Ich sehe Monche eintreten ...

Bei einem Arzt und Advocaten, Herr, sagte der Wirth lachend, hat alle Welt zu thun ... Und nicht jeder zeigt's dann gern ... Mancher Principe wartet auf den Abend, wo er die Kutte des Todtenbruders umlegen darf Und nun die Pfaffen gar ...

Der Wirth machte eine Miene, als ware Rom einmal die Stadt des Carnevals und der Carneval stunde nicht blos im Februar im Kalender sondern zu jeder Zeit und dann hatten am meisten die Priester ihre Heimlichkeit ...

Die Geberdensprache des Sudens ist die Sprache der grossten Deutlichkeit ...

Benno musste, um dem vertrauensvollen Manne zu danken, seinen Wein versuchen ...

Es war nicht der Wirth der nahen Goethe-Campanella ... Der Orvieto, den Benno begehrte, war gut ... Sturmisch rollte das Blut in Benno's Adern auch ohne den Wein ... Er war in einer Stimmung, die Welt herauszufordern ...

In dem dunkeln Gewolbe der Kneipe sassen beim qualmenden Licht der Oellampe Manner aus dem Volk ... Die Unterhaltung betraf noch immer den Grizzifalcone ... Einige Hauser weiter hatte der Rauber gewohnt, als er die Courage gehabt, nach Rom zu kommen ... Man erzahlte seine Heldenthaten ...

Man ruhmte auch den Muth der beiden deutschen Monche ...

Benno horchte und horchte ...

Der Wirth pries sich glucklich, den Pasqualetto nicht beherbergt zu haben ... Die Polizei hatte jeden Winkel der Herberge an der Tiber nach dem Tode des Raubers durchsucht ... Alle Welt wusste, dass niemand durch diesen Tod glucklicher war, als die Zollbediente, auf deren Strafe der alte Rucca es abgesehen hatte ...

Die Pfiffigen und Klugen haben hier immer Recht ... Um den Grizzifalcone blieb es "Schade, dass er nicht Gonfalionere in Ascoli geworden" ...

Benno horte lachen die Glaser aufstampfen horte Gesinnungen, die denen der Lazzaronis Neapels entsprachen ...

In seinem Innern klangen die Worte des Attilio Bandiera: "Man muss die Volker zur Freiheit zwingen!" ...

Damals hatte er noch erwidert: "Mit der Guillotine?" ...

Neue Welten waren in ihm aufgegangen ...

In jenem Hause konnte er das Schicksal der Freunde erfahren, um die er sich in so grosse Gefahren des Lebens und der Seele gewagt hatte ... Der Tag, vielleicht die Stunde konnte ihm dort genannt werden, wann die Bruder in Porto d'Ascoli landen mussten, wann Ravenna, Bologna sich erhoben ...

Er sagte sich: Es ist der Weg des Todes! Sollst du ihn beschreiten? ...

Und gehst du ihn nicht schon? antwortete eine Stimme seines Innern ... Bleib' auf deiner Strasse des Verhangnisses! ...

Wild mit der Rechten durch seine Locken fahrend erhob er sich ... Sturmenden Muthes verliess er die Schenke ... Sie rufen mich! sprach er vor sich hin und sah jene Geister des Beistands, von denen ihm Attilio gesprochen ...

Auf der Hohe seines Lebens war er angekommen ... Dahin also hatten alle Ziele seines Schicksals gedeutet ... Er sah seine ersten Anfange wieder fuhlte den Kuss jener schonen Frau, die sich trauernd uber ihn beugte, wenn sie aus dem Wagen gestiegen Die in Spanien erworbenen goldenen Epaulettes seines Adoptivvaters Max von Asselyn blitzten auf ... Zigeunerknabe, du bist in deiner Heimat! klang es um ihn her wie aus tausend silbernen Glockchen ... Dann wieder waren es Geigentone wie sie damals der bucklige Stammer zwischen seinen Erzahlungen von der Frau, die nur die deutschen Worte: "Tar Teifel!" kannte, auf dem Finkenhof strich ...

Du gehst! sagte er sich und schritt dem Hause naher ...

Und dennoch wurde Benno vorubergegangen sein, wenn nicht die menschlichen Entschliessungen unter damonischen Gesetzen stunden ...

Der eine Flugel des offen stehenden Hausthors war soeben von einer nicht sichtbaren Hand von innen geschlossen worden ... Eben bewegte sich der andere Flugel, um gleichfalls zuzufallen ... Der Anblick dieser kleinen, noch eine Secunde offen gelassenen Spalte bestimmte den wie vom Schwindel Ergriffenen und halb Besinnungslosen rasch vorzutreten und die beiden Worte zu sprechen:

Con permesa! ...

Eine Stimme antwortete:

Que commande? ...

Eine kurze Pause folgte ...

Die Schlange wechselt ihr altes K l e i d ! ...

Das Erkennungswort des "Jungen Italien" war ausgesprochen ...

Es war kein freier Wille gewesen, der diese verhangnissvollen Worte von Benno's Lippen brachte ... Es war ein fremder Geist, der aus ihm sprach, ja der ihn diese Losung ganz deutlich und fest aussprechen liess ...

Er trat in den wiedergeoffneten Flugel und befand sich in einem dunkeln Gange ...

Die Thorpforte fiel hinter ihm zu ...

Fussnoten

1 Thatsache.

10.

Kommen Sie aus der Schweiz? fragte aus dem Dunkel heraus eine heisere rauhe Stimme ...

Das menschliche Wesen, dem die Stimme angehorte, entwickelte sich seinem Auge erst allmahlich als eine Frau ...

Ich will Sie dem Herrn anmelden ... lautete die seinem Schweigen folgende Rede ...

Ein Schlorren, ein asthmatisches Keuchen ... Ein langes Verhallen der Schritte ... Diese Raume schienen endlos zu sein ...

Es ist geschehen! sprach er zu sich selbst und sagte fast horbar:

Also nur die aus der Schweiz Kommenden erkennt man an diesem Losungswort, das ich von den Bandiera weiss! ...

Benno zog sein Portefeuille, um das Zeichen des Phonix zur Hand zu haben ...

Die Fluchtlinge, die sich in Robillante an ihn wandten, um in allerlei Verkleidungen weiter zu kommen, hatten auch ihm ein solches Zeichen entgegengehalten ...

Wenn die ohne Zweifel in diesem Augenblick hier versammelte Verschworung entdeckt wenn er selbst mit den Mitgliedern derselben aufgehoben wurde! ...

Darin sah die Zerruttung seines Innern, die Hoffnungslosigkeit seiner Seele kein Ungluck mehr ...

Beim Suchen nach dem Portefeuille fand Benno ein Mittel, sich Licht zu machen ... Nach italienischer Sitte fuhrte er ein Streichfeuerzeug bei sich ... In den finstern grossen Hausern Italiens hilft man sich auf diese Art gegen die uberall mangelnde Beleuchtung ... Kleine brennende Wachsenden reichen aus fur jeden zu erkletternden vierten Stock ...

Benno sah nun eine Halle, die in einen gedeckten und uberbauten Hof fuhrte ... Da hingen alte Bilder an den feuchten Wanden ... Sollte hier die Tiber zuweilen so weit austreten, um diese Hauser uberschwemmen zu konnen? ...

Die Alte, die mit einer Lampe zuruckkam, unterschied er nun ... Sie war vom Alter gekrummt und schien aus dem Reich der Nacht zu kommen ...

Mit der Lampe den Fremdling beleuchtend, sagte sie:

Der Herr soll wiederkommen ! ...

War dein Losungswort eine Beschworung, die nicht kraftig genug wirkte? sagte sich Benno ...

Jetzt uberreichte er sein zweites Creditiv, das Zeichen von Silberblech und eine Karte mit seinem Namen ...

Die Alte nahm beides, betrachtete es fluchtig und entfernte sich wieder ...

Inzwischen ging Benno in den Hof, der uberbaut war ... Wieder sah er einen langen Gang ... Sessel standen in diesem an den Wanden, ohne Zweifel fur die Clienten vom Lande, die an jedem Markttag die Schreibstuben der Advocaten belagern ... Er verglich Nuck's Lage mit der Bertinazzi's ... Jener der leidenschaftliche Freund der Jesuiten und allen Umtrieben derselben ganz wie ein geheimer Verschworer zugethan; dieser, wie er wusste, ein Angehoriger der Familie jenes Ganganelli, der als Papst die Jesuiten aufgehoben hatte, und im Geist seines Ahnen fortwirkend ... Das System der Menschen- und Lebensverachtung musste bei beiden dasselbe sein ...

Die Alte kam zuruck und winkte nun schweigend ... Sie zeigte nach hinten, kehrte noch einmal in den Hof und zur Pforte um, die sie mit einem eisernen Querbalken verschloss, und bedeutete Benno, der bei einer Stiege angekommen war, diese nicht zu betreten, sondern auf eine Thur zuzugehen, die sie offnete ... Es war eine jener sudlichen Matronen, die die Freude eines Balthasar Denner gewesen ware, des Runzelmalers ...

Durch einige mit Buchern und Landkarten gefullte Zimmer hindurch kam Benno jetzt erst an eine andere Treppe, die er ersteigen musste, um endlich bei dem unter den Romern hochberuhmten Doctor der Rechte Clemente Bertinazzi einzutreten ...

Dieser trat ihm lachelnd entgegen ...

Benno fand einen langen, hagern Mann ... Der Ausdruck seiner Gesichtszuge war der jener fanatischen und traumerischen Beharrlichkeit, die sich zunachst als mathematische, oft pedantische Strenge zu geben pflegt ... Ebenso verband sich die Pedanterie mit Schwarmerei bei Luigi Biancchi, dem armen Gefangenen von Brunn; ebenso leidenschaftlich war in seiner traumerischen Welt der trockene und magere Puttmeyer ... Diese Menschen wusste Benno unterzubringen ... Sie hatten nicht die Schonheit der Willensausserung, die Grazie der Lebensformen Bonaventura's; aber der feste, beharrliche Sinn war derselbe ...

Clemente Bertinazzi hatte in seinem langen Hauskleide, das ihm bequem um die magern Glieder hing, ebenso einen alten Geizhals darstellen konnen, der uber seinen Schatzen wacht und sich nachtlich mit einer alten Dienerin in diesem weitlaufigen Hause angstlich abschliesst ... Doch die allmahlich ergluhende Kraft seiner Augen verrieth edlere Eigenschaften ... Bald sah Benno, dass dem Mann ein eigenthumlicher Flor uber seinen Augen und den untern Anfangen seiner Stirn lag, jener geistige unbestimmte Dammer, der sich vorzugsweise bei mystischen Naturen findet ...

Endlich, endlich, Signore d'Asselyno! sagte der Advocat und streckte die Rechte aus zum traulichen Grusse und zugleich den Eindruck prufend, den ihm der junge Mann in Gestalt und Haltung machen wurde ...

Benno d'Asselyn! ... erwiderte dieser bestatigend und legte seine zitternde Hand in die des Advocaten ...

Warum kommen Sie erst jetzt? Ich weiss von Ihnen schon seit lange uber Malta her, wo sich die Bruder Bandiera fur Sie verburgt haben ... Man hat Sie dort verdachtigen wollen ... Allerdings kann man Ihre Beziehungen zu unsern Tyrannen zweideutig finden ... Ich horte, Sie lernten unsere Machthaber in Wien kennen und da dachte ich: Um so besser, wenn Sie diese Menschen beobachten ... Ich vertraue jeder Burgschaft, die die Bandiera leisten ...

Kennen Sie meine Freunde personlich? sprach Benno noch in Befangenheit und ausweichend ...

Nein ... erwiderte Bertinazzi und zog, um das Bild eines alten Garcon zu vervollstandigen, eine Tabacksdose ... Aber ich habe Ursache von Ihnen das Beste zu denken ... Ja auch sonst hab' ich das Princip gehabt, fuhr er schnupfend und von unten her Benno musternd fort, nicht zu weise sein zu wollen ... Die Verschworer, die uberall Spione wittern, haben nie mein Vertrauen gehabt ... Haben Sie noch ein drittes Erkennungszeichen ausser dem Gruss und dem Phonix? ...

Benno verneinte ...

So gehoren Sie den Vertrauten an, nicht den Wissenden ...

Die Zahl dieser Vertrauten, wusste Benno, war in Italien so gross, wie bei uns die der Freimaurer ...

Sind die Wissenden die oberste Spitze? fragte er ...

Die oberste noch nicht! entgegnete Bertinazzi ... Sie haben durch den Phonix den zweiten Grad einen vorbereitenden und vielleicht gar ohne Schwur ... Die Wissenden sind erst der dritte ... Der vierte sind die Leitenden ... Erst der funfte ist der hochste ... Das ist der Grad der Namenlosen ... Zu diesem gehor' ich nicht einmal selbst und weiss kaum, ob in Rom ein "Namenloser" existirt ...

Diese Organisation kann sich halten und wird nicht verrathen? ... fragte Benno unwillkurlich der Worte Ceccone's uber seinen Morder gedenkend ...

Sie kann an einzelnen Theilen verrathen werden und wird es auch, antwortete Bertinazzi ... Aber die Theile sind nicht das Ganze ... Einer kennt den andern auch noch nicht auf dem Standpunkt der Wissenden ... Derjenige, der wie ich den Grad der "Leitenden" hat, kennt immer nur zwolf Wissende ... Diese, die eine Loge bilden, sind sich untereinander selbst vollig unbekannt ... Die Gruppe, zu der Sie gehoren, ist gross und an Vertrauten mogen wir wol in Rom allein dreitausend haben ... Der erste Grad vollends, derjenige, der die Losung kennt, ist dem Verrath am meisten ausgesetzt ... Sie werden genug Priester und Verdachtige in diesen Reihen finden ... Ich wurde Ihnen auch noch auf den Phonix nicht Gehor gegeben haben in so spater Stunde, wenn ich nicht glaubte, dass Sie irgendeine wichtige Sache zu mir fuhrte ... Weiss man in den hohen Kreisen, dass in diesen Tagen ...

Der Advocat hielt forschend inne ...

Ich beunruhige mich uber das Schicksal der Gebruder Bandiera, sagte Benno ... Man erwartet ihren Einfall ... Wann findet er statt? ...

Bertinazzi's Miene druckte eine Verlegenheit uber diese Frage aus ... Er sagte:

Fur solche Dinge haben Sie den Grad nicht ...

Dann aber, und gleichsam, um seine Ablehnung zu mildern, kam er auf Benno's Lebensverhaltnisse ...

Seltsam Sie werden, hor' ich, von der kleinen Furstin Rucca gefesselt ... Der Unseligen! ... Nun, nun Sie sind jung und pflucken die Kirschen, wo sie reif sind! ... Von Geburt sind Sie ein Deutscher ...

Meine Mutter ist eine Italienerin ...

Gut gut ! Und Sie bringen nichts, was mit Ceccone Fefelotti Rucca oder irgendeinem unserer Tyrannen zusammenhangt? ...

Benno schwieg ...

Einige Zimmer weiter schien laut gesprochen zu werden ...

Ohne Zweifel hatte Benno die Loge unterbrochen und storte Bertinazzi ...

Dieser nahm auch eine Lampe vom Tisch und sagte aufhorchend und mit ausweichender Miene:

Ich habe mich gefreut Sie besuchen mich wieder? ...

Auf Benno's Lippen brannten die Fragen: Befindet sich hinter jenen Wanden nicht jetzt die Loge ? ... Wer war jener schwarze Todtenbruder? ... Was hab' ich zu thun, um die Stunde des beabsichtigten Aufstands zu erfahren? ...

Naturlich, dass seine Stimmung diese Fragen unterdruckte ...

Aber sein Zogern gab dem Advocaten Veranlassung zu den leicht hingeworfenen Worten:

Treten Sie doch in den dritten Grad! ... Sie schworen nur, die Unabhangigkeit und Freiheit Italiens mit jedem Mittel zu fordern, das von den Fuhrern Ihnen vorgeschrieben wird ...

Mit jedem Mittel ? ... Auch mit dem Mord? sagte Benno nach einiger Ueberlegung ...

Das ist der vierte Grad ...

Zu dem Sie gehoren? ... wallte Benno auf ...

Der vierte Grad anerkennt nur zuweilen die Nothwendigkeit des Todes fur Verrather und Tyrannen ... Erst der funfte Grad vollzieht ihn ... Ich sagte schon, ein "Namenloser" befindet sich vielleicht in diesem Augenblick weder in Rom noch in Italien ...

Ceccone weiss, dass ihn ein Verschworener todten soll ... sagte Benno ...

Bertinazzi horchte auf, schuttelte dann aber den Kopf und sagte:

Das spricht aus ihm die Furcht ... Sein Tod ist von niemand beschlossen worden ... Er hat Feinde, die der sonst Allwissende vielleicht an seinem eigenen Busen nahrt ... In Italien sterben die Menschen zuweilen, etwa wie bei der Cholera, aus gelegentlichem Versehen ... Ja, er soll sich in Acht nehmen ... Aber nun bitt' ich mich in der That zu entschuldigen ... Ich habe mich gefreut, dass Sie an uns dachten ! Wirken Sie in Ihrem Kreise durch die Gesinnung, soviel es geht und verweilen Sie nicht zu lange in ihm! ... Man konnte Sie falsch beurtheilen wie schon einmal in Malta ...

Benno's Blut liess sich nicht mehr beruhigen ...

Wann landen die Gebruder Bandiera ? sprach er mit drangender Hast ...

Bertinazzi zuckte die Achseln und erwiderte:

Daruber muss ich schweigen ...

Die Landung wird in Porto d'Ascoli stattfinden ...

Haha! erwiderte Bertinazzi ... Das erwartet Ceccone ? ...

Der Advocat stand von plotzlichem Zorne gerothet ... Ein krampfhaftes Zucken glitt uber seine Zuge ...

Doch Sie verstehen meinen Unwillen nicht beruhigte er Benno und sich selbst ... Die Loge erwartet mich ... Bleiben Sie der Gesinnung treu, deren mich zwei edle Menschen uber Sie versichert haben ... Und in allem Ernst theilen Sie mir aufrichtig die Gefahren mit, die uns von den Tyrannen drohen, wenn Sie dergleichen durchschauen ... Fur heute nun gute Nacht! ...

Benno hielt den Arm des Advocaten, der ihm freundlich hinausleuchten wollte ... Ein fernes Gerausch, das wol aus der Loge kam, fesselte seine Aufmerksamkeit ...

Warum konnte Bertinazzi so aufwallen uber die Erwahnung jenes Hafens an der adriatischen Kuste? ...

Alle Verwickelungen seines vergangenen, seines kunftigen Lebens sah Benno jetzt in einem einzigen Augenblick mit magischer Helle ...

Geboren durch ein Verbrechen, geboren ohne einen Vater, auf den er sich mit Ehren berufen konnte, geboren ohne eine Mutter, die er sorglos sein nennen durfte, gehegt, gehutet von Frauen, von Priestern, hatte er eine Einwurzelung im deutschen Leben um so weniger finden konnen, als auch daheim die Knechtschaft waltete ... Alles, was damals in Deutschland rang und zum Lichte strebte, war in diesem Augenblick sein Bundsgenosse ... Deutschland wollte frei sein von demselben Geist, dessen Consequenzen Italien gefesselt hielten ... Von Italiens Tyrannen gingen die Bannfluche uber Freiheit und Aufklarung in die Welt aus ... Drei Gestalten traten ihm schon immer aus der Geschichte vors Auge sie lebten und wirkten gleichzeitig: Friedrich Barbarossa, der Kaiser Hadrian IV., der Papst Arnold von Brescia, der Tribun von Rom ... Wer sollte nicht die Grosse des Hohenstaufenkaisers bewundern und doch schloss Barbarossa Frieden mit Hadrian, seinem wahren Feinde, und uberlieferte ihm zur Besiegelung eines Actes der Falschheit, den der nachste Augenblick zerriss, einen der edelsten Menschen, Schuler Plato's, Petrarca's, einen Weisen, der nach langen Irrfahrten in Frankreich und der Schweiz elf Jahre lang Rom ohne die Papste regierte, der die Kirche verbesserte, der Vorlaufer der Waldenser und der Reformatoren wurde ... Barbarossa sah mit seinen bluttriefenden Soldnerscharen den Scheiterhaufen auflodern, mit dem sich unter dem schutzenden Banner des deutschen Adlers Hadrian an seinem geistigen Todfeind rachte ... Unsere Zeit kann nicht mehr mit Friedrich Barbarossa, sie muss mit Arnold von Brescia gehen ... Auch Benno's Vater war kein Ghibelline Doch war er ein Welf im schlechten Sinne ... Wie der Kronsyndikus wollte sich Benno nicht zu Ross schwingen und die eigene Fahne und die Freiheit seiner Hufe wahren im Geist Heinrich's des Lowen, vor dem Barbarossa einst kniete und vergebens um Hulfe die Hande rang ... Auch der welfische Geist Klingsohr's war nicht der seine ... Er wollte die Vernichtung des Ichs zum Besten des Allgemeinen ... Die Form der Freiheitsthat, das lehrten die Bandiera, ist in unsern Tagen die Verachtung der materiellen Welt ... Diese, die nur anerkennt, was in Glanz und Wurde steht, diese, die den Widerschein der regierenden und mit momentaner Macht ausgestatteten Thatsachen in hohler Gesinnung liebedienerisch auch auf sich zu lenken sucht, diese, die fur ausserstes Ungluck halt, gehassig gekennzeichnet zu werden durch den Widerspruch mit dem Gegebenen, hatte Benno schon langst verachten gelernt ... In diesem einen magischen Augenblick horte er eine himmlische Musik der Ermuthigung ... Voten des Friedens schwebten uber die Erde und retteten ihn von allen Folgen seiner falschen Stellung retteten ihn vor den Schrecken vielleicht des nachsten Tags ... Bonaventura war unter diesen Seligen Bonaventura, umringt von den Erfullungen seiner Traume, von den Trostungen seiner Klagen ... Was in so vielen stillen Nachten von Robillante nur von des Freundes beredten Lippen gekommen, schien in himmlischen Gestalten verkorpert zu sein ... Bertinazzi's erwartungsvoller Blick sagte: Ich rette dich vor dir vor Olympien vor dem geistigen Tode ... Und fandest du auch den wirklichen, ware der nicht besser als solch ein Leben ? ...

Benno entschloss sich, nur noch Italiener zu sein und der Revolution den Schwur des dritten Grades zu leisten ...

Wenn Bertinazzi uber diese Erklarung lachte, so war es ein Lachen ohne Falsch ... Es war das Lachen uber einen erwarteten und zutreffenden Erfolg ...

Bertinazzi hob von der Wand uber seinem Schreibtisch einen Spiegel und stellte ihn auf die Erde ... Dann druckte er auf die scheinbar leere Wand ... Sie offnete sich ... Benno sah einen Schrank mit verschiedenen Schubfachern ...

Das sind die Acten meiner Loge! sagte Bertinazzi und liess Benno in Papiere einblicken, die mit allerhand mystischen Zeichen beschrieben waren ... Ohne Zweifel eine Chiffreschrift, die ohne den dazu gehorigen Schlussel nicht gelesen werden konnte ... Den Schlussel behauptete Bertinazzi in seinem Kopf zu tragen nur mit diesem allein wurde man seine Geheimnisse entziffern ...

Die Handbewegung auf seinen Kopf als Preis der Eroberung seiner Geheimnisse war der Ausdruck hochster Entschlossenheit ...

Benno sah in den Fachern einen leeren Raum, der seinem Schicksal bestimmt sein konnte ... Bertinazzi schrieb verschiedene Adressen auf, die ihm Benno gab und wieder andere, die dieser fur Mittheilungen an ihn empfing ... Dann verbrannte er vor Benno's Augen alles, was Benno selbst geschrieben hatte, auch seine Visitenkarte ...

Hierauf legte er ihm das Formular eines Eides vor und gab ihm als Erkennungszeichen des dritten Grades einen gusseisernen Ring, den er auf den kleinen Finger der linken Hand Benno's anpasste mit den Worten:

Ein Stuck der gebrochenen Sklavenkette der Welt ... Ich werde Sie den Versammelten unter dem Namen Spartakus vorstellen ... Auch Spartakus, der zuerst in Italien das Wort: Freiheit! ausgesprochen hat, war ein Fremder ... Den Eid mussen Sie in der Loge selbst leisten ... Lesen Sie ihn zuvor! ...

Benno nahm ein Papier, das ein Gelobniss enthielt, dem "Jungen Italien" als ein "Wissender" zu dienen mit Leib und Seele, mit Wort und That, mit der Spitze des Schwerts im offenen Kampf, mit dem Beistand burgerlicher Hulfsmittel bis zum Betrag des vierten Theils seines eigenen Vermogens endlich mit steter Werbung zur Mehrung des Bundes ... Alles das auf die Unabhangigkeit Italiens von fremder Herrschaft, Einheit im allgemeinen, Freiheit im besondern ... Die republikanische Form blieb unerwahnt ... Der Eid wurde auf christliche Symbole geleistet ...

Es gibt eine Partei, sagte Bertinazzi, die den Schwur allein auf den Todtenkopf vorziehen mochte ...

In Benno's Ohr klang das Wort des alten Chorherrn wieder, der ihm in Wien gesagt: Das Kreuz des Erlosers wird die Reform mittragen mussen! ... Auch Bonaventura dachte so ... Ihm waren diese Formeln gleichgultig ...

Nun erschloss Bertinazzi einen andern Schrank und nahm ein Hemd der Todtenbruderschaft heraus, ein weisses, dazu eine gleichfarbige Kopfverhullung nur mit zwei Oeffnungen fur die Augen und einer fur den Mund ...

Nehmen Sie diese Kleidung! sagte er ... Legen Sie sie inzwischen an ... Wenn Sie eine Klingel horen, treten Sie in diese Thur, durch die ich Sie jetzt verlasse, um in die Loge zu gehen ... Sie haben Zeit genug, sich umzukleiden ... Niemand wird Sie erkennen ... Ich fuhre Sie unter dem Namen "Spartakus" ein ...

Bertinazzi ging und liess Benno allein ...

Benno legte die Tracht an Sie war ihm sein Todtenhemd ... Der Schlag der Stunden von den Thurmen klang nicht so geheimnissvoll, wie der leise, singende Ton einer Pendeluhr uber dem Spiegel, der wieder an seine alte Stelle gehangt war ...

Ob du deinen Begleiter von der Tiber finden wirst? dachte Benno und sah seine vollig unerkennbare Gestalt im Spiegel ... Es war ihm, als gliche er jetzt erst dem Hamlet, jetzt erst dem Brutus ... Er schopfte Muth nicht blos fur den nachsten Augenblick, sondern fur morgen, fur alles, was die Zukunft in ihrem Schose trug ...

Die Klingel erscholl ... Benno offnete die Thur ...

Anfangs nahm ihn ein Gemach auf, das des Advocaten Schlafzimmer schien ... Ein grunseidener Vorhang trennte den kleinen Raum in zwei Theile ... Eine Lampe zeigte ihm die Thur, die er noch mit seinem flatternden Kleide zu durchschreiten hatte ... Vor seinem gespenstischen Bilde, das ihm ein anderer Spiegel zuruckwarf, erschrak er selbst ...

Nun betrat er einen hellerleuchteten Saal, in welchem um einen Tisch, auf dem sich ein Crucifix, ein Todtenkopf und ein Rosenkranz befanden, auf Stuhlen im Kreise eine Anzahl der wunderlichsten Gestalten sass ...

Alle, die Benno das Haus hatte betreten sehen; Todtenbruder, wie er selbst, Monche in Kutten, einige als Bettler, andere als Kohlenbrenner, die Unverhullten mit schwarzen Masken ...

Bertinazzi war in seiner gewohnlichen Haustracht geblieben, allen erkennbar ...

Schwarze Todtenbruder erblickte er zwei ... Benno konnte den, mit dem er uber die Tiber gefahren war, nicht sogleich von dem andern unterscheiden ...

Ihn selbst kannte ausser Bertinazzi Niemand ...

Bertinazzi begann, man mochte das Omen nicht ubel deuten, dass sie ihrer dreizehn waren ... Der vierzehnte fehle einer Reise wegen ... Doch auch unser Spartakus wandte er sich zu Benno ist vorurtheilslos genug, einen Aberglauben zu verachten, der nur die Thoren schrecken kann ...

Benno konnte sich nicht von dem Eindruck dieser Voraussetzung bei den Genossen des nachtlichen Rathes uberzeugen ... Ihre Mienen blieben ihm verborgen ...

Inzwischen hatte er sich gerade einem Sessel gegenuber gesetzt, auf dem er die aussere Gestalt des Todtenbruders zu erkennen glaubte, mit dem er uber die Tiber gefahren ...

Dieser selbst konnte nicht im mindesten annehmen, dass sein Mitpassagier ihm gegenuber sass ... Bertinazzi hatte Niemand sagen durfen, wer Spartakus war ...

Den Schwur leistete Benno, indem er sich an den Tisch stellte und die ihm schon bekannten Worte, die ihm noch einmal jetzt von Bertinazzi vorgesagt wurden, mit einem Ja! bekraftigte ... Das Kreuz war ein Symbol der Leiden, die man fur seine Ueberzeugung nicht abzulehnen gelobte; der Todtenkopf druckte die Verachtung jedes Erdenlooses aus, falls die gemeinschaftlichen Hoffnungen scheitern sollten; der Rosenkranz bezeichnete all die Freuden, die im Siege der Freiheit lagen ... Auch die Bewillkommnung durch die ubrigen sprach Bertinazzi vor und uberliess den Anwesenden nur die Bekraftigung durch ein Ja! ...

Die nachste Verhandlung knupfte sich an einen wahrend Bertinazzi's Abwesenheit ausgebrochenen Streit ... Diese Manner schienen nicht mehr das volle Bedurfniss zu haben, sich gegenseitig unbekannt zu bleiben, obgleich die Masken und Umhullungen die Stimme dampften und veranderten ... Man sprach nach dem Act der Aufnahme eines neuen Mitgliedes lebhaft durcheinander ... Benno sah, kaum eingetreten, in der Einheit schon die Verschiedenheit ... Die schonen italienischen Laute wurden mit Reinheit gesprochen, ein Beweis fur die Bildung der Genossen ... Der Gedanke an den Fursten Corsini kehrte Benno zuruck ... Er erwartete die Stimme zu horen, deren Klang er nicht vergessen konnte ...

Aber die schwarzen Todtenbruder Benno gegenuber enthielten sich ihrerseits des Austauschs der Meinungen, die uber manches nicht die gleichen waren, ganz wie schon Bertinazzi angedeutet hatte ...

In der That schien man uber die Gebruder Bandiera gesprochen zu haben ... Benno glaubte von einer Aenderung der Plane der Bruder zu horen ... Mehrfach wurden die Jesuiten genannt ...

Ein wie ein Kohlenbrenner und demnach als alter Carbonaro Gekleideter stiess einen Stab auf den Fussboden und sagte, die Maske nur lose mit der Hand haltend:

Und noch gibt es Stimmen, die das Heil Italiens, ja der Welt von Rom erwarten? ... Diese dreifache Tiara soll der Friedens- und Freiheitshut der Volker werden? ... Die Schlussel Petri sollen die Zukunft der Menschheit erschliessen? ... Ehe nicht der letzte Beichtstuhl der Peterskirche verbrannt ist, kann uber die Erde kein Friede kommen ...

Wie immer schuttet Ihr das Kind mit dem Bade aus! hiess es unter einer der mehreren, diese Meinung abwehrenden Kapuzen ...

Und Ihr konnt Euch nicht trennen von dem Blendzauber Euerer Theorieen! fuhr der Kohlenbrenner fort ...

Sagt vielmehr, nicht von den Beweisen der Geschichte! ... erwiderte sein Gegner ...

Das Vergangene! sprach der Kohlenbrenner erregter ... Ha, die Abendrothe ist schon, sie verklart zuweilen einen sturmischen Regentag; aber sie geht der Nacht voran ... Wo Ihr hinseht, leidet die Menschheit an der Macht und dem Einfluss, den sie noch dem romischen Zauberwesen gestattet! Von dem Tag an, wo sich ein einziger Bischof uber die Rechte der andern erheben konnte, gestutzt auf das alte Ansehen Roms und so manche Falschung, die der Uebermuth schon damals wagte, hat das Christenthum seine Segnungen fur die Menschheit verloren. Was die Christuslehre der Menschheit brachte, ist wie Lesen, Schreiben, Rechnen ein Erforderniss der allgemeinen Bildung geworden; die Institutionen, die uns die Herkunft dieser Bildung, ewig ihre erste Geburt gegenwartig erhalten wollen, sind das Verderben der Jahrhunderte ... Einen Hirten empfehlt Ihr mit Wolfen statt treuer Hunde? Einen Hohenpriester mit Scheiterhaufen und Schaffotten? Wir Romer, wir gerade mussen die Welt zum drittenmal erobern, erobern durch die Vernichtung der Hierarchie! ... Durch einen einzigen Messerschnitt mussen wir vollbringen, was Europa durch Tausende von Buchern, Kathedern, Kanzeln nicht hervorbringen konnte! Wir kennen das Papstthum nur als eine weltliche Behorde; als solche muss sie fallen; mit ihr fallen mussen die Cardinale, die Generale der Orden, die hochsten und mittelsten und untersten Spitzen dieser Anstalten der Verdunkelung erst dann ist die christliche Welt erlost! Kommt uns nicht diese Losung von unsern Obern, so ist alle Muhe vergebens! Ihr seht's an der ruchlosen Intrigue von Porto d'Ascoli ...

Benno konnte die leidenschaftliche Rede nicht mit

der ihm auf der Lippe schwebenden Frage unterbrechen, was in Porto d'Ascoli geschehen ware ...

Mehrere Stimmen riefen durcheinander:

Sie wird kommen! ...

Sie wird kommen und ihr Erfolg wird dennoch ausbleiben! sprach zur Widerlegung des Kohlenbrenners mit einer feinen, eleganten Betonung eine andere Maske, deren aussere Tracht einen Kapuziner vorstellte ... Ist der Sitz des Papstthums nicht schon einmal in Avignon gewesen? War nicht Napoleon der Schopfer eines weltlichen Konigthums von Rom? ... Mit je grosserer Demuthigung die dreifache Krone getragen wird, mit desto hellerem Heiligenschein umgibt sich die Theokratie ... Die Menschheit sieht nun einmal im Papstthum einen zum ersten Konigsrang Erwahlten aus dem Volke und kehrt immer wieder darauf zuruck ... Sie sieht einen Monarchen, den nur seine Tugenden auf den Thron beriefen ... Sie hat an ihm einen Beistand gegen die Machtigen der Erde ... Napoleon ras'te gegen Pius und Pius sprach ruhig: Du Komodienspieler! Als Napoleon noch heftiger tobte und mit dem Aeussersten drohte, sagte er noch verachtlicher, wenn auch mit gesteigertem Schmerz: Du Tragodienspieler! ... Wenn den Papst der Despotismus todtet, so bietet er ruhig die offene Brust; der Begriff lebt wieder auf in seinem Nachfolger ... Aendert di Gesetze Roms, bessert die Sitten, lasst den apostolischen Stuhl theilnehmen an allen Fortschritten der Zeit, macht unmoglich, dass die Greuel von Porto d'Ascoli die Kunst des Regiments in Italien heissen und wieder ein Segen kann der Menschheit werden, was man jetzt nur zu voreilig ihren Fluch nennt! ...

Benno staunte der Dinge, die in Porto d'Ascoli vorgefallen sein mussten ... Wenn er nun auch zu fragen gewagt hatte so war die Aufregung der Streitenden ein Hinderniss ... Sie war zu gross geworden ...

Ich hore die traumerische Weisheit eures gemassigten Fortschritts! sprach der Kohlenbrenner von vorhin ...

Und von den beiden schwarz verhullten Leichenbrudern fiel jetzt der eine, ihn unterstutzend, ein:

So habt ihr seit dreissig Jahren fur die Freiheit Italiens declamirt, geschrieben, gedichtet, gewinselt, gebetet! ... Das sind die frommen Wunsche eurer freisinnigen Barone, eurer aufgeklarten Bischofe! Da soll das Weihwasser nur von unreinen Bestandtheilen gesaubert, der Katholicismus nur wahrhaft zu einem Liebesbund der Menschheit erhoben werden ... Und in dieser Gestalt behaltet ihr alles, was ein Fluch der Menschheit geworden ist! ... Ihr behaltet die Gebundenheit der Gewissen, die Gelubde, die Unfreiheit des menschlichen Willens alles, wovon eine kurze Weile die Praxis einen milden Sonnenschein verbreiten kann, aber auf die Lange wird alles wieder wie die schwarze dunkele Nacht werden! ... Ihr wollt die Hierarchie, Rom und die Cardinale nur nicht die Jesuiten mehr? Werdet ihr die allein ausrotten konnen? Wodurch? Durch ein Verbot? Wenn alles ubrige bleibt? Hat das Zeitalter der Aufklarung, hat Voltaire sie ausrotten konnen? Ich spreche nicht von dem Gift, an dem ein Ganganelli starb; ich spreche von jener List, die aus Wolfen Schafe machte, von jener List, die sich der Menschheit so unentbehrlich zu geben wusste, dass sogar die aufgeklartesten Staaten, Borussia unter Friedrich, Russia unter Katharina, die Jesuiten als Lehrer beriefen! Sie sind unvertilgbar durch das Princip der Wissenschaft, dessen Luge sie als Fahne aufstecken. Ob sie nun diesen oder jenen Namen tragen, bleiben sie unvertilgbar, solange uberhaupt unsere Kirche besteht! ... Diese katholische Kirche, unter deren heiligster Oriflamme Menschen wie Grizzifalcone fur den Bestand des apostolischen Stuhls wirken durften! ...

Der Sprecher war nicht der Mitpassagier von der Tiber gewesen ... Nun war es also der, der fortdauernd schwieg ... Brutend sah dieser vor sich hin, blieb unbeweglich und zog nur zuweilen seinen Fuss in die schwarze weite Umhullung zuruck und streckte ihn wieder vor ...

Letztere Geberde wiederholte sich, je lebhafter der Streit wurde ...

Wollt ihr deshalb die katholische Kirche zerstoren? riefen mehrere Stimmen auf einmal ...

Eine andere setzte hinzu:

Sie ist wenigstens dem Italiener nicht zu nehmen ... Schreibt das nach London, wo man glaubt uns protestantisch machen zu konnen! ...

Wer will das? riefen andere Stimmen und unter ihnen aufs heftigste die des Kohlenbrenners ...

Der Italiener, fuhr der letzte Sprecher fur die Kirche fort, ist und bleibt Katholik ... Ich sage nicht: Geht und seht das Volk sich beugen vor einer Mumie, die es anbetet! Geht und seht den Aberglauben, der die Stufen der heiligen Treppe mit den Knieen hinaufrutscht! Seht den Schmerz, der sich einer ganzen Stadt bemachtigen konnte, als ihm ein geliebtes Marienbild abhanden kam! ... Ich finde den Aberglauben uberall, selbst bei Sokrates, der an seinen Damon, bei Voltaire, der an sich selbst glaubte .... Nicht an sich selbst zu glauben, das ist der Katholicismus, der unausrottbar ist, so lange das Christenthum die Lehre von einem Mittler zwischen Gott und dem Menschen aufstellt ... Hat Italien irgend einen politischen Reformator gehabt, den ihr euch ohne Verehrung vor dem Mysterium der Messe denken konnt? ... Selbst Savonarola war kein Huss und kein Luther ... Der frostige Gedanke des Zweifels konnte nie die Oberherrschaft uber Gemuther gewinnen, die nur Phantasie und Leidenschaft sind ... Und wo nun der Katholicismus sich nicht ausrotten lasst, da ...

Liesse sich nicht die Hierarchie ausrotten? riefen andere Stimmen. Das bestreiten wir! ...

Rom ist das reine Priesterthum fuhr der Vertheidiger der Hierarchie fort und liess sich nicht irre machen ... Rom kann der Duft, der hochste Auszug des katholischen Priesterthums bleiben ... Alles, was fur die schweren Pflichten des katholischen Priesters seine Belohnung, seine Erquickung, sein Entzucken ist, ist der Blick auf die Wurden, die er erklimmen kann auf das letzte Ziel, das ihm vom Tabernakel der Peterskirche in Rom leuchtet ... Die Theokratie ist kein Gedanke der Macht, der Herrschaft, kein Gedanke der reinen Aeusserlichkeit und Weltlichkeit ... Sie ist ...

Ein Wahngebilde der Phantasten! Ein Schlupfwinkel der Rauber und Morder! donnerte der Kohlenbrenner ... Wie konnt ihr von einem gelauterten Papstthum sprechen! Wie konnt ihr den Papst an die Spitze unserer Reform stellen! ... Das wird vielleicht die Frauen gewinnen, die weichmuthigen Seelen, aber nie gibt es ein Fundament fur die Hoffnungen Italiens ... Ein Menschenalter verrinnt und wieder tauchen Ceccones und Fefelottis auf ... Sie, die beiden Arme des Papstthums, die sich verschranken konnten in Thaten, wie dieser teuflische Plan gegen die Gebruder Bandiera war ...

Die Bandiera? sprach jetzt Benno laut und vernehmlich dazwischen ...

Die streitenden Principien den Kampf der Lehren Gioberti's und Mazzini's verstand er, aber die Ursache desselben blieb ihm fremd ...

Alle wandten sich ...

Benno war es fast, als regte sich sein Gegenuber, der zweite der schwarzen Leichenbruder, noch lebhafter als bisher ...

Aber die sturmende Rede des Kohlenbrenners ubertonte alles auch eine Antwort auf Benno's Frage ...

Rom bleibt so lange das Verderben der Welt, fuhr dieser fort, als seine Gestalt nicht eine rein weltliche, der geistliche Hof fur immer aufgehoben wird ... Ich bin im Princip fur die Republik ... Doch ich werde gegen sie sein mussen, weil leider sie es ist, die, auf die Massen und deren geringe Bildung gebaut, uns immer und immer wieder in Rom die Macht der Papste zuruckgefuhrt hat ... Ich muss aus praktischen Grunden gegen sie sein ... Wir mussen nach Rom ein weltliches Konigthum in den Formen der Neuzeit verpflanzen ... Ha, die Konige! ... Die, die ich so liebe, und besonders die, die mit der Luge der constitutionellen Formen gekraftigt sind, die wissen sich auszudehnen und zu befestigen ... Das sind Schmarotzerpflanzen, die Boden und Luft brauchen und beides nur zu bald gewinnen werden ... Die pflanzen an die Stelle der geistlichen Legitimitat ihre weltliche; die sorgen fur ihr Geschlecht, fur die, die ihm dienen ... Wir mussen Rom einem Konige schenken, selbst wenn keiner die Hand danach ausstreckt! Wir mussen ihm den Koder unserer eigenen Freiheit bieten, die wir ihm eine Weile opfern! ... Ich gebe Rom an den, der das Meiste bietet und das Wenigste verlangt ... Dem Turken, wenn er es begehrt! ... Nur nicht einem Volkstribunen, der sich bisjetzt nur noch durch den Aberglauben der Masse hat halten konnen und zuletzt so regiert, wie die Ceccones regierten durch die Rauber ... In hundert Jahren hat der Italiener eine Bildung und Erziehung gewonnen, dann ...

Zwei Anhanger der Republik einer darunter hatte deutlich die Stimme eines Buonaparte, den noch vor kurzem Benno an Rucca's Tafel gesehen stellten diese retrogade Wendung, die auch noch jetzt die Republik nehmen wurde, in Abrede ...

Die Mehrzahl widersprach aber allen diesen Anschauungen ... Sie blieb bei dem Glauben, dass gerade durch die dreifache Krone Italiens Zukunft am ehesten gewinnen wurde ... Die Fursten boten keine Burgschaft ... Die Lauterung des Papstthums von seinen unreinen Elementen, die Sicherung einer bessern Wahl der Umgebungen des Heiligen Vaters, die Auflosung des Jesuitenordens schien der Mehrzahl die sicherste Aussicht fur die Verwirklichung ihrer Hoffnungen ... In der Abwehr der Fremden waren alle einig ... Diejenigen, die der Hierarchie uberhaupt, dem Priesterwesen und der katholischen Kirche abgeneigt waren, blieben in der Minderzahl ... Und jetzt lachten sie selbst daruber, dass in Italien besonders erhebliche Wirkungen durch Volksunterricht, Verbesserung der Schulen, die Verbreitung nutzlicher Schriften zu erreichen waren ...

Benno sah, dass er sich unter Mannern der hoheren Gesellschaft befand, die in der Mehrzahl sich noch vor aussersten Schritten huteten ... Die Idee des Papstthums moglichst von weltlichem Einflusse zu reinigen, die nachst bevorstehende Wahl auf einen Italiener voll Nationalgefuhl und politischer Aufklarung zu lenken, die Cardinale, die jetzt den meisten Einfluss hatten, unschadlich zu machen und den Volksgeist so zu beleben, dass er an allem, was zur Erhebung Italiens geschahe, ein Interesse nahme das blieb die Losung der Majoritat ... Unter den Hoffnungen fur die Papstwahl wurde Cardinal Ambrosi genannt, den freilich wieder andere eine Creatur der Intriguanten und Tyrannen nannten ... La morte a Ceccone! La morte a Fefelotti! war die Schlussbekraftigung ... Dieser Ausruf kam einstimmig ... Er druckte einen Wunsch, eine moralische Verurtheilung, wie unser Pereat! keine Losung zum Morde aus ...

Dennoch folgte Todtenstille ...

Jetzt fragte Benno, was den Unwillen der Versammlung in Betreff Porto d'Ascoli's und der Bruder Bandiera veranlasst hatte ...

Er hatte leise, wenn auch nicht verstellt, gesprochen ...

Alle horchten dem wohllautenden Klang der Stimme des neuen "Spartakus" ...

Bertinazzi nahm das Wort und sagte:

Die Bruder Bandiera werden nicht in den Kirchenstaat einfallen ...

Das uberrascht mich ... sprach Benno voll freudiger Wallung uberlaut und vergessend, seine Stimme zu verandern ...

Bertinazzi reichte Benno einen Brief Attilio's ... Benno ubersah ihn ... In jeder Zeile bekundete er seine Echtheit ...

Lest ihn! sprach Bertinazzi ... Ihr seid neu in unserm Kreise und wisst nicht, wie tief Rom und die Welt, die sich noch von Rom beherrschen lasst, gesunken sind ...

Benno las mit starrem Auge ... Seine Hand zitterte ... Ceccone, Olympia entschieden nicht uber das Leben der Freunde ? ...

Inzwischen liess Bertinazzi einige Schriften circuliren und theilte jedem Exemplare aus ...

Benno war solange seiner fieberhaften Erregung allein uberlassen ...

Er las, dass die Lenker des Kirchenstaats gemeinschaftlich mit den Jesuiten einen Plan angezettelt hatten, demzufolge die "Verjungung Italiens" als der Wunsch nur der Rauber und Morder erscheinen sollte ... Grizzifalcone war ausersehen worden, dies Werk in Ausfuhrung zu bringen1... Bis nach London hin verzweigte sich eine falsche Fahrte, auf der die Verschworer in die Lage kommen sollten, Bundsgenossen nur der Schmuggler und der Rauber zu werden ... Man hatte vom Vatican aus eine falsche Correspondenz mit Korfu angeknupft, um das dortige Comite glauben zu machen, an der Kuste des Adriatischen Meers, in Porto d'Ascoli, ware alles reif, eine Invasion zu unterstutzen ... Wahrend der alte Principe Rucca nur seine Zolle im Auge hatte, richtete Ceccone seine Blicke weiter ... Auch ihm war das Erscheinen des Raubers in der Hauptstadt der Christenheit willkommen ... Auch seine Verhandlungen mit ihm, die gleichfalls jener Pilger geleitet hatte, bezweckten eine grosse Anerkennung des Reuigen ... Die Liste, deren wesentlichen Inhalt er lange schon vor dem alten Rucca kannte, sollte den Schrecken, den Grizzifalcone's Verrath unter den Zollbedienten und Schmugglern verbreiten musste, zum Verderben der Revolution ausbeuten ... Ceccone liess die Ortschaften, wo, wie ihm durch londoner Verrath bekannt geworden, die Bruder Bandiera landen sollten, so durch die Anzeigen, die dem Fursten Rucca gemacht wurden, einschuchtern, dass die Rauber, die Schmuggler, die Zollbediente die Fahne des Aufstands als Hulfe und Rettung begrussen mussten ... Wie diese Elemente die Revolution verstehen wurden, lag auf der Hand ... Hier konnte nur Mord, Brand, Plunderung im Gefolge der dreifarbigen Fahne gehen ... Die reinsten, edelsten Zwecke mussten von Brandschatzungen, lodernden Flammen, Zerstorung der Wohnstatten des Friedens begleitet sein ... Dies Mittel, die Revolution zu entstellen, hatte man in Europa schon uberall angewandt ... Die Bauern Galiziens, entlassene Straflinge hatten Mord und Brand uber Palaste und Hutten verbreitet ... Was Szela, der Schreckliche, spater in den Eichen und Graswaldern Podoliens wurde, sollte schon Grizzifalcone in der Romagna sein ... Den Communismus schurten die Jesuiten, alle Extreme der freien Ideen forderten sie, um die offentliche Meinung vor den Neuerungen zu erschrecken ... Im Kirchenstaat sollten alle, die durch das Strafgericht Rucca's bedroht waren, auf das Signal warten, die Fackel der Anarchie zu schwingen ... Fermo, Ascoli, Macerata sollten in Feuer aufgehen ... Italien sollte sich mit Schaudern von Freiheitsbewegungen abwenden, die der Welt solche Schrecken brachten ...

Aus dem ergreifenden Gemalde dieser von den Cardinalen der Christenheit, von den Rathgebern des Heiligsten der Heiligen angezettelten Intrigue erhob sich der Protest Attilio's Bandiera, wie die Taube weiss und rein am dunkeln Gewitterhimmel aufsteigt Attilio erklarte, noch zeitig genug gewarnt worden zu sein ...

Wie Benno mit bebenden Lippen diesen Protest las und sah, dass sich die Losung verandert hatte wie er las, dass eine Schar von entschlossenen Mannern den Versuch machen wurde, von Calabrien aus nach Neapel vorzudringen wie er sogar den Silaswald genannt fand ja wie sich ihm ein Flor vors Auge legte als die Namen Fra Hubertus Fra Federigo auf dem Papier wie Irrlichter auf dunkelm Moore tanzten wie er ein Wort von einem "abgesandten Franciscanerbruder" noch mit den letzten Stunden in San-Pietro in Montorio in Verbindung bringen konnte und ihn die Aufklarung uber alles zu belohnen schien, was Bonaventura's nachste Sorge war, da horte plotzlich sein Ohr ein dumpfes Murmeln um sich her ...

Er blickte auf ...

Die Manner waren schon vorher aufgestanden ... Jetzt befanden sie sich in einer Gruppe ... Der schwarze Todtenbruder stand mitten unter ihnen in heftiger Gesticulation ... Bertinazzi bat um Ruhe ... Vergebens ... Das Durcheinanderflustern mehrte sich ... Timoleon! rief Bertinazzi ... Nehmen wir unsere Platze ... Nein, nein! riefen andere ... Lasst Timoleon reden! ...

Der schwarze Todtenbruder schien ungern lauter zu sprechen ... Doch nun musste er es thun ... Alles stand erwartungsvoll ...

Ich hatte nur die Absicht eine neue Loge zu stiften ... sagte er dumpf und hohl ...

Benno horte die Stimme vom Nachen ... Die Augen des Sprechers funkelten unheimlich durch die beiden Lucken seiner Kapuze ... Sie waren auf Bertinazzi gerichtet, der mit diesem Wunsch einer neuen Logenbildung nicht einverstanden schien und beschwichtigend rief:

Lasst das! Lasst das! ...

In diesem Augenblick streifte ein Rockarmel Benno's Wange ...

Der Freund der Papste, der Kapuziner war es, der seine Hand ausgestreckt, Attilio's Brief ergriffen und das Papier in die Flamme eines der Lichter gehalten hatte ...

Benno, betaubt noch von dem nicht vollstandig uberlesenen Inhalt, erbebend vor dem Anblick der Namen, die sein Innerstes erfullten vor dem Silaswald, in dessen Nahe jetzt, an Punta dell Allice, die Invasion stattfinden sollte zu gleicher Zeit mit einer Erhebung in Sicilien und Genua Benno wollte dies Beginnen, ein Zeichen wol gar des Mistrauens gegen ihn, verhindern und sprach:

Soll ich diesen Brief nicht so gut kennen wie ihr? ...

Da hatte die Flamme schon den Brief verzehrt ...

Benno sah, dass das Flustern vorhin, dies Entziehen des Briefes aus dem Erkennen seiner Stimme durch den schwarzen Todtenbruder entstanden war ... Er richtete vor Aufregung seine Augen so zu Bertinazzi, dass sie wie Flammen diesem entgegengluhen mussten ... Denn auch ihm war der Ton seines Anklagers immer bekannter und bekannter geworden ... Es fehlte nur noch ein einziges mal, dass jener sprach, und ein unglaublicher Name, der Name eines offenbaren Verrathers, brannte ihm auf der Zunge ...

Bertinazzi hatte sich in der That zu seinem Beistand erhoben ...

Wieder drangen die Stimmen in den Leichenbruder, zu reden ...

Dumpf sprach dieser:

Wir sind in diesem Augenblick zu dreizehn ... Der vierzehnte, unser Franciscaner, fehlt ... Wir durfen eine neue Loge bilden ... Ja, dies will ich ... Ich thu' es ... Die dazu notwendigen Zwolf werd' ich finden ...

Benno starrte den Sprecher an ... Er wusste, wer gesprochen ...

Dann ist Bertinazzi's Loge verpflichtet, Euch eine Hulfe zu geben! ... sprach der Kapuziner ...

Einer von uns trete zu Timoleon's neuer Loge! riefen mehrere ...

Loost! Loost! ... erscholl es von anderer Seite ...

Warum loosen! erwiderte der schwarze Todtenbruder, der den Namen "Timoleon" fuhrte ... Ich nehme jeden von euch, der sich freiwillig dazu erbietet doch nicht Spartakus! ...

Wieder sprangen alle von ihren Sitzen ... Was vorhin nur schien einzelnen angedeutet worden zu sein, erscholl jetzt vor aller Ohr ... Die Verschworenen zogen dichter ihre Hullen vor die Augen ... Sie traten auf Benno zu ... Schon streckten sich einige Hande nach seiner Kopfverhullung ...

Zuruck! rief Bertinazzi mit einer Stimme, die an den Wanden widerhallte ... Ich burge fur Spartakus ...

Fur einen Verrather?! ... Einen Deutschen?! ... Einen Spion Osterreichs?! ... rief Timoleon ...

Verrather ? Ich? ... Graf Sarzana! Wer ist hier der Verrather? ...

Sarzana! rief die ganze Loge voll Entsetzen ...

Ein Augenblick und vier, funf Dolche blitzten ... Sie blitzten nicht nur Spartakus, sondern auch Timoleon entgegen ... Der Name "Sarzana" klang wie: Eine Creatur Ceccone's! ... Kaum hatte auch Benno jetzt noch den Beistand des Meisters der Loge ... Einen Namen zu nennen war ein Bruch aller Gesetze ... Bertinazzi trat den gezuckten Dolchen entgegen und rief: Die Loge ist aufgelost! ... Friede! Friede! Die Lichter wurden ausgeloscht ... Eine kraftvolle Hand drangte Benno aus dem wilEin Augenblick der Besinnung ... Benno griff nach Er fand die Mauer ... Er hatte Licht ... Er blickte Am Ende des langen Corridors stand ein Trupp

Ende des siebenten Buchs.

Fussnoten

1 Thatsache.

Neunter Band

Achtes Buch

1.

Muhsam windet sich ein mit funf Rossen bespannter Reisewagen die Hohen eines kahlen Gebirges hinan ...

Die Strasse ist es, die von Nizza uber den Col de Tende nach dem Piemont fuhrt ...

Kreidige Felsen, Reste vulkanischer Zerstorungen, heben sich schimmerndhell vom tiefblauen Himmel ... Die Vegetation wird immer lebloser, je naher dem hochsten Kamm der vom machtigen Ruckgrat der Schweizer- und Savoyer- sich abzweigenden Seealpen ... Noch jetzt, noch am Ende des Juni, liegt Schnee in einzelnen versteckten Spalten, die ein schneidend scharfer Wind bestreicht ...

Zeitig waren die Passagiere von Sospello aufgebrochen ... Sie hatten Vorspann nehmen mussen ... Bald verliessen sie den Wagen, um den Pferden die Last zu erleichtern ... Drei Frauen, die rustig zuschritten, schienen an Anstrengungen gewohnt ... Ein Kind, das bald ermudete, liess man wieder einsitzen ... Die beiden Manner schritten anfangs mit wetteifernder Ausdauer ...

Bald aber ermudete auch von ihnen der eine ... Ein heftiger Husten zwang ihn oft, still zu stehen ... Nun machten ihm die ubrigen Vorwurfe uber die Anstrengungen, die er sich zumuthete ... Er lachelte eine Weile, schuttelte den Kopf, deutete an, es wurde gehen ... Zuletzt zwang man ihn, in den Wagen zu steigen ... In einen grauen Leibrock mit Metallknopfen gekleidet, schien er ein Diener zu sein ein weisses Staubhemd daruber flatterte im Winde ...

Im Wagen nahm er das etwa dreijahrige Kind, ein heiteres, schwarzaugiges Madchen, auf den Schooss ... Eine der Frauen man hatte sie fur die Zofe der beiden andern Damen halten durfen ging im argsten Staube neben dem Schlage des Wagens und reichte zuweilen die Hand hinauf, die der Kranke dann mit Liebe druckte, wahrend gleichzeitig ein sanfter Blick seines Auges auf die Frauen deutete, die seine Begleiterin nicht aus dem Auge verlieren sollte ...

Jene aber nahmen die kurzeren Wege und kletterten wie die Ziegen, die in Schaaren auf den kahlen Hohen die wenigen Stellen suchten, wo die Vegetation von ihren uppigsten Entfaltungen, die die Reisenden noch gestern begleitet hatten, in letzten Krautern und Grashalmen erstarb ... Gestern noch Oliven, Garten voll Orangen, Gebusche von Myrten und hier und da die einsam traumende Dattelpalme; noch in Sospello die nachsten Anhohen bewaldet von Kastanien jetzt aber schon seit einer Wanderung von zwei Stunden nichts als niedriges Buschwerk und selbst die Alpenflora durch die grosse Trockenheit des Bodens gehindert ... Hier und da leuchtete wol das schone Himmelblau der Genzianen ...

Die beiden Frauen, in breitrandigen, am Kinn befestigten "Nizzahuten", deren Strohgeflecht fest genug ist, um von den jeweiligen Windstossen nicht bald diese, bald jene Gestalt zu gewinnen, sammeln dem Kinde, der kleinen Erdmuthe, was sie allenfalls an blauen, auch hier und da noch weissen und rosenrothen Blumen entdecken konnen ...

Die Alpenrose findet sich hier nicht, sagte die altere und kleinere Dame; sie muss doch mehr Schnee und Eis haben, um fortzukommen ...

Vielleicht jenseits auf dem niedergehenden Abhang entgegnete die jungere und nickte vertrostend der Kleinen zu, die verlangend von der Strasse her aus dem Wagen ihr Handchen streckte, an ihrem hastigen Begehren durch den Fahrenden gehindert, der sie auf seinem Schoosse schaukelte ...

Der Arme! Wie er hustet! seufzte die altere der Frauen mit Hindeutung auf den Mann im weissen Staubhemd ... Sie fugte hinzu: Er hatte gar nicht aussteigen sollen ...

Auch die Nahe eines Kranken kann bald zur Gewohnung werden ... Selbst ein hoffnungsloser Zustand wird zuletzt mit Ergebung in die einmal nicht zu andernde Lebensordnung seiner Umgebungen hingenommen ...

Auf den schottischen Hochgebirgen fand ich, wie hier am Mittelmeer, nahm die jungere mit Beziehung auf die fehlende Alpenrose wieder die fruhere Aeusserung auf, ganz die gleichen Blumen ... Dieselben Formen haben sie, dieselben Farben ... Auch die langen Wurzeln, mit denen sie sich festklammern mussen, um den Sturmen zu trotzen ... Die Stiele sind immer kurz ... Keine wagt sich zu sehr uber den schutzenden Boden hinaus ... Und siehe da! Die kleinen Sternblumchen schon verwelkt! ... Alles wie in Schottland ... Ein kurzer schoner Fruhling kein Sommer gleich der Winter ...

Die Mutter, die wir an ihren grauen Locken als Monika von Hulleshoven erkennen, war schon an sich bewegt vor Erwartung des Ziels dieser Wanderung ... Noch heute konnte sie hoffen, endlich nach langer, langer Trennung die greise, dem Tod nahe Grafin Erdmuthe von Salem-Camphausen auf Castellungo zu sehen, die Pathe da der kleinen Erdmuthe Hedemann ... Mehr als zehn Jahre nach den Tagen damals in der Residenz des nun auch schon zu seinen Vatern versammelten Kirchenfursten, als die Grafin so fest darauf gerechnet hatte, ihre geliebte Monika wurde schon den nachsten Fruhling in Castellungo zubringen ... Was war nicht alles dazwischengekommen, bis sie die edle Greisin endlich auf ihrem schonen italienischen Schlosse wiedersah ... Nun ergriff sie noch Armgart's Wort: "Ein kurzer Fruhling ohne Sommer gleich der Winter!" ... Auf wen wol passte die Vergleichung mit dem Leben der Alpenblumen mehr, als auf sie, die jetzt achtundzwanzigjahrige unvermahlte Armgart! ... Sie hatte sich mit den Jahren dem Vater da, der, um sich etwas zu verschnaufen, mit einem Ziegenhirten plaudert, nachgebildet, war in Wuchs gekommen und ein hochaufgeschossenes, schlankes Fraulein geworden, wofur sie nie Aussicht gegeben ... Um so zarter und behender waren ihre Glieder geblieben ... Der Kopf unter dem Strohhut war wol jetzt vom Steigen rosig ergluht; sonst aber sah ihr Antlitz bei weitem blasser aus, als in ihrer Jugend und als noch jetzt die Mutter aussieht, die an ihrer apfelgleichen Frische und Rustigkeit nichts eingebusst hat ... Jenes ihr eigene halbe Lacheln mit den beiden schimmernd weissen Vorderzahnen hatte Armgart behalten, aber es gab ihr jetzt eher etwas Strenges; ihre schonen Augen waren ernst und fast ein wenig starr geworden ... Eine Jungfrau, die mit ihren Hoffnungen abschliesst, macht schmerzhafte Krisen der Seele durch ...

Im ubrigen wurde Monika, die immer die Gegenwart und die nachste Pflicht im Auge behielt, kaum so in Ruhrung gekommen sein uber diese Vergleichung ... Noch in Sospello, wo sie den Berg taxirte und dem Posthalter, der drei Pferde Vorspann begehrte, eines als einen Misbrauch abgehandelt hatte, war sie wie immer laut und entschlossen gesprachsam gewesen ...

Jetzt lag das Jenseits des hohen Kulms geheimnissvoll vorm Auge ... Nun konnte sie nur mit Wehmuth auf die da und dort sich sorglos buckende Armgart sehen konnte sich nur sagen: Arme Alpenblume auch du! Auch du hattest einen schonen Mai- und Wonnemond, dann sogleich den Herbst und vielleicht den ewigen Winter! ...

Armgart aber rief jetzt lachend:

Fuhlt ihr nun, dass der Col de Tende sich sehen lassen kann? ... Ich sagt' es ja gleich nach allem, was ich in Nizza erzahlen horte ... Den Gipfel erreichen wir noch vor drei Stunden nicht ... Seht ihr auch da oben noch das Haus? ... Da futtert der Postillon noch eine Stunde und auch wir werden ohne Collation nicht fortkommen ...

Armgart schien die Ruhe und Ergebung selbst geworden zu sein ... Sie war selbst um Paula und ihre liebe alte Grafin, ihr ketzerisches "Grossmutterchen", nicht aufgeregt, die auch sie seit zehn Jahren nicht gesehen hatte und dort jenseits der kahlen Hohe morgen, eine Sterbende, finden sollte! ... Paula! Sogar von ihrer geliebtesten Freundin hatte das Leben und die bewegte Zeit sie fast im Geist verdrangen konnen ... Zu den bitteren Kampfen, die sie alle und zumal ihre Familie seit zehn Jahren durchgemacht, gehorte ein wehmuthiger, wenn auch unausgesprochener Zwiespalt Armgart's mit Paula, hervorgerufen durch die so mannichfache Verschiedenheit der Meinungen und Ueberzeugungen ... Nachster Anlass dieser Reise war keinesweges allein das dringende Bedurfniss, sich endlich wiederzusehen, sondern mehr noch der zufallige Umstand, dass Hedemann, der sich in einer bewegten Zeit dem Wohl des Obersten von Hulleshoven geopfert hatte, heftig an der Brust erkrankt war, Genf, wo der Oberst mit den Seinigen seit den letzten Jahren gewohnt hatte, erst mit Nizza vertauschte und dann in der Heimat seiner Porzia fur immer zuruckbleiben vielleicht dort sterben wollte ... Die Aerzte hatten ihn aufgegeben ... Doch die Auflosung eines so kraftvoll gebauten Korpers liess einen langen Kampf erwarten ...

Ulrich von Hulleshoven, dessen Locken nun auch schon ergraut sind, schreitet schon wieder wacker voraus ... Seit Jahren begleitete ihn auf solchen und ahnlichen Wanderungen immer derselbe machtige Alpenstab ... Er kehrte diesen jetzt um, hielt das Ende mit der eisernen Spitze oben und streckte den Griff seiner Frau und Tochter zu mit der scherzenden Aufforderung, sich festzuklammern, er wollte sie hinaufziehen ... Aber Armgart stemmte im Gegentheil beide Hande an seinen Rucken, um ihm hinaufzuhelfen ... Vorwarts! Vorwarts! rief sie und ihre Kraft gab ihr das Zeugniss noch der Jugend ...

Porzia unterhielt sich indessen mit dem Postillon uber ihre endlich wieder begrusste Heimat, in der sie die Aeltern nicht, die in Deutschland waren, nicht die alten Seidenwurmerkammern ihrer mutterlichen Hutte fand, aber die Pathin ihres Kindes, die edle Grafin, die sie einst nach England mitgenommen hatte ... Die kleine Erdmuthe plauderte bald deutsch, bald italienisch ... Da sie so viel vom Sterben horte, fragte sie, ob es von hier in den Himmel ginge ...

Das war nun alles so, wie es war und nicht anders sein konnte ... Darum brannte die Sonne so druckend wie nur in jedem Juni, pfiff ein scharfer, der Hitze widersprechender Wind aus Nordost heruber hupften die Ziegen, zankten die Hirten, grussten die uber den Berg gekommenen Fuhrleute, die in zweiradrigen, maulthierbespannten Karren den guten Wein von Coni und Robillante nach diesseits fuhrten, und zankte auch wol Monika, die, als der Postillon am Wirthshaus wirklich hielt und die Locandiera auf die Bestellung einer Collazione lauerte, sagte:

Das muss man den Leuten ganz abgewohnen, den Reisenden ihren freien Willen rauben zu wollen ... In Italien soll man nur immer den Muth haben, in jeder Lage Ja! oder Nein! zu sagen ...

Sie liess der kleinen Erdmuthe nur Milch geben ...

Mutter, entgegnete Armgart, milde lachelnd, dies Haus ist in der Voraussetzung gebaut worden, dass man hier nach Eiern und Schinken, nach Wein und vielleicht selbst nach einem kalten Huhn fragt ... Es zu bauen hat Muhe gekostet ... Die Galerie da, die Thuren, die Verschlage sind von Holz und Holz wachst hier nicht ... Unser Leben ist ja eine einzige grosse Verschworung der verbundeten Menschheit gegen den Schopfer, der uns vieles doch so gar, gar schwer gemacht hat, besonders die Existenz ... Muss denn nun immer alles so regelrecht gehen? ... Wenn es nach mir ginge, ich kehrte in jedem Wirthshause ein ich bestelle auch hier Schinken, Eier und Wein ...

Das waren nun so die kleinen Intermezzis des gemeinschaftlichen Reisens, wo sich die gegenseitigen Stellungen ergaben ... Der Oberst ging gern auf den Ton seiner Tochter ein, der ihm sympathisch war, wenn er auch wol sich hutete, die Mutter in solchen Fallen ganz Unrecht behalten zu lassen ...

Der kleine Imbiss wurde bestellt ... Am ode und einsam gelegenen Wirthshause wurde es mit der Zeit ganz lebhaft ... Die Weinfuhrleute richteten an den abgestiegenen und sich ganz, als ware er gesund und nur ein Diener, benehmenden Hedemann die Frage, ob sie denn auch Neuigkeiten aus der Welt mitbrachten und vor allem von Rom Entscheidendes uber die Belagerung der ewigen Stadt durch die Franzosen ...

Armgart trat uber diese Fragen zur Seite und Monika wusste, warum sie es that ... Nun bestellte die Mutter selbst noch mehr, als Armgart gewollt hatte ...

Auch der Oberst verstand Armgart's Beiseitetreten, seufzte und bedeutete Hedemann, der den Fuhrleuten in gebrochenem Italienisch kurz erzahlte, was er wusste, dass er sich dem scharfen Winde nicht aussetzen und sogleich ins Zimmer treten sollte ...

Hedemann erwiderte mit einer Stimme, die seine alte Kraft und Mannlichkeit nicht mehr erkennen liess, dass ihm wohl ware ... Auf dieser luftreinen Hohe, unter dem blauen Dach des Himmels hatten aus dem Munde eines rettungslos Dahinsiechenden die Worte der Ergebung einen doppelt wehmuthigen Nachdruck ...

Nach einer Rast von mehr als einer Stunde erklommen die Gefahrten neugestarkt die Spitze des nun immer noch kahler werdenden Passes ... Wie glich ihr muhsames Aufwartsschreiten den Kampfen ihres eigenen Lebens selbst, denen erst jetzt eine etwas glucklichere Ruhe gefolgt war! ...

Aber Muth! leuchtete aus dem Auge Monika's, Hoffnung! aus dem Auge Armgart's ...

Des Vaters kraftige Hand half jetzt den Klimmenden nach und mancher Scherz uber die Possirlichkeiten der Kleinen erheiterte die Stimmung, trotz Porzia's Trauer, trotz Hedemann's wiederholtem: Die Grafin ruht wol schon in Gottes Schooss! trotz aller der Mischungen von Freude und Schmerz, die ihnen die Nennung der Namen Paula's, des Grafen Hugo und des jetzigen Erzbischofs von Coni, Bonaventura von Asselyn, bereiten durften.

2.

Das waren denn jene muthigen Menschen, die einige Jahre hindurch, schon vor Paula's Vermahlung, mit einer Stadt wie Witoborn, mit einer Landschaft wie die um Kloster Himmelpfort und weit hinaus in die Ebene hin, einen geistigen Kampf zu beginnen gewagt hatten, in dem sie auf alle Falle unterliegen mussten ...

Sie waren nur Sieger uber sich selbst geworden oder trugen, wie Hedemann sich ausdruckte, das Sterben des Herrn am eigenen Leibe, auf dass an ihnen auch das Leben des Herrn offenbar wurde ...

Der Oberst hatte sein kleines Vermogen, auch fremdes, auf die Anlage einer Papierfabrik verwandt ... Gerade deshalb, weil in jener Gegend diese Industrie brach lag, hatte er geglaubt, die Wasserkraft der Witobach und die schon vorhandenen Muhlenwerke fur eine solche Unternehmung nutzen zu konnen ... Die Kapitalien wurden vom Onkel Dechanten, sogar zuletzt vom Onkel Levinus dargeboten, letztere allerdings nur von Paula entlehnt vor dem machtigen Blick und der bundigen Rede Monika's verstummte auf Schloss Westerhof jeder Widerspruch ... Lenkte doch auch sie die so wunschenswerth gewordene friedliche Ausgleichung mit der jungeren Linie der Camphausen in einer so entschiedenen Weise, dass uberall die nachsten ausserlichen Sorgen schwanden ... Endlich hatte auch der Oberst magnetische Gewalt uber Paula ... Unentbehrlich war er ihr geworden in jenen Zeiten, wo sich in Paula's Herzen die schmerzlichsten Kampfe vollzogen, Kampfe, die ihren Korper zu zerstoren drohten ihr Wachschlummer, ihre Visionen, die sonst lindernd auf sie gewirkt hatten, traten nach und nach zuruck ...

Der Oberst musste seiner Pensionsanspruche wegen dann auf kurze Zeit eine Reise nach England machen ... Um Paula's Leiden kehrte er zeitiger heim, als er im Interesse Armgart's wunschen konnte ... Diese hatte er mitgenommen, da sie trotz der Aussohnung ihrer Aeltern, trotz der Befreiung von Terschka's Werbungen ein tief in sich verschuchtertes Leben darbot und in ihrem Stift Heiligenkreuz um so weniger sich heimisch fuhlte, als Armgart, wie Lucinde, zu jenen Naturen gehorte, die selten die Anerkennung der Frauen gewinnen ... Was sie that, wurde wenigstens in ihrer Heimat abenteuerlich gefunden; was sich an ihren Namen knupfte, wurde ihr zur Ungunst gedeutet ... Sie hatte, sagte man, Benno von Asselyn, Thiebold de Jonge, vielleicht selbst Terschka "auf dem Gewissen" ... Die Scheu der katholischen Rechtglaubigkeit vor allem, was den Nimbus ihrer Kirche gefahrden konnte, verhinderte, dass man um Witoborn offen von Terschka, als von einem "Jesuiten der kurzen Robe" sprach, von einem Proselyten dann, der Glauben und Gelubde in London gewechselt ... Die Aufregung der Gegend um die Vorgange auf Westerhof, um den Brand, um die Urkunde, den vielleicht erneuerten Process, das mogliche Auftreten und Erstarken lutherischer Elemente in dortiger Gegend wurde so gross, dass Armgart den Vater auch ganz gern begleitete ... Er liess sie zuruck bei Grafin Erdmuthe, die bei Lady Elliot theils in der Stadt, theils auf dem Lande wohnte ...

Armgart wurde allmahlich den Tochtern der Lady unentbehrlich; sie hatte in der Gesellschaft Erfolge, die die Aeltern nicht storen mochten ... Selbst die Nahe Terschka's beunruhigte sie nicht ... Ihr Vater hatte ihn in London wiedergesehen, hatte seinen Muth, mit den Jesuiten zu brechen, bewundert und vermittelte eine Verstandigung des Fluchtlings mit dem Grafen Hugo ... Letztere gelang ausserlich, zumal da der Graf durch Terschka die Aufforderung erhielt, der beim Brand von Westerhof gefundenen Urkunde entschieden zu mistrauen und unerschrocken wieder aufs neue den Process zu beginnen ... Als man Terschka's Einfluss auf diese von Wien verlautenden Drohungen erfuhr, wollten ihn zwar auf Schloss Westerhof Tante Benigna und Onkel Levinus als einen unverbesserlichen Sohn der Holle darstellen, Monika aber fand sein Benehmen in der Ordnung und erklarte, dass sie an des Grafen und Terschka's Stelle ebenso handeln, vor allem Lucinden in Wien, den Monch Hubertus in Rom, den Doctor Nuck in der Residenz des Kirchenfursten vernehmen, ja verhaften lassen wurde ... Als dann Bonaventura, nach Lucindens Beichte zu Maria-Schnee in Wien, dies grosse Aergerniss von einer der ersten Familien Deutschlands abgewandt hatte, als Graf Hugo plotzlich auf Westerhof erschien und Paula nach dem ausdrucklich und wunderbarerweise von Robillante gekommenen Zeugniss Bonaventura's: Dieser Mann darf dir gehoren und du ihm! jetzt willenlos geworden, ja durch Bonaventura's plotzliche Verpflanzung auf einen Boden, auf den sie ihm gebuhrenderweise als Gattin des Grafen sogar folgen durfte, uberwaltigt, ja davon wie berauscht, nachgegeben hatte, gewannen der Oberst und Monika eine machtige Anlehnung auch an den von ihnen immer empfohlenen Grafen ... Dieser schatzte und verehrte schon lange die ehemalige Bewohnerin des Klosters der Hospitaliterinnen in Wien ... Paula selbst fand er dann unter dem magnetischen Rapport des Obersten ... Sein eigenes beklommenes, tief verdustertes, erst durch jenen mit Bonaventura auf Schloss Salem hingebrachten "Einen Tag" dem Leben wiedergewonnenes Gemuth schloss sich zuletzt besonders innig dem frischen, lebendigen Sinn der Bewohner Witoborns, den "Papiermullers" an, wie Oberst Hulleshoven und die Seinen spottend von der ganzen Provinz und den adeligen Genossen genannt wurden ...

Und anfangs machten sich die Verhaltnisse ganz nach Wunsch ... Monika's Rath war fur die irrend hinund hertastende Schwester Benigna, fur den vom Erscheinen des Grafen Hugo um alle Fassung gebrachten Levinus unerlasslich ... Paula's Aufregung musste freilich die Freunde und Verwandte mit Schrecken erfullen ... Sie schlief zwei Wochen lang nicht eine Nacht und sprach und that dabei doch alles, was man verlangte, ordnete ihre Ausstattung, wobei sie selbst wie eine Magd angriff, der ein hoheres Geheiss geworden ... Wenn alles erstaunte: "Der Domkapitular ist Bischof in Italien!" wenn man lachelte: "Bischof in dem Sprengel, wo die Guter der kunftigen jungen Grafin Salem-Camphausen liegen!", so horte und sah Paula nichts von Alledem ... Graf Hugo wurde ihr in der That noch der liebste von all den Menschen, die es ausser Bonaventura und Armgart in der Welt gab war er nicht der Bote, der Bevollmachtigte Bonaventura's war er nicht zart und rucksichtsvoll in seinem Benehmen ...? Paula war scheinbar so lebensmuthig geworden, dass sie selbst dem Trostworte Monika's nachdenken konnte: "Un mariage de raison! Le comte renoncera a tout droit de possesion !" ... Freilich horte sie nicht, was Monika zur Schwester Benigna hinzusetzte: Muss man franzosisch sagen, was uns nicht errothen lassen soll! ... Sie horte das Schmollen nicht uber die Unnatur des katholischen Priesterstandes, uber die Unnatur des Lebens der hohern Stande uberhaupt ... Doch allerdings erklarte Monika, hier keinen andern Weg zu wissen, als den "eurer ublichen Convenienz" ... Die Familienzweige der Dorstes durften nicht auseinander gehen ...

Niemand unterstutzte diese Wendungen mehr, als Bonaventura's Mutter, die Prasidentin von WittekindNeuhof ... Ihr war es fast, als konnten nur so die dustren Schleier gewahrt bleiben, die sich inzwischen schon theilweise von Angiolinen, von Benno und von der Herzogin von Amarillas geluftet hatten ... Wenn Graf Hugo fand, dass gerade er es "nicht um Benno und Bonaventura von Asselyn verdient" hatte, auf Schloss Neuhof so scheu empfangen zu werden, so gab seine "lutherische Religion" einen Entschuldigungsgrund fur eine Scheu, eben in ihm den Pflegevater, den Geliebten Angiolinens zu sehen ... Durfte man doch die Besorgniss hegen, ihn wol gar von dem fluchtigen Terschka uber alles unterrichtet zu wissen, was damals in jener von Lob Seligmann belauschten Verhandlung zur Sprache gekommen war ... Die kluge Prasidentin wollte ihren Gatten, den "Bureaukraten", wie er um Witoborn hiess, mit dem Geist der Provinz versohnen und nahm sogar an den Exercitien der ab- und zugehenden, seltsamerweise dem Schloss Westerhof entschieden feindlichgesinnt bleibenden Frau von Sicking Theil ...

Schon war Paula, opferfreudig und nunmehr in ihrem katholischen Sinn heilig uberzeugt, dass sie g e r a d e durch ihre Heirath dem Abgott ihrer Seele, einem Priester, noch eine Glorie des Himmels mehr gabe ihrem Gatten nach Wien gefolgt, als man immer anregendere und uberraschendere Mittheilungen aus England erhielt ... Terschka spielte in London eine glanzende Rolle ... Auch dort standen ihm fordernd seine geselligen Talente zur Seite ... Sein Bruch mit dem katholischen Glauben, seine Flucht vor den Jesuiten, zu deren Orden er gehort hatte, sein Anschluss an Giuseppe Mazzini, den italienischen Agitator, und dessen Freunde, alles das gab ihm selbst in den Kreisen der englischen Aristokratie einen Nimbus ... Armgart begegnete ihm in den hohen Kreisen, in denen sie lebte ... Freilich sah sie in ihm ihrerseits nur das Abbild jener dustern Tage, wo sie geglaubt hatte, sie musste sich dem ungewissesten Schicksal opfern, um nur ihre Mutter vor einer Verirrung zu bewahren, die die Aussohnung mit dem Vater unmoglich machte ... Aber ihre ganze Verachtung vor dem innerlich hohlen, nur gesellschaftlich verwendbaren Mann durfte sie ihm nicht ausdrucken, da die Aeltern selbst zu viel auf seine gegenwartige Gesinnungsanderung hielten, die Grafin Erdmuthe ihm verziehen hatte, Lady Elliot ihm eine Stellung uber allen Makel gab ...

Die Briefe, die in Witoborn bei dem "Obersten Papiermuller" ankamen, brachten immer uberraschendere Mittheilungen ... Um Terschka fingen an sich Geruchte zu verbreiten, als spielte er eine doppelte Rolle ... Er hatte nicht aufgehort das zu sein, was er war ... Ganz ubereinstimmend mit jener vom alten Zickeles in Wien zu Benno gethanen Aeusserung: "Die Jesuiten lassen ihn auch sein Protestant!" ... Schon verlautete mancher Zweifel an seiner fanatisch zur Schau getragenen lutherischen Kirchlichkeit und italienischen Freiheitssympathie ... Armgart sprach von ihm als von einem "ewig Gezeichneten" ... Sie lehnte seine Begleitungen ab, schlug die Huldigungen aus, die ihr seine immer noch lebhafte Galanterie und unbeugsame Elasticitat im geselligen Verkehr brachte ... Manche behaupteten, schrieb sie, Terschka spiele leidenschaftlich und ware stets in Verlegenheiten ... Letzteres musste wol der Fall sein; denn man bemerkte, dass ihm der Prasident von Wittekind Geld schickte ...

Armgart selbst befand sich im Punkt der Religion immer noch da, wo sie gleich anfangs mit ihrem, inzwischen nach Westerhof, Wien und Italien gegangenen "ketzerischen Grossmutterchen" Grafin Erdmuthe gestanden ... Lady Elliot besass denselben Bekehrungseifer, wie Grafin Erdmuthe hatte sie nicht Gegner gefunden, sie wurde sie gesucht haben ... Da kam nun ihrer dogmatischen Streitsucht ein geistesfrisches Madchen nach Wunsch, das von den Entdekkungen, die Armgart an dem Glauben ihrer Aeltern machte, in einer steten, oft, nach Empfang von witoborner Briefen und Nachrichten, fieberhaft kampflustigen Beunruhigung lebte ... Die Englanderinnen konnten Armgart um die Geltendmachung ihrer noch ungebrochenen katholischen Gesinnung nicht zurnen; denn einmal war und blieb sie in ihrem Wesen fur eine weniger engherzige Beurtheilung, als die in Stift Heiligenkreuz, die Anmuth selbst und ebenso bestrikkend war die eigenthumliche Art ihres Wahrheitssinns, der seinerseits aus freiem Trieb selbst nichts schonte, was ihr am katholischen Leben die fluchtige und entstellte aussere Erscheinung war. Sie behauptete, nur den Kern festzuhalten, und rechnete dann freilich dazu das Martyrium, ihren Umgebungen so beschrankt und lacherlich wie moglich zu erscheinen. Sie ass am Freitag kein Fleisch, sie machte ihre Kreuze, sie ging in die Messen; sie sagte: Das ist blos meine Religion, euch lacherlich zu erscheinen! ... Wenn man ihrer spottete und sie fragte: Wie viel Jahre Ablass und Milderung fur die Lauterung im Fegefeuer sie schon gewonnen hatte? zeigte sie ihr Buchelchen und gab die Addition von einigen Millionen Jahren an mit den Worten: Die Ewigkeit ist lang! ...

Aber im Grunde der Seele wurde sie uber dies und anderes doch ernster und bekummerter ... Aus ihrer sichern, ja trotzigen Lebens- und Denkweise, die von einigen grossartigen, bis zum Anerbieten glanzender Heirathspartieen gehenden Huldigungen unterbrochen wurde, weckten die, trotz ihres Protestes dagegen, doch zur halben Englanderin Gewordene mehre der erschutterndsten Botschaften, die fast zu gleicher Zeit in England eintrafen ...

Die eine war die Nachricht von jener Bewegung um den "Trierschen Rock", der sich die Aeltern, Hedemann und einige Gleichgestimmte, selbst in dem urkatholischen Witoborn, angeschlossen hatten ... Die Aeltern hatten in der That formlich mit der Kirche gebrochen ... Sie hatten eine deutschkatholische Gemeinde gebildet, der sich auch Protestanten anschlossen ... Den Gottesdienst leiteten abwechselnd durchreisende, von ihren Pfarreien oder Vikarieen gewichene Kaplane ... Statt der Orgel spielte die Tochter des Pfarrers Huber die Harmonika ... Sogar Puttmeyer wurde seinen Gonnern und geistigen Gefangnisswartern rebellisch und liess sich einigemale bei jenen Erbauungen betreffen, bis dann Angelika Muller von den Adeligen aus Wien verschrieben wurde und die Rechte einer zwanzigjahrigen Verlobung geltend machte, um den grossen Mann in die Kirche und die Beichtstuhle von Eschede wieder zurukkzuschmeicheln ... Manche in gemischten Ehen lebende Gatten oder Brautpaare entschlossen sich, diesen Ausweg einer neuen Kirche aus allerlei confessionellen Bedrangnissen zu ergreifen ... Der protestantische Staat, damals uberwiegend jesuitisch inspirirt, erschwerte die Bildung auch dieser witoborner Gemeinde, konnte sie aber nicht hindern ...

Fur Witoborn und Umgebung war hiermit ein Aergerniss ohne gleichen gegeben ... Norbert Mullenhoff betheuerte auf der Kanzel der Liborikirche: Die Familie des Obersten von Hulleshoven und sein Anhang musste aus dieser rechtglaubigen Gegend, wo bisher nur Gottes Athem geweht hatte, weichen, es kostete was es wolle! ... Stutzig wurde er zwar, als die alte Hebamme, auch der buckelige Stammer und sogar die Finkenhof-Lene der neuen Religion sich anschlossen Das ist das schmerzliche Verhangniss der besten Principien, dass sie anfangs die umirrenden und moralisch heimatlosen Naturen zuerst anlocken! Aber sein Wort verhallte nicht und da die Familie Hulleshoven nicht wich, da die Gemeinde sich durch die achtbarsten Elemente vergrosserte, so kam es zu Auflaufen, zu Beschadigungen der Fabrik, zum Einschreiten der bewaffneten Macht ... Allen diesen Prufungen setzte die kleine Gemeinde, die ihre schlechten Elemente bald ausschied, Muth und Entschlossenheit entgegen ... Sie vergrosserte sich durch die Arbeiter der Fabrik, die aus fernen Gegenden genommen werden mussten, weil auf Priestervorschrift heimische schon gar nicht mehr in sie eintreten durften ... Damals holte sich Hedemann die Keime seiner Krankheit ... Der Vielgeprufte, der an seinen verkummerten Aeltern erlebt hatte, wohin getauschtes Vertrauen zur Priesterwurde fuhren konnte, wollte nach beiden Richtungen hin auf dem Platze bleiben, wollte den Betrieb des Geschafts ebenso abwarten, wie den Ausbau einer von Rom abgefallenen, apostolischen Kirche ... So gewaltig seine Korperkraft war, sie erlag diesen Muhen, Beunruhigungen, Nachtwachen, Kampfen, die bis zum Handgemenge gingen ... In einer kalten Winternacht, als Hedemann im Muhlenwerk noch spat allein gearbeitet hatte, ging er, uber und uber in Schweiss gebadet, in seine nahe gelegene Wohnung ... Dort warf ihn ein auflauernder Haufe Fanatiker in die an ihrem Ursprung nicht frierende, aber eiseskalte Witobach ... Mit Stangen hatten sie den Unglucklichen verhindert, aus dem bis an seine Brust gehenden Strom herauszukommen ... Sein Hulferuf, der Hulferuf Porzia's, die schon im Bett lag und durch die larmende Scene ans Fenster getrieben wurde, verjagte die bose Rotte und endlich konnte der Misshandelte ans Ufer ... Fieberfrost durchschauerte ihn; eine lange Krankheit warf ihn aufs Lager ... Von dieser Nacht an schrieb sich der Keim einer Krankheit, die seine Lungen zerstorte ...

Noch aber wurde vielleicht Armgart auf solche Schreckenskunden nicht aus England zuruckgekehrt sein, hatte sich nicht auch um dieselbe Zeit auf ihre stillverschwiegene Liebe zu Benno und Thiebold die seltsame Einigkeit beider Namen dauerte fort der trubste Schatten gesenkt ... Die Nachricht, dass sich Benno in die Verschworung der Bruder Bandiera eingelassen hatte, gefanglich eingezogen und auf die Engelsburg gebracht war, hatte nur vorubergehend erschutternd gewirkt; denn wenige Wochen darauf kam die frohe Botschaft seiner Befreiung ... In diesen Wochen aber fuhlte Armgart erst, dass es ihr wie Furstin Olympia Rucca ging und Thiebold doch nur "eine schone Eigenschaft an Benno mehr" war. Sie hatte Benno sonst nur, wie sie selbst glauben wollte, schwesterlich geliebt; gibt es aber in der Liebe Stufen? ... Gott, Weib, Kind es ist dasselbe allzundende Feuer, entglommen demselben Altar, entlodert derselben Sonne nur verehren will dies Gefuhl und zuletzt erst erkennt es sich ganz in der Sehnsucht nach Erwiderung ...

Im stillen hatte sich diese Sehnsucht immer hoher gesteigert ... Wer scharfer beobachtete, sah, Armgart hatte ihre Heiligen, von denen sie sprach; sie hatte noch Heiligere, von denen sie schwieg ... So war Paula ihrem wehmuthigen Blick schon lange der Sphare des Irdischen entruckt sie billigte ihre Ehe, aber sie trauerte doch um sie ... "Katholisch sein heisst einen geheiligten Willen haben", hatte sie einst zu Lucinden gesagt diese Lehre war gross und doch in den meisten Fallen schmerzlich ... Ebenso mit Benno und Thiebold ... Sie hatte beide in ihrer Verblendung um Terschka's Willen gekrankt, von beiden fur immer Abschied genommen wie gedachte sie jener Scene in der Kapelle mit Thiebold, des Abschieds von Benno, als dieser sie so tief beklagte! ... Sie schrieben sich nun nicht, einer liess den andern nichts von sich horen und doch war alles, was Armgart erlebte, nur wie ein Stoff zum kunftigen Bericht an beide, deren sie als Freunde so gewiss zu bleiben glaubte wie ihres Schattens ... Sie tummelten sich ja jetzt nur in der Welt, wie sie; sie wurden schon wieder zusammenkommen und Benno wurde dann alles vergeben, was zu vergeben war, wurde ausgleichen, was auszugleichen Damals hatte sie einem alten Herzog, der sie, fur so arm und papistisch sie galt, zu seinem Range erheben wollte, gesagt, sie ware verlobt ...

In jenen Wochen der Angst und Verzweiflung um Benno's Schicksal, hatte sie sogar Terschka's Rath und Beistand angehen konnen; denn zu, zu verlassen fuhlte sie sich ... Wem sollte sie sagen, was ihr Benno von Asselyn gewesen und geworden! ... Sie flatterte wie ein zum Tod verwundeter Vogel und suchte nun auch Terschka selbst auf sie schrieb ihm ... Aber gerade jetzt fehlte der sonst so Zudringliche, jetzt verbarg er sich wo und warum? ...

Sie erhielt einen Brief von Schloss Neuhof, in welchem sich eine Einlage des Prasidenten fur Terschka befand ... Diese wollte sie ihm uberschicken; es hiess, Baron Terschka ware verreist einige Italiener sagten, seine Abwesenheit hinge mit dem Aufstand der Bruder Bandiera zusammen, die von Korfu nach Calabrien eingebrochen waren, mit ihrer kleinen Schaar geschlagen wurden, im Silaswalde lange umirrten, dann von einigen Gefahrten verrathen und in Cosenza standrechtlich erschossen wurden1 ...

Den Zusammenhang des Geschicks dieser edlen, damals von ganz Europa bemitleideten Junglinge mit Benno kannte sie nicht ... Sie horte nur uberall den Schrei der Entrustung uber die Grausamkeit der Regierung Neapels ... Sie durfte damals noch das Aeusserste auch fur Benno furchten ... Im Begleitschreiben der Einlage an Terschka las sie, dass der Prasident sofort die Vermittelung der Regierung zu Gunsten Benno's in Anspruch genommen hatte, aber der traurige Bescheid war gekommen, dass diese den ehemaligen Landwehrmann Benno von Asselyn schon lange als fahnenfluchtig, zum mindesten als aus dem Unterthanenverband ausgeschieden betrachten und ihn seinem Schicksal uberlassen musse ... Man solle sich an Oesterreich wenden, hatte es mit bitterer Betonung geheissen, in dessen Diplomatie er eingetreten schiene seit seiner "Courierreise" nach Rom ...

Bald aber kam die Kunde, Benno ware befreit und von der Engelsburg entflohen ... Terschka war es, der diese Botschaft brachte ... Von ihrer Liebe konnte er sich an Armgart's Jubel uberzeugen ... Seiner Erzahlung nach wurde Benno mit dem Advocaten Bertinazzi und einigen angesehenen Mannern gefangen genommen ... Ein Graf Sarzana konnte sich nicht unter ihnen befunden haben; denn von Lucinden erzahlte Terschka zu gleicher Zeit, dass ihre schon in London bekannt gewordenen Hoffnungen, eine Grafin Sarzana zu werden, nicht die mindeste Storung erlitten hatten ... Durch eine Fallthur war es dem grossten Theil der uberraschten Loge moglich gewesen, einen aus dem Hause des Advocaten fuhrenden geheimen Ausgang zu gewinnen ... Nun aber ware Benno frei, befande sich in Marseille und musste in diesem Augenblick in Paris sein ... Der Stachel, den Terschka mit den Worten: "Man sagt, die allmachtige Nichte des Cardinals Ceccone hatte ihn befreit!" in ihr Herz druckte, haftete nicht allzu lange, denn Terschka fuhrte den Stich nur zogernd; er schien vollauf mit dem Brief des Prasidenten beschaftigt mit welchem er uber die von ihm noch zuruckgehaltene vollere "Orientirung des Grafen Hugo in Betreff Angiolinens und der Herzogin von Amarillas" schon lange correspondirte und rechnete ...

Wahrend Armgart nun von Tag zu Tag auf Nachrichten aus Marseille oder Paris harrte oder wenigstens aus Witoborn oder Kocher am Fall auch mit dem Onkel Dechanten correspondirte sie erfuhr sie die uberraschende Anwesenheit Paula's und ihres nunmehrigen Gatten wieder auf Schloss Westerhof ... Paula hatte sich in Wien nicht heimisch fuhlen konnen und war in ihre magnetischen Zustande zuruckverfallen ... Der Oberst stand mit ihr im Rapport Graf Hugo sah ihr jeden Wunsch am Auge ab ... Noch mehr, als die Provinz erleben sollte, der deutschkatholische Oberst magnetisirte die Grafin Dorste, entfuhrte sie ihr Gatte selbst diesen Conflicten und wollte mit ihr nach Italien ... Die Mutter des Grafen sah darin nichts als die ausserste Schwache ihres Sohnes, der sogar seine Gattin dem Priester zufuhre, den sie liebe ... In jenen Tagen geschah dies alles, wo Bonaventura in Rom war, um sich zu vertheidigen wegen seines Schutzes waldensischer Sektirer, ja wegen seines Rufs, ein Magnetiseur gewesen zu sein ...

Wie musste Armgart erstaunen, als Terschka die Botschaft brachte: Bischof Bonaventura kehrt nach dem Thal von Castellungo als Erzbischof von Coni zuruck! An die Stelle seines grimmen Feindes Fefelotti! ... Wieder war es, wenigstens in Terschka's Darstellung, Furstin Olympia Rucca, die als die Retterin und Vorsehung auch dieses Asselyns genannt wurde ... Schon setzte Terschka mit zweideutigem Lacheln hinzu, Furst Ercolano Rucca hatte sich zum Attache der Nuntiatur in Paris machen lassen und seine Frau ware ihm vorausgeeilt, um in Paris eine Wohnung zu bestellen ...

Noch glitt aller Verdacht von Armgart's reiner Seele ... Nur das Eine begriff sie nicht, warum von Thiebold nichts verlautete, warum Benno nicht nach London kam, wo sich doch alle Freunde Italiens sammelten, auch die Trummer jener so unglucklich gescheiterten Bandiera'schen Expedition ... Terschka konnte dann nicht langer bei ihr gegen Benno wuhlen ... Wieder war er fur einige Zeit vom Schauplatz der Gesellschaft Londons verschwunden ...

Seit dann Bonaventura in der That mit glanzender Genugthuung Erzbischof von Coni geworden war, horte sie von Westerhof, mit Ausnahme der ihre Aeltern betreffenden Nachrichten, eine Weile nur Frohes und Gutes ... Noch war Paula in Westerhof ... Armgart schrieb ihr, sie mochte alles aufbieten, die Aeltern vor dem Aeussersten ihrer Unternehmungen zu bewahren ... Als sie Briefe erhielt, die hier jede Moglichkeit der Einwirkung in Abrede stellten, kampfte sie mit sich, ob sie nicht sofort abreisen sollte ... Sie wurde diesem Triebe gefolgt sein, wenn nicht von ihrer Mutter das ausdruckliche Verbot gekommen ware ... Die Mutter fugte hinzu, dass sich auch gegen Paula's und des Grafen langeres Verweilen in der Provinz Intriguen zeigten ... Die Geistlichen hatten gegen die Wunderkraft Paula's gepredigt ... Der Zustrom derer, die Heilung begehrten, hatte, seitdem uberall in den Beichtstuhlen der Besuch Westerhofs widerrathen wurde, abgenommen ... Die Ehe mit einem Lutheraner, die geistige Verbindung mit einem Deutschkatholiken konnte ja auf alle Falle nur Unheil bringen ... Man truge sich mit Abschriften der Gesichte, die Paula unter des Vaters magnetischer Hand gehabt hatte, und fande in ihnen einen Himmel und eine Erde, die mit den rechtglaubigen Bedingungen nichts gemein hatten ... Wahrend Paula alle Obliegenheiten ihres Glaubens noch immer erfulle, erschiene ihr in ihren Wahn- und Ahnungsgebilden weder der blutende Christus, noch sein durchstochenes Herz, weder das Lamm mit der Fahne, noch die Mutter Gottes ... Sie sahe Tempel, aber sie waren ohne Hochaltar; sie sahe Opfer, aber sie schienen nichts als der Duft der Blumen zu sein ... Paula behaupte, von jedem Dinge die Seele zu erblicken und diese truge nichts zur Schau von einem Verlangen nach Erlosung ... Meist schwebte alles, was sie sahe und erkenne, uber einen unermesslichen Regenbogen hinweg ... Armgart's Bildung und Stimmung war reif genug, zu sagen: Sie sieht aus den inneren Erfahrungen ihres Herzens das Land ihrer Sehnsucht, wo es keinen Hass und keine Verfolgung mehr gibt! ... Die Mutter sagte: Sie sieht, unter meines theuern Gatten Hand, das Land der Wahrheit ... Der Onkel Dechant schrieb: Sie sieht Italien! ...

Die Gegensatze hatten, das erkannte Armgart, um Witoborn eine Hohe erreicht, wo es keine friedliche Ausgleichung mehr gab ... Schon hatten Monika und Benigna, Ulrich und Levinus Hulleshoven wieder ihre naturlichen Stellungen eingenommen und trotzdem, dass oft der Oberst nach Westerhof kam, innerlich gebrochen ... Selbst Graf Hugo war geneigt, fur die Bewahrung des Alten Partei zu nehmen, wenigstens keinen Anstoss erregen zu wollen durch zu auffallende Begunstigung der kleinen Ketzergemeinde in Witoborn ... Und Monika sagte offen, dass Paula noch den Grafen zu ihrem Bekenntniss hinuberziehen wurde ... Briefe voll aussersten Schmerzes kamen daruber aus Castellungo von des Grafen Mutter ... Armgart schrieb hin und her zur Vermittelung, zur Aufklarung ... Vergebens; der Bruch zwischen ihrer Mutter und Westerhof wurde unheilbar ... Graf Hugo konnte sich nur mit Schwierigkeit, Oberst Hulleshoven unter keinerlei Bedingung mehr in Witoborn halten ...

Armgart's Aufregung wuchs, als der Onkel Dechant, der von allen diesen Vorgangen, von Benno's Schicksalen, von den allmahlichen Entdeckungen uber dessen Herkunft seine schon dem Erloschen nahe Lebensflamme noch einmal neu und nicht wohlthuend geschurt sah, gerade ihr, der er sich, seit Armgart's vertrauensvoller Bitte um seine Hulfe beim Aussohnen ihrer Aeltern, besonders theilnehmend zugewandt hatte, aus Kocher schrieb: "Zu den Mislichkeiten des Kampfes deiner Aeltern gehort vorzugsweise die ausbleibende Unterstutzung durch den Staat ... So tiefe Wurzeln hat bereits die durch die katholische Reaction geschurte Reue uber den Abfall von Rom bei den massgebenden Protestanten geschlagen, dass sich niemand findet, der diese grosse Bewegung einer Reform des romischen Glaubens wurdig unterstutzt ... Die protestantischen Regierungen fuhlen ganz das, was die Jesuiten zum Staatskanzler gesagt haben sollen: Wir sind Conservatoren! Wir erhalten und bekampfen eben das, was ihr! ... Die Fursten Deutschlands suchen die kleinste Aenderung des Gegebenen zu hindern, im Vorgefuhl, dass ein einziges weggenommenes Sandkorn zur sturzenden Lavine anwachsen konnte ... So muss diese denkwurdige Bewegung, da sie ohne den Beistand tieferer Geister bleibt, in sich ersterben, ja sie wird zum Gewohnlichen herabgezogen und, ganz nach den Anweisungen der Jesuiten, zu einer Sache mehr oder weniger nur des Pobels gemacht werden" ...

Die kindliche Liebe, die Bewunderung, die Armgart vor der treuverbundenen Zartlichkeit ihrer Aeltern erfullte, entwaffnete ihren Widerspruch gegen alles, was von den Aeltern unternommen wurde ... Wie es verzweifelte Aufgaben mit sich zu bringen pflegen, die Wahl der Hulfsmittel, die die Aeltern ergriffen, konnte sie unmoglich alle billigen ... Selbst der ruhige, kaltblutige Vater liess sich vom trotzenden Sinn der Mutter zu Unbedachtem fortreissen ... Allen Adelsgenossen der Gegend bot er das Schauspiel eines mit Absicht den Nimbus seiner Geburt Zerstorenden ... An seiner Fabrik betheiligte er sich wie ein Arbeiter, liess sich wie ein Schreiber in seinem kleinen Wohnhause mit der Feder hinterm Ohr erblicken, unterschrieb die kleinsten geschaftlichen Veroffentlichungen mit seinem vollen Namen und loste auf diese Art jeden Zusammenhang mit seinen Standesgenossen ... Und doch ruhrte es Armgart, dass die Mutter bei allen diesen Dingen gleichsam nachholte, was sie in zwolfjahriger Trennung ihrem Manne zu sein unterlassen hatte ...

Zur selben Zeit, als es dann plotzlich hiess, Paula ist wirklich nach Italien gereist es musste in schnellem Entschluss geschehen sein, da Armgart nicht einmal von Paula selbst die Nachricht erhielt erlebte Armgart den Schrecken, dass Thiebold in London war und sie nicht besuchte ... Terschka war seit einiger Zeit ihren Blicken ganz entschwunden, sie konnte von ihm uber diese betrubende Erfahrung keine Aufklarung erhalten ... Allmahlich horte sie, dass Thiebold in jener truben Gensdarmenzeit seinerseits in der Heimat sich auch nur mit Muhe von politischem Verdacht uber seinen Aufenthalt in Rom hatte reinigen konnen ... Ueber Benno horte sie, dass der Prasident fur ihn die freie Ruckkehr zu erwirken gesucht hatte, aber auch damit nicht durchdrang ... Die Mutter schrieb ihr nach allerlei seltsamen Andeutungen uber Benno's jetzt immer mehr sich luftende Herkunft, dass ihr alter Freund undankbar genug gegen diese Verwendungen protestire; Benno wollte, hatte er aus Paris geschrieben, jetzt ganz nur noch Italiener sein ... "Man weiss ja", schrieb die Mutter, "wer alles seine Flucht ermoglicht hat! ... Die dir wol noch bekannte Lucinde Schwarz hat das romische Staatsruder in Handen! ... Ist die Abenteurerin vielleicht einer Regung von Dankbarkeit fur die Familie gefolgt, die ihr und dem Doctor Abaddon, Herrn Oberprocurator Nuck, das Zuchthaus ersparte? ... Wie solche und ahnliche Menschen Rom nach Gutdunken regieren, ersieht man ja aus Bonaventura's Laufbahn ... Trotz des Staatsverbrechens seines Anverwandten Benno, trotz der gegen ihn erhobenen Anklage uber seine Antecedentien als 'Magnetiseur', trotz seiner an und fur sich hochst achtbaren Unterstutzung der waldensischen Bewegungen Italiens ist er nach einem kurzen Aufenthalt in der 'ewigen Stadt' als Erzbischof in die Thaler seiner neuen Heimat zuruckgekehrt, nachdem er vorher Lucinden in der Kirche der Heiligen Apostel in Rom mit einem papstlichen Gardisten getraut hat ... Freilich soll die in Paris verweilende Furstin Olympia Rucca, die Beherrscherin des Kirchenstaats, alles moglich machen "

Hier brach der Brief mit rathselhaften Gedankenstrichen ab ... Centnerschwer walzten sie sich auf Armgart's vereinsamtes Herz ... Es folgten dann in dem verbitterten, im Ton hochster Reizbarkeit geschriebenen Briefe noch Scherze uber den Onkel Levinus, der in allen Bibliotheken nachschluge, um eine klare Vorstellung uber das alte Cuneum, jetzt Cuneo oder Coni, zu gewinnen Tante Benigna vergliche die Ehrfurcht, die hier zu Lande vor dem entthronten Kirchenfursten geherrscht hatte, die Trauer uber seinen nach seiner Freisprechung bald erfolgten Tod, die Festlichkeiten der Inthronisation seines Nachfolgers mit dem Bilde der Festlichkeiten in Coni, zu denen wol Paula nun personlich erscheinen wurde Paula's Gatte hatte vor seiner Abreise seine Besitzantretung vollstandig geordnet, hatte die Vertrage mit den Agnaten abgeschlossen, hatte das voraussichtliche Erloschen seines Stammes mit dem Prasidenten von Wittekind, dem nachsten Erben, zum Gegenstand gerichtlicher Punktationen gemacht und da dann auch der Prasident ohne Kinder ware, so ware manche geheimnissvolle Seite aus dem Lebensbuch des verstorbenen Kronsyndikus, des Tyrannen, jetzt zur offenen Kunde gelangt Noch lage ihr zwar nicht offen, warum in letzter Instanz das ausschliessliche Erbrecht Bonaventura's durch eine anderweitige Beziehung gemodelt werden konnte aber man sprache jetzt allgemein, durch Hulfe des kanonischen Rechts konnte selbst Benno noch vor Bonaventura die Vorhand gewinnen Nicht unmoglich, schrieb die Mutter, dass eine in Rom, jetzt in Paris lebende Herzogin von Amarillas, eine ehemalige Sangerin aus Kassels westfalischer Zeit, mit dem Kronsyndikus eine geheime Ehe geschlossen hat und Benno ihren Sohn nennen darf ! ... Benno Sohn des Kronsyndikus! ... Ueber alle diese so rathselhaften und ganz nur abgerissen mitgetheilten und mit religiosen Betrachtungen schliessenden Dunkelheiten durfte Armgart wol in eine Aufregung gerathen, die sie der Mutter kaum schildern konnte ...

Sie sah Benno in Rom in Paris in den Armen einer Mutter, die eine Herzogin war eine Furstin hatte ihn gerettet Lucinde war eine Grafin Sarzana geworden ! ... Noch flossen ihre Thranen nicht; noch glaubte sie an den Sieg des Guten und Edeln; noch standen nur lichtverklarte Bilder vor ihren Augen ... War nicht das Hochste moglich : Graf Hugo fuhrte Paula nach Coni zum Freund ihrer Seele! ... Sie sah noch ihre magisch seraphische Welt, ihre in den Wolken schwebenden Rosenkranze, ihre grossen Thaten der Entsagung und der opfernden Liebe ... Aber schon die Vorstellung: Benno ein Sohn des Kronsyndikus! das war ja ein Bild wie aus der Welt des Teufels, an die jetzt auch die Mutter nach ihren religiosen Ausdrucken zu glauben schien ...

Der Onkel Dechant, den Armgart's reife und inhaltreiche Briefe besonders zu erfreuen schienen, schrieb ihr: "Nun hat deine sonst so treffliche Mutter gar den Standpunkt einer blossen Vernunftopposition gegen den Katholicismus verlassen! ... Der der deutschkatholischen Bewegung gemachte Vorwurf, es lage ihr ja kein Bedurfniss nach Religion, am wenigsten nach dem Christenthum, zu Grunde, bestimmt sie, sich dem Einfluss unterzuordnen, den Hedemann um so mehr auf sie ausubt, als die freudige Geduld und werkthatige Liebe, mit der dieser Treueste sich seinem Beruf widmet, allerdings jeden, der sein Leiden, den schmerzlichen Hinblick auf die junge Frau sieht, die sich so innig ihm anschloss, ergreifen und ruhren muss ... Aber eine Monika verirrt sich in die trube Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben! ... Ich musste deiner Mutter schreiben: 'Durch den Grundverderb unserer Kirche, den auch ich in unsern Ehegesetzen finde, sind Sie aus dem Denken und Fuhlen Ihrer Jugend hinausgedrangt worden aber dass Sie, Sie einen Teufel durch den andern austreiben, das ist beklagenswerth! ... Sie herrliche, klare, geistesfrische Frau, wie kommen Sie zu Hedemann's Bibelgefangenschaft? ... So oft ich dem von Amerika angesteckten Quaker hier beim Obersten begegnete, erkannte ich die unwurdigste Abhangigkeit des Menschen, die vom Buchstaben ... Unsere Zeit ist nicht zu neuen Religionsschopfungen gemacht, die einzige Religion des Bruchs mit aller Religion etwa ausgenommen, und was wir von Verbesserung unserer kirchlichen Zustande gewinnen konnen, wird immer nur die Folge gelegentlicher Veranlassungen sein ... Selbst zu Luther's Zeiten war es nicht anders ... Deutschland hatte sich damals in seiner Reichsverfassung uberlebt, die Fursten waren zu machtig geworden und suchten sich zu kraftigen durch alles, was schwach und leicht zu erobern war; sie rissen die geistlichen Guter an sich und so zerfiel der Zusammenhang mit Rom von selbst ... Aehnliche Umwalzungen werden auch wir wieder erleben und aus Benno's traurigen Verirrungen erseh' ich wenigstens eine schone und grosse Hoffnung ... Was er von Italien schreibt, der arme Verlorene, ist herrlich ... In der Geschichte straucheln die Bewegungen der Massen und Interessen uber einen Strohhalm und ich juble im Geiste dem neuen Tag entgegen, wenn Italien dem Papstthum selbst den Schemel unter den Fussen wegzieht ...'"

Wie erschrak Armgart! ... "Traurige Verirrungen?" ... "Der arme Verlorene?" ... Schon flossen ihre Thranen ... Sie schrieb an Bekannte in Paris, ihr von einer gewissen Herzogin von Amarillas zu berichten ...

Am Tage darauf kam wieder ein Brief aus Kocher am Fall ... Der Dechant, wie aus Reue, die Mutter bei Armgart angeklagt zu haben, schickte ihr auch eine eben erhaltene Antwort der Mutter auf seinen Brief ...

Die Mutter hatte dem Dechanten geschrieben, dass sie sonst immer so gedacht hatte, wie er, und mit Hedemann und Erdmuthe hatte sie in gleicher Weise gestritten ... Indessen ware der Vorwurf, dass die Gegner Roms ohne ein religioses Bedurfniss uberhaupt waren, zu empfindlich fur die Sache der geistigen Freiheit geworden und deshalb hatten ihre Angehorigen den Beweis liefern mussen, dass sie dem gemeinschaftlichen Urquell des Lichtes naher stunden, als ihre Feinde ... "Ich erkannte", las Armgart, "dass die Verneinung nur auf der Scharfe eines Messers geht und dabei keinen Schritt vor dem Ausgleiten sicher ist ... Das erkannt' ich, als ich in unsrer kleinen Gemeinde, die eines Tages ohne Lehrer war, reden wollte ... Man kann nicht reden, wenn nicht aus der reichsten Fulle des Stoffs ... Jede andre Belebung zum Sprechen ist todt und hulflos ... Hier einen Satz zugeben, dort einen wegnehmen, da halb, da b e i n a h e halb dies oder jenes wollen oder sagen, das erzeugt vielleicht das Feuerwerk eines feinen und ironischen Kopfes, aber es leuchtet nur eine Weile und verpufft ... Nun sah ich, warum unser herrlicher Hedemann immer und immer sprechen kann ... Einfach ist seine Rede, aber sie hat die Fulle der Beredsamkeit und erwarmt ... Warum? Ich musste mir sagen: Aus dem Vollen nur kann ein lebendiger Glaube kommen und sich auch im Aussprechen lebendig bewahren! ... Glaube ist nicht die blinde Annahme des Ubernaturlichen, sondern Versenkung in die g a n z e Erscheinung einer Sache ... Das Evangelium wird dem Glaubenden wie ein Freund, auf den man schwort, weil man ihn in einer grossen Probe einmal erkannt hat ... Die Ueberzeugung, dass die Bewahrung im Einen da ist, erleichtert das Vertrauen dann auch auf die Bewahrung im Andern ... So versenkt' ich mich in die Schrift und die beiden Hauptgegenstande ihrer Verherrlichung, in Gott und seinen Sohn ... Mehr braucht die Religion der Menschheit nicht ... Diese beiden grossen Bilder haben so tausendfache zarte Pinselstriche, dass sie jede andere Weisheit uberflussig machen ... Nicht dass ich Wissenschaft und Kunst zuruckwiese und wie Omar alle Bucher verbrennen wollte, wenn nur die Bibel bleibt; aber ein ganzes volles Leben und ein Leben der Gemeinsamkeit zwischen vornehm und gering, zwischen gelehrt und arm an Geist ist nur durch die Schrift moglich ... Und dieses gemeinsame Feld ist nicht etwa eng und das Ergehen auf ihm bald ermudend; im Gegentheil, ich entdeckte einen Schatz nach dem andern, als ich die Bucher noch einmal zu lesen begann, die ich fruher als eine Quelle der Verdunkelung des Verstandes geflohen war ... Ich finde die hochste Weisheit in dem, was uns belohnt fur das Gebot des Apostels: Forschet in der Schrift! ... Das menschliche Herz will nun einmal Liebe und Liebe muss fuhlen und Gebet ist Erhohung des Gefuhls, Sammlung zum Aufblick. Worauf? Auf das Bessere und die Besseren ... Die grosse Zahl von Besseren, die die Katholiken als Heilige verehren, sind die zu uppige Erweiterung eines Gefuhls, das an sich ganz richtig ist ... Die Liebe gestaltet alles personlich und das ist denn der personliche Gott, der lebendige, der unmittelbar auf uns wirkende, der Gott der Offenbarung ... Mein Glaube sieht im personlichen Gott keine irdische Gestalt, sie zieht das Unaussprechliche und Unbegreifliche nicht in die Sprache der Dichter und Propheten herab; fur mich und fur die, die fuhlen wie ich, ist der personliche Gott die Wirkung seines Vorhandenseins in uns; seine grosste Offenbarung war die in jenem, der den Muth hatte, sich deshalb auch geradezu Gottes Sohn zu nennen ... Nehmen Sie nur einmal wieder die Evangelien in die Hand, mein theurer Freund, und nicht Ihren Horaz und Virgil! Wischen Sie weg, was auf diese ehernen Tafeln der Witz, der menschliche Spott und selbst die gelehrte Kritik geschrieben haben, und sehen Sie dann, was ubrig bleibt ... Von dem Tage an, wo ich priesterlich fuhlte und jeder Religionsstifter muss priesterlich fuhlen, keine Religion macht sich am Theetisch von dem Tage an ist mir die Erscheinung unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi aufgegangen wie die meines besten Freundes ... Ich wandle mit ihm am See Tiberias, ich spreche mit ihm bei seinem Freunde Lazarus vor, ich sehe die Fusstapfen, die er hinterlassen hat und die uberall gesegnete sind ... Sein Leiden ist ganz personlich das meine; seinen Todeskampf ring' ich mit; er lehrt mich am Kreuz lieben und vergeben ... Auf Liebe, Glaube, Hoffnung, begrundet durch Christus und einen personlichen Gott, mussen wir unsere Kirche erbauen " ... Darunter hatte denn der Onkel mit seiner alten zitternden Hand und in seinem friedlichen Sinn geschrieben: "Im Grunde ganz unverfanglicher Glaube des Petrus Waldus, in Ruhe gestorben um 1200, aber in seinen Anhangern, den Waldensern, gekreuzigt, geradert, geviertheilt, verbrannt bis auf den heutigen Tag. Fiat lux in perpetuis!" ...

Das Unkatholischste, was sich denken lasst, ist eine in der Kirche sprechende Frau ... Aber Armgart, ohnehin schon in einem geknickten Zustande, fuhlte sich durch diesen Brief der Mutter vollends daniedergebeugt ... Weniger empfand sie Ruhrung um das Bekenntniss der Mutter, als um den tiefinnern, soweit schon gekommenen Schmerz, der ihm offen zu Grunde lag, um die ungeheure Aufregung, den Bruch der Seele in dieser stolzen Frau zu erkennen zu geben ... Sie sah die erbangende Liebe fur den Vater, Liebe fur den von seiner Krankheit gebeugten Hedemann ... Ein schlichter, wissenschaftlich ungebildeter Mann hatte durch die immer gleiche Gediegenheit seines Charakters und die unerschutterliche Consequenz seiner Denkweise die Oberherrschaft uber seine Umgebungen gewonnen ... Die Mutter wollte nichts mehr wissen von der Herrlichkeit und Einbildung dieser Welt sie wollte fuhlen wie der geringsten einer und ihr Gatte folgte dem Beispiel, das sie mit so beredten und feurigen Worten zu erlautern wusste ... Armgart durfte sich bei Alledem wenigstens sagen: Du allein hast die Aeltern so verbunden! ...

Voll Ruhrung schrieb sie der Mutter, sie wolle nun zu ihnen kommen ...

Die Mutter, ihr selbst sich nicht im mindesten ebenso weich offenbarend, wie dem Onkel, entgegnete ihr: "Kind, du weisst, dass Paula, dein einziger hiesiger Anhalt, den ich gestatten wurde, in Italien ist ... Dass du deine Stelle im Stift einnimmst, wieder mit Benigna, die dich mir einst schon raubte, in Westerhof lebst, ist nicht moglich ... Es ware ein Bruch mit allem, was unser Stolz, unsere Erhebung geworden ist ... Diese Menschen hier sind ja wahnsinnig ... Gott der Herr wird auch an ihnen gute Grunde finden, warum er sie nicht ganz verwirft; ich verwerfe sie ... Im Stift Heiligenkreuz wurdest du nur zu unserer und deiner Krankung deine Stelle einnehmen ... Glucklicherweise ist dir auch gestattet, deine Pension auswarts zu verzehren ... Wir sehen jedoch ein, dass unsere eigenen Wege fur deine Jugend noch zu rauh sind! Bleibe also noch getrost bei deiner trefflichen Lady!" ... Dann folgte eine Antwort auf die Frage nach den rathselhaften Andeutungen uber Benno's Ursprung in dem letzten Briefe der Mutter, die Versicherung, dass Benno der Bruder des Prasidenten von Wittekind ware und noch eine Schwester besessen hatte, die einst Graf Hugo entdeckt, erzogen, geliebt und dass er lange ihr trauriges Ende beweint hatte ...

Das war, alle ihre Lebensgeister erschutternd, gerade der empfangene Eindruck, als sie nun von jener Freundin in Paris, die von ihr um die Herzogin von Amarillas befragt wurde, Aufklarungen erhielt, die diese, ohne das nahere Interesse Armgart's zu kennen, in aller Harmlosigkeit gab ... Die Herzogin von Amarillas, hiess es, hat aus erster Ehe einen Sohn, der sich Casar von Montalto nennt und sie mit einer wahrhaft schwarmerischen Liebe verehrt ... Herr von Montalto liess sich in Conspirationen ein und gerieth in die Engelsburg ... Seine Retterin, sagt man, war die Nichte des Cardinals Ceccone selbst, die ihm hierher nachgereiste Furstin Olympia Rucca ... Herr von Montalto soll anfangs nur an die Hulfe seiner Mutter, der Herzogin von Amarillas, geglaubt haben ... Naturlich ergriff er die Hand, die ihm die Mittel bot, aus einer so verzweifelten Lage zu entfliehen ... Schon die Untersuchung, schon die bis zur Tortur gehenden Fragen nach den ubrigen Mitgliedern der nicht ganz gesprengten Loge, die Fragen nach dem Zusammenhang seiner Verhaltnisse mit denen jener in eine Falle gelockten Gebruder Bandiera, erzahlte man uns, hatten jahrelang dauern konnen ... Herr von Montalto erkannte erst durch die Bequemlichkeit der ihm gebotenen Hulfsmittel, durch den Fund eines geregelten Passes, durch die sichere Einschiffung in Civita-Vecchia auf einem nach Marseille bestimmten Handelsschiff die machtige Hand, die uber ihm waltete ... Wenige Wochen und die pariser apostolische Nuntiatur erhielt einen neuen Attache im Fursten Ercolano Rucca ... Seine Gattin, eine allerliebste kleine Hexe, wenn ihr Teint auch fast grunlich ist und ihr Wuchs einem Daumling gleicht, doch mit Augen wie funkelnde Diamanten und einem wahrhaft marchenhaft blauschwarzen langen Haar, das sie in reizenden Flechten tragt, und die Herzogin von Amarillas wohnen gemeinschaftlich in einem und demselben Palais der Rue Saint-Honore ... Beide stehen im Vordergrund der pariser Gesellschaft ... Casar von Montalto wird taglich mit der wilden Italienerin gesehen, die Furore macht ... Ich hore, die franzosische Regierung hat von Metternich Befehl erhalten, alle italienischen Fluchtlinge auszuweisen ... Herr von Montalto wird dann wahrscheinlich mit seiner Mutter und der Furstin Rucca nach London kommen ...

Dustere Nacht legte sich nach dieser Mittheilung auf Armgart's Auge ... Nun wusste sie alles ... Und doch sollte sie ihre Geisteskraft zusammennehmen, um aus London zu entfliehen ... Denn bleiben konnte sie nicht ... Sie lebte in der grossen Welt, sie konnte, sie musste den Ankommlingen begegnen ... Sie musste, vor dem Verlorenen entweichend, in die Heimat zuruck ... Nun erst verstand sie gewisse Aeusserungen in den Briefen des Onkel Dechanten, verstand, warum er ihr uberhaupt so oft und so eingehend schrieb Er wollte sie zerstreuen, vorbereiten auf die Entdekkung ... O mein Gott! Beteten ihre zitternden Lippen, als sie nach diesen Briefen suchte ... "Wir Menschen", hiess es noch vor kurzem in einem derselben, "sind das Product unserer Verhaltnisse ... Die Freiheit des Willens ist eine Illusion ... Die Tugend, auf die Spitze getrieben, wird Laster ... Dem Mann gehort die Welt und gewisse Dinge mussen ihm kaum bis an die Knochel reichen ..." Das waren halbe Scherze, schienen nur Aeusserungen zu sein, um Frau von Gulpen zu necken oder den alten Windhack mit seinen auf dem Monde entdeckten vorurtheilslosen Sitten und Einrichtungen zu vertheidigen; aber nun sah sie, ein wie bitterer Ernst ihnen zu Grunde lag ! Der Ernst, dass Benno durch den Einfluss seiner Mutter, durch die Ruhrung und Liebe fur sie, endlich durch die Dankbarkeit fur seine Retterin aus ihrem Lebensbuche gestrichen war ...

Es bestatigte sich, dass Furst Ercolano Rucca Attache in London wurde ... Sie schrieb nichts daruber nach Witoborn ... Ein klares Gefuhl wurde ihr uberhaupt nicht mehr zu Theil ... Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Hasses gerade gegen Benno's Mutter, die von andern Bekanntschaften, die in Paris waren, als eine hochmuthige Frau geschildert wurde ... Dem Hass auf den Vater konnte sie ihre Kinder opfern! sagte Armgart, nun den Verhaltnissen immer vertrauter und den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklarungen folgend. Gott hat sie schon in Angiolinens Tod bestraft; sie wird auch noch Benno's Verderben sein! ... Casar von Montalto! ...

In Fieberhast flog Armgart nach Deutschland zuruck ...

Sie uberraschte die Aeltern, die ihr Kommen nicht ahnten ... Sie fand die ganze Verwirrung, die sie erwarten durfte den Vater mit Pistolen bewaffnet ... Das Besitzthum verkauft; ein Anerbieten, sich an einer grossen Fabrik im Magdeburgischen zu betheiligen, war vom Vater fur sich und Hedemann angenommen worden ... Sie wollten reisen ... Hedemann, ein Schatten gegen sonst, doch in der That von einer wunderbaren Durchgeistigung ... Auch die Mutter gab sich seltsam feierlich ... Nur der Vater blieb, wie immer, ruhig, naturlich und entschieden ...

Die Grunde, warum Armgart so rasch und unvorbereitet aus London kam, lagen insofern auf der Hand, als uber die Ausweisung der Fluchtlinge aus Frankreich genug in den Zeitungen gesprochen wurde und Marco Biancchi, Porzia's in London lebender Onkel, von einem Besuch bei Casar von Montalto schrieb, dem er vor einigen Jahren den Rath zur schnellen Abreise aus Deutschland verdankte ... Doch wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend gesprochen ... Wie fuhlte sie aber diese Schonung! ... Wie durchbohrte sie die harmlose Frage der in Eschede der Welt entruckten Angelika Muller nach Benno, als sie der seltsamsten Hochzeit beiwohnte, die je geschlossen wurde, der zwischen Puttmeyer und seiner alten Verehrerin! ... Zwei in sich vertrocknete Menschen, die noch alle Stadien der Aufregung, sogar der Eifersucht durchmachten! ... Frau von Sicking, Grafin Munnich, Prasidentin von Wittekind, Benigna von Ubbelohde, alle drangen auf die Ehe Puttmeyer's, die doch erst durch das Erringen des Hegel'schen Lehrstuhls hatte moglich werden sollen; sie erwirkten eine Beforderung des von Pfarrer Huber's harmonicaspielender Tochter bedenklich Begeisterten zum bischoflichen Archivar in Witoborn und die Versetzung Huber's ... Wie war Armgart, durch ihren dreijahrigen Aufenthalt in London, allen diesen kleinen Anschauungen entruckt ... In ihrem Stifte war sie nur einen Tag ... Nach Westerhof durfte sie der Mutter wegen auch nur ein einziges mal ... Tante Benigna und Onkel Levinus umschlangen sie voll Inbrunst und hatten jetzt alles darum gegeben, das sonst so viel gescholtene Kind bei sich zu behalten und schon fingen wieder die alten Entfuhrungsplane an ... Da entschied der Vater fur den Ausweg, dass Armgart, die zwar nicht zu den Deutschkatholiken ubertreten, wol aber mit Freuden in die Gegenden der Elbe mitziehen wollte, wohin die Aeltern gingen, die Muhseligkeit dieser Irrfahrten nicht theilen, sondern nach Kocher am Fall zum Onkel Dechanten, zur lange schon krankelnden "Tante Gulpen", ziehen sollte ...

Armgart erfullte dies Gebot der Aeltern und zog nach Kocher am Fall ...

Hier war sie denn des mit dem freudigsten Willkommen! sie aufnehmenden Dechanten letzte und wurdigste "Nichte" ... Tante Gulpen hatte sie nicht aus dem Wochenblatt verschrieben, hatte sie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei geschmuggelt ... Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer schroffer gewordenen Beurtheilung gegen den Dechanten keinen Anstoss ... Franz von Asselyn erklarte, sich auf seine letzten Lebenstage keiner solchen "Eroberung" mehr gewartig gewesen zu sein ... In dieser holden aussern Anmuth besass er alles, was seinem Auge, in Armgart's innerm Wesen, was seinem Herzen wohlthat ... Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die verheerenden Folgen derselben; da war die ewig dienende Natur Angelika Muller's ohne deren trockene Regelmassigkeit ... Da hatte er eine der Seelen, von denen er sagte: Die gehen in solche kleine Vogel uber, wie sie unter meinem Baum am Fenster nisten! ... Von Armgart's Seelenwanderung versprach er sich vorzugsweise den Besuch seines Grabes, von dem er oft und gern sprach ... Er war gerustet, taglich hinabzusteigen ... Die Aufregungen der letzten Jahre waren fur ihn zu machtige gewesen ... Seine heitere Laune kam schon seltener und wahrte nicht lange ...

Wahrend nun der Oberst unter den mannichfachsten Bedrangnissen in Deutschland umirrte in Magdeburg losten sich bald die angeknupften Verhaltnisse und sich zuletzt, ermudet durch die ganzlich durch den Protestantismus selbst zerstorte Hoffnung auf eine grosse geschichtliche Bewegung der Geister, nach der Schweiz begeben hatte, verlebte Armgart noch einige Jahre in Kocher am Fall ... Die Eindrucke hier waren nicht immer erhebend ... War auch die Verbindung mit allen den ihr werthen und theuren Menschen gerade durch die Dechanei die lebhafteste, so erfolgten doch selten Mittheilungen, die eine wahre Freude verbreiten durften ... Die schmerzlichsten von allen betrafen Benno ... Sie waren so trub, dass selbst Thiebold nur einmal nach Kocher kam ... Einmal hatte sich Thiebold mit der ganzen Liebe und Hingebung seines Gemuths, wenn auch wie immer als "narrischer Kerl" sich einfuhrend, einige Tage zum Gast der Dechanei gemacht, hatte, "uber sich, als Mann, fast schamroth", die Reife Armgart's, ihre vorgeschrittene Bildung, die Sammlung ihres Charakters bewundert, hatte italienische Anekdoten, Reiseabenteuer erzahlt, von Nuck berichtet, dem in Italien, andere sagten im Orient Verschollenen, hatte von Schnuphase, der eine Pilgerfahrt zum heiligen Grabe mit Stephan Lengenich und mehreren andern Erleuchteten bezweckte, erzahlt aber die Art, wie er von Benno's italienischer "Nationalisirung", von den Erlebnissen in Rom, vom gegenwartigen londoner Wirken und Treiben Benno's als eines "mit Gott und der Welt zerfallenen" Sonderlings und Grillenfangers sprach, uberhaupt als von einem Menschen, den man "nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Gebruder Bandiera" gar nicht mehr wiedererkannte alles das sagte genug, um sein einziges das dann "etwas deutlich gegebenes" Wort zu verstehen: "Als wir ja damals fur immer Abschied nahmen in der westerhofer Kapelle!" ... Armgart lachelte zustimmend, sie verstand, was Thiebold mit "fur immer" sagen wollte ... Thiebold war dann nach dem kocherer Besuch gleich nach London gegangen, wo er oft monatelang verweilte ... Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte sein Bericht nicht genug erzahlen ... Drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit einem Carissimo nach dem andern nachgeschickt ...

Fur Armgart gab es in Kocher Zerstreuungen der in Wehmuth erbangenden Seele an sich genug ... Darunter freilich auch die erschutterndsten ... Der Onkel wollte noch einmal vor seinem Ende nach seinem geliebten Wien, wohin ihn die Curatverhaltnisse des Doms von Sanct-Zeno riefen da starb an einer Erkaltung Windhack ... Und als fur das alte treue, gelehrte Factotum der Versuch mit einem neuen Diener gemacht werden sollte und der Dechant dabei blieb, reisen zu wollen, kam aus Wien die Nachricht, sein alter wurdiger Gastfreund, Chorherr Grodner, ware dem osterreichischen Landesspleen erlegen und hatte sich erhangt ... Die Schrecken mehrten sich dem tieferschutterten Greise; Frau von Gulpen that des Nachts, wo sie schon sonst um jedes kleine Gerausch aufstehen konnte und nun nicht mehr den Lolo als Fuhrer hatte und uberall ihre Schwester, die Hauptmannin, und ihren Morder, den Hammaker, sah, und dennoch das nachtliche Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Thuren, ob sie auch gut verschlossen waren, nicht lassen konnte, einen unglucklichen Fall woran sie starb ... Und wenige Monate darauf legte sich auch der Dechant und hauchte seine edle Seele in Armgart's Armen aus ...

Sein Testament hatte Franz von Asselyn schon lange geandert und sein ansehnliches Vermogen in drei Theile zerlegt, fur Bonaventura, Benno und Armgart ... Benno, in einem Briefe Thiebold's, und Bonaventura, in directer Zuschrift an Armgart, verzichteten zu ihren Gunsten ... Armgart war nun ein vierundzwanzigjahriges wohlhabendes und mit einer auch von Heiligenkreuz sich mehrenden Rente ausgestattetes Stiftsfraulein ...

Alle diese erschutternden Vorgange erlitten diejenigen Unterbrechungen, die das Traurige haben andere sagen das Gute , das Leben selbst beim grossten Schmerz immer noch ertraglich und anziehend zu machen ... Die Sonne leuchtete auch so und die Blumen bluhten auch so ... Fur Armgart gesellte sich zu den Zerstreuungen der Dechanei, zu kleinen Reiseausflugen, zu Briefen von nah und fern und zu jenen Fortschritten der innern Bildung, die uns sogar selbst uberraschen und erfreuen durfen, die Steigerung des Interesses, das an ihrer Person genommen wurde ... Mancher Offizier mit dem flatternden Husarendolman ritt im Park der Dechanei taglich die Schule, um nur von ihren Fenstern aus beobachtet werden zu konnen; mancher junge Beamte interessirte sich fur die alten Mopse und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren, um nur auch bei ihren Kaffees zuweilen der interessanten jungen Stiftsdame zu begegnen ... Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter, wenn sie "im Geist auch schon eisgraue Haare" hatte und uber die Rosenzeit des ersten Madchenfruhlings hinweg war ... Sie gehorte dem Leben an, wo es sich nur regte, nicht um seine Freuden zu geniessen, sondern um seine Rathsel zu belauschen und seine Aufgaben zu losen ... Am liebsten wandelte sie mit dem Onkel, wie er in seinen letzten Tagen liebte, uber den Friedhof ... Schon lange und seit dem Tode Windhack's und der Mutter Gulpen sagte der Onkel nicht mehr: "Der allein richtige Gattungstrieb des Menschen ist der, leben zu wollen; kommt der Tod, so ist er da und es kann ja auch einmal eintreffen, dass gerade unsereins den Beweis fuhrt, dass das Sterbenmussen seit Jahrtausenden nur ein blosses Versehen der Aerzte gewesen! Die Wissenschaften machen so ausserordentliche Fortschritte!" ... Diese Lebensfreudigkeit, sonst auch zu Benno und Bonaventura ausgesprochen, hielt im letzten Jahre nicht mehr Stand ... Er liebte die Graber und las ihre Inschriften ... Aus jeder ihrer goldenen Lettern horte er seine eigene Grabschrift heraus, bestellte sich, wie er die seine haben wollte, und sah im Geist die Leute an einer solchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem Sanct-Zeno stehen und lesen: "Hier ruht in Gott" Nun setzte er wol hinzu: "Der alte Narr, der " ... Eine Selbstkritik folgte ... Alles das plauderte er im langsamen Gehen und bestellte sich in der Nahe des einst ihn im Kreuzgang deckenden Steines Rosen und Vergissmeinnicht ... Armgart erfreute ihn dabei durch Eines durch jenes grundliche Eingehen auf seinen Tod und sein Begrabniss eine Tugend, die viel besser wirkt, als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens ... "Darin kann ich Karl V. ganz verstehen, dass er sich Probe begraben liess!" sagte sie ...

Des Dechanten Hauptbeschaftigungen im letzten Lebensjahr waren seine Briefe mit Casar von Montalto und Bonaventura ... Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhalt aus den von Italien kommenden nur das, was Paula und Grafin Erdmuthe betraf ... Oft fuhren Onkel und Nichte zusammen nach Sanct-Wolfgang, besuchten das Pfarrhaus, auch das erbrochene, jetzt wohlerhaltene Grab des alten Mevissen ... Ja noch ein Studium nahm der Dechant in seinem letzten Lebensjahre vor, die italienische Sprache ... Oft sprach er von Bonaventura's Vater und versenkte sich in dessen Entwickelungsgang. Als Paula einmal schrieb, sie lerne provencalisch, die Sprache der Troubadours, ruhmte der Dechant seinen "verstorbenen", im Schnee des Sanct-Bernhard "so elend verkommenen" Bruder, der in seinem immer romantisch gewesenen Jugendsinn auch diese Sprache sich angeeignet hatte vom dritten Bruder Max, dem Offizier, dem Adoptivvater Benno's, der die Kenntniss derselben aus dem sudlichen Frankreich und den Pyrenaen mitbrachte ... Er las die Minnesanger und vergass seine Acten! sagte der Dechant traumerisch von seinem Bruder Friedrich ... Es war ein Thema, uber das er in ein langes, seltsames Schweigen verfallen konnte ... Ueber Benno's Ursprung wurde wenig gesprochen ... Die Erinnerung an die falsche Trauung im Park von Altenkirchen war dem Greise zu unheimlich ...

Kurz vor seinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Rest seiner Kraft zusammen und liess sich uber mancherlei in einem langen Briefe an den Erzbischof von Coni aus, den er schon theilweise Armgart dictiren musste ... An gewissen Stellen nahm er selbst die Feder und liess Armgart nicht lesen, was seine zitternde Hand geschrieben ... Er verbreitete sich uber alles, was noch in Bonaventura's Leben, nach seinem Wissen, unaufgelost und zu verklingen ubrig blieb ... Auch die Losung: Fiat lux in perpetuis! wiederholte sein entschwebender Geist still vor sich hinmurmelnd ... Armgart schrieb mit Erstaunen und schon an Irrereden glaubend: Nun wurde er diese Worte nicht mehr unter den Eichen von Castellungo, sondern im Vorhof der Seligen horen; sein Huss- und SavonarolaScheiterhaufen wurde die lauternde Flamme des gelosten Weltenrathsels sein! Sollte Bonaventura noch einst, dictirte er, den Eremiten im Silaswalde sehen, so mog' er ihm sagen: Im Leichenhause des grossen Sanct-Bernhard hatte auch er eine neue Offenbarung uber Gott und die Welt gefunden Da besann sich der Greis und stockte ... Er liess sich die Feder in die Hand geben und versuchte selbst weiter zu schreiben ... Die Hand versagte den Dienst ... Armgart musste noch den Brief vor seinen Augen verschliessen und dann sorgsam siegeln ...

Man senkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges, pflanzte aber um die Oeffnung des Bogens, der in den Friedhof fuhrte, Rosen und Vergissmeinnicht ...

Beda Hunnius, auf dem nun ganz von den Jesuiten eroberten Terrain, auch jenseits der Elbe, wieder zu Ehren gekommen, wurde sein Nachfolger ... Zu seinem Kaplan machte sich dieser neue Dechant den in Luttich erzogenen Schifferknaben von Lindenwerth, den Thuriferar von Drusenheim, Antonius Hilgers ... Der Arme hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten, wie sie Rom fur seine Priester beansprucht ... Er war noch argerer Zelot als Mullenhoff ...

In dem schweren Amt der Bestattung und der Uebernahme der Hinterlassenschaft fand Armgart Beistand und uberwand alles voll muthiger Entschlossenheit, noch ehe ihr Vater zu ihrer Hulfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam ... Armgart hatte ganz Kocher zu Freunden ... Ihre Maxime war, bei jedem, der "ihr etwas zu haben schien", still zu stehen und zu fragen: Ist etwas zwischen uns? ... Das konnte sie selbst dem hamischen Hunnius gegenuber, der mit ihr wie mit jeder "Nichte" der Dechanei gegen deren Bewohner zu conspiriren suchte ... Sie erfreute ihn durch ihre Empfanglichkeit fur seine geistliche Poesie ... Die "Dichterapotheke" von Weihrauch, Myrrhen, Narben, Aloe und ahnlichen Spezereien, die so stark aus seinen Versen "stank", wie der Onkel sagte, erinnerte sie doch noch immer an die Zeit ihrer ersten Jugend, wo sie den Rosenkranz mit seinen funf schmerzhaften, funf freuden- und funf glorreichen Geheimnissen in alle Himmel ausgebreitet sah, die Sonne als Monstranz und die Seelen als beflugelte Kreuze dem grossen Herzen Gottes mit der lodernd uber ihm thronenden Flamme zufliegend ... Die Zeiten dieser Anschauungen waren freilich auch bei ihr voruber ... Nur hielt sie an ihrer allgemeinen Stimmung fest und die blieb eine gebundene schon um Paula's willen, die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie, ein Ziel der Sehnsucht und heissesten Wunsche verblieb ...

Unter den Beileidbezeugenden erschien auch Lob Seligmann ... Er war ja so engverbunden der Dechanei, so engverbunden auch den Geheimnissen von Westerhof, von Kloster Himmelpfort und Schloss Neuhof ... Seitdem man allgemein wusste, dass Benno von Asselyn der Spross einer ruchlos geschlossenen Ehe des Kronsyndikus war, hatte endlich auch Lob seine Miene vertraulicher Protection gegen den Dechanten gemildert ... Diesem hatte er sich wirklich eines Tages ganz offenbart, als er gerade von Reisen zuruckkehrte und auch voll Wehmuth Veilchen Igelsheimer auf den Friedhof hatte tragen helfen ... Sein Auge weinte ... Die sanfte Zimmerblume war an ihrer stillen Hektik dahin gegangen und hatte den rauhen Nathan von ihrem Husten befreit, den ihre zarte Schonung, sagte Lob, sich nur des Nachts gestattete! Am Tag, da hielt sie jeder unter den lachenden Masken und bunten Schellenkappen fur wohlauf und gesund ... Bis zum letzten Augenblick hatte Veilchen zum "Carneval des Lebens" gescherzt und selbst noch im Tode waren ihre langen Locken so schwarz wie in ihrer Jugend geblieben, wo sie in eben diesem Park der Dechanei Spinoza kennen gelernt ... Der Dechant, nicht wenig erschreckend uber Seligmann's befremdliche Beichte, sagte damals zu ihm: Auch daran trag' ich schuld, dass Leo Perl diese bescheidenen Madchentraume nicht erfullte! ... Lob, durch und durch "Trauermarsch" aus "Montecchi und Capuletti", erzahlte dem Dechanten mehreremale, in mannichfachen Variationen, was ihn das Schicksal in Schloss Neuhof belauschen liess ... Er gab aber die Burgschaft seiner Discretion furs ganze Leben und hatte gleich alles doppelt erzahlt, gleich auch fur die, vor denen er zu schweigen gelobte ... Armgart wurde die besondere Flamme Lob's ... Wie oft auch besuchte sie die noch lebende "Hasen-Jette" und horte dort die Neuigkeiten uber ein seidenes Kleid, das Frau Treudchen Piter Kattendyk schickte, uber die in Rom eine Grafin gewordene "damalige Lucinde Schwarz", von der auch Veilchen noch oft gesprochen hatte, uber die Barone von Fuld, die den Seligmann zuweilen noch in Drusenheim sahen, aber nicht mehr zum "Speisen" einluden, ohnehin, seitdem sie die Rothschilds sturzen wollten; vor allem aber die Entzukkungen der glucklichen Mutter uber David, ihren Sohn ... David Lippschutz war auf die Beine gekommen, hatte Schulen, hatte schon einige Jahre die Universitat besucht und war bereits ein beruhmter Dichter ... David Lippschutz und Percival Zickeles in Wien vertraten vorzugsweise diejenige neueste lyrische Schule, der es "die Loreley angethan" hat ... Allerdings kostete diese Liebe zur Nixe des Rheins dem Onkel Seligmann viel Geld ... Monat fur Monat gingen seine mit einem frommen "Jehova" beschriebenen Zehnthalerscheine (ein bekannter judischer Heck-, Vermehrungs- und Verlustabwendungs-Segen) in die Ferne und suchten den David unter nordischen Tannen und sudlichen Palmen, tiefunten am Kyffhauser beim schlummernden Rothbart oder auch "dort oben auf luft'gen Hoh'n, wo Adler die Nester sich bau'n", und ahnlichen halsbrechenden Adressen auf ... Dafur war aber auch David Lippschutz mit Percival Zikkeles der Trager der neuesten Romantik, blies machtig des Knaben Wunderhorn in allen Zeitschriften und sorgte dafur, dass dem deutschen Volk seine Nixen, Zwerge, Held Siegfried, sein Ritter Tannhauser, vor allem aber die Anerkennung solcher Bestrebungen nicht abhanden kam ... Ja Beda Hunnius sogar blieb zuweilen auf dem Markt in Kocher am Fall stehen und fragte die ihm begegnende Hasen-Jette: Ja, ist denn das da wirklich euer es folgte ein intolerantes und liebloses auf Reinlichkeit gehendes Eigenschaftswort euer David, der jetzt soviel die Nixe belauscht, so ihr Goldhaar strahlt mit dem silbernen Kamm? ... Die Mutter, allerdings gedenkend, wie ungern ihr David sonst sich kammen liess, bestatigte leuchtendes Auges die volle Identitat ... Die reiche Frau Piter Kattendyk, weiland Treudchen Ley, erzahlte sie, hatte den David auch in Wien Piter, noch im Bruch mit seiner Familie, war meist auf Reisen "zur Tafel gehabt" ... Eine solche Hunnius'sche Anrede wirkte dann unten im Ghetto von Kocher am Fall mit einem spat verklingenden Echo als belohnender Ersatz fur all die Summen, die der Onkel auf die Lange nicht mehr ganz mit dem Humor in die grunen Fluten warf, mit dem er sonst beim Rasiren die Barcarole sang: "Werft aus das Netz gar sein und leise" ...

Der brave Grutzmacher war nach der Gegend von Juterbogk zuruckversetzt worden und wohlbestallter Schleusenmeister an einem jener Kanale, die Elbe und Oder verbinden ... Und Major Schulzendorf hatte das eigenthumliche Loos gezogen, eine grosse Strafanstalt fur sittliche Verwahrlosung zu dirigiren, die zu den Werken der "Innern Mission" gehorte, jener bekannten, hier offen, dort geheim wirkenden Bundesgenossenschaft der Jesuiten ... Einer seiner Sohne, der die Rechte studirt hatte, war bereits bis zum Prasidenten eines Regierungsbezirks, als Nachfolger des Herrn von Wittekind-Neuhof, avancirt ... Dieser kluge Mann hatte die Gewohnheit gehabt, auf Reisen, selbst an offner Table-d'hote, vor der Suppe erst die Hande zu falten und zu beten ... Diese Gewohnheit wurde in den massgebenden Kreisen bekannt und so wohl aufgenommen, dass man ihn in seiner Carriere einige Zwischenstufen uberspringen liess ...

Oberst Hulleshoven nahm nach des Dechanten Tode seine Tochter mit nach der Schweiz, wo er und Hedemann, soweit letzterer noch konnte, sich in industriellen Unternehmungen zu bewahren suchten und Monika jede Aufforderung ergriff, theilzunehmen an irgendeinem Werk der Gesinnung und der auch den Frauen gestatteten offentlichen Bewahrung ... Sie hatten abwechselnd in Basel-Landschaft, dann im Aargau, zuletzt am Genfersee gewohnt ... Der Oberst leitete Ingenieurarbeiten fur die schweizerische Armee; Hedemann bebaute mit Porzia's Hulfe das Feld; Monika reiste viel; sie hatte zuletzt eine grosse Vorliebe fur Genf und die calvinistischen Anschauungen ... Dass sie sich das Denken durch eine immer weiter gehende Vertiefung in Christus vereinfachen zu mussen erklarte, war theils die Ruckwirkung Hedemann's, theils der auch jetzt nicht nachlassende Trotz gegen Armgart ...

Der unruhige Sinn der Aeltern ging glucklicherweise im gleichen Takt; uneins mit der Welt und der Zeit, waren sie doch einig mit sich ... Sie kauften jetzt in jener Hast, die Monika eigen war mit Armgart's bedeutendem Gelde sofort eine herrliche Besitzung, die Armgart gehorte, dicht am Genfersee ... Es war das Schloss Bex, das einem Patricier Berns gehort hatte dicht in der Nahe jenes Waldes, wo sich im Jahr 1689 von den aus ihren Thalern in Italien mit Feuer und Schwert vertriebenen Waldensern 900 wieder sammelten und unter Heinrich Arnaud's tapferer Fuhrung jenen Heldenzug uber den Genfersee, durch Savoyen hindurch und zuruck in ihre heimatlichen Thaler unternahmen, eine Unternehmung, die nach dem Aufgebot zweier Truppencorps Ludwig's XIV. und Victor Amadeus' vollstandig vom Siege gekront wurde ...

Als sie das Schloss bezogen, entdeckte man freilich hundert Fehler und hatte es gern wieder veraussert ... Aber Armgart sagte nun: Ihr reisst euch gleich das Bein ab, wenn euch der Schuh druckt! ... Sie drang darauf, das Schloss, den Park, die schonen Weinberge mit allem, was daran schadhaft war, zu behalten ... Dabei grenzte sie sich ihr Leben eigenthumlich streng von dem der Aeltern ab ... Sie hatte ihre eigenen Zimmer, Freitags ihre eigene Mahlzeit, manchen Abend sogar in ihrem Flugel Gesellschaft fur sich und die Aeltern eine andere in dem ihrigen ... Der Ton war mild, oft innig ... Die Aeltern wussten, was im Innern ihres Kindes zu schonen war und woher sie den Anlass zu ihrem jetzt schon eigenthumlich gehaltenen, allmahlich sogar sproden und ablehnenden Wesen nahm ... Benno von Asselyn, uberall anerkannt als Halbbruder Friedrichs von Wittekind und demgemass mit Lebensgutern reich gesegnet, verweilte nach wie vor als Casar von Montalto in London bei ihm die Mutter und die Furstin ...

Diese Existenz wahrte einige Jahre, bis eine unerwartete Wiederbegegnung den schon machtig hereinzubrechendrohenden Stillstand und Abschluss in Armgart's jungfraulichem Leben unterbrach und uberhaupt die Schicksale der ganzen kleinen Colonie wieder in neue Bewegung brachte.

Fussnoten

1 Thatsache.

3.

Eines Winterabends herrschte auf Schloss Bex eine grosse Aufregung ...

Sie galt einer Karte, die man, heimkehrend von einer Thalfahrt an den See, auf dem grossen grunverhangenen, von einer brennenden Ampel beschienenen Tische des Eintrittsvestibuls vorgefunden hatte, wo regelmassig die Karten der inzwischen dagewesenen Besucher niedergelegt wurden ...

"Der Baron Wenzel von Terschka" lautete die Aufschrift ...

Dazu sein Wappen und die mit "p.f.v." bezeichnete Ecke eingebogen ...

Terschka! ... rief Monika erstaunt und reichte Armgart die Karte ... Der lebt noch! ...

Seit lange hatte man von ihm nur gehort, dass er nach Amerika gegangen war ...

Armgart, die nun schon uber die Mitte der Zwanzig geruckte schlanke, stattliche Herrin von Schloss Bex, schlug ihren Schleier auf, der sie beim Heimfahren im offenen Wagen gegen die rauhe Winterluft geschutzt hatte, und sah, so errothet sie war, sogleich erblassend auf die Karte, die in ihren Handen zitterte ...

Erregt ergriff auch der Oberst die Karte ... Duster druckte er die Augenbrauen zusammen und wiederholte mehrmals:

Ist der aus Amerika zuruck! ...

Armgart hatte den Abend fur sich allein sein wollen ... Es war der 28. Januar, der Tag der heiligen Paula ... Sie hatte ihren Kalender, den sie auf eigene Art einhielt ... Schon freute sie sich auf die Warme ihres Zimmers ... Am Kamin wollte sie sitzen, ihren Thee fur sich allein nehmen, ihre alten Angedenken hervorsuchen und uber den Montblanc hinweg so stark und lebhaft nach Castellungo und Coni, wo Paula mit ihrem Gatten in Bonaventura's unmittelbarer Nahe wohnte, hinuberdenken, dass Paula, dachte sie, sie sehen musste ... Schon hatte sie sich ausgemalt, wie zu gleicher Zeit, wahrend die Uhr uber ihrem Sopha tickte, Paula den Brief las, den sie ihr zu ihrem Namenstage geschrieben ... Vielleicht war der, wie man horte, in viele Handel verwickelte Erzbischof bei ihr ... Schwerlich die alte Grafin ... Aber gewiss alle Freunde und Verehrer, die einer so hochgestellten Dame, wie Paula, auch dort nicht fehlen konnten ... Sie hatte in jenem Briefe von Sancta-Paula geschrieben, jener romischen jungen Witwe, die sich von ihren Kindern trennen konnte, um die Statten Jerusalems zu sehen und mit Hulfe des heiligen Hieronymus uber dem Grab Christi ein Kloster zu bauen ... Und um so lieber traumte sie von jenem eigenthumlichen Verhaltniss, in dem ihre Lieben dort lebten, als sich vieles davon aus Paula's Briefen doch nur zwischen den Zeilen ersehen liess und der immer und immer besprochene endliche Besuch des Thals von Castellungo seine Mislichkeiten bot ... Ohne die Aeltern mochte sie nicht gehen und mit ihnen hatte es der religiosen Differenzen wegen ebenso seine Schwierigkeiten, wie in Rucksicht auf den Vater, der mit Paula im magnetischen Rapport gestanden hatte ... Diese Zustande hatten in Italien abgenommen; aber Grafin Erdmuthe, so sehr sie die Familie der Hulleshovens schatzte und liebte, schien eine verstarkte Ruckkehr derselben zu befurchten, wenn sich ihrer Schwiegertochter wieder die alten Elemente ihres Umgangs naherten ... Die alte Grafin trug schon schwer genug an Bonaventura, den sie lieber ganz gemieden hatte, ware nicht einst sein Eifer so muthvoll fur ihren Eremiten aufgetreten ... Die Reise uber die Alpen war unter solchen Umstanden nur ein Sehnsuchtsziel der Familie geblieben ...

Dies stille Abendtraumen musste sich Armgart nun versagen ... Denn mit dem Namen Terschka zog Beunruhigung ins ganze Haus, Schrecken vorzugsweise in ihre eigene Seele ... Ein eisiger Winter war es wieder ... Sie sah sich wie damals im frosterstarrten Walde zwischen Westerhof und ihrem Stifte, sah an ihrer Seite den damonischen Schmeichler, von dem sie damals mit Recht geglaubt hatte, dass er die Mutter beruckte ... Ein Schauder ergriff sie in Erinnerung an ihr Gelubde, an ihr Suchen der Gefahr, an ihre Hingebung an diesen Mann ohne jede Spur der Neigung, an alles, was sie um ihn verloren und freiwillig geopfert hatte ... Wieder in ihrer Nahe dieser Schein der Harmlosigkeit, diese leichte zutrauliche Manier, die nichts begehren zu wollen schien und eben deshalb sogleich alles besass? ...

Vater und Mutter, die sich mit politischen Dingen deshalb ausdrucklich nicht befassten, weil ihrer religiosen Richtung vorgeworfen wurde, dass sie nur die maskirte Revolution ware, hatten nichts mehr uber Terschka's Leben und Treiben vernommen ... Nur das eine war ihnen zu Ohr gekommen, dass Terschka in irgendeiner Weise, welche, wussten sie nicht, sogar mit dem Untergang der Bruder Bandiera in Verbindung stand, einem Ereigniss, an dem der Oberst den schmerzlichsten Antheil nahm, da ihm in Amerika der Vater der Junglinge bekannt geworden war und durch Thiebold auch dessen an Benno aufgetragenen Grusse ihm ausgerichtet wurden ... Noch hatte man vernommen, dass Terschka in dem Augenblick London verliess, als Benno dort ankam ... Eine grosse Geldsumme, die ihm spater, als er wieder zuruckgekehrt war, von Witoborn aus zugekommen sein sollte, musste, glaubte man im engern Kreise des Obersten, vom Prasidenten auf Neuhof herruhren, der mit ihm uber die Enthullungen der zweiten Heirath seines Vaters schon langere Zeit in naherer Verbindung stand ... Dann war er nach Amerika gegangen ...

Monika konnte nie wieder ganz das Bild jener wiener Zeiten bannen, wo Graf Hugo und Terschka so heiter und sorglos verkehrten, die alte Grafin trotz erster Abneigung gegen Terschka fur ihn schwarmte, ja sie selbst von ihm mit einer Leidenschaft verehrt wurde, die ihr Herz in Unruhe, ihre Entschlusse in Schwankungen versetzte ... Dass Terschka, der schon immer und immer mit dem Uebertritt umging, wie Monika selbst, die Hoffnungen auf ihre Gegenliebe damals, als er Armgart und deren formliches Sichihm-anbieten, um die Mutter von ihm abzuziehen, kennen gelernt hatte, aufgab, schien ihr naturlich zu sein; eine alte Theilnahme loscht sich im Frauengemuth nie aus; wo sie einmal Partei genommen, sind ihre Entschuldigungen unerschopflich ...

Nur Armgart, die nun schon wieder ganz allein in ihrer Abneigung zu stehen furchtete, sagte: Er hat irgendeine Schuld auf seinem Gewissen! Diese jagt und verfolgt ihn! Diese treibt ihn vom Guten auf, wenn er das Schlechte eben verlassen hatte und das Gute lieben mochte! Diese macht ihn zum Werkzeug jedes energischen Willens, der ihm imponirt! ...

In angstlicher Spannung sassen sie beim Thee; der Sturm mehrte sich, manche Zweige an den achzenden Pappeln, die in nachster Nahe des Schlosses standen, brachen ... Jeden Augenblick, glaubte man, musste die Glocke an der Eingangspforte gezogen und Terschka's Ruckkehr gemeldet werden ...

Es wurde neun, zehn Uhr ... Schon wollte man zur Ruhe gehen, da zog es an der Glocke ... Es war eine weibliche Stimme, die sich horen liess ... Porzia Hedemann kam noch so spat aus ihrem dem See naher gelegenen Hauschen ... Sie hatte sich nicht uberwinden konnen, ihren theuren Gonnern und Beschutzern noch von einem Besuch des Barons von Terschka zu erzahlen ... Freude strahlte aus ihrem Auge und erganzte ihre gebrochene deutsche Rede ... Terschka hatte in gewohnter Weise die Spuren seines Erscheinens sogleich angenehm bezeichnet, hatte von Mitteln gesprochen, die unfehlbar die kranke Brust Hedemann's heilen mussten ... Alle Zauber Amerikas breiteten sich schon um ihn, als nun auch der Oberst einraumte, die Indianer besassen Heilmittel, von denen sich die Weisheit unserer Aerzte nichts traumen liesse ... So schwebte schon Terschka, noch ehe man ihn wiedersah, in dem gewohnten Nimbus seiner Liebenswurdigkeit ...

Am folgenden Tage erschien er in der That ...

Er war in Genf abgestiegen, kam in einem Einspanner dahergeflogen, den er selbst fuhrte, und sah in seinem schnurbesetzten Pelzrock, von Wetter und Sturm gerothet, trotz seiner funfzig Jahre, noch immer ganz stattlich aus ... Die kleinen Formen des Siebenmonatkindes konnten eher, als plastischer ausgebildete, durch die Jahre zusammengehen ... Sein Auge hatte das alte lebhafte Feuer; sein kurzgeschnittenes Haar war, trotz der Beangstigungen, die sein Gemuth die Reihe von Jahren hindurch schon ausgestanden haben mochte, nur von einem leichten Hauch der Verwandlung in Grau uberflogen ... Mit einer Unbefangenheit gab er sich, als setzte die Gegenwart die nur kurze Zeit unterbrochen gewesene und vollig ungestort gebliebene Vergangenheit fort ...

Die befangenen Mienen des Obersten klarten sich auf, als Terschka mit Begeisterung von Amerika sprach ... Monika sah in jeder Freude ihres Gatten ihre eigene und schurte dies Behagen ... Vom fruhern Jesuiten, von der Umwandelung in einen Protestanten, vom Freunde der italienischen Emigranten konnte um Armgart's willen nicht lange die Rede sein ... Diese noch unverheirathet zu finden, sagte Terschka, uberraschte ihn nicht, denn er hatte sie und ihre Familie auch jenseits des Oceans nicht aus dem Auge verloren ... Sein Wesen blieb harmlos; nicht eine Miene verrieth: Du liebtest einst diese Mutter, deren Locken nun immer silberner geworden! Und wie nahe warst du, auch die Tochter, diese immer noch bluhende, schone, reiche Herrin von Schloss Bex die Deine zu nennen! ...

Hedemann wurde gerufen ... Trotz seines "Sterbens in Christo" kam er neubelebt ... Porzia war hoch in der Hoffnung und der Gedanke des Todes, sonst ein ihm so lieber und vertrauter, erfullte ihn jetzt mit Trauer ... Terschka versprach, ihn seines Mittels wegen zu besuchen ... Im Plaudern hatte er eine noch auffallend genaue Kenntniss aller Verhaltnisse und Personen, mit denen er sonst gelebt, verrathen und bedurfte daruber keines Unterrichts, den er eher noch selbst ertheilen konnte ... Ohne Scharfe liess er zuweilen und wie zufallig eine Anspielung auf den naturlichen Sohn des Kronsyndikus, Casar von Montalto, oder auf die Furstin Rucca fallen ... Er ubertrieb, bei Gelegenheit des Grafen Hugo, das Princip der Dankbarkeit, sagte aber auch, in Anspielung auf Benno's Dankbarkeit fur seine Befreierin, die Furstin Olympia:

Meine Damen, als ich noch ein Jesuit war, kam im Colleg zu Rom die Frage auf die Dankbarkeit ... Wir trieben Moral nach allen moglichen Unterscheidungen hin; aber von Dankbarkeit war wenig die Rede ...

"Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch!" sagte Hedemann und freute sich der vorgefuhrten Bilder aus der alten Zeit Witoborns ...

Das ist aber die Dankbarkeit nicht, nahm die streitsuchtige, schon ausserordentlich angeregte und ein gewahltes Mittagsmahl anordnende Monika auf, die Terschka meint ... Sie wollte horen, wie es mit Terschka's religiosem Innern stand ... Terschka hatte vom Tode Ceccone's gesprochen, der wol auch die Ursache gewesen sein mochte, sagte er harmlos, dass seine Nichte seit Jahren nicht nach Rom zuruckkehrte ... E b e n s o lange war Ceccone todt er war unter seltsamen Umstanden gestorben ...

Auch der Oberst achtete nicht darauf, dass sich Armgart dem Fenster zuwandte; er sah nur und freute sich dessen, wie geheimnissvoll seine Frau fur den Mittagstisch sorgte ...

"Und seid gewurzelt und erbaut in ihm und seid fest im Glauben, wie ihr gelehrt seid, und seid in demselben reichlich dankbar!" wiederholte Hedemann zum festen Zeugniss, dass die Bibel die Jesuitenlehrer beschame ...

Die Mutter, wahrend Armgart schwieg und am Fenster auf den See und die im Violett strahlenden Schneeberge Savoyens blickte, wollte heute gar nicht Hedemann's Partie nehmen und meinte, manches Verhaltniss des modernen Lebens, manche Verpflichtung unserer kunstlichen und unnaturlichen Verhaltnisse liesse sich kaum aus der Bibel herleiten ... In diesen Gegenden, wo der Bibelglaube und die religiose Phrase fast an jedem Bissen Brot, den man in den Mund nimmt, haftete, war Monika allerdings etwas weltlicher geworden; aber auch die Erinnerung an die schonen Stunden, die sie in Wien verlebt, erregte sie ...

Hedemann liess die Meinung nicht aufkommen, dass die Schrift nicht die umfassendstverpflichtende Dankbarkeit anempfohle ... David war dankbar gegen Abjathar, den Sohn Abimelech's, der fur David gestorben ... David war dankbar gegen Barsillai, den achtzigjahrigen, den er mit nach Jerusalem in seine Burg nehmen wollte, weil er ihm fruher in Noth gedient ... David war dankbar dem Gedachtniss Jonathan's, des Sohnes Saul's, der ihm angehangen, und rief in alle Lande: Wo ist jemand ubriggeblieben von dem Hause Saul's, dass ich Barmherzigkeit an ihm ube um Jonathan's willen?! ...

Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne fest und sagte:

Die Dankbarkeit, die Terschka meint, heisst nicht das Erweisen von Wohlthaten an den, der auch uns Wohlthaten erwies, sondern die Unterordnung des eigenen Willens und Interesses unter den Willen und das Interesse eines andern fur ein ganzes Leben lang ...

Eine Stille trat darauf ein ... Terschka genoss ihre Wirkung und sagte, so hatte er sich allerdings dem Grafen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren lassen ... Unsre Professoren auf dem Collegium, fuhr er fort, liessen wenigstens nicht mit offnen Worten, aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten, die eine eigene Benachtheiligung voraussetzte ... Den Vortheil, den sie auf alle Falle gewahrt wissen wollten, nannten sie die eigene Vollkommenheit ... Hatten wir nicht einen ganzen Tag Disputation uber die Frage: Ist man verpflichtet, hundert Zechinen einem Morder auszuzahlen, der sich dafur erbot, einen Mord zu begehen? ... Der erste Satz war naturlich: Solange der Mord nicht vollzogen ist, kann auch von Zahlung gar keine Rede sein ...

Man lachte ... Selbst Armgart musste es ...

War aber halt der Mord vollzogen, fuhr Terschka fort wie dann, wenn der Anstifter in den Beichtstuhl kommt und, nachdem nun sein Vortheil bereits gewahrt ist, jetzt keine rechte Lust mehr bezeugt, die hundert Zechinen zu bezahlen? ... Daruber waren die Meinungen der Theologen getheilt ... Einige glaubten, dass das Geld, ob vor oder nach der That, wenn auch versprochen, unter keinerlei Umstanden bezahlt zu werden brauchte ...

Schandlich! rief Monika aufwallend ... Selbst dem Morder muss man die Treue halten ...

Sie urtheilen, meine Gnadigste, fiel Terschka ein, grad' wie der heilige Liguori, der Stifter der Liguorianer, unser Schutzpatron, auch urtheilte ... Rund und fest hat der Liguori erklart: Die hundert Zechinen mussen dem Morder unter allen Umstanden bezahlt werden! ...

Das beste Wort, das ich je von einem Jesuiten gehort habe! fiel die Mutter ein und setzte die Entwickelung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des Edelmuthes fort, bis der Oberst von der Dankbarkeit hinzugefugt hatte, dass er Beispiele aus seinem eigenen Leben kenne, wo sie manche Charaktere vollstandig aus ihrer Bahn gelenkt hatte, wo Menschen, einmal verpflichtet, nie wieder ihren freien Willen bekommen hatten, Offiziere, die das Opfer eines einmal unbedacht geschlossenen Verhaltnisses sogar mit altern Damen geworden und elend untergegangen waren ... Da erst verstanden denn Monika und Hedemann die wechselnde Gesichtsfarbe Armgart's und setzten das Gesprach, dessen Bezuglichkeiten sie sich jetzt auf Benno deuten konnten, nicht fort ...

Aber von Lucinden und einem seltsamen Zusammenhang des uberraschenden Todes ihres Gonners, des Cardinals Ceccone, wusste nun Terschka Dinge zu erzahlen, die, wenn sie auch fragmentarisch bleiben mussten, weil sie fur Armgart's Ohr nicht gemacht waren, doch die ganze Behaglichkeit verbreiteten, durch Terschka wieder in einen Zusammenhang mit der Welt zu kommen ... Armgart horte aus dem Flustern nur, dass Graf Sarzana gleichfalls als Fluchtling in London und gleich in den ersten Wochen seiner Vermahlung von seiner Frau getrennt lebte ...

Acht Tage verflossen und Terschka war in dieser und ahnlicher Art auf Schloss Bex die Hauptperson geworden ... Die Mutter konnte schon sagen: Was sollte denn nun auch werden, wenn jedem Menschen, der einmal strauchelte, der Kainsfluch immer und ewig auf der Stirn gezeichnet bliebe! ... Warum gibt es denn keine grossen Manner mehr? ... Weil die Keime dazu in unserer Civilisation falsch aufbluhen und leider zuweilen eher in den Zuchthausern, als in den Walhallen reifen! ... Verpflanzt doch nur einmal unsern Herrn und Heiland in das Zeitalter der Gensdarmen! ... Wurde Jesus von Nazareth drei Jahre haben lehren und hin- und herwandeln konnen? ... Nicht drei Tage hatte sein hochheiliges Lehramt gedauert ...

Von Lucinden, Grafin Sarzana, hatte Terschka, wie nun Armgart vertraulich von der Mutter erfuhr, erzahlt, dass die Klugste ihres Geschlechts das Opfer einer Intrigue geworden war, die auch nur in Italien vorkommen konnte ... Graf Sarzana war in der That ein Verschworener des "jungen Italien", theils aus Ueberzeugung, theils aus Rache gegen Ceccone, der seit Jahren seine Familie entwurdigte und wahrhaft misbrauchte ... Auch ihm wollte der Cardinal die Hand einer Frau geben, die nur ihm gehoren sollte ... Hatte der Cardinal Berechtigung, von Lucinden solche Hoffnungen zu hegen oder nicht, der Gardist Sr. Heiligkeit ging wenigstens scheinbar auf den Vertrag ein ... Seine Rache wollte einen erlaubten Anlass haben, Ceccone gelegentlich aus der Welt zu schaffen ... Die Ehe wurde vollzogen; der gerade in Rom anwesende neuerhobene, glanzend gerechtfertigte, wie von unsichtbaren Armen geschutzte Erzbischof von Coni hatte fruher Grafin Paula nicht trauen konnen aber Lucinde wollte diesen Vorzug geniessen und Terschka hatte sogar angedeutet, dass Lucinde Mittel besasse, den Erzbischof zu allen moglichen Dingen zu zwingen ... Kaum hatte das Sarzana'sche Ehepaar jenen Palast bezogen, in dem fruher die Herzogin von Amarillas wohnte, so verbreitete sich ein Gerucht, der Cardinal hatte bei einem Abendbesuch in diesem Palast einen unglucklichen Fall gethan ... Blutend fuhr er nach Hause ... Wol ein Jahr hatte er sich dann elend hingeschleppt, hatte sehen mussen, wie Fefelotti seinen ihm immer mehr abgerungenen Einfluss gewann und ware zuletzt still vom Schauplatz verschwunden und sogar ausserordentlich heilig gestorben ... Bald aber nach jener Nachricht von dem "unglucklichen Fall" ware Graf Sarzana heimlich aus Rom entwichen, seine Gemahlin in ein Kloster, das der "Lebendigbegrabenen", gegangen, wohin schon einmal ein dunkler Vorfall aus dem Leben des Cardinals sich der Welt entzogen hatte ... Jetzt wisse es alle Welt, hatte Terschka erzahlt, Graf Sarzana hatte seine Gemahlin in einer "Scene" mit dem Cardinal uberrascht, die Thur gesprengt und auf frischer That auf ihn den Degen gezuckt ... Der Stoss war nicht todtlich und erst nach einem Jahr erlag Ceccone den Folgen der Wunde ... Grafin Sarzana ware seitdem noch gar nicht lange erst wieder aus dem Kloster ans Tageslicht gekommen ...

Armgart wusste freilich aus Briefen, die aus dem Thal von Castellungo kamen, dass Grafin Sarzana schon seit zwei Jahren in Genua lebte, ja sogar in Coni erwartet wurde ... Sie sagte also: Alles das wird sich auch wol noch anders verhalten! ...

Ueberhaupt kannte Terschka von den Verwickelungen im Leben der Nahebefreundeten Monika's und Ulrich's mehr, als diese in ihrem reinen Sinn horen mochten ... Selbst Lucinden liess der Oberst, der sich ihrer wenig entsann und von der er nur hatte erzahlen horen, das Urtheil angedeihen: Wir wissen nicht, ob die Menschen, die sie verurtheilen, recht haben oder nicht; aber fur soviel Ungluck, als auch gerade ihr beschieden zu sein scheint, konnte sie jeden fast dauern und ihre Erbitterung gegen die Welt gar nicht wunder nehmen ...

An den in jener Gegend ublichen Erbauungsstunden und religiosen Versammlungen, an den Streitigkeiten uber die Erbsunde und die Gnade nahm Terschka, der nun eingeburgert blieb, ohne besonderes Interesse theil ... Geistige Bedurfnisse lagen ihm uberhaupt, wenn sie Ernst voraussetzten, fern ... Wenn von Paris, London und Wien die Rede war, seufzte er sehnsuchtsvoll ... Anfangs kehrte er immer wieder, wenn er Schloss Bex besucht hatte, nach Genf zuruck ... Zuweilen kam von dort mit ihm Gesellschaft, anfangs achtbare Personlichkeiten, die in einer mit Fremden uberfullten Stadt leicht gefunden sind ... Der einformige Kreis des Landlebens im Winter erhielt durch ihn Belebung; sogar mehr, als man wunschen konnte ... Es stellte sich eben eine Toleranz gegen den Erzahler seiner Abenteuer und Reisen wieder her, die alle Bedenklichkeiten des Vergangenen vergessen zu haben schien ...

Nur Armgart blieb gegen den nur zu schnell wieder zu Gnaden Angenommenen kalt, vermied ihn, wo sie konnte, blieb, wenn er nicht noch vor Nacht nach Genf heimkehrte, vorsichtig auf ihren Zimmern und lebte ihrer innern Welt, die sie schon so fruh verstanden hatte zu ihrem Universum zu machen ... Ein Kind, das mit einem aus Baumrinde geschnittenen Schiffchen sich stundenlang den Ocean traumen konnte, war sie sonst; jetzt kannte sie den grossen Ocean des Lebens und suchte auf diesem nur ihre kleinen Schiffchen ...

Der Oberst und Monika waren im Grunde doch nur Gemuthsmenschen und entbehrten, ungeachtet ihrer steten Berufung auf den Verstand, eines scharfen psychologischen Blicks ... Sie ubersahen, dass es eine Verkommenheit im Menschen gibt, die dem Kenner selbst durch den aussern Schein des grossten Behagens hindurchschimmert, wie eine nur scheinbar gepflegte Toilette durch eine zerrissene Naht und ein nicht gehorig verstecktes Bandchen in ihren geheimen Schaden sich verrath ... Eine solche im Sinken begriffene Natur lacht und scherzt dann und am Uebermass des Widerhalls lasst sich erst erkennen, wie innerlich alles so hohl ... Jedes Wort hort der scheinbar so unbefangen Sprechende dann gleichsam selbst zuerst; sein Gang ist berechnet; der Schatten, den er wirft, angstigt ihn ... Unruhig sucht er dann Haltpunkte und Anlehnungen ... Sie sind aber ganz wie im Zufall und wie im Traum gewahlt ... Eine alabasterne Vase, ein Spiegel, um im Bilde zu bleiben, ist von dem Vorsichtigsten dann zertrummert, er weiss nicht wie ...

Fur die sich ganz ebenso zeigende tiefinnere Verkommenheit Terschka's hatte Armgart einen klarsehenden Blick ... Wahrend der Unheimliche den Vater durch seine Stalle und seine Vorschlage fur die Oekonomie fesselte, die Mutter durch hundert Auftrage, die von ihm fur Genf ubernommen wurden, Hedemann und Porzia durch Heiltranke, die in der That vorubergehende Linderungen verschafften, sah allein Armgart mit Schrecken, wie Terschka schon so im Zuge des Eingreifens in alle Verhaltnisse auf Schloss Bex war, dass ihr bereits die Geldsummen verloren schienen, die ihm anvertraut wurden ... Sie sah eine Lebendigkeit um sich her, die sie im hochsten Grade beunruhigte ... Terschka's Genossen, jetzt grosstentheils Franzosen von unheimlichen Manieren, gingen ab und zu ... Schon wurden Jagdpartieen arrangirt ... Oft war die Tafel, ohne irgend eine Einladung, zwanzig Personen stark ... Der Oberst liebte die Jagd und Monika unterstutzte diese Neigung ohnehin, weil sie sie sagte es scherzend gutmachen wollte, dass der Anfang ihres fruheren Zerwurfnisses mit ihm ein Lachen uber die Fehlschusse des eben Erheiratheten war ... So ging es hinauf in die Schluchten der Berge, gerade wie um Witoborn her in die Walder ... Monika, der es an Grunden nie fehlte, wenn etwas Inconsequentes durch Gesetze der Notwendigkeit entschuldigt werden sollte, fand diese Bewegungen dem Gatten zutraglich, sorgend nur, dass Armgart von den Zumuthungen der Theilnahme verschont blieb ... Wohl kannte sie Armgart's Erinnerung an jenen Tag, wo sie, todtbetrubt und die Mutter an Terschka gebunden glaubend, sich infolge ihres Gelubdes in die graflich Munnich'sche Jagd sturzen konnte, um fur die Erkorene Terschka's zu gelten ...

Der Winter verstrich ... Armgart sass nicht immer mit ihren Buchern im Zimmer ... Sie unterstutzte Hedemann und Porzia im Reinigen und Schwingen der Samereien, stieg in die Keller und wahrte die Wurzelgewachse gegen uble Wirkung dumpfer und feuchter Luft, benutzte jeden sonnigen Tag, wo der Boden der grossen Gemusegarten sich auflockert, um die Aussaat solcher Pflanzen zu leiten, denen langeres Verweilen des Samens im Schoos der Erde nutzt, liess die Obstspaliere und manche freischwebende junge Pflanzung mit Stroh umhullen, unterstutzte gegen den Sturm, der oft aus dem Walliserland und vom grossen SanctBernhard her mit Ungestum wehte, die jungen Obstbaume mit kraftigen Stecken, liess die Weinstocke niederlegen und gerade wenn ihr Blumengarten dicht voll Schnee lag, saete sie die ersten Boten des Fruhlings, Primeln und Aurikeln ihr Same darf die Erde nur leise beruhren, nicht in sie eindringen ... Bei diesen Beschaftigungen, auch beim Pflegen der Hyacinthen, die in ihren Zimmern, wie ehemals bei Paula, die grunen Keime ansetzten, trug sie ihr seltsames Lebensloos und gab, wie in einem spanischen Gedicht, das Bonaventura auf Westerhof einst ihr und Paula vorgelesen, "Des Gartners Lohn" auf die Frage:

"Herr, unter Steinen und Moosen

Was schopfst du soviel aus dem Born?"

durch Blick, Rede und ganze Haltung die Antwort:

"Dir will ich benetzen die Rosen!

Mir will ich benetzen den Dorn!"

Es war ein Nonnenleben ohne Klausur, das ihr Ideal zu werden schien ... Die Welt hullte sich ihr in eine Trauer, die sie nicht deuten, ja in einen Schmerz, den sie kaum anerkennen mochte ... Sie wurde ablehnend und streng; vielen erschien sie kalt ...

Der Fruhling war gekommen, die Hollunderbusche bluhten, die Kastanienbaume setzten ihre braunen Knospen an, der Leman braute jene durchsichtigen, sonnigen Nebel, die die wild aus den Bergen sturmende "Bise" nicht mehr zerriss ... Terschka wohnte nun schon oft wochenlang auf dem mit allen Reizen der Natur sich schmuckenden Schloss Bex ... Zu andern Zeiten wieder uberredete er den Obersten, mit ihm nach dem fremdenuberfullten Genf zu gehen ... Wer das Gefuhl hat, mit gegebenen Zustanden in Bruch zu leben, ergreift gern die Gelegenheit, aus seiner Isolirung herauszutreten und da sich anzuschliessen, wo von den unbefangener Urtheilenden die langentbehrte Zustimmung nicht ausbleibt ... Diese reichen Patricierfamilien Genfs mit ihren strengen calvinistischen, aber in andern Dingen wieder republikanisch unbefangenen Formen wurden eine Welt, in der sich Monika sorglos bewegen durfte ... Sie sprach gut franzosisch, konnte mit den Professoren der Universitat reich waren, der Rath des Obersten wurde in mancher technologischen und Ingenieurfrage begehrt, Terschka war die Seele der auch in Genf vorhandenen aristokratischen Gesellschaft ... Von den Fluchtlingen, den Polen, Italienern, Deutschen, hielten sich alle in Entfernung ...

Aber gerade von dieser Seite aus gab es scharfe Augen und der geschmeidige, lebensschlaue Bohme, der uberall nach Macht, Einfluss, Stellung trachtete, musste erleben, dass ihm schon manches fehl schlug ... Bald hiess es sogar auch hier: Er spielt eine falsche Rolle! Er hat sie schon in London gespielt! Sein Gewerbe kann nur das eines Spions sein! Er correspondirt mit Wien und Rom! ... War dem nun so oder nicht, Terschka blieb jener Jesuitenzogling, der zwar mit scheuer Vorsicht seinen Weg Schritt fur Schritt macht, nie aus sich selbst heraus, sondern immer nur aus den andern die Situationen seines Lebens entwikkelt, niemals kann er recht ein Herr werden, immer nur Diener ... Durch sein Dienen verpflichtet man sich die Menschen und zuweilen sind die Menschen edel und heben dafur den andern, der uns dient, wie einst mit ihm Graf Hugo gethan; jetzt aber hatte er zuletzt doch nur noch den Obersten und Monika fur sich, hundert Zerwurfnisse und Streitigkeiten schon gegen sich ... Bereits hiess es beim Obersten und Monika: Man musste doch aus dieser Gegend fort! Man musste doch Bex verkaufen, so schon es auch ware! Schon wegen Hedemann's sollte man in eine mildere Gegend ziehen! ...

Die Herrin von Schloss Bex hatte auch hier, trotz ihrer Schroffheit, Verehrer und Bewerber ... Angesehene Namen aus Genfs Patricierfamilien, umwohnende Grundbesitzer, Reisende, wiederum auch mancher Englander, huldigten Armgart mit oft masslosem Eifer ... Die Mutter wunschte die endliche Verheirathung; auch der Vater; schon deshalb, um den Schein aufzuheben, als bestimmten sie die Tochter ihres Vermogens halber unvermahlt zu bleiben ... Alledem geberdete sich Terschka trotz seiner funfzig Jahre eifersuchtig, als scheute er mit der Jugend keinen Wettkampf ... Nicht dass er seine eigene Liebe zur Schau trug wenigstens warf er ein: Ich werde so lacherlich nicht sein! immer aber hatte er Grunde, die Bewerber zu verdachtigen und suchte Scenen herbeizufuhren, die zuweilen so ausarteten, dass die Frauen, vor allem Armgart, wahrhaft darunter litten ... Conflicte gab es, wo man erstaunen musste, wie ein einziger Mensch, dem der wahre innere Halt des Charakters fehlt, dennoch einen ganzen Lebenskreis verwirren und beschaftigen kann ... Zuletzt standen auch endlich die Hulleshovens mit Terschka so allein, dass ein Entweder-Oder sich ihnen als unabweisbar aufdrangen musste ... Terschka, funfzig Jahre alt, in Fallen, wo sein Benehmen Zeugen hatte, muthig und entschlossen, wo er allein war, hinterlistig, feige sogar oder doch nur schlau, konnte schon wieder die Hande vor die Augen legen, weinen wie ein Kind und sein Lebensloos beklagen, sodass die Frauen entweder mit einstimmen oder entfliehen mussten, um sich nur dem magischen Einfluss eines Gauklers zu entziehen, der die besonnensten Menschen bethorte, seine geschworensten Feinde irre machte und, das sah man nun wohl, Armgart noch erobern wollte ...

Terschka hatte Schulden; der Oberst konnte ihm nicht mehr helfen ... Monika schmollte mit ihm tieferbittert, seitdem er, ganz nur wie zum Scherz, die Aeusserung hatte fallen lassen, er wurde, wenn Armgart es befohle, in den Schoos der romischen Kirche zuruckkehren ... Armgart besuchte zuweilen die Messe in einem zwei Meilen hoher hinauf gelegenen katholischen Dorfe ... Terschka fing an, sie dorthin zu begleiten ... An der Kirchthur wartete er dann, bis sie zuruckkam ... Wieder wurde ihr der Mann wie die Schlange, deren Athem den Vogel besinnungslos macht ... Sie stand ohnehin mit ihrem katholischen Gefuhl hier allein und nun gesellte sich diesem, wie sympathisch ergriffen, Terschka zu ... Monika sagte ihm seitdem, so oft er sich auf dem Schlosse sehen liess, mit dem Ton des gebietendsten Ernstes: Terschka, verlassen Sie uns endlich! ... Der Oberst erklarte in Gute: Terschka, Ihre Rolle ist hier ausgespielt! Reisen Sie mit Gott! ... In leisem, gemuthlichem Ton konnte er dann seufzen: Ich gehe! ... Er ging und kam wieder ... Nur einen Augenblick blieb er dann, schwieg und warf einen Blick des tiefsten Schmerzes auf Armgart ... Nicht lange wahrte es, so kniete er hinter ihr in der Messe des kleinen Kirchleins im Gebirge ... Armgart erhob sich dann, sprach nicht mit ihm beim Verlassen des Gottesdienstes und wich ihm fur den Heimweg aus, aber sie sammelte nur muhsam die Kraft dazu, wankte, wenn er sich ihr naherte, suchte zu entfliehen und konnte nicht von der Stelle ... Alles, alles, als war' er durch sie und um ihretwillen im Begriff, wieder Katholik zu werden und als war' er's schon langst geworden, wenn er nur sicher wusste, ob er in diesem Fall seines Priestergelubdes entbunden wurde ... Er behauptete, deshalb in Genf alle Bibliotheken nachzuschlagen ...

So uberraschte er Armgart einst auf ihrem Zimmer ... Seine Jahre verwunschend, nannte er die Empfindungen, die ihn beherrschten, wahnsinnig, dennoch erklarend, gewisse Namen, die gerade damals als Armgart's Bewerber genannt wurden, todten zu konnen; er drohte sich eine Kugel vor den Kopf zu schiessen und hoffte bei solchen Worten nur, durch Armgart's Erklarung, dass sie ihn fur jung, lebensberechtigt und ihrer endlichen Erhorung fur vollkommen wurdig hielte, aufgerichtet zu werden ... In wilder Hast ergriff er ein an der Wand hangendes Crucifix, kusste es mit leidenschaftlicher Inbrunst und bat dem "heiligen Holze", wie er es nannte, mit lauter Stimme ab, was seither von ihm ruchlos am katholischen Glauben verbrochen worden ... Seinen Priesterstand wurde er nicht zu erneuern brauchen, sagte er weil er ihn ja ewig geschandet hatte ... Alles das kam mit einer Wahrheit von seinen Lippen, als machte er im Al-Gesu eine jener rhetorischen Uebungen durch, wo sich ein Sprecher in einer von ihm geschilderten Situation ganz wie ein Schauspieler verlieren muss ...

Armgart stand am Fenster und zitterte ... Terschka sprach, als ware sie nicht anwesend ... Laut recitirte er eine Litanei an die allerseligste Jungfrau ... Er kniete nieder, um sein Gelubde auszusprechen, in den Schoos der von ihm verlassenen Kirche zuruckzukehren, auch wenn ihm, dem Leviten, nie wieder Vergebung zu Theil werden wurde ... Engel wurden dann fur ihn die Hande erheben und vielleicht im Jenseits eine besonders begnadete Seele ihn rettend in ihren Schoos nehmen ...

Ohne Zweifel erwartete Terschka, dass Armgart ihn emporziehen, irgend mit ihm einen Ausweg aus dem Labyrinth seiner Verhaltnisse bereden wurde ... Aber so sehr sich in ihr die alten Stimmungen des Selbstopfers, die Seligkeiten des gebundenen Willens regten, die Jugendzeit mit ihren Schwarmereien war voruber ... Mit einem verachtenden Ausdruck ihrer Augen, der den unverkennbarsten ewigen Bruch zwischen ihr und Terschka verrieth, rief sie: Nein! Nein! Nein! liess ihn auf dem Teppich vor ihrem kleinen Hausaltar liegen und entfloh aus dem Zimmer ...

Da begegnete ihr der Vater, sah ihre Aufregung, traf Terschka, noch mit dem Crucifix, das er unaufhorlich kusste, in der Hand, schleuderte ihm einige Verwunschungen zu und wies ihm die Thur ...

Terschka erhob sich von der Erde, auf der er gekniet hatte, schwankte eine Weile, taumelte unentschlossen, mass den Obersten, halb als ob er an seinem Halse sich ausweinen, halb als ob er ihn todten wollte ... Und als dieser wiederholt rief: Sie sind ein unverbesserlicher Abenteurer! Man weiss alles von Ihnen! Sie sind unter Raubern erzogen, Sie sind ein Kunstreiter noch haben Sie nicht aufgehort den Jesuiten zu dienen! Die Bruder Bandiera sind durch Sie verrathen worden durch einen gewissen Jan Picard ha, kennen Sie den Namen ? da erblasste Terschka, erhob sich lautlos und verschwand ...

Allgemein glaubte man, er sasse in Genf im Schuldgefangniss ... Seine Sucht, sich in den vornehmsten Kreisen zu bewegen, Cavalier zu sein, Matador der Gesellschaft, hatte ihn in nicht endende Verlegenheiten gesturzt ... Nach und nach aber verbreiteten sich Geruchte, er ware in den Canton Freiburg gegangen und hatte sich dort reuig in das dortige, damals allgewaltige Collegium der Jesuiten zuruckbegeben ... Die Strafen, die ihn in diesem Fall dort erwarteten, mussten, wenn er nicht schon fruher Verzeihung gefunden, furchtbare sein deshalb wurde auch von andern die Moglichkeit eines so gewagten Entschlusses bezweifelt ...

Auf Schloss Bex stellte sich der Friede wieder her und die Gegensatze versohnten sich in der einstimmigen Verwerfung eines sittlich Haltungslosen, an den man vergebens Milde, Langmuth, Wohlthaten verschwendet hatte ... Die Schulden, die Terschka beim Obersten nicht getilgt hatte, konnten als Vorwand dienen, in Freiburg nach ihm Erkundigungen einzuziehen .... Man gab dort eine kaltausweichende Antwort ... Der Uebermuth der im Steigen begriffenen klerikalen Partei hatte gerade damals, in der von Burgerkampfen zerrissenen Schweiz, den hochsten Grad erreicht ...

Aber nur noch eine kurze Weile und es schlug die Stunde einer grossen Bewegung ...

Jener dreifachgekronte arme leidende Mann mit dem tucherumwundenen Antlitz auf dem apostolischen Stuhl hatte seinen letzten Seufzer ausgehaucht, wie ihn die Stellvertreter Christi aushauchen einsam, verlassen, in den schauerlich oden Marmorsalen des Vaticans ein dem Reiz nach Neuem allzulang verweilender Gast ... Draussen eine unruhige, grosser Umanderungen harrende Menge, die die neue Bescherung, das beginnende Conclave und den Namen und die Person eines neuen Tragers der Himmelsschlussel erwartet ... Der Sterbende ist dann nur noch eine leere Hulfe ... Nur noch einige geringe Wurdentrager bleiben bei ihm, die auf den Augenblick harren, wo ihnen gewisse Functionen fur den Todesfall der Papste vorgeschrieben sind, das Zerbrechen der Siegel, das Aufbewahren des Fischerrings, das Lautenlassen einer kleinen silbernen Glocke der Peterskirche ... Ertont diese geheimnissvolle Glocke, dann mussen alle Gerichte aufhoren, alle Glocken Roms fallen mit schauerlichem Gelaute ein; auf allen Tribunalen wird die Feder ausgespritzt und nicht die Trauer, sondern die Freude beginnt ... Armer Stellvertreter des Gottessohns! ... Nun verlassen dich die Deinen, die sonst vor dir knieten! ... Nun eilen sie sich, ihre gesammelten Schatze in Sicherheit zu bringen ... Nun schleichen sie schon von deinem Sterbebett, noch ehe du erkaltet bist! .. Noch einmal tastet dein erstarrter Arm nach einem Glockenzug, du jammerst um einen Labetrunk Wassers und niemand will kommen, dir deine verschmachtenden Lippen zu benetzen! ... Wo sind sie, die Koche, die Haushofmeister, die Frauen deines Barbiers, des Allgewaltigen, den du zum Camerlengo erhoben hattest? ... Sie sind beim Packen ihrer Papiere, bergen ihr Gold, ihr Silber ... Sowie das Auge ihres Herrn gebrochen ist, verweist sie die jahrtausendjahrige Regel sofort aus dem Bereich der neuzuluftenden und frisch zu reinigenden Gemacher des Nachfolgers ... Das ist der Brauch, der nach Rom von Byzanz herubergekommen zu sein scheint Im Orient ist d e r T o d d a s G e s e t z , das sich auch auf die Umgebungen eines sterbenden Sultans erstreckt ... Sogar seinem Arzt sieht der sterbende Herr der Kirche an, dass ihn der Unmuth druckt um den Verlust seiner Stelle diese alten Cardinale haben seit Jahren schon ihr Leben auf eigene Art eingerichtet und nichts verpflichtet sie, das Privatleben ihres Vorgangers fortzusetzen oder zu ehren ... Nicht die jugendliche Sorglosigkeit eines geborenen Erben nimmt Besitz vom Throne, nicht die Pietat eines Verwandten, eines Bruders fur einen Bruder, eines Neffen fur seinen Onkel, sondern ein fremder Greis folgt einem fremden Greise, die langjahrige Verwohnung eines Hagestolzen und die vollkommen schon hartnackig eingewurzelte Lebensart eines Cardinals den Gewohnheiten und Launen eines dahingegangenen andern ...

Neun Tage wahrt dann ausserlich Klage und Trauer, aber im Stillen lauft und flustert die Neugier und Intrigue von Haus zu Haus ... Wer wird der Nachfolger sein! ... Couriere kommen und gehen, die Diplomatie halt Besprechungen, Parteien bilden sich, Stimmen werden gezahlt, die Frauen werben und stiften Versohnungen, alte Cardinale vergessen, dass die Aerzte sie langst aufgaben, sie werden jung, haben keine Gicht und keine Wassersucht mehr, die Frivolen werden fromm, die Frommen weltlich ... Welche Gedanken wurden sichtbar werden, wenn diesen Cardinalen (siebzig sollen es sein nach der Zahl der Aeltesten der Stamme Israels), die im Sanct-Peter die Messe um Erlangung des Heiligen Geistes fur die Neuwahl horen, die Decke der demuthig gesenkten Haupter geluftet wurde! ... Nun ziehen sie feierlich in den Quirinal und finden da die wunderlichsten Holzverschlage fur sich hergerichtet ... Schon haben tagelang die Maurer alle Thore des Palastes ausser einem einzigen vermauert, schon sind mindestens zweihundert Fenster in ihren Fugen mit Kalk und Mortel verstrichen ... Die vierzig oder funfzig anwesenden Wahler leben ohne frische Luft, wie ebenso viel Monche, und so lange abgesperrt von der Welt, bis der Geist der Erleuchtung zum Siege, zur richtigen Stimmenzahl geholfen hat ... Sie leben in schnellgezimmerten, auf die langen Corridore verpflanzten Zellen, die aussehen, wie Messbuden ... Jede hat ein kleines Fenster auf den Corridor ... Die unbequeme Lage ist peinlich und unterstutzt die Neigung, einig zu werden ... Hass und Abneigung schwinden mit dem Druck der Entbehrungen ... Fefelotti's Pracht- und Bequemlichkeitsliebe, eingesperrt in einen solchen weihnachtlichen Hirtenstall! Fefelotti ohne die Hulfsmittel nur allein seiner Toilette! ... Der einzige Cardinal Vincente Ambrosi und einige Ordensgenerale mochten wenig den Unterschied von ihrer gewohnten Lebensweise spuren ...

An dem Hauptthor, gegenuber den Rossen des Monte-Cavallo, sind vier Oeffnungen mit Drehradern angebracht, durch welche die Speisen eingeschoben werden ... Die Massen des Tag und Nacht ringslagernden Volkes sehen es wohl Fefelotti entbehrt kein einziges seiner Leibgerichte; die verdeckte Tragbahre verbreitet den kostlichsten Duft ... Aber der seither Allmachtige muss sich gefallen lassen, dass ein mit der polizeilichen Controle des Conclaves seit Jahrhunderten betrauter Furst Chigi jede Pastete mit eigener Hand aufschneidet und sich uberzeugt, ob sie im Fullsel nichts Geschriebenes enthalt, keinen Brief vom Staatskanzler des Kaisers von Oesterreich, keine Mahnung aus Frankreich oder Spanien, kein Billet einer Verehrerin, die auf dem Corso Francesco angstklopfenden Herzens wohnt und Mittel und Wege sucht, mit den heiligen Holzverschlagen in Verbindung zu bleiben und die Stimmen zu addiren, ja von aussen her den Cardinalbischof von Ostia mit dem Cardinalgeneral der Kapuziner, den Cardinaldiakon der Santa-Maria in Via Lata mit dem Cardinalpriester von Santa-Maria della Pace zu versohnen ... Hulfe, Hulfe durch die fremden, noch nicht angekommenen Cardinale! schrieb Fefelotti in einer mit der Grafin Sarzana verabredeten Chiffreschrift, die aus Compotkirschkernen, Geflugelknochelchen und andern Resten seiner Mahlzeit bestand ... Die Antworten ertheilte ihm die Grafin und manche andere seiner Angehorigen unter der Etikette jener Weine, die ihm nicht vorenthalten werden durften ... Furst Chigi betrachtete jede Flasche am Lichte, ob sich nicht im Burgunder vielleicht unterm Kork ein verdachtiges Telegramm befand die Etiketten abzureissen unterliess sein Mitleid mit einem Manne, der nicht einerlei Wein geniessen konnte und ohne Etikette vielleicht die Sorten verwechselte ...

Anfanglich hatte der gottselige, heiligstrenge Sinn des Huters der Katakomben und Reliquien, des Cardinals Vincente Ambrosi, des geheimnissvollen Fluchtlings vor dem Eremiten von Castellungo, des Beichtvaters der kleinen Olympia Maldachini, des Gefangenen im Kerker des heiligen Bartholomaus von Saluzzo und des dem Erzbischof von Coni seit sieben Jahren innigstverbundenen Freundes die allermeisten Hoffnungen ... Aber eigenthumlich, wie selbst die Frommsten und Trefflichsten unter den heiligen Wahlern nicht ganz der Meinung leben, dass der zu Wahlende ein durchgreifender Reformator sein musse ... Man wollte denen, die nur einen politischen Kopf, einen Lenker des Kirchenstaats, einen Politiker im Geist der Cabinete Neapels und Modenas begehrten, ebenso wenig das Feld raumen, wie einer kleinen Anzahl, die uberzeugt war, es musste ein Freund der neuen politischen Ideen, der Hoffnungen Italiens gewahlt werden ... Die Verwirrung wurde die grosste ... Darin aber waren alle, jetzt wie immer, einig, dass der Stellvertreter Christi ein Mittelwesen zwischen Hart und Weich, zwischen Strenge und Milde sein musste Nicht zu heilig und nicht zu weltlich ! Nil humani a me alienum! die Losung ... Fefelotti tauschte sich indessen grundlich ... Bei jedem Scrutinium schmolz seine Stimmenzahl ... Auf die besten Freunde war kein Verlass mehr ... Fefelotti legte sich ins Bett, um durch Abwesenheit zu schrecken; dann, als dies Mittel fehl schlug, erklarte er sich fur in Wahrheit krank, so krank, dass man ihn nach Hause tragen sollte nach der Praxis fruherer Wahlen war das eine erwagenswerthe Empfehlung denn um so schneller machte er einem Nachfolger Platz ... Vergebens Die Cardinale lachten Fefelotti regierte draussen die katholische Christenheit, aber nicht mehr funf Stimmen im Conclave und er bedurfte zwei Drittel aller Stimmen! ...

Seit sieben Jahren war Cardinal Vincente Ambrosi aus seiner fruher im Monchsgewand so passiven Rolle mit uberraschender Energie herausgetreten ... Er hatte die Hoffnungen aller seiner Protectoren getauscht ... Schon vor sieben Jahren hatte der junge Cardinal mit Entschiedenheit Bonaventura's Partei genommen und diesem kurz vor Lucindens Einsegnung in der Apostelkirche mit unverhohlener Freude die Botschaft einer Genugthuung gebracht, die ihm der Heilige Vater mit Einsetzung auf Fefelotti's verlassenen Hirtensitz schenkte ... Ambrosi, nun schon graulockig, aber immer noch der "Ganymed unter den Cardinalen" genannt, trat bei allen Gelegenheiten hervor, wo irgendein Misbrauch abgestellt oder wenigstens offentlich gerugt wurde ... Er sowol wie der Erzbischof von Coni, dann ein neuer General der Dominicaner, auch der General der Theatiner und mehre erste Pfarrer Roms, galten fur muthige Kampfer gegen die Herrschaft der Jesuiten ... Nachdem noch selbst Cardinal Ceccone gegen sie gestritten hatte, war mit Fefelotti Schule, Haus, Kirche, diesseitiges und jenseitiges Leben dem Al-Gesu gebunden in die Hande gegeben worden ... Man trug zwar ruhig, man beugte sich dem Joch Fefelotti's, das schwerer noch druckte, als das Ceccone's; im Conclave aber horte plotzlich alle Verstellung auf ... Da zitterten die Machtigen, da erhoben sich die Schwachen ... Nehmt Ambrosi oder mich! donnerte der lange weissbartige, kahlkopfige General der Kapuziner, ein mit kaustischem Witz begabter Greis ... Sich selbst zu empfehlen, seine eigenen Tugenden zu preisen ist im Conclave durchaus erlaubt ... Das wispert dann nachts auf den langen Corridoren ... Da schleichen die schlaflosen Greise von Thur zu Thur; da wird geflustert und hoch und theuer geschworen und Vortheile werden versprochen und die Stimmen schon fur kunftige Aemter und Einnahmen ver- und erkauft ... Ambrosi hatte bereits zwanzig Stimmen und bot sie dem General der Kapuziner ... Daruber gerieth das Conclave in Entsetzen ... Der? hiess es. Ein neuer Sixtus V., der Radern und Kopfen zur Tagesordnung macht! Nimmermehr! scholl es durch die Bretterwande und verdriesslich legte sich nun auch dieser Alte ins Bett und brummte: Wahlt wen ihr wollt! ... Als er sich bald in sein Schicksal gefunden hatte, pochte der General der Dominicaner, der die Jesuiten uber alles hasste, an seine Thur und bat: Bruder, wollt Ihr denn das Feld verlassen? Wahlen wir doch wenigstens einen, der uns vom Al-Gesu befreit! ... Der alte Kapuziner erwiderte: Ihr seht ja, wie sie ihm alle verkauft sind! Aber ihr habt Recht! Wollen wir nicht ganz erliegen, schlagt eine Tabula rasa vor, einen Menschen, von dem bisher nichts gesprochen wurde! Einen Menschen, der unter uns ist und den Niemand kennt! Geht alle Namen durch und von wem ihr nicht wisst, ob er Jesuit oder Carbonaro oder Theologe oder Heide ist, den ruft durch Inspiration aus! ... Das Ausrufen durch Inspiration ist eine eigenthumliche Wahlmethode; mitten im Debattiren, Beten, Singen springt plotzlich ein Inspirirter auf und ruft: N.N. soll es sein! ... Diese an Luft, Bewegung, ihre hausliche Ordnung gewohnten Greise sind durch ihr gefangenes Beisammenleben und die stete Spannung dann so nervenerregt, dass solche Rufe zuweilen Erfolg hatten und unter Scenen krankhafter Verzuckung Wahlen durch Acclamation zu Stande kamen ...

Der Kapuziner kannte selbst keine solche Tabula rasa ... Aber General Lanfranco kannte eine ... Es gab einen der jungern Cardinale, der wahrend aller dieser nun schon mehrtagigen Kampfe der eingesperrten Priester wenig gesprochen hatte und als Erzbischof aus der Provinz den meisten unbekannt geblieben war ... Jeder dieser Gepurpurten hatte schon eine lange Chronik seines Lebens, der heilige Cardinal der Katakomben die allbekannteste ... Von diesem aber wusste man nur, dass er einem Grafengeschlecht in einer kleinen Stadt an der nordlichen Meereskuste, dem Schauplatz der Thaten Grizzifalcone's, angehorte, in seiner Jugend an dem Uebel der fallenden Sucht gelitten hatte, darum sowol vom Eintritt bei der papstlichen Nobelgarde, wie anfangs vom Priesterstande abgewiesen wurde, dann in die besondere Pflege vornehmer Frauen gerieth und durch deren Betrieb endlich auch zum Priesteramte zugelassen wurde. Durch das Gebet der Furstin Colonna verlor er jene Krankheit ... Vollends verlor er sie durch eine Seereise, eine Reise nach Amerika ... Zuruckgekehrt erklomm er eine Wurde nach der andern und um Rom hatte er sich als Erzbischof von Spoleto das besondere Verdienst erworben, dass er einen Revolutionshaufen unter Anfuhrung Louis Napoleon's durch Zahlung von 6000 Scudi an den Freund desselben, Sebregondi, von ihrem Marsch auf Rom zuruckgehalten haben soll1...

Der Erwahlte fiel in Ohnmacht, als auf begeisterte Empfehlung Ambrosi's und der beiden Generale aus dem Scrutinium mit der vollen Stimmenzahl sein Name hervorging ... Beinahe hatte sich gezeigt, dass das Gebet der Furstin Colonna und die Seereise noch nicht die volle Wirkung erlangt hatten ... Alle musste es ruhren, dass, nachdem man sich zugeflustert hatte, in der ewigen Stadt ware einst ein Jungling verzweifelnd am Strande der Tiber auf- und niedergegangen in der Absicht sich in die Wogen zu sturzen Militar und Klerus hatten ihn um sein bemitleidenswerthes Korperleiden abgewiesen nun das Schicksal in dieser selben Stadt die dreifache Krone auf sein Haupt hob! ... Der Erwahlte erholte sich in den Armen Ambrosi's und der Ordensgenerale; man legte ihm die Kleider seiner neuen Wurde an und nannte ihn der Welt und zeigte ihn den Volkern ...

Dem Stuhl Petri, sagt man, naht sein Verhangniss ... Diesmal erst hatte ihn ein Anhanger jener Partei bestiegen, die damals in Bertinazzi's Loge vom Kohlenbrenner es war Pater Ventura die der Phantasten genannt wurde ... Durch den Patriarchen von Rom sollte vorerst nur Italien erlost und die katholische Christenheit uber das allen Volkern ihre Freiheit raubende Wirken der Jesuiten beruhigt werden ... Liebenswurdig ist der Eindruck jedes guten und glaubigen Willens ... Wie im rosigen Lichte schwimmt noch jede auf ihn gesetzte Hoffnung ... Will sie scheitern, so muht sich die edle Absicht, ihr den Sieg zu erleichtern, wirft aus dem zu schweren Fahrzeug Ballast uber Ballast, will nur das Gluck, nur den Erfolg, nur den Sieg, den ewigen Sonnenschein ... Umrauscht vom jauchzenden Zuruf der Volker hebt sich dann die Brust und wagt und wagt und wofur sonst jeder Wille gefehlt haben wurde, doch wird es vollzogen; Vertrauen heisst die Hand, die den Zagenden weiter und weiter fuhrt; schon kann er das Lauten der Glocken, die Freudenfeuer, die donnernden Salven der Geschutze, das tausendstimmige Hoch der Liebe nicht mehr entbehren ... Der neue Zauberer vollzog das Verhangniss eines Wunderthaters von grosserer Macht, der uber die Geschicke der Menschen thront ... In der That brachte nach Italien die erste Botschaft vom Evangelium der Freiheit ein Papst ...

Doch es war und blieb eine phantastische Wahl! ... Ein junger Student, ein Graf, ein neugekleideter Priester hatte einst auf dem Marktplatz zu Sinigaglia nachts seine Predigten gehalten, unter freiem Sternenhimmel umgeben von erleuchteten, mit Tausenden von Menschen geschmuckten Fenstern, an einem improvisirten Altar, auf dem im Augenblick, wo in poetischen Bildern von seinem beredten Munde das Fegefeuer geschildert wurde, eine grosse Schale von Spiritus angezundet wurde, sodass hoch die blaue Flamme aufschlug und den Platz, die Fenster, das Antlitz aller Horer geisterhaft beleuchtete2... Nun aber schlugen freilich andere Flammen auf ... Erst wurden die Kerker geoffnet, die Verbannten zuruckgerufen ... Bertinazzi hatte bis dahin auf der Engelsburg geschmachtet; er wurde im Triumph durch die Strassen gezogen ... Die wenigen, die sich damals, als Benno gefangen genommen wurde, durch eine Versenkung retteten Graf Sarzana hatte zu ihnen gehort, Benno hatte sich in dem Leichenbruder nicht geirrt waren grosstenteils nach England gefluchtet und kehrten nun zuruck ... Auch Sarzana, der, wie man sagte, "aus Misverstandniss" der Morder Ceccone's geworden, kehrte heim Benno dachte oft an sein stilles Tibergesprach mit dem Unheimlichen "uber die misverstandlichen Morde zur Cholerazeit" ... Die Herzogin von Amarillas, die Furstin Rucca, auch Casar Montalto kamen von London ... Rom war uberfullt mit Fremden, mit Fluchtlingen, Enthusiasten ... Die Freudenbezeugungen, die Feste, die Ovationen nahmen kein Ende ... Waren es doch die Theaterflammen vom Markte zu Sinigaglia ? ...

Anfangs machten sich die Ereignisse von selbst ... Es gibt Zeiten, die ohne Hinzuthun von Menschenwitz nur die Additionen der Vergangenheit sind ... Das Anathem, das uber so vieles bisher geschleudert worden, wurde ihm jetzt von selbst zum Segen ... Nicht blos die Eisenbahnen wurden von dem Bann der Gottlosigkeit, der auf ihnen ruhen sollte, befreit, nicht blos die von Rom als Teufelswerk verworfene Gasbeleuchtung; nicht blos die "materiellen Fortschritte des neunzehnten Jahrhunderts", wie Thiebold mit Satisfaction sagte, wurden anerkannt ... Pater Ventura General der Theatiner predigte und entflammte das Volk auf offener Strasse mit noch viel weiter greifenden Aufklarungen uber die neue Zeit ... Im Coliseum, wie Klingsohr einst verlangt hatte, sprach Ventura's flammende Beredsamkeit und erlauterte den Romern, was ihrer geringen Bildung zu begreifen fast noch versagt war ... Ein Fuhrmann aus Trastevere, Brunetti, der jene Schenke liebte, wo Benno damals den Orvieto getrunken, ein Freund des Wirths, dessen Weinkeller mit dem Bertinazzi's in Verbindung stand und damals die Flucht eines Theils der Verschworenen ermoglichte, Retter des "Kohlenbrenners", des Grafen Terenzio Mamiani, des Advocaten Pietro Renzi, die alle bei Bertinazzi zum "jungen Italien" geschworen hatten, schwang sich auf seinen zweiradrigen Karren und wurde ein so beliebter Volksredner, dass sein Ruf als "kleiner Cicero" (Ciceruacchio) durch die Welt erscholl ... Freisinnige innere Reformen wurden versucht ... Der alte Rucca, ohnehin entsetzt uber die Ruckkehr seiner Schwiegertochter aus London, wo sie fast das ganze Vermogen ihres Onkels, des Cardinals, vergeudet hatte, verlor die Pacht her Zolle, die ihm Fefelotti bereits fur den ganzen Kirchenstaat verschafft hatte ... Der Schrecken und der Widerspruch der Cardinale, die Besorgniss der Gesandten wurde durch vorsichtige Allocutionen niedergehalten ... Die Amnestie fand ihre unbeschrankte Ausfuhrung ... Aus Beethoven's "Fidelio" kennt ihr jene ruhrenden Zuge von Staatsgefangenen Schaaren, zerlumpt, verhungert, hohlaugig, gingen so aus den uberfullten Kerkern hervor ... Das Volk holte sie im Triumph, hob sie auf Wagen, schmuckte und bekranzte sie ... Burgerwachen wurden gebildet ... Ja eine Aussicht auf eine Reprasentativverfassung zeigte sich, als eines Morgens ein Decret die Vorstande der Provinzen aufforderte, Manner des offentlichen Vertrauens zu bezeichnen, die die Regierung in den nothwendigen Reformen des Kirchenstaats durch Rath und That unterstutzen sollten ... Die Bewegung griff weiter und weiter ... In der That bewahrte sich, wie noch die Welt durch Rom getragen und regiert wird ... Mit dem, wie sonst im Schlechten, so hier im Guten sich gleichbleibenden Zauber Roms griff die Bewegung uber Italien hinaus, sturzte den Julithron, rief in Frankreich die Republik hervor, brach die Knechtschaft Deutschlands, verjagte den Staatskanzler, entfesselte alle Volker, die in unnaturlicher Zusammenkoppelung zu dynastischen Zwecken mit Aufgebung ihrer eigenen Nationalitat um so weniger langer leben mochten, als gerade die zunehmende Forderung der Volksbildung an nichts anderes zunachst angeknupft hatte, als an die Erhebung des Sinns fur Sprache, Geschichte, eigenthumliche Volkslebensart ... Auch Dalschefski und der nunmehr ganz zusammengegangene, mumienhaft vertrocknete Luigi Biancchi kamen vom Spielberg herunter und Resi Kuchelmeister weinte in ihren Armen ... Auch sie gingen nach Rom, wo aus London Marco Biancchi eintraf Napoleone blieb bei seinen Gipsfiguren, bei seiner Giuseppina, seinen Kindern und Ersparnissen in Deutschland und ohnehin war er mit seiner Tochter Porzia Hedemann gespannt. Sie hatte sich nicht bereit finden lassen, in Witoborn ein Depot fur seine Heiligen zu ubernehmen ... Da aber bangte dem nachtlichen Schwarmer vom Marktplatz zu Sinigaglia ... Die blaue Theaterflamme war ihm wider Willen zu einem Fegefeuer schon hienieden fur Gut und Bose geworden ...

Grosser und grosser wurde der Druck der Mahnungen von Fursten und Staatsmannern auf den Trager der dreifachen Krone ... Immer weiter griff der Zwiespalt im geheimen Consistorium ... Fefelotti, das AlGesu, dessen Bewohner sich beim ersten Anbruch der grossen Veranderungen gefluchtet hatten (die jesuitischen Rundhute sind seitdem ganz in Italien abgeschafft und eckige geworden wie die Hute aller andern Priester), alle Vertreter des geistigen und weltlichen Despotismus suchten den dreifach gekronten Schwarmer zur Besinnung zu bringen ... In der That stutzte er ... Seine Wonne war zu sehr nur die aussere Acclamation gewesen ... Diese blieb schon zuweilen aus; der tausendstimmige Mund des Volks schwieg zuweilen bei seinen Segnungen und solche Krankungen wurzeln im Gemuth eines Mannes, der, wie alle Italiener, den Beifall liebt ... Schon schmollte er zuweilen ... Er fand Freunde und Freundinnen, die sein Schmollen fur gerecht nahmen ... Noch nannte er seine Erfahrungen die gewohnlichen Belohnungen des Undanks ... Mit der Zeit vergrosserte sich die Zahl derjenigen, die mit ihm nicht gern in der Minoritat standen ... Endlich sollte gar sein kleines Heer zu den Kampfern stossen, die Oesterreich gegenuber mit den Waffen behaupten wollten, was bisher nur in Liedern gesungen, in Declamationen gesprochen worden ... Da fing die Hand, die die Fahnen zum Unabhangigkeitskriege segnen sollte, zu zittern an ... Die Zeit der Dictatoren, der Consuln und Tribunen Roms mit dem ganzen Gefolge der Demuthigungen des geistlichen Primats schien im Anzuge ... Nun rief der Heilige Vater vom Balcon des Quirinal herab: "Gewisse Rufe, die nicht vom Volke, sondern von wenigen herruhren, k a n n ich, d a r f ich, w i l l ich nicht horen!" ...

Es sanken die Fahnen der Erhebung Italiens gegen Oesterreich ... Die von Sardinien erhobenen Banner mit dem weissen Malteserkreuz zersplitterten ... Das "Schwert Italiens" brach in Stucke ... Das hatt' ich nimmermehr gewollt! erklarte der Zauberer aller dieser Sturme; Prospero, der Beherrscher der Winde, ging zum Sieger uber ... Er dachte noch nicht wieder an Fefelotti, den er hasste; noch bot eine starke Hand, die den Nachen Petri retten sollte, Pellegrino Rossi ... Als dieser vom Dolch eines Morders durchbohrt, der Vatican von einer Revolution belagert wurde, Kugeln in die Gemacher des Stellvertreters Christi flogen da verkleidete sich der Ueberwundene in den Diener eines deutschen Grafen, tauschte seine Wachter und uberliess die ewige Stadt ihrem Verhangniss, den Siegern, den Bertinazzis, Venturas, Sarzanas, allen denen, die auf Crucifix, Todtenkopf und Rosenkranz geschworen hatten fur eine Sache, der sie jetzt auf dem Capitol als Racher sassen Sarzana, das wusste jetzt alle Welt, hatte an Ceccone die geheiligte Rache eines Italieners geubt ...

Rom war eine Republik geworden und stand unter dem Bann der kirchlichen Excommunication ... Die Stadt selbst kummerte die Ungnade des Himmels wenig; in einem mit Priestern und Monchen uberfullten Lande fanden sich Hande genug, die die nothwendigsten Sacramente ertheilten ... Das "Schwert Italiens" rustete sich am Fuss der Alpen zu einem zweiten Gange ... Viele Fluchtlinge der Staaten, wo die fruhere Ordnung schon wiederhergestellt war, stromten nach Rom ... Casar von Montalto Italiener geworden nach manchem bittern Seelenkampfe nun schon mit ergrauendem Haar, fehlte nicht unter denen, deren Namen bei Wahlversammlungen und Ehrenamtern auftauchten ...

Alles das verlautete nach und nach bis zum Genfersee dann aber nach Nizza hin, wohin man von Schloss Bex in der That ubersiedelte ...

Monika hatte sich anfangs selbst in diese Bewegung sturzen mogen ... So vieles sah sie, was, bei aller Uebereinstimmung, doch noch, nach ihrer Meinung, anders, besonnener, vorsichtiger hatte unternommen sein konnen ... Jener Trieb, der 1793 eine Manon Roland in den Rath der Manner und aufs Schaffot fuhrte, regt sich in grossen Krisen bei jeder Frau von Geist und keine grosse Begebenheit der Geschichte ist ohne die Mitwirkung der Frauen geblieben ... Aber die Besorgniss um den Gatten, die Rucksicht auf den dahinsiechenden Hedemann, die Gewohnung an die biblischen Auffassungen der Ergebung in den Rathschluss Gottes hinderten die Ausfuhrung der sich anfangs wirr durchkreuzenden Entschlusse, die zuletzt nur am Ziel einer Entausserung des Schlosses Bex anlangten ...

Als die Franzosen der Republik gegen die Republik Rom zogen, sah die Familie von Nizzas Molo aus die leuchtenden Segel ihrer Flotte ...

Nizzas mildes Klima war fur den Winter dem leidenden Freunde von einigem Nutzen gewesen ... Der Oberst und Monika verschlangen die Zeitungen des Cafe Royal ... Armgart hatte sich dem Zeichnen und Malen ergeben und horte aus der Welt nur das Allernothwendigste ... Sie wohnten in einem Gartenhause, nicht weit vom Ufer des Meeres ... Tag und Nacht vernahmen sie den gleichmassigen Schlag der Wogen an das Gemauer der Meerterrasse ... Einen Winter gab es hier nicht ... Selbst im Januar konnte Armgart im Freien, unter dem immergrunen Laub von Lebenseichen ihre kleinen Landschaftsskizzen ausfuhren, wahrend Erdmuthe, Porzia's Kind, um sie her auf den mit zerbrockeltem Marmorkalk bestreuten Wegen zwischen den buchsbaumumfriedigten Beeten des kleinen Ziergartens sich tummelte ... Armgart horte, dass in Rom drei Manner das Heft in Handen hielten, Terschka's fruherer Beschutzer, nach dem Untergang der Bandiera entschiedenster Gegner Mazzini, mit ihm Saffi und Armellini ... Graf Sarzana befehligte einen Theil des Heeres ... Oft wurde Casar Montalto genannt einmal als Befehlshaber einer Truppenabtheilung, die in den Umgebungen Porto d'Ascolis eine Gegenrevolution unterdruckte; die Rauberelemente wurden noch immer benutzt, um den gesturzten Machthabern als Anhalt zu dienen und an andern Orten wurde, eine Veranstaltung derselben Intrigue, der Fanatismus bis zur Schreckensherrschaft gesteigert Opfer uber Opfer fielen dann unter den Dolchen dieser wahnsinnig Gemachten oder Erkauften ... Alles das waren bekannte Stratageme aus dem geheimen, allerdings ungeschriebenen, aber praktisch vorhandenen Codex der Monita secreta Loyola's ...

In diese Schrecken der aufgeregten Leidenschaft donnerten nun die Kanonen der Belagerung Roms ... Die Hohe, bis zu der die Bewegung durch Rom gekommen, sollte selbst in den Augen der franzosischen Republik aufhoren, die sich schon fur den Uebergang zum Kaiserreich rustete ... Wir kommen als Freunde! riefen die Abgeordneten der Franzosen aber Rom antwortete durch eine Rustung zum Kampf auf Leben und Tod ... Avezzana, Garibaldi, Sarzana befehligten ... Der Kampf entbrannte an der Porta San-Pancrazio zu einer Schlacht ... Die Romer siegten ... Die Franzosen, ohne Enthusiasmus fur ihre Aufgabe, zogen sich zuruck ... Vom Norden kamen die Heersaulen Oesterreichs, vom Suden die des Konigs von Neapel ... Spanier landeten und die Franzosen erhielten Verstarkung ... Vergebens rief das romische Triumvirat: "Ein fester Zug waltet im Herzen des romischen Volkes: der Hass gegen die Priesterherrschaft, unter welcher Form sie auch auftrete, der Widerwille gegen die weltliche Herrschaft der Papste!"3... Der Kampf entbrannte aufs neue ... Die Franzosen nahmen die Villa Pamfili und die Villa Corsini ... Garibaldi sturzte sich mit seiner italienischen Legion auf die letztere und liess sie wieder im Sturm angreifen ... Drei Stunden der aussersten Anstrengung und es gelang, die Franzosen von den Wallen zu vertreiben, zwolfhundert Todte bedeckten das Feld; wieder war der Sieg den Belagerten geblieben ... Aber die Uebermacht war zu gross; nicht endender Kanonendonner verwirrte die Gemuther; gluhende Bomben flogen bei Tag und bei Nacht, die Luft war ein Feuermeer; unter Schrecken, die dem entsetzten Volk dem Weltuntergang gleichzukommen schienen, liessen sich uber Rauch und Trummern die ersten Franzosen in der Stadt sehen ... Am 2. Juli empfing Oudinot die Capitulation ...

Noch vor diesem Tage, wahrend sich das blutige Schauspiel des untergehenden republikanischen Roms vollzog, hatte sich die Aufregung der Gemuther nicht langer in Nizza beruhigen konnen ... Der Aufenthalt daselbst war ohnehin im Sommer zu widerrathen. Trockene scharfe Winde wehen von den Alpen her, die Luft ist heiss, sparlich die Erquickung des Schattens, der kreidige Boden setzt einen dem Athem beschwerlichen beizenden Staub ab die kleine Colonie suchte sich durch Ausfluge in die Berge zu helfen, suchte die kuhleren, von einer uppigen Vegetation geschmuckten Schluchten der Cimies auf aber das Steigen ermudete Hedemann ... Blieb er auch meist daheim und athmete die Blumendufte zahlloser Garten, wo allabendlich Tausende von Orangebluten frisch gebrochen in die Fabriken kunstlicher Duftgewasser getragen werden alles das, was man von Schonheit und Wohlbehagen als Grund zum Bleiben sich einredete, half zuletzt nichts, um die grosse Vereinsamung der Gemuther zu verbergen ... Nun schrieben Paula und ihr Gatte von Grafin Erdmuthens zunehmender Schwache, von einer bedenklichen Erkrankung, bevorstehender Auflosung, vom dringendsten Verlangen der Grafin, sie alle noch einmal zu sehen nun beschloss man, die bisher aufrechterhaltenen Ueberzeugungen uber die Schwierigkeit dieser Begegnungen, alle Grunde dieses gegenseitigen langen Vermeidens zu durchbrechen und die Reise anzutreten ... Paula war von ihrem magnetischen Leben befreit ... Was die Nahe des Erzbischofs nicht mehr hervorrief, konnte doch wol nicht mehr der Oberst wecken ...

Zu den Beweggrunden der Reise gesellte sich ein nicht zu unterdruckendes Interesse fur Benno von Asselyn ... Bellona's Sichel war in machtiger Arbeit ... Graf Sarzana befand sich bereits, hiess es, unter den Gefallenen ... Benno's Schicksal wurde selbst in Paula's Briefen fur eine gemeinsame Sorge erklart ... Armgart irrte oft einsam wie die Move am Meeresstrand ... Entsagt ein Frauenherz, so bildet sich mit den Jahren ein Cultus des Gemuths, der unbewusst die Rechte auf sein Verlorenes ubertreibt, ja sich das, was nie besessen und genossen, wie ein wirkliches, ein volles Gluck ausmalt ...

Und so erklomm denn jetzt die kleine, aus so eigenthumlichen Elementen bestehende Colonie den Col de Tende ...

Sie alle trugen uber die Felsen hinweg eine Welt voll Trauer ... Ihr Innerstes war schwerbeladen und doch schienen sie am Nachsten interessirt ... An Steinen, an Blumen, am Plaudern des Kindes ... Weiss man denn, was von den Fahigkeiten unserer Natur mehr zu hassen ist, die schnelle Gewohnung an Gluck oder die schnelle Gewohnung an Ungluck! ...

Nun ist die Hohe erreicht ... Aber der niederwartsgehende Weg blieb noch unabsehbar bis zu den grunen prangenden Thalern, die erwartet werden durften ...

Kahle und ode Gesteine ringsum ... Einsame Sennerhutten wechseln mit Holzschuppen, Zufluchtstatten des Wanderers im Wintersturm ... Machtige Steine mussen an ihnen die Schindelbedachung gegen die Sturme festhalten ... Zwischen Felsen und Wassersturzen, oft wunderbaren Lichtungen, wo uberrascht der Blick bis in die Cottischen Alpen hinuberschweift, zwischen Resten alter Romerbauten und zerbrochenen Schlossern der rauhesten Zeit des Mittelalters hindurch, war dann endlich gegen Mitternacht das Stadtchen Limone erreicht ...

Hier uberraschte die Reisenden Graf Hugo, der die Aufmerksamkeit gehabt hatte, ihnen entgegenzukommen ... Er kam ohne Paula ... Der alte freundliche, herzliche Ton der Bewillkommnung half sogleich uber die lange Reihe von Jahren hinweg, wo man sich nicht gesehen hatte ... Armgart und der Graf sahen sich sogar zum ersten mal Sie staunten einander an ... Das ist das Grosse im Menschen zwei erdgeborene hulflose Wesen konnen sich betrachten, wie ein nur einmal in der Welt vorhandenes Schauspiel der Natur und wie eine Begebenheit, die so, wie in dieser Erscheinung, nirgend und niemals wiederkehrt ...

Nach einer Versicherung des Grafen, dass die Mutter noch einige Tage leben wurde, uberliessen sich die Ermudeten dem aufgethurmten Maisstroh in einem Wirthshause, das in Limone! den Namen fuhrte "Grand Hotel de l'Europe" ...

Fussnoten

1 1831. 2 Preliminaires de la Question Romaine. London 1860. 3 Note an Lesseps vom 16. Mai 1849.

4.

Im Widerspruch mit dem im goldensten Sonnenglanz strahlenden Limone lag am fruhen Morgen auf den Mienen der nach so langer Trennung sich Begrussenden der Ausdruck der Trauer ... Die Ankommlinge sahen wohl, dass den Grafen gestern nur die Besorgniss, die von seiner Mutter so heissersehnten Freunde mochten nicht mehr rechtzeitig eintreffen, bis nach Limone getrieben hatte, von wo er uber den Col Stafetten aussenden wollte, als sie dann endlich ankamen ... In erster Morgendammerung hatte ein reitender Bote den Wink des Arztes gebracht, dass seine eigene Ruckkehr zu beschleunigen war ...

Graf Hugo hatte gealtert ... Sein braunes Lockenhaar war lichter geworden und an vielen Stellen ergraut ... Die stattliche Haltung war der zuruckgebliebenen Gewohnheit seines militarischen Standes zuzuschreiben; seiner Stimmung entsprach sie nicht ... An seinen Antworten auf Monika's Bewunderung der entzuckenden Gegend sah man, dass Schloss Castellungo ein Ort der Trauer war ... Auch Paula war, erfuhren sie, von Coni, wo sie wohnte, heraufgekommen und harrte ihrer in Castellungo ...

Der italienischen Sitte gemass, wo Rang und Reichthum ihren aussern Ausdruck finden mussen, fuhr mit dem Reisewagen des Obersten auch ein Staatswagen, ein Viergespann prachtiger Rosse vor und erlaubte die Theilung der Gesellschaft ... Obgleich sich Armgart zum Grafen hingezogen fuhlte, blieb sie doch bei den Hedemanns ... Monika, der Oberst, Graf Hugo nahmen die Platze der offenen grossen Equipage ein, die von einem buntgekleideten Kutscher vom Sattel aus gefuhrt wurde ... Zwei Bediente leuchteten in neuen Livreen mit den Dorste'schen Farben ... Man konnte sich nach Westerhof versetzt glauben, wenn die schone Natur und der blaue Himmel nicht zu sehr an die Gluckseligkeit Italiens erinnert hatte ...

Die Gesprache ringsum, schon im Gasthof und im Stadtchen, beruhrten auch die Weltbegebenheiten ... Armgart hatte gehort, dass die Kampfe in Rom zwar noch fortdauerten, aber schon fur die Republik hoffnungslos waren ... An einem geheimen Blick der Aeltern sah sie, dass auch von Benno gesprochen wurde ... Zitternd stand sie, mochte horen und auch nicht jetzt sass sie abwesend, fast fiebernd, auch in Folge der gestrigen Anstrengung und einer nur kurzen Nachtruhe .... Neben ihr suchte sich Porzia, in den Wonneschauern des Wiedersehens ihrer Heimat, durch ein Durcheinandersprechen zu helfen; sie erklarte, jedes Haus, jede Muhle und grusste jeden Vorubergehenden, als musste sie noch von allen gekannt sein ... Erdmuthe langte nach den Fruchten, die aus den Garten blinkten Armgart nahm sie auf den Schoos, um sie zuruckzuhalten ... Dabei schwankte sie doch selbst vor Freude und Bangen in ihrer hochgespannten Brust ...

Nach zweistundiger Fahrt, die unter Kastanienund Nussbaumen, oft wie unter dem Laubdach eines Parkes dahinging, hielt plotzlich der vorausfahrende Wagen des Grafen ... Eine Biegung des zuweilen von rauschenden Bergwassern unterbrochenen Weges verhinderte noch, die Ursache des Haltens zu entdekken ... Als Armgart's Wagen naher gekommen war, sah sie unter einer Pflanzung von Eichen, die am Wege auf einer grunen Boschung standen, eine Gruppe sich herzlich Bewillkommnender ... Eine Dame, die, vom blauen Sonnenather sich abhebend, hingegeben in den Armen des Vaters und der Mutter lag und doch zugleich mit einem weissen Tuch in die Ferne wehte, um die noch Zuruckgebliebenen schon zu begrussen, konnte wol nur Paula sein ...

Im ersten Augenblick hatte Armgart laut rufen und alle ihre krampfhaft zusammengedrangten Empfindungen in einem Schrei losen mogen ... Ihr Wagen flog jetzt dahin und hielt ... Der Schlag wurde geoffnet; sie schwebte, sie wusste nicht wie ... Paula lag uberwaltigt in ihren Armen und senkte ihr Haupt auf die Schultern der athemlosen Freundin ...

Dass beide weinten, trotz der Freude lag es nur allein im Hinblick auf die Sterbende in Castellungo? ... Angenommen wurde es ... Ihr krampfhaftes, in kurzen Satzen erfolgendes Schluchzen, das beiden ihre Empfindungen erleichterte, sagte wol mehr ...

Ein dritter Wagen, mit dem nun noch Paula gekommen war, nahm diese und Armgart allein auf ... Sie wollten fur sich und hinter allen zuruckbleiben ... Die andern, dabei eine Italienerin, Begleiterin Paula's, fuhren voraus ... Nun erst begrussten sich die Freundinnen ganz so, wie sie es fur sich allein bedurften; nun erst sahen sie, was sie inzwischen geworden sie spiegelten sich in ihren thranenblinkenden Augen ... Paula trug keine Locken mehr ... Sie bot vollkommen das Bild einer Dreissigjahrigen ... Sie war noch nicht verbluht, hatte aber Linien des Grams auf ihrer Stirn und um den Mund jene Einschnitte, die nicht mehr weichen wollen ... Ein leichter, mit blauen Florentinerblumen geschmuckter Strohhut umrahmte ihr edles Antlitz ... Die Freundinnen pruften sich fort und fort, Auge in Auge ... Wer beide beobachtete, konnte zweifelnd bleiben: Sind das zwei Jungfrauen oder zwei Witwen? ...

Das also das Land deiner Verheissungen! ... Das das Land deiner Traume ... begann Armgart sich nun erst findend und in der immer paradiesischeren Gegend umblickend ...

Der Bediente war auf die andern Wagen geschickt worden ... Der Kutscher hatte mit seinen Rossen zu thun ... Die Freundinnen konnten annehmen, dass sie allein waren ...

Seit ich hier bin, traum' ich schon lange nicht mehr, erwiderte Paula ... Ich sehe irdisch wie alle ... Die Luft dieser Berge ist gesund ... Du und die Aeltern, alle musst ihr nun bei uns bleiben ... Mein Gatte sagt' er es nicht schon? sehnt sich freilich in die Welt zuruck ... Der Kriegslarm lockt ihn schon lange, um wieder in die Armee zu treten ... Aber ihr bleibt ...

Die Beziehung zu dem Lande hier war im Kriegssturm gewiss die bitterste und schwerste? unterbrach Armgart ...

Die Mutter glich alles aus erwiderte Paula ... Sie war so hochverehrt ... War! ... O, dass ihr zu solcher Trauer kommt! ...

Und auch wir bringen Leid ... Der arme Hedemann! ...

Paula war voll herzlichsten Antheils ... Die Freundinnen sprachen wehmuthbewegt von Westerhof, Witoborn, vom Stift Heiligenkreuz ... Neuigkeiten gab es genug ... Vom Erzbischof von Coni war noch nicht die Rede nur von Coni selbst, wo Paula wohnte ...

Coni ist zwolf Miglien von hier ... sagte sie und bediente sich der italienischen Bezeichnung fur eine Entfernung, die Armgart auf drei deutsche Meilen zu deuten wusste ... So weit lag etwa von Heiligenkreuz Schloss Neuhof entfernt ... Jedes Wort, das die Freundinnen wechselten, weckte heilige Erinnerungen ...

Paula deutete auf einen zur Linken sich erhebenden grunen Hugel, auf den sich terrassenformig ein Stationsweg hinaufschlangelte und oben eine kleine Kirche malerisch vom blauen Hintergrunde abhob ...

Die Kapelle der "besten Maria!" erklarte Paula der den landschaftlichen Reizen schon als Kunstlerin lauschen den Freundin ...

Diese konnte in einem Augenblick, wo sie schon soviel trube mit dem Religionszwiespalt zusammenhangende Verhaltnisse theurer Angehoriger besprochen hatten, in dieser Hindeutung auf die "beste Maria" nur einen Anlass finden, an das unsichtbare und ohne Bild verehrte Princip der schmerzverklarten weiblichen Liebe uberhaupt zu denken ... Sie faltete die Hande und sagte:

Das also der Altar, wo die Cocons gesegnet wurden, die dein Brautkleid werden sollten! ...

Paula errothete ...

Armgart hielt eine Lobrede auf den Grafen, ruhmte den Eindruck, den er mache, seine Naturlichkeit, seine Trauer um die Mutter ...

Er ist gut! bezeugte Paula ...

Das der beste Schmuck eines Mannes! entgegnete Armgart mit Andeutung ihrer eigenen truben Lebenserfahrung ...

Nun schwiegen die Freundinnen ... Was sie fuhlten, verstanden sie ja ... Ihr Briefwechsel hatte nichts von ihren tiefern Lebenslagen verschleiert, wenn sie auch nicht in Allem gleicher Meinung waren ...

Die Zahl der Wegwanderer, der Fahrenden, Reiter mehrte sich inzwischen ... Obgleich die Embleme des katholischen Cultus nicht fehlten, bemerkte doch Armgart Landleute, die einen eigenen Ausdruck der Mienen hatten und der ihr aus Lausanne und Genf bekannt war ... Sie forschte fur sich nach Waldensern nach der ganzen Sehnsucht Hedemann's und ihrer Aeltern ...

Ein Stadtchen kam mit einer machtigen, dem Ort kaum angemessenen Kathedrale ... Eine hochgewolbte Kuppel ragte weit uber das ganze Stadtchen hinweg ...

Das ist Robillante! sagte Paula ...

Armgart's Augen fanden schon von selbst vor dem Thor der Stadt das bischofliche Kapitel ... Ein machtiges Gebaude im Jesuitenstyl, die Kirche daneben mit Kuppel und schnorkelhafter Facade ... Die Kirche hatte ein Glockenspiel und intonirte soeben mit kurzem Ansatz den Schlag der zehnten Stunde, dem dann ein Musikstuck, wie eine Galopade, folgte ...

Das war nun in Italien nicht anders ... Bonaventura hatte hier als Bischof, erzahlte Paula, die Melodie geandert ... Sein Nachfolger hatte wieder die Tanze zuruckgefuhrt ...

Mit dieser kurzen Erwahnung waren denn auch jene Kampfe angedeutet, die der fremde Eindringling auf diesem Boden zu bestehen hatte ... Im letzten Revolutionssturm hatten sie nachgelassen ... Jetzt, nach Piemonts Demuthigung, begannen sie wieder ... Auch gegen die neue, in Turin im Bau begriffene Waldenserkirche hatte der neue Bischof von Robillante energischen Protest erlassen ...

Armgart's Phantasie hatte inzwischen Spielraum, sich auszumalen, wie dort Bonaventura in dem von ehrerbietig grussenden Priestern umstandenen, nicht endenden Palaste wohnte und wie auch einst Benno und Thiebold hinter jenen stattlichen Fenstern mit den Balconen und grunen Jalousieen dort von ihm aufgenommen wurden ...

Die Stadt selbst wurde umfahren ... Wieder glanzte im Sonnenschein Berg und Flur ... Nur die vielen, um der Seidenwurmer willen entlaubten Maulbeerbaume storten den malerischen Eindruck ... Wieder folgten die Grusse von Landleuten, die auf Armgart einen schweizerischen Eindruck machten ...

Waldenser! bestatigte auch Paula ... Wohlhabende Leute darunter ... Dank der Fursorge der Mutter ... Unsere Gemeinde hier ist nur klein ... Die Mehrzahl wohnt dort oben ... In den Thalern um Pignerol sind ihrer Tausende ...

Schon suchte Armgart's Auge nach Castellungo ... Viele Schlosser gab es, die auf den grunen Hugeln, den Vorbergen hinterwarts aufstarrender schrofferer Felswande, leuchteten ... Paula deutete auf einen schimmernden Punkt in weiter Ferne eine unter einem tiefdunkeln Waldkranz hervorragende Flagge ...

So krank die Mutter ist, sagte sie, hat sie zu eurem Empfang das Aufziehen aller Fahnen befohlen ... Auch eure Farben und die der Hardenbergs werdet ihr finden ... Bei hohen Festen sind alle Zinnen damit geschmuckt ... Bald wird die schwarze Trauerfahne wehen ...

Das Gesprach kam auf die Waldenser zuruck und Paula sprach von ihnen, ohne das mindeste Zeichen der Abneigung ... Alle diese Verhaltnisse umschlang hier schon lange das gemeinsame Band der Schonung und Familienrucksicht ... Eine Frage wie die: Wird wol Graf Hugo nach dem Tode seiner Mutter katholisch werden? kam nicht von Armgart's Lippen; edle Bildung scheut nichts mehr, als das Aussprechen des Namenlosen; sie lasst das Misliche an sich kommen, ohne es zu rufen ... Wie Paula, ihr Gatte und der priesterliche Freund in Coni zusammenlebten, wusste ja Armgart seit Jahren aus dem Briefwechsel der Freundin ... Sie kannte, was hier im Herzen edler Menschen moglich, freilich auch nach der Anschauung ihrer Mutter und der Mutter des Grafen ein sprechender Beweis fur die tiefe Verwerflichkeit der katholischen Kirche war ...

Um dieser Schonung ihres Verhaltnisses zu Bonaventura willen beruhrte auch noch Paula nichts, was zum Unaussprechlichen in Armgart's Seele gehorte ... Seitdem Benno ein Opfer der Dankbarkeit fur Olympia geworden, hatte er aufgehort, fur diese ohnehin im Politischen nicht mit dem herrschenden Zeitgeist gehenden Kreise anders, als in den Bildern alter Zeit zu existiren ... Der Graf hatte schon in Limone seine alte Anhanglichkeit an Oesterreich zu erkennen gegeben ... Die Gegend wurde ihn, sagte er, in dieser anarchischen Zeit mit dem feindseligsten Mistrauen betrachtet haben, ware die Mutter nicht so hochverehrt ... Paula verschwieg nun auch nicht, dass sie alle anfangs dem Ruf des Erzbischofs geschadet hatten ... Armgart erkannte an allem, was sie so abgebrochen horte, dass nach dem Tode der Grafin irgendeine grosse Entschliessung im Werke war ... Der Tod Sarzana's wurde von Paula bestatigt ... Von Lucinde, von Casar von Montalto hatte man keine Nachricht ...

Im Austausch der durch alle diese Namen und Verhaltnisse hervorgerufenen Empfindungen entdeckte man endlich die deutlichen Umrisse des sich allmahlich als Beherrscher eines dichtbevolkerten Thals und einer kleinen Ortschaft erhebenden, aber mehr den Bergen zugelegenen Schlosses ... Wohl konnte Armgart begreifen, wie sich Graf Hugo's Vater mit diesem Prachtgebaude hatte in Schulden sturzen mussen ... Castellungo gehorte der Grafin, aber ihr Gatte hatte beigetragen, es weit uber ihre Mittel zu einem leuchtenden Mittelpunkt der reizenden Landschaft zu erheben es war der einzige Adelssitz, der hier noch an die Zeiten der gebrochenen Burgen der Tenda und Saluzzo erinnern konnte ... Thurme erhoben sich mit gezackten Zinnen, mit Altanen, freischwebenden luftigen Brucken alles hatte, ohne den dustern Flor, der auf dem Ganzen lag, einen um so anziehenderen Aufenthalt verheissen konnen, als die Reize der Natur, wie ihm schmeichelnd, sich rings um den machtigen Bau lehnten ... Eine uppige Fruchtbarkeit, gute, freundliche Menschen, die ihre Wohnungen bis weit hinauf uber die Berggelande hatten, alles das machte den wohlthuendsten Eindruck ...

Wie schmerzlich, dass die Diener, die den auf dem bequemsten Schlangelpfade bis zum Schloss anfahrenden Wagen entgegeneilten, schon in ihren Mienen die angebrochene letzte Stunde der Grafin berichteten ...

Hedemann, nach dem die Sterbende ein besonderes Verlangen trug, stand schon an der Eingangspforte unter den machtigen Wappenschildern von Marmor und sah sich in der weiten schonen Gegend und in den blumengeschmuckten Hofen des Schlosses mit einem Blick um, als wollte er sagen: Hier wirst auch du dein letztes Lager finden! ...

Eilends stiegen alle aus ... Bangklopfenden Herzens folgte man dem Grafen, der Monika den Arm bot ... Paula wurde vom Obersten gefuhrt, der sich noch scheute, sich ihr zu sehr zu nahern ... Aber Paula's gen Himmel erhobener Blick schien den Dank aussprechen zu wollen, dass sich ihr Leben schon lange unter die allgemeinen Bedingungen der Natur gestellt hatte ... Fest klammerte sie sich an den ihr sympathischen Mann den Vater ihrer geliebten, so langentbehrten Armgart ... Auch der Mutter warf sie nur Blicke der Liebe und Versohnung zu ...

Der Aufgang, das Treppenhaus, alles gab sich in hohem Grade wurdig ... Decken lagen ausgebreitet auf Marmor und Granit ... Die Diener gingen leise auf und ab in reicher Zahl ... Die alte Grafin hielt auf den Glanz ihres Hauses; zumal, seitdem die fruhere Entbehrung geschwunden ... Ordnung und Sauberkeit waltete auf allen Gangen ... Die steigende Mittagshitze verlor sich in Schatten und Kuhle ... Im Schmuck der dann betretenen hohen, luftigen und hellen Zimmer herrschte ein gewahlter Geschmack ... Graf Hugo's Liebhaberei waren schon in Salem kunstvolle Mobel und gediegene Einrichtungen ... Schon in Limone deutete er dem Obersten an, dass ihn Langeweile nie beschlichen hatte zu thun gab' es bei grossem Besitz immer und oft fehle ihm die Zeit, alles allein zu besorgen Schloss Salem war unverkauft geblieben und seit diesen zehn Jahren jahrlich von ihm auf einige Wochen besucht worden ... Fur die Ankommlinge, die er gern fur immer gefesselt hatte, war ein ganzer Flugel des Schlosses eingerichtet ... In einem hellleuchtenden, saulengeschmuckten Saale stand dann eine von Silber und Krystall glanzende, gedeckte Tafel ... Hier fanden sich alle Schlossbewohner beisammen ... Und wohl sah man, dass der Todesengel waltete ... An einer hohen, schwarzen, reich mit Holzschnittarbeit gezierten Thur standen weinende Frauen ... Einige davon erkannten sogleich von alten Zeiten her Porzia und begrussten sie ... Auch Monika und Armgart fanden Bekannte, jene aus Wien, diese aus London ... Inzwischen offnete der Graf jene schwarze Thur und bedeutete die Freunde ihm zu folgen ... In einem Vorzimmer sollten alle so lange verweilen, bis er die Mutter auf die endliche Ankunft derselben vorbereitet hatte ...

Von einem wurdigen Manne in schwarzer Kleidung, der ein Prediger schien, wurden zuerst der Oberst und Monika allein hereingerufen ... Paula schloss sich ihnen an ...

Nach einer Weile rief Paula auch Armgart herein ...

Dann durften Hedemann und Porzia und mit ihnen das kleine Pathenkind kommen ...

In einem grunverhangenen Eckzimmer lag auf einem Rollsessel ausgestreckt die Mutter des Grafen, schon einem ausgelebten Korper ahnlich ... Ihre knochernen Hande hatte sie auf der gepolsterten Lehne des Sessels liegen ... Sie fuhlte wol kaum noch die Kusse, die die um sie her Stehenden oder Knieenden auf die kalten Finger druckten ... Porzia schluchzte laut die andern schwiegen ehrfurchtsvoll, wenn auch ihre Augen voll Thranen standen ...

Grafin Erdmuthe winkte, dass niemand wieder hinaus gehen sollte; sie wollte sie alle in ihrer Nahe behalten ... Die Augen lagen tief in ihren Hohlen ... Doch erkannte sie jeden ... Lichtstrahlen der Freude, dass sie Menschen, die ihr zu allen Zeiten so werth gewesen, noch einmal sehen konnte, brachen unverkennbar aus ihren, schon halb erstarrten Zugen ...

Wo gehst du denn hin? sprach die kleine Erdmuthe, da die Grafin ihre Rede mit einem mehrmaligen: "Ich gehe " begonnen hatte ...

In einen schonen Garten ! ... antwortete die Sterbende muhsam jede Sylbe betonend ...

Wol in den, in den auch der Vater geht? ... fragte das Kind und wurde um dieser Fragen willen leise von Porzia weggezogen ...

Aber die Grafin langte nach ihrem Pathchen und wehrte allen, ihm sein zutraulich Fragen zu verbieten ...

Hedemann stand hinter dem Stuhl der Sterbenden und verrieth sein Leiden durch seinen Husten ... Die Grafin hatte ihn mit besonderer Theilnahme begrusst ... Da sie ihm nun, sich nach ihm wendend, zuflusterte: "Ei du frommer und getreuer Knecht!" fiel er, das Wort des Kindes bestatigend, ein: "Gehe ein zu deines Herrn Freude!" ...

Eine Pause trat ein, unterbrochen vom Weinen Porzia's, auch jetzt vom Weinen des erschreckten Kindes ...

Als es stiller geworden, winkte die Matrone dem Obersten, der ihr in Witoborn und Westerhof immer einen so vortheilhaften Eindruck gemacht hatte und dem sie schon aus Reue uber ihre Absicht, Monika mit Terschka zu vermahlen, besonders ergeben war, und sprach mit ihm ... Es wahrte lange, bis der Oberst verstand, was sie wollte ...

Wie ist es mit Rom? verstand er endlich ...

Er nannte ihr mit scharfbetonten Worten die gegenwartige Sachlage des Kampfes ... Der Sieg der Franzosen ware, sagte er, so gut wie entschieden ...

Sie uberlegte lange, was gesprochen worden ...

Monika errieth ihren Gedankengang und half dem Aussprechen desselben nach ... Dieser Sieg, sagte sie dicht am Ohr der Grafin, wird noch einmal die Herrschaft des Heiligen Vaters wieder zuruckfuhren bis einst ...

Die Grafin verfiel in einen rochelnden Husten, erganzte aber, als der krampfhafte Anfall voruber war, mit einer uberraschenden Kraft: Bis einst die wahren Streiter kommen ... Das ist das Lamm auf dem Berge und mit ihm hundert und vierzigtausend ohne andere Waffen als ...

Nun versagte die Stimme der Grafin und Hedemann und Monika fielen erganzend ein:

Als den Namen des Herrn ...

Den Namen des Herrn aus Monika's Munde zu vernehmen schien der Grafin ausserordentlich wohlzuthun ... Sie hatte fruher an ihr den "rechten Grund" vermisst, wusste nun aber aus Briefen schon lange, um wie viel die jungere Freundin ihr naher geruckt war ...

Der Sohn trat heran, um die Erregung der Mutter zu beschwichtigen ...

Die Mutter hielt seine Hand fest und sah ihm mit weitgeoffneten Augen ins Antlitz ...

Warum lauten die Glocken? ... fragte sie ihn feierlich ...

Es klangen keine Glocken ... Nur im Nebenzimmer regte sich der Arzt, der hochberuhmte Doctor Savelli aus Coni, der mit einem Glase naher trat, an dem nur so der silberne Loffel erklang ...

Die Mutter horte wol diesen Klang und deutete ihn auf das Lauten von Glocken und starrte wie ins Leere ...

Nimm, Mutter! sprach der Graf mit liebevoller Bitte und reichte ihr selbst das Glas dar, das kraftig und wurzig duftete ... Es war die letzte Starkung eines von seinen Lebensgeistern immer mehr Verlassenen edler Tokayerwein ...

Die Mutter betrachtete das Glas und erkannte wohl, dass das dargereichte Getrank Tokayer war ... In ihrem Ideengang unterbrochen, sah sie den Sohn mit einem schmelzenden Liebesblick an ... Nun zog sie ihn naher und heftete die Augen auf ein gerade vor ihr befindliches lebensgrosses Bild, das den Vater Hugo's in Generalsuniform darstellte ... Der Sohn verstand ihre Empfindungen ... In Ungarn hatten ja er und der Vater gestanden ... Er trocknete den Schweiss vom kalten Antlitz der immer mehr sich Aufregenden ...

Hinter dem Arzt trat der Mann hervor, der alle anfangs empfangen hatte ... Es war der Geistliche, der "Barbe" des jenseits des Waldes, der sich hinter dem Schlossgarten erhob, gelegenen Waldenserdorfes, ein Herr Baldasseroni ... Er hatte bisher fur sich in Diodati's italienischer Bibel gelesen ...

Die Mutter sah zu ihm hinuber, langte nach der Bibel, liess sie sich auf den Schoos legen und setzte mit zitternden Handen das Glas mit dem Tokayerwein darauf ... An seinem Inhalt, deutete sie an, wollte sie sich nach und nach erquicken ... So sitzend hielt sie lange des Sohnes Hand ...

Sie wiederholte aber, dass sie Glocken horte, und murmelte, das Ohr gegen das Fenster richtend:

Glocken haben die Armen ja nicht und keine Thurme ... Nimm nicht die Glocke von Federigo's Hutte ... horst du, mein Sohn? ...

Der Graf nickte mit einer Miene, die fast vorwurfsvoll war ... Er that, als traute sie ihm Unwurdiges zu ...

Dann winkte sie Monika und Armgart, dass auch sie naher treten sollten ... Beide nannte sie Du und langte nach Monika's Locken, streichelte ihr auch die thranenfeuchte Wange und legte ihre und Armgart's Hande ineinander ... Dabei sprach sie langsam jenen ihren Lieblingsvers, der sie einst mit dem deutschen Fremdling verbunden hatte:

Wenn alle untreu werden,

So bleib' ich dir doch treu,

Dass Dankbarkeit auf Erden

Nicht ausgestorben sei ...

Wieder trat eine Pause ein jene Stille, die man den Engel nennt, der durchs Zimmer geht ... Die Kleine verscheuchte ihn ... Da sie den Ernst der Scene storte, so duldete jetzt die Leidende, dass Armgart und Porzia das Kind den Dienern im Nebenzimmer zufuhrte ...

Die Sterbende starrte wie tief innenwarts und horte nur ihre Glocken ... Sie war so abwesend, dass man sanft das Glas mit der Bibel von ihrem Schoose fortnehmen konnte, ohne dass sie es bemerkte ...

Ein grosses Wasser sprach sie dann in abgerissenen Satzen, wird gehen und ein Donner wird ertonen lass' die Glocke unberuhrt Zum Gericht des Herrn Schwore mir's, mein Sohn, auch wenn du dem Thiere folgst ...

Mutter ! rief der Graf voll aussersten Schmerzes und vielleicht weniger uber den Verdacht, dass er seinen Glauben andern konnte, als uber die Sorgen, von denen sich die Mutter noch in ihrer letzten Stunde beunruhigen liess ...

Die Hochaufgerichtete fuhlte den Stachel ihrer Worte in Paula's Herzen nach ... Diese stand bescheiden hinter ihrem Sessel und beugte trauernd ihr lichtblondes Haupt auf die hohe schwarze Sammetlehne ... Jetzt zog sie ihr Gatte naher und Paula kniete nieder ...

Die Mutter gab ihr ein Zeichen versohnlicher Gesinnung durch eine Aeusserung, die nur der Graf und die naher Eingeweihten als eine solche verstehen konnten ... Sie tastete nach dem Buche, das man weggenommen ... Als Baldasseroni es ihr wiedergeben wollte, sagte sie:

No! No! Signore! ... La Nobla Leycon ...

Der "Barbe" ging in das dunklere Nebengemach und brachte ein altes kleines Pergamentbandchen, in welchem er blatterte ...

Sie ! ... sprach die Grafin und deutete auf ihre Schwiegertochter ...

Mit erstickter Stimme, vor der Sterbenden knieend, las Paula in einer seltsamen Sprache aus diesem Buche vor ... Es war kein Italienisch und kein Franzosisch, doch eine wohllautende Sprache ... Man horte Reime ... Monika, Armgart und der Oberst glaubten das Patois von Nizza zu erkennen ...

Paula las allmahlich mit Begeisterung ... Sie nur und Graf Hugo begriffen, wie die Mutter gerade in dieser Zumuthung, ihr aus der Nobla Leycon vorzulesen, eine Versohnung mit Bonaventura aussprach, den die Mutter mit unausrottbaren Gefuhlen des Mistrauens verfolgte trotz der damals alles fur seine Stellung aufs Spiel setzenden Verwendung desselben fur den in Neapel verschollenen Fra Federigo, trotz seines zehnjahrigen Kampfes gegen Lug und Trug im hierarchischen Leben um ihn her sie konnte eben nur die ihrem Sohn abgewandte Seele seiner Gattin festhalten, deren Kinderlosigkeit, die unmoralischen Consequenzen im romischen Priesterleben, endlich die mogliche Gefahr, dass ihr Sohn nach ihrem Tode ubertrat und den mystischen Bund, der hier zwischen drei Personen waltete, immer noch enger und enger schliessen half ...

Die Nobla Leycon ist das alteste in provencalischer Sprache geschriebene Gedicht der Waldenser ... Niemand verstand einst die provencalische Sprache so vollkommen und so rein und wusste den umwohnenden Waldensern ihre alten, sammtlich in der Sprache der Troubadours geschriebenen Werke so zu ubersetzen und zu erlautern wie Federigo, der diese Sprache kannte, noch ehe er von der Sekte der Waldenser wusste ... Auch Bonaventura, immer von den Erinnerungen und Sorgen um seinen Vater geleitet, auch in seinem Interesse fur die Bluten der alten Kirchenpoesie, kannte diese alte Mundart und Paula erlernte sie in Coni ihm zu Liebe ... Dass nun die Mutter im Stande war, sich von ihr noch zum letzten mal aus diesem Buche, einem fur Paula allerdings ketzerischen, vorlesen zu lassen, war ein Act der Liebe, der Versohnung, ein Gruss an den Erzbischof ... Ihre Aufforderung gab auch Paula wahrhaft Schwingen ... Sie las so laut die schonen wohlklingenden Verse, als wollte sie sagen: Im Geist rufst du nun ja auch noch Bonaventura an dein Lager und versohnst dich mit dem edelsten der Menschen! ...

Als Paula bis zu den Worten gekommen war:

"Intrate in la sancta maison!"

blickte sie auf ...

Die Mutter schien entschlummert ... Paula erhob sich ...

Aber auch die Sterbende hob die Augen, sah eine Weile, als ware sie abwesend, starr um sich und sprach:

"Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben niemand kommt zum Vater, denn durch mich!" ...

Das sahen alle, sie verweilte in den Erinnerungen an die Hutte jenes Einsiedlers, den sie so wahrhaft verehrt und lieb gehabt und von dem sie seit seiner Entweichung nichts mehr vernommen, als, in einem einzigen Abschiedsbriefe fur dies Leben, die Bitte an jeden, der ihm Gutes erwiesen und noch erweisen wollte, nie, aber auch nie mehr nach ihm zu forschen ...

Intrate in la sancta maison! ... wiederholte sie mit einem Aufblick gen Himmel ...

Monika und Armgart, die das noch im Nebenzimmer plaudernde Kind nun ganz entfernt hatten, gingen hin und wieder ...

Immer stiller wurde es still wie schon im Grabe ... Jeder hielt den Athem zuruck ... Da noch einmal streckte die Sterbende die Hande aus und flusterte mit dem Hohenliede, sicher in Anregung ihres Gedachtnisses durch Armgart's Abbildung der im Herzen Gottes als befiederte Kreuze aufsteigenden Seelen:

"Hatt' ich Taubenflugel!" ...

Mit diesen Worten sank sie, von Schmerzen uberwaltigt und nach Erlosung ringend, zuruck ... Lange noch wehrte sie Bilder ab, die sie beangstigten ... Ihre Stimme blieb erstickt ... Ihre Hande sanken erstarrt ... An ihrem geoffnet stehenbleibenden Munde traten kleine Schaumblaschen hervor ... Sie war noch nicht ganz todt, aber schon zeigte ihr Antlitz jene herbe Strenge, die unsern Gesichtszugen der Tod verleiht ...

Der Arzt, der Geistliche traten eilends naher ... Leise begab sich alles aus dem Zimmer und trat in den Saal zuruck, wahrend die Sterbende auf ihrem Lehnsessel von Dienern unter Hugo's Leitung sanft zuruckgerollt wurde in die dunkleren Nebenzimmer ...

"Ach, hatt' ich Taubenflugel!" ... wiederholte Hedemann ...

Auch ihm erklang dies letzte Scheidewort der edlen Frau wie der Ruf nach Erlosung von den Schmerzen, die auf seiner kranken Brust lasteten ...

Im Saale, in welchen alle zuruckkehrten, brach die Theilnahme in ihrer ganzen bisher zuruckgehaltenen Macht aus ... Die Frauen schluchzten ... Auch die Manner traten bei Seite ... Monika trat bald zum Gatten, bald zu Hedemann, der am Fenster sass und Weib und Kind liebevoll an sich gezogen hatte ...

Es war dann ein Trauermahl, das in dem schonen Raume genommen wurde ... Unsere menschliche Natur erscheint uns nie geringer, wird nie von uns unlieber befriedigt, als wenn unsere himmelentstammte Seele aufjammern mochte vor Schmerz und doch unser Leben und Sein unter dem Druck des physischen Erdenverhangnisses steht ...

Noch ehe das Mahl, dessen starkende Wirkung alle bedurften, zu Ende war, wurde dem Grafen heimlich eine Botschaft uberbracht, die ihn bestimmte, sofort aufzuspringen und sich zu entfernen ...

Alle folgten ihm erschreckt ...

Der Bote sagte, die Grafin hatte vollendet ...

Bebend folgte man dem Grafen ... Paula vor allen, deren Brust von so vielen Schmerzen durchwuhlt wurde, deren Grunde sich von den Andern wol ahnen liessen ... In ernsten Krisen erkannte sie, wie sehr der Graf zu lieben war ...

Der Arzt und der Geistliche lufteten die Vorhange des Schlafzimmers ... Der schone sonnenhelle Tag schien herein und beleuchtete die Zuge der Entschlafenen ... Sie hatte, horte man, noch versucht, die Worte nachzusprechen, die uber ihrem Bett unter ein Bild des ihr verwandten Dichters Novalis-Hardenberg geschrieben waren:

"Und wenn Du Ihm dein Herz gegeben,

So ist auch Seines ewig dein!" ...

Da stockte die Zunge wie gelahmt ... Sie hatte ausgehaucht ...

Nun lauteten in der That fernher die Glocken ... Die ehernen Zungen eines andern Bekenntnisses waren es ... Auch Gesange mischten sich ein, dicht in der Nahe ... Diese galten der Entschlafenen ... Ein Chor von Kindern stimmte ein geistliches Lied unter ihren Fenstern an ... Regelmassig an jedem Nachmittag hatte sich die Grafin von den Kindern der Waldensergemeinde, die vom Gebirg herunterkamen, diese Erquikkung erbeten der Pfarrer erklarte dies den Horern ...

Jetzt kam auch ein Herr Giorgio, der sogenannte Moderatore oder Kirchenvorstand der kleinen Colonie und brachte zu aller Erstaunen eine Schrift, die die Grafin in seine Hand gelegt hatte mit dem Bedeuten, sie erst ihrem Sohne zu zeigen, unmittelbar wenn sie die Augen geschlossen hatte ...

Der Graf erbrach das unversehrte Siegel, las und theilte die Wunsche der Mutter den Umstehenden mit ...

Sie hatte befohlen, erst in der kleinen Kirche des Schlosses ausgestellt, dann aber in der Kirche der Waldenser und nicht in der Schlosskirche begraben zu werden ...

Der Graf erkannte, dass dieser Bitte die Voraussetzung zum Grunde lag, er wurde Castellungo nicht behalten ... Aufregungen, wie sie mit dem Aussprechen und Erortern dieser Voraussetzung verbunden sein konnten, hatten sie jedenfalls bestimmt, ihm ihr Verlangen nur schriftlich auszusprechen ...

Porzia liess sich nicht nehmen, die Leiche zu entkleiden, Hedemann nicht, den Katafalk zu ordnen, dem noch fur denselben Abend im Betsaal des Schlosses jeder nahen durfte, der der Abgeschiedenen seine letzte Ehrfurcht bezeugen wollte ...

Es kamen ihrer von nah und fern ... Der Betsaal druckte die ganze Geschichte und Richtung der Grafin aus schon an den Bildern, die rings an den Wanden hingen ... Der tapfere Heinrich Arnaud in kriegerischer Tracht ... Bischof Scipione Ricci, der die Souveranetat der Concilien gelehrt hat und vom romischen Stuhl als Lutheraner verdammt wurde ... Graf Guicciardini, der kurzlich in Florenz Protestant geworden ... Der Englander Oberst Beckwith, der sein ganzes Vermogen den Waldensern schenkte ... Der machtigste Beistand der Grafin, Friedrich Wilhelm III. von Preussen, hatte unter den Portrats den ersten Platz ...

Die Reisenden richteten sich inzwischen in den fur sie vorbereiteten Zimmern ein ... Mit einer eigenthumlich bedingten Theilnahme beobachteten sie, wie eifrig Graf Hugo bemuht war, den Erzbischof in Coni noch vor Anbruch des Abends uber das Ableben seiner Mutter mit Angabe aller Einzelheiten in Kenntniss zu setzen ... Ja er zeigte erst Paula den Brief und diese fugte noch die mehrmalige Aeusserung um die Glocke jenes Eremiten hinzu, um den sich Bonaventura so verdient gemacht ... Ueber Paula's Lesen aus der Nobla Leycon hatte schon Graf Hugo geschrieben ...

Paula schien in der That erkraftigt und gesund ... Sie ertrug den lange und voll Ruhrung auf ihr ruhenden Blick und die unmittelbare Nahe des Obersten, ohne die Befurchtungen zu bestatigen, die man so lange Jahre uber diese Wiederbegegnung gehegt hatte ... Monika sagte: Fast scheint es, als ware eine Kraft uber sie gekommen, die sie fruher nicht gekannt hat die Kraft des Willens ...

Armgart trauerte ...

Ob daruber, dass unter denen, auf deren Leben ein letzter Segen und eine letzte versohnte Erinnerung hier zuruckgeblieben war, ein einziger ausgestossen und unberucksichtigt blieb Benno von Asselyn? ...

Oder uber ein unausgesprochenes, ersichtlich vorhandenes Leid der Freundin, ihres Gatten und des hohen Geistlichen in Coni ein Leid, das schon mit gesteigerter Offenheit von ihrer Mutter als ein unerlaubt unnaturliches verworfen wurde? ...

Oder endlich uber den Heimgang ihres "Grossmutterchens" nur allein? ...

Der Aufenthalt in Castellungo hatte jedenfalls erschutternd und bedeutungsvoll begonnen ...

5.

Nach Beisetzung der Grafin in der von ihr selbst erbauten, oberhalb Castellungo's in den Bergen liegenden Kirche der Waldenser, einer Feierlichkeit, zu der aus den Bergen und aus der Tiefe des Thals auch die Rechtglaubigen, Jung und Alt, herbeistromten, aus den Thalern von Saluzzo und Pignerol, wo die Waldenser in Masse wohnen, von allen Gemeinden die "Barben", "Evangelisten", "Moderatoren" nach diesem Tage hatten nun ruhigere Stunden eintreten konnen, wenn nicht die politische Welt die Aufregung wach erhalten und nun auch Hedemann's Abschied vom Leben sich genahert hatte ... Die Freude am Tod war bei diesem wieder bereits eine solche, dass er sich in seinen Gebeten Vorwurfe machte, ihn zu eifrig zu wunschen ...

Rom war inzwischen gefallen ...

Die letzten Spuren der Revolution wurden in ganz Italien getilgt ... Die ersten Vorzeichen jener Zeit brachen an, die in drei Jahren wieder die Kerker nur des Kirchenstaats allein mit sechstausend Menschen fullen sollte1... Fefelotti ergriff jetzt auch noch das weltliche Ruder ausser dem geistlichen ... Staat und Kirche gehorten ganz den zuruckkehrenden Jesuiten ...

Auch in der kirchlichen Sphare der Umgegend zeigte sich manche Wiederkehr des Alten ... Die Jesuiten hatten in Coni ein von Fefelotti begunstigtes Collegium besessen, das sie freilich nicht wieder beziehen durften, da Sardiniens Verfassung sie verbannte ... Aber schon war in Schule, Staat und Kirche ihr dennoch geheimwirkender Einfluss bald wieder ersichtlich ... Robillante und Pignerol waren zwei Bischofssitze, die ausdrucklich schon lange durch Manner besetzt wurden, die dem deutschen Eindringling, dem Erzbischof von Coni, wo sie nur konnten, wehren sollten2...

Der Oberst und Monika konnten inzwischen dem Grafen im Ordnen des Nachlasses seiner Mutter, in Auszahlung einer Menge von Legaten an die Gemeinden der Thaler hier und druben am Fuss des Monte Viso behulflich sein ... Der Graf war es, der am meisten darauf drangte, dass Paula nach ihrem Wohnhause in Coni zuruck sollte ... Armgart wollte sie begleiten ... Wohl, sprach sie ihr dringendstes Bedurfniss aus, den Erzbischof zu begrussen, der sich, seiner Stellung gemass, vom Leichenbegangniss der Grafin hatte entfernt halten mussen ...

Monika, die zwar zu Paula's Heirath dringend gerathen hatte, empfand und tadelte doch, was sie das Anstossige dieser Beziehung nannte, im hochsten Grade ... Hatte sie schon sonst die Partie des Grafen genommen und ihn uber das Meiste entschuldigt, was sich seinen jungen Jahren vorwerfen liess, so erklarte sie vollends mit ihm Mitleid zu fuhlen, seitdem sich jenes mystische Dreiblatt gebildet hatte, dem womoglich fern bleiben zu wollen sie sich auf Schloss Bex gelobt hatte ... Nun sah sie dies Verhaltniss einer "Standesehe" in nachster Nahe ... Und das sei denn die rechte Hohe, sprach sie schon eines Tages in Paula's Gegenwart, Opfer uber Opfer anzunehmen, nur deshalb, weil man wisse, sie wurden von schwachen Menschen ohne Murren gebracht ... Ja sie sagte schon zu ihrem Gatten: Der Graf leidet, weil er Paula liebt und zu Armgart: Auch Paula, scheint es, ringt mit ihrem Herzen, weil sie den Grafen mehr als achten muss ...

Dass Paula und Armgart zum nachstbevorstehenden Bonaventura-Tage in Coni sein und der Celebration der Messe durch den Erzbischof an diesem Tage beiwohnen wollten, konnte Monika nicht hindern ... Doch bekam es Armgart bitter zu horen, warum sie gerade diesen Tag wahlen wollten ... Die Mutter sagte, dass sie den Doctor Seraphicus, wie Sanct-Bonaventura in der Vatergeschichte heisst, nicht im mindesten zu jenen Bekennern und Martyrern zahlen konne, die allenfalls auch die Freude evangelischen Sinnes sein durften ...

Ich schatze den heiligen Bonaventura noch hoher, entgegnete Armgart, als die andern Martyrer, die nur zufallig in den T o d gingen und der Nachwelt nichts von ihrem L e b e n hinterlassen haben ...

Von ihrem Leben? entgegnete aufwallend die Mutter ... Dieser Johannes von Fidanza ist ja das Prototyp aller katholischen Schwarmer! Dieser heilige Bonaventura hat mit seinem sogenannten Gemuth alles verklaren und verschonern wollen, woran wir noch heute leiden ... Was nur immer Gregor und Innocenz aus weltlichen Rucksichten fur die Kirche erfunden haben, umgab dieser Italiener mit dem Schein beinahe der Philosophie ... Mariendienst, Colibat, Entziehung des Kelches alles, alles, was das Tridentinische Concil spater in die todesstarren Formeln gezwangt hat, brachte dieser heilige Bonaventura als Gemuthssehnsucht in Curs, gerade wie auch jetzt wieder mit dem Dogma der ohne Sunde geboren sein sollenden Mutter Gottes geschieht ... Mir ein Rathsel, wie euer Erzbischof zu den Freisinnigen zahlen kann, schon in Deutschland unter den Anfechtungen der Fanatiker leiden musste und immer noch seine Krone, immer noch seinen Krummstab tragt ... Waren s o l c h e Manner vor einigen Jahren w a h r gewesen und in den Zeiten der Bedrangniss zu uns ubergetreten, wie anders stunde es mit der Sache des Lichts und des Evangeliums! ...

Hedemann und der Vater dachten ebenso und sagten das Namliche ...

Armgart aber stritt schon lange nicht mehr gegen dies stete Verurtheilen, seitdem sie fur ihre fruhere Behauptung, dass Bonaventura seine Erhohung weder Lucinden noch Olympien verdankte, kurzlich Recht erhalten hatte. Ihr richtet und richtet, wie ihr's eben versteht! sprach sie damals und verwies auf bessere Erkenntniss der wahren Sachlagen, wenn sie auch leider meist im Leben zu spat kame ... Hier in Castellungo wurde fur bestimmt eine schon fruher von Paula brieflich ausgesprochene Versicherung wiederholt, dass der aus Robillante geburtige Cardinal Vincente Ambrosi vor zehn Jahren in Rom der eigentliche Freund und Fursprecher Bonaventura's gewesen ... Armgart verwies auch jetzt die Anklager auf die Siege, deren sie sich ja taglich ruhmten ... War nicht vor kurzem der vom greisen General der Kapuziner als Dekan der Studien uber die romischen Theologen als Examinator gesetzte de Sanctis, Professor der Theologie, Parochus an Maddalena, Beichtvater in den Gefangnissen der romischen Inquisition, von den Jesuiten in seinen wahren Gesinnungen erkannt, gefangen gesetzt worden, entflohen und in Malta zum Protestantismus ubergetreten ?3... Wisset ihr, sagte sie mit Ironie, was in Bonaventura's Innern vorgeht und was euch alles vielleicht noch von ihm werden kann? ...

Die hinterlassene Bibliothek der Grafin war eine Fundgrube der interessantesten Anregungen fur Monika, den Obersten und Hedemann ... Auch Baldasseroni und Giorgio waren Manner, die auf Kosten der Grafin in Genf, Tubingen und Berlin studirt hatten ... Ihr Ton gab sich milde und rucksichtsvoll sie wussten, was bei ihrer jetzigen Schlossherrschaft zu schonen und zu achten war ... Auch sie gaben dem Erzbischof das Zeugniss, dass allein schon sein personliches Erscheinen in Rom alle Intriguen hatte entwaffnen mussen und dass er noch taglich diese Macht der Beschamung uber seine Gegner ube ...

Ein Gluck, dass Armgart's Vater die Schroffheiten der Mutter milderte ... Eine Rechtfertigung der amerikanischen Weise, sich zur Religion zu verhalten, sagte er beim Durchmustern eines Schranks voll Alterthumer und beim Anblick einer kleinen Schaale, die wie eine Tasse aussah, aus der einst Huss den Wein beim Abendmahl dargereicht haben sollte, find' ich in dem Schicksal des Kelches ... Das Trinken aus einem und demselben Gefass ist vielleicht in der That nur einer Gemeinde moglich, wo sich alles so personlich nahe steht, wie zur Zeit der Apostel und der ersten Bekenner ... Wo noch der Liebeskuss als Gruss der Verbundenen moglich war, war auch die Ertheilung des Kelches moglich ... Als jedoch die christliche Lehre Staatskirche wurde, als ganze Volker im nachsten besten Flusse getauft werden mussten, musste vieles von den ersten Satzungen des Glaubens verloren gehen ... Welcher Reiche gab da noch seine Reichthumer hin und warf sie, statt in die Kasse einer ihm befreundeten Gemeinde, in das weite, wuste Meer, des Proletariats! ... Wer setzte noch gern die Lippe an ein Gefass, aus dem Hunderte und noch dazu zur Zeit der einst so allgemeinen Pest und des Aussatzes tranken! ... Man hat das Christenthum eine Weltreligion genannt; sie ist es auch dem Geiste nach, nicht nach dem Buchstaben ... Wer den apostolischen Anfangen nachgehen will, muss die Freiheit Amerikas wunschen, wo sich jede Form, Gott zu dienen, auf eigene Art befestigen kann ... Geschieht es dort wurdelos, so ist nur der Mangel an Bildung schuld ... Unsere Gotteshauser und die Priester, die in ihnen lehren und Ceremonien abhalten, sollten, wie ich von Ihnen hore er wandte sich an Baldasseroni nach dem Ausdruck des Bruders Federigo nur noch H u t e r und W a c h t e r des Christenthums sein, gleichsam die Sanger, die Dichter, die Historiker der Kirche ohne sich den mindesten Eingriff in die Lebens- und Gesellschaftsformen gestatten zu durfen ...

Solcher Streitigkeiten gab es viele ... Sie konnten zu tagelangen Verstimmungen fuhren namentlich wenn Armgart sagte: Ein Einzelner gewonnen ist nichts Konige, die ohne ihre Krone kommen, sind vollends nichts; die mussen gleich ihre Reiche mitbringen ...

Wieder den heutigen Streit unterbrach Paula's Eintreten ... Schon hatte Armgart musternd unter den waldensischen Schwertern, hussitischen Kelchen, den alten Bibeln, Luther- und Zinzendorf-Ringen gesagt:

Ihr habt doch auch eure Reliquien! ...

Zu einer Erwiderung kam es nicht, da Paula allerlei Geschafte mitbrachte, die sich auf die sittlichen Zustande der Gegend bezogen ... Seit dieser langen Reihe von Jahren hatte Graf Hugo fur sich und Paula den Weg der Zerstreuung eingeschlagen ... Nicht nur beschaftigte er sich und Paula mit einer umsichtigen Pflege der hier so reizenden und reichen Natur, sondern auch mit den Vorkommnissen seiner gesellschaftlichen Beziehungen, mit Aufgaben der Wohlthatigkeit ... Der gute Wille, nutzlich sein zu wollen, ist bei gebildeten und gutgearteten Vornehmen immer rege und hier kam ein fast angstliches Verlangen hinzu, durch solche aussere Werkthatigkeit aus dem Versenken in zu grosse Innerlichkeit entfliehen zu konnen ... Monika musste freilich schon wieder lacheln, wenn sie sah, mit welcher emsigen Umstandlichkeit und mit welchem offenbaren Nichtberuf fur praktische Bewahrungen die junge Schlossherrin, nun die souverane Gebieterin von Castellungo, die an Glucksgutern gesegnete Herrin von Westerhof, von Schloss Salem, Besitzerin eines Palastes in Coni, ihre unerschopfliche Wohlthatigkeitsliebe zu einer segensreichen und mit Vorsicht gespendeten zu machen sich muhte, wie sie in die Hutten der Armen trat, momentane Hulfe, aber selten, nach Monika's Meinung, den rechten Rath und die rechte Warnung brachte ... Sie weiss nicht, sagte sie, wie sie sich schon mit ihrer Krone am Giebel der Eingangsthur in solche Hutten den Kopf stosst, vollends, wie sie zuletzt bei solchen Leuten mehr Aufsehen und Schrecken, als Freude, wenn nicht gar Schlimmeres, zuweilen Spott, hinterlasst ... Sie spricht mit diesen Menschen wie ein Buch ... Sie werden sie alle zu Gevatter bitten Das pflegt noch die nutzlichste Folge solcher vornehmen Herablassungen zu sein ...

Da nach dem Wunsch des Grafen, dem gleichfalls solche Herbigkeiten nicht erspart wurden und der dann oft traumerisch von Wien als einem Ausweg aus allen Labyrinthen sprach, der Oberst furs erste hier als Verwalter wohnen bleiben sollte auch gegen die winterlichen Verheerungen der Berggewasser sollten Brucken und Wehre gebaut werden so sammelte auf dem Schlosse schon allabendlich Monika die hervorragenderen Personlichkeiten der Umgegend zu einem behaglichen Kreise und hatte fur diese sichere und feste Einwohnung ganz den Beifall sowol des Grafen wie der gutigen Paula, deren weicher Sinn keiner ihrer Schroffheiten aufbieten konnte ... Die italienische Sitte kennt nicht die deutsche Unterscheidung zwischen den Standen ... Der grosste Theil des umwohnenden Adels war nach deutschem Gesichtspunkt eine wohlhabende Bauernschaft die Contes und Markeses ritten mit hohen Lederkamaschen uber ihre Felder und sprangen nicht selten ab, um bei den Arbeiten mit anzugreifen ... Aeltere Diener gehorten mit zur Familie ... Gemeindevorsteher, Forstwarte, Recheneibeamte sammelten sich allabendlich in den unteren Raumen des Schlosses und selbst der Graf und der Oberst setzten sich manchmal zu ihnen und verschmahten nicht den Trunk aus gemeinschaftlichem Krug ... Einige reiche Seidenweber, die zu den Waldensern gehorten, hatten sich sonst allabendlich auf dem Schlosse im engern Kreise der verstorbenen Grafin eingefunden; sie blieben auch jetzt nicht aus; um so weniger, als in der That das Benehmen des Grafen die Besorgniss erwecken durfte, die Mutter hatte in seiner Seele recht gelesen. Man sah ihm eine grosse Unruhe an; man furchtete allgemein den Verkauf Castellungos, ja sogar seinen Religionsubertritt ... Wenigstens schiene ihm, sagte man, daran zu liegen, nicht allein nach Oesterreich zuruckzukehren, sondern nur mit Paula, fur die es dann, so offen lag allen das bekannte Verhaltniss mit Coni, eine letzte grosse Entscheidung geben musste ...

Des osterreichischen Grafen vertrauliche Stellung zum Erzbischof hatte dem letztern in den Augen der Italiener schaden mussen, wenn nicht die alte Grafin so beliebt gewesen ware und seinerseits auch Bonaventura ein Anhalt aller Freigesinnten ... Schon mit dem Hirtenstab des Bisthums Robillante hatte er gewagt, den Neuerungen Fefelotti's die Spitze zu bieten ... Als er dann zur Verantwortung fur die Vorwurfe, die er den Dominicanern wegen Fra Federigo zu machen gewagt hatte, nach Rom gefordert wurde und statt dort verurtheilt zu werden als Nachfolger Fefelotti's heimkehrte, hatte er den muthigsten Kampf begonnen, den ein Fremder auf diesem gefahrvollen Boden nur wagen konnte ... Dem Colleg San-Ignazio zu Coni entzog er sogleich eine Kirche, auf die die Patres Jesuiten, damals noch nicht verbannt, Anspruche machten er setzte bei den Stadtbehorden durch, dass diese ihn in seiner Weigerung unterstutzten ... Ein gewohnliches Hulfsmittel der Jesuiten, das sie bei neuen Niederlassungen, um sich die Herzen der Umwohner zu gewinnen, anwenden, besteht in dem Schein bitterster Armuth, den sie sich geben. Plotzlich erschallt dann durch die Stadt die angstliche Kunde, die unglucklichen Vater verhungerten hinter ihren Mauern. Nun rennen fanatische Sammler durch die Hauser und rufen um Hulfe. Man bricht fast gewaltsam mit dem gesammelten Gelde, den Speisen, den Kleidungsstucken in das Colleg ein und findet auch in der That die armen Vater beim Gebet verschmachtet, abgezehrt, vom gezwungenen Fasten fast leblos4... Bonaventura bewies jedoch dem Rector Pater Speziano, der dieselbe Komodie auffuhrte, und dem Magistrat der Stadt, dass das Colleg aus dem Professhause in Genua eine regelmassige Einnahme bezog, die weit uber die Einkunfte der sammtlichen andern Kloster der Stadt zusammengenommen ging ... Den Bischof von Pignerol zwang er, ein hochst gehassiges Institut zu schliessen. Man entzog unter allerlei Vorwanden den Waldensern ihre Armenkinder, besonders ihre Waisen, taufte sie schnell nach romischem Ritus und gab sie nicht wieder her ... Jedes uneheliche Kind der Waldenser gehorte an sich schon diesem "Ospizio dei Catecumeni" ... Als vorgekommen war, dass eine Gefallene, um ihr Kind zu behalten, sich auf die hochsten Spitzen des Monte Viso vor den Gensdarmen gefluchtet hatte und Kind und Mutter im Schnee elend umgekommen waren5, wallte Bonaventura's Zorn so auf, dass er nicht eher ruhte, bis jenes Ospizio geschlossen wurde ... Das Verkommen im Schnee gehorte ohnehin zu den erschutterndsten Vorstellungen seines Gemuths und zumal, da seines Freundes, des Cardinals Vincente Ambrosi, Vater, Professor der Mathematik in Robillante (er erfuhr dies zu seiner hochsten Ueberraschung in Rom), eines solchen Todes im Alpenschnee wirklich verstorben war ...

Von Genua aus, wohin sich Grafin Sarzana begeben hatte, als sie wagte, wieder aus Tageslicht zu kommen von den "Lebendigbegrabenen", in deren Kloster sie sich gefluchtet hatte nach dem Attentat ihres Mannes auf Ceccone, wurde der Kampf mit den freisinnigen Richtungen Italiens um so erbitterter gefuhrt, als Genua auch fur die Pforte der Mazzini'schen Einflusse und des englischen Ketzerthums galt ... Fefelotti bot alles auf, die weibliche Bundsgenossenschaft der Jesuiten gerade in Genua zu mehren und zu kraftigen ... Ein Orden, der sich offen "Jesuitessen" nannte, "Tochter Loyola's", gestiftet vor zwei Jahrhunderten, hatte sich nicht erhalten konnen; Papst Urban VIII. schaffte ihn schon 1631 ab ... Aber unsere Zeit hat diesen Orden erneuert vorzugsweise in den Damen vom Heiligen Herzen Jesu (Sacre Coeur) ... Sie leiten, schaarenweise von Frankreich kommend, die Erziehung der vornehmen Stande und halten auch ausserhalb ihrer Kloster Schulen fur die armere Klasse; sie sind in weiblicher Sphare das, was die Vater der Gesellschaft Jesu fur die Erziehung in mannlicher ... Wo diese Heiligen Schwestern vorangehen, folgen ihnen in noch nicht einer Generation ihre Bruder, die Jesuiten, nach ... Sie bereiten ihnen den Weg; sie wecken in den Familien, bei allen Muttern, Vatern, Kindern, eine solche Sehnsucht nach diesen Rathgebern nicht nur der Seele fur ihre jenseitige Bestimmung, sondern des ganzen auch diesseitigen Lebens, dass die Berufung der Vater nicht lange ausbleibt ... Umwalzungen folgen dann in den Familien, in der Gesellschaft ... Der susse Ton der Andacht, verbunden mit den feineren Rucksichten der Geselligkeit und Eleganz, fuhrt dieser Congregation des Sacre Coeur alle jungen weiblichen Herzen zu ... Mutter, oft bereuend, was sie selbst in ihrem Leben verschuldeten, glauben in ihren Tochtern durch so zeitige Fursorge alles nachholen zu konnen, was sie an sich selbst versaumten ... So stromte auch in Genua und Turin die weibliche Jugend den Herz-Jesu-Damen zu ... Zweigvereine bildeten sich unter dem Namen der "Dorotheinerinnen" bei den Frauen, der "Raffaeliner" bei den Mannern, der "Leonhardiner" unter den Klerikern ... Die obere Leitung aller dieser weitverzweigten und auf ein System gegenseitiger Ueberwachung (in den lieblichsten Ausdrucken, als: "Bewahre dir den Duft der geistlichen Blume zur einstigen festlichen Ausstellung am Altare!" d.h.: Lebe so, dass es dich nie verdriessen wird, in den Conduitenlisten von andern nach deiner geistlichen Auffuhrung beurtheilt zu werden!) begrundeten Genossenschaften hatten die Superioren der Jesuitenkloster ... Ihnen gehorte das Beichtbedurfniss, Tod und Leben dieser Seelen und ihres ganzen Anhangs ...

Die Stadt, das Land wussten, wie nahe der Erzbischof von Coni wiederum bei den aussersten Gefahren fur seine Stellung angekommen war, als die neue Aera der Hoffnungen Italiens anbrach ... Schon vorher war eines Tages Lucinde sie zahlte nun schon dreissig Jahre in Coni erschienen und hatte, man sprach wenigstens so, dem Erzbischof aus Rom die ernstesten Warnungen gebracht ... Die Leiden, die ihm dieser fast ein Vierteljahr dauernde Aufenthalt Lucindens in Coni zuzog, gehorten seinem Innenleben an und konnten nur von wenigen verstanden werden ... Graf Hugo war es, der die Grafin Sarzana damals mit Gewalt aus der Gegend vertrieb; er erinnerte sie an Nuck und den Mordbrenner Picard ... Hier erst erfuhr die kleine genfer Colonie, dass Lucinde von hier nach einem Abend verschwunden war, wo auf Castellungo im Kreise der alten Grafin, die sie nur widerstrebend empfangen hatte, die Rede auf den Bruder Hubertus kam, der noch im Silaswalde beim Eremiten Federigo leben sollte ... Man hatte erfahren, dass Hubertus einen der Verrather der Bruder Bandiera entdeckt und in seinem wilden Zornesmuthe gerichtet haben sollte einen Belgier oder Franzosen, den die Emigration aus London absandte, um von Korfu aus die Bandiera zu unterstutzen ... Viele behaupteten erst jetzt erfuhren dies die alten Bewohner Witoborns dass dieser Genosse Boccheciampo's6 jener Jan Picard gewesen, der ohne Zweifel den Schlossbrand in Westerhof angelegt und damals spurlos verschwunden war ... Allen schien ein Zusammenhang Lucindens mit diesen Vorgangen erwiesen ... Graf Hugo lehnte die Aufklarungen ab, die von ihm den Freunden gegeben werden konnten ... Man drangte in ihn ... Erst als sogar Terschka's Name als dessen, der jenen Picard der Emigration empfohlen und spater Vortheile vom Scheitern der Expedition gezogen haben sollte, mitgenannt wurde, brach man von den dunkeln, Monika, den Obersten und Armgart erschreckenden Vorgangen ab ... Von Grafin Sarzana sah man wol, dass ihr Muth, ja ihre Keckheit, auf Castellungo zu erscheinen, ihr theuer zu stehen gekommen war ... Paula behandelte sie mit Artigkeit, der Graf aber nur als eine Storerin der Ruhe seines Freundes Bonaventura und die alte Grafin vollends wandte der Apostatin den Rucken ... Statt ihrer erschien dann die rechte Hand Fefelotti's selbst, Abbate Sturla aus Genua ... Die Welt erzahlte sich, dass Sturla's erster Besuch beim deutschen Erzbischof einige Stunden gedauert und bei diesem eine Aufregung hinterlassen hatte, die ihn mehrere Wochen aufs Krankenlager warf ...

Bald nach Sturla's Abreise gingen dunkle Geruchte von einer neuen Reise des Erzbischofs nach Rom, ja von baldiger Niederlegung seiner hohen Kirchenwurde, von seinem bevorstehenden Eintritt in den Benedictinerorden und seinem Uebergang in ein deutsches Kloster ... Da brach die neue Aera an ... Abbate Sturla, der inzwischen in Turin und Mailand gewesen (auch hier war der Erzbischof ein Deutscher7) und uber Coni nach Genua zuruckkehren wollte, predigte in Robillante ... Sturla erlaubte sich am Schluss seiner Rede gegen das in wenig Wochen umgewandelte Rom die Wendung: "Lasst uns beten fur das Seelenheil des Heiligen Vaters! Lasst uns beten, dass Gott ihn vor dem Schicksal, ein Atheist zu werden, bewahren moge!"8 Da verlangte Bonaventura, dass der Bischof von Robillante dem Abbate die Kanzel verbot und zeigte den Obern desselben in Genua an, Sturla schiene ihm dem Wahnsinn nahe gekommen und musste angehalten werden, sich Geistesubungen zu unterwerfen ... Sturla floh mit der wachsenden Bewegung nach Frankreich und Spanien9...

Nach einer wilden, an Hoffnungen und ebenso vielen Tauschungen reichen Zeit, wo namentlich Graf Hugo in der grossten Aufregung lebte und unter dem Druck seines politischen Doppelverhaltnisses bis zu sichtlicher Verzweiflung litt, war Sturla der erste, der in Genua wieder die alten Umtriebe begann ... Noch ehe die Franzosen im Kirchenstaat landeten, erhob schon die Reaction ihr Haupt ... Was sich zwei Jahre wie die Schwalben im Sumpf versteckt gehalten, flog wieder auf ... Die Dorotheinerinnen hatten sich in Pisa, in der Nahe von Florenz, niedergelassen ... Die Leonhardiner suchten wieder die Priester fur das Gelubde der "Ignoranz" zu gewinnen ... Die Raffaeliner waren jene fussliche Bruderschaft, die dem Rosenbunde Schnuphase's entsprach, sich und andere als B l u m e pflegte und begoss und die kleinen Insekten der Fehler und Sunden, die etwa dem Wuchs der Nachbarblute gefahrlich werden konnten, in Form von Angebereien, letztere in kleine beschriebene Zettel gewickelt, in eine monatlich am Altar aufgestellte Buchse warf ... Diesen Bundnissen gehorte der machtigste Einfluss auf die politischen Wahlen fur Staats- und Gemeindeleben ... Nach Toscana kehrte eine Dynastie zuruck, die sich gelobte, ganz nur die Jesuiten walten zu lassen ... Jede Bibel, die in eines Katholiken Hand gefunden wurde, wurde verbrannt ... Pater Speziano wagte aus der Schweiz nach Coni zu schreiben, er wurde mit acht Priestern, funf Scholaren und sieben Laienbrudern zu San-Ignazio wieder einziehen und getrost das Martyrium des Kerkers erdulden ... Beichtstuhl, Schule, Pensionat, Universitat, Oberaufsicht der Nonnenkloster, Missionspredigt, die ganze Richtung vorzugsweise d i e s e s freisinnigen Staates sollte aufs neue zu einem aussersten Kampf den Fehdehandschuh hingeworfen erhalten ... Nun war Rom gefallen und die Einnahme der ewigen Stadt das Signal fur die Ruckkehr aller alten Positionen Fefelotti's ...

Das Interesse an Ruhe und Ordnung blieb allerdings bei den Possidenti das uberwiegende; selbst bei den Waldensern, grosstentheils fleissigen und wohlhabenden Bauern ... Verwunschungen genug wurden gegen Garibaldi ausgestossen, der den nur unnutzen Widerstand durch das Sprengen der Tiberbrucken um einige Tage hatte verlangern wollen ... Abendlich las man die Schilderungen aus dem "Monitore Romano", wie die einruckenden Soldaten zwar mit Zischen und den Rufen: "Nieder mit den Pfaffen! Nieder mit den Fremden!" empfangen wurden; aber das Drama der Befreiung Italiens von aussern und innern Feinden hatte ausgespielt ... Die Vertheidiger Roms hatten den Versuch gemacht, sich nordwarts durchzuschlagen ... Dort kamen ihnen die Colonnen der Oesterreicher entgegen ... Man erstaunte, wie Garibaldi die Trummer seines kleinen Heeres noch bis nach San-Marino fuhren konnte, wo dann alles sich aufloste und wohin irgend moglich zu entkommen suchte ...

Die ersten Acte der wiederhergestellten Priesterherrschaft wurden oft besprochen ... Die fluchtigen Jesuiten, horte man, waren im Al-Gesu wieder eingezogen ... Statt des Monitore kam wieder das alte censurirte "Diario" ... Auch Grafin Sarzana, las man, kam nach Rom ... In den Todtenlisten, die allmahlich bekannt wurden, befand sich ihr Gatte als Gefallener ... Eines Abends wurde unter den Verwundeten auch Casar von Montalto genannt ...

Die Gesellschaft befand sich gerade am Vorabend des Bonaventuratages, an dem in erster Morgenfruhe der Graf, Armgart und Paula nach Coni reisen wollten, im grossen Speisesaal, als aus den Zeitungen diese Nachricht vorgelesen wurde ... Das Gesprach war bunt durcheinandergegangen ... Einigen Gutsbesitzern der Umgegend, die von Monika's Stellung zur Kirche keine rechte Vorstellung hatten und von Hoffnungen sprachen, die man noch auf Se. Heiligkeit und dessen personlichen guten Willen setzen durfte, hatte diese geradezu erwidert: Solche Menschen sollen erst noch geboren werden, die, wenn sie von Natur eitel sind, ertragen, dass man ihnen auch nur eine einzige ihrer gewohnten Huldigungen entzieht ... Solche Naturen schmollen ewig, wie die Koketten, die uns ein Wort uber ihren Teint nicht vergeben konnen ... Von Dem erwarten Sie nichts mehr ...

Paula war wegen Benno's aufgestanden ... Armgart erblasste sogleich und sass still in sich versunken ... Graf Hugo nahm die Zeitungen, aus denen Baldasseroni vorgelesen hatte und wiederholte voll Schmerz: Also Casar Montalto verwundet ...

Der Vater, die Mutter sahen auf Armgart ... Paula wollte sich der Freundin hulfreich erweisen; denn langsam erhob sich jetzt Armgart ...

Man konnte zum Gluck hinter der Theilnahme fur eine Storung, die dem Grafen wurde, die Betroffenheit verbergen ...

Diesem hatte man eben einen Brief uberbracht, mit dem Hinzufugen, auf der Terrasse draussen harre der betreffende Herr, der ihn abgegeben, und wunsche den Grafen selbst zu sprechen ...

Graf Hugo hatte die wenigen Zeilen des Billets wieder und wieder uberflogen und stand halb auf dem Sprunge, zu gehen, halb kampfte er mit sich zu bleiben ob aus Theilnahme fur Benno, ob aus Interesse fur Armgart, ob vor Erstaunen uber den Brief, liess sich nicht unterscheiden ... Erst auf Paula's an ihn gerichtete Frage, wer so spat ihn noch zu sprechen kame, fasste er einen Entschluss ...

Der sonst so Aufmerksame erwiderte seiner Gattin kein Wort ... Wie abwesend verliess er den Saal ...

Die ubrige Gesellschaft fand in alledem kein Arg und blieb noch beisammen ... Angeregt plauderte man durcheinander, auch nachdem Paula und Armgart sich entfernt hatten ... Stumm, doch innig theilnehmend hatten ihnen die Aeltern nachgeblickt, blieben aber um so mehr im Saale, als jetzt auch der Graf fehlte ...

Nur durch einige Zimmer brauchten die Freundinnen zu schreiten, um auf eine Altane zu treten, von der sich in den Garten blicken liess ... Es war ein milder Juliabend, der nach brennender Hitze des Tags die sanfteste Kuhlung brachte ... Der Mond, dessen vollen Strahl Paula noch immer vermied, war im abnehmenden Licht ... Nur die Sterne erhellten die stille Nacht und weckten, wie sie so dicht auf der Hohe der Seealpen lagen, Sehnsucht in die Ferne, Sehnsucht nach dem grossen jenseitigen Meer ... Die Terrasse, auf die Graf Hugo hinausgerufen, lag unter der Altane zur Seite und stiess an ein offenes Gewachshaus, in das man eintreten konnte, um sich, wenn man wollte, dort auf Ruhebanken behaglich niederzulassen ...

Benno verwundet ! sprach jetzt Paula und zog liebevoll die tiefergriffene Freundin an die Brust ...

Alles geht hin ! Was bleibt ubrig! ... hauchte Armgart leise und schien gefasst ...

Wird er sterben? ... lehnte Paula ab ...

Ich begrub ihn langst erwiderte Armgart, mit sich kampfend, um nicht, wie sie sagte, "thoricht" zu erscheinen ...

Eine Thrane aber perlte an ihrem Auge ... Die Freundin kusste ihre Stirn ... So lagen sie eine Zeit lang aneinander ...

Vom Saale heruber erscholl wieder die lebhafte Unterhaltung der Gesellschaft ...

Wie wird dir's wohl thun, begann Armgart, um mit Gewalt die Gedanken an Benno zu verscheuchen, wenn du wieder in deinem Hause in Coni bist! ... Ich glaube nicht, dass dir fur immer die hiesige Welt behagen konnte ...

Der Graf und ich, erwiderte Paula im Gegentheil, waren dennoch lieber hier ... Aber mussen auch wir nicht in Coni um den Freund erbangen? ... Oft ist uns, als konnte sein Lebenslicht in Einer Nacht erloschen ...

Nenne sie nicht beide zusammen! ... fiel Armgart ein ... Dann schwieg sie lange und sagte entschuldigend: Benno liebte fast zu sehr seine Mutter ... In ihr liebte er Italien ... Italien ist ein Gift ... O diese Mutter! ... Sie tragt die Schuld an allem ... Sie hat ihn auch jetzt getodtet ...

Paula horte, was schon so oft von den Freundinnen besprochen worden ... Sie kannte die Mutter Benno's nur aus den Schilderungen, die Bonaventura und Lucinde von ihr gegeben ... Die aus dem Munde der letztern gekommenen waren wenig vortheilhaft fur die Herzogin von Amarillas auch Angiolinens, ihres Kindes Schicksal hinderte den Grafen, mit besonderer Anerkennung von ihr zu sprechen ... Alles das waren schmerzliche Erinnerungen, wehmuthige Vorstellungen fur beide ...

Armgart bekampfte sich, schwieg und setzte sich, ihr Haupt aufstutzend, auf einen der gusseisernen Sessel, die unter einem zeltartigen Dach von gestreiftem Zeuge standen ...

Nach einer Weile fragte sie:

Wer mag den Grafen so spat noch abgerufen haben? ...

Man entdeckte den Grafen nicht ... Vielleicht war er weiter hinaus in den Garten gegangen, der offen, in nachtlicher Stille und mit seinem berauschenden Dufte vor ihnen lag ...

Paula sagte, sie brauchten wol uber das Verbleiben des Grafen keine Besorgniss zu hegen; sie setzte sich zu Armgart, die es beklagte, dem Erzbischof zu morgen kein wurdiges Geschenk bringen zu konnen ... Wol mochte sie inzwischen an den Aschenbecher gedacht haben, den sie einst Benno gegeben ...

Paula sagte:

Dich selbst wieder zu sehen, wird ihm die liebste Gabe sein ...

Wie furcht' ich seine Begegnung mit meinen Aeltern! ... fuhr Armgart fort ...

Paula bestatigte diese Furcht, wenn sie sagte:

Oft spricht der Freund: Auch wenn zwei dasselbe sagen, ist es darum noch nicht dasselbe! ...

Sie deutete damit den verschiedenen Grund an, auf welchem von beiden Parteien das Leben der Kirche gebessert werden sollte, setzte aber begutigend hinzu:

Aber auch mein Glaube ist schon langst, dass alles, was wir zu sehen und zu begreifen wahnen, eine Tauschung ist ... Ist das ein Haus? Sind das Berge? Wir nennen es so ...

Das mein' ich nicht! widersprach Armgart ... Die Verstandeskrafte, die uns nun einmal gegeben sind, sind unsere sichern Wegweiser ... Wir haben gar kein Recht, ihnen zu mistrauen ... Fur uns ist wahr, was sie sagen ... Gibt es eine andere Wahrheit, so kommt sie uns gar nicht zu ...

Waren es die gewohnlichen Sinne, die mich einst bei wachem Auge schlafen und wachen liessen bei geschossenem? entgegnete Paula ... Damals als dem heiligen Stuhl meine Angelegenheit vorgelegt und mein Zustand verurtheilt wurde, glucklicherweise ohne Nachtheil fur Bonaventura, hab' ich ein Heft in die Hand bekommen, wo vieles verzeichnet stand, was ich gesprochen haben soll ... Als ich alles das las, war mir's doch wie einem Menschen, der sich an den Glauben gewohnen soll, schon einmal vor seiner Geburt gelebt zu haben ... Das glauben freilich auch viele und trauen dem Schopfer die Armuth zu, den Stoff, aus dem er Menschen bildete, so sparsam aufbewahren, so vorsichtig verwerthen zu mussen ...

Armgart gedachte lachelnd des Dechanten, dem sie Gleiches gesagt, als er sie in einen Vogel verwandelt prophezeite ...

Ich las damals, fuhr Paula fort, dass aus mir heraus eine Macht gesprochen hatte, die Frau von Sicking die des Teufels nannte ... Meine angebliche Wunderkraft, die Kraft des Gebets verlor sich in der That; schlimme Sagen wurden uber mich verbreitet; als ich gar den lutherischen Grafen ins Land zog, erlosch an mich der Glaube ganz ... Nun sah ich, was mein Traumreden war; es war die stille Ansammlung von tausend unausgesprochen in mir lebenden Urtheilen und die fur sich selbst fortarbeitende Unruhe des Geistes, der seine Eindrucke wider Willen aussprach ... Ich sah einen neue Himmel und eine neue Erde; warum? Weil ich eine Welt haben wollte fur mich und Bonaventura ... Ich sah die Kirchenvater; sie schlugen andere Bucher auf, als die wir kennen, lesen und befolgen sollen ... Ich sprach, zumal aus der Seele deines Vaters, Dinge, die ich glaube jetzt auch ohne Hellschlaf verkunden zu konnen freilich fehlt mir der Trieb dazu ... Die Sprache, die deine Mutter redet, ist die nicht, die ich dann wahlen mochte ... Doch glaube mir, Armgart, auch der Erzbischof denkt wie deine Aeltern; oft verheisst er Zeiten der grossten Umgestaltung nur musse die Kraft, die sich dann bewahre, eine gesammelte und vorbereitete sein ... Ruste dich, manches an ihm zu entdecken, was dich uberraschen wird ...

Dem Gedanken, meine Aeltern zu versohnen, sagte Armgart, hab' ich meine Jugend geopfert und es scheint, mein ganzes Leben wird diesem Opfer folgen ... Trennen kann ich mich nicht mehr von dem milden und gutigen Sinn des Vaters und dieser wieder hat alles in der Mutter, was ihm sein Leben noch zur Freude macht ... Was ihn sonst an ihr verletzte, gerade das ist jetzt seine Erhebung geworden ... Beide seh' ich treuverbunden und darum trag' ich alles und murre nicht und durch Schweigen helf' ich mir oft mehr, als durch Worte ... So hoff' ich, komm' ich auch mit dem Erzbischof aus, der mir ohnehin zu allen Zeiten mehr streng als nachsichtig war ...

Paula suchte der Freundin liebevoll diese Voraussetzung zu nehmen und umarmte sie ... Beide standen schon und schlank im Abendlicht ... Paula schien jetzt kleiner doch war die Hohe der Freundinnen gleich ... Paula kusste Armgart's Stirn ...

Wie vieles von dem, was ich in meiner Krankheit sah, ist eingetroffen, sagte sie, und nur das eine eine Bild, wo ich dich und Benno immer nur verbunden erblickte, traf nicht zu ...

Du sahst mich mit ihm auf Felsen, entgegnete Armgart, sahst mich mit ihm am Ufer des Meeres ... In jeder Gefahr war ich ihm zur Seite ... Ist das nicht alles eingetroffen? Jetzt bin ich auch bei ihm und bald bald ...

Armgart ! unterbrach Paula die dustere Erwartung und zog die Freundin an sich, der ein Strom von Thranen entquoll ...

Dann entwand sich Armgart mit sturmischer Geberde und trat an den Rand der Altane, ihr Haupt auf die hohen Vasen der Blumen legend ...

Eine Weile dauerte Paula's beruhigendes Streicheln der Stirn, der Wangen und der Hande der Freundin ...

Ein leichter Abendwind erhob sich und brachte noch wurziger die Dufte der Rosen und Orangen ... Nun wandte sich Armgart und erinnerte, dass sie schon in aller Fruhe aufbrechen mussten ... Sie wollten zur Ruhe gehen ...

Da ist der Graf ... unterbrach sich Paula im Gehen und deutete auf den Garten ...

Armgart entdeckte unter den dunklen Schatten des Schlosses, heraustretend aus einem Boskett von Lorberbuschen, die mit hochstammigen Camellien durchzogen waren, den Grafen mit einem Begleiter ...

Kaum hatte sie hingeblickt, so stiess sie einen unterdruckten Schreckensruf aus und sagte:

Das ist ja Terschka! ...

Paula hatte Terschka's Bild im Gedachtniss fast verloren und lehnte die Richtigkeit der Erkennung ab ...

Armgart versicherte aber:

Er ist es ... Verlass dich ... Das ist sein Gang ... Das seine Art, so mit den Handen zu fechten ...

Der Damon seines Lebens ! sprach Paula dumpf und mit einer Theilnahme fur den Grafen, die die Macht der Gewohnung uber ihr Herz verrieth ... Sie konnte nicht liebevoller von einer Gefahr fur Bonaventura sprechen, als jetzt von einer fur den Gatten ...

Der nachste Gedanke an eine fur den Grafen zu befurchtende personliche Gefahr konnte nicht lange anhalten ... Der Graf ging ruhig ... Nur der dunkle kleine Schatten neben ihm schwankte ... Jetzt standen die Wandelnden still ...

Armgart fuhr von einigen hohen Cactustopfen der Balustrade zuruck, die sie verbargen erbebend vor dem Blick, den Terschka durch das Dunkel der Nacht auf sie heruberwarf ...

Was kann er wollen? ... fragte Paula angstlicherregt ... Die Freundschaft, die sie fur ihren Gatten empfand, liess sie mit einem einzigen Blick die Gefahren ubersehen, die im Gefolg einer solchen Wiederbegegnung eintreten konnten ... Dass Terschka zu den Jesuiten zuruckgekehrt war und vielleicht in Freiburg, wo noch vor kurzem Hunderte der vornehmsten Adligen erzogen wurden, streng, doch mit offenen Armen, vorlaufig als Lehrer der Reitkunst aufgenommen wurde, hatte oft Graf Hugo selbst gesagt ... Unmittelbar nach Terschka's vorausgesetzter Ruckkehr zum Orden brachen die Ereignisse an, die die Jesuiten von Freiburg verjagten ... Paula kannte jetzt alles, was Pater Stanislaus einst bei ihrem Gatten im Auftrag des Al-Gesu hatte sein sollen; gerade diese Gedankengange hatten so oft Veranlassung gegeben, im kirchlichen Glauben das Aechte vom Falschen zu unterscheiden und Bonaventura's Entrustung uber die seelenmorderische Thatigkeit der Jesuiten zu theilen ... Paula wusste, dass die verfuhrerischen Plane des Paters an ihres Gatten gesundkraftiger Natur und Terschka's Mangel an Selbstandigkeit scheiterten ... Was er ware, hatte oft der Graf zu Paula gesagt, verdankte er dem Leben und dem Tode Angiolinens, dann freilich vorzugsweise dem einen Tage, den Bonaventura mit ihm auf Schloss Salem zugebracht ... Verliess sich auch Paula auf die Wahrheit dieser Worte, so war doch schon lange ein truber Stillstand in des Grafen Leben eingetreten ... Die unerwiderte Zartlichkeit fur seine Gattin, sein mannichfach getheiltes Herz, die jetzige Erfullung aller seiner aussern Wunsche hatten einen Zustand der Muthlosigkeit hervorgerufen, aus dem sich emporraffen zu wollen sein fester Wille schien ... Der Tod der Mutter, die Ankunft des Obersten schien Plane zu erleichtern, deren Ausfuhrung nun vielleicht in die Hand Terschka's gerieth? ... Paula gerieth in die heftigste Erregung ...

Armgart, aus naturlichen Ursachen selbst erbebend, konnte nicht alles ubersehen, was sich so in Paula's Seele an Angstgedanken jagen konnte ... Aber sie fuhlte die Hand der Freundin erkalten, fuhlte, dass in Paula's Brust eine Theilnahme fur den Gatten zitterte, die ihr schon lange viel mehr, als nur die Folge der Gewohnung an ihn schien ... Staunend und ihres eigenen Schreckens nicht achtend sagte sie:

Beruhige dich! Sieh, wie friedlich beide nebeneinander gehen ...

Ausgesohnt! ... Und dem Walde zu! ... sprach Paula voll Bangen ...

Eben gingen der Barbe Baldasseroni und der Aelteste der Waldenser denselben Weg dem Walde zu ... Im untern Schlosse wurde es lebendig; die Gesellschaft trennte sich, Diener waren in Bewegung ... Armgart glaubte, dass man Paula's Befurchtungen nicht zu theilen brauchte ... Sie stockte eine Weile, ob sie den Aeltern von Terschka's Nahe sprechen sollte, unterliess es aber, aus Besorgniss, dass ihnen mit dieser Nachricht die Nachtruhe geraubt wurde ... Zu Paula's Beruhigung zog sie zwei Diener ins Vertrauen, die sie beauftragte, in einiger Entfernung dem Herrn und seinem Gast zu folgen ... Der Abendwind wurde frischer; sie sollten dem Grafen und seinem Besuche Mantel nachtragen ... Armgart zog die Freundin in ihr Schlafgemach, dessen Thuren auf die Altane hinausgingen ... So lange wollte sie bei ihr bleiben, bis der Graf zuruck ware ... Schon allein das Bedurfniss, sich uber die gebundenen Stimmungen ihrer Seelen auszusprechen, hielt sie inzwischen beide wach ...

In der That hatte sich Armgart nicht geirrt ...

Terschka war es und in leichtem, unpriesterlichem Reisekleide ... Er hatte den Grafen um einen unbemerkten Empfang gebeten und demzufolge ihn draussen auf der Terrasse begrusst ... Die Ruhe, die die Frauen am Grafen beobachtet hatten, kam von einer innersten Erkaltung her, mit der er dem enthusiastischen Gruss und der beredsamen Darstellung eines abenteuerlichen Irrgangs durchs Leben vom Tage seiner Abreise nach Amerika an bis zum gegenwartigen Augenblick gefolgt war ... Damals als ich Ihnen rieth: Greifen Sie die Urkunde an! Sie ist falsch! Lassen Sie jene Lucinde verhaften! konnte alles noch anders werden; aber Sie folgten mir nicht! hatte Terschka, an den durch die Abreise nach Amerika unterbrochenen Briefwechsel anknupfend, offen ausgesprochen und angedeutet, um wie viel weniger grausam ihn dann die Schlage des Misgeschicks getroffen haben wurden ...

Graf Hugo war auch darin eine vornehme Natur, dass er sich sogar gegen das Zweideutige und Schlechte nicht mit sofort aufwallender Entrustung, nur mit einer Art naiver Ironie, ja einer scheinbaren Toleranz verhielt, die jedoch tief erkaltend und alles Ungebuhrliche von sich ablehnend wirkte ... Ein sich immer gleiches entwaffnendes Lacheln lag dann auf seinen Gesichtszugen, sein wienerisch gemuthlicher Accent bekam eine ironische Scharfe, die verwirrte ... So bemerkte er auch jetzt mit einem Schein von Humor:

Wirklich, mein alter guter Terschka, wenn ich Ihnen dienen kann, so sagen Sie es offen! ... Ich bin ja reich ... Mama starb vor kurzem ... Verfugen Sie uber mich! ...

Terschka kannte diese Manier, furchtete sie und erwiderte nach einer Weile:

Graf, das ist alles zu spat! ... Was ich brauche, brauchen darf, das hab' ich ja ... Ich muss arm bleiben, wie mein unseliges Gelubde befiehlt ... Ja, ja, Graf, ich kann nicht mehr zuruck bleibe, was ich war und wieder bin ... O, diese Kampfe diese Martern! ... Aber Graf Wenn Sie Sie wollten ...

Ich? ... Was soll ich wollen? ... sagte der Graf ...

Mit dem Ausdruck des hochsten Schmerzes stockte Terschka und sah sich um, ob niemand ihnen folgte ...

Der Graf wiederholte mit dem Ton der alten Sorglosigkeit, wenn auch scharf aufhorchend, mehreremal:

Sie sind also wieder Katholik, Priester, Jesuit haben in dieser wilden Zeit wo? in Tirol gelebt? ...

Unter fremdem Namen leitete ich die Erziehung der Sohne eines Grafen von Wallis in Steiermark ...

Versteckten sich bei den Gemsen und auf den Eisfeldern der Tauern ... Horen Sie, da thaten Sie recht ... Ich horte, dass Ihre alten Freunde in London einige Dolche fur Sie geschliffen hatten, die Ihnen den Tod der Bruder Bandiera heimzahlen sollten ...

Sprechen auch Sie diese Verleumdung nach? ... wallte Terschka auf und begleitete seine Rede mit den heftigsten Gesticulationen ...

Durch wen sollte die Erhebung von Porto d'Ascoli zu einer Espece Rauberfeldzug werden? ... entgegnete der Graf mit Scharfe und wiederholte, was durch Bonaventura und Benno's fruhere Briefe ihm erinnerlich war ... Durch einen gewissen Boccheciampo und Jan Picard, den man aus London nach Korfu geschickt hatte, um an jener Expedition teilzunehmen ... Das Experiment misgluckte ... Der Einfall fand in Calabrien statt ... Aber doch ereilte die Nemesis einen Ihrer Abgeordneten durch den Bruder Hubertus, der Ihnen, hor' ich, schon in Westerhof eine unheimliche Erinnerung gewesen sein soll ... Was hatten Sie gegen den Monch mit dem Todtenkopf, den "Bruder Abtodter"? ... Ihren Sendling soll er wie den Grizzifalcone in Rom bedient haben ... Dass die Italiener doch noch manchmal vor uns Deutschen Respect bekommen! ...

Alles das schrieb Casar Montalto aus London an den Erzbischof? ... entgegnete Terschka mit funkelnden Augen ... Ich versichere Sie Graf! Es sind Lugen ...

Der Graf hatte die Anklage ausgesprochen, die Terschka seit einigen Jahren verfolgte; die Anklage, die ihn nach Amerika getrieben; die Anklage, die ihn, aus Furcht vor den Fluchtlingen in Genf, zuletzt die Pforten des Asyls von Freiburg wieder aufsuchen, ja in den Zeiten der entfesselten Revolution sich ganz in der Welt verbergen liess ... Der Graf that dabei so, als wenn es ihm gar nicht einfiele, Terschka's etwaige, hochst respectable Motive verdachtigen zu wollen ...

Man verlangte damals fur die Bandiera, begann Terschka, entschlossene und verzweifelte Manner ... Ich schickte einen solchen ... Es war ein Mensch, der mir in London, ich gesteh' es, unbequem wurde ... Ich habe Ihnen nie ein Hehl gemacht, Graf, dass, ohne meine Schuld, meine erste Jugend abenteuerlich war ... Nun fuhrte mich eine zufallige Begegnung mit einem Menschen zusammen, der sich an mich klettete, mich auspresste, belastigte in jeder Weise ... Ich wusste ihm nichts zu bieten, als das Handgeld der Verschworer ... Noch mehr, ich suchte diesen Picard zuerst in Londons Tavernen aus freien Stucken auf; ich war ihm als Brandstifter von Westerhof auf der Spur ... Zwar leugnete er, vermass sich hoch und theuer ich setzte ihm aber in Ihrem Interesse, Graf so lange zu, bis ich, ohne Ihre dringende Abmahnung, diesen Gegenstand weiter zu verfolgen, ohne Zweifel der Wahrheit uber den Schlossbrand auf den Grund gekommen ware ...

Sie wussten, dass es ein Gauner war, sagte der Graf, und empfahlen ihn doch jenen Fluchtlingen, deren Partei ich nicht nehme, die aber, mein' ich, einige brave Menschen in ihren Reihen zahlen ... Empfahlen ihnen einen Kerl, der ganz gewiss jener Diener auf Westerhof war, Dionysius Schneid ja wol, fur den Ihr alter Hubertus hatte verantwortlich gemacht werden mussen, wenn der alte Freund und zuweilen nicht zurechnungsfahige Protector Ihrer Jugend, einer unter Raubern zugebrachten Jugend, nicht damals mit dem Doctor Klingsohr ja wol entflohen ware ...

Graf ! unterbrach Terschka mit verdrossener Geberde und hielt, vorauseilend, beide Hande an seine Schlafe, als konnte er Dinge nicht horen, die das Mal auf seinem Arm ergluhen machten ...

Nun, nun, beruhigen Sie sich nur! rief ihm der Graf nach und folgte langsam ... Mein Vorwurf trifft nur die Moglichkeit, wie Sie Ihren Freunden in London einen notorischen Bosewicht haben empfehlen konnen! ...

Meine Freunde! wiederholte Terschka und lachte ... Was ist, was war mir diese Freiheit Italiens! Diese Aufstande, diese Bewegungen! ... Ich bin zu Grunde gegangen an meinem Bedurfnis, andere froh und glucklich zu sehen ... Jesus, mein Ehrgeiz war schon da befriedigt, wenn ich unter dem Schein der Freundschaft so viele Jahre nur Ihr Bedienter war ... Protestiren Sie nicht, Graf! ... Ich liebte die Geselligkeit, habe die Rechte, die sie gab, nie missbraucht, ich lebte ihren oft sehr schweren Pflichten ... Sie haben es gesagt, das ungluckliche Gespenst meiner geringen Herkunft ist es, das mich uberall verfolgt ... Sie haben sich gut erinnern ; ich gestand es Ihnen selbst damals, als Sie sich von dem lieblichen Kinde in Zara nicht trennen konnten ...

Terschka sah den Eindruck seiner an dieser Stelle in Weichheit ubergehenden Stimme am Stillstehen des Grafen ... Ein sturzendes Bergwasser begrenzte den Garten ... Eine Erlenbrucke fuhrte hinuber ... Der Graf lehnte sinnend uber die weissen Stamme dieser Brucke hinweg und blickte in die rauschende Flut ...

Angiolina! fuhr Terschka in melancholischem Tone fort ... Ach, wenn du, du noch lebtest! ... Nie wurde dein alter, verwitterter, lebensmuder Freund so tief ins Elend gerathen sein! ... O, diese Zeiten! ... Graf, oft hor' ich sie noch im Geiste weinen und lachen ... Wie sie lachen konnte die Angiolina wie sie halt wieder gut machte, was ihre Wildheit zerstort hatte ... O Graf, um Angiolinen schont' ich ihren Bruder noch vor drei Tagen sah ich ihr Bild wie zum Verwechseln vor mir in den Zugen dieses mir immer nur impertinent gewesenen Bruders ...

Sie sahen Montalto? erhob sich der Graf vom Gelander der Brucke ... Wo? ... Er soll ja verwundet sein ...

So wissen Sie noch nicht, dass er in Coni beim Erzbischof ist? ...

Wer? fuhr der Graf auf ... Benno von Asselyn? in ? ...

Coni! Auf meiner Fahrt von Genua hierher begegnet' ich ihm ... Vor wenig Tagen ... Ich glaubte damals nicht, dass er noch den nachsten Tag uberlebt ... Aber er ist, verlassen Sie sich, in Coni ...

Der Graf gerieth in die hochste Aufregung ... Dachte er auch nur an die morgende Fahrt nach Coni, so war Grund genug vorhanden, sich zur Umkehr zu wenden ...

Lassen Sie mir diese letzte Stunde! bat Terschka und ergriff die Hand des Grafen ... Es ist die letzte meiner Freiheit! Graf, lassen Sie uns so nicht scheiden! ... Ich bin eine elende Ruine, zu Grunde gerichtet, verloren ... Das ist mein Ungluck, ich kann ohne die Vorsehung anderer Menschen, ohne eine Kette nicht leben ... O diese Kette wie ist sie unendlich und ach! wie schwer ! ...

Sie sind also in der That der Pater Stanislaus wieder! ... sagte der Graf nicht ohne warmeren Antheil ...

Die Fessel ist dehnbar aber sie reisst nie! ... antwortete Terschka im Tone der Vernichtung ...

Eine dumpfe Pause trat ein ... Eine ode Stille, ... Nur die Blatter der Baume fingen machtiger und machtiger zu rauschen an ...

Der Graf empfand die ganze Verwerflichkeit eines Ordens, den er schon lange gelernt hatte vom Katholicismus selbst zu unterscheiden ... Aber er empfand mit Terschka personlich Mitleid ...

Sie Aermster gehen also nach Rom! ...

Zum Gericht! fiel Terschka ein ...

Und kommen direct? ...

Von Genua ...

Da sahen Sie Benno von Asselyn! ...

Auf dem Wege nach Coni ... Ich sprach ihn naturlich nicht ... Schon in Witoborn war er mein Todfeind ... Ich sah ja Armgart eben auf der Altane ... Graf, es wird kuhl ... Schliessen Sie Ihr Kleid ... Armgart wird erstaunen ihren Benno wiederzusehen ...

Die nachtlichen Wanderer standen am Eingang zu jenem machtig sich ausdehnenden Eichenwalde, der die noch unzerstorte Einsiedelei des Eremiten barg ... Sie schritten in die sich mehrende Dunkelheit hinaus ... Eben gingen der Pfarrer und der Gemeindealteste an ihnen voruber und sprachen, als beide stillstanden und sie voruberliessen, ein: Salute! ...

Buon viaggio! durfte der Graf erwidern, da die Wanderer bis zu ihrem Gebirgsthale eine weite Strekke hatten ...

Terschka wandte sich abseits, um nicht erkannt zu werden ... In fruheren Jahren war er nicht selten hier gewesen und geredet wurde noch oft genug von ihm ... Er kannte hier Weg und Steg ...

Werden Sie denn auch fur diese Schwarmer, fragte er den Vorausgehenden nach, ebenso ein Protector sein, wie Ihre Mutter? ...

Die Gesetze protegiren sie ... entgegnete der Graf und sah, nur noch Benno's gedenkend, nach der Uhr ...

Terschka wollte ihn nicht lassen ... Er suchte ihn in Interessen zu verwickeln, die fur beide gemeinschaftliche waren ...

Man sagt, begann er, dass Ihre Freundschaft fur den Erzbischof von Coni Ihre Zartlichkeit fur Ihre Gemahlin jetzt vielleicht nach dem Tode Ihrer Mutter ...

Der Graf horte nicht ... Seine Gedanken waren nur dem Schlosse und Coni zugewandt ...

Warum bin ich nur so feige und todte mich nicht selbst! ... unterbrach sich Terschka mit wilder Geberde und weckte somit gewaltsam den Grafen aus seinem fortgesetzten Bruten ...

Sie erwarten wirklich jetzt erst in Rom die ganze Strenge Ihres Ordens fur Ihre Flucht! ... sagte der Graf, mit zerstreuter Theilnahme auf seine Worte horend ...

Terschka erwiderte nichts, sondern blickte nieder ...

Sie haben mir von den Exercitien des heiligen Ignatius erzahlt! fuhr der Graf, um ihn zu beruhigen, fort ... Werden Sie also in einer dunklen Zelle zubringen mussen mit einem Todtenkopf auf Ihrem Betpult, mit dem Bild einer verwesenden Leiche in Ihrem Bett ?10...

Terschka schwieg ...

Das sind doch in der That nur kindische Dinge ... Auch hab' ich gehort, dass Sie Ihren Uebertritt, Ihren Verrath am Orden, wenn Sie wollen, als eine wohlberechnete Strategie darstellen durfen, als ein Mittel, desto besser zu Ihrem Ziel zu gelangen ...

Ja was war denn mein Ziel? fiel Terschka mit zustimmendem Aufhorchen ein ...

Der Graf bereuete diese Andeutung gegeben zu haben ...

Sie werden, begann Terschka anfangs lebhaft, bald aber seine Stimme dampfend, als konnten die Blatter der immer mehr bewegten Baume seine Worte weiter tragen, Sie werden in diesem Thal, in diesen oden Waldern nicht ewig bleiben wollen ... Ihre Liebe zu den Waffen wird sich wieder regen, zumal wenn Sie sehen, dass eine Zeit kommt, wo nur noch die Waffen die Welt regieren ... Oft schon sind Ihnen glanzende Anerbietungen zum Rucktritt in die Armee gemacht worden ... Ihre Lage, zweien Staaten angehoren zu sollen, zumal zweien, die sich unausgesetzt befehden werden, wird Sie zuletzt zu einem Entschluss veranlassen mussen ... Ich weiss nicht, wohin Sie Ihre Ueberzeugung zieht ... Katholisch sein! ... Selbst in jenen lacherlichen Exercitien des Ignatius liegt ein dumpfer Ernst mache nur Einer mit, was ich in Freiburg habe erleiden mussen ... Die Revolution machte dem schrecklichen Kinderspiel, das man mit mir trieb, ein Ende ...

Was in Freiburg unterbrochen wurde, wird in Rom wieder aufgenommen werden ? ...

Ja Graf ! Aber gesetzt, Sie nahmen wieder bei Ihren alten Waffengefahrten Dienste, Sie lebten in Wien, wofur sich doch zuletzt die Sehnsucht Ihres Herzens entscheiden wird Gesetzt Sie brauchten ja Castellungo nicht zu verkaufen die Nothwendigkeit fur Ihre Gemahlin, in des Erzbischofs Nahe leben zu mussen ...

Was reden Sie! ... unterbrach der Graf ...

Vergebung! schmiegte sich Terschka in demuthiger Geberde ... Sie misverstehen mich Ich meine, der Oberst von Hulleshoven ist ein Projectenmacher und eigensinnig wie seine Frau ... Hedemann ware fur die Verwaltung Castellungos zu brauchen gewesen Aber der ist ja wol auch todt? ...

Sie sind ein schneller Reiter! ... entgegnete Graf Hugo, sich erst langsam beruhigend ... Nie noch hatte jemand gewagt, ihm personlich die Nothwendigkeit, Paula in des Erzbischofs Nahe zu lassen, so offen auszusprechen, wie Terschka ... I h m war Bonaventura nothwendig, Er nur blieb in des Freundes Nahe ! So und nie anders hatte sich seit Jahren das Verhaltniss im Munde seiner Umgebungen gestalten durfen ...

Wollen Sie diese herrliche Besitzung zu Grunde gehen lassen? fuhr Terschka immer demuthiger fort ... Konnten Sie uber meine Art, in Westerhof zu Geld fur Sie zu kommen, klagen? ... Behalten Sie mich hier! ...

Ich verstehe nicht entgegnete der Graf ...

Ich furchte mich vor Rom ... Man wird Dinge von mir verlangen die uber meine Kraft gehen ... Die einzige Moglichkeit der Rettung fur mich ware, dass ich draussen in der Welt eine Aufgabe fortsetzte ... Was ich Ihnen fruher im Geheimen war, Graf, wenn ich es offen wurde und sagen konnte ...

Der Graf horchte auf ...

Treten Sie uber! ... Lassen Sie mein jahrelanges Werk endlich mit Erfolg gekront sein! ... Thun Sie es offentlich, so soll es mir nicht zu schwer werden, es meinen Obern so darzustellen, als wenn alles, was ich mir seither habe zu Schulden kommen lassen, nur ein Mittel war zu hoherm Zweck ... Thun Sie es geheim, wohlan dann desto besser ... In diesem Fall wurd' ich Ihr Gewissensfreund bleiben, wurde Ihr Wachter scheinen durfen und konnte so fortleben, wie bisher selbst unterm Schein, Priesterstand und was nicht alles verwirkt zu haben ... Oesterreich erhalt die Weisung, meine Lage zu ignoriren Piemont schutzt uns ohnehin ... Werden Sie katholisch, Graf! ...

Graf Hugo brauste nicht auf und entsetzte sich nicht ... Es gab eine Stelle in seinem Innern, die von Terschka's Vorschlagen elektrisch beruhrt wurde ... Die Jesuiten waren ihm nicht der Katholicismus ... Religion nannte er ubliche Sitte und Landesart ... Der geselligen Spaltungen, die in seiner fruhern militarischen Stellung fur ihn als Akatholiken lagen, erinnerte er sich ungern ... Den stolzen Muth seiner Mutter, gerade im Widerspruch mit weltlichen Rucksichten zu leben, besass er nicht ... Mehr noch, wirkliche Liebe zu Paula fing ihn zu bestimmen an ... Um sich, um die Mutter aus bedrangten Verhaltnissen zu reissen, hatte er eine Standesehe geschlossen, ohne Paula die Zumuthungen einer Gattin zu machen ... Und die ersten Jahre war es ein Verhaltniss gewesen, wie auch nur je eine Vernunftehe unter hochgestellten Personen geschlossen wurde ... Als aber Paula in Italien, in Bonaventura's unmittelbarer Nahe lebte, als sich die hochgespannte Leidenschaftlichkeit dieser Beziehung milderte, als die bescheidene Unterordnung des Grafen unter den Erzbischof diesen nicht minder, wie Paula ruhrte die Jahre und die Reife des Geistes bringen allem Menschlichen sein Mass und lehren uns die wahren Guter des Lebens in Hoherem suchen, als im personlichen Gluck da hegte Graf Hugo Hoffnungen auf sein Weib ganz mit der Werbung eines Liebenden ... Das Aussterben seines Stamms, die der Moglichkeit, noch einen Erben zu gewinnen, immer mehr gezahlten Stunden schon allein diese Rucksicht verlangte ein Entweder-Oder ... Und da glaubte denn Graf Hugo schon lange, dass er sich und Paula diese Entschlusse durch seinen Uebertritt erleichtern wurde ... Den kirchlichen Beziehungen seiner Mutter war er entruckt; die fortzusetzende Verbindung mit den Waldensern setzte eine grossere geistliche Neigung voraus, als er sie besass ... Aus solchem Indifferentismus, verbunden mit Resignation des Gemuthes, erfolgte schon oft ein Uebertritt zur romischen Confession ... Und so konnte er Terschka's Vorschlage horen, ohne sie sofort von sich zu weisen ... Hatte er nicht auch eine Reihe der glucklichsten Jahre mit diesem Menschen verlebt, oft uber seine Rathschlage den Stab gebrochen, oft sie dennoch befolgt ? ... Zwischen ihm und Terschka hatte von jeher die mitleidige Toleranz eines Herrn fur einen erwiesenermassen nicht immer ehrlichen, aber bei alledem in seiner Art unersetzlichen Diener geherrscht ...

Der Abendwind erhob sich mehr und mehr ... Wolken legten sich uber die Sterne ...

Graf Hugo liess Terschka reden liess sich ihm bald rathen, bald schmeicheln liess sich von ihm den Rock zuknopfen, aus Besorgniss, der Graf mochte sich "verkuhlen" Bald an dieser bald an jener Stelle seines Gemuthes wurde er beruhrt ... Auch das Gluck schilderte Terschka, das er sonst hier gefunden haben wollte bei des Grafen Mutter ...

Die Herrliche, Gutige! sprach Terschka ... In London da lag ich zerknirscht zu ihren Fussen ... Sie schickte mir einen Geistlichen, dem ich meinen Glauben abschworen sollte ... Oeffentlich in einer Kirche hab' ich es nicht gethan ich ging zum Abendmahl und nahm es in beiderlei Gestalt ... Graf, darin sind wir einig; was mich einst zum Priester machte was war es? ... Fur mich waren die Weihen nichts, als eine Erlosung vom Gewohnlichen ... Die klugen Vater erkannten es zu spat und gaben mir einen Auftrag, der mich dem Weltleben zuruckgab ... Kann man den Jesuiten, den Soldaten der Kirche, verdenken, dass sie Werth auf den Besitz eines Namens legen, wie des Ihrigen? ...

Graf Hugo verabscheute, was er horte, aber er dachte an Paula und die Zukunft seines Namens ... Der Zauber des gebundenen Willens lag schon lange auf ihm ... Was jeder verworfen hatte, was Monika Unmoralitat nannte, vertrug sich bei ihm mit manchen geheimnissvollen Stimmungen der Seele ... Es gab keinen andern Ausdruck fur sein Gefuhl, als den, dass die reinere Natur des Katholicismus, die Natur, die selbst ein Terschka nicht entweihen konnte, geheime und mystische edle Dinge verklarte ... "Der erste Beichtstuhl wurde aus dem Baum der Erkenntniss gezimmert" hatte die Grafin Sarzana vor einigen Jahren hier gesagt ... Graf Hugo versank immer mehr in ein brutendes Nachdenken ...

Terschka erging sich in Lobpreisungen des katholischen Glaubens vom Standpunkt der Weltlichkeit, die beide fruher so eng verbunden hatte ... Und hatte ihn ein noch schlimmerer Ruf verfolgt, als der, den der Graf kannte, es lag zu viel Gemeinsames in ihren Lebensbezugen, ihre Erinnerungen trafen so oft auf einem Punkte zusammen, dass ihn der Graf nahm, wie er sich gab ... Terschka knupfte immer und immer an Angiolinen an ... Und der Graf wusste, wie energisch Terschka auf Schloss Neuhof fur sie gesprochen hatte ... Terschka kam auf Angiolinens Mutter, die Herzogin von Amarillas, die aus London erwartet wurde und wieder in Rom wohnen wollte, wenn sie nicht, unterbrach er sich, wol gar noch hierher kommt, um ihren, wie ich glaube, hoffnungslosen Sohn aufzusuchen ...

Der Graf gab alle diese Moglichkeiten zu, horte sie aber voll Schrecken und Wehmuth ...

Terschka erzahlte von Furstin Olympia, deren Verhaltniss mit Benno schon seit lange nicht mehr das alte gewesen sein sollte ...

Der Graf horte Terschka's welt- und herzenskundige Auffassungen; aber so gross seine Theilnahme fur Angiolinens Bruder war, so sehr er Benno's Seelenkraft bewunderte seit jenem Schreckenstage auf Schloss Salem, wo Schwester und Mutter in einem und demselben Augenblick von ihm gefunden und verloren wurden, so sehr ihn der Eindruck ergriff, den nun Benno's Anwesenheit in Coni auf alle, vornehmlich Armgart hervorrufen musste sein Fragen und Forschen nach Diesem und Jenem war nur ein Verbergenwollen der grosseren Sorgen, die sein Inneres um Paula druckten ...

Terschka sah seinen Einfluss wiederkehren, sah, wie Graf Hugo sich an seinen Ton, seine alte Weise gewohnte ... Er blickte um sich ... Sie waren tief im Waldesdunkel vorgedrungen und Zeit hatte es werden mussen, an die Ruckkehr zu denken ... Immer mehr und mehr verstarkte sich der Wind, der von den Bergen wehte ... Die schwanken Wipfel der Baume liessen Raum hier und da zu Durchsichten, wie in einem kunstvoll angelegten Park ... Die Wanderer gingen einen Bach entlang, der behend unter den jetzt hinund hergepeitschten Blutenbuschen dahinschoss ... Nur allmahlich erhob sich die grune Bergwand ... Schon war die Einsiedelei Federigo's in der Nahe ... Eine Gruppe der machtigsten Eichen stand auf der Hohe so dicht beieinander, dass ihre Baumkronen von fern her zu einem jetzt im Winde den Einsturz drohenden Dach verwachsen schienen ... Ich war vor drei Tagen noch in Genua, erzahlte Terschka, des Brausens und Rauschens um ihn her nicht achtend, wo eben Sturla aus Barcelona angekommen war ... Dort schon hort' ich, dass sich Casar von Montalto, schwer verwundet, unter den Trummern der romischen Aufstandsarmee befand und auf dem Wege nach Coni war, ohne Zweifel zum Erzbischof ... Auf der steilen Riviera di Ponente begegneten wir ihm ...

Wir? wiederholte der Graf ...

Pater Speziano und ich ...

Pater Speziano! Wagt ihr euch so weit schon wieder ins Land! ...

Wir stiegen in Robillante aus wohin ich bis morgen fruh zuruck muss ... Incognito bis nach Rom Graf! ...

Erzahlen Sie! ...

Durch Vintimiglia fuhren wir im Postwagen und hielten eine Weile, ohne auszusteigen ... Vor einem Kaffeehause, wo unsere Pferde gewechselt wurden, stand ein halb offner Wagen ... Sehen Sie da! rief Pater Speziano und deutete auf den Wagen ... Ein Kranker lag in ihm zuruckgelehnt ... Ich blicke naher mich schutzten die Jalousieen des Postwagens und erkenne den Bruder Angiolinens ... Sollt' ich es wagen auszusteigen und ihn anzureden? ... Sein Zustand sah dem eines Sterbenden ahnlich ... Speziano hielt mich zuruck ...

Der Graf gerieth in eine Stimmung des unsaglichsten Schmerzes ... Sollte alles dem Verhangniss verfallen, uberall der Tod seine Opfer suchen! ...

Wo sind Sie abgestiegen? fragte er noch einmal, ehe sie sich zur Ruckkehr wandten ...

In Robillante ... Aber fur diese Nacht unten in San-Medardo beim Pfarrer ...

Und die Herzogin seine Mutter ? ...

Ist mit Furstin Olympia eilends aus London gekommen ... Die letzten Nachrichten von diesen Frauen hatte man aus der Schweiz ... Erfuhren sie von Montalto's Verwundung und Gefahr und seiner Reiseroute, so kommen sie ohne Zweifel hierher ...

Olympia ! rief der Graf und dachte an eine nothwendig werdende Vorbereitung Armgart's auf so erschreckende Moglichkeiten .. Vielleicht klopfte er noch jetzt dem Obersten und zog zunachst diesen ins Vertrauen ...

Aber werden Sie katholisch, Graf! drangte Terschka ... Es ist die Religion der reinen Menschlichkeit ... Kronen Sie mein Werk, dem ich dann achtzehn Jahre meines Lebens geopfert habe So lasst es sich wenigstens darstellen ... Die Mittel, die ich anwandte, sind naturliche gewesen und ich bin gerettet ... Sie erlosen mich von Strafen, die alles uberschreiten werden, was meine Natur ertragt ... Das AlGesu macht ein Endurtheil uber mich ... Ich habe keine Kraft, einem Geschick zu trotzen, das mich in die Mitte der beiden mich verfolgenden Parteien nimmt ... Wollt' ich auch zum zweiten male entfliehen, ich ware vor Mazzini's Rache ebenso wenig sicher wie vor der des Al-Gesu ... Graf, werden Sie katholisch! ... So hab' ich wenigstens Ruhe vor Denen, die auf mich die ersten Rechte hatten ...

Terschka versicherte dann, dass ihn Pater Speziano nach Rom fuhren musse wie einen Gefangenen ...

Der Graf stand schon lange wie eingewurzelt ... Er blickte um sich und sah, dass er in dem Hain des Eremiten unter dem majestatischen Dach der uralten "Eichen von Castellungo" stand ... Noch glanzte die von Birkenzweigen und verwittertem Moos gebaute Hutte ... Noch lag wie sonst der Verschlag fur Federigo's treuen Hund, den "Sultan", wie er hiess, unverandert; noch die Hutte fur die Ziege, beide Thiere, die die einzige lebende Gesellschaft des Freundes seiner Mutter waren ... Eine machtige runde Steinplatte, verwittert und mit gelblichen Moosflechten uberzogen, die als Altar zu dienen pflegte, stand in der Mitte des machtigen Rundes, uber dem die Baumkronen sich schuttelten im zunehmenden Sturm ... Noch hing in den achzenden Zweigen des starksten dieser Baume die Glocke, durch deren Ruf der Einsiedler in einiger Verbindung mit der Welt blieb ... Die schlummernden Vogel auf den Zweigen schienen zu traumen, mancher leise Laut erscholl, mancher Vogel flog erschreckt vom Neste ... Der Wind bewegte durch die Zweige auch die Glocke ... Zuweilen schlug sie an leise, geheimnissvoll, geisterhaft Graf Hugo sah ein ganzes Leben ihn hier wie mit stiller Bitte mahnen; er horte den Ruf der Mutter, als sie ihn um die Erhaltung der Glocke um die Erhaltung Castellungo's und des Glaubens seiner Vater bat ...

Terschka erkannte diese Zauber der Bestrickung fur den Grafen ... Oft hatte er hier selbst den Eremiten gesprochen, hatte sich mit dem "Sultan" in der Hutte dort geneckt; er wusste, dass dies treue Thier dem vermeintlichen Gefangenen der Inquisition gefolgt sein sollte ... Noch deutlich sah er die Grafin auf einem Sessel von Baumzweigen, auf dem sie hier oft stundenlang bei ihrem Schutzling zu verweilen liebte ... Gerade damals war Terschka hier zum ersten mal gewesen, als sich die Sage von Vincente Ambrosi verbreitet hatte, der vor Fra Federigo's Lehren geflohen ware ...

Traumend stand der Graf und blickte auf die Glokke, deren Bewegungen immer starker und starker wurden ... Er fuhr auf, als er Fusstritte horte und die beiden Diener sah, die gefolgt waren und jetzt naher kamen, um die Mantel anzubieten ...

Mechanisch nahm er den einen und bot Terschka den andern ... Dieser nahm ihn schnell, nur um die Diener zu entfernen ... Lebhafter und lebhafter drangte er auf Entscheidung ... Er schilderte alles, was er wunschte, als ein Facit von Umstanden, die gebieterisch gegeben waren ...

Der Graf lauschte der Glocke unter den Baumen, die die heftigen Windstosse in Bewegung erhielten ... Der ungleiche Klang war wie die unregelmassigen Athemzuge einer von Angst bedrangten Seele ... Das Bild der sterbenden Mutter stand dem Sohn vor Augen ... Ihr Wort: "Du wirst dem Thiere folgen!", ihre Bitte fur diese Glocke, ihre Bitte fur den jetzt schon in so wilder Storung begriffenen Frieden dieses einsamen Ortes sprach ihm aus dem Wehen jedes zitternden Blattes ...

Lassen Sie, Terschka! schnitt er jetzt, wie aus Traumen erwachend, alle Vorstellungen ab, die ihm dieser im Ton einer unverstellten Verzweiflung machte Es war eine Proselytenwerbung so eigner Art, wie sie auch nur durch Jesuiten veranstaltet werden konnte ... Keine Salbung, keine Ueberzeugung eine Sache nur der Etikette und der praktischen Psychologie ... Der Graf widerstand ... Dort hinaus fuhren Sie meine Diener auf kurzerm Weg nach San-Medardo zuruck, sagte er ... Was die Zukunft bringen wird, weiss ich nicht ... So, wie Sie es begehren, Terschka, wird und kann es nicht sein ...

Graf! flehte Terschka ... Ist das Ihr letztes Wort ...

Mein letztes, Terschka! Mein Inneres Sie haben es errathen ist zerrissen und unglucklich ... Noch weiss ich nicht, was werden soll und ob ich langer mein Loos ertrage ... Ich liebe mein Weib! ... Aber I h r Auskunftmittel Weiss ich doch kaum, ob die Grafin gerade dies noch begehren wurde ! ...

Graf, um so mehr! fiel Terschka ein. Allbekannt ist die Gesinnung des Erzbischofs ... Auch die Grafin, sie, die einst eine Seherin war, erkaltete in ihrer alten Glut und Andacht fur den Glauben ... Es ziehen Gefahren fur Ihren Freund herauf, denen er jetzt erliegen durfte, jetzt, wo die Richtung der Zeit sich andern wird ... Verachten Sie meinen Beistand nicht auch ein Sturla kann mich kennen lernen ... Aber nehmen Sie mich wieder auf! Schutzen Sie mich durch Ihren geheimen Uebertritt! Ich lenke alles, was Ihr Herz, Ihre Natur, das Gluck Ihrer Freunde verlangt ... Und Monika, selbst den Obersten gewinn' ich pah durch einen einzigen Tag ... Selbst Armgart soll nicht vor mir entfliehen ... Ich bin ja ein Greis alt ich entwaffne halt jeden durch meine Ergebung durch meine Demuth ... Graf, zum letzten mal, ich, ein Abtrunniger, rettungslos Verlorener, ich darf m i t e i n e m g r o ss e n Z w e c k leben, wie und wo ich will ich darf mit den Waldensern gehen Protestant scheinen ... Nur besuchen Sie die Messe in Coni, in Robillante wo Sie wollen man liest sie Ihnen geheim ... Dann gehen wir zuletzt alle nach Wien Ihre Gattin folgt Ihr erstes Kind wird auf einen Heiligen getauft Das ist die Sprache der Welt, der gesunden Vernunft, der Verhaltnisse, in denen Sie leben, die Sprache des Trostes, der Erhebung fur die Grafin selbst ...

Der Graf schuttelte den Kopf und entgegnete:

Ein Abschied furs Leben ... Wir sehen uns nicht wieder ! ...

Haben Sie Mitleid mit mir ! rief Terschka ...

Die Glocke schlug unausgesetzt ... Die Baume rauschten im Sturme ... Die Natur war im Aufruhr ... Der Graf ging jetzt und wie auf der Flucht ...

In franzosischer Sprache rief ihm Terschka nach:

Graf! Ich beschwore Sie! ... Sie werden es einst aus eigenem Antriebe thun ... Thun Sie's jetzt um mich, um Ihren alten treuen unglucklichen Freund! ..

Die Glocke tonte ... Mit hellen, mit klagenden, mit starkeren, mit schwacheren Klangen ...

Noch einmal wandte sich der Graf zu Terschka, wartete, bis dieser naher kam, bot ihm die Hand und sagte ihm ein letztes Lebewohl ... Unsere Wege sind getrennt, setzte er hinzu ... Erde und Himmel konnen vielleicht fur mich burgen und fur das, was ich thue oder lasse, Sie nicht mehr ... Das sag' ich alles ohne Groll, Terschka, ohne Sie kranken oder verurtheilen zu wollen; ich urtheile, Sie wissen es, uber Menschen uberhaupt nicht; lassen Sie alles wie es ist ... Beschutze Sie jetzt der Himmel, Terschka! ... Sans adieu! Sans adieu! ...

Der Graf schritt machtig zu, gleichsam um dem drohenden Unwetter zu entfliehen ... Auch begann es in der That zu regnen ...

Ein Diener blieb bei Terschka in dem wildbewegten Eichenhain zuruck ...

Der Graf sah sich nicht mehr um ... Ohnehin ging es bergab ... Er eilte wie jetzt selbst vom Sturm ergriffen ...

In einer halben Stunde hatte sein Fuss das Schloss erreicht ... Die Frauen wachten noch ... Aber er wollte ihnen nicht die Nachtruhe nehmen durch die Mittheilung uber Benno ... Sein Mund blieb auch dem Obersten noch geschlossen uber alles, was er gehort ... Sein Auge durchwachte aber die ganze Nacht und sein Ohr vertausendfachte ihm alles, was er vernommen ... Die grunen sturmbewegten Wipfel der Eichen rauschten um ihn her wie ferne Donner ... Der Geisterton der klagenden Glocke wurde eine Mahnung, als bedrohte eine Feuersbrunst die Welt und vor allem die theuersten Menschen, die um ihn her in Ruhe schlummerten. Hatte es also zehn Jahre und erst des Todes seiner Mutter bedurft, um seinen ganzen innern Menschen so machtig aus einem Zustande der Lethargie zu erwecken ! ...

Terschka stand eine Weile vernichtet, bis er sich sammelte ... Endlich erhob er trotzig sein Haupt, das nun schon durch die Jahre eine naturliche Tonsur trug, griff in die Tasche gab dem Diener ein Trinkgeld und liess sich im Gehen erzahlen von den Bewohnern des Schlosses, vom Tod der Grafin, vom morgenden Fest in Coni, von den Ueberraschungen fur den Erzbischof, von den Reiseplanen des Grafen, von der dem Obersten hier schon gegebenen Stellung, von Monika's Reformen, von Armgart ... Auch von Federigo liess er den Diener plaudern, vom Einsiedler, der noch im Silaswalde leben sollte, nachdem er in die Hande der Rauber gefallen, aus denen ihn Fra Hubertus wie alle Welt erzahlte, mit Hulfe seines Hundes, des treuen Sultan errettet haben sollte ... Terschka forschte mit kurzen Fragen diesem unheimlichen Namen nach, forschte Allem, was von Franz Bosbeck, seinem ehemaligen Retter, den die Nemesis schon zum Richter uber Jan Picard gemacht, im Volksmunde hier bekannt war ... Auch Fra Hubertus mit dem Todtenkopf sollte noch leben ... Er erstaunte kunstlich ... Alles, was er horte, war ihm schon bekannt ...

Frost durchschuttelte seine Glieder Jetzt erst warf er des Dieners Mantel um, den er bisher uberm Arm getragen hatte, und bat um die Angabe eines kurzern Weges, um ins Thal und dort zum Pfarrer zu gelangen ...

Der Wind hatte aufgehort ... Regenstrome ergossen sich ... Noch schutzten ihn und den Diener hier und da die Baume der Alleen ... Sie umgingen das geheimnissvoll nachtlich schlummernde Schloss ... Eine Weile sah es Terschka mit dem Blick verzweifelnden Neides an ... Dann fragte er den Diener, ob er sich auch der Grafin Sarzana erinnern konnte ... Auch von ihr liess er sich einiges erzahlen ... Den im spottenden Ton gemachten Bericht uber diesen Besuch unterbrach er mit den dumpf vor sich hingesprochenen Worten: Auch sie ist in Rom! ...

Terschka befahl jetzt dem Diener, ihn allein zu lassen ... Den Mantel sollte er morgen vom Pfarrer im Thal abholen ... Es war uber die elfte Stunde rings stichdunkel ... Durch ein labyrinthisches Gewinde von Garten, uber schwellend brausende Bache endlich an einem malerisch gelegenen Friedhof mit unheimlich blitzenden Kreuzen voruber erreichte er das Pfarrhaus San-Medardo ...

Aus einem geoffneten Fenster, wo noch Licht brannte, begrussten ihn die heisern Worte:

Ecco! Ecco! Al fine venuto! ...

Sie kamen von Pater Speziano und klangen wie die Beruhigung eines angsterfullten Kerkermeisters, dem ein entflohener Gefangener endlich wiederkehrt ...

Fussnoten

1 Thatsache. 2 Monsignore Charvaz, Bischof von Pignerol, warf sich Karl Albert von Sardinien zu Fussen, um ihn von seinen Begunstigungen gegen die Waldenser zuruckzuhalten. 3 1847. 4 Vor einiger Zeit so zu Munster in Westfalen geschehen. 5 Thatsache. 6 Der den Verrath leitete. 7 Gaisruck. 8 Sturla's eigene Worte. 9 Thatsachen. 10 Kommt in Jesuitenhausern vor.

6.

Als derselbe Tag noch goldensonnig am unbewolkten Himmel geleuchtet hatte, fuhr ein kleiner, mit Staub bedeckter Halbwagen langsam auf der Landstrasse zwischen der Stura und dem Gesso dahin, zweien Bergstromen, die hinter Robillante in ihrem Lauf miteinander wetteifern ... Um die Dammerung gelangte das kleine Gefahrt an die Thore einer Stadt, die in fruhern Jahrhunderten stark befestigt gewesen sein musste ... Noch erhoben sich in dem alten Cuneum Romerthurme; noch erstreckten sich rund um die Stadt zackige Mauern und tiefe Graben ...

Die Strassen Conis, einer 15000 Einwohner zahlenden Stadt, waren am sudlichen Thor eng und duster, aber belebt von einer schwatzenden, muntern Bevolkerung, wie sie in Italien der Abend auf die Gasse lockt ... Kinder, Frauen, Greise, nichts bleibt dann daheim im geschlossenen Raume; selbst die unterste Volksklasse sitzt in Hemdarmeln, Manchesterjacken, Blousen vor Kaffeehausern, raucht, trinkt, schwatzt, streitet uber die Tagesneuigkeiten, fur deren Kunde ein einziges Zeitungsblatt ausreicht, da unter zwanzig meist nur einer lesen kann ...

Gesang ertonte ... Drehorgeln durchkreuzten sich in ihren Melodieen ... Der Kutscher erfuhr in dem Larm erst von Andern, dass hinter ihm sein Passagier nach ihm verlangte ...

Er wandte sich theilnehmend ...

Coni ist eine ansehnliche Stadt ... Aber die schlechtgepflasterte Strasse musste dem Passagier, der ausgestreckt im Innern der Halbchaise lag, empfindlich werden ... Der Kutscher erfuhr, er sollte langsamer fahren ... Zugleich wurde nach dem Palast des Erzbischofs gefragt und von einem Dutzend Stimmen die Antwort ertheilt ... Man begleitete den Wagen, der einen Kranken fuhrte ... Es war ein todtbleiches, mannlich gefurchtes Antlitz mit vollem wilden, hier und da ergrauten Bart ... Benno war damals ein Mann von vierzig Jahren ...

Die Strassenjugend folgte dem Wagen, der auf einen grossen Platz einbog, einen Exercirplatz, wie es schien; rings war das machtige Quarree mit duftenden Lindenbaumen besetzt ... Nicht zu entfernt von einer stattlichen Kirche lag hinter einem gegitterten Vorhof ein grossartiges Gebaude, vor welchem der Kutscher in seinem weissen Hute, seiner braunen Jacke, seiner rothen Halsbinde ebenso sicher anfuhr, wie der Fuhrer einer sechsspannigen Carrosse ... Er wusste ja, dass er dem Erzbischof einen theuren Verwandten brachte ...

Ein Carabinier mit gezogenem Sabel hielt vor der hohen Eingangspforte des Palastes Wache ... Er deutete auf die Klingel, die der Kutscher, der schon abgesprungen war, nur anziehen sollte ... Ein Diener erschien ... In einer Art Livree von schwarzem Frack, schwarzen Beinkleidern, schwarzen Strumpfen und Schnallenschuhen ...

Der Kutscher hatte schon eine Karte in Bereitschaft, die dem Diener zur Anmeldung des Besuches ubergeben werden sollte ... Zugleich bat er um Hulfe, den Kranken aus dem Wagen zu schaffen ... So wie er da lage il povero, brachte er ihn dritto aus Genua ... Miracolo! setzte er mit beredsamem Blick hinzu er brachte einen Mann, der nur durch ein Wunder noch lebte ...

Benno, bleich, mit blassen Lippen, starren Gliedern, auf einer halb zum Sitzen, halb zum Liegen eingerichteten Matratze, horte und sah alles, was sein Fuhrer trieb, aber er schwieg ... In der That schien er an den aussersten Grad der Erschopfung angelangt ... Noch manches Jugendliche hatte sich in seinen Zugen erhalten ... Schmachtig und mager schien er geblieben, aber sein Haupthaar war fast grau, wie der machtige Bart hier und da von gleicher Farbe ... Geronimo, der Kutscher, erzahlte den sich schon mehrenden Dienern, zu denen sich Priester gesellten, der Kranke hatte in Rom einen Schuss in die Brust bekommen und die Kugel sasse noch fest; die Aerzte hatten behauptet, der Verwundete wurde, nachdem die Anstrengungen der Flucht von Rom nach Genua ihn schon dem Tode nahe gebracht, eine weitere Reise schwerlich uberstehen, aber nichts hatte ihn abbringen konnen, seinen Transport bis nach den Thalern von Piemont zu verlangen. Ihn selbst zwar hatte das Hospital gemiethet und ihm als Ziel seiner Reise nur Nizza genannt. Dass es Coni und dort das erzbischofliche Palais sein sollte, erfuhr Geronimo erst vom Verwundeten selbst in Vintimiglia. Dieser konnte die Arme nicht bewegen, konnte keine Briefe schreiben sie aber von andern schreiben zu lassen, hatte er abgelehnt. Niemand sollte erfahren, wohin seine Reise ging. Selbst im Spital hatte man sein wahres Ziel nicht wissen sollen ... Wenn der Verwundete jedem die Fahrte der Nachfrage nach ihm abschneiden wollte, so war es wol die naturliche Lage eines politischen Fluchtlings ...

Schon wurde Benno emporgehoben und auch die Schildwache griff mit an ... Der Leidende uberwand die Schmerzen, die ihm diese Bewegungen zu verursachen schienen ... War doch die Sehnsucht seines Herzens erfullt, die letzte Freude seines Lebens gewahrt ... Geronimo hatte recht berichtet Benno wollte allen denen, die noch an seinem Leben Interesse haben konnten, selbst seiner Mutter, verborgen bleiben ... Deshalb vertraute er selbst dem Spital in Genua nichts uber seine Absichten, am wenigsten der Post ... Und selbst die Feder zu fuhren, verbot ihm sein Zustand ... Still in Bonaventura's Armen zu sterben, war alles, was er vom Leben noch begehrte ... Diesen hoffte er zu finden, auch ohne sich ihm angekundigt zu haben ... So kam es, dass ihn hier niemand erwartete ...

Die Diener jedoch, auch wenn sie den Namen "Casar Montalto", der auf der Karte stand, nicht zu deuten gewusst hatten, thaten darum nicht befremdet ... Was sollte nicht bei ihrem Herrn ein Sterbender seine letzte Zuflucht suchen konnen ! ...

Noch war der Fremde nicht bis an die grosse Marmortreppe getragen worden, als auch schon von oben her, gefolgt von Priestern und Dienern, der Erzbischof in seinem wallenden Hauskleid, einem priesterlichen Rock mit violettem Ueberwurf und goldener Kette, in athemloser Hast erschien, sich uber den unglucklichen Freund warf, ihn in beide Arme schloss und unter Thranen an sein Herz druckte ...

Mein Bruder ! rief er unausgesetzt ...

Mehr konnte nicht von seinen Lippen kommen und Mein Bruder! Mein Bruder! hatte er auf der Stiege schon, abwechselnd in deutscher und in italienischer Sprache, gerufen ... Italienisch, um seine Umgebungen uber den Anlass eines so aussergewohnlich grossen Schmerzes und sein Verlassen aller Formen der Etikette, die in diesem Hause waltete, gebuhrend aufzuklaren und sie aufzufordern, in seine Trauer miteinzustimmen ...

Das Bedurfniss, zu helfen, drangte nun sofort jede

andere Empfindung zuruck ... Schon wurden die ersten Aerzte der Stadt gerufen ... Schon horte man oben Thurenschlagen, ein emsiges Rennen, ein Klopfen und Hammern, um Zurustungen fur ein Lager zu treffen ... Das ganze, nur von Priestern bewohnte Haus war in Bewegung ...

Die Worte: Wie konntest du in diesem Zustand

eine solche Reise unternehmen! kamen nur halb von Bonaventura's Lippen ... Lasst! bat der Majorduomo, ein stattlicher Herr mit einer silbernen Kette auf der Brust und wehrte der Ueberzahl der helfenden Hande ... Nach Benno's Wunsch leitete dieser dann allein den Transport ...

Auch fur den Erzbischof war Sorge zu tragen ...

Am eisernen Gelander der machtigen Treppe hielt er sich muhsam aufrecht; anfangs vermochte er den Mannern, die Benno hinauftrugen, vor physischer Schwache nicht zu folgen ... In meine Schlafkammer! war alles, was er zu sagen vermochte, und wieder doch zum Kutscher musste er sich wenden, der auf die Anrede des Majorduomo, woher sie kamen, vor dem Erzbischof sein Knie beugte und Segen und Trinkgeld begehrte ... Ohne den Auseinandersetzungen Geronimo's, so wichtig sie ihm waren, langer zuzuhoren, riss der Erzbischof unter seinem Ueberwurf sein Almosenbeutelchen hervor und reichte dem Knienden den ganzen Inhalt ...

Jetzt raffte sich der Erzbischof auf und schwankte am Gelander der Stiege entlang ... In den hohen weiten Salen des ersten Stockwerks standen alle Thuren geoffnet ... Die letzten Abendsonnenstrahlen beleuchteten die kostbaren Tapeten von Seide, die bunten Malereien, die sich sein Vorganger Fefelotti fur die kurze Zeit seines Verweilens in diesen Raumen hatte anfertigen lassen ... Die Fussboden waren parquettirt ... Die Wande starrten von Bronze und Krystall ... Die Wohnung eines Fursten schien es zu sein und erst in dem mit grunen Vorhangen von einem Bibliothekzimmer getrennten Schlafgemach des Erzbischofs sah es einfacher aus ... War auch hier nicht die rauhe Kasteiung sichtbar, die einst Bonaventura beim Kirchenfursten am grossen vaterlandischen Strome beobachtet hatte und die in dem dem Schonen abgeneigten Sinn desselben eher ihren Grund gehabt haben mochte, als im ascetischen Bedurfniss, so hatte doch Bonaventura hier sowol wie in seinen nachsten Zimmern die Spuren der Ueppigkeit seines Vorgangers so weit getilgt, als das dem Palast erblich angehorende Mobiliar von ihm verandert oder entfernt werden durfte ... Da lag nun Benno schon auf seinem einfachen Lager, verlangte von allem, was ihm zur Erfrischung angeboten wurde, nur ein kuhlendes Citronenwasser, vor allem Ruhe und allein zu sein mit dem geliebten Freunde, der an sein Bett niederkniete, um Benno's gluhheisse Hand zu kussen ... Alle Umgebungen waren in Besturzung uber den Schmerz des Erzbischofs, ... Noch dazu wurde ihm dies Erlebniss am Abend seines Namenstages ...

Der Majorduomo sorgte dafur, dass die Verwandten allein blieben und nur die Aerzte noch zugelassen wurden ... Auch zu einem Kloster der Barmherzigen Bruder wurde geschickt, um einen erfahrenen Krankenwarter zu holen ... Mit den von Fefelotti eingefuhrten Tochtern des heiligen Vincenz von Paula hatte man dem Erzbischof nicht kommen durfen ...

Die Freunde waren allein allein mit dem letzten Strahl der Sonne, der sich durch die herabgelassenen Vorhange stahl allein mit dem Todesengel, dessen dunkler Fittich seit einiger Zeit von Bonaventura's Lieben nicht mehr weichen zu wollen schien allein mit den Ruckblicken auf ein so tief verfehltes Leben, wie es Benno gefuhrt, auf ein so tief vereinsamtes, wie es Bonaventura mitten im rauschenden Gewuhl der Zeit und der Welt fuhrte ... Wie brachen die schonen freundlichen Sterne der Jugend wieder aus den Wolken, die sie so lange verschleiert gehalten hatten ... Wie klang ein Ton so wehmuthig und klagend durch die bangen Seelen der Freunde und sprach: Das, das wollten wir und das haben wir gefunden! ...

Bonaventura's Lippen bebten, ob sie fragen sollten: Weisst du denn auch, wie dein irrend Leben gerade jetzt hier angekommen ist bei seinen ersten Anfangen und dass die liebliche Armgart in unsrer Nahe weilt? Weisst du, dass ich aus Deutschland den Besuch meiner erkrankten Mutter, den Besuch Friedrich's von Wittekind, deines Bruders, soeben gemeldet erhielt? Wird dich denn auch, ohne ihre letzten Kusse, deine in der Schweiz genannte Mutter sterben lassen? Wird jene Verirrung, die fur immer die Flugel deines Lebens knickte, Olympia, deinen Tod ertragen konnen, jene Circe, die deine Sinne verwirrte mit dem Zaubertrank ihrer wer kennt den Inhalt der Mischungskunste, die eine Frauenhand bietet! Oder nun kehrten ihm Klange des langst abgebrochenen Briefwechsels wieder war es deine eigene Seele, die dich berauschte, deine eigene Natur, die sich des Hochsten vermass und sich doch besiegen liess von dem, was die Menschen dir immer und du dir selbst als dein armstes deuteten deinem Gemuth! ... Dankbar wolltest du sein ! Deutscher nicht mehr bleiben seit du eine von Deutschen gemishandelte Mutter gefunden und, fast mocht' ich nach deinen Briefen sagen, mehr noch seit die Bandiera deine Freunde geworden, die Bandiera, die die Kugel des Henkertodes traf Benno, Benno, welche Damonen haben dich fortgeschmeichelt von Deutschlands Herzen und hinuber in soviel Irrgange deines Lebens und in dies ersichtliche Ende! ...

Zehn Jahre ! sprach jetzt Benno mit einer dumpfen, heisern Stimme, die sich muhsam von seiner keuchenden Brust rang ...

Rege dich nicht auf! entgegnete Bonaventura und setzte sich auf den Rand des Bettes ... Schlummre! ... Du bedarfst nur der Ruhe! ...

Benno winkte, dass Bonaventura die Vorhange am Fenster luften mochte ... Er wollte den Erzbischof sehen, wollte vergleichen, wie auch ihn das Leben nach so langer Trennung gezeichnet hatte ...

Bonaventura erfullte sein Verlangen und sah Benno's noch volles, aber ergrautes Haar ... Sein eigenes, war ebenso gefarbt ... Die Magerkeit des Erzbischofs hatte zugenommen ... Die glanzvollen Augen lagen tief in ihren Hohlen ... Furchen umgaben den Mund ... Aber die edle Bildung des Kopfes, die Gestalt selbst konnte durch die Spuren der Jahre nicht geandert werden und vielleicht der jungste und noch immer jugendlichste Kirchenfurst in Roms Hierarchie blieb er nachst Vincente Ambrosi in Rom bei alledem ...

Bonaventura sprach von der Kunst der hiesigen Aerzte .... Vom Doctor Savelli, der das Leben der Grafin Erdmuthe so lange erhalten hatte ... Von dem Arzt der Garnison, der sich auf den letzten Schlachtfeldern bewahrt hatte ...

Benno schuttelte das Haupt und erwiderte:

Die Kerze ist nieder ...

Bonaventura konnte solcher Schwache gegenuber nichts entgegnen ... Man brachte den Erquikkungstrank ...

Der Freund reichte ihn dem Verschmachteten und als er getrunken, winkte nach einer Weile Benno selbst, dass das Fenster wieder verhangen wurde ... Fieber durchschuttelte ihn plotzlich ... Sogar auf die grunen Vorhange des Bibliothekzimmers, durch die sich zu viel Licht stahl, deutete er ... Sie wurden zuruckgeschlagen und dafur die Thurflugel ganz geschlossen ... Die Erschopfung schien durch den Lichtreiz gemehrt zu werden ...

Bonaventura bat ihn vor allem, nur zu schweigen ... Reden und Denken griffe ihn ersichtlich an ... Nur fuhlen, traumen sollte er glucklich sein ... Du bist bei mir! sprach er mit der ganzen Innigkeit liebevoller Sorge und fast schon hatte er, an Armgart denkend, gesprochen: "Bei uns" ...

In Benno's Auge, das wol von Armgart weit-, weitab irrte, traten Thranen ... Er schwieg und lehnte das Haupt zur Seite, jetzt in der That, wie um zu schlummern ...

Nun fast storte es, dass die Aerzte kamen ...

Sie nahten sich dem Lager, streiften die Decke auf und riethen, trotzdem dass der Kranke sich nicht bewegen konnte und mochte, ihn ganz von seinen Kleidern zu entblossen ... Die entzundete, den Lungen nahe Stelle, wo die Kugel sitzen musste, war bald gefunden ... Der Kranke zuckte mit einem kurzen Schrei auf, als sie beruhrt wurde ... Die Kugel herauszunehmen hatte den sofortigen Tod veranlasst ...

Im Blick der Aerzte lag die Andeutung, dass auch so die Auflosung schwerlich ausbleiben wurde ... Die Ruhe, ja die starre, krampfartige Erschopfung, in der sie den Kranken fanden, verordneten sie durch nichts zu storen ... Zwei Barmherzige Bruder, die inzwischen gekommen waren, wussten, was sie die Nacht uber zu beobachten hatten ... Jetzt galt es, den von der Untersuchung seiner Wunde Ohnmachtigen sich allein zu uberlassen ...

Bonaventura kehrte, die Hande gen Himmel erhebend, in seine hohen, so prachtvollen, durch die eigenthumlichen Anordnungen, die er ihnen gegeben, wohnlich umgestalteten Zimmer zuruck ...

Sein einfacher Abendimbiss, der inzwischen aufgetragen wurde, konnte ihn nicht zum Niedersitzen bewegen ... Nur wie schwebend schritt er dahin, faltete die Hande und sah nieder wie ein Verzweifelnder ... Ein einziger Augenblick wie hatte dieser so den Frieden um ihn her verwandeln konnen! ... Den Frieden! ... Hatte seine Seele Frieden? ... Erlosch um ihn her nicht ein Auge nach dem andern? ... Das tragische Geschick, das uber sein Haus und uber sammtliche Angehorige desselben hereingebrochen schien, hatte er erst heute wieder gesehen, als vom Prasidenten die Nachricht gekommen, dass die Aerzte seiner Mutter den Aufenthalt im Suden vorschrieben ... Sie wurden nach Neapel gehen, hatte der Prasident geschrieben ... So nahe dem Silaswalde! seufzte Bonaventura und die Mutter bat ihn instandigst, vorher noch in Rom mit ihr zusammenzutreffen ! ...

Eben noch hatte Bonaventura an seinen Freund, den Cardinal Vincente Ambrosi, geschrieben hatte sich ihm auf Besuch angemeldet ... Eben noch hatte er ihm die Nachricht mitgetheilt, dass Pater Speziano wagte, heimlich eine Nacht in Robillante sich aufzuhalten, in Begleitung des Doppel-Apostaten Terschka ... Wie musste bei solchen Bildern die Erinnerung an die alten Tage des Glucks und der Hoffnung uber ihn hereingebrochen sein ... Im Lehnsessel, am Schreibtisch, an feinem hohen Fenster hatte er gesessen und beim Abendlauten in die rosige Glut des Himmels geschaut ... Morgen war sein Namenstag ... An den schonen Strom der Heimat hatte er denken mussen, an sein kleines erstes Pfarrdorf Sanct-Wolfgang, an eine Gemeinde, wenn sie zum ersten mal den Namenstag ihres Seelsorgers feiert ... Das stille Leben eines Landpfarrers hatte ihm wieder als ein so beneidenswerthes Gluck vorm Auge gestanden ... Er horte die Fruhglocke seiner Kirche; von seinem Gartchen aus zahlte er die Reihe der Kirchganger; fuhlte seine erste Pfarrersangst, ob ihrer auch genug kamen, um ihm die Beruhigung zu geben, dass sie ihn liebten ... Wieder sah er sich auf dem engen, kaum zum Umwenden ausreichenden Platz vor seinem Hochaltar, horte seinen eigenen Gesang und in der markigen edlen Sprache der Heimat, die er nun schon so lange auf immer abgeschworen, seine Predigt ... Wie sah er denn auch nur gerade heute den alten Mevissen so ernst und feierlich in seinem Stuhl sitzen, den treuen Huter der Geheimnisse, die so ganz, ganz anders, als vielleicht sein Vater gewollt, in sein Leben griffen ... Auch seines Kainsmaals gedachte er, jener noch immer unenthullten Beichte Leo Perl's, eines Spuks, der ihn freilich nicht mehr wie sonst schreckte ... Die Jahre und die innern Revolutionen seiner Ueberzeugung hatten ihn allmahlich bewahrt, uber die Thorheit eines wahnwitzigen Priesters dauernd in solcher Verzweiflung zu leben, wie anfangs ... Das erzbischofliche Pallium trug er nicht wie eine gleissnerische Hulle innerer Unwahrheit; mit sichrem Vertrauen auf seine Lebenskraft hatte er sich ein Ziel gesteckt, dem er nachlebte, ein Ziel, das nur durch den Hirtenstab eines machtigen Bischofs erreicht werden konnte, ein Ziel, dem die Enthullung seiner unvollendeten Taufe eine Glorie mehr werden sollte ... Als Lucinde von ihm mit dem Grafen Sarzana getraut wurde, hatte er mit ihr Frieden geschlossen (sie schickte ihm an jedem Namenstage, anfangs aus dem Kloster, der Lebendigbegrabenen, spater aus Genua, dann aus Rom, das letzte mal aus Venedig, zu diesem Tage ein Angedenken und ihr diesjahriges war bereits wieder von daher eingetroffen von ihrer alten Drohung, "ihn vernichten zu wollen", war nichts mehr zuruckgeblieben, als eine Art Superioritat, die ihr wenigstens in des Erzbischofs Nahe, z.B. bei ihrem Besuch in Coni eine Stellung sicherte, auch wenn andere sie eine Jesuitin, wol gar eine Brandstifterin nannten ... Ihr diesjahriges Geschenk war ein Kelch von Krystall, umsponnen mit silberner Filigranarbeit, eine Arbeit aus den Werkstatten Venedigs, von wo sie noch ihre Begleitzeilen datirt hatte ... Sie ware auf dem Wege nach Rom, hatte sie geschrieben, "um den Raben auf den Leichenfeldern ihren Mann zu entziehen und ihn anstandig begraben zu lassen" ... Wie hatte sich das alles mit den Jahren umgewandt! ... So weilten Bonaventura's Gedanken in fernen glucklicheren Zeiten da kam diese neue trube Mahnung an die Gegenwart ...

Bonaventura hatte nun den steten Anblick und Umgang Paula's, hatte die seltenste Freundschaft des Grafen, hatte die unermudliche Sorgfalt Aller fur sein Wohl, hatte die edelsten Freuden der Geselligkeit, jede nur erdenkliche Fursorge und Ueberraschung, die sonst nur einem Gatten von seinem Weibe, einem Vater von seinen Kindern kommt und doch fehlte das Gluck ... Der Kampf mit Roms Hierarchie war ihm an sich eine Freude er hatte hier und da offene und geheime Bundesgenossen aber Inneres und Aeusseres in ihm war nicht ausgeglichen ... Nur das Nachste brauchte er zu betrachten im Grafen sah er Krisen entstehen, die zu neuen Kampfen der Seele fuhren mussten und, blickte er in die Ferne, war denn jenes in die Ferne geruckte Rathsel des Eremiten, seines Vaters, gelost? ...

Friedrich von Asselyn, sein Vater, war damals nur vor seinem Sohn aus Castellungo entflohen ... Er wollte todt sein und das Schicksal sendete ihm in seine Verborgenheit gerade den eigenen Sohn! ... Er erblickte darin die Entdeckung seines Geheimnisses ... Seit den lebensgefahrlichen Abenteuern, die er bestehen musste, lebte er jetzt im Silaswalde ... Cardinal Ambrosi hatte erst vor Kurzem wieder geschrieben, dass sein Jugendlehrer dem muthigen Kirchenfursten ewig Dank wissen werde fur die Muhe und Sorge, die er ihm damals, mit Gefahr seiner hohen Wurde, gewidmet; dass er ihn aber fort und fort beschwore, bis zu einer bestimmten Stunde seiner Lebensspur nicht zu folgen, ja dass er ihm das heilige Versprechen abnahme, ihn bis dahin nie mehr unter den Lebenden zu suchen ... Fiat lux in perpetuis! hatte diese erneute Bitte des Eremiten geschlossen ... Das Losungswort der Briefe, die ihm und dem Onkel Dechanten einst aus Italien gekommen waren der Augenblick der Versammlung unter den Eichen von "Castellungo" an einem Sanct-Bernhardstage ... Noch lag dieser Tag um Jahre hinaus und doch musste er bestimmend und bindend wirken ... Musste nicht Bonaventura des Vaters Bitte schon um seiner noch lebenden Mutter willen erfullen? ... Zu seiner Beruhigung diente, dass dem Vater ein treuer Wachter im Silaswalde geblieben war, sein Retter aus Rauber- und Morderhand, jener kuhne Laienbruder Hubertus ... Wie die Reise der Mutter nach Neapel in diese Rathsel eingreifen konnte, hatte sich der Sohn mit banger Spannung eben vergegenwartigt ... Cardinal Ambrosi war inzwischen der innigste Vertraute seines Lebens geworden nur wusste derselbe nicht, dass Federigo des deutschen Freundes Vater war; Vincente Ambrosi und Bonaventura hatten sich so gefunden, dass in den Zeilen, die er ihm eben geschrieben, jene Beziehung ausgenommen, sonst die geheimsten Saiten seines Innern widertonen durften ...

Ein Erzbischof kann, wie ein Furst, nicht frei gehen und wandeln; er ist der Gefangene seiner Wurde ... Im Speisezimmer wurde Licht angezundet und der Haushofmeister kam mit bittender Miene, Excellenza mochte sich nicht dem Mahl entziehen und die nothwendige Starkung zu sich nehmen ... Der Erzbischof ass nicht allein ... Eine Anzahl Hausbewohner, Hulfspriester, Secretare, Schuler, waren seine regelmassigen Tischgenossen ...

Gelassen gab Bonaventura den Bitten nach, setzte sich zur Tafel auf seinen Ehrensessel und sah voll Wehmuth auf ein neben ihm liegendes Buch, das er befohlen hatte, heute Abend neben ihm aufzuschlagen ... Es war ein Theil der Werke des heiligen Bonaventura, denen er sich seines Namenstages wegen hatte widmen wollen ...

Es ist mein Namenstag morgen sprach er mit leiser Stimme und im reinsten Italienisch; ich beschaftigte mich gerade mit unserm Doctor seraphicus ... Die Stelle, die ich vorlesen wollte, (er blatterte mit seinen magern weissen Fingern) ich kann sie nicht wiederfinden ... Lesen Sie, wandte er sich erschopft zu einem jungen Vicar, der bei ihm den Freitisch genoss eine jede Stelle wird auf unser Leben passen ...

Der junge Mann las, was er fand: "O war' ich doch jener Baum des Kreuzes und waren die Hande und Fusse des Gekreuzigten an mich geheftet gewesen, so hatt' ich zu jenen Menschen gesprochen, die ihn vom Kreuze abnahmen: Nimmermehr lass' ich mich trennen von meinem Herrn; begrabt mich mit ihm! Doch da ich das dem Leibe nach nicht thun kann, so thu' ich es der Seele nach. Drei Statten will ich mir im Gekreuzigten erwahlen; die eine in den Fussen, die andere in den Handen, die dritte in seiner Brust! Dort will ich athmen und ruhen! Dort wohnen, trinken aus dem Quell ihrer unaussprechlichen Liebe! Oft wandelt mich Furcht an, ich mochte herausfallen aus diesem Aufenthalt! Gluckselige Lanze, gluckselige Nagel, die ihr diesen Weg des Lebens uns offnet! O ware es mir vergonnt gewesen, jene Lanze zu sein, nimmermehr war' ich dann aus dieser gottlichen Brust zuruckgekehrt!" ...

Lasterung! unterbrach der Erzbischof plotzlich aufwallend und nahm das Buch an sich ...

Alle erschraken ... Doch bei naherer Besinnung war ihnen diese Kritik nicht befremdlich an ihrem Oberhirten, der die Warme der Religion nur beim Lichte suchte ...

Er winkte mit der Hand und deutete an, dass man unbehindert den Speisen zusprechen sollte ... Da er selbst nur wenig ass, konnte er seinen Tischgenossen sagen:

Wohin verirrt sich nicht der spielende Witz einer Andacht, die mit der Feder in der Hand betet! ... Wahrheit! Wahrheit! ... Und vor wem denn mehr, als vor dem Herrn der Welten, vor dem Gedanken: Was ist die Ewigkeit! ...

Dann erzahlte er von Benno's Leben bis seine Thranen ihn hinderten ...

Der Haushofmeister, der am untern Ende der Tafel vorlegte, kannte Benno noch von seinem Aufenthalt in Robillante her ... Es war ein schlichter Mann, der dem Erzbischof von dort gefolgt war und Ordnung und Sparsamkeit in Fefelotti's Hinterlassenschaft gebracht hatte ... Dass der sich jetzt Casar von Montalto nennende, verwundete Vetter des Erzbischofs vom Kriegsschauplatz in Rom kam, war kein Geheimniss und mehrte das Interesse; in diesem Lande war das Urtheil uber Italiens Angelegenheiten freigegeben ... Allgemein nahm man die Moglichkeit, in so krankem Zustand von Rom bis hierher reisen zu konnen, fur ein Hoffnungszeichen moglicher Genesung ...

Bonaventura dachte anders ... Es hat ihn nur gezogen, hier sein letztes Lager zu suchen ... Noch einmal wollte er in seinen Anfang zuruck ... So nur war ihm dies Suchen eines letzten Wiedersehens erklarlich ...

Das bescheidene Mahl war zu Ende, als das lebhafte Gehen der Thuren nach dem Schlafzimmer zu auf ein Vorkommniss im Zustand des Kranken schliessen liess ... Der Erzbischof erhob sich eilends und ging in die anstossenden Zimmer ... Alle folgten ... Einer der Bruder kam ihnen mit einem Gefass voll Schnee entgegen, den man anwenden wollte, um den Blutandrang zum Kopf des Kranken zu mildern ...

Bonaventura horte ihn laut phantasiren ... Als er naher gekommen war, fand er Benno hochaufgerichtet im Arm des andern Bruders, seiner nicht bewusst auch Bonaventura nicht erkennend ... Es schien, als befehligte er noch auf den Breschen der Mauern Roms als riefe er die Wankenden zusammen ... Mit erhohter Stimme sprach er bald italienisch, bald deutsch, bald englisch ... Er redete Personen an, die er leibhaft vor sich sah ... Sarzana! rief er und lachte sogar ... Da haben Sie's denn nun! ... Leichenbruder! ... Auch Hamlet hatte erst Muth, als eine Ratte hinter der Wand raschelte! ... War's nicht so auch mit Ihnen, Ihrer neuen Loge damals ? ... Stehen Sie jetzt auf, Sarzana! ... Ich bitte Ihnen ab, dass ich Sie fur einen Verrather hielt ... Ein tollerer Hamlet waren Sie freilich noch als ich ... Achtung aber der Dame, die da kommt und die eine Krone zu tragen wurdig ist Nein es ist ja nur die Kammerjungfer ...

Bonaventura las aus Benno's wilden und lachenden Mienen die Erinnerungen, die ihn qualten ... Die letzteren schienen Lucinden zu gelten ... Er redete dem Freunde zu, sich zu fassen ... Seine Hand strich ihm das Haar aus der Stirn ...

Endlich schien der wie von Gespenstern verfolgte und wie um Hulfe bittende Blick des Phantasirenden den Freund zu erkennen ... Seine wilde Rede stockte ... Das Auge starrte um sich; der Kopf neigte sich zum Kissen zuruck und nur die abwehrenden Hande verriethen, dass die Gedanken des Leidenden keine heitern waren ... Fort! Fort! rief er und suchte sich der Annaherung von Menschen zu erwehren, dann murmelte er vor sich hin in jetzt nicht mehr zu verstehenden Lauten ... Allmahlich trat eine Entkraftung ein, so bedenklich, dass die hinzugekommenen Aerzte dem Bewusstlosen Starkungen einflossen mussten ... Daruber verfiel er in einen Halbschlummer ...

Inzwischen war im Nebenzimmer ein Bett aufgeschlagen worden ... Bonaventura hatte angeordnet, dass hier, in seiner Bibliothek, sein Nachtlager sein sollte ... Man beschwor ihn, seiner selbst zu schonen Morgen in erster Fruhe wollte er die Messe lesen ... Er erwiderte: Nachtwachen bin ich gewohnt ... Dann trat er ans Fenster und deutete an, dass ein Unwetter heraufzoge; man mochte die Fenster schliessen und sich zur Ruhe begeben ... In der That brauste ein plotzlicher Wind, warf offenstehende Thuren und Fenster ... Man entfernte sich und ging scheinbar zur Ruhe ... In Wahrheit schmuckte man heimlich den Palast zum morgenden Feste ...

Der Kranke lag, als Bonaventura an sein Lager zuruckkehrte, in Schlummer versunken ... Sein Athemzug ging schwer und ungleichmassig ... Die Bruder schlossen nebenan die Fenster und Thuren das Brausen des Windes nahm zu ... Auch die Thur, die das Schlafcabinet vom Bibliothekzimmer trennte, wurde wieder geschlossen ... Bonaventura trat in letzteres zuruck und war nun allein unter seinen Buchern, von denen die meisten ihm uber die Alpen (ohne Renate, die gutversorgt daheimgeblieben bald nach der Trennung von ihrem Pflegling starb) nachgekommen ... Seine Studirlampe brannte auf dem grunbehangenen Tische ... Die Glocken schlugen zehn ...

"Nachtwachen bin ich gewohnt" ... Bonaventura war es schon in seinen glucklicheren Tagen ... Wie viel mehr in denen, die seiner Reise nach Wien folgten ... Seinen Brief an Ambrosi holte er hervor ... Ambrosi hatte dem Heiligen Vater auf seiner Flucht folgen mussen ... Nun zog er wol wieder mit ihm in Rom ein ... In Rom, wohin auch ihn, den Sohn die Mutter rief ... Bonaventura hatte vor zehn Jahren Rom nur fluchtig kennen gelernt ... Damals war er als ein Angeklagter erschienen, anfangs in seinen Schritten gehemmt, dann, als sich alles zum Guten wandte, von Huldigungen der masslosesten Art, durch die Herzogin von Amarillas, Olympien, Lucinden, am wenigsten freigegeben ...

Damals war Benno bereits durch die Hulfe der Frauen gerettet ... Die Herzogin von Amarillas hatte sich mit Olympien durch die Sorge um ihren Sohn ausgesohnt ... Dass Benno ihr Sohn, verkundete sie nun selbst; ihr verzweifelndes Muttergefuhl hatte ohne jedes Besinnen den Schleier des Geheimnisses zerrissen und Lucinde, die vorher so gefurchtete Mitwisserin des Geheimnisses, wurde nun ohne Scheu die Dritte im Bunde; die Herzogin hatte jede Demuthigung vergessen ... Zwei Menschen gab es nur, die helfen konnten, Olympia und Lucinde ihr erschienen sie jetzt wie Engel und gottgesandte Heilige ...

Als Benno in Sicherheit war, errichteten die Frauen Pforten des Triumphes fur Bonaventura ... Fefelotti musste ihn von ganz Rom wie auf Handen getragen und sogar vom Heiligen Vater begnadet sehen ... Ermudet und beschamt von soviel Gluck und Erfolg, hatte Bonaventura den Trost, zu sehen, dass seine Sache wenigstens von einigen unabhangigen Mannern und Richtern aus Ueberzeugung gefordert wurde ... Er hatte gehort, dass seine Angelegenheit besonders freundlich Ambrosi vertrat ... Diesen seltsamen Menschen, fur den er ja selbst in Robillante Bischof geworden und von dem er mit doppelt begrundeter Ruhrung vernommen, dass sein Vater ein Professor in Robillante war, der auf einer Alpenwanderung, wo Vermessungen von ihm vorgenommen werden sollten, umgekommen diesen besuchte er jetzt ... Wie drangte es ihn, zu horen, ob sein Vater, der einen solchen Tod nur fingirt hatte, wirklich als Lehrer oder Verfuhrer zu ketzerischen Gesinnungen mit ihm in naherer Verbindung stand ...

Im fruheren germanischen Collegium liegt die "Custodia der Reliquien und Katakomben" ... In dem untern Geschoss des dustern Palastes befinden sich lange, an den Fenstern vergitterte Sale, in denen die alten Steinsarge ihres Inhalts entleert, die vermoderten Knochen gesaubert und in grunangestrichene Kisten gesammelt werden ... Nach den Inschriften der Sarge werden die Namen der Bekenner festgestellt ... Findet man kleine Phiolen mit einer eingetrockneten Flussigkeit, die vielleicht Blut war, so hegt man die Ueberzeugung, die Knochen eines Martyrers gewonnen zu haben ... Ueberall liegen hier Glassplitter, zerbrochene thonerne Lampen, selbst Kleiderreste einer uralten Vergangenheit ...

Soeben war Cardinal Ambrosi beschaftigt, einen von einem Professor des Collegiums, einem Jesuiten, "getauften" heiligen "Xystus" nach Amerika zu versenden, wo man in Mexico das dringendste Bedurfniss ausgesprochen und viel Geld darum nach Rom gesandt hatte, fur eine neugebaute Kathedrale den kostbarsten Schmuck in einem heiligen Reliquienleib zu besitzen ...

Bonaventura wartete in einem Nebenzimmer und gedachte an das Wort: "Ich ziehe in die Katakomben!" ein Wort, das Fra Federigo zu Klingsohr und Hubertus gesprochen hatte ... Ueber Hubertus hatte sich Bonaventura schon bei Klingsohr beruhigt, den er mehrmals in Santa-Maria besuchen wollte, endlich nur im Archiv des Vatican fand, wo Pater Sebastus die deutschen Schriften excerpirte, die Rom auf den Index setzt Wohl eine Thatigkeit, die Bonaventura an Benno's Wort vom Vatermorde erinnern konnte, dessen dieser den Sohn des Deichgrafen mehr bezichtigte, als seinen eigenen Vater, den Kronsyndikus ... Klingsohr's demuthiger Brief aus San-Pietro in Montorio nach Robillante, den Lucinde damals besorgen sollte und besorgt hatte, stand im auffallendsten Widerspruch mit einer Cigarre, die Pater Sebastus am offenen Fenster in der Nahe der Loggien des Raphael zu rauchen wagte ... Soviel stand fest die Situation hier oben, dieser Blick auf die Grosse Roms, dieser heraufstromende Duft aus den lieblichen Garten des Vatican es verlohnte sich, mit dem deutschen Vaterland, mit Schiller, Goethe, Kant gebrochen zu haben ... Klingsohr analysirte sein Gluck mit der ganzen Kraft der ihm zu Gebote stehenden poetischen Reproduktion ... Die "dummen, albernen Wahngebilde" in den Buchern vor ihm, die ewige Schonheit Raphael's um ihn her auch Lucindens beseligende Nahe alledem wusste der kahlkopfige, hektisch hustende Monch goldene Worte zu leihen ... Von Hubertus berichtete er, dass dieser den Pilger von Loretto aus der Gefangenschaft der Rauber mit Lebensgefahr befreit hatte, dann aber leider, den Verfolgern ausweichend, mit dem Geretteten nach dem Suden verschlagen ware ... Hubertus unterhandelte damals mit dem General der Franciscaner um die Erlaubniss, in dem Kloster San-Firmiano, am Eingang in den Silaswald, fur immer bleiben zu durfen und schon hatte seine Bitte die Unterstutzung Lucindens und Ceccone's gefunden Beide waren froh, den Unheimlichen in der Ferne zu wissen ... In ruhiger Ergebenheit liess Bonaventura Klingsohrn die Gelegenheit, alle Erfahrungen seines Gemuthes gegen einen Mann durchzusprechen, der ihm so mannichfach nahe stand ... Und wie orakelte Klingsohr! ... Am langsten verweilten seine Einfalle und Paradoxen diesmal beim Leben der "Thierseele" ... Hubertus sollte den Pilger mit Hulfe eines Hundes, ohne Zweifel des seinem Herrn bis nach Loretto und dann bis an die Bai von Ascoli nachgelaufenen "Sultan" entdeckt haben ... Den Pilger selbst charakterisirte Klingsohr als einen Deutschen, der der alten Zeit des Turnerthums und der Romantik entlaufen ware und "sozusagen Eichendorff ins Protestantische ubersetzt hatte ", wahrscheinlich hatte er in Loretto "die Andacht statistisch studiren" und das hochheilige Wunder von der durch die Lufte nach Loretto getragenen Heilandskrippe in der Darmstadter Kirchenzeitung lacherlich machen wollen ... Grizzifalcone hatte einen scharfen Blick verrathen, als er diesen Mann zu seinem Schreiber machte ...

Bonaventura hielt seinen heftigsten Zorn und Unwillen zuruck und ruhmte nur die Bildung des Verschollenen ...

Klingsohr raumte diese ein und erzahlte: Als wir in einer Nacht im Walde campirten und ich nicht schlafen konnte, sang er, neben mir im Moose liegend, ein provencalisches Lied ... Von einer edlen Dame, glaub' ich, der ein in den Kreuzzug ziehender Ritter seinen Hund und seinen Falken zurucklasst ... Ich ubersetzte es glaub' ich:

Weil ich Dich, Liebste, lassen muss,

Wie darf ich je noch frohlich werden!

Nimm hin noch mit dem letzten Kuss

Das Liebste mir nach Dir auf Erden!

Bonaventura ging dann erschuttert ... Er sah ja den Abschied des Vaters von Grafin Erdmuthe ... Als er erfahren hatte, dass sich in Santa-Maria vielleicht eine Moglichkeit fand, mit dem Silaswald in Verbindung zu treten, als Klingsohr mit elegischem Aufschlag seiner schwimmenden hellblauen Augen von Lucindens Macht und Einfluss und, Bonaventura's fast spottend, von ihrer baldigen Grafenkrone gesprochen hatte, verliess er ihn, um ihn nicht wiederzusehen ... Klingsohr behandelte ihn, im Hinblick auf Lucinden, mit Vertraulichkeit, fast Protection ...

Es wahrte eine halbe Stunde, bis Ambrosi, den er fur fernere Nachforschungen im Silaswalde zu interessiren hoffte, sich ihm widmen konnte ... Er sah sich die auch in seinem Wartezimmer befindlichen alten Marmorsarge an ... Auf allen Verzierungen derselben fanden sich die namlichen Embleme des Glaubens an Auferstehung ... In roher Darstellung, ohne Zweifel von Fabrikhanden gefertigt, waren die Verstorbenen als Jonas im Bauch des Walfisches dargestellt, ein Mythus, der den Formen der Schonheit wenig entgegenkommt ebensowenig wie der auf allen Sargen wiederkehrende Fisch, der in seinem griechischen Namen die Anfangsbuchstaben fur Jesus und seine Erloserwurde ausdruckt ...

Endlich erschien der Cardinal ... Bonaventura fand eine kleine Gestalt, von weiblichweichen Formen, von einer noch ebenmassigeren Schonheit, als sie ihm oft war geschildert worden ... Ambrosi's Lacheln war sein, sarkastisch sogar, seine Sprache sanft und melodisch ...

Was er Bonaventura zur ersten Begrussung sagte, schien ein Herzensbedurfniss auszudrucken, das schon lange von ihm genahrt ware und in dem Wunsch nach inniger Bekanntschaft mit einem Manne bestunde, der einen Bischofssitz einnahm, der vor einem Jahre ihm bestimmt gewesen ...

Nach Entschuldigungen dann fur die Eile, die die Verpackung des heiligen Xystus hatte, da ein Segelschiff in Civita-Vecchia nach Mexico bald die Anker lichte, nach den ersten scharferen Forschungen in der Natur der beiden sich in ihrem innern Grund bereits bekannten Manner, sagte Bonaventura beziehungsvoll:

Es weht mich aus diesen Symbolen, so unschon die Formen sind und so man kann wol sagen, roh, einem Bauer gleich, die Gestalt Jesu abgebildet wird, doch eine seltsame Weihe an ... Man sieht einen nachtlichen Gottesdienst geheimnissvoller Verbruderung in einer unterirdischen Krypte ...

Die nahe Erwartung des Heils liegt in diesen mystischen Zeichen! sprach Ambrosi und fuhrte seinen Besuch an den Steinsargen entlang, auch an noch uneroffneten ... Der Geruch in diesen Salen war peinlich genug; die Stimmung aller Anwesenden seltsam beklommen; nicht gerade des Moders wegen, sondern wie im verschutteten Pompeji nicht Ein Glasscherben von den Arbeitern mitgenommen werden darf, so hier keiner dieser eintraglichen Knochen, die im Preise von Juwelen standen ... Ein Priester musste den andern bewachen und die Wachter hatten wieder uber sich ihre Wachter ...

In der That als wenn man eine Orphische Nachtreligion mit geheimnissvollen Wunderzeichen dargestellt sahe! sprach Bonaventura, staunend uber die an den Sargen angebrachten Basreliefs ...

Der Cardinal unterrichtete seinen Besuch uber die neuesten Forschungen in den Katakomben ... Dann sagte er: Die Gleichheit aller Sarge und die gemeinsame Begrabnissstatte erweckt die Vorstellung von einer fast familienartig zusammenhangenden Gemeinde ...

Inzwischen wurden dem Cardinal eine Kerze und Siegelwachs entgegengehalten ... Ein grosses Petschaft zog er aus seinen Kleidern und versah mit dem Wappen der gekreuzten Schlussel und der dreifachen Krone die Stricke und die Nahte der Emballage ...

Nachdem wollte der Cardinal seinen Besuch in die obern Zimmer fuhren; wieder fand sich eine Storung ... Gleichsam als kame alles zusammen, was den Gedanken wecken musste: Sind denn das nicht Heuchler, die einen gottseligen Sinn haben wollen und solchem Aberglauben huldigen? traten ihm die Superiorin, die Vicarin und Sacristanin der "Lebendigbegrabenen" in ihren braunen Rocken und weissen Schleiern als Abgeordnete ihres Klosters entgegen, um das Furwort des jungsten der Cardinale fur die Heiligsprechung ihrer Mumie zu gewinnen ... Sie verneigten sich tief ... Ambrosi nahm ruhig ein Verzeichniss aller Wunder entgegen, die weiland Eusebia Recanati schon bewirkt haben sollte ...

Bonaventura sah, dass Ambrosi nicht lachelte, sondern ernst die Blatter uberflog, sie zu sich steckte und die Angelegenheit der Nonnen zu prufen versprach ... Beide begegneten sich als katholische Priester ... Beide waren erzogen und emporgekommen in ihrem Beruf ... Jedenfalls kannten sie keine Reform, als die auf Grundlage des katholischen Lebens ... An einen Uebertritt zum Lutherthum denkt nicht der alleraufgeklarteste, nicht der allerunabhangigste unter den Katholiken ...

Als die Nonnen sich entfernt hatten, sassen zwei Menschen, Heilige, wie sie oft genannt wurden, sich gegenuber und forschend ruhten auf einander ihre Blicke ... Der eine war ein Martyrer des Duldens und stand deshalb jetzt erhoht ... Der andere wurde immer verfolgt und entfloh nur von Wurde zu Wurde ... Jener ein contemplativer Charakter, dieser zum Handeln und zur praktischen Bewahrung geneigt ... Die Ruhe beider die gleiche; beim einen war sie ein Wachen wie uber einen Schatz von schonen Hoffnungen, die alles Leiden endlich belohnen wurden, beim andern wie uber einen Schatz voll Ergebung, dem kein neues Leiden mehr eine Ueberraschung bieten konnte ...

Ambrosi lobte Bonaventura's Eifer fur die Waldenser, nicht weil er ihre Lehre billigte, sondern weil die Waldenser ihre Rechte hatten ... Voll Theilnahme und beruhigend sprach er uber den Eremiten, den er einen Landsmann des neuen Erzbischofs nannte und im Silaswalde wusste ... Die Berichte, die er gab, bestatigten, was Bonaventura inzwischen schon zu seiner Beruhigung erfahren hatte ...

Als Bonaventura von Fra Federigo nahere Kunden zu horen wunschte, wich allerdings sein Gonner aus und ruhmte nur die Gegend um Robillante ...

Auf einsamen Wegwanderungen hab' ich da die grossen Begebenheiten kennen gelernt, die dem Einsamen Stoff zur Betrachtung geben sagte er ... Mein erstes Evangelium war tagelang ein Vogel oder eine Wolke ... Als ich spater in die Schule, ins Seminar, ins Kloster kam, fand ich freilich, dass ich infolge dieses Traumens alles, was eine Unternehmung werden sollte, linkisch anfasste; der Erfolg war immer kleiner, als meine Absicht ... Da begann ich nichts mehr und nun hatt' ich alles ...

Gefahrvoll fur die Welt, griffe solcher Quietismus um sich! ... sagte Bonaventura mit aufrichtigem Tadel ...

Darauf machte mich Fra Federigo aufmerksam, dem ich mein Leiden klagte ... fuhr der Cardinal mit voller Zustimmung, offenbar uber seine Worte wachend, fort ...

Warum suchten Sie ihn auf? ... fragte Bonaventura ...

Ich wollte deutsch von ihm lernen, um in die Schweiz zu reisen ... Ich brachte es nicht weit ... Ihre Heimatsprache ist schwer und wir plauderten wenig uber die Grammatik, mehr uber Gott und die Welt ...

Bonaventura sah den Einfluss seines Vaters auf den jungen Theologen und fragte:

Sie wussten, dass Sie mit einem Ketzer sprachen? ...

Das wusst' ich ... Ich ging auch mit grosser Angst zu ihm ... War ich aber bei ihm und es wurde Nacht und ich ging dann heim, so erschien ich mir wie Jakob, der auf dem Felde einem Engel begegnete und im Nebel mit ihm rang ... Ich kampfte oft einen Riesenkampf gegen diese machtige Erscheinung und doch suchte ich meinen Gegner wieder auf, gerade weil ich bei ihm die Kraft fand, um mit jenem Engel im Nebel, mit Gott zu ringen ... Jeder Schlag, den ich von Gottes allmachtigem Geist empfing, verbreitete Kraft durch meine Glieder ... Sie hatten Recht, mein theurer Bruder, sich fur diesen edlen Landsmann zu verwenden ... Ich denke, Sie sind jetzt uber ihn beruhigt? ...

Bonaventura's Brust hob sich mit dem Gefuhl der Beseligung und zugleich der Spannung auf die Moglichkeit, dass Ambrosi seine nahere Beziehung zum Eremiten kannte ...

Ist es wahr, begann er nach einigem Schweigen, wahrend dessen seine Augen umirrten, dass Sie doch zuletzt vor seinen Lehren geflohen sind? ...

Der Cardinal errothete, wie ofters, so auch jetzt gleich einem Madchen ... Dann wiegte er den schonen Kopf wie uber die Seltsamkeit aller solcher Geruchte und uber sein Antlitz verbreitete sich ein mildes Lacheln ... Er hatte geschwiegen, aber seine Geberden sagten ein Ja! und wieder auch ein: Nein! ... Nur ein Italiener oder ein Orientale besitzt die Fahigkeit eines so ausdrucksvollen Mienenspiels ...

Ein Monch zu sein! fuhr Bonaventura beobachtend fort. Konnte Sie das so reizen so zu den staunenswerthesten Entbehrungen ? ...

Ein Monch in alten Tagen, unterbrach der Cardinal die ihm dargebrachte Huldigung mit lachelnder Miene, war ein lebensmuder Einsiedler ... In den unsern bedeutet er entweder weniger oder mehr ... Ich stellte mir mit meinem Verlangen nach Gott eine Aufgabe ... Ist es nicht mit unserm ganzen Glauben so, dass wir unsere Schultern nur zum Tragen gottlicher und unsichtbarer Dinge starker machen wollen? ... Diese Reliquien, diese Seligsprechung, von der Sie eben horten diese rechne ich auch zu dem, was mit dem Baldachin des Himmels, der Offenbarung, der Verehrung fur uberirdische Dinge uberhaupt zu tragen ist ... Warum tragen wir es noch und handeln danach? ...

Noch? wiederholte Bonaventura ...

Ein fluchtiges Zittern bewegte die Augen- und Mundwinkel des Cardinals ... Wieder folgte ein vielsagendes Mienenspiel, ein beredsames Schweigen ... Wie mit plotzlicher Erleuchtung glaubte Bonaventura eine Vision zu sehen ... Dieser Priester, sagte er sich, ist ein Schuler deines Vaters! ... Alle Grundsatze desselben hat er eingesogen! ... Um sie in die katholische Kirche einzufuhren trachtete er danach, eine hohe Wurde zu erklimmen, die ihm moglich machte, Reformator mit Erfolg zu sein ... Unter allen Mitteln, um zu steigen, wahlte er das eines Lebens der Ascese ... Bonaventura gedachte der Mahnung an die Eichen von Castellungo, an den Tag des heiligen Bernhard, an den Tag, wo Scheiterhaufen oder gottliche Lauterungsflammen der Kirche sich erheben wurden ... Fiat lux in perpetuis! schwebte auf seinen Lippen ... Schon wollte er die geheimnissvolle Losung aussprechen ...

Da fuhr der Wagen mit dem heiligen Xystus vom Hause ab ... Nicht zu weit entfernt vom Sopha, auf dem sie sassen, stand ein Tisch, auf dem eine Anzahl jener gelben, wie Ockererde zerbrockelnden Reliquienknochen lag ... So musste er seine Vision wol als eine Vorstellung des Wahns wieder von seinen Augen bannen ...

Sie sind befremdet, sprach der Cardinal, der ihn so in Gedanken verloren fand, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich diesem Ihnen vielleicht verdriesslich erscheinenden Amte sogar mit Liebe obliege? ... Es erinnert mich doch gewiss an Eines an den Tod, der unser aller sicherstes Loos ist ...

Aber diese Reste der Vergangenheit verehren? entgegnete Bonaventura mit wiederkehrendem Muthe ... Sogar Wunder verlangen von diesen todten Knochen? ... Ich habe in meinem Wirken als Pfarrer und Bischof die Reliquienanbetung nie unterstutzt ...

Es war ein gewagtes Wort, das Bonaventura gesprochen ... Der Cardinal nahm es ruhig hin ...

Der Aufgeklarte und Denkende, sprach er, wird immer trauern, wenn er sieht, dass diesen todten Resten der Vergangenheit eine gottliche Ehre erwiesen wird ... Aber tragt man denn nicht auch den Ring einer Geliebten, das Haar einer theuern Mutter, und treten Sie nicht mit feierlichem Gefuhl in die Gruft der Scipionen, die Sie auf der Via Appia finden? ... Ist nicht der Besuch der Graber die heiligste Gelegenheit, unsere irdischen Gedanken zu lautern und von uns so vieles abzustreifen, dem wir allzu thoricht nachjagen? ... So mocht' ich auch diese Gebeine, die man tausend Jahre lang heilig hielt, nicht sofort, wie die Sansculotten mit den Grabern der franzosischen Konige in Sanct-Denis thaten, auf die Strasse werfen ... Aber den wahren Sinn des Sicherinnerns im Kirchenleben wunsch' ich allerdings gedeutet und die Verehrung vor den Reliquien nur zu einer Sache der Dankbarkeit gemacht ... Bewundert doch, mocht' ich rufen, den Zusammenklang der Zeiten! Diese von uns fortgefuhrte Melodie alter Hoffnungen und Trostungen! ... Wer kann die Heiligen mit einem Federstrich tilgen! Sie leben so gut wie Christus ... Aber auch hier: Sie konnen immer mehr dem rein ausserlichen Bann ihrer Bilder entschweben, konnen immer mehr in ihren irdischen Farben erbleichen und vergeistigt in die Herzen der Menschen einziehen das soll und muss und wird kommen ... Aber wie soll unsere Kirche diese Formen so schnell zertrummern ohne Gefahr, auch das Gute zu verlieren, das sich an sie knupft? ... Zumal in sudlichen Landern, wo Jahrtausende hindurch die Religion nur auf dem Weg der Phantasie in die Herzen zog ...

Bonaventura sah die Richtung seiner eigenen Stimmungen ... Auch ihn band Pietat ... Doch hatte sein Glaube angefangen, alles auf die Bibel zu geben ... Und er sagte dies ...

Sorgen Sie nur, dass sie alle l e s e n konnen! ... erwiderte der Cardinal mit einem Seufzer ...

Das Bild des Aberglaubens im Volke, der Unbildung der Massen lag nun ganz vor den beiden freigesinnten Priestern ... Ambrosi horte die beredte Schilderung des Bischofs, wie Deutschland so weit voraus ware ... Wie Italien dagegen zuruckstand, zeigte die Erinnerung an die Gefangenschaft Federigo's unter den Raubern alle ihre Qualen verdankte der Ungluckliche allein seiner Schreibekunst ...

So sprachen beide noch lange fort und Bonaventura ahnte die Erfullung seiner kuhnsten Traume in den Gedanken einer gleichgestimmten Seele ... Die Formen der katholischen Kirche aufzugeben und so zu denken, wie Luther dachte, war ihnen nicht gegeben sie wollten diese Formen zuruckgelenkt sehen in die Bedurfnisse des Gemuths, diese gelautert durch einen Geist, dessen allgemeiner Ausdruck die Anerkennung der bisher im katholischen Kirchenleben verponten Bibel war ... Im Hass gegen die Gesellschaft Jesu waren sich beide gleich; beide gelobten, sie mit allen Mitteln bekampfen zu wollen ... Das lasst mich meinen Krummstab lieben, dass er in diesem Feldzuge ein Commandostab ist, keine schwache einzelne Kriegerwaffe ! ... sagte Bonaventura ... Bald verrieth Ambrosi's leuchtendes Auge, dass auch ihm der Protest eines einzelnen Pfarrers oder Monches nur ein Tropfen auf einen gluhenden Stein war; das zischt auf und hinterlasst nichts, als ein wenig Rauch ... In der Frage, die er dann an den Bischof richtete, ob er diesen oder jenen Namen der Hierarchie schon kannte, lag die Andeutung, wie schon die Zahl der Gegner Ceccone's und Fefelotti's im Wachsen war ...

Bonaventura versprach, sich den genannten zu nahern ... Die hohe Wonne, die dem Menschen Uebereinstimmung gewahrt, verklarte sein Angesicht ... Noch mehr, selten ist das Gluck gewahrt, noch in spateren Lebensjahren, in Stellungen, die den Anschluss der Herzen nicht mehr erleichtern, eine Freundesbrust zu gewinnen ... Das hob ihm jetzt die seinige ... Das Gesprach wurde lebhafter und zutraulicher ... Diesem Priester, den Bonaventura einen "heiligen Scheinheiligen" hatte nennen mogen und mit mancher ahnlichen Erscheinung der Kirchengeschichte, mit Philippo Neri verglich, hatte er sich ganz entdecken mogen ... Kampfend mit dem, was in ihm hindernd noch dazwischenlag und doch schon auf sein Bedurfniss der vollen Hingebung zielend, sagte er:

So vieles in unserm Glauben ist wie die Beichte ... Auch ihr liegt eine Erfahrung des Gemuths zum Grunde, die ohne hohere Einbusse niemanden entzogen werden kann ... Aber wie sie jetzt besteht, ist sie doch der unwurdigste Zwang ... Eine Zeit wird kommen, wo man erkennt, dass sie dem Priester das Unmogliche zumuthet ... Was druckt unsere innere Wurde mehr als die Beichtburden, die wir tragen, ohne das Gute befordern, das Schlechte, das wir erfahren, verhindern zu konnen ... Wenn die Unmoglichkeit und der nothwendige Heuchelschein des katholischen Priesterthums erst erkannt sein wird, dann ...

Bonaventura brach ab und erhob sich, weil ein Gerausch vernehmbar wurde ...

Auch der Cardinal erhob sich und betrachtete Bonaventura mit heissen, glanzenden Augen ...

Ich mochte nur von dem die Beichte horen, dem ich sie selber sprache, sagte er ... Ein Austausch des Vertrauens unter Freunden ...

Ihnen konnt' ich wahr sein ... wallte Bonaventura in seiner deutschen, vom Herzen kommenden Regung auf und hielt dem Cardinal die Rechte hin ...

Der Cardinal nahm sie zitterndbewegt ...

Da trat einer der Caudatarien ein und erinnerte an die vorgeruckte Stunde ... Eine Sitzung des Consistoriums rief ihn ab ...

Der Caudatar liess die Thur offen, durch die er gekommen und wieder gegangen war, und harrte im Nebenzimmer ...

Es handelt sich heute um Ihre Ernennung zum Erzbischof von Coni sprach Ambrosi tief bewegt. Sie sollen an die Stelle Fefelotti's kommen ...

Bonaventura's Mienen druckten einen Schmerz aus, als trug' er zu schwer schon an seinem gegenwartigen Kleide des Nessus ...

Der Cardinal winkte ihm zu schweigen Die Zahl der Diener, die draussen harrten, mehrte sich ...

Denken Sie an Ihren Commandostab! sprach er ... Es muss ein Feldherrnstab sein , den wir in unsern Handen haben! Was ist ein einzelnes Kriegerschwert! ...

Der Ton dieser Worte war so muthig, so offen dass Bonaventura seine Vision bestatigt sah ... Ambrosi hatte Jahre lang sich selbst getodtet, um eine Auferstehung zur That zu feiern ... Kein Zweifel, dass diese Annahme die richtige war ... Und nun hatte er weiter forschen, von seinem Vater beginnen mogen, fragen, ob nie uber dessen Herkunft, uber dessen fruhere Verhaltnisse von ihm gesprochen wurde nur seiner Mutter wegen hemmte er den Drang der Mittheilung, der immer hoher stieg Endlich begann Ambrosi, der Umgebung lauschend, von gleichgultigen Dingen ... Ein Schimmer von List sogar blitzte aus seinem Antlitz ... Einige Worte wagte er in deutscher Sprache; seine Gedanken wurden nicht klar; er sprach wieder italienisch ... Anerkennend urtheilte er von Klingsohr's Gelehrsamkeit ... Vom Bruder Hubertus sagte er:

Dem kommt es zu statten, dass der geistliche Stand im Suden Europas etwas anderes ist, als im Norden ... Unsere Monche sind schwer an ihre Regel zu bannen ... Sie ergreifen jede Gelegenheit, ihrem Temperament zu folgen und viele gibt es, die immer unterweges sind ... Auftrage gibt es genug und wenn sonst kein Entschuldigungsgrund vorliegt, wird dem Drang zum Betteln als einer heiligen Vocation Gehor gegeben ... Ich war zugegen, wie der Todtenkopf den Auftrag erhielt, den Bischof von Macerata zu befreien, und noch dringender, den Gefangenen des Grizzifalcone, den Pilger von Loretto ... Eines gelang ihm durch List, das andere, hor' ich, durch wunderbare Abenteuer, an denen sogar die Treue eines Hundes betheiligt ist ... Der Cardinal erzahlte, was Bonaventura durch Klingsohr wusste ...

Die Vertraulichkeit kehrte wieder ganz zuruck ... Mit leiser Stimme gaben sich diese Gefangenen ihrer Wurde der Gestandnisse immer mehr ... Ambrosi gab die Bestatigung der Schilderungen, die Bonaventura von Benno nach seiner Befreiung von Frankreich aus uber die Loge bei Bertinazzi und den Brief Attilio Bandiera's erhalten hatte ... Bonaventura horte die Vermuthung, dass sein unglucklicher Vater in seiner Gefangenschaft die Doppelrolle Grizzifalcone's hatte unterstutzen mussen, die Dienste, die er dem Fursten Rucca im Interesse der romischen Finanzen und die er dem Cardinal Ceccone im Interesse der Politik leisten sollte ... Nur angedeutet zu werden brauchte diese Vermuthung, um auch die Gefahr auszusprechen, in die sich Federigo gesturzt haben wurde, wenn er, durch die Kunst der Federfuhrung zum Vertrauten des verschmitzten, beutegierigen Raubers geworden, nach Rom gekommen ware und seine Gestandnisse wirklich dem alten Rucca hatte aus dem Gedachtniss wiederholen wollen ... Ich wurde sagen, schloss der Cardinal, vom ergluhten Aufhorchen seines Besuches nicht zu auffallend befremdet, ich wurde sagen, beide, der Gefangene und sein muthiger Befreier, verabscheuten die Ruckkehr in eine so verderbte Welt, wenn nicht auch der stille Waldesfriede, den sie dann gefunden haben, wiederum von menschlicher Verworfenheit ware heimgesucht worden; man sagt, dass im Silaswald der von Grizzifalcone angelegte Verrath zum Ausbruch kam und auch dort der muthige Monch seine Mission der strafenden Gerechtigkeit an einem der gedungenen Verrather vollziehen konnte ...

Bonaventura horte zum ersten mal von den naheren Umstanden, unter denen die Invasion der Bandiera gescheitert war ... Bisher hatte er nur gewusst, dass die kleine Schaar durch einige aus ihrer Mitte verrathen wurde ...

Die Caudatarien hatten sich zuruckgezogen, blieben jedoch horbar ... Der Cardinal sah auf die Uhr ... Er hatte nur noch einige Minuten Zeit ...

Wir sehen uns leider so bald nicht wieder! sprach er mit Trauer ... Ich muss einige Tage von Rom fort und auch Sie werden Eile haben, in Turin die Wunsche des Consistoriums fruher geltend zu machen, ehe dort die Intriguen Fefelotti's ankommen ... Lassen Sie sich's nicht verdriessen, dass Ceccone es ist, der Ihre Erhohung fordern muss ... "Die Gottlosen richten ihre Schemel auf und erheben nur die Gerechten" ...

Nicht wiedersehen Nach Turin eilen dachte Bonaventura mit Schmerz und stand im Kampf mit sich selbst ... Sollte er dem Cardinal sagen, dass es auch ihn aufs machtigste nach dem Silaswalde zog? ... Aber wie konnte er es da sein Vater offenbar nur vor ihm, nur vor seines Sohnes wunderbarer Verpflanzung nach Robillante geflohen war ...

Cardinal Ambrosi sagte, dass er nichts unterlassen wurde, sich durch die Kloster uber Federigo's Befinden zu unterrichten und dann seinem muthigen Vertheidiger uber ihn Kunde zu geben ... Ohne das mindeste Anzeichen, als ware ihm Federigo's naheres Verhaltniss zu seinem Besuche bekannt, kam er wieder auf seine Heimat und seinen eignen Vater zuruck ... Dieser war ein Lehrer der Mathematik auf dem Lyceum zu Robillante gewesen, hatte eine Alpenreise gemacht, war nicht wiedergekehrt und nie wieder aufgefunden worden ... Um im Berner Oberland, wo er Hohenmessungen hatte vornehmen wollen, Spuren seines Verbleibens aufzufinden, hatte der junge Student des Seminars von Robillante bei Federigo Deutsch lernen wollen ... Die Reise, die er dann wirklich gemacht, war ohne Erfolg geblieben ...

Bonaventura, der dies Verhaltniss nie so vollstandig ubersehen hatte, wie nach dieser Erzahlung, stand wie an einem Abgrund ... Warum nur trat ihm die furchtbare Morgue auf dem Sanct-Bernhard vors Auge! ... Er gedachte: Wie muss diese Eroffnung des jungen Mannes damals auf den Vater gewirkt haben, der eine mit dem Vater des Cardinals so ganz gleiche Lage nur fingirt hatte ...

Federigo konnte damals wol noch nicht lange bei Castellungo sein ? fragte er ...

Als ich ihn zuerst sah? ...

Als Ihr Vater vermisst wurde ...

Einige Wochen erst ...

Sprach Ihnen Federigo nie von den Gefahren des Schnees denen auch Er ? ...

Ambrosi blieb dem plotzlich stockenden Wort ein unbefangener Horer und verweilte nur bei seinem eigenen Leid ... Ohne Mutter, ohne Verwandte, war' er nur der Zogling der Liebe seines Vaters gewesen ... Als er ihn verloren, hatte er ein Gefuhl der Theilnahme bei allen gefunden; doch ein solches, das ganz seinem Schmerze gleichgekommen, nur bei Federigo ... Dieser Edle hatte seine Thranen aufrichtig zu denen gemischt, die er selbst vergossen ... Er hatte ihn seinen Sohn genannt ...

Bonaventura stand uber eine dunkle Ahnung zitternd ...

Er versicherte mich, fuhr Ambrosi, des Sichabwendens seines Besuchs nicht achtend, fort, fur bestimmt, dass mein Vater todt ware, er sah' es im Geist, doch sollte ich ihn nur aufsuchen ... Verlorenes, wenn auch Unwiederbringliches suchen ware so gut wie es finden wenigstens fande man anderes, neue Schatze ... Seine Thranen deutete mein Gonner nicht allein auf die Theilnahme fur den Vater, sondern auch auf die Erkenntniss, dass auch ihm aus tiefster Reue uber seine begangenen Fehler, aus Suchen nach ewig Verlorenem erst die Kraft der Erhebung geworden ware ...

Bonaventura verbarg die Thranen in seinem Auge er verrieth nichts von einer Ahnung, dass des Vaters fingirter Tod wol gar mit dem wirklichen Tode des Professors Ambrosi zusammenhing ... Wenn hier eine Schuld des Vaters vorlage? dachte er schaudernd ... Seine Hande zitterten ... Das erbrochene Grab des alten Mevissen, die aufgefundenen Angedenken, die Urkunde Leo Perl's, alles trat ihm gespenstisch entgegen ... Sein Vater konnte doch kein Verbrecher sein ! ...

Ist Ihnen nicht wohl? fragte Ambrosi, ihm naher tretend ...

Bonaventura hatte sich ihm an die Brust werfen, alles offenbaren, alles von sich und von seinem Vater eingestehen mogen ... Aber diese neue Verwickelung wieder war zu beangstigend sie zwang ihn, seine Worte zu huten ... Nachdem er sein Befinden als wohl bezeichnet, wagte er noch ein Entscheidendes, indem er leise, gleichsam nur in Hindeutung auf den verschollenen Vater Ambrosi's, die Worte sprach:

Rathsel Rathsel ... Fiat lux in perpetuis! ...

Eine Bewegung in den Mienen des Cardinals blieb aus ... Sein Antlitz blieb ruhig ... Von einem besondern Sinn dieser Worte schien er nicht betroffen ...

Nun mahnten die Caudatarien wiederholt ... Ambrosi musste Abschied nehmen und sofort fur langere Zeit, da ihn unmittelbar nach dem Consistorium Ausgrabungen am untern Lauf der Tiber zu einer Reise veranlassten ... Noch sprach er sein sichres Vertrauen aus, dass der an die Krone von Piemont gehende Vorschlag, das Erzbisthum Coni an den Bischof von Robillante zu geben, Erfolg haben wurde rieth aber, nach dem Entschluss des Papstes sofort nach Turin zu reisen ... Er wunschte Bonaventura Gluck und trennte sich von ihm, nur noch mit einer bedeutungsvollen Erinnerung an die einst zwischen ihnen auszutauschende Freundesbeichte und einer vollkommen unbefangenen Versicherung, dass es aufgeklarte, brave und wohlwollende Priester auch in Rom gabe ... Ueber den Eremiten im Silaswalde wurde er ihm unfehlbar binnen kurzem nach Coni schreiben ...

Bonaventura wurde vom apostolischen Stuhl zum Erzbischof von Coni vorgeschlagen ... Auch Ceccone verlangte, dass er, um Intriguen vorzubeugen, sofort nach Turin eilte ... Den Cardinal Ambrosi hatte Bonaventura seitdem nicht wiedergesehen ... Aber ihr Briefwechsel blieb der lebhafteste, blieb die Fortsetzung ihrer ersten Begegnung ... Bonaventura sah das Wachsen des Lichts und der Aufklarung auch in Italien ... Ambrosi gestand in aller Offenheit, dass schon lange und noch immer eine fortgesetzte Beziehung zwischen ihm und Fra Federigo bestand ... Aber das Wort desselben: Er beschwore den Erzbischof von Coni, bis zu einer bestimmten Zeit seiner Spur nicht zu folgen! wurde von ihm ohne die mindeste Ahnung der Verwandtschaft wiederholt; es wurde nur auf die Lage des Erzbischofs, seine Theilnahme fur einen Deutschen bezogen ... Unterwarf sich Bonaventura diesem Befehl? ... Die That eines Mannes, sagte er sich zuletzt uber diese schmerzliche Lucke seines Lebens, darf nicht halb sein ... Darf ich den Vater hindern, seinen Ausgang aus dem Leben so weit zu vollenden, als er ihm ohne den Selbstmord moglich schien? ... Noch lebt die Mutter ... "Es ist eine der grausamsten Handlungen, die es geben kann, jemand an einem schon begonnenen Selbstmord hindern", hatte ihm der Onkel Dechant geschrieben und noch in dem letzten, theilweise Armgart dictirten Briefe an Bonaventura stand: "Ich nehme dein Ehrenwort, Bona nehme es nicht vom Priester, sondern vom Asselyn, dass du v o r dem Tod deiner Mutter den Eremiten vom Silaswalde nie suchst nie kennst " ... Bonaventura gelobte es ... Sein Brief kam zwar nach Kocher am Fall zu spat, das Gelobniss blieb aber gegeben ...

Mit Freuden riss sich damals der so mannichfach gebundene und durch seinen Beruf, durch das ihm auch in Rom geschenkte Vertrauen so mannichfach willensunfrei gewordene Priester von der ewigen Stadt los ... Er sah die Leidenschaft Olympiens fur Benno er sah die Aussohnung der ihm schon in Wien nur wenig sympathischen Mutter mit ihren argsten Feindinnen ... Er sah die Zurustungen der Reise, durch die Ercolano Rucca "an die Brust seines besten Freundes zu gelangen" wunschte ... Er ahnte alles, was kommen musste, las es aus den Mienen Lucindens, die wol auch ganz offen sagte: "Benno liebt ja Olympien! Man liebt mit Leidenschaft nur das, was man versucht sein konnte unter andern Umstanden zu hassen! Er sieht alle ihre Fehler, aber er wird sich uberreden, sie verbessern zu konnen. Und ist es unmoglich? Wir Frauen sind die Erzeugnisse unseres Glucks oder unseres Unglucks!" ...

Bonaventura traute Lucinden mit dem Grafen Sarzana, nachdem er die Bedingung gemacht, dass ihm Beichte und Examen (beide mussen jeder Trauung vorangehen) vom Pfarrer der Apostelkirche, der die Cession gegeben, abgenommen wurde ...

Wie traten ihm die Stimmungen jener Tage aus dem Briefe wieder entgegen, mit dem Lucinde ihr heutiges Geschenk begleitet hatte! ... Grade heute hatte sie ihm geschrieben: "Dieser Sarzana! So hat er denn die Glorie seines Lebens gefunden, der tuckische Schurke, den sie in die Grube geworfen haben ordentlich mit Ehren! An den Galgen gehorte er von Rechts wegen wenn ich auch die Posse mitmachen und ihm durch eine Beisetzung eine anstandige Entsuhnung geben will ... Ich beschwore Sie, mein hochverehrter Freund! Lassen Sie doch von nun an Ihre kleinen Fehden gegen den Geist der Zeit! Mit unversohnlicher Macht ergreift Rom jetzt die Zugel und ich weiss, es wird niemand mehr geschont werden! Der Schrecken wird die Welt regieren und es ist gut so, denn die Tyrannen hab' ich immer menschlicher gefunden, als die Philosophen, die Humanitatsschwarmer, die Tugendhelden, die Volksfreunde, die Aufklarer, die Pietisten, die Gensdarmen, die Vertreter der unendlich suffisanten Ordnung und Richtigkeit des Lebens die fand ich immer grausam, herzlos und da, wo sie recht tuchtig Widerstand finden, recht feige und erzdumm ... Denken Sie nur allein an die Intrigue, die mich damals zur Grafin Sarzana machte muss man nicht das italienische Volk gehen lassen, wie es ist? Eine Bestie ist's und zum Gehorchen bestimmt ... Und, mein Freund die Kirche! Ich begreife in der That Ihr Reformen nicht! ... Die katholische Kirche ist gerade darum so schon und ruhrend, weil sie ganz und gar eine Antiquitat ist. Mir ist sie nun auf die Art geradezu eine wurmstichige alte Kommode geworden, in der ich meine liebsten Siebensachen, meine alten verblassten Bander, meine alten zerknitterten Ballblumen liegen habe ... Aus meinem im Herzen noch manchmal wiederkehrenden Fruhling leg' ich dann und wann eine Rose in die alten Schubladen hinein und deren Duft durchzieht dann die alte beweinenswerthe Herrlichkeit ... Ein bischen moderig bleibt's immer, nun ja! aber der Duft der Rose dringt doch auch in das alte, wurmstichige Holz mit den messingenen Ringen und schnorkligen Schildern dran ein ach! auch schon manche Thrane ist mir in den alten Rumpelkasten gefallen ... Lassen Sie doch Ihre Principien, hochverehrter Freund! Der alte Gott sorgt ja schon selbst fur seine Anerkennung! ... Der Vernunftigste, den ich seit lange beobachtet habe, war Ihr Vetter Benno, von dem ich gar nicht einen solchen Casar Montalto erwartet hatte den dummen Ruckfall ausgenommen, der ihn nach Rom unter die Narren von 47 trieb! ... Glauben Sie mir, er hat in Paris und London gluckliche Stunden verlebt; er nahm, was sich ihm bot, und reflectirte nicht ... Kommen Sie nun auch endlich einmal ordentlich nach Rom? Sie mussen Cardinal werden, und mehr! Nur beschwor' ich Sie, machen Sie es einst, wenn Sie die dreifache Krone tragen, wie es alle machten, nicht etwa wie unser jetziger Phantast, der sich auf den Vatican, die Hochwarte des wenigstens mir sicher bekannten Universums, wie ein Kind hinstellen und aus einem thonernen Pfeifenstummel Seifenblasen puhsten konnte! ... Wie leben Sie denn, mein hochverehrter Freund? ... Ist die alte Grafin auf Castellungo entschlafen in jenem 'HErrn', bei dem nur sie allein courfahig war? ... O, des Hochmuths dieser Frommen! ... Finden Sie nicht, mein hochverehrter Freund, dass Jesus in den Evangelien eigentlich nur recht bei denjenigen steht, die sich gegen Gesetz und Regel auflehnen, tief in der Irre gehen und mit den respectabeln andern Leuten auf gespanntem Fusse leben? ... Rauft einer am Sonntag Aehren aus, gleich entschuldigt er ihn; wascht ihm eine Frau die Fusse mit kostbaren Salben, gleich sagt er: Lasst doch die gute Narrin! Alles, was Jesus that, war, wie's die andern Leute nicht thun ... Und das ware denn der Herr fur diese wohlanstandigen, vornehmen Seelen, deren Sunden hochstens Neid und Hochmuth sind? Nimmermehr! ... Auch das hat mich katholisch gemacht, dass mein allersussester Jesus Mein ganz aparter Freund ist ... Im Dunkel einer kleinen Kapelle, da ein Gekennzeichneter, ein polizeilich Verfolgter, vom vornehmen Pharisaervolk Gesteinigter wie ich, gehort er ausschliesslich Mir an ... Vor dem dunkelsten Altar, da, wo von einem Crucifix, von einem schlechten Tuncher geklext, die Tropfen Blutes am Haupt und in der Seite, zum Greifen dick, herunterfliessen, da hab' ich den Liebling meiner Seele und hor' es, als sagte er: Lucinde Alte, wie geht es dir? Bist du immer noch in der Irre, immer noch unverstanden und ohne Herzen, die dich lieben? ... Das ist wahr, vor der allerseligsten Jungfrau, zu der Sie mir vor langen Jahren riethen, mich besonders vertrauensvoll zu beugen, vor Maria entzundet sich noch immer nicht ganz mein Herz, wie ich mochte ... Ach, die Konigin des Himmels hat einen Sohn verloren, hat den gelastert gesehen das sind gewiss, gewiss grosse Leiden aber sie selbst litt nicht viel unter Lasterungen ... Maria ist noch immer meine Feindin, wie alle Frauen ... Grussen Sie Paula, die ich mehr liebe, als sie glaubt ... Hindern Sie den Grafen nicht, katholisch zu werden ... Es wird sich dann alles zwischen Ihnen leichter machen ... Die katholische Religion ist die der menschlichen Schwache und eben in seiner Schwache liegt die Grosse des Menschengeschlechts ..."

Jahr ein, Jahr aus kamen diese Ausbruche einer erbitterten Welt- und Lebensanschauung ... Naherer personlicher, so innigst von ihr gesuchter Umgang war ihm mit Lucinden vor einigen Jahren in Coni unmoglich gewesen eben durch die Art, wie sich ihre Denkund Gefuhlsweise mit einer scheinbar tiefuberzeugten Art, allen, selbst den bigottesten Vorschriften der Kirche nachzukommen, vertrug und wie sie ihm dadurch den katholischen Glauben, dem er immer noch sein Tieferes und Besseres abzuringen suchte, ganz verhasst machen konnte ...

Unrichtig getauft zu sein hatte Bonaventura nur damals schrecken konnen, als er es zuerst erfuhr und das Bekenntniss eines verbitterten Hypochonders in den Handen einer rachsuchtigen Feindin wusste ... Diese Feindschaft hatte sich durch Paula's Heirath, durch Lucindens nothwendig gewordene Beichte zu MariaSchnee in Wien gemildert, ja sie hatte wieder der alten Hoffnung und dem alten Werben um Bonaventura's Liebe das Feld geraumt ... In Bonaventura's Innern gingen soviel Veranderungen vor, dass ihm an ein Verhaltniss, das er nur zum grossten Triumph derjenigen Richtungen hatte aufklaren konnen, die er bekampfte, die Gewohnung kam ... Einen Augenblick, der in den immer hoher gesteigerten Wirren der Zeit einst ihm noch kommen musse, einen Augenblick grosser Entscheidungen dachte er als ihm ganz gewiss beschieden. Dann wollte er zur Widerlegung des tridentinischen Concils sich erheben und sagen: "Priester oder Gott das ist die Frage! Hat Christus seine Vertretung in der Gemeinde oder nur im geweihten Vorstand derselben? Kann der W i l l e eines schwachen Menschen deshalb, weil er gesalbt wurde, die Menschenseele zu seinem Spielball machen? Seht, ich bin getauft nach allen Regeln der apostolischen Einsetzung der Taufe! Und doch, doch bin ich ein Heide, wenn unsere Seele von Priestern abhangt! Unsere Kirche steht und fallt mit der Entscheidung uber mein Lebensschicksal!" ... Dann sich denkend, dass alle seine Wurden von ihm niedergelegt werden mussten, alle kirchlichen Acte, die er vollzogen, fur ungultig erklart, sich vorstellend, dass er in ein Kloster gehen, sich neu taufen, neu weihen lassen musste, fuhlte er das machtigste Verlangen, bei irgend einer grossen Krisis der Zeit seine Lage selbst zu offenbaren ... Einstweilen hatte er Leo Perl's Beispiel befolgt und eine Urkunde aufgesetzt, die nach seinem Tode erbrochen werden sollte ... In ihr hatte er seinen Fall ausgefuhrt ... Noch wusste er nicht und kampfte mit sich, ob er dies Bekenntniss in die Hande des romischen Stuhls selbst oder nur in die seiner naherverbundenen Freunde legen sollte ... Innerlich war er mit sich im Reinen er verachtete den Spuk des Zufalls ...

Nur der hohnende Schatten desselben konnte ihn zuweilen schrecken Lucinde ... Aber selbst als sie von Castellungo im aussersten Zorn damals geschieden war, selbst da hatte sie zu Bonaventura, der sie, um Abschied von ihr zu nehmen, im Kloster der Herz-Jesu-Damen besuchte, auf ein Kastchen gedeutet und versohnt gesagt: "Dort liegt mein Testament! Sie uberleben mich und ich vermache Ihnen alles, was ich hinterlasse cum beneficio inventarii meinen Schulden! Sie finden Serlo's Denkwurdigkeiten, die, wie ich Ihnen schon vor Jahren sagte, die Schule meiner Kunst wurden, Leiden zu ertragen. Glauben Sie mir, Thomas a Kempis war nichts als der geistliche Serlo und Thomas a Kempis hat ganz die namliche Philosophie, nur dass der Monch seine Verachtung der Welt und Menschen in religiose Vorschriften kleidete ... Wenn Thomas a Kempis anrath, Gott zu lieben, so wollte er nur wie der Schauspieler Serlo sagen: Verachtet die Welt und die Menschen! ... Dann finden Sie noch " setzte sie stockend und leise hinzu: "die Hulfsmittel jener Rache, die ich Ihnen einst in einem kindischen Wahnsinnanfall geschworen hatte " ... Und die Sie noch immer nicht Ceccone oder Fefelotti auslieferten? warf Bonaventura ein ... Lucinde erhob sich, nahm einen Schlussel, der an dem immer auf ihrer Brust blinkenden goldenen Kreuze hing, ging an ihr Kastchen und schloss es auf ... Nehmen Sie, sagte sie und deutete auf ein gelbes, vielfach gebrochenes grosses Schreiben mit zerbrockeltem Siegel ...

Es war ein Moment, an den Bonaventura oft zuruckdenken musste ... Damals drangte sich alles zusammen, was oft so centnerschwer auf seiner Brust lag und nun ein Augenblick der seligsten Erleichterung ! ... Aber wie ein Blitzstrahl fuhr es auch zu gleicher Zeit durch sein Inneres: War und ist dein Leben und Ringen wirklich nicht mehr, als die Furcht vor diesem zufalligen Verhangniss? Bist du nicht Herr deines Willens, Schopfer deiner Freuden und Leiden? Wie kannst du erbangen vor einer Anklage, die du verachtest, weil sie die teuflische Verhohnung der christlichen Idee ist? ... Bonaventura wandte sich und sagte: Behalten Sie! ... Lucinde verstand diese Weigerung im Sinn eines ihr geschenkten Vertrauens und wurde davon so uberwaltigt, dass sie eine Weile hochergluhend und in zitternder Unentschlossenheit stand, dann ihr Knie beugte und sich vor Bonaventura zur Erde niederliess ... Grafin, lassen Sie! bat er erbebend und der alten Scenen gedenkend ... Lucinde neigte den Kopf bis auf seine Fusse ... Ein in der Nahe entstandenes Gerausch musste sie bestimmen, sich zu erheben ... Man horte Schritte ... Noch ehe sie den Schrein geschlossen, den Schlussel wieder zu sich gesteckt hatte, trat die Aebtissin der Herz-Jesu-Damen ein, die nicht verfehlen wollte, dem Erzbischof bei seinem Klosterbesuch die schuldige Ehrfurcht zu bezeugen ...

Einige Zeit nach einem ihm unvergesslichen Seelenblick, den damals Lucinde auf ihn warf, war es Bonaventura, als fand sich in den Drohungen Sturla's, der von Genua kam, ein Anklang an die Urkunde Leo Perl's ... Doch konnte er sich auch irren ... Der kecke Jesuit hielt ihm ein Bild der deutschen Geistlichkeit vor, dessen Zuge auf den fremden Eindringling passen sollten, und unter anderm lief die Bemerkung unter: "Unglaublich, was die Archive Roms von Deutschland mittheilen konnten, hatte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen Aergerniss zu vermeiden!" ...

Wie bitter, und sogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen uber Paula! ... Auch er fuhlte es ja nach, was die lutherischen und abgefallenen Freunde der Familie oft genug unter sich sagten: Solch ein unnaturliches, jede Empfindung verletzendes Verhaltniss ist nur auf katholischem Gebiete moglich! ... An sich, vor den Augen der Welt war jede Rucksicht auf Misdeutung gewahrt Paula war die Nichte des Kronsyndikus, Bonaventura der Sohn des Prasidenten, ihres Vetters die Verwandtschaft war die allernachste des Blutes und Graf Hugo durfte, ohne Anstoss zu erregen, in Coni einen schonen Palast bewohnen, wo im Kreise einer Geselligkeit, die Paula mit Mitteln zu unterhalten wusste, die sich ihr in dem fremden Lande mit sonst nicht gewohnter sicherer Beherrschung zu Gebote stellten, allabendlich der Erzbischof verweilte ... Meist war Musik das Organ der Verschmelzung oft schroffer Gegensatze, ja Paula wurde erfinderisch und ergab sich jenem schonen Triebe, nach- und vorauszudenken allem, was uber rauhe Stunden des Lebens zerstreuend hinweghelfen kann ... Aber ein Vorwurf des Gewissens fehlte nicht bei Alledem es war ein Verhaltniss, an dem, wie sich Bonaventura sagte, "Gott keine Freude haben konnte" ...

Ein zartliches Ueberwallen der Liebe hatte sich in Bonaventura und Paula langst gemildert ... Auf Entsagung blieb ihr Gefuhl ja auch gleich anfangs begrundet ... Und lenkt nicht jede Liebe, selbst die leidenschaftlichste, zuletzt die Flut in ruhiger wallende Stromung? ... Kuss und Umarmung! Was sind sie denn, als ein letztes Ziel, ein Zerreissenwollen jedes Ruckhaltgedankens, der Brucke, die den geliebten Gegenstand noch einmal zur alten personlichen Freiheit zuruckfuhren konnte; Kuss und Umarmung werden begehrt und gewahrt, weil sie den Begehrenden und Gewahrenden als Ich vernichten, kunstlich gleichsam eine gemeinschaftliche Schuld erzeugen, die beide Theile fast zwingt, auf ewig Eins zu sein ... Aber bald tritt die volle Beseligung der Liebe nur im Austausch des seelischen Lebens ein. Ineinander zu leben ist dann nur noch ein Bedurfniss des Herzens. Kommen erweckt ein Jauchzen der Brust und Gehen ist die Hoffnung nur auf den Gruss, auf das Lacheln des Wiedersehens ... Dann zerlegt sich in seine Stunden der Tag, in ihre Minuten die Stunde, jedes Atom der Zeit ist erfullt vom Gluck der Gewohnung an so viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen Das ist das Gluck, das auch in der Ehe, lange schon vorm Ersterben der Leidenschaft, Ausdruck des wahren Besitzes bleibt ...

In diesem letzten Stadium des Verbundenseins der Liebe befand sich der Erzbischof, nachdem er in jedem fruheren langst uberwunden hatte ... Jeden Abend war er auf dem Schloss des Grafen, das mitten in der Stadt lag und einer der vielen weiland grossen Familien des Landes gehort hatte, die im Lauf der Zeiten zu Grunde gingen und nichts behielten, als die glanzende Hulle ihrer Vergangenheit ... An diesen Palast schloss sich ein Garten, altmodischen Geschmacks, wie die Garten auf den Borromaischen Inseln ... Der Graf hatte eine Aufgabe, diesen Garten der freien Natur zuruckzugeben ... Ein geselliger Kreis wurde vor dem Kriege durch nichts gestort ... Spater blieben freilich nur Einige, die sich durch die Empfindungen des Grafen nicht storen liessen ... Gewiss ware der Graf, als die Revolutionen ausbrachen, nach seinem deutschen Vaterland zuruckgekehrt, wenn nicht auch dort die Verwirrung fur seine Denkweise das Mass uberschritten hatte ... Seit lange hatte Oesterreich gesiegt er massigte den Ausdruck seiner Freude und konnte infolge dessen bleiben ... Bonaventura kannte die Sehnsucht nach Thatigkeit, die den Grafen bestimmen musste, entscheidende Entschlusse zu fassen, ja er kannte des Grafen Sehnsucht nach einem Erben ... Noch mehr, Graf Hugo liebte Paula ... Es musste kommen, dass dies zehnjahrige Zusammenleben in Coni aufhorte ... Und doch, doch kannte er den Grafen dafur, dass dieser im Stande war, die Nachricht von seiner Berufung zur Mutter nach Rom mit den Worten aufzunehmen: Die Frau Prasidentin ist krank und Herr von Wittekind in Rom? Das wird Ihre Kraft ubersteigen, mein theurer Freund, wir mussen Sie begleiten; wir gehen mit nach Rom ...

In solchen, sein Inneres zerreissenden Stimmungen, zu denen sich an jedem der ihm besonders wichtigen Gedenktage seines Lebens noch der Hinblick auf den mit jedem Tag sich dem Abscheiden vom Leben nahernden Vater gesellte, verweilte Bonaventura heute unter seinen Buchern ... Hier, wo ihn so oft die nachtliche Stille geheimnissvoll umfing hier, wo sein Gemuth der Muttersprache noch zuweilen ein Opfer brachte, wie in den Versen:

Du wunderbare Stille,

Wer deutete dich schon,

Im Erd- und Himmelschweigen

Den Weltposaunenton!

Die namenlose Sehnsucht

In flucht'ger Welle Gang,

In stiller Brunnen Platschern

Den macht'gen Rededrang!

Wenn Mondenglanz die Rose

Sanft zu entschlummern ruft

Und Nachtviole trinket

Den Thau der Abendluft,

Wenn frei die Sterne treten

Aus ihrem blauen Zelt,

Worin das Licht der Sonne

Sie Tags gefangen halt

Wie predigt da die Rose!

Viole singt im Chor;

Das kleinste Blatt halt Tafeln

Der Offenbarung vor!

Es rauschet und es klinget

Ein jeder todte Stein;

Der Staubchen allgeringstes

Will nur verstanden sein!

Nur in die dunklen Schatten

Hat Gott das Licht gestellt,

Nur in die ode Wuste

Die Herrlichkeit der Welt;

Nur brechend nimmt ein Auge

Den rechten Lebenslauf!

O, schliesset euch, ihr Zauber

Der ew'gen Stille, auf!

Der buntfarbigen Blume sich zu vergleichen, die, hochragend und stolz, doch erst aus welken Blattern emporsteigt so erhebt sich die Lilie uber den am Fuss des Schaftes schon beginnenden Tod dafur besass seine Selbstschau zu viel Demuth und doch nun schon wieder um ihn die "heilige Stille" und ein brechend erst den rechten Lebenslauf nehmendes Auge ! ...

Ein wilder Sturm, wie er in Berggegenden oft ohne die mindeste Vorbereitung entsteht, hatte sich erhoben und storte die Stille der Nacht ... Wahrend die Fensterladen des Palastes geruttelt wurden, der Wind in den rauschenden Wipfeln der Baume des grossen Platzes tobte, konnte kein Schlaf uber Bonaventura's Auge kommen ... Und doch nahm der morgende Tag seine ganze Kraft in Anspruch. Er wusste, dass sich Stadt und Umgegend nicht nehmen liessen, den Namenstag ihres Oberhirten zu feiern ... Schon nach funf Uhr wollte er die Messe lesen ... Nie ergriffen ihn die Anfangsworte der Messe: "Der du meine Jugend erfreust, o Herr!" machtiger, als an diesem Tage der Jugenderinnerung ...

Wo das Gehor einen Dienst der Liebe verrichtet, versagt die Natur den Schlaf ... Bonaventura mochte sich zuletzt auf seinem Lager noch so ermudet strekken, sein Ohr lauschte jeder Bewegung im Nebenzimmer ... Sturm und Regen hatten aufgehort, der Morgen graute schon und noch hatte Bonaventura kein Auge geschlossen ...

Eben mochte sich vielleicht fur einige Minuten die ermudete Wimper gesenkt haben, als sie sich sofort wieder erhob ... Bonaventura hatte das schnelle Auftreten der dienenden Bruder gehort ... Erschreckend uber eine mogliche Verschlimmerung im Befinden des Kranken, sprang er, wie er war, halbangekleidet, vom Lager ...

Als er die Thur geoffnet hatte, fand er, von einem Licht beschienen, den Leidenden aufgerichtet ... Die dienenden Bruder reichten ihm eben von einer Arznei ... Benno lehnte das Glas ab ... Als er Bonaventura erkannte, sagte er, er hatte lange und fest geschlafen ... In der That blickte sein Auge weniger fieberhaft und seine Hand, die er in der Bonaventura's ruhen liess, hatte die feuchte Warme, die fast auf eine Krisis schliessen liess ...

Welche Zeit ist's? fragte er ...

Man sah auf die Uhr und nannte die vierte Stunde ...

So geh zur Ruhe! bedeutete er den Freund ...

Dieser nahm jedoch an seinem Lager Platz und sagte, dass er der Ruhe nicht mehr bedurfe ...

Auf dies beharrlich wiederholte Wort der Liebe wandte der Kranke sein Haupt nach den beiden Monchen und gab seinen Wunsch zu erkennen, mit dem Erzbischof allein zu sein ...

Ein Wink desselben und die Monche traten in ein Nebencabinet, das nach Osten lag ... Beim Oeffnen der Thur sah man den ersten Fruhrothschimmer der aufgehenden Sonne ...

7.

Ehe ich vom Leben scheide begann Benno ...

Mein theurer Freund, unterbrach ihn Bonaventura, du wirst leben! ...

In deinem Gedachtniss im Gedachtniss manches, der auf meine Zukunft Hoffnungen setzte und schwer begreifen wird, warum sie nicht erfullt wurden und warum sie gerade so so endigen mussten ... Meine Minuten sind gezahlt ... Noch deinen Namenstag feir' ich, dann ist das Liebste da, was ich vom Weltgeist begehre ...

Freund! ... unterbrach Bonaventura voll aussersten Schmerzes ... Diese Worte Benno's wurden so zuversichtlich, so fest gesprochen, dass sie keine Widerlegung zuliessen ...

Ich will nicht sterben, sagte Benno, ohne mit den letzten Segnungen unserer Kirche versehen zu sein ... Sorge dafur ... Die Rucksicht deines Hauses erfordert es ... Wer mit den Priestern ein Leben des Kampfes gefuhrt hat, mag sich im Tode ihre Nahe verbitten; ich kampfte nicht mit ihnen meine Gegner sucht' ich mir auf andern Schlachtfeldern auf ... Einem deiner Vicare werd' ich beichten, dass ich nie an Religion betheiligt war ... Sie war mir kein Bedurfniss ...

Bonaventura schwieg ... Er wusste, dass keine Confession so sehr religiosen Indifferentismus bei Gebildeten erzeugt, wie die katholische ...

Einen Kranken erquickt nichts mehr, als von seinen Umgebungen die Anerkennung zu horen, dass er krank ist; einen Sterbenden nichts mehr, als die Anerkennung, dass er stirbt ... So kam es, dass Benno mit jener Kraft der Stimme sprach, die in letzten Augenblicken oft wunderbar wiederkehrt ...

Ich erfulle, sagte er, das Geschick unseres Hauses wie mir einst in Rom der feindliche Damon deines Lebens verheissen hat als Lucinde jene Klagen ausstiess, die ich dir vor Jahren von London berichtete ... Vor fast zehn Jahren! ... Deinen letzten Brief hab' ich in meinem Portefeuille und heute erst beantwort' ich ihn durch mein Testament ... Was konnt' ich dir sagen, nachdem ich mit allem gebrochen, was andere von mir voraussetzten? ... Skeptiker, Indifferentist das gibt eine imposante Lebensstellung, wenn man in die Lage kommt, nur reflectiren zu brauchen, sich die Zahne zu stochern, im Salon die Beine ubereinanderzuschlagen ... Stell' einen der Weisen, die im Chor der Tragodie den Heroen so gute Lehren geben, selbst auf die Breter, er macht die Tragodie zur Burleske ...

Benno hielt inne, sammelte neue Kraft und lehnte Bonaventura's Entgegnungen mit einem Zeichen der Hand ab ...

Ich sass auf der Engelsburg, fuhr er fort, mit Raubern, deren Ungeziefer mich die Freiheit ersehnen liess ... An sich ist die Freiheit zu verlieren kein besondres Ungluck ... Ich hatte Steine klopfen konnen, um ungestort uber mich und die Dinge und dann vielleicht endlich Gott nachzudenken ... Nur der Schmuz des Gefangnisses entsetzte mich ...

Wieder hielt der Kranke inne ... Wieder fuhr er, um des Freundes Nachsicht bittend, nach einer Weile fort:

Eines Tags stand die Thur meines Kerkers offen und eine Mutter war es, die ich glucklich machte durch meine Flucht ... Selbst Lucinde nahm es ernst mit meinem Schicksal, war ganz bei der Sache, ohne meiner Verkleidung zu spotten Der arme Bertinazzi erhielt die Galeere auf Lebenszeit ... Als ich die Hinrichtung der Bandiera erfuhr, brach mein Lebensmuth die Mutter konnte mich damals gangeln wie ein Kind ...

Bonaventura folgte aufmerksam allen diesen schmerzlichen Erinnerungen ...

Man soll die Seinen nicht analysiren ... fuhr Benno fort in offenbarer Wallung gegen seine Mutter ... Wo Uebermass im Verkehr der Herzen waltet da welkt nur zu bald die Blute ...

Bonaventura wusste, dass Benno von London im tiefsten Bruch von seiner Mutter und von Olympien sich losgerissen und gleichsam nach Rom nur entflohen war ... Er horte nun alles das, neigte sein Ohr dicht an den Mund des Freundes und bat ihn nur, sich zu schonen ...

Meine Retterin, fuhr Benno in Erregung fort, war die Furstin Olympia Rucca ... Es hat schon oft Seelen gegeben, die plotzlich den Teufel in seiner Rechnung betrogen Die Heiligengeschichte erzahlt von ihnen ... Eine Heilige ist Olympia nun nicht geworden ... Aber aus einer Tyrannin wurde sie eine Sklavin ... Ich habe nie so dienen sehen, wie Olympia ein Jahr lang dienen konnte ... An einem Tigerkafig hab' ich sie kennen gelernt; sie war nun selbst gezahmt zu einem der jungen Lammer, die sie als Kind erwurgt haben soll aus Zartlichkeit ... Solche Frauen gibt es nicht in deiner germanischen Welt! ...

In meiner? ... fragte Bonaventura mit leisem Vorwurf ...

Benno schwieg eine Weile ... Dann sprach er einen Vers des Bonaventura'schen Gedichtes:

"Einmal, eh' sie scheiden,

Farben sich die Blatter roth "

Er legte in den Ton der Recitation die Anerkennung deutschen Wesens im Denken und Empfinden, fugte aber, hinzu: Als ich mein Lebensrathsel erfuhr, als ich meine nen lernte, ergriff mich Hass gegen alles, wofur ich bisher und worin ich gelebt hatte ... Ich brach mit einem Vater, der lugen und morden konnte; ich brach mit einem Staat, der damals keine freien Burger duldete; ich brach mit einem Volke, das der Tyrann andrer Volker sein konnte; ich folgte in allem meiner Mutter, deren Namen ich annahm ...

Bonaventura kannte diese Umwandlung, die nicht der seinigen glich ...

Nicht lange war ich in Paris, fuhr Benno fort, so erschien Olympia, ausgesohnt, engverbunden mit meiner Mutter, die mich anbetete ... Du musst wissen als ich Olympien zum letzten mal gesehen hatte, war mir in der Villa Hadrians durch eine seltsame Scene durch die Umgebungen durch die Umstande, die meine Sorge um das Schicksal der Bandiera heraufbeschworen, ein Stelldichein von ihr aufgedrungen worden ... Es war ein Zwang, der sich nicht ablehnen liess ... Was dem Mann Bettelpfennig, wird dem Weibe Krosusschatz kann ein Mann mit Bettelpfennigen geizen! ... Tugend ?! Ich fuhlte eine machtige Hand, die mich zuruckhielt ich suchte fast den Tod, um dem Wiedersehn auf Villa Rucca zu entfliehen ... Olympia und das Schicksal hielten sich an mein erzwungenes Ja! ... Nicht Nacht war es, als ich sie wiedersah in einem eleganten Salon in der Rue Rivoli zu Paris sie hatte mich befreit ich hiess Casar Montalto, hasste die Tyrannen, liebte meine Mutter, Italien dennoch wehte Afrika's Wind vom Meer heruber, Millionen Bluten hauchten ihren Duft in linde Abendstille ... Die Furstin nahm sich den Dank, wie sie ihn begehrte ...

Wieder trat eine Pause ein ... In Bonaventura's Blick lag die Anerkennung alles dessen, was hier moglich gewesen ... Sass er nicht an einem Leichenstein, der versohnt ? ...

Frankreich, England, das Land der schonsten Frauen konnte an sich kein Schauplatz fur die an Triumphe des personlichen Erscheinens gewohnte Nichte Ceccone's sein ... Der Cardinal wurde ein Opfer der dir bekannten Italienerrache ... Olympia gerieth in Bedrangnisse und die Reihe, ihr zu helfen, kam nun an mich ... Einander nutzlich sein veredelt bindet fesselte hier aufs neue ... In Olympia kehrten Regungen des Gefuhls, die sie schon dem Monch Vincente Ambrosi einst bewiesen hatte, zuruck ... Sie ertrug den Verlust ihrer glanzenden Lebensstellung, ertrug die ihr folgende Verringerung ihrer Hulfsmittel ... Einige Jahre fand sie in der That in mir die Fulle ihres Glucks wie ein Kind ... Diese abzuwehren war unmoglich ... Wie die Schlange ihr Opfer nicht lasst, fand ich bei jeder Pforte, durch die ich hatte entfliehen wollen, meine Bestimmung ... Diese war verloren an zwei Frauen ...

So dachte auch die Welt und entschuldigte dich ... warf Bonaventura mit mildem Tone ein ...

Ein Zustand des Elends blieb es ... fuhr Benno fort, wahrend seine Zuge einen Ausdruck des hochsten Schmerzes annahmen ... Jedes einzelne Leid fuhlte ich wie das naturliche Kettenglied der Folgen, die ich uber mein Leben heraufbeschworen hatte, als ich dem sudlichen Blut in meinen Adern folgen wollte ... Ich wollte Partei nehmen fur die betrogene Halfte meines Erdenlebens und von Wahn zu Wahn, von Traumbild zu Traumbild lockte mich die mutterliche Welt, die mir zuletzt ein Gift wurde, das mich langsam todtete ...

O mein Freund! war alles, was Bonaventura aus der Tiefe seines Herzens entgegnen konnte ...

Beklage mich nicht! sprach Benno ... Ich hatte zahllose, fluchtige Stunden des Glucks; ich trotzte der Sehnsucht meines Gemuths ... Reich ist der menschliche Geist an Gedanken, die einen Kampf gegen die innern Vorwurfe des Gewissens unterstutzen, ja auf Augenblicke ihn siegen und triumphiren lassen ... Ich durfte mir ein kunstliches Pflichtenleben schauen die bruderliche Freigebigkeit des Prasidenten entzog mich den Sorgen fur meine Erhaltung ... Ich las, studirte, schrieb ... Da ich fur einen Italiener gelten wollte, hatte ich Muhe und Verdruss genug durch die Vorbereitung zu dem, was nun gescheitert ist ... Welche Menschen! Verunreinigend durch ihre Schwachen und Laster die heiligen Dinge, die sie im Munde fuhren ... Freilich die Gegner ! Sind sie nicht ebenso verachtlich? ... Ich kannte sie ja alle, die Diplomaten von Paris und London ... Nur in den Formen liegt der Unterschied ... Oft gab es Sturme im Glase Wasser elende Streitigkeiten; doch konnten sie mit dem Schiffbruch der Betheiligten enden ... Terschka wo wol mag der Schurke hingerathen sein ! ...

Bonaventura liess dem Freund den Glauben an eine hienieden schon waltende Nemesis ... Drangte es ihn auch, von Terschka's Beziehung zum Verrath der Bandiera zu erfahren, so gab er es doch auf denn die Kraft des Freundes drohte zu versiegen ...

Benno schloss eine Weile die Augen; dann erhob er sie wieder und liess die irrenden Sterne derselben wie ausruhen an der Decke des immer mehr sich erhellenden Zimmers; unbeweglich starrten sie wie in eine unergrundliche Tiefe ...

Es gab auch Edle unter diesen Kampfgenossen! begann er aufs neue wie mit feierlicher Andacht ... Euch hab' ich folgen wollen, ihr Bruder, die ihr den grausamsten Tod erlittet! Ihr leuchtetet mir voran, Dioskuren am Himmelszelt auf weissen Rossen! ... Die Welt sich zu erschaffen aus freiem Willen ist edler Mannestrotz! ... Lernt' es auch, als ich, ein Katholik, dem heimatlichen Staate trotzte ... Haben mir's spater bitter heimgezahlt, als dem Prasidenten auf seine Verwendung die Antwort wurde: Ist ja osterreichischer Cabinetscourier ! ... Warum wurde Germanien nur so russisch ... Lebt denn noch Nuck? ... Und schreibe sogleich wenn ich ... an Thiebold ...

Weiter reichte nicht mehr die erschopfte Kraft, die sich ubernommen hatte ...

Die Aerzte kamen ... Schon lautete draussen von allen Thurmen das Angelus ... Es war funf Uhr ... Der helle Tag lag hinter den Vorhangen der Fenster ... Benno hatte sich eine zu grosse Anstrengung zugemuthet und war erschopft in die Kissen gesunken ... Fast schien seine Zunge gelahmt ... Die Aerzte sagten, die letzte Stunde liesse sich nicht vorausbestimmen ... Sie baten den Erzbischof, sich zu schonen ...

Bonaventura rief die Monche und uberliess ihnen und den Aerzten die Sorge fur den Geliebten, fur den von heissen Qualen der Seele Zerrissenen ... Zur Fruhmette wollt' er nun in den Dom, wo an diesem Tage seit Jahren die Stadt gewohnt war, ihn erwarten zu durfen ...

Bonaventura's Aufmerksamkeit, in die Mittheilungen Benno's verloren, hatte nichts vernommen von den Zurustungen der Ueberraschungen, welche ihm Verehrung und Liebe bereiteten ... In sein Wohnzimmer getreten, fand er die Wande mit Blumen geschmuckt ... Kostbare neue Teppiche lagen uber die Stuhle gebreitet ... Geschenke von Gold und Silber standen auf den Tischen ... Alte Werke, seltene Drukke und Holzschnitte hatte ihm Graf Hugo hinlegen lassen ... Der Haushofmeister, die Caudatarien, ihre Gluckwunsche ertheilend, nannten die Namen der Geber, unter denen Paula's Name obenan glanzte ...

Es lag in seinem Berufe, dass sich Bonaventura in seine goldstarrenden Gewander werfen musste ... Die Bischofskrone prangte auf seinem Haupte ... Schon spiegelte sich die nach der allmahlich wieder ruhiger gewordenen Nacht goldig aufgegangene Sonne in den kostbaren Edelsteinen ihrer Verzierung ... Unter einem von sechs Knaben getragenen Baldachin, begleitet von allen im Treppenhause versammelten Abgeordneten der Kirchen und Kloster der Stadt, den Civilbehorden, den Oberoffizieren des Militars, trat der Erzbischof, gebeugt und trauernd, aus dem Eingang des Portals, das mit Guirlanden geschmuckt war ... Der Vorhof innerhalb des Gitters war leer, draussen wogte die Menschenmenge ... Die halbe Stadt war in Bewegung ... Selbst einer vom Erzbischof sonst verfolgten Unsitte, der rauschenden den Musik des Militars bei Kirchenfesten, konnte heute, auf Anlass eines solchen Freudentages, nicht gewehrt werden ... Jung und Alt schloss sich der glanzenden Procession an, die in den Dom zog ... Bonaventura hatte sonst diese Ueberraschungen an seinem Namenstag unmoglich machen wollen; hatte kurz vorher Reisen angetreten oder war ein andermal in ein Kloster gegangen ... Allmahlich aber hatte er auch hierin der Landessitte nachgegeben und dem Onkel Dechanten beigestimmt, der ihm geschrieben: "Nimm doch Liebe, wo sie geboten wird! Ist die Zeit angethan, sich der Ernte seiner Saaten zu entziehen! ?" ... Angeregt von solchem Zuspruch konnte er wol einmal auch ausrufen und den gewohnten Klageruf seiner Selbstgesprache unterbrechen:

Nimm an der Welt dein ganzes Theil,

Nimm es mit vollen Handen!

Was du verschmahst, wird nicht zum Heil,

Nicht zum Gewinn sich wenden!

Der Bluten nur im Lenz gedenk',

Die rings den Rasen decken,

Vom Apfelbaume ein Geschenk

Den Winden, sie zu necken!

Und doch im Herbst der liebe Baum

Was er an Fruchten spendet!

Erinnern kann er sich noch kaum

Der Bluten, die verschwendet.

Zur Erde blicke nicht hinab,

Wenn Gotter dich umschweben!

Fur jeden ist das kuhle Grab,

Fur jeden erst das Leben?

Fur jeden dreifach ein Genuss

Und Einmal nur Beschwerde!

Es wogt ein sel'ger Ueberfluss

Der Freude durch die Erde!

Heute dagegen trug er im Herzen "Maria's achtes Schwert", wie er jene Leiden nannte, die jedem nur allein verstandliche, nur allein von Gott ihm zu trostende und zu heilende waren ... So schritt er in seinem Trauer-Triumphzug, unter dem Gelaut der Glokken dahin ... Die grosse, mit drei Kuppeln gebaute, dem vorigen Jahrhundert angehorige Kirche war uberfullt ... Seine Ministranten waren heute seine nachsten Wurdentrager ... Den geheimnissvollen Ritus der Messe aus der Kirche zu verbannen wurde sich Bonaventura nicht verstanden haben ... In einem gelegentlichen Streit mit Grafin Erdmuthe hatte er gesagt: "Allerdings, die Messe sollte in der Landessprache gelesen werden! Aber ich gebe auf die s t u m m e n Augenblicke in der Messe mehr, als auf die gesprochenen ... Ein Gottesdienst muss mehr als nur eine Predigt sein ... Unsrer Messe ist lediglich der Schein, dass sie ein unblutiges Opfer ware, sonst nichts von ihren mystischen Vorgangen zu nehmen ... Kirchen, die nur um der Predigt willen da sind, mussen ja mit der Zeit immer wurdige Sprecher, Zungen, die nicht anstossen, Kehlen, die nicht heiser und rauh erklingen? ... Was macht die Gotteshauser der Protestanten so leer? Die alleinige Herrschaft der Kanzel und die Einsamkeit am Altar! ... 'Gott wohne nicht in Hausern, von Menschenhanden gemacht?' Gewiss! Aber der gewolbte Raum der Kirche sagt Ihnen, dass Gott nich Ihr Gott allein ist, nicht der, den Sie in Ihrem 'Kammerlein' sich zurecht gemacht haben, sondern der Gott des Universums! ... Gerade da muss Ihr Eifer, ihn personlich fur sich aus der Masse der um seine Gunst Werbenden herauszugewinnen, um so lebendiger angefacht werden; die Entschliessungen Ihrer Brust konnen erst in der Kirche erkennen, wie schwer es ist, unter so vielen, die seine Liebe zu gewinnen suchen, gleichfalls mit Wurde zu bestehen ... Still dann zu sein in einer Kirche mit tausend andern Stillen das ist, denk' ich, die feierlichste Aufforderung zur Einkehr in sich selbst ... Oder soll die Religion o h n e Formeln sein? Dann ist sie Philosophie ... D a ss die Philosophie eben Wahrheit des Lebens werde, zwingt sie, die Religion bestehen zu lassen ... Der protestantische Gottesdienst sagt nur: Wir sind n i c h t katholisch! Das ist gewiss wahr und war historisch richtig Soll aber diese Zeit des Protestes ewig dauern? Kann ein Gottesdienst der ewigen Negation bei den Protestanten Sinn haben, wenn die katholische Kirche sich lautert? ... Eure Predigt wird sich unsere Messe zu Hulfe rufen mussen, um schon allein die Herrsch- und Streitsucht Eurer Parteien zum Schweigen zu bringen ... Dann werden die Protestanten nicht mehr N i c h t katholiken, die Katholiken nicht mehr N i c h t p rotestanten, sondern beide erst wahre Christen sein " ...

Unter den Anwesenden waren Paula und Armgart zugegen ... Beide eben von Castellungo angekommen beide eben von der schmerzlichen Ueberraschung unterrichtet, die ihrer harrte ... Der Graf hatte ihnen Benno's Anwesenheit und Lebensgefahr erst gemeldet, als sie sich trennten, er, der Protestant, zu Benno's Lager eilte, sie mit dieser Nachricht nun in die Messe schwankten ... Erkundigungen, welche Graf Hugo auf der Herfahrt eingezogen, hatten ihm bestatigt, dass Benno wirklich in Coni war ... Mit diesem Stich im Herzen sank Armgart unter die tausend Beter nieder, die am Fuss des Hochaltars knieten ...

Sollte sie weniger vermogen, als jener Priester dort, den die gleiche Nachricht nicht hinderte, laut seine Psalmen zu singen? ...

Als die Feierlichkeit voruber und Bonaventura auf einem kurzern Wege, unbemerkt und in einfacher Kleidung, in seine Wohnung zuruckgeeilt war, fand er den Grafen schon lange mit Benno beschaftigt ... Die beiden Frauen harrten in einem Gemach, wo des Kirchenfursten Audienzen gegeben wurden, vom Schmerz uberwaltigt und in Thranen gebadet ... Naturlich hatte man bereits die Veranstaltung getroffen, dass der Erzbischof heute nur noch seinen nachsten Freunden gehorte ... Die Gluckwunschenden wussten nun, welches Leid diesem Hause an einem Freudentage beschieden war ...

Graf Hugo hatte dem Sterbenden Armgart's Anwesenheit angezeigt ... Den Frauen hatte er dann nicht verschwiegen, wie diese Nachricht Benno erschutterte ... Bonaventura richtete sein Auge auf Armgart auch er hatte sie seit so vielen Jahren nicht gesehen ... Sie war ihm aber wie gestern erst von ihm geschieden ... Ihr gemeinsames Leid verband sie sofort und sein seelenvoll auf sie gerichteter Blick schien fragen zu wollen: Aermste, wie tragst nun gar erst D u das alles ? ...

Ein Gesang der christlichen Dichtkunst spricht aus, was edle Herzen bei hochstem Leid erfullt ... Das "Stabat mater" in seiner unnachahmlichen Magniloquenz ... Jacopone da Todi war der Dichter dieser Threnodie der verlassenen Liebe, die zuruckgeblieben am letzten Rest ihres Daseins, dem todten Leib des Geopferten, trauert ... Die Erde ist verfinstert; die Menschen, von Furcht und Bangen erfullt, sind geflohen Gott hat seine grosste Offenbarung gegeben und doch leiden und weinen grade diejenigen Menschen, denen seine grosse Wohlthat zuerst zugute kommt ... Wer kennt denn, was uns frommt ! ... Jacopone hatte sein Stabat aus eigenem Schmerz gedichtet ... Zeitgenosse Dante's, beruhmter Rechtsgelehrter, Liebhaber der Weltfreuden, sah er bei einem Fest eines vornehmen Hauses die Decke des Tanzsaals einsturzen, sah die edelsten Frauen todt oder verwundet und sein eigen Weib, eine bluhende Schonheit, hoffnungslos aus den Trummern davongetragen ... Man entkleidete die Sterbende und unter den rauschenden Prachtgewandern trug sie, die eben nach des Gatten Wunsch noch heiter und scheinbar lebensfroh getanzt hatte, ein grobes Bussergewand ... Jacopone, von Beschamung und Schmerz uberwaltigt, verlor den Verstand ... Die Verwirrung seiner Gedanken hellte sich erst allmahlich auf; doch beherrschte ihn ein rathselhafter Zustand, welchen er nicht bewaltigen konnte; er redete in der Irre und wusste es, dass er so redete; er wusste die Weisheit der Welt, aber er vermochte nicht, in ihr sich auszudrucken ... Endlich meldete er sich am Thor eines Klosters, um als Monch aufgenommen zu werden ... Die eben neugegrundete Regel des Franz von Assisi wies ihn ab, wenn er nicht Beweise seines Verstandes gabe ... Da zwang er den sich jagenden, fiebernden Gedanken seiner Seele gewaltsamen Halt auf und dichtete, wie zu gleichem Zweck einst Sophokles den Chor "Im rossprangenden Land", so sein "Stabat mater" ... Nun erhielt er die Aufnahme ... Beweise seines wiedergekehrten Geistes gab er dann ferner genug, gab sie auch im Freimuth seiner Gedichte ... Ueber die Sophisten von Paris schwang er die Geissel seiner Satire ... Dem aus den Felsschluchten der Abruzzen auf den apostolischen Stuhl berufenen Einsiedler Petrus von Morrone, der als Colestin V. dem verwilderten Rom die Zugel halten sollte, sagte er:

"Jetzo kommt an Tageshelle,

Was du sannst in stiller Zelle

Ob du Gold, ob Kupfer, Eisen,

Muss sich jetzt der Welt beweisen!"

Dante ging einst zu einem Turnier und blieb unterwegs im festlichen Gewande an einer Goldschmiedbude stehen, um eine Spange zu kaufen, die noch seinem Kleide fehlte ... Da sah er ein Buch auf der Lade des Goldschmieds liegen und fing, wahrend die Wagen und Reiter an ihm vorubersausten und der Goldschmied die passende Spange suchte, zu lesen an ... Noch kannte er die Gedichte Jacopone's nicht ... Immer mehr vertiefte er sich in die Ergusse einer verwandten Seele, uberhorte die Mahnungen des Goldschmieds, sich zu eilen, und versaumte das Turnier ... Als bereits die Kampen mit zersplitterten Lanzen nach Hause ritten, stand Dante noch immer in die Pergamentblatter verloren, die ihm der Goldschmied nicht verkaufen wollte ... Lucinde, die Dante nicht leiden konnte, sagte bei Erzahlung dieser Geschichte: Da sieht man, wie die Dichter ihre Rivalen lesen! Mit einem Neid, der ihnen Horen und Sehen vergehen lasst! ...

Paula und Armgart wurden an Benno's Lager gerufen ...

Armgart beugte sich uber den todblassen Mann ... Die Thranen, die ihr sonst versagten rannen jetzt in Stromen ... Benno mit seinen grauen Locken lag starr und druckte die Augen zu ... Seine Lippen sogen die Tropfen ein, die uber seine Wange aus Armgart's Augen rieselten ... Dass es Armgart war, die so weinte, wusste er ... Er wusste auch, dass Paula in der Nahe stand ...

Allmahlich trat eine Todtenstille ein ...

Des Sterbenden Stimme erhob sich wieder, aber die Worte, die noch verstanden wurden, gaben den Entfernterstehenden keinen Zusammenhang ...

Nur Armgart, die sich dicht uber ihn beugte, verstand allmahlich:

Armgart nordische kalte Maid! ...

Lebe! Lebe! rief Armgart und kusste die Stirne Benno's, strich die grauen Locken vom perlenden Schweisse zuruck und weinte so heftig, als wollte sie jetzt die Beweise ihrer Herzensglut nachholen ...

Einst warnt' ich dich vor deiner Zukunft, Madchen! ... Ich Thor ! ...

Die Worte, die noch folgten, blieben auch Armgart nicht vernehmlich ...

Der Graf trat naher ... Paula wandte sich erschuttert zum Vorzimmer ...

Indessen war Bonaventura eben eiligst abgerufen worden ...

Auch Armgart wollte sich erheben und zurucktreten ... Der Sterbende liess ihre Hand nicht frei ...

Armgart starrte Alledem mit Blicken, die dem Grafen Sorge um sie selbst einflossen mussten ... In ihrem Antlitz lag eine ihrer ganzen Natur fremde, fast wilde Geberde ...

Unser guter Thiebold! sprach Benno ... Schreib's dem besten Freund der Erde ... Auch Du Mit Bona ! ...

Armgart versprach jeden seiner Auftrage zu erfullen und setzte mit bitterm Lacheln, ja wie mit prophetischem Schwunge hinzu:

Stummes Rathsel der Frauenbrust! ... Starrer Mund, der nicht reden kann, wenn doch ein Madchenherz uberquellen mochte vom Drang nach helfenden Worten! ... Lieber erstirbt das eigene Leben in uns, als dass die Lippe zu brechen ware, die Starrsinn schliesst! ... Ach nur dir, nur dir hab' ich jeden Gedanken meiner Brust geweiht! Nur dir jeden Schlag des Herzens dir hab' ich gesprochen in oden, sternenlosen Nachten ...

Armgart ! hauchte Benno und erhob sich geisterhaft und streckte seinen Arm so aus, dass der Graf, aufs tiefste von diesem freien Bekenntniss der Liebe uberrascht, vom Zuspatkommen eines so heroischen Muthes erschuttert, sich zwischen die Umschlungenen drangen musste ...

Benno sah ihn lange und wildfremd an ...

Freund meiner Schwester Angiolina! sprach er, wie jetzt ihn erst erkennend ... Bezeuge was die Liebe eines Weibes vermag ! ...

Auch in des Grafen Augen traten Thranen ...

Bona! Bona! wandte sich Benno an diesen, der eben zuruckkehrte ... Dann sah er sich fieberhaft um, sah Armgart mit dem zartlichsten Blick der Liebe an und sank in sein Kissen zuruck, die Hand Armgart's krampfhaft festhaltend ...

Bonaventura kam, durch irgend eine neue Veranlassung sichtlich aufgeregt ... Das Gefluster der Aerzte, die im Nebenzimmer sich befanden, mehrte sich ... Auch verbreitete sich Weihrauchduft ... Der Priester, den Benno begehrt hatte, war in der Nahe mit dem Sterbesakrament ...

Aber noch eine andre Ursache schien Anlass der Erregung des Erzbischofs zu sein ... Er nahm den Grafen bei Seite und flusterte ihm, wahrend Benno in ekstatischer Begeisterung: "Einmal eh' sie scheiden", sprechen wollte und auf Armgart als die "letzte Freude" seines Lebens deutete ...

Dieser Taumelkelch des letzten Entzuckens sollte entweder zu hoch aufschwellen oder sich bitter vergallen ... Bonaventura berichtete laut die eben gemeldete Ankunft eines sechsspannigen Reisewagens, der, mit einigen Damen besetzt, sofort am Portal des Hauses angefahren ware ... Die eine der Damen, die altere, ware schon in den Vorzimmern wahrend die andere noch im Wagen verweilte ...

Armgart erhob sich ... Eine Todtenstille trat ein ... Auf Bonaventura's Lippen lag die Erganzung des Berichtes: Die Furstin Olympia und die Herzogin von Amarillas ...

Alle blickten auf Benno, ob er gehort hatte ...

Das Sakrament ... sagte er leise ...

Die Umstehenden, zu denen sich jetzt in hochster Angst auch Paula gesellte, glaubten, dass Benno die Worte des Erzbischofs nicht verstanden hatte ...

Deine Mutter ist da ... Bereite dich, sie zu empfangen ... wiederholte Bonaventura mehrmals und dicht an seinem Ohre ...

Schon vernahm man eine wehklagende Stimme in der Nahe, der sich die Stimmen der Monche gesellten, die nach vorn gegangen waren und die plotzliche Besturmung des Kranken hindern wollten ... Paula und der Oberst gingen schleunigst, um ihre Bitte zu unterstutzen ...

Bonaventura hielt den Freund in seinen Armen, der mit Geberden, die denen eines flehenden, fiebergeangsteten Kindes glichen, ihn ansah und sprach:

Die besten Jahre meines Lebens hab' ich ihnen geschenkt Der Tod sei wenigstens mein und sei euer Lasst mich von ihnen frei ... Fort! Fort! ... Beide! Beide ! ...

Eiligst war der Graf an die Thur, welche in die Bibliothek fuhrte, getreten und hatte diese verriegelt ...

Benno sah diese Handlung, dankte mit zitternd ausgebreiteten Handen, sah flehend in Bonaventura's Augen krampfte sich um seinen Hals wie ein Schutzsuchende, wie ein Verfolgter, und wiederholte sein erschreckendes, wie Gespenster verscheuchendes Fort! Fort! ...

Bonaventura, ohne Fassung, that jetzt nur alles, was Benno's nachsten Wunsch unterstutzen konnte, verriegelte auch noch die zweite Thur, die in jenes Cabinet fuhrte, in welchem die Monche sich aufgehalten hatten und jetzt der Priester mit dem Sakrament harrte ... Im Bibliothekzimmer wurde es still ...

Bonaventura bat wiederholt, die Mutter und die Freundin nicht abzuweisen ...

Rufe den Priester entgegnete Benno Ich kann nicht mehr italienisch sprechen ... Armgart mein Cherub! Helft, helft mir ! ... Fort! ... Und Beide! ...

Du wirst leben, Freund! betheuerte Bonaventura, in der That noch in Hoffnung auf die grosse Kraft, die soviel Erregungen zu ertragen fahig war ... Wie konntest du bei diesem Entschluss verharren? ...

Ich riss mich von meinen Fesseln los und gelobte, sie nie wieder anzulegen! ... Ich sehe dich, Schwester ! ... Mag die Selbstanklagen, die wilden Worte nicht horen ... Friede! Friede! Friede! ... Mein Gefuhl fur diese Mutter war wie der angesammelte Schatz meiner unerwiderten Liebe zu allen Menschen der Erde ... Was hab' ich ihr nicht alles hingegeben ... Als diese heiligen Flammen verloderten, sah ich nur die Asche Berechnung Eigenwille List, Rache, Hass ... Hab's lange ertragen ... Abgerechnet nun mit ihr und ihrem Schatten ... Stille nur Stille um mich her ... Ich ersticke noch vor sudlicher Luft ! ...

Bonaventura und Armgart erbebten ... Sie sahen zehn Jahre eines Lebens voller Qualen, eines Lebens ohne Willen, eines Lebens der Gebundenheit und eine furchtbar ausbrechende Reue ... Wie sollten sie helfen ! ... Eben musste auch die Furstin heraufgekommen sein Wieder wurde es im Bibliothekzimmer unruhig ... Man horte das Schluchzen und laute Reden italienischer Frauenstimmen ...

Benno bat mit stummem Blick, die Thur nicht zu offnen ... Die Kraft seines Blicks stand in wunderbarem Contrast mit dem ersichtlichen Zunehmen seiner Schwache ...

Ich will gehen, Freund ... sprach Armgart athemlos ... Lass' sie ein, sie, denen du jahrelang ihr Gluck gewesen bist ...

Benno hielt krampfhaft ihre Hand fest und ebenso die des Erzbischofs ... Die Frauenstimmen verhallten wieder und nun sagte Bonaventura, er wolle gehen und sie beruhigen, Benno wurde inzwischen selbst auf einen andern Entschluss kommen ...

Nein ... Nein ! ... sprach dieser und fuhr in kurzen Unterbrechungen fort: Priester! ... Wenn der letzte Wunsch eines Sterbenden dir heilig ist, bewahre mich vor diesen Klagerufen! ... Die Todten horen noch lange horen die Klagen um ihr Abscheiden ... Angiolina, auch du vernahmst den Ruf der Mutter ! ... Abgerechnet Stille Stille wie im Walde die Blatter rauschen an unserm schonen Strom Armgart! Lasst mich ...

Im Hinblick auf Huneneck, Drusenheim und Lindenwerth schien sein Bewusstsein zu erloschen ... Erschopft sank Benno in die Kissen zuruck ...

Bonaventura fragte Armgart, ob sie die Kraft behalten wurde, eine Weile allein beim Freunde auszuharren, bis er den Vicar schicken wurde ...

Armgart verneigte bejahend das Haupt ...

Bonaventura verliess durch die hintere Thur das Zimmer, machte einen Umweg durch mehrere der Gemacher und kam in den Empfangssaal zu den Aerzten und den Brudern, die er glucklicherweise allein fand ... Er bedeutete sie, leise und unbemerkt mit dem Priester und dem Sakrament zum Lager des Kranken zu treten ... Dann ging er ins Nebenzimmer, aus dem die wildesten Weherufe der Frauen erschallten ...

8.

Vier Personen traf Bonaventura, die wol die grossten Gegensatze der Charaktere und der ausseren Erscheinung bildeten ...

Olympia, die jetzt Dreissigjahrige, in Reisekleidern ...

Die Herzogin von Amarillas, eine weisshaarige Matrone redend gegen die verschlossene Thur, ja an ihr mit den Nageln kratzend ...

Graf Hugo, der die Herzogin von Amarillas, nachdem sie ihm als Angiolinens Mutter bekannt war, heute zum ersten male sahe ...

Die reine, nur in der Hoheit ihres Schmerzes strahlende Paula trostspendend und versuchend die Frauen zu beruhigen ...

Olympia ging, wie die Lowin im Kafig, auf und nieder ... Schmerz, Reue, tiefbeleidigter Stolz kampften in ihren Mienen ... Reue denn sie hatte seit einigen Jahren mit Benno in Streit gelebt, hatte ihm, als er ohne sie nach Rom gegangen war, Lebewohl fur immer gesagt ... Die kleine Gestalt war bewegt von Athemzugen, die ihr machtig die Brust hoben ... Ihre seidnen Gewander rauschten ganz schrillenden Tones ...

Die Herzogin, ohnehin von der Reise erschopft, sank zitternd, beengt von den Umgebungen, auf einen Sessel ... Sie blickte auf den Grafen, auf die Thur ... Ihr ganzes Benehmen drohte mit einem Ausbruch von Irrsinn ...

Der Graf musste sich mit Paula beschaftigen, die keine Kraft besass, diesen wilden sudlichen Leidenschaften, denen, wie man deutlich ersah, Benno's Kraft schon in Paris und London hatte erliegen mussen, langer die Spitze zu bieten ...

Noch ahnten die Ankommlinge nicht die Ablehnung Benno's ... Sie jammerten nur um die lange Verzogerung, die Vorbereitung des Todkranken auf ihr Erscheinen ... Sie wussten doch, dass Armgart von Hulleshoven am Krankenlager war ... Olympia kannte diese als Benno's Jugendliebe ... Ihre Mienen glichen dem elektrischen Leuchten eines dunkeln Gewolks, das ein Ungewitter birgt ...

Als die Herzogin und die Furstin Bonaventura eintreten sahen, sturzten sie auf ihn zu, warfen sich ihm an die Brust, umklammerten sogar sein Knie und beschworen ihn, sie wissen zu lassen, wie es ihrem Casare erginge ... Sie wollten den Geliebtesten sehen ...

Graf Hugo und Paula traten in die vorderen Zimmer ... Sie sahen am Benehmen des Erzbischofs eine feierliche Bewegung des Ueberlegens, eine ernste Entschlussnahme ... Wohl kannten sie die Strenge, deren sein sonst so mildes Gemuth unter Umstanden fahig war, kannten die ganze Aufrichtigkeit, mit welcher in solchen Lagen selbst der Schein der Grausamkeit von ihm nicht gescheut wurde ...

Meine Damen! begann er in italienischer Sprache ... Welches traurige Wiedersehen! ... Troste Sie wenigstens die Gewissheit, dass mein edler Freund in den Armen von Menschen weilt, die ihn lieben ...

Mehr, mehr, als wir?! Als wir?! Lassen Sie uns zu ihm! riefen beide Frauen zugleich und wie im Ton der wildesten Eifersucht ...

Erfullen Sie mir eine Bitte, sprach Bonaventura ... Die Augenblicke des Geliebten sind gezahlt ...

Er stirbt? ... riefen beide zugleich und die Mutter brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus ...

In wenig Stunden ist seine edle Seele hinuber ... Lassen Sie ihm die Ruhe die jetzt um ihn her waltet ... Eben versieht ihn die Hand des Priesters ...

Ohne mich, ohne sein Weib? fiel die Furstin ein ...

Sie konnte nicht ganz ihre Rede vollenden ... Ein strafender Blick traf sie sowol aus dem Auge des Erzbischofs, wie aus dem des Grafen, der die Thur zuzog ... Dem Grafen war die Wiederbegegnung mit diesen Frauen eine so aufregende, dass Paula jetzt ihn beruhigen musste ... Angiolinens Tod, der Ritt Olympiens durch den Park von Schloss Salem stand vor seinen Augen ... Die Herzogin war im Casino damals anfangs seinem Schmerz theilnehmend verbunden gewesen die Zeit, die Ueberlegung, die Beurtheilung des Preisgebenkonnens ihrer Kinder hatte die freundliche Stimmung des Grafen von damals verandert ...

Beruhigen Sie sich beide, sprach der Erzbischof, ich achte die Anspruche, die Sie auf den letzten Handedruck des Freundes haben ...

Meines Sohnes! verbesserte die Herzogin und richtete ihr Auge auf die Thur, die zu den nach Benno's Lager auf andrem Wege fuhrenden Zimmern offen stand und jetzt von Bonaventura geschlossen wurde, indem er sprach:

Nehmen Sie an, Sie hatten fur immer von Ihrem Sohne Abschied genommen ...

Fur immer ? riefen beide Frauen und Olympia fugte mit gellender Betonung hinzu: ...

Er w i l l uns nicht sehen ? ...

Bonaventura schwieg ...

Die Mutter blickte wie geistesabwesend um sich ... Dann schien sie nachzudenken, welche Empfindungen ihren Sohn zu dieser Erklarung hatten bestimmen konnen ... Endlich raffte sie sich mit leidenschaftlichem Entschluss auf und wollte an die Thur des Bibliothekzimmers ...

Der Erzbischof vertrat ihr den Weg und wollte jedes storende Gerausch verhindern ... Herzogin ! ... sprach er fest und bestimmt ...

Dann seine Stimme mildernd und auf die der Herzogin sich anschliessende Olympia blickend, begann er:

Geben Sie diese Beweisfuhrung Ihrer Liebe auf! ... Niemand zweifelt daran! ... Aber der letzte Augenblick eines Sterbenden, sein letzter Wille sei Ihnen heilig ... Vereinigen Sie Ihre Klagen mit den unsrigen, weinen Sie mit uns ! ... An seinem Bett wacht die Liebe seiner Freunde ... Lassen Sie ihm die stille Ruhe des Abschieds vom Leben ... Er entschlaft in Gott ... Er bat nur um Eines um ewige Ruhe ...

Welche Liebe? wandte sich jetzt Olympia mit einer Miene, als hatte sie des Erzbischofs Worte nicht verstanden ... Meinen Gatten will ich sehen denn das ist er ! ...

Sie rasselte an der Thur, bis Graf Hugo eintrat und ihr nicht endendes Mia anima! Mio cuore! zu beschwichtigen suchte ...

Wie aus einer fremden Welt verhallten diese Klagelaute ohne Echo, ohne ein Zeichen, dass sie druben vernommen und erhort wurden ...

Graf Hugo schloss noch die von innen verriegelte Bibliothekthur ab, steckte den Schlussel zu sich, ging zu Paula zuruck und blickte nur im Vorubergehen auf den Erzbischof, andeutend, ob er nicht besser thate, zu Benno zuruckzukehren und zu versuchen, ihn umzustimmen ...

Aber Bonaventura stand regungslos ...

Wir storen die heilige Handlung des Abbate Orsini, sagte er ... Beten konnen wir auch hier ...

Olympiens Augen wurden weiss vor Zorn ... Ihre Gestalt schien wie von Luft ... Sie schwebte hin und her und murmelte eine Reihe zusammenhangloser Worte, die dem Erzbischof sehr wohl als Erinnerung an sein Emporkommen und Verurtheilung seiner Undankbarkeit verstandlich waren ...

Nichtsdestoweniger wiederholte er: Beten wir! ...

Druben horte man die Klingel des Ministranten ... Weihrauchduft durchzog die Zimmer ...

Die Herzogin weinte nur noch ...

Bonaventura sprach ihr mit weicher Stimme:

Die Seele unseres Freundes ist ebenso krank, wie sein Korper ... Lassen Sie ihm den letzten Frieden, um den er gebeten ... Mich, einen Priester, bat er, die Mutter und die ehemalige Freundin selbst dann noch fernzuhalten, wenn sein Auge gebrochen ist ... Es muss ihm ein heiliger Ernst mit diesen Wunschen sein ... Kann ich etwas dagegen thun? ... In jener Zeit, wo der Freund nur noch Ihnen und Italien angehorte, muss er schwer gelitten haben ...

Wahnsinn! ... Wahnsinn! ... rief Olympia ...

Sagen Sie: Verklarung und Erhebung vom Irdischen! entgegnete Bonaventura ... Ein Gericht hat er nicht uber Sie halten wollen, sondern uber sich ... Sie konnen nicht begreifen, wie sein Leben von Deutschlands heiligen Eichen ausging, wie die Wipfel der Tannen, unter denen Sie einst betrogen wurden, Herzogin wir alle wissen es mit Beschamung doch ihm die sussesten Marchentraume sangen ... Anfangs wand er sich kunstlich vom Zauber seiner Heimat, seines deutschen Vaterlandes los und verbitterte kunstlich sein Gemuth gegen die Welt, in der er lebte ... Da fand er dann Sie und der kunstliche Hass wurde ein scheinbar naturlicher ... Ihnen, dem Lande seiner Mutter, Ihren Interessen, Ihren Hoffnungen widmete er sich ganz ... Das wurde zum Fieberbrand, der ihn zuletzt verzehrte ... Der nordischen Sehnsucht zum Suden ging es immer so ... Nun aber, nun weht ihn noch einmal die Kuhle aus den deutschen Eichen an umgaukeln ihn die Bilder aus den grunen Tannenwaldern der Heimat des Mannes, der ihn erzog, seines wahren Vaters, des Dechanten lassen Sie ihm diese letzte Erquickung des Verlorenseins in seiner deutschen Jugend nach dem heissen Sonnenbrand, wahrend Sie drei ja einst genug zusammen glucklich waren ...

Die Zauberei eines Madchens seh' ich, das ihn in seinen letzten Augenblicken bestrickt! unterbrach Olympia und ihre Zahne glanzten, wie sie der Wolf im Anblick seiner Beute wetzt ...

Lastern Sie nicht, Furstin! sprach Bonaventura voll Unwillen, doch kehrte er zur Milde zuruck und sagte zur Mutter: Reisen Sie mit Gott, Herzogin! ... Sie haben lange ein Herz besessen, das sich Ihnen opferte ... Wenn dies Herz im letzten Augenblick umfangen sein will nur von jener Einsamkeit, die den armen verstossenen Knaben, der sich selbst so oft einen Zigeuner im Leben nannte, umfing, wenn er an die grunen Walder zuruckdenkt, die Sie verfluchten, weil Ihr Ehrgeiz dort betrogen wurde, lassen Sie ihm diese Erinnerungen ... Armgart von Hulleshoven schloss ebenso die Augen seines zweiten Vaters, des Dechanten ... Ich vermochte nichts gegen einen Wunsch des Freundes, der so fest, so unwiderruflich fest ausgesprochen wurde ...

Die Herzogin weinte und schien sich zu ergeben ... Sie erinnerte sich der letzten Jahre in London, die unausgesetzt fur Benno nur Qualen geboten hatten Olympia hatte wieder angefangen, ihre tyrannische Natur, Eifersucht und jede Plage geltend zu machen ... Die Mutter verstand, was Benno gethan, als er floh, und was er eben that sie verstand, warum sein schroff gewordener, verdusterter Sinn so und nicht anders aus dem Leben scheiden wollte ...

Olympia fuhlte die gleiche Berechtigung so harter Strafe, aber sie ergab sich nicht ... Starr blickte sie zur Erde ... Sie hatte sich allmahlich setzen mussen ... Ihre Brust kochte vor Rache und Eifersucht ...

Die Thranen der Herzogin ruhrten den Erzbischof ... Er gedachte der eigenen Mutter, die nun auch vielleicht bald vom Leben schied und im brechenden Auge das Gefuhl einer grossen Schuld zeigen konnte ... Er bemerkte die wiederholt bittenden Blicke des Grafen, der von Olympiens Kalte und ihrem drohenden Schweigen allmahlich das Schlimmste befurchtete ... Schon hatte er gehort, dass sie in Verbindung mit Grafin Sarzana stand ... Jetzt musste er sogar der Terschka'schen Drohungen gedenken ... Bitte! sprach er zum Erzbischof und deutete an, dass man besser thate, den Versuch zu machen, ob sich nicht Benno umstimmen liesse ...

Wollen Sie mir versprechen, sich ruhig zu verhalten? erwiderte Bonaventura ... Ich will noch einmal an Ihres Sohnes Lager treten ...

Die Frauen hoben flehend die Hande, selbst Olympia ...

Da trat Paula, die inzwischen durch die andre Verbindung der Zimmer in der Nahe der Sakramentsertheilung geweilt hatte, ihm entgegen und sank weinend in die einzigen Arme, die sich ihr entgegenstrekken durften die ihres Gatten ... Sie sagte mit erstickter Stimme:

Er ist hinuber ...

Der Ausdruck des Schmerzes bei den beiden Italienerinnen war unverstellt ... Sie schwiegen eine Weile, wie vom Strahl des Himmels getroffen und in der That wie bestraft fur all' die Qual, welche Frauen, unter dem Vorwande der Liebe, uber die Freiheit des mannlichen Willens und ein nothwendiges Sichbewusstbleiben seiner Kraft verhangen konnen ...

Sie drangten, Benno sehen zu wollen die Mutter wie eine Irrsinnige ...

Bonaventura erinnerte sie, wie oft der Freund von Angiolinens Tod gesprochen, wie oft er behauptet, die Schwester hatte die entsetzliche Scene zwischen ihm und der Mutter noch horen mussen, die Todten verliessen die Erde weit langsamer als wir glaubten ... Und eben noch hatte der Freund in diesem Sinn um die Stille seines Sterbelagers gebeten ... Bonaventura bat die Frauen, zu bleiben ... Selbst Klagen, selbst Thranen nicht in seiner Nahe! ... Er hatte dies dem Freunde geloben mussen ...

Abbate Orsini ging eben mit den Sterbesakramenten an der offengebliebenen Thur voruber ...

Der Anblick der Monstranz gebot den verzweifelnden Frauen Ruhe und Selbstbeherrschung ...

Bonaventura benutzte diesen Moment, um sich zu entfernen ... Graf Hugo begleitete ihn ... Es drangte beide an das Lager des todten Freundes ... Beide durften es Paula uberlassen, mit der ihr eigenen Gute des Tons, mit der ihr im bittersten Leid eigenen Hoheit den zuruckbleibenden Frauen Worte des Trostes zu spenden ...

Die Furstin sah, dass die Herzogin dieser edlen Erscheinung gegenuber schon lange die Fassung verloren hatte, ob sie gleich wusste, dass diese blonde Deutsche die Ursache des Bruchs zwischen dem Grafen und Angiolinen war ... Oft, wenn von ihrem Ritt durch den Park von Schloss Salem als Ursache des Todes Angiolinens gesprochen wurde, hatte Olympia die Schuld auf diese Grafin und ihr Geld geworfen ... Jetzt auch sah Olympia allmahlich schon verachtlich zu ihr empor und sprach zur Herzogin, die auch von den Jahren schon tiefgebeugt schien, ein Andiamo! nach dem andern; ja als diese mit den Nageln in ihrem Antlitz wuhlte, brauchte sie die kalten Worte: Keine Schwache! ... Die Nahe des nun wirklich eingetretenen Todes beangstigte im Grunde niemanden mehr als Olympien ... Sie hatte den ehemals heissgeliebten Freund vielleicht nicht einmal im Tod betrachten konnen ... "Nichts ist schoner, als der Tod!" hatte einst die Mutter Benno's gesagt, als sie zu Angiolinens Leiche trat ... Sie wiederholte dies Wort ... Sie kannte aber Olympiens aberglaubische Furcht, ergab sich und sagte nun schon, dass sie auch ihrerseits furchtete, dem Anblick zu erliegen ... Die aufgeregt hin- und hereilenden Bewohner und Diener des Hauses konnten es zuletzt naturlich finden, dass die greise Dame, die zum allgemeinem Staunen die Mutter des Hingeschiedenen war, langsam die Treppe niederstieg und am Portal in ihren Wagen sank ... Die Furstin ging der Schluchzenden zur Linken ... Paula begleitete sie zur Rechten ...

Auf der Mitte der Stiege waren ihnen noch der Erzbischof und der Graf nachgekommen und begleiteten sie beide bis zum Portal ... Noch einmal bat Bonaventura um Vergebung und lud die Frauen ein, in einigen Stunden wiederzukommen Graf Hugo trafe Anstalten, dem Geschiedenen einen militarischen Katafalk zu errichten mit allen kriegerischen Reliquien, die sich noch in Benno's Gepack vorgefunden hatten ... Ohne Zweifel stromte die ganze Stadt herbei, den romischen Republikaner zu sehen ... Die Herzogin versprach, in einigen Stunden zu kommen ...

Olympia schwieg ... Sie sah sich mit Verachtung und einer vor Zorn bitterlachelnden Miene um ... Ihre Gedanken schienen abwesend ... Fast war es, als wollte sie die Menschen messen, die sie sah, und etwa wahrnehmen, bis wie weit sie an ihnen ihre Rache kuhlen konnte ...

Der Graf bot sofort den beiden Scheidenden eine Wohnung in seinem Palais an, ja er traf in ihrer Gegenwart Anordnungen, sie bis zum Begrabniss und noch auf langere Zeit wurdig bei sich zu beherbergen ...

Die Herzogin sah geruhrt und bittend auf Olympien ... Diese nickte gelassen mit dem Kopf und liess zum Hotel fahren ...

Olympia hatte anders beschlossen ...

Von den flehentlichsten, ja fussfalligen Bitten der Herzogin, dass sie beide wenigstens bis zum Begrabniss blieben, erfuhren nur zufallige Lauscher an den Thuren des Hotels ... Trotz Benno's Beistand, trotz der Mittel, die ihr Benno schon bei seiner Abreise nach Rom lebenslanglich ausgesetzt hatte, war die Herzogin schon wieder nur die Duenna Olympiens ... Sie hatte gegen diesen wilden Charakter keine Kraft des Widerstands ...

Olympia fragte die gebeugte, reuevolle Frau mit durchbohrender Ironie, ob sie Verlangen truge, Armgart von Hulleshoven kennen zu lernen ? ...

Alle Welt erstaunte, als sie dann Postpferde bestellte ... Diese kamen nicht sofort und schon machte sie dem Wirth eine Scene ...

Ihr Reisewagen fuhr an, sie bezahlte den Aufenthalt dieser wenigen Stunden und schritt ruhig die Treppe des Hotels nieder an den geoffneten, rings von Menschen umstandenen Schlag ihres Reisewagens ... Die Herzogin kam nicht ... Olympia liess den Postillon eine Mahnung blasen ... Zehn Minuten und die Herzogin erschien ...

Waren die Frauen noch einen Tag geblieben, so hatte sich ein Zwiespalt, der, wie sammtliche uber diese Abreise erstaunten Freunde furchten mussten, nicht ohne Folgen bleiben konnte, durch eine gluckliche Vermittlung vielleicht gelost ... Thiebold de Jonge traf am Morgen nach dem erschutternden Heimgang Benno's ein und bot eine wahrhafte Erquikkung allen trauererfullten Herzen, die er hier antraf ... Auch der Oberst und Monika waren von Castellungo herubergeeilt, sogar Hedemann, der dem ersten Jugendleben Benno's so nahe gestanden hatte ... Thiebold, der in innigster Verbindung mit Benno geblieben war, hatte kaum von den ersten Opfern der Belagerung Roms an Porta Pancrazio gelesen, als er sich "vom Geschaft" losriss und "bei allem Ungluck den glucklichen Gedanken" hatte, erst uber Coni und Castellungo zu reisen ... Mit dem ganzen Schmerz der hingebendsten, treuesten, bis uber den Tod ausdauernden Freundschaft traf er den Freund schon vom Leben geschieden ... Bebend trat er an den ausgestellten Leichnam, weinte wie ein Kind ordnete aber doch sogleich des Freundes graue Locken mit seiner Linken und druckte mit der Rechten Armgart's Hand, die ihn gewahren liess ... Fand er von allen gebeugten Herzen den Ton der naturlichen Ergebung zuerst wieder und konnte, den theuern, mit seinem Leben so innig verwachsenen Freund betrachtend, mit liebevollster Prosa sagen: "Merkwurdig; eigentlich hat er sich nicht verandert!" so konnte er doch sein "Er hat mich erzogen!" mit einem Schluchzen sprechen, wie eine mit vierzig Jahren "mutterlos dastehende Waise" ... Die Verbindung mit Benno war ungetrubt geblieben; seine von unermudlichem Hin- und Herreisen begleitete Vermittlerschaft hatte in den sturmischen letzten Lebensjahren des Freundes die aussersten Katastrophen zu verhindern gewusst ... Jetzt war alles so gekommen, wie jener Scherz in den zauberischen Tagen auf Villa Torresani bei Rom nicht ahnen liess und wie er doch, nach den Regeln der Nemesis, hatte enden mussen ...

Armgart und Thiebold konnten an Benno's Leiche noch manche Melodie aus alten Zeiten vernehmen ... Diese Melodieen rissen freilich schmerzlich ab "Durch wessen Schuld ?" lag in Thiebold's Blicken, als er die hohe, so seltsam anders, als er erwartet, entwickelte Gestalt Armgart's betrachtete und an den rathselhaften Abschied erinnerte, den sie ihnen beiden einst im Schloss zu Westerhof ihres Gelubde wegen hatte geben konnen ... Jetzt erdruckte ihn fast eine Art "Ehrfurcht" vor Armgart's Geist und gereiftem Urtheil ...

Die Veranderung des tiefbetrubten Lebenskreises wurde die machtigste, als Bonaventura unmittelbar nach Benno's Bestattung zu seiner inzwischen in Rom angekommenen Mutter gerufen wurde und in der That der Graf, trotz aller Gahrungen seines Innern, erklarte, das Bedurfniss zu haben, auch seinerseits den Prasidenten zu begrussen und deshalb mit Paula den Erzbischof zu begleiten ... Monika ergluhte uber diese Ausrede, die einer ganz andern Rucksichtsnahme galt, vor machtigster Regung einer Entrustung, die sie sich nur gerade jetzt in dieser allgemeinen Trauerstimmung auszusprechen scheute ...

Ein Gluck, dass Thiebold's rege Fursorge fur alle und uber alles wachte ... Das Begrabniss des Freundes, die Ausschmuckung des Grabes, das Errichten eines Denksteins, alles das fiel auf seinen Theil und nichts liess er sich von dem, "was sich ja von selbst verstande", nehmen ... Er sagte: "Auf unserm gegenseitigen Contocorrent hat Benno noch so viel Saldi und Uebertrage zu gute, dass ich sie in d i e s e m Leben nimmermehr ausloschen kann!" ...

Armgart, wie die Sonne am herbstlichen Tag, dankte ihm voll wehmuthiger Freude so fur sein Kommen wie fur sein langeres Bleiben ...

9.

Zwischen dem Ionischen und dem Mittelmeer erstreckt sich die eine Hufeisenhalfte des sudlichen Italien und beruhrt in ihrer Spitze beinahe das Haupt der alten Trinacria, Siciliens ...

Die Scheide zwischen beiden Meeren bilden die Auslaufe der Apenninen mit den hohen Bergspitzen des Monte Januario und Monte Calabrese ...

Zwischen beiden erhebt sich eine bewaldete, hier in schroffe Felsklufte zerspaltene, dort in grune, weidenreiche, aber engumschlossene Thaler sich absenkende Gebirgskette, der Silaswald ...

Wer da weiss, dass man auf dem Aetna, wahrend unten die Dattelpalme und Feige grunt, auf der Hohe von Schneesturmen uberfallen werden' kann, begreift, dass zwar auch der benachbarte Silaswald an seinen Fussen und an beiden Meeren hin die ganze Pracht der sudlichen Vegetation entfaltet, auf seinen Hohen aber und in seinen Schluchten den Alpencharakter der Schweiz tragen muss schmale, an reissenden Berggewassern hingehende Wege, Thaler, die von hohen Felsen umgeben sind, auf denen Adler horsten, Walder, an die sich seit Jahrhunderten die Axt nicht legte, weil die Mittel und die Krafte fehlen, die Stamme in die Ebene zu fuhren ... Oft wirft die Sonne ihre sudlichen Strahlen senkrecht in die feuchten Felsritzen und lasst in ihnen eine tropische Luft entstehen, wie in einem Treibhause; aber an anderen Stellen pfeift dann wieder durch die offenen Lucken zwischen den von Zwergeichen umkranzten Spitzen des Hochgebirgs die Bora so eisig, dass die Hirten ihre ungegerbten Schaffelle, mit denen sie den nackten Korper bekleiden, uber und uber zusammenbinden mussen wie die Gronlander ... Weisse spitze Hute decken die schwarzbraunen, scharfgeschnittenen Kopfe mit ihren dunkelbraunen Augen, deren lange schwarze Wimpern manchen Physiognomieen einen sanften, gutmuthigen Ausdruck geben ... Andere blicken dafur wieder desto wilder ... Die Schaffelle sind am Leib nach innen, an den Fussen nach aussen gekehrt und bis zum groben Holzschuh hinunter durch Schnure befestigt ... Ein braunrother Mantel dient als Decke fur die Nacht oder gegen die zuweilen urschnell ausbrechenden Gewitter ... Die Thatigkeit der Silaswaldbewohner ist grosstentheils Viehzucht ... Die Ziegen Calabriens, die zu Tausenden an den schroffen Felsabhangen ihre Nahrung suchen, wahrend die Hirten den Dudelsack blasen oder auf der alten Pansflote vielstimmiges Echo wecken, liefern jene elegantesten Handschuhe von Paris und Mailand ...

Wer im Silaswald nicht Ziegen treibt oder fur Schafe und Rinder die fetteren Weideplatze sucht oder Kohlen brennt, verlegt sich auf das eintragliche Gewerbe des Schmuggels, seit uralten Tagen fur dies buchtenreiche Land ein ebenso uberliefertes wie der Raub ... Hier weht die classische Luft, die uns umfangt, wenn wir von den Thaten des Hercules, der die Landstrassen sauberte, von Theseus, von den strengen Gesetzen der Republiken des alten Griechenland lesen ... Von Osten her weht hellenische Luft, vom Suden sarazenische ... Flibustierthum ist die eigentliche Lebensbewahrung aller dieser am Meer wohnenden Volker, die auch schon deshalb das Leben nicht so ruhig, wie andere, nehmen konnen, weil unter ihnen der Boden vulkanisch wankt und zu sagen scheint: Was du dir nicht heute genommen vom Ueberfluss der Erde, das verschlingt vielleicht schon morgen der uralte Neid der Gotter auf unser Menschengluck ...

Wenn sich auf einem zweiradrigen, aber menschenuberfullten, von einem Pferd und einem Maulthier zugleich gezogenen Karren, der in Kalkstaub gehullt die Felsenstrasse von Cosenza sich hinaufwindet, die Furcht ausspricht, dass auf dem Wege bis Spezzano der Abend hereinbrechen wurde und mancher seine kleine Baarschaft an ein mit Flintenlaufen unterstutztes: Gott gruss! hingeben musste, so hatte sie vollkommene Begrundung ... Nur durfen ebenso die acht Personen, die an dem zweiradrigen Karren wie Bienen an einem Baumast hangen, dem Impresario der Gebirgsdiligenca, Meister Scagnarello, Recht geben, der die unausgesetzten, bald liebkosenden, bald drohenden Anstachelungen seiner Thiere mit einem lauten Lachen unterbrach, als ein Handschuhmacher aus Messina in seinem sicilianischen Dialekt noch von dem furchtbaren Rauber Giosafat Talarico zu meckern anfing und vom Scagnarello horen musste:

Das wisst ihr also noch druben nicht, wer euer vornehmer Nachbar geworden ist? ... Auf Lipari, dicht vor eurer Nase, konnt ihr den Vater Giosafat und seine ganze Familie wie einen Pratore leben sehen ... Seine Excellenz der Minister waren selbst von Neapel nach Cosenza gekommen, sprachen ein ernstes Wort mit dem tapfern Mann und fur achtzehn Ducati monatlich vergnugt er sich jetzt auf der Jagd am Strand der See ... Sie klagen in Cosenza, dass seitdem so wenig wilde Ganse mit dem Sudwest zufliegen ...

Die Gesellschaft, die auf dem Karren trotz eines Umfangs desselben von nur acht Fuss Lange und sechs Fuss Breite doch in mehreren Stockwerken sass, ordentlich, dem Preise nach, ein Coupe, ein Interieur und eine Imperiale hatte, ja noch Korbe, Sacke und Felleisen in einer wahren Laokoon-Verschlingung unterzubringen wusste, musste bestatigen, dass Meister Scagnarello vollkommen Recht hatte ... Nachdem die Regierung in Cosenza damals an einem Tage zwanzig Insurgenten, die Bruder Bandiera an der Spitze, hatte erschiessen lassen, musste sie wol des Blutes fur einige Zeit genug haben ... Del Caretto, gewohnlich der "Henker Neapels" genannt, kam nach Cosenza, nahm die Furbitte des Erzbischofs fur die durch einen glucklichen Zufall gefangene Bande des Giosafat Talarico, der an Morden und unzahligen Raubereien mit Pasquale Grizzifalcone in der Mark Ancona wetteifern konnte, in ernste Erwagung und vollzog es wirklich, was der alte Principe Rucca in Rom und der selige Ceccone nur fur eine erwagenswerthe Moglichkeit gehalten hatten ... Lipari erhielt den Giosafat zwar nicht als Burgermeister, wie sich, vor dem Schuss des deutschen Monches Hubertus, Grizzifalcone von Ascoli getraumt hatte, aber er lebte daselbst freier und vergnuglicher, als Napoleon auf Sanct-Helena ... Mit den achtzehn Ducati hatte es seine vollkommene Richtigkeit1...

Darum war es aber im Silaswald noch nicht eben viel geheurer geworden ... In Cosenza sah man ja hinter den Gittern eines Thurms dieser alten Stadt, wo einst am Busento Alarich, der Gothenkonig, sein geheimnissvolles Grab gefunden, genug halbnackte Gefangene um Almosen betteln und, wenn sie keins erhielten, hinterher eine hohnische Frazze schneiden ...

Bis die Diligenca Signors Scagnarello in der Nothwendigkeit war, um der engen Wege willen die Thiere so zu spannen, dass sein Maulthier voran, sein Rosslein hinterher ging, war die Zahl seiner Passagiere bedeutend zusammengeschmolzen ... Der Handschuhmacher traf die Ziegen, die er erhandeln wollte, schon in Pedaco, dann wollte er sich um den unheimlichen Silaswald herum nach Rossano auf die grosse Ledermesse begeben ein Mannlein war's, wie die feinen Leute dort gehen, in dunkelgruner Jacke, kurzen braunen Beinkleidern, braunen Strumpfen und schwarzen Kamaschen, mit einem braunen Mantel und einem weissen Hut, so spitz wie ein Zuckerhut, eine rothe Feder darauf, als gehorte auch er zur Bande des Talarico ... Hinter ihm her wurde vielfach gelacht, auch von zwei Priestern, die hier in vergnuglichster Weise ganz zum Volke gehoren und oft vertrauter mit den Raubern sind, als mit ihren Verfolgern ... Zuletzt blieb dem Scagnarello von Mannern nur noch ein Soldat treu, der den Weg von Cosenza zu Wagen machte, obgleich er zu den berittenen Scharfschutzen gehorte Sein Pferd lag huftenlahm, erzahlte er, in Spezzano, einem Oertchen, das sonst keine Besatzung hatte, heute aber mit Soldaten uberfullt war eine Erscheinung, die die Passagiere nicht zu sehr uberraschte, denn wo waren nicht die Truppen jetzt nothig, um heute eine Verhaftnahme eines noch aus den kaum beschwichtigten Sturmen der letzten Jahre zuruckgebliebenen versteckten Compromittirten vorzunehmen, morgen eine wiederum drohende neue Conspiration zu ersticken Sicilien und Calabrien hatten auch fur ihre politischen Vulkane geheime Zusammenhange genug ...

Ausser dem Soldaten blieb auf dem Karren noch eine Frau mit einem Kinde, die weiter wollte als bis Spezzano und schon seit Cosenza mit Signore Scagnarello in Unterhandlungen stand, was sie wol zahlen wurde, wenn sie die Diligenca noch bis in die letzte fahrbare Gegend des Gebirges benutzte, bis nach San-Giovanni in Fiore hinauf ... Eigentlich wollte sie zum Franciscanerkloster San-Firmiano, wo die hierorts bekannte Welt aufhorte; denn jenseits Firmianos begann die Wildniss, die nur den Raubern, einigen Hirten und den Geistern gehort, sowol den alten dorthin gebannten classischen, als welche im Volksglauben besonders noch Cicero und Virgil spuken, wie den neueren muselmannischen, besonders seerauberischen, vorzugsweise dem beruchtigten Renegaten Ulusch-Ali und ahnlichen Damonen, die schon manchen hier in die Holle abholten ...

Sechs Uhr war es und doch lag das enge Thal, aus dessen Mitte Spezzano auf einem hochgelegenen Felsen hervorragte, schon in einiger Dammerung ... Nur das Stadtchen selbst oben langte noch in den vollen goldenen Sonnenschein ... Der Ort war schwer zu erreichen ... Langsam wand sich der Weg auf und ab, oft tief hinunter uber das bruckenlose wilde Rauschen hier des Crates, dort des Busento, die querdurch vom Waglein mit Sack und Pack passirt werden mussten, bald wieder hinauf in die steilste Hohe, wo es dann einen entzuckenden, die Phantasie dieser Reisenden wenig beschaftigenden Fernblick auf das dunkelblaue Meer bis hinuber zu dem Felseneiland Lipari gab ... In den Schluchten war die Vegetation die uppigste, aber kaum liess sich begreifen, wie sich an den schroffen Abhangen den Kastanienbaumen beikommen liess, um die schweren Lasten, die sie trugen, abzuernten ...

In Spezzano, einem Oertchen von einigen hundert Seelen, einem Durcheinander von Lumpen, Schmutz, von wie Wasche aufgehangten frischgewalzten Nudeln, von wildwuchernden riesigen Feigenbaumen an Schutthaufen alter Castellmauern, fanden die beiden letzten Passagiere die grosste Aufregung durch die Soldaten, die schon einen Tag hier campirten ... Das rasselte mit langen Sabeln uber die hockerigen Strassen, die fast erklettert werden mussten. Die Pferde konnten nur am Zugel gefuhrt werden ... Ausser den Reitern gab es ein Detachement Fussschutzen, die zur Schweizerarmee gehorten Leute, die nicht eben heiter blickten, da die militarische Zucht in den Schweizerregimentern von furchtbarer Strenge ist und die Offiziere gegen die Gemeinen mit einer das deutsche Gemuth wahrhaft verletzenden Unfreundlichkeit verfahren ... Fast scheint es, als hatten die in der Schweiz so wenig bedeutenden hohern Anspruche einiger alten Adelsgeschlechter, besonders in den Urcantonen, durch die militarische Organisation der Fremdenregimenter sich in Rom und Neapel eine Satisfaction fur die heimatliche Abschaffung des Mittelalters holen wollen ...

Was aber mag denn nur vorgehen? fragte jetzt doch Signor Scagnarello, als er seinen Pepe, das Maulthier, und seine Gallina, das Rosslein, ausspannte und ganz Spezzano zusammenlief, um die wichtigen Begebenheiten des Trankens, Futterns, Verwunschens der Wege, Verwunschens der Fliegen, des Ausscheltens des noch trinkscheuen "Pepe", Schmeichelns der alten geduldigen "Gallina" lachend und spottend mit durchzumachen (in Italien geht das nicht anders und Neapel scheint vollends die Stammschule aller Possenreisser zu sein und trotz der schonen, edlen, malerischen Gestalten, die uberall sich lehnten und kauerten, den Uebergang vom Affen- zum Menschenthum zu vertreten) ... Was mag nur vorgehen? rief Scagnarello im Stall ... Die Kopfsteuer haben wir doch schon am Ersten bezahlt und die Vettern des Talarico die hoffen ja auch auf ihre Anstellung beim Zollfach und halten sich ... Das Fest der Madonna von Spezzano ist erst ubermorgen und zu unserer Illumination, seh' ich, hilft von den Soldaten Keiner, obgleich die Offiziere beim Pfarrer wohnen ... Die Swizzeri bringen uns nie etwas, sondern holen nur ... Von Spezzano ! ... Unser armes, frommes Spezzano! ... Bauen sie nicht schon wieder der heiligen Mutter Gottes einen Triumphbogen und die Bora hat erst zu Maria Ascensione alle Lampen zerbrochen ! ...

Von den durch die letzten Abstrafungen revolutionarer Regungen grundlich abgeschreckten Bewohnern Spezzanos konnte niemand diese starke Einquartierung begreifen, noch auch von den Soldaten, die ihre eigene Verwendung nicht kannten, daruber eine Aufklarung erhalten ... Ein bunter Kreis bildete sich um das von Scagnarello gehaltene Gasthaus, die "Croce di Malta", wo seine Giacomina die Militarchargen bewirthete und des Hausherrn Einmischung in ihr Departement nicht litt ... Die Offiziere horten dem Handel der von Cosenza mitgekommenen jungen Frau zu, die, ihr Kindlein im Schose, auf einem verwitterten Steinblock sass und ihre Weiterreise nach San-Giovanni in Fiore in die Wildniss hinein und zwar aufs lebhafteste erorterte ... Alles bewunderte den Muth Scagnarello's, der sich bereitwillig fand, nach einer einstundigen Rast seines Pepe, noch bis in die spate Nacht hinaus in die Berge zu fahren. Die alte Gallina besass die Ausdauer nicht, wie der wilde ohrenspitzende Pepe, dem die Freuden im "Torre del Mauro", dem besten und einzigen Wirthshaus von San-Giovanni in Fiore, so lebhaft von seinem Herrn geschildert wurden, als musste die ganze aussergewohnliche Unternehmung, die der Frau baare zwei Ducati (Thaler) kostete, erst von seiner gnadigsten Zustimmung abhangen ...

Die Frau, die sich ihrerseits des freundlichsten Gesprachs der auf guten Erwerb bedachten Giacomina zu erfreuen hatte, kam aus Nocera, das uber Cosenza hinaus dicht am Meere liegt ... Sie hatte ihrem Kinde zufolge noch jung sein mussen; aber sie trug schon, wie hier uberall die Frauen, die Spuren zeitigen Verbluhens ... Sie war die Frau eines Kramers in Nocera und konnte sich etwas zu Gute thun auf die Feinheit ihres Hemdes, das mit schonen Spitzen besetzt theils uber ihr Mieder hinauslugte, theils an den Achseln sichtbar wurde, wo die Aermel ihres braunen Kleides nur durch Schnure am Leibchen befestigt waren ... Auf dem Kopf trug sie ein rothgelbes Tuch, das in Ecken gelegt flach am schwarzen Scheitel auflag und mit seinen Enden, die mit gleichfarbigen Franzen besetzt waren, an sich gar schelmisch in den Nacken fiel ... Die schwarzen Augen der sonst schmachtigen und behenden Frau gingen hin und her, schon vor Aufregung uber die wilde Bewegung in dem sonst so friedfertigen Spezzano ... Ihre kleine Marietta zappelte bald nach den bunten Lampen, die schon an den Gerusten fur das Madonnenfest hingen, bald nach den bunten Uniformen der Soldaten, von denen einige Liebkosungen mit ihr wechselten wie "Bisch guet?" "Willsch Rossli reita?" und ahnliche deutsche Herzenslaute, die auch keineswegs der Mutter in ihrem Sinn verloren gingen; denn auch ohne Worterbuch, und keinesweges nur durch den Austausch von Blikken und Geberden, verstehen sich in guten Dingen alle Nationen nur Hass und Eigennutz hat die Verschiedenheit der Sprachen erfunden ... Durch den dolmetschenden Beistand der Umstehenden kam es heraus, die Frau war an den Gewurzkramer Dionysio Mateucci in Nocera verheirathet, hiess ursprunglich Rosalia Vigo und wollte nach San-Firmiano, wo ihr Bruder im Kloster lebte ...

Auf diese Mittheilung hin belebten sich Scagnarello's Zuge und niemanden mehr, als dem Pepe wurde nun voll Staunen und Verwunderung die ganze Geschichte dieser Frau erzahlt ... Die Rosalia Vigo! Die Schwester des ehemaligen Pfarrers von San-Giovanni in Fiore! ... Das ist nur gut, dass Herr Dom Sebastiano (der Pfarrer von Spezzano) beim Erzbischof in Cosenza ist denn noch in seiner letzten Predigt an Maria Ascensione nannte er ihren Bruder einen Unglucklichen, der im Fegfeuer noch einmal so lange sitzen musse als andere, weil ihm sein geschorenes Haupt mit heiligem Priesterol gesalbt ware und bekanntlich Oel im Feuer nicht eben loscht ... Scagnarello war nunmehr auf die interessantesten Neuigkeiten und noch ein ganz besonders gutes Trinkgeld gefasst ...

Vollends horte er von der Absicht der Schwester des Pfarrers, ihren geliebten Bruder wol gar aus SanFirmiano ganz abzuholen und mitzunehmen ... Der seitwarts schielenden Blicke einiger alten Bettler von Spezzano, des Murmelns einiger Graubarte, der Bekreuzigungen einiger Matronen, die Hexen nicht unahnlich sahen, achtete Scagnarello nicht obgleich er alles zu deuten verstand und vollkommen wusste, wie sehr es eine ganz eigene Bewandtniss hatte mit der Geschichte des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore ... Ach, auch Rosalia Matteucci verstand, warum einige alte Schafer, die in der Nahe standen und den Soldaten gegenuber ihre Flinten, uber ihre Schaffelle hinausragend, mit aller Keckheit trugen sie wollten zur Messe nach Rossano auf ihre grossen Hunde blickten und deren Blasse beruhrten, die der Pfarrer von Spezzano mit Weihwasser besprengt hatte ... Pepe und die Gallina und alle Pferde, Esel und Maulthiere, alle Hunde und Katzen, uberhaupt was nur irgend mit dem Menschen hier in naherem Umgang lebte das wilde Heer des nachsten Umgangs der Flohe u.s.w. ausgenommen hat in Italien durch Priesters Hand die Heiligung empfangen2...

Mit dem allgemeinen, die junge Frau mehr beschamenden, als erhebenden Rufe: Das ist die Rosalia Vigo! Die Schwester des Pfarrers von San-Giovanni in Fiore! fuhr die Schweigsame und nun recht in Gedanken Verlorene endlich nach sieben Uhr aus dem noch hellsonnigen Spezzano in die schon dunkeln Felsenschluchten nieder ... Schauerlich durfte es ihr erklingen, als am Fuss des Felsens, auf dem Spezzano liegt, ein Schweinehirt, der dem auf dem zerbrockelten Gestein des Weges hin- und hergeschleuderten Karren Platz machte, ihr einen Willkommen kommen und Abschied auf einer riesigen Meermuschel blies ...

Scagnarello offenbarte im Fahren dem Hirten, der ihnen folgen konnte sogleich ging es wieder bergauf sein abenteuerliches Unternehmen, noch in die lichte Mondnacht hinaus bis in den Torre del Mauro von San-Giovanni fahren zu wollen ... Ruhmte er sich auch nicht, mitzutheilen, was er damit verdiente, so schilderte er doch die Fahrt als eine, die sich schon allein durch die guten Leute von San-Giovanni belohne ... Im Grunde alles nur, um die vollere Zustimmung des Pepe zu gewinnen, dessen beide Ohren an dem furchtbaren Klange der Muschel einen musikalischen Genuss empfunden haben mussten; Pepe schlich, wie in sehnsuchtsvolle Gedanken verloren ...

Auch Rosalia blieb nachdenklich ... Ohnehin an Unterhaltung durch den Larm der rauschenden Gewasser, die wieder ohne Brucken zu passiren waren, gehindert, begann sie ihre Marietta in Schlummer zu singen ... Sie brachte dies zu Stande nicht etwa durch ein heiteres Wiegenlied, sondern durch einen einzigen, lang gehaltenen Ton in A ... Diesen setzt die italienische Mutter so lange endlos fort, bis ihr Kindchen einschlaft ... Eine Melodie wurd' es ja wach erhalten ...

Auch Scagnarello rief seinem Pepe unausgesetzt ein Wort, das freilich im Gegentheil ein Wachbleiben und muntres Traben hervorrufen sollte: Maccaroni! ... Der Neapolitaner legt dabei den Ton auf die letzte Silbe ... Soll es dem Zugthier die Hoffnung erwecken, am erreichten Ziel seines Fuhrers Lieblingsspeise theilen zu durfen, oder ist es noch ein alter Rest der hier einst ublich gewesenen Griechensprache, wo ! ein Schmeichelwort war, wie: "Du

altes gutes Haus!" ? Gleichviel, Pepe that sein Moglichstes ... An die Stelle der Liebkosungen traten freilich auch zuweilen die in Italien ublichen energischen Peitschenhiebe ...

Zur Linken sah man nach einer Stunde nichts mehr, als einen Wald von riesigen Farrenkrautern, die sich zum Ufer des auf dem Gebirgskamm entspringenden Neto niederzogen ... Zur Rechten starrte die schroffe Felswand ... Jenseits der Anhohe leuchteten noch in der Sonne die Kronen eines Buchenwaldes, die dann jede weitere Aussicht versperrten ...

Miracolo! ... begann jetzt Scagnarello; ihr sagt, Euer Bruder wurde San-Firmiano verlassen konnen und wieder nach San-Giovanni in seine Pfarre kommen, die er vor zehn Jahren der Aermste ! hat verlieren mussen? Warum doch? ...

Die Frau unterbrach ihr Singen und musste die kleine Marietta aufheben, die sich noch nicht ganz wollte zum Schlafen bandigen lassen ...

Ihr glaubt, sagte sie, auf eine solche Pfarre, wo die Birnen aus nichts, als kleinen Steinen bestehen? ... Nein, ich glaube nicht, dass in San-Giovanni auch jetzt noch ein anderer Wein wachst, als den zu meiner Zeit kaum die Ziegen getrunken hatten ... Signore! Nein! ... Seine Excellenza hat mir eine bessere Hoffnung gemacht ... Mein Bruder wird Pfarrer zu SanSpiridion in Nocera ...

Ho! Habt ihr Euch nicht versprochen, Frau? brach Scagnarello in Erstaunen aus und Pepe benutzte ein Sichumwenden seines Herrn, um sogleich still zu halten ... San-Spiridion in Nocera? ... Da tauscht er ja mit keinem Erzbischof druben in Sicilien ... Dies setzte er mit einem Avanti! und einem tuchtigen Peitschenhieb hinzu ... Freilich in Sicilien hab' ich ein Kloster gekannt, wo die Bruder verhungerten, wenn sie nicht abends mit der Flinte aufpassten, ob Englander vom Aetna kamen ... Aber in Nocera soll Euer Bruder Pfarrer werden! ...

Scagnarello war gutmuthig genug, seine Meinung: "Ich dachte, dass ihm sowol im Jenseits, wie schon hienieden die ewige Verdammniss bestimmt ist" nicht auszusprechen ...

Bei San-Gennaro! sagte die Schwester Paolo Vigo's; ich dachte, dass er sich diese Auszeichnung redlich erworben hat ... Zehn Jahre hat er bussen mussen und die Heiligkeit ist er selbst geworden ...

Wisst Ihr fur ganz gewiss, dass sie ihn losgeben? ausserte Scagnarello mit bescheidenem Zweifel und der giftigen Rede des Pfarrers von Spezzano gedenkend ...

Der heilige Erzbischof von Cosenza, fuhr die Frau fort und reichte ihrem mildurtheilenden Fuhrer, der die schlimmen Ansichten der ubrigen Bewohner von Spezzano gegen ihren Bruder nicht zu theilen schien, eine Flasche Wein aus einem ihr zu Fussen stehenden grossen Korbe, der mindestens auf eine Woche mit all' den Dingen versehen war, die man, nach ihrer Erfahrung, hinter San-Giovanni in Fiore nicht mehr als in der Welt auch nur gekannt vorauszusetzen berechtigt war der heilige Erzbischof von Cosenza, sagte sie zuversichtlich, hat es noch gestern betheuert ... Ich bin dreimal von Nocera herubergekommen und jedes mal war der heilige Herr liebreicher und gnadiger mit mir ... Alles hab' ich ihm erzahlt, warum mein Bruder ins Ungluck gekommen ist ...

Redet nur nicht davon! ... unterbrach sie jetzt Scagnarello mit einigem Schaudern, die Flasche zuruckgebend, aus der er einen kraftigen Zug gethan hatte ... Der Trunk hatte, schien es, sein Gedachtniss gestarkt, das ihm anfangs versagte, als es sich um den Gewinn von zwei Ducati handelte ...

Rosalia Mateucci nahm die Flasche, stellte sie wieder in den Korb und schwieg in der That ... Sie verstand vollkommen, dass es gewisse unheimliche Dinge im Leben ihres Bruders gab, von denen man in solcher Abenddammerung und in der stillen Gebirgswildniss nicht sprechen soll ... Ohnehin galt der Silaswald fur verzaubert ... Es ist dies die Ruhestatte, wo noch immer der "grosse Pan schlaft" ... In Abenddammerung begegnen uns hier noch Satyrn mit Bocksfussen und Hornern genug, sehen aus den Baumen noch nickende langhaarige Dryaden, ertont oft noch ein schrilles Lachen in der Luft und niemand weiss, wo all die vergessenen Schelmerein des Alterthums am Tage sich versteckt halten; des Nachts sind sie da ...

Rosalia Mateucci begann wieder ihr Wiegenlied ...

Die Sonne war hoher und hoher an die Buchengipfel gestiegen und endlich ganz verschwunden ... Schon hatte der Mond sich in dem weiteren Himmel, der auf kurze Zeit jetzt zur Rechten sichtbar wurde, mit silbernem Glanze gezeigt ... Die Strasse, die eigentlich nur ein jetzt ausgetrocknetes Flussbett war, zwangte sich durch zwei Felsen, die sich so nahe standen, dass sie oberhalb, einige hundert Fuss hoher, durch eine Brucke hatten verbunden werden konnen ...

Scagnarello wusste nun allmahlich im vollen Zusammenhang, dass seine Passagierin Rosalia Vigo, die jungste Schwester ihres Bruders Paolo Vigo war, der in Neapel Theologie studirt hatte und doch nur die armste Pfarre der Welt, zu San-Giovanni in Fiore im Silaswalde, gewann ... Ein feuriger, muthiger, wissensdurstiger Jungling, hatte er aber diese Pfarre bereitwilligst angetreten, weil sie mit einer Aufsicht uber das naheliegende Kloster San-Firmiano, eine Art geistlicher Strafanstalt, verbunden war; andererseits weil das Innere des theilweise unzuganglichen Silaswaldes noch von Ketzern bewohnt sein sollte, welche sich aus uraltesten Zeiten dort erhalten haben und mit zerstreuten Anhangern in Verbindung standen, die an gewissen Tagen, auf nur ihnen bekannten Wegen, dort zusammenkamen3... Seinem jugendlichen Glaubenseifer hatte sich die Bekampfung und Ausrottung dieser Secte gerade empfohlen ... Die Ketzer trieben Zauberei, besonders mit Hulfe der Bibel ... Da erfuhr dann aber alle Welt, dass im Gegentheil auch Paolo Vigo plotzlich von ihnen verwirrt wurde, die Bibel auf die Kanzel von San-Giovanni mitbrachte und auf Denunciation des Pfarrers von Spezzano suspendirt, ja nunmehr selbst in jenes Kloster der Ponitenten verwiesen wurde, wo er hatte erziehen und bessern wollen ... Der Guardian dieses Klosters musste in SanGiovanni solange die Messen ubernehmen, wahrend die ubrigen pfarramtlichen Handlungen von Spezzano aus verrichtet wurden ...

Rosalia Mateucci wusste gegen die Auffassung des Pfarrers von Spezzano und des Signor Scagnarello uber ihren Bruder an sich nichts einzuwenden ... Doch behauptete sie, dass ihr Bruder, wenn auch eine Zeit lang von Zauberern verblendet, doch nie im Stande gewesen ware, in die unkatholischen Greuel mit einzustimmen ... Dass Paolo Vigo beschuldigt wurde, vorzugsweise gegen Einen, den auch Scagnarello vollkommen als einen gefurchteten Hexenmeister kannte, Nachsicht geubt zu haben das alles liess sich nicht wegleugnen ... Auch nicht die haarstraubende Geschichte von einem feuerschnaubenden, geradezu aus der Holle gekommenen Hunde, welcher auf dem Markt von San-Giovanni in Fiore einst laut geredet und die Seele des Pfarrers in seine Gewalt zu bekommen begehrt haben sollte, obgleich derselbe ihn dann mit eigener Hand todtschoss ... Scagnarello wusste das alles und sagte beim Anstreifen an diese unheimlichen Erinnerungen: Bitte! Bitte! fragte aber doch, ob sich die Frau noch des Skeletts erinnerte, das dazumal ihren Bruder um den Tod des hollischen Hundes so in Harnisch gebracht hatte? ...

Des Fra Hubertus! sagte die Frau mit einem halb beklommenen, halb freudigen Tone ... Er lebt noch ... Ich weiss es ja ! ...

An seinen Knochen kann man zwar von Fleisch kein Pfund mehr zahlen! entgegnete Scagnarello, aber gewiss lebt er noch und ich will Euch nur gestehen ich hatte mich nicht heute Nacht noch in den Wald gewagt, konnten wir nicht hoffen, noch den Bruder Hubertus einzuholen ...

Heilige Mutter Gottes! rief die Frau freudig erregt und wagte die gefahrlichste Stellung von der Welt in Scagnarello's zweiradrigem Karren. Sie stand auf, hielt ihre schlafende Marietta mit Gefahr, selbst uberzusturzen, im Arm und reckte spahend den Hals in die Weite ... Saht Ihr denn den Fra Hubertus? rief sie und lugte in die dunkle Ferne ...

Beruhigt Euch! sprach Scagnarello und bezog diese Aufregung misverstandlich auf eine Anwandlung von Furcht ... Wenn ich meiner Frau, meinen Kindern und dem Pepe zugemuthet habe, mich bis Mitternacht noch auf die Strasse zwischen Spezzano und San-Gio hinauszulassen, so ist es, aufrichtig gesagt, geschehen, weil ich horte, dass Fra Hubertus uns ein paar hundert Schritte voraus ist ... Denn was der Frate nun auch sein mag, ob ein Russe oder von Geburt ein Turke, wir alle haben ihn hier anfangs gleichfalls fur den leibhaftigen Boten der Holle gehalten ja da erst gar, als er den fremden Mann nicht weit von hier in den Neto gestossen ! ...

Ich bitte Euch! ... sagte die Frau sich niedersetzend ...

Aber habt darum keine Furcht! fuhr Scagnarello fort ... Holen wir den Bruder ein, so haben wir mit ihm ein Regiment Soldaten ... Der Pfarrer von Spezzano, im Vertrauen gesagt, mag ihn noch jetzt nicht aber darum hat der Bruder, der soeben in Neapel war, doch hohe Gonner und Beschutzer und, was seine Leibeskrafte anlangt, so kenn' ich manchen, der ihm noch jetzt abends aus dem Wege geht ...

Er war in Neapel Und ist zuruck! ... Ich weiss es ja weiss alles ... rief Rosalia freudig und verstummte dann. Letzteres zum Aerger Scagnarello's ... Er merkte, dass es etwas ganz Neues aus dem Leben seiner Passagierin zu erfahren gab ... Diese wich seinen Fragen aus und versank in eine wehmuthige Stimmung ...

Es knupften sich ihr aus der Zeit, wo sie vor Jahren ihres Bruders Wirthschaft in San-Giovanni gefuhrt hatte, an diesen "Bruder mit dem Todtenkopf" Erinnerungen voll Schrecken ... Ihr Bruder Paolo hatte lange liebevoll fur die Seinigen gesorgt, hatte ihnen jede Ersparniss nach Salerno, wo sie her waren, geschickt, hatte, der gute Sohn, die Gebuhren seiner ersten Messen nur seiner Mutter verehrt ... Zwei Jahre war sie dann bei ihm im Silaswalde gewesen und hatte das Ihrige gethan, ihm einen so traurigen Aufenthalt einigermassen ertraglich zu machen ... Aber Paolo Vigo verfiel in Melancholie, zumal durch die Nahe des Klosters San-Firmiano selbst ... Seinem Gemuth musste es schmerzlich sein, so viel verabscheuungswurdige Priester kennen zu lernen, die in jenem in Felsen eingezwangten, eine melancholische Aussicht in eine dustere Waldgegend bietenden Kloster leben mussten ... Ausserdem lebten hier alle ehrlichen Leute damals im Kampf mit Giosafat Talarico ... Die Rauber der Abruzzen, die Genossen des Grizzifalcone, standen mit denen Calabriens in einem Schutz- und Trutzbundniss und bedrohten unausgesetzt die Sicherheit der Einsamwohnenden ... Schon waren aus dem Kirchlein in San-Giovanni die heiligen Gerathschaften des Opferdienstes gestohlen worden ... Kein Wunder, dass der Pfarrer sich mit Waffen versah und zu jeder Zeit eine geladene Flinte uber seinem Bett hangen hatte ... Nun geschah es aber eines Tages, dass die Bewohner von San-Giovanni in der grossten Aufregung durcheinander rannten, auf dem Marktplatz, dicht vorm Fenster des Pfarrers auseinander flohen und sich in ihren Hausern versteckten ... Rosalia und ihr Bruder traten ans Fenster und erkundigten sich nach dem Grund des lauten Geschreis ... Da hiess es, im Orte war' ein toller Hund ... Vom Fenster aus erblickte man in der That ein wandelndes Thiergerippe, die Zunge lang aus dem Munde hangend, die Haare borstig aufwarts gebaumt es war ein Hund, der einem verhungerten Wolfe glich ... Kaum konnte das entsetzliche Thier sich aufrecht erhalten ... Schon knickte es zusammen und taumelte dann wieder wildschnappend auf, bis es aufs neue zusammensank ... Der Pfarrer erwies den Bewohnern von San-Giovanni die Wohlthat, in rascher Regung die Flinte zu ergreifen, abzudrucken und das Ungethum niederzuschiessen ... Und eben die Folgen dieser raschen That waren die seltsamsten ... Sie lagen in Schleier gehullt, endeten aber damit, dass Rosalia's Bruder oft tagelang abwesend war, mit dem Bruder Hubertus gesehen wurde, sogar einen Ziegenhirten in San-Giovanni, der schon seit lange fur einen Ketzer galt, an seinen Tisch nahm, zuletzt mit der Bibel auf der Kanzel erschien und in einer Weise predigte, die einen so grossen Anstoss erregte, dass ihn sein Diocesanbischof suspendiren musste ... Man liess ihn bis auf Weiteres im nahgelegenen Kloster wohnen und verbot ihm seine kirchlichen Functionen und Reden ... Aus dieser provisorischen Massregel wurde ein Zustand, welcher Jahre dauerte und nicht mehr enden zu wollen schien ... Die Stolgebuhren von San-Giovanni behagten auch dem Dom Sebastiano von Spezzano ...

Scagnarello war durch die Hoffnung, bald den riesenstarken Bruder Todtenkopf einzuholen, so ermuthigt, dass er, trotz der schauerlichen Einsamkeit, wagte, auf alle diese unheimlichen Dinge anzuspielen ... Es ist eine Pflicht unserer Seelenhirten, sagte er nach einer Betrachtung uber feurige Hunde, die sich ofters hier den Schafern nachtlich zugesellen, fur das geistige und leibliche Wohl der Ihrigen zu sorgen ... Der Pfarrer in Spezzano ist gewiss ein Santo, aber auch er heilt die Kropfe und kann Geister bannen ... Meinen Pepe da hat er mit allen Weihen versehen ...

Rosalia Mateucci hatte das Thema des verhangnissvollen Hundes verlassen ... Scagnarello richtete jedoch mit umspahender Miene an sie die Frage:

Frau noch seh' ich den Bruder Franciscaner nicht sagt: Ist es wahr, hat der den Hund ganz feierlich begraben ? ...

Kaum war das aus der Holle gekommene Thier, erzahlte sie, gefallen, so kam, wie wir damals glaubten, ein Abgesandter des Satans, der die ihm verfallene unreine Seele abholen sollte ... Auf dem Platz erschien ein langer hagerer Monch mit einem Todtenkopf, der, wie die Magd erzahlte, im Kloster Firmiano vor kurzem erst Herberge gefunden hatte ... Die Kinder liefen ihm aus dem Wege eine Sprache hatte er, wie unser Truthahn, wenn ich mein rothes Kleid anziehe ...

Das alles hat sich geandert! unterbrach Scagnarello ... Jetzt furchten ihn nur noch die Leute mit zu langen Flinten und besonders der Schmied von Spezzano ... Denn ein Hufeisen bricht er wie trockene Nudeln entzwei, wenn die Arbeit schlecht ist ... Gaule heilt er, die schon unter den Galgen kommen sollten ... Talarico! Der bekam Angst vor ihm, als er horte, dass das der Frate war, der in Rom dem Grizzifalcone den Garaus gemacht ... Nun, bei SanFirmiano! Der heilige Vater hat ihn auch gewiss nur hergeschickt, dass er's dem Giosafat ebenso machen sollte ... Signora, ich horte aber doch mit dem Hund hatt' es Dinge auf sich, die einen guten Christen um die Absolution bringen konnen ... Andere meinen, der Alte mit dem Todtenkopf hat wenigstens seitdem nichts mehr mit der Holle ... Ein Heiliger ist's geworden, wie nur der Erzbischof von Cosenza auch und Euer, unter uns gesagt, vortrefflicher Bruder ...

In voller Gluckseligkeit uber diese Anerkennung sagte Rosalia:

Ja, Signor! ... Ich glaube es fur gewiss, dass Fra Hubertus sich zu Gott gebessert hat ... Gerade von ihm hat mir der heiligste Erzbischof von Cosenza gesagt: Geht getrost, liebe Frau! Bis Ihr in San-Giovanni in Fiore seid, ist Fra Hubertus von Neapel zuruck gekehrt ... Und nun ist er da ... Und ich denke doch, es muss alles gut werden ...

Scagnarello erhielt noch einmal die Flasche, leerte sie und lobte sehr den Wein von Nocera ...

Auf seine Frage, was nur der Todtenkopf in Neapel gethan hatte, erhielt er die Antwort:

Der heilige Erzbischof schickte ihn nach Neapel, um sein Begehren beim rechten Mann vorzubringen ...

Beim rechten Mann? ... wiederholte der Kutscher ... Und welches Begehren ...

Dass die Bewohner von San-Firmiano nicht mehr wie die Canarienvogel von Cosenza gehalten werden ... Sind sie denn nicht alle Santi geworden? Hat mein Bruder sie nicht bekehrt? Hat der Todtenkopf ihnen nicht allen die Schrecken der Holle zu Gemuth gefuhrt, die er so gut kannte ? ... Ich sage Euch, bis nach Nocera hin steht das Kloster im Geruch der Heiligkeit ! ...

Scagnarello wusste vollkommen, dass unter den Canarienvogeln die gelbgekleideten Galerenstraflinge zu verstehen sind, die in Neapel offentlich im Dienst der Strassen- und Hafenpolizei arbeiten mussen ... Auch uber die gute Auffuhrung der Bewohner von San-Firmiano herrschte, nur Eine Stimme und Alle wussten, dass Dom Sebastiano daruber nicht reden konnte, ohne so zornig zu werden wie ein Puterhahn ... Nach einer seiner letzten Predigten gab es Tugenden, die blos vom Teufel kamen ... Doch war Scagnarello vorsichtig und hielt seine Meinung zuruck ...

Die Einsamkeit, welche dann und wann nur vom Gruss eines Hirten oder eines muhsam ausbiegenden Eseltreibers unterbrochen wurde, horte bei Annaherung an San-Giovanni auf ... Es wurde lebhafter rings im Gebirge ... Zwar war die Nacht nun ganz hereingebrochen, Nebel stiegen auf, welche die Feuchtigkeit der Luft so vermehrten, dass Scagnarello und Rosalia ihre braunen Mantel ubernahmen; der mondscheinblaue Luft- und Nebelhauch gab den grunen Waldabhangen, den einzelnen Wiesenteppichen eine geisterhafte Beleuchtung; aber, wo der Strom der Gewasser am Wege nicht zu rauschend sturzte, da horte man deutlich und von mannichfachem Echo weitergetragen, das Locken und Rufen der Hirten an ihre Heerden, die zur Nachtruhe unter den machtigen Eichen sich lagerten, horte das Blasen einer einsamen Schalmei oder an einer andern Stelle das unaufhaltsame und unerschopfliche Lungen voraussetzende Schnurren eines Dudelsacks ... Jagdschusse erschollen sogar zuweilen dicht uber den Hauptern der Gefahrten und machten den Pepe stutzig und unterbrachen dann die Reise durch ein Intermezzo von Apostrophen, die Scagnarello an die Vernunft des Thieres richtete ... Tuchtige Peitschenhiebe unterstutzten die Beweiskraft ...

Um ein verhaltnissmassiges Stuck war man schon ganz in die Nahe San-Giovannis gekommen ... Rosalia erkannte die Gegend ... Die mit Fruchten uberladenen Kastanienbaume, die zuweilen am Wege standen, rauschten ihr wie mit vertrautem Gruss ... Dort stand ein altes Gemauer, das der uraltesten Zeit Gross-Griechenlands angehorte ... Der Mond schien durch die zerklufteten Fenster ... Sie kannte jeden dieser, bald als Aufbewahrungsort des frischgemahten Heus, bald als Versammlungsort der Hirten bei Unwettern benutzten Orte ... Ihr Herz wurde ihr immer frohbanger und zagendhoffnungsvoller ...

Scagnarello erzahlte jetzt von einem Stein, an welchem sie bald angekommen sein mussten, wo Fra Hubertus vor Jahren mit jenen zwei Mannern gerungen hatte, die im Silaswald umirrten und die "Freimaurer", welche spater in Cosenza erschossen wurden die Bandiera und ihre Genossen verrathen wollten ... Denen begegnete "dort oben am Kreuz", erzahlte er, der Bruder mit dem Todtenkopf, redete den einen, den er kannte, in fremder, ich glaube russischer Sprache an und warf ihn jahlings von oben da am Kreuz hinunter in den Neto ...

Die Burgersfrau von Nocera, die sich auf Betrieb des Bruders vortheilhaft mit einem Verwandten verheirathet hatte, war in diesen Ereignissen bewandert ... Sie konnte lesen und schreiben und fuhrte ihrem Mann sein Hauptbuch ... Was im Silaswald vorging, hatte sie seit Jahren um des geliebten Bruders willen mit dem grossten Interesse verfolgt ... Lebhaft stand ihr in Erinnerung, wie man sich damals gewundert, warum der fremde Monch, ein Sohn des heiligen Franciscus, wiederum auch fur diese wilde That so heil und ungestraft davonkam ... Diesmal wie bei Gelegenheit der immerhin bedenklichen Todesart des Grizzifalcone ... Rosalia sprach noch jetzt dies Erstaunen nach ...

Er hat gute Freunde, sagte Scagnarello ... Er hat sie da, wo sie am meisten nutzen konnen in Rom ... Und wenn man Rom hat, hat man Neapel ... Damals, als der Freimaurer in den Neto flog, sah und horte man lange nichts mehr vom Fra Hubertus ... Mit Einem mal war er wieder da und der Sindico von Spezzano zog den Hut vor ihm ab ... Hatte der Bruder die Weihen, er ware langst in San-Firmiano Guardian ...

Rosalia kannte alles das und schwieg, in Hoffnung auf die Geltendmachung eines so grossen Einflusses in Neapel ...

Nach einer Weile fragte Scagnarello:

Signora wart ihr denn auch schon dazumal an den ich meine, an den Bluteichen ? ...

Die Frau erschrak uber diese Frage und schwieg ...

Ich meine, habt Ihr ihn nie gesehen? fuhr Scagnarello leise und lachelnd fort ...

Die Frau wusste vollkommen, was und wen Scagnarello mit seiner Frage meinte ...

Hm! Hm! rausperte er sich und fuhrt fort: Ich mocht' es, bei San-Gennaro, auch einmal wagen und ihn besuchen ... Nur um die Nummern zu horen, die ich im Lotto spielen soll ... Da war ein Mann von Cotrone wisst Ihr, was er dem gesagt hat, als der die nachsten Nummern horen wollte, die herauskommen ? ...

Er sollte arbeiten und auf Gott vertrauen ? ... antwortete Rosalia ...

Nein, entgegnete Scagnarello Das kann sich Jeder selbst sagen ! Dem Mann von Cotrone hat er gesagt: Wer gab dir fruher deine Nummern? ... "Der Pfarrer von San-Geminiano in Cotrone!" ... Kamen sie heraus? ... "Nein! Auch die auf den Namen Maria nicht!" ... Warum nicht auf den Namen Maria? ... "Der Pfarrer rechnete die Nummern nach den Buchstaben aus M. war 12. Sie kamen aber nicht heraus" ... Ich verstehe! Kannst du lesen? ... "Nein!" ... Auch nicht das ABC? ... "Nein!" ... Im Namen Maria kommt zweimal A vor das gab zweimal 1 ... "Da nahm der Pfarrer fur das zweite 1 das Doppelte; manchmal das Dreifache; so hab' ich zehn Jahre auf 'Maria' und die Heiligen gesetzt, aber nicht mehr gewonnen, als ausreichte, um den Pfarrer zu bezahlen " ... Der Pfarrer liess sich bezahlen? ... "Ich bezahlte die Messen, die meine Todten aus dem Feuer erlosten!" ... Nun, mein Sohn, sagte der Alte von den Bluteichen, so nimm einmal den Namen "Jesus!" Siehst du, das sind auch funf Buchstaben, auch funf Zahlen und die letzte nimm dann gleichfalls doppelt 9. 5. 18. 20. 36 ... So hab' ich sie behalten ! unterbrach sich Scagnarello Gewinnst du, sagte der Hexenmeister, dann danke deinem Erloser durch gute Anwendung des Geldes! Verlierst du aber, so nimm an, dass er dir eine christliche Lehre geben wollte und dich blos durch deine Arbeit reich machen wird! ... Der Mann aus Cotrone spielte und gewann eine Terne; es ist auch so ein ganz reicher Mann ... Das Ding sprach sich aus; alles setzte auf den Namen Jesus; es hat aber keinem mehr so glucken wollen, wie dem Mann aus Cotrone ...

Rosalia seufzte uber diese Zaubereien und sann uber Scagnarello's Aeusserung, dass der Mann von Cotrone wol noch eine besondere Anweisung bei diesem kabbalistischen Spiel des Einsiedlers von den Bluteichen hinzu empfangen haben musste ... Sie hatte die vollkommene Geneigtheit, dieser Meinung zuzustimmen ... Zuletzt bat sie ihn beim Blut des heiligen Januarius, von solchen durch die Holle angerathenen Lottonummern, auch von den Bluteichen, von den nachtlichen Versammlungen, welche dort die Geister hielten, besonders aber von dem erschossenen feurigen Hunde und den blutigen Thaten des Bruders Hubertus zu schweigen und auf eine baldige gluckliche Ankunft in San-Giovanni zu hoffen ...

Nach einer halben Stunde, welche Scagnarello im schmollenden Gesprach mit Pepe und zuletzt mit Klagen uber die theuere Zeit und die von der Hitze versengte zweite Heuernte zubrachte letzteres im Interesse eines erhohten Trinkgeldes deutete er mit der Peitsche auf einen im Mondlicht grell beleuchteten Gegenstand an demselben Wege, welchen sie fuhren ...

Schon lange hatte auch schon Rosalia ihr Auge auf diesen Punkt gerichtet und fragte jetzt:

Seht Ihr denn da etwas, Signor? ...

Es ist so wahr ich Napoleone heisse endlich der braune Bruder ... Ich wette um meinen Pepe er ist's ...

Sein Maccaroni wurde jetzt wacker durch die Peitsche unterstutzt ...

Die Frau konnte nicht umhin anzuerkennen, dass Scagnarello's Vermuthung uber einen an einem holzernen Kreuz auf einem Stein sitzenden Monch Wahrscheinlichkeit fur sich hatte ... Die braune Kapuze war halb niedergeschlagen; so schwarz und starr konnte darunter hervor nur ein Kopf lugen, der so gut wie keiner war oder wenigstens nur dasjenige, was ubrigbleibt wenn von einem Kopf Haare und Fleisch weggenommen werden ...

Scagnarello, jetzt vollends ermuthigt und sogar von dem hinter den Felsen her immer heller und heller lautenden Glockenthurm von San-Gio schon angenehm uberrascht, schwang seine Peitsche und gab der hochgespannten Frau, die glucklich war, schon jetzt dem Manne zu begegnen, welcher die gute Kunde aus Neapel nach San-Firmiano bringen sollte, jede trostliche Versicherung ...

Ein Franciscaner, in Sandalen, mit brauner Kutte, den weissen wollenen Strick um die magere Hufte, sass in der That auf dem Stein am Wege ... Es war Fra Hubertus ... Er sass am Gedachtnisskreuz des von ihm vor Jahren hier in den brausenden Neto geschleuderten Jan Picard ... Als er die Klingel des Pepe horte, stand er auf und ging furbass ... Er schien keine Neigung zu haben, auf eine verspatete Equipage zu warten und sich in seinen wahrscheinlich duster angeregten Empfindungen storen zu lassen ...

Ihn einzuholen ware beim Bergauf unmoglich gewesen, wenn ihm nicht Scagnarello alle moglichen Interjectionen nachgerufen hatte aus jenem unerschopflichen, in seinem Reichthum noch von keinem Gelehrten wurdig abgeschatzten Worterbuch der neapolitanischen Natursprache ... Zu den thatsachlichen Motiven, welche Scagnarello mit civilisirteren Worten einmischte, um den rustigen Greis zum Stehenbleiben zu bewegen, gehorte, in seltsamen Abkurzungen freilich, die ganze Geschichte der Frau, welche hinter ihm hochaufgerichtet stand, in der Linken mit dem schlafenden Kinde, in der Rechten mit ihrem Tuch, mit dem sie unablassig wehte; gehorte endlich auch ein Gruss vom Erzbischof von Cosenza und die ganze Ausmalung aller der Gluckseligkeiten, die sich nun in San-Firmiano und in San-Spiridion zu Nocera begeben wurden ...

Der lange hagere Knochenmann stand endlich still und lachte des tollen Gewalschs ... Sein Kopf wurde daruber ein einziges Gebiss von Zahnen ...

In der "Campanischen" Sprache, jenem Italienisch der Neapolitaner, in welchem die Buchstaben mit allen nur erdenklichen Freiheiten behandelt werden, oft der eine ganz fur den andern eintritt und statt "Michel" Kaspar gesagt wird, hatte Hubertus in der That Fortschritte gemacht ... Er blieb stehen ...

Dann freilich entsprach seinem ersten frohen Gruss an die ihm sehr wohl erinnerliche Schwester Paolo Vigo's keineswegs sein fernerer Mittheilungsdrang ... Letzterer schuttelte er zwar als alter Freund die Hand und nahm das jetzt erwachte, schreiende Kind auf den Arm, versichernd, dass seine Sehnsucht, den trefflichen Bruder der Signora nach sechs Wochen wiederzusehen, nicht minder gross, als die ihrige nach so vielen Jahren ware ja er kannte das schone dem Bruder winkende Gotteshaus zu San-Spiridion in Nocera vollkommen und gab zu, dass der Erzbischof von Cosenza hinlanglich heilig ware, um auch weissagen zu konnen ... Gewiss! Gewiss! Es wird alles gut werden! wiederholte er zum oftern ... Aber dem ganzen Wesen fehlte die rechte, von Innen kommende Freudigkeit ...

So kommt Ihr von Neapel und habt noch nichts Bestimmtes erfahren? fragte die Frau voll Besturzung uber dies Benehmen und lud den frommen Bruder ein, neben ihr Platz zu nehmen ...

Hubertus folgte dieser Aufforderung, nahm die noch an Schonheitsanschauungen nicht gewohnte und wenig vor ihm erschreckende kleine Marietta auf den Schoos, sang ihr eine alte hollandische Liedstrophe und versicherte, die Hoffnung ware das schonste Lebensgut, das sich der Mensch nur immer frisch in allen Nothen bewahren musse ...

Die Hoffnung? ... Bei San-Gennaro! rief die Frau und zitterte ... Weiter bringt Ihr nichts von Neapel zuruck, als Hoffnung? ...

Und schone Feigen! Seht die Feigen! erwiderte Hubertus und reichte deren aus seiner Kutte Marietten eine Hand voll, wahrend die Frau ihm bereits ihre Esswaaren angeboten hatte ...

Was kann mir alles das helfen? wehklagte Rosalia Mateucci ... Hab' ich darum so viele Jahre die Reise von Nocera nach Cosenza gemacht? ... Haben wir darum zwanzig Ducati an die Mutter Gottes Della Salute und abermals funfzehn an den heiligen Gennaro von Cosenza bezahlt? ...

Das wird sich einbringen, Frau ... Hofft in Gottes Namen! wiederholte Hubertus ...

Inzwischen fing er mit einem bei weitem dringlicheren Interesse an, dem Meister Scagnarello sein Erstaunen uber die neue Garnison von Spezzano auszudrucken ... Was wollen nur all diese Reiter und Jager wieder? Geht der Weg nach Frankreich durch den Silaswald? ...

Scagnarello deutete an, dass nicht gut von solchen Dingen zu reden ware, seitdem hier schon die besten Leute zu den "Canarienvogeln" in Neapel gekommen waren ...

Guter Bruder, was bringt Ihr von Neapel? ... drangte die Frau ... Ihr redet von Canarienvogeln ... Nur zu wohl weiss ich, die Raben, die schwarzen, die hacken dem heiligen Franciscus gern die Augen aus ...

Steht das wo geschrieben? entgegnete Hubertus und schien betroffen von dieser Rede, die er vollkommen verstand und fur ebenso prophetisch hielt, wie sie wohlgesetzt war ... Die Jesuiten (diese nur konnte Rosalia unter den schwarzen Raben verstanden haben), hatten allerdings hier die Hauptentscheidung ... Auf den Spruch der Jesuiten hatte der Erzbischof von Cosenza als die letzte Instanz verwiesen, von welcher hier alles abhangen wurde ... Alle Welt wusste, dass zwar in den Bewegungstagen zwanzig Kutschen voll Jesuiten aus Neapel hatten entfliehen mussen, sie waren aber in vierzig wiedergekommen und die rechte Hand des Herrschers uber dies ungluckliche Land blieb des Konigs Beichtvater, Monsignore Celestino Cocle, Erzbischof von Neapel, ein fanatischer Agent des Al Gesu, eben jener "rechte Mann", von welchem die Wunsche der Bewohner San-Firmianos abhangen sollten ...

Zehn Jahre, erzahlte wehklagend die Frau, hab' ich meine Kniee gebeugt vor dem heiligen Erzbischof von Cosenza ... Jeden Quatember, wenn neue Priester geweiht wurden, lief ich zu Fuss die zehn Miglien von Nocera nach Cosenza und beugte meine Kniee auch nach der Messe noch ... Wenn der heilige Herr in seinen Palast ging, rief ich ihn um Gnade an fur meinen unglucklichen Bruder ... Und immer gab er mir seinen Segen und sagte: Ihr seht ja, liebe Frau, die Pfarre von San-Giovanni bleibt ihm offen; das Sacro Officio pruft lange, aber grundlich ! ... Heiliger Gennaro! ... Zehn Jahre prufte das Officio ! ... Ich wusste nicht, ob mein Bruder noch lebt ! ... Wir schickten mein Dionysio ist gut was wir nur vermochten bald an den ehrwurdigen Guardian, bald an den heiligen Erzbischof aber meines Paolo Briefe meldeten nichts von seiner baldigen Freiheit ... Sogar damals, als doch alles frei wurde, als selbst die, denen zeitlebens die Kugel am Fuss zu tragen besser gewesen ware, zu Ehren kamen, kehrte mein Bruder nicht aus dieser traurigen Einode zuruck ... Damals hatte nur Marietta leider das Fieber, mein Dionysio musste unter die Guardia civica, Jeder war froh, wenn in seinem Garten noch die Feigen wuchsen Verdienst gab es nicht ... Dann aber, als die Ruhe wiederkehrte, als alle Welt erzahlte, wie die Gefangenen und Verwundeten in San-Firmiano christlich verpflegt wurden, da fiel ich vor dem heiligen Erzbischof in der Kirche selbst auf die Kniee und bat vor allem Volk um Paolo's Freiheit ... Zum Gluck verzeih' mir's die heilige Jungfrau! war gerade unser Pfarrer von San-Spiridion gestorben und weil ich horte, dass sich zehn Pfarrer um die Stelle bewarben und sie vorerst keiner bekommen sollte, weil auf ein Jahr die Einkunfte auch dem heiligen Erzbischof gutschmecken, kauft' ich nochmals, nach allem, was schon draufgegangen war, fur zehn Ducati Wachskerzen und schenkte sie in Cosenza der heiligen Rosalia ... Seitdem hiess es: "Seid gutes Muthes, Frau, reist getrost nach San-Giovanni In San-Firmiano sind Wunder geschehen Der Guardian hat einen Boten nach Neapel geschickt an das heilige Officio. Wir wissen es ja, das ganze Kloster ist heilig geworden Sie bekommen alle die besten Stellen in der Christenheit, denn die Mutter Kirche ist gutig und belohnt jeden, welcher sie liebt ja, und ein Bote, Fra Hubertus, muss bald zuruck sein von Neapel " ... So sprach der Erzbischof und das ganze Kapitel stimmte ein ... Da vertraut' ich denn und machte mich auf den Weg und jetzt bin ich da und Ihr seid es auch und nun bringt Ihr doch nichts und schweigt ? Ihr wisst, denk' ich, nur zu gut, dass mein guter Bruder nur durch Euch ins Elend gekommen ist .... Ohne Euch konnte er langst in Nocera Bischof sein ...

Diese muthige, fur Scagnarello zum Bewundern sachgemasse und kenntnissreiche, nur am Schluss etwas frauenzimmerlich ausfallende Rede hatte Hubertus theils mit seufzenden, theils mit begutigenden Worten begleitet ... Scagnarello hoffte, der schwer Beleidigte wurde mit einer Rechtfertigung fruherer Misverstandnisse, vor allem mit Ruckblicken auf die wunderbare Geschichte vom feurigen Hunde vernehmbar werden; aber Hubertus beschaftigte sich allein mit dem Kinde und sang seine "russischen" Lieder ...

Rosalia Mateucci ersah nun wol aus Allem, dass Hubertus kein Vertrauen auf den Erfolg seiner Mission hatte, und fuhr in ihren Klagen uber diese arge Welt fort ... Sie liess dabei jedem seine aussere Ehre, bezeichnete ihn aber bei naherer Betrachtung um so mehr als Spitzbuben ... Vom Standpunkt einer vermogenden Kramerin von Nocera gab sie einen Ruckblick auf die ganze bewegte Zeit der letzten Jahre namentlich auf die wilde Anarchie, welche damals entstand, als die in Neapel durch Lazzaroniaufstand und Schweizerregimenter gesprengte Nationalvertretung sich in Cosenza noch einmal, unterstutzt von einem Aufstand der Calabresen, wieder gesammelt hatte, doch von jenem ehemaligen Rauber, spatern General Nunziante, im Suden, vom General Lanzi im Norden angegriffen mehr durch Uneinigkeit, als Ueberlegenheit der Truppen sich aufloste ... Die Bewaffneten wurden damals zu Fluchtlingen, und wie es im Suden geht, zu Wegelagerern und Raubern ... Dieser anarchische Zustand hatte im Silaswald erst seit kurzem aufgehort ... Das Kloster San-Firmiano hatte lange Zeit nur ein Gefangniss und Lazareth sein konnen, wo die Bruder sich wahrhafte Verdienste erwarben ... Und nun sollten alle diese guten Thaten ohne ihren Lohn bleiben? Martyrer sollten sich bewahrt haben und keine Krone gewinnen ! Da musste ja der Giosafat von Lipari als ein wahrer Retter ersehnt werden und mit der Zeit in Neapel am koniglichen Schlosse kein Stein mehr auf dem andern bleiben ...

Hubertus entgegnete in leidlichem "Campanisch" auf diese unausgesetzten Verwunschungen, die schon Marietta's Weinen und Scagnarello's loyalen Protest zur Folge hatten:

Beim heiligen Hubert, meinem Schutzpatron! Frau, ich kann Euch versichern, dass ganz San-Giovanni und wer anders noch von damals am Leben ist, sich freuen wird, Euch und die kleine Marietta zu sehen ... Euern heiligen Bruder nehm' ich nicht aus, wenn ich auch zweifle, dass Eure Hoffnung, ihn als Pfarrer in San-Spiridion nach Nocera zu bekommen, so bald in Erfullung geht, zugleich auch, ob dies seinen Wunschen entspricht ... Indessen beruhigt Euch! ... Ei, so weint nicht! ... Ich will Euch sagen, wie es ist ... Ich hatte gute Freunde und Gonner sagt man? ... Nun, das San-Officio in Neapel war sackgrob ... Aber gut ich fand immer, die Leute sind geneigter, uns Gehor zu geben, wenn sie grob sind ... Leider, leider kann ich dasselbe nicht vom Ohr und Mund Seiner Majestat, Monsignore Celestino, sagen ... Das ist wahr, artig war er ... Dem musst' ich haarklein erzahlen, was seit Jahr und Tag hier in diesen Bergen vorgegangen ist! ... Und wenn ich jetzt so schlummerkopfig nachdenklich bin, so ist es blos, weil ich, aufrichtig gesagt, meine Erzdummheit bereue ... Ich ging auf alle seine Artigkeiten ein ... "Gut! Gut! Das freut mich! Um so besser! Und was wunschen die guten Bruder von San-Firmiano?" ... Ich Tropf! Das hatt' ich mir doch sagen sollen, dass es mit all diesen Sussigkeiten nur bitter stand ! ... Wir Bruder haben in San-Firmiano um nichts gebeten, als um was die Hechte bitten, wenn in einem Teich ihrer zu viel sind ... Lasst Euer Licht leuchten vor den Leuten! hat schon unser allerheiligster Erloser gesagt und nur deshalb sehnen sich unsere Gefangenen von San-Firmiano in ihre Kloster und Pfarreien zuruck, um zu zeigen, dass sie aus Wolfen gute Hirten geworden sind ... Seht nun, das alles hab' ich in Neapel vorgetragen; aber Ei was! Bei Alledem kann ich mich irren! Es ist im Namen unsres heiligsten Erlosers gar nicht unmoglich wir finden in San-Firmiano frohliche Gesichter und Euer edler Bruder lacht hellauf, wenn er morgen fruh eher rath' ich nicht bei unserm Kloster anzupochen die Ueberraschung hat: Gelobt sei Jesu Christ! von seiner Schwester zu horen und gar von der Kleinen da wie heisst sie? ... Alles heisst hier Marietta ... Kommt niemand von Euch auch einmal auf den Namen Hedwigis ? ...

Diese Worte waren so gutmuthig, endeten mit einem so elegischweichen Tone, dass Rosalia Mateucci der wohlthuenden Wirkung derselben sich nicht entziehen konnte ... Sie sagte: Bei San-Gennaro! Hat denn San-Gio jetzt gar die neue Beleuchtung von Neapel ! Seht, wie hell es da liegt! ... Nun lachte sie freudiglich ...

Scagnarello fand die Aufnahme des Monches beim Erzbischof von Neapel ebenfalls nicht so bedenklich und im Gegentheil ausserordentlich schmeichelhaft ... Nun versteh' ich, sagte er, warum die Leute Recht haben, wenn sie sagen, dass sogar Seine Heiligkeit in Rom ein alter Freund und Bekannter von Euch ware und Euch schon in Russland kannte; denn unser heiliger Vater ist weitgereist! ... Ja aber auch mit Recht! Habt Ihr nicht das hochheilige Erbe Petri vom Grizzifalcone befreit? ... Wusste denn auch der Erzbischof das alles von Euch? ... Hm! auch vom Kreuz da uberm Neto? ... Und hm! hm! von Eurem feurigen Hunde? ...

Auf den ich Euch manchmal aufbinden mochte! schnitt Hubertus die neugierige Rede ab ... Was schlagt Ihr nur so grausam auf Euern armen Pepe! In Spezzano, vor Eurer Abfahrt nach Cosenza, da konntet Ihr ihm gewiss schmeicheln! Da konntet Ihr ihn nennen: Pepito! Mein zuckersusses Bruderchen! Unterwegs aber ist alles vergessen! ... Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehs und Wort halten muss man Jedermann selbst seinem Maulesel! ... Ein alter Jager weiss ich, dass im Wald und auch draussen in der Welt unsere besten Freunde wie oft doch nur unsere Pferde und unsere Hunde sind! ...

Hubertus sprach voll Scherz, aber auch voll Wehmuth und horbaren Anklangs an einen Gegenstand, der ihn ruhrte ... Doch kam er nicht auf den Hund ... Im Gegentheil zeigte er Rosalien die sich jetzt ein wenig offnende Gegend, an deren ostlicher und walddunkler Grenze, dicht unter den glanzendsten Sternbildern, eine schwarze Thurmspitze in die Hohe ragte das Kloster San-Firmiano ...

San-Giovanni war erreicht ... Ein Bergflecken, wo sich vor Jahrhunderten einige Menschen um einige halbzerstorte Thurme der Normannenzeit angesiedelt und einige hundert Nachkommen hinterlassen haben, die keinen Anblick fur Gotter bieten ... Aber ein Maler hatte darum doch seine Lust an diesem Stadtchen gehabt ... Die Thurmmauern ragten von Epheu uberwuchert ... In riesiger Ausdehnung spazierte der immergrune Kletterer bis auf die Felsen hernieder und an diesen wieder, wie eine einzige Wiese, entlang bis zu den rauschenden, sich hier vereinigenden Gewassern des Neto und des Arvo ... Ein viereckiger Glokkenthurm der Kirche war der Mittelpunkt einiger im wirren Durcheinander von den beiden Wildbachen sich aufdachenden sogenannten "Strassen" ...

Nun erst entdeckte man, warum es scheinen konnte, als ware in San-Gio die Gasbeleuchtung eingefuhrt ... Schon in einiger Entfernung horte man die beim Morraspiel ublichen, aber in San-Gio nie so laut vernommenen Fluche und Verwunschungen ... Auch deutsche Laute wurden horbar ... Pechkranze und Bivouakfeuer loderten auf ...

Auch San-Giovanni war von Soldaten uberfullt ... Hubertus sah das voll aussersten Erstaunens, sprang vom Wagen und eilte in wilder Erregung auf den Marktplatz ...

Fussnoten

1 Gregorovius' "Siciliana". 2 Ueblicher Brauch. 3 Ph. J. von R e h f u e s ' Schriften.

10.

Der "Torre del Mauro" eine Locanda, die einer Scheune ahnlich sah, war erreicht ...

Man fand sie von Soldaten in Beschlag genommen ...

Ein Leutnant in einer jener uberladenen sudeuropaischen Uniformen, mit Troddeln und Stickereien, die bei uns keinem Obersten zukommen wurden, stand mit der Cigarre im niedrigen rauchgeschwarzten Thor eines von brennenden Spanen erleuchteten Hofraums ...

Die Bivouakfeuer brannten auf dem Platz vor der Kirche ... Dunste von gebratenem Speck, von Zwiebeln, von Kase liessen auf einen eben abgehaltenen reichlichen Abendimbiss schliessen ... Viele der Soldaten, in Mantel gehullt, schnarchten schon auf ausgebreitetem Stroh unter freiem Himmel ...

Diese fliegenden Corps waren in den letzten Zeiten im Silaswalde so oft gesehen worden, dass sie eigentlich niemanden besonders auffallen durften ... Nur Hubertus, schon aufs bedenklichste aufgeregt, sah neues Unheil und Scagnarello, der sich mit San-Gios Einwohnerschaft in lebhafteste Conversation versetzt hatte, schurte jetzt seine Besorgniss denn Dom Sebastiano von Spezzano hatte allerdings kurzlich gepredigt, San-Gio musste noch einmal untergehen wie Sodom und Gomorrha ...

Den Monchen wurde von Del Caretto's und Celestino Cocle's Regierung wenig getraut ... Ein Schweizeroffizier, welchen Hubertus in deutscher Sprache um die Ursache dieser Expedition anging, schien zwar vom Laut der Muttersprache freundlich beruhrt, aber Ordre hatte auch er, nichts verlauten zu lassen ... Auf den im verlassenen Pfarrhaus einquartierten Oberoffizier verweisend, mischte er sich unter die andern Offiziere, die sich mit ziemlich derben Spassen auf Kosten einer Frau unterhielten, die "der schone Monch wol nicht in sein Kloster entfuhren, sondern ihnen uberlassen wurde " ...

Hubertus wandte sich einem Hause zu, das hier ein Ziegenhirt ersten Ranges, ein "Rico", ein Reicher bewohnte ... Messer Negrino hiess er; er war ihm besonders befreundet ... Leider aber war dieser im Ruf der Ketzerei stehende erste Burger von San-Gio nicht zu Hause ... Mit seiner Heerde war er unterwegs und vielleicht auf der Messe von Rossano ...

Schon wusste ganz San-Gio, wer mit Scagnarello gekommen war ... Schon hatten sich Gruppen von alten Bekannten gebildet, welche die Schwester ihres in San-Firmiano wohnenden ehemaligen Pfarrers sehr wohl erkannten und sich zu Theilnehmern einer Verhandlung uber die Frage machten, ob es gerathener ware, dass Rosalia Mateucci noch mit ihrem Kinde dem Bruder Hubertus folgen und am Eingangsthor des Klosters unter einem Dach, das die Madonna schutzte, ubernachten oder in einem Bette bleiben sollte, das ihr der alte, hocherfreut sie begrussende Messner ihres Bruders in seinem niedrigen Hauschen anbot ... Scagnarello hatte schon den Pepe ausgespannt und musste ihm die Streu im Freien machen, da den Stall die Soldaten eingenommen hatten ... Als weltkundiger Mann hatte er zum Bleiben gerathen ... Es schien ihm, als wurde Paolo Vigo schwerlich sich ihm morgen als Ruckpassagier anschliessen konnen ...

Hubertus, vom Hause Negrino's zuruckkehrend, scherzte bei allen diesen Verhandlungen mit Jung und Alt, nahm die jetzt verdriesslich aus der Ruhe gekommene Marietta auf den Arm, gab Auskunft uber seine Reise sowol dem "Sacristano" wie dem "Sindico", welchem letztern er einige auf seine Reise ubernommene Auftrage ausgerichtet hatte aber die Soldaten, deren Absichten auch die erste Magistratsperson des Ortes nicht zu deuten wusste, beunruhigten ihn so sehr, dass er von Rosalia Mateucci fur heute Abschied nahm und sofort nach San-Firmiano aufbrach, um, wie er versprach, schon beim Mitternachtgebet dem Bruder die frohe Kunde zu bringen und diesem zur Ueberlegung Zeit zu lassen, wie er am passendsten seine Schwester empfangen wollte ...

Unter den Scherzen der Soldaten, die Hubertus seines Todtenkopfes wegen schon gewohnt war, verliess er den Platz und begab sich in grosser Spannung nach seinem Kloster ... Der Sindico, der zugleich die Post von San-Giovanni hielt, hatte versichert, dass allerdings amtliche Briefe seit einigen Tagen fur den Guardian des Klosters genug angekommen waren ... Das gab ihm Hoffnung ... Der Sindico wusste, Hubertus hatte die in San-Firmiano seit Jahren Eingekerkerten in Neapel erlosen wollen ... Zoglinge waren sie alle der seltnen Strenge dieses einfachen Monches, Zoglinge des ihm von Fra Federigo eingepflanzten leidlich evangelischen und aufgeklarten Geistes ... Mit seiner Furbitte war Hubertus von Cosenza nach Neapel verwiesen worden ... Hier hatte er nur die Dominicaner verdriesslich und unfreundlich, alle andern Behorden gutig und ganz erfullt von der ihm immer gewahrten Nachsicht gefunden ... Allerdings wurde Hubertus von Rom protegirt ... Seit Jahren hatte man ihm gestattet, in Firmiano zu leben; sogar die Untersuchung uber den Tod eines Genossen des Boccheciampo war ihm erlassen worden; man gestattete ihm all die Freiheiten, ohne welche sein unruhiges Temperament nicht leben zu konnen schien ... Der Sindico konnte nicht genug schildern, was ihm die angekommenen Briefe schon von Aussen inhaltreich und bedeutsam erschienen waren ...

Hubertus verliess San-Gio ... Einsam ging er den dunkeln Weg ...

Seine aufgeregte Phantasie brachte diese Soldaten mit seiner Reise in Verbindung ... Der Erzbischof von Neapel hatte eine Menge Fragen an ihn gerichtet vorzugsweise uber Fra Federigo ... Dem hohen Herrn war alles bekannt gewesen, was diesen Einsiedler betraf, der deutsche Ursprung desselben, seine Flucht aus einem piemontesischen Thal, seine dortige Forderung ketzerischer Bestrebungen, seine Gefangenschaft unter den Genossen Grizzifalcone's, dann Hubertus' muthige Befreiung desselben ... Dass Fra Federigo noch lebte, wusste der Erzbischof nicht minder, ja er beschrieb mit genauester Ortskenntniss ein von Bergen umschlossenes enges Thal im Silaswalde, wo jener Fluchtling unter den sogenannten Bluteichen seit vielen Jahren einsiedlerisch lebte ... "Bluteichen" hiessen jene uralten Stamme aus den Tagen, wo auch in Calabrien fur die evangelische Lehre Blutstrome geflossen waren und Scheiterhaufen loderten ... Paolo Vigo war infolge einer Bekanntschaft mit Fra Federigo in seinen Kanzelreden verdachtig und dem Kloster Firmiano zur Correction ubergeben worden ... Allen diesen Verhaltnissen hatte der Erzbischof seine volle Aufmerksamkeit geschenkt, wusste, dass Cosenzas Kirchenfurst vom Guardian zu San-Firmiano Bericht uber Bericht uber die Umwandlung erhielt, welche mit den unter seine Obhut gegebenen Spielern, Fluchern, Gotteslasterern vor sich gegangen war und dennoch gab er auf die Frage, ob nicht endlich die jetzt so anerkennenswerthen Bewohner des Klosters in ihre Aemter zuruckkehren durften, keine entscheidende Antwort ...

Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Starkung zu sich genommen ... Der alte Franz Bosbeck, der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft sich ruhmen zu konnen gehofft hatte, war er nicht mehr ... Die lange Kette seiner Lebenserfahrungen war zu druckend und schwer geworden ...

Schon war es uber zehn Uhr nach italienischem Zifferblatt die dritte Stunde seine Klostergenossen mussten schon schlafen wecken wollte er niemand, da ohnehin die Matutin in den nachsten zwei Stunden sie wach rief ... So unterbrach er sein Steigen auf dem schmalen Felsenpfade und setzte sich auf einen verwitterten, mit Moosflechten uberzogenen Stein, traurig hinausblickend in die grune Wildniss, in die stille Mondnacht, in die rauschenden Wassersturze am Abhang des Felsens hinaus in jene noch entlegenere Einsamkeit, wo ein deutscher Schwarmer seit langer als zehn Jahren unter Buchern, Schriften und landlichen Beschaftigungen sich vergraben hatte ...

Alles nachste rundum und in der Ferne war grabesstill auch San-Giovanni, das zum Handausstrecken vor ihm liegen blieb, ob er gleich um eine Stunde Weges schon von ihm entfernt war ... Die Schwester Paolo Vigo's wiedergesehen zu haben, die Erwahnung des "feurigen Hundes", der Anblick des Kreuzes uber dem Neto alles das hatte machtig die alten Erinnerungen seines Lebens geweckt ...

Welche Reihe von Schicksalen konnte er uberblikken ! ...

Seine Jugend verlebt unter Raubern ... Die einsame Muhle eines Diebshehlers ... Die Gefangennahme der Picard'schen Bande ... Das Hochgericht ... Die Meeresfahrt des hollandischen Rekruten ... Java mit seinen braunen Menschen, Palmen, Lowen, Schlangenbeschworern ... Wieder dann Europa ... Deutschland, zur Zeit Napoleon's Schloss Neuhof mit seinen grunen Waldern Der grimme Wittekind Hedwig, seine geopferte Liebe ... Brigitte von Gulpen's Betrug ... Die Flucht in ein schutzendes Kloster die Verwilderung der dortigen geistlichen Zucht sein treuer Beistand durch Abt Henricus seine Reisen seine That am melancholischen Bruder Fulgentius, den seine Hand vom Riegel nicht losschnitt, an dem er sich erhangt hatte die Begegnung mit Hammaker, einem so hochgebildeten Manne, der dennoch ein Morder werden konnte mit Klingsohr mit Lucinden die Flucht in den blitzgespaltenen Eichbaum die Flucht nach Italien die Gefangenschaft auf SanPietro in Montorio die Nacht auf Villa Rucca Pasqualetto's Tod dann seine Reise, um den Bischof von Macerata und den Pilger von Loretto zu entdekken ...

Wie fuhrte ihn schon allein die Erwahnung des treuen "Sultan", welcher durch Paolo Vigo, den Pfarrer von San-Giovanni, ein so trauriges Ende nehmen sollte, so lebhaft in die Tage zuruck, wo Italiens Reiz dem "christlichen Schamanen", wie ihn Klingsohr genannt, die alte Abenteuerlust weckte ! ...

Als damals Hubertus, entlassen und abgesandt vom Fursten Rucca, vom Cardinal Ceccone, von Lucinden und vom frommen Monch Ambrosi, dem bischoflichen Kapitel von Macerata gerathen hatte, die wunderthatige Madonna zu verbergen, hatte er sich die Bevolkerung der nordlichen Felsenkuste des Kirchenstaats zu Bundesgenossen fur die Ausfuhrung der Befreiung des Bischofs gemacht ... Durch die Volkswuth uber die fehlende Madonna geangstigt, lieferten die Anhanger Grizzifalcone's den Bischof ohne Losegeld aus ... Ueber den Pilger von Loretto jedoch hatte Hubertus vergebens gesucht, irgend etwas in Erfahrung zu bringen ... Schon konnte sich Verdacht regen, dass wol gar der gespenstische fremde Monch, der, ohne sich deutlich ausdrucken zu konnen bettelnd bald hier bald dort auftauchte, selbst der Morder des Grizzifalcone sein mochte ... Hubertus mied die ausgestellten Wachen der Schmuggler, mied die Gensdarmen, welchen er schwerlich, in Folge der Rucca'schen Drohungen, eine willkommene Erscheinung sein konnte, und quartierte sich auf einer Strecke von zehn Miglien bald an der Kuste bei Fischern, Zollnern ein, bald landeinwarts sich wagend, in Klostern oder bei einsamen Hauslern ...

Vorausgeeilt war er der Kunde, dass Grizzifalcone in Rom von der Hand eines Monchs gefallen war ... Er vernahm sie zuerst im Kreise von zechenden und ihre Beute theilenden Schmugglern ... An der Art, wie sie ihre Dolche schwangen und ihm Rache schwuren, erkannte er seine Gefahr ... Von den vielen Wohnungen, welche der Rauberhauptmann innezuhaben pflegte, hatte er eine nach der andern durchspaht und nichts konnte er in ihnen von einem Gefangenen entdekken ...

Da schloss sich ihm eines Morgens ein Hund an, der, von langer Wegwanderung so hinfallig wie er selbst, ihm zur Seite schlich, anfangs ihm einen unheimlichen Eindruck machte, dem er ausweichen musste, der aber dann immer mehr sein Mitleid erregte ... Mit dem Wenigen, was er selbst noch an Esswaaren bei sich trug, erquickte er das verhungerte Thier ... Der Hund umschnupperte ihn, wie einen alten Bekannten ... Auffallend war ihm der stete Trieb des Thiers, zum Meeresstrand zu gelangen ... Schon war vorgekommen, dass gegenuber kleinen Eilanden, die vom Felsenufer abgerissen aus dem Meeresspiegel aufragten, sein Begleiter ins Wasser sprang, hinuber zu schwimmen versuchte und vom machtigen Wogendrang zuruckgeworfen, winselnd wieder zu seinen Fussen kroch ... Hubertus war ein zu guter Jager, um sich nicht zu sagen: Dem Thier muss irgend eine grosse Sehnsucht inne wohnen, der nur die Sprache fehlt ...

Jener Felseneilande gab es hie und da grossere ... Sie schienen bewohnt; wenigstens wurden sie dann und wann, besonders im Abenddunkel, von Nachen umfahren ... An einem der schroffsten, zu welchem gewiss eine schutzende Bucht gehorte, die sich, da sie dem Meere zulag, dem Auge nur entzog, entdeckte Hubertus die Segel eines schon leidlich grossen Schiffes ... Das Benehmen des Hundes, das Spitzen seines Ohrs, sein heiseres unterdrucktes Bellen erschien ihm immer auffallender ... Schon nahm Hubertus an, das treue Thier hatte wol gar dem Pasqualetto selbst gehort und suchte zu den nachsten Verbundeten des Raubers zuruckzukommen ...

Seine Erkundigungen machten ihm immer mehr und mehr wahrscheinlich, dass jene wie ein riesiger Felsenzahn aus dem Meer aufragende Klippe die Stelle war, die er suchte ... Eine unruhige, uber Entschlusse brutende Nacht verbrachte er auf dem Steingeroll am felsigen Ufer ... Hubertus setzte sich der Gefahr aus, vom Anwachsen der Flut verschlungen zu werden ... Ueber ihm ragten die starren Haupter der Kuste, umflattert von aufgeschreckten Seegeiern ... Zuweilen liessen sich oben die Stimmen dort hanthierender Menschen vernehmen ... Um Mitternacht tauchten auf dem Wasserspiegel Segel auf ... Deutlich sah Hubertus, wie nur immer und immer druben die eine Klippe gesucht wurde ... Schon richtete sein bei Nacht doppelt wachsamer Hund Auge und Ohr mit starrem Verlangen hinuber ...

Plotzlich horte Hubertus in der Nahe des Ufers ein Rauschen ... Er erhob sich von seinem Versteck am Fuss des feuchten Felsens, den nur zu bald wieder die herantretende Flut bespulen konnte, hielt dem Hund, um durch sein Bellen nicht verrathen zu werden, fest die Lefzen zusammen und lauschte, ob es wol eine Barke war, was am Kieselsand die Felsenkuste entlang so anschlug und vom Wellenschlag mehr geworfen, als getragen wurde ...

Vom Seetang, auf welchem Hubertus ruhte, kroch er vor und entdeckte einen Kahn, den ein einziger Ruderer mit grosster Anstrengung fuhrte ... Ein Moment und Hubertus rief sogleich in seiner humoristischen Zutraulichkeit: Heda, seid Ihr's denn ? Endlich! Endlich! ...

Ja, Tonello! lautete die Antwort ... Sind die Kisten herunter? ...

Die Kisten herunter ? dachte Hubertus . Sie lassen oben an Stricken die Schmuggelwaaren herunter, die zu Wasser dann am Ufer entlang weiter gefuhrt werden sollen ... Rasch hatte er seine Kutte ausgezogen, sie wie einen Mantelsack zusammengerollt, auch die Sandalen von den Fussen geschnallt, alles, um nicht auf den ersten Blick als Monch erkannt zu werden ... Ebenso schnell nahm er die volle Sprache eines Hollanders an ... Da er der Tonello nicht sein konnte, wollte er sich wenigstens fur einen mit Tonello im Einvernehmen stehenden fremden Matrosen geben ...

Inzwischen war die Barke ganz um den Felsenvorsprung herumgekommen ... Ihr Fuhrer war ein junger Bursche ... Nicht wenig erstaunte er, hier statt des Tonello einen halbnackten Menschen zu finden, der sich ihm durch unverstandliche Reden, aber deutliche Geberden, vorzugsweise durch ein Zeigen bald aufs Meer, bald auf seinen Hals, dem gewiss die Schlinge drohe, als einen Ausreisser von seinem Schiffe zu erkennen gab, der mit den oben vorausgesetzten Helfershelfern im Einvernehmen stand ...

Ohne weiteres deutete Hubertus an, der Schiffer mochte ihn ja in seine Barke aufnehmen und auf den Felsen hinuberfahren, wohin schon lange die andern, so sprach mit unwiderstehlicher Beredsamkeit sein Mienenspiel, voraus waren ...

Durch sein Fragen bestimmte der Bursche schon immer selbst die Antworten, die Hubertus geben konnte ... Und bald war die Barke dem Ufer so nahe, dass sein Hund nur einen Satz brauchte, um hinuberzuspringen ... Hubertus folgte, ergriff noch ein zweites Ruder, das am Boden lag, und deutete auf den Felsen, dem zusteuern zu sollen der Bursche unausgesetzt in einer kauderwelschen Sprache von ihm bedeutet wurde; die Genossen hier am Meer gehorten allen Nationen an; vorzugsweise fehlten fluchtige Matrosen von Dalmatiens Kuste nicht, deren Sprache vielleicht nach des Knaben Meinung es war, die der halbnackte Mensch mit dem grinsenden Todtengesicht sprach ... Hubertus hatte seine Kutte mit seiner weissen Schnur umwickelt ...

Je mehr Hubertus durcheinander sprach, desto sichrer wurde der Knabe und noch sichrer musste ihn das Benehmen des Hundes machen, der mit vorgestreckter Schnauze und aufgereckten Ohren wie auf dem Sprunge stand keine Muskel ruhrte, das Auge unverwandt dem Felsen zu gerichtet ... Die gluckliche Erwartung des Thiers verrieth dann und wann ein leises kurzes Bellen ...

Die Fahrt dauerte langer, als sich Hubertus vorgestellt ... Das Meer lag durchaus ruhig und doch ging bis zum Landen eine Stunde hin ...

Die wunderlichsten Bewegungen, Sprunge und das kurze Bellen des Hundes mehrten sich ... Kaum war der Nachen an einem zum Landen geeigneten Vorsprung des Ufers angekommen, so war Hubertus nicht mehr im Stande, dem Knaben Auskunft zu geben; denn sein Hund sprang wie der Blitz aus dem Nachen und im Zanken daruber, im Begehren, den Fluchtling festzuhalten, konnte ihm Hubertus nacheilen ohne damit aufzufallen ... Satz uber Satz ging es vorwarts, als ware der Hund auf der Insel zu Hause ... Kaum konnte Hubertus folgen ...

Nun musst' er wol furchten, der Hund mochte den Raubern gehoren, deren Anwesenheit ihm jetzt aus Tonnen, Waarenballen, grossen runden Flaschen, wie sie auf Schiffen gebraucht werden, unzweifelhaft wurde ... Erkannte man ihn, so hatte seine letzte Stunde geschlagen ...

Alles blieb still ... Die Waaren lagen aufgespeichert unter den Wolbungen hoher Felsgesteine, verborgen von wildwucherndem Strauchwerk ... Manche dieser Wolbungen waren tiefgehende Hohlen ... Der hellste Mondschein liess alles deutlich erkennen ... Im Schneckengang wand sich der oft schlupfrige und unterm Fuss zerbrockelnde Felsenpfad hinauf, bis endlich ein lautes Bellen des Thieres anzeigte, dass seine Anstrengungen belohnt waren ... Hubertus folgte und sah, wie der Hund an einem Holzgatter kratzte, das einen mannshohen Felsenspalt verschloss ... Offenbar war dieser hinterwarts sich erweiternde Raum eine menschliche Wohnung ... Hell schien an einer andern Seite, der See zu, durch einen kleinern Spalt das Licht des Mondes ...

Kaum hatte Hubertus, den Hund beschwichtigend, die Pforte des Gitters ergriffen und sie geschlossen gefunden, kaum einige Gerathschaften wie Tische, Sessel unterschieden, so beschien auch vom jenseitigen, zum Meer gehenden Spalt aus der Mond eine auf einem Lager am Boden ausgestreckte menschliche Gestalt ...

Die Freude, die Aufregung des Hundes war nicht mehr zu stillen ... Hubertus schwebte zwischen Leben und Tod ... Gleichviel ob dort der Pilger, der Gefangene Pasqualetto's, lag oder ein Angehoriger der Rauber, sein Leben hing an einem Haar ... Er packte den Hund und erstickte ihn fast durch Zusammenwurgen der Kehle ...

Der Schlafer auf dem Lager erhob sich indessen ... Hubertus sah einen Kopf, den ein langer weisser Bart umflutete ... Es war nicht moglich, die Gesichtszuge zu erkennen ... Die Gestalt erhob sich allmahlich ... Der Mondstrahl der jenseitigen Felsoffnung beleuchtete sie ... Der Mann kam langsam naher und mit einer Hubertus nun bekannten Stimme horte er auf italienisch: Was ist dein Begehr? Weisst du nicht, dass der Eingang am andern Gitter ist ? ...

Jetzt unterbrach der Gefangene sich schon selbst ... Er erkannte den Hund und sank zu diesem nieder ... Machtlos streckte er durch das Gitter die Hande nach ihm aus ...

Hubertus liess die Kehle des Thieres jetzt frei und sagte in deutscher Sprache: Mann! Mann! Du bist es! Gott gelobt! Ich komme, dich zu befreien! Erhebe dich! Auf! Auf! Verweilen bringt Gefahr ...

Noch hatte Fra Federigo, der es war, nicht die Sprache gewonnen; er sah nur auf seinen Hund ... Aus Piemont bis hieher war ihm das treue Thier gefolgt ... Hubertus konnte nun dem Thier nicht mehr wehren; durch lautes Bellen gab es seine Freude kund ... Aber ohne Zweifel gab es auf dem einsamen Felsen Schlafer, die geweckt werden konnten ... Auch Federigo erhob sich jetzt von seinem Niederknieen, hielt seine Hande durchs Gitter, zog den sich aufbaumenden Sultan zartlich an sich und suchte ihn zu beruhigen ...

Inzwischen entdeckte Hubertus die Stelle, wo ein Eingang hinter dem Felsen an der Meeresseite lag und wie dieser zu erreichen war ... Er entdeckte ein Bret das von den Raubern aufgelegt und wieder weggenommen werden konnte und das den Zugang zur Hohle bildete ... Das Bret stand an die Felsenwand gelehnt und musste uber eine Spalte gelegt werden, unter welcher ein tiefer Abgrund gahnte ... Hubertus hatte Muhe, den Hund zuruckzuhalten, der schon Miene machte, hinuberzuspringen ...

Glucklicherweise schwieg jetzt Sultan und winselte nur vor Begier, uber die furchtbare Lucke zu kommen! ... Hubertus legte das Bret sorgfaltig auf und konnte auf eine andere Kante des Felsens gelangen, auf welcher sich bequem bis zu jener dem Meere zu gelegenen Oeffnung gehen liess, die in halber Manneshohe den Eingang bildete ...

Da fand denn Hubertus seinen Reisegefahrten, den Pilger von Loretto ... Er fand den greisen, einem Schatten ahnlichen Bewohner dieses grausamen Behalters, eines Nestes fur Raubvogel fand ihn in den Umarmungen seines Thieres, die Augen voll Thranen und sprachlos vor Bewunderung und Freude ...

Zu Verstandigungen war keine Zeit gegeben ... Hubertus, gleichfalls vom Pilger sofort als der Gefahrte jenes deutschen Monches Klingsohr erkannt, drangte zu sofortiger Flucht ... Lasst mich hier sterben! sprach Federigo ... Doch Hubertus zog ihn an die Oeffnung und deutete auf Stimmen, die am Fuss des Felsens ihm vernehmbar schienen ... Es ist die Welle, die brandet! sagte Federigo und tastete schon unwillkurlich nach seinem Pilgerkleide, raffte einige Wasche zusammen und suchte seinen Stab ...

Ich bringe Euch nach Rom! sprach Hubertus. Mich schicken Eure Befreier! Wer weiss, ob diese Bosewichter, wenn ich auch den Kahn gewinne und allein entfliehen wollte, Euch nicht inzwischen an einen andern Ort fuhren, falls ich auch morgen mit der Kustenwache hier eintrafe und Euch abholen wollte ... Kommt lieber sogleich! ... Ihr habt Recht, nur die Brandung ist's! ... Wohlan Gut Heil ! ...

Hubertus half dem Greise zusammenraffen, was um ihn her ausgebreitet lag und nur irgend rasch zu erfassen war ... Selbst die Decken, auf denen er schlief, burdete er sich auf; die Papiere, auf die ihn Rucca so ausdrucklich verwiesen hatte, ballte er zusammen ... Der Hund hupfte und tanzelte nur um beide her und schon waren sie zur Oeffnung hinaus, schon schwankte Federigo auf dem schmalen Stege uber die grausige Tiefe schon rafften sie die andern Sachen zusammen, die sie ans Gitter der grosseren Oeffnung geworfen hatten, schon schickten sie sich an, in eilendem Schritt den Felsenpfad hinunter zu entfliehen und das Ufer und den Nachen zu gewinnen ...

Das kluge Thier, gleichsam als merkte es die Vorsicht, die hier zu uben war, begleitete sein Laufen und Wiederlaufen, sein Springen und Schmeicheln nur mit einem leisen freudigen Winseln ... Aber dennoch war es auf dem Eilande lebendig geworden ... Federigo hielt inne ... Lichter schwankten unterwarts am Gestade auf und nieder, Fackeln leuchteten auf, Laternen ... Durch einen Spalt des immer noch schroffen Gesteins sah Hubertus, dass der Knabe den Nachen verlassen hatte und wahrscheinlich zum Lager der Rauber gegangen war und diese geweckt hatte ... Vorwarts! Vorwarts! trieb er den Befreiten an ... Dieser folgte, sprach aber besorgt den Namen Grizzifalcone's aus ...

Wisst Ihr denn nicht, dass Euer Peiniger todt ist? flusterte Hubertus ...

Er ist todt seit acht Tagen wiederholte er dem Staunenden und setzte hinzu: Und ich bin es selbst, der ihn erlegte ...

Unglucklicher! rief Federigo voll Entsetzen uber diese Tollkuhnheit und die mogliche Rache seiner Genossen ... Er hielt aufs neue seine Schritte an ... Nun aber war schon der Weg zu schroff, als dass sein Fuss sich noch selbst regieren konnte; er musste vorwarts wider Willen ...

Indessen wuchs der Larm an den Stellen, wo man Licht bemerkt hatte ... Nur noch hundert Schritte waren die Fliehenden entfernt vom Nachen; dennoch konnte der kurze Weg den Tod bringen ... Die Gefahr wuchs, als Sultan die Herbeieilenden bemerkte, wuthend zu bellen anfing und sich zum Angriff rustete ... Schon sprang er einigen Mannern entgegen, die mit Pistolen und Flinten, halbnackt und schlaftrunken, von einem Felsenvorsprung her sich naherten ...

Indessen hatte Hubertus den Nachen gewonnen und den ermatteten Federigo mit Gewalt vom Ufer zu sich herubergezogen ...

Sultan! Sultan! riefen beide im schaukelnden Kahne, den Hubertus schon losband ...

Da blitzte Pulver auf den Feuerrohren der Ankommenden auf, Schusse fielen, Kugeln sausten ... Daruber flog der Nachen vom Ufer ...

Sultan, der nachsprang und von Federigo's ausgestreckten beiden Armen nachgezogen werden sollte, sank unter, getroffen von einer Kugel, die seinem Herrn gegolten ... Von der unruhigen Brandung geschleudert flog der Nachen machtlos in die Weite ... Das treue Thier blieb auf dem Meeresgrund oder in der Gewalt der Verfolger zuruck ...

Mit einem Schmerz, der sich in lauten Jammertonen kund gab, brach Federigo auf dem Boden des Fahrzeugs zusammen ...

Ja dieser wunderbaren Nacht mit ihrem Gefolge von Freude und herzzerreissendem Leid musste jetzt Hubertus gedenken auf dem stillsten Orte der Welt, in diesem einsamen Gebirgsthal Calabriens, ruhend auf einem Stein, um den selbst die Eidechsen und Kafer jetzt schliefen ... Bilder des Kampfes, Bilder neuer Gefahren traten vor sein erregtes Gemuth ... Eine Ahnung, welche mit dem von Neapel hinweggenommenen Eindruck der Falschheit zusammenhing, sagte dem schlichten Mann, der alles, nur kein Menschenkenner war: Wenn sich Federigo's ruheloses Leben erneuerte! Wenn der hochbetagte Greis in seinem dustern Waldesdunkel nicht langer sicher bliebe! ...

Seit jener Flucht vom Felseneiland bei Ascoli waren fast zwolf Jahre vergangen ... Doch traten gerade heute alle Einzelheiten derselben vor die Seele des einsamen, hier wie am Grabe der Natur wachenden Wanderers ... Er gedachte, wie damals der erste Schmerz um den Verlust des wie man glauben musste todten Thieres alles andere uberwog wie die Fluchtlinge damals sich vorstellen mussten, wie oft der brave Sultan gefangen gewesen sein musste, um ein Jahr zu brauchen, die Spur seines Herrn von Piemont bis zur Mark Ancona wiederzufinden ! ... Und am Ziel seines edlen Naturtriebes1 musste das treue Thier zusammenbrechen ...

Aber Hubertus gedachte nun auch, wie damals mit dem anbrechenden Tage die Sorge wuchs und ihre Krafte nicht mehr ausreichten, den Nachen zu regieren wie der Nachen ans Ufer getrieben wurde und die Landung neue Gefahren brachte, da Federigo dem Vorschlag, sich den Grenzbeamten zu uberliefern und nach Rom zu fliehen, aufs allerentschiedenste widersprach, immer und immer als das Ziel seiner vor dreiviertel Jahren unterbrochenen Pilgerschaft nach Loretto, das er sich nur der Merkwurdigkeit und des allgemeinen Pilgerstromes wegen hatte ansehen wollen, nur den Silaswald in Calabrien bezeichnete ... Wie erbebte noch jetzt des guten Bruders Theilnahme unter der Erinnerung an die seltsamen Grunde, welche fur diese Reise damals Federigo angab und Hubertus wol schwerlich sammtlich erfahren hatte ...

Die von Ceccone geleiteten Faden der Verlockung der Bandiera in einen Aufstand der Rauber hatten ebenso in Federigo's Handen gelegen, wie die jener Mittel, durch welche sich Grizzifalcone die Erkenntlichkeit des Fursten Rucca erwerben wollte ... Jene Listen, welche er dem Rauber hatte schreiben mussen, besass er er warf sie zu Hubertus' Erstaunen zerrissen ins Meer ... Lebhafter war Federigo's Drang, die Insurgenten in Korfu zu warnen ... Federigo hoffte irgendwo eine Post anzutreffen, um einen Brief nach Korfu an die ihm wohlbekannten Adressen der Emigration zu schicken ... Dies that er dann auch ... Um die Landung in Porto d'Ascoli zu hintertreiben, um vor den Namen zu warnen, die bisher nach Korfu gleichsam als Einverstandene und zur Invasion Ermunternde geschrieben hatten, ergriff er die erste Gelegenheit, um einige Zeilen aufzusetzen ... Hubertus erfuhr, dass der Gefangene in jener Hohle Briefe, deren Zusammenhang und Bestimmung er nicht kannte, anfangs harmlos geschrieben ... Als er die Absichten ahnte, die ihm die unheimlichsten schienen, zwangen ihm nur noch die furchtbarsten Qualen und Drohungen der von Cardinal Ceccone gedungenen Rauber die Feder in die Hand ...

Eine Folge der, des unsichern Postganges wegen, mehrfach aufgesetzten, aber in Korfu richtig angekommenen Briefe war dann die Landung der Bandiera in Calabrien ... In jenem Briefe Attilio's, von welchem damals in Bertinazzi's Loge sich Benno so machtig hatte aufregen lassen, waren diese Mittheilungen Federigo's sammtlich wiedergegeben worden ...

Langsam kamen der Gerettete und Hubertus, welcher sich von seinem neuen Freunde nicht zu trennen vermochte, durch die Abhange des Monte Sasso und durch die Abruzzen ... Endlich erreichten sie jenen alten Wald, in welchem Federigo seine Tage beschliessen wollte ... Die religiosen Gesprache des Pilgers, seine genaue Bekanntschaft mit jenem deutschen Landstrich, wo Hubertus soviel Freude und Leid erfahren, des Pilgers Bekanntschaft mit soviel Personen, die in die schmerzlichsten Schicksale seines Lebens verwickelt waren, fesselten ihn in dem Grade an den deutschen greisen Sonderling, dass er sich nicht mehr von ihm trennen mochte ... Durch ihn liess er dann an Lucinden nach Rom schreiben, bat sie, seinen Aufenthalt vorlaufig noch dem Cardinal und dem Fursten Rucca zu verschweigen, fugte hinzu, sie mochte ihm insgeheim von seinem General die Erlaubniss erwirken, in San-Firmiano, einem Franciscanerkloster, bleiben zu durfen, das glucklicherweise in der Nahe des Ortes lag, wo sich Federigo seine Hutte gebaut ... Sein fruherer Pflegling, Pater Sebastus, war genesen und hatte eine seinen Wunschen entsprechende Stellung gefunden ... Lucinde vermittelte alles, was er wunschte und seine Bitte wurde gewahrt ...

Durch eine wunderbare Fugung des Zufalls traf es sich auch, dass gerade dies plotzliche Verschlagenwerden nach dem Suden Italiens zugleich die Anknupfungen an eine so lange von Hubertus verfolgte Absicht bot, sein von Brigitte von Gulpen ererbtes Vermogen dem verhassten Kloster Himmelpfort zu entziehen und zweien Personen zuzuwenden, die ihm seine von Gott ihm auf die Seele gebundenen Kinder schienen, da sie einst in seinen Armen gerettet blieben bei jenem verzweifelten Sprunge aus der Hohe eines brennenden Hauses in Holland ...

Einer derselben hatte seine Gute nicht verdient ... Und doch hatte wiederum Jan Picard, damals Dionysius Schneid genannt, aus dem Brand von Westerhof von ihm gerettet werden mussen ... Anderthalb Jahre war es damals her, dass Lob Seligmann am Eingang zur Kirche des Klosters Himmelpfort jenes furchtbare Krachen gehort und im Todtengewolbe Licht gesehen hatte ... Damals benutzte Hubertus die gerade noch im Bau begriffene Begrabnissstatte des Kronsyndikus, um den muthmasslichen Brandstifter im Todtengewolbe der Kirche zu verbergen ... Die machtige Marmorplatte, auf welche Namen und Wurden des Geschiedenen gemeisselt werden sollten, liess er oberhalb der Grube niederfallen, in die sein damals noch unwiderstehlicher Arm den Verwundeten uber die hinunterfuhrende Leiter trug ... Fur einige Augenblicke machte er dann Licht und bereitete unter den Sargen dem Kranken ein Lager ... Seine Drohungen musste Jan Picard aus einem so entschlossenen Munde fur Ernst nehmen ... Drei Tage und drei Nachte verpflegte ihn Hubertus, ohne in den Verstockten dringen, ganz seine auf Westerhof vollfuhrte That erforschen zu konnen ... Sein Interesse fur Terschka, seine Sorge fur den auf seiner Zelle und unter des Pater Maurus' Zucht verzweifelnden Klingsohr bestimmten ihn, diese Last sich je eher je lieber abzuschutteln ... Lucinden hatte er das Wort gegeben, ihn nicht zu verrathen ... Zugleich vertraute er dem Ton der Verstellung, die von einer dumpfen Bigotterie, die in Picard lebte, unterstutzt wurde, nahm von ihm das Gelobniss der Besserung entgegen, liess den gegen religiose Eindrucke nicht Verschlossenen bei einem der auf den Grabern angebrachten Kreuze schworen und vertraute dem Versprechen, dass der Zogling der Galeeren nach Amerika auswandern und dort mit Hulfe der grossen Summe, die er ihm fur diesen Fall bestimmt hatte, ein neues Leben beginnen wolle ... Diese Summe, vor kurzem erst erhoben, trug Hubertus in Papieren bei sich ... Die Ueberraschung und Geldgier des Raubers nahm die Form einer Dankbarkeit an, die aufrichtig schien ... Picard vermass sich hoch und theuer, an den Ufern irgend eines der Strome Amerikas Grundbesitz kaufen und sein Leben hinfort nur noch der Reue und Arbeit widmen zu wollen ... Nach einigen Tagen, wahrend ihn Hubertus unter den Sargen verpflegt hatte, brachte er ihn mit grosster Behutsamkeit auf den Weg nach Bremen ...

Picard ging, wie wir wissen, uber London und gerieth unter seine gewohnte Gesellschaft ... Er verthat die fur England nicht zu grosse Summe in kurzer Zeit ... Ohne Mittel, fiel er in seine fruhern Gewohnheiten zuruck ... Die franzosische Sprache, deren er machtig war, die anfanglich ihm so reich zu Gebote stehenden Summen hatten ihn in Verbindungen gebracht, die weit uber die Sphare gingen, auf welche seine rohe Bildung angewiesen war ... So war es moglich geworden, dass er Terschka begegnete, den er von Westerhof kannte ... Ohne sich ihm als Dionysius Schneid zu erkennen zu geben seine kunstreichen Perucken sind uns vom Finkenhof her bekannt knupfte er an die ihm von Hubertus ausgesprochenen Vermuthungen uber Terschka's Person an, erinnerte an ihre gemeinschaftlich bei einem Muller, spater bei einem Scharfrichter verlebte Jugendzeit und hatte, da sich Terschka, trotz der lockenden Aufforderung, die sein Jugendgespiele an ihn richtete, er sollte sich getrost die auch ihm bestimmte Summe vom alten Jugendkameraden, Franz Bosbeck, dem jetzigen narrischen Monch Hubertus kommen lassen, befremdet und hochst entrustet zeigte und diese Reden zuruckwies, die Frechheit, Terschka's Rock- und Hemdarmel aufzureissen und ihm das hollandische Brandmal der Verbrecher auf seinem Arm zu zeigen ... Terschka, nun zum Schweigen verurtheilt, kampfte mit sich, was er thun sollte ... Hubertus war nach Italien gegangen; eine Correspondenz mit dem in Rom auf San-Pietro in Montorio Verweilenden war nicht moglich, ohne sein Geheimniss noch mehr zu compromittiren; die grosse Summe reizte ihn aber fur ihn bestimmt war sie in Witoborn niedergelegt ... Terschka musste sie zu bekommen suchen ...

Einstweilen suchte sich Terschka Picard's selbst zu entledigen ... Die Reihen der Emigrationen waren von je gemischt ... Mit dem Schein des politischen Fluchtlings umgibt sich der betrugerische und fluchtige Bankrottirer, der Spion, der falsche Spieler ... Unter den verbannten Karlisten und Sicilianern gab es Charaktere, fur deren erste Lebensanfange niemand gutsagen konnte ... Nicht nur Ceccone's Intrigue, die Intrigue der meisten Regierungen ging in England dahin, irgendwie in das innere Getriebe der Conspirationen einzutreten. Zu Horchern und Provocatoren geben sich dann reine Charaktere nicht her so mussten sich den oft phantastischen und der Welt unkundigen Edelgesinnten Betruger zugesellen ... Das grosse Weltgewuhl erschwert die gegenseitigen Prufungen ... Picard, der seit Jahren schon verschiedene Namen gefuhrt und in den abwechselndsten Lagen gelebt hatte, schloss sich den fur Malta und Korfu geworbenen entschlossenen Revolutionaren an ... Boccheciampo, ein ehemaliger sicilianischer Bravo, ging wie jeder andere Fluchtling unter einer Mehrzahl unbescholtener und den reinsten Ueberzeugungen lebender Manner .... Diesem schloss sich Picard an ... Mit goldenen Ringen, Uhrketten uberladen, nannte er sich einen Belgier van der Meulen ... Boccheciampo leitete jene Intrigue des Cardinals Ceccone, der zufolge mit den romischen Invasionen der Fluchtlinge, um sie zu compromittiren, die Rauberelemente der Mark Ancona und der Abruzzen verbunden werden sollten ... Van der Meulen reiste mit Boccheciampo uber Gibraltar und Malta nach Korfu ... Hier musterten die Bandiera ihr Fahnlein und beurtheilten es im besten Vertrauen auf die Burgschaft der londoner Absender ... Schon sollte ein von ihnen gemiethetes und commandirtes Schiff nach Porto d'Ascoli in See stechen, als die Briefe des von Hubertus befreiten Federigo ankamen und die Insurgenten vor einer ihnen gelegten Falle warnten ... So spielte sich der Schauplatz der demnach schon im Keim hoffnungslosen Unternehmung auf eine andere Stelle Italiens, wo eine gleichzeitige Erhebung Siciliens in Aussicht gestellt wurde ...

Hier offenbarten sich die schlechten Elemente, die sich unter den Insurgenten befanden2... Mit der dreifarbigen Fahne marschirten die Verschworenen, die in Punta d'Allice landeten, uber Rossano auf Salerno zu, wo gleichfalls eine Erhebung angesagt war ... Aber im Gegentheil; vorbereitet fand man uberall nur den Widerstand; sammtliche Burgergarden waren einberufen ... Wuchs auch der Haufen der Insurgenten von Ort zu Ort, so konnte er doch die erste Begegnung mit regularen Truppen nicht aushalten ... Die Trummer des zersprengten Corps suchten Schutz auf dem hohen Kamm der Apenninen ...

Hier irrten sie bis auf die hochsten Gipfel und bis da hinauf, wo im schmelzenden Schnee die Strome des Neto, Leso, Arvo ihren Ursprung nehmen ... Hubertus erfuhr im Kloster, dass die Bandiera mit zwanzig ihrer Angehorigen in jene Schlucht gedrungen waren, wo unter den Bluteichen Fra Federigo seine Hutte erbaut hatte ... Unruhig, ob sich die Nachricht bestatigte, dass von Spezzano aus eine Militarcolonne in den Wald rucken sollte, verliess Hubertus sein Kloster, ging die Windungen des Neto entlang und begegnete zweien zerlumpten, Banditen ahnlichen Mannern, die in Eile daherlaufend und sich scheu umblikkend ihn anriefen: Sind in San-Giovanni Soldaten? ... Kaum waren sie so nahe, um unter seine Kapuze zu blicken, so wandte sich der eine ... Die Stimme, die Hubertus gehort, schien ihm bekannt; der fluchtige Blick hatte ihm eine selbst in solcher Verwilderung erkennbare Physiognomie ins Gedachtniss gerufen ... Das ist ja Picard! sagte er sich mit dem hochsten Erstaunen und beflugelte seine Schritte, die Fluchtigen einzuholen ... Je lebhafter sie von ihm verfolgt wurden, desto schneller eilten sie vorwarts ... Bei SanGiovanni machten sie einen Umweg und schlichen unterwarts durch die Kornfelder ... Hubertus folgte rastlos; zumal da er sah, wie sie sich furchtsam die Mauern entlang druckten und den Schutz der Garten suchten ... Es ist Picard! wiederholte er sich. Picard, den ich in Amerika glaubte! Picard, der die Kraft meines Armes furchtet! ...

Der Ideenkreis unsres guten Hubertus war klein aber klar trat ihm Picard's Theilnahme an jener von Porto d'Ascoli aus irregeleiteten Unternehmung vors Auge ... Eine Gefahr, sowol fur die ihm durch Federigo's Mittheilung bemitleidenswerth gewordenen Bruder Bandiera, wie fur Federigo, welcher die der deutschen Sprache Kundigen vielleicht gastlich aufgenommen stand lebhaft vor seinen Augen ... Ahnend, dass die Fluchtlinge trotz der Soldaten ausdrucklich Spezzano suchten, schnitt er ihnen bei seiner schon gewonnenen Terrainkenntniss den Weg ab ...

Inzwischen kletterten die Fluchtlinge aus der Tiefe, die keinen Weg mehr bot, zur obersten Saumthierstrasse empor ... Hier erwartete sie jedoch schon der schreckhafte Monch, ein Knochenskelett ... Hubertus trat ihnen muthig entgegen ... Picard! rief er, noch zweifelnd; aber Picard war es, er erkannte den Rauber ... Zuruckbebend sagte dieser, und zum Tod erschrocken, in deutscher Sprache: Jesus Maria! Seid Ihr es, Bosbeck? Ich glaubte Euch in Rom! Dort wollt' ich Euch aufsuchen! Steht uns bei! Wir mussen nach Spezzano ... Sind Soldaten in Spezzano? unterbrach der andere auf italienisch ... Picard fuhr fort: Ist alles voruber, Alter so erzahl' ich Euch, wie schlecht es mir am Ohio gegangen ... Und wieder rief mit wildem Ungestum der andere: Sagt rasch, rasch, rasch; sind Soldaten in Spezzano? ...

Was wollt ihr mit Soldaten? antwortete Hubertus, der wohl begriff, dass des Italieners Worte nach Soldaten ein Verlangen nach ihnen und keine Besorgniss ausdruckte ... Sie werden euch fangen ! setzte er forschend hinzu. Gewiss seid ihr von der Bandiera-Bande aus Korfu ...

Das mag recht sein! erwiderte der andere es war Boccheciampo ... Aber nur schnell! Schnell! Fuhrt uns auf dem kurzesten Wege nach Spezzano! ...

Aus Dem, was die athemlosen und erschopften Manner sonst noch vorbrachten, ersah Hubertus, dass sich beide von den ubrigen Fluchtlingen getrennt hatten, sich mit den ausgestellten Posten der bewaffneten Macht in Verbindung zu setzen hofften und ohne Zweifel einen Zug anzeigen wollten, welchen, wie er erfuhr, der Rest der Insurrection von den Bluteichen aus diese Nacht uber den Kamm der Montagne delle Porcine hinweg unternehmen wollte, um den Meerbusen von Squillace und von dort die See zu gewinnen ... In San-Giovanni di Fiore, horte er, wurde dieser Zug um Mitternacht ankommen und leicht von den Truppen aufgehoben werden konnen, wenn diese ihm nicht sofort bis zu den Bluteichen entgegengehen wollten ... Hubertus sah die verratherische Absicht ...

Diesen Zug wollt ihr angeben? fragte er und hielt schon Picard's Arm fest ...

Picard kannte die Starke des Monchs und erblasste nicht wenig uber die funkelnden Augen, deren unheimliche, einer Kraftentfaltung vorausblitzende Macht er aus seinen Jugenderinnerungen heute zum zweiten mal wieder erkennen sollte ...

Mit dem Narren in die Holle! rief Boccheciampo, Hubertus' Gesinnung ahnend, zog ein Pistol und ergriff zu gleicher Zeit Picard's Arm, um seinen Gefahrten zu befreien und ihn sich nachzuziehen ...

Einen Augenblick fuhr Hubertus vor dem Pistol zuruck, sah auch, mit einem zuckenden Blitz des Auges, dass Picard mit der Linken ein blankes Messer aus seinen Lumpen zog ... Doch schon hatte den wilden Monch der Anblick zweier Bosewichter, die, um den Preis ihrer eigenen Freiheit, andere ins sichere Verderben ziehen wollten, zur Wuth entflammt ... Seine Hand druckte Picard's Arm so machtig, dass dieser aufschrie und seinen Arm fur gebrochen erklarte ...

Hubertus suchte am Felsen seinen Rucken zu dekken, ohne dabei Picard's rechten Arm loszulassen ...

Lasst mich! schrie dieser, drangte vorwarts und drohte mit seinem blitzenden Messer in der Linken ... Wie ein dem Ertrinken Naher, mit der ganzen fieberhaften Kraft, deren selbst die Feigheit fahig ist, wenn sie sich vor ausserster Gefahr zu retten sucht, suchte sich Picard loszuwinden und dem Italiener zu folgen, dessen Pistol sich jetzt zur Mehrung seiner Wuth als nicht geladen erwies ...

Nun musste Hubertus auch Boccheciampo abwehren ... Alle drei rangen ... Hubertus gegen zwei ... Immer naher kam der wilde Knaul dem jahen Abgrund des Felsenweges ... Mit verzweifelnder Anstrengung wollten sich die Ringenden der andern Seite zuwenden, wo die Felswand wieder hoher emporstieg ... Da riss sich mit einer hohnischen Lache Boccheciampo plotzlich aus dem Knaul los, sturzte die andern vom Rand des Weges in die Tiefe und entfloh ...

Mit einem gellenden Schrei suchte Picard sich im Fall zu halten Vergebens; die beiden Sinkenden glitten tiefer und tiefer ... Unten rauschte die wilde Flut des Neto ... Hubertus hielt sich an einer hervorragenden Strauchwurzel ein Moment und er horte, dass Picard, der die Besinnung verloren hatte, unaufhaltsam in die zuletzt nur noch schroff sich absenkende Tiefe sturzte ...

Eine Besinnung, eine Entschlussnahme war anfangs auch fur Hubertus nicht moglich ... Eine Viertelstunde verging, bis er so viel Kraft gesammelt hatte, um sich wieder auf die Strasse hinaufzuarbeiten ... Da horte er in der Ferne Schusse ... Als er auf die Strasse kam, hatte sie ein Piket Soldaten besetzt und hielt Boccheciampo gefangen ... Auch den Monch nahm man mit und liess ihn streng bewachen ...

In der Nacht kronte sich Boccheciampo's Verrath ... Aus dem Thurm zu San-Giovanni, in welchen Hubertus, ohne die Fluchtlinge warnen zu konnen, gefangen gesetzt wurde, vernahm er, wie oberhalb Firmiano's, wo ein einsamer, unbekannter Waldweg uber den hochsten Gebirgskamm fuhrt, ein kurzer verzweifelter Kampf der kleinen Schaar stattfand, die auf ihrem Wege gekreuzt und zuletzt gefangen genommen wurde ... Boccheciampo hatte den Soldaten die richtige Anzeige ihres nachtlichen Zugs gemacht ... Man fuhrte die Verlorenen nach Cosenza ...

Auch Fra Hubertus wurde spater dorthin abgefuhrt ... Der Erzbischof nahm sich des Klerikers an, berichtete an den General der Franciscaner nach Rom und wieder kam die Weisung, den Worten des Bruders Hubertus vollen Glauben zu schenken und ihm jede Nachsicht zu gewahren ... Die Nachforschung nach dem verungluckten Gefahrten des mit Pension nach Stromboli geschickten Boccheciampo gerieth ins Stocken ... Einige Wochen nach Hinrichtung der Bandiera, kam Hubertus auf freien Fuss ...

Wie Hubertus erst heute wieder jene Stelle des Ringkampfs gesehen, wie er jetzt zu jenem Felsenpfade uber sich emporblickte, der damals ein Todespfad fur zwanzig Menschen geworden war, brachte ihm die bange Stimmung seines Gemuths in voller Gegenwartigkeit auch den Augenblick zuruck, wo er damals, nach Entlassung aus seiner Haft in Cosenza, von jenem Kreuze aus, das er am verhangnissvollen Orte vom Sindico zu San-Giovanni auf Befehl der Regierung errichtet fand, ein Wagstuck vollfuhrte, welches allen, die davon erfuhren, unglaublich erschien ...

Mit Stricken, Hacke und Beil stieg der Tollkuhne am schroffen Felsabhang nieder und suchte dem Opfer beizukommen, das dort unten noch im feuchten Schose des an jener Stelle von Menschenfuss noch nicht beruhrten Neto ruhte ...

Im Ringen hatte Hubertus bemerkt, dass Picard unter seinen zerlumpten Kleidern ein Portefeuille trug, auch Geld und Geldeswerth bei sich hatte ... An letzterm lag ihm nichts; im erstern aber fand er vielleicht Aufklarungen uber die ihn wahrhaft emporende und mit hochstem Zorn erfullende Tauschung, der er sich hingegeben vor noch nicht zwei Jahren, als er glaubte, Picard ware nach Amerika gegangen ... Nur eine so von fruhster Jugend gehartete, an jede Lebensgefahr gewohnte Natur, wie die seinige, konnte die Schwierigkeit dieser Unternehmung uberwinden ... Hundertmal glitt sein halbnackter Fuss am zuletzt vollig senkrechten, glucklicherweise strauchbewachsenen Abhang aus ... Nichts hielt dann die Wucht des Korpers, als ein Zweig, eine Wurzel, welche die schon blutig zerrissene Hand unterstutzte ... Wo ein hervorragender Stein oder ein Ast kraftig genug schien, befestigte der Muthige mitgenommene Stricke, die den Ruckweg erleichtern sollten, falls sich aus der Tiefe der Schlucht selbst kein anderer Ausweg bot ... Ganz allein, und ohne irgend einen Zeugen sich an diese muthige Unternehmung wagend, kam Hubertus, blutend an Armen und Fussen, endlich bei den an dieser Stelle gehemmten, in einem Kessel wildtobenden Fall des Neto an ...

Hoch spritzte der Schaum des von zerrissenen Felsblocken zuruckgeworfenen Gewassers auf weitab nur vom Rande des Strombetts liess sich an den Buschen muhsam weiterklettern ... Die Kohlenaugen des alten Jagers spahten rundum ... Hubertus fand, dass der Wildbach irgendwo ein Hemmniss hatte ... Von Weissdornbuschen wilduberwuchert zeigte sich ein Vorsprung, um den das schaumende Gewasser sich herumzwangen musste ...

Endlich fand sich unter den Buschen das Schreckbild einer zerschmetterten und verwesten Leiche ... Der Kopf war schon unkenntlich, aber die andern Glieder hatten sich noch unzerstort erhalten die kuhle Wasserluft verzogerte die Auflosung ...

Eine Weile wahrte es, bis Hubertus es wagte naher zu treten und den vollen Anblick des Schreckens dauernd zu ertragen ... Ein Dolch, den er nach Landessitte in seiner Kutte trug, schnitt die Kleider der Leiche auseinander ... In den Taschen lag noch Geld, eine Uhr; die Brieftasche war nicht zu finden ... Hubertus durchsuchte den ganzen Korper ...

Das Portefeuille war verschwunden ... Ohne Zweifel war es beim Sturze aus der Tasche geglitten ... Aber auf dem steinigen Grund der krystallenen Woge blinkte Gold auf ...

Hubertus blickte weiter um sich ... Da lagen auch Blatter Papier, eingeklemmt in die spitzen Steine ... Die nassen Blatter gingen beim Aufnehmen auseinander ... Hubertus sah, dass es Bruchstucke waren, die einem Pass oder einem ahnlichen Document angehorten ... Wieder suchte er mit spahendem Auge ... sie fanden sich, jetzt auch am Ufer, einzelne zerstreute Blatter ... Vom Regen und vom Schaum des Neto waren sie so aufgeweicht, dass sie schon beim Aufnehmen unter der Hand auseinandergingen ... Dennoch nahm er alles vorsichtig an sich und wickelte es zum Trocknen in sein Taschentuch ...

Nach langem Suchen dann nichts mehr findend, nahm er einige wild durcheinanderliegende Steine, bildete in Manneslange in der Erde eine Hohlung, warf in sie die Reste des verwesten Korpers und bedeckte alles mit den Steinen und buschigen Weissdornzweigen, die er mit dem Dolch abschnitt ... Uhr und Geld nahm er in sein Bundel noch hinzu, sprach einen kurzen Segen und machte sich auf den Heimweg, dessen noch gesteigerte Schwierigkeiten die Gewandtheit seines Korpers uberwand ...

Von jener Brieftasche fand sich nichts mehr er durfte sich sagen, dass die Papierreste, die er gefunden, hinreichten, um einem so kleinen Behalter schon einen ansehnlichen Umfang zu geben ... Das Geld floss dem nachsten Opferstock an der Kirche von SanGiovanni zu; die Uhr und die Papiere wurden bei passender Gelegenheit fur einen Besuch bei Federigo aufgespart ... Sie zu lesen verhinderten naturliche Schwierigkeiten ...

Nicht zu oft durfte es Hubertus wagen, die Bluteichen zu besuchen ... Nur dann ging er, wenn ihn zu machtig die Sorge fur den immer mehr verwitternden Greis ergriff nach einem sturmischen Wetter, nach einem Briefe, deren zuweilen welche fur Federigo dann waren sie eingelegt an Hubertus beim Guardian einliefen; diese kamen von Rom und waren, wie Hubertus gelegentlich bemerkte, in seltsamen Chiffern geschrieben ...

Als den Monch eines Tages wieder die Hutte seines Freundes mit seinem, dem Leichnam abgenommenen Funde beherbergte, betrachtete dieser die Uhr mit ausserstem Erstaunen ... Der Eremit erkannte sie fur die seinige ... Nicht dass sie ihm jetzt geraubt war, sie hatte ihm vor vielen Jahren gehort ... Dass Picard sie aus dem Grabe des alten Mevissen gestohlen, konnte durch die Mittheilungen des Monches theilweise errathen werden Hubertus wusste, dass Picard auf dem Friedhof eines deutschen Dorfes ein Grab erbrochen hatte ... War es das des alten Mevissen ? dachte Federigo. Welche Verwickelungen konnten dann entstanden sein, falls sein Vertrauter an solchen Erinnerungen noch mehr in die Grube mit sich genommen hatte! ... Mit einer Aufregung, die Hubertus an seinem Freunde sonst nicht gewohnt war, durchflog dieser die Papierreste, die sich in Picard's Nahe gefunden hatten ... Ihr Inhalt schien ihn allmahlich zu beruhigen ...

Aus einigen Brieffragmenten ergab sich aber eine Beziehung Picard's zu Terschka ... Sie hatten sich, das ersah man deutlich, in London gekannt ... Die Briefe waren vorsichtig abgefasst und enthielten sogar besonnene Mahnungen, manche Ablehnung der Picard'schen Zudringlichkeit Terschka's Ton war hier in hohem Grade vertrauenerweckend ...

Die nunmehrige Entdeckung der Thatsache, dass sich Hubertus damals auf Schloss Westerhof in Terschka's Person nicht geirrt hatte, nahm ihn trotz Terschka's damals so schroffer Ablehnung fur ihn ein ... Die Klage Terschka's uber seine eigene hulflose Lage, auch die zufalligerweise in diesen Briefen von ihm ausgesprochene Reue uber seine schnode Behandlung des "guten Franz Bosbeck", der ihm so wohlgesinnt gewesen, alles das konnte Hubertus nicht horen, ohne an sein noch in Witoborn bei einem Advocaten stehendes Geld zu denken ... Auch Federigo kannte von Castellungo her den Lebenslauf Terschka's, kannte seinen Uebertritt zu einer Confession, die an Federigo und den Waldensern der nur in jungeren Jahren fanatisch katholische Monch zu achten gelernt hatte, und rieth dazu, diesen Wink des Schicksals zu beachten ... Wenn Hubertus doch einmal sein Vermogen dem Kloster Himmelpfort entziehen wollte und nach seinem Tode wurde Pater Maurus in Himmelpfort sich schon zu Gunsten seiner Anspruche regen und geltend machen, dass Hubertus nur als ein auf Urlaub befindlicher Monch seiner Provinz betrachtet werden konnte so sollte er sich eilen, dem Erben, den er sich nun einmal gewahlt und der hoffentlich besser damit verfahren wurde, als Jan Picard, seine, wie man sahe, dringend ersehnte Hoffnung nicht zu entziehen Die Partheilichkeit, die Grafin Erdmuthe fur Terschka von jeher gezeigt, hatte sich auch dem Einsiedler mitgetheilt ...

Durch ihn, als Schreibkundigen, zugleich durch den wohlgesinnten Guardian des Klosters Firmiano, leitete Hubertus eine Verhandlung mit den Gerichten im fernen Witoborn ein, der zufolge Terschka die Summe, die er diesem gleich anfangs bestimmt hatte, richtig in London ausgezahlt erhielt ... Es wahrte ein Jahr, bis diese Procedur zu Stande kam ... Terschka's Dankesbriefe hoben nicht wenig das Gefuhl des alten Mannes, der sich einer guten That bewusst war und oft mit Schmerz von seinem Schicksal sprach, das ihn gerade uber die, denen er Gutes erweisen wollte, zum willenlosen und wie von Gott bestimmten Richter machte ...

Die Rathsel, die den deutschen Pilger umgaben, hatten sich fur Hubertus nur theilweise geluftet ... Bald nach dem Vorfall mit jener Uhr, einem Zusammentreffen, das Federigo am wenigsten aufklaren mochte, kam das Ende des treuen Sultan, der, von seiner Wunde geheilt und einen Augenblick die Freiheit nutzend, seinem Herrn wieder bis auf mehr als funfzig Meilen gefolgt war und am Ziel seiner Sehnsucht durch den Pfarrer von San-Giovanni so misverstandlich sein Ende finden musste3...

Lebhafter denn je gedachte Hubertus heute der Folgen, welche damals eine an sich so entschuldigte That des edlen Paolo Vigo nach sich zog ... Er gedachte seiner Klagen damals, als sein zufalliger Ausgang aus dem Kloster, um zu terminiren, ihn nach San-Gio fuhrte, ein Volkshaufe um den verendenden Hund stand, er ihn erkannte, ins Kloster trug, ganz so, wie zuweilen Sanct-Philippo Neri, mit dem ihn Klingsohr so oft verglichen, abgebildet wird ... Paolo Vigo erfuhr die Geschichte des Hundes, war davon aufs tiefste ergriffen und besuchte den Eremiten unter den Bluteichen, gleichsam um seine rasche That zu entschuldigen ... So knupfte sich zuletzt eine Freundschaft, die auch ihn ins Strafkloster Firmiano brachte ...

Hier aber zeigte sich die gute Wirkung solcher Nachbarschaft ... Jahzorn, Vollerei, alle Leidenschaften, von denen das Amt des Priesters geschandet wird, fingen dort allmahlich zu verschwinden an ... Nicht genug konnte der Guardian, ein milder gutgesinnter Mann, nach Cosenza ruhmen, wie sich seine Pfleglinge gebessert hatten ... Schickte man aber eben deshalb schon seit lange niemanden mehr her? ... Nahm man eben deshalb niemanden mehr fort? ... Es war, als wenn dies stille Waldkloster in der Welt vergessen war ... Hatte Hubertus Recht gethan, so ausdrucklich die Jesuiten an die Existenz desselben zu erinnern? ...

Gerade Diesem vorzugsweise nachdenkend, horte Hubertus jetzt die Uhr des Klosters die vierte, d.i. die elfte Stunde schlagen und machte sich, von Unruhe getrieben, noch fruher auf den Weg, als er anfangs beabsichtigt hatte ... Ueber die Hohen wehte ein frischer Nachtwind ... Noch eine halbe Stunde brauchte er, bis er am Klosterthor die Glocke zog ...

Hier sollte ihn aber dann sogleich ein glucklicher Zufall begrussen ... Es war Paolo Vigo selbst, der heute den Pfortnerdienst verrichtete ... Eine edle Gestalt voll ernster Wurde, mager, abgezehrt, begrusste ihn ... Der Pfortner trat Hubertus mit dem frohesten Willkommen entgegen ...

Hubertus sah ihn voll Erstaunen, band sich seine beim Steigen losgegangene Kuttenschnur fester und sprach:

Das muss ja dem Guardian ein Traum eingegeben haben, Euch gerade heute an die Thur zu stellen! Ihr seid noch wach? Ich bitte Euch, bleibt es ja! ... Weckt unsere Schlafsacke die Matutin, so lasst Euch nur vom Guardian auf der Stelle Urlaub geben ...

Nicht wahr? Um unsern Vater aufzusuchen ? ... fiel Paolo Vigo mit lebhaftester Erregung ein ... Ich konnte mir doch denken, dass Ihr gerade zum zwanzigsten August wieder zurucksein wurdet ...

Zum zwanzigsten August ? ... Verderbt mir den Willkomm nicht! entgegnete erschreckend Bruder Hubertus ... Bei Sanct-Hubert! Wo hatt' ich meinen Kalender! ... Haben wir heute den heiligen Rupert und bei Witoborn die ersten Schnepfen ! Und ich ich Esel ! ...

Morgen ist doch Sanct-Bernhard! bestatigte Paolo Vigo. Wisst ihr das nicht ? ... Ich stehe wie ein Soldat auf Schildwacht und bitte Gott, mir eine gute Ablosung zu geben ... Ihr seid voll guter Anschlage, Bruder; sagt, wie fang' ich es an, sofort zu den Bluteichen zu kommen! ... Drei Nachte hatt' ich denselben Traum und keinen guten mein' ich ... Ich horte an meiner Zelle kratzen, wie von einem Hunde, der herein wollte ... Ich sah im Geist den guten Sultan vor mir ... Oeffnete ich dann, so fand ich nichts ... Dreimal das hintereinander! Ich glaube an solche Dinge nicht aber ich meine doch Federigo ist krank oder es geschieht ihm sonst nichts Gutes ...

Der heilige Bernhard ist morgen ! sprach Hubertus dumpf und vor sich hinsinnend, immer besorgter und im Ton des hartesten Vorwurfs gegen sich selbst ... Leb' ich so in den Tag hinein! ... Ihr traumtet vom Sultan? Und ich traume schon seit Neapel von nichts, als von Wolfen, die an den Bluteichen eine Lammerheerde fressen ... Wisst Ihr hier denn auch nicht, warum unser San-Giovanni druben so voll Soldaten steckt? ...

San-Giovanni? ... entgegnete Paolo Vigo besturzt ...

Euer Pfarrhaus und alle Scheunen sind voll .... Auch in Spezzano siehts wie im Lager aus ... Ist morgen Sanct-Bernhard ! ...

Glaubtet Ihr, dass ich um irgendetwas Anderes Urlaub wunschte, als um an diesem Tage Nun Ihr wisst doch, dass ich jedesmal, wo ich an diesem Tage nicht bei den Bluteichen war, erklarte, ein Jahr aus meinem Leben verloren zu haben ! ...

Hubertus hatte sich inzwischen durch die niedrig und rundbogig gewolbten Gange zum Refectorium begeben, wo noch auf dem Speisetische die Lampe brannte ... Paolo Vigo folgte ihm in den anmuthig kuhlen, von kleinen gewundenen Saulen arabischen Geschmacks getragenen Raum ... Ein Schrank enthielt die Vorrichtung, sich zu einem hier immer bereitstehenden Kruge voll Wein durch Drehen eines Hahns frisches Quellwasser zur Mischung zu verschaffen ... Das Wasser tropfelte horbar von den oberen Bergen zu ... Hubertus war erschopft; Paolo fullte einen der im Schrank stehenden holzernen Becher mit Wein und Wasser und erwartete vom so schweigsam gewordenen Sendboten nahere Aufklarungen uber Verhaltnisse, die beiden gleich theuer und werth waren ...

Alles ringsum blieb still ... Nur die Wasserleitung tropfelte geheimnissvoll und lauschig in dem wieder geschlossenen Schrank ... Dustere Schatten warf die matte Lampe durch die alterthumliche Halle ...

Briefe sind ja von Cosenza gekommen? ... fragte Hubertus, der die Meldung der Ankunft Rosalia Mateucci's uber die andern, ihm viel wichtigeren Dinge vergessen hatte ...

Briefe von Cosenza? Nein! Aber vom Sacro Officio aus Neapel! entgegnete Paolo Vigo und setzte hinzu: Leider! Sie geben dem Guardian keine Hoffnung ... Spracht Ihr denn nicht den Monsignore? ...

Die bange Vorstellung, die den Alten schon lange beschaftigte, es konnte einen Schlag auf Federigo und seine geheimverbundenen Anhanger gelten, trat mit qualender Gewissheit vor seine vom muhevollen Wandern ohnehin erhitzten Vorstellungen; aus fieberhaftem Blut steigen nach korperlichen Anstrengungen Wahnbilder und krankhafte Gedanken auf ... Der zwanzigste August war seit zehn Jahren in den fast unzuganglichen Schluchten des Silaswaldes ein Tag, wo anfangs nur drei oder vier Manner, jetzt schon oft zwanzig bis dreissig mit ihren Familien sich versammelten ... Hubertus ausserte seine entschiedensten Besorgnisse und Paolo Vigo redete sie ihm keinesweges aus ... Schon berechnete Paolo, ob nicht vielleicht die Einquartierung in seinem Pfarrhause Anlass geben konnte, den Guardian um Urlaub zu bitten ... Sinnend fuhr er fort, man musste doch morgen in erster Fruhe in San-Giovanni horen konnen, was die Soldaten wollen ...

Was sie wollen hm! hm! fiel Hubertus ein Wenn ich an die lachende Miene des Monsignore denke und denke an den Golf von Neapel, der im Sonnenschein funkelt wie ein Paradies und doch den Vesuv im Leibe hat, so wird mir bange wie einer Mutter um ihr Kind ... Der zwanzigste August! ... Mein Sohn, ich bitte Euch, mich dem Guardian nicht zu melden ... Ich bin noch nicht angekommen ... Hort Ihr! ... Lebt jetzt wohl! In drei Stunden bin ich an Federigo's Hutte und schicke Jeden nach Hause, der etwa heute oder morgen kommen sollte, um fur die Seelen der armen Martyrer Pascal und Negrino zu beten ...

Guter Bruder! entgegnete Paolo Vigo ablehnend und erklarte auch seinerseits zu dieser Warnung bereit zu sein ... Ihr muthet Euch ein Uebermass zu ... O, dass ich statt Eurer hinauffliegen konnte! ... Soldaten! sagtet Ihr? ... Ich sagte ja gleich, dass der aus Neapel vom Sacro Officio angekommene Brief ebenso hinterhaltig ist, wie schon lange das Benehmen des Erzbischofs von Cosenza ... Und der Monsignore gab Euch in Nichts einen trostlichen Bescheid? ...

So artig war er, sprach Hubertus, wie Papa Kattrepel in meiner alten Stadt Groningen, der jeden Armensunder, wenn er ihm den Kopf abschlug, erst um Verzeihung bat ... Lasst mich doch jetzt nur sogleich gehen ... Schon hor' ich den Rumor da oben ... Mitternacht muss voruber sein ... Geht! Geht! ... Ja, all ihr Heiligen, dass ich es nicht vergesse! Bei Sanct-Hubert's Bart, wo hab' ich meine Gedanken! Gutiger Gott, mach' auf mein Alter keinen Schwabenkopf aus mir! ... Mein Sohn, lasst Euch getrost Urlaub geben nach San-Gio! ... Da werdet ihr ja eine Person finden, die viel lieber hat, Euch schon morgen wie sonst in Eurem Hause oder beim alten Meister Pallantio die Polenta auf den Tisch zu stellen lieber, als den steilen Weg hieher zum Kloster erst heraufzuklettern ! ...

Eine Person? Die Polenta? Wer? fragte Paolo Vigo und liess sich von Hubertus die uberraschende Begegnung mit dem keuchenden Pepe, mit Scagnarello, Rosalia und Marietta Mateucci erzahlen ...

Gutiger Himmel! rief Paolo Vigo in doppelter Freude ... Erst aus Liebe zu seiner seit Jahren nicht gesehenen Schwester dann um die Gelegenheit, nun auf alle Falle Urlaub zu bekommen ...

Hubertus musste sich jetzt verstecken, wollte er unangemeldet bleiben ... Schon ertonte die Glocke, welche die sammtlichen Bewohner des Klosters weckte und in die Kirche rief, wo sie singen mussten ...

Wahrend Paolo Vigo in grosster Ueberraschung, in Spannung und Ruhrung stand und jedenfalls entschlossen blieb, den Guardian um die sofortige Erlaubniss zu bitten, seiner geliebten Schwester und ihrem holden, von ihm noch nie gesehenen Kinde entgegenzugehen und ausserhalb des Klosters ubernachten zu durfen, schlupfte Hubertus eine vom Refectorium in die Zellen fuhrende enge Wendeltreppe hinauf, um wo moglich, ehe die Frate kamen, seine Zelle zu erreichen und dort sich zu verbergen ... Schon horte man einen Monch, der heute das Amt des Wekkers hatte, in einem entfernten Gange an die Zellenthuren pochen ... Der Regel des heiligen Franciscus gemass rief er alle Schlafer aus ihren sussesten Traumen ...

Hubertus erreichte glucklich und unbemerkt seine dunkle Zelle ... Sie war nicht breiter und nicht tiefer, als zwolf Fuss, und enthielt als Bett einen Sack von Maisstroh die Decke daruber war so grob wie seine Kutte ... Von Glasfenstern war keine Rede; nur eine rohgezimmerte Holzjalousie schutzte gegen die im Winter oft schneidend kalte Luft ...

Hubertus warf sich auf sein Lager ... Er hatte vor Uebermudung jene Empfindung, die ihn an die Zeiten erinnerte, wo auch er sich in Java an Opium gewohnt hatte ... Traumartige Bilder traten vor die wachen Sinne ... Alles schwebte um ihn in Licht und Farbe und Licht und Farbe war auch wieder wie Musik ... So soll einem an Erstickung Sterbenden der Tod sein ... Gestalten, die ihm wie Hexen hatten erscheinen durfen, waren ihm jetzt freundlich und nickten ihm mit sussem Lacheln ... Mit seiner noch nicht besonders gelauterten Religion nannte Hubertus das die Triumphe des Teufels, den er namentlich auch beim nachtlichen Chorsingen um zwolf Uhr Mitternacht gern in Thatigkeit wusste und oft schon hinter dem grossen Missale mit seinem Hornerkopfe als einen hohnischen Mitsanger oder am Weihwasserkessel, den verunreinigend, erblickt hatte ... Er ruttelte sich wach und horchte nur, ob der Lobgesang in der Kirche bald voruber sein wurde ...

Die Lampen in den Handen, schlichen die Monche und geistlichen Zuchtlinge erdfahl und schlaftaumelnd durch die Gange ... Hubertus, der auch hier schon manchen Verschlafenen wie oft sonst Klingsohrn! um solche Stunde auf den Armen in den Chor getragen hatte, lauschte dem oden Widerhall ... Endlich sangen einige zwanzig Stimmen ... In einfacher Cantilene wurde ein Psalm vom Guardian verlesen und seinen Worten an bestimmten Stellen von den andern respondirt ...

Als nun wieder alles nachtstill geworden war und jeder auf seiner Zelle wieder sein Lager erreicht hatte, erhob sich Hubertus von dem seinigen ... Hatte Paolo Vigo Urlaub erhalten, so musste ein andrer Pfortner fur ihn eingetreten sein und jedenfalls erwartete ihn dann der Beurlaubte nirgend anderswo, als in seiner eignen Zelle ...

Letztere erreichte Hubertus ungesehen, trat bei Paolo ein und fand ihn in der That bereit, das Kloster zu verlassen ... Auf die freudige Botschaft, seine theure Schwester ware in San-Giovanni, war ihm die Erlaubniss ertheilt worden, ihrem Besuch zuvorzukommen und sie, wenn ihn sein Herz dazu triebe, uberraschen zu durfen ... Bleibt aber Ihr zuruck! setzte Paolo Vigo bittend hinzu ... Alter, Ihr seid zu erschopft ... Und nur darin steht mir bei; geht morgen fruh meiner Schwester entgegen und haltet sie vom Kloster eine Weile entfernt, bis ich um die achte Stunde von den Bluteichen in San-Gio wieder zuruck sein und Euch Alle bei meinem alten Messner Pallantio begrussen kann ...

Wie zwei Junger, die fur ihren Meister ihr Leben zu lassen bereit sind und um den Vorzug in den Beweisen ihrer Liebe streiten, so standen sie am offenen Fenster und stritten, ob es nicht gerathener ware, Paolo Vigo uberliesse den Gang nach den Bluteichen, um die am Morgen dort Versammelten zu warnen, an Hubertus und ginge lieber selbst nach San-Gio zur Ueberraschung fur seine Schwester ...

Mein Sohn! bat Hubertus ... An mir ist wenig gelegen ... Wenn aber Euch zum zweiten Mal eine Strafe trafe, wie sie Euch schon einmal so lange Eure Freiheit gekostet hat! ... Jetzt brachet ihr ja geradezu auch das Herz Eurer Schwester! ... Sie versprach, am Morgen zum Kloster zu kommen ... Ihr liebliches Kind wird Euch die Wange kussen ... Wagt nichts Neues wieder, nachdem Ihr schon so lange gebusst habt ...

Paolo Vigo hatte jedoch den Geist empfangen, der in edlen Dingen den Menschen unwiderstehlich zum Selbstopfer treibt ... Eine heilige Glut durchloderte ihn, seine Augen funkelten, wie die Sterne uber den leise Flusternden ... Er ergriff die Hand des Greises und sprach:

Weiss ich doch nicht ich ahne die letzte Stunde unseres Freundes ... Krank ist er zum Tod schon seit lange und es geht das Gerucht, dass sein stilles Wirken entdeckt ist ... Seit jenem letzten Brief, den Ihr aus Rom brachtet, muss eine grosse Veranderung mit ihm vorgegangen sein ... Ich sah ihn seitdem nur einmal und da schon wollte er Abschied nehmen fur immer, wogegen meine Worte kaum aufkommen konnten ... Es schien, als wenn er eine wichtige Kunde aus der Welt empfangen hatte, die ihn zur Auferstehung, zur Beendigung seiner Einsiedlerschaft und zur Ruckkehr ins Leben rief ... Schon aus freien Stukken schien er gehen zu wollen und nun ahn' ich, er hatte besser gethan, dieser Regung zu folgen ... Wenn man ihn heute holte, am Tage der Versammlung, ihn in die Kerker der Inquisition wurfe ! Lebt wohl, Alter ! ...

Nicht ohne mich ! ... sprach Hubertus und blieb dem Unheilverkundenden unabweislich zur Seite ...

Mein Fuss ist junger, als der Euere! bat Paolo und wollte nicht dulden, dass Hubertus weiter, als bis an die Zelle des Pfortners folgte ...

Wahrend noch beide, und mehr mit Geberden als mit Reden, die ohnehin geflustert werden mussten, stritten, erscholl in einiger Entfernung ausserhalb des Klosters ein klagender musikalischer Ton ... Er kam von einer Pansflote, wie sie hier die Hirten blasen ... Aus kleinen Rohrstaben ist eine einfache Scala zusammengesetzt, die unter geubten Lippen eine in nachtlicher Einsamkeit wohllautende Wirkung hervorbringt ...

Horch! rief Paolo Vigo und bedeutete Hubertus, Acht zu haben ...

Die Flote blies eine Melodie ... Es waren die einfachen Tone eines Kirchenliedes ...

Tanto Christo amiamo! ... sprach Paolo Vigo mit Ueberraschung der Melodie nach ... Es ist die Erkennungslosung der Freunde ... Man ruft uns ... Seht ihr, eine Gefahr ist da ... O mein Gott ! ...

Auch Hubertus lauschte voll hochster Betroffenheit und raumte ein, so konnte sich nur ein Verbundeter zu erkennen geben ...

Heruber von der Mauer des Klostergartens tonte die sanfte Flote fort und fort ... Sie blies das alte Waldenserlied "Tanto Christo amiamo " zu Ende ...

Pater Colestino! rief nun schon Paolo Vigo mit starker Stimme in eine Oeffnung, die aus dem Corridor in die Zelle des Pfortners fuhrte ... Ich gehe ... Bemuht Euch aber nicht ... Ich offne schon ... Gelobt sei Jesu Christ! ...

Amen! rief Pater Colestino von drinnen her und liess getrost den Beurlaubten den Riegel selbst zuruckschieben ... Nur langsam erhob er sich, um ihn wieder anzuziehen ...

Doch auch Hubertus war inzwischen schon ungesehen entschlupft und kaum konnte Paolo Vigo ihm folgen ...

Mit raschen Schritten gingen beide dem Orte zu, wo aufs Neue unausgesetzt die Melodie der Hirtenflote ertonte ...

Endlich, an einem breitastigen, der Klostermauer sich anschmiegenden turkischen Haselnussstrauch entdeckten sie einen alten Hirten und einen Knaben ... Letzterer war es, der die Flote blies ...

Der Hirt war ein wohlbekannter alter Freund ... Er gehorte zu den Nachkommen des von den Waldensern hochgefeierten Negrino4... Ein ausserlich schlichter, doch kluger und allgemein geachteter, auch wohlhabender Ziegenhirt, der alte Ambrogio Negrino aus San-Gio ... Oft reiste der schlichte Mann mit seinen Heerden bis Salerno und trieb einen eintraglichen Handel mit den Gerbern selbst von Palermo und Messina ... Heute, als Hubertus in seinem Hause vorsprechen wollte, hatte man ihn auf der Messe zu Rossano geglaubt ... Inzwischen kam er heim und hatte Veranlassung gefunden, sofort wieder die Flinte uberzuwerfen, mit seinem jungsten Sohn Matteo aufzubrechen und, wie er ankundigte, nach den Bluteichen zu eilen ...

Ihr Herren! rief er den Ankommenden entgegen. Gott segn' es, dass ihr kommt! ... Ich sage euch! Es gibt eine grosse Gefahr fur unsern Vater Federigo ... Die Soldaten in San-Gio wissen von nichts, als von Morden, Brennen und Gefangennehmen ... Und wen? Das haben Offiziere im Weinrausch ausgeplaudert ... Um vier Uhr brechen sie auf und umzingeln die Bluteichen ... Ueber den Aspropotamo her kommen die andern ... Wer mag ihnen verrathen haben, dass heute der zwanzigste des Monats ist! ... Bleibt daheim Herr Pfarrer, und auch ihr, guter Hubertus ... Nur deshalb raubte ich euch die Nachtruhe, weil ich euch warnen wollte, falls euch der Geist getrieben hatte, heute auch an den Eichen zu erscheinen ...

Nimmermehr, wir gehen mit Euch! fielen Hubertus und Paolo Vigo in banger Besorgniss ein ...

Beide achteten der Bitten Ambrogio Negrino's nicht ... Sie verharrten dabei, sich ihm anschliessen zu wollen ... Unwiderstehlich zoge sie ihr Verlangen, dem greisen Freunde in einer Stunde so grosser Gefahr nahe zu sein ... Ohne Clausur, wie sie eben waren, wollten sie die glucklicherweise ihnen zu Gebote stehende Freiheit nach dem Bedurfniss ihres Herzens benutzen ...

Matteo! rief Paolo Vigo dem nach San-Gio zuruckgeschickten Knaben nach; geh sogleich zu Meister Pallantio, meinem Kuster, wecke die Signora, die diesen Abend bei ihm angekommen ist und sprich zu ihr: Sie sollte unter keinerlei Antrieb morgen hinauf nach San-Firmiano gehen ... Morgen in erster Fruhe, so Gott will, um acht oder neun Uhr wurd' ich schon selbst bei ihr vorsprechen ...

Ambrogio Negrino unterbrach:

Heiliger Priester, wenn man Euch an den Bluteichen trafe ...

Wirst du ausrichten, Matteo, wiederholte Paolo Vigo, was du gehort hast? Willst du einen herzlichen Gruss an meine liebe Schwester und die kleine Marietta bestellen? ...

Matteo gab jede Beruhigung und wandte sich mit diesen Auftragen nach San-Gio zuruck ...

Die drei Verbundenen gestatteten sich keinen langern Aufenthalt, sondern machten sich sofort auf den muhevollen Weg, der zu den Bluteichen fuhrte ...

Fussnoten

1 Ein Factum. 2 Mazzini hat uber die Vorwurfe, die ihm wegen seiner mangelhaften Ausrustung der Bandiera'schen Expedition gemacht wurden, eine eigene Rechtfertigungsschrift herausgegeben. 3 Gleichfalls Factum. 4 Starb den Hungertod in Cosenza.

11.

Paolo Vigo's Wort: "Er nahm Abschied von mir wie auf ewig" wurde nun auch von dem alten Ziegenhirten wiederholt ...

Es fiel ihnen allen auf die Seele, als wurden sie den Geliebten nicht wiedersehen, wenn sie sich nicht eilten, es noch einmal jetzt zu thun ...

Dass sie zu dem Ende die Wurfel ihres eigenen Looses warfen, kummerte sie wenig ...

Sie hofften jedoch auf ihr zeitiges Eintreffen ... Wenn noch Zeit zum Ergreifen und Ausfuhren eines Entschlusses gelassen war, so sollte sich ihr Freund, nach Negrino's Meinung, am sichersten uber den Monte Gigante hinweg nach dem Meerbusen von Squillace begeben oder im aussersten Fall in einer in der Nahe befindlichen Hohle verbergen ...

Jahrlich nur einmal, am 20. August, fanden sich die letzten Trummer der einst so zahlreich im unteren Italien ausgebreiteten Sohne des Peter Waldus zusammen ... Drei Jahrhunderte waren seit jenen Scheiterhaufen verflossen, die auch die Fortschritte der Reformation in Calabrien geendet hatten ... Fra Federigo fand davon im Silaswalde keine andern noch ersichtlichen Spuren, als die "Bluteichen", wo einst Hunderte der Reformirten und Waldenser wie die Schafe mit dem Messer abgestochen wurden ... Zufallig begegnete ihm dort ein alter Ziegenhirt, Ambrogio Negrino, der ihm diese Dinge erlauterte und sich dann selbst als einen Nachkommen des Martyrers Negrino zu erkennen gab ... Ihm verdankte der Einsiedler die Bekanntschaft mit noch einigen andern Trummern der alten Sekte ... Gehorten sie auch alle der herrschenden Kirche an, so hatten sich doch alte Gebrauche, Erkennungszeichen, Gebete, letztere meist in provencalischer Sprache in ihren Familienkreisen erhalten Ambrogio Negrino besass ein altes Buch, das er selbst nicht lesen konnte die waldensische Nobla Leycon ... Federigo ubersetzte sie ihm anfangs allein; bald brachte Negrino andere mit, die gleichfalls diesen Gruss ihrer Vorvordern aus alten Jahrhunderten aus seinem Munde vernehmen wollten ...

Der Kreis von Verehrern und Freunden des Einsiedlers, der seinerseits noch unter dem besonders uber ihm wachenden Schutze des Monchs Hubertus zu San-Firmiano stand, mehrte sich wider Willen Federigo's ... Von Nah und Fern wurde sein Rath begehrt ... Freilich hielten ihn die Meisten fur einen Hexenmeister ... Wie Paolo Vigo veranlasst wurde, ihn zu besuchen, wurde erzahlt ... Aus seinen wiederholten Wanderungen in die Wildniss und den ihr folgenden Erorterungen entstanden in Paolo Vigo Zweifel, ernste, kummervolle Betrachtungen; er verrieth die Resultate derselben in seinem Wirkungskreise und erlitt die Strafe einer, wie wir gesehen, nicht endenden Suspension und Einsperrung in San-Firmiano ...

Der Einsiedler, erschreckt von solchen Vorkomm

nissen, bat fort und fort seine Freunde, ihn der todesahnlichen Stille in seinem Waldthale zu uberlassen ... Hubertus besorgte dann und wann einen Brief, den der deutsche Sonderling nach Rom schrieb und von dorther beantwortet erhielt ... Das war des Eremiten einziger Verkehr mit der Welt ... Er lebte vom Honig seiner Bienen, von Fruchten, die er selbst zog, von Vorrathen, die seine Freunde ihm brachten ... Zuletzt war es Sitte geworden, dass alle die, welche auf dreissig Miglien in der Runde gleichsam unter des alten Ambrogio Negrino Controle standen, ihn wenigstens einmal im Jahre besuchten, am 20. August, den er nach langem Strauben endlich als Erinnerungstag an die alte Schreckenszeit festgesetzt hatte ...

Ich habe es immer gefurchtet, sprach Hubertus, die

athemlose Eile des Wanderns unterbrechend, und liess sich wiederholt erzahlen, was der weltkundige, weitgereiste Hirt, ein Greis mit langen weissen Locken, sonnenverbranntem braunem Antlitz, von den Reden der Offiziere gehort hatte ... Um vier Uhr, wiederholte Ambrogio Negrino in einer gewahlteren Sprache, als dem hier ublichen Patois, rucken die Truppen von San-Giovanni aus, vertheilen sich in den Bergen und wollen von verschiedenen Seiten dem Thal der Bluteichen so beizukommen suchen, dass sie die ketzerische, dem Teufel opfernde Versammlung mitten in ihren Greueln aufheben konnen ...

Die Moglichkeit einer so irrthumlichen Auffassung ihrer Versammlungen war ihnen nach dem Geist ihrer Umgebungen vollkommen erklarlich ... Sie verweilten nicht bei dem Ausdruck ihres Schmerzes uber ein so grosses Misverstandniss; sie uberlegten nur ... Die Versammlung musste verhindert und Fra Federigo, wenn sein Entkommen unmoglich war, in einer Felsenspalte verborgen werden, welche Ambrogio Negrino schon lange fur diesen Fall aufgefunden und jedem Uneingeweihten unzuganglich gemacht hatte ...

So sehr auch die Manner eilten, sie konnten nicht hoffen, vor Anbruch des Morgens an Ort und Stelle zu sein ... Auf dem kurzeren Pfade, den sie einschlugen, um an die Abhange der oft schneebedeckten Serra del Imperatore zu kommen, begegneten sie Niemanden ... So durften sie annehmen, dass die geheimverbundenen Getreuen sich langst schon auf den Weg gemacht, ja an der Hutte ihres Meisters schon die Nacht verbracht hatten ...

Die Wanderer kannten sich in ihrer Theilnahme fur den einsamen Bewohner des Waldes und hatten nicht nothig, diese noch durch viel Worte kundzugeben ... Sie tauschten nur ihr Urtheil uber die kurzeren Wege aus, wenn die Wildniss uberhaupt noch etwas bot, was einen Weg sich nennen liess ... Nur kleine ausgetrocknete Strombetten waren noch die besten dieser Wege; diese gingen verborgen unter Gestrupp und Buschen hin ...

Die Nachtluft wurde frischer ... Nebel stiegen auf, die den leichtbekleideten Wanderern ein frostiges Schauern verursachten ... Der Hirt bot Paolo Vigo seinen langhaarigen Mantel, den dieser nicht abschlug ... Zum Gluck trug der Pfarrer Schuhe, nicht, wie Hubertus, Sandalen ...

Hubertus hatte, als ware ihm seine ganze Kraft ungeschwacht zuruckgekehrt, sein dolchartiges Messer gezogen ... An manchem Gebusch von Steineichen, wo durch die stachlichten Blatter schwer hindurchkommen war, schnitt er die Zweige nieder und machte die Wildniss wegsam ... Dann kamen zuweilen Buchenhaine, die wie zum nachtlichen Reigen der Elfen bestimmt schienen; so licht und traulich glanzten sie im abnehmenden Mondlicht und unter den allmahlich erblassenden Sternen ...

Eine Sorge der Verbundenen konnte sein, ob nicht auch den Lauf des Neto herauf von Strongoli oder aus Umbriatico uber den Aspropotamo und Gigante her schon Corps Bewaffneter heruberkamen und das Thal der Bluteichen bereits fruher eingeschlossen hatten, als es von ihnen erreicht wurde ...

Schon war es vier Uhr ... Schon sah man die zunehmende Helle ... Immer matter wurde die Scheibe des Mondes, immer rothlicher erglanzten am blauenden Himmel die Sterne ... Schon zeigte sich auf Serra del Imperatore, einem Berg, der an manchen Stellen gen Ost offen und riesig gross vor ihnen lag, die dunkelrothe Glut der aufgehenden Sonne ... Die Spitze des Aspropotamo war die erste, die vom Sonnenlicht hell aufleuchtete ... Aengstlich spahten sie rundum, ob nicht irgendwo am Rand des von andern Seiten zuganglichen, in grunen und grauen Nebeln schwimmenden Thales eine Waffe blitzte ...

Wie sie fast erwartet hatten, so geschah es auch ... Als sie mit hellem Tagesanbruch endlich in der Ferne die Bluteichen sahen, entdeckten sie ein reges Gewimmel von Menschen unter den machtigen Baumkronen ... Bald erscholl auch aus der Tiefe, zu der sie niederstiegen, ein vielstimmiger Gesang ... Er erklang gegen die dumpfe Litanei in San-Firmiano wie ein jubelndes Schwirren der Lerche in blauer Luft verglichen mit dem truben Ruf der Unke ... Reine helle Frauen- und Kinderstimmen schwangen sich wie geflugelte Tongeister uber die Laubdacher ... Sie sangen die auch ihnen wohlbekannten einfachen Hymnen, die aus alten Zeiten stammend das Lob des Hochsten priesen und die heilsame Veranstaltung der Erlosung und die Hoffnung aller Christen ... Dazwischen lautete ein Glocklein, von welchem sie wussten, dass es denen, die vielleicht noch entfernt waren, den Weg zur Hutte andeuten sollte ... Alles das geschah wie im tiefsten Frieden ...

Wol hatten die Wanderer sich sagen mogen: Wer wollte diese stille Andacht storen! Wer konnte hier etwas finden wollen, was vor Gott oder Menschen ein Verbrechen ware! ... Dennoch mussten sie eilen, die gefahrvolle Feier zu unterbrechen ...

Nach einer kurzen Stille, welche die Wanderer durch einen die Betenden erschreckenden Zuruf aus der Ferne nicht unterbrechen mochten, begannen die Stimmen aufs neue und liessen nach einem vollen, machtig an den Bergwanden widerhallenden Gesang jene Pausen eintreten, von denen die Wanderer wussten, dass sie die bis zu ihnen herauf nicht horbare Stimme Federigo's fullte ... Federigo sprach dann die Worte vor, die zu singen waren ... Alles das, erinnerungsfrisch vor ihre Seele tretend, bewegte sie um so machtiger, als noch immer der Anblick der Hutte selbst verborgen blieb ...

Endlich aber zeigten sich die Windungen von Radgleisen, die im grunen, weichen, oft morastigen, dann von den herrlichsten Farrenkrautern uberwucherten Boden von kleinen Karren zuruckgeblieben waren ... Es mussten heute von weitweg, auch von Rossano und Conigliano die dem Ziegenhirten wohlbekannten Nachkommen der Waldenser erschienen sein ... Der helle Lichtstrahl des immer hoher und hoher uber dem Meeresspiegel heraufgestiegenen Sonnengeschirrs fiel auf die obern Rander des Thals ... Die Nebel zertheilten sich und nun hatte ihr besorgter und zugleich verklarter Blick die volle Aussicht auf die Gruppe der Menschen, die da unten versammelt waren und die sie meist kannten ... Kinder lagen im Grase; andre hielten die Mutter auf ihren Armen; Manner in zottigen Schafspelzen, andere im kurzen Rock des Alpenjagers, Fischer, die vom Meer herubergekommen, in ihren rothen Mutzen und ihren braunen Manteln alle umstanden die Hutte ... Ein Haufe von nahezu achtzig Seelen, hochbetagte Greise darunter; aller Mienen mit jenem Ausdruck, den eine gutmuthige Denkart geben ... Noch verdeckten sie das Bild des Mannes, der ihnen, auf die zufallige Veranlassung seiner Begegnung mit Ambrogio Negrino, zehn Jahre lang hier nichts, als nur die Geschichte ihrer unglucklichen Vorfahren erzahlte und nicht hindern konnte, dass sie von ihm Belehrung und Anleitung zu reinem Sinn, zur Beurtheilung des Glaubens begehrten, in welchem sie leben mussten ... Federigo enthielt sich jeder Aufwiegelung ihres an die Gebrauche der herrschenden Kirche gebundenen Gewissens ... Auch war die Hohe der Bildung, die im Waldenserthal bei Castellungo geherrscht hatte, hier nicht anzutreffen ...

Schon wollte Negrino hinunterrufen, da hinderte ihn die jetzt horbar werdende weiche, volle, innig zum Herzen dringende Stimme des Sprechers ... Die dem Volk vollkommen verstandliche, wenn auch fremdartige italienische Rede desselben fesselte sie ... Was bestimmte nur die Warner, diese Feier nicht zu unterbrechen! Was gab ihnen so urplotzlich ein felsenfestes Vertrauen auf den Gott, der sich in jedem Menschenherzen, auch in dem der Verfolger, offenbaren musse ! ... Hubertus kundigte sich sonst durch scherzende Tone an, die ihn bei Jung und Alt im Gebirge bekannt machten; jetzt beschien der erste Sonnenstrahl, der sich durch den Imperatore und den Gigante stahl, die glanzende Stirn, die weissen Locken des Freundes und Lehrers, sein unter weissen Brauen aufgeschlagenes begeistertes Auge jetzt stand er im Pilgerkleid von schwarzem rauhwollenem Tuch, mit entblosstem Halse, um den Leib einen schwarzen Seidengurtel, so hoheitsvoll und edel, dass alle drei aufhorchen und den Fuss hemmen mussten ... Die Farbe des Antlitzes, die Hande, alles sah am Freunde blasser und krankhafter aus als sonst ... Das von ihren Augen wieder aufgenommene theure Bild eines Greises, den fur seine letzten Lebenstage noch durch die Erregung seines Geistes ein jugendliches Feuer durchgluhte, schloss doch in der That die Besorgniss nicht aus, dass diese Lebenstage kaum bis zum beginnenden Winter andauern konnten ...

Federigo sah die Dahereilenden nicht ... Sein Blick war nach innen gewandt ... Schon sprach er Worte, welche die Kommenden allmahlich im Zusammenhang verstehen konnten ... Zu den Erweckungen der Waldenser hatten im Piemont gewisse Formen einer offentlichen Beichte gehort ... Wie die ersten Christen sich ein Gemeindeleben aus ihren Privatbeziehungen bildeten und eine Oeffentlichkeit der letzteren einfuhrten, bei welcher nicht fehlen konnte, dass die personlichsten Leidenschaften zur Klage und Ruge kamen, so walteten die Diaconen und "Barben" auch bei den Waldensern des Amts der Gerechtigkeit und des Auflegens von Bussen und Strafen ... Ebenso trat auch hier bei diesen Versammlungen einer nach dem andern vor und wurde entweder aus eigenem Antriebe oder durch Mahnung veranlasst, sich zu vertheidigen, sich zu erklaren, Lehre oder Versohnung anzunehmen ... Hubertus und Paolo Vigo kannten den Segen, welchen diese Verstandigungen der kleinen Gemeinde unter ihren Gliedern schon seit lange hervorgebracht hatten1 ...

Unterwegs hatte Paolo Vigo seinen Begleitern, so wenig sie auch durch Gesprach ihre Schritte hemmen mochten, doch gelegentlich wiedererzahlt, warum Fra Federigo, als die Genossen Negrino's ihn endlich zur Abhaltung mindestens Einer Versammlung im Jahre uberredeten, gerade den Tag des heiligen Bernhard dazu wahlte ... Nicht nur, dass in der Hohe des August die wichtigsten Ernten beendet waren, Fra Federigo hatte ihm auch das Gedachtniss des Abtes Bernhard von Clairvaux als ein festzuhaltendes Spiegelbild frommerer Zeiten dargestellt, wo einsichtsvolle freimuthige Priester noch zu heilsamen Zwecken in den Rath der Grossen traten ... Siebenhundert Jahre war es her und in der Blutezeit des Mittelalters, als ein hoher Ernst die Volker ergriff und Manner erstehen liess, die in einer wilden, kriegerischen Epoche kaum von solcher Weihe und Thatkraft erwartet werden durften ... Damals, als die Philosophie in Frankreich, England und Italien erbluhte, die Dichtkunst sogar uber das rohere Deutschland hie und da einen milden Glanz der Sitten verbreitete, die Kreuzzuge einen seltenen Aufschwung des Gemuths und der Phantasie hervorriefen, zerstorte Rom und die Herrschaft der Papste noch nicht alle Hoffnungen der Volker und verdunkelte noch nicht alle Lichtschimmer einer besseren Aufklarung ... Ein einfacher Burger in Lyon, Pierre Vaux (Peter Waldus), las damals die Bibel in einigen Abschnitten, welche in die gewandteste und poesiefahigste Sprache damaliger Zeit, die provencalische, ubersetzt waren ... Ein wunderbarer Lichtglanz uberfiel ihn beim Lesen des den Laien ganzlich unbekannten Buches gerade wie die Junger, die nach Christi Tod im Dunkeln wandelten, plotzlich an ihrer Seite einen Wanderer bemerkten, der so machtig die Schrift auslegte ... Waldus las seine Entdeckungen Befreundeten vor, liess auf seine Kosten die Bibel noch vollstandiger in die Sprache seiner Landsleute ubersetzen und nahm die einfachen Formen des ersten apostolischen Christenthums an ... Sein Vermogen gab er seiner Gemeinde; ihre Priester, denen die Ehe unverboten blieb, wahlte die Gemeinde selbst; von den Sacramenten behielt man nur Taufe und Abendmahl; letzteres horte auf ein mystischer Act zu sein und blieb nur noch ein Opfer der Erinnerung; es war eine Reformation ohne Schulgezank, ohne Disputation der Theologen, eine Lauterung der Lehre allein durch das Herz ... Mit reissender Schnelligkeit verbreitete sich das Wirken der Waldenser ... Ein ganzer Gurtel Europas von den franzosischen Abhangen der Pyrenaen an bis nach Suditalien fiel vom herrschenden Kirchengeiste, vom weltlichen Streit der Papste mit dem Kaiser und von Geistlichen ab, die damals sogar die Waffen fuhrten und oft im glanzenden Harnisch zu Ross sassen, im wildesten Kampfgewuhl die zum Segnen bestimmte Hand mit Blut besudelnd ... Mit einem warmen, lebendigen Eifer fur die apostolische Reinheit der Lehre und des kirchlichen Lebens ging Hand in Hand die Gesittung ... Gerade dieser Gurtel Europas wurde der bluhendste an Gewerbfleiss, Erfindungen, in Kunsten und Wissenschaften ... Immer weiter und weiter schwang sich ein lichtheller Iris-Bogen uber Europa ... Burgund, Deutschland, Bohmen erglanzten von seinem siebenfachen Strahl ... Wo der Webstuhl sauste, wo die Industrie der Stadte mit dem Betrieb des Ackerbaues zu regem Austausch ihrer Erzeugnisse verkehrte, da erschollen auch bald die neugedichteten Lieder zum Lob des Hochsten ... Ganze Stadte, ganze Landerstrecken hatten schon keinen andern Gottesdienst mehr, als den der Waldenser, der Humiliaten, Armen Bruder, der selbst die Kirchen und ihre Pracht fur uberflussig erklarte und jeden grunen Rasenplatz, jedes Laubdach einer Eiche fur eine Gott wohlgefallige Kapelle erklarte ...

Paolo Vigo schilderte die furchtbare Verfolgung, welche von Rom aus uber diese Bekenner des reinen Christenthums anbrach ... Die Papste nannte er, die zum Morden aufforderten ... Jene Schreckensthaten des Abtes von Citeaux und jenes Vorbildes eines Alba, des Grafen Simon von Montfort, schilderte er, wie sie mit Feuer und Schwert Manner, Weiber, Kinder vertilgten ... Damals kam der Satz der romischen Kirche auf: "Ketzern ist keine Treue zu halten"; papstliche Legaten schwuren auf die Hostie, dass, wenn die Ketzer ihnen die Mauern offneten, sie nur allein mit einigen Priestern einziehen wurden, um die bethorten Bewohner zu bekehren; geschah es aber, so warfen sie die Priesterkleider ab, zogen verborgene Schwerter, die Reisigen der fanatisirten Glaubensarmee brachen nach und kein Saugling auf dem Mutterarm entkam dem allgemeinen Blutbade ... Beutegier, Habsucht schurten die Verfolgung ... Simon von Montfort, Abt Arnold schlugen herrenlos gewordene Landerstrecken zu Furstenthumern zusammen ... Damals war Raimund, Graf von Toulouse, das ungluckliche Oberhaupt der bedrangten evangelischen Bekenner, wie spaterhin das Haupt der Hugenotten Coligny ... Endlich fluchteten sich die letzten Reste dieses unablassigen Mordens in die Berge, die Pyrenaen, die Alpen, die Apenninen ... Jahrhundertelang erhielten sie sich dort, trotz einer sie auch hier erreichenden zweiten blutigen Verfolgung, die dann das Werk der neuen Kreuzritter wurde, der Jesuiten ... Damals griffen sie in den Thalern Piemonts wieder zu den Waffen ... Zu den tapfern Namen, die in alteren Tagen mit Maccabaermuth ihre heilige Sache, Haus, Herd, Weib und Kind vertheidigten, gesellten sich neue, wie Heinrich Arnaud, der in offener Schlacht mit einer kleinen Schaar Tausende zuruckgeschlagen hatte, sich uber die steilsten Felsen Piemonts zuruckzog, ein Lager in einer Schlucht wie eine Festung erbaute, acht Monate lang, nur von Krautern lebend, mit seiner kleinen Schaar gegen die Kanonen kampfte, die auf sein kleines Hauflein von den Felswanden aus ein morderisches Feuer unterhielten, bis sich Arnaud endlich mit dem Rest seiner Schaar, 350 an der Zahl, einen ruhmvollen Abzug erkampfte ... Wie dann auch in Calabrien die Waldenser hingesunken waren, hatte Federigo oft genug erzahlt ... Damals starb Negrino in Cosenza den Hungertod, Pascal in Rom auf dem Scheiterhaufen ... Oft hatte Federigo's ruhrende Stimme geklagt, dass besonders solche Thorheiten verderblich waren, die selbst in den Gemuthern der Edeldenkenden Raum gewinnen konnten ... Bernhard von Clairvaux, Abt eines Klosters in Frankreich, Lehrer seines Jahrhunderts, ein Orakel der Fursten, ein Rath ihrer Rathgeber, ein Straf- und Bussprediger der Geistlichkeit, sogar den Papsten ein: Bis hierher und nicht weiter! gebietend; ach! auch der, wie die heilige und so edle Hildegard, sah in den Thaten und Lehren der Waldenser nur die Eingebungen des Teufels ! ... Ambrogio Negrino und Hubertus waren nicht befahigt, sich zu all den Bildern und Erinnerungen aufzuschwingen, die von Paolo Vigo's fiebernderregten Lippen kamen ...

Herr, erleuchte die Weisen! verstanden jetzt auch die Ankommlinge aus Federigo's Rede ... Mildere ihr Vertrauen auf die eigene Kraft! Wecke dem Guten und Gerechten Deine Fursprecher im Rath der Grossen! Ersticke den Durst nach Rache im Gemuth beleidigter Machthaber! ...

Es schien in der That, als wollte Federigo von seinen Freunden Abschied nehmen ... Mehr als sonst riss ihn heute seine Rede hin ... Er beruhrte katholische Punkte, die er sonst vermieden hatte er wollte Niemanden die Moglichkeit nehmen, mit seinem Pfarrer in leidlicher Verbindung zu leben ...

Mit grosser Wehmuth sprach er:

Der heilige Bernhard kann uns in vielem ein Vorbild sein hochragend wie jener Berg im Norden, der mit ewigem Schnee bedeckt, seinen Namen tragt ... Wisset, dass Bernhard jene Lehre, nach welcher auch die Mutter Jesu ohne Sunde empfangen sein soll, fur Sunde hielt ! ... Ihr fragtet mich darum, weil der Heilige Vater diese neue Lehre zu verehren befohlen hat ! Nun wohl! Eines Weibes Name ist heilig, wohl tragt Maria die Erdkugel in Handen, wenn Maria die Kraft bedeuten soll, deren ein schwaches Weib in seinem Aufschwung fahig ist ... Wohl ist zu fassen moglich, wie die alte wilde grausame Zeit, die heidnische, die selbst des Heilands spottete, der am Kreuze sich selbst nicht hatte helfen konnen, doch vor einer Mutter erschrak, vor einer Mutter sich beugte o noch den Morder befallt vor seiner Hinrichtung die Trauer um den Kummer, den er seiner Mutter bereitete ...

Hier stockte der Redner und wollte abbrechen ... Aber einige Stimmen unterbrachen ihn und deutlich vernahm man aus einem schlichten Hirtenmunde, der dazwischen sprach, die Worte:

Wo Maria dann auch ganz die Konigin des Himmels werden soll, wo bleibt ihr Sohn? Wo kommt der wahre Mittler zu seiner ihm allein gebuhrenden Ehre? ...

Im hochsten Grade gespannt horchten die Ankommlinge und sogen die Worte ein, welche Federigo erwiderte:

Lasset das gehen ! ... Seht, es war ja sogar ein anderer Heiliger Bonaventura sein Name ein Heiliger, der zur Zeit jenes Bernhard lebte auch der hat den Psalm David's genommen: "Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zu Schanden werden!" und hat in jedem Seufzer des Vertrauens und der Liebe zu Gott an die Stelle Gottes ruchlos, um es nur auszusprechen ein Weib mit seinen menschlichen Fehlen und menschlichem Elend gesetzt: "Maria, auf dich traue ich ! Mutter Gottes, du hast mich erloset!" So den ganzen Psalm ! ... Und dennoch danken wir auch dem heiligen Bonaventura so viel Entsiegelungen der frischesten Lebensbrunnen des christlichen Geistes ...

Nein, unterbrachen die Stimmen der Aufgeregten, er lasterte ! ...

Ich beschwore euch, rief Federigo, habt Mitleid mit jenen armen Verblendeten, in deren Schoose ihr, kummervoll genug ihre Brauche theilend, voll Bangen und voll Zagen lebt ... Lasst sie die Altare einer Frau zu Ehren mit Zierrath und mit Bandern schmucken ! Lasst sie ihr Gebet des Morgens, des Mittags und des Abends wenigstens an Etwas richten, was dem Heiland verwandt ist ! ... Aber das ist wahr (nun erhob sich des Sprechers Stimme, von dem man sah, dass ihn die Gesinnungen seiner Umgebungen fortrissen), wenn Maria es ist, die uns erlost und vor Gott vertreten soll, so konnten jene Rauber, die mit dem Giosafat eure Hutten verbrannten, eure Heerden raubten, getrost auf ihrer fuhllosen Brust ihr Bildniss tragen ! ...

Eine freudige Zustimmung ging mit Zornesruf durch die Reihen ...

Wehe einem Kind, fuhr Federigo, aufgeregt und ganz sich vergessend fort, das fur seine Bewahrung im Leben nur die Nachsicht einer Mutter hat! ... Nie, nie, wenn auch heute in Spezzano die Lampen brennen werden, nie sollt ihr auf Fursprache nur der Mutterschwache hoffen! Denkt an die klugen Jungfrauen, die im Dunkeln ihr Oel huteten und die Lampen nur anzundeten, wenn ihr rechter Brautigam, der Heiland, kam! ... Nein, ich sehe es, ihr glaubt nicht an die Wahrheit eines gotteslasterlichen Bildes, das sich in einer der grossen und herrlichen Kirchen Milanos befindet und das einen Traum unsres heutigen heiligen Bernhard darstellen soll ! ... Zwei Schiffe steuern dem Himmel zu; des einen Steuer fuhrt der Herr; des andern Maria ... Jenes bricht zusammen und seine Mannschaft sinkt in den Abgrund; dieses gleitet sicher dem Hafen des Himmels zu Maria streckt ihre hulfreiche Hand nach den Scheiternden aus und nun kommen auch sie in den Hafen der Gnade, sie, die mit Christo gingen, sie, die mit Christo verloren sein sollen, sie, nur noch erlost durch Maria ! ...

Ein Ausruf des Schreckens uber solche Lehren theilte sich selbst Negrino, Hubertus und Paolo Vigo mit ...

Zorn regt sich in eurer Brust? sprach Federigo Eure Blicke sagen: Nimmermehr kann solches ein Heiliger auch nur getraumt haben! ... Ihr sprecht: Du von Rom verrathener, von Rom auf das Steuer eines untergehenden Schiffes verwiesener Heiland, du, du bist allein der wahre Fuhrer! Deine Hand streckte sich einst aus und liess uber Wellen den Verzagenden sogar hinweggehen! Der Nachen, den du, du gezimmert hast, Sohn des Zimmermanns, die Flagge, die du als Wahrzeichen aufgesteckt, sie, die dein mit dem Blut beschriebenes Kreuz tragt, sie sollte nicht die gluckliche Fahrt, die Einkehr in den Hafen der Seligen gewinnen? ... Doch wohin verirren wir uns meine Freunde ! Ihr musst in eure Wohnungen zuruck wieder sein, was euch drei Jahrhunderte zu sein zwangen musst leben mit den schuldlosen Nachkommen der Morder euerer Urvater Vergebt ihnen im Geiste der Liebe und Hoffnung ! Versagt euern Priestern nicht die Spenden, die sie noch begehren durfen! Auch die Spenden der Andacht nicht, die in diesen Landern ublich! Ein Korn Goldes ist immer noch bei dem schlechten Blei verdorbener Lehre! Noch ist die Zeit nicht reif, wo der Schmelztiegel Gut und Bose scheiden wird! Aber das Lamm wird bald das funfte Siegel aufthun, von welchem ich euch schon oft gesprochen habe! Unter den Altaren des Himmels werden die Seelen derer, die erwurgt wurden um des Wortes Gottes willen zu zeugen beginnen, dass es auf Erden weithin widerschalle! ... Die Stunde kommt naher ! O, bald wird die Freiheit im Glauben und Denken auch fur Italien anbrechen! Auch in diese Thaler wird der Lichtstrahl einer neuen Sonne dringen! Lautert euch fur diesen grossen Augenblick! Thut das Gute, tragt im Herzen euren reinen Sinn und eure gelauterte Hoffnung! Wenn ich ach! heute von euch scheide ja, Geliebte ich scheide von euch! Es ist das letzte, letzte Mal ...

Warum musste nur das Ohr der drei Ankommlinge und aller in Thranen gebadeten Horer so gebannt sein von dem allgemeinen Schluchzen, Wehklagen, von den Thranen des Redners, dass jene sich still hinter einer der Bluteichen verbargen und die Worte ihres Freundes und Lehrers nicht storen mochten ! ...

Jetzt musste Hubertus, der Scharferspahende, die erstickte Abschiedsrede Federigo's unterbrechen, musste auf die ihnen gegenuberliegenden waldbedeckten Berge deuten und in wilder Hast wie ein Verzuckter rufen:

Besteigt den Nachen Jesu! Rettet, rettet euch! ...

Und auch aus dem um den Greis zusammengedrangten Haufen mussten nun wol andere, die seinen Leib zu umfassen, seine Hande, seine Fusse zu kussen nicht hindurchdringen konnten, ihr Auge auf die von Hubertus bezeichnete Stelle gerichtet und unter den Baumen an einzelnen offenen Stellen schon dieselbe Storung erblickt haben ... Ihr Ruf fiel in den des Monches ein ...

Voll Entsetzen erkannten Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, die mechanisch dem voransturmenden Hubertus gefolgt waren, die Flinten der gefurchteten Jager von Salerno, die in der That, unabhangig vom Corps in San-Giovanni, uber den Aspropotamo und Gigante gekommen waren ...

Schon stand Hubertus mitten unter den in noch wildere Aufregung gerathenden, theilweise zu den Waffen greifenden Verbundeten ... Die Frauen fluchteten sich zu ihren Karren ... Die Kinder druckten sich schreiend an ihre Vater, die rathschlagend zusammentraten ... Hubertus hatte Federigo schnell begrusst und seine Hand ergriffen, um ihn den Weg zu fuhren, den Ambrogio zum Entkommen fur den sichersten hielt ...

Federigo deutete gelassen auf eine andere Stelle des dichten Waldkranzes, wo die rothen Punktchen sich mehrten, die Federbusche an den Huten der Jager von Salerno ... Die von San-Giovanni erwarteten Truppen hatten allerdings vor drei Stunden noch nicht eintreffen konnen ... Dies war ein Detachement, das vom Meerbusen von Squillace gekommen ...

Nun war alles auseinander gesprengt und raffte die Karren, die ausgelegten Gerathschaften, die Kinder zusammen ... Die Manner standen unentschlossen, ob sie zur Flucht oder zu Widerstand schreiten sollten ... Heute zum erstenmal hatte ihr stetes Drangen, dass ihr Freund und Rathgeber sie uber Rom, uber die Priester und die Lehre der Kirche aufklaren sollte, eine Erhorung gefunden Den Greis hatte der Schmerz der Trennung fortgerissen ... Vier Manner, unter ihnen Ambrogio, schwangen ihre Flinten uber Federigo's Haupt ... Die Hitze des sudlichen Temperaments war bei diesen Mannern von ihrer religiosen Denkart nicht uberwunden worden ... Hatte man auch nur ein Dutzend Schusswaffen, funfzehn Alpenstabe waren mit Eisen beschlagen; Messer, welche die Fischer und Kohlenbrenner am Gurtel trugen, waren lang und geschliffen ... Hubertus wartete nur auf das Zeichen, das Federigo geben sollte ... Er selbst hatte sich mit einem: Halt da! denen gegenubergestellt, die ihn nicht kennen mochten und das Erscheinen eines Monches und eines Priesters fur die Vorboten einer unentrinnbaren Gewaltthat ansahen ...

Meine Freunde! rief Federigo in die wilde Bewegung ... Verschlimmert die Sache nicht noch mehr, als sie schon ist! ... Wir wissen, dass diese Krieger das Gebirge durchstreifen seit den blutigen Aufstanden an den Meereskusten ... Wer weiss, ob sie nur uns suchen ... Wo Weiber und Kinder zugegen sind, konnte nichts Uebles geschehen ...

Ambrogio Negrino musste ihm diese Voraussetzung nehmen ... Er erzahlte, was von ihm in San-Giovanni gehort worden ... Paolo Vigo und Hubertus riethen, lieber sofort das Aeusserste anzunehmen und die Sicherheit zu suchen ... Seit dem Aufstand der Bandiera war nicht vorgekommen, dass sich zu gleicher Zeit eine so grosse Anzahl von Soldaten in diesen Gegenden hatte erblicken lassen ... Viele der Frauen hatten Soldaten im Leben nicht gesehen ... Sie standen starr vor Entsetzen und mehrten die Rathlosigkeit der Manner, von denen die Mehrzahl sich vertheidigen wollte ...

Federigo bat alle, sich der Sorge um ihn selbst zu entschlagen und nur auf die eigene Rettung bedacht zu sein ... Den Zumuthungen zur Flucht widerstand er entschieden, ordnete die Leute so, dass sie in zerstreuten Haufen sich auf die Heimkehr uber solche Wege begaben, die nur ihm bekannt waren ... War auch das Thal so eng, dass ein auf dem Gebirgskamm plotzlich fallender, schon als Alarmzeichen dienender Schuss ringsum in siebenfachem Echo widerhallte, so fehlten Auswege nicht und nicht alle Gebirgsspalten konnten zu gleicher Zeit besetzt sein ...

Inzwischen mehrten sich die verdachtigen Zeichen und schon wurden die militarischen Commandos horbar ...

An ein Entrinnen ist nicht zu denken! sagte zu aller Schrecken der jetzt fur immer dem Verderben geweihte Pfarrer von San-Giovanni ... Ambrogio und Hubertus schilderten zu wiederholter Bestatigung, was sie in San-Giovanni und Spezzano gesehen hatten ...

Inzwischen war von den Entschlosseneren unter den Mannern ein Ruckzug angeordnet worden, der vielleicht uber die Serra del Imperatore moglich war ... Eiligst warf man die Gerathschaften auf die Karren, gebot den Kindern Ruhe, brachte die Maulthiere und Esel in Bewegung und in einer Viertelstunde war es um Federigo's Hutte still geworden ... Nur noch Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino blieben zuruck ...

Instandigst bat sie der Greis, jenen Felsenspalt, den er kannte und fur vollkommen sicher erklaren musste, statt seiner aufzusuchen ... Eilt euch, meine Freunde! sprach er ... Kummert euch nicht mehr um mich ... Meine Stunden sind gezahlt und ich habe nicht einmal eine schlimme Hoffnung fur mich ich habe sie nur fur euch ...

Wir sind dort alle sicher ... entgegnete Ambrogio ...

Ich beschwore euch, geht allein! wiederholte Federigo ... Ich suche mein Ende ... Lasst, lasst mir, was beschieden ist ! ... Ich versichere euch, es wacht nicht nur Gott uber mich, sondern auch manche Freundesseele unter den Menschen ... Soll ich euch, meine geliebten, theuern Freunde, unglucklicher machen, als ihr jetzt schon mit euerm getheilten, zaghaften Herzen seid? ... Gott ist mein Zeuge, ich pflanzte nichts in euch, was nicht schon in euch war! ... Ich hielt euch zuruck, euch den grossten Gefahren preiszugeben ... Wenn ich mich dem Drangen nach Entscheidung heute fugte, so ist es billig, dass mich die Folgen allein treffen ... Flieht, flieht ! ... Bewahrt euer Geheimniss, lehrt diese Menschen das ihrige huten bald brechen neue Zeiten an! ... Vielleicht vernimmt noch Euer Ohr den Sieg des Evangeliums von Rom! ...

In diesem Wettstreit die Verehrer des Greises wollten sein Schicksal theilen mehrte sich die Unruhe ringsum ... Das Thal wurde lebendiger ... Von Aexten getroffen brachen hie und da die Zweige zusammen ... Hier blitzten Flinten auf, dort entluden sich welche ... Federigo wehrte Hubertus, der ihn auf seinen Armen forttragen wollte ... Rettet nur euch! bat er wiederholt ... Fur mich ist gesorgt ...

Alle starrten, als sie sahen, wie Federigo jetzt in seine Hutte trat, dort ein brennendes Licht ergriff, die Flamme an die Wande hielt, die von durrem Moose gefugt waren, und seine Einsiedelei in Flammen steckte ...

Paolo Vigo suchte das verzehrende Feuer abzuhalten von den Gedankenschatzen, die hier in Buchern und Blattern aufgehauft lagen und aus denen er jahrelang Trost und Erhebung geschopft hatte ... Aber die Papiere und Bucher brannten schon und bald zungelte die Flamme um die ganze Hutte ...

Gedanken an Rettung und Flucht verliessen nun die drei Freunde ganzlich ... Willenlos liessen sie den Greis gewahren ... Sein Betragen war seltsam ... So fast, als kame ihm dieser Ueberfall erwunscht, ja als ware er fruher oder spater auf einen solchen vorbereitet gewesen ...

Aus dem Brande ergriff er einige wenige Bucher, um sie zu retten und seltsamerweise noch drei Stabe, von denen er jedem der Freunde einen einhandigte mit den Worten:

Schutzt euer Leben und euere Freiheit ... Bewahrt aber, jeder von euch, wie irgend moglich, diesen Stab, den ich euch auf die Seele binde ! ...

Nun vollends blieben sie wie angewurzelt stehen ...

Er wiederholte seine Worte und setzte hinzu:

Sucht mit ausserster Anstrengung euch diese Stabe zu erhalten ... Wenn ihr nicht entweichen wollt, ihr Armen, so bitt' ich nur noch dies ... Es kommt ein Augenblick, wo ich oder irgendwer euch mittheilt, welche Anwendung ihr von diesen Staben machen sollt ...

Die Hutte brannte nieder ... Eine Viertelstunde darauf waren auf einer rauchenden Trummerstatte alle vier die Gefangenen der Inquisition ...

Funfzehn auf der Flucht noch aufgegriffene Manner, an ihrer Spitze auf einem und demselben Karren Federigo, Hubertus, Paolo Vigo und Ambrogio Negrino, kamen am Abend desselben Tages zu Spezzano nicht nur von Reitern und Fussvolk geleitet an, sondern vom Schwarm der Bewohner des halben Gebirgs ...

Das Kirchenfest von Spezzano mit all den Spassen, die mit tausend Lichtern und Lampen die Gottheit, wie die Chinesen den Neumond feiern, war im vollen Gange ...

Die Ketzer von den Bluteichen! hiess es ... Und mancher staunte, darunter einem alten Bekannten zu begegnen ... An der Spitze des Zugs befand sich der "Hexenmeister, der von den Fanatikern verspottet, von den meisten mit unheimlichem Grauen betrachtet wurde ... Die Mehrzahl wurde nach Cosenza abgefuhrt ... Die vier verbundenen Freunde kamen nach Neapel ...

Der Abschied, den sie alle von einander und von den Ihrigen nahmen, liess selbst die von ihrem Pfarrer fanatisirten Bewohner von Spezzano glauben, dass die Ketzer Menschen bleiben wie andere ... Das Weinen der Frauen steckte an ... Die Volkshaufen konnten zuletzt von den Monchen und Priestern, die anhetzen wollten, nicht mehr recht zu Beschimpfungen entflammt werden ...

Am meisten ruhrte der Abschied, den Rosalia Mateucci von ihrem in San-Giovanni in solcher Lage begrussten Bruder, dem Pfarrer Paolo Vigo, nahm ... In Spezzano entriss ihm zwar eine Frau das Kind, das er segnen wollte, aber das halbe San-Giovanni, das bis Spezzano mitgezogen war, trat dazwischen und Scagnarello erbot sich sogar, die weinende Rosalia nach Cosenza umsonst zu fahren ... Was sie an Geld bei sich trug, hatte sie dem heissgeliebten, unglucklichen Bruder aufgezwungen, den in so unwurdiger, diesseits und jenseits verlorner Erniedrigung wiederzusehen ihr das Herz brach ... Paolo Vigo sprach laut uber die Freude, leiden zu durfen um des Heilands willen ... Als er laut betete, senkten sich die Haupter ... Niemand unterbrach seine feierlich erhobene Rede ...

Paolo Vigo zog allem, was ihn treffen konnte, das Gluck vor, bei Federigo zu sein ... Alles hatte man ihm genommen, nur den Stab nicht, den auch die beiden andern Gefangenen trugen ... Der Pfarrer von Spezzano zeigte dem Guardian von San-Firmiano, der seinen beiden Klosterangehorigen bis Spezzano gefolgt war, eine Vollmacht des Erzbischofs von Cosenza, der zufolge das Kloster die beiden Leviten nicht reclamiren durfte ...

Rosalia Mateucci schwur dem hochheiligsten Erzbischof von Cosenza eine Rache wie sie nur vom Blick einer Neapolitanerin begleitet sein konnte ...

Transporte von Gefangenen waren und sind in diesem Lande an sich etwas Gewohnliches ...

Der Wagen, begleitet von sechs Schweizer-Dragonern, glitt niederwarts der kreidigen, staubbedeckten Landstrasse und den blauen Wogen des Meeres zu hin nach Neapel, wo Hubertus, mit Verzweiflung sich allein als den Urheber aller dieser Schrecken anklagend, nur einen einzigen Gegenstand suchte die Rauchsaule des Vesuv" ...

Fussnoten

1 R e h f u e s ' "Neue Medea".

12.

Was Lucinde vor Jahren geahnt hatte, dass sie nach einer kurzen glanzenden Periode des Glucks nur zu bald wieder in Elend versinken wurde, war allerdings nach dem Tode Ceccone's fur einige Zeit eingetroffen ...

Aber wie sie am Tage nach dem Hochzeitsfest Olympiens berechnet hatte, sie war wenigstens die rechtmassige Grafin Sarzana geblieben ... In ihrer Theilnahme an den Demonstrationen modischer Kirchlichkeit lag eine Versohnung fur alles, was in zweideutiger Weise ihren Ruf treffen konnte ... Sie war eine Busserin, trug nur dunkle Farben, senkte ihr ohnehin schon zur Erde sich neigendes Haupt in dem Grad, dass die jetzt fast Sechsunddreissigjahrige einen gekrummten Rucken bekommen zu haben schien und mit ihren noch immer blitzenden Feueraugen die Menschen, das Leben und die Welt von unten her um so unheimlicher betrachtete ...

Jetzt, wo Friede und Ruhe wieder in Rom eingezogen war, hatte sie sogar die Mittel gefunden, eine Art "Kreis" um sich zu ziehen ... Die Sorge um einen solchen "Kreis" ist nicht gering; sie ist mit steter Aufregung und mancherlei Aerger verbunden ... Sie hatte einen Donnerstag proclamirt, an dem ihr Haus allgemein und massenhaft zuganglich war, wahrend sonst zu ihrem engern Kreise nur wenige "Intimitaten" gehorten ...

Diese Wiederherstellung war ihr in diesem Herbst und Winter nach vielen Muhen gelungen ... Die "Donnerstage" der Grafin Sarzana waren besucht ...

Die Wohnung, die sie innehatte, gehorte dem altesten Rom des Mittelalters an und lag in der "Strasse der Kaufleute" ... Hier standen alte Palaste, die den herabgekommenen Geschlechtern alter Tage gehorten; dunkle, verwitterte Steinmassen, im Erdgeschoss und Bodengelass oft zu Waarenmagazinen benutzt, umgeben von baufalligen Nachbarhausern ... Es lag ein gewisser Nimbus um diese alterthumlichen Wohnungen und selbst im dritten Stock, den die Grafin Sarzana bewohnte, war einer dieser Palaste leidlich "anstandig", auch wenn man im Eingang an den Fassern eines grossen Kaufmannsgeschaftes voruber musste und die Treppen mit Wollsacken verengt fand, die innenwarts auf die oberen Boden gewunden wurden ... Darum hatten die inneren Gemacher, zumal wenn sie erleuchtet waren, doch durch Bauart und architektonische Ausschmuckung ein beinahe furstliches Aussehen ... An ihren "Donnerstagen" bedienten mehre Diener in Livree ... Fur gewohnlich hatte die Grafin nur ihrer zwei ... Auch eine Equipage, eine gemiethete freilich, durfte nicht fehlen ...

Es war ein Geheimniss, woher die Einnahmen dieser deutschen Dame flossen ... Oft hatten ihr Bonaventura, Paula, Graf Hugo vergeblich Pensionen angeboten ... Ceccone's letzter Wille verlangte, dass sie zeitlebens das kleine Palais bewohnte, in welchem ihm Graf Sarzana den Tod gegeben ... Sie bezog es nicht; verwerthete aber die Vergunstigung durch Vermiethung ... Als Olympia in London selbst nicht mehr mit ihren Einnahmen auskommen konnte, stellte sie die Bedingung, dass Grafin Sarzana das Palais ihres Onkels entweder bezog oder die Nutzniessung an sie, seine Erbin, abtrat ... Lucinde zog letzteres vor ... Nun, wo ihr jahrlich tausend Scudi fehlten, traten die harten Zeiten ein ... Ihre "Missionsreisen" wurden ihr zwar bezahlt, sie wohnte in Ordenshausern, auch hatte sie eine Hulfe, die ihr manchmal in aussersten Fallen beistand die alte Furstin Rucca ... Nur wurde auch diese vom Herzog Pumpeo so in Anspruch genommen, dass sie Schulden hatte und dann im Gegentheil von Lucinden zu borgen kam ... Lucinde nahm in solchen Fallen keinen Anstand, uber die Borsen derer zu gebieten, die unter ihren Bekanntschaften reich waren ... So bei Frau von Sicking, die auf ihren geistlichen Tendenzreisen oft nach Rom kam und Lucindens Protection begehrte ... Treudchen Ley, deren Gatte, Piter Kattendyk, sich nicht nur in die ernste Lebensaufgabe geworfen hatte, Stadt- und Commerzienrath zu werden, sondern sich auch mit der so schmahlich von ihm beleidigten Kirche und Religion auszusohnen (Professor Guido Goldfinger hatte das Geschaft gerettet und schwang sein Scepter uber die Hauptbucher mit tyrannischer Gewalt), auch Treudchen Piter Kattendyk liess ihrer Freundin Grafin Lucinde Sarzana eine regelmassige, wenn auch nur kleine Pension auszahlen ... Goldfinger hatte diese als Tribut der Familie, desgleichen infolge letzten Willens der selig verblichenen Schwiegermutter Wally Kattendyk, anerkannt und sogar etwas vergrossert unter ausdrucklicher Nebenbedingung, dass Lucinde in der Peterskirche an einem gewissen Altar fur das Haus Kattendyk und die Angehorigen desselben jahrlich eine Messe lesen lassen sollte sie erstand sie wohlfeiler, als von Deutschland aus moglich war ...

Alle diese Hulfsmittel wurden nicht ausgereicht haben, z.B. dem Andenken des Grafen Sarzana, trotzdem, dass er fur die Sache des "Atheismus" gefallen war, auf dem Kirchhof an Porta Pancrazio ein glanzendes Denkmal zu setzen, im eigenen Wagen zu reisen, einen alten Palazzo in der Strada dei Mercanti zu bewohnen, einen Jour fixe, regelmassig zwei Bediente und eine Equipage zu halten wenn nicht Lucinde noch einen Beistand gefunden hatte, welcher der frommen Convertitin seltsamerweise aus der Turkei kam ...

Grafin Sarzana kannte Italien und wusste, dass dort Speculation nicht schandet ... Sollte es allmahlich herauskommen, dass sie einen Handel mit allerlei kostbaren turkischen Waaren, Shwals, Seidenstoffen, Kleinodien trieb was that ihr das ! ... Diese Dinge kamen ihr aus Kleinasien zu, wo in Brussa, an den Abhangen des Olympos, da wo einst im ambrosischen Licht die Gotter Homer's gethront, Abdallah Muschir Bei wohnte, ein vornehmer reicher Mann, Renegat, niemand anders, als der ehemalige papstliche Sporenritter und Oberprocurator Dominicus Ruck ...

Wir kennen die Schreckensscene, als Ceccone, der ohne Lucindens Plaudereien nicht leben konnte, in einem Cabinet, dessen Thur durch Zufallen von innen sich von selbst verschloss, bei ihr verweilte, Sarzana mit blanker Klinge die Thur sprengte und nach dem Cardinal stach ... Als damals Lucinde zu den "Lebendigbegrabenen" geflohen war, liess sich eines Tages am Sprachgitter ein Fremder melden, welcher seinen Namen nicht nennen mochte ... Ueberall Mord und Verrath furchtend, wagte sich Lucinde nicht ans Gitter, sondern liess sich verleugnen ... Dieselbe Meldung kam acht Tage spater wieder ... Als sie nun tiefverschleiert und wie eine Nonne am Gitter erschien und den Mann erkannte, welcher sie zu sprechen wunschte und den sie zum letzten mal gesehen als einen fast von ihrer eigenen Hand Erhangten, erbebte sie, uberflog in schneller Fassung die gegenwartige Stellung, in der sie sich befand, ihre Rucksichten, die Gesinnung, die sie zur Schau tragen sollte, wechselte nur wenige kalte Worte mit ihm und gab sich ganz den Nimbus, der ihr als Grafin und Fromme gebuhrte ... Bei einer dritten Meldung nahm sie den unheimlichen Besucher gar nicht an ... Inzwischen blieb sie bei den alten Parzen des Klosters wohnen und sah die wahnsinnige Lucrezia Biancchi in ihren Armen sterben ... Jetzt schrieb ihr Ruck ... Ob sie denn ganz die deutsche Heimat vergessen hatte, ob sie ihn fur unwurdig hielte, dem Puppenspieler Weltgeist hinter die Coulissen zu sehen, mit einzublicken in die Gedankenmaschinerie einer grossen, stolzen und die Welt verachtenden Seele, wie die ihrige oder ob sie Furcht haben konnte vor wem? vor was? Vor sich selbst doch gewiss am wenigsten! Wol gar vor ihm ! ... Er bot ihr, die in so viele Geheimnisse seines Daseins eingeweiht war, die ihn vor den schrecklichen Folgen der Rache Hammaker's vom Hochgericht hernieder bewahrt hatte, den Mitgebrauch seines Vermogens, das er, nach einer Trennung von seiner Frau, so weit an sich gebracht hatte, als ihm sein eigen Erworbenes nicht entzogen werden konnte ... Zur Ehe nehmen konnte er Lucinden nur dann, wenn beide die Religion wechselten ... Auch das schlug Nuck vor ... Er schilderte den "schwarzen Falken", einen Indianerhauptling voll Tapferkeit, Grossmuth, Gerechtigkeitliebe, der an nichts geglaubt hatte, als an den "grossen Geist" ... Er erlauterte die Philosophie Buddha's mit wenig Federstrichen ... Jedenfalls schlug er nicht den verhassten "Ruckschritt" des Protestantismus, sondern, wenn sie wolle, Islam oder Judenthum vor ... Lucinde war damals so unglucklich, dass sie diese Zeilen lange mit Aufmerksamkeit betrachtete. Es war ein Brief in den Wendungen, wie sie Nuck liebte Cynismus abwechselnd mit Melancholie ... Offen gestand er, dass er sich daheim nicht mehr hatte halten konnen; zu schlimme Geruchte hatten ihn verfolgt; ein ruheloser, unstater Geist irre er jetzt von Stadt zu Stadt und wiche Jedem aus, der sich, weil er wisse, dass er einen Kopf, zwei Arme und zwei Beine hatte, ein vernunftiges Wesen dunke ... Rom, fur dessen Macht und Herrlichkeit er sonst seine eigene Vernunft eingesetzt, erschiene ihm eine wuste Einode ... Er musse sein altes von Hause mitgebrachtes Rom nehmen und uber die langweilige Stadt, die er hier antrafe, "uberstulpen", um hier nur auszuhalten ... Nur den ihm geistesverwandten Klingsohr hatte er besucht und von diesem die Empfehlung eines ehemaligen turkischen Priesters, der Christ geworden, erhalten ... Um seinerseits umgekehrt vielleicht ein Turke zu werden, lerne er von diesem die turkische Sprache ... Er bot Lucinden an, sein Weib zu werden und mit ihm nach Kairo zu gehen ...

Sie antwortete ihm nicht und Nuck verschwand dann aus Rom ... In Neapel vervollkommnete er seine Kenntnisse im Turkischen, ging nach Stambul, von da nach Brussa ... Ohne ihr die ihm bewiesene Kalte nachzutragen, schrieb er Lucinden als Abdallah Muschir Bei ... Die beredtesten Schilderungen zeigten ihn als leidlich glucklich; er beschrieb seine Einrichtung, den Harem seiner Frauen; nur bedauerte er, dass er krank und alt ware ... Gerade dies von Erdbeben heimgesuchte, jedoch uber alle Beschreibung schone Brussa hatte er gewahlt, weil die beruhmten Schwefelquellen der Stadt "direct aus der Holle flossen" ... Seinen Justinian konne er nun nicht mehr verwerthen und hatte auch nach so langer Advocatenpraxis ein unwiderstehliches Bedurfniss nach Ehrlichkeit ... Deshalb wolle er Kaufmann werden, wie sein Schwager Guido Goldfinger im Orient befleissigte der Kaufmannsstand sich wirklich der Ehrlichkeit ... An den beruhmten Seidenwebereien Brussas betheiligte sich Abdallah Muschir Bei mit Kapitalien ...

Jetzt antwortete ihm Lucinde und es vergingen seitdem nie sechs Monate, wo nicht uber Stambul und Venedig her ein Geschenk an kostbaren Stoffen, seidenen oder wollenen, an Teppichen und Shwals, auch an kostbaren Geschmeiden fur sie ankam ... Da in diesen Briefen jeder seinen Standpunkt beibehielt, so konnten sie nicht ohne Reiz zur Fortsetzung bleiben ... Abdallah verharrte dabei, dass er Lucinden geliebt hatte, liebe und lieben wurde in Ewigkeit ... Auch noch jetzt konnte er seinen Sklavinnen nur Geschmack abgewinnen, wenn seine Phantasie sie in Lucinden verwandelte ... Die Geschenke Abdallah's zuruckzuschicken oder abzulehnen war zu umstandlich Lucinde behielt sie und verkaufte sie gelegentlich, wenn sie in Noth war ... Ein einziger Shwal half ihr dann auf Monate ...

Ihre demnach mit turkischem Geld unterhaltenen "ultramontanen Donnerstage" wurden von allen jenen Menschen besucht, die nach Rom ziehen, wie die Weisen des Morgenlands nach Bethlehem ... Alle Nationen waren hier vertreten ... Die susslachelnden jesuitischen Abbes der Franzosen; die englischen Katakombenwallerinnen, die im feuchtmodernden Tuffgestein die anderthalbjahrtausendalten Fusstapfen der Wiseman'schen "Fabiola" suchten; deutsche Kunstler, die den Untergang des Geschmacks von den zu weltlichen Madonnen Raphael's herleiteten und an Giotto anknupften; Gelehrte, die alle gangbaren Geschichtsbucher umschrieben, so, dass sie immer das Gegentheil dessen, was die deutschen Kaiser erstrebten, als das Richtigere darstellten, die Papste zu allen Zeiten Recht behalten liessen meist fanatische, geistvolle Menschen und Grafin Sarzana wusste selbst Die unter ihnen zu fesseln, die nicht die Intrigue liebten ... Das Deutsche, mit dem sie oft begrusst wurde, behauptete sie vergessen zu haben; schon lange sprach sie ihr Italienisch mit Feinheit und jedenfalls in jenem rauhen, tiefliegenden Ton, der am gewohnlichen Organ der Italienerinnen den bekannten Wohllaut ihres Gesangs bezweifeln lassen konnte ... Ihre Kunst, einen Abend belebt zu machen, Niemanden zu lange im Schatten stehen zu lassen, galt fur musterhaft ... Gelehrte Streitigkeiten duldete sie bis zu einem gewissen Grade, der jedoch bei weitem uber den der Oberflachlichkeit hinausging ... Viel hockte sie unter Buchern, die ihr Klingsohr bis an seinen vor einigen Jahren erfolgten Tod zutrug die Hektik, die Cigarre und der Orvieto untergruben ihn ; sie lernte unaufhorlich und konnte aus Bibel und Kirchenvatern eine Menge Beispiele fur Behauptungen anfuhren, die den grossten Lichtern der Sapienza und des Collegio anregend waren ... Ihr Vorsprung war dabei der, dass sie alles Vergangene so nahm, wie Gegenwartiges ... Die Menschen hatten nach ihrer Auffassung zu allen Zeiten dieselben Schwachen, dieselben Bedurfnisse; die Forderungen der Natur waren sich zu allen Zeiten gleich ... "Sonderbar!" sagte sie "Die Gelehrten sind auf diese Voraussetzung so wenig gerustet! Fur das Naturlichste, fur den Gebrauch eines Nasentuches in der Hand Cicero's, muss ihnen erst ein Citat aus einem alten Schriftsteller die beruhigende Anlehnung geben!" ...

Von Klingsohr, dem es gegangen, wie den deutschen Lanzknechten im Mittelalter, wenn sie bis zu dem altgefahrlichen Capua kamen, schrieb ihr Abdallah Muschir Bei: "Ist er nun zu seinem Vater und zum Kronsyndikus! O, dieses eitlen Prahlers! Er erstrebte eine Bedeutung, zu welcher ihm weniger Fleiss und Beharrlichkeit, wie er vorgab, als schopferisch geistige Kraft fehlte! Statt letzteres offen einzugestehen, schmahte er die Trauben, die ihm zu hoch hingen! Das ganze deutsche Volk ist wie Klingsohr und gewiss fressen es auch noch einmal die Kalmucken und Tartaren!" ... Lucinde theilte diese Ansichten ... Als sie die ihr von Klingsohr hinterlassene Habe desselben musterte, Brauchbares verkaufte, seine Papiere, seine angefangenen philosophischen Werke unbarmherzig ins Feuer warf, sogar seine Gedichte, in denen doch nur sie besungen war, liess sie sich selbst von jener Brieftasche nicht ruhren, die einst in Klingsohr's und ihrem eigenen Jugendleben eine so grosse Rolle gespielt hatte ... Nachdem sie einen Augenblick zweifelhaft gewesen, ob sie dies Angedenken an die dusteren Verwickelungen im Hause der Asselyns und Wittekinds nicht gleichfalls mit in jenes Kastchen von Ebenholz legen sollte, das ihren ganzen Lebensschatz enthielt mit zu den noch unverkauften Gold- und Silbergeschenken Nuck's zu all den Briefen und Blattchen, die sie von Bonaventura's Hand besass zu Serlo's Denkwurdigkeiten und zur Urkunde Leo Perl's verbrannte sie es gerade an einem Tage, wo drei deutsche Pilger bei ihr vorgesprochen hatten, die zu Fuss nach Rom gewallfahrtet kamen, Stephan Lengenich, Jean Baptiste Maria Schnuphase und der Paramentensticker Calasantius Pelikan aus Wien ... Alle drei erhielten zeitig den gesandtschaftlichen Rath abzureisen sie betranken sich taglich ...

So gab es der Abwechselungen genug, zu denen sich dann die Reisen, der Aufenthalt in Genua, in Coni gesellte, bis die Revolutionen ausbrachen, wo sich Lucinde in Venedig und glucklicherweise durch die Hulfe hielt, die ihr aus dem Orient kam ...

Jetzt war ein halbes Jahr seit "Wiederherstellung der gottlichen Ordnung" verflossen ... Wieder war die romische Saison, kurz vor dem Carneval, in aufsteigender Hohe ... Wieder war ein "Donnerstag" gewesen ...

Lucinde sass, zufrieden mit der Zahl ihrer heutigen Gaste, mit der Erinnerung an ihre eigenen Einfalle und Repliken, die sie zum Besten gegeben (was mustert man nicht alles nach einem Gesellschaftsabend am Effect, den man im Leben machen soll oder will!) ... Die Herzogin von Amarillas war zugegen gewesen, noch immer tief in Trauer gehullt im ubrigen starr, versteinert, bis zum Peinlichen unbeweglich geworden ... Olympia Rucca, die zur Besserung ihrer Finanzen mit ihren Schwiegeraltern Frieden geschlossen hatte und sich gleichfalls noch derselben Trauer widmete, die auch nicht Ercolano, ihr Gatte, um Casar Montalto abgelegt hatte Ercolano sah in Benno's Verhaltniss zu Olympien nur eine personliche Aufopferung der Freundschaft zu Gunsten seines Friedens, zur Vereinfachung seiner Sorgen um eine "nun einmal schwer zu behandelnde" Frau "Es gibt solche Ehemanner !" sagte Lucinde ... Auch Fefelotti, der wiederum allmachtige Cardinal, war dagewesen und hatte Lucinden durch eine heimlich zugeflusterte Mittheilung erfreut ... Sie hatte den Athem des Mannes zwar nicht gern in ihrer Nahe, aber sie horte doch mit Vergnugen, was er ihr heute zugezischelt ... Es erfullte sich also, dass (irgendwo in Europa) mit einem hochbetagten lutherischen Landesvater, bei dessen Hoftheater die beiden Fraulein Serlo als Tanzerinnen engagirt, dann im geheimen zu Freiinnen von *** erhoben waren, durch Vermittelung dieser Favoritinnen ein fur Rom gunstiges Concordat abgeschlossen werden sollte ... Hatte auch Lucinde, die dies Arrangement zu Stande gebracht, gerade kein besonderes Interesse an der Summe, die man ihr zahlen wollte, wenn die Freiinnen von *** nebst ihrer alten Mutter so lange weinten und sich kasteiten und sich abharmten und den alten Landesvater selbst beim Champagner und nachts zwolf Uhr, wenn er im Mantel verhullt nach Hause schlich, durch ihre Gewissensbisse peinigten, bis dieser nachgab und den fur ein protestantisches Land schmahlichen Vertrag mit Rom abschloss1 ihr genugte schon, sich die Curie grundlich verpflichtet zu haben und bitterlachelnd an Serlo's Phantasieen uber die Zukunft seiner Tochter denken zu konnen ...

Heute war ein neuer Gast zum dritten mal dagewesen Pater Stanislaus aus dem Al Gesu, Wenzel von Terschka ... Sechs Monate hatte dieser Verlorene in Rom verweilt, ohne dass ihn jemand erblickte ... Man sagte allgemein, er hatte eine qualvolle Gefangenschaft, dann eine glorreiche Umanderung seines Sinnes zu bestehen gehabt und nun ware er nahezu ein Heiliger geworden ... Jedem, der etwa erstaunte, wie hier moglich gewesen, dass ein Mann erst Priester, dann als solcher weltlich beurlaubt, beauftragt, in kurzer Robe sich in die allgemeine Gesellschaft zu mischen, dann in London zum Ketzerthum ubergetreten war, wieder nach Rom zuruckkehrte, sein altes Priesterkleid "re quasi bene gesta" sagte Lucinde wieder anzog Dem wurde erwidert: All diese Wandelungen im Leben Wenzel von Terschka's beruhen auf Verleumdung! Nie war er vorher ein Priester! Nie war er ein Protestant! Jetzt erst fuhrte ihn das Bedurfniss der Heiligung uber ein leichtsinniges Leben in die geschlossenen Raume eines Busshauses! Erst jetzt ist er geistlich geworden; jetzt in den Orden des heiligen Ignaz getreten und auch jetzt erst heisst er Pater Stanislaus ... Allen denen, die etwa an der Richtigkeit dieser Darstellung zweifeln mochten, musste dieselbe glaubhaft erscheinen, wenn sie die hohle Wange, das duster irrende Auge, den scheuen Blick, den fast verstummten Mund, eine erschreckende Vernichtung an einem Mann wiederfanden, der sonst in Gesellschaften wie Quecksilber glitt ... Der dritte Donnerstag war es heute, wo der unheimlich brutende, willenlos gewordene alte Mann bei Grafin Sarzana sass ... Mit dem Schlag der zehnten Stunde brach er jedesmal auf; er, dem sonst die Nacht gehoren musste ... Punkt funfzehn Minuten nach zehn musste Pater Stanislaus hinter seinen dustern Mauern sein ...

Lucinde urtheilte uber diese Eindrucke, wie uber etwas, was sich von selbst verstand auf dem Gebiet ihres Wirkens und Lebens ... Sie, die ja auch in dieser Weise zu den Wiedergeborenen gehorte, liess ganz ebenso Terschka gelten ... Sie begrusste ihn ohne jeden Schein einer Kritik und gab dem Pater Stanislaus die Ehre, die seinem Stande gebuhrte ...

Nur ein einziges nagendes Gefuhl qualte Lucinden unausgesetzt ... Sie, die sonst die Reue als "unnutze Selbstqualerei" verwarf, bereute doch Eines ... Es war ein Wort, das ihr einst bei ihrer ersten Bekanntschaft mit Cardinal Ceccone uber den damaligen Bischof von Robillante entfallen war: "Ich besitze in meinen Handen etwas, was ihn auf ewig vernichten kann!" ... Dass ihr dies Wort hatte entschlupfen konnen, war nur moglich gewesen im ersten Rausch uber die ihr gewordenen neuen Erfolge auch im Zorn nur uber Bonaventura's damalige Abreise von Wien ... Bonaventura hatte sie in einer Stadt, wohin sie ihm verkleidet durch ganz Deutschland nachgereist war, zuruckgelassen, ohne sich weiter um sie zu kummern ...

Oft hatte sie diese Aeusserung, die sie auch aus Furcht vor den Drohungen des Grafen Hugo that, wenn sie daran erinnert wurde, in Abrede gestellt, hatte ihren Sinn harmlos zu deuten gesucht; aber Ceccone, Olympia, die Herzogin von Amarillas hatten die Aeusserung behalten, oft wiederholt und so ruckhaltlos wiederholt, dass sie Fefelotti bekannt wurde ... Dieser, von Hass und Rache gegen Bonaventura seit Jahren unveranderlich erfullt, hatte der Vorgeschichte Bonaventura's nachgespurt, dem Verschwinden seines Vaters, dem beraubten Sarge auf dem Friedhof von Sanct-Wolfgang ... Nach ihrer fernern fruhern Aeusserung: "Kame, was ich habe, zu Tage, so musste der Ungluckliche auf ewig in ein Kloster!" fehlte nicht viel, dass die seit dem Tode Benno's zu einem grossen Schlage der Rache Verbundenen, Fefelotti, Olympia, die Herzogin, schon aus sich selbst heraus die volle Wahrheit trafen ... Zu einer solchen Entsagung konnte nur Jemand gezwungen werden, der mit einem dem Priesterthum widersprechenden Makel behaftet war ... Selbst die Besuche Terschka's, sein lauerndes Umblicken und grubelndes Schweigen schien dem Privatgefuhl Lucindens, das von ihrer offentlich gespielten Rolle abwich, mit einer Verschworung gegen Bonaventura sogar mit ihrem Kastchen in Verbindung zu stehen ...

Bonaventura war noch in Rom mannichfach begnadet und hoher noch gehoben, als er schon stand ... Im Sommer angekommen, hatte er seine Mutter sterbend gefunden, sie aus dem Leben scheiden sehen, von seinem Stiefvater, der dann nach Deutschland zuruckkehrte, Abschied genommen und eben nach Neapel reisen wollen, als er durch einen jener plotzlichen Einfalle, welche an dem inzwischen wieder auf den Stuhl Petri zuruckgekehrten Statthalter Christi alle Welt kannte, zum Cardinal erhoben wurde ... Quid vobis videtur? hatte es aus des heiligen Vaters Munde im Consistorium geheissen und alles blickte auf Fefelotti ... Die alte Regel, zu solchen personlichen Willensacten des Papstes zu schweigen und ihm die volle Gerechtsame seines Herzens zu lassen, Cardinale nach eigener Gemuthsregung zu ernennen, wurde auch hier innegehalten so sehr sich die Zeiten verandert und die Porporati den Charakter einer Standekammer angenommen hatten, aus deren Majoritat weltlichverpflichtete Minister kamen ... Die Trauer eines Sohnes um seine Mutter war die nachste Ursache dieser Erhohung ... Ein Erzbischof musste hierher nach Rom zu solchem Leide kommen ! Der heilige Vater konnte ihm dafur nur den Purpur schenken ...

Fefelotti schaumte vor Wuth uber die ewigen "Ruckfalle" des "unverbesserlichen Schwarmers", der die dreifache Krone trug ... Er sturmte zu Lucinden, warf ihr die Veranderung ihrer Gesinnungen fur den Verhassten vor, reizte sie durch Paula's Gluck, die gleichfalls in Rom war, und verlangte von ihr geradezu jenes Gewisse, das sie gegen die "Creatur einer ihm feindlichen Partei", wie er Bonaventura nannte, seit Jahren in Handen hatte ...

Die dustern schwarzen Augenbrauen zusammenziehend stellte Lucinde ihre ehemalige Aeusserung wiederholt in Abrede ... Jetzt zumal, wo sie mit Bonaventura auf dem Fuss neuer Hoffnungen stand ... Ihre Jahre schreckten sie nicht ... Sie hatte die drei verbundenen Freunde Bonaventura, den Grafen Hugo und Paula nicht aus dem Auge verloren ... Sie beobachtete scharf ... Sie hatte in Erfahrung gebracht, dass sich im Herzen dieser drei Verbundenen grosse Kampfe vollzogen; Bonaventura sprach fur die Wunsche des Grafen, der ganz nach Wien ubersiedeln oder wieder in Militardienste treten wollte ... Paula stand an einem Scheidewege ob Rom, ob Wien ... Ging sie nach Wien, so waren die Wurfel gefallen Diese Ehe hatte dann ihre naturliche Ordnung gefunden ... Und Bonaventura ? ... Lucinde war so erregt von dem Gedanken, Bonaventura ware als Cardinal nun an Rom gebunden, musse dann und wann von Coni heruber kommen, konne sich ihr, ihrer Macht, ihrem Einfluss nicht entziehen, dass sie Fefelotti mit Indignation von sich wies und diesen Gegenstand nie wieder zu erwahnen bat ...

Auffallend war es, dass der neuernannte Cardinal, dem am Tage der Uebergabe des Purpurhutes eines der ersten Furstenhauser Roms die ublichen Honneurs machte Olympia, die Herzogin von Amarillas wohnten diesen Festen nicht bei doch noch so lange in Rom verblieb ... Der Herbst war gekommen sogar auf den Winter kehrte der jungste der Cardinale immer noch nicht nach seinem Erzbisthum zuruck ... Niemand wusste die Veranlassung dieser verzogerten Abreise ... Bonaventura selbst schutzte fur sein Bleiben Studien uber Rom vor ... Sein einziger Umgang war Ambrosi und die Salem-Camphausen'sche Familie ... Selbst als es mit Olympia zu den unangenehmsten gesellschaftlichen Reibungen kam, blieb dennoch Bonaventura bis in das neue Jahr hinein ... Er will den Carneval sehen! hiess es ... Man beruhigte sich scheinbar, nur Fefelotti umgab ihn mit Spionen ...

Auch Lucinde forschte ... Ganz leise hatte sie einige Faden von einem Verkehr aufgegriffen, welchen der neue Cardinal mit Neapel, ja mit dem Silaswalde unterhielt ... Ende August schon hatte sie in Erfahrung gebracht, dass Fra Hubertus und jener Einsiedler, welcher ihnen vor Jahren soviel zu schaffen gemacht, auf Befehl der Inquisition gefangen genommen worden ... Noch zuckte Fefelotti, den sie deshalb befragte, die Achsel und sagte: Die Jesuiten liessen diesen Ketzer allerdings gefangennehmen, mussten ihn aber mit seinen Genossen an die Dominicaner ausliefern! Sie kennen die Eifersucht der weissen Kutten gegen die schwarzen! ... Lucinde horte, dass Bonaventura's Verbleiben in Rom mit Geheimnissen des Sacro Officio zusammenhing; die klare Uebersicht des Tatsachlichen fehlte ihr noch ... Sie durfte erbangen uber ein Wiederbegegnen mit Hubertus; aber sie wollte glucklich sein, wollte hoffen fasste alles im heitersten Sinne auf und furchtete fur nichts ...

Heute sass sie in der allerlebhaftesten Spannung ... Der Grund, warum sie heute noch nicht zur Ruhe gehen wollte und konnte, war kein anderer, als die noch wie im Sturm der Madchenbrust gefuhlte Spannung ihrer Ungeduld, ob die fur morgen fruh beim ersten Morgengrauen angesetzte endliche Abreise des Grafen m i t oder o h n e Paula stattfand ...

Das grafliche Paar lebte sehr zuruckgezogen in einem der grossen Hotels an Piazza d'Espagna ... Der Schleier des Geheimnissvollen, welcher Bonaventura, der seinerseits bei Ambrosi wohnte, und die Freunde umgab, war selbst fur Lucinden in den meisten Dingen undurchdringlich ... Lucinde hatte auch fur die gegenwartige Situation nichts anderes erspahen konnen, als die Absicht des Grafen, in erster Morgenfruhe die langst beabsichtigte und immer wieder aufgeschobene Reise nach Deutschland anzutreten ... In erster Morgenfruhe sollte ein Bekannter eines ihrer Bedienten von Piazza d'Espagna, wo dieser im Hotel aufwartete, die Nachricht bringen, ob Graf Hugo mit oder ohne seine Gemahlin abgereist war ...

Reiste der Graf m i t Paula, so war es ihre Absicht, fur ihre noch immer gluhende Liebe eine neue Demonstration zu versuchen ... Sie wollte beim Cardinal Ambrosi vorfahren, wollte die Urkunde Leo Perl's, eingesiegelt, mit einem Schreiben an Bonaventura versehen, am Palast der Reliquien abgeben sie wollte die Bitte hinzufugen, den Empfang ihr durch eine ausdruckliche Meldung an ihren Wagenschlag oder einen Gruss am Fenster beantworten zu wollen ... Reiste Paula nach Wien, so hatte sie die Absicht, sich aufs neue in der Glut ihrer nur mit dem Tode ersterbenden Liebe zu zeigen, selbst mit Gefahr, den Bund, der sich gegen Bonaventura verschworen zu haben schien, zu Gegnern zu bekommen und die Protection Fefelotti's zu verlieren ... An ihre schon grauen Haare, an ihren gekrummten Rucken, an ihre sechsunddreissig Jahre sollte sie dabei denken ? ... Was ist einem Weib von Geist ihr Spiegel! Liebesfahigkeit gibt ihr der Wille und des Willens ewige Jugend! ... Da scheut sie keinen Wettkampf mit der glatten Wange des Madchens eine "Jungfrau" war sie ohnehin geblieben bei allen ihren Herzensconflicten mit Oskar Binder, Klingsohr, Serlo, Nuck, Ceccone, Fefelotti Grafin Sarzana war sie nur am Altar geworden ...

Lucinde nahm aus ihrem Schreibbureau ihr Kastchen ... Es hatte die Form einer grossern Reisecassette, war von schwarzgefarbtem Holz und mit einem guten Schloss versehen ... Sie schloss es auf blatterte in Serlo's Papieren liess einige Brochen von Turkisen und Diamanten am Lichte funkeln verlor sich in Traume, uberlegte den Brief, welchen sie schreiben wollte, verschloss ihr Kastchen wieder und wollte nun zur Ruhe gehen ...

Als sie in ihrem Schlafcabinet begonnen hatte sich zu entkleiden, horte sie in der Nahe ein Gerausch ... Es war ein eigenthumlicher Ton, dessen Ursache sie sich nicht erklaren konnte ...

Sie ergriff ihr Licht ...

Indem sie um sich leuchtete, fiel ihr ein, dass sie im Nebenzimmer ihr Schreibbureau offengelassen und ihr Kastchen nicht wieder eingeschlossen hatte ...

Daruber schon zitternd trat sie ins Nebenzimmer, fand hier alles still, verschloss rasch ihr Kastchen und blickte um sich ... Wieder erscholl der fremdartige leise Ton, der von irgend woher draussen und dicht neben ihrem Fenster horbar blieb ... Jetzt hatte sie den Ton so erklaren mogen, als bewegte der Wind einen Klingeldraht ...

Da ein solcher nicht in der Nahe und die Luft still war, die Nacht eher schwul, als windbewegt, so konnte jenes Gerausch vom Winde nicht herkommen ... Es dauerte fort ... Sollten Diebe in der Nahe sein? ... Ihren Dienstboten zu rufen, versagte ihr bei diesem Gedanken schon der Athem ... Sie wohnte zwar in einer lebhaften Strasse, aber mit dem Gegenuber eines alten unbewohnten Palastes ... Lauter Ruf hatte auch vielleicht die Diebe entwischen lassen ...

Jetzt bemerkte sie, wahrend jener leise schnurrende Ton fortdauerte, am Fenster einen Schatten, wie von einem Seil ...

Ihr Auge blieb auf diesen hin- und herschwankenden Schatten starr gebannt ...

Sie klingelte jetzt heftig ... Im gleichen Augenblick sturzte vom Dach uber ihr ein Ziegel oder sonst ein Gegenstand auf die Strasse, der unten zerbrach ...

Auf ihren Balcon, der vielleicht gar durch ein Seil von oben her sollte erstiegen werden, hinauszusturzen hatte sie keinen Muth ... Der grosse weite Saal, zu welchem jener Balcon gehorte, war unheimlich; um zu den Bedienten und Madchen zu gelangen, musste sie ihn durchschreiten ...

Sie klingelte wiederholt und bekam endlich die Hulfe ihrer Leute ...

Vom Balcon aus entdeckte man in der That einen vom Plattdach herabhangenden Strick ...

Die Diener, leidlich beherzte Bursche aus dem Gebirg, sprangen, ungeachtet alles Abmahnens, mit grossen Kuchenmessern einen Stock hoher und von dort, wo sich die Waarenlager eines Tuchhandlers befanden, auf die Plattform ...

Hier regte sich nichts ... Man hatte nur den freien, sternenhellen Himmel und ein unabsehbares Durcheinander von Schornsteinen ... Der Dieb hatte sich also bereits in eines der Nachbarhauser gefluchtet ...

Luigi, einer der Bedienten, fand das Seil, das mit dreifachem Knoten um einen hohen Schornstein gewunden war und das jedenfalls einen Menschen halten konnte, der sich etwa auf diesem Wege zum Balcon hatte hinunterlassen wollen ...

Ueber dem lauten Rufen und Erortern wurde auch die nachste Nachbarschaft im zweiten und dritten Stock lebendig ... Die Magde machten sich durch das lauteste Schreien Muth ...

Die Nachforschungen, jetzt von den Nachbarn unterstutzt, fuhrten zu keiner Entdeckung, welche den Strick erklaren konnte ... Beim Schein des von Lucinden in ihr Schlafcabinet getragenen und da erst von ihm entdeckten Lichtes hatte sich ohne Zweifel der Dieb aus dem Staube gemacht ... Die Grafin musste warnen, die Untersuchungen auf dem Boden fortzusetzen, da die Lichter hin und her flackerten ... Jetzt erst erkannte sie, in welcher feuergefahrlichen Nachbarschaft sie lebte ! ... Die Tuchhandler des Ghetto hatten hier ihre Vorrathe an Tuch und Wolle liegen ... Das Parterre war allerdings so verfallen, dass dem Besitzer des Hauses auf anderm Wege fur diese Raume keine Miethe mehr wurde ...

Als es still geworden, der Strick abgeschnitten, die Schlosser und Riegel der Schranke untersucht waren und alles wieder zur Ruhe ging, warf sich die Grafin in hochster Aufregung auf ihr Bett und liess sich von den schreckhaftesten Bildern peinigen, die diesen Ueberfall als wirklich vollzogen ausmalten ...

Und wenn er sich wiederholte ? Wenn der Dieb wol gar im Hause, in den Zimmern noch versteckt ware? ...

Sie hatte sich eingeriegelt und ihr kostbares Kastchen jetzt mit in ihr Schlafcabinet genommen ...

Allerdings lag es nahe, an ihre wunderlichen Handelsgeschafte, an ihren haufigen Verkauf von Pretiosen zu denken ... Ihr aber bildeten sich andere Vorstellungen ... Sie dachte an die abenteuerlichsten Absichten sie sah einen Abgesandten Fefelotti's, der sich ihres Kastchens bemachtigen sollte ... Die langst verbleichten Bilder Picard's, Hammaker's, Oskar Binder's tauchten mit frischen Farben vor ihren Augen auf ...

Der Morgen erst bot Beruhigung, der ermuthigende, alles belebende Sonnenschein ... Rings offneten sich die an jedem Fenster in Rom angebrachten Markisen, die sich Lucinde freuen konnte diese Nacht nicht geschlossen gehabt zu haben; denn nur so hatte sie horen konnen, was am Fenster vorging ...

Von allen Bewohnern der Strasse schien das nachtliche Ereigniss erortert zu werden ... Neugierige sammelten sich, blickten nach oben und disputirten ... Noch einmal suchte man auf den Dachern die Spur des Diebes und fand noch manchen Ziegelstein losgerissen und manchen alten leeren Blumentopf zertrummert ... Aber die Oeffnung, wo der Dieb niedergestiegen und entkommen sein musste, konnte in einer Hauserreihe, welche sich bis an Piazza Navona zog, nicht entdeckt werden ...

Um sechs Uhr kam eine Botschaft, welche die Theilnahme Lucindens fur jede andere Angelegenheit, selbst fur den Besuch des Polizeimeisters (naturlich eines Pralaten) und die Untersuchung des von ihm als corpus delicti entgegengenommenen und vielleicht auf Entdeckungen fuhrenden Stricks zuruckdrangte ... Ihr Kundschafter zeigte ihr an, dass Graf Hugo nach funf Uhr in einem leichten Reisewagen, welchen drei Pferde zogen und dem sich ein hochbepackter vierspanniger, Gepack und Dienerschaft fuhrend, anschloss, abgereist war ... Paula war nicht zuruckgeblieben ... Sie folgte ihrem Gatten nach Wien ...

So war denn die Entscheidung erfolgt das jahrelang Keimende endlich zur Reise gediehen ... Neue Sterne neue Bahnen ... Paula folgte den Mahnungen ihres einst gegebenen Jaworts und zahlte die lang gestundete Schuld der Ehe ... Lucinde erkannte die ganze Tragweite dieser Veranderungen; ihre Phantasie ging uber sie noch hinaus ... Nun galt es in Bonaventura's Leben die freigewordene Stelle einnehmen ... Und wie ergriff sie die Aufgabe, die ihr ein neues Hoffen stellte ! ... Entschieden und offen wollte sie den Geliebten vor den geheimen Conspirationen der Herzogin und der Furstin warnen, die schon seine Heimat, Castellungo, Neapel und die Verliesse der Inquisition in den Kreis ihrer Forschungen gezogen zu haben schienen ... Sie wollte ihm den nachtlichen Ueberfall anzeigen, den sie heute erlebt hatte und Veranlassung daraus nehmen, zunachst die Urkunde einzusiegeln und einen Augenblick zu erspahen, wo sie Bonaventura bei seinem Freunde sicher zu Hause fand ... Auch sie hielt sich in seiner Nahe einen Spion, einen Priester, welchen dem fremden Kirchenfursten seit einem halben Jahr die Congregation der Bischofe zur Verfugung gestellt hatte ...

Ihre tagliche Messe horte sie "um es mit keinem zu verderben" bald hier, bald dort ... Sie kleidete sich an und fuhr zunachst an einen Ort in der Nahe des Ambrosi'schen Palastes, wo ihrer an jedem Morgen jener Priester harren und ihr sagen musste, wo sie den Freund den Tag uber sehen konnte, was er beginnen, wo celebriren, wo in Gesellschaft sein wurde ... Der junge Abbate sprang dann an den Wagenschlag; sie lehnte ihm ihr Ohr hin und erfuhr, wo sie hoffen konnte Bonaventura zu begegnen ...

Heute horte sie zwei Nachrichten ... Eine erfreuliche, die, dass beide Cardinale dem grossen Sprachenfest der Propaganda beiwohnen wurden, sie also Bonaventura sehen konnte ... Dann eine erschreckende beide Cardinale wurden einen Ausflug nach Neapel machen ...

Es war Winterszeit und letztres schon glaublich ... Konnte sie aber nicht folgen? ... Konnte sie nicht den neuesten Ausbruch des Vesuv sehen wollen oder vom romischen Winter, der diesmal sogar Eis gebracht hatte, gleichfalls vertrieben werden? ... Andrerseits sah sie mit zunehmendem Befremden die wichtige Rolle, die im Leben Bonaventura's Neapel zu spielen anfing ...

Mit diesen wichtigen Kunden fuhr sie in die nachste Kirche die des Al-Gesu, in der eigentlich Jeder die Messe horen musste, wenn er zum guten Ton, namentlich zum triumphirenden der Reaction gehoren wollte ...

Wahrend sie dort, uber ihre nachsten Entschlusse brutend kniete, sass Bonaventura in den dusteren Zimmern des Katakombenpalastes in der That voll tiefster Trauer ...

Die Unfahigkeit des Grafen, langer seine Liebe zu beherrschen, hatte im Wettkampf dreier Herzen den Sieg davongetragen ... Noch vor einigen Tagen hatte Paula vom Eintritt in ein Kloster gesprochen ... Der Tod der Prasidentin von Wittekind war unmittelbar und in der ganzen Herbigkeit eines sich nur ungern dem Gesetz der Natur bequemenden Scheidens von den Freunden miterlebt worden ... Nun erfuhr Bonaventura, dass das stille Gute Nacht! des gestrigen Abends der Hohe seines Lebens gegolten hatte ... Nun konnte es nur noch abwarts gehen ... Es war zwischen den Freunden so verabredet worden, dass sie sich ganz ohne Abschied trennten ...

Die nachste Zerstreuung, die nachste Fullung der Lucke seines Innern bot die Reise nach Neapel ...

Ambrosi kannte jede Beziehung im Leben seines Freundes ... Als Bonaventura's Mutter gestorben war, ging eine Anzeige dieser Entscheidung in den Silaswald ... Bonaventura wurde die Botschaft selbst uberbracht haben, hatte ihn nicht noch des Prasidenten Gegenwart und tiefste Betrubniss zuruckgehalten dann, als der Prasident abreiste und nun der Vater, wenigstens fur ihn, auferstehen, der Sohn ihm an die Brust sinken konnte, seine Ernennung zum Cardinal ...

Federigo's Absicht, selbst nach Rom pilgern zu wollen, hatten die Freunde nicht erfahren konnen ... Denn die jesuitische Reaction, die mit dem Jahre 1849 uber Europa hereinbrach, drang selbst bis in jenen dunkeln Winkel eines calabrischen Waldes und machte den Einsiedler zum Gefangenen ... Monsignore Cocle, Bevollmachtigter Fefelotti's, hatte jene Versammlung des 20. August gesprengt und sammtliche Ketzer des Silaswaldes festnehmen lassen ...

Ambrosi musste das Aeusserste aufbieten, Bonaventura von unuberlegten Schritten zuruckzuhalten ... Sofort nach Neapel zu reisen, dort an die Pforte der Inquisition zu klopfen, wie Bonaventura wollte es war fur einen Cardinal und Erzbischof unmoglich, falls nicht davon zu gleicher Zeit Vater und Sohn die grossten Nachtheile haben sollten ... Ambrosi kannte aber den Hass der Dominicaner gegen die Jesuiten, die Inquisition gehorte jenen; er zog den General-Inquisitor ins Vertrauen ... Pater Lanfranco wirkte in der That im gunstigsten Sinne nach Neapel ... Bald wurde, zur Wuth der Jesuiten, der alte Negrino freigegeben, selbst Paolo Vigo sollte unter gewissen Bedingungen zu Ostern das Sacro Offizio verlassen ... Von Fra Federigo sowol wie von dem, auf Betrieb der Jesuiten, aufs heftigste von den Franciscanern reclamirten Hubertus hiess es, beide wurden nach Rom geschickt werden, sobald die Acten spruchreif waren und den letzten Spruch sollte dann das heilige Officium von Rom fallen ...

Alles das wurde allerdings in einem Stil verhandelt, wie er den in solchen Fallen ehemals ublichen Scheiterhaufen entsprach ... Im geheimen gab aber Pater Lanfranco die Versicherung, dass schon bis zur Weihnachtszeit beide Gefangene in Rom sein wurden; schon jetzt wurden sie besser gehalten, als jemals andere in ahnlicher Lage ...

Alles das geschah aus Achtung vor den Empfehlungen zweier Cardinale und vorzugsweise den Jesuiten zum Trotz ... Eine sofortige Unterbrechung der ublichen Proceduren war nicht moglich ... Federigo galt fur einen Waldenser, war beschuldigt, Proselyten gemacht zu haben, Bonaventura musste sich ergeben in Das, was zunachst nicht zu andern war ...

Ambrosi bat den Freund in Rom auszuharren ... Er beschwor ihn, sein Interesse fur den unglucklichen Vater nicht zu sehr zu verrathen unfehlbar wurde er ihn damit nur verderben ... Die beiden Frauen, die vor Jahren die masslosesten Huldigungen vor dem Bischof von Robillante zur Schau getragen hatten, sassen jetzt im Palast des alten, zum schabigsten Wucherer gesunkenen Rucca, auf Villa Tibur und Torresani, und ersannen nichts als Krankungen fur einen Priester, dessen Erhohung sie nicht hindern konnten ... Die Herzogin hatte sich dem Prasidenten mit kalter vornehmer Haltung als seine Stiefmutter vorgestellt ... Obschon Erbin eines Vermogens, das Friedrich von Wittekind seinem naturlichen Bruder ausgesetzt hatte, gab sie sich doch die Miene, diese Mittel nicht zu bedurfen ... Beide Frauen waren jetzt verbunden mit Fefelotti ... Sie sahen Terschka bei sich, sie hatten Geheimnisse, die selbst die schlau aufmerkende, freilich immer sanft erscheinende, immer demuthig ergebene Grafin Sarzana nicht erfuhr ... Ambrosi bat, alles seiner Fuhrung und der nachsten, sicher nicht zu entfernten Zeit zu uberlassen ...

Mit Ambrosi war jener Austausch der Freundesbeichten, von welchem sie vor Jahren gesprochen hatten, wirklich erfolgt ... Einer sah auf den Grund des andern ... Ja Ambrosi war ein Schuler Federigo's und nur glucklicher, als Paolo Vigo ... Ambrosi war ein Martyrer geworden um einst mehr zu sein, als ein Monch ... Was ist ein Dorfpfarrer, sagte er in der That, ganz nach Bonaventura's Ahnung, der mit einem Bischof einen Streit beginnt! ... Nur ein mit dem Papste Streit beginnender Bischof reformirt die Kirche! ... Das war seine Losung ... Die politischen Sturme unterbrachen seine Entwickelung, aber die Stunde reifte ... V o r dem 20. August 18** hatte auch er dem Bruder Federigo geloben mussen, nichts zu sein, als Katholik wie die andern ...

Bonaventura hatte dem Freunde offen gestanden, wer Federigo war ... Mehr noch er hatte ihm gesagt, dass ihm die Taufe fehlte ... Getauft bist du mit dem Geiste Gottes! war die Antwort des muthigen Priesters, der ihm ebenso offen gestand, er hatte sein Leben daran gegeben einst Statthalter Christi zu werden ... Sein Gebet um Kraft und Ausdauer war nichtsdestoweniger ein reines, ein aufrichtiges ... Er brauchte seine Tugend nicht zu heucheln ... Einmal nur strauchelte er, als Olympia von ihm gesagt hatte, seine Lippen hatten im Beichtstuhl ihren Mund beruhrt ... Ach, er hatte sie geliebt! gestand er dem Freunde. Er hatte sein Bekenntniss daruber, als er bestraft werden sollte, nicht zuruckgehalten Aber seltsam! selbst dieser Fanatismus, dem Geist einer Sache, nicht ihrem Buchstaben wahr sein zu wollen, hatte sich ihm in Segen verwandeln mussen fur um so heiliger hatte man ihn seitdem gehalten ! ... Wenn Bonaventura sagte: Die Welt erkennt noch Heilige, wenn es ihrer nur gabe ! so uberhoben sich beide nicht ihr Sinn war der der Lauterung, Demuth und Entsagung ...

Die Rettung der katholischen Kirche ist ein allgemeines Concil ... In dessen Hande legt der Statthalter Christi seine Gewalt nieder ... Das war ihre Losung und beide liebten das Kreuz ... Dass die Religion nicht Philosophie sein konne, verstand sich ihnen, ebenso von selbst, wie, dass der Katholicismus nicht zum Lutherthum ubergeht ...

Der treuverbundene Freund hatte dem Trauernden, dessen Liebe zu Paula aufs tiefste aus den eigenen Entbehrungen seines Lebens von ihm nachgefuhlt werden konnte, unausgesetzt Nachrichten vom Vater aus Neapel gebracht, hatte ihn um Massigung gebeten, hatte alles gethan, um die Ungeduld des Sohns von ubereilten Schritten zuruckzuhalten ... Bis zur Weihnachtszeit wollte sich Bonaventura zufrieden geben ... Aber die Roratemessen kamen, die Weihnachtskrippen, das neue Jahr brach an die Gefangenen kamen nicht. Nun wollten sie allerdings beide selbst nach Neapel ...

Den Vormittag des 6. Januar brachte Bonaventura mit geschaftlichen Briefen zu, die an sein erzbischofliches Kapitel gerichtet werden mussten ...

Er speiste allein Ambrosi war auswarts und durch sein Amt bis uber Mittag gehindert ...

Als Ambrosi zuruckkam, begleitete er den Freund zur Piazza d'Espagna, wo die Missionare der Propaganda ihr grosses Sprachenfest hielten ...

Dort mussten sie Pater Lanfranco finden ... Ertheilte ihnen dieser keine Beruhigung, so wollten sie am nachsten Morgen nach Neapel reisen ...

Der Saal war uberfullt ... Alle Welt ergreift in Rom die Gelegenheit, Wurdentrager der Kirche in reicher Anzahl versammelt zu sehen ... Erschienen sie hier auch nicht in ihren grossen aussergewohnlichen Prachtgewandern, so trugen doch viele ihre regelmassigen Ordenskleider ... Griechen, Armenier, Kopten, Maroniten befinden sich immer in ihren eigenthumlichen Trachten ... Auch fur den Freund der Physiognomik gibt es schwerlich einen interessanteren Genuss, als soviel markirte Priesterkopfe zu studiren ...

Bonaventura und Ambrosi kamen an, als die Feierlichkeit schon im Gange war ...

Die Schuler der Propaganda, jungere und altere Scholaren, darunter manche bereits geweihte Kleriker, sprachen in all den Zungen, in welchen sie einst auf Missionsreisen die Botschaft des Heils zu verkundigen hofften ... Wenigstens konnten Proben von einem Viertelhundert Sprachen vernommen werden ...

Ein erhabener Gedanke ergreifend seine Bedeutung aber die Ausfuhrung brachte Spasse mit sich ... Drollig erklang es dem italienischen Ohr, wenn ihm Slavisch gesprochen wurde ... Ambrosi hatte Bonaventura in eine Falle gelockt ... Er wollte ihn aufheitern ... Als beide ankamen, lachte die Versammlung grade uber die Art, wie sich eine Lobpreisung des Hochsten im Polnischen ausnahm ...

Bonaventura glaubte anfangs in einen Concertsaal zu treten ... Bald entdeckte er die kleine Furstin Rucca, die in elegantester Toilette neben ihrem Ercolano sass und so vertraulich mit diesem lachte, als hatte die zehnjahrige Episode ihres Lebens mit Benno gar nicht stattgefunden ... In einer gestickten ordenuberladenen Uniform sass Ercolano, lorgnettirte die Damen und klatschte wie im Theater mit seinen hellen Glaceehandschuhen Beifall, wenn eine gewandte Zunge rasch uber die schwierigen Passagen der fremden Idiome hinwegkam ... Neben Olympien sass zur andern Seite die Herzogin von Amarillas mit schneeweissen Haaren; sie blickte mit unversohnlichem Groll auf Bonaventura ... Olympia beugte sich demuthsvoll dem Cardinal Ambrosi und verzehrte ihn noch jetzt mit susslachelndem Gruss eine Geberde, die ihr auch jetzt noch angenehm stand; gegen Bonaventura dagegen verwandelte sie die sussen Zuge in jene ihr eigne plotzliche Kalte und verneigte nicht einmal ihr Haupt, wie dies die Herzogin doch beiden that ...

Grafin Sarzana fehlte nicht ... Sie hatte in ihrer Nahe so viele, die sich mit ihr unterhielten, dass ihr Olympia schon neidische Blicke zuschoss ... Der von Ambrosi den Freunden bestellte Sitz war zufallig dem der Grafin Sarzana so nahe, dass sie mit Bonaventura einige Worte wechseln konnte ... Naturlich galten diese der Abreise Paula's ... Schliesslich sagte sie:

Morgen in der Fruhe, um zwolf Uhr find' ich Sie da in Ihrer Wohnung, Eminenz? ... Zu keinem Besuch ... Nur einen gewissen Gegenstand wollt' ich an Ihrem Portal abgeben und eine Beruhigung uber den richtigen Empfang haben ... Und denken Sie sich diese Nacht sollte bei mir ...

Ein schallendes Gelachter machte ihre fernere Rede fur Bonaventura unhorbar ... Ein Neger hatte eben madagassisch gesprochen und Gurgeltone hervorgebracht, die noch kaum der menschlichen Sprache anzugehoren schienen ...

Bonaventura war uber Lucindens Anblick, ihre Rede, ihr Bedauern wegen Paula's ergriffen ... Welche glanzende Toilette hatte die Grafin gemacht ! ... Sie trug ein schwersammetnes Kleid von dunkelrother Farbe ... Arme und Hals waren frei ... Den allzu grellen Effect milderte ein schwarzer um den Hals festzugehender Spitzenuberwurf ... Um den Nacken schlang sich eine Kette von schwarzen Perlen mit jenem goldenen Kreuze, das sie nie ablegte ... Hier und da war ihr Haar schon grau; ein kleines schwarzes Spitzentuch, das an beiden Seiten mit Brillantnadeln festgehalten wurde, lag daruber ... Die unter den Spitzen vorschimmernden immer noch wohlgerundeten braunen Arme trugen am Handgelenk kleine zierlich gewundene Schlangen aus schwarzer Lava ...

Vorzugsweise schien Furst Ercolano die Claque zu leiten ... Eine Coterie ihm ahnlich aufgeputzter Dandies schlug auf seinen Wink die Hande zusammen, so oft eine halsbrechende Passage ohne Stocken von den Lippen der Sprecher glitt, unter denen sich Neger und Malaien befanden ... Selbst das heilige Hebraisch fand keine Gnade vor den Ohren dieser Zuhorer, denen die andachtiger gestimmten Fremden schon zuweilen zischen mussten ... Freilich klangen einzelne Sprachen komisch genug; andere desto melodischer; z.B. Turkisch ... Als turkisch gesprochen wurde, schlug Grafin Sarzana die Augen nieder ... Furchtete sie, um Abdallah Muschir Bei beobachtet zu werden ? ... Das Arabische klang schroff, rasch, "wie Rosseshuffschlag"2... Ein syrischer Priester sprach kurdisch; in sanftem Wellenschlag flossen oft die Idiome der wildesten Volker ... Dunkel dagegen und trube erklangen die Sprachen des Nordens, das Englisch der Irlander und Schotten ... Einige formliche Wettreden wurden aufgefuhrt, an denen mehrere Sprecher theilnahmen ... Auch das Hollandische wurde horbar Deutsch durch den rauhesten oberbairischen Dialekt, der nicht im mindesten Anklang fand und vorzugsweise von Olympien lacherlich gefunden wurde, indem sie hohnische Blicke auf Bonaventura warf ...

Ein unverkennbarer Blick aus den Augen der Grafin Sarzana sagte: Sprachest D u das Deutsche, so war' es Wohllaut und die Sprache der Gotter! ...

Die Stimmung, in welcher sich Bonaventura befand (vor ihm lagen die Fenster der von Paula heute verlassenen Wohnung; sie waren geoffnet, mit Spuren der Abreise ihrer bisherigen Bewohner) bestimmte ihn, ihrem Blick durch milden Ausdruck des seinigen zu erwidern ... War es eine durch die deutsche Sprache geweckte Ruhrung beim Gedanken an die Heimat, beim Hinblick auf alles, was sein Leben, das Leben seiner Nachbarin auf dem Boden des Vaterlandes schon durchlaufen hatte und wie sie beide das Gewand einer fremden Nationalitat angezogen hatten und jetzt in der That durch ihre Lage Verbundene waren oder welches andere Gefuhl ihn ergriffen haben mochte sein Blick blieb voll Milde und Antheil ... Lucinde hatte gewunscht, die Ruckgabe der Urkunde schon fur heute angesagt zu haben ... Sie suchte nach einer Gelegenheit, sich ihm verstandlich zu machen und hatte ihn auf alle Falle wegen Neapels zu befragen ...

Vor Bonaventura sassen mehre Monche in schlichten Ordensgewandern ...

Unter ihnen befand sich Pater Lanfranco, der General der Dominicaner ...

Ambrosi blinzelte seitwarts auf Bonaventura und flusterte ihm die Bitte, an den General keine Frage wegen Federigo's zu richten ... Neben dem General sassen zwei fremde, wie es schien, angesehene Weltpriester, denen sich anmerken liess, dass sie zu den Affiliirten der Jesuiten gehorten ... Romischkatholische Geistliche haben darin einen Blick, der sich selten tauscht ...

Pater Lanfranco in seiner weissen Kutte sass mit gebeugtem Haupte, unbeweglich; am kahlen Scheitel war ersichtlich nur sein Gehor in Thatigkeit ... Ein sudfranzosischer Kopf, scharf ausgepragt ... Ein Schadel nicht rund, eher langlich und nach oben viereckt auslaufend, wie die getrocknete Feige ... Bei einem Lobgesang auf Maria in provencalischer Sprache wurde seine unbewegliche Gestalt lebendiger ...

Ein italienischer Zogling trat auf und sprach malaiisch die Abwechslung blieb die bunteste ...

Als der Redner in seinem wunderlich lautenden Vortrag stockte, sagte einer der Nebenmanner des Generals:

Im Sacro Officio sollen Ihre Bruder in Neapel einen Monch haben, der diese Sprache besser versteht! ...

Sie kommt mir vor, entgegnete Lanfranco in fremdartigem Italienisch, als balancirte ein Jongleur auf der Lippe mit geschliffenen Messern; da kann wol eins zur Erde fallen ...

Bonaventura konnte nicht den Namen Neapels nennen horen ohne aufzuhorchen ... Noch dachte er nicht an den Bruder Hubertus, dessen ehemaliges Leben in Java ihm bekannt sein durfte ...

Nach einer Weile wurde auch ein auf dem Programm verzeichneter hollandischer Vortrag gehalten, fur welchen der General der Jesuiten, ein Hollander, competent gewesen ware er war nicht anwesend ...

Diese Probe ging gelaufiger ...

Der General der Dominicaner sagte zu seinem Nebenmann:

Ist Ihr Malaie nicht auch mit dem Hollandischen vertraut? ...

Gewiss! sagten seine beiden Nebenmanner zu gleicher Zeit und einer fugte hinzu:

Jener Bruder Franciscaner, der vor Jahren den Pasqualetto erschoss ...

Bonaventura, erkennend, dass von Hubertus die Rede war, wollte sich in die Unterhaltung einmischen, als ihn Ambrosi mit einer heimlichen Handbewegung zuruckhielt ...

Merkt Ihr denn nicht, mein Freund, flusterte er ihm zu, dass es nur darauf abgesehen ist, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen? ...

In der That warfen die beiden Weltgeistlichen fluchtig schielende Blicke auf die hinter ihnen Sitzenden und trugen ihre Plaudereien so stark auf, dass Ambrosi's Verdacht sich bestatigte ...

Der General schien wie Ambrosi zu denken und schwieg ...

Doch nun wurden von seinen Nebenmannern auch die Ketzer des Silaswaldes erwahnt ... Fra Federigo's Name fiel, fur beide, Bonaventura und Ambrosi, ein elektrischer Schlag ...

Immer wieder unterbrach der Redeactus, das Beifallklatschen und Lachen, das Blattern in den Programmen eine Unterhaltung, die der General offenbar auf andere Gegenstande zu lenken suchte, als die waren, an denen seine Nebenmanner festhielten ...

Jetzt sagte der Gesprachigste, der dem General zur Linken sass:

Eure Gnaden werden am besten die Bucher lesen konnen, welche bei jenem Hexenmeister im Silaswald gefunden wurden; die meisten verbrannte er in seiner Hutte ... Sie sind in provencalischer Sprache geschrieben ...

Sind die Gefangenen eingetroffen? fragte jetzt der andere ...

Ich horte bei Monsignore Cocle, fuhr der erste fort, dass Einer von ihnen kaum die Anstrengung der Reise uberleben wird ...

Dennoch sind sie da! sprach Lanfranco scharf und bestimmt und schnitt damit das Gesprach ab ...

Die Wirkung dieser Worte, wurden sie nun in berechneter Weise so betont gesprochen oder nicht, war keine andere, als dass sich Bonaventura sofort erhob und zum Gehen Bahn machte ...

Das Aufsehen dieser Entfernung, der sich auch Cardinal Ambrosi anschloss, war allgemein ... Jetzt sah man recht, wie diese beiden Priestererscheinungen das Interesse der romischen Gesellschaft bildeten ... Fur ihren hohen Rang zwei noch so jugendliche und mannlich schone Gestalten ... Der eine schlank und ernst wie die Cypresse, der andere bluhend wie ein Rosenstrauch ... Von manchem Maler, mancher englischen Touristin, wurden ihre Zuge verstohlen aufgefangen ... Beide senkten ihre Augen ... Jener, um nur seiner Sinne machtig zu bleiben und im uberfullten Saal nicht ohnmachtig zu werden; dieser mit der ihm eignen lachelnden Schuchternheit, die ihm selbst in seinem jetzigen reiferen Alter geblieben war ... Der Salonwitz nannte beide Freunde die "Inseparables", andere "Castor und Pollux", andere "Orest und Pylades" naturlich mit jenen verdachtigen Nebenbeziehungen, die dem katholischen Priesterstand zur Strafe anhaften werden, solange er das Weib verschmaht ...

Im Vorsaal wurde dem Cardinal Ambrosi von einem Dominicaner ein Brief ubergeben ... Er erbrach ihn rasch ...

Als die beiden Freunde in ihrer alterthumlichen vergoldeten Kutsche sassen, gab Ambrosi den Brief an Bonaventura ... Er enthielt die Worte:

"Die Manner von Calabrien sind angekommen ... Dem Besuch des Erzbischofs von Coni bei seinem Diocesanen, dem Einsiedler von Castellungo, steht nichts im Wege Leider findet er den Mann, trotz aller arztlichen Bemuhungen, dem Tode nahe ..."

Zum Vatican! rief Bonaventura dem Kutscher mit fieberhaft zusammenschlagenden Zahnen ...

Beruhige dich ! sprach Ambrosi und zitterte doch selbst ...

Wir treffen ihn sterbend ! ... Wie ich geahnt! Meine Strafe ! ...

Ambrosi versuchte Hoffnungen auszusprechen ... Die Stimme versagte ihm ... Wie eine Mutter nach ihrer Geburtsstunde von Fieberschauern erschuttert wird, so lag Bonaventura in Ambrosi's Armen ... Selbst dem Befremden, das Ambrosi uber die Reden der beiden Geistlichen aus Neapel auszudrucken versuchte, konnte sein Ohr nicht mehr achten ...

Der Wagen jagte uber den Corso, der Tiberbrucke zu und zum Vatican ...

Fur viele der beim Sprachenfest Zuruckgebliebenen hatte die Sitzung durch die Entfernung der beiden gefeierten jungen Cardinale ihr Interesse verloren ... Da sie nicht wiederkamen, so entfernten sich auch andere ... Sogar Olympiens Wagen und der der Herzogin rollten bald dahin ... Vor ihnen hatten sich schon die beiden Weltgeistlichen entfernt ... Nun ging auch der General der Dominicaner ...

Lucindens scharfes Auge beobachtete wohl, wie alles das in irgend einem Zusammenhange stand, wie irgend etwas vorgefallen sein musste, was erschutternd in das Leben ihres Heiligen griff ... Was konnte es sein ! Ihr konnte etwas verloren gehen ? ... Was hatte Olympia im Werk? ... Auch ihr war nur ein fluchtiger Gruss von ihr zu Theil geworden ... Schon oft hatte auch Olympia nach dem Inhalt ihres Kastchens verlangt ... Schon oft hatte auch sie von den Geheimnissen der Inquisition gesprochen und ihre Thorheit verwunscht, die sie vor Jahren die Dominicaner, um Bonaventura's willen, beleidigen liess ...

Lucinde, hochaufgeregt, erhob sich ... Dass sie am Palast der Katakomben halten und durch ihren Bedienten hinaufsagen liess: Grafin Sarzana erkundige sich, ob Seine Eminenz ein Uebelbefinden betroffen hatte? war in der Ordnung ... Sie erfuhr, dass beide Cardinale noch nicht zuruck waren ...

So konnte der Gesundheit des Freundes nichts Bedenkliches begegnet sein ...

Sie sann den Grunden seiner schnellen Entfernung vergeblich nach und verlor sich in Vorstellungen wunderlicher Art ... Und wie es dem Menschen geht, dass er seine eigne Betheiligung am Schicksal andrer nur allein vor Augen hat und, sei's im guten oder schlimmen Sinne, diese ubertreibt, so stand ihr auch nur ihr Geheimniss uber Bonaventura's Taufe vor Augen. Es ist entdeckt ! sagte sie sich ... Sturla wusste davon ... Es fehlt noch die authentische Bestatigung die Urkunde aus meiner Hand ! ... Man wollte sie schon diese Nacht stehlen ... Sie hatte ihm Leo Perl's Brief noch heute zuruckgeben mogen ...

Bei alledem welch gluckliche Beziehung schien sich nun doch, ohne Paula, wiederherzustellen ! ...

Die Wonnen eines liebenden weiblichen Herzens sind nicht zu ermessen ... So nur allein am Fenster des Geliebten einige Minuten harren, so nur die Kunde empfangen zu durfen, man wurde die Anfrage ausrichten er kommt er denkt an dich er besinnt sich auf den gewissen Gegenstand er lachelt er erinnert sich der beiden Abschiede, die ich von ihm nahm, jener beiden Male, wo ich vor ihm auf der Erde lag alles das schon allein kann eine Welt des Glucks fur ein wahnbethortes, fur die grossten Lebenshoffnungen von kleinen Almosen zehrendes Herz werden ...

Die Grafin kam in ihre heute aus Besorgniss doppelt erhellte Wohnung gerade zur rechten Zeit, um sich mit dem Monsignore Vice-Camerlengo, dem Gouverneur von Rom, zu verstandigen ... Auch dieser Beamte war ein Priester ... Er ertheilte den im Kirchenstaat in solchen Fallen ublichen Bescheid: Lassen Sie es auf sich beruhen, Eccellenza ! Entdeckt man die Sache, wie sie ist, so konnte es noch schlimmer werden! ...

Lucinde kannte Rom ... Der hohe Pralat blieb eine Weile zum Plaudern; dann war sie allein frei schloss sich in ihr Zimmer ein und begann den Brief, der die Urkunde begleiten sollte ... Sie hauchte in diese Zeilen ihr ganzes Leben ...

Fussnoten

1 Ein Factum? 2 Neigebaur: "Der Papst und sein Reich."

13.

Besucht man in Rom die Peterskirche, lasst sich ihre geheimen Kammern aufschliessen, die gleich furstlichen Antichambren eingerichteten Sakristeien, und schreitet man dann uber einen kleinen, der deutschen Nation uralt angehorenden Kirchhof und an Gebauden voruber, in denen die Wasche des heiligen Vaters und das Leingerath zum Kirchengebrauch im Sanct-Peter gereinigt und getrocknet wird, so findet man in einer engen menschenleeren Gasse ein unschones Eckgebaude mit kleinen, unregelmassigen Fenstern ein Gebaude, das einer alten Kaserne gleicht ...

Ein unformliches Thor sieht vollends dem Eingang zu einer Festung ahnlich ... Im dustern Hofe befindet sich ein Wachtposten ... Man gefallt sich in Rom darin, dies Gebaude der Welt als ein solches zu zeigen, das sich gleichsam uberlebt hatte ... Es ist der Palast der Inquisition ...

Michael Ghislieri, als Pius V. Anstifter der Bartolomausnacht, war einst der Besitzer dieses Palastes und machte ihn den Dominicanern zum Geschenk ...

Im vorderen Hause wohnen die Inquisitoren und ihre "Familiaren" ... Dann kommen zwei Hofe, die von einem Mittelgebaude getrennt werden ... Im hintern Hause liegen die Gefangnisse des Sacro Officio ...

Im achtzehnten Jahrhundert war auch in die katholische Kirche der freisinnige Geist der Zeit gedrungen die Franzosen der Republik fanden 1797 die Gefangnisse der Inquisition leer ... Ihre Folterkammern und unterirdischen Verliesse konnten nicht entfernt werden; sie blieben grauenvoll genug anzusehen, wie nur ein alter Hungerthurm von Florenz oder Pisa ... Die Romlinge behaupten, die Revolution von 1848 hatte das Bedurfniss gehabt, wirkliche Gefangene, "Opfer der Inquisition", jedenfalls menschliche Gebeine, Todtenschadel, Zangen und Folterinstrumente vorzufinden und die Dictatoren der Republik hatten zu dem Ende das Arrangement getroffen, dergleichen vorfinden zu lassen ... Einige Professoren der Sapienza sind noch jetzt bereit, zu erzahlen, dass ein ganzer Vorrath von Gerippen, Knochen, unter andern das Skelett einer Frau, von deren Schadel noch das schonste Haar niederfloss, aus der Anatomie zu diesem Zweck ware geliefert worden ...

Als noch lebenden Gefangenen entdeckte der sturmende Volkshaufe von 1848 einen einzigen ... Einen agyptischen Erzbischof, der hier seit Jahren eingekerkert sass; widerrechtlich hatte er die erzbischofliche Weihe empfangen, entkleidet konnte er derselben nicht mehr werden, der Duft der priesterlichen Salbung verfliegt selbst am Verbrecher nicht so musste der agyptische falsche Kirchenfurst sich gefallen lassen, hier im lebenslanglichen Kerker Erzbischof eines Pyramidengrabes zu sein ... Die Aegypter lieben und verehren die Thiere ... Der Gefangnisswarter, ein Laienbruder der Dominicaner, besass einen Vogel ... Diesem hatte der falsche Erzbischof die schonsten Weisen gelehrt, ihn taglich gefuttert einige Jahre lang ... Da brach der Volkshaufe ein, befreite ihn der Aegypter kehrte in die Welt zuruck, wusste aber nicht, was er in ihr beginnen sollte ... Er hatte Sehnsucht nach seinem Vogel und bat, ihn lebenslanglich in seinen Kerker zuruckzulassen1) ...

Die alten Verliesse, in denen es einst nicht so idyllisch herging, sind noch da; sogar die Reste des Neronischen Circus, auf welchen diese ganze Umgebung des Vatican gebaut wurde ... Folterkammern, und nicht aus heidnischer, sondern christlicher Zeit, eiserne Ringe an den Mauern, Inschriften an den Wanden, die von den Gefangenen herruhren, wie: "Selig sind, die um Gerechtigkeit willen leiden, denn das Himmelreich ist ihrer" Alles das findet sich ... Auch die Statten sind da, wo die Bekenner des gelauterten Glaubens verbrannt wurden, wie jener Luigi Pascal aus dem Silaswalde ... Hier liegen noch zu Tausenden die Exemplare jener oft kaum noch aufzutreibenden Bucher, die Rom verbrennen liess ... Die Processacten aller Inquisitionsopfer liegen hier beisammen zu Kapiteln in der Geschichte des menschlichen Geistes, die noch geschrieben werden sollen ... Und noch jetzt stehen uber der Schwelle jedes Kerkers Bibelspruche, die gewiss oft mit grausamem Hohn die Seele des Gefangenen verwunden mussten, wenn er sie beschritt und las: "Du wirst verflucht sein, wenn du eingehst, und verflucht, wenn du ausgehst!" 2) ...

Die Verurtheilung der Bibelleser und der Verbreiter des Protestantismus durch die Inquisition fehlt allerdings auch noch jetzt keineswegs ... Die Dominicaner von Florenz, die einst ihren eigenen Prior Savonarola verbrannten, thaten auch noch gegen das Madiai'sche Ehepaar3) ihre Pflicht ... Aber die Folterwerkzeuge und Hinrichtungen sind jetzt in Italien an die p o l i t i s c h e n Gefangnisse ubergegangen ... Vorfuhrungen und Verurtheilungen im schwarzverhangenen Saale des Tribunals mit dem Wappen Pius' V. und dem Portrat des heiligen Dominicus kommen nur noch selten vor ... Die Qualificatoren und Familiaren der Inquisition sitzen dann wie beim Gericht der Vehme ... Die Fenster sind verhangen Altar und Crucifix stehen unter einem Baldachin von schwarzem Sammet sechs Wachskerzen sind angezundet ... Zur Seite erhebt sich eine schwarze Estrade, auf welche der Pater Anklager tritt, um die Beschuldigungen vorzulesen ... Beginnt ein Gericht, so offnet ein Official der Inquisitoren die Thur und ruft: Ruhe! Ruhe! Ruhe! Es nahen die heiligen Vater! ... Dann treten diese, in ihren weissen Kutten, schwarzen Manteln und Kapuzen, feierlich ein, knieen vor dem Altar, beten, erheben sich, und ihr Fuhrer, der InquisitorCommissarius, beginnt den heiligen Erleuchtungsgesang: "Veni Creator spiritus" ... Dann ergreift der Vorsitzende die silberne Klingel und die Angeklagten mussen erscheinen in braunen Kleidern, um den Hals den Strick, in der Hand eine brennende Kerze ...

Auch ein aus Neapel hereingebrachter "waldensischer Geistlicher" und ein Laienbruder des heiligen Franciscus, der eines unsteten, abenteuerlichen Lebens angeklagt: war, mit ihnen ein Geistlicher, welcher trotz seiner Klausur in einem Strafkloster dennoch zu mehreren von jenem Geistlichen verfuhrten ketzerischen Seelen hielt, endlich ein alter Hirt aus Calabrien hatten allerdings so noch im vorigen Jahr vor einem Gericht der dortigen Inquisition gestanden ...

Das heilige Officium von Neapel lieferte sie auf hohere Weisung nach Rom wohin drei von ihnen vor kurzem angekommen waren ... Verschmachtet der Eine nicht infolge der an ihm verubten Martern oder peinlicher Entbehrungen, sondern durch die Jahre ... Die beiden andern gedruckt durch Kummer und Sorge um diesen ihren greisen Mitgefangenen ... Negrino wurde in den Silaswald zuruckgeschickt ...

Einen Tag vor ihrer Abreise von Neapel standen sie alle vier vor dem dortigen Gericht zum letzten mal ... Den Bruder Federigo mussten schon da die Laienbruder der Dominicaner tragen ... Was ihnen allen zur Last gelegt wurde, hatten die Gefangenen eingestanden ... Der Spruch war nicht zu hart ... Die Jesuiten wollten das Verderben dieser Leute so trotzten die Dominicaner ... Das ist die innere hierarchische Welt ... Hubertus sollte zu seinem gleichfalls in Alarm gebrachten Orden zuruck in die Strafzellen auf San-Pietro in Montorio ... Federigo sollte seinen Spruch in Rom empfangen ... Paolo Vigo hatte geloben mussen, Italien zu verlassen ... Negrino wurde auf einige Jahre excommunicirt und unter polizeiliche und kirchliche Aufsicht gestellt ...

Die Oberaufsicht uber die Gefangnisse der Inquisition hat nicht der General der Dominicaner allein, sondern mit ihm ein Maestro del Sacro Palazzo, gleichfalls ein Dominicaner, zu gleicher Zeit Haushofmeister des Papstes, nach unserm Sprachgebrauch Kammerherr und Oberhofmarschall ... Die Aufsicht im Inquisitionspalast selbst fuhrt ein einfacher Pralat des Officiums ...

Dieser war keinesweges erstaunt, in so eiliger Hast zwei Cardinale vorfahren zu sehen ... Der General, dieser war es, der dem Cardinal Ambrosi geschrieben hatte bereits auch ihn instruirt ... Der Erzbischof von Coni hatte ordnungsgemass die seelsorgliche Competenz fur den ehemaligen Eremiten von Castellungo ... Waren vollends beide Deutsche, so konnte der Besuch ganz in der Ordnung erscheinen ... Im Vatican waren Bonaventura und Ambrosi gerngesehen; der Maestro del Sacro Palazzo, Hofmarschall Pater Tommaso hatte schon seit langerer Zeit zu allen, jene Ketzer aus dem Silaswald betreffenden Wunschen Ambrosi's seine Zustimmung gegeben ...

Cardinal Ambrosi stieg zuerst aus und erklarte mit bewegter Stimme, Monsignore d'Asselyno wunsche Einlass in die Zelle des sogenannten Fra Federigo ...

Der Pralat setzte der Erfullung dieses Wunsches nichts entgegen und machte dem noch im Wagen sitzenden Cardinal d'Asselyno die Anzeige, der General und Pater Tommaso hatten bereits die entsprechenden Befehle gegeben ...

Bonaventura stieg aus ... Seine Caudatarien mussten ihm aus dem Wagen helfen ...

Ambrosi kannte Hubertus von ihrem Zusammenleben im Kloster San-Pietro in Montorio her ... Nicht auffallen durfte es, wenn auch er wunschte, solange zu einem der Gefangenen gelassen zu werden ... Hubertus war ein Mitglied des Ordens, dem er selbst angehorte ...

Der Pralat erklarte, dass Hubertus und Paolo Vigo versprochen hatten, sich bis auf weiteres nach SanPietro in Montorio zu begeben aber der Aelteste der Gefangenen, Fra Federigo, ware bedenklich erkrankt und schiene seinem Ende nah ... In Ambrosi's Antlitz zuckte es schmerzlich auf er wollte die vielleicht letzte Begegnung zwischen Vater und Sohn nicht storen ... Obschon selbst von machtigster Sehnsucht nach seinem alten Lehrer ergriffen, liess er Bonaventura den Vortritt ...

Der Pralat fuhrte seinen hohen Besuch uber den Hof eine Stiege hinauf, wo sich die Cardinale trennen mussten ... Noch geleitete Ambrosi den halb ohnmachtigen Freund bis vor die Zelle, die er bat fur diesen aufzuschliessen ... Ueber ihr standen die grausamen Worte aus dem 109. Psalm: "Der Satan muss stehen zu deiner Rechten!"4... Wie auch die Jesuiten alles aufboten, die Dominicaner zur Ausubung ihrer alten Gerechtsame zu zwingen, doch konnte man sagen: Der Katholicismus dieser Form ist todt und das AlGesu kann und wird ihn nicht wieder lebendig machen ...

Die Thur steht offen! sprach der Pralat ... Zwei Vater sind beschaftigt, dem Unglucklichen die letzten Trostungen zu geben ... Aerzte hat er abgelehnt ... Doch sind deren in der Nahe ... Sie geben keine Hoffnung ...

Die letzten Trostungen! sprach fur sich Ambrosi und setzte laut hinzu: Ueberlasst die Vorbereitung seinem Oberhirten! ... In der Stille der Einsamkeit wird die Seele des Armen seinen Mahnungen zuganglicher sein ...

Der Pralat, einverstanden und verbindlich sich verbeugend, offnete ohne Argwohn die Thur ...

Zwei weissgekleidete Monche sassen in einem dunklen Vorgemach und lasen mit lauter Stimme im Brevier ... Der Pralat winkte ihnen aufzuhoren und ihm zu folgen ... Sie traten mit ihm hinaus ...

Bonaventura's Seele drohte den Korper zu verlassen ... Bewusstlos hob er den Fuss uber die Schwelle Die Thur wurde leise hinter ihm angelehnt ... Hinter dem dunklen Vorgemach folgte ein Zwischenzimmer ... Es wurde durch eine Lampe erhellt, die in einem dritten Raum, in einem Alkoven stand ... Noch konnte der athemlos und zitternd Stehende nicht das Lager entdecken, wo jener ihm nun endlich zugangliche Begriff lag, der einen Augenblick nach dem Gruss der Liebe und des Erkennens vielleicht fur immer aus dem Leben schied ... Ein Begriff ? ... Wenn die Person, die ihn erfullte, dennoch eine andre war ? ...

Eine Weile verharrte Bonaventura in einer unbeweglichen Stellung ... Alle Lebensstrome schienen in diesem Augenblick ihm zu stocken ... Eine unendliche Freude und ein unendlicher Schmerz stritten um die Herrschaft in seinem Innern ...

Qui viene? ... erscholl es jetzt mit einem Ton, der dem Lauschenden durch die Seele schnitt und der ihm nicht bekannt war ...

Bonaventura schritt naher ... Jetzt sah er, dass in einem Winkel des Alkovens ein Bett stand, auf welchem eine Gestalt in einem braunen, warmwollenen Busserkleide lag ... Er sah nur die langen weissen Haare des ihm abgewandten Hauptes ... Auch eine erwarmende Decke lag auf dem ausgestreckten Korper ...

Siete voi, miei cari figliuoli? ... fragte die Stimme und setzte die Anwesenheit der Monche voraus ...

Die Stimme durchschnitt des Sohnes Herz ... Nun war es doch wie ein Klang, den er kennen musste ein Klang wie die Erinnerung eines Weihnachtliedes der Jugendzeit ...

Legite dunque! ... La vostra lettura non mi dispiace ... sprach der Greis mit matter Stimme Die Bewegung, welche die Rede unterbrach, schien von Fieberfrost zu kommen ...

Bonaventura trat einen Schritt vor und fragte, mit leiser Stimme und in deutscher Sprache:

Habt Ihr es kalt, mein Vater ? ...

"Kalt" und "caldo" die beiden Sprachen Gegensatze ... Bonaventura sprach so leise, dass vernehmbar nur das Wort "kalt" von seinen Lippen kam ...

Caldo! Caldo! sprach der Greis mit Misverstandniss und deutete mit beruhigtem Ton an, die Warme der Decke genuge ihm ....

Bonaventura sah nun vollkommen die langausgestreckte Gestalt die sich ein wenig wandte, da der Schatten, welchen der Angekommene auf die weissgetunchte Wand fallen liess, den Greis zu befremden und aufzuregen schien ...

Caldo nahm Bonaventura, sich jetzt ein Herz fassend, das Wort wieder auf und setzte in italienischer Sprache die verhangnissvolle, den Moment der Erkennung, wenn es sein Vater war, entscheidende Frage hinzu: Caldo come sotto una coperta di neve ! ...

Auf dies Wort: "Warm wie unter einer Schneedekke?" folgte erst eine Todtenstille ... Dann richtete sich der Greis auf, sank, da die Kraft nicht ausreichte, auf seine beiden Arme zuruck, die sich gegen das Lager anstemmten, und richtete die mit weissen Brauen umbuschten Augen weit aufgerissen auf die im Glanz ihrer Cardinalswurde vor ihm stehende Gestalt ...

Er mochte denken: Kommt ihr endlich und bist du Ambrosi oder mein Sohn? ...

Nun sah Bonaventura das von den Spuren des Alters, des Kummers und der nahenden Auflosung zerstorte Angesicht, sah Zuge, die nur muhsam aus dem weissen Barte, aus dem langhinflutenden Haare zu erkennen waren aber es war sein Vater ... Hatte ihm der Ton der Stimme schon die volle Bestatigung gegeben, jetzt bedurfte es keiner weiteren Versicherung ... Langsam sank Bonaventura zur Erde nieder und beugte sein Haupt vor dem Greise, der nur durch diese Zeichen der Liebe und durch die kostbaren Gewander seinen Sohn erkannte ... Durch die lange Reihe der Jahre hatte auch dieser eine Veranderung seines Ausdrucks erfahren, die jenen Jungling, dessen Bild der Vater im Herzen trug, nicht wiedererkennen liess ...

Bona ! hauchte der Greis ... Was weckst du mich vom Tode ! ... Ich liege unter dem Schnee der Alpen ...

Und der Tod der Mutter erst durfte den Schnee schmelzen! ... wehklagte Bonaventura mit thranenerstickter Stimme und mit einem wie vorwurfsvollen, doch innigzartlichen Ton ...

Der Greis legte die mageren, zitternden Finger auf das purpurrothe Sammetbaret und die Tonsur des Sohnes ... Wie ein Blinder, der durch Tasten sich erfuhlen muss, was sein Auge nicht erkennt ... Schon war er auf sein Lager zuruckgesunken, als er mit Thranen hauchte:

Der Mensch ist sich seine eigene Welt ... Was zurnst du mir ! ... Dann lange ihn betrachtend fugte er fast scherzend und doch tief wehmuthig hinzu: Ich kenne dich nicht ...

Mein Vater! rief Bonaventura, des Ortes, wo er sich befand, nicht mehr achtend, beugte sich uber den Greis und bedeckte ihn mit seinen Kussen ...

Die Thranen mehrten sich in des Greises Augen, die sich wieder schliessen mussten ... Leise sprach er:

Nur eine kurze Auferstehung! ...

Lebe, mein Vater! ... Ist denn kein Arzt hier? ... O, verschmahst du alles? ... Dass ich einen Heiligen Gottes nicht noch erhoht sehen soll ! ...

Die rechte Hand des Greises deutete eine Weile nach oben warnte zur Vorsicht, wobei ein unendlich liebevoller Blick der Augen ihn unterstutzte dann sank die Hand kraftlos auf die Decke ...

Eine Pause trat ein, die nur vom stillen Weinen Bonaventura's und von den liebkosenden Bewegungen seines Vaters unterbrochen wurde ...

Hat dich Gott so erhoht! ... sprach der Greis, die Gewander des wiederholt Knienden beruhrend ... Und als dieser schwieg und die Zeichen seiner Wurde mit Geringschatzung betrachtete, setzte er hinzu:

Als du Bischof in Robillante wurdest, da musst' ich fliehen ... Denn eines Mannes That soll nicht halb sein ... Ich wollte nicht mehr fur die Welt am wenigsten die Meinen am Leben sein ... Deine Mutter wollt' ich glucklich machen ...

Sie wurde es nicht ! ... sprach der Sohn ...

Der Greis erwiderte nichts ...

Damals schon wollt' ich dich einem Schicksal ent

reissen, dem du nun doch erlegen bist ! fuhr der Sohn fort und betrachtete die elende Umgebung ... Man wird dich mir herausgeben mussen ... Man soll dich in einer Sanfte in meine Wohnung, in die Wohnung deines edeln Ambrosi tragen ...

Ambrosi! sprach der Vater und faltete voll Vereh

rung die Hande ... Wo ist er ? ...

Ich rufe ihn fuhr Bonaventura fort ...

Der Greis tastete nach seiner Hand und sprach:

Zum Ketzer und mich in das Haus der Car

dinale? ... Ich sehe auch so mit Freuden auf meine Saat ... Herzen fand ich, in denen sie aufgegangen ... Auch in den euern ... Mein Geheimniss bleibe bedeckt vom Grabe ...

Vater! flehte Bonaventura, wir beide sehnen uns

nach dem Martyrium! ... Auch Vincente ist angekommen an der Grenze seiner grossen Gelubde ... Nur auf der Hohe wollte er leiden, wie Jesus auf einem Berge litt ... Dank, Dank deiner Lehre ... Er ist heilig nicht ich! ...

Der Greis faltete, allen diesen Worten scharf auf

merkend, seine Hande und sprach:

Die Zeugen des gekreuzigten Lammes seh' ich

in weissen Gewandern ... Sind das die Glocken der Peterskirche die so lauten ? ... Kann auf Erden Stolz wol ewig wahren? ...

Mit bangem Herzen hatte sich Bonaventura erhoben und eine holzerne Bank dem armlichen Bette nahergeruckt ... Erschuttert von dem, auch ihm aus der Seele gesprochenen Worte, dass die Peterskirche nur den Eindruck des Stolzes mache und beschamt vom Pomp seiner bunten Kleider, bat er wiederholt:

Schon die sechste Stunde ist es ... Alles ist dunkel ... Ich lasse eine Sanfte bringen und sie tragen dich in die Wohnung Ambrosi's ... Und das Officium gestattet es ... Mehr noch, ich bekenne dich als meinen Vater ...

Mein Sohn! wiederholte abwehrend der Greis ... Unser Geheimniss decke das Grab ... Schon um Wittekind's willen ... Ich habe den seligsten Tod ... Schoner, als ich ihn je getraumt ... Konnt' ich nicht in meiner Wildniss bittrer enden? ... In Castellungo ... Horch, was lauten so die Glocken ! ...

Die Augen des Greises wandten sich wie innenwarts ...

Jedes Wort ist ein ewiger Vorwurf meines Innern! nahm Bonaventura mit ausserstem Schmerz die abbrechende Rede des ohne Zweifel in Erinnerungen an Grafin Erdmuthe und an seine Hutte bei Castellungo verlorenen Vaters auf ...

Dieser betrachtete ihn und sprach liebevoll mit zuruckkehrendem Bewusstsein:

Nein, mein Sohn! ... Vor dem Tode deiner Mutter dich wiederzusehen das hatt' ich nicht ertragen ... Lieber hatt' ich vor Schaam mir selbst den Tod gegeben den ich nun auch in Jesu Namen ...

Gib uns nicht den Schmerz, dass du nicht mehr leben willst ! unterbrach Bonaventura ...

Lass nur noch die beiden treuen Seelen entgegnete der Greis, die mich so oft erquickt, so oft dem Leben erhalten haben, nicht ohne deinen Schutz wenn du, hoff' ich, noch Schutz verleihen kannst, nachdem du einem Ketzer deine Theilnahme bewiesen ...

Einem Ketzer! Vater! ... sprach Bonaventura und setzte dicht am Ohr des Greises hinzu: Ich selbst bin ich denn nicht selbst ein Ungetaufter! ...

Der Greis wandte die Augen auf den Sohn voll Besturzung ...

Was Leo Perl einst dem Bischof von Witoborn bekannte ich sollte es ja erfahren! fuhr Bonaventura fort ... War es nicht dein Wunsch? ... Im Sarge deines alten treuen Dieners fand sich ja ...

Mein Wunsch? unterbrach der Vater staunend und seine letzte Kraft zusammenraffend ...

Bonaventura hielt inne ... Die Aufmerksamkeit des Greises war zu erregt ... Auch machte ihn ein oberhalb des Zimmers wie von einem Fusstritt vernehmbares Gerausch einen Moment betroffen ...

Dann begann er leise eine Erzahlung vom ersten Eindruck, welchen damals das Verschwinden des Vaters auf die Welt und ihn gemacht hatte, vom neuen Bund der Mutter, von des Onkels Fursorge fur ihn, von seinem eigenen Entschluss, Priester zu werden, von seiner Pfarre in Sanct-Wolfgang, einem Ort, wo dann zufallig des Onkels Max ehemaliger Diener schon seit Jahren sich niedergelassen hatte ... Bonaventura erzahlte, wie treu der alte Mevissen sein Geheimniss gehutet treu, falls er gewusst, dass der Verschollene lebte ... Dann schilderte Bonaventura die beim Tode Mevissen's vorgefallenen Dinge, welche durch Hubertus dem Vater nur hatten unvollstandig bekannt werden konnen ... Eben war er an die Beraubung des Sarges angekommen, als ihm der veranderte Blick des Vaters auffiel ... Bonaventura musste sich unterbrechen und fragen:

Vater wie ist dir ! ...

Dieser antwortete schon nicht mehr und lag wie betaubt ...

Bonaventura eilte, um nach Wasser zu suchen ... Aus einem Glase, das er mit Wasser gefullt fand, benetzte er dem Greise die Stirn ...

Noch einmal schlug Friedrich von Asselyn die Augen auf ... Liebevoll liess er das Beginnen des Sohnes gewahren ... Plotzlich starrten seine Augen nach einer Uhr, die an der Wand hing, und er sprach:

Lass dir von meinen Begleitern die ich deiner Liebe empfehle ...

Vater! ... unterbrach Bonaventura, voll Entsetzen die Veranderung der Gesichtszuge, ein krampfhaftes Zucken des Kinns, ein Schutteln der Hande bemerkend ...

Die Stunde ist hauchte der Sterbende mit kaum noch vernehmbarem Ton ...

Bonaventura wollte die Monche und etwaigen andern heilkundigen Beistand rufen ...

Der Vater hielt noch krampfhaft seine rechte Hand fest ...

Bonaventura's Linke nahm mit seinem Taschentuch vom Mund des Sterbenden schon leichte Schaumblaschen ... Zugleich vernahm er noch die Worte:

Lass dir von meinen Begleitern lass dir von ihnen die Pilgerstabe geben ... Dort der meine ... Ich sehe ihn nicht ... Ist's ein Baum ... Er grunt und wachst ! ... Sieh die kuhlen Schatten ... Die Zweige wie sie dicht ...

Vater, dich tauscht dein Auge ...

Bonaventura sah die Kennzeichen des Todes, deren er in kurzer Zeit so viele hatte sammeln mussen ...

Ein Baum wie die Eichen in Castellungo ... Ha! Sieh das Feuer! ... Sieh, von rosigen Wolken alles bedeckt ... Von Licht und Wonne des Triumphs ... Sie kommen von allen Zonen und bekennen das Lob des Hochsten ... Ils engendron Dio in lor mesemes ... In sich Gott und Gott in uns ... Die Nobla Leycon horst du der Waldenser Lobgesang ...

Vater! flehte Bonaventura und muhte sich, dem Sinn dieser Worte zu folgen Ich rufe Ambrosi den Arzt ...

Der Sterbende beherrschte noch einmal sein unaufhaltsam ihn fortreissendes Irrereden und fuhr fort:

Die Nobla Leycon nimm offne die Wanderstabe meiner Fuhrer ... In ihnen findest du mein Leben und deines ... Kennst die Nobla Leycon? ...

Ich kenne sie ... hauchte Bonaventura mit stockendem Athem und die schweissbedeckte Stirn des Vaters trocknend ... Er verstand, dass in den Wanderstaben der Gefangenen ihm ein letzter Gruss gesagt werden sollte ...

In kurzen abgerissenen Satzen sprach der Vater:

Sie konnen nicht lesen, was die Chiffern sagen ... Der Schlussel ist die Nobla Leycon ... Im Anfang war das Wort und das Wort ...

Bonaventura's Lebensgeister blieben in fieberhafter Spannung, wahrend die des Vaters entschwanden ...

Die Nobla Leycon macht die Chiffern der Pilgerstabe zu Worten ... O frayres entende una nobla. A und B ... Mein Alpha und Omega "Herr bleib mit Deiner Gnade " ...

Der Irreredende erhob die Stimme zum Singen ...

Die ersten Worte der Nobla Leycon enthalten das Alphabet des Testamentes, das du mir hinterlassen wolltest ! sprach Bonaventura dicht am Ohr des Sterbenden ...

Amen! sprach der Greis und sank zusammen ...

Und wieder regte es sich in der Nahe ... Und wieder war es, als huschten oberhalb schleichende Fusstritte ...

Diesmal kam auch Gerausch von der Thur ... Ohne Zweifel setzten die Harrenden voraus, dass die Beichte des Ketzers voruber war .... Wenn sein Seelenhirt noch langer blieb konnte es sein, dass ihm auch aus seiner Hand die letzte Oelung und das Abendmahl ertheilt wurde ...

Die Thur offnete sich ... Der General der Dominicaner trat selbst herein, die Monstranz in der Hand ... Ein Assistent hinter, ihm mit den Werkzeugen der letzten Oelung ... Die Thur blieb offen ... Draussen standen Cardinal Ambrosi, der Pralat des Hauses Bruder Hubertus und Paolo Vigo folgten beide freigegeben, um ihre Wanderung auf San-Pietro in Montorio anzutreten, wohin man auch Paolo Vigo zunachst verwies ... Schon hielten beide ihre Habe und ihre Stabe in den Handen ... Alle Dominicanermonche murmelten draussen das Confiteor ...

Der Sterbende erhielt noch einmal einen Augenblick seine Geisteskraft, ubersah, was geschehen sollte, ubersah die Lage des Sohnes ... Mit letzter Kraft der Stimme murmelte er zuerst das lateinische Confiteor, dann begann er italienisch und ging allmahlich in die deutsche Sprache uber mit den Worten:

Lasset uns beten! ... Ich bekenne an der katholischen Kirche alles, was wir ihr schuldig sind aus dem Geist der Liebe und der Dankbarkeit ... Wer in dieser Kirche geboren wurde ...

Weiter vermochte der Sterbende nicht zu reden ...

Schon wollte Ambrosi von seinem Gefuhl ubermannt, vortreten, als ihn die laute Rede des calabrischen Priesters veranlasste, diesem den Vortritt zu lassen ...

Paolo Vigo trat vor, beugte sich am Sterbelager nieder und erhob die Stimme, um zu vollenden, was zu sprechen nicht mehr in seines Lehrers Kraft stand ...

Wer in dieser Kirche geboren wurde, sprach Paolo Vigo fest und bestimmt und des Generals und der Cardinale nicht achtend, der hat sie gelernt unter dem Bilde einer Mutter verehren ... Nun wohl ein reiferer Verstand des erwachsenen Kindes erkennt die Schwachen seiner Aeltern; doch wird ein Sohn die silberne Locke des Vaters schonen und selbst Flecken am Ruf ihrer Mutter die Tochter ubersehen ... Was die Kirche an heiligen Gebrauchen besitzt, seh' ich allmahlich entkleidet seiner dunkeln, unnaturlichen Zauber ... Priester! Legt die Gewander der Ueppigkeit und des Stolzes ab! Werdet Menschen! Redet die Sprache, die euer Volk versteht, auf dass der Ruf: Sursum corda! auch wahrhaft zum Empor der Herzen wird ... Lasst die Messe, wenn sie gelautert wird! Ein Zwiegesprach sei sie mit Gott ... Bilder des Gekreuzigten tragt sie im Herzen ! Und solange die Volker der Erde nicht aus eitel Weisen bestehen, solange noch Heide und Muselman die strahlenden Ordenszeichen ihres Glaubens verehren, verehrt auch ausserlich das Kreuz ... Macht es jedoch lebendiger noch in euch ... Lebendig macht alle Strome des Heils ! ... Hinweg mit Dem, was das Herz erstarrt ! ... Freiheit dem Gebundenen ... Sakrament sei nicht die eiserne Fessel ! ... Im Tod rufe dir den Arzt der Seele wenn ein Zeichen und ein Wort von ihm statt deiner reden soll ... Netzt sogar dem muden Wanderer, wie Magdalena dem Herrn, die Glieder ... Erquickt ihn, wenn er es begehrt, durch das Brot des Lebens! ...

Die Umstehenden erkannten aus diesen Worten der Verzuckung wohl die Irrlehren, fur welche Paolo Vigo versprochen hatte, Italiens Boden zu verlassen ... Doch der General warf einen Blick auf die Monche, die Paolo Vigo umringten ... Sein wurdiges Benehmen gebot ihnen Ruhe ... Er ubergab dem Erzbischof das heilige Brot, das dieser dem Sterbenden reichte ...

Auch mit dem Salbol benetzte Bonaventura die Stirn und die Hande des Entschlafenden ... Heiliger, als dies Oel aus geweihtem Gefass, liess er auf die immer mehr erstarrenden Zuge des Sterbenden seine Thranen rinnen, unbesorgt um die rings im Kreise ersichtliche Befremdung ...

Die Ceremonie jener gewaltsamen Bekehrungen wie sie hier in diesen Raumen oft genug vorgekommen sein mochten, war voruber ... Die uberfullten engen Raume entleerten sich ... Ein Arzt hielt dem Sterbenden den Puls ... Cardinal Ambrosi, der dem Sohn bisjetzt in allem den Vorrang gelassen, beugte sich uber den Entschlummernden, der ihn nicht mehr erkannt hatte, und sprach:

Er ist hinuber ...

Pater Lanfranco wusste und erzahlte, dass der Erzbischof in diesem Sterbenden einen nahen Verwandten getroffen hatte ...

Bonaventura wandte sich ... Als der Freund die Augenlider des Sterbenden schloss, durchbrach sein Gefuhl jede Rucksicht ... Zu machtig zerriss der Schmerz sein Inneres ... Ueber die ausgestreckt liegende erstarrte Gestalt warf er sich und rief in italienischer Sprache, dass alle es horten:

Lebe wohl mein theurer Vater ! ...

Die Priester, die Monche und Aerzte sahen bestatigt, dass der deutsche Cardinal in diesem waldensischen Prediger, der seiner Herkunft nach gleichfalls ein Deutscher war, einen nahen Verwandten padre, einen "Freund", einen "Gonner" wiedergefunden hatte ... Ein Wunder war es, das ganz Rom beschaftigen musste ... Aber selbst den Heiligen Vater durfte es ruhren, zu horen Cardinal d'Asselyno hatte im Kerker der Inquisition einen ihm aus seiner Jugendzeit unendlich werthen Angehorigen gefunden und ihn in seiner letzten Stunde bekehrt ... So nur und nicht anders konnte seines Ruhmes neue Mehrung lauten ...

General Lanfranco hatte sich zuerst entfernt ...

Bonaventura war vom Freund emporgezogen worden ... Hubertus und Paolo Vigo, jener in der Franciscaner-, dieser in der Busserkutte, druckten ihre Lippen auf die Wange des Gestorbenen auch auf Bonaventura's beide Hande ... Bedeutungsvoll gab ihm Paolo Vigo seinen Stab und sagte er mochte sich darauf stutzen ...

Bonaventura ergriff den Stab ... Der andere, den ebenso Hubertus trug, konnte gefunden werden, von wem er wollte niemand hatte seinen Inhalt entziffern konnen ... Der dritte, der Stab Federigo's, war vielleicht in der That nicht zu finden ... Niemand brauchte sich darum zu beunruhigen ...

Dass die beiden Cardinale noch langer blieben, war nicht zu rechtfertigen ... Das Leben des Greises war entflohen ... Hubertus hatte sich uber ihn gebeugt, hatte eine Wollflocke seiner Kapuze an seinen Mund gelegt sie bewegte sich nicht mehr ...

Mit einem letzten Scheideblick ebenso sprachloser wie, wenn die Sprache auch nicht versagt hatte, unaussprechbarer Ruhrung rissen sich beide Cardinale vom armlichen Lager los, auf welchem sie den abenteuerlichsten Schwarmer, einen Martyrer der Ehegesetze der katholischen Kirche, als Leichnam zuruckliessen ...

Die Bestattung musste freilich an jener Stelle erfolgen, wo die Asche der verbrannten Martyrer, eines Pascal, eines Paleario moderte ... Aber bei allem, was die Sachlage hier mit sich brachte, war doch fur ein ehrenvolles Begrabniss, wenn auch innerhalb dieser Mauern, gesorgt ... Schon morgen in allererster Fruhe wollten die Freunde zuruckkehren ...

Das dustere Gebaude war jetzt von Kerzen erhellt, die die Laienbruder der Dominicaner trugen ... Schon kamen einige derselben, um die Leiche in die Todtenkammer zu bringen ...

Hubertus hielt den die steinernen Stufen hinunterschwankenden Bonaventura, den er in Witoborn als Domkapitular so oft gesehen und nun den leiblichen Sohn seines geliebten Federigo nennen durfte Ambrosi hatte ihm auf seiner Zelle sein so lange verschlossenes Auge geoffnet, auch die Grunde genannt, die ein Verschweigen des Geheimnisses und selbst noch in dieser Stunde, um des Prasidenten von Wittekind willen, dringend anriethen ... Jetzt begriff Hubertus, wie mit dem Tod der Mutter Bonaventura's die Sehnsucht des Eremiten sich regen durfte, in die Welt zuruckzukehren; begriff, wie seine Gefangennehmung im August ihm so willkommen, ja nach den Mittheilungen aus Rom, die von Ambrosi kamen, nicht unerwartet erscheinen durfte; Hubertus begriff schliesslich auch die Schonung, die ihnen allen zu Theil wurde ...

Ambrosi nahm den zweiten Alpenstab ... Die Uhr des Verstorbenen hatte der Pralat an sich genommen sie gehorte, den Regeln des Hauses gemass, den Laienbrudern ...

Bonaventura stutzte sich nicht auf den empfangenen Stab ... Er schritt voll Fassung, wenn auch tief sein Haupt zur Erde neigend, dem Ausgang zu ...

Inzwischen beschaftigte die Aufmerksamkeit der mit staunender Bewunderung vor zwei fur ihre fromme Opferfreudigkeit so wunderbar belohnten Cardinalen die Treppe niedersteigenden Begleitung derselben ein Larmen draussen auf der Strasse ... Eine Glocke der Peterskirche lautete in unablassiger Hast ... Es war die Feuerglocke des grossen Doms ... Andere Glocken fielen mit gleicher Eile ein ... An der nahen Porta Cavallaggieri, wo die Kasernen liegen, erscholl das Blasen einer Trompete ... Trommeln larmten ...

Eine Feuersbrunst! hiess es ...

Ein nicht zu haufiger Vorfall im steinernen Rom ...

Die erst langsam dahinschreitende Begleitung bewegte sich allmahlich rascher ... Bonaventura und Ambrosi blieben mit ihren nachsten Begleitern, langsamer durch die Hofe schreitend, allein zuruck ...

Da verschwand plotzlich auch Hubertus ... Er war nicht dem Drangen nach dem Hausthor gefolgt ... Es hiess, er ware zuruckgekehrt ...

Seht da! Wer ist der Mann? rief plotzlich, alle erschreckend, seine Stimme von einer Galerie herab, die rings um den Hof ging ... Er rief diese Worte einem Manne nach, der in gebuckter Haltung an einer andern Stelle der Galerie durch eine Thur verschwand ... Es war ein Mann in einem schwarzen, fast priesterlichen Oberkleid gewesen ... Rasch war derselbe in eine hohe Glasthur, die auf die Galerie fuhrte, zuruckgetreten ...

Ein einziger leidensvoller Blick, den Bonaventura vom Hofe aus in die Hohe warf, liess in Ambrosi den Gedanken entstehen: Glaubt der Freund dass er belauscht wurde ? ...

Hubertus blieb verschwunden ...

Inzwischen aber waren die Cardinale zu sehr ergriffen, um dem Zwischenfall lange nachzudenken, und standen schon am geoffneten Schlage ihrer Kutsche ... Auch die Caudatarien bestatigten eine Feuersbrunst ... Zugleich hatten sie von einem soeben hier gestorbenen deutschen Verwandten des Cardinals d'Asselyno gehort und durften nichts Auffallendes darin finden, dass die Cardinale tief erschuttert waren, herzlich von dem im Kreise einiger Dominicaner stehenden Paolo Vigo Abschied nahmen, ebenso wenig, wie, dass ihnen letztrer als Andenken an den Pilger von Loretto zwei Wanderstabe in den Wagen nachreichte ...

Hubertus war inzwischen nicht zu finden ... Die besturzten Monche, die ihn und Paolo Vigo nach SanPietro in Montorio escortiren sollten, suchten ihn ...

Beide auf San-Pietro schon morgen zu besuchen und sie dem dortigen Guardian zu empfehlen, wurde von Ambrosi versprochen ...

So stiegen die Freunde ein ...

Die Menschen ringsum rannten indessen der Piazza Navona zu ... Dort sollte das Feuer sein ... Ueber die Tiberbrucke von der Engelsburg abschwenkend sahen beide die Rauchsaule ...

Bonaventura's Haupt lag auf den Schultern des Freundes ...

Ambrosi liess ihn schweigend gewahren ... Worte des Trostes helfen nicht in solcher Lage ... Auch ihn betrubte es, dass er nicht noch einmal Fra Federigo umarmen und ihm sagen konnte: Sieh, bis hieher kam ich durch deinen Rath und deine Lehre! ... Er hatte vorgezogen, alle Gefahren zu bewachen, alle mislichen Zeichen draussen den Dominicanern zum Guten zu deuten und dem Freund die Vorhand zu lassen ... Er hatte sich in allem, was seither geschehen, kraftvoll und entschlossen gehalten ...

Was sollen die Stabe? fragte er endlich sanft, als sich der Wagen in den Strassen muhsam durch das Gewuhl der Menschen Bahn machte ...

Bonaventura nahm sie und betrachtete sie voll Ruhrung ... Noch konnte er nichts erwidern ...

Inzwischen hatten sie den Corso erreicht, auf dem wenigstens fur Wagen Platz blieb ...

Endlich in ihrer entlegenen Wohnung angelangt, schwankte Bonaventura aus dem Wagen und sank, als beide allein waren, ohnmachtig zusammen ...

Lange wahrte es, bis sich der Ungluckliche erholte ...

Auf Ambrosi's dringendes Verlangen musste er einige Starkung zu sich nehmen ...

Dann trat ein stilles Weinen ein ... Die Natur erholte sich erst, als sie ihre Rechte gefordert hatte ...

Mit den ersten Worten, deren er fahig war, bat Bonaventura um ein Exemplar der "Nobla Leycon" ...

Fussnoten

1 Thatsache. 2 Wortlich zu lesen. 3 1856. 4 Vorhandene Inschrift.

14.

Zu seinem hochsten Erstaunen erfuhr der Freund die nahere Bewandtniss, die es mit den Staben haben sollte ...

Es waren Hirtenstabe, wie sie in Calabriens Bergen getragen werden ... Die Griffe gewunden die Spitzen von Eisen ...

Griffe und Spitzen, das sah man bald, liessen sich abschrauben ... Das Innere fand sich ausgehohlt ...

In beiden Staben befand sich eine mit lateinischen Buchstaben beschriebene Rolle Papier ...

Das Geschriebene war ein Durcheinander von unaussprechbaren Wortformen ...

Die "Nobla Leycon" gab den Schlussel ... Die Buchstabenordnung war dieselbe, die bereits in dem zwischen Ambrosi und Federigo gepflogenen Briefwechsel gewaltet hatte ... Beide Rollen hatten denselben Inhalt ...

Schon entzifferte Ambrosi ein Wort nach dem andern und schrieb auf, was er gefunden ... Er stockte ... Es war deutsch die Ausubung einer schon lange gelaufigen Fertigkeit wurde gehindert ...

Ambrosi bat den Freund, sich zu ruhen ... Inzwischen, sagte er, wollte er versuchen, den Inhalt, soweit ihm moglich, mechanisch zu dechiffriren ... Das Vertrauen des Freundes gehorte ihm in allem ... Es konnte auch hier kein Geheimniss mehr geben, dessen Kunde sie nicht theilen wollten ...

Nach wenigen Stunden schon, wahrend die sonstige Stille der nach hinten hinaus gelegenen Wohnzimmer des alten Gebaudes anfangs noch vom Larm der Glocken und Feuersignale gestort wurde, Bonaventura stillverzweifelnd sein Haupt stutzend und zum Tod erschopft auf einem Ruhelager sich wand und sein ganzes vergangenes und zukunftiges Leben an sich vorubergleiten liess, unterbrochen vom Bild der letzten Liebesblicke des Vaters, kam Ambrosi in hoher Aufregung mit einer Anzahl Blatter, auf welche bereits ein grosser Theil der Eroffnungen Federigo's an seinen Sohn mechanisch niedergeschrieben war ... Die deutsche Sprache kannte er zu wenig, um ganz zu verstehen, was, Buchstabe an Buchstabe gereiht, seine Blatter bedeckte ...

Es war nun auch von draussen her still geworden ... Schon mochte die zehnte Stunde geschlagen haben ...

Bonaventura konnte leicht die Buchstaben zu Worten fugen und die Satze durch Punkte trennen ... Durch gegenseitige Unterstutzung kamen die Freunde zu folgender Entzifferung:

"Mein Sohn! Das ist ein Brief, den dein Vater dir aus dem Jenseits schickt ! ... Hore richte und gedenke mein !" ...

"Du erfuhrst von den Zeiten, wo ich einst beauftragt war, den Uebergang Witoborns an unsere Regierung zu regeln ... Du kennst die Grunde, welche mich damals den Tod wunschen liessen ... Oft, oft uberfielen mich Gedanken an Selbstmord ! .... Sie hafteten nicht, weil Selbstmord nur denkbar ist im Zustand einer Verzweiflung, die mit dem ganzen Leben abzuschliessen vermag Das war nicht meine Lage ... Wohl ging mein Blut sturmisch, wenn ich sah, wie mein Weib am besten meiner Freunde hing, dieser an ihr; dacht' ich aber an die Mittel, mich solcher Schmach zu entziehen, so lockte mich wol die Welle des Stromes, der Blitz der todtlichen Waffe eine Weile; bald aber erkannte ich dann wieder, wenn nur die Gesetze unserer Kirche uber die Ehescheidung andre waren, dass der Anfang eines neuen Lebens voll neuer Bewahrung fur mich anbrechen konnte ... Ich wollte den Wunsch des geistig schon lange ehelich verbundenen Paares erfullen und wurde eine Scheidung durch Confessionswechsel moglich gemacht haben aber in diesem Punkte wurde die Mutter nicht meinem Beispiel haben folgen konnen aus innerem Triebe nicht auch ihres neuen Gatten wegen nicht, der sich kaum wurde entschlossen haben, schon aus Rucksicht auf den schlimmen Ruf seines Vaters, dem Geist der Provinz ein Aergerniss zu geben ... So kam ich, ohnehin von manchem Misverhaltniss zu meinem Beruf getrieben, auf den Entschluss, mir den Schein des Todes zu geben ..."

Die Entzifferung ging noch bis jetzt aufs leichteste von statten ...

"Ich liess dich einem neuen Vater und die Mutter einem neuen Gatten zuruck, der ein reicher Mann war und fur euch beide sorgen konnte ... Ausserdem hattest du den Onkel. Hatte zwar mein Bruder Franz schon den Adoptivsohn meines Bruders Max, den dieser aus Spanien mitgebracht, in seine vaterliche Obhut genommen " ...

Wie? unterbrach Bonaventura seine Worteintheilung und Uebersetzung des Berichtes fur den aufmerkenden und in Bonaventura's Familienverhaltnissen vollig heimischen Freund; kannte selbst der Vater nicht die Herkunft Benno's? ... Er las staunend weiter:

" so gestattete ihm doch sein gutes Herz und seine Vermogenslage, auch dich in deiner Laufbahn zu befordern, die dir ohnehin, da du Soldat werden solltest, bald die volle Selbstandigkeit geben konnte ... Zur Ausfuhrung meines Vorhabens bedurfte ich Beistand ... Ich konnte mich auf einen Menschen verlassen, der, seines Zeichens ein einfacher Tischler, mit meinem Bruder Max unter Napoleon in Spanien gedient hatte, ihm eine Rettung seines Lebens verdankte, aber auch ohne diesen Anlass ein Muster von Punktlichkeit und Verschwiegenheit gewesen ware ... Ihr alle, die ihr mich uberleben werdet, vor allem auch du, Benno von Asselyn, niemand von euch wird je geahnt haben, dass mit dem schweren Amt, einen kaum geborenen Knaben aus Spanien mitzubringen, dieser alte treue Mevissen in Verbindung stand ... Selbst mir bekannte es der Brave nie, warum auf seinem Todbett Max die Weisung hinterlassen, eine Summe, die ich ihm noch schuldete, in besserer Zeit, wenn ich konnte, einem in der Nahe Kochers am Fall, in SanctWolfgang, wohnenden und von dort geburtigen Tischler, einem ehemaligen Soldaten seiner Compagnie, auszuzahlen ... Da die Zahlung nicht drangte, ich auch die Summe nicht sofort besass, sprach ich zu niemand davon, am wenigsten zu unserm guten Bruder Franz ... Letztrer wurde die Summe gegeben, aber auch die Verwendung derselben haben erfahren wollen ... Benno war schon damals zum Hufner Hedemann in Borkenhagen bei Witoborn gegeben ... Ohne Zweifel ist Benno entweder das Kind einer spanischen vornehmen Frau oder einer Nonne ... Mevissen kannte das Geheimniss; er hutete es wie ein Soldat die Parole seines Wachtpostens ..."

Bonaventura musste voll Ruhrung ausrufen:

Guter, kindlicher Sinn des Vaters ! ... Alle diese Dinge wie waren sie so ganz anders und nur dir blieben sie verborgen! ... Die Neugier seines altesten Bruders, meines freundlichen Erziehers war seine Furcht! ... Und gerade in dessen Handen lagen, selbst dem Bruder verborgen, die Faden aller der Veranstaltungen, die fur den armen geopferten Benno getroffen werden mussten ! ...

Ambrosi kannte die Beziehungen und vermochte voll gesteigerten Antheils zu folgen ...

"Es drangte mich, endlich jene Schuld von einigen hundert Thalern an den alten Soldaten in Sanct-Wolfgang zu berichtigen ... Als ich Abschied von meinem bisherigen Dasein und meinem Namen nehmen wollte, besuchte ich deshalb den kleinen Ort, den Mevissen bewohnte ... Ich fand einen rathselhaft verschlossenen Menschen; einfach und wurdig sein Benehmen; obschon nicht mehr jung, hatte er geheirathet, sein Weib war gestorben; ohne Kinder hielt er eine kleine Tischlerwerkstatt fur die einfachen Bedurfnisse des Landlebens, die ihn ernahrte ... Die Summe, welche ich ihm schuldete, mochte er fruher mehr bedurft haben, als jetzt; dennoch hatte er nicht gedrangt ... Nach den ersten Verstandigungen sah ich wohl, dass sich Mevissen jene Summe durch irgend einen werthvollen Beistand, den er dem Bruder geleistet, verdient hatte ... Ich suchte den Anlass seiner Bewahrung zu erfahren und zeigte mich voll Neugier schon aus Interesse fur Benno's Vater, meinen zu fruh vollendeten Bruder Max ... Ich grubelte, forschte kein anderes Wort kam von den Lippen des schlichten Mannes, als dass mein Bruder sein bravster Chef gewesen ... Angezogen von soviel Ehrlichkeit und Charakterstarke, beredete ich ihn, mich als Diener auf einer Schweizerreise, die ich machen wollte, zu begleiten ... Er nahm diesen Vorschlag an und ihm verdank' ich die Ausfuhrung meines gewagten Unternehmens ... Den Schein zu erwecken, dass ich zu den Opfern der Lawinen des grossen Sanct-Bernhard gehorte, das war die Aufgabe ..."

Ambrosi seufzte ... Bonaventura's Herz klopfte voll gespannter Erwartung ... Es war die noch nicht ganz enthullte Stelle im Leben des Vaters ...

"Im Canton Wallis, zu Martigny, legt' ich alles ab, was an mich erinnern konnte. Ich hatte mir neue Kleider gekauft, die in einem Packet verborgen werden mussten, das Mevissen trug Das meiste, was mein Koffer enthielt, hatten wir verbrannt ... Der Dunst, den die verbrannten Papiere und die sengenden Kleider verbreiteten, fiel im Gasthof zu Martigny auf; so hielten wir mit unsern Zerstorungen inne ... Einiges musste auch fur das Leichenhaus auf dem grossen Sanct-Bernhard zuruckbehalten werden ... Mevissen's Handschlag durfte mir genugen, um die Gewissheit zu haben, dass von ihm sein Geheimniss wurde mit ins Grab genommen werden ... Unter dem Zuruckbehaltenen befand sich vielleicht eine seltsame Urkunde, von welcher ich dir reden muss aus Grunden, die du erfahren sollst ..."

Bonaventura verstand das schmerzliche Lacheln seines Freundes ... Es galt der Erinnerung an die Qualen, die sich fruher, in seinem jetzt uberwundenen Glauben, der unrichtig Getaufte uber seine Lage bereitet hatte ...

"Mein Sohn! Ich rufe dir mit der Schrift: 'Wer Ohren hat, zu horen, der hore!' Ich hatte in Witoborn mit dem Husarenrittmeister von Enckefuss, dem neuen Landrath des neugebildeten Kreises, die Besitzergreifung, namentlich die Archive aus einer heillosen Verwirrung zu ordnen, in welche sie wahrend des Krieges gerathen waren, wo man die wichtigsten Acten zu Streu fur die Pferde benutzt hatte ... Bischof Konrad war ein wohlwollender, aufgeklarter Mann ... Ich hatte sein Vertrauen gewonnen; auch er liebte, wie ich, alte Drucke, Miniaturen, kunstvolle Heiligenschreine, ohne dass er darum, wie ich, auch geistig unter den Ranken und Bluten der damals modischen Romantik und Phantastik wohnte ... Auf einem Krankenlager, von welchem er nicht wieder erstehen sollte, ubergibt mir der Bischof einen soeben empfangenen Brief des am selben Tage zur Ruhe bestatteten Pfarrers von Borkenhagen, eines getauften Juden ... Nehmen Sie das! sprach der Bischof. Es ist das Testament eines Narren! Ich soll es nach Rom schicken! Wahnsinn! Doch da manches Geheimniss Ihrer Familie betheiligt ist zerreissen Sie die Stilubung ! Sie ist lateinisch geschrieben ..."

"Ich las den Erguss eines melancholischen Gemuthes, das, zerfallen mit sich selbst und mit der Welt, in diesem Brief das Judenthum fur die vollkommenste Religion erklarte, die Lehre Jesu nur eine von Jesus nicht beabsichtigte Abweichung vom Judenthum nannte und sich in seiner letzten Stunde von einem Gaukelspiel lossagte, das er jahrelang mit Bewusstsein getrieben hatte ... In dieser Ueberzeugung, hiess es in dem merkwurdigen Briefe, hatte er zwar nicht damals gehandelt, als er den Glauben gewechselt damals hatte er Jesus und der christlichen Kirche etwas abzubitten gehabt aber die Erinnerung an seine Verwandte, die Thranen einer verlassenen Geliebten hatten ihn bestimmen sollen, wenigstens nicht auch Priester zu werden ... Er hatte es werden mussen; er hatte die Weihen annehmen mussen aus Furcht vor einem Tyrannen, dem Kronsyndikus auf Schloss Neuhof ... Misshandlung, Drohung, sogar Weinen und Flehen dieses Mannes hatten ihm so lange zugesetzt, bis er Priester wurde ... Jahrelang aber hatte er sein Amt mit Unlust und ohne Ueberzeugung gefuhrt ... In diesem Sinne, schrieb er, hatte er die Sakramente ertheilt, ohne die entsprechende Richtung des Willens ... Getauft hatt' er in bestimmter Voraussetzung, dass das, was er that, eine leere Formel war ... So zunachst alle Verwandte des Kronsyndikus sogleich seinen ersten Taufling, Bonaventura von Asselyn ... Seine erste Trauung, zwischen Ulrich von Hulleshoven und Monika von Ubbelohde, gleichfalls Verwandte seines Peinigers, ware von ihm vollzogen worden, ohne den Willen und die Ueberzeugung, dass er wollte, was er that ... Mit diesem bittern Hohn gegen sein Geschick, zu welchem sich die Andeutung uber eine unrichtige Ehe gesellte, die einst irgendwo von ihm vorher schon hatte geschlossen werden mussen und wie zu vermuthen war, auch diese auf Anstiften des Kronsyndikus wollte der menschenfeindliche Mann, der ein Rabbiner, ja, wie man aus einigen Stellen seines Briefes ersah, ein Kabbalist geblieben war, aus dem Leben scheiden ..."

Bonaventura erkannte jetzt die Grunde, warum Lucinde vor Jahren, damals, als sie seinen Epheu zerstorte, von Monika's Ehe als von einer loslichen gesprochen ...

"Meine Empfindungen waren damals noch so katholisch, dass ich uber diese Entdeckung den grossten Schmerz empfand und daruber anders dachte, als mein hochbetagter freidenkerischer Bischof, der einige Tage nach Uebergabe der Urkunde an mich gleichfalls aus dem Leben schied ... Aber sollte ich meiner Familie, meinem eigenen Kinde noch einen neuen, von mir mit Entsetzen empfundenen Makel anhangen? ... Ich dankte der Vorsehung fur diese gluckliche Wendung, die ein so wichtiges Document in meine Hand gelangen liess ... Sollte ich sie zerstoren? Daran verhinderte mich mein rechtglaubiges Gemuth, ja der feste Entschluss, eines Tages deine richtige Taufe nachholen zu wollen ... Und in diese Schrecken und Beunruhigungen meines Gewissens mischte sich die immer mehr gesteigerte Trauer um mein unseliges Verhaltniss zu deiner Mutter ... Ein treuer, aufrichtiger Freund, den ich um so mehr liebte, als seine kuhle und verstandige Natur zu meinem eigenen Wesen die heilsamste Erganzung bot, konnte sich einer Leidenschaft nicht entwinden, die die einzige war, welche ihn vielleicht je uberkommen ... Noch mehr, ich war von ihm abhangig; die Guter des Lebens, die ich nie zu verwalten wusste, verbanden uns, wahrend alles andere uns hatte rathen mussen, uns zu trennen ... Eine Lage entstand, die vor der Welt meine Ehre in einem Grade blossstellte, der mich uber mich selbst verzweifeln machte ... Ich sprach nie von dem, was mich druckte, und doch erkannte ich alles, was vorging ... Ich sah, dass Wittekind meinen Haushalt bestritt, meine Schulden bezahlte, die Entscheidungen in jeder Frage gab, wo meine Zustimmung kaum noch begehrt wurde ... Schon gab ich mir die Miene, solche Zustimmungen von meiner Seite gar nicht mehr zu beanspruchen ich vergebe deiner Mutter; sie folgte ihrem weiblichen Sinn, der sich an Starkes und Verwandtes halten will unwahr ist es, dass sich nur die Gegensatze lieben ..."

Die Freundschaft der Lesenden, grade die aus dem Gefuhl entsprungen war, sich verwandt zu sein, musste diesen Ausspruch bestatigen ... Bonaventura dachte an die Sterbeaugenblicke seiner Mutter, die in Einem Punkte ruhigere gewesen waren, als er erwartet hatte ihr zweiter Gatte hatte mit der Ueberzeugung von ihr Abschied nehmen durfen, dass ihr ganzes Gluck und ihre wahre Lebensbestimmung nur er gewesen ... Bonaventura gedachte des Tages, wo auf Schloss Westerhof die Mutter ihm gesagt hatte, gern beuge sich ein Weib dem Worte: "Und er soll dein Herr sein!" wenn der Gatte es nur ware ! ...

"O mein Sohn, damals verehrte ich noch eine Kirche, die einer Form zu Liebe zwei Menschen, und wenn sie sich hassen und wenn sie sich zum Anlass ewiger Verwilderung werden, doch aneinanderschmiedet eine Kirche, die dem frivolsten Priesterwillen eine Macht uber unser ewiges und zeitliches Wohl gibt ... Aber mein Sinn sollte sich andern ... Er anderte sich in dem Grade, dass ich nicht fur mich allein der Wohlthat der Erleuchtung theilhaftig werden wollte ... Als du Geistlicher wurdest, als ich horte, du hattest dich den Romlingen angeschlossen, da erfreute es mich zu vernehmen, dass Mevissen jene Urkunde damals beim Verbrennen meiner Effecten im Gasthof zur Balance zu Martigny zuruckbehalten hatte ... Mein braver Begleiter schrieb mir zuweilen und unter anderm meldete er: 'Einiges hab' ich nicht verbrennen mogen ... Besonders auch Geschriebenes nicht ... Es ist bei mir sicher wie im Grabe ... Und sollte sich einst noch einmal Ihr Wille andern oder eine andere Zeit kommen, wo Sie bereuen, was Sie gethan dann lassen Sie in Gottes und seiner Heiligen Namen mein Grab offnen. Was ich nicht vernichtete, finden Sie dort!' ... Und dies Grab ist erbrochen worden ! ... Ich weiss es ein Rauber, dessen Hand mein treuer Hubertus richtete, hat die Witterung gehabt, dass ein Schatz der Liebe mit diesem armen Manne begraben wurde ! Dass es zu spat sein musste, ihn zur Verantwortung zu ziehen und mich zu beruhigen uber das Verbleiben jener Urkunde ! In deinem eignen Dorfe musste ein Fluch zu Tage kommen, den deinem Leben ein wahnwitziger Priester geschleudert ! Hast du ihn nie vernommen, so vernimm ihn von mir! ... Bona, du bist Wurdentrager einer Kirche, die ein Recht beansprucht, dich sofort aus ihrem Schoose auszustossen ... Warum? ... Weil es ein Priester so wollte ! Mit einem Zucken seiner Miene, einem tuckischen Hinterhalt seiner Gedanken w o l l t e ! Bona, verkunde diese Vermessenheit des katholischen Priesterthums ! ... Verkunde sie der Welt! Zeige, wohin die Anmassung der Concilien und der Papste gefuhrt hat! Frage, ob alle die neugetauft werden mussen, die du tauftest alle die neu verbunden, die du verbandest alle Sunden noch einmal vergeben, die du vergeben ! ... Ich wunschte, dass die dreifache Krone dein Haupt zierte und du sagen konntest: Hore, hore, Christenheit wenn Roms Gesetze Recht behalten, so ist sein oberster Priester jetzt ein Heide ! ..."

Tieferschuttert hielten die Freunde in ihrer Arbeit inne ... Schon schlug die mitternachtige Stunde ... Eisige Schauer uberliefen sie ... Ein Diener kam und schurte die schon erloschene Flamme im Kamin ... Einen kurzen Bericht, den er vom jetzt geloschten Brande an Piazza Navona gab, horten die Tiefergriffenen kaum ... Abwesend war ihr Geist, ergriffen ihr Ohr und ihr Auge von dem, was sie dem entrollten Papier entzifferten, ebenso wie von den Andeutungen eines Zukunftbildes, das sich mit himmlischen Farben vor ihrem geistigen Blick entrollte ...

"Doch", fuhr Bonaventura fort, die Buchstaben zu lesen und zu ubersetzen, die Ambrosi mit Geschicklichkeit zu Papier brachte "kehre mit mir zuruck auf den Tag meines scheinbaren Todes! ... Gefahrvolle Schneesturme hatten geweht und muhsam erklommen wir die machtige Hohe ... In der Nahe des Hospizes warfen wir Pilgermantel uber, liessen uns die Morgue aufschliessen und, wahrend Mevissen beschaftigt war, den fuhrenden Augustinerbruder nach einem der dort aufgestellten Gerippe, vor welchen alles, was an und bei ihnen gefunden wurde, beisammen lag, zu fragen und ihn zu zerstreuen, legte ich vor einen der jungst Verungluckten, der mir an Wuchs ziemlich glich und an dem durch seinen Sturz zerschmetterten Kopf vollig unkenntlich war, mein Portefeuille und den Trauring deiner Mutter ..."

Ambrosi sagte:

Vor meinen Vater ! ... Wie hat das Schicksal uns so wunderbar verbunden ! ...

Bonaventura, erlost von dem jahrelang ihn qualenden Bilde eines unheimlicheren Zusammenhangs der Todesarten ihrer Vater, der naturlichen des Professors Ambrosi, der kunstlichen Friedrich's von Asselyn konnte nur mit seinen zitternden beiden Handen die linke Hand Ambrosi's ergreifen und mit stummer Geberde aussprechen, was er empfand ...

"Als ich dann noch die Portefeuilles vertauscht hatte, fiel mir erst die ganze Schwere meiner That aufs Gewissen ... Mein Fuhrer, muthvoller als ich, mahnte zum Gehen seine Absicht musste sein, soviel als moglich fur die Augustiner nicht wiedererkennbar zu erscheinen ... Am Hospiz, wo uns die Monche einluden, einzutreten, trennte sich Mevissen er musste es schnell thun, um unsere Physiognomieen nicht zu lange dem Gedachtniss der Nachblickenden einzupragen ... Es war ein Abschied fur ewig und dennoch ging Mevissen wie zu einem Wiedersehn auf den folgenden Tag ..."

Solche Treue lebte jahrelang neben mir und dem Onkel ohne ihres Ruhmes zu begehren ! schaltete Bonaventura ein ...

"Aber, der Gedanke: Die Spur jenes Unglucklichen, fur welchen du nun genommen werden wirst, blieb vielleicht den Seinigen auf ewig verloren du hast ein Verbrechen auf dich geladen, grosser, als dein Selbstmord gewesen ware! der verfolgte mich bald mit allen Schrecken eines bosen Gewissens ... Im Portefeuille des Todten, fur welchen man mich nehmen konnte und sollte, fand ich keinen Namen, nur Hohenmessungen und Zahlenreihen ... Noch im ersten Eifer meiner scheinbaren Selbstvernichtung warf ich diese Anklage gegen mich in die Tiefe eines Waldstroms ... Ringend, mich in die Stimmung meines alten Leichtsinns, meiner romantischen Sorglosigkeit, meiner angebornen lassigen Natur zurukkzuschmeicheln, umging ich Turin ... Die Thaler, die ich mit meinen neuen Kleidern durchwanderte, waren zufallig Waldenserthaler ... Ich kannte die romanische Sprache ... Aber ich floh vor allem, was mich an Religion erinnerte ... Nur mein romantischer Trieb gab mir Kraft, nur jener phantastische Sinn, der dem Schonen und Reizvollen sich ergibt und moralischer Imputationen nicht achtet ... Ich wollte nach Genua, wollte mit dem Rest meiner Baarschaft zu Schiff gehen und mir in Sudamerika ein neues Leben begrunden ... Ueber Coni hinaus wurde ich krank; seelisch und korperlich angegriffen, schleppt' ich mich jetzt nur noch langsam vorwarts ... Scheu mied ich die grosse Strasse und ruhte mich oft in Waldern ... Da war es denn, wo ich in einem einsamen Thale aus einem schonen Hause einen vollstimmigen Choral vernahm ... Ich trat in einen neugebauten Raum, wo ein Redner geistliche Erweckungen hielt ... Der Gottesdienst war bald zu Ende ... Ich sah eine hohe stolze Dame, der, als sie aus dem Hause trat, alle ehrerbietig auswichen, ich grusste sie und folgte ihr ... Zu meinem Erstaunen sprach sie mit ihrem Diener deutsch ... Ich redete sie in gleicher Sprache an ... Dies gethan zu haben, bereute ich freilich sofort, denn ich horte ihren Namen und musste erstaunen, mich in der Nahe eines entfernten Zweigs meiner eigenen Familie zu befinden ... Entfliehen konnte ich nicht; ich war zu hinfallig, wurde krank, kam dem Tod nahe und befand mich monatelang in einem Zustand fast der Geistesabwesenheit ... Als ich genas, war ich so von Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dieser edlen Frau erfullt, dass ich mich nicht mehr von ihr trennen konnte ... Da ich mich als Katholiken bekannt hatte, durfte sie in meiner Absicht, als Einsiedler in ihrer Nahe zu leben, nichts Auffallendes finden ..."

In Bonaventura's Innern klangen die Lieder des Dichters Novalis ... Sein Vater klagte sich nur allein an ... Was sein traumerischphantastischer Sinn hatte aus dem Geist der Zeit entschuldigen konnen, erganzte nur die Liebe und Bildung des Sohnes ...

"Die Gewissensschuld, der Schmerz um meine That auf dem Hospiz, die Gewissheit, dass aus meinem geglaubten und bestatigten Tode bereits ein neues Leben in der aufgegebenen Heimat erbluht war (die Grafin erzahlte mir von einer Heirath des Prasidenten von Wittekind, eines Cousins der reichen Erbin, mit der sie zu processiren angefangen eine Zeitungsannonce nannte den Namen der Gattin Friedrich's von Wittekind ) alles das gab mir eine tiefe Traurigkeit und mehrte den Abschluss mit dem Leben ... So entstand die Neigung, mich um die Lehre der Waldenser zu kummern ... Grafin Erdmuthe gab mir die alten Schriften, die sie gesammelt hatte und die in ihrem Text vielleicht niemand so verstand, wie ich ..."

Auch Ambrosi war in ein tiefes Erinnern versunken und schien kaum zuzuhoren ...

Bonaventura chiffrirte inzwischen fur sich weiter und las ...

Die Darstellung des Vaters lenkte jedoch auf jene Empfindungen zuruck, die sich in Ambrosi's Innern angesponnen haben mussten; deshalb begann der Freund aufs neue die laute Mittheilung ...

"Ich wurde vergebens gerungen haben, aus meinen durch die Ehegesetze geweckten Zweifeln an Roms Hierarchie zu einer Versohnung mit dem ewigen Grund aller Dinge, der in unserm Gewissen den einzigen Weg zu seiner Erkenntniss vorgezeichnet hat, zu gelangen, wenn nicht ein wunderbares Erlebniss mich zum Frieden mit mir selbst gebracht hatte ... Alle Schatze der Erde sind nichts gegen die Seligkeit eines erlosten Schuldbewusstseins ... Dann streckt jubelnd die Dankbarkeit ihre Hande gen Himmel und ruft: Verhangniss, Zufall oder wie dein Name sein mag, ewiges Gesetz des Lebens, ich bringe dir den Dank einer befreiten Seele bis in den Spharensang der Sterne ! ... Unter den vielen, die in meine Waldhutte kamen, um sich Raths zu erholen, wie ich ihn grade geben konnte, kam auch ein anmuthiger Jungling ... Seine Mienen hatten einen melancholisch trauernden Ausdruck ... Ich konnte ihn nicht sehen, ohne sogleich mit tiefster Wehmuth auch deiner zu gedenken ... Es war verboten, dass sich die geistlichen Schuler von Robillante, uberhaupt rechtglaubige Seelen meiner Hutte nahten dennoch geschah es ich wurde ein Beichtiger wider Willen ... Auch diese Schuler, die sich oft in den Waldern tummelten, gingen nicht, ehe ich nicht jedem gethan oder gerathen, wie und was er wollte ... Vielen Umwohnern musst' ich Briefe schreiben, andern uber ihre Geldsachen rathen, manchen lehrte ich die Sprachen, auch deutsch Knaben wie Madchen ... Jener Schuler aus Robillante wollte Deutsch lernen ... Die Gabe der Sprachen schien dem jungen Novizen versagt; desto reger war sein Forschereifer in Aufgaben der Phantasie und des Gemuths ... Vincente Ambrosi wollte Monch werden; ich that nichts, um ihn in diesem Entschluss wankend zu machen, kampfte auch nicht gegen seinen Glauben, den er mit Hingebung und innerlich ergriff ... In ihm liebte ich dich ... Schon lange bewohnte ich meine einsame Hutte und war noch ohne Seelenruhe, immer noch gefoltert vom Hinblick auf den Sanct-Bernhard und meinen Betrug ... Meine Thranen feuchteten oft mein nachtliches Lager ... Oft trieb es mich, nach dem Hospiz zuruckzukehren und nach allem zu forschen, was seither dort geschehen war ... Aber die Vorstellung: Deine Gattin hat sich mit dem Freund vermahlt und darf nicht in Bigamie leben! schreckte mich; man konnte mich erkennen; diese einsam wohnenden Monche behalten die wenigen Eindrucke, die ihnen werden, desto lebhafter ... Immer und immer aber sah mein gefoltertes Gewissen die grossten Verwickelungen entstanden aus den verwechselten Portefeuilles, aus dem Hinlegen meines Ringes unter die Sachen, die einem andern gehorten, dessen Spur nun verloren und der, fur mich geltend, begraben wurde ... Was half mir das Gluck meines ausseren Schicksals, die liebevolle Sorge und der Schutz meiner Grafin ... Mir fehlte Seelenfriede ... Diesen fand ich erst, als mich wieder jener Priesterzogling besuchte, der oft in diese Gegend Almosen zu suchen ausgeschickt wurde ... Er klagte uber die Nichtbefriedigung seines Innern und erschloss mir zum ersten mal, warum sein Gemuth stets so krank, sein Sinn so traurig war ... Er hatte bei unsrer ersten Begegnung fruher Deutsch von mir lernen wollen, weil er nur zu sehr bedauerte, es in einer ernsten Sache, von der er damals nicht sprach es liess sich an den Selbstmord des Vaters denken nicht verstanden zu haben ... Er ware das einzige Kind seiner Aeltern; seine Mutter, eine Frau von hoher Bildung, ware eben aus dem Leben geschieden gewesen, sein Vater, Lehrer der Mathematik am Colleg zu Robillante, um sich in seinem tiefen Schmerz aufzurichten, hatte ihn ins Seminar gegeben und eine Fussreise in die Alpen angetreten ... Um die Savoyer und Deutschen Alpenzu vergleichen, hatte er vier Wochen ausbleiben wollen und ware nicht zuruckgekehrt ... Da alle Nachforschungen ohne Resultat blieben, machte sich nach einigen Monaten der Sohn auf den Weg, um wenigstens Einiges uber des Unglucklichen Schicksal in Erfahrung zu bringen ... Der Vater war die Strasse uber den kleinen Bernhard, den Bernhardin, gegangen, hatte von da aus die Walliser, die Berner Alpen besucht uberall fand er des Vaters Spuren, auch auf der Heimkehr noch am Genfersee, noch in Martigny, ja bis zum Hospiz hinauf ... Da war dann plotzlich derjenige, von welchem er geglaubt hatte, dass es unfehlbar nur sein unglucklicher Vater hatte sein mussen ein anderer, den gleichfalls der Schneesturm uberfallen, ein von einem deutschen Domherrn und seinem Diener damals erst vor einigen Wochen in Saint-Remy begrabener, ein Deutscher, Friedrich von Asselyn genannt Den Namen hatte er deutlich und richtig aufgeschrieben; er stand in Saint-Remy auf meinem vom Bruder Franz gesetzten Grabstein ..."

Die Freunde konnten an dieser Stelle nichts thun, als sich geruhrt die Hande drucken ...

"Weinen durfte ich bei der Erzahlung des Junglings denn sein Leid hatte jeden geruhrt ... Mein Weinen war aber ein Weinen der Freude, das der junge Geistliche nicht begreifen konnte ... Ich rief ihm, da mein Entschluss, mein Geheimniss zu huten, so lange deine Mutter lebte, feststehen sollte: Ich kann dir nicht sagen, mein Vincente, dass dein Vater lebt; aber glaube mir, die Stunde der Trauer, als alles dir zu sagen schien: Du findest ihn, wenn auch im schreckhaftesten Bild des Todes, und du sahst dich dann doch in deiner schmerzlichen Hoffnung getauscht diese Stunde, mein Sohn, wird dir gelohnt werden mit ewigen Himmelskronen! ... Der Jungling deutete alles im Bilde ... Ich wurde ihm naher verbunden und tiefer verloren wir uns in die grossen Aufgaben des Lebens ... Von dieser Zeit an erhob sich mein Inneres zum Dank gegen Gott ... Denn Dank gegen Gott, das ist das Gefuhl, dessen Ausdruck wir tausendmal im Munde fuhren und doch nur selten verstehen, selten in die Ursachen seiner wahren Beseligung zergliedern konnen ..."

Wieder hielten die Freunde inne ... Wieder besiegelte ihr Handedruck den gottgeschlossenen Bund ihres Lebens ...

"Nun wagte ich, auch an die Lauterung Anderer, an die der Kirche zu denken ... Grafin Erdmuthens Glaube ubertragt unser Gluck auf die Wohlthat der Erlosung durch die Gnade ... Dies Bild der Gnade begriff ich und pries am Glauben der Protestanten, dass sie, die so Vieles aufgaben, was sie noch wie andere Christen hatten huten und tragen sollen, sich das Bewusstsein einer fast personlichen Wahl und Fuhrung Gottes gewonnen hatten ... Ich sah die Hand der Vergebung vor mir, ich fuhlte an mir selbst die wider Verdienst geschenkte Gnade des grossen Erlosungswerkes ... Nun verstand ich die reinen, andachtigen Bucher der Waldenser, kindliche Hingebungen an die Schrift ... Die Bibel wurde mir ein Buch gottlich gefuhrter Menschenschicksale ... Liebe, Glaube und Hoffnung wurde mein Evangelium ... Warum mehr? Und wozu irgend etwas, was nicht auf diesem Grunde ruht? ... So lehrte ich an manchen Tagen unter meinen alten Eichen und die Menschen kamen von nah und von fern, bis die Verfolgungen sie hinderten ... Da hatt' ich denn schon den wirklichen Tod suchen konnen, wenn in dieser Welt auf solchen Drang der Tod gesetzt ist ... Immer entschlossener theilt' ich die Ueberzeugung der Grafin, dass das Verderben der Welt der Stuhl des Antichrists in Rom ist ... Die Fortschritte der Bibelverbreitung, das Wirken englischer Missionare gerade auf italienischem Boden, die enge Verbindung zwischen Politik und Religion gerade in diesem Lande, der erwachende Freiheitsdrang Italiens, der nur allein uber die Zerstorung der Priesterherrschaft Roms hinweg sein ersehntes Ziel des Volksund Burgerwohls erringen kann, alles das erfullte mich mit hoher Spannung ... Ja, in einer solchen Stunde kam mir der Gedanke, nicht allein meinen zweiten Sohn, Vincente Ambrosi, fur die Sache einer grossen Reform zu gewinnen ihn nannt' ich auch in diesem Sinn schon mein sondern auch meinen ersten, der, wie ich horte, in die Netze der Romlinge gefallen war ... Noch schob ich es auf, bis ich horte, dass sich Dein Wahn sogar an den Unternehmungen jenes Kirchenfursten betheiligte, von denen mir die Grafin in hochster Aufregung leidenschaftlichster Parteinahme fur den gekronten Vorkampfer des Protestantismus in Deutschland erzahlte ... Da schrieb ich dem Bruder Franz und dir, Bonaventura, sub sigillo confessionis eine Aufforderung zu einem Tag des Concils unter den Eichen von Castellungo ... Es war eine That, die selbst die Moglichkeit, mich, deine Mutter, uns alle zu beschamen, nicht scheute, eine That der Uebereilung gewiss, geschehen in jener alten Hast, die ich noch nicht ganz uberwunden hatte Ach, es sollten Prufungen kommen, die mein Blut in ruhigere Wallung, mein Denken in kuhlere Erwagung brachten ..."

Cardinal Ambrosi musste bestatigen, dass Bonaventura's Vater schon damals von seiner baldigen Entfernung aus Castellungo gesprochen ...

Die Gestandnisse kehrten auf den in heftigste Erregung gerathenen, auf und niederschreitenden Vincente selbst zuruck ...

"Wie aber erreicht man ein allgemeines Concil? Wie setzt man die Majestat dreier Jahrhunderte des Lichts zum Richter uber das Concil von Trident? Arme Monche und Landpfarrer haben keine Stimme im Rath der Kirche! Ein Cardinal, ein Papst muss es sein, der dem Schopfer das Wort nachstammelt: 'Es werde Licht!' Und wie wird man Cardinal, wie Papst ! So sprach mein Schuler eines Tags mit bebender Stimme. 'Dazu sind alle Wege offen!' erwiderte ich lachelnd. 'Keiner ist freilich sicher!' Einer, setzte ich hinzu, ware neu, der: In Rom ein Monch im alten Sinn der Vater zu sein! 'Werde ein Heiliger, mein Sohn!' sprach ich ... Das will ich werden! antwortete Vincente ... Ich erschrak, ergriff seine Hand und fuhr fort: Mein Sohn, kein Urtheil uber die Menschen und Dinge dieser Erde darf dann fruher uber deine Lippen kommen, bis die kuhle Erde oder der Purpur deine Stirn bedeckt! 'Das schwor' ich zum dreieinigen Gott!' sprach Vincente Ambrosi und ging nach Rom ..."

Ambrosi hatte sich niedergelassen, legte sein Haupt auf den Tisch und faltete die Hande ...

Auch Bonaventura's Schweigen war ein Gebet ...

Nach einer feierlichen Stille sagte er:

Und ich, ich musste dir das letzte Wiedersehen deines Vorlaufers und Apostels rauben ! Den Blick der Bewunderung ! ...

Er ist jetzt unter uns! sprach Ambrosi mit verklartem Blick gen Himmel ... Und wie bald einigt uns alle das grosse Gottesherz ! ...

Eine lange Pause trat ein ...

Dann mahnte Ambrosi selbst, dass der Freund fortfuhr ...

Dieser las: "Als mein treuer Schuler nach Rom zu den strengen Alcantarinern gepilgert war, hatte ich in hoher, gottlicher Freude in meiner Klause leben konnen, wenn ich mich nicht einige Jahre spater hatte zu jenen Briefen hinreissen lassen ... So lebte ich mit Zittern und Zagen unter den Eichen von Castellungo, hoffend und wieder erbangend, erbangend, dass meine Entdeckung nahe war ... Mevissen musste todt sein ich horte nichts von ihm ... So ging noch ein Jahr, noch ein zweites hin ... Da kam plotzlich die Nachricht, dass mein eigener Sohn als Bischof in Robillante erwartet wird ! ... Ich wusste nichts vom Zusammenhang dieser wunderbaren Wendung, ich sah nur die Wirkung meiner Mahnung an die Eichen von Castellungo ... Dein Denken, dein Fuhlen entnahm ich aus dem, was ich allein von dir wusste ... Es war mir verhasst; ich hatte furchten mussen, dich in die traurigsten Conflicte zu verwickeln ... So entfloh ich ... Ich bot alles auf, dir, deiner Mutter, deinem zweiten Vater die volle Freiheit eueres Lebens zu lassen, mir nur den Schein meines Todes ... Ambrosi wurde der treue Vermittler zwischen deiner Liebe und meiner Furcht ... Ich horte von deiner veranderten Richtung, von deinen Kampfen, deinen Siegen ... Ist es nicht gut, zu entbehren um einen Gewinn? ... Sah ich dich nicht, ob hier, ob dort, in meinen Armen, vereint mit dir in jenen grossen Opfern, die nie ausbleiben werden, solange die Erde in ihren Bahnen der Dunkelheit und der Sehnsucht zum unsterblichen Lichte rollt ! ... Ich furchtete nichts von den Schrecken dieser Welt nichts von den Schrecken Italiens ... Mussen sich nicht selbst die Drohnisse der Natur in Quellen der Freude verwandeln, wenn sie uns die Gemeinsamkeit des Erdenlooses lehren und das Bild eines grossen Zweckes aufstellen, dem aus Tod erst an der ewigen Schopfungsquelle die Erfullung wird! ... Wenn ich dir schildern sollte, wie ich auf meinem Pilgergang nach Loretto, in der Gefangenschaft der Rauber, im Silaswald in jener Waldeinsamkeit, die ich in meinen Jugendtraumen so oft gepriesen und ersehnt, hin und her bewegt wurde von einer Welt andringender, mich stets beschaftigender Thatsachen, wie ich namentlich im Hinblick auf dich und deine grosse Laufbahn von Zweifel, Hoffnung, innigster Vater- ja Freundesliebe bewegt wurde dann soviel freundliche Genien fand, die mich auch wiederum einen Jungling wie Ambrosi, entsagungsmuthig, willensstark und willensrein finden liessen Paolo Vigo wie ich nun drei schon einem Gottesreiche gewonnen sah, das mit klingenden Harfen naher und naher den Nebeln der Erde kommt ..."

Bis hierher hatten die Freunde gelesen, als die Lampe erlosch und sie sahen, dass der helle Morgen tagte ...

Sie hatten das Schwinden der Zeit nicht bemerkt ... Auch das Verglimmen des Feuers im Kamin nicht ... Nun meldeten sich die Rechte der Natur im Gefuhl, dass es Winter war ...

Draussen lauteten die Morgenglocken ... Sie waren so selig ergriffen von Freundschaft, Liebe und Hoffnung, dass ihnen die Besinnung auf die Welt, sogar der Hinblick auf die in den oden Mauern des Inquisitionspalastes liegende Hulle der edlen, schwarmerischen Seele, die hier zu ihnen sprach, wie ein Traum, eine marchenhafte Jugenderinnerung war ...

Den Rest der Blatter wollten sie auf den stilleren Abend lassen und wenige Stunden noch ruhen ... Dann hatten sie die Absicht, zunachst zum General der Dominicaner zu fahren und dem zu danken ... Hierauf wollten sie in den Inquisitionspalast, spater nach San-Pietro in Montorio ...

Schon horte man von der Strasse her den Larm des Tages ...

Eben wollten die Freunde sich trennen, als sie bemerkten, dass der Diener, welcher die auf dem entlegenen Zimmer Eingeschlossenen nicht ferner hatte storen durfen und auch inzwischen geruht hatte und sie staunend noch nicht zu Bett gegangen wiederfand, noch eine Eroffnung fur sie bereitzuhalten schien ... Er sagte, dass die trube Nachricht erst nach Mitternacht gekommen ware und er nicht sofort sie zu melden gewagt hatte ...

Es war verhangt, dass sich keine Ruhe auf die leiduberladenen Herzen senken sollte ...

Die Feuersbrunst hatte auf Via dei Mercanti stattgefunden ... Sie war seit Jahren eine der grossten, die in Rom stattgefunden ... Die daselbst in einem alten Palast befindlichen Waarenmagazine waren von den wuthenden Flammen zerstort worden ... Von oben und unten sich begegnend hatten sie die Stiegen unbetretbar gemacht ... Man beklagte Verlust an Menschenleben ...

Ambrosi und Bonaventura fragten nach Grafin Sarzana ...

Der Diener berichtete ihren Tod ...

Ein Franciscanerbruder, erzahlte er und die sich mehrende Dienerschaft erganzte seinen Bericht, hatte retten wollen ... Muthig sturzte sich der Monch in die Flammen, zumal als man zu sehen glaubte, dass eine Dame, die oben einen Ausgang aus der Zerstorung suchte, einem Rauber ein Kastchen entriss, das sie mit Verzweiflung und hulferufend vor ihm zu wahren suchte ... Auf einer mit Eisenblech beschlagenen Leiter erreichte der Monch den Balcon, der schon mit brennendem, zur Rettung bestimmtem Gerath uberhauft war, kletterte in ein vom wirbelnden Qualm und mit knisternden Funken erfulltes Zimmer, wo durch die zersprungenen Fensterscheiben hindurch deutlich das Ringen der Dame mit einem Mann erblickt werden konnte, dem sie jenes Kastchen nicht uberlassen zu wollen schien ... Der Monch machte sich Bahn, ergriff den kleinen Schrein, warf ihn auf die Strasse in die verzehrende Glut, die ihn sofort zerstorte ... Die Flamme loderte so hoch auf, dass bereits die gluhend gewordene Leiter brannte ... Eine neue versuchte man anzulegen ... Vergebens ... Noch einmal horte man aus dem allgemeinen Larm der Verwustung und Zerstorung heraus die Stimme des Monchs, der seine schon brennende Kutte abgerissen hatte, horte den machtigen Ausruf: "Schon einmal gelang es, Bruderchen!" ... Da verloren sich die italienischen Worte, die der Muthige noch verstandlich gerufen hatte, in eine fremde Sprache ... Mit dem einen Arm ergriff der Monch den Rauber, mit dem andern die Grafin Sarzana, hob beide hochhinweg uber die brennenden Gerathschaften auf dem Balcon und schickte sich zum Sprunge an ... Die Balken des Daches sturzen, die Flamme sucht mit gierigem Schlund die schon Erstikkenden ... Jetzt, mit dem Ausruf: Noch einmal in Jesu Namen! springt der Rettende in die Tiefe ... Mit zerschmetterten Gliedern lagen drei Menschen auf der Strasse bedeckt von den brennenden Balken und dem Schutt der Zerstorung ... Sie lagen todt ...

Wahrend Bonaventura erstarrt zur Bildsaule, von Ambrosi gehalten, jedes Wort wie die Spitze eines Dolches fuhlte, doch mit dem innigsten Antheil sein Ohr darhielt, fuhr der Bericht fort:

Nun stellte es sich heraus, dass der eine der beiden Manner jener deutsche Monch war, der einst den Grizzifalcone erschossen hat, Fra Hubertus ... Der andere hat sich keineswegs als Rauber herausgestellt ... Es war ein Freund der unglucklichen frommen Grafin, der nur allein zum Helfen gekommen war ein Priester des Al-Gesu, Pater Stanislaus ... Die Grafin Sarzana wurde uber die Engelsbrucke getragen, noch hatte sie einige Besinnung; sie erreichte das Krankenhaus der Deutschen nicht mehr ... An den Stufen der Peterskirche hielt die Bahre ... Dort ist sie verschieden ...

Bonaventura war auf einen Sessel gesunken ...

Den todten Pater Stanislaus, hiess es, holten seine Ordensbruder ... Fra Hubertus hatte, versicherte man, mit seinem Muth und seiner unbandigen Kraft den schreckhaften Ausgang auf alle Falle verhindert, war' er nur anfangs auf dem Brandplatz verblieben ... Aber mitten im Gewuhl behauptete er die Spur eines Mannes verloren zu haben, dem sein leichtbeschwingter Fuss aus dem Sacro Officio gefolgt war und den er im Gedrang der Menschen aus den Augen verlor ... Daruber verstrich die Zeit ... Endlich erblickte er in jenem vermeintlichen Kampf mit Grafin Sarzana den Gesuchten, rief Worte in einer unverstandlichen Sprache hinauf, kletterte in die Hohe alles stand entsetzt ... Es war als wenn der Tod, ein Knochengeripp, beleuchtet vom blutrothen Schein der Flammen, die schon brennenden Sprossen der Leiter herabklimmen wollte, zwei Leben im Arm Der Erfolg des Sprunges gab dem Sensenmann, was er suchte ... Die Erzahlenden hielten auf einen Wink Ambrosi's inne ... Bonaventura vernahm nichts mehr.

Neuntes Buch

18??

Selbst am brausenden Donnerton des Wassersturzes nistet ein Vogel im traulichen Versteck ...

Die ermudete Menschenseele, Erquickung bedurfend, sucht sich ihre Ordnung aus den Schrecken der Zerstorung, sucht und findet ihre alte, ihr so wohlbekannte Gewohnung an Freud' und Leid auch in Sturm und Ungewitter ...

Am Fuss eines alten unschonen Gemauers in Rom, die Pyramide des Cestius genannt und, der Inschrift zufolge, das Grabdenkmal eines wohlhabenden Kochs aus Kaiser Augustus' Zeit, schmettert in die blaue sonnige Fruhlingsluft eine Nachtigall ...

Die Sangerin der Haine wurde vielleicht entfliehen, wenn die Fittiche der Nachtunholde, das ringelnde Schleichen einer Schlange sie umkreisten die Wildheit der Menschen stort sie nicht ...

Kanonen donnern ... Wilde Lieder erschallen ... Tausende von Menschen uben sich im Dienst der Waffen ... Die Nachtigall singt ihre Klage unter Rosenbuschen ...

Am Fuss des alten Gemauers breitet sich ein Kirchhof aus ...

Wohlgewahlt dieser Platz beim alten Cajus Cestius, Koch und Gastwirth in dem alten Rom ! Auch Herberge gab er ohne Zweifel den Fremden den Griechen, Persern, Afrikanern ... Und dieser Kirchhof hier gibt jetzt den Juden und Ketzern Herberge, wenn sie in Rom ihr Auge schlossen ... Diese Rosen und Lilien an dem alten Gemauer, wo die Nachtigall schlagt, gehoren dem Kirchhof der Protestanten ...

Rom ist in Waffen ...

Ein Dictator ist erstanden ... Eben steht er oben und uberschaut an diesem entlegenen Ende der Stadt, vom Monte Testaccio aus, die Ebene mit seinem Fernrohr ... Eine kraftige, gedrungene Gestalt mit gebrauntem Antlitz, schlichtem, schon weissem Haar, fast deutschen Augen ... Ein Italiener ist's mit dem grauen Reiterhut und einer rothen wallenden Feder drauf ... Sein militarischer Stab begleitet ihn ...

Von hier aus sieht man deutlich drei Heere zu gleicher Zeit, die in Latiums grosser Ebene, der Campagna, so lagern, wie einst die Cimbern und Teutonen hier und zur Zeit der Volkerwanderung die Hunnen lagerten ... Dem Meere zu liegt das Heer der Franken ... Dem Gebirge zu das Heer der "Deutschen" was eben "Deutsche" unter Oesterreichs Fahnen sind ... An der sudlichen Seite liegt das Heer der Italiener, im Bund mit der Erhebung in Rom und seinem sieggewohnten Fuhrer ...

Der Monte Testaccio ist ein seltsamer Berg ... Vom Abfall der Kuchen, die eine Verwaltung, die im Alterthum sorgsamer als die spatere papstliche war, hier auf einen Haufen an die Thore der Stadt schaffen liess, hat sich ein Hugel erhoben, in welchem Unkraut wuchert auf angeflogener Erde, die, in die Ritzen eingedrungen, den Mortel dieser zu einem Ganzen vereinigten Scherben bildet ... Wie mancher schone Henkelkrug liegt da in Trummern ! ... Wessen Hand mag ihn einst an die durstende Lippe gesetzt haben ! ...

Noch sind die Gotter des friedlichen Hauses nicht ganz von diesen Gefassen gewichen, die ihnen einst geweiht waren ... Der Monte Testaccio ist ausgehohlt und verbreitet sussen Kelterduft aus zahllosen Weinkellern ... Hier hatte vielleicht schon Cajus Cestius seine Weinvorrathe ... Ueber diese Trummer gibt es Treppen, Estraden, Lauben von Akazien- und Holunderbuschen, wo die, die einen Guten im Kuhlen zu schatzen wissen, in Hemdarmeln sitzen und das schone "Aller Weisheit sich entschlagen" uben, das in Rom von jeher beim Becher geliebt wurde ...

Auch heute fehlen, wie nicht die Nachtigall und die Rosen unter den Grabern, so auch die Trinker nicht ... Massenhaft durchforschen sie die heiteren Katakomben des Testaccio ... Wilde und sanfte Gestalten gemischt Priester und Monche sogar in Waffen, die meisten mit rother Blouse die Buchsen sind in Haufen zusammengestellt ... Der nahe Kirchhof stort da Niemanden hat doch der Tod seit Jahren in Italien furchtbare Ernten gehalten ... Throne brachen zusammen ... Volker kampften gegen Volker ... Die letzte Entscheidung uber Italiens Wiedergeburt ist nahe herbeigekommen ...

Die Waffenruhe trat ein durch den Tod des Stellvertreters Christi ...

Ihrer mehre sind sich in kurzer Frist gefolgt ... Einige Greise sanken in sturmischer Zeit dahin, wie schon sonst ein Stephan II. nur drei Tage auf jenem Stuhl sass, auf welchem man, nach Innocenz' III. Wort, "z w a r w e n i g e r , a l s G o t t , a b e r m e h r , a l s e i n M e n s c h i s t " Bonifaz VII. ermordete ihn. Auch dieser wich in einem Jahre schon vor Donus II. Auch Clemens II. Freiherr von Horneburg, ein Deutscher, blieb in jener Schwebe zwischen Himmel und Erde nur ein Jahr; Gregor VIII. nur wenige Wochen ... So herab bis zu Pius VIII., der gleichfalls nur wenig uber ein Jahr die Himmelsschlussel trug ... Seitdem kamen andere und schon hatte Frankreich in Avignon, Oesterreich in Salzburg einen oder den andern wahlen und kronen lassen ...

Das neuntagige Trauergelaut unterbrach den Kanonendonner in der Campagna und Roms Dictator, besturmt von seinen Kriegern, besturmt vom freisinnigen Theil Europas, dass Er am wenigsten noch in Rom eine Papstwahl dulden mochte, erhob dennoch sein Schwert und sprach:

Der letzte der Reihe! ... Doch hort sein Wort! Ist es ein Pratendent auf die weltliche Herrschaft Roms, wie sie alle waren, so senden wir ihn zu den beiden Heersaulen draussen, deren Bajonnete ihn halten mogen, den Schatten ohne Macht und Wurde ... Ist es aber ein Nachfolger Petri im Geiste Petri, ein Friedensfurst und Apostel, so soll die Welt seine segnende Hand nicht entbehren ... Dann wird unser Schild ihn tragen ... Unser ihm zujubelnder Beifall feiert eine Erlosungsstunde der Menschheit ...

Drei Tage dauerte nun schon das Conclave von nur noch dreissig Cardinalen ... Immer noch eine ansehnliche Zahl von Anwesenden unter den meist unvollstandigen Siebzig in solcher Zeit ! ... Offen und ehrlich hatte der Dictator in die Welt gerufen, dass jeder, der den Purpur truge, unbekummert an die Thore Roms pochen durfe; Rom wurde ihm offnen und ihn schutzen ...

So ruhten denn nun seit zwolf Tagen die Waffen und an das Schreckensvolle, an brennende Dacher, sturzende Thurme, an die Verheerungen der Seuchen, hatte sich die bedrangte Stadt schon wieder so gewohnt, dass zwolf Ruhe- und Trauertage Festtage schienen ... An die Thore, die mit haushohen Barrikaden befestigt waren, hinter die Schanzkorbe der Mauern wagten sich die Frauen, die Kinder, die Greise ... Bang und erwartungsvoll umstanden sie die Batterieen, die mit brennenden Lunten den Monte Cavallo umgaben, wo die Cardinale eingemauert und den Heiligen Geist erwartend sassen ...

Der Dictator hatte wieder sein Ross bestiegen und sprengte mit seinem Stab vom Fuss des Testaccio dem Thor der Bocca della Verita zu und zur Stadt zuruck ... Er blickte sorglos ... Durch nichts verrieth er, dass die Welt in diesem Augenblick einer Mine glich, die ein einziger Funke in die Luft sprengen und ihn vor allem selbst vernichten konnte ...

Lachelnd grusste er zwei ihm wohlbekannte Damen in Trauer, welche die allgemeine Erlosung vom Schrecken dieser Tage benutzten, um den Sonnenschein, die Nachtigall, die Rosen und die Graber zu besuchen ... Von bebenden Hoffnungen, schmerzlichen Erinnerungen bewegt, suchten sie Erholung auf dem Friedhof ...

Ein bluhender Knabe von sieben bis acht Jahren sass munter und ruhig vor ihnen ...

Die Reiter bogen aus und liessen den offenen Wagen hindurch ... Mitten durch die Zelte und Gruppen der singenden oder sich im Kriegsspiel ubenden Krieger hindurchfahrend, steigen die Frauen, der Knabe und ein Diener am Thor des Friedhofs der Protestanten aus ... Sie tragen Kranze in den Handen ...

Der kleine grune Fleck dieses Todtenackers war in den letzten Sturmen sichtlich verschont geblieben ... Jetzt halten die beiden Damen in Trauer hohe, "G r a f H u g o v o n S a l e m - C a m p h a u

Sie nehmen dem Diener ihre Rosen und Lorberkranze ab, die dieser aus dem Wagen mitgebracht, und legen sie auf das Grab, das erst kurzlich seine Vollendung erhalten hatte ... Graf Hugo, nicht in die Dienste seiner Armee zuruckgetreten, hatte auf Schloss Salem seiner Gattin gelebt und dem Sohn, den sie ihm gebar ... Benno Thiebold Bonaventura Graf von Dorste-Salem-Camphausen wurde lutherisch getauft ... Graf Hugo starb bei allem Gluck an einem Siechthum des Herzens es hatte seit Jahren der Kampfe zu viel bestanden ... In Rom hatte er Genesung gehofft und heute vor einem Jahr erlosch sein Auge ... Das da ist sein lieber Sohn er wird erzogen von zwei Muttern statt einer ... Von Paula und von Armgart ... Letztere ist nun auch schon von grauen und nicht (wie bei ihrem auf Castellungo noch mit dem Vater lebenden streitbar ruhrsamen Mutterchen) verfruhten Locken ...

Das heutige Opfer der Freundschaft und Dankbarkeit konnte nicht lange wahren; denn die bangen weiblichen Herzen entdeckten bald, dass sie zu allein waren in so wildem Kriegerjubel ... Es war eine Stunde Allerseelen ... Sie gedachten voll Innigkeit aller Todtenhugel, die sich ihnen in der Welt schon erhoben ... In der Ferne das noch immer von Armgart mit Rosen und Vergissmeinnicht umfriedigte Grab des Onkels Dechanten Benno's der Tante Benigna, des Onkel Levinus des Prasidenten von Wittekind ... Auch in der Nahe gab es trauervolle Erinnerungen ... Nicht weit von hier, auf dem Kirchhof der Laterangemeinde, lag ein Hugel, der die Herzogin von Amarillas bedeckte, von welcher man sagte, dass sie ein Jahr vor ihrem Ende nachts wie ein verstorter Geist in ihren Zimmern umirrte und die Ruhe suchte, die ihr nur noch der Tod geben konnte ... Am Vatican befand sich Lucindens Grab ... Im Inquisitionspalast ein Hugel, der Bonaventura's Vater deckte .... Bruder Hubertus' Asche ruhte auf San-Pietro in Montorio ... Terschka's Ruhestatte kannte man nicht ... Die Frauen suchten und forschten auch nicht nach ihr ebenso wenig, wie nach den Umstanden, unter denen Lucinde, Terschka und Hubertus aus dem Leben gingen ... Es gab daruber grauenvolle Sagen Armgart und Paula glaubten ihnen nicht; nicht mehr um der Religion willen, sondern deshalb, weil ein weibliches Herz die Schleier boser Dinge ungern gelustet sieht ... Wo ist der Widerhall zu finden, die ganze Grabesrede, die jedem dieser Menschen gebuhrte! ... Nur in Gott ruhen sie; nachfuhlen und von ihnen traumen mag der Dichter ... Paula und Armgart waren gerechter als andere was man von Lucinden sprach, erschopfte selbst ihrem Urtheil nicht die volle Wahrheit ...

Oder sollte Lucinde wirklich den Tod gefunden haben, uberrascht bei einem Briefe, den sie gerade an Bonaventura schrieb ? ... Vor einem offenen Kastchen, in welchem Documente lagen, die mit den Schicksalen der Familien Wittekind und Asselyn zusammenhingen, mit Benno's Ursprung, wie man glaubte, mit seines Vaters betrugerischer zweiter Ehe, mit dem scheinbaren Tod des weiland Regierungsraths von Asselyn ! Was liess sich nicht alles an unheimlichen Stellen im Leid dieser Familien auffinden ! ... Oder sollte es wahr sein, dass Fefelotti, das Al-Gesu und Olympia im Bunde jenes Kastchen bei Gelegenheit einer Feuersbrunst ebenso wollten verloren gehen lassen, wie die verhangnissvolle falsche Urkunde, die Hammaker geschrieben, einst bei jenem Brande zu Westerhof gefunden wurde ? ... War es wirklich Terschka, der diesen Raub hatte auf sich nehmen wollen mussen ihn schon lange versuchte ? ... Hatte Terschka's Ohr im Inquisitionspalast, in welchen nur die Verschlagenheit des ehemaligen Anwohners der Porta Cavallagieri sich einzuschleichen wusste, die Beziehungen belauschen sollen, die zwischen Bonaventura, und dem deutschen Einsiedler aus dem Silaswald obwalteten ? ... Und hatte die Feuersbrunst zu fruh begonnen und der Monch mit dem Todtenkopf, der alte Freund aus ihrer Jugendzeit, der zwischen Westerhof und Himmelpfort so oft im wogenden Kornfeld traulich mit ihnen plauderte und scherzend ihnen Cyanenkranze wand, seinen seit Jahren gesuchten zweiten Schutzling in dem Augenblick wiedergefunden, wo ihn zugleich auch uber diesen der Himmel zum Richter machte freilich mit dem Einsatz seines eignen Endes ? ...

Wandte sich alledem ein grubelndes Forschen und Staunen zu, so liessen die beiden Frauen andere die geheimen Faden offen und klar darlegen; sie selbst verglichen das Meiste, was im Schoose Gottes ruht, dem stillwaltenden Naturgeheimniss, das oft ein einfaches Summen schwarmender Kafer im heissen Sommerbrand tiefer auszudrucken scheint, als Bibliotheken voll Menschenweisheit ... Mochten sie nicht glauben, dass ein Falter, der von Blume zu Blume fliegt, vom All mehr schon erfahren hat, als wir ? ...

So war es ihnen, wenn man von Lucinde sprach ...

Eine Stunde verging ... Die dustern Vorstellungen schwanden im Hinblick auf die Enthullungen des Conclave ... Bonaventura, der muthige Bekampfer der jetzt uberall aus Italien vertriebenen und nur noch in Spanien und Deutschland nistenden Jesuiten, Bonaventura, der noch immer in Coni wohnende Segner alles dessen, was Fefelotti von Trident und Brixen, zuletzt von Salzburg, Wien und Wurzburg verdammte auch er war eingezogen in den wiederum vermauerten Palast des Quirinal ...

Von ihrer Wohnung aus, die sie in Palazzo Ruspigliosi genommen, hatten die Frauen den Einzug der Cardinale mit angesehen ... Die lange Procession war durch die Krieger hindurchgegangen, deren drohendes Toben der Dictator beschwichtigten musste ... Tausende bis in die hochsten Dacher und Schornsteine hinauf blickten nieder auf die seit lange zum ersten mal wieder zusammengekommenen hochsten Wurdentrager der in Auflosung begriffenen Hierarchie ... Noch befanden sich unter ihnen manche der Alten und Unverbesserlichen ... Da eine hagere, leichenfahle Gestalt, gebeugt von der Last der Jahre, aber funkelnden ehrgeizigen Auges ... Dort eine beleibte, freundlich lachelnde, selbst mit dem Bauchlein grussende und nicht minder hoffnungsvolle trotz der Sorgen, die auf dieser erledigten Krone lasteten ... Hier eine mit wirklichem Schmerz niederblickende, der schweren Zeit gedenkend ... Gepruft waren sie alle, diese "letzten Martyrer", durch die bittersten Erfahrungen, zum mindesten durch ihre ungewohnten Entbehrungen ... In dieser diesmaligen Wahl entschied sich die Frage der sacularisirten Hierarchie fur immer ...

Unter ihnen schritt Cardinal Vincente Ambrosi gern als der kunftige Stellvertreter Christi bezeichnet ... Noch immer gab er ein wohlthuendes Bild mannlicher Schonheit ... Schneeweiss sein Haar, schwarz die scharfe Augenbraue ... Ihm galt der Zuruf der Romer ... Um so mehr, da man wusste, dass das alte Recht der drei grossen rechtglaubigen Dynastieen Frankreich, Oesterreich und Spanien gegen ihn geubt werden sollte das Recht, dass, als Bevollmachtigter einer dieser Monarchieen, ein Cardinal gegen ihn protestiren durfte ... Gegen Einen nur und Einmal nur durfte protestirt werden dann "s t i r b t die Biene, wenn sie den Stachel in ihren Feind senkte", wie Cardinal Wiseman sagt ...

Auch Fefelotti folgte ... Krumm, ganz vom Alter gebeugt, citronengelb, gefuhrt von zwei Conclavisten ... Ein Zischen und Hohnen der Masse verfolgte ihn, wie mit Spiessruthen; jeder Mund hatte eine andere bose That von ihm zu erzahlen ... Auch die Feuersbrunst vor Jahren auf Strada dei Mercanti wurde nur ihm, nur der Furstin Olympia Rucca mit ihm im Bunde zugeschrieben ... Letztere war nach Spanien entflohen und lebte ihre angeborene Natur, vielleicht auch innern Schmerz, jedenfalls die Zerstorung und den ganzlichen Verfall, den solchen Naturen das Alter verhangt, in den Stiergefechten von Madrid, im Muth der Espadas und Picadoren aus ... Alle Trummer des ehemaligen Roms verendeten in Spanien Der junge Rucca befand sich dort mit seinen Orden, mit seinen Titeln und dem klingenden Werth aller seiner verkauften Guter ...

Ein Gluck fur Fefelotti, dass ihm im Zug der Cardinale Bonaventura d'Asselyno folgte sein Gegner, ein Name, den Italien verehrte ... Sogleich verstummte der Hohn, als die rollenden Augen dieser wilden Menschen den Erzbischof von Coni sahen ... Auf Bonaventura passten die Worte Samuelis: "Sieh nicht auf sein Angesicht, noch auf die Hohe seiner Gestalt sieh auf sein Herz" ... Angesicht und Gestalt ragten im Zuge majestatisch und doch sprach nur jeder von seinem muthigen Geist, von seinem edlen Herzen Nach des Prasidenten von Wittekind Tode wusste alle Welt die Geschichte Federigo's ...

Drei Tage hatte das Volk durch einen kleinen Schornstein am Quirinal den aufsteigenden Rauch beobachtet, der vom Verbrennen der Wahlzettel im Ofen der Kapelle des Conclave kommt ... Im kleinen Garten, der zu dem von seinem Besitzer verlassenen und deshalb leicht zu ermiethenden Palast Ruspigliosi gehorte, wandelten Paula und Armgart schon seit drei Tagen auf und nieder wie mit Flugeln, die ihr Wille gewaltsam niederhalten musste; bangfrohe Sehnsucht und Erwartung hob ihre Seelen, als ware nur noch der Aether ihr Bereich ...

Die dreifache Krone gewinnt nur Er ! sprach Armgart zur Freundin, der sie Fuhrerin und Lenkerin aller ihrer Lebensentschlusse geworden ... In deinen Jugendtraumen hast du ihn so gesehen; so wird es sich auch erfullen! ...

Was sah' ich nicht alles und die Erfullung blieb aus! ... sprach Paula ...

Alles kam anders als wir erwarteten, aber es traf zu zum Guten ! ...

Armgart durfte gewiss so sprechen in Rucksicht auf den eignen Frieden, der in ihr Inneres eingezogen war ... Thiebold's Hand hatte sie abgelehnt, aber die fortdauernden Beweise seiner Freundschaft liess sie sich gefallen; wenn die Trennungen zu lange dauerten, konnte sie seine erheiternde Nahe kaum entbehren ... Thiebold, reich und guter Laune, gefallig, alles zum Besten wendend, reiste zwischen den "letzten Trummern seiner schoneren Vergangenheit" hin und her ...

Sein Pathe, Benno, wie er genannt wurde, hatte jetzt nur die Krieger im Auge, die Kanonen an den Schanzkorben hinter dem braunen Gestein der Cestiuspyramide, die dreifarbigen Fahnen und die blitzenden Bajonnete auf dem nahegelegenen alten Romerthor ...

Als ich heute in unserm Hause das Bild des Guido an der Decke betrachtete, sprach Paula, den Aufgang Aurorens uber die Gewasser, musst' ich deiner Erzahlung gedenken, die du nach dem Schreckenstage des Westerhofer Brandes vom Jagdgelag auf Munnichhof gabst an des seligen Onkels Schilderung der Farben, die dem Aufgang der Sonne uber Meereswogen vorangehen ... So geh' ich auch heute ganz in Licht und Purpur ...

Armgart druckte die Hand der Freundin und sprach:

Wir sind bis zu Grabern gekommen und haben immer noch Hoffnungen fur diese Erde ! ...

Wahrend sie so plauderten auf dem marmornen Sarkophage, versunken in Traume und Erinnerungen, und ihre Augen dem Knaben folgten, der nach Schmetterlingen haschte, erbebte plotzlich die Luft vom Donner eines Kanonenschusses ...

Die Krieger ringsum griffen zu den Waffen ... Auch auf dem Monte Testaccio wurde es lebendig ... Der Schuss kam von der inneren Stadt ...

Bald fielen, wahrend die Kanonenschusse sich wiederholten, Glocken ein ... Immer mehr und mehr der ehernen Zungen begannen auf allen Thurmen zu lauten ... Ueber die ganze Stadt wehte ein einziger klingender Luftstrom ...

Die Wahl ist vollzogen! rief Armgart und brach auf ... Der Knabe wurde gerufen ...

Sicher war es jetzt kaum zum Hindurchkommen, wenn man auf den Monte Cavallo zuruckfahren wollte ... Paula musste schon gefuhrt werden ... Sie schwankte in zitternder Erwartung ...

Der Donner der Kanonen, das Lauten der Glocken wahrte fort ...

Pfeilgeschwind schoss der Wagen durch die Vorstadte ... Im Innern der Stadt musst' es langsamer gehen ...

Haben wir das versaumt! klagte Armgart und zugleich erwartungsvoll forschend, so oft der Wagen im Gewuhl der Truppen, der Bivouaks, der Volksmassen halten musste ... Sie fragte, was man wisse ...

Man horte nur Trommeln, Commandoworter, Drohungen sogar ...

Zu den Waffen! schrie das Volk und von Trastevere sturmten die Menschen in wilder Wuth uber die Brucken ...

Was mag es geben! fragten sich die Frauen, voll Bangen uber eine unerwartete Wendung ...

Dass zur bestimmten Stunde aus dem kleinen Schornstein nicht Rauch gekommen war, galt bis jetzt fur das einzige Zeichen, dass Jemand das richtige Zweidrittel der Stimmen fur die Wahl erhalten hatte ... Wer es war? wusste noch niemand ... War es Fefelotti dann Tod und Verderben ! ...

Dem Monte Cavallo zu, wo nur denen Platz gelassen wurde, die beweisen konnten, dass sie dort wohnten, hiess es:

Fefelotti ist es nicht ...

Aber auch Ambrosi war es nicht ...

Man hatte gehort, dass von den drei weissen Gewandern, die fur den neugewahlten Papst bereitgehalten werden mussen, nicht dasjenige geholt worden war, das zu einer kleinen Gestalt passte ... Anfangs hiess es: Man holte das mittlere ... Endlich, schon an dem von Truppen umlagerten vermauerten Palast, larmten die Rufe wie bei den Vorbereitungen zu einem Buhnenspiel durcheinander: La roba grande! ...

Halb ohnmachtig uber die Schlussfolgerungen, die sich aus diesem ublichen Vorspiel eines uberlebten Vorgangs ziehen liessen, kam Paula am Thor des Palazzo Ruspigliosi an ... Armgart sprang aus dem Wagen eilte durch die Sale, riss eines der von den Dienern und deren Freunden und Angehorigen nicht belagerten Fenster auf und blickte in den schon vom Abendlicht beleuchteten menschenubersaeten Platz ... Hoch und herrlich baumten sich uber dem Gewuhl von Menschen, Rossen, Kanonen, Waffen aller Art, wehenden Fahnen die Kolosse der Dioskuren, die Phidias und Praxiteles geschaffen ... Jeder der ehernen Rossebandiger hatte in der einen freien Hand die dreifarbige Fahne ...

Armgart rief nach Paula ...

Diese schwankte naher krampfhaft ihren Sohn umfassend ... Ueber dem Portal des papstlichen Palastes am grossen Fenster wurde es lebendig ... Eine Mauer, vor wenig Tagen erst aufgefuhrt, rissen in wilder Hast Arbeiter im Schurzfell, nieder ... Stein auf Stein fiel ... Die Balconthur wird frei ... Ein lieblichster Abendsonnenstrahl fallt auf die bunten Gewander der Manner, die jetzt auf dem Balcon erscheinen ...

Cardinal Ambrosi tritt hervor, jubelnd vom Volk bewillkommt ... Er tragt eine Rolle in der Hand ... Trotz des Purpurstrahls der Sonne und seiner Gewander erschien er vor Aufregung hocherrothet ...

Das Jauchzen, das Rufen der Menge, die ihn gleichsam fur eine getauschte Hoffnung schadlos hielt er konnte nicht der Gewahlte sein horte endlich auf ... Todtenstille trat ein, unterbrochen vom Krachen der Kanonen auf der Engelsburg, vom Lauten der Glocken ...

Ambrosi, wie Johannes der Taufer den Ruhm seines Freundes Jesus verkundete, rief mit lauter Stimme:

Annuncio vobis gaudium maximum! ... Habemus Papam eminentissimum Cardinalem Archiepiscopum Cuneensem Dominum Bonaventuram d'Asselyno ...

Trommeln wirbelten, Trompeten schmetterten Fahnen flatterten ...

Von seinem Ross herab salutirte der Dictator mit seinem im Sonnenstrahl blinkenden Schwert dem neuen Bischof Roms, einem Deutschen ...

Wohlgefallig und neugierig murmelnd ging es durch die Reihen ... Der Name war bekannt und in seinem Ruf bewahrt ... Es war eine Wahl, die zugleich ein Symbol der Universalitat und Unparteilichkeit der Kirche erscheinen durfte ...

In italienischer Sprache fuhr Ambrosi fort:

Der erste Papst, der nicht heilig gesprochen wurde, hiess Liberius I .... Der neue Bischof von Rom nennt sich in Demuth L i b e r i u s II ....

Die Spannung mehrte sich ...

Ambrosi fuhr fort:

Liberius II. nimmt die Wahl unter der von den Cardinalen zugestandenen Bedingung an, dass seine erste That als gekronter Bischof von Rom die Berufung eines a l l g e m e i n e n C o n c i l s ist ...

Der Dictator schwang sein Schwert ... Ein Sturm der freudigsten Unterbrechung folgte ... Die Krieger riefen wie mit ehernen Zungen: Evviva! ...

Ambrosi fuhr fort:

Auf dass sich jedes katholische Herz auf die seit dreihundert Jahren ruhende Frage der Kirche und Lehre, auf eine Kirchenverbesserung nach dem Wort Gottes, Christi und der Apostel vorbereite, gibt das versammelte Conclave der zweiten Bedingung des neuen Herrschers der Kirche die Zustimmung: In allen Sprachen der Christenheit ist das L e s e n d e r B i b e l gestattet! Von allen Kanzeln der katholischen Christenheit sollen die Volker ausdrucklich sieben Wochen lang und in jeder Abendstunde dazu aufgefordert und angeleitet werden ! ...

Der Dictator nahm seinen Reiterhut mit der wallenden Feder vom greisen Haupte ... Geisterhaft lag ein heiliges Schweigen uber dem Menschenmeer ...

Endlich schloss Ambrosi:

Und dass das Concil in heiliger Stille, fern vom Gerausch der Waffen und weltlichen Storungen gehalten werde, so ist dafur ein stilles Alpenthal Italiens bestimmt in der Erzdiocese des Gewahlten ... Zwischen Coni und Robillante im Piemont liegt das Schloss Castellungo ... Dorthin und zum 20. August dieses Jahres, zum Tag des heiligen Bernhard von Clairvaux ist die Versammlung der Bischofe der Christenheit ausgeschrieben! ... Betet, dass der Geist Gottes die Statte und die Stunde segnen moge! ...

Der Jubelruf nahm an Kraft und lufterschutternder Macht noch zu, als, von den ublichen Gewohnheiten der Papstwahl abweichend, diesmal der Gewahlte selbst vom Cardinalvicar vorgefuhrt wurde und an dem riesigen Fenster in den Kleidern seiner Wurde erschien ...

Diese Kleider sind eines Zauberers Tracht In Persien tragen sich so die Eingeweihten der Geheimnisse der Natur ...

Aber der neue Zauberer von Rom erschien, ob auch unter silbergesticktem, weissen Traghimmel, ob auch in der Sottana von weissem Moor, ob auch die weisse Mozzetta auf der Brust, ob auch mit dem rothsammetnen Baret auf, dem edlen Dulderhaupt, doch wie ein Mensch der Demuth und Schwache, wie ein Vater, ein Freund, ein Bruder aller Menschen ...

Alle blickten zu ihm auf voll Liebe ... Lang umDie Abendsonne beglanzte einen Verklarten ... Als Das sah der letzte der Papste wol nicht, wie hinter Endlos war der Jubelruf des Volks ... Ging es zum Frieden mit der Welt oder zur letzten Freiheit ! Freiheit ! Freiheit !

Ende.